Kitabı oku: «Trail and Error»
Impressum
1. Auflage, 2022
© Annabel Müller
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechteinhaberin.
ISBN: 978-3-903376-21-2
ISBN E-Book: 978-3-903376-22-9
Redaktion: Annabel Müller
Lektorat: Dr. Rosemarie Konrad
Fotos: Sofern nicht anders gekennzeichnet: Privatarchiv Annabel Müller
Coverbild: Fotoravenna.com
Umschlag und grafische Gestaltung: Clemens Toscani
Printed in the EU
S. 324ff, S. 336: Auszüge mit freundlicher Genehmigung aus dem Vorwort des Autors zu:
Paulo Coelho: Der Alchimist
aus dem Brasilianischen von Cordula Swoboda Herzog. Mit einem Vorwort des Autors
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 1996, 2012 Diogenes Verlag AG Zürich
S. 302f: Plan B (2011), Believe in your fire, mit freundlicher Genehmigung © by Matthias Birkmeyer for PLAN B event company
Gesamtherstellung:
egoth Verlag GmbH
Untere Weißgerberstr. 63/12
1030 Wien
Österreich
ANNABEL MÜLLER
TRAIL AND ERROR
DER WEG IST NICHT DAS ZIEL

Inhalt
Die Tour der Giganten
Die Geschichte am See
Etappe 1: STARTSCHUSS
„Tre, due, uno, partenza!“
Abfahren im Schnee
Babylights und Kartoffelbrei
Jill is ill
Wahrheit oder Pflicht
La Barrière
Optimistische Paranoia
Abenteuer
Die Tribute und ein Gewitter am Pass
Das Ultimatum
Etappe 2: SCHLAFLOS
Katzenwäsche
Eisformationen und Relationen
„Just play“
Acqua calda
Murphys Law und Yhprums Gesetz
Etappe 3: PRIMADONNA(S)
Intimität
Viva constanza
„Brava, brava!“
Etappe 4: WETTERUMSCHWUNG
Katzenjammer
Kuhglocken und Sahnetorten
Eiertanz
Mont Mars
Acht Pfoten für ein Halleluja
Man trifft sich stets zweimal
Das ganze Leben ist ein Krampf
Om mani padme hum
Fehler in der Matrix
Etappe 5: PLAN B
„Ey, Rücken!“
Fluch oder Segen
Schmerzverwandte und Kopfsteinpflaster
Ungebremst gegens Garagentor
Der Pawlowsche Läufer
Krieger des Lichts
Bärige Hilfe
Etappe 6: WELTEN
Schlaftrunken über die Almen des Torgnon
Das Licht auf der anderen Seite
„Forza, forza, Annabella!“
Face your fears
Orientierung
Musen und Mantras
Schlechte Nachrichten
Hungerspiele
DIE VERFLIXTE 7. Etappe
„Believe in your fire“
Improvisationskünste
Die vier Hindernisse
Schöne Sch…
Endstation Sehnsucht
Warum und wozu?
Zwischen zwei Sprüngen
Murmelglasfreundinnen
Genug
Nachwort
Danke

Die Tour der Giganten
RedBull.com bewertet den Tor des Géants im italienischen Aostatal auf der Liste der zehn „härtesten Ultramarathons der Welt“ mit einem Härtefaktor von neun.1 Getoppt wird er einzig vom Western States 100, der jedes Jahr in Kalifornien stattfindet. Einem Rennen, das nur halb so lang ist wie der TOR. Der Western States, der mit 100 Meilen, 5500 Höhenmetern im Aufstieg und 8800 Höhenmetern im Abstieg dem TOR nicht annähernd das Wasser reichen kann, genießt also immer noch den Ruf als härtester Ultramarathon der Welt. Vielleicht weil dort die Gefahr besteht, von einem Bären gefressen zu werden. Wobei die Suchmaschine Google unter „Läufer von Bär gefressen Western States 100“ keine Ergebnisse liefert. Es ist schwierig, nein sogar unmöglich, über etwas zu urteilen, was man selbst nicht erlebt hat. Deshalb an dieser Stelle nur meine persönliche Vermutung: Es ist das knappe Zeitlimit von 30 Stunden in Kombination mit dem sehr heißen Klima, das die meisten Läufer beim Western States niederstreckt. Eine Gefahr, die man als Läufer nicht unterschätzen soll, da sie am Ende ebenso gefährlich sein kann wie der Bär. Darüber hinaus reicht ein Blick auf die Webseite des Western States und die Auflistung der Ergebnisse seit 1974 (!),2 um zu verstehen, warum das Rennen immer noch als das legendärste Langstreckenrennen der Welt gilt. Und während der Western States auf RedBull.com eben als „das härteste Ultra Trail Race der Welt“ bezeichnet wird, ist der Tor des Géants dort als „der Lauf für Masochisten“ gelistet. Das sehe ich anders, doch eines ist Fakt: Der TOR bietet durch seine enorme Distanz und die Streckenprofilierung bei einem Zeitlimit von 150 Stunden deutlich mehr Zeit zum Kampf mit den äußeren Anforderungen und dem inneren Schweinehund.
„Der TDG – oder „the Tor“ – ist sogar unter erfahrenen Ultra-Läufern gefürchtet, und die Statistiken sprechen für sich: 336 Kilometer, 24.000 Meter Anstieg, 25 Berganstiege über 2.000 Meter – und nur 50 Prozent Finisher. Die Rekordzeit beträgt drei Tage. Die Bedingungen sind oft miserabel. Man stelle sich frostkalte Temperaturen vor, mit Böen, die einen vom Berg drücken wollen, Regen, Graupel, Hagel, Donner, Blitze und lange, dunkle Nächte. Dann der Schlafmangel und die Halluzinationen. Auf der Habenseite? Man erlebt Sonnenaufgänge, sternenfunkelnde Nächte, Begeisterung, Zorn, Angst, Trostlosigkeit und Freude.“3
Wenn ich von mir auf andere schließen würde, ist der TOR aber keineswegs ein Lauf für Masochisten, sondern einer für Optimisten. Menschen, die darauf hoffen, möglichst viel von dem einen zu bekommen und möglichst wenig vom anderen, auch wenn das für einen Realisten bei dieser Auflistung schwer begreiflich ist. Bis 2020 gab der Veranstalter 330 Kilometer und 24.000 Höhenmeter als zu bewältigende Strecke an. Zahlen, die bis heute noch immer auf allen Plakaten und Merchandisingartikeln zu finden sind. Auch wenn 2021 im Streckenprofil erstmals 349 Kilometer und 30.879 kumulierte Höhenmeter stehen. Die International Running Association hat die Strecke 2019 offiziell mit einer Gesamtdistanz von 357,9 Kilometern und 25.300 Höhenmetern im Auf- und Abstieg ausgewiesen.4 2021 übrigens mit 352,50 Kilometern und 25.170 Höhenmetern, was zeigt, dass hinsichtlich der Zahlen Uneinigkeit herrscht. Die GPS-Geräte, die die Läufer mit sich führen zeigen Jahr für Jahr unabhängig voneinander um die 360 Kilometer und 30.000 Höhenmeter an. 2021 sollen es sogar sechs Kilometer mehr gewesen sein. Doch der TOR ist mehr als Zahlen. Er ist auch mehr als körperliche Anstrengung. Alessandra Nicoletti, Race Director und Ideengeberin des Tor des Géants, beschreibt es so: „Der TOR ist vor allem eine Reise, während der die Teilnehmer einer beispiellosen Landschaft begegnen, anderen Läufern, dem herzlichen Willkommen der Region und nicht zuletzt ihrem inneren Ich.“5
Eine Reise, auf die ich dich gerne mitnehmen möchte. Und das ganz ohne „Regen, Graupel, Hagel, Donner, Blitze und lange, dunkle Nächte, Schlafmangel und Halluzinationen“, vorausgesetzt, du liest dieses Buch in deinem mehr oder weniger gemütlichen und einigermaßen sicheren Zuhause und gönnst dir nach spätestens 24 Stunden ein wenig Schlaf. Bereit?
1 Frederik Ölmqvist/Henner Thies (2020), Die härtesten Ultramarathons der Welt, www.redbull.com/de-de/ultramarathons-die-laengsten-haertesten-schwiergstenweltweit (28.1.2022).
2 www.wser.org/results (1.2.2022).
3 Frederik Ölmqvist/Henner Thies (2020): Die härtesten Ultramarathons der Welt, www.redbull.com/de-de/ultramarathons-die-laengsten-haertesten-schwiergstenweltweit (28.1.2022).
4 https://itra.run/Races/RaceDetails/Tor.des.Glaciers.Tor.des.Géants®/2019/38929 (22.1.2022)
5 Stefano Torrione (2013), Tor des Géants: Valle d’Aosta, San Vendemiano, S. 17: „The TOR is above all a journey, during which trailers encounter unparalleled landscapes, other runners, a warm local welcome and not least of all their inner selves.“
Die Geschichte am See
Der Tor des Géants gilt nicht umsonst als einer der härtesten Ultratrails der Welt. Das wusste ich. Darauf war ich vorbereitet. Doch während ich mich mit meinem steifen und schmerzenden Bein die hohen Stufen vom Col della Vecchia hinunterquälte, konnte ich die negativen Gedanken nicht mehr zurückhalten: Warum ich? Warum ausgerechnet jetzt? Nach allem, was ich auf den letzten 190 Kilometern gemeistert habe?
Über 70 Stunden war ich nun unterwegs. Zweieinhalb Stunden Schlaf hatte ich mir seither gegönnt. Man läuft bei Ultratrails nicht nur bei fast jedem Wetter, sondern auch nachts. Wenige Stunden zuvor war ich noch tanzend durch den strömenden Regen gelaufen. Ich war geradezu euphorisch, weil ich so gut mit all den Widrigkeiten klarkam. So schnell kann sich das Blatt wenden. Wie das Wetter. Die Sonne brannte. Keine Wolke am Himmel. Das Thermometer meiner Sportuhr zeigte 28 Grad. Und das, obwohl ich mich noch immer dicht unterhalb der Passhöhe auf knapp 2000 Meter Seehöhe befand. Jeder Schritt mit dem schmerzenden Bein fühlte sich an, als ob mir jemand ein Messer ins Knie rammen würde.
Warum jetzt, warum ich, woher dieser Schmerz? Warum kann ich mein Bein nicht mehr beugen? Fragen, die mich nicht weiterbrachten. Das wusste ich. Ich ärgerte mich über die Situation. Ich ärgerte mich über meinen Ärger. Der Ärger, die Ohnmacht, die falschen Fragen – all das brachte mich nicht weiter. Ich wusste das. Doch Wissen und Tun sind nicht immer so leicht zusammenzubringen. Schnell holte mich der Schmerz zurück aus meinen Gedanken. Mit voller Wucht drang er bis tief ins Mark. Einen Moment nicht aufgepasst. Ich musste mich besser konzentrieren. Mehr Gewicht auf die Stöcke. Es schmerzte dennoch, nicht nur beim Beugen, auch beim Belasten. Dass ein Knie so wehtun kann …
Am liebsten würde ich mich auf einen Stein setzen, heulen und darauf warten, dass mich jemand abholt. Doch so funktioniert das nicht. Weder beim Laufen noch im Leben. Ich setzte mich trotzdem und gönnte mir eine Pause. Nicht vom Laufen. Obwohl ich die Anstrengung spürte, fühlte sich das Laufen immer noch gut an. Wenn nur dieser fiese Schmerz nicht wäre. Er war es, der mich bremste. Wenn du ein Problem hast und das nicht wahrhaben möchtest, hast du gleich zwei Probleme. Oder wie ein Zitat von Buddha es ausdrückt: „Wenn du ein Problem hast, versuche es zu lösen. Kannst du es nicht lösen, dann mache kein Problem daraus.“
Komm schon, Annabel, was kannst du tun? Das Wärmepad hatte ganz gut geholfen, beim Aufstieg. Seit es wieder bergab ging, half nur, das Bein zu entlasten. Den aufkeimenden Schmerz zu ignorieren, funktionierte nicht. Also mit dem steifen Bein voran die Stufen hinunter. Nur wie lange konnte die rechte Seite diese doppelte Arbeit leisten? Außerdem war ich so viel zu langsam.
Was ist das große Problem? Es ist ein Rennen. Du bist gestartet, du hast es probiert, und nun zeigt dir dein Körper die Grenzen. Akzeptiere sie, melde dich unten im nächsten Ort ab. Steig zu deinem Mann in den Camper und schlaf dich erst einmal aus. Es wird sich ein paar Tage schlecht anfühlen. Vielleicht auch ein paar Wochen. Scheitern ist kein angenehmes Gefühl, doch es bringt dich nicht um. Weitere 170 Kilometer mit einem entzündeten Knie zu laufen eventuell schon. Zumindest eine Stimme in mir sagte genau das. Wer mich kennt, weiß, dass ich erst spät mit dem Laufen begonnen habe. Nie laufsüchtig, maximal bergsüchtig, haben mich Erhebungen schon immer fasziniert. Berge wäre zu weit gegriffen, da ich als Kind so gut wie nie in den Bergen war. Doch wenn es die Möglichkeit gab, irgendwo hinaufzulaufen, wollte ich dorthin. Von oben war die Welt eine andere. All das, was mich unten erdrückte, wirkte von oben winzig und weit weg. Während ich mich unten klein und fehl am Platz fühlte, spürte ich beim Blick von oben eine ungewohnte Leichtigkeit. Dennoch dauerte es Jahre, besser gesagt Jahrzehnte, bis ich die Liebe zum Hinauflaufen wiederentdeckte.
Eine lange Geschichte, die mich hierhergebracht hat. Und irgendwie auch nicht. Verena, eine Läuferin, mit der ich Teile der Strecke im gleichen Tempo gelaufen bin, wollte wissen, wie ich zum Ultratrail-Laufen gekommen bin. Eine spannende Frage. Denn obwohl bei einem Ultratrail, einem Rennen über 100 Kilometer am Stück, größtenteils abseits befestigter Wege, lauter Gleichgesinnte dieselbe Strecke und dasselbe Ziel verfolgen, sind ihre Beweggründe sehr verschieden. Bei mir haben sich die Motive über die Jahre immer wieder verändert. Das Ultratrail-Laufen selbst hat mich verändert. Zurückblickend hat mich nichts im Leben so positiv beeinflusst wie die Erlebnisse am Berg. Bis auf ein Schlüsselerlebnis in der Regionalbahn. Ausgerechnet in der Bahn, einem Ort, der ein krasser Gegensatz zum Berg ist.
Obgleich sich beziehungsweise ich mein Leben ab diesem Erlebnis massiv änderte, hatte ich es schon fast vergessen. Verenas Frage erinnerte mich daran. Ich wusste, dass sie nicht nach dem fragte, was man fast immer anhand von Laufstatistiken nachlesen kann. Mein erster Zehn-Kilometer-Volkslauf vor zwölf Jahren, ein Jahr später Halbmarathon, dann Marathon. 2011 mein erstes Bergrennen. Nur knapp 18 Kilometer lang, dafür vom Tal in Ehrwald auf den höchsten Gipfel Deutschlands – der Zugspitz Extremberglauf, über den ich zum Zugspitz Supertrail gefunden habe, bereits das erste ultragroße Ziel vor Augen: den Zugspitz Ultratrail mit 100 Kilometern und über 5000 Höhenmetern. Ein Ziel, an dem ich festhielt, obwohl mich die 68,8 Kilometer und knapp 3000 Höhenmeter des Supertrails spüren ließen, was passiert, wenn man als Pfälzer-Hügelchen-Läuferin ungebremst 1000 Höhenmeter bergab rennt. Unten angekommen, waren meine Oberschenkel gefühlt steinhart, brannten und wollten keinen einzigen Laufschritt mehr abbremsen. Dass ich es viel zu schnell angegangen bin, hätte ich ahnen können, als die Zuschauer mir applaudierten und hinterherriefen: „Sehr stark, du bist die sechste Frau.“ Mir, die ich vor 15 Jahren noch mindestens eine Schachtel am Tag rauchte und nach dem zweiten Laufversuch beim Orthopäden landete. Der Sportarzt, zugleich mein langjähriger Hausarzt, untersuchte mich und meinte: „Wenn Sie Ausdauersport machen wollen, gehen Sie besser Radfahren!“ Er war der festen Überzeugung, mein Körper sei nicht zum Laufen gemacht.
Wie bin ich zum Ultratrail gekommen, oder anders gefragt: Warum immer höher und weiter? Warum nicht schneller? Ich bewundere Athleten, die sich ein halbes Jahr oder länger quälen, um auf der Marathondistanz nochmal zwei oder drei Minuten schneller zu sein. Meins ist das nicht. Ich war noch nie sehr detailverliebt, und trotz all meinem Ehrgeiz war ich schon immer faul. So nannte das zumindest meine Mutter, als sie in meiner Anwesenheit zu meinem Grundschullehrer sagte: „Die ist nicht dumm, die ist nur faul.“
Ein Kompliment, das ich damals nicht als solches wahrnahm. Den Spruch „Effizienz ist die Faulheit der Intelligenten“ kannte ich noch nicht, aber es schien mir generell unsinnig, für eine Sache mehr Kraft aufzuwenden als nötig. Dazu ein angeborener Dickkopf, und als ich 2009 bei meinem damaligen Arbeitgeber, einer mittelständischen Autovermietung, zum Vertrieb noch die Regionalleitung übernahm, war Laufen die flexibelste Option, um fit und schlank zu bleiben. Vielleicht habe ich auch von Anfang an gespürt, dass Laufen eine Chance für mich ist. Doch um das zu verstehen, muss man wissen, wie ich aufgewachsen bin.
Schon in meiner Jugend wollte ich immer zu den coolen Leuten gehören. Also jobbte ich, um mir die coolen Klamotten kaufen zu können. Nicht ohne fortlaufend zu meckern, dass andere diese Dinge von ihren Eltern bekämen. Meine Eltern waren nicht reich, doch sie wären sicherlich in der Lage gewesen, mir die Levi’s 501 zu bezahlen. Stattdessen bekam ich von meiner Mutter genau das Geld, was ein günstiges Modell bei C & A kostete. Überhaupt hatten es die anderen fast immer besser. So wie meine vier Jahre ältere Schwester, die immer genau wusste, wie sie von meinen Eltern bekam, was sie wollte.
Als ich zehn Jahre alt war, fand ich ein Buch mit dem Titel „How to manipulate people“ oder so ähnlich bei ihr. Ich hatte zwar niemals gesehen, dass sie darin gelesen hätte, dennoch musste es ihre Bibel sein. Wenn jemand wusste, wie man Situationen für sich entscheidet, dann meine Schwester. Auch mit 14 wäre das Buch immer noch das Letzte gewesen, was ich gelesen hätte. Zumal ich mit dem Englischen eher auf Kriegsfuß stand. Beim Vokabellernen gab es keine Abkürzung und keine Schleichwege. Fleißarbeit war nicht mein Ding. Also las ich es nicht, obwohl es mir vielleicht geholfen hätte. Denn wie gesagt, ich wollte vor allem eines: dazugehören. Zu den coolen Leuten, versteht sich. Mit ihnen um die Häuser ziehen, Party machen und einiges mehr, wovon meine Mutter besser nichts erfahren sollte. Nur wollte ich dafür niemanden manipulieren. Ich wollte um meiner selbst willen geliebt und von der Clique anerkannt werden. Von meinem ersten selbst verdienten Geld kaufte ich mir „deshalb“ coolere Klamotten. Ich bemalte, wie es die coolen Mädels machten, meine Doc Martens mit Tipp-Ex, rauchte Zigaretten und was eben noch so angeboten wurde. Aus dem Österreich-Urlaub schmuggelte ich Red Bull über die Grenze, um es dann vor der Disco mit Wodka, Whisky oder sonst was zu mischen, an das die etwas Älteren der Szene rankamen. Zu den Disco-Zeiten war ich vermutlich schon ein bis zwei Jahre älter und zugleich viel zu jung, um mich mit diesen Dingen erwischen zu lassen. Es folgte die Phase der All-You-Can-Drink-Partys. Ziele hatte ich in dieser Zeit kaum. Ich wollte Spaß haben, zur angesagten Gang gehören und mich bei nichts erwischen lassen, was Ärger einbrachte.
In einem dieser Sommer zwischen meinem 14. und 16. Lebensjahr fuhr ich mit der Clique an den Langwieder See. Es war Anfang November und schon ziemlich frisch. Wir waren wie immer mit den Rädern unterwegs. Die meisten hatten weder Führerschein noch Auto, und für das, was wir am See vorhatten, war es sowieso besser, nicht mit dem Auto zu fahren. Ich erinnere mich, dass ich keine Lust hatte, mit den anderen einen Joint zu rauchen. Mit Gras konnte ich nichts anfangen. Es machte mich nur müde und hungrig. Und niemals dick zu sein, nicht zu viel zu essen, das war so die einzige Regel – neben guten Noten –, an die ich mich hielt. Denn die guten Noten waren die Voraussetzung für meine Freiheit.
Schlank bleiben war für meine Mutter immer oberste Devise, und ich sah die Vorteile darin. Denn ich kam so langsam in ein Alter, in dem sich die älteren Jungs für mich interessierten. Meine langen blondierten Haare und meine sexy Tänzerinnenfigur waren mein einziger Trumpf gegen meine Schwester, die sich damals bereits selbst als eloquent bezeichnete. Ich hatte keine Ahnung, was eloquent bedeutet. Google gab es noch nicht. Wir hatten weder Laptops noch Smartphones. Ich hätte natürlich nachfragen können, was das Wort bedeutet, aber damit hätte ich nur mal wieder gezeigt, dass ich weniger gebildet war als sie.
Zurück zu dem Nachmittag am See. Ich erinnere mich nicht mehr, worüber wir sprachen. Es war ein gemeinsames Abhängen wie so oft. Bis zu dem Moment, in dem sie mich zu dritt packten und versuchten, mich mitsamt meinen Klamotten in den See zu werfen. Es war ein trister Novembertag, und ich fand es gar nicht witzig. Ich wehrte mich und schrie um Hilfe. Zwei von der Clique standen etwas unbeteiligt am Rand daneben. Der Rest feuerte die drei Angreifer kräftig an: „Werft die kleine Nervensäge in den See. Vielleicht kapiert sie dann, dass sie hier niemand haben möchte.“
Und ehe ich mich versah, landete ich im See. Unsanft, wenn auch zum Glück ohne mich ernsthaft zu verletzen.
Ich verstand nicht wieso, aber die Botschaft kam an. Oder besser gesagt, ich kannte sie bereits. Es war nicht das erste Mal, dass mir Menschen sagten oder zeigten, ich solle mich verziehen. Es war diesmal nur die eindringlichste und fieseste Art, mir das mitzuteilen. Das Problem, nicht dazuzugehören, kannte ich auch von daheim. Daher wusste ich, dass mich dort wenig Mitgefühl erwartete. Mein Vater, zu dem ich innerhalb meiner Familie noch das beste Verhältnis hatte, sofern er seinen optimalen Alkoholspiegel hatte – was zugegebenermaßen bereits seit ich zehn war nur noch sehr selten der Fall war –, lebte nicht mehr bei uns. Meine Schwester hätte mich bestenfalls ausgelacht. Nach dem Motto: „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“ Und meine Mutter mochte diese Leute sowieso nicht. Offiziell war ich gar nicht mit ihnen unterwegs. Also bat ich eines der Mädchen, die an der Sache unbeteiligt gewesen waren, ob ich mit zu ihr fahren könne, um meine Kleidung zu trocknen, bevor ich heimradeln würde. Sie überlegte nur kurz. Scheinbar hatte sie mehr Mitleid mit meinem Häufchen Elend als Angst, von der Clique ausgeschlossen zu werden. Wissend, dass ich in ihrer Situation niemals diese Stärke besessen hätte, fühlte ich mich noch elender. Die sechs Kilometer bei eiskaltem Wind pitschnass auf dem Fahrrad gaben mir einen weiteren Grund zum Heulen.
Ab diesem Tag am See beschloss ich, niemandem mehr zu vertrauen. Das Vertrauen in mich selbst hatte ich schon vorher verloren. Falls ich es jemals besessen hatte. Wenn ich die Menschen nur enttäusche und sie mich nur enttäuschen, dann bin ich allein besser dran. So fing ich an, mich stark zu fühlen in meiner Rolle als Außenseiterin, als Rebellin. Dagegen sein wurde zu meinem Credo. Schuld war ab sofort niemals ich, sondern immer nur die anderen, und damit verbannte ich meinen Schmerz, das schwarze Schaf zu sein, ganz tief in mir. Und wenn er auftauchte, half mir mein oberflächliches Partyleben, der Alkohol oder berufliche Erfolge. Die gab es, denn auch wenn ich keine großen Ziele hatte, versuchte ich stets, besser zu sein. Ich hatte schließlich gelernt, dass gute Leistungen mir die Freiheit gaben, anders sein zu dürfen. Doch je älter ich wurde, desto schwieriger wurde es für mich. Meine oft besserwisserischen Dagegen- und Ja-Aber-Strategien sorgten, wohlwollend ausgedrückt, für einen durchaus bewegten Lebenslauf. Auch wenn ich die Verantwortung für Unstimmigkeiten natürlich nie bei mir sah.
„Aus dir wird eh nichts. Du bist wie dein Vater“, hörte ich dann die Stimme meiner Mutter. Es dauerte meist zwei bis drei Wochen, bis ich mich in dieser gefühlt falschen Welt wieder einigermaßen zurechtfand.
Die Geschichte am See hatte ich komplett vergessen. So in meine Gedanken versunken, hatte ich nicht bemerkt, dass der Weg schmaler wurde. Während ich nachdenklich hinter Verena auf dem zum Glück nicht mehr schneebedeckten Trail herlief, fiel mein Schweigen nicht sonderlich auf. Es ist üblich, dass man die Unterhaltungen unterbricht, wenn das Rennen es verlangt. Zudem ist das mit dem Denken nach ein paar durchgelaufenen Nächten so eine Sache. Es passt sich dem Trend des 21. Jahrhunderts an: Statt Slow Food, Slow Fashion oder Slow Travel betreibt man notgedrungen Slow Thinking. In den Momenten der größten Müdigkeit auch Slow Running. Ein Tempo, das mit Rennen nichts mehr gemein hat und mich beim Swiss Irontrail 2014 an ein Buch aus meiner Jugend erinnerte: „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Noch war ich allerdings ordentlich zügig unterwegs und steuerte im lockeren Trab auf die Ortschaft Donnas zu. Gute zehn Stunden auf das Zeitlimit hatte ich inzwischen herausgelaufen. Und mit jeder Verpflegungsstation gewann ich weitere Zeit dazu. Was auch immer das Gegenteil eines Teufelskreises ist, zu sehen, wie mein Abstand auf das Zeitlimit immer größer wurde, beflügelte mich im wahrsten Sinne des Wortes. Verena schien sowieso jedes Tempo mithalten zu können. Oftmals war sie schneller, weil ich neben Schnee, Eissturm und Morast noch mit einigen weiteren Herausforderungen zu kämpfen hatte. Dennoch kreuzten sich unsere Wege immer wieder. So ist das oft bei Ultratrails. Manche Läufer siehst du nur kurz oder nie und andere immer wieder. Und obwohl es ein Wettkampf ist und jeder für sich kämpft, läuft man streckenweise zusammen. Manchmal bricht einer die Stille und beginnt eine Unterhaltung. Bis einer von beiden schneller ist, und sich die Wege wieder trennen.
„Na, sag schon, was ist deine Geschichte? Hattest du auch eine schlechte Kindheit?“, stichelte Verena.
„Wie kommst du darauf?“
„Ein Bekannter von mir meint, man könne sich so was nur antun, wenn man eine traumatische Kindheit hatte.“
Wir lachten oder zeigten uns galant die Zähne. Zumindest bei Verena sah es oftmals mehr danach aus.
„Und, hattest du?“ Sie ließ nicht locker.
„Kommt ganz drauf an, was du unter einer schlechten Kindheit verstehst. Es hätte schlimmer sein können“, rief ich ihr zu.
Ehrlich gesagt, war ich lange der Meinung, sie sei wirklich gar nicht so schlecht gewesen, bis ich auf der Suche nach der Ursache für Autoimmunkrankheiten das Buch „Wenn die Kindheit krank macht“ gelesen habe. Ein Teil in mir hatte sich allerdings gefragt, wer denn bei diesen Maßstäben bitte noch als nicht gefährdet gilt. Zudem hatte ich keine Lust, hier und jetzt über schlechte Kindheitserlebnisse zu sprechen. Das Rennen lief gerade so gut. Außerdem kannte ich Verena gerade mal seit zwei Tagen. Und auch wenn wir einiges gemeinsam hatten und so eine nächtliche Passüberquerung bei einem Ultratrail-Rennen zusammenschweißt, konnte ich sie menschlich nur ganz schwer einschätzen.
Die Wege runter in die mittelalterliche Stadt führten über sehr alte Naturtreppen und teils gepflasterte Wege, was das Laufen erschwerte. An vielen Stellen stachen die ehemaligen Treppenkanten als scharfe Steinkanten hervor. Treppen und Steine, die sicherlich einmal den Auf- und Abstieg in den Ort erleichtern sollten, inzwischen jedoch das Gegenteil bewirkten. Mit dem einsetzenden Regen wurde der Weg zudem nass und rutschig. Ich machte noch schnell ein Foto von mir an der markanten Holzbrücke und schickte es meinem Mann, der im Ort auf mich wartete. Ich las seine Nachricht: „Ich habe einen Parkplatz ganz in der Nähe der Halle. Hier regnet es in Strömen. Alles gut bei dir?“
„Kommst du?“, drängelte Verena, die fast schon um die nächste Ecke bog. „Ich ziehe meine Regenkleidung an“, rief ich ihr hinterher.
Zwar war es bei Weitem nicht mehr so kalt wie die letzten Tage, aber ich hatte keine Lust, pitschnass in Donnas anzukommen. Jedes einzelne Stück, das ich anhatte und bei mir trug, hatte bisher gute Dienste geleistet. Das sollte auch so bleiben.
„Never change a running system“, sagt mein Mann immer, der im Gegensatz zu mir seine Schuhe beim Ultratrail anlässt, solange keine dringende Notwendigkeit besteht, sie auszuziehen. Geschmacksache oder besser gesagt Geruchssache. Regenhose und Jacke anziehen kostete mich vielleicht zwei Minuten. Zwei Minuten, die am Start noch entscheidend waren, die aber jetzt nach 150 Kilometern und gut 10.000 Höhenmetern keine Rolle spielten. Vermutlich hatte ich intuitiv längst entschieden, dass ich nicht nass werden wollte, und in den meisten Situationen ist Intuition eine große Hilfe. Nicht immer, aber dazu später mehr.
Etappe 1
„Tre, due, uno, partenza!“
Vielleicht sollte ich von vorne anfangen. Ein Ultratrail ist ein Rennen mit mindestens 100 Kilometern am Stück. Dabei läuft man größtenteils auf Trails, also abseits befestigter Wege. Als ich vor 13 Jahren mit dem Laufen begann, kannte ich den Begriff nicht. Mein großes Laufziel damals: einmal von mir zu Hause zur Sankt-Anna-Kapelle rennen und wieder zurück. Von meinem Garten in Landau-Nußdorf konnte ich diese imposante Kapelle über die Weinberge hinweg sehen. Sie liegt etwas erhöht am Waldrand. Es schien mir sehr attraktiv und zugleich unerreichbar weit, dorthin und wieder zurück zu rennen. Die Sankt-Anna-Kapelle bot mit etwa fünf Kilometern Entfernung damals das richtige Maß an Herausforderung. Zehn Jahre später war mein großes Laufziel der Tor des Géants im Aostatal, einer der längsten und härtesten Ultratrails der Welt. Da bekommt der Spruch „Überschätze nicht, was du in einem Jahr erreichen kannst, und unterschätze nicht, was du in zehn Jahren schaffen kannst“ eine ganz andere Bedeutung. Rückblickend erscheint vieles so logisch. Hätte mir das 2010 jemand prophezeit, ich hätte ihn für verrückt erklärt.
Obwohl ein erfolgreicher Zieleinlauf inzwischen im Rahmen des Möglichen liegt, scheint mir „verrückt“ immer noch die passende Beschreibung zu sein. Das ist total verrückt, denke ich, als ich mir am 8. September 2019 kurz nach elf Uhr meinen Weg in den abgesperrten Startbereich im italienischen Bergdorf Courmayeur bahne.
2018 war der TOR für mich ein Rennen wie jedes andere gewesen. Dass ich im Gegensatz zu meinem Mann Björn keinen Startplatz bekommen hatte, störte mich nicht sonderlich. Ich suchte mir einfach ein alternatives XXL-Rennen. Das änderte sich, als ich acht Tage nach diesem Rennen um drei Uhr nachts aufbrach, um Björn bei seiner Ankunft am letzten Pass des Rennens, dem Col Malatrà, zu überraschen. Es war noch dunkel, aber ich kannte den Weg. Wenige Tage zuvor war ich schon einmal hier oben auf dem knapp 3000 Meter hohen Pass gewesen und bewunderte, wie der Drittplatzierte des Rennens, Peter Kienzl, sich in den letzten langen Downhill stürzte. Ab dem Col Malatrà sind es noch rund 18 Kilometer bis ins Ziel, knapp 2000 Höhenmeter bergab, und ein paar Hundert bergauf. Das vielfach unterschätzte letzte Wegstück. Doch wer am Col Malatrà, dem letzten von 25 Pässen, durch das bekannte Felstor schaut, hat sehr gute Chancen, in Courmayeur durch den legendären Zielbogen zu rennen und sich mit seiner Unterschrift auf der Liste der Finisher zu verewigen.
Es war der letzte Renntag. Ich wusste, dass Björn seit dem vorletzten Pass Probleme mit seinem Knie hatte. Obwohl das Reglement jeglichen Support außerhalb der Verpflegungsstationen verbietet, wollte ich ihn zumindest seelisch unterstützen. Bei Sonnenaufgang begegnete ich Mikael Melto, einem schwedischen Lauffreund. Wir machten ein Erinnerungsfoto von uns mit dem Mont Blanc im Hintergrund. Ich freute mich für ihn, für alle Läufer, die mir entgegenkamen, doch für Mikael besonders. Ich wusste nicht genau, warum der TOR eine so große Bedeutung für ihn hatte. Es war sein dritter Versuch. 2013 beschloss er, als er vom tödlichen Absturz eines chinesischen Läufers hörte, in Donnas (km 151) aufzuhören – er war zuvor nie länger als 100 Kilometer und eine Nacht unterwegs gewesen. 2016 mit deutlich mehr Training – zu viel, wie es schien – gesellte sich in einer stürmischen Nacht am Col Pinter (km 215) zu Schmerzen und Schlafentzug die extreme Kälte. Er wurde so unkontrollierbar langsam, dass er das Vertrauen in einen Zieleinlauf verlor. Er beendete das Rennen in Champoluc (km 222), deutlich enttäuschter als 2013. Mikael rockt sonst Rennen mit Zeiten, bei denen Björn und mir nur schwindlig wird. Der TOR mit seinen vielen Höhenmetern und der Höhenlage, mit der fast alle, zumindest zu Beginn des Rennens, zu kämpfen haben, war die Herausforderung, die ihn nicht wieder losließ. Bevor er dem Ziel entgegenlief, meinte er zu mir: „Vergiss den PTL.“ Ein XXL-Team-Ultra, von dem ich ihm als neues Ziel vorgeschwärmt hatte. „Der TOR ist das Größte, was du erleben kannst.“
Ich weiß nicht, ob es Mikaels Worte waren oder der berühmte Blick vom Col Malatrà, bevor ich Björn dort in die Arme schloss, oder die vielen Stirnlampen, die mir andächtig schweigend oder leise vor sich hin fluchend entgegenkamen. An diesem Morgen hatte es mich gepackt, das TOR-Fieber, und ich fühlte, dass dieser Lauf mehr als eine läuferische Herausforderung ist.
Die besondere Atmosphäre dieses Rennens kann man in Courmayeur schon Tage vorher spüren. Überall schmücken knallgelbe TOR-Banner die Straßen, und in fast jedem Laden kleben Plakate, daneben schwarz-gelbe T-Shirts, 2019 mit einem knallroten X hinter der Jahreszahl – für das zehnjährige Jubiläum. Typisch drahtige Ausdauerathleten, teils bereits mit TOR-Shirts und -Kappen gebrandet, neben ebenso gelben T-Shirts, deren Inhalt sichtlich durch Pizza, Pasta und italienisches Bella Vita geformt wurde. Ungewollt teile ich in Kategorien ein: Läufer, Begleitung oder Volunteer. Die Volunteers, hier VolonTORs genannt, die vielen guten Seelen, die dieses Rennen erst zu dem machen, was es ist. Die mindestens sechs Tage alles dafür tun, damit dieses Rennen so sicher wie möglich, so (gast-)freundschaftlich wie möglich und so erfolgreich wie möglich abläuft. Für einige von ihnen beginnt die TOR-Arbeit deutlich früher und endet erst Wochen später. Für ein paar ist es inzwischen ein Full-Time-Job geworden. Denn irgendwer muss Sponsoren finden, Werbung machen, Fragen beantworten, die Bewerbungen sortieren, ärztliche Atteste kontrollieren. Ohne ein solches sowie die schriftliche Erklärung zur Eigenverantwortung, auch im Todesfall, darf man nämlich nicht starten. Menschen, für die der TOR längst zum Beruf geworden ist. Dazu die 3000 freiwilligen Helfer, die nichts dafür bekommen – und doch so viel. Denn nicht nur für mich sind die VolonTORs die Helden dieses Rennens. Sie sind Köche, Motivatoren, Taschenverteiler, Trostspender, Müllentsorger und beste Freunde. Sie stehen teils tage- und nächtelang in der Kälte und werden nicht müde, immer wieder neue Markierungen zu verteilen. Fähnchen, die beim SwissPeaks 360, meinem letzten großen Ultratrail, so häufig fehlten. Die von Menschen, dem Wetter oder Tieren mitgenommen, rausgerissen und plattgetrampelt werden. Wie bei einem Marathon brauchen die Amateure, zumindest die meisten von ihnen, doppelt so lang wie die Profis. So betragen die Abstände vom ersten zum letzten Läufer bis zu drei Tage. So lange muss dann auch eine Verpflegungsstation, unter deutschsprachigen Läufern kurz VP genannt, besetzt sein. Davor Aufbau, danach Abbau, und manche VolonTORs betreuen mehrere solcher VPs. 150 Stunden lang kümmern sich die Helfer im Schichtdienst Tag und Nacht um das Wohl all derer, die ein Ziel antreibt: Hier in Courmayeur über den gelben Teppich ins Ziel zu laufen und am Sonntag mit denen, die es geschafft haben, auf der großen TOR-Bühne zu stehen oder zu sitzen. Wozu der Körper eben noch in der Lage ist. Und während die Läufer, erfolgreich oder nicht, längst ihre wunden Füße hochlegen und den schmerzenden, müden Körpern abwechselnd Schlaf und Essen gönnen, sammeln fleißige VolonTORs Markierungen ein, kümmern sich um Liegengebliebenes, helfen beim Zeltabbau und vieles mehr.
Die Zuschauerplätze für den Start sind begehrt. Auf der für den Start gesperrten Straße und drum herum ist die Hölle los. Ein Hexenkessel ist nichts dagegen. Ich entdecke eine Gruppe Läufer mit Startnummern, die offensichtlich das gleiche Ziel haben. Es gelingt mir, mich an sie dranzuhängen. Geschafft. Ich blicke mich im Startraum um und stelle zu meiner Überraschung fest, dass ein paar der Pizza-Pasta-Bäuche, die ich ganz klar in die Kategorie VolonTOR, maximal Begleitung oder Fan gepackt habe, neben mir am Start stehen. So ist das mit vorschnellen Urteilen. Ich sehe Maria, eine Norwegerin, die ich im Jahr zuvor durch Mikael kennengelernt habe. Maria hat schon geschafft, wovon ich und viele andere hier im Startblock träumen. Sie besitzt bereits eine Finisher-Jacke. Beim traditionellen Briefing am Vorabend saß ich zusammen mit ihr und einigen anderen Nordlichtern an einem der vielen Achtertische.
„Warum bist du hier? Du hast es doch schon geschafft“, fragte ich sie in Smalltalk-Englisch.
Sie möchte schneller laufen als 2018. Sie habe so viele der Giganten, der Viertausender, die diesem Rennen seinen Namen geben, nicht gesehen, weil es an den aussichtsreichen Stellen dunkel gewesen war.
„Deine Nachtroute von 2018 untertags laufen? Wie willst du das schaffen?“, meinte ich und versuchte dabei, nicht zu skeptisch zu wirken.
Doch Maria ist eine zierliche und zugleich sehr toughe Frau. Sie bringt so schnell nichts aus der Ruhe.
„Ein wenig schneller laufen und weniger schlafen oder zu anderen Zeiten“, parierte sie zuversichtlich.
Die Sache mit dem Schlafen. Während im Vergleich zum Marathon beim Ultralauf die Nahrungsaufnahme und das nächtliche Laufen als zusätzliche Herausforderungen hinzukommen, ist es beim TOR – neben den Anforderungen durch abschüssige Trails, die Höhe und das Wetter – das Schlafen.
„Was hast du für eine Schlafstrategie?“ ist neben der Frage, ob man Grödeln mitnimmt oder nicht, das meistdiskutierte Thema am Vorabend des Rennens. Grödeln, auch Cramps genannt, was in der deutschen Übersetzung verwirrenderweise Krämpfe heißt, aber nichts damit zu tun hat. Crampons ist Französisch für Steigeisen, die gilt es beim TOR zumindest im Wechselgepäck und auf Anweisung auch im Rucksack mitzuführen. Das Reglement, das jeder Läufer mit der Teilnahme anerkennt, bietet online einen direkten Link zu drei möglichen Modellen, die den Anforderungen der Rennleitung genügen. Meine Schuhschneeketten von Tchibo, die bei vereinzelt leicht angeeisten Gipfelpassagen stets ausreichend und zudem bisher nie vorgeschrieben waren, fielen hier durchs Raster. Zur großen Überraschung vieler Läufer sagte man uns beim Briefing am Vorabend, dass keinerlei Pflichtausrüstung kontrolliert werden würde. Es sei uns selbst überlassen, was wir mitnehmen. So erging es mir danach wie bei dem Gänseblümchenspiel: „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich …“ Klar war für mich, die Cramps ganz unten in den Rucksack zu packen. In all den vielen Laufberichten und Videos, die ich gesehen hatte, hat nie einer die vorgeschriebenen Steigeisen benötigt. Das Erfolgsprinzip der optimistischen Paranoia, das mich schon oft vor Schaden bewahrt hat, mahnte mich jedoch, nicht ohne zu starten. Die Frage war, nehme ich die Tchibo-Variante, deutlich leichter und platzsparender, oder das hochmoderne Paar Cramps mit den kantigen Metallzähnen, das ich mir kurz vor dem TOR gekauft hatte, mit der Option, es bei Nicht-Benutzung zurückzugeben. Es ging jedoch weniger um das Geld. Ich hatte schon so viel in dieses Rennen investiert. (Apropos investiert, das Startgeld beim TOR beträgt in diesem Jahr 750 Euro.) Es ging vielmehr um das Gewicht, denn schließlich muss man seinen Rucksack knapp 360 Kilometer und 30.000 Höhenmeter tragen, vorausgesetzt, man macht keine unfreiwilligen Mehrkilometer und bleibt innerhalb der Zeitlimits. Denn wer ein Zeitlimit, eine Cut-Off, verpasst, scheidet aus dem Rennen aus.
„Es wird kalt werden. Wir können nicht genau sagen, wie kalt, aber kalt“, so die Wettervorhersage im Briefing gestern Abend. Das bedeutete für mich – trotz Ultra-Gewichtspar-Strategie – genug zum Anziehen mitzunehmen. Das gefährliche „Eh-schon-egal-Prinzip“ schlug zu. Oder wie Achim, Abteilungsleiter bei engelhorn sports, wo ich während meiner Physiotherapie-Ausbildung jobbte, es nannte: „Egal, wie groß dein Rucksack ist, man packt ihn immer voll.“
So oder so, ich packte zuerst die neuen, die schweren und zugleich für einen Alpinbergsteiger immer noch ultraleichten Steigeisen in den Rucksack, der zum Glück dennoch deutlich leichter war als der von Björn, wenn auch nicht minder voll. Deutlich voller jedenfalls als der von Maria. Eine zweite Sache, um die ich sie in diesem Moment beneide. Denn das Thermometer meiner Sportuhr zeigt knapp 20 Grad. Die Sonne schiebt sich gerade an einer der grauen Wolken vorbei. Es ist gefühlt deutlich wärmer als angekündigt. Und trocken. Zum Glück. Nichts schlimmer, als schon im Startblock nass zu werden und zu frieren. Das Feld rückt schubweise Richtung Startlinie vor, Maria, ihre norwegische Lauffreundin und ich mit ihm. Noch fünf Minuten. Während ich die Schnürung meiner Laufschuhe nochmal korrigiere, denke ich abwechselt: Habe ich alles? Vielleicht hätte ich doch nochmal über die Absperrung klettern und auf die Toilette verschwinden sollen. 360 Kilometer, total verrückt. Und bevor die Zahl in meinen Beinen ankommt und das ganze System lahmlegt, ermutige ich mich: Du kennst die ersten zwei Kilometer durch Courmayeur, die Engstelle, dann geht es bergauf. Du rockst das, Pass für Pass, VP zu VP. Die Etappenziele so klein machen, dass sie erreichbar scheinen, egal, wie es dir gerade geht. Bis zur nächsten Kuppe, die Runde um den See, manchmal nur noch von Baum zu Baum. Die kleinste Etappe: ein Schritt. Dann noch einer und noch einer und noch einer. Du kannst das. Du hast schon bewiesen, dass du durchhalten kannst, auch wenn es hart wird. Und du hast trainiert, damit es nicht hart wird. Du packst das. Nur atmen, atmen nicht vergessen. Die ersten Töne von „Pirates of the Caribbean“ läuten den Countdown ein. Auf Italienisch wird von zehn rückwärts gezählt. Ich zähle, so gut ich kann, mit: „Otto, sette, s…, quattro … due, uno.“
Das Läuferfeld vor mir bewegt sich. Erst langsam, dann schneller.
„Good run“, rufe ich Maria zu, und hinter mir ruft einer: „Good race!“
Meint er mich? Möglich. Hier wünscht gefühlt jeder jedem das Beste. „Sollen alle ins Ziel kommen, Hauptsache, ich bin einer von ihnen.“ Den Gedanken kenne ich, wohl wissend, dass 30 bis 50 Prozent es nicht schaffen werden. Das Läuferfeld lichtet sich. Ich laufe schneller. Der Kopf ist auf einmal leer. Können Gedanken, die eben noch im Kopf waren, im Bauch Karussell fahren? So fühlt es sich an, die Mischung aus Freude, Angst und Aufregung. Durch die Altstadt, vorbei an der dichtgedrängten und jubelnden Zuschauermenge, versuche ich, meinen Rhythmus zu finden. Während wir aus der schmalen Gasse kommend rechts in eine breitere, leicht abfallende Straße abbiegen, merke ich gerade noch, dass meine Flask aus dem dafür vorgesehenen Fach am Rucksack vorne rutscht. Die sogenannte Soft Flask ist eine Mischung aus Trinkblase und Flasche. Der Vorteil ist, dass man sie vorne am Rucksack befestigen kann und das Gewicht dem am Rücken entgegenwirkt. Zudem kann man durch das Nuckelflaschen-Prinzip trinken, ohne das Trinkventil auf- und zuschrauben zu müssen. Die Dinger haben einen stolzen Preis. Dennoch empfiehlt es sich, wenn man auf Flasks setzt, immer ein oder zwei als Reserve dabeizuhaben. Denn abgesehen davon, dass man in das Beißventil besser nicht wirklich hineinbeißen und beim Wasserauffüllen im Fluss darauf achten sollte, den Verschluss nicht der Strömung zu überlassen, sind selbst Soft Flasks von guter Qualität äußerst verschleißanfällig. Sie sollten daher tunlichst nicht auf den Boden fallen. Schon gar nicht, wenn die Gefahr besteht, dass sie dort von einem der nachfolgenden Läufer nochmal ein paar Meter weitergekickt werden. Gerade nochmal gut gegangen, denke ich und stopfe die 0,5-Liter-Flask zurück in das dafür vorgesehene Fach am Träger meines Laufrucksacks. Dort möchte sie aber offensichtlich nicht bleiben, denn die wabbelige Tube Wasser arbeitet sich mit jedem Laufschritt wieder nach oben. Nun hatte ich das Equipment vorher ausgiebig getestet – ohne dieses Problem. Da ich aktuell keine Idee habe, warum die Flask auf einmal nicht hält und das Problem scheinbar nur auf der einen Seite besteht, nehme ich die Flask einfach in die Hand. Meine Laufstöcke, die beim Bergauflaufen Vortrieb geben und beim Bergablaufen die Beine entlasten, habe ich beim Start in meiner dreiviertel langen Hightech-Triathlon-Hose der Firma Kiwami verstaut. So habe ich die Hände frei beziehungsweise nun eben eine Flask in der Hand. Die andere scheint zu halten. „Hakuna Matata“: Ich habe mir das Sorgenfrei-Motto aus „König der Löwen“ angewöhnt – für mehr Leichtigkeit beim Laufen und im Leben. Meines Wissens nach heißt es wörtlich übersetzt soviel wie „Es gibt keine Schwierigkeiten“. Ich achte darauf, mich bei der anfänglichen Euphorie und den lauten „Andiamo ragazzi“-Rufen der Zuschauer nicht zu überschätzen. Zu schnell zu starten, kann sich bei einem Ultratrail bitter rächen. Da es die breite Fahrstraße leicht bergab geht, und ich weiß, dass in ca. einem Kilometer eine Engstelle kommt, an der es sich erfahrungsgemäß gerade für die langsameren Läufer staut, versuche ich, das für einen Ultratrail mit 20-Liter-Rucksack recht zügige Lauftempo zu halten. Ich halte nach Björn Ausschau, sehe ihn jedoch nicht. Zu viele Zuschauer, zu viele Kameras, und ich muss mich auf das Laufen konzentrieren. Hoffentlich macht er ein paar gute Fotos. Das große Manko bei meinen Vorträgen. Es läuft sich aber nun mal schlecht mit einer Vollformatkamera mit Objektiv, und es bleibt einem auch keine Zeit, ein Stativ aufzubauen oder die günstige Gelegenheit für das beste Foto abzuwarten. Mein iPhone 7 befindet sich in einer wassergeschützten Outdoorhülle, und die Qualität meiner Schnappschüsse auf Ultratrails dient maximal der Dokumentation. Vermutlich bin ich auch kein großes Foto-Genie. Generell meide ich Geräte, die nicht selbsterklärend sind. Gebrauchsanweisungen zu lesen erzeugt bei mir in etwa die gleichen Gefühle wie die automatische Abfrage einer telefonischen Hotline. Ich höre, wie jemand „Annabel“ ruft. Der Name Annabel, zu meiner Geburt 1978 in Deutschland noch wenig gebräuchlich, hat sich zwar inzwischen auf Platz 339 der beliebtesten Mädchennamen hochgearbeitet, die meisten meiner Namensvetterinnen sind aber noch nicht im Ultratrail-Alter angekommen. Ich entdecke Björn, der Fotos macht, und winke ihm kurz zu. Um mich herum, wie so häufig bei Ultratrails, nur Männer. So wie es eben noch leicht bergab ging, steigt die Straße nun leicht an. Ich entscheide, das Tempo um mich herum mitzugehen. Kurz bevor es in den Wald geht, beginnt es zu regnen. Einige Läufer halten an, um ihre Regenjacke anzuziehen. Ich überlege kurz und beschließe weiterzulaufen. Aufgrund der Situation bildet sich an der Engstelle zum schmalen Pfad in den Wald kein Stau. Sehr gut gemacht, Annabel. Gleich mal schnell 15 bis 20 Läufer überholt. Mein Plan geht auf. Die Bäume bieten einen guten Schutz gegen den mittelstarken Regen. Noch ist das Läuferfeld eng beieinander oder besser gesagt hintereinander. Die Läufer vor mir wechseln im Wald vom Rennen in ein zügiges Marschieren und ich mit ihnen. Wer hier im Mittelfeld noch hinaufsprintet, wohl wissend, was alles noch vor ihm liegt, hat beim Start irgendwas falsch gemacht. Zudem ist der Weg so schmal, dass auch ein sehr viel schnellerer Läufer sich schwergetan hätte, an den diversen Stockeinsätzen vorbeizukommen. Nicht trödeln und am Vordermann dranbleiben ist die Devise, die zugleich fair gegenüber den Nachfolgenden ist und für die eigene Disziplin von Vorteil. Vorausgesetzt, man kann das Tempo im geeigneten Herzfrequenzbereich mitgehen. Wer zu früh zu viel will, dem geht es wie mir beim Zugspitz Supertrail, meinem ersten richtig langen Rennen in den Alpen. Ich war so glücklich, mit Hilfe von Jack, dem Physiotherapeuten, und dem konsequenten Umsetzen seiner Folterübungen meinen Knieschmerz los zu sein, dass ich es viel zu schnell anging. Mit meinem damaligen Trailschuh von ASICS, der sich im Nachhinein als Walking-Modell entpuppte, kam ich bergauf zügig voran, bis ich kurz vor dem Scharnitzjoch im Matsch ausrutschte. Ich hatte mir nicht wehgetan. Ich sah nur aus wie jemand, der in eine Reihe Kuhfladen gefallen ist. Möglicherweise war auch ein bisschen was davon mit dabei. Wie peinlich, dachte ich und war erleichtert, als ich ein wenig später sah, dass ich nicht die Einzige war. Geteiltes Leid ist nicht halbes Leid. Wenn du Schmerzen hast, hilft es dir nichts, wenn andere auch Schmerzen haben. Der Schmerz bleibt der gleiche. Doch geteilte Scham reduziert die unangenehmen Gefühle, allein dadurch, zu wissen, man ist nicht der Einzige, dem das passiert ist. Shit happens. Aufstehen, Dreck abklopfen, weiterlaufen. Das Zweite habe ich ausgelassen, da die braune Masse an Gesäß und Beinrückseite noch ziemlich weich war. Ich hatte damals weder Ultra- noch großartig Berglauf-Erfahrung. Den Fünf-Liter-Rucksack von Salomon, eine enganliegende Weste, die mir noch sehr lange und auf deutlich längeren Ultratrails gute Dienste erwies, hatte ich über die Arbeit bei engelhorn sports geschenkt bekommen. Der Laufrucksack in der Größe XS/S passte in der Running-Abteilung außer mir niemandem. Wobei er auch an mir recht straff saß, weshalb nicht mehr allzu viel hineinpasste. Auch damals gab es Pflichtausrüstung. Meine Gore-Tex-Regenjacke hatte ein deutlich größeres Packmaß als das ultraleichte Modell von Dynafit, das ich inzwischen besitze. Dennoch hat mir der Rucksack sogar beim Swiss Irontrail über die 201 Kilometer gereicht. Ein Rennen, bei dem ich mir allerdings vielfach wärmere Kleidung gewünscht hätte. Beim Zugspitz Supertrail habe ich mir über solche Dinge noch keinerlei Gedanken gemacht. Dass es eine spezielle Ausrüstung für Trailrunner gibt, hatte ich am Vortag auf der Messe in einer Zeitschrift gesehen. Ich bekam eine Leseprobe des „Trail Magazins“ geschenkt, in der ich unter anderem einen Artikel über die richtige Downhill-Technik las. Sinngemäß stand da: immer auf etwas Festem landen und nach Möglichkeit nicht bremsen. Das war zumindest das, was hängen geblieben ist, und so stürzte ich mich nach meinem Ausrutscher im Dreck wie ein Profi in den ersten langen Abstieg. Stöcke hatte ich damals keine, wozu auch. Dass sie mein Leiden in den weiteren Abstiegen deutlich gemildert hätten, konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Nach meinem rasanten und sturzfreien Downhill vom höchsten Punkt des Rennens, dem Scharnitzjoch (2048 m), runter zum Hubertushof waren meine beiden Oberschenkel annähernd doppelt so dick wie vorher und steinhart. Es folgte eine flache Passage durch die Geisterklamm bis nach Mittenwald. Knapp zehn Kilometer optimal zum Rennen, vorausgesetzt, man konnte noch rennen. Nachdem ich meine Oberschenkel mit einer Eiswassertherapie im Fluss wiederbelebt hatte, gelang es mir, die Beine gerade so weit anzuheben, um zu gehen. Äußerst dankbar, dass es für einige Kilometer keine Stolperfallen wie Wurzeln oder Steine gab. Obwohl es nicht besser wurde und mich bis zum Schluss über zwei Drittel der Teilnehmer überholten, hatte ich nicht einmal darüber nachgedacht, aufzugeben. Im letzten langen Abstieg nach Grainau, dem Ziel des Rennens, musste ich sicherlich 50-mal anhalten, um schnellere Läufer vorbeizulassen. Zumindest tat ich das, auch wenn jedes Abstoppen und Loslaufen mit enormen Schmerzen verbunden war. Ich fragte ein paar Männer von der Bergwacht, die gerade ein Feuer machten, wie weit es noch sei.
„Nur noch so fünf Kilometer“, versuchten sie mich aufzumuntern.
Ich wäre beinahe zusammengebrochen, als ich das hörte. Noch fünf Kilometer? Meine Technik bestand darin, so kleine Schritte zu machen wie möglich. Größere Schritte konnte ich kraftmäßig und schmerzbedingt nicht mehr abbremsen. Fünf Kilometer, ach du Scheiße. Meine Verzweiflung schien mir ins Gesicht geschrieben.
„Du konnscht di a herhocken ans Feier. Wir ham noch a Wurscht übrig“, rief einer der Männer, während ich mich mit meinen Geisha-ähnlichen Trippelschritten weiter voranarbeitete.
Doch neben der Erfahrung, ein Rennen nicht zu schnell anzugehen, erlebte ich auch die Magie des sich nähernden Ziels. Als ich den Ort erreicht hatte, konnte ich die letzten zwei Kilometer sogar wieder rennen. Ich lernte durchzuhalten und leider auch, dass der Schmerz im Ziel nicht aufhört. Das Massageteam sah mich mitfühlend an, riet mir – nach Begutachtung meiner Beine – jedoch von einer Massage ab. Strom könnte helfen. Auf den Boden runterzukommen, gelang mir besser als anschließend wieder hochzukommen. Ob der Strom geholfen hat, weiß ich nicht. Ich konnte die fünf Treppenstufen zu meiner Wohnung über eine Woche lang nur rückwärts runtergehen. Die Vorbereitungswoche auf das Physiotherapie-Examen ermöglichte mir, nachts zu lernen, wenn ich zwischen drei und fünf Uhr trotz entzündungshemmender Schmerzmittel vor Schmerzen nicht schlafen konnte, und den fehlenden Schlaf morgens oder mittags nachzuholen. Eine Dozentin der Physio-Akademie und Pferdeosteopathin meinte bei ihrer Begutachtung am achten Tag nach dem Rennen, dass sie so was noch nicht gesehen habe. Meine Beine waren immer noch doppelt so dick und heiß. Sie meinte, das sei wohl die heftigste Variante von Muskelkater und dass die kleinen Risse im Muskel noch etwas länger brauchen würden, um zu heilen. Sie behielt recht. Es dauerte ein paar Wochen, heilte aber vollständig aus. Nach diesem Erlebnis war fraglich, ob ich mir dergleichen ein zweites Mal antun wollte oder konnte. Ich war und bin ganz sicher keine Masochistin. Ich wusste, dass ich Fehler gemacht hatte. Klassische Anfängerfehler. Und ich wollte wissen, ob das nicht auch anders geht. Es geht, vor allem, wenn man den Körper mit kontinuierlichem Training an die Belastung heranführt. Nicht nur an die des langen Rennens, auch an die der Auf- und Abstiege und des langen Gehens.
Der Regen holt mich zurück in die Gegenwart. Die Bäume, die mich bisher so gut vor dem Regen geschützt hatten, dass ich schon gehofft hatte, es habe wieder aufgehört, lichten sich. Wenn ich nicht pitschnass werden will, muss ich rasch meine Regenjacke überziehen. Ich rette mich unter einen großen Baum und hole meine Jacke aus dem Rucksack. Es geht ein kalter Wind, was meine Entscheidung, hier anzuhalten, um mich zumindest oben herum warm einzupacken, untermauert. Auch wenn ich schmerzlich sehe, wie die Karawane an Läufern an mir vorbeizieht. Obwohl die Wiese für Überholmanöver genug Platz bietet, bleiben alle brav hintereinander. Und ich mache mir Gedanken, dass ich zehn bis zwölf Plätze verloren habe. Wie unsinnig bei dem, was noch vor mir liegt, denke ich, wohl wissend, dass es mein Ehrgeiz ist, der mich überhaupt hierhergebracht hat. Die Jacke anzuziehen war wichtig und richtig, beruhige ich meine ehrgeizige innere Stimme. Dabei ist der Regen an sich nicht gefährlich, sondern die Kombination aus Wind, Kälte und Regen.
Der sogenannte „Windchill Effekt ist nicht zu unterschätzen … Unterkühlungen und sogar Erfrierungen können die Folge sein. Dabei passiert folgendes: Wind – egal ob es tatsächlicher Wind ist oder nur Zugluft, wie sie zum Beispiel bei langen Abfahrten vorkommt – entzieht der Hautoberfläche die dort relativ warme Luft und sorgt so für mehr Verdunstungskälte.“6
2008 haben zwei Läufer beim Zugspitz Extremberglauf aufgrund von Regen, Wind und massiver Unterkühlung nicht überlebt. Heute erinnern Namensschilder mit ihrem Todestag und ein paar Blümchen im Felsen an dieses schicksalsträchtige Ereignis. Hinterher ist man immer klüger. Nur manchmal hilft einem das nichts mehr. Der Gedanke an die Mahnmale der beiden verändert umgehend meinen Blickwinkel. Alles gut, Annabel. Sicherheit geht immer vor. Und nicht vergessen, dein Ziel bei dieser sportlichen Mission ist Ankommen. Gesund ankommen innerhalb des Zeitlimits. Dabei liegt mein selbst gesetztes Zeitziel zwischen: bei Sonnenaufgang des sechsten Tages am Col Malatrà stehen (realistisch) oder bei Sonnenuntergang des fünften Tages am Col Malatrà stehen (optimistisch). Kurzzeitig führt die Strecke über einen flacheren Feldweg, die Abstände der Läufer werden vorübergehend größer, bis ein schmaler Pfad nach links abzweigt. Zumindest gehe ich davon aus, dass unter dem festgetretenen Schnee ein Trampelpfad verläuft. Der Anblick ist unglaublich. Natürlich ist mir schon vorher aufgefallen, dass der Regen in nassen Schnee übergegangen ist. Dass dieser liegen bleiben könnte und wir knöcheltief durch eine inzwischen fast geschlossene Schneedecke marschieren, schien vor zwei Stunden noch unvorstellbar. Und das Anfang September, während Bayern, Baden-Württemberg und auch die hiesigen Einheimischen noch Sommerferien haben. Da fällt mir ein, dass ich keine wasserfesten Schuhe anhabe. Ich besitze welche, habe sie aber für den Notfall im Wechselgepäck. Das Material ist fester, der Schuh weniger bequem, und halbdurchlässige Membran hin oder her, man schwitzt immer mehr in wasserfesten Schuhen. Dass es kalt wird, hatten sie uns gesagt, von Schneefall war nicht die Rede. Zumindest habe ich nichts dergleichen mitbekommen. Doch dass das Wetter am Berg unberechenbar ist, hatte ich bereits erfahren. Als ich 2014 beim Swiss Irontrail, meinem ersten Versuch über die 201 Kilometer und 11.400 Höhenmeter bei Kilometer 100 über den Lunghinpass lief, kam kurz vor der Passhöhe Regen auf, der schnell in einen heftigen Eisregen überging. Abgesehen davon, dass ich damals noch nichts von wasserfesten Überhandschuhen wusste und meine Finger vor Kälte derart schmerzten, dass ich nicht mehr in der Lage war, meine Stöcke zu halten, fror der Eisregen auf den Steinplatten fest und machte den Untergrund zu einer gefährlichen Rutschpartie. Der Wind peitschte mir die Eiskörner ins Gesicht, als gelte es, mit aller Kraft einen Angreifer in die Flucht zu schlagen. Als wir im Tal losliefen, hatte es knapp 30 Grad und die Sonne schien. Wir, denn zum Glück war ich damals nicht allein in dieser brenzligen Situation. Nino, ein Läufer, mit dem ich den Großteil der Strecke das gleiche Tempo lief, und ein Stück vor uns zwei russische Läufer teilten das gleiche Schicksal. Man beriet sich. Ich überlegte umzukehren, doch die anderen waren für weiterlaufen. Die Passhöhe selbst liegt auf 2644 Meter, und die Strecke führt ein bis zwei Kilometer nahezu auf gleicher Höhe entlang, bevor es hinunter nach Bivio geht. Allein zurücklaufen hielt ich für eine schlechte Idee, und Nino bot an, meine Stöcke zu nehmen. Damals hatte ich noch keine Hose, deren Seitentaschen eine Vorrichtung für die Stöcke bieten. Ich hatte auch keine Handschlaufen an den Stöcken. Meine Handschuhe waren auch nicht winddicht. Sie waren noch nicht mal windabweisend. Sie waren patschnass und halb gefroren. Meinen Fünf-Liter-Rucksack hatte ich zum Befestigen der Stöcke mit einem Gummi aufgepimpt. Er war proppenvoll, und ich trug ihn, damit der Inhalt nicht nass wurde, unter meiner Regenjacke. Daran, sie auszuziehen, um das zu ändern, war in diesem Eissturm nicht mal zu denken. Dankbar übergab ich Nino meine Stöcke und stolperte die Hände in den Jackenärmeln, den Kopf leicht gesenkt, damit mich die Eiskörner nicht zu hart trafen, hinter den Männern her. Nicht mal 30 Minuten später schien wieder die Sonne, und wir machten uns über das Geräusch dieses Rennens lustig. Nino ahmte die Schmatzlaute nach, die unsere Schritte in dem durch monatelangen Regen aufgeweichten Boden machten. Der Matsch, der für stets nasse Füße und erschwerte Auf- und Abstiege sorgte. Das, worüber wir kurz zuvor noch geklagt hatten, war auf einmal eine willkommene Alternative und brachte uns nun zum Lachen. Alles ist relativ, auch schlechtes Wetter. Hätten wir gewusst, was uns matschtechnisch oder besser gesagt moortechnisch hinter Bivio erwartete, uns wäre das Lachen vergangen.
6 Windchill – Gefühlte Temperatur bei Kälte und Wind, www.bergfreunde.de/windchilleffekt-rechner/ (27.4.2021).
Abfahren im Schnee
Wie schnell die Gedanken abschweifen, wenn man so im stetigen Anstieg hinter den anderen hermarschiert. Meine zumindest. Das nächste Bild, das sich mir im Anstieg zum ersten Pass, dem Col d’Arp, darbietet, ist atemberaubend. Wild und ungestüm kämpfen mitten im Schnee und nicht weit von uns entfernt zwei Stiere miteinander. Der Schnee unter ihnen staubt. Die Kraft, die Anmut und vor allem das Selbstbewusstsein der beiden Tiere faszinieren mich. Ich überlege, ob ich dieses Bild einfangen soll, doch meine Finger stecken in Handschuhen, meine Hände in den Handschlaufen, und diese sind an den Stöcken befestigt. Das Klicksystem funktioniert, ist aber relativ schwergängig. Alles hat Vor- und Nachteile. Außer zum Fotografieren hat das System meiner Erfahrung nach nur Vorteile. So wie die Handschuhe in diesem Moment. Es hat maximal noch zwei bis drei Grad. Gelingt es mir, das Smartphone mitsamt Handschuhen und Stöcken aus der Tasche zu holen, um notfalls mit der Nasenspitze in die Fotofunktion zu wischen? Mein Abstand zum Vorder- und Hintermann beträgt nicht mal einen Meter. Die Karawane, die sich im stetigen Schritt und mit Einheitstempo den Pass hinaufarbeitet, ist eng geschlossen. Ich müsste zur Seite gehen und anhalten. Auf dem schmalen Trampelpfad ist der Schnee gut festgetreten, links und rechts davon nicht. Zusätzlich nasse Füße riskieren? Nein, danke. Zudem hatte ich schon einmal eine Cut-Off um fünf Minuten verpasst, weil ich mich beim Südtirol Ultra Skyrace dazu hinreißen ließ, ein freilaufendes Fohlen zu streicheln. In Summe war es natürlich nicht das Fohlen, sondern die Zeit, die ich zuvor zu langsam war. Wobei – hätte ich das Fohlen nicht gestreichelt, wäre ich rein rechnerisch im Rennen geblieben. Ich habe mich tierisch geärgert, als ich im Bus mit den Ausscheidern zurückfuhr. Nicht über das Fohlen. Auch nicht darüber, dass ich im Glauben, das Zeitlimit sei hier moderat, nach gefühlt ewig langer Zeit wieder einen Ultra mit meinem Mann zusammenlief. Ich ärgerte mich darüber, dass meine Uhr nicht richtig funktionierte. Dass ich meinen zeitlichen Rückstand zu spät bemerkte und es nichts mehr half, die letzten fünf Kilometer bis zur Verpflegungsstation am Penser Joch mindestens 30 Prozent schneller zu rennen. Darüber, dass der Veranstalter das Zeitlimit für diesen Streckenabschnitt gegenüber dem Vorjahr um eine Stunde gekürzt hatte. Darüber, dass es bei einem Rennen, bei dem Schlafen nicht erforderlich ist, eine Time-In und eine Time-Out gab und der Mann von der Zeitmessung meiner Bitte, die fünf Minuten zu vergessen, solange ich rechtzeitig wieder raus sein würde, nicht erfüllte. Am allermeisten ärgerte ich mich aber über mich selbst, weil ich mir die Einteilung der Streckenabschnitte und Zeitlimits nicht gut genug angesehen hatte. Mein Ärger hielt über das Abendessen hinweg an. Ich nahm ihn mit in den Schlaf. Ich wachte mit ihm zusammen auf. Der Ärger verflog noch vor dem Frühstück, als mein Mann mir sagte: „Der Andi hat eine WhatsApp geschrieben. Es gab scheinbar ein schlimmes Gewitter. Eine norwegische Läuferin wurde vom Blitz getötet.“
Für einen Moment fühlte ich nichts. Absolute Leere. Ich rief die Teilnehmerliste auf. Es gab nur eine Norwegerin, die angemeldet war. Eine Freundin von Maria. Maria hatte sich am Vorabend nach unserem Befinden erkundigt. Sie sah das DNF (did not finish) von mir und meinem Mann, der 19 Minuten nach mir am Penser Joch ausschied, und wollte wissen, ob es uns gut ginge. Sie habe gehört, die Strecke sei technisch sehr anspruchsvoll. Ihre Freundin sei noch unterwegs. Sie verstünde meinen Ärger, aber vielleicht sei es gut so im Hinblick auf den Tor des Géants.
Ich erkundigte mich bei Maria: „Hi, Maria, is your running friend okay? Do you know anything?“
Sie sendete mir ein rotes Herz. Mein Atem stockte, mir kamen die Tränen. Ich kam mir vor, als sei ich im falschen Film. Ich dachte an meinen Ärger und meine Enttäuschung und das Fohlen, das mich sehr wahrscheinlich vor Schlimmerem bewahrt hatte. Dem Typ von der Zeitmessung, der seiner Reaktion nach nicht annähernd verstand, wie sich das knappe Ausscheiden für einen Läufer anfühlt, musste ich notgedrungen ebenso dankbar sein. Doch der Schutzengel blieb für mich das Fohlen. Auch vor diesem erschütternden Unfall habe ich die fünf Minuten mit dem Fohlen zu keinem Zeitpunkt bereut. Das Fohlen, der Stierkampf. Das sind die Momente, die einen Berglauf im positiven Sinn unvergesslich machen. Also doch kurz anhalten und ein Foto machen? Während ich noch überlege, beenden die beiden Bullen ihren Hahnenkampf und ziehen davon. Egal, denke ich. Kein Foto und schon gar nicht ein Schnappschuss mit meinem Smartphone hätte diesen Anblick in seiner Schönheit erfassen können, und streicheln wollte ich die beiden sicher nicht.
Ohne zu wissen, wie sich das mit dem Schnee noch entwickeln würde, stört er mich nicht. Im Gegenteil, ich mag Schnee. Er ist mir deutlich lieber als Regen, und im Gegensatz zum Eissturm beim Swiss Irontrail geht so gut wie kein Wind. Dennoch bin ich in Anbetracht des Wintereinbruchs heilfroh, genug warme Kleidung und die Cramps dabeizuhaben. Wobei der Schnee hier im Anstieg zum ersten Pass sehr griffig ist und das Profil meiner Trailschuhe absolut ausreichend Halt gibt. Das leise Atmen des Vordermanns und das sanfte Knirschen unserer Schritte im Schnee sind die einzigen vernehmbaren Geräusche. Ich habe gelesen, dass die Stille bei dichtem Schneefall keine Erfindung von Romantikern ist, sondern ein physikalisches Phänomen. So ganz verstanden habe ich es nicht. Obwohl ich in Mathe sehr gut war, bleiben kompliziertere physikalische Gesetze für mich ein Mysterium. In einem Artikel im „Bergluft Magazin“ ist zu lesen, dass dieser Effekt vor allem zu Beginn von dichtem Schneefall auftritt und warum.7
Warum mit dem Schneefall zugleich die letzten Gespräche der Läufer verstummt sind, kann ich physikalisch nicht belegen. Ich vermute, es ist die Demut, die nun auch die wenigen gepackt hat, die bis vor Kurzem noch munter am Plaudern waren. Im gleichmäßigen Tempo nähern wir uns, Serpentine für Serpentine, der Passhöhe, gekennzeichnet durch ein kaminförmiges, steinernes Monument. Noch verschwende ich keinen Gedanken darauf, dass die Markierungen im Schnee teilweise schlecht zu sehen sind. Die Gefahr, sich zu verlaufen, besteht aktuell nicht. Zwar habe ich schon miterlebt, wie sich eine ganze Läuferschar verirrt hat, weil der Erste eine Markierung übersehen hat und alle anderen, einschließlich mir, ihm einfach nachgerannt sind. Aber abgesehen davon, dass es gerade unter den ortsansässigen Italienern einige Wiederholungstäter gibt und die scheinbar endlos lange Kette an Läufern zu keinem Zeitpunkt abreißt, braucht man kein Orientierungstalent sein, um zu wissen, wo die Passhöhe liegt. Col d’Arp, check. Ich stehe vor dem ersten aus Steinen erbauten Passmonument, auf dem ein goldenes Metallschild prangt, das den Pass und die Route der Alta Via Nr. 2 kennzeichnet. Der erste der beiden Fernwanderwege, dem wir bis nach Donnas auf der anderen Talseite folgen.
In Donnas hat man noch nicht die Hälfte der Strecke absolviert, dennoch ist es für mich ein Meilenstein. 2018 habe ich Björn dort an der dritten von sechs Life Bases supportet. Da wir damals statt unseres Campers ein Apartment in Courmayeur bewohnten und man für die Nutzung der Autobahn eine recht stolze Maut bezahlt, beschränkte sich meine Unterstützung als sein offizieller Trailer Assistant auf den Start, Donnas und die letzte VP, das Rifugio Bertone. Gut so. Denn bei dem, was mich erwartet, hat es mental durchaus Vorteile, nicht ganz genau zu wissen, was noch vor mir liegt. Aktuell gut 1000 Höhenmeter Downhill runter nach La Thuile. Und während Björn 2018 die extreme Hitze zu schaffen machte, nutzen nun ein paar der Läufer den gut knöchelhohen Schnee unterhalb der Passhöhe zum Abfahren. Ich überlege, es ihnen nachzumachen. Meine Eltern haben mich mit vier Jahren auf Skier gestellt, mit 13 wechselte ich zum Snowboardfahren, und beim Zugspitz Ultratrail 2013 bewies ich beim Abfahren vom Feldernjöchl, dass ich auch auf Trailschuhen rasant hinabgleiten kann. Die Läuferin vor mir hatte vor dem durchaus beachtlichen Gefälle eine solche Angst, dass sie trotz des extra für uns Läufer befestigen Seils der Bergwacht nur unendlich langsam vorankam. Ohne Seil war mir das Unterfangen zwar auch nicht ganz geheuer, doch einerseits wollte ich nicht drängeln – der Stress war ihr auch so schon deutlich anzumerken –, und andererseits verlor ich nach guten fünf Minuten die Geduld. Die Spuren im Schnee zeigten, dass ich nicht die Erste war, die ohne Seil hier abfuhr. Es bestand Sturz-, aber keine Absturzgefahr, und so wagte ich mich vom Seil weg und genoss den Adrenalinschub und die knieschonende Rutschpartie. Hier beim Abstieg vom Col d’ Arp sind die Bedingungen andere. Dem Trail folgend ist es zum Abfahren nicht steil genug. Zumal man den anderen Läufern hinten in die Hacken rutschen würde. Man könnte nur die kürzeste Verbindung zwischen den Serpentinen hinabrutschen. Wie ist das in Sachen unerlaubte Abkürzung zu werten? Auf sich schlängelnden Trails derart abzukürzen, ist nicht die feine englische Art. Andererseits ist hier im Schnee sowieso nur der Trampelpfad der Läuferkarawane erkennbar. Zu einer offiziellen Disqualifikation in Sachen Abkürzung würde das sicherlich nicht führen. Es juckt mich in den Füßen. Ich entscheide dann aber, dem Trampelpfad im Laufschritt zu folgen. Der Weg ist nicht steil und gut laufbar. Da in Sichtweite schon wieder Gras zum Vorschein kommt, gehe ich lieber kein Risiko ein. Ich erschrecke kurz, als eine Läuferin, ungefähr in meinem Alter, im Abfahrts-Style auf mich zurutscht, während ich der Kehre des Schneetrails folge. Vor und hinter mir sind immer noch Läufer, und so halte ich das Tempo in der Hoffnung, dass sie niemanden von uns mitreißt, schon gar nicht mich. Schließlich bin ich brav auf dem Weg geblieben, um kein Verletzungsrisiko einzugehen.
Ich wollte nicht so wie beim Lavaredo Ultratrail 2018 starten. Als ich bei einem Überholmanöver, um Kilometer 30 herum, böse gestürzt bin. Damals ohne Schnee und wie ich bis heute überzeugt bin, nicht wegen des Überholvorgangs, sondern wegen der Unkonzentriertheit danach. Obwohl ich niemanden gefährdete, weil ich eine Gruppe sehr zaghafter Trailrunner mit einem beherzten Sprung neben dem Trail überholte, meckerte eine Läuferin. Ich reagierte auf ihr Anblaffen und antwortete: „Das ist hier ein Geländerennen und kein Kaffeekränzchen.“
Der Weg war steil, aber mit etwas Berglauftechnik ohne weiteres für einen zügigen Downhill geeignet. Und schließlich hatte ich beim Überholen genug Abstand gelassen. Kaum ausgesprochen, mahnte mich eine innere Stimme: Hochmut kommt vor dem Fall, Annabel. Und während ich das dachte, spürte ich, es war kein guter Gedanke. Vermutlich war es nicht der Hochmut, sondern der Gedanke ans Fallen und dass ich für einen Moment unkonzentriert war: Bei der Landung auf meinem linken Bein knickte mein Fuß weg. Dass man mal leicht umknickt, eine kleine Unsicherheit, die der Körper unmittelbar ausgleicht, passiert beim Trailrunning hin und wieder. Doch diesmal fühlte es sich anders an. Im Training zum Swiss Irontrail 2014 knickte ich auch schon mal sehr schmerzhaft um. Ich musste das Bein ein paar Tage kühlen und es danach langsam angehen. Das Gefühl beim Lavaredo war noch heftiger. Vielleicht rettete mich der unmittelbare Sturz vor einer noch massiveren Verdrehung meines Knöchels, vielleicht war er auch nur die Folge davon. Da ich auf dem steinigen Trail mit dem Knie abbremste, war ich nicht sicher, ob das eine hilfreiche Reaktion war. Ich rappelte mich schnell auf, versuchte zu verdrängen, was Miss „Mach-mal-langsam“ dachte, die natürlich alles mitbekommen hatte. Die ersten Schritte waren enorm schmerzhaft. Ich war in meiner vollen Körperspannung und hochkonzentriert, um bloß kein zweites Mal umzuknicken. Als ich 2014 im Pfälzerwald, auf einem mit Gestrüpp zugewachsenen und mit Ästen übersäten Wiesenstück umknickte, war Weiterlaufen – soweit ich das hinterher beurteilen konnte – das Beste, was ich tun konnte. Allerdings ging ich damals nur ein kurzes Stück bis zur Forststraße, die dann glücklicherweise bis zu meinem Fahrrad am Waldrand führte. Ein ebener Feldweg. Leicht abfallend, genau das, was meiner Meinung nach bei einem Umknicktrauma hilfreich ist. Also vorausgesetzt, die körpereigene Schmerzhemmung signalisiert bei dem Versuch des Weiterlaufens nicht, dass doch mehr passiert ist. Beim Lavaredo Ultra war es weniger die Vernunft als die Scham, die mich antrieb. Auf keinen Fall wollte ich mir die Blöße geben und zeigen, dass ich mich ernsthaft verletzt hatte. Mein Sturz in der mondhellen Nacht war unübersehbar. Doch das Umknicken hatte vermutlich niemand mitbekommen. Der Weg wurde weniger technisch, und der Schmerz ließ nach. Mein Knie blutete nur ein wenig und erholte sich schnell wieder. Als ich frühmorgens am malerischen Misurinasee vorbeilief, war es die Kälte, die mich den Schmerz fast vergessen ließ. Mit zunehmend steigenden Temperaturen im Anstieg zu den weltberühmten und beeindruckenden Drei Zinnen spürte ich, dass mein linker Fuß immer noch leicht instabil war. Ich ließ mir an der nächsten Erste-Hilfe-Station ein stabilisierendes Tape anlegen. Die Ärztin oder Arzthelferin – genau wusste ich das nicht, und es war mir auch gleich, denn oftmals können Arzthelfer solche Dinge sogar besser, weil sie es öfter machen – bandagierte meinen Fuß vom Ballen bis über den Knöchel mit einem festen, minimal elastischen Sporttape. Um die Haut nicht zu sehr zu strapazieren, kam eine Mullbinde darunter. Unterzug-Tape, das dafür noch besser geeignet wäre, hatten sie keines. Im ersten Moment fühlte sich das Tape klasse an. Im Abstieg traute ich mich, den Fuß zu belasten, und war sehr positiv überrascht, denn zu Beginn fühlte sich der Verband schon recht steif an. Zu Mittag hin wurde es immer heißer. Zur Life Base, der großen VP mit Wechselgepäck – bei diesem Rennen über 120 Kilometer gab es nur eine einzige –, führte ein breiter, flacher Forstweg. Ich konnte nicht nur nicht mehr rennen, ich konnte kaum mehr auftreten. Jeder Schritt schmerzte. Hitze macht sich bei Verletzungen und Entzündungen massiv bemerkbar. Wer schon im Hochsommer bei 30 Grad Celsius einen Weisheitszahn gezogen bekam, kennt das. Es hilft nur, die Backe zu kühlen. Nicht zu lange, denn sonst dreht sich der positive Effekt um. Ich humpelte zur Life Base, wo man mir zum Glück eine Tüte Eis zum Kühlen gab. Es war nicht viel und floss bei den über 30 Grad und keinem Platz im Schatten schneller aus dem dünnen Beutel, als die Kälte durch das Tape dringen konnte. Wenige Kilometer nach der Life Base konnte ich vor Schmerz weiterhin kaum gehen. Ich hielt an, holte mein Erste-Hilfe-Set raus und schnitt das Tape durch. Mir war in der Life Base bereits aufgefallen, dass meine Zehen, die aus dem Verband ragten, sehr dick waren und der obere Rand ziemlich einschnürte. Da mir das Tape gute Dienste geleistet hatte und ich nicht wusste, wie technisch es im zweiten Teil werden würde, ließ ich es zunächst dran. Ich wechselte die Schuhe, ein anderes Modell, etwas größer, und hoffte auf Besserung. Es half nicht. Der Schmerz beim Rauslaufen aus der Life Base glich dem beim Reinlaufen. Beim Versuch, normal zu gehen, analysierte ich, wann genau der Schmerz auftrat: unabhängig von der Intensität der Belastung, sobald ich mit dem getapten Fuß abrollte. Ich vermutete, dass mein Fuß gegen den engen Verband rebellierte. Ich hatte keine Ahnung, ob ich ohne das Tape in der Lage wäre, den Lauf zu beenden. Mit ihm aber sicherlich nicht. Ich war nicht bereit, diesen Schmerz nur fünf Minuten länger zu ertragen. Schließlich ist Schmerz auch ein Warnsignal, das man auch, oder vielleicht gerade, als Ultratrail-Läuferin nicht ignorieren darf. Nachdem ich meinen Fuß von der inzwischen viel zu engen Tapeanlage befreit hatte, wurde der Schmerz mit jedem Schritt weniger und kam erfreulicherweise auch beim Rennen der technisch etwas anspruchsvolleren Downhills nicht wieder. Es gelang mir, die zweite Streckenhälfte zu meistern und durch den Zielbogen zu laufen. Im Hotel und bei Licht dann die ernüchternde Erkenntnis, dass es sich nicht rausgelaufen hat. Das Wort „dick“ reicht nicht aus, um die Schwellung zu beschreiben. Es sah aus, als ob meine Wade direkt in meinen Fuß überginge. Da war kein Knöchel mehr zu sehen. Erstaunlicherweise tat er nicht weh, und zum Glück war er nicht blau. Ein Bluterguss kann neben Instabilität und Schmerzen ein Zeichen für einen Bänderriss oder Schlimmeres sein. Da ich Schlimmeres ausschloss und man einen Bänderriss am Knöchel heutzutage meist konservativ behandelt, also nicht operiert, befolgte ich die unter Sportlern bekannte PECH-Regel – Pause, Eis, Compression, Hochlagern – und nahm ein ausgiebiges Kneippbad im Misurinasee mit Blick auf die Drei Zinnen. Die Schwellung ging innerhalb weniger Tage zurück.
Wie 2014 heißt es nun wieder einmal sehr vorsichtig laufen, um die Belastung für die Bänder und stabilisierenden Muskeln gering zu halten. Die Stabilität meines linken Knöchels blieb trotz unauffälligen Untersuchungsbefundes und regelmäßigem Stabilitätstraining von da an eine Schwachstelle. Ich weiß nicht, warum ich mich bei der Überlegung Abfahren oder nicht an diesen Sturz erinnere. Beim Abfahren umzuknicken ist sehr unwahrscheinlich. Ein Sturz beim Abfahren würde mehr meinem Schlammbad beim Zugspitz Supertrail entsprechen, doch im Schnee, ohne mich dreckig zu machen. Kaum gefährlich, aber die Erinnerung mahnt mich: „Mach mal langsam!“ Die Läuferin bremst rechtzeitig ab, bevor sie erneut Schwung holt, um weiter hinabzugleiten. Ein bisschen neidisch bin schon. Vielleicht hätte ich mir den Spaß auch geben sollen. Früher habe ich mir auch nicht um alles einen solchen Kopf gemacht. Gut oder schlecht, wer weiß? Da hier auf dem Trampelpfad bereits mehr Gras als Schnee unter unseren Füßen und das Gefälle angenehm ist, laufen die meisten etwas schneller. Man traut sich zu überholen, und zum ersten Mal in diesem Rennen werden die Abstände unter den Läufern größer.
7 Mona Marko, Wieso ist es bei dichtem Schneefall so still?, www.bergluft-magazin.com/artikel/wieso-ist-es-bei-dichtem-schneefall-so-still (27.4.2021).
Babylights und Kartoffelbrei
Auf einer kleinen Anhöhe, ca. 500 Höhenmeter unter der Passhöhe, sammeln sich die Läufer wieder. Hier befinden sich der erste Stand mit Getränken und der erste Checkpoint. Zeitlimit gibt es hier keines. Die erste Cut-Off befindet sich im Ort La Thuile, nochmal 500 Höhenmeter weiter unten. Ich kann mir vorstellen, dass die Läufer im Vorjahr der extremen Hitze wegen für die Erfrischungsgetränke hier auf halber Höhe sehr dankbar waren. Ich bin mit 1,5 Litern Wasser gestartet. Zwei Flasks vorne und eine als Reserve hinten im Rucksack. Ein bisschen was davon habe ich im ersten Waldstück den Bäumen abgegeben, denn mit dem einsetzenden Regen war klar, dass das hier keine heiße Angelegenheit und Wassermangel nicht das Problem werden würde. Wohl wissend: Auch wenn es kalt ist, regelmäßig trinken. Ich hatte noch etwa eine dreiviertel volle Flask, was bis nach La Thuile reichen sollte. Mit dem Gewicht von Wasser kann man ein bisschen spielen. Auf gut laufbaren Streckenabschnitten, vor allem bergab, empfiehlt es sich, nicht unnötig viel dabeizuhaben. Dabei muss man aufpassen, denn oft geht es nochmal einige Höhenmeter bergauf, die im Streckenprofil nicht eingezeichnet sind, oder man gerät in ein Energieloch und kann auf einmal nicht mehr so schnell laufen wie geplant. Beides hatte ich bereits erlebt, und wenn die Natur einem dann nicht gerade mit sauberem Fluss- oder Quellwasser hilft, kann einen Dehydration das Rennen oder mehr kosten. Aktuell bin ich mir jedoch sicher, dass diese Gefahr auf dem nächsten Teilstück nicht besteht. Aus reiner Neugierde werfe ich einen kurzen Blick auf das Angebot und entdecke die Läuferin wieder, die vorhin so elegant im Schnee abgefahren ist. Der Name Verena Müller auf ihrer Startnummer am Rucksack zeigt, dass hier eine Namensvetterin von mir mit im Rennen ist. Ein Schicksal, das mich des Öfteren ereilt. Der Name spricht zudem dafür, dass sie auch Deutsche ist oder zumindest aus dem deutschsprachigen Raum stammt. Das würde zu ihrer Haarfarbe passen. „Straßenköterblond“ nannte das meine Lieblingsfriseurin in Mannheim. Straßenköterbraun wäre ebenso treffend, denn eigentlich ist es eine Mischung aus Blond und Brünette. Eine Haarfarbe, die laut der Friseurin typisch deutsch ist, zu meiner Zeit in der Pfalz als das Langweiligste überhaupt galt und 2016 im Rahmen des Beauty-Megatrends „Natürlichkeit“ auf einmal als die In-Farbe gehypt wurde. Natürlich nicht mehr unter der Bezeichnung Straßenköterblond, sondern als Aschblond. Damit die Einbußen der Friseure nicht ganz so heftig ausfielen, empfahlen Modemagazine, die Natürlichkeit mit sogenannten Babylights, feinen aufgehellten Strähnen, zu unterstreichen. Einen Effekt, den normalerweise die Sonne gratis übernimmt, was dann aber wohl wieder zu viel Natürlichkeit wäre. Ich lege schon Wert auf mein Äußeres und bin in manchen Dingen durchaus eitel. Beim Sport kann ich es jedoch wenig nachvollziehen, wenn Sprinterinnen stärker geschminkt sind als die Kandidatinnen bei „Germanys Next Topmodel“. Vielleicht ist die Antwort auf meine Frage, warum sich Sprinterinnen für ein Rennen derartig anmalen, die gleiche wie die auf die Frage, die mir am Berg öfter begegnet. „Warum rennt die Frau?“, fragte ein etwa fünfjähriger Knirps seine Mama, als ich vom Herzogstand runter zum Walchensee lief, nur um unten angekommen den gleichen Weg wieder hinaufzulaufen. „Weil sie es kann“, meinte seine Mutter.
Eine Antwort, die mir gefiel. Weil sie es können. Offensichtlich hat Mascara im Auge auf Sprintdistanzen noch nie für Leistungseinbußen oder Zeitverlust gesorgt. Beim Ultratrail-Laufen ist das anders. Da müsste das Make-up mehrere Tage und Nächte lang Schweiß, Wind, Regen und Kurzübernachtungen in Feldbetten überstehen. Deshalb sind die meisten Ultratrail-Läuferinnen beim Rennen nicht geschminkt. Verena genauso wenig wie ich. Mit ihren langen aschblonden Haaren, die sie unter einem Stirnband zum Pferdeschwanz zusammengebunden hat, macht sie auf mich einen sympathischen Eindruck. Was ich nun weniger neidvoll so sehen kann, denn offensichtlich hat sie die Zeit, die sie durch das Abfahren gewonnen hat, an der Station wieder verloren. Ich freue mich, noch vor ihr das nächste Teilstück in Angriff zu nehmen, und laufe zügig weiter. Ich renne die Forststraße hinab, glücklich über die einfachen Kilometer. Der Weg führt zwischen ein paar Häusern hindurch auf eine asphaltierte Straße.
„Ich hasse Asphalt. Nur Kopfsteinpflaster ist schlimmer“, ertönt eine Frauenstimme von hinten.
Noch bevor ich mich umdrehe, holt mich die Läuferin von vorher ein. Mit deutschsprachig lag ich also schon mal richtig.
„Sah klasse aus, wie du vorher im Schnee abgefahren bist“, bemühe ich mich, so neidlos wie möglich was Nettes zu sagen. Life is a challenge, not a competition – das Leben ist eine Herausforderung, kein Wettkampf. Das Gleiche gilt für den TOR. Zumal wir bei diesem Tempo beide nicht um die vorderen Plätze laufen.
„Frau tut, was sie kann“, entgegnet Verena.
„Woher kommst du?“, frage ich, um zu erfahren, ob sie eine der insgesamt fünf deutschen Frau hier im Rennen ist. Ich hatte vor einigen Monaten auf die Starterliste geschaut und gesehen, dass außer mir und Eva und Anke, zwei Läuferinnen, die ich kenne, noch zwei weitere deutsche Frauen gemeldet sind. Dazu noch einige Österreicherinnen, darunter Sigrid Huber, die Inhaberin und Herausgeberein des Magazins „Trail Running Szene“. Wir standen bereits zusammen auf dem Siegerpodest beim Hochkönigman. Sie auf Platz eins und ich auf drei. Zudem noch ein paar Schweizerinnen. Die eine davon, Denise Zimmermann, hat es 2014 beim Swiss Irontrail geschafft, schneller als der schnellste Mann zu sein. Ich hatte Denise am Tag vor dem Rennen am Stand mit den Cramps getroffen und ihr viel Erfolg gewünscht. Sie hat eine liebenswert bescheidene Art, genauso wie Andrea Huser, die dieses Kunststück ebenfalls beim Swiss Irontrail ein Jahr später wiederholte, hier aber nicht am Start ist.8 Denise erzählte mir, sie hoffe, dass das Wetter mitspiele. 2015 wurde das Rennen, das sie anführte, witterungsbedingt abgebrochen. Zwar wurde ihr mit der schnellsten Zeit der Damen in Ollomont – der letzten Life Base – der Sieg zugesprochen, doch natürlich ist ein erster Platz bei einem Rennabbruch nicht das Gleiche, wie unter dem Jubel der Zuschauer in Courmayeur einzulaufen. Denise befindet sich sicherlich bereits im Anstieg zum zweiten Pass oder noch weiter weg. Ich würde ihr den Sieg gönnen, weiß aber, dass hier ein paar starke Frauen am Start sind. Unter anderen die Lokalmatadorin Lisa Borzani, Zweitplatzierte 2014 und 2015 und Siegerin der Damen 2016 und 2017. Auch Silvia Ainhoa Trigueros Garrote, die Siegerin von 2018 und aktuelle Rekordhalterin mit dem mir unaussprechlichen Nachnamen, ist dieses Jahr wieder mit im Rennen. Eine mir bis zum TOR unbekannte spanische Ultratrail-Läuferin. Generell starten beim Tor des Géants nur selten weltbekannte Läuferinnen. Was daran liegen könnte, dass man beim Ultratrail Bekanntheit vor allem durch die Teilnahme an Rennen der Ultra Trail Word Tour (UTWT) gewinnt. Die UTWT ist eine Serie von über das Jahr und die Welt verteilter Ultratrail-Rennen, bei denen die Läufer Punkte sammeln, um am Ende im Gesamtklassement möglichst weit oben zu stehen. Der TOR ist nicht nur nicht Teil dieser Laufserie, er ist zugleich gut doppelt so lang wie die Rennen der UTWT und andere Ultratrails. Zudem gehören Rennen mit über 200 Kilometern am Stück in ein anderes Segment innerhalb der Klassifizierung Ultratrail. Wie ein Profi über fünf Kilometer nicht mal eben über die zehn Kilometer startet, laufen die allermeisten 100-Meilen-Profis nicht einfach die doppelte Distanz. Die Teilnahme an einem XXL-Ultratrail wie dem TOR würde eine deutlich längere Regeneration fordern, was wiederum mit der Teilnahme an anderen Rennen der Serie kollidiert.
Was Verena betrifft, liege ich richtig. Sie kommt aus München. Das verrät sie mir, nachdem sie es mit „Ich komm vom Col d’Arp, und du?“ versuchte, was wohl ihre Art von Humor ist.
Wir laufen zusammen die Straße hinunter. In einer Haarnadelkurve folgen wir dem Trail am Hang entlang, wie es die Streckenbeschreibung auf der Webseite des Tor des Géants angekündigt hat. Das weiß ich noch. Alle detaillierten Wegbeschreibungen habe ich aber nicht mehr im Kopf. Wenn ich eine Passage aus einem Buch zu einem gerade diskutierten Thema suche, finde ich diese sofort. Namen und Wegbeschreibungen hingegen kann ich mir erst merken, wenn ich zu dem Menschen engen Kontakt habe oder den Weg schon einmal gelaufen bin. Bei Namen kann man sich Brücken bauen. „Verrenn na“ könnte „Verlaufe dich nicht“ heißen – im Fantasiedialekt. Egal wie unsinnig, Hauptsache, ich erinnere mich später daran, was am besten gelingt, wenn ich ein Bild im Kopf habe. Sich die Abzweigungen bei einem 360-Kilometer-Rennen zu merken, ist ungefähr so, als wolle man sich als Verkäuferin im Supermarkt die Namen aller Kunden merken. Ich denke, selbst bei Starbucks tun sich die Mitarbeiter an einem gut besuchten Tag schwer, die Namen all ihrer Kunden zu nennen. Bezogen auf die Wegbeschreibung zudem in korrekter Reihenfolge. Da hilft es nicht einmal, jeden Namen per Hand auf den Becher geschrieben zu haben. Zur Menge dessen, was man sich merken müsste, gesellt sich beim Ultratrail der fehlende Schlaf, der ab der zweiten Nacht dafür sorgt, dass man froh ist, sich noch an die Namen der Pässe, der wichtigsten Ortschaften und der sechs Life Bases zu erinnern. Da bereits das nicht mehr wirklich gut funktioniert, hat jeder Läufer den Streckenplan digital oder ausgedruckt mitzuführen. Sehr hilfreich zur Orientierung sind die vielen gelben TOR-Fähnchen, denen Verena und ich auf dem längst wieder schneefreien Trail im leichten Auf und Ab folgen.
„Auf nach La Thuile“, jauchzt Verena, als die Strecke wieder bergab führt und die Häuser der Stadt in Sichtweite sind.
Im Ort unten erblickt Verena das weiße Partyzelt auf der rechten Straßenseite.
„Das ist noch nicht die VP“, rufe ich, so laut ich kann.
Während Verena auf das Zelt zusteuert, wiederhole ich: „Das ist noch nicht die VP, die kommt erst am Ortsende.“
Mein Mann hat mich vorgewarnt. Das Zelt stand 2018 auch schon hier, und er unterlag der gleichen verfrühten Freude wie Verena. Bevor ich im Vorbeilaufen weitere Erklärungen abgeben kann, ist Verena schon am Zelteingang. Ich renne weiter. Sie hätte auch auf mich hören können. Während ich durch La Thuile laufe, bemerke ich ein leichtes Ziehen am Rist meines rechten Fußes. Das Ziehen war vorher schon kurz da. Ich bitte Björn per Sprachnachricht, die Blackroll aus dem Camper zu holen. Er begrüßt mich draußen und zeigt mir, wo unser Platz ist. In der VP herrscht ordentliches Gewusel. Ich versuche, hinter Björn zu bleiben, der sich geschickt durch die Menge an Läufern drängt. Einmal kurz geschaut, was hier zu essen angeboten wird, gerate ich in den immer größer werdenden Rückstau vor dem Buffet und verliere den Anschluss zu Björn. Das war unnötig Annabel, das meiste davon kannst du sowieso nicht essen.
„Hier!“, rufe ich und strecke meinen rechten Arm hoch, als Björn sich suchend umsieht.
Mein Mann und offizieller Trailer Assistant ist die eine registrierte Begleitperson, die mich an den VPs unterstützen darf. Ausgenommen ist jegliche medizinische Hilfeleistung oder Massage. In die Verpflegungsräumlichkeiten dürfen nur Teilnehmer mit Startnummern und ihre jeweilige Begleitperson mit dem postkartengroßen Ausweis. In dem mittelgroßen Gemeindesaal sind das meinem Empfinden nach gerade zu viele Menschen auf einmal. Ich bin dankbar, dass ich mich nicht zum Getränkestand vorarbeiten muss, sondern dass Björn das übernimmt. Er bittet mich, so lange auf einem der Stühle an der langen Tafel bei unseren Sachen sitzen zu bleiben. Eigentlich wollte ich die Zeit nutzen, um kurz auf die Rolle zu gehen. Meine Strategie ist, den Wehwehchen gar nicht erst die Chance zu geben, schlimmer zu werden. Ich weiß, dass dieses Ziehen am Fußrist bei mir von zu viel Spannung der vorderen, oberen Oberschenkelmuskulatur herrührt und dass es hilft, diese Spannung zu reduzieren, indem ich den Muskel zwei bis drei Minuten mit der Blackroll bearbeite. Eine Hartschaumrolle, von der es inzwischen diverse Nachahmungen gibt. Spätestens seit Lidl und Aldi diese Selbstmassagerollen regelmäßig im Angebot haben, sind sie nicht nur bei Sportlern bekannt. Ich sage bekannt und weniger beliebt, denn man muss schon einen leichten Hang zum Masochismus haben, um diese Art der Massage zu genießen. Da sie jedoch hilft, Muskelverhärtungen und -verkürzungen zu reduzieren, gehe auch ich hin und wieder auf die Rolle, vor allem wenn es einen akuten Anlass gibt. Präventiv quäle ich mich maximal während der Vorbereitung auf ein wichtiges Rennen damit. Da es beim Trainieren für einen Ultratrail allerdings fast immer irgendwo zieht oder ziept, steht die Rolle bei uns daheim inzwischen dauerhaft neben der Couch. Ich schaue mich um und überlege, wo hier Platz wäre, um mich auf den Boden zu legen. Zur Not eben draußen. Mein Plan ist jedoch, erst zu rollen, um dann den Muskeln, während ich esse, noch etwas Ruhe zu gönnen. Ich sehe, wie Björn bei den Getränken steht. Das scheint zu dauern. Ich entscheide, unsere Sachen allein zu lassen, und gehe zur Erste-Hilfe-Ecke, nicht weit von unserem Platz am Tisch. Hier klaut schon niemand was. Maximal den Stuhl, und auch das ist unwahrscheinlich, da ich meinen Rucksack daran befestigt habe. Bei der Ersten Hilfe ist nichts los, und ich frage die Ärztin, ob ich hier bei ihr kurz auf die Rolle könne. Ich bin nicht sicher, ob sie mich versteht. Ich lächle bittend, zeige auf die Rolle und das Stückchen freien Boden hinter ihr. Sie nickt und geht einen Schritt zur Seite. Im Unterarmstütz, die Rolle knapp unterhalb der Hüfte, das Bein minimal nach innen rotiert, rolle ich ein klein wenig hin und her und suche den schmerzhaftesten Punkt. Diese Position halte ich ein bis zwei Minuten, bis der Schmerz nachlässt. Bei meinem zweiten Durchgang bekommt die Ärztin zu tun. Der Läufer sieht recht fit aus. Ich weiß nicht, was er hat, mache ihm dennoch Platz und mich auf den Weg zurück zum Tisch. Björn ist schon da. Ich habe ihm eine WhatsApp geschrieben, damit er sich nicht wundert, wo ich bin.
Er meckert dennoch: „Das heiße Wasser für deinen Kartoffelbrei ist schon fast wieder kalt.“
Vermutlich war es nie sonderlich heiß, denke ich. Dankbar, das nicht laut ausgesprochen zu haben, denn ich weiß, er meint es nur gut und ärgert sich vor allem meinetwegen. Das Verpflegungsthema ist immer ein bisschen schwierig für mich, da ich aufgrund eines Reizdarms nicht alles vertrage und bei einem Rennen nichts riskieren möchte. Heiße Brühe gibt es oft, doch je nach Zutaten bekomme ich darauf schlimme Blähungen, Durchfall oder fiesen Juckreiz an Armen oder Beinen. Alles recht unschön, weshalb ich mein selbst mitgebrachtes Kartoffelbreipulver lieber mit heißem Wasser anrühre, das oftmals erst warmgemacht werden muss. Ich tunke die Spitze meines kleinen Fingers ihn den Becher. Maximal lauwarm. Dabei kann Björn hier höchstens eine Minute auf mich gewartet haben. Egal. Hauptsache, das Pulver löst sich noch. Ich versuche, mir die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, schütte rasch etwas Bio-Kartoffelpüreepulver hinein und verrühre es mit dem Plastikteelöffel, der eigentlich für das Füttern von Babybrei konzipiert wurde. Die Konsistenz ist die gleiche, wobei die Klümpchen zeigen, dass sich nicht alles Pulver gelöst hat. Es gelingt mir dennoch, die Hälfte davon zu essen, dann übersteigt der Ekel mein Hungergefühl. Ich lasse den Rest übrig, beiße in einen meiner Riegel und packe dankbar das glutenfreie Lachsbrötchen in den Rucksack, das mein Abendessen sein wird. Björn werde ich frühestens in Planaval wiedersehen. Die nächste mit dem Auto erreichbare VP liegt knapp 30 Kilometer und zwei weitere Pässe entfernt. Suchend blicke ich mich in dem nicht leerer werdenden Saal nach Verena um. Weniger weil ich sie so liebgewonnen habe. Sie hat schon eine etwas gewöhnungsbedürftige Art. Es ist mehr mein nie ruhender Ehrgeiz, der in jeder weiblichen Teilnehmerin eine Konkurrentin sieht. Dabei geht es gar nicht allein um das sportliche Kräftemessen. Seit 2017 ist es mein Herzensprojekt, die spannenden und lehrreichen Erfahrungen von Ultratrails mit anderen Menschen zu teilen, damit Geld zu verdienen, um mit neuen Ultratrail-Projekten weitere Erfahrungen sammeln zu können, die für mein Leben und wie ich denke auch das anderer Menschen enorm wertvoll sind. Die Idee, Vorträge zu halten, hatte ich schon gut zwei Jahre früher, nachdem ich miterlebte, wie Hermann Scherer auf der Jahresveranstaltung meines Steuerberaters die etwa 300 geladenen Gäste zum Lachen, Weinen und Staunen brachte. Okay, zugegeben nicht just in diesem Moment. In der reich gefüllten Büchertüte mit einem Wert von über 350 Euro für gerade mal 50 Euro, der der Sparfuchs in mir nicht widerstehen konnte, war unter anderem das Buch „Speaker Business Expert“. Ich weiß bis heute nicht, welche Stimme in mir so verrückt war, zu glauben, dass ich, die sich im „Rhetorik- und Knigge-Seminar“ der Firma Haase 2004 geschworen hatte, nie wieder vor einer Gruppe Menschen zu sprechen, Business Speaker werden könnte. Dass ich den Mut hatte, diesen Weg dennoch zu gehen, lag sicherlich nicht allein daran, dass die eigene Physiotherapiepraxis nicht die berufliche Erfüllung darstellte, die ich mir bei meinem Wechsel aus dem Management erhofft hatte. Wie beim Ultratrail trieben mich das Bild des Zieleinlaufs und die damit verbundenen Glücksgefühle an, mich dieser neuen Herausforderungen zu stellen. Und sicherlich war es auch die Erfahrung einer jungen Frau, die besser „Radfahren gehen“ sollte und 2015 als eine der wenigen Frauen die Königsdistanz des Swiss Irontrail mit 201 Kilometern und 11.4000 Höhenmetern rockte. Ein Meilenstein für mich als Ultratrail-Läuferin. Doch nun gilt es, den TOR erfolgreich zu meistern. Dabei ist es mir im Grunde gleich, ob Verena oder andere Teilnehmerinnen hier schneller sind als ich. Bei der Startnummernausgabe hatte mich eine Frau gefragt, ob ich ihr für das Buch über den TOR, das sie plane, als Interviewpartnerin zu Verfügung stehe. Eine große Ehre und zugleich eine weitere Chance, meine Geschichten in die Welt zu tragen. Diese einmalige Gelegenheit war für mich zugleich ein Zeichen, dass das Leben es gut mir meint und es richtig und wichtig für meine Ziele ist, den TOR genau in diesem Jahr zu bestreiten. Denn den Sommer über lag mein Fokus nicht wie sonst allein auf meinem großen Laufziel. Ich hatte sogar vielfach gehofft, nicht beim TOR starten zu können. Es gibt noch ein zweites Herzensprojekt in meinem Leben. Bevor ich die Startnummer abholte, musste ich daran denken, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich im Januar 2018 das Baby nicht verloren. Verloren ist irgendwie ein komischer Ausdruck. Als könne man etwas dafür. Als hätte man es versehentlich liegen gelassen. Der Arzt nannte es einen Frühabort in der sechsten Schwangerschaftswoche. Nichts Ungewöhnliches, vor allem bei Frauen um die 40. Doch da der Wunsch nach einer eigenen Familie mich begleitete, lange bevor ich die Liebe zum Berglauf entdeckte, war ich darüber sehr traurig. Als ich einen guten Monat danach in einem privaten Gästeapartment übernachtete und auf der Toilettentür das Metallschild mit der Aufschrift „Abort“ las, spürte ich, dass ein Kind, trotz all meiner sportlichen und beruflichen Ziele, weiterhin ein sehnlicher Wunsch von mir war. Kinderwunsch bei Leistungssportlerinnen – ein Thema, das viel mehr Aufmerksamkeit und Aufklärung bräuchte. Die Suche „Leistungssport Kinderwunsch“ im Webshop von Thalia ergab genau null Treffer. Auch Amazon bietet kein passendes Buch zu dieser Themenkombination. Nicht mal ein E-Book, wovon es heutzutage doch zu nahezu jedem Problem auf dieser Welt Literatur gibt. Und diese Herausforderung ist sicher nicht mein Einzelschicksal. Die Suche „Kinderwunsch Führungsposition“ ergab übrigens ebenfalls exakt null Treffer. Ein gut geschriebenes und ordentlich recherchiertes Buch zu dem Thema wäre eine Bereicherung und würde wahrscheinlich das ein oder andere Tabu brechen. Doch selbst wenn ich dafür einen Verlagsvertrag bekäme, es wäre nicht das Buch, das ich schreiben möchte. Die Fähigkeit, mich nach kurzem, teils durchaus intensivem Leid und Selbstmitleid auf die positiven Dinge im Leben zu konzentrieren, ist wahrscheinlich das Wertvollste, was ich besitze. Und so war ich nicht nur Feuer und Flamme, als ich gefragt wurde, ob ich Teil dieses Buchs über den Tor des Géants sein möchte, sondern hatte zugleich die große Hoffnung, dass mich dieses Puzzleteil meinem Traum, Speaker zu werden, einen großen Schritt näher bringt. Ob Verena oder eine der anderen Läuferinnen vor mir hier ins Ziel laufen, ist mir egal. Solange sie mir meinen Traum als Rednerin und meinen Platz in diesem Buch nicht streitig machen.
Ich entdecke Verena am Buffet und zupfe am Ärmel von Björns Sweatshirt. Er ist gerade dabei, mein Handy und meine Laufuhr von der Powerbank zu entkoppeln, damit ich mich auf den Weg machen kann.
„Da ist noch eine deutsche Läuferin“, deute ich möglichst unauffällig auf Verena, die gerade hinter einem großen, kräftigen Läufer verschwindet. „Du solltest los“, meint Björn.
Eine Stunde und 22 Minuten auf Cut-Off beim Einlaufen in die VP ist ein gutes Timing, aber längst kein Anlass, sich hinsichtlich des Zeitlimits zu entspannen. Der nächste Pass liegt nochmal knapp 300 Höhenmeter höher als der Col d’Arp. Sein Name, Col Haut Pas, sagt es bereits. Sein Nachbar, der Col de la Crosatie, gilt als einer der gefährlichsten Streckenabschnitte des Rennens. Läge kein Tal zwischen den beiden Pässen, könnte man sich 800 Höhenmeter Auf- und Anstieg ersparen.
8 Andrea Huser erzielte zahlreiche sportliche Erfolge. Sie starb im November 2020 bei einem Trainingslauf in der Schweiz, nur wenige Monate, nachdem sie ihre aktive Zeit als Profiläuferin für beendet erklärt hat. R.I.P.
Jill is ill
Während ich hinter dem Buffet vorbei zum Ausgang dränge, halte ich nochmal Ausschau nach Verena, sehe sie aber nicht. Björn begleitet mich noch ein kleines Stück bis zum Waldrand. In der VP hatte ich kaum Gelegenheit gehabt, mit ihm zu reden. Es wäre während des Essens und bei dem Lärmpegel zu anstrengend gewesen, vom Schnee, dem Stierkampf und von Verena zu berichten. Doch auch jetzt gelingt es mir nicht, meine intensiven Eindrücke weiterzugeben. Björn geht es vorwiegend darum, Fotos zu machen. Stimmt, da war ja was: Ich brauche Bilder für meine Vorträge. Obwohl ich nicht glaube, dass irgendwen Bilder von hier unten im Ort beeindrucken, verstehe ich die Priorisierung. Erzählen kann ich auch noch daheim. So bin ich nicht böse, dass er mir nur mit einem Ohr zuhört und noch bevor ich meinen Satz beendet habe, vorausläuft, um ein Foto zu machen, als ich unter dem aus Backsteinen erbauten stattlichen Brückenbogen hindurchlaufe. Ich bin die Strecke von der VP bis hierher locker getrabt und laufe nun noch etwas schneller, um das fehlende Bergpanorama mit läuferischer Dynamik zu kompensieren. Zwei Läufer, auch im Ort immer gut an der Startnummer am Rucksack erkennbar, schauen mich verwundert an, als ich mit der Entschlossenheit eines Zielsprints – der bei Ultratrails selten ein wirklicher Sprint ist – zwischen den beiden hindurchrenne. Die beiden sind im zügigen Marschschritt unterwegs. Sicher haben sie die Station in La Thuile genutzt, um ihre Energiespeicher ordentlich aufzufüllen. Das Essen kommt beim TOR für die, die es vertragen, nicht zu kurz. Abgesehen von wenigen reinen Getränke-VPs gibt es überall ein reichliches Angebot an Obst, Kuchen und Schokolade über Käse und Mortadella bis hin zu warmen Gerichten wie Pasta oder Minestrone und was den jeweiligen VolonTORs noch so einfällt. Vielleicht fragen sich die beiden, was ich denn für einen Saumagen besitze, um hier so zu rennen. Vielleicht ist es auch die Kombination aus der Größe meines 20-Liter-Rucksacks – der darauf hinweist, dass ich hier sicher nicht zu den ganz Schnellen gehöre – und meinem aktuellen Lauftempo, die für Verwunderung sorgt. Ich weiß nicht wieso, doch spontan muss ich an die Szene aus dem Film „Harry und Sally“ denken. Als Sally Harry im Restaurant davon überzeugen möchte, dass er es gar nicht bemerken würde, wenn eine Frau ihm den Orgasmus nur vorspiele. Nachdem sie mit ihrer Orgasmus-Show fertig ist, meint eine Mittfünfzigerin zum Kellner, der die Bestellung aufnehmen möchte: „Ich will genau das, was sie hatte.“ Vielleicht haben sie sich auch gefragt, was ich wohl gegessen oder genommen habe, um hier derart abzugehen. Lauwarmes, verklumptes Bio-Kartoffelpüreepulver und einen halben Riegel, da ich den Rest genauso gut später unterwegs essen kann. Kein Wundermittel, sondern einfach relativ wenig. Nichts, was schwer im Magen liegt. Gut, denn nach der Straße folgt ein einwandfrei laufbarer Forstweg. Kurz nach der Holzbrücke halte ich an und setze mich – vor dem Wind durch ein altes zerfallenes Haus geschützt – auf einen der herumliegenden Steine. Gerade groß genug für die linke Gesäßhälfte. Mir ist klar, dass mich das Zeit kostet. Doch die Fußgelenksbandage, die ich trage, seit ich im Mai dieses Jahres für Filmaufnahmen nochmal recht heftig umgeknickt bin, scheuert. Und nachdem ich im Frühjahr beim Jurasteig Ultratrail über die 170 Kilometer eine Tape-Allergie entwickelt habe, kann ich dummerweise nichts mehr abkleben. Bloß keine Blasen riskieren. Beim Ultratrail-Laufen muss man soooo viele Entscheidungen treffen. Man kann auch nicht entscheiden und abwarten, was passiert, doch selbst das ist letztendlich eine selbst gewählte Entscheidung. Dabei sind es manchmal winzig kleine Dinge, die über die lange Distanz eine große Wirkung entfalten, zum Beispiel ein kleiner Stein im Schuh. Bei einem Zehn-Kilometer-Rennen käme kein ehrgeiziger Läufer auf die Idee, anzuhalten, den Schuh auszuziehen und den Stein zu entfernen. Hoffentlich sucht er sich eine Ecke, in der ich ihn nicht spüre und er wenig Schaden anrichtet, lautet da die Devise. Bei einem Ultratrail ist das mit dem wenig Schaden anrichten so eine Sache. Das kann gut gehen. Vielfach jedoch nicht. Deshalb lautet die Frage bei Ultradistanzen nicht ob, sondern wann halte ich an und entferne den Übeltäter. In meinem Fall ist es kein Stein, der an der Haut reibt, sondern die Bandage. Obwohl mir die hochwertige Fußgelenksbandage von Bauernfeind mit dem zusätzlich stabilisierenden X-Band am Rist bisher gute Dienste geleistet hat, fürchte ich, keine 360 Kilometer damit rennen zu können, ohne massive Blasen oder ein Druckgeschwür zu entwickeln. Und da der Weg hier sehr eben ist und keine Stabilisierungshilfe erfordert, ziehe ich die Bandage aus. Es geht sowieso recht bald wieder steiler bergauf, und da werde ich nicht rennen.
Björn, der immer noch Fotos macht, grüßt eine vorbeilaufende Teilnehmerin. Er ruft „Oh, hi Jill!“ und erntet unmittelbar einen genervten, bösen Blick von mir. Auch ich hatte Jill kommen sehen, bewusst schnell wieder wegschaut und mich weiter meiner Bandage gewidmet, in der Hoffnung, dass sie mich nicht erkennt. Björn und ich kennen Jill von diversen Ultratrails. Wobei sich das Kennen auf flüchtige Begegnungen am Start, den ein oder anderen kurzen Wortaustauch auf der Strecke und ein Erlebnis mit Björns Windjacke beschränkt. Der Eindruck, es gäbe keinen XXL-Ultratrail in Italien oder der Schweiz, bei dem sie nicht mit dabei ist, kann täuschen. Vielleicht haben wir einfach den gleichen Geschmack bei der Auswahl unserer Rennen. Zudem kommt Jill irgendwo aus der italienischen Schweiz. Ihre Eltern, zumindest ein Teil, kommt aus den USA, und es passt zu ihrer flippigen, überdrehten Art, dass sie stets Englisch spricht. Dass sie 2014 beim UTMB versehentlich Björns blaue Windjacke eingesteckt hat, ist kein Wunder. Blau scheint ihre Lieblingsfarbe zu sein. Abgesehen von ihren Schuhen, bei denen sie offensichtlich nach anderen Kriterien auswählt, habe ich sie immer nur in blauer Laufkleidung gesehen. Die kinnlangen Haare passend zum gut gefüllten Laufrock in einem grellen Türkis. Ob Türkis dem Grün oder Blau zuzuordnen ist, mag Ansichtssache sein. Bei Jill ist das eindeutig. „Na, super“, sage ich zu Björn, „ich habe mich extra geduckt, damit sie mich nicht sieht.“
Björn, der ohne gesonderte Erklärung versteht, woher meine geringe Begeisterung rührt, bereut den spontanen Gruß, doch wie sich 800 Meter weiter zeigen soll, kam diese Einsicht zu spät. Ich lasse mir beim Wiederanziehen des Schuhs gemütlich Zeit, um Jill ziehen zu lassen, will aber auch nicht unnötig Zeit verlieren. Nach nicht mal einem Kilometer läuft sie unmittelbar vor mir. Der Weg steigt an, sodass wir beide vom Laufen ins Gehen wechseln. Ich bleibe knapp hinter ihr. Eine Strategie, die nicht aufgeht.
„Dein Freund, der, der mich gegrüßt hat, den kenne ich, glaube ich“, beginnt Jill die Unterhaltung wie immer in ihrem typischen Südstaatenenglisch.
Der Grund, warum ich keine Lust auf eine Unterhaltung mit Jill habe, ist nicht ihre ausgeflippte Art, sondern meine bisherige Gesprächserfahrung mit ihr. Zugegeben, ich habe nie wirklich lange mit ihr geredet. Eigentlich hat meist auch nur sie geredet und dabei jedes Mal gejammert, wie schlecht sie gerade vorbereitet sei, was alles schieflaufe, wie schwierig ihre Situation oder die von uns allen hier im Rennen gerade sei. Dabei kommt Jill fast immer ins Ziel. Nicht als Schnellste, aber deutlich schneller, als man es ihr zutrauen würde, wenn man sie sieht und reden hört. Ohne eine wissenschaftliche Studie dazu zu kennen, bin ich der festen Überzeugung, dass fortlaufendes Jammern der beste Weg ist, um zu scheitern. Beim Laufen wie im Leben. Jill muss die Ausnahme von dieser Regel sein. Was für sie kein Problem darstellt, löst bei mir Angst vor schlechtem Karma aus. Der Ausdruck sich auskotzen trifft es, wie ich finde, recht gut. Wenn sich jemand übergibt, riecht es nach Erbrochenem. Ein Geruch, der bei vielen Menschen, so auch bei mir, Brechreiz auslöst. Jills Sich-Auskotzen über alles, was gerade schlecht läuft, birgt die große Gefahr, ansteckend zu sein und mich mit runterzuziehen, nur dass sie selbst aus diesem Jammern und Schimpfen scheinbar sogar Kraft zieht.
Obwohl sie oft ein bisschen konfus wirkt, erinnert sie sich noch an die Geschichte mit Björns Windjacke: „Habe ich nicht mal aus Versehen seine Jacke eingesteckt?“
„Ganz richtig, beim UTMB vor fünf Jahren“, entgegne ich.
„Ach ja, ich habe von der Rennleitung gehört, dass er sie vermisst und sie ihm zugesendet.“
„Du hast sie sogar gewaschen und den Riss überklebt, den Björn sich bei der ersten Hälfte des Rennens zugezogen hat“, gebe ich anerkennend zurück. Nicht ohne ein Schmunzeln, denn besagte Jacke spielte eine Rolle, als Björn und ich uns kennenlernten.
„Ich war so hundemüde“, meint Jill ein wenig entschuldigend.
Positiv überrascht über den unerwartet netten Wortwechsel, pflichte ich ihr bei: „Sicher, so was kann da leicht passieren.“
Ich weiß noch, wie müde ich war, als ich beim Swiss Irontrail 2014 das erste Mal in die zweite Nacht ohne Schlaf lief. Schmerzbedingt beendete ich das Rennen bei Kilometer 135 von 200. Kurz vor Cut-Off erreichte ich Savognin, die zweite Life Base des Rennes, an der ich im Rahmen einer angekündigten Sonderwertung aufhörte. Mit einem stechenden Schmerz im Fuß beim Auftreten und noch gänzlich unwissend, dass die Dinge, die ich auf einmal sah, die mir heute gut bekannten Halluzinationen waren. Dabei waren die Sporttasche, die ich im Wald liegen sah, und die Kokospalmen harmlos gegenüber dem, was ich bei späteren Ultratrails so halluzinierte.
„Ich bin ein Stück mit deinem Mann gelaufen“, unterbricht Jill die Erinnerungen an meinen ersten Swiss Irontrail. „Das war ein Rennen! Erst das schlechte Wetter und dann meine Magenprobleme. Ich hatte so starken Durchfall …“
Kopfkino, und zwar ein Film, den ich nicht sehen möchte. Ich versuche, auf Durchzug zu stellen, um nicht alle Details ihres Toilettenbesuchs am Col de la Forlaz mitzubekommen. Es klappt nicht so richtig. Vor dieser Unterhaltung habe ich gedacht, ich sei durch das Ultratrail-Laufen und die Physiotherapieausbildung abgehärtet, was Körperausscheidungen betrifft. Die ungefilterte Art von Jill, ihre „multiplen Magenprobleme“, wie sie es nennt, zu beschreiben, übertrifft meine Schmerzgrenze. Zumal sie jetzt wieder im üblichen Jammermodus ist.
„Immerhin hast du es trotzdem geschafft, zu finishen“, versuche ich, gute Stimmung zu machen.
„Mir ging es heute morgen so schlecht, sage ich dir“, erzählt sie im gleichen Tonfall wie zuvor. Ich muss zweimal hinhören, um zu erkennen, dass sie nicht mehr vom UTMB spricht. „Mir geht es gar nicht gut, verstehst du. Heute morgen hatte ich hohes Fieber. Ich fühle mich auch krank.“
„Meinst du, es ist eine gute Idee, dann den TOR zu laufen?“, unterbreche ich ihre Ausführungen, unsicher, ob meine Nachfrage eine gute Idee war.
„Ach, ich schlafe einfach an jeder Station, dann wird das schon“, antwortet Jill.
Ein Laufstock tippt mir auf die rechte Schulter. Er gehört Verena. Sie deutet mir an, ich solle mich etwas zurückfallen lassen. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass sie hinter uns ist.
„Hast du das gehört?“, flüstert sie.
„Was?“
„Sie hat gesagt, sie hat Fieber. Sie ist krank und schläft an jeder Station.“
„Ja, ich habe es mitbekommen“, entgegne ich.
„Sie ist krank und schläft an jeder Station. In den gleichen Betten wie wir.“ Verena ist entrüstet.
„Das ist Jill, die ist immer am Jammern“, beruhige ich Verena. „Bisher kam sie dennoch bei all den Rennen ins Ziel. So schlimm, wie sie sagt, ist es vermutlich nicht.“
„Bist du dir sicher?“, stachelt Verena.
„Nein, bin ich nicht.“
Jill sieht tatsächlich nicht sehr gesund aus. Sie scheint stark zu schwitzen und das, obwohl wir im moderaten Ultratrail-Tempo unterwegs sind. 2016 nach meinem ersten Hochkönigman hatte ich eine Erkältung bei meinem damals vierjährigen Neffen völlig unterschätzt. Kleines Kind, kleine Erkältung, dachte ich. Ich liebe meinen Neffen, und auf die Wangenküsschen, die er nur sehr sparsam an ausgewählte Personen verteilt, wollte ich nicht verzichten. Vermutlich war ich noch in der Immunsuppression. Nach einem Rennen oder intensiven Training ist das Immunsystem kurzzeitig geschwächt. Wenige Tage danach lag ich zum allerersten Mal in meinem Leben mit knapp 40 Grad Fieber im Bett.
„Nein, sicher bin ich mir nicht, und der Gedanke, neben Jill zu liegen, die ihren fiebrigen Infekt auskuriert, gefällt auch mir nicht.“ Ich überlege kurz. „Dafür gibt es nur eine Lösung.“
„Welche?“
„Wir müssen schneller sein als sie. Wir brauchen genug Vorsprung“, sage ich zu Verena und setze direkt zum Überholen an. Verena und ich rennen wie vom Hafer gestochen an Jill vorbei. Als sie außer Sichtweite ist, lachen wir wie zwei Schulmädchen, die gerade jemandem einen Streich gespielt haben. „Komm, lass uns den Abstand ausbauen“, treibe ich Verena an, die immer noch lacht.
„Kennst du das Bild mit dem Radfahrer und dem Bären?“ frage ich Verena. „Klar. Manchmal findest du Motivation, und manchmal findet die Motivation dich, lautet der Spruch dazu.“
„Die kranke Jill ist unser Bär.“
„Every runner may sleep in my bed, but not Jill, she is ill“, entgegnet Verena lautstark.
Unsicher, ob Jill vielleicht noch hinter uns ist und uns hört, drehe ich mich um.
„Komm schon“, stichelt Verena, „die alten Kinderreimwitze kennst du doch bestimmt auch.“
„Klar, zumindest auf Deutsch“, sage ich und bereue es im selben Moment.
„Oh, cool, lass hören.“
„Ich weiß nicht, ob diese Witze nicht längst verboten sind. Politisch korrekt sind sie sicher nicht.“
„Wer soll dich denn hier verhaften?“, scherzt Verena.
Da hat sie eigentlich recht. Das Erste, was mir einfällt: „Alle Kinder rennen aus dem brennenden Haus, nur nicht Klaus, der schaut raus.“
„Alle Kinder springen über die Schlucht, nur nicht Peter, dem fehlt ein Meter“, kontert Verena.
Obwohl ich lachen muss, finde ich es nur bedingt lustig: „Hoffentlich rächt sich das nicht. Absturzgefahr besteht hier beim TOR auch des Öfteren.“
„Sei kein Spielverderber, einer geht noch.“
Da fällt mir was ein: „Alle Kinder haben Spaß mit dem Spielzeug.“ Ich schaue zu Verena, ob sie den schon kennt. „Nur nicht Uschi, die hat Spaß mit ihrer Katze.“
Darüber müssen wir beide von Herzen lachen.
„On the way to Deffeyes“, ruft Verena noch immer ziemlich überdreht.
Ob sie jemals wieder den Reimmodus verlassen wird? Zumindest sind wir jetzt wieder beim Rennen und unserem nächsten Ziel angekommen. Gedanklich, denn physisch sind es noch 200 bis 300 Höhenmeter bis zum Rifugio Deffeyes.
Wahrheit oder Pflicht
Es dauert keine zwei Minuten, bis Verena auf die Unterhaltung mit Jill zurückkommt. Offensichtlich hat sie mehr mitbekommen, als ich gedacht habe.
„Was war denn deine peinlichste Situation?“, schwenkt sie schnell um, nachdem ich erkläre, dass ich keine Lust habe, über Jills Durchfall zu sprechen.
Dank der spontanen Erinnerung an längst vergangene Zeiten, antworte ich flapsig: „Ich nehme Pflicht.“
Verena ein bisschen zu verwirren, gibt mir Zeit, zu überlegen, ob und wie viel ich ihr hier und jetzt erzählen möchte, bevor mein Mundwerk schneller ist als mein Verstand.
„Ich verstehe nicht.“
„Na, du hast vorher vergessen, zu fragen. Ich nehme Pflicht. Wahrheit oder Pflicht – das kennst du sicher. In meiner Pubertät haben wir das gespielt. Auch unter dem Namen Flaschendrehen, da bei uns die Flasche darüber entschieden hat, wer an der Reihe ist. Der, der vorher dran war, die Wahrheit zu sagen oder seine Pflicht zu erfüllen, hat gedreht und durfte dem Nächsten die Frage oder Aufgabe stellen.“
„Flaschendrehen kenne ich nur als Trinkspiel.“
„Na, das war dann bei uns die Ü-16-Variante von Wahrheit oder Pflicht. Man musste trinken, eine Aufgabe erfüllen oder eine Frage beantworten. Die Kombination war meist ganz schön explosiv. Irgendwann platzte fast immer die Bombe.“
„Ja, das kenne ich. Manchmal mit und manchmal ohne Happy End. Nur 16 war ich damals noch nicht. Hast du Alkohol?“
„Na klar. In der einen Flask ist Wasser, in der anderen Wodka“, entgegne ich ironisch. Was für eine Frage.
Im Grunde war es auch keine Frage, sondern vielmehr Taktik. Verena ist zwar voll auf meine Geschichte eingestiegen, aber ohne sich in die Irre führen zu lassen: „Ich sehe auch keinen Läufer, den du als Pflicht küssen kannst.“
Die Aufgabe hatte damals fast immer was mit dem anderen Geschlecht zu tun. Ein Kuss, ein Tanz, fünf Minuten mit einem der Jungs allein in einem Raum sein usw.
Und sie ergänzt: „Siehst du, du hast keine Wahl. Es bleibt bei der Wahrheit. Was war deine peinlichste Situation?“
Touché. Ich gebe mich geschlagen: „Ich verrate es dir. Unter einer Bedingung.“ Ich schaue Verena in die Augen, um sicherzugehen, dass sie mich ernst nimmt: „Alles, was wir hier am Trail erzählen, bleibt auf dem Trail. Ultratrail-Läuferinnen-Ehrenwort.“
„Eh klar. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Du kannst mir vertrauen.“
„Ich meine, es war ein Sonntag im Mai. Das Wetter war schön, noch nicht sonderlich heiß, und der Bauernmarkt war gut besucht. Sehr gut besucht. Mein damaliger Freund Markus und ich verkauften dort wie so oft an den Wochenenden Brot. Er hatte sich zwei Jahre zuvor selbstständig gemacht. Seitdem war die Firma sein Leben. Obwohl ich in der Regionalleitung und später mit der Ausbildung zur Physiotherapeutin mit zwei Jobs genug zu tun hatte, unterstützte ich ihn, wo ich konnte. Als es zeitlich nicht mehr machbar war, kündigte ich meinen Job, und er bezahlte mich für die Hilfe auf 450-Euro-Basis. Ein notwendiger Schritt, den ich vom ersten Tag an bereut habe. Das Machtverhältnis verschob sich. Nicht nur in seiner Firma, auch in unserem Privatleben. Er trennte nicht zwischen seiner Firma und seinem Leben und ebenso wenig zwischen meinem Angestelltenverhältnis bei ihm und unserer Beziehung. Er war der Boss. In seinen Gedanken war er das bereits vorher, doch es gelang mir meistens, mich abzugrenzen. Nachdem ich auf seiner Gehaltsliste stand, gestaltete sich das schwierig. ‚Wer zahlt, schafft an‘, hatte mein Vater früher gesagt, und nachdem er aus dem Haus war, hat meine Mutter die Macht dieser Regel auf ihre Weise für sich genutzt.“
„Deine peinlichste Situation, nicht deine Lebensgeschichte“, ermahnt mich Verena.
„Sei nicht so ungeduldig. Das kommt schon noch. Wir arbeiteten also wie an so vielen Wochenenden und verkauften das frisch gebackene Brot in unserem weißen Verkaufszelt. Schwarz oder Weiß, bei Markus gab es nichts anderes. Und clean musste es sein. Clean bezeichnete bei ihm eine Mischung aus klar, sauber und makellos. Er war ein Perfektionist.“
„Huhu, du meinst wohl, du kannst bis zum Refugio um den heißen Brei herumreden und dich dann aus dem Staub machen.“
„Wohl eher aus dem Schnee“, scherze ich, in Erwartung, dass es am zweiten Pass ähnlich aussieht wie am ersten.
Verena wirft mir einen fordernden Blick zu. „Okay, okay.“
Es war nicht meine Absicht, sie hinzuhalten. Zumindest bis zu dem Moment, als sie mich auf die Idee brachte. Keine so schlechte Strategie. Aber auch ein wenig feige. Ich verwerfe also den Gedanken ans Kneifen und erzähle weiter: „Ich musste schon seit einer geschlagenen Stunde dringend auf die Toilette, aber die Schlange am Stand wurde nicht kürzer. Was gut war, denn wenn der Markt ein Misserfolg war, war Markus danach unausstehlich. Doch heute würde das nicht passieren. Wenn das so weiterginge, hätten wir in zwei Stunden alles verkauft – zwei Stunden vor Marktende. Aus Markus’ Sicht ebenso ein Grund, sich zu ärgern: Was man da noch alles hätte verkaufen können, wurde gedanklich ebenfalls als Verlust verbucht. ‚Ich geh kurz auf die Toilette‘, flüsterte ich ihm zu, warf den Kunden einen flehenden und entschuldigenden Blick zu und überlegte, wo ich am schnellsten Erleichterung finden konnte.
Die Schlange an den extra für den Bauernmarkt aufgestellten Containern war meist lang, nicht jeder hatte so viel Verständnis, dem Marktpersonal den Vortritt zu lassen, und zu allem Überfluss hatte ich vergessen, Geld einzustecken. Dumm, denn die Kassiererinnen machten leider auch keinen Unterschied zwischen Verkäufern und Kunden. Für sie sind alle Kunden. An den Markttagen unter der Woche war ich regelmäßig allein, und da gab es nicht einmal Toilettencontainer. Ich ging dann schnell in das Restaurant an der Ecke des Marktplatzes. Es war zwar nicht das einzige, aber der Vorteil gegenüber allen anderen war der Hintereingang. Er war meist offen, und man konnte von da aus auf die Toilette, ohne an den Kellnern vorbei durchs Restaurant gehen zu müssen. Der dicke schwere Samtvorhang, der die Toilette vom Gastraum trennte, war meist halb offen. So auch an jenem Tag. Zu meiner großen Erleichterung stellte ich fest, dass die Toilettentür trotz des gut besuchten Restaurants ebenfalls offen war. Denn mit Pech musste man anstehen. Es war eine Einzeltoilette.“
„Und was ist daran jetzt so peinlich?“, fragt Verena.
Sie hat noch weniger Geduld als ich. Und sie hat recht, ich sollte zur Sache kommen. Wenn ich nicht doch noch kneifen möchte.
„Ich machte mein Geschäft.“ Was ein dummer Ausdruck. „Ich musste groß“, versuchte ich es erneut. Im Gegensatz zu Jill fällt es mir schwer, mit Fremden über meinen Stuhlgang zu sprechen.
Verena findet es offensichtlich sehr lustig, wie ich nach den passenden Worten suche.
„Als ich fertig war, hätte mir feuchtes Toilettenpapier gute Dienste erwiesen“, versuche ich die missliche Lage zu umschreiben.
„Lass mich raten, es gab keines.“
Es gibt so gut wie nie feuchtes Toilettenpapier auf öffentlichen Toiletten.
„Nein, es war ein gutes, gehobenes Restaurant, aber nicht der Schindlerhof“, antworte ich, ohne Gewissheit, dass es auf den dortigen Örtlichkeiten welches gibt.
„Ein Standardproblem“, kommentiert Verena, „aber noch immer nicht peinlich.“
Ich überlege, ob ich ihr das wirklich erzählen soll. Der einzige Mensch, der diese Geschichte bisher kennt, ist Björn. Ich dachte, er habe ein Anrecht darauf, es zu erfahren, bevor er mich heiratet. Ich wollte es ihm vor der Frage des Standesbeamten – wenn jemand einen gerechtfertigten Grund vorzubringen hat, warum dieses Paar nicht heiraten sollte – lieber noch unter vier Augen erzählen. Die Frage wurde dann bei der Trauung nicht einmal gestellt.
„Wo waren wir stehen geblieben?“
„Feuchtes Toilettenpapier.“
„Ach genau. Da es in der Toilette ein Waschbecken gab, nahm ich normales Klopapier und machte es nass. Dabei stand ich mit dem Rücken zur Tür, die ich unglücklicherweise nicht verriegelt hatte.
„Du meinst unachtsamerweise“, korrigiert mich Verena mit einem schadenfrohen Unterton.
Du weißt doch, Annabel, wer den Schaden hat … Vielleicht ist es eine dumme Idee, ihr das zu erzählen, aber jetzt bringe ich es zu Ende: „Egal wie, just in diesem Moment ging die Tür nach außen auf. Beim erschrockenen Blick über die Schulter sah ich nicht nur den flüchtenden Türöffner, sondern auch die Gäste im Restaurant. Und sie mich. Durch den geöffneten Samtvorhang hatte man von vielen der Tische einen optimalen Blick auf das Schauspiel. Da der Öffner der Tür, vermutlich geschockt durch den unerwarteten Anblick, kehrtmachte, ohne die Tür zu schließen, übernahm ich das. Ich drehte mich um, sah notgedrungen für einen weiteren Moment in die Gesichter der Restaurantbesucher, griff mit einer Hand zur Tür und zog diese so rasch wie möglich zu.“
„Mit heruntergelassener Hose? Das ist wirklich peinlich“, prustet Verena vor Lachen und stolpert beinahe über einen größeren Stein.
„Pass auf, dass du nicht hinfällst vor Lachen“, scherze ich und füge schadenfroh hinzu: „Du weißt ja, wer den Schaden hat …“
„Ist denn dann noch was passiert?“
„Nein, zum Glück nicht. Nachdem ich die Tür wieder geschlossen und beendet hatte, was ich angefangen habe, inklusive Händewaschen, habe ich die Tür wieder geöffnet und bin, den Kopf zur Seite gedreht, damit man mein Gesicht vom Restaurant aus nicht sehen konnte, zum Hintereingang beziehungsweise jetzt -ausgang gestürmt. Draußen habe ich mich unter die Leute gemischt und bin zurück zu unserem cleanen Verkaufszelt. Bis zum Ende des Marktes hatte ich panische Angst, es könnte mich jemand erkennen. Ich wollte mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn Markus diese Geschichte mitbekommen hätte. Zum Glück erkannte mich niemand, zumindest hat mich niemand jemals auf diese Situation angesprochen. Ich kann dir nicht sagen, warum ich es Björn erzählt habe. Aber es gab immer wieder Momente, da hatte ich Angst, es könne jemand kommen und sagen: ‚Waren Sie nicht diejenige am Bauernmarkt? Sie wissen schon, damals auf der Toilette im Restaurant …‘“
„Du hättest die Geschichte mit ins Grab nehmen können. Vermutlich hätte es nie jemand erfahren.“
„Richtig. Zugleich war ich unglaublich erleichtert, als ich es Björn erzählt hatte, der meine Scham verstand, mich aber nicht verurteilte. Er musste sogar lachen, so wie du. Und wenn du diese Geschichte irgendwem erzählst, muss ich dich leider töten.“
„Ohoho, schon gut. Keine Sorge, dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben. Wusstest du, dass die Bakairí in Zentralbrasilien sich für ihre Nacktheit kein bisschen schämen, es bei ihnen jedoch verpönt ist, in der Öffentlichkeit zu essen?“9
„Interessant. Warum kennst du dich da aus?“
„Ich habe während meiner Hotelfachausbildung erlebt, dass es in anderen Kulturen andere Normen gibt. Aus deutscher Sicht ist Schmatzen und Rülpsen beim Essen ziemlich ekelhaft. Als ich beim Frühstück im Hotel einmal asiatische Geschäftsleute bediente, ahnte ich, dass in diesen Ländern andere Sitten gelten. So wie bei den Bakairí.“
Ich sehe das Bild, wie sich ein nackiger Bakairí während eines Ultralaufs zum Riegelessen hinter einem Busch versteckt. Eine lustige Vorstellung. „Normal“ ist eben überall anders.
9 Jennifer Jacquet (2015), Scham: Die politische Kraft eines unterschätzen Gefühls. Frankfurt am Main, S. 45.
La Barrière
Den Höhenmetern nach müsste die Berghütte bald zu sehen sein. Schnee liegt hier keiner, und der Wettergott ist uns bisher wohlgesonnen. Keine der vielen dunklen Wolken hat sich über uns entleert, auch wenn es oft so aussieht, als ob es gleich regnen würde. Wahrscheinlich habe ich deshalb meine dünne blaue Regenjacke durchgehend an, seit sie mir beim Anstieg zum ersten Pass gute Dienste erwiesen hat. Bisher ist mir das gar nicht aufgefallen. Die Sache mit Jill und die Unterhaltung mit Verena haben mich abgelenkt. Zu warm war mir bis jetzt offenbar nicht, das hätte ich gemerkt. Zu warm ist mir auch jetzt nicht, im Gegenteil. Als der Trail um den Berg führt und das ersehnte nächste Ziel, das Rifugio Deffeyes, vor unseren Augen auftaucht, friere ich in meiner winddichten Regenjacke, obwohl ich auf dem flacher werdenden Trail und motiviert vom Anblick der VP zügig hinter Verena herrenne. Wieso ist mir so kalt? Hätte ich auf meiner Laufuhr zur Temperaturanzeige gewechselt, wäre ich nicht verwundert gewesen. Das traue ich mich aber nicht. Björn hatte mir seine Garmin Fenix 5 geliehen. Es überforderte anfänglich sogar die Experten von Garmin, die 360 Kilometer vom TOR als einen Track auf der Uhr hochzuladen. Mit meiner deutlich älteren Garmin, der Fenix 2, keine Chance. Die Fortrex, ein Jagdmodell von Garmin, hat schon im Vorjahr, beim SwissPeaks 360, bewiesen, dass sie die falsche Uhr für XXL-Ultras ist. Irgendwie haben sie es dann letztendlich hinbekommen. Dankbar, dass das GPS-Tracking funktioniert, möchte ich kein unnötiges Risiko eingehen. Dass es kalt ist, weiß ich auch so. Die Sonne schafft es nicht durch die dichte und tiefhängende Wolkendecke, und bald würde sie ganz verschwinden. Die gefühlt immer noch hohe Luftfeuchtigkeit und die bereits jetzt sehr niedrigen Temperaturen kündigen eine kalte Nacht an. Ob es nochmal schneit? Hauptsache, kein Regen. Regen bei diesen Temperaturen ist wirklich unangenehm. Vor allem nachts, wenn du weißt, dass die Feuchtigkeit unter deiner Regenkleidung bis zum Morgen nicht trocknet. Und selbst wenn die Kleidung dichthält, bildet sich von innen Feuchtigkeit. Schweiß, der bei hoher Luftfeuchtigkeit und Regen nicht mehr entweicht.
Die nächste Indoor-VP ist zugleich die erste Life Base in Valgrisenche. Zwischen Deffeyes und der Life Base liegen zwei knapp 3000 Meter hohe Pässe und weitere 25 Kilometer. Doch eins nach dem anderen. Das weiße Zeltdach etwas unterhalb des Rifugio, so nennt man hier die Berggasthäuser, lässt vermuten, dass die Verpflegungsstation draußen ist. Ich bin verschwitzt, es ist windig und saukalt. Ich friere. Sicher auch, weil ich zu lange nichts gegessen habe. Ich sehe, wie Läufer aus dem Steinhaus mit seinen einladend gemütlichen Holzfensterläden kommen, und bin im selben Moment unendlich erleichtert. Beim SwissPeaks 360 wollte ich in der dritten Nacht auf etwa derselben Höhe in das Haus hinter der VP, um mich aufzuwärmen. Es war zwischen drei und vier Uhr morgens, die Strecke führte oberhalb eines Stausees über zwei Pässe. Fast das gleiche Profil wie das, das uns beim TOR nach dem Rifugio Deffeyes erwartet. Zwischen Sorebois (2871 m) und dem Col Torrent (2899 m) lag die VP wie auch hier im Freien. Nur dass das Haus dahinter kein Gasthof, sondern ein Stall war. Was mir in diesem Moment ziemlich egal war, ich hätte mich überall hingesetzt, Hauptsache warm. Na gut, nicht überall, aber fast. Kurz nachdem ich auf dem Weg zum Gebäude in eine eiskalte Pfütze getappt war, rief mir ein Helfer zu: „In den Stall kannst nicht, die Tiere schlafen.“
Schlafen war mein zweiter sehnlichster Wunsch – neben einem warmen Platz. Vielleicht hätten die Tiere gar nichts dagegen, wenn ich mich einfach zu ihnen lege. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt beim SwissPeaks 360, meinem ersten Versuch über die 360 Kilometer, seit dem Start drei Tage zuvor nicht geschlafen. Heute, beim TOR, bin ich gerade mal sieben Stunden unterwegs, und Müdigkeit ist kein Thema, die Kälte schon.
„Wo willst du hin?“, ruft Verena.
„Rein, mich aufwärmen.“
Sie folgt mir nach drinnen. Es ist lange nicht so voll wie in La Thuile. Die Sitzplätze sind dennoch fast alle belegt. Es ist 19 Uhr, und wie es aussieht, gönnen sich einige Läufer ein warmes Abendessen. Ich sehe kein Buffet, gehe zur Theke und bestelle einen Tee.
„Zwei Euro, bitte“, sagt der Mann auf der anderen Seite des Tresens.
Ich habe gesehen, wie der Läufer vor mir seinen Kuchen bezahlt hat, und bereits den Fünfeuroschein herausgekramt, den ich griffbereit vorne im Rucksack hatte.
„Ich geh raus zur VP. Wofür habe ich 750 Euro Startgeld bezahlt?“, motzt Verena.
Ich überlege, ob ich sie auf einen Tee oder Kaffee einladen soll, doch sie ist bereits auf dem Weg zur Tür. Ich setze mich auf einen der freien Plätze und ziehe die nasse Jacke aus. Kein Wunder, dass mir kalt ist. Ich trage zwar zwei meiner dünnen Funktionsshirts und habe die Armlinge so weit hochgezogen, dass sich unter der Regenjacke keine Kältebrücke bildet, wärmende Schicht habe ich jedoch keine an. Dann war es wohl bisher ausreichend. Du hättest es gemerkt, wenn es zu kalt ist. Die Späße mit Verena und der Ehrgeiz, an ihr dranzubleiben hin oder her, beruhige ich die besorgte Stimme. Du darfst dich hier nicht erkälten, mahnt zugleich die Vorsichtige. Neben der bereits erwähnten Unterkühlung ist das Risiko, während der fünf bis sechs Tage, die man beim TOR läuft, krank zu werden, nicht zu unterschätzen. Eine Erkältung würde zwar nicht das Leben, aber den Zieleinlauf kosten. Und du musst dringend was essen. Dass mir so kalt gewesen ist, ist nicht allein am Wind auf der Anhöhe gelegen. Ich habe zu lange zu wenig gegessen und benötige etwas, was mir schnell Energie gibt. Ich entscheide mich gegen das Lachsbrötchen, für Energiegel und Riegel, in besagter Reihenfolge. Nachdem ich meinen Tee ausgetrunken und ein warmes Shirt angezogen habe, packe ich meinen Rucksack und verlasse das Gasthaus. Es hat gutgetan, sich aufzuwärmen, doch zu viel Zeit möchte ich nicht verlieren. Auf keinen Fall möchte ich bei diesem Rennen das Zeitlimit im Nacken haben.
Beim Südtirol Ultra Skyrace hätte ich von meiner Kondition her schneller laufen können, wollte aber mit meinem Mann, der in diesem Jahr deutlich weniger trainiert hatte, zusammenlaufen. Für mich war es „nur“ ein Trainingslauf für den TOR. Ich dachte, das ginge sich zeitlich aus. Ich hatte mich verkalkuliert. Bis 2017 lag es aber nicht am Wollen, sondern am Können, dass ich meist zu den Langsamsten gehörte und oftmals gerade noch die Cut-Off schaffte. Beim Ultra-Trail du Mont-Blanc, der für sein sportliches und strenges Zeitlimit bekannt ist, rannte ich bei Kilometer 96 nach einem wirklich schnellen Downhill im Vollsprint auf die VP zu. Eine der Standbetreuerinnen stand im Eingang und zählte bereits die letzten zehn Sekunden runter, als ich an ihr vorbei und durch das Zelt hechtete. „La Barrière“ nennen die Franzosen das Zeitlimit beim UTMB, dabei zählt die Zeit, wenn man die VP verlässt, weshalb ich meinen Sprint durch das leere Zelt fortsetzte. Keine Zeit, um meine Flask aufzufüllen. Zum Glück hatte mein Mann, der das gleiche Rennen bestritt und knapp zwei Minuten vor mir dort war, einen guten halben Liter mehr mitgenommen. Wir liefen große Teile dieses für jeden von uns so wichtigen Rennens zusammen und waren wie beim Swiss Irontrail, dem Lauf, bei dem wir uns kennenlernten, fast gleich schnell beziehungsweise gleich langsam. An jeder Verpflegungsstation, die wir erreichten, hörten wir über den Lautsprecher bereits den Countdown für die letzten zehn Minuten. Ich hatte drei Jahre auf diesen Startplatz gewartet. Drei Jahre habe ich immer wieder ausreichend UTMB-Punkte (heute ITRA-Punkte) für die Qualifikation gesammelt. Nachdem ich zwei Jahre hintereinander Pech bei der Verlosung der Startplätze hatte, war ich, wie es das Reglement vorsieht, im dritten Jahr gesetzt. Björn hatte sich bereits zwei Jahre zuvor, als wir uns noch gar nicht kannten, am großen Ziel UTMB versucht und scheiterte dann zwischen der Life Base in Courmayeur und dem Rifugio Bertone. Besser gesagt, er gab auf, nachdem ihm die Besenläufer sogar nach der Life Base keine Pause gönnten. Bei Straßenrennen ist es der Besenwagen, der die Langsamsten einsammelt, bei Geländerennen nennt man die Schlussläufer Besenläufer. Denn laufen muss man im Gelände immer noch selbst, und das meist auch, wenn keine Aussicht mehr auf Erfolg besteht. Denn solange man kein Fall für die Bergrettung ist, muss man bis zur nächsten oder zurück zur letzten Station laufen, so steht es fast immer im Reglement. Und nicht an jeder Station gibt es eine Rückfahrmöglichkeit. 2016 hatten Björn und ich beide einen Startplatz. Zufall oder Schicksal, auf alle Fälle ein Privileg und eine Gelegenheit, die so schnell nicht wiederkommen würde. Das war es sicherlich auch, was uns antrieb, nicht aufzugeben, obwohl wir bei jeder Zeitkontrolle ein unfreiwilliges Ende befürchten mussten. Wir liefen bei dem Rennen beide so schnell wir konnten und machten so wenig und so kurze Pausen wie nötig. Auf den letzten Berg des UTMB, den Tête aux Vents, quälten wir uns in der Mittagshitze in einer Schlange aus Läufern hinauf. Es war extrem heiß, wir ließen den Abstand zum Vordermann nicht abreißen, hatten aber auch keinerlei Ehrgeiz, schneller zu sein als der Rest. Endlich oben, war der Abstieg zunächst sehr verblockt und mit müden Beinen kaum laufbar. Als wir endlich die letzte VP in der Ferne sahen, hatten wir noch 20 Minuten. Uns war klar, dass das knapp werden würde. Denn auch wenn alle, die noch hinter uns waren – und das waren nicht wenige –, den Berg hinauf und nach Chamonix, dem Zielort des UTMB, hinuntermussten, gab es auch an der allerletzten kleinen Station in La Flégère noch ein Zeitlimit. La Barrière beim UTMB kennt kein Erbarmen. Björn und ich rannten, so schnell wir konnten. Wir überholten einige Läufer auf dem schmalen Trail, tauschten kurze Blicke mit ihnen aus. Die Gesichter zeigten, dass auch ihnen bewusst war, wie weit es noch war und wie wenig Zeit uns blieb. Doch viele konnten einfach nicht mehr schneller. Ihnen fehlte die Energie oder sie waren verletzt oder beides. So sehr ich dieses Rennen erfolgreich beenden wollte, so sehr hasste ich den Wirbel um La Barrière. Ich dachte an die vielen Trailrunner, die sich hinter uns den Tête aux Vents hocharbeiteten, und an die Gesichter derer, die wir überholt hatten, und legte ein ordentliches Tempo hin. Die Wut auf dieses dumme Zeitlimit trieb mich an. Björn schaute immer wieder auf die Uhr. Wir rannten auch noch den allerletzten kleinen Anstieg zum Verpflegungszelt hinauf und hatten dann in La Flégère erstaunlicherweise noch ganze acht Minuten auf das Zeitlimit. Der letzte Downhill runter nach Courmayeur wäre für den einen oder anderen, der bergauf nicht mehr schnell war, ein Leichtes gewesen. Auch Björn und ich machten noch Zeit gut und liefen um 15:58 Uhr, 32 Minuten vor Zielschluss, in Courmayeur durch die Massen an Zuschauern, die bereits zur Preisverleihung gekommen waren. Ein unbeschreibliches Gefühl, das mir heute noch Gänsehaut bereitet.
Optimistische Paranoia
Der Gedanke an den UTMB spornt mich an, schneller zu laufen. Das erste Stück hinter dem Rifugio Deffeyes ist relativ flach, obgleich der Untergrund nicht gerade eben ist. Leider lässt die Aussicht zu wünschen übrig. Schade, dass man die umliegenden Berge nicht sieht. Keine Abendsonne, die den Col Haut Pas im rötlich glänzenden Licht erstrahlen lässt, wie auf Björns Foto von 2018. Jammern verboten, Annabel. Und überhaupt, es läuft doch super. Weiter so. Das da vorne muss Verena sein. Sie sieht zumindest so aus. Komm, die kriegst du, motiviere ich mich, nicht nachzulassen. Ich überhole ein paar Läufer, die sehr gemütlich unterwegs sind. In der Mitte des Anstiegs zur Passhöhe hole ich Verena ein. Ohne etwas zu sagen, klemme ich mich hinter sie. Sie läuft ein gutes Tempo. Es tut gut, sich ein bisschen ziehen zu lassen.
„Na, hast du dich aufgewärmt?“, fragt sie mit leicht spöttischem Unterton.
„Das habe ich und bin dennoch schon hier“, kontere ich ein klein wenig triumphierend.
„Wenn das Wetter nicht so bescheiden wäre, könnten wir am Pass einen schönen Sonnenuntergang erleben. 2018 hat es nicht geregnet.“
„Ich weiß, mein Mann ist letztes Jahr gelaufen.“ Die Aussicht vermisse auch ich. Dennoch habe ich keine Lust, auf diese Unterhaltung einzusteigen.
„2018 habe ich keinen Startplatz bekommen“, beklagt sich Verena. „Die hatten sechs Tage Sonnenschein und traumhafte Aussicht.“
Wir teilen also das gleiche Leid. Wobei es immer schwer zu sagen ist, ob es anders besser gewesen wäre. Und dieses Schicksal ereilte sicher eine ganze Menge Läufer. Wie beim UTMB gibt es jedes Jahr mehr Anmeldungen als Startplätze. Viele werden nach einer Absage für 2018 heuer ihre doppelte Chance auf einen Startplatz verwirklicht haben und das Gleiche denken. So oder so sind solche Gedanken meiner Ansicht nach kontraproduktiv, weil sie nichts an der Situation ändern.
Vielleicht gelingt es mir, Verena aus ihrem Nörgelmodus zu holen: „2018 war es dafür tagsüber sehr heiß. Das kalte Wetter ist viel besser geeignet, um Tempo zu machen. Man muss sich immer ausreichend bewegen, damit einem nicht kalt wird. Und so bekommen wir kein Problem mit dem Zeitlimit.“
„Meinetwegen“, entgegnet Verena gnädig, als hätte ihre Zustimmung Einfluss auf das, was niemand ändern kann: das Wetter.
„Cool, dass dein Mann auch läuft“, schwenkt Verena wieder in einen mir angenehmeren Modus. „Wo habt ihr euch kennengelernt?“
„Beim Swiss Irontrail 2015, auf halber Strecke über die 201 Kilometer. Im Gewitter am Lunghinpass. Ich erinnere mich noch so gut. Als ich in Maloja an der VP loslief, roch die Luft förmlich nach Gewitter. Die Organisation hatte am Morgen des zweiten Renntages eine Meldung an alle Teilnehmer versendet, dass am Nachmittag mit heftigen Wärmegewittern zu rechnen sei. Da mir die Situation nicht ganz geheuer war, fragte ich einen Verantwortlichen in Maloja, ob wir weiterlaufen oder besser abwarten sollen, wegen der aufkommenden Gewitter. Wir, denn ich war zwar allein unterwegs, aber nicht die einzige Läuferin an der VP.“
„Und?“ Verena scheint ernsthaft interessiert, und bei einem Lauf wie dem TOR das Tempo so zu wählen, dass man sich gerade noch unterhalten kann, ist ein gutes Maß für die Herzfrequenz.
„Der Stationszuständige schaute auf seinen Rechner und meinte: ‚Gewitter sind erst ab Nachmittag gemeldet.‘ Ich fragte ihn, wann er zuletzt zum Himmel geschaut habe. Er meinte, das sei egal, denn in 45 Minuten sei hier sowieso Feierabend. Ich musste also gehen, sonst würde ich Probleme mit dem Zeitlimit bekommen.“
„Was hast du gemacht?“
„Was denkst du denn, natürlich bin ich weitergelaufen. Nicht, weil mich seine Aussage beruhigte. In der Zwischenzeit waren drei dicke Gewitterwolken über dem Lunghinpass aufgezogen. Da ich im Jahr zuvor auf diesem Pass in einen Eissturm geraten war, konnte ich mich gut an den Streckenabschnitt erinnern. Mein Plan war, es zu versuchen und notfalls umzudrehen, wenn es mir zu gefährlich wäre. Das erste Gewitter erwischte mich dann schneller als erwartet, etwa auf halber Passhöhe. Die Abstände zwischen Blitz und Donner waren knapp über zehn Sekunden, und es regnete in Strömen. Ich hielt nach etwas Ausschau, das Schutz vor dem Gewitter bieten könnte, doch außer ein paar großen Steinbrocken gab es hier nichts. Ich war schon über der Baumgrenze. Ich legte mich in eine bereits von früheren Regenfällen ausgespülte Aushöhlung des Trails, auf dem ich lief. Eine sehr dreckige Angelegenheit, und wie ich inzwischen weiß, keine gute Idee. Da ich großflächig Kontakt zum Boden hatte, der die tödliche Spannung eines Blitzeinschlags gut leitet. Mein Gedanke war damals einfach nur, nicht der höchste Punkt zu sein. Das Gewitter kam zum Glück nicht näher. Als die Abstände Blitz zu Donner eindeutig länger wurden, lief ich weiter. Der Regen ließ relativ schnell nach, und beim Blick zum Himmel dachte ich, ich hätte es überstanden.“
„Oh, wie spannend, da wäre ich gerne dabei gewesen“, meint Verena.
„Vielleicht können wir im Nachhinein tauschen“, antworte ich trocken. Liebend gerne hätte ich auf diese Erfahrung verzichtet. „Wobei, lass mal überlegen. Nein, besser nicht. Denn ohne das Erlebnis am Pass hätte ich den liebsten und wichtigsten Menschen in meinen Leben vielleicht niemals kennengelernt.“
„Jetzt bin ich wirklich gespannt.“
„Ich passierte den Punkt, an dem es im Vorjahr angefangen hatte zu regnen. Der Regen, der sich innerhalb weniger Minuten in einen Eissturm verwandelte. Auch 2015 zeigte sich der Lunghinpass wolkig. Doch im Gegensatz zu 2014, als wir im Eissturm keine 20 Meter weit sehen konnten, hatte ich gute Sicht. Damals hatte ich Schwierigkeiten, auch nur die Augen offen zu halten, so wie es mir die Eiskörner ins Gesicht peitschte. Man könnte im Vergleich dazu 2015 schon fast von gutem Wetter sprechen. Auf der Passhöhe angekommen, verhieß der Blick nach vorne jedoch nichts Gutes. Es braute sich ein heftiges Gewitter zusammen. Zunächst gefühlt langsam, doch auf einmal ging alles rasend schnell. Es blitzte und donnerte, Regen setzte ein. Ich zählte die Zeitabstände. Fünf, maximal sechs Sekunden. Die Abstände wurden kleiner. Ich hatte keine Erfahrung mit Gewittern am Berg, doch ich wusste, wenn die Abstände zwischen Blitz und Donner so kurz sind, besteht akute Lebensgefahr.“
„Lass mich raten: Da erschien aus dem Nichts ein stattlicher Reiter mit wallendem Haar auf seinem weißen Ross und rief: ‚Springt auf, holde Läuferin!‘ Und wenn sie nicht gestorben sind …“ Verena grinst.
„Fast …“ Ich glaube, sie hat zu viele Märchen gelesen oder sie macht sich über mich lustig.
„Was ist dann passiert?“, fragt Verena, die anhält, um ihre Stirnlampe rauszuholen.
Ich hatte meine Sonnenbrille, die ich bisher nur kurz gebraucht hatte, bereits im Refugio Deffeyes gegen meine Petzl MYO getauscht und musste diese nur einschalten.
„Ich laufe schon mal weiter“, sage ich, in der Gewissheit, dass Verena mich gleich wieder einholen würde. So kurz unter der Passhöhe will ich nicht anhalten. Oben, wie ich feststelle, auch nicht. Col Haut Pass, check. Der Wind hier oben ist brutal kalt. Ich überlege, noch eine Schicht mehr anzuziehen, entscheide mich jedoch dagegen. Die Weste müsste ich sinnvollerweise unter der Regenjacke tragen, und auf Ausziehen habe ich keine Lust. Wenn es auf dem Weg nach unten weiterhin so stark windet, kann ich immer noch anhalten. Als François D’Haene 2017 den UTMB gewann – zum dritten Mal –, fragten sie ihn bei einem Interview, was das Schlüsselmoment bei diesem Sieg gewesen sei. Ich war vor Ort, als er einlief und das Interview gab. Er lief eine ganze Weile zusammen mit ein paar anderen anderen Favoriten vorneweg. Als es kalt wurde, zogen die anderen was Wärmeres an. François nutzte den kurzen Moment, lief weiter und setzte sich an die Spitze ab. Damit ihm nicht kalt wurde, lief er einfach etwas schneller. François ist nicht nur Profiläufer, sondern auch Winzer. Er ist bestimmt gut abgehärtet. Den Trick mit dem Schnellerlaufen, bei etwas zu kühler Kleidung, habe ich schon ausprobiert. Solange man fit ist, funktioniert das ganz gut. Dann nichts wie hier runter. Es gelingt mir nicht, so schnell zu laufen, wie ich gern würde. Der Abstieg ist technisch schwierig und die Läufer vor mir sehr vorsichtig. Ich verstehe, dass sie nichts riskieren möchten, doch mir ist immer noch kalt. Etwas schneller ginge das schon. Der Weg führt über große Steinbrocken. Konzentriert und mit meiner guten Stirnlampe kann ich zügig von einem Stein zum nächsten springen. Da es nicht nur den einen optimalen Weg über die Steine gibt, kein Problem. Bis eben. Ich hänge hinter drei Läufern, die in einer Art Dreieckformation unterwegs sind. Mir bleibt nicht lange Zeit, zu entscheiden, was ich tun soll, da das Überholen weiter vorne in einer Querung den Hang entlang noch schwieriger scheint. Vermutlich habe ich auch nicht lange überlegt, denn die drei waren sehr langsam unterwegs und vor ihnen keine Stirnlampen. Zwei, drei große Sprünge. Easy. Da fällt mir ein, dass ich meine Bandage nicht wieder angelegt habe. Wie so oft rächt sich die kurze Unkonzentriertheit, ich rutsche weg und kann mich gerade noch auf dem Stock in meiner Rechten abstützen. Eine Reaktion, die mich schon öfter gerettet hat, weshalb ich bei schwierigen Downhills meine Faltstöcke immer einsatzbereit halte, je einen Stock in jeder Hand. Der Leki Speed Stick hat meinen Fall gebremst und mich vor Schlimmerem bewahrt. Gerade nochmal gut gegangen. Oder auch nicht, denn im letzten Moment macht es „knack“. Mein Stock, der zwischen den großen Steinen stecken blieb, brach in zwei Teile.
„Alles okay?“, höre ich eine Stimme von oben rufen. Es ist Verena.
„Mir ist nichts passiert. Mir ist nur der Stock abgebrochen.“
Nur ist gut. Denis Wischniewski, Herausgeber und Redakteur des „Trail Magazins“, schreibt über die Situation ohne Stöcke bei diesem Rennen: „Das ist so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann. Das ist ungefähr so, als wenn man der Polizei den Schäferhund oder das Polizeiauto nimmt oder dem Piloten noch in der Luft das Flugzeug. Irgendwie so halt.“10 Ich begutachte den Schaden – nichts mehr zu machen. Mist, der ist hin. Zügig packe ich den abgebrochenen Stock in den Rucksack, um erst mal weiterzulaufen. Nicht ohne mich zu ärgern und mir Vorwürfe zu machen.
Verena, inzwischen bei mir angekommen, schaut mir dabei zu: „Mir ist noch nie ein Stock abgebrochen.“
„Mir bisher auch nicht“, entgegne ich.
„Für das erste Mal hast du ganze Arbeit geleistet“, lacht sie.
„Sorry, bin gerade nicht zum Scherzen aufgelegt.“
„Du hättest ja auch nicht so weit links laufen müssen.“
„Na, irgendwo musste ich überholen, oder wärst du die nächsten 500 Meter hinter einer Gruppe asiatischer Trail-Wanderer hergelaufen?“
„Sicher nicht. Ich wäre einfach mittendurch gelaufen. Das ist hier Trailrunning und kein Kaffeekränzchen.“ Verena setzt zum Weiterlaufen an.
Den Spruch habe ich doch schon mal gehört, denke ich, noch unentschlossen, ob ich mich noch länger über den abgebrochenen Stock ärgern oder mich freuen soll, dass ich mich nicht verletzt habe. Nach einem kurzen Check, ob wirklich nicht mehr passiert ist, laufe auch ich weiter. Die Bandage habe ich völlig vergessen.
Der steinige Untergrund mündet in einen Trail. Nachdem ich feststellen muss, dass ein Stock reichlich wenig bringt, stecke ich den noch unversehrten Stock in die dafür vorgesehene Tasche an der Seite meiner Laufhose. „Kämpfe nicht mit dem Weg. Nutze, was er dir gibt“ lautet mein Firmenslogan. Natürlich ärgere ich mich auch heute noch, wenn die Dinge anders laufen als geplant. Doch das Ultratrail-Laufen hat mich gelehrt, wie sinnlos es ist, sich über unveränderbare Ereignisse aufzuregen. Oder sagen wir das Trailrunning, denn als ich diese Erfahrung das erste Mal gemacht habe, war ich noch weit von Ultradistanzen entfernt. Der Weg zur Zugspitze mündet im oberen Teil, nach dem Sonnalpin und vor dem Klettersteig, der zum Gipfel führt, in ein steiles Schotterfeld. Beim Zugspitz Extremberglauf 2011 überholte ich auf diesem Teilstück einige sehr sportliche Männer. Manch einer kämpfte neben dem Untergrund mit Wadenkrämpfen. Natürlich verfluchte auch ich die Kombination aus Steilheit und losem Geröll. Gut zum Abfahren, aber alles andere als einfach im Anstieg. Recht schnell bemerkte ich: Je mehr Power ich in die Tritte legte, umso mehr rutschte ich nach hinten weg. Je zaghafter ich meinen Fuß aufsetzte, desto besser fand ich Halt. Sicherlich half es mir auch, mit 57 Kilo etwas weniger Gewicht auf die Waage beziehungsweise den Schotter zu bringen als die männlichen Mitstreiter. Entscheidend war jedoch, wie ich mich bewegte, und mit einer angepassten Technik konnte ich das schwierige Gelände zu meinem Vorteil nutzen.
Kämpfe nicht mit dem Weg. Nutze, was er dir gibt, Annabel. Beim Zugspitz Supertrail und beim ersten PfalzTrail hattest du noch gar keine Stöcke. Und beim Training hast du sie oft daheim gelassen. Weil Stöcke dich dazu verleiten, beim Abstieg mehr zu gehen als zu rennen, erinnert mich die Ehrgeizige. Rennen, genau. Wieso hier nicht rennen? Du kannst das, auch nachts und auf langen Distanzen. So nutze ich den fehlenden Stock, um ohne Zeitdruck ein weiteres Mal Tempo zu machen. Wenn man bergauf und im schwierigen Gelände ein zügiges Marschtempo läuft, kann man den TOR auch wandern. Vorausgesetzt, dass man mit wenig Schlaf auskommt. Doch erfahrungsgemäß summieren sich die körperlichen Bedürfnisse, sodass diese Kalkulation meist nicht aufgeht. Und selbst wenn, kann einem das Wetter schnell einen Strich durch diese Rechnung machen. Ich will nicht – wie beim Swiss Irontrail – in der unguten Situation enden, dass ich in das Gewitter laufen muss, weil mir keine Zeit mehr bleibt, um zu warten. Und ich will keinesfalls so knapp an die Zeitlimits kommen wie beim UTMB, dass stets die Gefahr besteht, unfreiwillig aus dem Rennen genommen zu werden. Schneller zu laufen, bedeutet natürlich auch größere Anstrengung, Belastung und Verletzungsrisiko, doch ohne Stöcke ist eine gute Renntechnik im Downhill, meiner Erfahrung nach, knieschonender, als die Dynamik des Falls im Gehen wiederholt abzubremsen.
Zu rennen ohne die Alternative, dass zügiges Wandern mit Stöcken klüger sein könnte, fühlt sich gut und richtig an, so voller Leichtigkeit. Und obwohl ich bereits die Lichterkette im Anstieg zum nächsten Pass sehen kann, zwinge ich mich, mit meinen Gedanken im Hier und Jetzt zu bleiben. Das Problem mit der rutschenden Wasserflask zu Beginn des Rennens konnte ich wenig später rasch lösen. Im Anstieg auf den ersten Pass fiel mir ein, dass ich zwar das gleiche Rucksackmodell trage wie bei meinen langen Trainingsläufen, aber nicht denselben Rucksack. Eine Naht war aufgegangen, und da es sich um einen Reklamationsfall handelte, schickte die Firma Raidlight mir kurz vor dem TOR einen Ersatz. Der Rucksack war beim Start noch nicht optimal auf meinen Körper eingestellt. Wenn es eine Lösung gibt, Annabel, wozu die Aufregung, und wenn es keine Lösung gibt, wozu die Aufregung? Na gut, vor allem die Gewissheit, dass ich in der nächsten Life Base auf meine Ersatzstöcke zugreifen kann, lässt mich das Unglück recht gelassen ertragen. Denn auch wenn mir noch nie ein Stock abgebrochen ist, weiß ich von anderen Läufern, dass das passieren kann. Optimistische Paranoia nenne ich dieses Erfolgsprinzip. Es ist die Kunst, immer auf das Schlimmste vorbereitet zu sein und gleichzeitig stets mit dem Besten zu rechnen.
10 Denis Wischniewski (2019), Tor des Géants: 357 Kilometer durch das Aostatal. Ein Ultratrail, der beim Autor noch lange nachwirkt, in: Ultra Running 2/2019, S. 12.
Abenteuer
Inzwischen kann ich bereits die Läufer an der nächsten VP auf der Alm Promoud sehen. Verena muss auch da sein. Du hast sie bisher nicht überholt. Noch weiter vorne kann sie nicht sein. Unten angekommen und abgescannt, schaue ich mich um. Meist ist an der VP zugleich ein Kontrollpunkt, an dem die Startnummer mit einem Scanner, wie man das aus dem Supermarkt kennt, erfasst wird. Keine Verena. Promoud ist eine kleine Versorgungsstation, und so begnüge ich mich, da ich von den Snacks das meiste sowieso nicht vertrage, mit kaltem Wasser. Außer Wasser für die Flasks, das mir warm in diesem Moment deutlich lieber gewesen wäre, benötige ich nichts. Beim Anblick der Lichterkette, die sich auf den nächsten Pass, den Col Crosaties, hochschlängelt, kommt mir eine Idee. Vielleicht kann ich den abgebrochenen Stock mit Panzertape reparieren? Panzertape ist ein besonderes festes und stabiles Klebeband, dass unter anderem beim Militär und in der Raumfahrt verwendet wird. Auch im Motorsport, das weiß ich von meinem Mann, werden während des Rennens damit notdürftig Teile der Karosserie befestigt. Warum soll das nicht auch bei einem Trailrunning-Stock funktionieren, denke ich und beweise damit wieder einmal, dass Physik nicht meine große Stärke ist. Ich krame auf einer der vielen freien Bänke meine Minirolle Panzertape heraus und wickle es im Licht meiner Stirnlampe um die beiden Stockhälften. Eine helfende Hand wäre jetzt nicht schlecht, doch von Verena keine Spur. Die anderen Läufer tummeln sich um den Verpflegungsstand in einigen Metern Entfernung. Die meisten laufen rasch weiter. Kaum einer hält sich hier lange auf. Es ist dunkel und kalt, und vor uns liegt noch ein langer Weg.
Nach zwei Fehlversuchen gelingt es mir, die beiden Teile mit dem Tape zu einem Stück zu verbinden. Ich teste ganz vorsichtig an. Sehr stabil wird es nicht sein, das ist mir schon klar. Dass der Stock aber schon bei minimalem Druck wieder zerbricht, hätte ich nicht gedacht. Mist, die Zeit hätte ich mir sparen können. Da hätte ich besser was gegessen. Egal, auf, weiter. Es ist zu kalt, um hier länger Pause zu machen. Der kaputte Stock ist eigentlich kein großes Problem. 800 Höhenmeter Anstieg zum Pass, danach 1000 Höhenmeter runter, insgesamt noch 17 Kilometer nach Valgrisenche. TOR-Kilometer und -Höhenmeter, also die Kilometer nach dem Rechensystem der Veranstalter. Das darf man nicht vergessen, denn irgendwo verstecken sich die Mehrkilometer und -höhenmeter. Aber so oder so: 20 Kilometer – oder eben etwas mehr – ohne Stöcke sind kein Problem. Das restliche Rennen ohne Stöcke zu bestreiten schon. Im Gegensatz zu anderen Ultratrails habe ich hier noch keinen Läufer ohne Stöcke gesehen. Manchmal im Rucksack, meist aber im Einsatz. Ein Pass, das packst du locker. Aber es wird mich mehr Kraft kosten. Die Beine mehr belasten. Mag sein, aber du entlastet die Arme, kontert die Optimistische. Tatsächlich gab es eine Zeit, da war meine rechte Schulter das schwächste Glied bei ultralangen Bergläufen. Auf der 170-Kilometer-Distanz beim SwissPeaks waren meine Stöcke ganz, die Schmerzen in der rechten Schulter jedoch noch im ersten Drittel so stark, dass ich keine Kraft übertragen konnte. Später stellte sich heraus, dass ich einen zuvor unbemerkten leichten Bandscheibenvorfall im Halswirbelbereich hatte. Bis zum TOR hatte ich das recht gut im Griff, bei extremen Belastungen und wenn ich viel am Schreibtisch arbeitete, spürte ich es jedoch oft noch. Du gönnst deiner Schulter eine Pause, ist doch super.
Col Crosaties? Das ist doch der Pass, an dem der Chinese 2013 abgestürzt ist. Und ich wusste, dass er nicht der Einzige war. Mein Mann hatte im Vorjahr erlebt, wie ein italienischer Läufer beim Abstieg vom Pass reglos ein Stück abseits der Strecke lag, um ihn herum drei Läufer. Also war der gellende Schrei, den er kurz zuvor gehört hatte, kein dummer Scherz gewesen. Er lief zu ihnen hinunter. Ein asiatischer Läufer sagte auf Englisch, dass er Ersthelfer sei. Der Läufer lag bäuchlings auf einem Stein, hatte eine Platzwunde am Kopf, blutete und schien benommen. Björn, der erst einmal nichts tun konnte, weil der Ersthelfer davor warnte, ihn zu bewegen, überlegte, was passiert sein könnte. „Ihn nicht bewegen ist klug“, dachte Björn. „Denn er kann nicht hier unten gestürzt sein. Dann läge er nicht hier. Er muss von weiter oben abgestürzt sein. Von der Passhöhe sind das etwa 20 Fallmeter. Das würde auch die schwere Kopfverletzung erklären.“ Ich beschreibe den Unfall aus Björns Perspektive, in der alles wie in Zeitlupe ablief. In Wirklichkeit geschah all das innerhalb von ein, zwei Minuten.
„Jemand muss die Rettung anrufen“, meinte der Ersthelfer.
Björn dachte, dass das längst geschehen sei. Er holte sein Smartphone heraus und erkannte das Problem. Kein Empfang.
„Okay, ich laufe weiter und rufe die Rettung, sobald ich Empfang habe“, versprach Björn und machte sich sofort auf den Weg. Für einen Moment hatte er sich überlegt, ob er dieser Anweisung so schnell folgte, weil er so keine Zeit verlor. Ein verrückter Gedanke, denn in so einem Moment geht es doch um viel mehr als den eigenen Zieleinlauf. Dennoch verstehe ich den zwiespältigen Gedanken gut. Er zeigt, dass seine Priorität ganz klar beim Wohl des verletzten Läufers lag, und zugleich wie bedeutsam so ein Rennen ist, für das man ein Jahr und länger trainiert hat. Zudem war es wirklich das Beste, was er tun konnte. Der Italiener benötigte dringend medizinische Hilfe. Björn lief mit Blick auf die Balken seines Smartphones, noch ganz geschockt von dem, was passiert war. Mikael, der 2013 seinen ersten TOR lief, als der Chinese hier ums Leben kam, ist ein guter Freund von ihm. Er wusste, dass solche Unfälle bei Bergrennen immer wieder passieren, doch bis eben waren es Geschichten. Weit weg. Geschichten, an die man während eines Ultratrails lieber nicht denkt. Als er die Veranstalter etwa 300 Höhenmeter weiter unten über die Notfallhotline informierte, wusste man dort bereits Bescheid. Vermutlich hatten andere Teilnehmer, die das Geschehen beobachtet hatten, schon angerufen. Als Björn jemanden in der Leitung hatte, der Englisch sprach, erklärte er noch, welche erkennbaren Verletzungen der Italiener hatte. Zum Glück konnte er gerettet werden, obgleich eine Helikopterrettung in der Nacht nicht möglich war, wie wir im Nachhinein erfuhren. Erst gegen sechs Uhr morgens konnte er mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Bei der Siegerehrung sechs Tage später meinte der Sprecher, sein Zustand sei stabil. Die Eilmeldungen, die die Organisation noch während des Rennes dazu veröffentlichte, verhießen zunächst nichts Gutes: „He was transferred to the reanimation department in a reserved prognosis“,11 was so viel bedeutet, wie dass er in kritischem Zustand in eine Reanimationsabteilung transferiert worden war.
Das ist es, was mir ein wenig Angst macht. Ich werde oben um die 4000 Höhenmeter in den Beinen haben. Es ist eine bitterkalte Nacht ohne Sterne und ohne Mondlicht. Hat es auch hier geregnet oder geschneit? Es könnte durchaus eisig sein. Stöcke sind überall da, wo Rutschgefahr besteht, eine große Hilfe. Hat der Italiener eigentlich überlebt? Ich weiß es bis heute nicht. Ich nehme es an. Wie es ihm wohl geht? Ob er wieder laufen kann? Wovor habe ich Angst? Ich möchte nicht sterben. Obwohl ich mir unter dem Prozess des Sterbens noch etwas vorstellen kann und es Zeiten in meinem Leben gab, als ich sterben wollte. Zumindest war ich damals der Ansicht, dass ich das wollte. Tod hingegen ist ein Wort, unter dem ich mir nur wenig vorstellen kann, so irreal erscheint mir der Gedanke. Ultratrail-Laufen ist statistisch gesehen viel weniger gefährlich als Alpin-Bergsteigen. Doch ein Rennen am Berg, insbesondere wenn man so hoch und so lange unterwegs ist, birgt Gefahren: Man kann in ein Gewitter geraten, abstürzen oder sich verlaufen. Letzteres führt nur selten zum Tod. Doch wer seinen Körper wie die Teilnehmer beim Tor des Géants an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit heranführt, muss wissen, wie er mit Wind, Wetter und extremer Müdigkeit umgeht. Und spätestens mit dem Unterzeichnen der Anmeldeunterlagen ist klar, dass dieses Abenteuer, wie alle richtigen Abenteuer, gefährlich ist. Mal mehr, mal weniger. Manches lässt sich kontrollieren, alles nicht.
11 www.tordesgeants.it/en/news/col-de-la-crosatie-update-n°2 (13.5.2021).
Die Tribute und ein Gewitter am Pass
Es ist weniger der Gedanke an den Unfall, der mich zittern lässt. Schnell habe ich ihn verdrängt. Beim Autofahren denke ich auch nicht die ganze Zeit, dass etwas passieren könnte. Dass ich selbst oder – viel schlimmer – andere ums Leben kommen könnten. Und als einmal im Regen das elektronische Stabilitätsmanagement (ESP) ausfiel, geriet ich auch nicht in Panik, sondern machte mir bewusst, dass ich noch aufmerksamer fahren musste als sonst. Du rockst das auch ohne Stöcke. Es ist die Kälte. Ich zittere vor Kälte. Vielleicht ist irgendwo ein Fluss in der Nähe. Es ist zu dunkel, um das zu erkennen, und hören kann ich auch keinen. Ich bin versucht, meine ganz warme Jacke anzuziehen. Meine mit Merinowolle gefütterte Alpinjacke hatte ich ganz unten in den Rucksack gepackt – falls es richtig kalt ist und ich mich nicht bewegen kann. Du kannst dich bewegen, und gleich geht es wieder bergauf. Dann wird dir warm, mahnt mich die Ehrgeizige, nicht unnötig Zeit zu verschwenden. Sie behält recht. Im Anstieg ist mir schnell wieder warm genug. Nur meine Beine wollten nicht so recht. Du hast zu lange nichts gegessen. Wieder einmal. Zur schnellen Energieaufnahme hole ich im Gehen ein Gel aus einer der vorderen Taschen und drücke mir die Zuckerpampe zur Hälfte in den Mund, trinke zwei, drei Schluck, dann die andere Hälfte. Ich habe schon viele Gels getestet und welche gefunden, die ich gut vertrage und runterkriege – von Genuss weit entfernt.
„Hu, hu“, höre ich eine Stimme, und im gleichen Moment überholt mich Verena.
Wo kommt die denn her?, überlege ich verwundert. Sicher war sie austreten, also auf dem großen Natur-Klo, irgendwo abseits des Weges. Auf die Art und Weise habe ich beim Hochkönigman eine Konkurrentin auf dem Weg zum Starzerhaus überholt.
„Na, läuft’s bei dir?“
„Läuft“, antworte ich und beiße in einen Riegel, um nicht gleich wieder in das nächste Energieloch zu fallen. Energiemangel, insbesondere Kohlehydratmangel beeinflusst nicht nur die Leistungsfähigkeit des Körpers, sondern auch die Konzentration. Das kann ich oben am Crosaties nicht gebrauchen. „Ich dachte, du wärst vor mir.“
„Musste mal wohin.“
„Habe ich mir gedacht“, antworte ich und muss grinsen, weil ich an die Aktion vom Hochkönigman denken muss.
„Was ist denn so lustig daran? Es gab keine Tür, die ich vergessen konnte, zuzumachen. Außerdem sage ich es dir nur ungern, aber mir würde das auch niemals passieren.“
Na klar, denke ich ohne große Lust, diese Diskussion fortzusetzen. Markus sprach auch immer so. Schlüssel verloren, das könnte ihm nie passieren. Tatsächlich passierten ihm solche Dinge nicht. So was passierte in unserer Beziehung immer nur mir.
Schweigend marschieren wir in der auseinandergezogenen und dennoch gut sichtbaren Kette aus Stirnlampen den Pass hinauf. Mit dem einen Stock, den ich aufgrund der müden Beine wieder zum Einsatz brachte, arbeite ich mich wie auf einem Stand-Up-Paddle weiter nach oben, indem ich den Stock in beiden Händen halte und ihn abwechselnd links und rechts in den teils steinigen, teils sandigen Boden tauche. In einem Buch des Sportpsychologen und Extremläufers Michele Ufer habe ich gelesen, es sei dienlich, seine Fantasie zu benutzen und spontan Situationen zu visualisieren, die uns helfen.12 Bei mir ist das zum Beispiel der Gedanke, ich bewege mich auf einem Transportband oder kann mich mit einem unsichtbaren Seil an den Bäumen links und rechts hochziehen. Mir vorzustellen, ich sei jemand ganz anderes, an einem geheimnisvollen und abenteuerlichen Ort, besitze magische Fähigkeiten und manchmal auch ein unsichtbares Team, funktioniert auch sehr gut. Ich konnte es beim Spielen mit meinem Neffen super trainieren. Wobei er mir beim Erfinden der Fantasien immer mindestens eine Nasenlänge voraus ist. Filme sind ebenfalls eine gute Anregung dafür. Es gab eine Phase, da habe ich mir meine braunen Haare erst hinten, dann seitlich zu einem Zopf geflochten und leise den Text von „The Hanging Tree“, dem Song aus „The Hunger Games“, zu deutsch „Die Tribute von Panem“, in Ultratrail-Nächten vor mich hin gesungen:
„Are you, are you
Coming to the tree
Where I told you to run
So we’d both be free
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight
In the hanging tree“13
Irgendein Ohrwurm verfolgt einen beim Ultratrail-Laufen fast immer. In meiner allerersten Nacht auf dem Trail summte ich urplötzlich die Melodie von „Guten Abend, gute Nacht“. Ich weiß bis heute nicht, wie ich damals darauf kam. „Morgen früh, so Gott will, wirst du wieder geweckt“ war der unpassendste Text für meine erste schlaflose Nacht auf dem Trail. Dennoch begleitete mich dieses Lied ab der Partnachalm über den Längenfelder zur Station Alpsitzbahn bis kurz vor das Ziel in Grainau. Und bei einem anderen Rennen ließ mich „Ja, wir san mit’m Radl da“ nicht mehr los. Wenn also schon einen Ohrwurm, dachte ich, dann einen selbst gewählten. So lernte ich die Strophen von „The Hanging Tree“ auswendig. Wenn ich meine Laufstöcke hinten im Laufrucksack hatte, sah ich wirklich ein bisschen aus wie die weibliche Hauptfigur, Katniss Everdeen. Mein Mann meinte kurz vor dem Start des Madeira Island Ultra Trails: „Mögen die Spiele beginnen“, und spielte damit auf meinen vorübergehenden Spleen an. Es mag etwas verrückt klingen, doch es half mir, mir in anstrengenden Momenten am Trail vorzustellen, ich sei Katniss und müsse gewinnen, um die Menschen meines Bezirks vor Schlimmeren zu bewahren. Im Film müssen die zwölf unfreiwillig Auserwählten aus Panem – einer je Bezirk – gegeneinander kämpfen. Die Spiele enden erst, wenn nur noch einer von ihnen am Leben ist. Das Ziel, dass ich als Tribut meines Distrikts erreichen musste, war der Zieleinlauf. Den Kampf mit den anderen Tributen ersetzte ich gegen den Kampf mit den Naturgewalten und meinem inneren Schweinehund. Im Film müssen die Tribute zudem Sponsoren für sich gewinnen, die sie später im Kampf mit kleinen Hilfsaktionen unterstützen. Beim SwissPeaks 360 lief bereits beim Start einiges anders, als mir lieb war. Der Gedanke, ich sei ein Tribut aus Panem und müsse die Sponsoren für mich gewinnen, half mir heldenhaft, mit den ungewünschten Ereignissen umzugehen, statt zu jammern oder zu meckern. Ich nahm diese Geschichte mit auf den Trail, nachdem ich den zweiten Teil der Trilogie auf DVD sah und mich erinnerte, welche enorme Reserve ich im Eisregen am Pass und in anderen Gefahrensituationen mobilisieren konnte. Die Fantasie der Hungerspiele gab mir die Kraft, mehr zu ertragen und noch härter zu kämpfen als sonst. In einem Glückskeks, den ich vor vielen Jahren irgendwo bekommen und dessen Inhalt ich bis heute aufgehoben habe, steht: „Du bist eine geborene Kämpferin.“ Was mich viele Jahre mit Stolz erfüllte, nervte mich nach und nach. Durch eine Entwicklung, die mit zwei sich streitenden Kindern in der Bahn begann, stellte ich fest, dass ich gar nicht kämpfen will. Mein Leben und auch das Laufen sollten vielmehr von Leichtigkeit geprägt sein. Und so verschwand Katniss wieder aus meinem Ultratrail-Leben.
Wie so oft bei den Anstiegen auf die hohen Pässe gibt es auf dem Trail hinauf zum Col Crosaties keine Bäume, an denen ich mich imaginär hochziehen kann. Und meine Vorstellung, auf einem Stand-Up-Paddle dahinzugleiten, sorgt nur bedingt für größere Leichtigkeit. Ich ertappe mich dabei, die Melodie von „The Hanging Tree“ zu summen, als ich höre, wie Verena mit einstimmt.
„‚Strange things did happen here, no stranger would it be, if we at met midnight in the hanging tree.‘ Ich liebe dieses Lied. Nur die Leidensfähigen, die Furchtlosen, die Stärksten kommen ins Ziel, das gefällt mir. Je härter der Kampf, umso größer der Sieg“, tönt Verena und beißt energisch in einen Riegel.
Meinem Eindruck nach ist sie die ganze Zeit über am Futtern.
„Ich denke, Katniss überlebt, weil sie mutig und clever ist“, entgegne ich und füge hinzu: „Der Kampf darf von mir aus gern weniger hart sein. Auch wenn es dann mehr Sieger gibt. Ich gönne es jedem. Ich möchte schließlich ankommen. Und möglichst viel Spaß haben bis dorthin.“
„Den haben wir doch“, sagt Verena, und nachdem sie den Bissen runtergeschluckt hat: „Wie ging das eigentlich im Gewitter am Pass weiter, nachdem es nicht der Ritter auf dem weißen Ross war, der dich gerettet hat?“
Nur allzu gern erzähle ich die Geschichte. Es ist mein real gewordenes Liebesmärchen, mein „Pretty Woman“, auch wenn sich meine Vergangenheit gänzlich von der Filmfigur unterscheidet. Mein „Cinderella“, auch wenn ich weder eine Stiefmutter habe noch einen Schuh verlor. Beim Erzählen vergeht die Zeit viel schneller, und bisher besteht noch keine Absturzgefahr, also lege ich los.
„Wo war ich denn stehen geblieben?“
„Du gar nicht. Ich war stehen geblieben, um meine Stirnlampe zu suchen, und du bist schon mal weiter“, antwortete Verena mit vorwurfsvollem Unterton.
„Ich dachte, du holst mich gleich wieder ein“, entgegne ich und überlege, ob ich auch gestürzt wäre, wenn ich auf Verena gewartet hätte. „Das Leben ist keine Generalprobe“ steht auf einer der vielen Spruchkarten, die ich besitze. Hätte und könnte spielen keine Rolle. Jetzt ist es so, und wer weiß, wofür es gut ist. Wie damals im Gewitter.
Verena: „Das Gewitter oben am Pass. Es kam immer näher und war schon lebensgefährlich nah.“
Ich: „Ach ja, genau. Ich hielt wieder nach einer Schutzmöglichkeit Ausschau. Diesmal sah ich eine. Nicht weit vom Weg weg standen bereits zwei Läufer unter einem Türvorsprung irgendeines Gebäudes. Ich lief zu ihnen hinüber. Sie machten mir Platz. Obwohl das Gewitter wirklich beängstigend war, fühlten wir uns sicher. Der steinerne Vorsprung schützte uns vor dem Wind und dem Regen, und nicht allein zu sein, gab uns ein Gefühl von Sicherheit. Ungeachtet, dass die verschlossene Tür hinter uns aus Metall war, warf ich beim nächsten lauten Donner meine Stöcke weg, denn ich hatte im Kopf, dass Metall den Blitz anzieht. Die beiden anderen taten es mir gleich. Smartphone besaß ich damals keines. Ich fühlte mich trotz des Gewitters, vor dem ich Angst hatte, unter unserem Vorsprung sicher genug, um ein paar Salzmandeln aus dem Rucksack zu kramen.“
„Verstehe ich“, meint Verena, „man ist es bei einem Ultratrail einfach gewöhnt, jede Pause zur Energieaufnahme zu nutzen.“
„Ich erfuhr, dass der eine Läufer Schweizer war und der andere Deutsche. Ich war schon länger wieder Single, als mir lieb war, doch in mein Beuteschema passten beide nicht. Schon allein, weil meine letzten beiden Lebenspartner deutlich jünger waren als ich. Die beiden Läufer hatten ganz sicher schon eine Vier davor. Auch der Asiate, der beim nächsten lauten Donnergrollen einen großen Satz zu uns unter den Vorsprung machte, war nicht mein Typ. Es war der, der beim ersten Gewitter einfach gemütlich weiterspaziert war, als ob nichts gewesen wäre. Ein Verhalten, das von richtig weit entfernt ist. Ich dachte: Der hat Nerven und keine Ahnung, wie man sich im Gewitter verhält. Ich hatte jedoch selbst keine große Ahnung. Sonst hätte ich mich nicht flach auf den Boden gelegt. Doch das war mir ebenso wenig bewusst wie die große Gefahr, in der wir uns gerade befanden. Irgendwie sahen alle schon ein wenig durch den Wind aus. Ich sicher auch, denke ich, immerhin hatten wir alle schon eine Nacht auf dem Trail hinter uns. Kein Traummann dabei, doch nach Anbandeln war mir mitten in dem heftigen Gewitter auch nicht zumute. Ich war einfach nur unglaublich dankbar, gerade nicht allein zu sein. Ich fragte in die Runde, ob jemand ein paar Salzmandeln möchte, als es extrem laut krachte. Obwohl wir zeitgleich hätten wissen können, dass uns der Blitz nicht getroffen hatte, erschraken wir alle und fühlten uns auf einmal nicht mehr so gut geschützt. Was ich erst sehr viel später erfahren habe: Die Metalltür, unter deren Vorsprung wir uns unterstellten, gehörte ziemlich sicher zu einem Wasserreservoir. Sowohl Wasser als auch Metall ziehen den Blitz an. Zudem befanden wir uns am höchsten Punkt der Umgebung. Und der Vorsprung hätte niemals ausgereicht, um uns vor einem Blitzeinschlag zu bewahren. Der Strom wäre über den Boden in unsere Körper geleitet worden. Wir hatten ein gutes Gefühl, weil wir nicht allein waren. Doch um uns in dieser Situation bestmöglich zu schützen, hätten wir uns nach den Verhaltensregeln bei Gewittern weit voneinander entfernt auf freiem Feld in die Hocke begeben müssen, die Füße eng zusammen und so ausharren, bis die Abstände zwischen Blitz und Donner wieder über 20 Sekunden betragen.14 Wir alle haben da oben am Pass intuitiv falsch reagiert. Wir fühlten uns unter dem Vorsprung sicher, weil wir vor Wind und Regen geschützt zusammenstanden. Was das eigentliche Risiko, den Blitz, betraf, haben wir uns damit in größte Gefahr gebracht. Intuition folgt Faustregeln, und manchmal passt die Regel nicht zur Situation. Vor allem wenn wir uns mit etwas nicht wirklich gut auskennen, kann Intuition sehr gefährlich sein.“ „Wow, krass. Aber euch ist nichts passiert?“
„Nein, wir hatten einfach Glück. Und ich im doppelten Sinn“, füge ich hinzu.
„Stimmt, ich vermisse die Lovestory.“
Von der richtigen Lovestory und vor allem dem Happy End war ich am Swiss Irontrail noch weit entfernt. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.
„Lass mich das später erzählen“, vertröste ich Verena, denn hier beginnt die Seilversicherung.
Ein Zeichen, dass wir uns nun auf jeden Schritt und Griff konzentrieren müssen.
12 Michele Ufer (2016), Mentaltraining für Läufer: Weil Laufen Kopfsache ist, Aachen, S. 135.
13 James Newton Howard/Jennifer Lawrence: The Hanging Tree, www.youtube.com/watch?v=F3hTW9e20d8 (22.1.2022).
14 Entfernung von Gewittern berechnen, www.bergfreunde.de/entfernung-gewitterrechner (22.1.2022).
Das Ultimatum
Mein Stock ist schnell in der Hosentasche verstaut. Ich freute mich über die Seilversicherung. Die leichten Kletterstellen beeinträchtigen meine Freude kein bisschen. Die Energie des Riegels ist in meinen Beinen angekommen, und die Seile machen einen sehr stabilen Eindruck, so dass ich mich, immer mindestens eine Hand am Seil, daran hochziehe. Als es sich vor mir staut, fällt mir auf einmal ein, dass ich meine stabilisierende Bandage für den linken Fuß noch immer nicht angezogen habe.
„Lauf du schon mal weiter. Muss kurz was machen“, sage ich zu Verena und suche mir einen großen Felsbrocken, um mich hinzusetzen.
Ich hole die Bandage raus und beeile mich sehr mit dem Anziehen. Nicht auskühlen. Schnell wieder weiter, bevor die nächsten kommen. Schwer erkennbar, wo man hier tödlich abstürzen kann. Bis auf die Stirnlampen der Läufer ist es finster. Die Abgründe verschwinden im Dunkeln. Ich frage mich, wie viele absturzgefährliche Stellen auf Ultratrails ich nicht mitbekommen habe, weil es dunkel war. Solange nichts passiert, ist es besser so. Björn hatte mir von dem Unfall an diesem Pass auch erst nach seiner Ankunft erzählt. Geschafft, zumindest den Anstieg. Col Crosaties, check. Da ich nicht genau weiß, wo man hier besser nicht hintritt und bei wenig Platz einiges los ist, laufe ich weiter. Zunächst vorsichtig, mit sehr viel Respekt. Der Italiener ist laut TOR-Meldung beim Abstieg abgestürzt. Für einen Moment schlägt mir das Herz bis zum Hals, beruhigt sich aber schnell, nachdem ich keine absturzgefährliche Stelle ausmachen kann. Das scheinen auch die Läufer vor mir so zu sehen, die wie ich weiterhin konzentriert und vorsichtig, aber nun deutlich zügiger den dritten großen Downhill in Angriff nehmen.
Ich laufe im Wohlfühltempo den Trail entlang, über eine Brücke, in den Wald hinein, bis mich dieser auf einer asphaltierten Straße wieder ausspuckt. Vor und hinter mir Stirnlampen. Nur einmal überhole ich einen Läufer, der etwas aus seinem Rucksack holt. Keiner, der hier eine Pause macht oder ein kurzes Nickerchen. Offiziell ist es auch verboten, außerhalb der Life Bases und von Rifugios zu schlafen. Auch nicht am Trail, es ist zu gefährlich, und es bringt die Sicherheitskontrolle durcheinander. Denn der GPS-Tracker, den jeder Läufer dabeihat, dient neben der Kontrolle auch zu unserer Sicherheit. Bewegt sich ein Läufer sehr lange Zeit nicht, also länger als 15 bis 30 Minuten, besteht das Risiko, dass er verletzt, vielleicht sogar gestürzt und bewusstlos ist. Die Organisation kann den Läufer dann anrufen, und sofern dieser Empfang hat, kann er Entwarnung geben. Um darüber überhaupt eine Kontrolle zu haben, ist es bei den meisten alpinen Ultratrail-Rennen verboten, sich neben oder gar abseits der Strecke irgendwo schlafen zu legen. Bei diesen Temperaturen und verschwitzt vom Laufen kann das zudem rasch zu Unterkühlung führen, was dem einen oder anderen aber ab einem gewissen Grad der Müdigkeit egal ist. Doch auf die Idee, draußen zu schlafen, kommt in dieser ersten kalten Nacht hier sicherlich keiner. Erst später, wenn man wirklich müde ist, setzt man sich auf einen Stein und schläft im Sitzen ein, gewollt oder ungewollt, egal, wie kalt es ist. Aktuell bin ich nicht müde, und rennen ist generell das beste Mittel gegen die Müdigkeit. Wenn man noch rennen kann. Denn nicht nur die läuferische Kondition und der Untergrund bestimmen das Tempo, sondern auch die Müdigkeit. Ein Teufelskreis.
Ich laufe die Straße entlang, hinein in das kleine Örtchen Planaval. Verena habe ich seit dem Col Crosaties nicht mehr gesehen. Es ist mir ganz recht, so kann ich mich ganz auf mich und mein Ziel konzentrieren.
Ein paar Hundert Meter vor der VP kommt mir Björn entgegen: „Wie läuft’s?“
„Abgesehen davon, dass mir ein Stock abgebrochen ist, ganz gut“, antworte ich und erzähle ihm, was passiert ist.
„Hauptsache, du hast dir nichts getan. Da vorne ist schon die VP.“
Ich weiß, dass das hier nur eine kleinere Verpflegungsstation im Freien ist, und habe schon überlegt, was ich machen werde. Ich habe Hunger, und ich brauche endlich was anderes als einen Riegel oder ein Gel, doch es ist recht kalt und das Zelt auf allen Seiten offen. Ich setze mich auf eine der Bierbänke, und Björn gibt mir eine warme Jacke. Eine Decke wäre jetzt nicht schlecht, denke ich und hole das Lachsbrötchen aus meinem Rucksack. Das Gewicht von La Thuile über die beiden Pässe bis hierher hätte ich mir sparen können. An den VPs darf Björn mir Essen oder Kleidung bringen. Du weißt nie, was du wann benötigst. Besser du hast mehr dabei als zu wenig. Nicht ärgern. Du hattest keine Zeit zu essen. Es war zu kalt für eine Pause. Es ist auch jetzt sehr kalt. Ich überlege, das Lachsbrötchen im Gehen zu essen, damit meine Beine nicht so auskühlen. Und um ein paar Meter zu machen, denn mit mehr als einem halben Riegel oder einem Gel im Bauch zu rennen, verträgt mein Magen meist nicht. Und schon überlege ich, ob ich das Brötchen überhaupt essen soll oder noch bis Valgrisenche durchhalte.
Als könne Björn meine Gedanken lesen, sagt er: „Du bist super in der Zeit. Bis zur Life Base sind es laut Plan sieben Kilometer und ein paar Hundert Höhenmeter. Du hast theoretisch bis sieben Uhr in der Früh Zeit. Jetzt ist es ist gerade mal eins.“
„So lange werde ich hoffentlich nicht brauchen“, antworte ich und rechne gedanklich meinen möglichen Vorsprung auf das Zeitlimit aus. Zeit zu essen habe ich. Wenn es nicht so arschkalt wäre.
„Was überlegst du?“, fragt Björn, der steht, weil er keinem Läufer den Platz wegnehmen möchte. Dabei sind wir fast die Einzigen.
„Ob ich das Brötchen hier essen soll. Meine Beine kühlen zu sehr aus.“
Björn zieht seine Jacke aus und legt sie mir über meine Beine.
„Mir ist warm genug“, sagt er.
Ich weiß, das war gelogen. Und ich weiß, er würde das nicht zugeben. Also nehme ich dankbar an. Fünf Minuten, er ist nicht verschwitzt, das wird er schon aushalten. Alles fürs Projekt.
„Hast du Jill gesehen?“, frage ich ihn, um sicherzugehen, dass sie mich nicht bereits überholt hat.
„Nach La Thuile nicht mehr.“
Nachdem ich erleichtert – ganz aufs Kauen konzentriert – mein Brötchen so zügig wie möglich gegessen habe, verabschiede ich mich von Björn, gebe ihm die Jacken und mache ich mich wieder auf den Weg. Beinahe hätte ich meine dick wattierte und wenig funktionelle Überziehjacke angelassen. Erst als ich den Rucksack aufsetzen wollte, bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht hätte ich sie bis Valgrisenche anlassen sollen, überlege ich auf den ersten Metern. Zu spät. Egal. In der Winterjacke einen Trail laufen, das passt irgendwie nicht.
Die Strecke führt mal mäßig abfallend, überwiegend jedoch leicht ansteigend durch das Tal. Wie zu erwarten, mag das Brötchen in meinem Magen das Auf und Ab des Rennens nicht, so dass ich im zügigen Gehtempo bleibe. Alles gut. Du hast genug Zeit. Gönn deinen Beinen und deinem Bauch diese Erholung.
Um 2:31 Uhr nachts erreiche ich die erste Life Base in Valgrisenche und zugleich das zweite Zeitlimit. Viereinhalb Stunden auf Time-In und zwei weitere bis Time-Out. Diese zwei Stunden zwischen der Zeitmessung beim Ankommen und der beim Verlassen der Life Base sollen sicherstellen, dass man grundsätzlich Zeit hat zu schlafen, sich zu erholen, aufzuwärmen usw. Selbstredend kein Muss. Ich bin ziemlich sicher, dass Javier Domínguez, als er 2017 den bis 2021 gültigen Rekord aufstellte, nicht geschlafen hat. Er war jedoch auch nach 67 Stunden, 52 Minuten und 15 Sekunden im Ziel. Knapp drei Tage und drei volle Nächte ohne Schlaf. Eine krasse Leistung, und was den Schlafentzug betrifft, eine extreme Belastung. Ich weiß, wovon ich rede. Denn bei meinem ersten Rennen über 360 Kilometer, dem SwissPeaks 360, habe ich unfreiwillig getestet, wie sich das anfühlt. Ich hatte mich bei Kilometer 54, kurz nach der ersten Life Base verlaufen. Zusammen mit zwei anderen Läufern folgte ich den roten Raiffeisen-Flatterbändchen, die zusammen mit den roten SwissPeaks-Fähnchen im Boden seit Beginn unseren Weg markierten. Fähnchen fehlten über den Streckenverlauf immer wieder einmal. So mancher Förster ist kein Freund von Ultratrails, und manchmal nehmen auch Wanderer die netten kleinen Dinger mit. Oder vielleicht sind dem Markierer die Fähnchen ausgegangen. Ein Blick auf meine Sportuhr zeigte, dass wir auf der Strecke waren, und so machte ich mir keine weiteren Gedanken. Ausgeschrieben war die Saflischhöhe, und im Streckenprofil hatte ich gelesen, dass wir als Nächstes über den Saflischpass laufen. Ich war gut in der Zeit und gönnte mir zur Energieaufnahme eine kurze Pause. Als ich wieder startete, waren die zwei anderen Läufer schon gar nicht mehr zu sehen. Ich folgte weiterhin schnurstracks den roten Raiffeisen-Bändchen. Bis zum Gipfel. Doch am Gipfel, am Gipfel war nichts. Keine Flatterbändchen, kein Schild, keine Fähnchen: nichts. Also zurück zur letzten Markierung. Ich suchte nach einer Abzweigung, aber da war keine. Ich lief wieder auf den Gipfel und suchte nochmal nach einer Markierung. Diesen Zustand nennt man in der Psychologie bewusste Inkompetenz. Als ich meine Pause machte, befand ich mich noch einer unbewussten Inkompetenz. Der Zustand, in dem man nicht weiß, dass man etwas nicht weiß. Deutlich angenehmer, wenn auch keineswegs zielführender. Meiner Laufuhr nach befand ich mich immer noch auf der richtigen Route. Ein Trugschluss, der, wie sich hinterher herausstellte, der XXL-Strecke geschuldet war. Bei 360 Kilometern und über 25.000 Höhenmetern reduzierte die Fortrex von Garmin automatisch beziehungsweise notgedrungen die gespeicherten Wegpunkte, was eine sehr hohe Ungenauigkeit zur Folge hatte. In meiner bewussten Inkompetenz angekommen, wählte ich die Notrufnummer des Veranstalters und hörte die Stimme eines Anrufbeantworters. Nach rund zehn Minuten, in denen ich nochmal alle Möglichkeiten sondierte, läutete meine Uhr. Eine einfache und kostengünstige Smartwatch, die nur zum Telefonieren diente, denn ich wollte dieses Rennen so offline wie möglich, also ohne WhatsApp, Facebook und Co. bestreiten. Zur doppelten Absicherung hatte ich noch ein sehr kleines, uraltes Nokia-Handy dabei, für das ich mir extra eine Schweizer Sim-Karte besorgt hatte, was gar nicht so einfach gewesen war. Der Mann, der mich zurückrief, sprach Englisch und war sehr freundlich, doch leider kannte er die Strecke nicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich aufgeregt und genervt zurücklief, kurz umknickte, mich irgendwo verfranzte und auf einmal gar nicht mehr wusste, wo ich war, rief mich Julien, der Renndirektor und Organisator, an. Die Hiobsbotschaft: Mein GPS-Tracker funktioniere nicht, so wie der von derzeit geschätzten 50 Prozent der Teilnehmer. Der Tracker, den jeder Läufer von der SwissPeaks-Organisation für die 360 Kilometer gestellt bekam – für die Zeitmessung an den vorgeschriebenen Checkpoints und damit die Rennleitung orten kann, wo sich ein Läufer gerade befindet und ob er sich noch vom Fleck bewegt oder nicht. Na wunderbar, dachte ich. Die zweite Hiobsbotschaft: Ich sei den Markierungen eines Mountainbike-Rennens gefolgt, das hier parallel zum SwissPeaks ausgetragen wurde. Und die dritte? Gab es nicht, doch das reichte. Julien war in Action, wegen der nicht funktionierenden GPS-Tracker. Der SwissPeaks 360 fand als großes Ereignis 2018 das erste Mal statt, und in wenigen Tagen würde der kürzere Ultra über die 170-Kilometer-Strecke starten. Verständlich, dass es ihm wichtiger war, sein Rennen zu retten und neue Tracker zu organisieren, als sich um ein einzelnes, verlorenes Schaf zu kümmern, das offensichtlich nicht in Lebensgefahr schwebte. Vielleicht erschwerte zudem die Sprachbarriere eine erfolgreiche Kommunikation. Julien sprach etwas besser Deutsch als ich Französisch, dennoch schaffte ich es nicht, ihm begreiflich zu machen, dass der Weg, den er mir immer wieder, immer lauter und immer aufgebrachter beschrieb, hier nicht existierte. Der gute Wille war da, auf beiden Seiten, doch hier war einfach der Wurm drin. Insgesamt verlor ich fünf Stunden, bis mich Björn, den ich aus einem wichtigen Meeting holte, via Google Earth querfeldein wieder auf die richtige Strecke lotste – auf den Weg, der einige Kilometer unten entlangführte, bevor es auf den Saflischpass ging. Mein Mann war es auch, damals waren wir allerdings noch nicht verheiratet, der vor mir daran glaubte, dass ich es noch schaffen könne. Den ich zwei Tage und drei durchgelaufene Nächte später anrief, 200 Höhenmeter unterhalb der großen Staumauer, der Grand Dixence, der 200-Kilometer-Marke des Rennens. Ich hatte mir ein Ultimatum gesetzt. Sollte ich es in der vierten Nacht wieder nicht schaffen, zu schlafen, würde ich aufhören. Es war sowieso ein Wunder, wie ich es über die letzte Nacht geschafft hatte. Aber die Strecke war in diesem Teilabschnitt technisch relativ einfach, und die Begeisterung darüber, noch im Rennen zu sein, hielt mich ebenso wach wie die eiskalten nächtlichen Temperaturen. Immer wieder berührte ich die roten SwissPeaks-Fähnchen. Nicht aus Angst, mich nochmal verlaufen zu haben, sondern weil ich nicht mehr sicher war, ob ich das wirklich erlebte oder längst irgendwo abgestürzt lag und träumte. Der Weg nach der Grand Dixence führt über zwei Gipfel mit knapp 3000 Metern. La Grande Dessert, eine technische Strecke, die kilometerlang oberhalb von 2900 Meter Höhe und unter anderem über große Steinbrocken führt. Von der anderen Seite kommend sah ich die beeindruckende Staumauer bereits gegen 15 Uhr und mich schon auf einem der Schlafplätze liegen. Doch immer weiter führte der Trail weg von der Staumauer, um sich dann in einem verblockten und zugewachsenen schmalen Pfad abwärtszuschlängeln. Ich rannte, als wäre ich auf einem 20-Kilometer-Trainingslauf unterwegs, überrascht, was meine Beine leisteten. Die Straße entlang, ein Blick auf die Uhr, ein Passant.

Col Malatrà 2018

Südtirol Ultra Skyrace 2019

TOR-Läufer*innen im Anstieg zum Col d´Arp
© TORX® Giacomo Buzio

Im Startbereich mit Maria

Start Tor des Géants 2019

Den Col d´Arp im Blick

Schneefall am 8. September
© fotoravenna.com

Wintereinbruch

Wetterbericht vom Race Briefing

Abstieg vom Col Haut Pas und Anstieg zum Col Crosaties
© TORX® Stefano Jeantet

Dropbag-Depot in der Life Base

Kalenderspruch zum Start

Swiss Irontrail 2014
„Wie lange braucht man bis zur Staumauer?“, fragte ich im Laufschritt.
„Über die Straße? Eine Stunde.“
Ich schaute auf die Uhr. Es war 18:30 Uhr. Wenn ich bis um 19:30 Uhr an der Base Station oben an der Staumauer bin, dann habe ich eine Stunde. Genug Zeit, um zu essen, zu schlafen und die Ärztin um etwas für meinen Hals zu bitten. Ich hatte ein vermutlich kältebedingtes Giemen entwickelt, das jeden Atemzug erschwerte und mich klingen ließ wie eine Asthmatikerin. Ein Krampfgefühl im Hals- und Brustraum, zudem fiel mir dauernd das rechte Ohr zu. Tagsüber hatte ich es kaum bemerkt, gegen Abend wurde es wieder schlimmer. Erstaunt, welche Kräfte der Körper mobilisieren kann, wenn es darum geht, ein verloren geglaubtes Ziel doch noch zu erreichen, rannte ich die Straße entlang. Bis ein Pfeil für den SwissPeaks 360 eindeutig nach links zeigte. Ich konnte es nicht glauben. Ich wollte es nicht glauben. Der Weg führte über ein ausgetrocknetes Flussbett. Ein Meer aus Steinen, Ästen, alten Plastik- und Metallresten. Ich kletterte, so schnell ich konnte. Ich zwang mich, nicht vorzeitig aufzugeben, wohl wissend, dass meine Chancen, das Ziel zu erreichen, nicht gut standen. Um 19:30 Uhr war ich immer noch etwa 200 Höhenmeter unter der Krone der Staumauer. Ich wählte Björns Nummer, um ihm zu sagen, dass ich aufhöre. Wie ein paar andere, die hier aufgeben mussten, hatte ich keine Übernachtung gebucht. Und so war ich dankbar und froh, dass ich die Nacht nicht in einer kalten Turnhalle verbringen musste, weil Julien uns kostenfrei ein Mehr-Zimmer-Apartment zur Verfügung stellte. Björn war ziemlich erschrocken, als er mich am Morgen dort abholte. Geistig war ich schon wieder einigermaßen auf der Höhe, doch die Waage zeigte drei Tage später noch knapp 47 Kilo an. Den Körperfettanteil konnte ich im Hotel nicht messen, doch bei 1,65 Meter war dieser zumindest am Oberköper, jedenfalls für Björn, bedenklich gering. Kein Wunder. Ich hatte nicht nur keine Zeit zu schlafen gehabt, ich hatte vor lauter Hinterherhetzerei auch kaum etwas gegessen. Nach einer innigen Umarmung – hinterher erzählte er mir, er habe Angst gehabt, mich zu drücken, weil ich so zerbrechlich wirkte – packte er meine Sachen, und wir gingen zum Auto. Mein Blick fiel auf die Raiffeisen-Bändchen am Weg. „Das Apartment liegt an der Strecke“, meinte Björn.
An seinem Blick erkannte ich, dass er spürte, was das rote Plastikband in diesem Moment bei mir auslöste. Auch wenn Aufhören die einzig vernünftige Entscheidung war, ging mir immer wieder die Frage durch den Kopf: Hätte ich es nicht doch noch schaffen können?
Beim TOR sorgen die zwei Stunden zwischen Time-In und Time-Out an den Life Bases dafür, dass niemand gezwungen ist, keine Pause zu machen, um im Rennen zu bleiben. Dass ich keine Zeit mehr habe zu essen und zu schlafen, obwohl ich noch im Rennen bin, kann mir hier nicht passieren, denke ich. Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte.
Etappe 2
Katzenwäsche
In der ersten Life Base angekommen nimmt Björn die beiden gelb-schwarzen Sporttaschen mit der Wechselkleidung und dem Essen in Empfang. Normalerweise bekommt jeder Läufer nur einen Dropbag. So nennt man bei Ultratrail-Rennen den Beutel oder die Tasche für das Wechselgepäck. Bei maximaler Ausschöpfung der Kapazitäten hätte mir auch eine gereicht – 2019 waren die Taschen größer als 2018. Da ich neben Kleidung und Ersatzstöcken, für die ich in diesem Moment unendlich dankbar bin, eine Unmenge an Gels, Riegeln, Kartoffelbreipulver benötige, hatte ich das Angebot von zwei Taschen aber dankend angenommen.
Ich hatte mich im Vorfeld, wie vor jedem Ultratrail, erkundigt, welche Stationen gluten- und milchfreie Speisen anbieten und welche Suppen, Riegel, Gels und Co. es gibt, um die Produkte vorher zu testen. Da es beim TOR keine Gels oder Riegel und an jeder Station ein anderes Angebot gibt, ließ sich das nicht voraussagen. Als ich zurückmailte, ich würde dann alles selbst mitnehmen, bot man mir die zweite Tasche an. Sie war ein wenig kleiner, in Summe hatte ich aber nun jede Menge Platz. Den ich auch nutze. Ich wollte nicht von Björn abhängig sein. Dabei dachte ich weniger daran, dass ihm etwas passieren könnte – keine Ahnung, ob ich dann weiterlaufen würde –, sondern mehr an einen Motorschaden oder Ähnliches beim Camper oder dass er es aus anderen Gründen nicht rechtzeitig zu einer der Life Bases schaffen könnte. Da die Taschen, vor allem die mit dem Essen, auch ordentlich Gewicht haben, bin ich sehr dankbar, dass Björn es rechtzeitig nach Valgrisenche geschafft hat. Er lässt es sich nicht nehmen, beide Taschen zu tragen, was mir ein wenig peinlich ist.
„Du kennst hier niemanden. Ist doch egal, was die anderen denken“, meint er. Ich laufe erst neben und dann hinter ihm her. So ganz egal ist mir das nie. Aber ich versuche, mich locker zu machen, und schaue mich im Essenszelt um, ob ich Jill, Verena oder andere bekannte Gesichter entdecke, und tue so, als gehöre ich nicht zu dem vielen Gepäck.
„Wo bleibst du?“, ermahnt mich Björn, ihm zu folgen. Er hat wieder mal bereits einen Sitzplatz für uns.
Als Erstes ziehe ich meine Schuhe aus und schlüpfe in meine Flip-Flops. Da ich aufgrund der neu erworbenen Kleberallergie kein Tape verwenden kann, verfolge ich die Strategie, keine Blasen zu bekommen, indem ich die Füße möglichst oft vom nie gänzlich vermeidbaren Staub befreie und frische Socken anziehe. Und an den Versorgungsstationen wechsle ich, wenn nötig und möglich, auf unverschwitzte, trockene Schuhe. Der Kartoffelbrei, diesmal mit heißem Wasser und selbst gebeiztem Lachs, ist keine große Abwechslung. Doch weder Björn noch ich haben damit gerechnet, dass ich schon wieder einen derartigen Hunger habe. Deshalb hat er nichts vorbereitet. Drei Uhr morgens ist auch nicht gerade meine übliche Uhrzeit für ein deftiges Mahl, nicht mal beim einem Ultratrail, und schon gar nicht in der ersten Nacht. Doch wider alle Umstände verlangt mein Körper, etwas Richtiges zu essen, vor allem etwas Warmes. Denn auch wenn es hier im Zelt nicht nur gut voll, sondern auch ausreichend warm ist, fühle ich mich immer noch ganz schön ausgekühlt. Und ich weiß aus Erfahrung, dass es noch kälter werden wird, wenn ich die Life Base verlasse. Beim Gedanken daran überlege ich, ob ich entgegen meiner ursprünglichen Planung, die erste Nacht durchzulaufen, eine Stunde schlafen soll. Vielleicht sogar besser zwei. Zwischen drei und fünf Uhr ist es meistens am kältesten. Die Stunden von halb vier bis zum Sonnenaufgang sind für mich die härtesten. Als jemand, der nicht vor Mitternacht ins Bett geht und wenn es nötig ist, auch später noch eine Nachtschicht am Rechner einlegt, halte ich bis zwei Uhr morgens problem- und aufputschmittellos durch. Dass ich nach Möglichkeit nicht vor acht Uhr, gerne auch eine halbe Stunde später, aufstehe, macht sich dann dafür in den frühen Morgenstunden bemerkbar – vor allem wenn es noch dunkel ist.
„Jill muss kurz nach dir hier angekommen sein“, datet mich Björn up, der die Ankunft der Läuferinnen und Läufer über das Tracking verfolgt. Es wird alles online gestellt, nicht nur für die Organisation, sondern auch für die Öffentlichkeit. Zwischen den VPs, darüber hatte Björn sich bereits in La Thuile beklagt, funktioniert es jedoch nicht so gut. Er hat mich anhand des offiziellen Trackings deutlich früher erwartet.
„Wie sieht es bei der Massage aus?“, frage ich, wohl wissend, dass die Wartezeiten für einen Termin oft lange sind.
„Die ist gegenüber. Soll ich fragen, wie lange es dauert?“, meint Björn etwas geknickt, weil er sich nicht schon vorher erkundigt hat.
In solchen Momenten ist er manchmal auch leicht reizbar. Auf eine ganz andere Art als mein Ex. Björn ist kein Perfektionist. Er weiß allerdings, wie sehr ich mir wünsche, hier ins Ziel zu kommen. Er kennt diesen unerklärbar intensiven Wunsch, und er möchte der beste Trailer Assistant sein, der er sein kann. Doch er konnte nicht ahnen, dass ich hier schon zur Massage möchte. Ich habe es selbst eben erst entschieden. So bliebe mir noch etwas Zeit im Warmen, ohne mit der kranken Jill in einem Schlafraum zu liegen. Als ich Björn von dem Gespräch mit Jill erzählen möchte, ist er bereits aufgestanden, um die Wartezeiten für die Massage zu checken. Ich esse weiter und überlege, ob und was ich an Wechselkleidung tauschen möchte. Schuhe und Socken auf jeden Fall, BH und Unterziehshirt am besten auch. Eine frische Unterhose wäre vermutlich nötig, doch der Gedanke, mich aus der Kompressionshose zu schälen, relativiert die Dringlichkeit. Ich bin hier schließlich bei einem Ultratrail-Rennen. Björn kommt zurück und meint, ich könne in 20 Minuten zur Massage, sie haben mich eingetragen, ich müsse aber vorher duschen.
„Das muss neu sein. Das hat im letzten Jahr keiner von mir verlangt“, sagt er kopfschüttelnd.
Wie bereits erwähnt, lässt er ab der Hüfte abwärts alles, inklusive Socken und Schuhe, über ein Rennen hinweg an, solange es keinen triftigen Grund zum Wechseln gibt. Da ich nicht vorhabe, meine einzige Laufhose auszuziehen, entscheide ich mich im Waschraum für eine Katzenwäsche mit Feuchttüchern. Für eine Wadenmassage muss das reichen. Rechtzeitig im Massageraum angekommen, weist man mir nach kurzem Warten eine Liege zu, zu der offensichtlich zwei Masseure gehören. Ein Physiotherapeut und ein Helfer, der macht, was dieser ihm zeigt. Der Therapeut fragt mich auf Englisch, wie es läuft, ob mir was wehtut und was er für mich tun könne. Ich zeige auf meine wie fast immer verspannten Waden und freue mich, dass ich auf dem Rücken liegen bleiben kann. Jeder der beiden schnappt sich ein Bein, und gemeinsam bearbeiten sie meine Unterschenkel. Das ist besser als schlafen. Nach ca. 15 Minuten beenden die beiden ihr Tun, und ich räume die Liege für den nächsten Läufer. In Flip-Flops und T-Shirt verlasse ich das Gebäude und spüre auf dem kurzen Weg ins Zelt gegenüber, wie kalt es ist. Und das zwischen den beiden warmen Gebäuden. Mein innerer Schweinhund überredet mich noch, etwas Zeit im Zelt zu vertrödeln, die ich damit verbringe, zwei Sachen ein- und eine wieder auszupacken. Was will ich nochmal an Reservekleidung mitnehmen? Brauche ich die zweite Weste bis zur nächsten Life Base? Hab ich schon Gels eingepackt? Reichen mir zwei Riegel und vier Gels? Niemals, viel zu wenig. Vor allem Gels hatte ich bisher deutlich mehr gebraucht, als ich gedacht habe. Und Riegel muss ich wohl auch mehr gegessen haben, stelle ich verwundert und zugleich erleichtert fest. Kann mich gar nicht erinnern, wann ich die gegessen habe. Egal. Hauptsache, ich habe immer genug dabei.
Eisformationen und Relationen
Die Rückgabe der Taschen und die Zeitmessung für die Time-Out sind am anderen Ende des Geländes. Nicht weit ohne Gepäck, doch mit gefüllten Dropbags und mit 50 Kilometern sowie 4000 Höhenmetern in den Beinen nicht so ohne. Björn, der wieder beide Taschen trägt, hat ordentlich zu schleppen. Gut, dass ich das hier nicht allein bestreiten muss wie letztes Jahr beim SwissPeaks. „Manchmal musst du ein Stück des Weges allein gehen, nur um zu zeigen, dass du es kannst“ – so steht es auf einer weiteren meiner Spruchkarten. Björn hat nur begrenzt Urlaub und selbst viele Herzensprojekte. Ich dachte, das passt schon, ich schaff das allein. Früher habe ich diese Abenteuer auch immer allein gerockt. Markus hatte weder Zeit noch Interesse, um mich zu unterstützen oder zu begleiten. Und wenn, dann wäre er selbst mitgelaufen, auch wenn so „lange Dinger“, wie er die 100 Kilometer nannte, nicht sein Ding waren. Dass ich beim Zugspitz Extremberglauf über acht Minuten schneller war als er im Jahr zuvor, wurmte ihn, glaube ich, lange. Er, der seit seiner Kindheit Leistungssport machte, nie geraucht hat und immer auf irgendein Ziel hin trainierte. Und ich, die ich bis vor wenigen Jahren noch eine Schachtel am Tag rauchte, jedes Wochenende am Tanzen und Trinken und abseits der Arbeit recht ziellos unterwegs war. Dass jemand wie ich bei einem Rennen besser abschnitt als er, ging für ihn nicht zusammen. Eine Reaktion, die ich damals nicht verstand. Das Gefühl, nicht nur Zuschauer oder Begleitung sein zu wollen, kenne ich hingegen sehr gut. Es hat mich überhaupt erst zu meinem ersten Trailrennen, dem besagten Zugspitz Extremberglauf, gebracht. Auch Björn kennt dieses Gefühl. Einen Ultratrail als Begleitperson und rein als Zuschauer zu erleben, ist für ihn eine neue Erfahrung, auf die er bisher lieber verzichtet hat. Drei Monate, nachdem er mir zusagte, mein Support zu sein, falls ich einen Startplatz für den TOR bekommen sollte, gab es im Vorfeld einige Diskussionen, bei denen nicht sicher war, ob wir hier in dieser Konstellation als Team antreten würden. Die weltweite Markteinführungsveranstaltung des Porsche Taycan sollte zeitgleich mit dem TOR stattfinden. Ich verstand, dass das wichtig war, wusste aber auch, dass er den Urlaub bereits angemeldet und durchaus die Möglichkeit hatte, sich darauf zu berufen. Die Modelleinführung würde auch ohne ihn erfolgreich sein. Zugleich fiel es mir schwer, auf seine Zusage, mich beim TOR zu unterstützen, zu bestehen. Früher hatte ich auch niemanden, der vor Ort für mich da war, und habe es zumeist trotzdem geschafft. Umgekehrt fragte ich mich, was passieren würde, wenn Björn das Event für mich verpassen und ich es versemmeln würde. Was, wenn ich verletzungsbedingt nicht starten könnte? Das Highlight, auf dass alle in seiner Abteilung das Jahr über hingearbeitet hatten, würde dann trotzdem ohne ihn laufen. Was, wenn ich schon früh ausscheiden würde? Warum auch immer. Bei einem Ultratrail kann so vieles schieflaufen – auch schon vor einem Rennen, wie ich in meinem Onlinekurs MINDSET TRAIL, den Björn und ich zusammen aufgenommen haben, erzähle. Was ärgerte mich am meisten an dieser Diskussion? Ich wollte, dass Björn mich beim TOR unterstützte, ohne dass ich es klar einforderte. Doch das funktionierte nicht. Ich musste Stellung beziehen. Kein einfacher und ein großer Schritt für mich. Soweit ich mich erinnere, war es das erste Mal, dass ich jemanden gebeten habe, etwas, was ihm wirklich wichtig war, aufzugeben, um mir zu helfen.
Nachdem Björn die beiden Taschen abgegeben und mich wie immer mit einer Umarmung und einem flüchtigen Kuss verabschiedet hat, mache ich mich auf den Weg zum nächsten Pass, den Col Fenêtre. Einen richtigen Kuss gibt es erst im Ziel. Das haben wir vereinbart, weil wir das bei gemeinsamen Rennen auch immer so gehalten haben. Ob der ersehnte Finisher-Kuss nun intrinsisch oder extrinsisch, von innen oder von außen motiviert ist, lässt sich schwer sagen. Er ist ein Ritual, von dem ich aktuell noch knapp 300 Kilometer und gut 20.000 Höhenmeter entfernt bin.
Es ist viertel nach vier Uhr morgens und bitterkalt. Nasskalt. Auch wenn es nicht regnet – wenn, dann würde es vermutlich sowieso eher schneien. Die sieben Millionen Kubikmeter Wasser einige Höhenmeter weiter unten machen sich bemerkbar. Der Weg führt zur Rechten oberhalb des Beauregard-Staudamms entlang. Ich kann weder den vier Kilometer langen Stausee noch die knapp 500 Meter lange Staumauer in der Dunkelheit sehen, doch ich spüre die Kälte des Wassers. Der Staudamm erinnert mich an mein Ausscheiden an der Grande Dixence. Diesmal verläufst du dich nicht. Nur immer konzentriert bleiben. Der TOR ist viel besser markiert als der SwissPeaks, und außerdem hast du dir die Strecke dieses Mal gut angeschaut, erinnert mich die Zuversichtliche. Das habe ich. Immer wieder habe ich mir den 3D-Flug von 2016 angeschaut, um die Route meinem Unterbewusstsein einzuprägen. Wohl wissend, dass die Strecke dieses Jahr an einer Stelle anders verläuft. In knapp 200 Kilometern werden wir über den Fenêtre de Tzan (2758 m) und nicht, wie Björn letztes Jahr, über den Col Fenêtre (2162 m) laufen. Die vielen ähnlich benannten Pässe sind teilweise etwas verwirrend. 2016 und 2018 führte die TOR-Strecke somit über drei Col Fenêtre. Nur gut, dass sich diese drei Pässe über die Strecke verteilen, so dass man sich deshalb nicht verläuft. Und gut, dass die diversen anderen Pässe und Fenster, über die man zur anderen Seite des Berges gelangt, nicht alle Fenêtre heißen. Ein Laie könnte meinen, wir liefen immer wieder über den gleichen Pass. Zumal sich die beiden Col Fenêtre, über die wir laufen, nur um 13 Meter an Höhe unterscheiden.
Nach dem Stausee führt unser Weg über eine Brücke, dann ins Tal, über den Zufluss des Stausees und auf die gegenüberliegende Seite. Von dort geht es mal mehr, mal weniger steil bergauf zum nächsten Pass auf 2840 Meter Höhe. Ich folge meiner Erinnerung an die Streckenbeschreibung und den gelben TOR-Fähnchen mit ihren leuchtenden Reflektoren, damit man sie auch nachts gut sehen kann. Frühmorgens erreiche ich den vierten der 25 Pässe. Col Fenêtre, check. Beim Aufstieg bereits fasziniert und verzaubert von der Bergsilhouette im Sonnenaufgang, habe ich kurz meine Handschuhe ausgezogen, das Smartphone rausgeholt und ein Foto gemacht. Wäre es nicht so eisig gewesen, hätte ich eine Pause eingelegt. Der Blick zurück auf die schneebedeckten Gipfel im zartrosa Licht des Sonnenaufgangs war atemberaubend. Oben am Passmonument ist es trotz der inzwischen aufgestiegenen Sonne immer noch saukalt. Wie eisig es ist, zeigen die horizontalen Eisformationen. Vom Wind verwehter Schnee, der in der Verwehung festgefroren sein muss, vermute ich.
„Fucking cold here“, sage ich zu einem Mann, der nicht nur wärmer angezogen ist, sondern auch die bessere Fotoausrüstung hat. Eindeutig kein Läufer. „Not much traffic here the last hour. They all stay in the Rifugio till the sun comes out. But it was the best hour to get a good shot.“
Rifugio? Das große Steinhaus, an dem ich im Morgengrauen vorbeigelaufen bin. Ich weiß bis heute nicht, warum ich die VP Chalet de l´Epée nicht auf dem Schirm hatte und habe. Wenn ein Bett frei gewesen wäre, hätte ich dort sogar schlafen können. Es wäre die ideale Uhrzeit gewesen. Keine Ahnung, warum ich diese Gelegenheit verpennt habe. Ob ich zu fit war, um an eine Pause zu denken, oder zu müde, um die Verpflegungsstation als solche zu erkennen, ich weiß es nicht. Vielleicht hatte ich einfach nur den Sonnenaufgang am Col Fenêtre im Kopf. Nur ganz knapp habe ich ihn verpasst. Ich werfe einen Blick auf den sandigen Trail, der rechts am Berg entlangführt, verstaue meine Stöcke in der Hose und laufe ein Stück. Die Sonne macht mich wach, und mein Energielevel habe ich die Nacht über mit Gels und Riegeln hochgehalten. Leider erweist sich der Trail alsbald als sehr steil und führt kurz darauf über ein Feld aus grobem Geröll. Zu groß und stabil zum Abfahren und gefährlich genug zum Wegrutschen oder Umknicken. Geschafft, atme ich erleichtert auf, als der Untergrund wieder einfacher zu laufen ist. Die Sonne wärmt mich beim Downhill, bis kurz vor dem Tal. Ohne Sonne ist es für die Jahreszeit weiterhin verhältnismäßig kalt. Doch ganz anders als gestern präsentiert sich der Himmel strahlend blau. Das untere Stück ist sehr gut laufbar und endet am Dead End der Autostraße an einer Seilbahn. Diesmal ist die VP wieder drinnen, so dass ich entspannt etwas essen kann, ohne zu frieren. Normalerweise besteht mein Frühstück aus Müsli und Beeren. Als warme und gut verdauliche Alternative hatte ich Björn gezeigt, wie man Milchreis macht. Gewünscht hatte ich mir ein gegrilltes Hirschsteak mit Kürbis und Süßkartoffeln und entgegen meinem sonstigen Essensrhythmus ist es tatsächlich genau das, worauf ich jetzt Lust habe. In der VP von Rhêmes-Notre-Dame herrscht enormes Gewusel. Es gelingt uns, einen Platz ergattern, und Björn läuft zum Camper, um das Essen zu holen. Als er mir die zugedeckten Schälchen präsentiert, komme ich mir vor wie in einem Restaurant. Bis auf das Steak esse ich alles auf. Während ich noch ein paar Kekse hinterherschiebe, erkundige ich mich nach Eva, von der ich nicht weiß, ob sie noch im Rennen ist. Sie hatte starke Rückenschmerzen, als Verena und ich sie gestern beim Anstieg nach Deffeyes trafen. Verena habe ich auch lange nicht gesehen.
„Eva ist raus, wie es aussieht. Es gibt keine Time-In und keine Time-Out von ihr für Valgrisenche“, informiert mich Björn. „Theoretisch könnte es ein Fehler im Tracking sein, doch so schlecht, wie es ihr ging, vermute ich, sie hat aufgehört.“
Wie bitter, denke ich, so früh aufgeben zu müssen. Das lange Training, die Vorbereitung, von den 750 Euro Startgeld ganz zu schweigen. Aber manchmal hat es einfach keinen Wert weiterzulaufen. Eva ist Jahrgang 69 und eine erfahrene Ultratrail-Läuferin. Sie ist dreimal bei den 111 Kilometern vom Trail Verbier St-Bernard unter die ersten zehn Frauen gelaufen. Sie hätte hier nicht aufgehört, wenn es nur ein Wehwehchen gewesen wäre.
„Wie läuft es bei Denise?“
Bei den Profis kommt es ebenfalls vor, dass sie aufhören. Vielleicht sogar früher als bei uns Amateuren. Die meisten von ihnen sind nicht so verrückt, ein Rennen um jeden Preis zu beenden. Ihr Ziel ist eine Platzierung, ihr Körper ihr Kapital. Das aufs Spiel zu setzen, um weit hinter ihren Möglichkeiten anzukommen, lohnt sich nicht.
„Wie es aussieht, ist sie Dritte, hinter der spanischen Titelverteidigerin und einer Französin. Sie war um 0:35 Uhr hier.“
„Knapp neun Stunden schneller, und das bereits in der ersten Nacht. Wow.“ Ich hätte nicht schneller laufen können. Ich hätte da und dort Zeit zum An- und Ausziehen, zum Ein- und Umpacken und für die Massage sparen können, das alles ergäbe aber maximal zwei, drei Stunden. Ein wenig ärgere ich mich über meine jetzt gefühlt unnötig lange Pause in Valgrisenche. Ich nehme mir fest vor, meine Sachen an der nächsten Life Base schneller sortiert zu bekommen.
„Und Jill?“, frage ich noch kurz, während ich schon meine Sachen zusammenpacke.
„Auf Jill hast du einen ordentlichen Vorsprung. Du bist gut in der Zeit. Auch Anke hat Valgrisenche erst um 6:06 Uhr verlassen“, ermuntert mich Björn, für den Anke wie der Pacemaker derer ist, die zwar nicht so schnell sind, aber dennoch zuverlässig rechtzeitig ins Ziel kommen. Anke ist ein Urgestein der Ultralauf-Szene. Ihre Statistik der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung (DUV) geht zurück bis 1994 und zeigt eine beeindruckende Konstanz. Leistungen, vor denen ich großen Respekt habe. Zugleich ist mein Ziel hier ganz klar: schneller sein als sie. Zwei Stunden? Ich bin also nicht die Langsamste. Es kann nicht schaden, den Vorsprung etwas auszubauen, wenn ich in der nächsten Nacht schlafen will. Und du muss schlafen, erinnert mich die Vorausschauende. Das weiß ich, auch wenn ich aktuell alles andere als müde bin. Die Guaranatablette, die ich frühmorgens eingeworfen habe, um wach zu bleiben, wirkt noch. Mit Hilfe von Guarana könnte ich auch eine zweite Nacht durchlaufen. Jedoch nicht ohne das Risiko, im falschen Moment in einen Sekundenschlaf zu verfallen. Das muss nicht sein. Denn früher oder später muss ich schlafen. Ich werde allerfrühestens am Abend des fünften Tages das Ziel erreichen.
Draußen ist es inzwischen warm genug, um nur mit zwei Shirts weiterzulaufen. Mit fällt gerade noch ein, mich mit Sonnenschutz einzucremen, bevor ich den ersten der Dreitausender, den Col Entrelor, in Angriff nehme. Die Fußgelenksbandage habe ich bei einem erneuten Schuhwechsel ausgezogen. Björn hatte das andere Paar nicht wasserfeste Laufschuhe im Camper getrocknet und mit nach Rhême-Notre-Dame gebracht. Auch das ist eine große Hilfe. Zwar besitze ich Schuhtrockner, die aussehen wie zwei riesige Vibratoren, aber lange nicht den gleichen Effekt haben wie eine gute Heizung. Björn begleitet mich noch ein kleines Stück und macht Fotos. Wieder einmal unten im Ort. Die werden nicht viel hergeben. Trotzdem lächle ich bereitwillig in die Kamera. Ein Leichtes, meine Laune ist so gut wie das Wetter. Am Ortsende, bevor der Weg über eine Brücke auf den nächsten Berg hinaufführt, laufe ich allein weiter. Allein in Anführungszeichen, denn ich sehe sowohl vor mir als auch hinter mir andere Läufer. In Serpentinen schlängelt sich der Trail den Hang hinauf. Zuerst durch den Wald, bis ich wieder einmal oberhalb der Baumgrenze weiterlaufe. Das Tal von Rhêmes-Notre-Dame erscheint tief im Verhältnis zu den umliegenden Pässen, liegt jedoch auf über 1700 Meter. In der strahlenden Sonne, ungeschützt durch Bäume, profitiere ich von den nun angenehm kühlen Temperaturen. Bestes Laufwetter. Ich bin so gut drauf, dass ich dazu ansetze, ein Stück zu rennen, bis mich der nächste etwas steilere Anstieg daran erinnert, meine Kräfte zu schonen. Bergauf rennen bei diesem Wettkampf nur die ganz Schnellen. Der Großteil absolviert die Anstiege in mehr oder weniger schnellem Marschtempo. Nur die flacheren Abschnitte und bergab wird gelaufen – je nach Kondition und Können. Sofern ich kann, nutze ich jedes nicht so steile Stück Weg, um zu rennen. So mache ich das immer. Denn auch wenn es manchmal nur ein paar Hundert Meter sind, die ich laufe, bevor ich wieder ins Gehen wechsle, summiert sich das. „Kleinvieh macht auch Mist“, meinte meine Mutter immer, allerdings auf das Finanzielle, nicht auf den Ultratrail bezogen. Dass ich den TOR laufe, weiß sie gar nicht. Sowohl meine Mutter als auch meine Schwester, deren Ansichten sich oft nicht sonderlich unterscheiden, halten nichts von der vielen Lauferei. Dass ich für einen Ultratrail nicht mehr trainiere als ambitionierte Marathonläufer, meist sogar weniger, interessiert sie nicht. Die beiden interessieren sich aber sowieso nicht sonderlich für das, was ich tue, oder besser gesagt für das, was mir Spaß macht. Und ein Ultratrail passt im Gegensatz zu einem Marathon nicht zur gesellschaftlichen Norm. Gut, ein Marathon entspricht auch nicht gerade der Norm, aber viele erfolgreiche Geschäftsleute laufen Marathon, und so ist das für die beiden ein gesellschaftsfähiges Hobby. Im Gegensatz zu dem, was ich mache. Ihr Motto: Nur nie aus der Reihe tanzen, es könnte dir schaden. Vor allem beruflich, und das ist sowieso das Allerwichtigste. Mein Motto lautet, wie bereits erwähnt: Kämpfe nicht mit dem Weg. Nutze, was er dir gibt. Und während ich bei meinen ersten ultralangen Distanzen noch dachte, meine Mutter wäre stolz auf mich, befreite mich ihre Reaktion von dieser fremdgesteuerten Motivation – dem Wunsch nach Anerkennung von meiner Familie. Ich kündigte fortan nicht mehr groß an, was ich machen wollte. Ich erzählte einfach nicht mehr, was ich so tat und wie es mir abseits von „Es läuft“ oder „Alles okay“ und „Passt schon“ so ging. Weder meine Mutter noch meine Schwester haben weiter nachgefragt. Nicht, was das Laufen, und nicht, was mein Leben betraf. So einfach ist die Sache, zumindest nach außen hin. Um für mich damit klarzukommen, um loszulassen, was mir schon lange nicht guttat, und anzunehmen, was ich nicht ändern konnte, benötigte ich allerdings noch ein paar weitere Läufe und Lektionen.
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