Kitabı oku: «Die Hexenkönigin»

Yazı tipi:

Die Hexenkönigin

Anna Rawe

Über das Buch

Evangeline und Conan finden keine Ruhe. Der Angriff auf Morrigans Herrschaft hat nicht nur die Königin selbst, sondern ganz Ciaora erschüttert. Während sich die Gefährten auf einen weiteren Kampf vorbereiten, wird allerdings klar, dass Morrigan nicht ihre einzige Bedrohung ist. In Evangeline selbst schlummern Kräfte, die die Menschen um sie herum in Lebensgefahr bringen.

Als Morrigan droht, diese Kräfte gegen sie einzusetzen, muss Evangeline handeln. Gemeinsam mit ihren engsten Vertrauten reist sie in den Norden, um die lange verschollenen Feen zu finden. Den Weg dorthin kann ihr jedoch nur einer weisen - Prinz Ethan, Morrigans Sohn.

Über die Autorin

Anna Rawe ist das Pseudonym einer deutschen Autorin. Worte enthielten schon immer eine besondere Magie für sie und so begann sie bereits mit sieben Jahren ihre ersten Geschichten zu verfassen. „Die Rebellenprinzessin“ ist ihr Debütroman. Wenn sie sich nicht gerade in neuen Geschichten und Welten verliert, lässt sie gern die Finger über die Saiten einer Gitarre tanzen oder zieht mit Kamera und Rucksack bewaffnet durch die Welt.

Mehr von Anna findet ihr auf Instagram unter @writingannarawe und auf ihrer Website Flügel aus Papier

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Epilog

Danksagung

Prolog

"Sie haben den Zirkel erreicht." Ihr Sohn hielt den Kopf gesenkt – eine respektvolle Haltung, die er bis zur Perfektion beherrschte. "Unsere Männer haben das Dorf umstellt. Wir warten nur auf Euren Befehl, Mutter."

Sie verzog die Lippen. Der Gestank nach Schimmel und nassem Stein hatte begonnen, sich in ihren Kleidern festzusetzen und sie hätte alles gegeben, um in diesem Moment in ihrem Turmzimmer im Schloss zu sitzen. Stattdessen harrte sie nun seit über einer Woche in dieser gottverdammten Ruine aus und wartete auf den richtigen Zeitpunkt.

"Noch nicht", murmelte sie leise, bevor sie sich aufrichtete und die Bücher, die offen vor ihr auf dem Tisch lagen, mit einem Knall schloss. Ihr Sohn beobachtete jede ihrer Bewegungen.

"Wir haben mehr als doppelt so viele Männer", bemerkte er schließlich. "Es wäre ein Leichtes, das Dorf zu überrennen. Die Hexen hätten nicht den Hauch einer Chance."

"Ich weiß." Morrigan erwiderte den Blick ihres Sohnes. "Und ich befehle euch, noch zu warten."

"Warum?" Edmond straffte die Schultern und sie fragte sich, wann er zuletzt einen ihrer Befehle hinterfragt hatte. "Ich könnte euch den Kopf der Verräterin schon morgen auf einem Silbertablett servieren. Wir könnten dieses Versteckspiel ein für alle Mal beenden. Und Ihr könntet den Menschen ein weiteres Mal beweisen, wer ihre wahre Königin ist."

Ihre wahre Königin. Sie unterdrückte ein Schnauben. Die Chance auf diesen Titel war ihr in dem Moment zwischen den Fingern zerronnen, als Cormac fiel. Ihr Wort wog nichts ohne das seine, das ihre unglaubliche Geschichte bestätigte. Es war dumm zu hoffen, dass Gewalt oder Angst irgendetwas an ihrer Legitimierung ändern könnten. Doch das mussten sie auch nicht. Morrigan musste nur lang genug die Oberhand behalten, bis der wahre Erbe Cormacs seinen Platz auf dem Thron Ciaoras beanspruchen konnte. Und bis dahin durfte sie keine vorschnellen Entscheidungen treffen.

"Sorge dafür, dass man euch nicht entdeckt", befahl sie. "Die Hexen und vor allem das Mädchen dürfen nicht den Hauch einer Ahnung davon haben, dass wir sie beobachten. Behaltet sie im Auge und informiert mich über jede Veränderung in ihrem Verhalten."

Ihr Sohn musterte sie skeptisch. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Er verstand zu wenig von dem, was vorging, um ihre Handlungen nachvollziehen zu können. Dennoch senkte er schließlich den Kopf.

"Wie Ihr befiehlt, Mutter." Er zögerte und war bereits zwei Schritte zurückgetreten, als er schließlich innehielt. "Was werden wir tun, falls nicht das Mädchen, sondern Ethan uns entdeckt?"

Sie erkannte den hoffnungsvollen Unterton in seiner Stimme und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sie einen Fehler begangen hatte. Indem sie beide im Glauben gelassen hatte, die Thronfolge würde durch das Alter bestimmt, hatte sie Edmond Hoffnungen gemacht, wo keine waren und Ethan ... Nun, Ethan musste erst noch beweisen, dass er bereit für ein Amt dieser Verantwortung war.

Entschlossen straffte sie die Schultern. "Mein Befehl war klar und deutlich: Sorgt dafür, dass keiner von ihnen weiß, dass ihr da seid."

Als Edmond noch immer keine Anstalten machte, zu gehen, hob sie das Kinn. "Das war alles."

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, wandte sie sich ab. Wie erwartet hörte sie nur einen Augenblick später seine Schritte und das leise Knarzen der Türangeln, als er den Raum verließ.

Erleichterung durchströmte sie und sie gestattete sich einen Moment des Innehaltens, bevor sie schließlich hinter den wuchtigen Schreibtisch trat, der neben ein paar Stühlen und den wurmstichigen Betten das einzige Möbelstück in der Ruine war. Götter, wie hatte es nur soweit kommen können? Wie hatte sie zulassen können, dass diese hirnrissige Rebellion das Schloss und nun auch die Macht übernahm?

Sie schüttelte den Kopf und ermahnte sich, dass das alles nur vorübergehend war. Die Rebellen mochten glauben, sie hätten sie von ihrem Thron vertrieben und das Mädchen konnte gern weiterhin denken, es hätte eine ernsthafte Chance gegen sie. Doch Morrigan war noch lange nicht bereit, aufzugeben. Und sie hatte die Antworten auf die Fragen, die die Welt dieser bemitleidenswerten Menschen auf den Kopf stellen würden.

Kapitel 1

Der Feuerball verfehlte meinen Kopf nur um Haaresbreite. Reflexartig wich ich aus und riss meinerseits die Hände nach oben. Magie kribbelte in meinen Fingerspitzen und im Bruchteil eines Augenblickes entflammte die Luft in meiner Handfläche. Ich zögerte nicht.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit jagte ich die Kugeln quer über die Lichtung auf die junge Frau. Feuer erhellte die Stoffbahnen, die den Platz umgrenzten und umriss die Züge der Frau, die mir gegenüber im Ring stand.

Ich hatte gut gezielt – die Feuerbälle hielten direkt auf ihren Brustkorb zu. Kurz, bevor das Feuer sie jedoch erreichte, hob sie die Hände abwehrend vor den Körper. Die Flammen erloschen noch im selben Moment.

"Du lernst schnell." Auricas Mundwinkel hoben sich und offenbarten ein schmales Lächeln. "Wenn du so weitermachst, solltest du bald auf dem Level eines Novizen des dritten Jahres sein."

Atemlos grinste ich. Das Lob der sonst so wortkargen Hexenmeisterin spornte mich stärker an als erwartet. "Nochmal von vorn?"

Aurica nickte. "Versuch diesmal, dem Feuer mehr Geschwindigkeit zu verleihen. Idealerweise sollte der Ball den Gegner treffen, bevor dieser überhaupt reagieren kann."

Ich ging zurück in meine Ausgangsposition, während Aurica einige Schritte nach hinten trat und die Hände erhob. Langsam begannen wir, uns zu umkreisen.

"Fokussiere dich nicht auf Äußeres", wiederholte Aurica, während ihr Blick mich durchbohrte. "Konzentriere dich auf den Fluss der Magie. Wenn dein Gegner –"

Sie kam nicht dazu, ihren Satz zu beenden, denn in diesem Moment startete ich den Angriff. Rasend strömte die Magie durch meinen Körper, bis er vibrierte und ich an der Grenze dessen war, was ich kontrollieren konnte. Abwechselnd riss ich meine Handflächen in die Luft und setzte Aurica so einem Kugelhagel aus, den sie zwar abwehren, jedoch nicht entgegnen konnte. Es kostete mich alle meine Kraft, den Rausch der Magie zu bändigen und schon nach kurzer Zeit war ich so atemlos, dass ich die Hände sinken ließ. Diesen Moment nutzte Aurica, um ihrerseits in die Offensive zu gehen. Ein Wall aus Flammen schoss vor mir in die Höhe und hatte mich zu schnell umzingelt, als dass ich hätte fliehen können. Hitze trieb mir Tränen in die Augen und verwandelte die Luft in ein flammendes Inferno. Mit letzter Kraft flüsterte ich meinen Befehl an den Wind.

Zuerst war die Veränderung kaum spürbar. Einzig die Magie, die zwischen mir und dem Feuerwall flirrte, ließ mich wissen, dass der Wind meine Worte verstanden hatte. Schneller und schneller strömte die Magie durch mich hindurch, bis ich kaum noch stehen konnte. Eine kalte Böe erfasste mich und trieb mir die Gänsehaut über den Rücken. Nach und nach wurde die Luft dünner. Keuchend kauerte ich mich ins Gras und hielt den Atem an.

Augenblicke später waren die Flammen endlich erloschen.

"Hey." Empört trat Aurica zu mir. "Das war gegen die Regeln."

"Tut mir leid." Ich rappelte mich auf.

"Immerhin scheint Amrian dir ja ein paar nützliche Tricks beizubringen." Aurica schmunzelte. "Den Sauerstoff aus der Umgebungsluft zu separieren und so das Feuer zu ersticken? Nicht schlecht."

Ich brachte ein schmales Lächeln zustande. "Danke."

Es war selbst nach den zwei Wochen, die wir nun hier waren, ungewohnt, Komplimente von der sonst so unerbittlichen Hexenmeisterin zu erhalten. Aurica war als Hexe des Feuers eine der jüngsten Meisterinnen des Zirkels und es war nicht besonders schwer zu erraten, dass ihr Ehrgeiz und ihre Disziplin für diese Stellung verantwortlich waren. Während der ersten Unterrichtsstunden hatte ich das Gelände nicht selten mit Brandblasen und angesengten Haarspitzen verlassen, doch Aufgeben war nicht länger eine Option. Der Gedanke an Morrigan und alles, was auf dem Spiel stand, wog zu schwer.

Während ich einen Schluck aus dem Trinkschlauch nahm, begutachtete Aurica die Brandlöcher in den feuchten Stoffbahnen, die den Trainingsplatz umspannten. Die Lichtung war weit genug vom Dorf entfernt, doch die Gefahr, einen der tief hängenden Äste der umstehenden Bäume zu erwischen und versehentlich einen Waldbrand auszulösen, war Bedrohung genug, um den knapp zwei Meter hohen Schutz aus Stoff zu errichten. Eine Bewegung in meinem Augenwinkel ließ mich den Kopf heben. Ein Vogel schwang sich aus den Wipfeln der Bäume und glitt sanft über die Lichtung, bevor er zwischen den Stämmen verschwand. Über uns färbte sich der Himmel bereits rosa. Ein Blick auf die Taschenuhr, die Raymond mir kurz nach meiner Ankunft in Ciaora geschenkt hatte, bestätigte meine Vermutung.

"Ich muss los", rief ich Aurica über die Lichtung hinweg zu, während ich meinen Umhang überwarf und nach dem Trinkschlauch griff. Meine Mentorin Sidony erwartete mich bereits in einer Viertelstunde am anderen Ende des Dorfes und das Grummeln meines Magens erinnerte mich einmal mehr daran, dass ich in der Zwischenzeit noch irgendwo etwas Essbares auftreiben sollte. Ich war schon halb zwischen den Stoffbahnen verschwunden, als Aurica mir zunickte.

"Wir sehen uns morgen."

Ich hatte die Tür der Hütte gerade hinter mir zugezogen, als ich den lilafarbenen Nebel bemerkte. Kaum eine Handbreit entfernt von meinen Fußspitzen türmten sich die Schwaden übereinander. Abrupt hielt ich inne.

"Wallace?"

Auf meine Nachfrage tauchte zuerst der Kopf und nur Augenblicke später der Körper des Frosches aus dem Nebel.

"Mylady." Er deutete eine Verbeugung an, bevor er den Kopf hob und ein zufriedenes Grinsen zur Schau stellte. "Wie ich sehe, habt Ihr meinen Rat beherzigt."

Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, wovon er sprach.

"Haben die Hexen Euch gut aufgenommen?"

"Sie haben uns schon erwartet." Ich erinnerte mich genau daran, wie wir zwei Wochen zuvor ausgehungert und am Ende unserer Kräfte ins Dorf gestolpert waren. Zwei der Hexen hatten uns bereits im Wald abgepasst und uns ohne auch nur eine Frage zu stellen zu Gladys, der Vorsteherin des Zirkels geführt. Nur zwei Tage später hatten Conan und ich mit dem Training begonnen. "Calideya – die Hexe der Wahrheit – hatte eine Vision, die unsere Ankunft und die Kräfte offenbarte."

Wallace nickte, bevor er mich vom Kopf bis zu den Zehenspitzen musterte. "Wenn ich raten müsste, würde ich behaupten, Ihr steht nicht aus Spaß vor dieser Tür?"

Seiner Geste folgend drehte ich mich um, nur um mir darüber klarzuwerden, warum ich die Hütte eigentlich verlassen hatte.

"Verdammt", murmelte ich, während ich einen Blick auf meine Taschenuhr warf. Es war bereits viertel nach sechs – mein Unterricht bei Sidony startete in diesem Moment. Eilig stopfte ich die Uhr zurück in die kleine Tasche, die an meiner Hüfte befestigt war, bevor ich mich wieder an Wallace wandte.

"Ich muss weiter zum Training", erklärte ich, während ich in einen Laufschritt verfiel. "Weshalb seid Ihr hier? Ist bei den Rebellen alles in Ordnung?"

Es dauerte kaum zwei Sekunden, bis Wallace sich wie gewohnt auf meiner Schulter materialisierte.

"Den Rebellen geht es bestens", entgegnete er dann. "Wusstet Ihr, dass sie vor ein paar Tagen das Schloss eingenommen haben? Wenn sie sich geschickt anstellen, könnte ihnen schon bald die Führung des Landes unterliegen."

"Was ist mit Morrigan?" Nachdem wir fast zwei Wochen von der Außenwelt abgeschnitten gewesen waren, erfüllten Wallace' Worte mich nun mit nervöser Erwartung. Wir waren zwar sichergegangen, dass der Späher der Königin uns nicht bis zum Dorf gefolgt war, doch ich vertraute nicht darauf, dass das genügte. Um ehrlich zu sein, hatte ich jeden einzelnen Tag der letzten beiden Wochen damit gerechnet, dass Morrigans Männer das Dorf überrannten.

"Die Königin ist untergetaucht", nahm Wallace mir nun die Bedenken. "Doch ich würde nicht damit rechnen, dass sie lange verschwunden bleibt. Ihr solltet vorbereitet sein."

Ich zögerte. Ein weiteres Mal stahlen sich die Szenen aus dem Schlosshof in meine Gedanken. Die Schreie der Sterbenden und das Blut, das das Pflaster in einen glatten, purpurfarbenen Teppich kleidete. Noch immer wachte ich nachts schweißgebadet auf – das letzte Bild eines, in dem Ethan den Dolch in meine Brust stieß.

Schon seit einigen Tagen waren die Bilder und die immerwährende Schuld jedoch nicht mehr das Einzige, das mich verfolgte. Ich hatte es bisher noch niemandem anvertraut, doch je öfter ich die Geschehnisse jener Nacht durchging, desto klarer stand mir ein Schluss vor Augen.

"Morrigan kann Magie wirken." Es ausgesprochen zu wissen, nahm nichts von der Angst, die sich zu einem Knoten in meinem Inneren ballte. "Es waren keine Katapulte oder Feuerpfeile im Einsatz. Der Feuerball im Schlosshof – das war Morrigan, nicht wahr? Sie ist eine Hexe."

Wallace antwortete nicht sofort. Schwere Stille senkte sich über uns und nur das Knacken der Zweige unter meinen Sohlen war noch zu hören. Ich hatte die Abkürzung durch den Wald gewählt – ein von Brombeerranken überwucherter Pfad, den ich nur in Notfällen wie heute benutzte.

"Ihr solltet mit der Hexe des Lichts sprechen", sagte Wallace schließlich. "Zu wissen, wofür man kämpft, ist nutzlos, solange man seinen Gegner nicht kennt."

"Was meint Ihr?" Ich verhedderte mich in einer der Ranken und stolperte fast, aber Wallace' Worte forderten meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Einmal mehr wünschte ich, mein Trainingsplan würde eine längere Pause zulassen, doch mit einer wütenden Königin im Nacken konnte ich es mir nicht leisten, zu trödeln. Ich beherrschte meine Magie noch nicht ansatzweise gut genug, um Morrigan gegenüberzutreten. "Warum soll ich mit Gladys sprechen? Was hat das alles mit Morrigans Magie zu tun?"

"Das solltet Ihr selbst herausfinden, Mylady." Wallace' Gewicht verschwand von meiner Schulter und ich dachte bereits, er hätte mich ein weiteres Mal ohne Antwort stehengelassen, als er auf einem tiefhängenden Ast direkt vor meinem Gesicht wieder auftauchte. Ich hielt so abrupt inne, dass ich einen Schritt zurücktaumelte.

"Vielleicht hilft Euch ja auch die Nachricht, wegen der ich eigentlich gekommen bin. Streckt Eure Hand aus."

Ich zögerte nicht. Was immer er mir übergeben wollte, war wichtig genug, dass er sich nach mehr als zwei Wochen Funkstille wieder zeigte – also musste ich es haben. Nebel umhüllte meine Hand und kurz darauf spürte ich eine leichte Berührung – Papier. Ich wartete nicht, bis der Nebel zerstoben war, sondern hob den Brief so nah an meine Augen, bis ich im Zwielicht der Dämmerung etwas erkennen konnte. Mein Name prangte in säuberlicher Schrift auf dem Umschlag, doch so oft ich ihn auch zwischen den Fingern drehte, ich fand keinen Hinweis darauf, woher er stammte.

"Wer hat –"

Ich unterbrach mich selbst, als mein Blick den Frosch fand. Nebelschwaden zogen sich um ihn zusammen und dieses Mal war ich sicher, dass sie ihn endgültig verschlucken würden.

"Nur eines noch, Mylady." Er erhob einen seiner langen Froschfinger. "Nur, weil ich Euch diesen Gefallen getan habe, heißt das nicht, dass ich mich in Zukunft zu Eurem Postboten degradieren lassen werde."

Nebel verschluckte seinen Körper. "Und was diesen Brief betrifft – ich schlage vor, Ihr lest ihn nach Eurer nächsten Lektion. Eure Mentorin wird nicht gerade erfreut sein, wenn Ihr sie noch länger warten lasst."

Mit diesen Worten verhüllten die violetten Schwaden auch Wallace' Züge. Kaum einen Wimpernschlag später war er verschwunden – einige winzige violette Wölkchen der einzige Hinweis darauf, dass er jemals hier gewesen war.

Erneut betrachtete ich den Brief zwischen meinen Fingern, doch Wallace' Worte siegten. Eilig schob ich das Papier in meine Hüfttasche, bevor ich loslief. Sidony würde mich in der Luft zerfetzen, wenn ich noch später kam.

"Du bist zu spät." Meine Mentorin bedachte mich mit einem strengen Blick, kaum, dass ich die Hütte betreten hatte. "Ist alles in Ordnung?"

"Alles bestens." Ich schloss die Tür hinter mir und trat einen Schritt in den Raum. Sidonys Hütte ähnelte eher einem Fuchsbau als einer menschlichen Behausung. Bündel getrockneter Kräuter verwandelten die Luft in ein Sammelsurium schwerer Düfte. An den Wänden hatte sie unzählige Regale angebracht, auf denen sich konservierte Frösche, Insekten oder Früchte in Einmachgläsern tummelten, während jeder kleinste Flecken des restlichen Raumes mit Utensilien übersät war, die sie für ihr Handwerk benötigte. Das einzige Fenster, durch das etwas Tageslicht in die Hütte drang, sah aus, als hätte es schon unter einigen von Sidonys Tränken und Elixieren gelitten. Es bestand aus unzähligen Glasscherben in allen erdenklichen Größen und Farben, die als Kreis angeordnet in die Wand eingelassen waren.

Als mein Blick zu Sidony zurückkehrte, musterte sie mich noch immer. "Du hast Zweige im Haar und deine Gedanken sind ebenso wirr wie deine Frisur. Ist wirklich alles in Ordnung?"

Ich schnappte nach Luft. "Du liest meine Gedanken?"

Telepathie war eine der Fähigkeiten, die jede Hexe in der Grundausbildung lernte, die in ihrer Anwendung jedoch verboten war. Zumindest außerhalb des Trainings und ohne Erlaubnis. Allein, dass Sidony versucht hatte, in meine Gedanken zu dringen, ließ Furcht in mir aufsteigen. Hatte sie etwas über Wallace aufgeschnappt? Womöglich wusste sie sogar von dem Brief?

"Beruhige dich. Ich habe keinen Schimmer, was du denkst", entgegnete Sidony in diesem Moment. "Aber ich muss deine Gedanken nicht lesen, um zu sehen, dass dich etwas beschäftigt. Also, was ist es?"

"Es ..." Ich zögerte. "Nichts weiter. Ich ... habe die Zeit vergessen."

Sidony hob eine Braue und ich wusste, dass sie mir diese mehr als lahme Ausrede nicht abnahm. Doch irgendetwas in mir sträubte sich dagegen, ihr die Wahrheit zu sagen. Nicht, solange ich nicht wusste, was in diesem Brief stand.

Entschieden straffte ich die Schultern und setzte das beste Lächeln auf, das ich zustande brachte. "Also, was steht heute auf dem Plan?"

Sidony wandte sich ab und trat an den schweren Holztisch, der im hinteren Teil des Raumes stand.

"Ich habe einen Entschluss gefasst", verkündete sie von dort aus. "Es wird Zeit, dass du eigene Elixiere herstellst. So bekommst du eine tiefere Verbindung zu den Stoffen und kannst die Magie in ihnen fühlen."

"Aber –" Zögernd folgte ich ihr. "Elixiere allein herzustellen ist Novizen des dritten Jahres vorbehalten."

"Du darfst nicht vergessen, dass es dir schon einmal gelungen ist." In Sidonys haselnussbraunen Augen lag Ermutigung. "Warum also keinen zweiten Versuch wagen?"

Ich zögerte. "Um welchen Trank geht es?"

"Lies selbst." Mit einer Handbewegung hatte sie mir einen ihrer Wälzer zugeschoben. "Ich habe ein Gefühl, dass du dieses Elixier noch gebrauchen kannst."

Angespannt überflog ich das Rezept, während meine Gedanken noch immer um Wallace' Neuigkeiten kreisten. Obwohl Morrigan verschwunden war und die Rebellen eine ernsthafte Chance hatten, Ciaora zu übernehmen, konnte ich die Furcht nicht abschütteln. Die Ungewissheit über einen weiteren Angriff kostete mich mehr Nerven als ich mir eingestehen wollte. Und die Tatsache, dass Morrigan Magie wirken konnte, machte es nicht besser.

Die Zutatenliste verschwamm vor meinen Augen, während der Name des Elixiers scharf zwischen den Worten hervortrat. Ich hob den Kopf und sah Sidony an. "Das Elixier der schlimmsten Ängste?"

"Es wird dir Zeit verschaffen, wenn du sie am nötigsten brauchst."

"Es ist gefährlich", erwiderte ich. "In den falschen Händen könnte es ..."

Ich unterbrach mich und schüttelte die dunklen Gedanken ab. Angst würde mir nicht helfen, Morrigan zu besiegen. Das Elixier womöglich schon.

"Bist du sicher, dass ich bereit bin?", fragte ich stattdessen.

Für einen Moment herrschte Stille, doch dann ergriff Sidony meine Hände. Ihre Haut erinnerte mich an Pergament und ihre Handrücken waren von unzähligen Falten überzogen. Wenn Sidony mit mir sprach, vergaß ich oft, wie alt sie war. In ihren Worten lag noch immer die Hoffnung einer jungen Frau, doch ihr Blick erzählte von all den Dingen, die sie gesehen hatte.

"Ob du bereit bist, liegt allein bei dir", sagte sie und sah mich so durchdringend an, dass mir flau im Magen wurde. "Das Training – alles hier – ist deine Entscheidung und nur du kannst bestimmen, wie schnell und wie weit du diesen Weg gehen willst."

Ihre Hände schlossen sich fester um meine und Wärme prickelte meine Arme empor. Sidonys Magie trug das wohlige Gefühl von Kaminfeuer und Kräutern in sich.

"Es ist vernünftig, Angst zu empfinden. Nur, wenn wir wissen, was wir fürchten, können wir beginnen, uns dieser Furcht zu stellen. Und nur, wenn wir uns der Furcht stellen, werden wir wachsen."

Zögernd erwiderte ich ihren Blick. "Was, wenn das alles nicht genug ist? Was, wenn alles, das ich in den letzten Monaten versucht habe, am Ende nicht ausreicht?"

"Es wird ausreichen." Sidonys Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. "Du darfst nur nicht aufhören, daran zu glauben. Hoffnung ..."

"... ist die stärkste Waffe im Krieg gegen die Dunkelheit", beendete ich das Sprichwort des Zirkels. "Ich weiß."

Ich atmete tief und straffte die Schultern. Auch, wenn es schwerfiel, an ein Happy End zu glauben, war Hoffnung das Einzige, das mir blieb. Hoffnung und der Wille, sie irgendwann in Realität zu verwandeln.

Als hätte Sidony meine Gedanken gelesen, drückte sie mir in diesem Moment ein weiteres Buch in die Hand.

"Am besten beginnst du mit der Triskele. Seite zweihundertfünfzig. Ich suche inzwischen die restlichen Zutaten zusammen."

Einen Moment lang beobachtete ich Sidony dabei, wie sie zwischen den Regalen herumwirbelte, bevor ich mich dem Buch zuwandte, das in meinen Armen schwer wurde. Mit einer Handbewegung legte ich es auf dem Tisch ab und begann zu blättern. Die Seite, die Sidony genannt hatte, zeigte die Zeichnung dreier Spiralen, die sich im Uhrzeigersinn wanden und in der Mitte zu einer Art Dreieck zusammenwuchsen. Laut dem nebenstehenden Text handelte es sich um ein Symbol der Unendlichkeit. Es stand für die Einheit von Leben, Tod und Geburt beziehungsweise für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

"Bei Tränken und Elixieren garantiert die Verwendung dieses Symbols eine lange Haltbarkeit", hörte ich Sidony rezitieren. "In bestimmten Fällen wird außerdem die katalysierende Wirkung genutzt."

Unwillkürlich schmunzelte ich. Sie würde es auch nie lassen können, sich einzumischen.

Ich angelte das Säckchen mit Salz von der anderen Ecke des Tisches und machte mich daran, die Zeichnung der Triskele aus dem Buch so exakt wie nur möglich auf den dunklen Holzboden in Sidonys Hütte zu übertragen. Gerade, als ich die letzte Spirale gezogen hatte und zufrieden mein Werk betrachtete, trat Sidony zu mir.

"Wunderbar", murmelte sie, den Arm voller Einmachgläser. "Dann können wir ja richtig loslegen."

Ich verzog die Lippen, doch Sidony ging nicht weiter darauf ein. Stattdessen arrangierte sie die Gläser auf dem Tisch, bevor sie mir einen dunklen Samtbeutel zuwarf.

"Was ist das?", fragte ich, während ich die grün schimmernden Kristalle in meine Hand schüttete.

Sidony, die mir gerade den Rücken zuwandte und einen weiteren Wälzer heranzog, ließ sich von meiner Frage nicht im Geringsten stören.

"Fluorit", antwortete sie, ohne sich umzudrehen. "Der Stein der Konzentration. Er wird das Ritual katalysieren und dafür sorgen, dass das Elixier so wirkungsvoll wie möglich ist."

Vorsichtig berührte ich die Steine auf meiner Handfläche. Ober- und Unterseite waren glattgeschliffen, doch an den Rändern konnte man noch immer das Gestein erkennen, in dem das Mineral ursprünglich gewachsen war.

Nach und nach verteilte ich die Steine auf die Enden der Triskelspiralen. Ich kam gar nicht erst dazu, mich wieder aufzurichten, denn in diesem Moment trat Sidony zu mir.

"Hier." Sie reichte mir eine breite Kerze. "Die gehört in die Mitte der Triskele. Sie muss eine Stunde lang brennen, um den Raum vollends zu reinigen."

"Was ist das für ein Geruch?" Forschend zog ich die Brauen zusammen und hob die Kerze näher an mein Gesicht. "Rosmarin?"

"Weihrauch", entgegnete Sidony, ohne den Blick von den Konserven zu wenden. Ich nickte und ging zwischen den Linien aus Salz auf die Knie. Vorsichtig platzierte ich die Kerze im Herzen der Triskele und fokussierte den Docht. Es erforderte kaum ein Fingerschnippen, um das Feuer erwachen zu lassen.

In diesem Moment gab Sidony ein Seufzen von sich. Als ich mich umdrehte, schüttelte sie den Kopf.

"Was ist?"

"Die Tollkirschen." Sidony streckte mir ein Konservenglas entgegen. Es war leer, bis auf eine einsame dunkle Kugel, die über den Boden rollte. "Ich habe völlig vergessen, neue einzulegen."

"Das Rezept basiert auf dem Extrakt." Ich durchquerte den Raum und blätterte durch die Seiten des Rezeptbuches, ohne zu finden, wonach ich suchte. "Wie es aussieht, gibt es keine Alternativen."

"Belladonnaextrakt ist eines der wirksamsten Gifte. Es zu ersetzen würde unberechenbare Nebenwirkungen mit sich bringen."

"Dann werde ich besser losgehen und Nachschub besorgen." Ich erinnerte mich an die Lichtung, die Sidony mir während der ersten Tage hier gezeigt hatte. Kurzentschlossen griff ich nach dem groben Leinensack, in dem sich Messer und eine Schnur zum Bündeln befanden. "Bin im Handumdrehen wieder da."

Meine Schritte raschelten im Laub, als ich mich von Sidonys Hütte entfernte. Fast unmerklich war der Sommer dem Herbst gewichen. Der Wald, der das kleine Dorf umgrenzte, war von ersten Gold- und Rottönen gesprenkelt und ein frischer Wind wirbelte die herabgefallenen Blätter in bunten Reigen über den moosigen Boden. Tief atmete ich die frische Luft, bevor ich dem schmalen Pfad ins Unterholz folgte. Mit einer Hand nestelte ich an meinem Mieder und zog den Brief hervor. Nachdem ich mich ein weiteres Mal versichert hatte, dass mir niemand gefolgt war, setzte ich den Sack ab und hob den Brief ins Licht. Das Papier war dünn, doch ein schweres Wachssiegel prangte auf der Vorderseite. Das Wappen war kaum erkennbar und ich hoffte, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag.

Mit klopfendem Herzen brach ich das Siegel und entfaltete die Nachricht. Worte quollen in krakeliger Handschrift über das Papier und ich überflog die Absätze, bis ich das Ende erreicht hatte. Erst, als ich den Namen erblickte, atmete ich auf. Das flaue Gefühl in meiner Magengegend verschwand so schnell wie es gekommen war und ließ nichts als das freudige Kribbeln der Aufregung zurück. Der Brief stammte von Susan.

Evangeline,

In der Hoffnung, der Frosch hat nicht gelogen und meine Worte erreichen dich tatsächlich, schreibe ich dir diese Zeilen.

Dein Brief hat uns alle in Hochstimmung versetzt. Wir sind so froh, dass es dir und Conan gut geht und ihr in Sicherheit seid. Auch wir haben gute Nachrichten. Morrigans Männer haben sich aus Lasket und Gantyre zurückgezogen und wir haben nun die Oberhand über den Westen des Landes. Überall entstehen Bürgerwehren und die Bauern lehnen sich gegen die Fürsten auf. Raymond hat mich zu seiner Beraterin berufen und gemeinsam mit Ruby arbeiten wir an einer Strategie, mit der wir den Osten und Süden des Landes ebenfalls für uns gewinnen können. Die aufflammenden Proteste sind unsere Chance.

Nach tagelangem Kampf haben wir gestern außerdem einen Sieg auf dem Schloss feiern können. Morrigan ist mit den letzten verbliebenen Soldaten geflohen und untergetaucht. Unsere Spione gehen bereits den Spuren nach, doch vorerst scheint es, als würde sie uns das Feld überlassen. Wir sollten dennoch vorsichtig bleiben.

Noch heute Nacht haben wir die Gefangenen, die zu Unrecht eingesperrt waren, freigelassen. Wir haben Richard in der Zelle gefunden, die du beschrieben hast. Allerdings wird es wohl noch einige Tage dauern, seinen Vater ausfindig zu machen. Bis dahin kommt er in Rowans Zimmer im Hauptquartier unter. Die beiden scheinen sich überraschend gut zu verstehen.

Ich hoffe, dir und Conan geht es gut. Auch, wenn mir das Leben am Schloss nicht im Geringsten fehlt, vermisse ich unsere Gespräche. Aber mit etwas Glück hat das Versteckspiel bald ein Ende und Ciaora wird frei sein. Ich verdanke dir und den Rebellen mehr, als ich in Worte zu fassen vermag.

Raymond und Ruby senden ihre Grüße. Wir alle glauben an dich.

In ewiger Freundschaft, Susan

Noch einen Moment starrte ich auf den Brief in meiner Hand, während die Worte in meinen Gedanken widerhallten. Ein breites Grinsen stahl sich auf meine Lippen. Susan hatte offenbar nicht nur mich sondern auch Raymond von ihren Fähigkeiten überzeugt. Ihre Worte ließen mich hoffen – auf ein Ende und einen Anfang. Auf eine Zukunft ohne Furcht. Langsam faltete ich das Papier und steckte es zurück in mein Mieder, bevor ich den Sack erneut aufnahm und mich in Bewegung setzte.

Immer tiefer folgte ich dem Pfad in den Wald. Hohe Bäume umschlossen mich von allen Seiten und außer dem Geräusch meiner Schritte im trockenen Laub herrschte Stille. Goldenes Sonnenlicht brach durch die Wolken und tauchte die Welt um mich herum in einen warmen Schimmer. Mit jedem Atemzug nahm ich den Duft nach Moos und Pilzen wahr und genoss das Gefühl der Luft, die über meine Arme strich. Vielleicht hatte Susan ja Recht und das alles hier hatte bald ein Ende.

Das Knacken eines brechenden Astes riss mich abrupt zurück in die Wirklichkeit. Sofort hatte ich das Bild eines Soldaten vor Augen. Morrigans rotes Wappen als Emblem auf die Brust der Uniform genäht und das Schwert fest in den Händen. Hatten sie uns gefunden?

Mit angehaltenem Atem spähte ich in den Wald.

"Wer ist da?", hörte ich mich sagen, während mein Blick die Stämme entlangglitt.

Ein erneutes Knacken ließ mich herumfahren. Ich brauchte keine drei Sekunden, um die Gestalt auszumachen, die aus dem Unterholz trat.

"Ethan?" Meine Stimme glich einem erleichterten Aufkeuchen. "Himmel, habt Ihr mich erschreckt. Was macht Ihr hier draußen?"

"Wonach sieht es denn aus?" Der Prinz presste die Kiefer aufeinander. Wie angewurzelt stand er zwischen den Stämmen, einen Köcher mit Pfeilen über der Schulter und den dazugehörigen Bogen in der Hand. Seit unserer Ankunft in Cathair Dearmad hatte ich ihn kaum zu Gesicht bekommen. Wenn ich abends nach dem Training in die Hütte zurückkehrte, die er, Conan und ich uns teilten, war von ihm nie eine Spur zu sehen und wenn ich am nächsten Morgen vor dem ersten Sonnenstrahl an Conans Seite zum Training aufbrach, war er oft bereits wieder verschwunden. Der einzige Hinweis darauf, dass er die Hütte überhaupt betrat, waren die trockenen Blätter, die am nächsten Morgen den harten Lehmboden zierten wie ein bunter Herbststrauß. Nicht selten fragte ich mich, was er all die Stunden in den Wäldern trieb – und ich konnte die Vorstellungen nicht abschütteln, die sich wie wilde Bestien auf das Misstrauen in meinem Herzen stürzten. Traf er sich womöglich mit einem Spion seiner Mutter? Beobachtete er selbst uns aus den Schatten?

"Müsst Ihr nicht irgendwohin?", fragte er in diesem Moment und deutete auf den Leinensack, der noch immer über meiner Schulter hing. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie lange ich bereits weg war.

"Ich muss tatsächlich gehen", gab ich zu. "Und Ihr ... erschreckt weiterhin Mädchen im Wald."

Er verzog die Lippen und ich wusste, dass mein Versuch, einen Scherz zu machen, auf Granit getroffen war.

"Man nennt es Jagen", zischte er und wandte sich ab. Bevor ich etwas hätte entgegnen können, hatte er sich wieder ins Unterholz geschlagen.

"Heißt es auch Jagen, wenn man nichts fängt?", murmelte ich in die Stille, als er bereits verschwunden war.

Die Sonne war bereits hinter den höchsten Wipfeln der Bäume verschwunden und der amethystfarbene Schimmer der Dämmerung senkte sich über das Dorf, als ich Calideyas Hütte verließ. Die Lektionen in Telepathie waren immer die letzten auf meiner Tagesordnung – und der Teil des Trainings, für den ich am wenigsten natürliches Talent zeigte. Es kostete mich eine ganze Menge Konzentration, bei Übungen in Calideyas Gedanken zu dringen – selbst, wenn diese sie nicht verbarg. Noch schlimmer wurde es, wenn ich selbst meine Gedanken vor ihr verbergen sollte. Ich versuchte es nun schon seit zwei Wochen und noch immer schien Calideya ohne Mühe alles lesen zu können, was ich dachte. Als wäre ich ein offenes Buch.

Ich seufzte und ignorierte das Ziehen in meiner Magengegend, das mich daran erinnerte, wie lang meine letzte Mahlzeit zurücklag. Unwillkürlich beschleunigte ich meine Schritte. Bis zu unserer Hütte war es nicht besonders weit und ich hatte bereits eine Hand um den Türknauf gelegt, als die Tür von innen aufschwang. Vor Schreck stolperte ich einen Schritt zurück.

"Wer... oh." Conans Miene erhellte sich, als er mich erkannte. "Ich wollte gerade nach dir suchen."

"Scheint, als hättest du mich gefunden." Auch auf meine Lippen stahl sich ein Grinsen, während ich an ihm vorbei in die Hütte trat. "Ich bin am Verhungern. Du hast hoffentlich noch etwas von dem Brot übriggelassen."

In einem vertrauten Ablauf zündete ich zuerst die Öllampe in der Mitte des Raumes an, bevor ich aus dem hüfthohen Schrank neben der Tür Teller und Messer holte und dann auf der schmalen Arbeitsplatte begann, ein Abendessen anzurichten.

"Weshalb hast du nach mir gesucht?", fragte ich, ohne den Blick zu heben. "Ist irgendetwas passiert?"

"Du hast es vergessen." Conans Tonfall war eine Mischung aus Vorwurf und Enttäuschung. "Das Ritual wird heute stattfinden. Du weißt schon – zum Schutz des Zirkels. Ich dachte, wir sehen es uns an?"

Siedend heiß erinnerte ich mich. Die Hexen hatten bereits kurz nach unserer Ankunft beschlossen, den Schutzschild zu erneuern, um es Morrigans Männern unmöglich zu machen, uns aufzuspüren. Sidony hatte erwähnt, dass die Vorbereitungen einige Tage dauern würden, doch ich hatte nicht damit gerechnet ...

"Wenn du müde bist und dich lieber ausruhen willst ...", setzte Conan in diesem Moment bereits an. "Wir können sicher auch ein anderes Mal zusehen."

"Nein." Eilig fuhr ich herum. "Wir werden uns dieses Ritual auf jeden Fall ansehen. Lass mich nur kurz ..."

Erneut wandte ich mich der Arbeitsplatte zu und schnappte mir das Brot, das ich soeben mit Käse belegt hatte. Dann griff ich mir den Umhang von der Lehne des Stuhls, auf die ich ihn vorhin hatte fallen lassen und drehte mich schließlich zurück zu Conan. "Alles erledigt. Wir können gehen."

Ein Lächeln huschte über seine Züge. Ohne zu zögern schnappte er sich seinen Umhang. Nur Augenblicke später waren wir aus der Tür und auf dem Pfad, der in den Wald führte.

"Wie war dein Training?", fragte Conan, während ich den letzten Bissen Brot aß. Ich schluckte.

"Wie immer", antwortete ich dann. "Calideya knackt mich wie eine Walnuss und Cybele besteht darauf, dass ich sie so bald wie möglich zu ihren Patienten begleite."

"Mich hat sie auch schon gefragt." Er zuckte die Schultern. "Ich schätze, es spricht nichts gegen ein paar echte Fälle, um die richtige Übung zu bekommen."

"Wahrscheinlich hast du Recht." Ich zog den Umhang enger um meine Schultern. Das letzte Licht des Abends war längst zwischen den Wipfeln der Bäume verglommen und ich bereute es, keine Laterne mitgenommen zu haben. Der kalte Nachtwind kündete bereits vom kommenden Winter und auf dem unebenen Pfad grenzte es an ein Wunder, wenn wir uns in der Dunkelheit nicht alle Knochen brachen.

Ich hatte den Gedanken noch nicht einmal beendet, als Conan neben mir die Hand bewegte. Keinen Augenblick später tanzte auf seiner Handfläche eine Flamme, die den Weg vor uns erhellte. Als ich ihn ansah, zuckte er nur die Schultern. "Besser, als durch die Dunkelheit zu tappen."

Entschlossen stapfte er voran, während das Feuer die Schatten um uns herum tanzen ließ. Perplex folgte ich ihm. "Wie machst du das?"

"Wie mache ich was?" Er hielt inne.

"Du gehst mit diesen Fähigkeiten um, als wären sie das Natürlichste auf der Welt." Ich deutete auf die Flamme. "Ich wäre nicht im Traum darauf gekommen, das Feuer zu rufen."

"Alles eine Sache der Gewohnheit", entgegnete er und ein ermutigendes Lächeln umspielte seine Lippen. "Wenn du die Magie in dein Denken einbeziehst, wird sie früher oder später auch in deinen Handlungen auftauchen."

"Sehr weise." Ich verzog die Lippen. "Von wem hast du denn diesen Spruch geklaut?"

"Wer sagt, dass es nicht meine Worte sind?"

Ich hob eine Braue und Conan seufzte. "Calideya, wenn du es unbedingt wissen musst. Aber sie hat Recht. Die Magie muss zuerst hier drin sein ..." Er tippte sich an die Stirn. "... bevor sie hier erscheinen kann." Er nickte in Richtung der Flamme auf seiner Handfläche.

Für einen Moment starrte ich mitten in das tanzende Feuer, während Conans – oder Calideyas – Worte in mein Bewusstsein sanken. Hatte er Recht? Dank des Trainings konnte ich zwar die meisten Zauber auf dem Level eines Novizen des dritten Jahres wirken, doch ich wusste selbst, dass das nicht genug sein würde. Egal, wie hart ich trainierte und wie große Fortschritte ich machte – am Ende zählte allein, dass ich die Magie einsetzte, wenn der Zeitpunkt kam. Und ich konnte nicht behaupten, dass ich das bisher außerhalb des Trainings getan hatte. Bedeutete das also, dass all die Stunden auf den Übungsplätzen nur ein Bruchteil dessen waren, was es brauchte, um die Magie wirklich zu einem Teil von mir zu machen? Und war ich bereit, so viel zu geben, für einen Kampf, der nahezu aussichtslos schien?

Zum ersten Mal seit Stunden dachte ich wieder an heute Morgen.

"Ich habe bei Sidony begonnen, ein eigenes Elixier herzustellen", eröffnete ich, während ich den Blick entschlossen auf den Weg vor mir richtete. Ich wusste, dass es Conan anders als mir nicht so leichtfiel, sich die verschiedenen Zutaten und Tränke zu merken – Sidonys Lektionen waren für ihn, was Calideyas Lektionen für mich waren.

"Ehrlich?", fragte er nun und musterte mich überrascht. "Das ist großartig. Welches Elixier wird es denn?"

Ich zögerte, aber es war sinnlos, jetzt noch auszuweichen. "Das Elixier der schlimmsten Ängste."

Conans Augen weiteten sich, als er den Namen zuordnete. "Ein psychedelisches Mittel? Ich dachte, nur Meister des Handwerks hätten die Erlaubnis, diese Art Elixier herzustellen."

"Ich schätze, ich bin eine Ausnahme." Meine Stimme klang alles andere als begeistert und nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob das, was wir hier taten, wirklich das Richtige war. "Ich habe nicht vor, das Elixier jemals einzusetzen, aber Sidony wollte, dass wir auf alles vorbereitet sind. Falls ..."

Ich musste den Satz nicht beenden.

"Verstehe." Aus Conans Miene sprach Sorge und ich wusste, dass ihn dieselben Erinnerungen einholten, die mich heute Morgen heimgesucht hatten. Die Szenen im Schlosshof waren etwas, das mich wohl bis an mein Lebensende verfolgen würde. Die Frage, ob ich nicht etwas hätte tun sollen – tun können, hallte in meinen Alpträumen wider und mehr als einmal wünschte ich, ich hätte zumindest versucht, zu kämpfen. Hätte mich nicht einfach von Ethan aufsammeln lassen wie ein Spielzeug und wäre nicht einfach mit ihm davongeritten. Ich wünschte, ich hätte die Rebellen nicht im Stich gelassen. Ich wünschte ...

Mit einem dumpfen Stöhnen stolperte ich in Conan. Ich war so in Gedanken versunken gewesen, dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass er stehen geblieben war. Erst jetzt fiel mir auf, dass unsere Umgebung sich verändert hatte. Der Waldrand lag hinter uns und wir standen auf einem Felsvorsprung. Gras überwucherte das kleine Plateau und dahinter fiel der Grund steil in einen dichten Wald ab. Die Wipfel der höchsten Bäume reichten kaum bis an die Felskante.

"Da wären wir." In einer fließenden Bewegung nahm Conan seinen Umhang ab und breitete ihn vor uns auf den Boden. Dann legte er sich flach auf den Bauch und schob sich bis ganz nach vorn an die Kante. Zögernd tat ich es ihm gleich.

"Du wirst es nicht bereuen, mitgekommen zu sein", sagte er und sah mich von der Seite an. "Calideya sagte, das Ritual wäre eines der aufwendigsten und spektakulärsten – abgesehen von den Festen natürlich."

Ich kam nicht dazu, ihn zu fragen, worin der Schuttzauber eigentlich bestand, denn in diesem Moment wandte er sich bereits nach vorn und sein Blick richtete sich auf das Geschehen im Tal. Stumm ließ ich meinen Blick über seine Züge schweifen. Obwohl ich ihm erst zwei Wochen zuvor zum ersten Mal begegnet war, schien es mir immer noch, als kenne ich ihn schon eine Ewigkeit. Manchmal fühlte es sich an, als wären die Träume und die Magie nur ein Bruchteil dessen, was uns verband. Fast, als kannte mein Herz Geheimnisse, die es meinem Verstand nicht offenbaren wollte.

Zögernd rutschte ich noch ein Stück nach vorn, bis ich sehen konnte, was ihn so faszinierte. Direkt unter uns, mitten im Wald, öffnete sich eine weite Lichtung. Der Cloch Ciorcal – der heiligste Ort des Zirkels der Chailltear – breitete sich unter uns aus. Als mein Blick nun über die riesigen, aufgerichteten Steine schweifte, die die Lichtung rahmten und mich an Stonehenge erinnerten, bekam ich ein flaues Gefühl im Magen. Wir sollten nicht hier sein. Wir hatten kein Recht, die heiligen Rituale dieses Volkes zu beobachten. Und trotzdem konnte ich meine Augen nicht vom Anblick der Lichtung losreißen.

Die riesige Zeder in der Mitte der Lichtung strahlte im rotgoldenen Licht der Kerzen, als stünde sie in Flammen. Der dicke, gewundene Stamm, der als ein Stück aus dem Boden gewachsen war und sich dann in drei einzelne, ineinander verschlungene Äste geteilt hatte, war beeindruckend. Mit diesem Stamm und der weit ausladenden Krone, die sich über die halbe Lichtung spannte, sah er aus wie ein Artefakt längst vergangener Zeiten. Jetzt verstand ich, warum die Chailltear ihn Crann na Anamacha – Baum der Seelen – nannten.

Der dröhnende Schlag einer Trommel lenkte meine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung. Von allen Seiten strömten nun Gestalten in weißer Kleidung auf die Lichtung. Die Hexen, begriff ich. Wie Wasser, das zwischen Kieseln hindurchrann, wirbelten sie umeinander und um die Kerzen, bis jede von ihnen eines der Lichter in der Hand hielt. Als die Trommel zum zehnten Mal schlug, hielten die Hexen abrupt inne. Erst jetzt konnte ich erkennen, welches Muster sie gebildet hatten

Im Kreis hatten sich die vier Elementarhexen um die Zeder gestellt. Jede von ihnen hielt eine Kerze in einer Schale, die mich an die Blüte einer weißen Tulpe erinnerte. In der Mitte zwischen ihnen saßen jeweils vier Hexen, die vollkommen synchron die Trommeln schlugen. Mittlerweile waren sie in einen Rhythmus übergegangen, der mich an meinen Herzschlag erinnerte. Direkt unter der Zeder erkannte ich nun auch die zwei wichtigsten Elemente des Rituals: Gladys, die Hexe des Lichts und ihr gegenüber Eoghan, die Hexe der Schatten.

Auf ein stummes Kommando schloss Gladys die Augen. Im selben Moment hoben die anderen Hexen, die einen großen Kreis gebildet hatten, die Kerzen über ihre Häupter. Sie trugen dieselben tulpenförmigen Schalen und ihre Bewegung ließ die Trommeln verstummen. Jede Regung auf der Lichtung erstarrte. Einen Herzschlag, zwei Herzschläge, drei.

Ich wagte nicht, den Blick auch nur eine Sekunde zu heben.

Ein leises Summen ertönte. Tief und dunkel versetzte es die Luft in Schwingungen, während die Lautstärke weiter anschwoll. Ein Ton, derselbe Ton aus zehn, hundert oder doch nur aus einer Kehle, so laut, dass die Stille im Wald zu hallen schien. Dann, nach und nach, lösten sich einzelne Stimmen aus dem machtvollen Strang und flochten dünne, hohe Bänder aus Melodien um das tiefe, dunkle Summen, das die Lichtung erfüllte.

Ich konnte nicht sagen, wie lang es dauerte, doch irgendwann verwandelte sich das Summen in Worte. Worte einer fremden Sprache. Kraftvoll und laut, doch gleichzeitig sanft und leicht erreichten sie mein Ohr und überzogen meinen Körper mit Gänsehaut. Ich kannte diese Sprache. Es war dieselbe Sprache, die ich gesprochen hatte, als ich den Trank für Conan hergestellt hatte.

Mit geweiteten Augen betrachtete ich die Hexen auf der Lichtung. Die singenden Frauen bewegten sich. Wie in Trance breiteten sie die Arme aus und begannen, sich im Takt ihres Gesanges zu drehen. Zuerst nur langsam, als koste sie diese Bewegung unendliche Anstrengungen, aber nach und nach immer schneller, bis ihr offenes Haar flog und der Schein ihrer Kerzen in der Dunkelheit verwischte.

Ich zitterte, als ein eisiger Windstoß über meinen Körper fegte, doch ich konnte meinen Blick nicht von den Geschehnissen auf der Lichtung losreißen. Es war angsteinflößend und dennoch faszinierend. Erst jetzt bemerkte ich, dass Gladys und Eoghan ebenfalls sangen. Beide hatten die Gesichter gen Himmel gewandt und die Arme von sich gestreckt, als würden sie die Götter selbst mit ihren Worten erreichen. Ein weiteres Mal fragte ich mich, was hinter diesem Ritual steckte. Dieser Ort, an dem die Hexen ihren Zauber woben, schien von einer unsichtbaren Macht umgeben, einer Kraft, die größer war als ich es mir vorstellen konnte. Dieser Ort war besonders. Er war heilig. Und ich verstand, auch ohne eine Erklärung, dass die hier abgehaltenen Rituale ein wenig von der Macht dieses Ortes in sich trugen.

Bewegungslos verharrte ich auf dem Felsvorsprung, während der Gesang seinen Höhepunkt erreichte und Gladys und Eoghan ihre Hände zum Himmel erhoben. Was dann geschah, war so schnell vorüber, dass ich erst im Nachhinein verstand, was ich gesehen hatte.

Ein Blitz schoss direkt aus dem Himmel hinab auf die Erde und bildete eine Art silbrig schimmernde Kuppel über dem Steinkreis. Im nächsten Moment hörte ich die Trommeln und die Kuppel begann, im Takt der Schläge zu pulsieren. Weiße, gestaltlose Wellen breiteten sich kreisförmig durch den Wald aus, als wäre er die spiegelnde Oberfläche eines Sees, in den man einen Stein geworfen hatte.

Es war atemberaubend. Mit geweiteten Augen schaute ich hinab auf die Kuppel über dem Cloch Ciorcal, während ich zu fassen versuchte, was Illusion und was Realität war.

Der Schlag der Trommeln verlangsamte sich unmerklich, bis er schließlich ganz verstummte und die Kuppel wieder ruhig über den Steinen verharrte. Einige Augenblicke schien der gesamte Wald zu erstarren; keine Bewegung, kein Geräusch, nicht einmal ein Windhauch war spürbar.

Dann, in der Zeit eines Blinzelns, erloschen alle Lichter und die Kuppel fiel in Sekundenbruchteilen in sich zusammen. Dunkelheit senkte sich über das Tal wie über eine erloschene Kerze. Nur schemenhaft umriss das Mondlicht die Zeder und den Steinkreis. Die Hexen waren verschwunden.

Ich konnte nicht sagen, wie lange ich noch auf dem Felsvorsprung lag und versuchte, zu begreifen, was ich eben gesehen hatte. Eine Berührung am Arm brachte mich schließlich zurück in die Wirklichkeit.

"Und, habe ich zu viel versprochen?" Conan setzte sich neben mir auf und ich drehte den Kopf, um ihn ansehen zu können.

"Es war..." Mir fiel kein Wort ein, das dieses Gefühl auch nur ansatzweise erfasst hätte.

"Ich weiß", sagte Conan. "Unbeschreiblich."

Ich nickte. Erneut versank das Gespräch in Schweigen und ich fragte mich, ob die Hexen mittlerweile ins Dorf zurückgekehrt waren. Der Wald lag so unberührt vor uns, als hätte das Ritual nie stattgefunden; nur der vereinzelte Ruf einer Eule oder das Knacken von Ästen im Unterholz durchbrach die Stille.

"Was hatte es mit dieser Kuppel auf sich?" Meine Stimme hallte über den Felsvorsprung. Ruckartig hob Conan den Kopf und an seiner desorientierten Miene erkannte ich, dass ich ihn aus seinen Gedanken gerissen hatte. Nur einen Moment später war er wieder er selbst.

"Die Kuppel ist Teil des Schutzzaubers, der den Wald vor Schattenwesen und anderen Eindringlingen bewahrt. Solange die Kuppel existiert, ist es Unwissenden unmöglich, sich in die Nähe des Dorfes zu verirren."

Ich runzelte die Stirn. Etwas an seinen letzten Worten ließ mich innehalten. Schattenwesen. Ich war mir sicher, dass ich das Wort irgendwo schon einmal gehört hatte, doch ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, was ...

"Es sind Wesen, die nicht im Licht dieser Welt geboren wurden", erklärte Conan, ohne mit der Wimper zu zucken. So viel zu seinem Talent für Telepathie. "Schattenwesen können in dieser Welt nur existieren, wenn sie durch Zauber und Beschwörung zum Leben erweckt wurden."

Er unterbrach sich selbst, um meinen Blick aufzufangen. "Tut mir leid, aber ich konnte nicht anders, als deine Gedanken zu lesen."

"Ich hoffe, das wird nicht zur Gewohnheit", gab ich zurück. Ich konnte nicht verhindern, dass sich meine Lippen zu einem Schmunzeln verzogen. "Zumindest nicht, solange ich mich nicht revanchieren kann."

"Keine Sorge." Ein verschmitztes Funkeln lag in seinem Blick. "Wenn du weiterhin solche Fortschritte machst, können wir bald alle unsere Gespräche in Gedanken führen."

Ich setzte zu einer Erwiderung an, hielt jedoch inne, bevor ich etwas sagen konnte. Ich wusste nicht genau, woran es lag, doch irgendetwas an seinen Worten brachte mich ins Stocken.

"Du hast Angst", stellte Conan nüchtern fest.

"Und du stöberst schon wieder in meinem Kopf herum", entgegnete ich und versuchte mich auf meinen Schutzschild zu fokussieren. Vergeblich.

"Willst du darüber sprechen?" Conans Blick ruhte auf mir und der letzte Rest Konzentration verpuffte. Zwar sträubte sich alles in mir gegen die Richtung, die dieses Gespräch einschlug, doch wenn ich meine Gedanken sowieso nicht vor Conan verbergen konnte, war es sinnlos, zu schweigen.

"Es ist nichts weiter." Ich seufzte und rief mir Sidonys Worte von heute Morgen ins Gedächtnis. Die Angst durch Hoffnung ersetzen – nichts anderes versuchte ich seit dem Moment, als ich in Ciaora gelandet war. Hoffnung, dass nichts so schlimm war, wie es schien. Hoffnung, dass ich irgendwann einen Rückweg finden würde. Hoffnung, dass ich die Erwartungen erfüllen und notfalls die Götter, das Schicksal oder was immer erforderlich war, auf meine Seite ziehen würde. Doch alles, was bisher aus meinen Hoffnungen geworden war, war ein Leben in ständiger Furcht und Fähigkeiten, von denen ich offenbar gerade einen Bruchteil kontrollieren konnte.

"Nicht alles, was im ersten Moment wie ein Fluch scheint, ist es auch auf den zweiten Blick." Ich musste Conan nicht ansehen, um zu wissen, dass er gerade auf seine im Schoß gefalteten Hände starrte. Die Geste war etwas, das er tat, seit wir bei den Hexen angekommen waren. Jedes Mal, wenn die Sprache auf die Bestie oder den Fluch kam, senkte er seinen Blick auf dieselbe Weise und begann, seine Finger ineinander zu verflechten.

"Als ich mich das erste Mal verwandelt habe, dachte ich, mein Leben würde enden." Seine Stimme war leise, doch ich verstand jedes Wort. "Ich war gerade auf dem Rückweg von dem Herrenhaus, in der ich tagsüber gearbeitet habe. Ich hatte schon den ganzen Tag lang ein flaues Gefühl im Magen und je weiter ich lief, desto schlimmer wurde es. Der Weg führte durch ein kleines Waldstück und irgendwann war mir so übel, dass ich mich ins Gebüsch schlug. Mir ist nicht aufgefallen, dass ich auf einer Lichtung stand, bis ich mich aufrichtete und das grelle Licht des Vollmonds direkt in mein Gesicht schien. Die Schmerzen begannen nur einen Augenblick später. Es fühlte sich an, als würden meine Knochen sich strecken und mein Inneres von innen heraus zerschlitzen – als ob meine Haut plötzlich zu eng für meinen Körper wäre und mein Rückgrat sich unter der Spannung bog. Ich wollte schreien, doch alles, was aus meiner Kehle kam, war ein dunkles Grollen und schließlich ein animalisches Heulen. Spätestens in diesem Moment wusste ich, dass etwas nicht stimmte."

Seine Stimme verhallte und ich hob den Kopf. Zum ersten Mal fanden meine Augen die seinen und in seinem Blick erkannte ich all das Leid, das er seitdem erfahren hatte. Instinktiv streckte ich eine Hand aus, bis meine Fingerspitzen seinen Arm streiften. Bevor ich jedoch etwas sagen konnte, schüttelte er den Kopf.

"Nein." Seine Mundwinkel zuckten. "Das ist nicht das, worauf ich eigentlich hinauswollte."

Wieder unterbrach er sich und strich sich eine rotbraune Locke aus der Stirn. Es war offensichtlich, dass er nach den richtigen Worten suchte.

"Ich bin ein Gestaltwandler", setzte er schließlich an. "Die längste Zeit, seit ich diesen Teil von mir kenne, war ich in der Gestalt eines Monsters gefangen. Und ich hatte Angst. Himmel, du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Angst ich hatte. Die Kontrolle zu verlieren – zuerst über meinen Körper und später über meinen Willen – das war eines der schlimmsten Dinge, die ich je erfahren habe. Aber ich hatte keine Wahl."

Ich zuckte zusammen, als er sich plötzlich nach vorn beugte und mein Kinn mit seinen Fingern anhob. "Ich weiß, dass du nicht gern darüber sprichst, wie es dir wirklich geht. Ich kann es dir nicht einmal vorwerfen – ich habe ja selbst lang genug geschwiegen. Aber ich will, dass du weißt, dass ich es verstehe. Ich weiß, wie es ist, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Ich weiß, wie es ist, Angst zu haben. Und ich würde dich nie dafür verurteilen, wenn du dasselbe empfindest."

Ich versank im tiefen Grün seiner Augen, während seine Worte wie Leuchtfeuer durch meine Seele flackerten. Was Conan durchgemacht hatte, vermochte ich mir nicht einmal ansatzweise auszumalen. Seine Ehrlichkeit traf mich völlig unvorbereitet und ließ mich mit einer Mischung aus Bewunderung, Ehrfurcht und dem Bedürfnis zurück, mein Innerstes vor ihm offenzulegen. Seit Susan hatte ich mit niemandem mehr offen darüber gesprochen, wie ich mich fühlte. Was nützte es schließlich, Schwäche einzugestehen, wenn alles, wofür man kämpfte, am seidenen Faden hing?

"Woher nimmst du die Kraft?" Die Frage war von meinen Lippen geflattert, bevor ich mich dagegen wehren konnte. Conan hatte seine Hand zurückgezogen, doch sein Blick lag noch immer auf mir. Für einen Herzschlag schien die Zeit stillzustehen.

"Rowan", sagte er, als ich schon nicht mehr mit einer Antwort rechnete. "Sie allein zu lassen – diese Vorstellung jagt mir größere Angst ein als irgendein Fluch es je könnte."

Ich nickte und einmal mehr wurde mir bewusst, wie sehr ich meine Familie vermisste. Dads schlechte Witze und Moms heiße Schokolade, Ceds Umarmungen und Maggies Lachen. Ich war froh, zu wissen, dass sie nie allein sein würden. Selbst, wenn ich nicht zurückkehrte, hatten sie immer noch einander.

"Das darfst du nicht denken." Conans Flüstern schnitt zwischen meine Gedanken und brachte mich dazu, ihn anzusehen. "Du bist stark, Evangeline, vergiss das nicht. Du hast einen komplizierten Fluch gebrochen und bist der mächtigsten Frau des Landes entwischt. Du wirst einen Weg finden, deine Familie wiederzusehen."

Ich zuckte die Schultern. Conan war nicht der erste, der versuchte, mir Hoffnung zu machen. Die Rebellen, Susan, Sidony und nicht zuletzt Morrigan hatten das Feuer in meinem Herzen geschürt. Sogar ich selbst hatte begonnen, ihre Worte zu glauben. Und hier saß ich – inmitten eines geheimen Hexenzirkels, während um uns herum ein Krieg tobte, den ich begonnen hatte. Ich war nie pessimistisch gewesen, doch nach allem, was das Schicksal uns in den letzten Wochen aufgebürdet hatte, fiel es mir schwer, weiterhin an Happy Ends zu glauben.

"Was ist mit Rowan?", fragte ich und beendete damit das Thema endgültig. "Hast du mit ihr gesprochen, seit ..."

Über Conans Züge huschte Desorientierung, bevor seine Miene sich verhärtete. "Nein."

Es war die Antwort, mit der ich gerechnet hatte und ich musste nicht einmal seine Gedanken lesen, um zu wissen, was hinter seiner plötzlichen Verschlossenheit steckte.

"Sie ist deine Schwester", entgegnete ich. "Sie verdient Antworten, findest du nicht?"

Für eine Weile durchbrachen nur das Rauschen der Blätter und die vereinzelten Rufe einer Eule die Stille.

Schließlich hörte ich ihn ausatmen. "Das Letzte, was Rowan von mir gesehen hat, war meine Verwandlung in die Bestie. Ich habe sie allein gelassen in einer Welt ..."

Er hob den Kopf und unsere Blicke trafen sich. "Ich habe ihr versprochen, dass ich immer für sie da sein würde. Ich habe es geschworen, verstehst du?"

"Ihr beide", sagte ich leise, während ich seine Hände nahm. "Ihr beide seid alles, was ihr habt. Du bist nicht schuld daran, dass der Fluch euch auseinandergerissen hat, aber wenn du zulässt, dass deine Schuldgefühle euch auch in Zukunft trennen, dann liegt das sehr wohl in deiner Verantwortung."

Schmerz trat auf Conans Züge und bevor ich realisierte, wie viel härter als beabsichtigt meine Worte gewesen waren, wandte er sich ab. Das Schweigen, das sich zwischen uns breitmachte, fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen.

"Ich wollte nicht ..." Unsicher rückte ich ein Stück zur Seite. "Es tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen sollen."

"Nein." Er schüttelte den Kopf. "Du hast ja Recht. Rowan verdient eine Erklärung. Es ist nur ..."

"Ich weiß." Ich musterte ihn von der Seite und ein weiteres Mal wurde mir bewusst, dass ich nicht die einzige war, der dieser Krieg alles abverlangte. Auf Conans Schultern lastete genügend Verantwortung für ein halbes Leben und in diesem Moment konnte ich sehen, wie sie ihn mit sich in die Tiefe riss.

"Rowan wird dir vergeben", sagte ich leise. "Doch das ist unwichtig, solange du dir nicht selbst vergibst."

Er hob den Kopf und für einen Augenblick sahen wir uns einfach nur an. Ich wusste nicht, ob meine Worte irgendetwas ändern würden, doch ich hoffte, dass sie es taten. Conan verdiente sein Glück so sehr wie kaum jemand anderes, den ich während der letzten Wochen kennengelernt hatte und ich betete, dass er sich nicht selbst im Weg stehen würde.

"Wir sollten zurück ins Dorf gehen", sagte er schließlich und richtete sich auf. "Morgen wird ein anstrengender Tag."

Ich widersprach nicht. Stumm sah ich zu, wie er seinen Umhang aufhob und das Laub, das sich darin verfangen hatte, herausschüttelte. Als er sich nach mir umdrehte, hatte ich die Hand bereits ausgestreckt. Flammen tanzten auf meiner Handfläche und ohne zu zögern ging ich voran.

Vielleicht war Magie wirklich mehr als eine Waffe im Krieg gegen Morrigan. Wenn Conan beginnen konnte, sein Schicksal zu akzeptieren – sollte ich dann nicht zumindest versuchen, die Magie zu einem Teil von mir zu machen?

Kapitel 2

Es war einer jener ungemütlichen Herbsttage, der ihr Schicksal für immer bestimmen würde.

Der eisige Wind riss die letzten, braunen Blätter von den kahlen Ästen und fegte sie in den Dreck der regennassen Straßen. Man konnte kaum einen Schritt gehen, ohne sich in einer der riesigen Pfützen die Schuhe aufzuweichen. Die ganze Welt schien in Grau gehüllt, wartend, bis der Winter einbrach und das Elend unter seiner weißen Decke verbarg.

An ebendiesem trostlosen Morgen, im Schimmer der Dämmerung, sah man eine Gestalt durch die Gassen der Stadt huschen. Das heißt, man hätte sie gesehen, wäre man an diesem Herbsttag schon in der Morgendämmerung auf den Beinen gewesen. Man hätte schon von Weitem gehört, wie die nackten Füße der Gestalt durch die Pfützen am Straßenrand klatschten. Und man hätte gewusst, dass diese Gestalt, unter einem großen Umhang verborgen, sich offenbar wenig darum scherte, ob sie bemerkt wurde oder nicht. Sie hatte es einfach nur eilig. Der zerrissene Saum ihres Umhangs schleifte im Dreck, genau wie das darunter hervorblitzende Kleid, an dem kaum ein Fitzelchen Stoff war, das ursprünglich zu diesem Stück gehört hatte. Überall Flicken und Löcher, die den mageren Körper dieser Frau nur notdürftig verhüllten. Und doch, wäre dieses Kleid nicht gewesen, die nackte, dreckige Haut stattdessen sauber und die dicke, verfilzte Mähne gewaschen und gekämmt, hätte man die Frau tatsächlich als hübsch bezeichnen können.

Sie war höchstens zwanzig, mit wunderschönen Locken und einem Ausdruck in den dunklen Augen, der Bände sprach. Sie hatte viel erlebt, zweifellos. In ihrem kurzen Leben musste sie schon so viel Elend ertragen haben, wie nur wenige Menschen auf dieser Welt. Und trotzdem sprühte ihr Blick vor Mut. Mut und einer Leidenschaft, wie man sie nur selten fand. Diese Frau hatte sich noch nicht aufgegeben, so viel stand fest. Sie war bereit zu kämpfen.

Mit ihren dürren Fingern – fahl wie Papier – drückte sie ein Bündel an ihre Brust. Unzählige Lagen Stoff, die dieselbe Farbe hatten wie die nassen, glitschigen Blätter auf dem Pflaster umhüllten ihr kleines Geheimnis. Konnte man nicht durch die Augen dieser Frau sehen, war es unmöglich, zu erraten, was sich darunter verbarg. Doch die prüfenden Blicke der Frau, die Liebe und der Schmerz, die ihren Blick gleichermaßen erfüllten, sprachen eine eigene Sprache.

Geräuschlos huschte sie durch die schlafende Stadt, einem unbekannten Ziel entgegen. Ihr Weg führte sie durch verworrene Gassen, Schleichwege, über Treppen und Brücken, bis sie schließlich stehenblieb.

Die Straße sah aus wie hunderte andere in dieser Stadt. Häuser reihten sich dicht an dicht, manche kerzengerade und hoch wie Felsen, andere krumm und schief wie buckelige Frauen. Dazwischen verlief eine unebene, pfützenübersäte Pflasterstraße, gerade einmal so breit, dass zwei schmale Fuhrwerke aneinander vorbeipassten.

Das Haus, vor dem die Frau stand, stach nicht aus der Menge. Es hatte zwei Stockwerke, bot also Platz für eine sechsköpfige Familie. Das ehemalige Weiß des Fachwerks war von Wind und Wetter bereits in ein dreckiges Graubraun verwandelt worden und die Wände standen leicht schief. Die Augen der Frau wanderten an den Fenstern entlang – kleine Fenster mit niedlichen Spitzengardinen, die ein schöneres Innenleben vermuten ließen als der Rest des Hauses. Hinter keinem dieser Fenster brannte Licht und nach einigen Minuten, die sie in der Mitte der Straße stand und das Haus anstarrte, wusste sie auch mit Gewissheit, dass keiner seiner Bewohner auf den Beinen war.

Vorsichtig ging sie einige Schritte auf den Eingang zu – eine schlichte Steintreppe, die in drei Stufen hinauf an die dunkle Haustür führte. Auf der letzten Stufe blieb sie stehen, blickte unschlüssig an der schiefen Fassade nach oben und warf zuletzt einen Blick auf das Bündel, das immer noch in ihrem Arm lag. Zärtlich schoben ihre Hände die Stofflagen beiseite, bis ein winzig kleiner Kopf zum Vorschein kam.

Friedlich schlafend lag der Säugling in ihrem Arm. Ihr Blick verharrte eine Weile auf ihm und Trauer stand in ihren sonst so furchtlosen Augen. Federleicht streiften ihre Fingerspitzen die Wangen des kleinen Mädchens. Dann, ganz langsam, senkte sie ihren Kopf über das kleine Ding in ihrem Arm und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn.

Einen Moment später richtete sie sich auf sah sich um. Die Straße war noch immer leer. Niemand hatte sie bemerkt, die Gestalt, die an ebenjenem Herbsttag vor ebenjenem Haus stand. Behutsam beugte sich die Frau herunter und bettete den Säugling auf die oberste Stufe. Ihre Hand verharrte noch einen Herzschlag über dem Kopf des Kindes, als hoffte sie, dass es eine andere Möglichkeit – eine andere Zukunft gab. Dann wandte sie sich in einer fließenden Bewegung ab, zog den Umhang näher um sich und ging. Ihre Schritte hallten durch die leeren Gassen, während ein leichter Nieselregen einsetzte. Als sie irgendwann stehenblieb, weit weg von dem grauen Fachwerkhaus in jener Gasse, perlte ein Tropfen über ihre Wange. Ein Tropfen des Nieselregens, der sich unter die Kapuze des Umhangs verirrt hatte. Oder vielleicht eine Träne.

Ich erwachte mit klopfenden Herzen und dem Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Noch im Halbschlaf richtete ich mich auf und strich mir die wirren Strähnen aus dem Gesicht. Meine Laken waren zerwühlt und es brauchte keine Hellseherei, um zu wissen, dass ich wieder einen Alptraum gehabt hatte. Die Szenen aus dem Schlosshof verfolgten mich noch immer jede Nacht. In manchen Nächten schreckte ich hoch – bereit zu schreien – während die Bilder noch immer wie ein grausamer Film vor meinem inneren Auge abliefen. In anderen Nächten wachte ich auf, ohne mich an den Traum zu erinnern, doch ein Blick in den Spiegel genügte, um mich zu versichern, dass mein Schlaf alles andere als erholsam gewesen war.

Ausgelaugt rieb ich mir den letzten Rest des Traumes aus den Augen, bevor ich die Decke zurückschlug und aufstand. Conan regte sich zwischen den Laken und ich fragte mich, ob auch er von jener Nacht träumte. Unwillkürlich schweifte mein Blick hinüber zu Ethans Bett, doch wie gewohnt war das Bettzeug säuberlich gefaltet und nichts außer ein paar trockenen Blättern und Erdklümpchen auf dem Boden deutete darauf hin, dass er jemals in der Hütte gewesen war. Ich wandte mich ab.

Es war schon fast beängstigend, wie stark der Prinz sich seit unserer Flucht aus dem Schlosshof von uns distanziert hatte. Bereits während des Ritts zu den Hexen hatte er kaum mehr als ein Wort mit mir gewechselt und seit wir in Cathair dearmad angekommen waren, schien er alles zu tun, um Conan und mir aus dem Weg zu gehen. Unsere Begegnung gestern im Wald war das längste Gespräch gewesen, das wir seit zwei Wochen geführt hatten und nicht selten fragte ich mich, was ich eigentlich in ihm zu sehen geglaubt hatte. Der Ethan, den ich am Schloss kennengelernt hatte, hatte nichts mehr mit dem Geist gemein, der nachts ungesehen in unsere Hütte schlüpfte und vor dem Morgengrauen wieder im Schutz des Waldes verschwand.

Gedankenverloren schnürte ich die Bänder an meinem Mieder, als ein Stück Papier zwischen meinen Fingern hindurchrutschte und zu Boden flatterte. Susans Brief. Noch während ich mich danach bückte, erinnerte ich mich an das Gespräch, das ich zuvor mit Wallace gehabt hatte. Wir hatten über Morrigan gesprochen und ... Verflucht, wie hatte ich das nur vergessen können?

Innerhalb von Sekunden hatte ich den Rest des Mieders geschnürt und den Brief sicher unter meiner Matratze verstaut. Im Gehen warf ich mir noch einen Umhang über, bevor ich so leise wie möglich aus der Hütte schlich. Das Dorf ruhte unter dem Mantel der Finsternis und die frostigen Vorboten des Winters zierten die Fenster mit feinem Raureif. Kälte drang in meine Knochen und ließ mich zittern. Die Gassen schienen sich endlos zu strecken und mit jedem Schritt wuchsen die Schatten hinter den Hausecken zu furchteinflößenden Gestalten.

Sie ist eine Hexe, nicht wahr? Das Echo meiner Erkenntnis verfolgte mich und hallte tausendfach, viel zu laut durch meine Gedanken. Morrigan konnte Magie wirken und wenn ich Wallace Glauben schenken konnte, wusste Gladys etwas darüber. Ich musste wissen, was es war.

Erst, als ich vor der schweren Holztür mit dem filigran geschnitzten Klopfer stand, hielt ich inne. Mit einem Mal wich die Überzeugung, mit der ich zuvor durch die Gassen gestürmt war, von mir und ließ nichts als eine Frage zurück. Wollte ich die Antworten, die mich erwarteten, wirklich hören?

Je länger ich zögerte, desto mehr Gründe fand ich, umzukehren. Welcher normale Mensch würde schließlich mitten in der Nacht an die Tür der Zirkelvorsteherin klopfen? Nein, die Frage konnte noch einige Stunden warten. Ich musste überdenken, wie ich es anging, was ich sagte, wenn Gladys vorgab, nichts zu wissen.

Ich war gerade in Begriff, mich umzudrehen, als sich die Tür öffnete und ein schmaler Lichtstreifen über den Dorfplatz huschte. Im Türspalt zeichnete sich eine Silhouette ab.

"Evangeline?" Erstaunen färbte Gladys' Stimme. "Was um alles in der Welt tust du hier?"

Völlig perplex sah ich sie an. Die Hexe des Lichts war in die traditionelle weiße Kleidung gehüllt, das schneeweiße Haar in Zöpfen um den Kopf gelegt, als hätte sie meine Gesellschaft bereits erwartet. "Ich wollte ... Ich meine ... Woher wusstest du, dass ich hier bin?"

"Intuition." Gladys öffnete die Tür weiter, bis der goldene Schein der magischen Laternen mich vollständig umschloss. "Ich wusste allerdings nicht, dass du es bist."

Sie lächelte und winkte mich nach drinnen. Zögernd folgte ich ihrer Einladung und betrat die Bibliothek des Zirkels. Unter dem einfachen Ziegeldach des Wohnhauses türmten sich Bücherregale und Schriftrollensammlungen ins Unermessliche. Ich erinnerte mich noch gut an meinen ersten Besuch hier. Anders als damals führte Gladys mich nicht durch die Tür in ihren Wohnraum, sondern bedeutete mir stattdessen, auf einer Bank zwischen den Regalen Platz zu nehmen. Der Duft nach altem Pergament schloss mich in eine vertraute Umarmung und meine Muskeln entspannten sich. Gladys reichte mir einen Becher, bevor sie sich zu mir setzte. Erst, als der Tee meine Fingerspitzen wärmte, realisierte ich, wie durchgefroren ich war. Zitternd schloss ich meine Hände um den Becher und nippte daran. Der herbe Geschmack von Kräutern prickelte auf meiner Zunge, während ich mich fragte, in welcher Realität das Wort Intuition das Aufgießen von Tee für nächtliche Besucher einschloss. Als Gladys den Tee aufgesetzt hatte, hatte nicht einmal ich selbst gewusst, dass ich hier enden würde.

"Ich bin die Hexe des Lichts, Liebes." Ihre Stimme riss mich aus meinen Gedanken und als ich den Kopf hob, lächelte sie. Es war zwecklos, sie darauf hinzuweisen, dass sie soeben ihre eigenen Regeln gebrochen hatte. Ich sollte Calideyas Lektionen wirklich einen höheren Stellenwert einräumen.

"Also, weshalb bist du hier?"

Ich nippte an meinem Tee, während ich nach den richtigen Worten suchte.

"Morrigan ist eine Hexe", sagte ich schließlich geradeheraus.

Gladys' ungerührte Miene bestätigte meine Vermutungen. "Was hat dich auf den Gedanken gebracht?"

"Feuer." Ich straffte die Schultern und atmete, bevor ich zu einer Erklärung ansetzte. "Es war während des Angriffs aufs Schloss. Zuerst war ich mir nicht sicher. So viele Dinge sind gleichzeitig passiert – überall waren Menschen und die Schreie ... Ich habe die Flammen nur im Augenwinkel wahrgenommen und bevor ich überhaupt realisiert hatte, was geschah, hat Ethan ... mich aufs Pferd gezogen."

In meiner Kehle bildete sich ein Kloß, als die Schuldgefühle erneut an die Oberfläche drängten. Entschlossen schluckte ich sie herunter. Das war weder die Zeit noch der Ort dafür.

"Jedenfalls habe ich mich umgedreht", fuhr ich fort. "Es war kaum eine Sekunde, doch je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir. Die Flammen, die ich gesehen habe – es war ein Feuerball. Und Morrigan hat ihn geschleudert."

Gladys nickte. "Ich habe auf die richtige Gelegenheit gewartet, es anzusprechen."

"Ihr wusstet es bereits." In meiner Stimme schwang Resignation. Dann hatte nicht nur ich es vermieden, über meine Ängste zu sprechen.

"Schlimmer", erwiderte Gladys. "Ich fürchte, ich bin verantwortlich für die Macht, die sie heute besitzt."

"Du bist ..." Sprachlos sah ich sie an. "Wie? Was meinst du damit?"

Ein Seufzen wich von Gladys' Lippen, bevor sie die Schultern straffte und mich ansah.

"Ich bin diejenige, die sie unterrichtet hat", eröffnete sie dann. "Morrigan war meine Novizin."

Ich musterte sie – fassungslos – während nur eine einzige Frage auf meinen Lippen lag. "Was ist passiert?"

"Ich weiß es nicht", murmelte sie, während ihr Blick in den Tiefen des Tees versank. "Sie war ein so außergewöhnliches Mädchen. Doch ich hätte wissen sollen, dass all diese Leidenschaft, all diese Energie, mit der sie die Dinge anging, früher oder später zu unserem Verhängnis werden würde."

Es kostete mich große Vorstellungskraft, Morrigan nicht als die furchteinflößende Königin zu sehen, als die ich sie kennengelernt hatte. Wie sie als junges Mädchen gewesen war, stand auf einem vollkommen anderen Blatt. Und bisher war mir nicht einmal der Gedanke gekommen, dass es eine Geschichte sein könnte, die alles erklärte. Eine Geschichte, die offenbarte, wer Morrigan wirklich gewesen war, bevor sie zur bösen Königin wurde.

"Sie war ein Straßenkind", fuhr Gladys in diesem Moment fort. "Sie hatte für ihr Alter eine unglaubliche Ausstrahlung. Ich wusste sofort, dass sie eine Hexe ist. Allerdings hatten es die Menschen bis dahin nicht gut mit ihr gemeint."

Gladys hob den Blick und sah mich an. In ihrer Miene las ich Bedauern. "Wir Hexen waren damals zwar noch keine Gejagten, doch unser Verhältnis zu den Menschen war schon immer schwierig. Sie achteten und respektierten uns, ersuchten unsere Hilfe bei Krankheiten und Seuchen – und doch fürchteten sie unsere Macht."

Gladys seufzte. "Ich habe Morrigan damals mit zu mir genommen. Wie sich herausstellte, war ihr Talent einzigartig. Sie hatte seit ihrem vierten Lebensjahr Visionen empfangen und verstand es, die Komponenten einzelner Tränke nach Augenmaß zusammenzusetzen und blind herauszuselektieren. Ich war diejenige, die die Meister überzeugte, sie mit acht Jahren als jüngstes Mitglied in den Zirkel aufzunehmen."

Gladys unterbrach sich und ich sah, wie ihre Augen glänzten. Wie lange hatte sie diese Geschichte für sich behalten? Und wie tief musste ihre Verbindung zu Morrigan damals gegangen sein?

"Sie war wie eine Tochter für mich. Ich war so stolz, als sie ihre Grundausbildung beendete. Sie war eine der begabtesten Novizinnen des Zirkels. Ihre Talente beschränkten sich nicht nur auf einen Bereich der Magie, wie es üblich ist. Morrigan war unglaublich geschickt in der Herstellung von Tränken, kannte fast jedes Gift und das Heilmittel dagegen und wer einmal zugesehen hatte, wie sie Elementarmagie einsetzte ..."

Gladys schüttelte den Kopf. "Jedenfalls haben die Meister nach langen Verhandlungen beschlossen, sie in sieben der neun Gebiete weiterstudieren zu lassen. Die Magie des Schattens und des Lichts hatte man aus dieser Erlaubnis ausgeschlossen, um die Stellung Morrigans im Zirkel nicht zu gefährden. Denn obwohl alle Meister darin übereinstimmten, dass ein Talent wie ihres gefördert werden musste, spürten sie auch die Furcht der anderen Hexen."

"Furcht." Ich zog die Brauen zusammen. Dies war eine Seite Morrigans, die ich bereits kannte. Doch ich hatte nicht erwartet, sie in Gladys' Erzählung wiederzufinden.

"Morrigan war ehrgeizig", eröffnete sie. "Lange dachte ich, es ging ihr nur darum, dazuzugehören. Endlich Akzeptanz und sogar Respekt für die Fähigkeiten zu erhalten, für die sie so lang verachtet wurde."

Gladys seufzte. "Ich war blauäugig. Ich sah nur, was ich sehen wollte – ein Mädchen, das nach Liebe und Anerkennung strebte. Deren einzigartige Gabe Wunder vollbringen konnte. Ich wollte nicht glauben, dass Morrigan diese Gabe jemals missbrauchen würde, um eigennützige Ziele zu verfolgen. Ich habe mich regelrecht gegen die Vorstellung gestemmt. Und jetzt sieh uns an."

Sie hob die Hände in einer Geste, die ihre Hilflosigkeit ausdrückte. "Ich hätte früher bemerken sollen, dass ihr Ehrgeiz sie davon abhielt, Freundschaften zu schließen. Aber ich sah über die misstrauischen Blicke der anderen Novizen hinweg und tat die Streiche als Spaß ab. Ich glaube, mit der Zeit gefiel es Morrigan sogar, von allen gefürchtet zu werden. Wann immer sie einen Raum betrat, kehrte Schweigen ein und die Blicke wichen ihr aus. Die Atmosphäre im Dorf wurde immer angespannter und als sie kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag zur Hexe ernannt wurde, war es für die meisten im Dorf eine riesige Erleichterung. Ihre Fähigkeiten würden es ihr erlauben, einen eigenen Zirkel zu gründen. Es stand fest, dass sie nicht bei uns bleiben würde."

Gladys' Blick verlor sich irgendwo in der Vergangenheit und ich wünschte, ich könnte die Bilder sehen, die ihr in diesem Moment vor Augen standen.

"Dann ist sie einfach gegangen?", hakte ich nach, als sie auch nach Minuten noch schwieg. "Du hast nie wieder von ihr gehört?"

Gladys antwortete nicht sofort und ich ahnte, dass hinter dieser Geschichte mehr steckte, als es zunächst den Anschein gehabt hatte.

"Es gab einen Brand", eröffnete sie schließlich. "Die Hütte, in der wir beide gelebt haben, ist dabei bis aufs Fundament heruntergebrannt. Morrigan ist in dieser Nacht verschwunden und ich habe nichts mehr von ihr gehört bis ..."

Unvermittelt hob sie den Kopf. In ihrem Blick spiegelten sich die Scherben all dessen, was in jener Nacht zerbrochen war. "Ich weiß bis heute nicht, was geschehen ist. Doch ich kann den Gedanken nicht abschütteln, dass ich für all das verantwortlich bin. Ich habe ihr blauäugig diese Macht in die Hände gelegt und kann nichts tun, als zusehen, wie sich selbst und dieses Land zerstört."

In Gladys' Miene spiegelten sich unzählige Gefühle – Trauer und Wut im gleichen Maß wie Schmerz und Hilflosigkeit.

"Du kannst nichts dafür, dass ...", setzte ich an, doch sie schüttelte den Kopf.

"Wir wissen beide, dass das nicht stimmt, Liebes", entgegnete sie und nahm meine Hand. "Aber wie es aussieht, habe ich eine zweite Chance bekommen. Du, Evangeline, bist alles, worum ich die Götter in den letzten siebzehn Jahren gebeten habe. In deiner Magie spüre ich dieselbe Stärke und dasselbe Talent, das ich damals bei ihr gespürt habe."

Ihre Finger schlossen sich ein wenig fester um meine, bevor sie ihre Hand löste.

Ich war sprachlos. Gladys' Worte erschütterten den fragilen Frieden, den ich mit meiner Situation geschlossen hatte, bis in die Grundfesten. Nicht nur hatte sie bestätigt, was ich seit zwei Wochen fürchtete – der Fakt, dass Morrigan eine der mächtigsten Hexen überhaupt war, ließ meine Hoffnungen auf die Größe eines Staubkorns schrumpfen. Talent hin oder her – wie sollte ich mit meinen zwei Wochen Novizenunterricht einer auf sieben Spezialgebieten ausgebildeten Hexe die Stirn bieten?

"Es klingt absurd, ich weiß", sagte Gladys in diesem Moment. "Aber es ist dir bereits gelungen, Hoffnung in die Herzen Tausender zu hauchen. Ciaora verändert sich – es erwacht aus einer Starre, die viel zu lange angehalten hat – und das allein wegen dir. Jetzt gib dir nur einen Moment und versuche, dir vorzustellen, was alles möglich werden kann, wenn du nur ein wenig Hoffnung in dein eigenes Herz hauchst."

Hoffnung. Immer wieder schien es auf dieses eine Wort hinauszulaufen. Hoffnung für andere, Hoffnung für mich, Hoffnung für Ciaora. Doch um Morrigan zu besiegen, erforderte es weit mehr als nur Hoffnung.

Das Gefühl, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein, traf mich wie ein Schlag. Ich wusste zu wenig und hatte zu wenig Zeit – ich trug all diese Magie in mir und am Ende würde es doch nicht genug sein. Ich würde nicht genug sein.

"Ich glaube, es ist am besten, wenn du das alles erstmal sacken lässt." Gladys legte ihre Hand über meine. "Wir sind alle für dich da."

Ich nickte, bevor ich den Kopf hob und sie ansah.

"Was werden wir unternehmen?", fragte ich leise.

Sie erwiderte meinen Blick und ihre haselnussfarbenen Augen funkelten im goldenen Schein der magischen Laternen.

"Weitermachen", sagte sie und richtete sich auf. "Ich habe mich bereits kurz nach deiner Ankunft um spezielle Verhüllungszauber für das Dorf gekümmert, sodass wir uns nicht darum sorgen müssen, dass Morrigan dich mittels Magie aufspürt. Unsere einzige Mission ist es jetzt, dich vorzubereiten."

Während sie sprach, trat sie an eines der Regale und fischte ein kleines, unscheinbares Buch heraus.

"Gegen deine Alpträume", sagte sie und legte es in meine Hand. "Manchmal hilft es zu wissen, wie Monster im Tageslicht aussehen."

"Danke." Der Schatten eines Lächelns huschte über meine Lippen, während ich aufstand. Gladys nahm mir den leeren Becher ab, bevor sie mich zur Tür begleitete. Auf der Schwelle legte sie mir eine Hand auf die Schulter. Die Wärme ihrer Magie umhüllte mich wie eine sanfte Umarmung.

"Deine Familie wäre unglaublich stolz auf dich."

Stunden später saß ich ausgelaugt und mit schmerzenden Muskeln am Fluss. Das Training war mir heute leichter gefallen als sonst – zu wissen, was auf dem Spiel stand, hatte mich dazu getrieben, alles zu geben. Jetzt kehrte zum ersten Mal Ruhe ein und ich griff nach dem Buch, das Gladys mir heute Morgen geschenkt hatte. Vorsichtig blätterte ich durch die ersten Seiten. Allesamt enthielten sie Zeichnungen von Schatten und den Objekten, die sie verursachten. Monster im Tageslicht ...

"Hey." Ich zuckte zusammen, als Conans Stimme die Stille teilte. Die Sonne war fast untergegangen und erst jetzt fiel mir auf, wie sehr ich mich anstrengen musste, um die Zeichnungen zu erkennen.

"Was hast du da?" Er deutete auf das Buch. Wortlos reichte ich es ihm. Conan musterte zuerst mich und dann das Buch, bevor er begann, darin zu blättern. Mit einem Mal war das sanfte Plätschern des Flusses das einzige Geräusch in der Stille des Abends. Erschöpft lehnte ich mich zurück, bis mein Kopf auf der Wiese lag und ich die schmalen Blätter der Weide über unseren Köpfen betrachtete.

"Das hier erinnert mich an unsere ersten Begegnungen", murmelte ich irgendwann. "Gott, es fühlt sich an, als wären diese Träume eine Ewigkeit her."

"Ich weiß." Conan hatte mir das Buch zurückgegeben und starrte seitdem aufs Wasser. "Es ist so viel passiert seitdem."

Wir verfielen in Schweigen, während ich an unsere Ankunft hier im Dorf zurückdachte. Wir waren kaum zwischen den letzten Stämmen hindurchgetreten, als die Hexen uns umstellt hatten.

"Wir müssen ausgesehen haben wie Wilde", bemerkte Conan, dessen Fähigkeiten im Gedankenhören meinen ganz offenbar um Weiten überlegen waren.

Ich schmunzelte. "Wenn Calideya nicht prophezeit hätte, dass wir kommen, hätten sie uns sicherlich eine gehörige Abreibung verpasst."

Conan entgegnete nichts und ich begann, die Blätter an dem Ast über mir zu zählen.

"Glaubst du, das alles wird irgendwann ein Ende haben?", murmelte ich leise. "Glaubst du, wir sind stark genug?"

Für einen Moment dachte ich bereits, Conan würde nicht reagieren, doch schließlich drehte er sich zu mir.

"Natürlich werden wir es schaffen", sagte er und sein Lächeln brach mir fast das Herz. "Welche Wahl haben wir sonst?"

Ich zögerte.

"Was, wenn wir nicht bereit sind?", setzte ich schließlich die Zweifel frei, die mich schon seit Wochen plagten. "Wenn wir zu langsam lernen, wenn sie stärker ist... Wir haben ja nicht einmal einen richtigen Plan."

"Dann werden wir uns einen zurechtlegen." Conans Glaube schien unerschütterlich. "Bisher hast du noch alles geschafft, was du für unmöglich gehalten hast, oder?"

Ich schnaubte. "Mich durch Zufall in eine Parallelwelt entführen lassen? Nicht unbedingt mein bester Tag, würde ich sagen."

Conan grinste.

"Nicht das", sagte er gedehnt. "Ich dachte eher an den Fluch."

Nun verzog ich die Lippen. "Die Chancen, dass das funktioniert, standen eins zu einer Million."

"Und dennoch hast du nicht aufgegeben." Conans grüne Augen musterten mich eindringlich. "Du hast getan, was du konntest und jetzt sieh, wo wir stehen."

"Auf der Flucht vor der bösen Königin, versteckt von einem vergessenen Hexenzirkel?" Ich konnte nicht anders, als die Brauen zu heben.

Conans Blick war strafend. "Du weißt, wovon ich spreche."

Ich nickte. Erst in diesem Moment wurde mir klar, wie wichtig mir diese Freundschaft in den letzten Wochen geworden war. Bei Conan hatte ich das Gefühl, Verständnis zu finden. Er wusste, welche Steine das Schicksal uns vor die Füße geworfen hatte und dennoch schien er keine Minute lang daran zu zweifeln, dass irgendwann ein Happy End auf uns wartete.

Seufzend richtete ich mich auf und rutschte neben ihn.

"Danke", murmelte ich leise.

Er lächelte bloß. Sanft spürte ich das Kribbeln der Magie in unseren Fingerspitzen, als er einen Hauch Wärme meinen Arm hinaufsandte. Ich entgegnete die kleine Bewegung mit einem Lächeln, bevor ich meinerseits etwas Wärme aus meinen Fingerspitzen zurückströmen ließ. Unter den Hexen war diese Geste als Zeichen des Vertrauens eingeführt worden – der Austausch von Magie, der in dieser Gesellschaft ähnlich wie eine Blutsbruderschaft wirkte.

Doch als die warmflüssige Magie knisternd wie Brausepulver aus meinen Fingerspitzen trat, zuckte Conan zurück. Seine Miene nahm einen schmerzvollen Ausdruck an und er schüttelte seine Hand, als hätte er sich verbrannt. Als ich seine Fingerkuppen sah, wusste ich auch, dass genau das der Fall sein musste. Jede einzelne war rot wie Krebsfleisch und an der Kuppe seines Zeigefingers entstanden bereits Blasen. Ich schnappte nach Luft.

"Conan, das tut mir leid", murmelte ich eilig. "Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich wollte nur –"

Langsam hob er den Kopf und sah mich an. "Nicht schlimm."

Seine Lippen verzogen sich zu einem ermutigenden Lächeln, doch ich wusste, dass er nur versuchte, freundlich zu sein.

"Vielleicht kannst du es im Fluss ein wenig kühlen?", schlug ich vor. "Oder warte ... Lass mich das machen."

Ich hatte seine Hand bereits in meine Linke genommen und die Rechte darübergelegt, um die Verbrennungen zu heilen, als er sie mir wieder entzog. Unsere Blicke begegneten sich und ich erkannte Mitleid in Conans Blick. Mitleid, aber auch eine Spur ... Angst?

"Es tut mir leid", wiederholte ich. "Wirklich."

Er nickte nur, bevor er sich aufrappelte. "Wir sollten zurück zur Hütte gehen. Es ist spät und wir müssen morgen wieder früh aufstehen."

Schweigend begann er, den kleinen Trampelpfad in Richtung Dorf zu gehen. Ich verharrte noch eine Weile, bevor ich ihm folgte. Mit zusammengezogenen Brauen musterte ich meine Finger. Ich konnte nicht fassen, was ich getan hatte. Wir hatten dieses Ritual schon mehrmals durchgeführt und nie hatte ich die Kontrolle verloren. Um ehrlich zu sein, hatte ich auch dieses Mal nicht das Gefühl gehabt, die Kontrolle zu verlieren. Es war vielmehr, als hätte sich meine Magie beim Aufeinandertreffen mit Conan von einem Funken in ein Inferno verwandelt. Als würde er plötzlich allergisch auf mich reagieren. Doch aus welchem Grund sollte er oder seine Magie sich mit einem Schlag gegen mich richten? Oder meine Magie sich gegen ihn?

Selbst, als ich die Hütte betrat, spukte seine Reaktion noch durch meine Gedanken. Wie er mich angesehen hatte, im ersten Moment, nachdem ich ihn verbrannt hatte. Sein Blick war so voller Unglaube gewesen, voll plötzlicher Angst, als hätte er hinter eine Maske geblickt und ein Monster entdeckt. Ein Monster in Gestalt des Mädchens, von dem er – und sie – geschworen hätte, sie würde ihn nie verletzen.

Kapitel 3

Sie erwachte vom ersten Strahl der aufgehenden Sonne, der durch einen Spalt zwischen den schweren Vorhängen in den Raum drang und sich mutig durch die Dunkelheit bis an ihr Bett wagte. Als ahnte sie, dass er dort war und sich gemütlich streckte, bis er sie an der Nase kitzeln konnte, schlug sie die Augen auf und gähnte. Sie war noch nie eine Langschläferin gewesen. Die Welt hinter den Vorhängen war zu groß, um all die Wunder zu verschlafen, die der neue Tag bereithielt.

In Windeseile hatte sie sich aufgesetzt und war in die kleinen Lederschuhe geschlüpft, die vor ihrem Bett standen. Danach legte sie ihr Kleid an – das hübsche sonnengelbe Sonntagskleid mit den kleinen Vögeln darauf. Als sie fertig war, vergewisserte sie sich mit einem Blick, dass alles so war wie immer. Die drei Betten gegenüber von ihrem lagen friedlich in der Dunkelheit. Nichts regte sich. Auch in dem Bett direkt neben ihrem herrschte Stille.

Mit einem zufriedenen Nicken huschte sie aus der Tür. Sie war noch nie wie ihre Geschwister gewesen. Sie war anders. Doch das musste nicht immer schlecht sein. Flink schlich sie durchs Haus, quer über den Gang und hin zu der Tür, hinter der sich die Treppe zum Dachboden verbarg. Sie wusste genau, wie sie sie öffnen musste und welche Stufen sie auf der alten, halb morschen Holztreppe nicht betreten durfte.

In ihrem eigenen, vertrauten Rhythmus legte sie den ganzen Weg auf den Dachboden vollkommen unbemerkt zurück. Ihr kleines Reich erstreckte sich mitten in einem Haufen von altem Gerümpel, zwischen Truhen und Schachteln – einem alten Sekretär, der so klapprig wirkte, dass sie sich jedes Mal fragte, wie lange er noch auf seinen dürren Holzbeinchen stehen würde – und allem anderen, das ihre Familie über Generationen hier oben angesammelt hatte. Genau hier, an diesem Ort, in der Erkernische des Stadthauses hatte sie sich ihr eigenes Reich eingerichtet. Einen Ort, den sie ganz für sich allein hatte, verborgen vor den Augen ihrer Geschwister. Sie war sich sicher, keiner von ihnen würde den Dachboden jemals betreten.

Zufrieden kroch sie hinter die alte Truhe, die quer vor der Nische stand und ihr Reich vor neugierigen Blicken schützte. Dann war sie angekommen.

Die Nische sah genauso aus wie sie sie verlassen hatte. Der alte Teppich, den sie irgendwann hier oben entdeckt hatte, lag ausgebreitet auf dem Boden und in einer Ecke der Nische, links neben dem runden Fenster, stand noch immer ihr kleines Holzkästchen. Eilig machte sie es sich dort bequem. Der schönste Teil des ganzen Tages war gerade dabei, sich vor ihr zu entfalten. Gespannt presste sie ihre Nase gegen das kalte Fensterglas. Die schlafende Stadt ruhte unter ihr, goldglühend im Licht der aufgehenden Sonne. Ihr Blick glitt über die alten Ziegeldächer, die die Stadt von oben wie einen Flickenteppich unzähliger Farben aussehen ließen, hinaus in die weite Ferne.

Wenn ich groß bin, dachte sie, Werde ich von hier fortgehen und mit eigenen Augen sehen, was hinter diesen Dächern liegt. Ob es wirklich ein Meer gibt, Wasser soweit das Auge reicht, bis zum Horizont, ohne ein Ende zu sehen oder einen Wald, so groß und dunkel, dass man darin jahrelang herumirren kann, ohne an den Rand zu gelangen.

Mit offenen Augen verlor sie sich in Tagträumereien, dort, am Fenster der kleinen Nische in dem großen Stadthaus, das sie Zeit ihres Lebens noch nie verlassen hatte.

Erst der Glockenschlag, der aus einiger Ferne an ihre Ohren drang, holte sie zurück in die Wirklichkeit. Sie zählte. Als sie bei sieben angelangt war, raffte sie ihre Röcke und verließ den Dachboden – natürlich nicht, ohne sich vergewissert zu haben, dass man von außen die Nische nicht entdecken konnte.

Als sie wenige Minuten später unten in der Küche ankam, war ihre Mutter bereits auf den Beinen und kochte den Haferbrei fürs Frühstück.

"Guten Morgen, mein Schatz", begrüßte sie sie und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. "Hast du gut geschlafen?"

Sie nickte und ihre Mutter lächelte. "Willst du mir vielleicht ein bisschen zur Hand gehen, bis die anderen wach sind?"

Das Mädchen grinste breit und nickte erneut. Die wenigen kostbaren Minuten, die sie jeden Morgen allein mit ihrer Mutter verbrachte, waren das zweite Kleinod, das sie hütete wie einen Schatz. Und sie gedachte nicht, auch nur eine Minute dieser Zeit zu verschwenden.

Der Morgennebel hing schwer zwischen den Ästen der Bäume, als ich den Wald verließ. Im Dorf begann sich bereits das erste Leben zu regen. Blassgrauer Rauch stieg aus Schornsteinen und die Frauen machten sich auf den Weg zum Fluss, um die Wäsche zu waschen. Normalerweise liebte ich es, mich im dämmrigen Zwielicht nach Auricas Unterricht noch einige Minuten durch die schmalen Gassen des Dorfes treiben zu lassen und das Erwachen der Welt stumm zu beobachten. Doch heute setzte ich meine Schritte beharrlich geradeaus. Ich hatte die letzte Nacht kein Auge zugetan und ich war mir sicher, dass auch Conan nicht geschlafen hatte. Seine Atemzüge waren alles gewesen, worauf ich mich in der Dunkelheit konzentriert hatte. Ich hatte meine Finger verschränkt und unter der Decke fest umklammert, als könnte ich so verhindern, dass sich der Zwischenfall am Fluss wiederholte. Jetzt hoffte ich verzweifelt, dass Sidony die Erklärung fand, die ich letzte Nacht nicht entdecken konnte.

Als ich mich ihrer Hütte näherte, zögerte ich jedoch. Irgendetwas war anders, ich konnte jedoch nicht ausmachen, woran genau es lag. Die Tür saß fest in den rostigen Angeln und aus dem Schornstein drang Rauch. Sidony war also wach und hatte wahrscheinlich bereits Wasser für den ersten Tee des Tages aufgesetzt. Alles wirkte wie immer, bis auf ...

Stimmen. Irritiert hielt ich inne und lauschte. Sidonys Ton erkannte ich nach mehr als zwei Wochen fast zweifellos, doch als ich näherkam, machte ich noch eine andere Stimme aus. Ebenfalls weiblich, aber deutlich lauter als die meiner Mentorin. Ich runzelte die Stirn. Wer konnte um diese Zeit bereits etwas von Sidony wollen? Und noch dazu in diesem Tonfall? Würde ich womöglich mitten in einen ausgewachsenen Streit platzen?

Ich wollte gerade um die Hütte herumgehen, um durch das Seitenfenster zu sehen, als ich die Gestalt bemerkte, die dort in den Schatten lungerte. Ich erkannte den Prinzen im selben Moment, als sein kalter Blick mich durchbohrte.

"Was um alles in der Welt –"

"Psst!" Bevor ich reagieren konnte, stand Ethan vor mir, einen Finger auf die Lippen gepresst, um mir zu signalisieren, dass ich still sein sollte. Fragend sah ich ihn an, doch er schüttelte nur den Kopf und zog mich in den Schutz der Stämme, die Sidonys Hütte umstanden. Seine Hand umschloss mein Handgelenk ungewohnt fest und erst, als sein Griff sich löste, realisierte ich, dass ich die Luft angehalten hatte. Geräuschvoll atmete ich auf, bevor ich mich der Frage zuwandte, die wie Säure auf meinen Lippen brannte.

"Was in Gottes Namen tut Ihr hier?" Mein Tonfall war ein einziger Vorwurf. Ethan hatte kein Recht, meiner Mentorin hinterherzuspionieren, geschweige denn, ihre Gespräche zu belauschen.

"Ich halte Euch davon ab, einen Fehler zu begehen", versuchte er dennoch, sich zu rechtfertigen.

"Und private Gespräche mithören ist kein Fehler?" Ich versuchte nicht einmal, meine Entrüstung zu verbergen. Seine Anwesenheit hier bestätigte meine schlimmsten Vermutungen. "Nach allem, was die Hexen für uns getan haben, dankt Ihr es ihnen so? Ich hätte wirklich nicht erwartet, dass Ihr so tief sinken könntet."

"Was soll das denn bitte heißen?" Er verschränkte die Arme.

"Ihr wisst genau, wovon ich spreche", zischte ich. "Richtet Eurer Mutter meine Grüße aus."

"Das werde ich", schoss er zurück. "Gleich nachdem sie mich für Hochverrat hängen lässt. Glaubt Ihr wirklich, ich hätte nichts Besseres zu tun?"

"Ganz ehrlich?" Ich entgegnete seinem Blick. "Nein."

"Schön." Er verdrehte die Augen. "Glaubt, was Ihr wollt. Aber lasst Euch gesagt sein, dass die beiden da drin ..." Er nickte in Richtung der Hütte. "... wesentlich schlimmere Geheimnisse vor Euch bewahren als ich."

Perplex sah zurück zu Sidonys Hütte, bevor ich mich wieder dem Prinzen zuwandte. "Worauf wollt Ihr hinaus? Mit wem spricht Sidony?"

"Streitet", berichtigte er sofort. "Ich habe nicht viel sehen können, aber die andere Frau ist klein. Zierlich, braunes langes Haar und wahnsinnig aufgebracht."

"Calideya?" Ethans Beschreibung schien die Hexe der Wahrheit ziemlich genau zu treffen. "Was sollte sie mit Sidony zu besprechen haben?"

Ethan zuckte bloß die Schultern. "Hört selbst. Euer Name ist zwischen den Anschuldigungen mehr als einmal gefallen."

Für einen Moment fehlten mir die Worte, während ich zu entscheiden versuchte, worüber ich wütender war. Einen Beweis für Ethans Verrat zu finden, war schlimm, doch der Gedanke, dass die Hexen ein Geheimnis vor mir bewahrten ...

"Nein." Ich schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. "Ich werde nicht hier stehen und lauschen wie ein Spitzel."

"Es ist Eure Entscheidung", sagte er dann. "Aber ich an Eurer Stelle würde gut überlegen, ob eine Konfrontation zu diesem Zeitpunkt das Richtige ist. Geheimnisse sind schließlich nicht ohne Grund geheim."

Ich schauderte. Hatte er Recht? Und wenn ja, warum sollten die beiden etwas vor dem Rest des Zirkels – oder vor mir – verbergen? Ich warf einen letzten prüfenden Blick in Ethans Richtung. Er hatte die Arme verschränkt und schien nur auf meine Entscheidung zu warten.

Entschlossen schlich ich näher zur Hütte, bis ich direkt unter dem Buntglasfenster an der Rückseite kauerte. Mit klopfendem Herzen presste ich mich gegen die kalte Wand und wartete, bis mein Atem sich beruhigte. Dann wagte ich endlich, mich auf die beiden Stimmen zu konzentrieren – und konnte kaum fassen, was ich hörte.

"Du weißt, dass du es ihr sagen musst", zischte Calideya. "Sie hat ein Recht, es zu erfahren."

Ich vernahm Schritte, dann ein Seufzen. "Ich verstehe, was du meinst, aber ... manche Dinge sollten besser im Dunklen gelassen werden."

"Nicht, wenn wir dadurch unschuldige Menschen in Gefahr bringen!" Calideyas Stimme wurde lauter. "Es wird Tote geben! Und sie wird den Preis dafür zahlen, wenn wir sie nicht warnen."

"Und wenn wir sie warnen?" Sidonys Stimme war noch immer voller Ruhe. "Sie wird nie wieder Magie einsetzen, wenn sie um die Konsequenzen weiß. Ihr die Wahrheit zu sagen, bedeutet, das Land seiner Verdammnis auszusetzen, ist dir das bewusst?"

"Wir können kaum von ihr verlangen, den Preis für unsere Freiheit zu zahlen", bestand Calideya. "Sie hat es verdient, die Wahrheit zu erfahren!"

"Nein." Wieder waren Schritte zu hören. "Gladys sucht bereits nach einer Lösung. Wir können nicht ..."

Die Stimme wurde leiser, undeutlich, als Sidony das andere Ende des Raumes erreichte.

"... sie wird lernen, die Kontrolle darüber zu erlangen und niemand wird zu Schaden kommen."

"Aber genau darum geht es doch!" Calideyas Stimme war schrill. Ich hatte sie noch nie so aufgebracht erlebt. "Wir können sie nicht schützen. Nicht diesmal."

"Und du denkst, ihr Angst zu machen, ist der richtige Weg, um sie zu stärken?"

"Ich denke, Evangeline sollte erfahren, worum es hier geht! Die Vision war eine Warnung. Wir werden keine zweite erhalten."

Schockiert wich ich zurück.

Ich fühlte mich als hätte man mir soeben den Boden unter den Füßen weggezogen. Nur ein paar Minuten, ein paar einfache Sätze und meine Welt geriet erneut ins Wanken. Von welcher Gefahr hatte Calideya gesprochen? Und was hatte sie damit gemeint, dass es Tote geben würde und ich den Preis zahlte? Wie kam sie überhaupt dazu, das mit Sidony zu diskutieren, anstatt mit mir?

Heiße Wut begann, in mir hochzukochen. Brodelnd schoss sie durch meine Adern, sodass ich mich ruckartig aufrichtete. Ich würde die beiden zur Rede stellen. Sofort.

Erst, als ich herumfuhr, bemerkte ich, dass Ethan mir gefolgt war. Mit einem Mal stand ich näher vor ihm, als beabsichtigt. Ich hob den Kopf und unsere Blicke trafen sich. Von hier aus konnte ich sogar die hellen Sprenkel in seinen blauen Iriden erkennen. Eine halbe Welt, die zwischen mir und den beiden Hexen stand.

Ein Geräusch aus Sidonys Hütte rief mich zurück auf den Plan.

"Ich muss mit ihnen sprechen", verkündete ich entschlossen und versuchte, mich an Ethan vorbeizudrängen, doch seine Hände umschlossen meine Handgelenke wie Schraubstöcke und zwangen mich, ihn erneut anzusehen.

"Ihr solltet nichts Unüberlegtes tun." Sein Tonfall war ruhig. "Ihr wisst nicht, was Ihr anrichten könntet."

"Ich kann sehr gut für mich selbst entscheiden, was ich tue", zischte ich und riss mich los. "Also entschuldigt mich."

Ich war schon einige Schritte weit gekommen, als Ethan mich erneut packte.

"Ihr wisst nicht, worum es hier geht", begann er erneut. "Manche Dinge hören sich anders an, als sie eigentlich sind. Die Fantasie kann Euch einen üblen Streich spielen, versteht Ihr?"

"Und was interessiert Euch das?" Erneut versuchte ich, mich loszumachen, doch diesmal war er stärker. "Ihr wart es doch, der mich auf die beiden aufmerksam gemacht hat!"

"Und genau deshalb muss ich jetzt dafür sorgen, dass Ihr nichts tut, was Ihr später bereut."

Ich schnaubte. "Wie beispielsweise...?"

"Die beiden bloßzustellen." Aus Ethans Zügen sprach Ernst. "Wenn Ihr jetzt in diese Hütte geht und den beiden eine Szene macht, wird früher oder später der ganze Zirkel davon erfahren."

"Sollen sie doch!" Ich spuckte ihm meine Worte vor die Füße. "Was interessiert Euch das überhaupt?"

Zum ersten Mal zögerte Ethan mit seiner Antwort.

"Die Menschen hier müssen den Hexenmeistern vertrauen", erklärte er schließlich. "Als gespaltener, von Misstrauen erfüllter Zirkel werden sie nicht mehr lange existieren. Und keiner von uns wäre mehr in Sicherheit."

"Versucht nicht, mir etwas von Sicherheit zu erzählen, Prinz." Ich schleuderte ihm den Titel direkt ins Gesicht.

Für einen Wimpernschlag glaubte ich zu spüren, wie sich sein Griff um mein Handgelenk verstärkte, doch der Moment war so schnell vorüber, dass ich es nicht genau sagen konnte. Ethans Miene blieb unverändert.

"Sprecht mit Eurer Mentorin", sagte er tonlos. "Wenn Ihr unbedingt wollt, auch mit der anderen Hexe. Aber versucht ruhig zu bleiben. Ich verstehe, dass Ihr wütend seid, aber ich denke, wir beide wissen, wie viel Schaden ein Geheimnis anrichten kann."

Ethans Blick suchte meinen und ich wusste, dass er sich auf den Angriff aufs Schloss bezog – ein Geheimnis, das ihn sein Zuhause und hunderte andere Männer und Frauen das Leben gekostet hatte. Ich schwieg.

Ohne ein weiteres Wort löste sich sein Griff und der Prinz verschwand aus meinem Blickfeld. Aufgewühlt massierte ich mein rotes Handgelenk, während ich ihm nachsah. Warum störte es mich so sehr, dass er mir die Schuld an allem gab, was in jener Nacht passiert war? Immerhin trug er selbst keine weiße Weste. Was immer ihn zu Sidonys Hütte geführt hatte, es war ganz sicher nicht die Sorge um mein Wohl oder das des Zirkels gewesen. Unwillkürlich fragte ich mich, wie oft er das bereits getan hatte – mit den Schatten verschmelzen und die Menschen im Dorf belauschen. Beobachtete er mich, um Morrigan Bericht erstatten zu können? Wusste er von meinen Fortschritten? War er womöglich sogar gestern Abend dort gewesen, am Fluss, als meine Magie zum ersten Mal einen Menschen verletzt hatte?

Diese letzte Frage ließ mein Herz schneller schlagen und führte meine Aufmerksamkeit im selben Moment zurück zu Sidonys Hütte. Bevor ich mich dem Prinzen widmete, waren da noch zwei Hexen, mit denen ich ein Wörtchen zu reden hatte. Ich atmete tief, bevor ich schließlich zu Sidonys Tür marschierte.

Sowohl Sidony als auch Calideya erstarrten, als ich ohne zu klopfen die Hütte betrat. Entschlossen durchquerte ich den Raum und blieb direkt vor den beiden stehen.

"Was geht hier vor?" Meine Stimme war kühl, doch ich schaffte es, ruhig zu bleiben.

Sidony und Calideya tauschten einen alles sagenden Blick, doch als Calideya zu sprechen ansetzte, kam Sidony ihr zuvor.

"Du hast uns belauscht", stellte sie nüchtern fest.

"Meine Lektion hat vor einer Viertelstunde begonnen." Ich verschränkte die Arme. "Ich hatte alles Recht, hier zu sein. Und ich habe das Recht zu erfahren, worum es hier geht."

Sidonys Aufmerksamkeit wechselte von mir zu Calideya. Ihre Stimme war kälter, als ich es gewohnt war – strenger. Die großmütterliche Wärme, die sonst in ihren Worten schwang, war verschwunden. "Würdest du uns entschuldigen?"

"Nein." Ich trat einen Schritt weiter in den Raum und schnitt Calideya den Weg ab. "Du hast von einer Gefahr gesprochen. Einer Warnung. Was hast du gesehen?"

Sie zögerte und Sidony nutzte den Moment, um zu uns zu treten. "Es obliegt noch immer Gladys, die Visionen unserer Seher zu deuten. Weder du noch Calideya solltet voreilige Schlüsse ziehen."

Sie bedachte Calideya mit einem Blick, der keine Widerrede duldete. Die Hexe der Wahrheit zögerte zwar, doch schließlich wandte sie sich ab.

"Wir sehen uns später.", murmelte sie in meine Richtung. Dann verließ sie die Hütte.

Sobald die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, wandte ich mich an Sidony.

"Seit wann vertuschen die Hexenmeister wichtige Informationen?", fragte ich. Der Vorwurf in meinen Worten war unüberhörbar.

Sidony seufzte. "Es ist anders, als du denkst."

"Woher willst du das wissen?" Trotzig hob ich das Kinn. So leicht würde sie nicht davonkommen. "Wovor wollte Calideya mich warnen? Was hat sie gesehen?"

Sidony wich meinem Blick aus und starrte an mir vorbei auf eines ihrer Regale. "Was Calideya und ich diskutiert haben, betrifft nicht nur dich. Die Entscheidung, wer davon erfahren sollte und zu welchem Zeitpunkt, ist noch nicht gefallen."

"Das klang für mich anders." Ich straffte die Schultern. "Calideya war überzeugt, dass ich davon erfahren sollte."

"Entgegen ihres Ranges hat Calideya die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen." Sidonys Ton war bitter. "Es obliegt noch immer Gladys zu entscheiden, wie mit Calideyas Wissen verfahren wird."

"Auch, wenn Menschen in Gefahr sind?" Ich erinnerte mich noch haargenau an Calideyas Worte. Sie war die beste Seherin des Zirkels. Wenn sie sagte, sie hätte den Tod eines Menschen vorausgesehen, durfte keiner von uns das auf die leichte Schulter nehmen. Ganz besonders Sidony sollte das wissen.

"Gladys ist die Hexe des Lichts und die Vorsteherin des Zirkels", hielt sie dennoch dagegen. "Es ist ihre Aufgabe, aus Calideyas Vorhersagen die richtigen Handlungen für den Zirkel abzuleiten. Ganz besonders, wenn Menschen in Gefahr sind."

"Wer?", fragte ich ungeduldig. "Wer ist in Gefahr?"

Der Gedanke daran, dass Calideya Morrigans Rückkehr gesehen haben könnte, jagte mir eisige Schauer über den Rücken. Und dann war da noch die Sache mit Conan. Die Art, wie er zurückgezuckt war, mich angesehen hatte – völlig entsetzt.

"Wer ist in Gefahr?", wiederholte ich eindringlich, als Sidony noch immer nicht antwortete. "Geht es um Conan?"

Es war nur ein Schuss ins Blaue gewesen, doch an der Art, wie Sidonys eiserne Miene schlagartig in sich zusammenfiel, erkannte ich, dass mehr dahintersteckte. Mir wurde flau im Magen.

"Es ist Conan, nicht wahr? Er ist in Gefahr."

Sidony hielt noch immer an ihrem Schweigen fest, doch die Stille wirkte mit einem Schlag nicht mehr wie eine Rüstung, die sie umgab, sondern vielmehr wie ein Rettungsanker, an den sie sich klammerte, um dem tosenden Strudel der Wahrheit zu entkommen.

"Ich habe Conan gestern verbrannt", gestand ich leise. "Wir haben einfach nur Magieströme getauscht. Ich wollte nicht, dass –"

Ich brach ab, als Sidony mich ansah.

"Ich wollte ihn nicht verletzen", murmelte ich.

Sidonys Blick ging mir durch Mark und Bein. Es war derselbe Ausdruck, den ich auch schon in Conans Miene gelesen hatte. Eine Mischung aus Mitleid und Entsetzen. Panik – vielleicht sogar das.

"Du hast die Kontrolle verloren?", hakte sie seltsam unsicher nach.

"Nein ... Ja ... Ich meine ..." Verzweifelt suchte ich nach den richtigen Worten. "Es war seltsam. Als würde er mit einem Mal allergisch auf meine Magie reagieren. Doch das kann nicht sein, oder? Wir haben schon so oft Magieströme getauscht und nie –"

Ich senkte den Blick. "Ich weiß nicht, was diesmal anders war."

"Ich muss mit Gladys sprechen." Sidony trat zu mir und setzte bereits an, mir die Hände auf die Schultern zu legen, wie sie es manchmal tat, wenn ich aufgeregt war. Im letzten Moment zögerte sie jedoch und ließ die Arme sinken. "Am besten, du trainierst weiter wie bisher. Und keine Magie in der Nähe des Jungen, verstanden?"

Sprachlos starrte ich sie an. Nicht einmal, nachdem sie von Conan wusste, war sie bereit, mir zu verraten, was hier vorging? Nicht einmal, wenn ich womöglich eine Gefahr für das Leben anderer war? Wie sollte ich trainieren, wenn ich nicht wusste, wen meine Magie als nächstes verletzte?

"Mach dir keine Sorgen", schob Sidony hinterher, als hätte sie meine Gedanken gelesen. "Alles wird gut. Gladys wird wissen, was zu tun ist."

Bevor ich auch nur ein Wort des Protestes herausbrachte, war Sidony an mir vorbei zur Tür getreten. "Wir sprechen später. Mach dir nicht zu viele Gedanken."

Einen Moment später war sie bereits aus der Tür, die mit einem lauten Quietschen hinter ihr ins Schloss fiel. Fassungslos starrte ich das verzogene Holz an, als könne ich Sidony allein durch die Kraft meiner Gedanken dazu bewegen, mir die Wahrheit zu offenbaren. Doch die Hütte und mein Inneres blieben still. Ich würde keine Antworten erhalten.

Der Rest des Tages verlief ohne Zwischenfälle. Ich hielt mich an meinen Trainingsplan, wie Sidony verlangt hatte, und verzichtete auf Frühstück oder Mittag, um Conan aus dem Weg gehen zu können. Die Ermahnungen der Meister hallten bald wie ein Singsang in meinem Kopf.

"Das kannst du besser."

"Du bist unkonzentriert."

"Streng dich an."

Doch ich war zittrig und nervös wie ein kleines Kind vor dem ersten Schultag. Ich musste wissen, was Calideya gesehen hatte. Und obwohl sich alles in mir sträubte, den Rat meiner Mentorin zu ignorieren, hielt ich es schließlich nicht mehr aus. Während meiner Abendlektion mit der Hexe der Heilung stand ich einfach auf.

"Entschuldige, Cybele", murmelte ich und schnappte meinen Umhang. "Ich hab da etwas vergessen. Ich ... muss los."

Ohne eine Antwort abzuwarten stürmte ich aus ihrer Hütte und rannte über den festgetretenen Pfad zum anderen Ende des Dorfes. In Calideyas Hütte brannte Licht und ich konnte mein Glück kaum fassen. Ohne Sidony, die sie zurückhalten konnte, würde Calideya mir sicherlich alles offenbaren.

Außer Atem stürmte ich in die Hütte. "Calideya, ich muss sofort wissen, was –"

Der Anblick, der mir entgegnete, ließ mich zurücktaumeln. Nicht Calideya saß an dem schweren Eichenholztisch in der Mitte des Raumes, sondern – "Conan?"

Atemlos stieß ich seinen Namen hervor, während meine Finger sich um die Tür krallten. "Was um alles in der Welt tust du hier?"

Er schien mindestens genauso überrascht wie ich. Aus großen Augen starrte er mich an.

"Ich ... warte auf Calideya. Wir sind zum Training verabredet, aber –" Er beendete seinen Satz nicht. Stattdessen erhob er sich und kam auf mich zu. "Ist alles in Ordnung?"

"Ja." Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück. "Ja, alles bestens."

"Sicher?" Er trat noch näher – so nah, dass uns kaum noch eine Armlänge trennte. Mein Herz begann, zu rasen. "Du siehst bleich aus. Was ist los?"

"Es ist nichts." Mir gelang es kaum, das Zittern meiner Hände aus meiner Stimme fernzuhalten. "Ich sollte gehen."

Ich war schon fast aus der Tür, als Conan mich einholte.

"Warte." Von einem Augenblick zum nächsten hatte sich seine Hand um meine geschlungen und mich zu sich herumgezogen.

Mir brach kalter Schweiß aus, als ich spürte, wie meine Magie auf ihn reagierte. Nein.

Als wäre ich es, die sich diesmal verbrannt hatte, zog ich meine Hand aus Conans.

"Bleib weg von mir", fuhr ich ihn an und wich einige Schritte zurück in die Hütte. Conans verständnisloser Blick traf mich wie ein Peitschenhieb. Für einen Moment glaubte ich, dass ich deutlich genug gewesen wäre, doch dann streckte er erneut eine Hand nach mir aus.

"Evangeline, bitte." Seine Stimme war ruhig. "Wenn es darum geht, was gestern Abend passiert ist, tut es mir leid. Ich habe überreagiert."

"Du hast –" Fassungslos sah ich ihn an. Ich hatte ihn verletzt und jetzt gab er sich die Schuld dafür?

"Ich hätte dich nicht einfach stehen lassen sollen", fuhr er fort. "Ich war einfach überfordert. Aber du konntest genauso wenig dafür wie ich. Lass es mich wieder gut machen."

Er trat noch näher und versuchte ein drittes Mal, meine Hand zu nehmen, doch diesmal wich ich ihm schnell genug aus.

"Du verstehst nicht." Verzweifelt sah ich ihn an. "Meine Magie ... Du musst dich von mir fernhalten."

"Es war nur ein Zufall", hielt er dagegen und sein Blick war so voller Mitgefühl, dass sich mein Innerstes verkrampfte. "Es wird kein zweites Mal vorkommen."

"Das kannst du nicht wissen." Meine Stimme war schrill. "Conan, ich bin eine Gefahr für dich. Calideya hat es gesehen und Sidony ... Ich weiß nicht, wie genau es zusammenhängt, aber du musst dich von mir fernhalten."

Einen Moment lang hielt er inne und ich glaubte bereits, es wäre mir gelungen, ihn zu überzeugen, als er den Kopf schüttelte. "Du hast Angst, das verstehe ich. Aber ich werde jetzt nicht gehen. Lass mich dir helfen."

Er trat noch einen Schritt näher und mein Herz machte einen Satz. Bevor ich auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte ich mich an ihm vorbeigeschoben und rannte. Blut pulsierte durch meine Adern und ich kämpfte um Atem, sog verzweifelt Luft in meine Lungen, während Panik meine Kehle zuschnürte. Ich hatte die ersten Häuser fast erreicht, als eine Gestalt in meinen Weg trat.

Ehe ich reagieren konnte, hatte sie die Hand erhoben und eine Windböe riss mich von den Füßen. Ich stöhnte, als mein Rücken auf die Erde schlug und alle Luft aus meinen Lungen gepresst wurde.

"So sieht man sich wieder, Lady Evangeline." Die Stimme der Königin triefte nur so vor altbekannter Süße. "Und welch eine Vorstellung du uns zu diesem Anlass bereitest. Beeindruckend, wahrlich beeindruckend."

Es kostete mich jeden Funken Kraft, wieder auf die Beine zu kommen. Schmerz pochte in meinem Rücken, während mein Magen sich umzustülpen schien und ein einziger Gedanke mein Bewusstsein einnahm.

Das hier – das war der Moment, auf den alles hinauslief.

Jede Stunde, die ich trainiert hatte, jede schlaflose Nacht, jeder Zuspruch der Hoffnung – in diesem Moment würde sich entscheiden, ob all das umsonst gewesen war. Und obwohl ich damit gerechnet hatte – obwohl ich gewusst hatte, dass dieser Moment früher oder später kommen würde – durchbohrte Morrigans Anblick mich wie ein Damoklesschwert.

Langsam trat sie nach vorn, bis sie kaum noch eine Handbreit von mir entfernt war. Der herbe Duft ihres Parfums kitzelte in meiner Nase, als sie sich zu mir beugte.

"Lass mich dir ein kleines Geheimnis verraten", flüsterte sie an meinem Gesicht. "Du hast die falsche Seite gewählt."

Mit der Ruhe einer Kriegsherrin, die bereits wusste, dass der Sieg ihr gebührte, richtete sie ihre Handflächen auf den Boden unter meinen Füßen. Jeder kleinste Funken Hoffnung, dass Gladys übertrieben hatte, verlosch, als ich das Summen ihrer Magie in der Luft um mich wahrnahm.

Mir blieb keine Gelegenheit, auszuweichen. Im selben Augenblick verflüssigte sich das Erdreich unter meinen Sohlen und ich sackte ab. Schlamm wand sich wie kopflose Schlangen um meine Knöchel und Waden. Instinktiv versuchte ich, meine Füße aus der Erde zu ziehen, zur Seite zu treten und den Schlamm abzuschütteln – doch ich scheiterte. Morrigans Magie ließ das Erdreich an mir haften wie eine zweite Haut und innerhalb weniger Augenblicke war ich bis zu den Knien in Ranken aus Schlamm gefesselt. Ohne auch nur einen Befehl zu flüstern, ließ Morrigan die Erde wieder erstarren. Ich war gefangen.

"Was sagst du", wisperte Morrigan, während sie eine Kette aus ihrem Mieder zog, die ich zuvor nicht bemerkt hatte. "Sollen wir dich von der schrecklichen Last der Magie befreien?"

Ihre Faust war um einen Teil der Kette geschlungen und ich konnte den Blick nicht von ihren Knöcheln wenden. Ihre Worte trafen einen Punkt tief in mir – den Punkt, an dem der Glaube an meine Magie mit der Angst vor meinen Fehlern kämpfte. Ich hatte die ganze Zeit über mit dem Feuer gespielt, aber in diesem Moment hieß ich die Flammen zum ersten Mal willkommen. Was hielt mich noch zurück? Was bedeutete es, diese Kräfte zu besitzen, wenn ich nicht einmal mich selbst retten konnte?

Wut verwandelte meine Hände in Fäuste und meine Gedanken in Entschlossenheit. Blitzartig riss ich meine Arme nach vorn und erhob die Handflächen gegen Morrigan. Magie pulsierte in einem knisternden Sturm durch meine Adern und meine Lippen formten die vertrauten Befehle. Der Wind gehorchte. Ich spürte, wie sich die Luft in Wirbeln an meinen Seiten sammelte – bereit Morrigan davonzufegen.

Aber bevor das letzte Wort meine Lippen verließ, öffnete sich ihre Faust. Auf ihrer Handfläche lag ein goldener Ring mit einem einzelnen grünen Stein in der Mitte. Das Metall glühte wie flüssiges Feuer und ich spürte das Ziehen in meinem Inneren, ehe ich begriff, was geschah.

In dem Moment, als Morrigan begann, die Formel zu rezitieren, fiel der Sturm in sich zusammen. Die Magie, die noch Sekunden zuvor wie Blut durch meinen Körper gejagt war, verebbte in Strudeln, als hätte sie plötzlich die Richtung verloren. Ich öffnete meine Fäuste, nur um sie erneut zu ballen und sammelte all meine Konzentration, um die Kraft ein weiteres Mal zu kontrollieren. Das Kribbeln erreichte meine Fingerspitzen nur einen Moment später. Magie schoss aus der Erde und der Luft um mich herum und ballte sich in meinem Inneren zu einem Pulverfass, dem nur ein Funken fehlte.

Noch nie zuvor hatte ich so viel Magie auf einmal beschworen. Es fühlte sich an, als würde ich über einen Felsgrat wandern – ein falscher Schritt, ein Moment, in dem ich die Konzentration verlor – und ich würde fallen.

Und genau das tat ich.

In dem Moment, als Morrigan meine Finger auseinanderbog und den Ring in meine Handfläche presste, ergoss sich die Magie wie ein Tsunami aus meinem Inneren. Funken stoben von meiner Haut und Hitze erfüllte meinen Körper wie ein Fieber. Meine Dämme brachen und ich konnte nichts tun, außer zuzusehen, wie der Ring in meiner Hand Feuer fing, während mein Innerstes entzweiriss.

Mit aller Kraft kämpfte ich gegen die Flut der Dunkelheit, die mich einzunehmen drohte. Erinnerungen an letzte Nacht schossen durch meine Gedanken – Conans entsetzter Blick und Sidonys nervöse Nachfragen, Calideyas panische Warnungen und das nagende Wissen in mir selbst. Magie quoll aus mir wie Blut, doch in diesem Moment presste ich meine Hände auf die Wunde und betete, dass es genug sein würde, um das Schlimmste zu verhindern.

"Du versuchst, es mir schwer zu machen, was?" Morrigans Lächeln war animalisch. "Du hast ja keine Ahnung, worauf du dich einlässt."

Mit einem Ruck nahm sie meine Hände, bis ihre Handflächen den Ring zur Hälfte umschlossen. Ihre Magie drang wie eine Lanze in meinen Körper. Ich keuchte auf, als die Spitze den Riss in meinem Inneren erreichte, den ich so verzweifelt zusammenzuhalten versuchte – der Ort in mir, hinter dem sich Monster verbargen. Für einen Moment hielt Morrigan inne und mir gelang es, ihren Blick zu fangen.

"Tut ... das nicht", krächzte ich. Doch es war zu spät.

Mit alles verheerender Gewalt öffnete Morrigans Magie die Tore und Schwärze blutete aus dem Riss. Unkontrolliert zogen meine Muskeln sich zusammen, ließen mich zittern und tanzen, während meine Handflächen sich von Minute zu Minute hitziger anfühlten. Es war, als hätte man zu viel Strom in meinen Kreislauf gepumpt – ein Kurzschluss war unvermeidlich.

Als ich spürte, wie sich die Ranken um meine Knöchel lösten, war es bereits zu spät.

Die Erde, die mich gefesselt hatte, zerstob zu Asche und ich verlor das Gleichgewicht. Hilflos taumelte ich nach vorn – direkt in Morrigans Arme. Mein Körper brannte lichterloh und mittlerweile war es nicht nur die Magie, die aus mir drang, sondern auch das Leben. Mein Herz schlug schmerzhaft gegen meine Rippen und mein Atem war ein Stakkato scharfer Luftzüge. Dennoch hatte ich das Gefühl, zu ersticken. Schwarze Punkte begannen, vor meinen Augen zu tanzen und ich spürte, wie meine Beine nachgaben, als mich Hände an den Schultern packten und zurückzerrten.

Die Bewegung kam so unverhofft, dass ich stolperte. Mein Körper ächzte, als sich meine Finger aus Morrigans lösten. Bevor ich auch nur eine Chance hatte, fiel ich. Mit einem dumpfen Aufprall schlug mein Hinterkopf auf die Erde. Mein Atem ging schwer und noch immer schien mein Innerstes in Flammen zu stehen. Aus der sich auflösenden Schwärze vor meinen Augen schälten sich vertraute Züge.

"Evangeline?" Conans Stimme war panisch. "Evangeline, kannst du mich hören?"

Etwas in mir regte sich und ich spürte, wie ich die Lippen bewegte, doch kein Laut verließ meine Kehle.

"Evangeline", wiederholte Conan und seine Hände, die zuvor meine Schultern umfasst hatten, glitten nun an meinen Armen herab. Sofort kehrte die Panik zurück und mein Herz galoppierte. In dem Augenblick, als er meine Hände in seine nahm, implodierte meine Welt.

Ich spürte die Magie tief in mir rebellieren – und wie einen Staudamm die Grenzen meiner Kontrolle sprengen.

"Conan, nicht –" Meine Warnung war ein atemloses Keuchen, als ich versuchte, meine Finger zu befreien. Mein flehender Blick traf seinen und ich erkannte Entsetzen, als ihm klar wurde, welchen Fehler er begangen hatte.

Wie Magnete zog unsere Magie sich an und machte eine Trennung unmöglich. Funken begannen, zwischen unseren Fingerspitzen zu sprühen. Conan stöhnte, doch ich konnte nur hilflos zusehen wie meine Magie mit ungeahnter Gewalt in ihn drang. Er zuckte und seine Augen verdrehten sich, bis nur noch das Weiße zu erkennen war. Energie pulsierte in meinen Fingerspitzen wie ein eigener Herzschlag, der pure Elektrizität durch meine Adern pumpte.

Ich nahm Conans Magie – nahm sie in mich auf wie die Luft, die ich atmete und ließ nichts zurück. Die Kraft der Gier in meinem Inneren bereitete mir Entsetzen, doch so sehr ich auch versuchte, den Bund zu lösen, gelang es mir nicht. Verzweifelt rief ich meine eigene Magie zu mir, versuchte sie zurück an jenen dunklen Ort zu drängen, den Morrigan wie einen tiefen Abgrund in mir geöffnet hatte. Doch anstelle wieder in der Schwärze zu versinken, sprudelte nur noch mehr dieser dunklen, bösartigen Magie aus meinen Fingerspitzen und überzog Conans Hände mit glühenden Narben.

Ich schluchzte auf. Jeder Nerv und jeder Muskel in meinem Innersten stemmte sich gegen das Monster, das die Magie aus mir machte – und doch war ich hilflos. Conan schrie mittlerweile vor Schmerzen und ich konnte nichts tun als die unbändige Energie zu spüren, mit der sein Leben und seine Kraft auf mich überging.

Zu spät bemerkte ich den Schatten, der über uns fiel. Als ich den Blick von Conan nahm, entdeckte ich Morrigans Gestalt hinter uns. Ihre Arme waren ausgestreckt, die Handflächen auf uns gerichtet und an der Kette auf ihrer Brust glühte noch immer der Ring. Bevor ich eine Warnung schreien konnte, erfasste ein Windstoß Conans Körper. Mit ungeheurer Kraft riss die Böe ihn von mir und schleuderte ihn meterweit gegen eine Hauswand. Hilflos sah ich zu, wie er zu Boden sackte – seine Hände überzogen von rotem Narbengewebe und seine Augen leer.

Im nächsten Moment stand Morrigan über mir.

"Dieser Krieg hat gerade erst begonnen", sagte sie, während sie den Ring zurück in ihr Mieder schob. "Deine Welt wird brennen."

Im selben Moment schlugen Flammen aus der Erde, die mich umgab. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich die Wiese in ein Inferno und über dem Knistern des Feuers hallte Morrigans Lachen in meinen Ohren.

Morrigans Lachen und ... Schreie.

Die nächsten Augenblicke flossen zäh wie Honig durch mein Bewusstsein. Die Welt um mich versank hinter einem Schleier, bis nur noch die Flammen und das Rauschen des Blutes in meinen Ohren existierten. Mein Herz schlug gegen meine Rippen und mit jedem Atemzug schluckte ich Asche und Staub. Alles in mir sehnte sich nach Ruhe. Danach, einfach liegenzubleiben, die Augen zu schließen und das Leben verstummen zu lassen. Wäre da nicht die Erinnerung an Conan, an den Schmerz in seinem Blick und die Geschwindigkeit, mit der die Böe ihn von mir gerissen hatte, die Art, wie er zu Boden gesackt war. Leblos.

Ein Zischen drang durch meine zusammengebissenen Zähne, als ich mich aufrichtete. Die Hitze des Feuers brannte auf meiner Haut und trieb mir die Tränen in die Augen, doch ich hatte keine Wahl. Mit dem letzten Rest Selbstbeherrschung, den ich aufbringen konnte, rief ich den Wind zu mir. Ich erinnerte mich an die Trainingseinheiten mit Aurica, wenn ich die Kontrolle über das Feuer verloren und mit anderen Elementen geschummelt hatte. Die Worte perlten so leicht von meinen Lippen, als hätten sie nur darauf gewartet, ausgesprochen zu werden. Innerhalb von Sekunden starben die Flammen, bis mich nur noch Ascheflocken und verbrannte Erde umgaben.

In der Zeit eines Wimpernschlages kehrte die Welt zurück. Schreie und das Klirren von Metall echoten in meinen Ohren. Keine zehn Schritte entfernt – in den Gassen des Dorfes – tobte der Kampf. Ich erkannte einige der Hexen – Novizen, die vor oder nach mir trainierten – zwischen den roten Uniformen der königlichen Soldaten. Männer und Frauen wirbelten in einer brutalen Choreografie umeinander. Magie traf auf kalten Stahl, Holzstöcke auf Rüstungen. Funken stoben, als eine Hexe des Feuers von einem Soldaten bedrängt wurde. Schreie und Befehle an die Magie schwollen zu einem ohrenbetäubenden Lärm und Morrigans Männer krümmten sich unter Schmerzen oder spuckten Wasser, als wären sie im Begriff zu ertrinken. Einen Augenblick lang glaubte ich sogar, Sidony unter den Kämpfenden zu entdecken.

Erst, als ein Stein nur eine Handbreit an meinem Kopf vorbeizischte, kam ich in Bewegung. Ein Schritt, zwei Schritte, drei. Ich wollte nicht darüber nachdenken, dass dieser Kampf mir galt, dass ich versagt hatte und trotzdem noch lebte. Ich wollte nicht wissen, warum Morrigan verschwunden war oder was in diesen Augenblicken passiert war. Ich wollte nur eines: spüren, dass Conan lebte. Spüren, dass ich nicht das Monster war, für das ich mich hielt.

Atemlos fiel ich neben seinem zusammengesunkenen Körper auf die Knie. Meine zitternden Finger berührten sein Handgelenk, suchten vergeblich nach einem Puls und streiften dabei die Narben, die groß und wulstig seine Haut bedeckten. Die Erkenntnis, dass ich das getan hatte, brachte mich beinah um den Verstand. Der Moment, als ich begriff, dass ich seinen Puls nicht finden würde, gab mir den Rest. Verzweifelt presste ich meine Finger an seinen Hals, meine Hände auf sein Herz und versuchte mich an die Zahlen zu erinnern, die das Leben zurück in seinen Körper pumpen würden. Zwanzig? Dreißig? Wie stark musste ich pressen?

Meine Lippen bebten und schließlich konnte ich mich nicht länger zurückhalten. Zitternd ließ ich die Hände sinken, während ein Schluchzen aus meiner Kehle brach.

Zu spät bemerkte ich den Schatten, der über uns fiel. Als ich herumfuhr, erkannte ich Sidony.

"Morrigan ...", murmelte ich hilflos. "Sie hat ... Ich wollte nicht ... Er braucht Hilfe."

Sidony entgegnete nichts. Schweigend stieg sie über Conans Körper, bevor sie sich an seine Seite kauerte.

"Was ist mit Morrigan?", fragte ich leise. Der Gedanke, sie könnte noch immer da draußen sein, zwischen den Hexen und nur darauf warten ...

"Sie hat den Rückzug angetreten." Sidonys Tonfall war so nüchtern, dass ich nicht sicher war, ob die Gestalt, die ich vorhin im Kampf entdeckt hatte, tatsächlich sie gewesen war. Es musste so sein, doch die unterkühlte Art, mit der sie zuerst Conan und dann mich musterte, hatte nur wenig mit der Frau gemein, die ich kannte.

"Das war nicht Morrigan, richtig?", folgerte sie ohne den Blick von Conans Händen zu heben. "Das warst du."

"Er hat ... Ich konnte nicht ..." Verzweifelt suchte ich nach Worten, die entschuldigen würden, was ich getan hatte, doch ich fand keine. Es gab keine Worte, keine Erklärung, die die Narben auf Conans Haut heilen würde. Ich war ein Monster und ich sah diese Erkenntnis auch in Sidonys Blick.

"Lass ihn los", forderte sie streng. "Lass ihn los, Evangeline. Sofort."

Zögernd bettete ich seinen Kopf auf den harten Boden, bevor ich zurückwich. Mein Blick schweifte über meine eigenen Hände, die trotz allem unversehrt geblieben waren, dann zu Conans Körper, der nun in Sidonys Schoß ruhte. Ich sah, wie ihre Lippen sich bewegten und sie Zauber um Zauber murmelte, immer schneller und schneller. Ihre Hände lagen auf Conans Brust, als könne diese einfache Berührung sein Herz wieder zum Schlagen bringen.

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ohne Nachzudenken wandte ich mich ab und rannte. Der Kampf in den Gassen hatte sich gelegt, doch im Schutz der Häuser und auf der Wiese, die an den Wald grenzte, kauerten noch immer Hexen. Sie beugten sich über die Verletzten und heilten Schnitte und Stichwunden. Das Gras war braun und klebrig vom Blut des Kampfes. Die Verheerung raubte mir den Atem. Die Luft war schwer vom Geruch nach Eisen und Übelkeit wallte in mir auf, als ich all die Verletzen sah, um die sich die Heiler bisher noch nicht hatten kümmern können.

Ich hatte kaum einen Fuß auf den schmalen Pfad in Richtung Wald gesetzt, als eine der Hexen den Kopf hob. Calideyas Blick war düster. Sie kniete neben dem leblosen Körper eines Jungen, die Hände auf eine blutende Wunde an seiner Seite gepresst.

"Ich wollte dich warnen", murmelte sie tonlos. "Nichts Gutes kann von einer Magie wie dieser kommen. Du wirst ihren Preis bezahlen."

Ihre Worte versetzten mir den letzten Stoß. Wie in Trance stolperte ich zwischen den Körpern der Verletzten hindurch, bis ich Sidony, Calideya und alle Erinnerungen daran, was geschehen war, weit hinter mir ließ. Äste zerkratzen meine Arme und Beine, doch ich hieß den Schmerz willkommen. Immer tiefer schlug ich mich in den Wald, bis sich der Pfad unter meinen Füßen verlor und ich über Wurzeln und Unkraut stolperte. Als würde es mir dieses Mal gelingen, vor meiner Schuld zu fliehen. Als könne ich vor dem weglaufen, was in mir steckte.

Tränen verschleierten meine Sicht, doch Conans Züge verfolgten mich, wohin ich mich auch wandte. Seine leblosen Augen, die Narben auf seinen Handrücken. Das war ich gewesen. Ein Monster. Eine Mörderin.

Kapitel 4

Sie fuhr hoch und riss die Augen auf, den Mund zu einem stummen Schrei verzerrt. Die Bilder ihres Alptraums standen ihr noch immer klar vor Augen; das kalte Mondlicht konnte sie nicht vertreiben. Ihr Atem ging schnell; die kleine Brust hob und senkte sich unter dem weißen Nachthemd. Angstschweiß perlte von ihrer Stirn und Gänsehaut überzog ihren erstarrten Körper. Die anderen Kinder lächelten selig im Schlaf.

Mit einem Ruck sprang sie auf. Die nackten Füße klatschten auf die Holzdielen, als sie aus dem Raum stürmte und quer über den Flur hastete. Die Bilder folgten ihr, ließen sich nicht abschütteln.

Vor der Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern hielt sie inne. Sie wollte zu ihrer Mutter. In den Arm genommen werden. Sie wollte, dass sie ihr über den Kopf strich und sagte, dass alles gut wäre, so wie immer. Aber sie ließ die Hand sinken.

Ihr Vater würde wütend werden, wenn sie ihn weckte. Sie hatte Angst. Zitternd kauerte sie sich vor der Tür zusammen und schlang die Arme um die Knie, während heiße Tränen über ihre Wangen rannen. Sie spürte nicht, wie die Kälte an ihr emporkroch.

Sie sah nur Feuer, entsetzliche, rote Flammen, die die Häuser verschlangen. Sie sah Menschen – Frauen und Kinder, die vor Schmerzen schrien, während ihre Haut vor Hitze Blasen warf. Sie sah das Entsetzen in ihren Gesichtern. Sie sah ihren Tod.

Kein Schrei kam über ihre Lippen, nicht einmal der leiseste Ton. Sie kannte das brennende Haus. Sie kannte die Menschen.

In einem Reflex griff sie nach der Vase, die auf der Kommode neben ihr stand. Ihre zitternden Hände verschütteten das Wasser und die Blumen. Gerade rechtzeitig konnte sie sich über die Vase beugen.

Sie erbrach sich. Mehrmals. Die Bilder verblassten und eine unglaubliche Erschöpfung überfiel sie.

Kraftlos stellte sie die Vase zurück auf die Kommode, bevor der Schlaf über sie kam und sie die Augen schloss. Noch immer zitterte sie. Die Knie umklammernd hockte sie auf dem kalten Boden vor der Tür.

Und genauso fanden ihre Eltern sie am nächsten Morgen.

Was hatte ich getan? Fassungslos starrte ich auf meine eigenen Hände herab. Ich zitterte am ganzen Leib und war dennoch kaum fähig, mich einen Schritt weiterzubewegen. Dornen und Äste hatten sich in meinen Kleidern und in meinem Haar verfangen und erst mein schwerer Atem rief mir in Erinnerung, wie weit ich gerannt sein musste.

Als ich mich umsah, erkannte ich kaum die Silhouetten der ersten Stämme. Meterhoch ragten sie über meinen Kopf und verschluckten all das Mondlicht, das die Umgebung noch hätte erhellen können. Ich brauchte eine Weile, um zu realisieren, dass mir dieser Ort nicht im Entferntesten bekannt vorkam. Farne und Jungbäume streiften meine Handflächen, während ich mich zögerlich im Kreis drehte. Vereinzeltes Knacken und Rascheln drang aus dem Unterholz, doch ich zuckte nicht einmal. Ich hatte nichts zu fürchten. Nicht, solange ich das wahre Monster war.

Erneut sah ich an mir herab. Wie hatte es nur soweit kommen können? Nach allem, was ich versucht hatte, nach all dem Training und den Beteuerungen, dass wir eine Chance hatten ... Himmel, ich hatte begonnen, wieder daran zu glauben, dass Happy Ends existierten.

"Und jetzt sieh dich an", murmelte ich bitter. Widerwillig nahm ich die Tränen wahr, die in meine Augen stiegen. Brennende, heiße, salzige Tränen, die mich endgültig in das Wrack verwandeln würden, das ich war.

"Verdammt!" Fluchend blinzelte ich den flüssigen Beweis meiner Schwäche weg und begann, mich in die Richtung zu schlagen, aus der ich gekommen zu sein glaubte. Harscher als nötig schob ich Blätter und Zweige aus meinem Weg, bis mich irgendwann ein Geräusch innehalten ließ.

Stimmen.

"Evangeline?" Die Rufe wurden lauter und mittlerweile vernahm ich sogar das Knacken von Schritten im Unterholz. "Evangeline!"

Ich war bereits versucht, zu laufen, doch ich wusste, dass sie nicht aufgeben würden, ehe sie mich gefunden hatten.

"Bleibt zurück!" Angespannt lauschte ich. Tatsächlich war das Geräusch der Schritte verstummt.

"Evangeline, Liebes, komm zurück." Eindeutig Sidonys Stimme.

"Wir können dir helfen." Das war Calideya. "Es wird alles gut."

Erneut setzte das Knacken ein. Sie näherten sich.

"Keinen Schritt weiter!" Meine Stimme zitterte. "Bleibt, wo ihr seid!"

"Evangeline, bitte..." Wieder Sidony. "Du musst dich nicht fürchten."

"Lasst mich in Ruhe!" Mein Schrei hallte bis in die Wipfel und schreckte eine Eule auf. Kreischend zischte sie über meinen Kopf und verschwand in der Dunkelheit.

Brechende Zweige und das Rascheln von altem Laub versetzen mich endgültig in Panik. Hals über Kopf fuhr ich herum und begann, zu laufen.

"Evangeline!" Die Stimmen verwischten in einem Orkan brechender Zweige und zerschlagener Blätter. Atemlos stolperte ich über Ranken und Wurzeln. Dornen rissen an meinen Kleidern, doch ich nahm es kaum wahr. Zu viel hing davon ab, dass ich Land gewann. Den größtmöglichen Abstand zwischen mich und die Hexen brachte. Nach und nach verstummten die Rufe, doch ich wagte nicht, anzuhalten.

Erst, als das Seitenstechen so stark wurde, dass ich kaum noch Luft bekam, verlangsamte ich meine Schritte. Stolpernd und taumelnd legte ich noch einige Meter zurück, bis eine Wurzel mein Schicksal schließlich besiegelte. Mit einem dumpfen Stöhnen ging ich zu Boden und fand nicht die Kraft, mich erneut aufzurichten. Tränen brachen in atemlosen Schluchzern aus mir hervor, während die Erinnerung an Conans leblosen Körper nicht aus meinen Gedanken weichen wollte.

Ich hätte mich niemals darauf einlassen sollen, dieses Dorf zu betreten. Hätte niemals hinnehmen sollen, wie schnell ich meine neuen Talente meisterte, während andere jahrelang um diese Fähigkeiten kämpften. Wie um alles in der Welt hatte ich glauben können, es wäre tatsächlich so einfach? Wie hatte ich auch nur für einen Moment annehmen können, ich hätte tatsächlich die Kontrolle?

Ich schreckte hoch, als sich etwas Spitzes in meinen Handrücken bohrte. Wilde Flügelschläge und scharfe Krallen, die sich in meine Haut gruben, hießen mich in der Welt der Lebenden willkommen. Desorientiert schlug ich um mich, bis der Rabe krächzend den Rückzug antrat und ich kerzengerade auf dem feuchten Waldboden saß. Ich erinnerte mich kaum daran, dass ich eingeschlafen war, doch das schmerzhafte Ziehen mit dem mein Körper sich bemerkbar machte, kündete von meiner Erschöpfung. Meine Kleider waren durchnässt vom Morgentau und in meinem Gesicht klebten Erde und Blattreste.

Wie ein Wasserfall stürzten die Erinnerungen an letzte Nacht auf mich ein und ich kämpfte, nicht darin zu ertrinken. Was einmal geschehen ist, kann niemand zurücknehmen, erinnerte ich mich daran, was Gran immer zu sagen pflegte, wenn ich im Streit etwas Unbedachtes zu Maggie oder meinen Eltern gesagt hatte, Was du jetzt tun kannst, ist um Entschuldigung zu bitten und zu hoffen, dass dir verziehen wird.

Um Entschuldigung bitten. Ich war nicht sicher, dass Worte dieses Mal ausreichen würden.

Langsam richtete ich mich auf und fegte die Spuren der unruhigen Nacht von meinen Kleidern, während ich gen Himmel blinzelte. Das dichte Astwerk verbarg die Sonne fast gänzlich, sodass es unmöglich zu sagen war, welche Tageszeit herrschte oder in welche Himmelsrichtung ich mich wand. Langsam schritt ich die kleine Lichtung ab, während ich mir klarzuwerden versuchte, was ich jetzt tun sollte.

Ich musste die Stämme und Sträucher um mich herum nicht einmal genau mustern, um zu wissen, dass ich nichts davon erkannte. Ich hatte mich verlaufen, doch selbst wenn ich den Weg zurück in die Siedlung kennen würde, war ich nicht sicher, ob ich überhaupt zurückkehren sollte. Was ich getan hatte, war unverzeihlich und mittlerweile wusste das ganze Dorf davon. Ich konnte mir die Blicke lebhaft vorstellen, mit denen sie mich traktieren würden – das leise Wispern der Älteren und die großen, runden Augen der Kleinen. Nein, alles in mir sträubte sich gegen den Gedanken, noch einmal Fuß in dieses Dorf zu setzen.

Doch im selben Moment wusste ich, dass mir keine Wahl blieb. Wo sollte ich sonst hingehen? Wer würde mich aufnehmen – eine Gejagte und eine Mörderin? Nicht einmal den Rebellen würde ich erklären können, warum ich plötzlich allein erschien – ohne Conan. Allein der Gedanke an Rowans Gesichtsausdruck, wenn sie erfuhr, was ich getan hatte, sandte bittere Galle meinen Hals empor.

Nein, die Rückkehr ins Dorf war meine einzige Möglichkeit. Ich konnte nicht länger vor der Schuld weglaufen, die mir seit dem Angriff aufs Schloss auf den Fersen war. Ich konnte nicht länger meiner Angst und meinem Selbstmitleid nachgeben. Ich musste mich stellen – so viel war ich Conan schuldig.

Ein Rascheln ließ mich innehalten. Ich erstarrte in der Bewegung, während mich mit einem Mal das ungute Gefühl überkam, beobachtet zu werden. Atemlos lauschte ich. Die Stille bestätigte meine Vermutung. Ich war nicht länger allein.

Zu spät bemerkte ich den Schatten, der sich über mich senkte. Im Versuch auszuweichen, fuhr ich herum – und wurde zu Boden gerissen. Der Aufprall presste jegliche Luft aus meinen Lungen. Schmerz ließ mich aufstöhnen, während ich blinzelnd versuchte, die sich drehende Welt zum Anhalten zu bewegen.

Ein Gesicht schob sich mitten in mein Blickfeld. "Evangeline?"

Ich schnappte nach Luft.

"Ethan?", presste ich eher krächzend als sprechend hervor.

"Was um alles in der Welt tut Ihr hier?" Er wich zurück, als ich mich aufrichtete. "Und wie seht Ihr aus? Habt Ihr die Nacht hier draußen verbracht?"

Ich ignorierte seine Fragen, während ich den Schmutz von meinem Kleid klopfte. Dann hatte er also noch nichts gehört. Ich runzelte die Stirn, als ich feststellte, dass der Gedanke mich mit seltsamer Erleichterung erfüllte.

"Was ist passiert?" Er wirkte aufrichtig besorgt. "Ihr seht aus, als wäre ein Rudel Bären hinter Euch her gewesen."

"Wohl kaum." Ich vermied es, seinem Blick zu begegnen und setzte mich stattdessen in Bewegung. "Und was treibt Euch hierher?"

Anhand des Knackens der Zweige wusste ich, dass er mir folgte.

"Die Jagd", entgegnete er irgendwo hinter mir. Wir übertrafen uns heute Morgen wirklich an einsilbigen Antworten.

"Irgendwelche Erfolge?"

Für einen Moment herrschte Schweigen.

"Ein verdrecktes Mädchen."

"Was?" Gereizt fuhr ich herum.

"Oh, bitte, seht Euch doch einmal an." Er schmunzelte. "Es ist die Wahrheit."

Ich musste nicht an mir heruntersehen, um zu wissen, dass er Recht hatte. Die Lippen zusammengepresst wandte ich mich ab und stapfte weiter. Falls ich gedacht hatte, der nervtötende Prinz, den ich kannte, hatte sich in einen stillen Jäger verwandelt, hatte ich mich also offenbar geschnitten. Er war immer noch ein Vollidiot.

"Das Dorf ist in ziemlichem Aufruhr", kam es nach einigen Minuten erneut von Ethan. "Hat das etwas damit zu tun, dass Ihr hier draußen wart?"

"Das geht Euch nichts an." In Gedanken verfluchte ich den Moment, in dem ich ihm über den Weg gelaufen war. Seit wann folgte er mir überhaupt anstatt sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern?

"Wartet." Jetzt schloss er zu mir auf.

Ich wandte den Blick ab. "Ihr müsst mir nicht folgen."

"Ich folge Euch nicht." Sein besserwisserischer Ton raubte mir den letzten Nerv. "Wir haben offensichtlich dasselbe Ziel."

"Ach ja?", patzte ich und begriff im selben Moment, worauf er hinauswollte. Dann hatte ich also ohne es zu wissen, den Weg ins Dorf eingeschlagen.

"Klasse." Ich verdrehte die Augen. Am liebsten wäre ich umgekehrt und tiefer in den Wald gelaufen, an einen Ort, wo mich nicht einmal der Prinz finden würde, doch wenn ich jetzt stehenblieb oder eine andere Richtung einschlug, würde Ethan nachfragen. Himmel, er würde mir wahrscheinlich sogar folgen und mich weiterhin mit seinen nervtötenden Fragen löchern. Und das, obwohl er selbst kein unbeschriebenes Blatt war. Zum ersten Mal seit dem Angriff fiel mir auf, wie gut es passen würde: Ethan, der scheinbar grundlos vor Sidonys Hütte herumlungerte und ihre Gespräche belauschte. Ethan, der mich zuerst hinhielt, die Wahrheit zu erfahren und dann spurlos verschwand, als Morrigan aufkreuzte. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, ob er etwas mit dem Angriff zu tun hatte. Hatte er seiner Mutter verraten, wo wir uns aufhielten? Hatte sie durch ihn womöglich auch von der Verbindung zwischen Conan und mir erfahren? War er dafür verantwortlich, dass Conan jetzt –

"Wessen Mord plant Ihr gerade?" Ethans Frage ließ mich aus Gedanken schrecken.

"Was?"

"Euer Gesichtsausdruck." Er schmunzelte. "Als könntet Ihr Euch kaum zurückhalten, auf irgendetwas einzuschlagen."

Ich zuckte die Schultern. "Und wenn schon."

"Sie haben nach Euch gesucht", setzte der Prinz nur Minuten später erneut an.

Ich verzog die Lippen. "Dann wusstet Ihr also doch, was vorgefallen ist."

"Soweit würde ich nicht gehen." Ich bemerkte, wie er einen Farn aus seinem Weg schlug. "Aber die Rufe waren kaum überhörbar."

Ich entgegnete nichts. Was hätte ich auch sagen sollen?

"Hört mal." Er hielt so abrupt inne, dass ich nahezu in ihn gelaufen wäre. "Ich habe keine Ahnung, was momentan vorgeht und ehrlich gesagt, will ich es auch nicht näher wissen. Aber Ihr solltet nicht vergessen, dass meine Mutter noch immer da draußen ist. Sie ist gefährlich und ich denke nicht, dass es gut ist, wenn Ihr Euch ohne Begleitung soweit vom Dorf entfernt."

"Ach." Mit einem Schnauben schob ich mich an ihm vorbei. Eine Erinnerung an Morrigan, die wahrscheinlich in diesem Moment meinen Tod plante, hatte mir gerade noch gefehlt.

"Okay." Erneut schloss Ethan zu mir auf. "Das war dumm. Darf ich es ein zweites Mal versuchen?"

Ich sah ihn an. War das sein Ernst? "Lasst Euch von mir nicht aufhalten."

Für einen Moment wirkte er irritiert und ich nutzte die Zeit, um genügend Abstand zwischen uns zu bringen.

"Was ich eigentlich sagen wollte ...", kam es schließlich von irgendwo hinter mir. "... ist, dass ich mir Sorgen mache. Ich weiß, wie schnell meine Mutter einen Mordplan zur Hand hat und ehrlich gesagt erstaunt es mich, dass sie bisher noch nicht hier aufgetaucht ist."

"Ist das so?" Ich fuhr herum. "Vielleicht wollt Ihr ihr ja ein bisschen unter die Arme greifen? Warum sendet Ihr ihr keine Nachricht?"

"Evangeline." Mit einigen Schritten hatte er zu mir aufgeschlossen, doch ich wich ihm aus.

"Nein." Heftiger als erwartet schlug ich einen Farn beiseite, während ich meine Schritte beschleunigte. "Ihr mögt ein verdammt guter Schauspieler sein, aber was gestern geschehen ist, kann auch die schönste Maske nicht verbergen."

Ohne auf ein weiteres Wort von ihm zu warten, lief ich los. Mittlerweile war es mir egal, was geschah, wenn ich im Dorf ankam. Ich wollte nur noch weg von Ethan und allem, was seine Anwesenheit in mir auslöste.

Bis ich den Waldrand erreichte.

Ich hatte nicht damit gerechnet, in der Nähe von Calideyas Hütte den Wald zu verlassen. Ich hatte mit überhaupt nichts gerechnet, oder falls ich etwas erwartet hatte, wusste ich nicht mehr, was. Der Anblick, der sich mir bot, traf mich jedenfalls unerwartet. Wie eine Glaswand ließ er mich gegen die Grenze zwischen Wald und Dorf prallen und abrupt innehalten.

Das Gras rund um die Hütte war noch immer von braunen Flecken gesprenkelt, kleine Lachen und Abermillionen verteilter Spritzer dazwischen. Der Tau des Morgens hatte das getrocknete Blut wieder angefeuchtet, sodass ein durchdringender Geruch nach Eisen die Luft erfüllte. Mir wurde flau im Magen, als die Bilder der letzten Nacht erneut vor meinen Augen erschienen. Die verletzen Hexen, blitzender Stahl und fliegendes Feuer. Morrigan. Conan.

"Was um alles in der Welt ist hier passiert?"

Ich hatte nicht bemerkt, dass Ethan zu mir getreten war. Erschrocken fuhr ich herum und fand den Prinzen – zum ersten Mal seit ich denken konnte – mit einem Ausdruck blanken Entsetzens in seinen Augen.

"Krieg", sagte ich. "Ich dachte, damit seid Ihr vertraut."

Ohne den Blick von dem kleinen Schlachtfeld zu wenden, sprach er. "Es war meine Mutter, nicht wahr?"

Ich konnte nicht anders, als zu schnauben. "Das solltet Ihr von uns allen doch am besten wissen."

Jetzt hob er den Kopf und musterte mich. Sein Blick ruhte auf mir, als versuche er festzustellen, was ich in diesem Moment dachte. Dann wandte er sich ab.

"Ich weiß nicht, was Ihr damit anzudeuten versucht."

"Ach nein?" Dieselbe Wut, von der ich dachte, sie wäre mit dem Anblick des Schlachtfeldes verschwunden, kehrte nun mit voller Kraft zurück. "Dann wart nicht Ihr es, die Eurer Mutter unseren Aufenthaltsort verraten habt? Und es wart auch nicht Ihr, die das Gespräch zwischen Sidony und Calideya belauscht habt? Wollt Ihr mir allen Ernstes weismachen, Ihr würdet Euch nicht Tag für Tag in den Wald stehlen, um die Botschafter Eurer Mutter zu treffen? Wollt Ihr allen Ernstes darauf bestehen, das alles hier hätte nichts mit Euch zu tun?"

"Das hat es nicht." Seine Stimme war fest, als wäre er tatsächlich überzeugt, die Wahrheit zu sagen. Vielleicht rührte sein Talent, zu lügen daher, dass er zuallererst sich selbst belog. Doch das hieß noch lange nicht, dass ich es ihm genauso einfach machen würde.

"Dann verratet mir doch, was Ihr den ganzen Tag über tut." Ich verschränkte die Arme. "Jeden Morgen verschwindet ihr vor dem ersten Sonnenstrahl und kehrt erst in der Stille der Nacht zurück."

"Ich jage."

"Und wo ist dann Eure Beute?" Herausfordernd musterte ich ihn. "Was jagt Ihr, wenn Ihr jede Nacht mit leeren Händen zurückkehrt? Die Luft zum Atmen? Die Schatten der Bäume?"

Für einen Moment war er sprachlos. In seinem Blick sah ich etwas aufblitzen, das mich an unser Gespräch auf der Wiese erinnerte – kurz nachdem er mein Leben zuerst verschont und dann gerettet hatte. Auch damals hatte ich ihm vorgeworfen, auf der Seite seiner Mutter zu stehen und ein Lügner zu sein. Und genau wie damals erkannte ich nun denselben Schmerz in seiner Miene. Schmerz, den meine Worte ihm bereiteten. Gut so.

"Ich jage nicht um der Beute willen", murmelte er schließlich. "Doch das würdet Ihr nicht verstehen."

"Nein", entgegnete ich bitter. "Das verstehe ich wirklich nicht. Ein Jäger ohne Beute. Ein Mörder ohne Mord. Ein Prinz ohne Thron. Ihr leugnet alle Taten, auf die Ihr nicht stolz sein könnt und bemerkt gar nicht, dass Ihr dabei auch Euch selbst leugnet."

"Ihr werdet es ja wissen." Seine Stimme klang rau. "Solange Ihr Euch die Welt in Schwarz und Weiß malen könnt, müsst ihr Euch zumindest keine Gedanken über die Grautöne machen."

"Sagt derjenige, der eine Unschuldige nach Ciaora gebracht hat, um sie dann seiner machthungrigen Mutter zu überlassen." Ich würdigte ihn keines Blickes. "Vielen Dank, aber auf Eure klugen Reden kann ich gern verzichten."

Ethan schwieg. Als ich dieses Mal ging, machte er keine Anstalten, mir zu folgen und grimmige Befriedigung erfüllte mich. Noch immer aufgewühlt umrandete ich das Schlachtfeld – achtsam die Stellen meidend, an denen braunes Blut die Wiese färbte. Ich spürte den Blick des Prinzen während des ganzes Weges auf mir und erst, als ich schließlich den Pfad erreichte und zwischen den ersten Häusern verschwand, konnte ich durchatmen. Ethans Worte hatten mich tiefer getroffen als ich es hatte zugeben wollen. So sehr ich mir auch einzureden versuchte, dass er Unrecht hatte, konnte ich nicht leugnen, dass auch ein Funken Wahrheit in seinen Worten steckte. Nur zu gern hätte ich jemand anderen für das, was gestern passiert war, verantwortlich gemacht. Und vielleicht – nur vielleicht – war Ethan nicht ganz unschuldig daran, dass Morrigan uns gefunden hatte. Doch das änderte nichts daran, was mit Conan geschehen war. Ich dachte an seine vernarbten Hände, das stille Gefühl, als ich sein Handgelenk berührt und keinen Puls gefunden hatte. Nein – so gern ich es auch wollte – dafür konnte ich Ethan nicht verantwortlich machen. Conans Leid hatte ich selbst verschuldet – ich allein. Und diese Tat verwandelte mich von einer Unschuldigen in ... in was eigentlich? Eine Mörderin? Ein Monster? Wenn ich so darüber nachdachte, war ich kein Stück besser als der Prinz.

"Evangeline!"

Viel zu spät bemerkte ich die Gestalt, die aus einer Seitengasse auf mich zu stürmte. Als ich Sidony erkannte, war es bereits zu spät, um umzukehren. Wie versteinert wartete ich in der Mitte der Straße, unsicher, was folgen würde.

"Himmel, hast du uns einen Schrecken eingejagt." Atemlos blieb Sidony vor mir stehen. Als ihr Blick auf meine verdreckte Kleidung fiel, hielt sie inne. "Hast du etwa die ganze Nacht im Wald verbracht?"

Verwirrt starrte ich sie an. Wo blieben die Wut und die Angst, die gestern Nacht noch in ihrem Blick gelegen hatte, wo das Entsetzen?

"Ich ... Ich wusste nicht, ob ..." Zögernd knetete ich meine Hände. "Ist Conan ...?"

Ich wagte es kaum, die Frage auszusprechen, doch ich brauchte endlich eine Bestätigung. Falls ich tatsächlich eine Mörderin war, musste ich es wissen. Doch Sidonys Reaktion fiel anders aus als erwartet.

"Er ist bei Cybele", erklärte sie. "Er war zu erschöpft, um eine Heilung zu überleben. Wir haben ihn in ein Koma versetzen müssen, doch Cybele und ihre Novizen tun ihr Bestes, damit es ihm bald besser geht."

"Er ... ist am Leben?" Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Freude und unendliche Erleichterung durchströmten mich in gleichem Maße wie Sorge und schreckliche Schuldgefühle. Conan lebte. Doch meinetwegen lag er jetzt im Koma.

"Wird er wieder erwachen?" Meine Stimme war kaum mehr als ein unsicheres Hauchen.

Sidonys Miene nach zu urteilen war meine Sorge berechtigt. "Wir wissen es nicht. Wir können nur warten und das Beste hoffen."

Ich nickte. Alles in mir zog sich beim Gedanken an die andere Möglichkeit zusammen und das Wissen, dass ich das getan hatte, machte es nicht besser. Unerwarteterweise trat Sidony in diesem Moment an mich heran und nahm mich in den Arm.

"Es ist nicht deine Schuld", sagte sie und zum ersten Mal seit Tagen klang sie wieder wie die Sidony, die ich kannte. "Ich hätte Calideya nie verbieten sollen, dich zu warnen. Du hättest von Anfang an wissen müssen, in welcher Gefahr ihr beide schwebt. Es tut mir leid. Unglaublich leid."

Einen Moment verharrte ich noch in ihrer Umarmung und sog den Duft nach Kräutern und Tee und Sidony tief in meine Lungen, bevor ich mich löste. Sidony musterte mich erwartungsvoll, doch noch war ich nicht bereit, zu sagen, dass ich ihr vergeben hätte. Sie hatte mich ins offene Messer laufen lassen – obwohl sie wusste, was ich anrichten konnte.

"Darf ich jetzt erfahren, was Calideya gesehen hat?", fragte ich stattdessen.

Sidony zögerte für einen Moment, nickte dann jedoch. "Natürlich. Calideya ist für die nächsten Tage bei Gladys untergekommen. Wir können sofort zu ihnen gehen, wenn du möchtest. Nur ..."

Erneut schweifte ihr Blick über meinen Aufzug. "Vielleicht solltest du dir vorher etwas Sauberes anziehen."

Ich nickte. Wortlos folgte ich ihr zu der Hütte, die für die letzten Wochen unser Zuhause gewesen war. Als ich nun den leeren Raum betrat, erfüllte mich Kälte und ein entsetzliches Gefühl der Einsamkeit, das mit Conans Abwesenheit einherging. Eilig wusch ich den Dreck von Gesicht und Händen, bevor ich ein neues Kleid aus der Truhe an meinem Bett nahm und mich umzog. Erst, als ich vor die Tür trat, konnte ich wieder durchatmen. Sidony musterte mich fragend, schwieg jedoch.

Den ganzen Weg zu Gladys' Hütte sprachen wir kein Wort miteinander und meine Nervosität stieg ins Unermessliche, als sich die vertrauten Gassen zum Dorfplatz öffneten. Gladys' Hütte thronte als größtes Gebäude auf dem Platz über den anderen. Auch jetzt spürte ich wieder das Kribbeln der Aufregung, als Sidony an die schwere Holztür klopfte. Mir war flau im Magen und ich war mit einem Mal nicht mehr sicher, ob ich tatsächlich hören wollte, was Calideya zu sagen hatte. Doch in diesem Moment wurde die Tür bereits geöffnet und warmes Licht spülte in einer Welle über uns.

Entgegen meiner Erwartung, war es nicht Gladys selbst, die im Türrahmen stand, sondern Calideya. Als sie mich erkannte, wurde sie bleich.

"Du bist zurück." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauchen.

"Es ist an der Zeit, dass Evangeline die Wahrheit erfährt." Sanft schob Sidony mich nach vorn. "Dürfen wir hereinkommen?"

Wortlos trat Calideya beiseite. Als ich die Hütte betrat, empfing mich der vertraute Geruch nach altem Leder und Pergament. Magische Lichter und einige Kerzen erhellten den großen Raum, an dessen Wänden jeder Millimeter mit Regalen tapeziert war. Es sah genauso aus wie in der Nacht, als Gladys mir von Morrigan erzählt hatte.

Die Hexe des Lichts saß an einem Tisch in der Mitte des Raumes. Zwei dampfende Teetassen standen vor ihr und als sie mich erkannte, erhob sie sich.

"Evangeline." Mit lautlosen Schritten kam sie auf mich zu und nahm meine Hände. "Wir haben uns schon Sorgen um dich gemacht. Geht es dir gut?"

Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Ihre Sorge rührte mich, doch gleichzeitig hatte ich eine solch herzliche Begrüßung nicht erwartet. Der Zirkel hatte meinetwegen große Verluste zu verzeichnen – nicht nur die Hexen, die gestern verwundet oder getötet worden waren, sondern auch das Geheimnis um die Lage des Dorfes. Die Zeit – mehr als ein Jahrzehnt – in dem dieser Ort den Hexen Schutz und Sicherheit gewährt hatte, hatte letzte Nacht ein Ende gefunden und ich hatte keine Ahnung, wie es für die Hexen oder mich von hier an weitergehen würde.

Sanft legte Gladys mir eine Hand auf die Schulter. "Komm, setz dich erst einmal. Ich mache Tee."

Sie führte mich zum Tisch und wartete, bis ich auf einen der Stühle gesunken war, bevor sie im Nebenraum verschwand und mit einer großen Kanne Tee und zwei Bechern zurückkehrte. Nacheinander füllte sie alle Becher, während auch Calideya und Sidony Platz nahmen. Als wir saßen, ergriff Gladys erneut das Wort.

"Ich spreche im Namen von uns allen, wenn ich sage, dass es uns leidtut, was gestern geschehen ist." Sie sah mich an. "Ich bin sicher, Sidony wollte dich nur schützen, doch nach den jüngsten Ereignissen bleibt uns diese Möglichkeit nun verwehrt."

Ihr Blick wechselte zu Calideya, die die schmalen Finger um die dampfende Teetasse gelegt hatte. "Würdest du Evangeline erklären, was du gesehen hast?"

Die junge Hexe nickte nur. Ihre Miene war ernst und ich wappnete mich bereits für das, was folgen würde. Calideyas Vorhersehungen waren bisher jedes einzelne Mal wahrgeworden.

"Ich habe Conan gesehen", begann sie schließlich. "Du warst bei ihm und ich konnte die Furcht in deinen Augen erkennen. Auch in seinem Blick stand Angst, doch ich hatte das Gefühl, es war nicht aus demselben Grund."

Calideya machte eine Pause und sah mich direkt an. "Es muss im Bruchteil einer Sekunde passiert sein. Conan hat deine Hände genommen und du hast angefangen, zu glühen. Zuerst war es nicht mehr als ein Schimmern, aber ich konnte spüren, dass etwas geschah und dann bemerkte ich Conan. Seine Miene war schmerzverzogen und er stöhnte. Du hast versucht, dich aus seinem Griff zu befreien, aber es gelang dir nicht und mit jeder Sekunde schien es schlimmer zu werden. Du bist entflammt, während Conan flackerte. Dann endete die Vision."

Ich sah von Calideya zu Sidony, dann zu Gladys, während mein Herz raste. Die Vision beschrieb ziemlich genau das, was gestern Nacht geschehen war und die Bilder, die mir vor Augen standen, ließen Übelkeit in mir hochwallen.

"Wie ist das möglich?", brachte ich schließlich heraus. "Wie konntest du wissen, dass ... und was ..."

Ich unterbrach mich selbst, als mir klarwurde, dass ich auf die wichtigste meiner Fragen keine Antwort hatte. "Was ist eigentlich passiert?"

Calideya bedachte Gladys mit einem Blick und diese seufzte.

"Ich fürchte, das ist eine längere Geschichte", sagte sie. "Wir glauben, die Geschehnisse letzte Nacht haben mit der vorletzten Strophe der Prophezeiung zu tun. Ist die Löwin sogleich geboren / Und mit dem Wolfe vereint / So ist der Adler tödlich verloren / Und die Liebe kehrt bald heim."

Ich runzelte die Stirn, doch bevor ich zu einer Frage ansetzen konnte, antwortete Calideya. "Du bist das Gefäß, in dem sich die Macht des Wolfes und der Löwin vereinen. Du wirst den Krieg beenden und Ciaora befreien. Aber im selben Moment wirst du Conan das Leben nehmen."

Sprachlos starrte ich sie an. Schock und Fassungslosigkeit schnürten mir die Kehle zu und als ich an Conans leblosen Körper dachte, wurde mir kalt. Alles in mir wollte widersprechen, doch die Worte starben auf meinen Lippen. Wie kannst du sicher sein, dass sie Unrecht hat?, fragte eine Stimme in mir, Wie kannst du versprechen, Conan oder irgendjemand anderem keinen Schmerz zuzufügen, wenn du längst die Kontrolle verloren hast?

"Wir werden alles versuchen, um einen anderen Weg finden." Sidony legte ihre Hand über meine und die Wärme, die von dieser Berührung ausging, drängte die kalte Furcht in mir zurück.

"Warum?", fragte ich schließlich. "Warum ausgerechnet Conan?"

Sidonys Finger schlossen sich fester um meine und als ich den Kopf hob, nickte sie Gladys zu.

"Ich werde etwas weiter ausholen müssen, um dir diese Frage zu beantworten", sagte die Hexe des Lichts. "Hast du dich jemals gefragt, warum du Magie wirken kannst, obwohl du aus einer Welt ohne Magie stammst? Warum Conan ausgerechnet dich um Hilfe bat, als er unter dem Fluch stand?"

Ich zögerte, doch Gladys erwartete keine Antwort. "Du kennst die Geschichte Ciaoras, nicht wahr? Du weißt von den Großen Kriegen und davon, wie Morrigan an die Macht gekommen ist. Und du weißt, dass Morrigan für einige von uns keine Fremde war."

"Was Gladys zu sagen versucht", schaltete sich Sidony ein, die meine Verwirrung bemerkt haben musste. "Ist, dass wir wussten, wer Morrigan war, lange bevor sie den Thron bestiegen hat. Nicht wir – um genau zu sein – aber Gladys und die Hexen aus dem Zirkel, der Morrigan damals aufgenommen hat. Sie alle haben in Furcht und Erwartung Morrigans Schritte beobachtet und es dauerte nicht lang, bis auch andere Zirkel überall in Ciaora von Morrigans Fähigkeiten erfuhren und beschlossen, etwas zu unternehmen."

"Ich werde nie vergessen, wie schwer dieser Schritt für uns –" Gladys unterbrach sich und senkte den Blick. "Nein, für mich – war. Doch ich konnte nicht leugnen, dass sie eine Gefahr darstellte. Ihre magischen Kräfte waren zu groß, als dass eine einzige Person sie kontrollieren konnte. Gemeinsam mit ihrer neugewonnenen politischen Macht konnten sie Ciaoras Untergang herbeiführen, wenn nicht sogar die Zerstörung dieser Welt."

"Jedes Gewicht braucht ein Gegengewicht", mischte sich nun auch Calideya ein. "Alles in dieser Welt ist Balance – Schatten und Licht, Gut und Böse, Tod und Leben. Neigt sich die Waage zu sehr in eine Richtung, herrscht Chaos. Und mit einer Macht, die niemand erwidern konnte, trug Morrigan enormes Potential für dieses Chaos in sich."

"Ich verstehe nicht." Zögernd beugte ich mich nach vorn. "Was genau hat das alles mit mir und Conan zu tun?"

"Ihr seid das Gegengewicht, Evangeline." Sidonys Finger schlossen sich fester um meine. "Du und Conan – ihr seid all unsere Hoffnung."

"Aber wie –"

"Wir haben eure Magie erschaffen." Gladys' Antwort brachte mich zum Verstummen. Sprachlos sah ich sie an.

"Morrigans Macht forderte ein Gegengewicht", erklärte sie. "Monatelang suchten wir nach einer Hexe mit vergleichbaren Fähigkeiten, doch die Zeit zerrann uns zwischen den Fingern. Morrigan wusste, dass wir ihrer Herrschaft nicht wohlgesonnen gegenüberstanden. Also entschlossen wir uns, nicht länger nach einer ebenbürtigen Hexe zu suchen, sondern stattdessen unsere Magie zu einem Gegengewicht zu vereinen. Das einzige Problem dabei war, dass Magie in dieser Stärke ein Gefäß erforderte. Ein Gefäß oder ... einen Träger."

Gladys' Blick lag auf mir und es dauerte einen Moment, bis ich schaltete. "Du meinst ... Ich bin ..."

"Du und Conan seid die Träger der Magie von mehr als zweihundert Hexen", eröffnete Gladys. "Allein das Ritual erforderte die Versammlung von nahezu drei Vierteln der Zirkel Ciaoras. Wir beriefen uns auf alte Schriften, in denen Abläufe und Riten zur Übertragung von Magie geschildert wurden. Zuerst versuchten wir es mit Artefakten, doch der Bann auf leblose Objekte wurde schnell instabil. Wir mussten einen Träger finden. Ein Mensch mit einem reinen Herzen, das die Magie nicht verderben konnte."

"Ein Kind", murmelte ich, während ich rechnete. Als das Ritual stattgefunden hatte, musste ich gerade einmal fünf Jahre alt gewesen sein. Und eine ganze Welt entfernt.

"Ein Kind hat kaum eigene Intentionen, die über die einfachste Bedürfnisbefriedigung hinausgehen", erklärte Gladys so sachlich, als ob das hier nicht mehr als eine Unterrichtsstunde in Biologie war. "Es lernt erst mit den Jahren sich selbst und seine Fähigkeiten kennen. Daher ist es das perfekte Gefäß für ein solches Ausmaß an Macht – es hat die Möglichkeit, in seine Aufgabe hineinzuwachsen und wird einen beständigen Bund mit der Magie eingehen, die es ihm ermöglicht, größere Kontrolle zu erlangen, als jeder Erwachsene, dem diese Aufgabe auferlegt wird."

Fassungslos sah ich die Zirkelvorsteherin an. "Ihr habt also einfach beschlossen, Conan und mich mit Magie vollzustopfen wie einen ... einen Weihnachtsbraten? Wie seid ihr überhaupt auf mich gekommen? Ich meine, ich bin nicht ... ich wurde nicht hier geboren, oder?"

Gladys schüttelte den Kopf. "Einer der damaligen Zirkelvorsteher hatte die Idee, die Magie aufzuteilen. Ein Kind allein würde in großer Gefahr aufwachsen. Morrigan würde alles tun, um den Träger zu finden und weder die Familie des Kindes noch die Gesamtheit aller Zirkel könnten den nötigen Schutz bieten. Also beschlossen wir, die Magie auf zwei Träger zu verteilen – dich und Conan. Deine Hälfte der Macht war unsere Sicherheit – es dauerte fast ein Jahr, bis wir genügend Feenstaub aufgetrieben hatten, um einen Abgesandten in deine Welt zu schicken. Wir haben nie wieder von ihm gehört und kurz darauf sichergestellt, dass in ganz Ciaora kein Feenstaub mehr zu finden ist. Nur so konnten wir dich – und unsere Zukunft – beschützen."

"Was ist mit Conan?" Obwohl sich mein Kopf anfühlte, als würde er jeden Moment explodieren, war ich nicht bereit, lockerzulassen. Conan würde nicht sterben. Es musste eine andere Möglichkeit geben.

"Seine Seite der Macht war unsere Hoffnung." Gladys legte die Finger um ihren halbleeren Becher. "Eine der unseren wachte über jeden seiner Schritte und als die Magie in ihm an die Oberfläche stieg, war sie es, die ihm sein Schicksal offenbarte. Sie erzählte ihm von dir und eurer Verbindung und sandte ihn in deine Welt. Eure Magie ermöglichte es, ein Portal ohne Feenstaub zu öffnen und führte Conan schließlich zu dir."

"Es war nie vorgesehen, dass es zwei Träger gibt", eröffnete Sidony. "Deine und Conans Magie ist eins und wenn die Zeit reif ist, wird sie wieder zueinanderfinden. Die Magie hat dich als ihre Trägerin auserwählt, Evangeline."

"Das erklärt nicht, warum Conan ... Warum er –" Ich unterbrach mich und schluckte. Gefühle stürzten auf mich ein wie ein Rudel hungriger Wölfe und ich hatte Mühe, sie zurückzudrängen. Verschwommen nahm ich wahr, wie Calideya sich vorbeugte.

"Ihr beide – du und Conan – habt eure Verbindung zur Magie in einem sehr jungen Alter aufgebaut", erklärte sie vorsichtig. "Euer Lebensfaden hat sich gemeinsam mit euren magischen Fähigkeiten entwickelt. Beides ist miteinander verwoben. Wenn einer der Fäden abreißt, verliert auch der zweite seinen Halt."

"Nein." Ich schüttelte den Kopf. "Das kann nicht ... Es muss doch einen anderen Weg geben!"

"Wir werden tun, was wir können." Gladys beugte sich über den Tisch und ihr durchdringender Blick fand meinen. "Wenn es eine Möglichkeit gibt, Conans Leben zu retten, werden wir sie finden. Aber ich kann nichts versprechen. Du solltest dich besser mit dem Gedanken vertraut machen, dass es vielleicht keinen anderen Weg gibt."

Ich setzte bereits zu einem Protest an, als Sidony mir eine Hand auf die Schulter legte. "Das ist ziemlich viel für einen Tag. Ich denke, wir sollten Evangeline eine Pause geben."

"Du hast Recht." Gladys nickte und wandte sich an mich. "Nur noch ein Wort, bevor du gehst: Was gestern Nacht geschehen ist, war eine Warnung. Morrigan mag dieses Mal nicht bekommen haben, was sie wollte, doch es wird nicht lange dauern, bis sie es wieder versucht."

Ich hielt inne und ein weiteres Puzzleteil fand seinen Platz.

"Morrigan hat nicht versucht, mich umzubringen", stellte ich zögernd fest. Die ganze Zeit über hatte ich geglaubt, dass es darauf hinauslaufen würde. Morrigan hatte mir damals sogar selbst mit dem Tod gedroht, sollte ich das Schloss verlassen. Doch letzte Nacht ...

"Sie ist hinter eurer Magie her", beendete Calideya meinen Gedankengang. "Mit der Übernahme deiner und Conans Macht würde sie nicht nur ihre einzige Bedrohung aus dem Weg räumen – sie würde auch nahezu unbesiegbar werden."

Die Antwort traf mich wie ein Schlag vor den Kopf. Der Feuerball im Schlosshof – ich war ihm nicht entkommen, weil Ethan reagiert hatte. Wir hatten den Boten auf dem Weg hierher nicht abgeschüttelt. All die kleinen Zufälle, die ich vorher auf Schicksal oder Glück geschoben hatte, waren von langer Hand geplant gewesen, um mich in dem Glauben zu lassen, Morrigan wäre auf mein Leben aus. Dabei hätte sie mich schon im Schlosshof umbringen können. Mein Leben hatte die ganze Zeit über in ihrer Hand gelegen.

Unwillkürlich schloss ich meine Finger fester um die Tasse und starrte die trübe Flüssigkeit. Morrigan ist hinter eurer Magie her.

"Ein Vorfall wie letzte Nacht kann sich auf keinen Fall wiederholen", verkündete Gladys inzwischen. "Ich werde dafür sorgen, dass die Patrouillen verstärkt und neue Protektionszauber um das Dorf gewoben werden. Alle Hexen einschließlich der Novizen werden sich von nun an einzig und allein dem Schutz des Dorfes und seiner Bewohner widmen. Morrigan wird uns kein zweites Mal überraschen."

Abwesend nickte ich und schob die Tasse von mir, bevor ich mich langsam aufrichtete. Ich konnte nicht sagen, ob es an der Nacht lag, die ich im Freien verbracht hatte oder an allem, was ich während der letzten Stunden erfahren hatte, aber mit einem Mal fühlte ich mich unglaublich erschöpft. Ohne auf eine weitere Bemerkung von Gladys oder den anderen zu warten, stand ich auf.

"Ich ... brauche eine Pause", murmelte ich, während mein Blick zu den Hexen huschte.

"Natürlich." Gladys erhob sich und trat zu mir, während Calideya begann, die leeren Becher ineinanderzustapeln. Sidony bot an, mich zurück zu unserer Hütte zu bringen, doch ich schüttelte nur den Kopf.

"Danke, aber ich glaube, ich muss jetzt allein sein. Das alles war ..." Ich beendete den Satz nicht und folgte Gladys stattdessen zur Tür.

"Wenn irgendetwas ist, wenn du Fragen hast oder jemanden zum Reden brauchst", setzte sie an, "wir sind da. Du kannst jederzeit zu uns kommen."

Sidony und Calideya nickten zustimmend und ich rang mir ein schmales Lächeln ab.

"Danke", erwiderte ich, bevor ich über die Schwelle nach draußen trat und den Hexen den Rücken kehrte.

Eine Weile lang stromerte ich ziellos durch die Gassen des Dorfes, während die Worte der Hexen durch meine Gedanken spukten. Morrigan plante, unsere Magie zu stehlen. Conan würde vielleicht sterben. Wir beide waren Träger der Magie von hunderten Hexen. Je länger ich mir diese Erkenntnisse durch den Kopf gehen ließ, desto weniger konnte ich dem Gefühl ausweichen, Conan und ich wären nichts als Bauern in einem Schachspiel, das Gladys und die Hexen vor Jahrzehnten begonnen hatten – dazu bestimmt, einen fremden Krieg auszutragen. Die Mischung aus Wut und Hilflosigkeit, die sich in mir zusammenbraute, erinnerte mich an meine ersten Tage bei den Rebellen. Seitdem hatte sich so vieles verändert – und doch schienen einige Wunden nie zu heilen.

Ich ballte die Fäuste. Zorn brodelte unter meiner Haut wie Lava im Inneren eines Vulkans. Am liebsten hätte ich Feuerbälle um mich geschleudert, hätte mit Aschewolken die Sonne verdunkelt und die Erde unter meinen Gefühlen erbeben lassen. Ich wollte schreien, wollte den ganzen Schmerz und die Hilflosigkeit herausschreien und hören, wie meine Oberfläche brach. Ich wollte Gladys und all die anderen Hexen unter einer Explosion begraben, die ihresgleichen suchte. Doch welchen Sinn hätte das?

Ich war schon viel zu oft dieses Kaninchenloch hinabgefallen – ein weiteres Mal würde ich mir nicht antun. Die Dinge waren, wie sie waren und ich musste einen Weg finden, um von jetzt an das Beste daraus zu machen. Wenn ich nur mit Conan darüber sprechen könnte, ihn fragen könnte, ob –

Ich unterbrach mich selbst, als ich feststellte, welchen Weg ich gerade eingeschlagen hatte. Cybeles Hütte lag am Ende einer schmalen Gasse. Ein Garten, in dem Wildblumen und Kräuter zwischen Gemüse und Obst scheinbar willkürlich durcheinanderwucherten, umgab das kleine Häuschen. Nur ein schmaler Pfad führte zwischen hohen Gräsern und knorrigen Apfelbäumen zu einer grün gestrichenen Tür, hinter der das Herz von Cybeles Reich lag. Nur wenige Schritte und ein Klopfen trennten mich davon, Conan zu sehen und mir wurde flau im Magen. Alles in mir drängte danach, in die Hütte zu stürmen und mich davon zu überzeugen, dass er am Leben war, dass er atmete und dass alles wieder gut werden würde. Ich wollte ihm sagen, wie leid es mir tat und ihm versprechen, dass etwas wie letzte Nacht nie wieder passieren würde. Und im selben Moment – im selben Moment kehrten die Erinnerungen an letzte Nacht zurück.

Conans erstaunter Blick. Seine schmerzvollen Schreie. Sein lebloser Körper. Die Narben auf seinen Händen. Nichts Gutes kann von einer Magie wie dieser kommen.

Bevor ich wusste, was ich tat, hatte mein Körper die Kontrolle übernommen und ich lief. Nur am Rande nahm ich die Blicke wahr, die die Dorfbewohner mir zuwarfen. Handwerker hielten inne, um mich unverhohlen anzustarren und Waschfrauen wandten sich ab, um hinter dem Rücken der anderen zu tuscheln. Ich musste kein Genie in Telepathie sein, um zu erraten, worum es in den geflüsterten Gesprächen ging.

Erst, als ich die Tür der Hütte hinter mir geschlossen hatte, hielt ich inne. Mein Atem ging stoßweise und ich fühlte mich zittrig. Erschöpft ließ ich mich auf einen Stuhl fallen und stützte den Kopf in die Hände. Gladys hatte Recht – ich musste mit jemandem darüber sprechen. Jemand, der wissen würde, was als nächstes zu tun war. Entschlossen zog ich die Schriftrolle, die Wallace mir geschenkt hatte, aus meinem Mieder und begann, einen längst überfälligen Brief zu schreiben.

Ich musste eingeschlafen sein. Das Knarren der Dielen drang nur sanft in mein Unterbewusstsein und es dauerte eine Weile, bis ich zu mir kam. Blinzelnd richtete ich mich auf. Meine Glieder waren verspannt und meine Schulter schmerzte von der unbequemen Position. Viel zu spät bemerkte ich den Schatten, der über mich fiel.

Ich fuhr herum – und versteifte mich.

"Ihr seid zurück." Es war eine Feststellung, doch als die Worte von meinen Lippen perlten, klangen sie eher wie eine Frage.

Ethan verzog abschätzig die Lippen.

"Auch ein Lügner muss ab und an schlafen", erwiderte er.

Ich ging nicht auf seine Anspielung ein und drehte mich stattdessen zurück zum Tisch. Der Brief an Susan war geschrieben und lag gefaltet auf der hölzernen Tischplatte. Bevor Ethan Fragen stellen konnte, ließ ich das Papier in meinem Mieder verschwinden und löschte die Kerze, die schon so weit heruntergebrannt war, dass sich kleine Wachsansammlungen auf der Tischplatte gebildet hatten. Als ich einen Blick aus dem Fenster warf, stellte ich fest, dass die Sonne bereits untergegangen war. Trotz allem, was die letzten vierundzwanzig Stunden für den Zirkel und mich bereitgehalten hatten – oder vielleicht gerade deswegen – konnte ich mir keine weiteren Unterbrechungen erlauben. Morgen würde ich, wie gewohnt, in aller Frühe aufstehen und das verpasste Training von heute mit doppeltem Einsatz wettmachen.

Als ich Ethans Blick bemerkte, hielt ich inne. Er hatte seine Jagdausrüstung abgelegt und war offenbar dabei gewesen, seine Schuhe auszuziehen, doch irgendetwas hatte ihn verharren lassen.

"Was ist?" Herausfordernd musterte ich ihn, doch er gab nur ein unverständliches Brummen von sich, bevor er den Blick senkte. Als ich einen Augenblick später ins Bett kroch, glaubte ich, seinen Blick erneut auf mir zu spüren. Entschieden zog ich die Decke bis unters Kinn und rollte mich am äußersten Ende der Pritsche zusammen. Er wird dich wohl kaum im Schlaf meucheln, ermahnte ich mich, ganz zu schweigen davon, dass das nicht im Sinne seiner Mutter wäre ...

Ich schnaubte und schloss die Augen. Ich sollte wenigstens versuchen, noch einige Stunden Schlaf zu finden. Doch anstelle in bodenlose Dunkelheit zu sinken, drehten sich meine Gedanken wie ein Karussell. Immer und immer wieder stand mir Conans Bild vor Augen. Sein Lächeln und der Moment, als er am Fluss meine Hand genommen hatte. Sein lebloser Körper auf der Wiese. Morrigans triumphierender Blick brannte unter meinen Lidern, bis ich die Augen öffnete und in die Dunkelheit starrte. Konnte ein Mensch gleichzeitig frieren und vor Hitze umkommen?

Unruhig wälzte ich mich herum und lauschte in die Stille. Ethans Atemzüge waren so regelmäßig, dass ich annahm, er wäre bereits eingeschlafen. Umso überraschter war ich, als seine Stimme die Dunkelheit teilte.

"Ich wusste nichts von dem Angriff", murmelte er leise und doch gerade deutlich genug, dass ich ihn verstand. "Wenn ich es geahnt hätte..."

Was?, schrie alles in mir, Was hättet Ihr getan, wenn Ihr es geahnt hättet?

Ich zwang mich zu schweigen.

"Ich weiß, dass Ihr mich für den verwöhnten Prinzen haltet, der ohne die Bestätigung seiner Mutter nichts auf die Reihe bekommt." Seine Stimme war kühl und dennoch schwang ein Hauch Trauer darin, ein kleiner Riss in der sonst so klaren Schärfe. "Ihr könnt denken, was Ihr wollt. Aber Ihr solltet nicht vergessen, dass ich nur Euretwegen hier bin. Werft mir vor, verantwortlich für all die Dinge zu sein, die in Eurem Leben nicht besonders gut laufen und Ihr müsst Euch dasselbe vorwerfen."

Für einen Moment herrschte Stille, während seine Worte in mein Bewusstsein sanken. Gern hätte ich die Stimme erhoben und ihn angeschrien, ihm sein eigenes Unrecht so deutlich gemacht, dass er es nie wieder vergessen würde. Doch wie bereits heute Morgen konnte ich es nicht. Er hatte Recht und ich war machtlos gegen diese Art der Wahrheit. Starr verharrte ich auf der Pritsche, wagte kaum zu atmen, aus Angst, er könne ahnen, dass ich ihm tatsächlich zugehört hatte.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺221,31

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
10 kasım 2024
Hacim:
450 s.
ISBN:
9783752919110
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar