Kitabı oku: «Der Graf»

Yazı tipi:

Ein historischer Roman aus Lippe

Anne Bentkamp

Der Graf

Bernhard von Blomberg

Lippes letzter Ritter

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Copyright 2012 by Lippe Verlag, Detmold

2. Auflage 2019, Ausgabe 2021

Dr. Hans Jacobs

Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold

Foto Umschlag: Pixabay

IBSN 978-3-89918-815-8

Finanziell gefördert durch:

Sparkasse Blomberg

Heimatverein Blomberg

Bürgermeister Heinrich-Fritzemeier-Stiftung

Kapitel I

Anno Domini 1447

Sie starrten auf mindestens hundert Stufen, die in die Dunkelheit hinunterführten. Es gab kein Geländer. Die Stufen waren uneben, das Gestein schwarz, immer feuchter und rutschiger, je weiter sie nach unten kamen. Noch tief unter der Erde konnte man hören, wie der Rammbock rhythmisch und dumpf gegen das Burgtor schlug. Der Graf hielt die Fackel, der Knappe hastete hinter ihm her. Schließlich erreichten sie den Anfang des Tunnels. Die alte Tür war aus Eichenholz mit rostigen Beschlägen. Sie knarrte laut, als beide sie mit vereinter Kraft aufschoben. Eine Schar von Fledermäusen wurde durch den Lärm aufgescheucht. Im Tunnel war es feucht und stickig und viel enger, als der Graf es aus seiner Kindheit in Erinnerung hatte.

Der Graf und der Knappe versuchten mit vereinten Kräften, die Tür zur Treppe hin wieder zu verschließen. Es gab einen verrosteten Riegel, der sich aber keinen Deut verschieben ließ. Der Graf drückte die Fackel dem Knappen in die Hand und schlug gegen das Eisen, schließlich fluchte er und trat mit dem Fuß, vergeblich, sie mussten die Tür offen lassen. Der Graf entriss die Fackel dem Knappen wieder und hastete voran, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie konnten nur hintereinander laufen. Der Knappe versuchte, den Anschluss nicht zu verlieren. Ratten huschten vor ihnen her und ab und zu hörten sie, dass etwas Gestein oder Erde herab bröckelte, wenn sie gerade vorbei waren. Falls der Tunnel irgendwo eingestürzt war, saßen sie in der Falle. Immer wieder mussten sie sich Spinnweben aus dem Gesicht wischen. Plötzlich stolperte der Graf über einen Stein, er verlor den Halt, der Knappe konnte sich nicht mehr abfangen und fiel über den Grafen, dabei verlosch die Fackel. Es war absolut finster. Der Knappe schrie nach der Mutter Gottes, dem Grafen zog es die Brust zusammen vor Angst, doch er fluchte laut und herrschte den Knappen an zu schweigen. Er rappelte sich hoch und tastete sich weiter voran. Der Knappe wimmerte, ihn nicht allein zu lassen. Der Graf suchte seine Hand und zog ihn hoch.

„Jetzt reiß dich zusammen, Walter!“

Der Junge, der doch nur zwei Jahre jünger war als der Graf, schniefte laut und biss sich fest auf die Unterlippe, um nicht weinen zu müssen. Er war froh, dass der Graf seine Hand nicht losließ. So stolperten sie gemeinsam durch die totale Dunkelheit, schließlich krabbelten sie auf allen Vieren. Als der Graf mit der Hand in die Zähne einer halb verwesten Ratte fasste, klangen seine Flüche schon etwas zittrig und seine Stimme wollte sich überschlagen. Der Knappe hielt sich am Hemd des Grafen fest.

Endlich glaubten sie, so etwas wie einen Lichtschimmer zu erkennen. Der Graf flüsterte: „Jetzt dürfen wir keinen Laut mehr von uns geben, wer weiß, ob der Ausgang des Tunnels nicht längst verraten ist.“

Der Knappe schwieg. Sie tasteten sich noch vorsichtiger voran und lauschten, ob sich etwas regte. Der Tunnel endete mit einem sehr engen Durchlass im Fels, vor dem Nachthimmel erkannten sie Büsche, ein Dornengestrüpp. Ganz langsam drehte der Graf Kopf und Oberkörper nach draußen, immer gewärtig, im nächsten Moment einen fürchterlichen Schlag übergezogen zu bekommen.

Aber sie waren allein.

Durch die Dornen war fast kein Durchkommen. Der Ärmel des Grafen riss auf, der Arm blutete. Neben dem Gebüsch ließ sich der Knappe ins Gras fallen. Über der Stadt war ein heller Schein von brennenden Häusern zu sehen. Das Geschrei und Gegröle der wilden Söldnermeute war weit über das Tal zu hören.

„Und die Burg … , werden sie auch die Burg anzünden?“, fragte der Knappe leise.

„Los, weiter, wir müssen zu Hilpert“, sagte der Graf, „das Vorwerk ist zu gefährlich, da sind sie womöglich schon.“

Er zog den Knappen unsanft am Arm hoch und sie bahnten sich einen Weg durch das Gesträuch am Bach entlang. Dann liefen sie am Waldrand weiter den Hügel hinauf, bis sie auf den Weg zu den Holstenhöfen kamen. Der Knappe sah sich immer wieder zur Stadt Blomberg um, die ihm in den letzten Jahren zur Heimat geworden war. Die Burg bildete einen riesigen schwarzen Schatten vor den lodernden Flammen der Fachwerkhäuser. In der Burg selbst schien es noch nicht zu brennen, aber er meinte, die Stimmen der fremden Soldaten auch vom Burghof bis hierher her zu hören. Der Knappe seufzte, der Graf war schon weit voraus, er hastete ihm nach.

Hinter einem kleinen Wäldchen lag schemenhaft ein Gehöft in den Feldern. Als sie sich näherten, schlug der Hund an. Der Graf stürmte voran und klopfte mit voller Wucht an die Tür: „Hilpert, mach auf! Ich bin’s, der Graf!“

Einen Moment später hörten sie schlurfende Schritte. Verschlafen öffnete der Bauer im langen Hemd die Tür.

„Mein Gott, Hilpert, wie könnt ihr denn schlafen? Eine riesige Söldnermeute ist in der Stadt! Lauter Gesindel, barbarische Fremde, deren Sprache man nicht einmal versteht! Es sind Tausende, sie haben das Hagentor einfach überrannt! In der Burg sind sie wahrscheinlich auch schon! Siehst du nicht den Feuerschein über der Stadt? Schnell, Hilpert, ihr müsst hier weg! Am besten oben in den Wald, zieht euch an und packt möglichst viele Vorräte ein! Nehmt das Vieh mit, soweit es geht, die Fremden werden es sonst nur abschlachten. Sie sind gnadenlos, rasend! Ich weiß nicht, wie lange ihr versteckt bleiben müsst. Dein Pferd gibst du mir! Ich reite nach Schaumburg und hole Hilfe von meinem zukünftigen Schwiegervater. Möllenbeck ist sowieso schon dort. Ich komme so schnell wie möglich mit einer Truppe aus Schaumburg zurück, dann werden wir diese Lumpen hier rasch wieder vertreiben, habt keine Angst!“

Der Bauer kam gar nicht zu Wort. Die Frau und die Kinder, Magd und Knecht, alle liefen jetzt aufgeregt durcheinander. Hilpert holte das Pferd aus dem Stall und sattelte es. Der Graf griff nach einem einfachen braunen Umhang, der an der Wand hing.

„Den leih ich mir aus, Hilpert, kriegst einen neuen von mir!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, warf er sich den Umhang über, schwang sich in den Sattel, und während das schwerfällige Ackerpferd lostrabte, rief er zurück:

„Und Hilpert, nimm den Walter mit, den kann ich nicht brauchen, ich komme besser allein durch!“

Während der Bauer und seine Familie noch Vorräte auf einen kleinen Karren luden und die Ziegen mit Stricken aneinander banden, hatte der Graf den Waldrand schon erreicht. Als der Weg in Richtung Norden schmaler wurde, musste er bald absteigen, da ihm die Zweige ins Gesicht schlugen und das wenige Mondlicht vom Blätterdach ganz verschluckt wurde. Er nahm das Pferd beim Zügel und führte es blind den Hügel hinauf. So in etwa kannte er sich aus, weil er schon oft hier in der Gegend mit Möllenbeck auf der Jagd gewesen war. Er umging den Wachturm am Dicken Berg weiträumig, da er auch dort befürchten musste, auf die Söldner zu treffen. Je tiefer er auf dem schmalen Pfad in den Wald eindrang, je mehr machten sich Angst und Ratlosigkeit in ihm breit. Vielleicht hätte er doch nicht ganz allein gehen sollen? Aber Walter war keine wirkliche Hilfe, er war einfach noch zu jung, er wäre ihm nur zur Last gefallen.

Woher waren diese Heerscharen nur so überraschend gekommen? Gnadenlose Barbaren, die alles niederschlugen, Frauen schändeten und Kinder aufspießten! Niemals zuvor hatte der Graf sich solche Grausamkeiten auch nur ausmalen können. Keine Vorwarnung, kein Fehdebrief, keine Boten! Sie waren einfach über die Weser gekommen, Tausende, niemand konnte sie aufhalten. Eine Strafe Gottes? Er glaubte nicht an solche Schicksalsschläge. Eher schon steckte der Erzbischof von Köln dahinter, Dietrich von Moers, sein Großonkel. Aber wie hätte der so schnell ein solch großes Söldnerheer anwerben können, das noch dazu gar nicht von Köln, sondern von Osten über die Weser gekommen war?

Er fand einfach keine befriedigende Erklärung.

Immerhin, er hatte ihn herausgefordert, seinen verhassten Vormund und Onkel, und es tat ihm nicht leid. Oder doch? Was sollte das alles noch nützen, wenn das ganze Lipperland kurz und klein geschlagen wurde? Er hatte gerade seine nackte Haut gerettet, aber wie konnte er seinen Leuten helfen? Er allein? Er wusste nicht, was der Graf von Schaumburg sagen würde und inwieweit Hilfe von ihm zu erwarten war. Zwar grenzten die beiden Grafschaften aneinander, die Hochzeit mit der Tochter des Schaumburgers, Anna, war seit Jahren geplant und sein Ziehvater, der Kanzler Möllenbeck, hielt sich gerade jetzt dort in Schaumburg zum Aufsetzen eines Hochzeitsvertrages auf, aber im Grunde kannte man sich gar nicht. Würde sein zukünftiger Schwiegervater billigen, dass Möllenbeck und er eine Allianz mit dem Feind des Erzbischofs, dem Herzog von Kleve eingegangen waren?

***

Da standen sie auf der Treppe des Rathauses in Lippstadt, der Heimat seiner Väter, und nahmen die Huldigung des Rates und der Bürger der Stadt entgegen, der ehrwürdige Herzog Johann von Kleve und der neu ernannte Graf zur Lippe, Bernhard der VII, nicht einmal 18 Jahre alt. Der Platz war voller Menschen, die ihnen zujubelten in der Hoffnung, dass diese segensreiche Allianz stark genug sein würde, sie auf Dauer vor den Machtgelüsten des fernen Erzbischofs von Köln zu beschützen. Zuerst hatte sich die reiche Stadt Soest vom Erzbischof losgesagt, mit ihren über zehntausend Einwohnern die größte Stadt in Westfalen. Die Soester Bürger wollten nicht länger den überhöhten Abgabeforderungen der Kölner nachkommen und hatten den Herzog von Kleve um Hilfe gebeten. In Lippstadt wurde nun ein neuer Bund geschlossen. Gemeinsam mit den Lippern wollte der Herzog die Stadt Soest vor der Rache des Dietrich von Moers beschützen und gleichzeitig mit Gottes Hilfe den ganzen Landstrich von dem marodierenden Kriegsvolk des Erzbischofs befreien.

Der junge Graf hätte am liebsten mitgejubelt und „Vivat!“ geschrien, denn sein Großonkel und bisheriger Vormund, Dietrich von Moers, seit 30 Jahren Erzbischof von Köln und Bischof von Paderborn, war der Mann, den er von Kind auf hasste und verabscheute und vor dessen Übergriffen er sein kleines Land beschützen wollte, koste es, was es wolle. Er war jung und musste noch lernen, das wusste er. Dankbar und stolz schaute er zu seinem Ziehvater, seinem Kanzler Johann Möllenbeck, der bescheiden ganz beiseite getreten war, damit das Volk ihm, dem neuen Landesherrn, und seinem starken Verbündeten zujubeln konnte. Dabei war es nur Möllenbeck gewesen, der durch geschicktes Taktieren und in zähen Verhandlungen erreicht hatte, dass es bisher nicht zu Übergriffen des kriegswütigen Erzbischofs auf das Lipperland gekommen war und dessen berüchtigte Kopfsteuer, die er auf Mensch und Tier erhob, das Land nicht ausbluten ließ. Er, Möllenbeck, hatte auch diese mächtige Allianz mit Kleve geschmiedet, mit der sich nun alles zum Guten wenden sollte.

Möllenbeck hatte nicht nur mit diplomatischem Geschick das Land durch schwere Zeiten geführt, während er, Bernhard, heranwuchs, sondern er war auch sein Lehrmeister in allen ritterlichen Tugenden und in der Kriegskunst gewesen – der Graf warf ihm einen lächelnd dankbaren Blick zu, während sie dort auf der Treppe standen.

Sein sogenannter Vormund und Großonkel hingegen hatte nur Intrigen gegen ihn gesponnen und hätte am liebsten das ganze Lipperland in den hungrigen Schoß der Mutter Kirche hineingezogen. Seine erste Begegnung mit diesem kalten, herrschsüchtigen Mann stand ihm immer noch lebhaft vor Augen.

Nachdem sein Onkel Otto, der nach dem frühen Tode der Eltern zunächst die Vormundschaft für ihn und seinen jüngeren Bruder Simon übernommen hatte, ebenfalls verstorben war, unternahm Möllenbeck mit den beiden Kindern die weite Reise zu ihrem einzigen noch verbliebenen Verwandten nach Köln, um sie dem Erzbischof, ihrem neuen Vormund, vorzustellen.

***

Als Siebenjähriger hatte Bernhard noch nie eine solche Pracht gesehen. Er bestaunte die riesige Marmortreppe, die Leuchter und Heiligenstatuen und die wunderschönen Glasfenster, die alles in ein buntes Licht tauchten.

Der Warteraum, in den sie gebeten wurden, war größer und viel prächtiger als der Rittersaal in der Burg Blomberg, hell getünchte Wände waren mit Malereien von Heiligen und golddurchwirkten Gobelins geschmückt, riesige Teppiche bedeckten den Boden und es gab Kronleuchter mit so vielen Kerzen, dass Bernhard sie nicht zählen konnte.

Am meisten beeindruckt war er von einer lebensgroßen Figur aus dunklem Holz, die einen der heiligen drei Könige als Mohren darstellte und in einer Schale Leckereien darbot. Leider erlaubte Möllenbeck ihnen nicht, davon zu probieren.

Dann wurden sie zum Erzbischof eingelassen. Dessen Gesicht war viereckig und sehr blass, die Augen schmal. Über seinem roten Bischofsornat trug er ein Kettenhemd und darüber prangte ein goldenes Kreuz mit Edelsteinen verziert. Hochmütig gelangweilt sah er den Ankömmlingen entgegen. Möllenbeck ging mit gesenktem Blick durch den Saal auf die Stufen vor dem Thron zu, die beiden Kinder Hand in Hand hinter ihm her.

Dietrich von Moers bot Möllenbeck als erstem die Hand, der sie tief verbeugt annahm und den Bischofsring küsste. Dann war die Reihe an Bernhard, der versuchte, Möllenbecks Geste so gut es ging nachzuahmen. Nur der kleine Simon hatte sich selbständig gemacht und wanderte neugierig im Saal umher.

Dietrichs Blick wurde hart und böse. Mit erneut nach unten gestreckter Hand herrschte er Möllenbeck mit leiser, aber messerscharfer Stimme an: „Das Kind!“

„Verzeihung, Euer Eminenz!“, Möllenbeck verbeugte sich erneut, fing schnell Simon ein und brachte ihn vor den Erzbischof.

„Verbeug dich vor Seiner Eminenz, Simon!“

Der Kleine verbeugte sich artig, machte aber keine Anstalten, den Ring an der noch immer ausgestreckten Hand zu küssen.

„Du musst den Ring Seiner Eminenz küssen“, flüsterte Möllenbeck. Simon schaute zu ihm hoch und schüttelte den Kopf.

Da zischte Dietrich mit ganz schmalen Augen: „Den Ring!“ Nun schaute Simon ihn unverständig an und schüttelte erneut den Kopf. Blitzschnell packte der Erzbischof das Kind mit seiner Linken am Nacken, zwang es zu einer weiteren Verbeugung und drückte ihm die rechte Hand mit dem scharfkantigen Edelstein so fest auf den Mund, dass hellrotes Blut von Simons Lippe tropfte. Sofort fing der Kleine an zu weinen.

Nicht etwa wütend, sondern völlig emotionslos mit monotoner Stimme sagte Dietrich: „Diesen Ring hat jeder zu küssen, der vor den Erzbischof tritt. Schafft mir das Kind weg, Möllenbeck, es macht zu viel Lärm.“

***

Als der Morgen graute, sah der Graf den Flecken Alverdissen vor sich liegen. Züngelnde Flammen schlugen aus den Strohdächern und dicke Rauchschwaden hingen über dem Tal. Der Graf schluckte. Es drängte ihn, einfach mit dem bloßen Messer auf die Barbaren loszustürmen, aber er zwang sich zur Ruhe. Er beschloss, seinen Weg erst in der Dunkelheit fortzusetzen. Er ließ das Pferd noch eine Weile am Waldrand grasen und zog es dann tief ins Unterholz. Bald fand er ein kleines Rinnsal, an dem er seinen Durst stillen konnte, und nachdem er dem Bächlein eine Weile gefolgt war, entdeckte er eine nicht einsehbare Stelle in einer Schlucht, die genug Platz für ihn und das Pferd bot. Er band das Pferd sorgfältig fest und fiel in einen tiefen Schlaf, kaum dass er sich niedergelegt hatte.

Im Traum traf er im Kampf in voller Rüstung auf einem edlen gepanzerten Pferd auf den Erzbischof. Er stieß ihn mit der Lanze aus dem Sattel und schlug dem einst so stolzen Mann, der da wehrlos vor ihm auf dem Boden lag, ohne Erbarmen mit seinem Schwert den Kopf ab.

***

Der Graf erwachte erst am späten Nachmittag. Er erfrischte sich an dem kleinen Bach. Einzelne Sonnenstrahlen drangen durch das Blätterdach und tanzten auf dem sprudelnden Wasser. So dunkel blühte der Flieder, dass die Blüten im schattigen Grün kaum sichtbar waren. Umso intensiver nahm er den Duft wahr, der ihn wie eine Wolke von unbestimmter Sehnsucht umhüllte. Er atmete tief und Sorgen und Wut und Krieg schienen so fern. Das Bild des Mädchens im blauen Kleid, da war es wieder, da tanzte sie vor ihm auf dem Pfad, ihre Locken tanzten mit. Er hörte ihr helles Lachen, ganz deutlich. Er würde sie wiedersehen, bald, trotz Fehden und Kämpfen und der bevorstehenden Hochzeit, er würde sie wiedersehen.

Als er wieder zum Waldrand kam, lag Alverdissen still vor ihm, die Häuser eingestürzt und rußgeschwärzt. Erst in der Dämmerung wagte er es, sich zu nähern. Auf einer Wiese zählte er fünfzehn tote Schafe. Es herrschte eine gespenstische Ruhe, nur hier und da ein Knacken in vereinzelten Glutnestern oder überhitzten Balken.

Er zog einen großen Schweineknochen aus einer heruntergebrannten Feuerstelle und schlug ihn an einem Stein auf. Gierig sog er an dem Mark, was den Hunger in ihm aber eher weckte als besänftigte.

Da bemerkte er die Frau. Sie hockte vor einem der verbrannten Häuser auf der Erde. Ihr Kleid war zerrissen und in den wirren Haaren klebte Blut. Sie hatte ein Bündel im Arm, das sie fest umklammert hielt. Als er näher kam, sah er, dass es ein Säugling war. Die Tücher, in die das Kind gewickelt war, waren von Staub und Ruß geschwärzt, der Kopf war unnatürlich zur Seite verdreht, die Augen weit aufgerissen und leer. Die Frau wiegte das Kind sanft und streichelte ihm über das bleiche Gesicht.

Der Graf band das Pferd an einen Baum und ging auf die Frau zu. Sie sah ihn nicht und zeigte auch keine Reaktion, als er sanft ihre Schulter berührte. In den Trümmern eines der umliegenden Häuser fand er eine noch brauchbare Schaufel. Am Rand der zerstörten Gartenmauer hob er ein kleines Grab aus. Dann kniete er sich vor die Frau hin und streckte stumm die Arme nach dem Kind aus. Die Zeit schien ihm sehr lang, bis sie ihn endlich ansah und ihm zögernd das Bündel übergab. Als er sich mit dem toten Kind erhob, folgte sie ihm. Er schloss dem Kind die Augen und legte es in die provisorische Vertiefung. Die Frau half ihm mit bloßen Händen, Erde über den Körper zu decken. Zum Schluss formten sie gemeinsam aus den herumliegenden Steinen der Gartenmauer ein kleines Kreuz. Das Gesicht der Frau war immer noch ausdruckslos, der Blick leer. Der Graf sprach ganz leise ein Gebet:

„Requiem aeternam dona eis, Domine.

Et lux perpetua luceat eis.

Requiescat in pace … Ruhe in Frieden.

Amen.“

Die letzten Worte sprachen ihre Lippen mit.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Der Mond war über dem Wald aufgegangen.

Schließlich sagte er: „Ich muss gehen.“

Die Frau sagte nichts. Das Pferd hatte sich selbständig gemacht und graste auf einer Wiese zwischen den Ruinen. Er fing es ein und schwang sich in den Sattel. Erst jetzt erkannte er im helleren Mondlicht, dass an der Dorflinde auf dem Platz drei Menschenleiber aufgeknüpft waren, zwei Männer und eine Frau. Ihn schauderte. Nun fand er gar keine Worte mehr für die einsame Frau. Er lenkte sein Pferd auf den Weg und grüßte nur kurz mit der Hand. Die Frau stand steif und erst, als er schon fast wieder im Wald auf der anderen Seite des Tals verschwunden war, erhob sich ihre Hand zu einem Winken.

Der Graf ritt ein Stück auf dem Weg, der nach Rinteln führte, aber er fühlte sich nicht sicher. Immer wieder sah er Gestalten in den Schatten, die das Mondlicht warf, und hörte Pferdegetrappel, doch sowie er sein Pferd anhielt, umgab ihn die Stille. Als der Wald etwas lichter wurde, entschloss er sich, den Weg lieber zu verlassen. Zu groß war die Gefahr, sich unvermittelt einer Schar der Söldner gegenüber zu sehen. Er saß ab und zog das Pferd durch das Unterholz. Auf dem Kamm der Hügelkette fand er einen Pfad, der recht gut ausgetreten war. Teilweise konnte er sogar aufsitzen und das Pferd ging willig im Mondschein. Er hielt sich parallel zum Extertal und hoffte, die Richtung nach Norden weiterhin einzuhalten. Mit etwas Glück musste er bald den Flecken Bösingfeld vor sich sehen.

Das Pferd trottete langsam und die Gedanken des Grafen wanderten wieder zu seinem Schwiegervater. Als mutigen Ritter hatte er diesen bisher nicht kennengelernt. Er war ihm zwei oder drei Mal bei einer großen Jagd begegnet. Da war er ihm behäbig und langweilig erschienen, ein beleibter alter Herr, der zwar ein Auge für die Schönheiten von Gottes Natur hatte, aber an der Jagd nicht wirklich interessiert war. Er ritt zur Jagd, ohne ein Jäger zu sein. Das konnte der Graf nicht verstehen. Seit er mit Möllenbeck zum ersten Mal ein Tier erlegt hatte, war diese Spannung in ihm, dieses Fieber, der Zwang, schneller, leiser und listiger zu sein als ein Tier, der Zwang, das Jagdglück immer wieder herauszufordern …

Im Moment allerdings war eher er der Gejagte …

War da nicht etwas? Zum wiederholten Male meinte er, ein Geräusch vernommen zu haben. Er saß ab und lauschte angestrengt. Vorsichtig ging er mit dem Pferd am Zügel weiter. Der laue Wind trug ihm aus der Ferne Rufe zu und einen Knall wie der Schuss aus einer Feuerwaffe. Da sah er sie unten im Tal: ein riesiges Lager der fremden Söldner mit Dutzenden von großen Feuern, an denen Schweine und Schafe an langen Spießen gegart wurden. Er schätzte sie auf mindestens zweihundert Mann, auch Frauen waren dabei, die laut kreischend lachten. Das Beste wäre ohne Zweifel, sich möglichst schnell davon zu machen. Aber der Graf blieb wie angewurzelt stehen. Was konnte er ausrichten? Allein gegen diese Meute? Er musste nach Schaumburg! Aber er rührte sich nicht vom Fleck. Er glaubte, am Bach auf einer umzäunten Weide viele Tiere zu erkennen, wahrscheinlich die Allmende von Bösingfeld. Einige Kühe liefen unruhig hin und her, waren wohl durch den Schuss aufgeschreckt, ihr angstvolles Muhen wurde vom Wind zu ihm heraufgetragen. Sicher eine halbe Stunde stand er dort oben und beobachtete das Lager. Die Stimmen wurden langsam leiser, die Feuer kleiner. Die Tiere auf dem Anger hatten sich längst wieder beruhigt. Der Graf fasste einen Entschluss und führte Hilperts Pferd am Zügel den Pfad hinab bis nach Bösingfeld. Auch hier schlug ihm wieder Brandgeruch entgegen, der das Dorf schützende Hag war an vielen Stellen angebrannt oder niedergewalzt, die Gärten zertrampelt, die Dächer zerstört. Der Graf seufzte, er irrte eine Zeitlang durch die Gassen des Dorfes, fand dann trotz der Dunkelheit den Weg am Bach entlang.

Magisch zog ihn das Lager der Fremden an. Er hätte am Morgen noch die Weser erreichen können und wäre bald auf dem anderen Ufer in Sicherheit gewesen. Er hätte Kanzler Möllenbeck und den Grafen von Schaumburg treffen und mit ihnen beraten können, was zu tun sei. Stattdessen trieb er sich auf einem breiten Talweg Richtung Süden herum, auf dem ihm in jedem Moment ein mehr oder weniger betrunkener, auf jeden Fall bewaffneter Söldner entgegentreten musste. Ohne zu wissen, was er ausrichten konnte gegen diese riesige Truppe, ging er ihnen Schritt für Schritt entgegen. Als er meinte, sich etwa auf halber Strecke zwischen dem Dorf und dem Lager zu befinden, band er das Pferd an einen Baum, sprach ihm gut zu und schlich allein weiter. Durch die Bäume sah er den Widerschein der erlöschenden Feuer. Da schlug er sich ins Unterholz und folgte dem Weg in einigem Abstand, dabei auf der Hut, möglichst kein Geräusch zu verursachen.

Er roch die Wachen, bevor er sie sah. Der enorme Bierdunst ließ darauf schließen, dass sie zumindest einiges von dem kühlen Nass einfach verschüttet hatten. Sie lehnten direkt an dem Gatter zum Anger und schnarchten leise, hinter ihnen ihre langen Spieße. Der Graf zog sein Messer und ohne weiter zu überlegen, stach er es dem Ersten direkt in die Herzgegend. Der Wächter öffnete mit erstauntem Blick die Augen, griff nach dem Knauf des Messers und wollte mit seinen Lippen noch eine Frage formen. Da aber sank er in sich zusammen. Der Graf spürte das pulsierende warme Blut an seiner Hand, als er das Messer wieder herauszog. Der zweite Wächter war erwacht, obwohl kein Laut zu hören gewesen war. Der Graf war bei ihm, bevor er schreien konnte. Es schien ein leichtes Spiel, der Mann war betrunken, sehr unsicher in seinen Bewegungen. Dennoch gelang es dem Grafen nicht, ihm mit einem einzigen Streich die Kehle durchzuschneiden. Der Wächter röchelte laut, sie rangen ein paar Sekunden, die dem Grafen wie eine Ewigkeit vorkamen, aber endlich gelang ihm doch der entscheidende Messerstich in den Hals. Auch der zweite Mann kippte zur Seite und rührte sich nicht mehr.

Der Graf setzte sich zwischen die beiden Toten und strich sich die Locken, die an der Stirn klebten, mit dem Ärmel aus dem Gesicht.

Als er wieder zu Atem gekommen war, öffnete er das Gatter weit. Wo waren die Pferde? Wenn er zumindest die Pferde entführen könnte, wäre das schon ein gelungener Schlag gegen die Söldner. Hatte er nicht von oben auch Pferde ausgemacht? Er musste sich beeilen! Der Mond kam hinter einer Wolke hervor und erhellte den Anger. Und dann wollte er seinen Augen nicht trauen. Am Bach stand eine Gruppe von mehr als einem Dutzend der edelsten Rösser beisammen, hoch gewachsen, mit schlanken Fesseln, eines Ritters würdig. Einer der Hengste schien gerade seine Witterung aufgenommen zu haben und schaute ihm aufmerksam entgegen. Der Graf näherte sich vorsichtig und sprach leise und beruhigend auf das Tier ein. Der Hengst ließ zu, dass er ihn am Hals und an der Flanke tätschelte. In diesem Augenblick bekam der Graf einen fürchterlichen Schlag über den Schädel und verlor die Besinnung.

Als er wieder zu sich kam, hing er hilflos in den Armen zweier Soldaten, die ihn über einen dunklen Weg schleppten. Trotz des dröhnenden Kopfschmerzes versuchte er, sich zu befreien, war aber viel zu benommen und im Nu hatten sie ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt und zwangen ihn, weiter zu laufen.

Sie schleppten ihn vor einen Hauptmann, der mit bloßem Oberkörper vor einem der Feuer saß. Ein massiger Mann, vielleicht fünfzig Jahre alt. Er war glatzköpfig, dafür wurde das Gesicht ganz von einem grauen Bart eingenommen. Der Bauch quoll über den Gürtel und die Füße steckten in hohen, ledernen Stulpenstiefeln.

„Herr Hauptmann, mit Verlaub“, erstattete der eine Söldner Bericht, während der andere dem Grafen sein Schwert vor den Hals hielt, „diesen Burschen hier haben wir bei der Allmende aufgegriffen. Wir sollten doch Henke und Dietz ablösen. Die beiden fanden wir erstochen am Gatter in ihrem Blute und dieser hier …“, sie schoben den Grafen näher ans Feuer, damit der Hauptmann ihn richtig sehen konnte, „… der wollte gerade die Pferde stehlen, hatte das Gatter schon weit geöffnet und machte sich an den Ritterpferden zu schaffen!“

„So, so, ein Bauernlümmel, der hier nachts herumschleicht?“

Der Hauptmann hatte einen eigentümlichen Dialekt mit scharfem, rollendem R, wie ihn der Graf noch nie zuvor vernommen hatte.

„Und wo ist das Messer, das ihr ihm habt abgenommen?“

Widerstrebend fingerte der zweite Söldner in seiner zerlumpten Kleidung und übergab das Messer des Grafen dem Hauptmann. Dieser prüfte mit dem Daumen die Schärfe und steckte es zufrieden in seinen Gürtel. Dann winkte er einem Dritten:

„Voicek, nimm ein paar Männer und such Gegend ab, möchte nicht noch mehr Überraschungen erleben. Und nun zu dir …“, der Hauptmann erhob sich mühsam und kam auf den Grafen zu.

„Möchtest gern Abenteuer erleben? Hättest du dich besser uns angeschlossen, ein mutiger Kerl, den können wir immer gebrauchen, hättest du einen guten Söldner abgegeben! Der Erzbischof hat reiche Beute versprochen! Schade drum, aber bei Pferdediebstahl kennen meine Männer keinen Spaß, haben wir doch die Tiere gerade erst selbst kon-fis-zierrrt!“

Die Männer am Feuer brachen in lautes Gelächter aus.

„Ein Seil!“, rief der Hauptmann, „Dort an dem einzelnen Baum am Wege, dort knüpft ihn auf, damit die Dorfbewohner morgen sehen, dass wir mit Viehdieben und Mördern kurzen Prozess machen!“

Immer mehr Söldner drängten sich neugierig heran, froh um die unerwartete Abwechslung am späten Abend. Die Frauen ließen ihre Töpfe an den Feuerstellen im Stich, auch sie wollten einen Blick auf den Eindringling werfen. Eine drängte sich durch die Menge vor bis zum Hauptmann, der gleich besitzergreifend den Arm um sie legte.

„Sieh nur, schöne Susanna, hübscher Bursche, leider kann ich ihn dir nicht schenken, die Männer wollen ihn hängen, musst mit mir Vorlieb nehmen!“

Die Söldner brüllten vor Lachen, als er ihr einen solchen Klaps auf den Hintern gab, dass sie drei Schritte auf den Grafen zu stolperte.

Der Graf lächelte sie über das Schwert vor seinem Hals hin an. Im Schein der Lagerfeuer leuchtete ihr dunkelrotes, langes Haar. Eine vollbusige Schönheit, nicht mehr ganz jung, aber wohlproportioniert. Ihre Röcke waren so zerrissen, dass man leicht einen Blick auf ihre schönen Beine werfen konnte, wenn sie sich bewegte.

In dem Moment öffnete sich eins der etwas abseits stehenden Zelte und ein junger Mann trat heraus, den man der Kleidung nach nicht ohne weiteres in einem Söldnerlager erwartet hätte.

Der grün-weiß gestreifte weite Mantel aus edlem Samt flatterte im Wind, als er schnellen Schrittes auf den Kreis der Gaffer zukam. Die Männer ließen ihn ohne zu murren durch und gerade, als man Bernhard unter den freistehenden Baum gezerrt hatte, rief der junge Edelmann:

„Haltet ein, ich glaube, ich kenne den Mann.“

Bernhard drehte sich um und erkannte Jürgen Spiegel zu Peckelsheim, einen Landadeligen jenseits der südlichen Grenze des Lipperlandes, Vasall des Grafen von Waldeck. Er war verwirrt. Offensichtlich war Spiegel kein Gefangener der Söldner. Was verschlug ihn hierher?

„Hauptmann Pirrwitz, gestattet ein Wort unter vier Augen, bevor Ihr ihn hängt!“

Der Hauptmann gebot den Männern mit einer Handbewegung Einhalt und ging zu Bernhards größter Verwunderung ohne zu zögern auf die Bitte von Spiegel ein. Sie tuschelten eine Weile abseits, wobei der Hauptmann ab und zu ungläubig fragende Blicke auf den Grafen warf. Anschließend trat der Hauptmann breitbeinig vor die Schar der Söldner und Marketenderinnen, die mittlerweile auf weit über hundert angewachsen war.

„Hängen wir ihn vorerst nicht, vielleicht lässt sich Lösegeld herausschlagen, viel Lösegeld, dann kann ich euch allen Sold auszahlen. Der Herr Spiegel behauptet, dieser junge Kerl hier wäre der Graf zur Lippe höchstpersönlich!“

Ein Raunen ging durch die Menge. Die meisten waren enttäuscht, hatten sie sich doch schon auf ein möglichst grausames Spektakel gefreut. Und Geld war ihnen so oft versprochen worden, dass sie gar nicht mehr daran glaubten, jemals einen Sold zu erhalten, außer dem, den sie sich selbst zusammenraubten.

Der Graf bekam vor Erleichterung weiche Knie. Die Gedanken jagten durch seinen Kopf:

Was zum Teufel machte Spiegel in einem Söldnerlager?

Wie und woher könnte er Lösegeld beschaffen, sollte es jemals dazu kommen?

Und vor allem, gab es jetzt, wo er nicht sofort aufgehängt werden sollte, eine Möglichkeit, sich zu befreien?

„Wo ist der Schmied?“, rief der Hauptmann über den Platz, „wir müssen den Herrn Grafen in Ketten legen, in der Hoffnung, dass es ein Herr Graf ist! Nein, halt, viel besser, Männer, holt den Schandkorb, den wir in Hameln mitgenommen haben! Ha“, wandte er sich an Spiegel, „eigentlich habe ich den Korb ja nur mitgenommen, damit die Männer nicht meinen, hier könnte mir einer auf der Nase herumtanzen! Aber jetzt können wir ihn sogar richtig gut gebrauchen und alle sehen gleich, wohin es führt, wenn sich einer mit mir anlegt!“

Spiegel nickte beifällig.

Mindestens zehn Männer stürmten los und schleppten von einem der im Rund stehenden Wagen einen länglichen Korb aus Eisenstreben herbei.

Durch eine enge Luke zwängten sie den Grafen hinein. Der Hauptmann verschloss die Luke persönlich, befestigte den Schlüssel umständlich an einer Kette und hängte sie sich um den Hals.

„Nun könnt ihr ihn doch noch aufhängen, Männer!“, lachte er.

Der Käfig war so gestaltet, dass ein Mann von der Größe des Grafen nicht ganz aufrecht stehen konnte. Unter den oben spitz zulaufenden Stäben musste er den Kopf leicht gebeugt halten. Er war aber auch so eng, dass man sich nur auf den Boden des Gelasses setzen konnte, wenn man die Beine zwischen den Eisenstäben nach draußen streckte. Oben an der Spitze befand sich ein eiserner Ring, an dem die Söldner rasch ein starkes Seil befestigten. Damit zogen sie den Käfig an dem dicken Ast in die Höhe, den man schon vorher zum Erhängen des Gefangenen ausersehen hatte.

Die Stimmung im Lager war jetzt wieder auf dem Höhepunkt. Die Männer grölten und lachten und sangen Lieder in ihrer merkwürdigen Sprache. Es wurde Bier ausgeschenkt und jeder Söldner versuchte, wenigstens einmal bis zum Schandkäfig vorzudringen, um diesen in Schwingungen zu versetzen, so dass das Seil schon bedenklich knarrte und der Graf in seiner misslichen Lage mehr als einmal mitsamt dem Eisenkäfig gegen den Stamm des Baumes geschleudert wurde. Die Wut kochte in ihm. Er spürte die zahlreichen blauen Flecken nicht, versuchte, die aufsteigende Übelkeit niederzukämpfen und begann in seiner Verzweiflung, mit beiden Händen die Gitterstäbe auseinanderzubiegen, konnte aber in der Enge kaum Kraft entwickeln. Und selbst wenn sich die Eisen bewegt hätten, wäre es ja doch ein sinnloses Unterfangen gewesen.

Der Herr Spiegel zu Peckelsheim hatte sich rasch abgewandt, als man den Grafen so unehrenhaft festsetzte, und war ohne ein weiteres Wort wieder in seinem Zelt verschwunden.

Der Morgen graute schon über den Hügeln, als die Männer endlich zur Ruhe kamen und sich einer nach dem anderen einen Schlafplatz auf den Wagen, bei den Feuerstellen und in den wenigen Zelten suchte. Zwei Männer wurden bestimmt, den Gefangenen zu bewachen, waren aber nach kürzester Zeit auch eingeschlafen.

Schon seit Stunden hatte der Graf den Drang verspürt, seine Notdurft zu verrichten. Endlich erleichterte er sich, peinlich darauf bedacht, die unter ihm schlafenden Wachen nicht zu benetzen, dann setzte er sich auf den Boden des Korbes, die Füße baumelten ins Leere. Er fand trotz aller Erschöpfung keinen Schlaf. Vor seinem geistigen Auge erschienen die beiden Wächter am Gatter der Allmende. Wie leicht es gewesen war, das erste Mal. Nicht anders, als einem verwundeten Tier bei der Jagd den Gnadenstoß zu geben. Möllenbeck hatte ihm nicht gesagt, dass es so einfach war. Er hatte ihn nur auf den glorreichen Kampf Mann gegen Mann vorbereitet. Aber jemanden im Schlaf umzubringen, das war kein Kampf edler Ritter. So ein Stich ins Herz eines Menschen verursachte einen ganz kleinen Stich im eigenen Herzen, ein kurzer Moment der Ungläubigkeit, schon vorbei. Er spürte kein Mitleid, keine Reue, nur immer größere Wut. Er hätte noch mehr von ihnen erledigen sollen. Er brauchte nur eine Truppe, viele Männer, und schon würde er diese Bande unerbittlich aus seinem Land vertreiben, ohne Gnade. So drehten sich seine Gedanken und der Groll wurde nicht weniger. Auch Durst und Hunger begannen ihn zu quälen, allerdings hätte er sich lieber die Zunge abgebissen, als diese Unholde nach Wasser zu fragen.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als das Lager wieder erwachte, nachdem aber ein Bote eingetroffen war, trieb der Hauptmann seine Leute drängend zur Eile an.

Der Schandkorb wurde heruntergelassen und auf einen der Wagen zusammen mit Kochgeschirr und Fässern verfrachtet. Dabei zerrten und rissen die Söldner so lange an der Kleidung des Grafen herum, bis sie seine Kette mit dem goldenen Kreuz, seine Ringe und seine ledernen Stiefel entwendet hatten. Um die Stiefel entspann sich ein Streit, gleich drei Männer erhoben Anspruch darauf, da ihre Füße nur notdürftig mit Wolllappen umwickelt waren.

Im Durcheinander des allgemeinen Aufbruchs bekam der Graf mit, dass man zur Burg Sternberg, der Heimat seines treuen Kanzlers Möllenbeck, ziehen wollte, die schon von anderen Söldnergruppen belagert wurde, wo man aber Verstärkung und vor allem Nahrungsnachschub dringend benötigte. Als endlich alle Vorräte, Kessel und Zelte verladen waren und alle Ochsen und Pferde angespannt waren, trat Hauptmann Pirrwitz an den Schandkäfig. Heute war er in einen wattierten, etwas abgeschabten Waffenrock gekleidet, der von einem breiten Ledergürtel gehalten wurde, in dem das Messer des Grafen steckte. Er kaute auf einem zerfaserten Weidenstöckchen herum, sodass sein merkwürdiger Dialekt noch schwerer zu verstehen war:

„Nun, Herr Graf, wie ist das Befinden? Ihr habt schon gehört, dass es auf die Burg Sternberg geht? Spiegel sagte mir, dort residiert Euer Kanzler, der von Möllenbeck? Wir werden ihm einen guten Handel vorschlagen: Die Burg und alles, was sich darinnen befindet, und zehntausend Goldgulden gegen das Leben des Landesherren. Ein guter Tausch, was meint Ihr, wird er darauf eingehen?“

Der Graf fühlte Hitze in sich aufsteigen. Möllenbeck weit weg in Schaumburg, sein Burgvogt ohne Weisungen … womöglich würde man allzu rasch den Forderungen der Barbaren nachgeben!

Er drehte sich weg, um seine Erregung nicht zu zeigen.

„Ho, ho, der Herr wünscht nicht mit mir zu reden?“

Die Stimme des Hauptmanns klang unversehens bedrohlich. In dem Moment aber war die schöne Susanna an ihn herangetreten. „Hauptmann, wir sind soweit, alles ist verpackt. Nur die Alte aus Hameln meint, wir hätten dem Gefangenen noch gar nichts zu trinken gegeben, er werde verdursten … Und er ist so ein schöner Mann, finde ich, das wäre doch schade …“

Bei diesen Worten fuhr sie dem Hauptmann mit der rechten Hand durch den Bart und mit der linken streichelte sie sein Gemächt. Hauptmann Pirrwitz fasste sie grob am Handgelenk:

„Du kommst mir gerade recht! Was hast du mit dem hier zu schaffen? Wenn du ihm zu nahe kommst, dann gnade dir Gott!“

„Aber Hauptmann, ich komme nur dir zu nahe!“

Dabei schob sie ihren ausladenden Busen vor seine Brust. „Allenfalls sein letztes Stündchen könnte ich ihm versüßen, wenn du ihn wirklich umkommen lassen willst?“

Ihre flammend roten Haare wirbelten herum und sie blinzelte dem Grafen zu.

„Hüte deine Zunge, Weib, sonst vergesse ich mich … so schnell verdurstet ein Mann nicht, aber gut, wir brauchen den feinen Herrn noch, also in Gottes Namen, sag der Alten, sie soll ihm Wasser bringen.“

Er gab ihr einen Klaps aufs Hinterteil, dass es laut klatschte und wandte sich seinen zum Abmarsch bereiten Männern zu. Die Marketenderin stellte sich breitbeinig vor den Grafen im Schandkäfig hin, die Hände in die Taille gestemmt:

„Und, Herr Graf, sagst du jetzt: danke, schöne Susanna?“

Der Graf lächelte spöttisch und zog die Augenbrauen hoch:

„Wer weiß, vielleicht, wenn du mich wirklich meinen Durst stillen lässt?“

Der Wagenzug hatte sich schon in Bewegung gesetzt, als Susanna mit einem Trinkschlauch und einem steinharten, aber zumindest nicht angeschimmelten Stück Brot zurückkam. Der Graf hatte es mittlerweile geschafft, sich wieder auf den Boden des Käfigs zu setzen und die Beine zwischen den Fässern auszustrecken. Als sie ihm Essen und Trinken reichte, ließ er beides in seinen Schoß fallen, fasste blitzschnell ihre Arme, zog sie zu sich heran und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Sie riss sich los:

„Wenn das der Hauptmann gesehen hat, schlägt er uns beide tot!“

„Ich wollte nur ‚Danke, schöne Susanna‘ sagen!“, lachte der Graf, „und komm bald wieder, schöne Susanna!“

Die Marketenderin ließ ihn ohne ein weiteres Wort zurück und eilte zum vordersten Wagen, neben dem der Hauptmann Pirrwitz auf seinem Pferd ritt.

Der Graf trank gierig ein paar Schlucke aus dem Schlauch und kaute an dem Brot. Vielleicht konnte die schöne Susanna ihn ja auch noch vor anderem als dem Hungertod bewahren! Zum ersten Mal seit dem gestrigen Abend keimte wieder eine vage Hoffnung in ihm auf, auch wenn zwei Fußsoldaten neben seinem Ochsenkarren auftauchten, die mit ihren schweren Hellebarden zu seiner persönlichen Bewachung abgestellt waren. Die Wagen rumpelten langsam über die matschigen Wege. Diese Kriegsmannen waren wahrlich ein bunter Haufen. Einige Ältere schienen gar mit ihren Ehefrauen unterwegs zu sein, beide gleich ärmlich gekleidet mit groben Kitteln, auf Bauernkarren gezogen von mageren Ochsen. Männer und Frauen bewaffnet mit krumm geschmiedeten Spießen, langstieligen Äxten und mit eisernen Stacheln bewehrten hölzernen Morgensternen. Andere hatten zumindest einen Waffenrock oder gar ein Kettenhemd, der Graf sah Schwerter, Pfeil und Bogen und auch Kanonen. Am Abend erreichten sie das gewundene Tal, das zur Burg Sternberg hinaufführte. Auf einer langgestreckten Lichtung trafen sie auf hunderte von Karren und Wagen. Der Graf schluckte. Hier sah er auch erstmals gut bewaffnete Soldaten unter den Söldnern mit festem Lederwams und Brustharnisch, Spieß und Schild, es gab Armbrustschützen und Berittene. Er konnte es einfach nicht fassen, er fragte sich wohl zum hundertsten Male, ob wirklich der Erzbischof dieses Heer befehligte, woher all diese vielen Kämpfer kamen und zu welchem Zweck man sie gerufen hatte.

Die Ankömmlinge wurden von den anderen Söldnern freudig begrüßt, teilweise schien man sich zu kennen. Gleich machten sich Männer daran, einige von den mitgebrachten Tieren zu schlachten, und bald zog köstlicher Bratendurft über die Wiese, so dass der Graf heftig mit seinem bohrenden Hungergefühl zu kämpfen hatte. Immerhin ließen sie ihn weitgehend in Ruhe, nur vom nahen Feuer der Hauptleute hörte er schallendes Gelächter und die laute Stimme des Hauptmannes Pirrwitz, der mit seinem Fang prahlte.

Nach einer weiteren unruhigen Nacht in seinem engen Gelass besuchte ihn Susanna wieder. Diesmal aber näherte sie sich dem Schandkäfig nur bis auf ein paar Schritte, gab das Brot bei einer der Wachen ab und ließ sich auf keine Unterhaltung ein.

Von seinem Karren aus konnte der Graf einen kleinen Teil der Mauer von Burg Sternberg einsehen. Im Laufe des Tages beobachtete er davor verstärkte Aktivitäten. Die Söldner hatten Bäume gefällt und sie mit Pferden vor die Mauer gezogen. Stundenlang hörte er die Äxte und die Rufe der Zimmerleute. Die Armbrustschützen hatten sich im Halbrund verteilt, um etwaige Angriffe von der Burgmauer abzuwehren. Aber dort blieb alles ruhig. Vermutlich dachte der Burgvogt wie der Graf: Wenn sie einen Belagerungsturm zimmerten, war es besser, ihn von den Feinden aufrichten zu lassen und ihn erst im letzten Moment mit Feuerpfeilen zu zerstören oder ihn mit langen Stangen einfach umzukippen. Wenn die Feinde den Turm nämlich schon bestiegen hatten, wurden so auch möglichst viele Männer mit in den Tod gerissen. Aber dann sah er, dass sie nur einen einzigen großen Pfeiler mit einem Querbalken hochzogen und verankerten. Mit Entsetzen wurde ihm klar, dass dort kein Belagerungsturm gezimmert worden war, sondern ein Galgen, so offen vor der Mauer positioniert, dass er nur einem Zwecke dienen konnte:

Man wollte den Schandkorb daran hochziehen, um den Verteidigern der Burg vor Augen zu halten, in welch schlimmer Lage sich ihr junger Landesherr befand, und sie so zur Aufgabe zu zwingen.

Man wollte ihn vor aller Augen der Lächerlichkeit preisgeben, ihn erniedrigen, ihn für immer der Schande ausliefern! Wie sollte er je wieder vor seine Vasallen treten, sich je wieder Achtung erwerben, je wieder Achtung vor sich selbst haben? Lieber wollte er sterben, aber auch das war in diesem verfluchten Käfig unmöglich!

So etwas konnte der Spiegel als ein Ritter von Ehre doch in keinem Fall zulassen! Aber Jürgen Spiegel zu Peckelsheim mied den Grafen, seit sie in Bösingfeld aufgebrochen waren. Kaum dass er ihn einmal von ferne in der Menge der Söldner ausgemacht hatte, gesprochen hatte er überhaupt noch nicht mit ihm. Er würde Susanna nach ihm schicken müssen. Besser noch, Susanna würde den Schlüssel zum Schandkorb stehlen müssen. Aber die schöne Susanna hatte sich seit dem Morgen auch nicht mehr blicken lassen. Verzweiflung machte sich breit. Ohne Erfolg hatte er wieder und wieder versucht, die eisernen Stäbe des Käfigs zu verbiegen. Des Öfteren hatten ihn seine beiden Bewacher sogar ganz allein auf dem Karren zwischen den Fässern zurückgelassen, weil anderswo helfende Hände gebraucht wurden oder sie einfach auf der Suche nach Gesellschaft mit ihresgleichen waren. Aber so sehr er sich auch mühte, er fand keine Möglichkeit, sich zu befreien.

Die Dämmerung war schon längst hereingebrochen, als sich endlich Susanna mit einem Trinkschlauch und einem kleinen Kanten Brot näherte. Der Graf setzte sein schönstes Lächeln auf:

„Endlich erfüllt sich meine Sehnsucht! Wie kannst du mich so lange allein lassen, schöne Susanna?“

Die Schöne legte ihren Kopf schief und lächelte:

„Du hast auf mich gewartet?“

„Den ganzen Tag tue ich nichts anderes, ich verzehre mich nach dir!“

„Nach mir, oder nach dem Essen, das ich dir bringe?“

Jetzt lachte der Graf, beteuerte aber:

„Hungern will ich tagelang für einen einzigen Kuss von dir!“

Plötzlich zeigte sich Angst auf Susannas Gesicht. Rasch legte sie Brot und Wasser vor ihm ab und flüsterte:

„Ich komme wieder!“

Sie raffte ihre zerrissenen Röcke und lief schnell davon. Als der Graf sich umdrehte, sah er Hauptmann Pirrwitz gar nicht weit entfernt, wie er mit den Wachen schimpfte, die sich über ein gebratenes Huhn hergemacht hatten. Der Hauptmann scheuchte sie zurück auf ihren Platz neben dem Karren des Grafen.

Wieder hatte Der Graf mit Susanna nicht über den Schlüssel reden können! Hoffentlich kam sie noch in der Nacht zurück! Er grübelte und grübelte, aber kein anderer Ausweg wollte ihm einfallen, als auf Susannas Hilfe zu hoffen.

***

Die sanfte Berührung einer Hand holte ihn aus einem unruhigen Schlummer.

„Schhhh, leise!“ Aber es war nicht Susanna, die sich da über den Karren beugte. Die zahnlose Alte, die er gelegentlich bei der Feuerstelle des Hauptmanns gesehen hatte, zog einen Schlüssel aus ihrem Kleid und schloss die Luke auf. Das Eisen knirschte laut in den Scharnieren, als sie die Tür öffnete. Der Graf sah sich erschrocken um, doch der Platz lag wie ausgestorben, die Feuer waren heruntergebrannt, es war so finster, dass er die schnarchenden Wachen neben dem Karren kaum ausmachen konnte.

Die Frau zerrte ihn heraus:

„Schnell, Herr, dort ins Gebüsch!“

Sie schob ihn über die Lichtung. Der Graf versuchte, seine steif gewordenen Beine zu lockern.

„Wie kann ich dir danken, Frau? Wie ist dein Name?“

Aber die Alte meinte nur:

„Es sind so unglaublich viele! Ich habe gesehen, wie sie die Weserfurt durchquert haben! Ein endloser Zug. Ihr müsst ihnen entgegentreten! Lasst nicht zu, dass sie noch mehr Tod und Verderben verbreiten!“

Der Graf atmete tief ein und aus.

„Aber was wird aus dir? Komm mit mir, damit dir nichts geschieht!“

Die alte Frau schüttelte den Kopf.

„Sorgt Euch nicht. Mir wird nichts geschehen. Der Hauptmann ist vom Wein und von Susanna benebelt, er schläft wie ein Stein. Ich werde ihm den Schlüssel wieder um den Hals legen. Ich werde den Schandkorb mit etwas Ruß beschmieren und morgen verbreiten, der Teufel habe Euch geholt. Die Fremden sind sehr leichtgläubig … Und nun müsst Ihr fort!“

Damit drehte sie sich um und ließ ihn einfach stehen. Der Graf schüttelte den Kopf, wollte noch etwas erwidern, aber da hatte die Dunkelheit die Alte schon verschluckt.

„Gott segne dich!“, flüsterte er ihr nach, doch das hörte sie nicht mehr.

Kapitel II

Anna von Schaumburg wuchs als einzige Tochter des Grafen Otto von Schaumburg und Holstein gemeinsam mit drei Brüdern auf. Sie war ein wildes Kind, stand in Mut und Schnelligkeit ihren Brüdern nicht nach und verbrachte ganze Tage im Wald, auch um der allzu oft traurigen Stimmung ihrer Mutter zu entgehen. Diese stammte aus dem Holsteinischen, litt unendlich unter Heimweh nach dem Meer und dem hohen Himmel des Nordens und verbrachte ganze Tage im Bett, weinend oder die Decke anstarrend, nicht in der Lage mit jemandem zu sprechen. Graf Otto hatte sich im Laufe der Zeit mit den seelischen Verstimmungen seiner Frau arrangiert und versuchte, in klugen Geschäften und vorteilhaften Fehden seinen Besitz zu mehren.

Von der Mutter hatte Anna die strengen, fast männlichen Gesichtszüge geerbt, die ihr schon als Kind das Aussehen einer Erwachsenen gaben, die das Leben kennt. Vom Gemüt her aber war sie ganz anders als ihre Mutter und fühlte sich eingesperrt, als sie älter wurde und sich das wilde Leben gemeinsam mit ihren Brüdern für sie nicht mehr schickte.

Die Burg Schaumburg erhob sich wie ein Adlerhorst auf einem Vorsprung des Wiehengebirges hoch über dem Tal der Weser mit einem Blick weit über den Fluss nach Süden über die lippischen Hügel. Wann immer es Anna gelang, der düsteren Mutter zu entkommen, kletterte sie auf den Burgfried und träumte, wie ein Vogel nach Süden zu fliegen, dorthin, wo die Sonne wärmer schien.

Immerhin erlaubte der Vater nach langen Bitten, dass sie am Unterricht der Brüder teilnehmen durfte, wenn sie versprach, nicht zu stören und den Mönch, der vom Kloster Möllenbeck für den Unterricht abgestellt worden war, nicht mit weiblichen Reizen oder Albernheiten abzulenken. Anna war selig und gab sich alle Mühe, den Vater nicht zu enttäuschen. Schon als Kind hatte sie das Schreiben und Lesen von ihren Brüdern erlernt, und nun saß sie ganz still hinter den jungen Männern in einer Ecke und versuchte, sich über alles Notizen zu machen, was der Mönch sie lehrte, um den Stoff anschließend in ihrer Kemenate eifrig zu repetieren. So lernte Anna die Grundzüge der lateinischen und ein paar Worte der griechischen Sprache, lernte etwas über die Bibelauslegung der großen Kirchenphilosophen wie Thomas von Aquin oder Franziskus von Assisi. Auch über die Jurisprudenz wusste Frater Clemens einiges zu berichten, da er einst an der ehrwürdigen Universität von Heidelberg studiert hatte. Am meisten Wert aber legte er auf die lateinischen Bibeltexte, von denen er für richtig hielt, dass man möglichst viel auswendig hersagen konnte. Denn nur Gottes Wort sei die wahre Bildung des Menschen. Annas Brüder waren davon weniger überzeugt, so dass Frater Clemens oft ungehalten war und die Buben züchtigte. Anna saß dann in ihrer Ecke und flüsterte die Verse leise vor sich hin, wurde aber nie gefragt.

An Annas vierzehntem Geburtstag teilte der Vater ihr mit, dass man sie mit Bernhard, dem künftigen Grafen zur Lippe verheiraten werde. Der sei zwar zwei Jahre jünger als sie, aber die einzige in Frage kommende Partie. Es mangele an standesgemäßen jungen Adligen in der Gegend. Er habe die Verlobung schon mit dem lippischen Kanzler Möllenbeck vereinbart, der im übrigen aus dem Schaumburgischen stamme und sich schon seit Jahren vorbildlich um die Belange des Lipperlandes und die Erziehung des jungen elternlosen Grafen kümmere. Außerdem befreie ihn diese Verlobung von den ewigen Anfragen des alten verwitweten Grafen von Hoya, für den ihm seine Tochter nun wirklich zu schade sei.

Anna hörte sich die lange Rede ihres Vaters an und sagte nichts. Zum einen ängstigte sie die Ehe und alles was darum herum gemunkelt wurde, auch konnte sie sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben als eben auf der Schaumburg. Aber andererseits erinnerte sie sich an ihre Kindheitsträume, nach Süden zu ziehen und immer weiter.

Immerhin, das Lipperland lag im Süden, auch wenn es gleich hinter der Weser begann.

Zwei Wochen nach dieser Neuigkeit verschwand Annas Mutter.

Niemand hatte etwas bemerkt. Sie hatte sich am Abend wie gewohnt früh zurückgezogen und sich noch einen Becher Milch in ihr Schlafgemach bringen lassen. Als sie am nächsten Tag nicht zum Morgenmahl erschien, ließ Graf Otto nach ihr schicken, aber die Magd fand die Kammer leer und das Bett unbenutzt. Man rief nach der Gräfin Elisabeth, suchte jeden Winkel der Burg ab, bis hinauf zum hohen Burgfried. Man befürchtete, sie sei irgendwo gestürzt und liege nun hilflos oder gar ohnmächtig. Ihre sonst so düstere Stimmung hatte sich in letzter Zeit etwas gelegt, fast als sei sie erleichtert, dass ihre Tochter mit der Verlobung nun endlich gut versorgt war. Daher erschien ihr Verschwinden umso rätselhafter. Eine Entführung wurde erwogen, war jedoch besonders unwahrscheinlich, da sich Graf Otto in letzter Zeit von Fehden eher ferngehalten hatte. Als man in der Burg absolut keine Spur von ihr finden konnte, befahl Graf Otto, in Gruppen in den Wald, ins Dorf und bis an die Weser auszuschwärmen, obwohl es eigentlich fast unmöglich war, die Burg am Abend oder in der Nacht unbemerkt von Hunden oder Wachen zu verlassen. Es fand sich kein Anhaltspunkt, auch die Dorfbewohner hatten die Gräfin Elisabeth in letzter Zeit nicht gesehen.

Anna spürte neben aller Sorge auch so etwas wie Unbeschwertheit. Die Burg, der Himmel, der Wald, alles erschien seit dem Verschwinden der Mutter etwas heller. Sie erschrak über diesen Gedanken und betete in der Kapelle um Vergebung zur Mutter Gottes.

Vier Tage später wurde die aufgedunsene Leiche der Gräfin von Schaumburg und Holstein von einem Fischer flussabwärts bei Veltheim im Uferschilf der Weser gefunden, die Finger mehrfach umschlungen von einer Kette, an der ein goldenes Kreuz hing.

Anna betete jeden Tag in der Kapelle für das Seelenheil ihrer Mutter. Ansonsten aber fand sie sich mit ihren knapp fünfzehn Jahren rasch in die Rolle der Hausfrau eines großen Anwesens. Sie beaufsichtigte die Mägde, verwaltete Vorratskammer und Keller und regte ihren Vater zu manchen Neuerungen an. Er ließ sie gewähren, denn er konnte seiner einzigen Tochter, die doch ach so früh erwachsen werden musste, keinen Wunsch abschlagen. So wurde die baufällige Kapelle auf der Burg renoviert, die Wände weiß gekalkt, neue Butzenscheiben eingesetzt und ein wunderschönes Bildnis der heiligen Elisabeth, der Namenspatronin von Annas Mutter, aufgestellt.

Das zweite Vorhaben, das Anna in Angriff nahm, war ein kleiner Garten direkt unterhalb der Küche. Die Schaumburg war auf einem steilen Felsen erbaut, der obere Burghof dadurch sehr beengt, so dass der Gemüsegarten und Ställe und ein Teil der Gesindehäuser in einem zweiten, unteren Burghof untergebracht waren. Beide Höfe waren mit einem steilen ummauerten Torweg verbunden, über den alle Güter, eben auch jede Zwiebel, jeder Apfel und jedes Küchenkraut nach oben transportiert werden mussten. Im Fels aber, zum Tal der Weser hin, befand sich unterhalb der großen Küche eine natürliche Terrasse, und nachdem man die dicken Mauern für eine kleine Tür durchbrochen und eine Stiege hinab geschaffen hatte, wurde es möglich, dieses kleine Fleckchen durchaus fruchtbaren Bodens von der Küche aus zu begehen. Anna ließ Bohnen anpflanzen und Pastinaken und Möhren. Es war Platz für ein Kräuterbeet mit Minze, Dill, Kerbel und vieles mehr und in der äußersten Ecke pflanzte Anna persönlich einen Apfelbaum. Bald verbrachte sie jede freie Minute in diesem kleinen Paradies. Von den alten Frauen im Dorf ließ sie sich die Pflanzenzucht, die Verwendung der Kräuter und die Gefahren durch Schädlinge wie Schnecken und Mäuse genau erklären. So grünte und blühte es in dem Felsengärtchen und die Düfte der zum Trocknen aufgehängten Kräuter durchzogen die Küche.

***

Eines Morgens hörte Anna plötzlich aufgeregtes Schimpfen und Rufen vom Burghof her. Die Zofe wollte ihr gerade die Zöpfe aufstecken, aber Anna drehte sich um: „Hörst du das? Was ist das denn in der Frühe für ein Lärm, lass uns schauen!“ Die beiden Mädchen liefen zum Fenster, öffneten es und Anna lehnte sich hinaus. Im Hof waren zwei Wächter damit beschäftigt, einen völlig verdreckten jungen Mann mit zerrissenen Kleidern zu bändigen. Die nackten Füße waren mit Lehm bedeckt, die Kleidung so feucht, als sei er soeben der Weser entstiegen. Der junge Mann beschimpfte die Wachen lauthals. Er war groß, breitschultrig und kraftvoll und doch sehr schlank und in seinen Bewegungen so schnell und geschickt, dass die beiden Wächter Mühe hatten, ihn festzuhalten. Seine schwarzen Haare flogen umher und die böse funkelnden dunklen Augen konnte Anna selbst von oben erkennen. Das Gesicht war bedeckt mit schwarzen Bartstoppeln. In dem Moment betrat ihr Vater den Hof. Er war schon ganz angekleidet und sah in seinem grüngoldenen Wams wie immer sehr stattlich und würdevoll aus.

Bei seinem Anblick wurde der junge Mann etwas ruhiger und verbeugte sich, soweit der Griff der Wachen dies zuließ: „Graf Bernhard zur Lippe, Euer Gnaden, verzeiht mein wenig standesgemäßes Aussehen. Ich bin gerade mit Mühe einigen unpässlichen Situationen entronnen.“

Die Wachen brachen jetzt in lautes Lachen aus.

„Euer Gnaden, das hat der Bauernlümmel vor dem Tor auch schon erzählt und herumkrakeelt, er sei der Schwiegersohn und er müsse sofort vorgelassen werden, was sollen wir mit ihm machen?“

Anna war blass geworden, ihr Herz schlug rasend, das konnte doch nicht sein, dass sie mit diesem schwarzen Ungeheuer verheiratet werden sollte!

Während ihr Vater noch ungehalten auf die lachenden Wachen sah, stürzte der lippische Kanzler Möllenbeck, der die Heiratsverhandlungen mit ihrem Vater geführt hatte, aus dem Haus.

Johann von Möllenbeck, aus dem reichen Geschlecht derer von Möllenbeck, die einst auch das gleichnamige Kloster gestiftet hatten, war früh ergraut und hatte einen etwas gewölbten Rücken, ein offenes Gesicht und seine wachen, freundlichen Augen täuschten darüber hinweg, dass er ein harter und sehr eloquenter Verhandlungspartner war. Sein ganzes Leben hatte er dem Wohlergehen des lippischen Staatswesens gewidmet. Den Söhnen des früh verstorbenen Grafen Albert zur Lippe war er ein umsichtiger und liebevoller Ziehvater gewesen. Über die Grenzen des Landes hinaus wurden seine politische Klugheit, seine Weitsicht und Loyalität gerühmt. In der Regel achtete er sehr auf seine Kleidung, die schlicht, aber von edlem Stoff war.

Heute jedoch sah recht derangiert aus, die leuchtend rote Samtkappe saß schief auf seinem grauen Haarkranz und im Laufen zog er sich noch seinen schwarzen Rock an. Als er den Aufgegriffenen erblickte, rief er aus:

„Um Himmels Willen, Herr Graf, was ist Euch geschehen?“, und an Annas Vater gewandt: „Euer Gnaden, ich verstehe das nicht, ein schreckliches Unglück, darf ich Euch unseren jungen Landesherren Graf Bernhard VII. zur Lippe vorstellen?“

***

Graf Otto sah immer noch konsterniert auf seinen zukünftigen Schwiegersohn. Statt einer standesgemäßen Begrüßung meinte er nur:

„Die Magd mag Euch einen Zuber mit heißem Wasser bereiten … und Speis‘ und Trank werden wohl fürs Erste in der Küche auch zu finden sein.“

Die Wachen ließen den Grafen endlich los und machten ein erschrockenes Gesicht. Aber niemand tadelte sie. Anna stand erstarrt an ihrem Fenster. Als der Graf zur Lippe kurz nach oben blickte, gelang es ihr nicht mehr rechtzeitig, sich zu ducken. Ein Schmunzeln ging über Bernhards Gesicht.

Zwei Mägde zogen ihn auf Geheiß des Hausherrn lachend mit in die Küche. Im Nu hatten sie Wasser in die Kessel über der großen Feuerstelle gefüllt, einen langen hölzernen Zuber in die Mitte der Küche gerückt und den Grafen mit großen Leintüchern umhüllt. Nun baten sie ihn, sich seiner zerrissenen und verdreckten Kleider zu entledigen. Alsbald schütteten sie das erste heiße Wasser in den Zuber und legten ein Brett quer darüber mit einem Teller voller Brot und Schinken und einem Krug Bier daneben. Dem Grafen lief das Wasser im Munde zusammen. In den drei Tagen seiner Flucht hatte er außer Wasser, einigen Beeren im Wald und ein paar Kanten Brot im Söldnerlager nichts zu sich genommen. Die Mägde kicherten, als er beim Einstieg in den Zuber kurz splitternackt zu sehen war. Als der Graf darauf mit einem

- „Ihr tut gerade so, als hättet ihr noch nie ein ordentliches Mannsbild zu sehen bekommen!“ -

antwortete, wurde die allgemeine Heiterkeit noch größer. Der Graf ließ sich Brot und Schinken schmecken und die beiden Mägde schrubbten ihn derweil mit Seife ab, wuschen und schnitten ihm das Haar und massierten ihm den Rücken. Ohne Unterlass schütteten sie heißes Wasser nach, dass die ganze Küche bald im warmen Nebel lag. Der Graf gab sich der Fürsorge hin, bemerkte mit Schmunzeln, wie sich unter dieser Behandlung seine Manneskraft im warmen Wasser straffte, obwohl die schwarzen Zahnlücken und ausladenden Hinterteile der Weiber zu einer anderen Zeit wohl kaum seine Lust entfacht hätten. Zum Schluss versorgten sie ihn mit einem einfachen, aber sauberen Hemd aus Leinen und nötigten ihn, sich in einer der Kammern zur Ruhe zu legen.

Der Graf fand allerdings keinen Schlaf, denn seine Sorgen meldeten sich mit Macht wieder. Der Krieg, der wie ein Albtraum über sein Land gekommen war, das Unrecht, die Schande … , würde es ihm gelingen, ein Heer aufzustellen, das Lipperland zu befreien und noch rechtzeitig der Stadt Soest zu Hilfe zu eilen?

Und dann wieder - seit er einen Blick auf seine zukünftige Braut hatte werfen können - kreisten seine Gedanken um das Wohlergehen eines anderen Mädchens, für die er so sehr wünschte, dass sie wohlbehalten durch diese wirren Zeiten kam.

***

Er hatte sie nur einmal gesehen, und doch …

Auf dem Rückweg von Lippstadt war es gewesen, voller Glück und Stolz war er über das flache Land galoppiert. Diese Weite – der Himmel höher, blauer, viel klarer als über den Hügeln, die sandige Heide, kaum Häuser oder Menschen, weit hinten im Dunst die bewaldete Bergkette des Osning.

Er ritt nach Hause, um in Blomberg möglichst rasch eigene Truppen auszuheben und den damals schon vom Erzbischof von Köln bedrohten Bürgern der Stadt Soest zu Hilfe zu kommen. Kanzler Möllenbeck war direkt nach Schaumburg aufgebrochen, um auch den Grafen von Schaumburg als Bundesgenossen zu werben und gleichzeitig die lange geplante Hochzeit von Bernhard mit dessen Tochter vorzubereiten. Direkt nach der Befreiung der Stadt Soest sollte der Graf seine Braut heimführen.

Der Graf dachte aber nicht an die Hochzeit. Seine weitläufige Cousine Anna kannte er gar nicht. Er war voller Stolz, endlich der Regent seines eigenen Landes zu sein. Das Herz drohte zu zerspringen. Von jetzt an galt sein Wort, seine Entscheidung, auch wenn er noch jung war. Er beschloss hier auf dem Ritt durch den Sand, umgeben vom frühlingshaften Grün der Heide, sich die Macht nie wieder und von niemandem aus der Hand nehmen zu lassen, schon gar nicht von seinem verhassten Großonkel. Nun kam seine Zeit. Gemeinsam mit seinen neuen Verbündeten würde man den Erzbischof von Köln in seine Schranken weisen.

Er ließ die Zügel seines Pferdes schießen. Wie er die Freiheit und Ungebundenheit dieses sonnigen Tages genoss! Mitten im Galopp aber kam die Stute aus dem Rhythmus. Sie warf den Kopf zur Seite und lahmte. Bernhard sprang ab, beruhigte das Pferd, sah sich den Huf an. Ein spitzer Stein hatte sich unter das Hufeisen gebohrt, ohne ein Werkzeug bekam er ihn nicht heraus.

Bis Paderborn war es noch ein weiter Weg. Auf dem Sandweg kam er zu Fuß mit dem lahmenden Pferd nur sehr langsam voran. Er musste ein Haus finden! Er sprach dem Pferd gut zu und zog es hinter sich her.

Endlich sah er die Kate, hinter den Wiesen duckte sie sich unter einigen Bäumen. Ziemlich baufällig, aber wohl bewohnt. Einige Hühner scharrten im Sand und im Gärtchen hängte eine junge Frau die Wäsche zum Trocknen auf. Er bog in den ausgetretenen, holprigen Weg ein und je näher er kam, umso mehr sah er nur noch sie: sie war in seinem Alter, vielleicht 18 Jahre, sie trug keine Haube. Die goldblonden Zöpfe waren etwas unordentlich aufgesteckt, das blaue Kleid flatterte im Wind. Kurz bevor er den Hof erreichte, drehte sie sich um und ließ ihr Wäschestück in den Korb fallen. Es sah aus, als wenn sie tanzte. Sie ging ihm entgegen, er bemerkte irritiert, dass sein Herz schneller schlug und er feuchte Hände bekam, so war es ihm noch mit keinem Menschen ergangen! Er blieb stehen, um sich zu sammeln. Sie hatte Sommersprossen, bis an den Hals hinunter, das machte ihr Lächeln noch ansteckender. Ihr Gesicht war offen und freundlich mit strahlenden Augen und einem kirschroten Mund. Sie knickste artig vor ihm: „Zu Diensten, edler Herr, kann ich etwas für Euch tun?“

Im Nu war sie umringt von ein paar verdreckten kleinen Kindern, die sich mehr oder weniger schüchtern hinter ihrem Rockzipfel verschanzten.

Sie war wunderschön, von ebenmäßiger Gestalt. Das schmucklose Kleid war so geschnitten, dass der Ansatz ihrer Brüste eben zu sehen war, ein heimliches Versprechen, schön wie in einem Traum. Er sah sie lange an. Die Kinder grinsten.

„Wie ist dein Name?“

„Katharina“, sagte sie, „Katharina, Caspar Buddes älteste Tochter.“ Sie errötete leicht, sah ihn aber unverwandt an:

„Und wer seid Ihr?“

„Ich … ich bin der Graf zur Lippe … Bernhard …“, die Stimme gehorchte ihm nicht wie gewohnt. Er räusperte sich und fügte hinzu:

„Mein Pferd lahmt, ich bekomme den Stein unter dem Huf nicht heraus … , bis Paderborn ist es noch weit … , ich muss heute noch nach Blomberg!“

„Oh, Euer Gnaden, verzeiht!“

Sie versuchte etwas ungeschickt noch einen Knicks. Der Graf starrte auf ihr Dekolleté.

„Mein Vater ist nur … , er kommt sicher gleich und kann Euch behilflich sein. Wollt Ihr derweil von meinem selbstgebrauten Bier kosten?“

Sie deutete auf eine wacklige Bank vor dem Haus.

„Wie nennt sich die Gegend hier?“, fragte er.

„Die Höfe gehören zu Neuhaus von alters her, aber die Wasserburg ist noch weit, wir nennen den Weiler ‚Auf der Hoge‘.“

Ihre Stimme war heller Glockenklang, als begleite sie immer ein Lachen. Er hoffte, sie würde weitersprechen, obwohl er ihre Worte kaum erfasste.

„Das heißt, es gibt noch andere Höfe? Ich habe so lange nach einem Haus Ausschau gehalten, ich sah nur Sand, ein paar Wiesen und wieder Sand.“

Sie erklärte ihm, dass es vor der großen Pest drei Höfe auf der „Hoge“ gegeben habe, aber die anderen seien nun verlassen und wüst. Nur sie, ihr Vater und die kleinen Geschwister lebten noch hier in der Gegend. Die Kleinen kicherten und stoben in alle Richtungen davon.

Sie bat ihn, Platz zu nehmen, und als sie ins Haus ging, um einen Krug Bier zu holen, kam sie ihm so nahe, dass ihr Duft ihn umgab, ein Duft wie Apfelblüten und Zimt … so nah …

***

Vor dem Mittagsmahl bekam der Graf endlich Gelegenheit, seine zukünftige Braut zu begrüßen. Er entschuldigte seinen Auftritt am Morgen in galanten Worten, aber auch mit einem kleinen Scherz gelang es ihm nicht, ein Lächeln auf die Lippen der Anna von Schaumburg zu zaubern. Er konnte nicht einschätzen, was sie hinter ihrem strengen Gesicht und ihren höflich-nichtssagenden Worten versteckte. War es Missbilligung, Misstrauen, Abneigung oder hatte sie einfach nur Angst vor dem, was da auf sie zukam?

So war er erleichtert, als Graf Otto ihn und Kanzler Möllenbeck nach dem Essen zu einem Gespräch bat, in dem die Lage und das weitere Vorgehen erörtert werden sollten.

Der Graf berichtete von seiner abenteuerlichen Flucht.

Ziemlich schnell war man sich einig, dass hinter dem schrecklichen Überfall auf das Lipperland nur der Erzbischof von Köln stecken konnte. Man vermutete, dass er einen starken Verbündeten irgendwo im Osten gefunden hatte, der mit ungeheurer Schnelligkeit so ein riesiges Söldnerheer hatte auf die Beine stellen können. Möglicherweise war dieses Heer auf dem Weg nach Soest, denn dass diese reiche Stadt sich einfach von Köln abgewandt und sich mit dem Herzog von Kleve einen neuen Landesherrn gesucht hatte, das hatte den Erzbischof sicher schwer getroffen. Dass die Truppen auf dem Weg nach Soest das Lipperland durchqueren mussten, kam dem alten Haudegen dabei sicher nicht ungelegen, denn auch die vorzeitige Proklamation seines Mündels Bernhard zum neuen Grafen zur Lippe, ohne seine Zustimmung einzuholen, war ein Affront für ihn gewesen. Wie weit sein Zorn ging und ob er die vollständige Zerstörung des kleinen Landes tatsächlich befohlen hatte, um den jungen Grafen wieder unter seinen Einfluss zu zwingen, war allerdings unklar. Bernhard versuchte mehrfach deutlich zu machen, für wie wichtig er ein rasches Eingreifen hielt, um weiteres Unheil vom Lipperland abzuwenden. Man müsse sich diesen Söldnerhaufen umgehend entgegenstellen, damit sie die Stadt Soest gar nicht erst erreichen konnten. Aber für die beiden Älteren stand fest, dass im Moment niemand die Mittel hatte, sich einer Armee von dieser Größe zu erwehren. Man würde zunächst still halten müssen und den Verhandlungsweg suchen. Auch blieb abzuwarten, ob die Stadt Soest fallen würde und wie sich die anderen Verbündeten dann verhielten.

Bernhard sah die beiden alten Männer verständnislos an: „Er ist der Bruder meiner Großmutter und er hat schon immer versucht, seinen Einfluss aufs Lipperland auszudehnen. Jetzt will er verhindern, dass ich mein Erbe antrete. Ich muss kämpfen, ich kann doch nicht einfach alles aufgeben!“

Graf Otto versuchte, ihn zu beruhigen:

„Mein Sohn, erlaubt mir, dass ich Euch schon so nenne. Wenn ich Euch meine Tochter zur Frau gebe, so müsst Ihr mir glauben, dass ich alles tun werde, um Euer Erbe zu erhalten. Ich bin auf Eurer Seite, aber kämpfen? Zurzeit ist die Frage, womit? Nach allem, was wir gerade gehört haben, sind es Tausende von Söldnern! So viele Männer kann ich niemals aufbieten! Soll ich mein Land auch noch verwüsten lassen? Solche Söldnerheere kennen keine Gnade. Schon um die vielen Männer ernähren zu können, müssen sie die Dörfer überfallen. Wir werden Verluste genug erleiden bei dem Versuch, die Weser zu halten. Wenn Dietrich die Truppen noch einmal verstärkt, gibt es auch für uns kein Entrinnen.“

Möllenbeck schüttelte immer nur den Kopf:

„Es ist mir ein Rätsel, woher aus dem Nichts ein solch riesiges Heer auftauchen kann.“

Bernhard war aufgesprungen. In seinem Kopf drehten sich die Bilder von der brennenden Stadt Blomberg, von den beiden erstochenen Söldnern am Gatter, vom Schandkorb, der in schwindelnden Lüften baumelte, von der Alten, die alle Hoffnung in seine Rache setzte … Er schlug mit der Hand auf den Tisch:

„Nein, Graf Otto, ich bitte Euch, wir müssen gegen dieses schreiende Unrecht kämpfen, es geht um unsere Ehre!“

„Ruhig Blut, Herr Graf!“

Möllenbeck bewegte ihn, sich wieder hinzusetzen und fuhr fort:

„Die ersten Boten aus dem Lipperland berichten nur Entsetzliches, das Land liegt darnieder. Womit wollt Ihr denn in den Kampf ziehen? Jetzt ist die Zeit zu verhandeln, glaubt mir. Bei einer Niederlage im richtigen Moment einzusehen, dass es eine Niederlage ist, das gehört auch zur Staatskunst. Ich fürchte, wir … oder besser ich habe einen Fehler gemacht, Euch vorzeitig zum rechtmäßigen Grafen zur Lippe zu erklären, noch vor Eurer Volljährigkeit. Das hat den Erzbischof bis aufs Messer gereizt. Für den Moment muss unsere Genugtuung darin liegen, dass wir ihn wirklich überrascht hatten, allerdings um einen grausamen Preis. Aber vorerst heißt es still halten, neue Bündnispartner suchen und das Land befrieden. Lasst mich nur bald nach Kleve abreisen und sehen, wie die Sache dort steht.“

„Ganz in meinem Sinne“, fiel Graf Otto ein, „wir müssen uns dringend einen Überblick über die Lage verschaffen, einfach loszuschlagen würde nur noch mehr Verderben bringen. Und wir können die Zeit sinnvoll nutzen! Ich bin gern bereit, lieber Bernhard, die Hochzeit hier auf der Schaumburg auszurichten.“

Möllenbeck nickte.

„So ist es, Herr Graf, die Verbindung von Schaumburg und Lippe wird Gewicht haben in der Region. In diesen wirren Zeiten gibt es nichts Wichtigeres, als einen verlässlichen Bündnispartner zu haben. Für mich ist es eine besondere Freude, meine beiden Heimatländer so vereint zu sehen. Und Ihr seid sicher meiner Meinung, dass Eure Verlobte wahrlich zu einer wunderschönen jungen Frau herangewachsen ist!“

Der Graf schwieg und dachte an Anna, wie sie ihm beim Mittagsmahl vorgestellt worden war, mit ihren hellblonden Zöpfen, ihrer schlanken Gestalt, dem etwas herben Zug um den Mund und den blassblauen, ernsten Augen … Und dann erschien ein blaues Kleid, das sich vom Wind bewegt in der violetten Heide verlor. Und ein Mund …

„Herr Graf?“

„Ja, Möllenbeck, verzeiht, Graf Otto, es fällt mir so schwer, diese Schmach einfach auf mir sitzen zu lassen. Wo wir nicht einmal genau wissen, was aus Blomberg geworden ist und wie es sonst im Lande aussieht! Was wohl mein Vater zu alldem gesagt hätte? Eins weiß ich, irgendwann werde ich mich rächen, ich muss Gelegenheit finden, meine Ehre und die Ehre unseres Hauses wiederherzustellen!“

Er schwieg eine Weile, um dann wesentlich leiser fortzufahren:

„Aber als Bräutigam … Eure Tochter ist schön und anmutig und ich stehe mit leeren Händen da, ein Verlierer, ein Habenichts.“

„Mein Sohn, Ihr müsst weiter denken!“, erwiderte Graf Otto, „diese Heirat ist vor langen Jahren beschlossen, auch Euer Vater, Gott hab ihn selig, hätte die Verbindung unserer Familien sicher begrüßt. Sie wird beiden Ländern Ruhe und Frieden verschaffen. Euer Besitz ist fruchtbar, das Land wird sich schon bald von dem schrecklichen Schlag erholt haben. Glaubt mir, auch wenn ich nicht solchen Groll gegen den Erzbischof hege wie Ihr, auch mein Freund ist er nicht und wird er nie sein. Wenn die Zeit gekommen ist, werdet Ihr einen verlässlichen Verbündeten in mir finden.“

Möllenbeck blickte den jungen Grafen an, der bei Ottos Rede unruhig auf seinem Sessel hin- und her gerutscht war: „Zumindest haben wir der Braut wie abgesprochen Das Amt und die Wasserburg Brake als Alterssicherung überschrieben sowie die Einkünfte zweier weiterer Meyerhöfe. Graf Otto und ich sind uns in diesen Belangen schon einig geworden. Schlagt ein, Herr Graf, hier wird ein Bund fürs Leben zwischen Lippe und Schaumburg besiegelt und eine wunderschöne junge Frau bekommt Ihr obendrein!“

Möllenbeck klopfte ihm auf die Schulter, was der Graf aber ärgerlich abschüttelte. Er hielt einen Moment still, als ob er auf eine innere Stimme lauschte. Dann gab er sich einen Ruck und lächelte seinen zukünftigen Schwiegervater an:

„Verzeiht, Graf Otto, nicht Ihr, ich sollte doch hier wohl der Bittsteller sein. Es gereicht mir zur Ehre, Euer Schwiegersohn zu werden, und auch ich begrüße von ganzem Herzen die innige Verbindung unserer Familien“, er räusperte sich und straffte seine Schultern, „ich werde Eure Tochter Anna lieben, ehren und beschützen, so wahr mir Gott helfe!“

„Haltet ein!“, lachte Graf Otto, „noch ist der Priester nicht da, später wird noch Zeit genug sein, dass Gott Euch helfe!“

Er reichte ihm die Hand und umfasste die Hand des Grafen herzlich auch mit seiner Linken.

„So lasst uns die frohe Kunde nun meiner Tochter bringen! Sie wird Hochzeitsvorbereitungen machen wollen, Ihr kennt die Weibersleut‘, für so etwas brauchen sie viel Zeit und Geld!“

***

Die Wochen vergingen schnell. Der Graf ging durch das Burgtor hinunter zu den Stallungen. Sein Schwiegervater hatte ihn beschworen, sich das beste Pferd im Stall auszusuchen, wenn er als Bräutigam unbedingt selbst am Hochzeitsturnier teilnehmen wollte. Schon am Eingang schlug ihm die Wärme der Tiere entgegen. Ein Stallbursche empfing ihn mit einer ungeschickten Verbeugung und folgte ihm stumm, als er an den Pferden entlang schritt. Vor einem schwarzen Hengst, der mit Sicherheit arabisches Blut in sich hatte, blieb er stehen.

„Oh, Euer g … Gnaden“, stotterte der Stallbursche, „der Blitz, d..das ist der Schnellste, aber er ist u … unberechenbar, g … gehässig, hat uns alle schon a … abgeworfen, vielleicht wollt Ihr d … doch erst mal weiterschauen …“

Der Graf ließ seinen Blick über die Stallung gleiten, viele edle Pferde, Graf Otto war wohlhabend. Er fühlte einen Stich in der Brust, ihm war einfach nicht nach Hochzeit zumute. Dann aber schaute er wieder auf den Hengst, der nervös trippelte, weil er spürte, dass es um ihn ging.

„Sattle mir den ‚Blitz‘, ich werde mich mit ihm anfreunden.“

Der Graf lenkte das Pferd zum Tal der Weser hinunter, ohne sich noch einmal nach dem Stallburschen umzusehen, der nicht aufhörte, irgendwelche Ermahnungen zu stottern.

Auf den Wiesen neben dem Fluss ließ er dem Pferd freien Lauf.

Als der Graf nach zwei Stunden noch nicht zurückgekehrt war, klopfte der Stallbursche verzagt am Haupthaus an, um Meldung zu machen. Gerade als Graf Otto besorgt auf den Hof hinaus trat, schritten Pferd und Reiter unversehrt durch das Tor, wenn auch völlig verschwitzt und schlammverschmiert. Das Pferd wich dem Grafen nicht mehr von der Seite.

„Mit diesem Pferd werde ich das Turnier gewinnen, ich danke Euch, Graf Otto!“

Er brachte das Pferd selbst in den Stall zurück, trocknete es ab und gab ihm Wasser und Futter, während der Stallbursche unbeholfen daneben stand.

In der folgenden Woche war es auch dem Schmied gelungen, eine alte Rüstung für den Grafen so umzuändern, dass diese ihn nicht mehr allzu sehr behinderte. Der Brustharnisch war erweitert worden, die Schulterstücke waren neu geschmiedet, alle Teile poliert und die Scharniere geölt.

Im Tal entlang der Weser war ein großes Areal abgesteckt worden, in der Mitte durch eine flache hölzerne Barriere getrennt, damit die gegeneinander antretenden Pferde nicht zusammenstoßen konnten. Aufsteigend am Berghang hatte man eine hölzerne Tribüne errichtet, in der Mitte sogar überdacht, mit Standarten und bunten Bändern geschmückt und die Bänke mit rotem Samt ausgeschlagen. Auch der Pfarrer von Rinteln weilte schon auf der Burg, denn am Tag nach dem Turnier sollte das Brautpaar den kirchlichen Segen in der Burgkapelle erhalten.

Kurz vor Beginn der Feierlichkeiten war Kanzler Möllenbeck von seiner Reise aus Kleve zurückgekommen. Umgehend erstattete er den beiden Grafen Bericht. Ihre Vermutungen bezüglich des Erzbischofs von Köln hatten sich bestätigt. Dass die Stadt Soest sich so einfach von ihm lossagen wollte, das hatte Dietrich von Moers wohl um keinen Preis hinnehmen können, nicht nur wegen ihres Reichtums, sondern weil die Stadt ihn obendrein im Jahr zuvor noch bloßgestellt hatte, indem die Soester die kölnischen Truppen in einen Hinterhalt gelockt und hundert Gefangene gemacht hatten. Das Lösegeld sollte über zweiunddreißigtausend Goldgulden erbracht haben, von dem der Erzbischof damals einen Großteil bezahlt hatte.

Auf der Suche nach neuen Verbündeten war Erzbischof Dietrich an den Landgrafen von Thüringen herangetreten. Dieser hatte kurz zuvor ein riesiges Söldnerheer angeworben, um in einem seit Jahren schwelenden Streit gegen seinen eigenen Bruder zu Felde zu ziehen. Die Kriegsleute stammten aus Sachsen und auch aus Böhmen, die älteren waren vormals Hussiten gewesen.

Bernhard hatte noch nie etwas von Hussiten gehört, aber die beiden Älteren erklärten ihm, dass vor Jahren ketzerische Horden aus Böhmen mehrfach in den Süden des Reiches eingefallen seien und dort fast unbesiegbar Angst und Schrecken verbreitet hätten. Der alte Kaiser Sigismund selbst habe Schlachten gegen sie verloren geben müssen, bis endlich auf dem Konzil von Konstanz der Anführer und Ketzer Jan Hus auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden sei.

Versprengte Truppen dieser Hussiten und neue Söldner hatte der Landgraf von Thüringen zusammengefasst, aber schnell waren ihm die Mittel ausgegangen, ein solch großes Heer zu unterhalten, und so kam ihm die Anfrage des Erzbischofs von Köln gerade recht. Er setzte die Truppen nach Westen in Marsch, noch bevor die Kriegsmeute, um ihren Sold betrogen, sich über sein eigenes Land hermachen konnte.

Die Belagerung der Stadt Soest aber war schon nach wenigen Tagen gescheitert, weil es zu Streitigkeiten unter den Verbündeten kam. Mit dem Erzbischof als Feldherren war die Versorgung genau so wenig gewährleistet und versprochener Sold blieb weiterhin aus. Das Land rund um die Stadt Soest war mittlerweile so verwüstet, dass kein Getreide und kein Vieh mehr zu finden waren. Da zerstreuten sich die hungernden Söldnertruppen in alle Winde, auf der Suche nach Essbarem und neuen, zahlungskräftigeren Fürsten. Die Stadt selbst hatte keinerlei Schaden erlitten. Auch die Reichsacht, die König Friedrich aus dem fernen Linz über die Stadt Soest verhängt hatte, als sie sich so unbotmäßig neue Landesherren gesucht hatte, war bereits wieder aufgehoben. Wohl kam es dem König gerade ganz gelegen, dass dieser Konflikt vorerst nicht weiter eskalierte.

Auf keinen Fall aber, so fuhr Möllenbeck fort, dürfe es jetzt noch kriegerische Handlungen geben. Der Erzbischof sei derzeit so geschwächt, dass man auf dem Verhandlungswege sicher große Zugeständnisse erreichen könnte. Friedensverhandlungen zwischen dem Herzog von Kleve, dem Rat der Stadt Soest und dem Erzbischof seien schon auf neutralem Gebiet in Maastricht anberaumt.

Der Graf war immer unruhiger geworden. Er wusste, dass Möllenbeck die Lage richtig einschätzte, und dennoch brach es aus ihm heraus:

„Aber nein, Möllenbeck, wir können doch das Unrecht, das in Lippe geschehen ist, nicht einfach ungesühnt lassen!“

„Ihr habt Recht, Herr Graf, das Lipperland hat es furchtbar getroffen! Blomberg und Detmold und viele andere Städte sind ausgeplündert und verbrannt, nur Lemgo hat sich freikaufen können. Kaum ein Dorf, in dem nicht die Ernte zerstört und das Vieh abgeschlachtet wurde, es ist eine Katastrophe! Und außerdem, Herr Graf, bedenkt, das Heer, gegen das Ihr antreten wollt, ist in alle Winde verstreut, und uns fehlen die Mittel und die Männer. Die wenigen Überlebenden werden dringend beim Wiederaufbau benötigt. Und selbst wenn wir gen Köln zögen, was könnten wir dort erreichen?“

Bernhard atmete tief.

Graf Otto bekräftigte die Worte von Möllenbeck:

„Durch kluge Verhandlungen wird es Frieden und Sicherheit in der ganzen Region geben, und das ist eine bessere Möglichkeit, den Erzbischof ein für alle Mal von uns fern zu halten!“

Der Graf zur Lippe lief im Raum auf und ab.

„Es zerreißt mich! Könnte ich nur den Dietrich von Moers zu einem Zweikampf herausfordern!“

„Herr Graf, er ist trotz allem Euer Verwandter!“

„Für mich nicht mehr, Möllenbeck, nicht mehr!“

Er umfasste einen schwarz lackierten, hölzernen Pfeiler und es hatte fast den Anschein, als wolle er mit der Stirn gegen das Holz schlagen.

„Aber ich habe schon verstanden. Ich werde lernen, mich in das Unvermeidliche zu schicken.“

Möllenbeck ergriff noch einmal das Wort:

„Übrigens, Herr Graf, Ihr hattet doch berichtet, dass Ihr den Herrn Spiegel im Söldnerlager gesehen habt, auch dazu habe ich Neuigkeiten. Es heißt, er wurde vom Erzbischof dem Kriegshaufen entgegengeschickt, um den fremden Heerführern den Weg nach Soest zu weisen. Am Ende sei allerdings auch der Spiegelsche Besitz in Peckelsheim von versprengten Truppen heimgesucht worden.“

„Das zumindest ist ihm recht geschehen, er ist ein Verräter, ein gemeiner Landesverräter, ich wusste es! Möllenbeck, genug für heute, mehr kann ich nicht ertragen!“

Er wandte sich an seinen Schwiegervater: „Verzeiht, Graf Otto, wenn ich so unvermittelt aufbreche … , ich … , ich muss einen Moment für mich sein.“

Der Graf verließ das Haus, ging zum unteren Burghof, ließ den Stallburschen das Pferd satteln und ritt mit dem ‚Blitz‘ für Stunden an der Weser entlang.

***

Es war ein strahlender Spätsommertag, als die Fanfarenbläser schon früh am Morgen das große Hochzeitsturnier von den Zinnen der Burg aus ankündigten. Alle Burgbewohner und auch die Bauern des nahen Dorfes hatten sich festlich herausgeputzt und konnten ihre Aufregung kaum noch zügeln. Gaukler, Musikanten und Feuerspucker hatten sich eingefunden und ein Zeltlager direkt neben dem Turnierplatz errichtet.

Ritter und Gäste sammelten sich im Burghof. Simon, der jüngere Bruder des Grafen, hatte sein Studium der Theologie in Erfurt unterbrochen, um als Knappe für Bernhard zu fungieren und strahlte, als wenn er selbst der Bräutigam wäre.

Der Graf klappte das Visier seines Helmes herunter, damit die Umstehenden nicht sehen konnten, wie wenig er in der Stimmung war, seine eigene Hochzeit zu feiern, und ließ sich von seinem Bruder in den Sattel helfen. Unruhig ging das Pferd im Kreis. Die Reiter stellten sich vor dem oberen Tor auf. Welch eine Verschwendung von Mut und Tapferkeit! Wenn er die hier versammelten Ritter mitnehmen könnte nach Soest oder gleich nach Köln … geeignetes Fußvolk ließe sich sicher leicht finden …

Stattdessen musste er gute Miene zum bösen Spiel machen und mit seinen zukünftigen Schwägern raufen, als seien sie alle dumme Jungen! Aber immerhin besser, als den ganzen Tag an der Seite der wortkargen Anna auf der Tribüne zu verbringen! Sein einziger Trost war das Pferd. Er spürte ganz deutlich, dieser ‚Blitz‘ dachte wie er, wäre lieber davon geprescht und in einem echten Kampf ehrenvoll gestorben, als an diesem Spektakulum teilzunehmen!

Anna trat in den Hof, sie war in dunkelblauen Samt gekleidet, ein goldfarbener Gürtel unterstrich ihre makellose Figur, statt einer Haube trug sie den Jungfernkranz aus Rosmarin, Efeu und Immortellen. Als einzigen Schmuck hatte sie eine lange Goldkette mit einem taubeneigroßen Amethyst angelegt, der auf dem dunklen Samt ganz besonders hervorstach. Obwohl ihr Gesicht immer etwas herb wirkte, die Nase etwas zu lang und der Mund etwas zu schmal, war ihr Lächeln heute gewinnend und sie zog die bewundernden Blicke der vielen Edelherren auf sich.

Ihr Vater bot ihr seinen Arm und unter den Fanfarenklängen der Trompeter auf dem Turm führten sie den langen festlichen Zug an. Durch das Dorf schritten sie hinunter ins Tal und hinter den Rittern reihten sich die Bauern und Handwerker singend und scherzend ein.

Da saß Anna nun auf der Ehrentribüne ohne Bräutigam, fühlte sich eingezwängt zwischen ihrem Vater und der Tante Hildegardis, die seit dem Beginn der Hochzeitsvorbereitungen nicht mehr von ihrer Seite gewichen war. Die Tante war groß und hager wie Annas verstorbene Mutter und der Kehlkopf stand ihr unnatürlich weit aus dem Hals heraus, was ihr das Aussehen eines riesigen dürren Vogels gab. Seit Wochen traktierte sie Anna mit Ermahnungen über die Ehe. Schwarzmalerisch schilderte sie das gottgewollte Los einer Ehefrau, die sich dem Manne in allen Belangen unterzuordnen habe und ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sei. Und dass Anna nicht das Recht habe, mit ihrem Schicksal zu hadern, auch wenn das Elend im abgebrannten Lipperland noch so groß werden würde. Mit ihrer monotonen Stimme erinnerte die Tante sie unentwegt an ihre tote Mutter. Das machte sie traurig. Gleichzeitig war sie wütend auf diesen Grafen zur Lippe, der sie kaum angesehen, geschweige denn mit ihr gesprochen hatte, seit die Entscheidung zu der raschen Vermählung getroffen worden war. Vielmehr war er wochenlang nur geschäftig zwischen Stall und Schmied und Turnierplatz hin und her geeilt und jetzt ritt er vermummt mit Helm, Harnisch und Schild an die Ausgangsposition. Sein ehrerbietiger Gruß zur Ehrentribüne hin galt sicher nicht ihr, war so austauschbar wie die Gesten ihrer Brüder, ihrer Cousins und der fahrenden Ritter mit ihren bunt bemalten Schilden, die man eiligst für das große Fest einbestellt hatte. Ihren zukünftigen Ehemann konnte sie nur an der lippischen Rose erkennen, die man ihm auf seinen schwarzen, von den Brüdern geliehenen Wappenrock genäht hatte. Grimmig sah er aus, das Pferd tänzelte unter ihm, von Pferd und Reiter ging eine unbestimmte Unruhe aus, so als wollten beide am liebsten alles um sie herum niederrennen.

Das Turnier setzte sich aus drei Wettbewerben zusammen, dem Ringstechen, dem Armbrustschießen und dem Tjost, einem Kampf Mann gegen Mann, bei dem der Gegner mit der Lanze aus dem Sattel gestoßen werden musste.

Anna hatte sich eigentlich vorgenommen, darum zu beten, dass der arrogante Lipper einen Denkzettel erhielte. Aber als er sowohl beim Ringstechen, bei dem der Ritter mit der Lanze in vollem Galopp einen hoch aufgehängten Ring treffen muss, als auch beim Armbrustschießen die meisten Treffer erhielt, so dass sogar Annas älterer Bruder Adolf seinem zukünftigen Schwager anerkennend auf die Schulter klopfte, war Anna hin- und hergerissen und konnte den Beginn des Tjostes, des eigentlichen Ritterkampfes kaum erwarten. Sollte sie nun doch für den verdienten und ehrenvollen Sieg ihres Bräutigams beten? Es gelang ihr nicht, weil ihre Wut nicht abebben wollte. Sie entschied sich, dafür zu beten, dass alle Ritter heil und gesund aus dem Turnier hervorgehen sollten.

Die Spitzen der Stechlanzen waren mit Krönlein, kleinen gezackten Platten versehen worden, damit ihr Stoß nicht tödlich für Ross oder Reiter enden konnte, dennoch wurde den Pferden vor Beginn dieses Kampfes zum Schutz nun ebenfalls eine Rüstung angelegt.

Annas Brüder und Cousins machten sich einen Spaß daraus, sich im Eigenlob lauthals zu übertrumpfen. Vor der Tribüne versuchten sie, die Pferde der anderen abzudrängen, reckten ihre Lanzen in die Höhe und ließen Sprüche vernehmen wie „Nun gilt es, das ist der wahre Ritterkampf, sieh her, schöne Anna, ich werde die anderen Tölpel alle besiegen, mein ist der Siegerkranz!“

„Verschwinde, du Dummkopf! Anna, schöne Braut, hier siehst du den wahren Sieger, ich werde diese Schwätzer alle von ihren Pferden stoßen!“

So ging es in einem fort.

Anna musste lachen, aber ihre Tante Hildegardis schüttelte unwillig den Kopf:

„Was sind das für junge Leute! Ein wahrer Ritter macht sich nicht lustig über den edelsten der Ritterkämpfe!“

Der Graf zur Lippe hatte sich mit seinem Pferd abseits gehalten, sein Visier fest verschlossen. Anna schaute enttäuscht zu ihm herüber. Wie hochmütig er war, wie anmaßend und aufgeblasen! ‚Mit diesem Pferd werde ich das Turnier gewinnen, Graf Otto!‘ hatte er zu ihrem Vater gesagt. Anna war nur noch wütend. Was sollte es ihr nützen, dass ihr Bräutigam ein solch gut aussehender Mann war, wie es selbst Tante Hildegardis bemerkt hatte, wenn er sich entweder hinter seiner Rüstung oder hinter einer finsteren Miene verschanzte?

Dann begann der Kampf Mann gegen Mann. In schnellem Wechsel ritten die Recken an der Tribüne vorbei und trafen direkt vor Anna aufeinander. Ein Ritter, der vom Pferd fiel, oder dessen Pferd manövrierunfähig wurde, schied aus. Lanzen splitterten, Pferde bäumten sich vor Schmerzen auf, so mancher Ritter stürzte, ohne vom Gegner getroffen zu sein, weil er den Schwung der eigenen schweren Lanze unterschätzt hatte. Der Ritter mit der roten Rose auf dem schwarzen Umhang preschte schneller heran als alle anderen, setzte den Schwung seines Pferdes zielsicher in den Lanzenhieb um und war so geschickt in seinen Ausweichbewegungen und dabei wie verschmolzen mit seinem Pferd, dass ihn kein einziger feindlicher Lanzenhieb erreichte. Als letztes verbliebenes Kämpferpaar trafen Annas Bruder Adolf und der Bräutigam aufeinander. Die beiden hoben in rasendem Galopp gleichzeitig ihre Lanzen, Holz krachte auf Holz, beide Lanzen zerbarsten mit einem lauten Knirschen, so dass die Holzsplitter bis auf die Tribüne flogen und Tante Hildegardis einen Schreckensschrei ausstieß. Die Pferde scheuten, doch beiden Rittern gelang es mit Mühe, im Sattel zu bleiben und ihre edlen Rösser wieder zu beruhigen.

Da stand Graf Otto von seinem Platz auf der Tribüne auf und verkündete lachend das Ende des Kampfes:

„Wir haben zwei Gewinner, wir wollen doch nicht den Verlust so edler Ritter und Pferde und schon gar nicht den Verlust von noch mehr Lanzen riskieren!“

Das Publikum lachte und spendete Beifall. Der Graf zur Lippe aber öffnete sein Visier, sein schweißüberströmtes Gesicht war ernst: „Mit Verlaub, edler Graf von Schaumburg, es steht mir nicht an, Euch zu widersprechen, aber in einem Ritterkampf kann es keine zwei Sieger geben, bitte erlaubt uns, den Kampf zu Ende zu bringen.“

„Er hat Recht, Vater“, sprang ihm sein Kontrahent und zukünftiger Schwager zur Seite, „lass uns den endgültigen Sieger in einem Wettrennen ermitteln!“

„Ja, ja, ein Pferderennen!“, die anderen jungen Ritter stimmten Adolf begeistert zu, „lasst den Besten gewinnen!“

Graf Otto ließ sich erweichen und bestimmte die Strecke für die beiden Reiter bis zum Rintelner Vorwerk und zurück. Den Wachposten sollten sie ein „Ihr seid mein Zeuge!“ zurufen und vor der Tribüne sollte ein buntes Band gespannt werden, um das Ziel zu markieren. Den Pferden wurden die Rüstungen abgenommen und auch die Reiter verzichteten auf Helm, Harnisch und Beinschienen. Schon gab Graf Otto das Startzeichen und die beiden Pferde stoben über die feuchten Wiesen davon, herausgerissene Grassoden im hohen Bogen hinter sich lassend. Sie erreichten das Brückenhaus fast gleichauf. Auf dem Rückweg konnte der Blitz seinen winzigen Vorsprung weiter vergrößern. In weitem Sprung setzte der Graf über eine niedrige Hecke, da hörte er hinter sich ein Schnauben und einen dumpfen Schlag. Er sah sich um: Adolfs Pferd hatte vor dem kleinen Hindernis gescheut und seinen Reiter abgeworfen. Der Graf zügelte den ‚Blitz‘ und kehrte um. Adolf erhob sich gerade aus eigener Kraft und schien nicht ernsthaft verletzt. Der Graf setzte dem verängstigten Pferd nach und brachte es seinem Besitzer zurück. Statt eines Dankes jedoch schwang sich dieser behände wieder in den Sattel, galoppierte davon und rief zurück:

„Bis dann, Schwager, wir sehen uns vor der Schaumburg!“

Der Graf wendete den Blitz und nahm verbissen die Verfolgung auf. Wie er Turniere hasste! Was bildete sich dieser Adolf von Schaumburg ein? Gab es keine Ehre auf einem Turnier? Aber wie auch immer, wenn es für Adolf nur ein Spiel war, gewinnen würde er, Bernhard, dieses Spiel. Er beugte sich zu den Ohren seines Hengstes hinunter und flüsterte ihm leise zu, dass es nun um alles gehe, dass sie beide gewinnen müssten, gewinnen, gewinnen, gewinnen …

Der ‚Blitz‘ machte seinem Namen Ehre, kurz vor der Tribüne lag er mit Adolfs Pferd gleichauf und durchschlug einen Atemzug später als Erster das bunte Band.

Unter tosendem Beifall trat der Graf zur Lippe mit ernstem Gesicht vor die Tribüne und Anna erhob sich, um ihm den Siegerkranz aus Eichenlaub aufs Haupt zu setzen. Aus den Augenwinkeln sah er den lachenden Adolf. Schon wurden Rufe laut:

„Der Sieger soll die Braut küssen!“

„Ja, Braut und Bräutigam, besiegelt den Sieg mit einem Kuss!“

Anna stand etwas erhöht auf der Balustrade, der Graf sah zu ihr auf, einen unsicheren Moment lang blickten sie sich in die Augen. Aber da Anna keinerlei Anstalten machte, sich hinunter zu beugen, ergriff der Graf ihre Hand und deutete einen ritterlichen Handkuss an.

In das Lachen der Zuschauer hinein erhob sich Graf Otto und gebot ihnen mit einer Handbewegung zu schweigen.

„Meinen Glückwunsch, lieber Bernhard! Du hast deiner Braut und auch mir alle Ehre gemacht! So möchte ich dir als Zeichen meiner Hochachtung den ‚Blitz‘ zum Geschenk machen, denn selten habe ich Pferd und Reiter derartig miteinander verschmolzen gesehen. Dieses Pferd sei dein Pferd, Schwiegersohn!“

Der Graf spürte Schamesröte in seinem Gesicht aufsteigen. Er schloss kurz die Augen. Ein Habenichts, ein Bettler war er, stand vor einer Braut, die ihn verachtete, und bekam das beste Pferd der Welt zum Geschenk, dieses Tier, von dem er schon am ersten Tage ihrer Bekanntschaft gewusst hatte, dass es nur für ihn auf die Welt gekommen war!

Er zwang sich zu einem Lächeln und zu einer Verbeugung.

„Ihr seht mich beschämt, Graf Otto! Aber es ist wahr, Schwiegervater, eine größere Freude hättet Ihr mir nicht machen können!“

Bei seinen letzten Worten sah er, wie Anna sich wegdrehte.

***

In dem Schlafgemach, das für das Brautpaar hergerichtet worden war, befand sich ein prächtiger Alkoven mit einem geschnitzten Betthimmel aus Eiche. Das Holz war glänzend poliert, ein seidener Vorhang elegant an der Seite drapiert. Die Bettdecke war mit Daunenfedern gefüllt und mit feinstem Damast bezogen. Auf dem Boden waren Binsen, duftendes Basilikum und Rosenblätter verstreut.

Die Hochzeitsgesellschaft drängte lärmend hinter dem jungen Paar hinein. Graf Otto erhob seinen Becher und brachte die anderen zum Schweigen.

„Lasst uns ein letztes Mal auf das junge Paar anstoßen, möge die Verbindung mit Gottes Segen fruchtbar sein!“

Alle stießen lauthals an und ließen den Bräutigam und seine Manneskraft hochleben. Anna stand verloren mitten im Zimmer, so zerbrechlich in ihrem blassrosa Seidenkleid, das am Dekolleté mit hunderten von kleinen Perlen besetzt war, mit einer Brautkrone auf dem Kopf, die mit dem gleichen rosa Seidenstoff bezogen war und auf deren sich kreuzenden Bügeln über dem streng zurückgekämmten Haar ebenfalls kleine Perlen erstrahlten. Da wurde sie unversehens von drei Mägden umringt, die sie zum Alkoven hin drängten und notdürftig durch ein großes Leinentuch vor den neugierigen Blicken der Hochzeitsgesellschaft geschützt, begannen die Frauen, sie zur Nacht umzukleiden. Als Anna sich mit hochrotem Kopf unter ihrer weißen Haube in der hintersten Ecke des Alkovens unter der Daunendecke verschanzt hatte, wurde auch Bernhard lachend von den anderen in Richtung Alkoven gedrängt und genötigt, seiner Frau im Bette beizuwohnen. Er entledigte sich seines Federbaretts, des blaugoldenen Samtrockes und der edlen Schnabelschuhe und schlüpfte, weil die Brüder und Cousins von Anna keine Ruhe gaben, ebenfalls unter die Decke, peinlich darauf bedacht, Annas Körper nicht zu berühren.

Dann scheuchte Graf Otto alle hinaus:

„Mögen sie nun die Ehe vollziehen!“

Kichernd und grölend zogen die Gäste wieder in den großen Saal.

An der Rückwand des Alkovens entdeckte Bernhard einen kleinen vergitterten Durchlass in der Holzvertäfelung, der wohl auf den Flur hinausging. Es fand sich keine Tür oder Klappe, um diesen Durchlass zu verschließen. Zwar konnte er auf dem dunklen Flur niemanden erkennen, musste nun aber wohl wirklich damit rechnen, dass der korrekte Vollzug der Ehe kontrolliert und dokumentiert wurde, wie Möllenbeck vorausgesagt hatte. Er war froh, dass der Kanzler ihn mehrfach zu den Hübscherinnen von Paderborn mitgenommen hatte. So hoffte er, die Situation meistern zu können. Nun denn.

Als er aber in Annas panisches Gesicht sah, setze er sich auf und streckte die Füße wieder auf den Boden.

„Beruhigt Euch, Anna, ich werde Euch keine Gewalt antun. Ich gehe jetzt einfach zum Fenster und werde noch ein wenig die frische Nachtluft genießen.“

Er erhob sich wieder, ging durch den Raum, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen, öffnete ein Fenster und sog die würzige Luft ein.

„Ach, was für eine herrliche Nacht! Spürt Ihr den Rosenduft aus Eurem Garten? Man kann hinunter sehen bis zur Weser und das Mondlicht glitzert auf dem Wasser. Der Himmel wird uns beistehen in dieser Nacht.“

Anna blieb stumm.

„Ich höre eine Grille. Das verheißt gutes Wetter, nicht wahr? So Gott will, wird es eine gute Ernte geben.“

Anna blieb stumm.

„Ist Euch nicht zu warm? Dort hinten in diesem Alkoven ist es arg stickig. Die Luft hier ist herrlich frisch. Ihr solltet herkommen und auch diese Sommernacht genießen. Oh, ich glaube, ich sehe sogar ein paar Glühwürmchen.“

Anna beobachtete ihn eine Weile. Er drehte ihr den Rücken zu. Er war so groß, mit starken Schultern, die schwarzen Locken fielen ungebändigt auf sein Hochzeitshemd aus gelber Seide. Die weiten Ärmel hatte er zurückgeschlagen, so dass seine gebräunten Unterarme sichtbar wurden, als er das Fenster öffnete. Wie bei einem Bauern, dachte Anna, so braun ist seine Haut, als wenn er Tag für Tag der Sonne ausgesetzt wäre.

Es dauerte nicht lange, da wurde die Sehnsucht nach der frischen Luft übermächtig. Mit nackten Füßen lief Anna über den Holzfußboden. Er rückte ein Stück zur Seite und ließ sie hinausschauen. Bernhard grinste sie spitzbübisch von der Seite an: „Na gut, das mit den Glühwürmchen war eine Lüge.“

Er vermied jede Berührung, bis sie durch den kühlen Luftzug etwas schauderte. Da legte er vorsichtig seinen Arm um ihre Schultern. Sie zuckte nicht zurück, sondern zeigte ihm das Dorf auf der anderen Seite des Flusses und die lippischen Hügel in der Ferne. So standen sie eine Weile, Annas Herz schlug viel zu schnell, dennoch suchte sie bald die Nähe und die Wärme seines Körpers. Sie ließ es zu, dass er sie auf die Wange küsste und regte sich auch nicht, als seine Lippen sanft forschend ihren Hals erkundeten. Nach einer Weile hob er sie vorsichtig an und trug sie zurück zum Bett. Sie schaute ihn zwar sehr ernst mit ihren wasserblauen Augen an, aber sie wehrte sich nicht. Er legte sie oben auf den vielen Kissen ab und setzte sich auf die Bettkante. Jetzt lächelte sie sogar und griff vorsichtig in seine Locken.

„Ich habe noch nie so schwarze Haare gesehen.“

Bernhard nahm ihr die Haube ab und löste ihren langen blonden Zopf. Er verflocht eine ihrer blonden Strähnen mit seinen Locken und kam langsam ihrem Gesicht näher. Er küsste sie auf beide Wangen und streichelte über ihren Hals und ihre Brüste. Er erkundete mit seinen Händen ihren Körper, fand zu Annas Erstaunen viele Plätze, die wohl noch nie zuvor ein anderer Mensch ertastet hatte. Sie rührte sich nicht, vor allem bemüht, zumindest weiter zu atmen. Endlich entledigte er sich seiner Beinkleider. Dann kam er über sie. Ihr Herz raste und sie meinte, in der Hitze ersticken zu müssen. Sein Hals war ganz nah an ihrem Mund. Er roch gut, so gut, dass sie den Drang spürte, in seine Haut beißen zu wollen. Sie schämte sich für diesen Gedanken und tat es nicht. Stattdessen begann sie, leise zu beten: „Gott, steh mir bei“ und „Mutter Maria, verlass mich nicht“. Er liebkoste ihren Körper und flüsterte ihr Zärtlichkeiten ins Ohr und eine schwarze Locke strich über ihre betenden Lippen. Plötzlich fühlte sie sein warmes Glied, das in sie eindrang, und einen leichten Schmerz. In ihrer Angst verkrampfte sie sich mehr und mehr. Mit einer Hand tastete sie nach ihrem Rosenkranz und fand ihn nicht. Die Hand krallte sich im Laken fest.

Seine Bewegungen wurden rhythmisch, er stöhnte leise. Es dauerte viel länger, als Anna das bei den Hengsten beobachtet hatte. Da hörte sie ein Hüsteln, das eindeutig vom Flur hinter dem Holzgitter herkam. Vor Scham wollte sie sich auflösen und konnte doch nur die Augen schließen. Auch Bernhard hatte offensichtlich das Hüsteln vernommen, seine Bewegungen wurden hektischer und ein dumpfer Schmerz durchzog ihren Unterleib bei jedem Stoß.

Es erschien Anna eine Ewigkeit, bis er sich endlich entspannte und schweißgebadet von ihr abließ. Er küsste noch einmal ihre Hände, drehte sich zur Seite und löschte die Kerze. Alsbald schien er in einen tiefen Schlummer gefallen zu sein. Anna spürte die Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln, von der sie nicht wusste, ob es ihr Blut oder sein Samen oder beides war. Sie wagte nicht, sich zu rühren aus Angst vor den stummen Zeugen auf dem Gang, auch hätte sie den Alkoven nur verlassen können, wenn sie über den schlafenden Bernhard gestiegen wäre. So blieb sie liegen, steif wie eine Wachspuppe und wartete auf den Morgen.

***

Annas Brautschatz füllte fünf große Wagen, gezogen von jeweils zwei kräftigen Pferden, die man mit fröhlichen bunten Bändern geschmückt hatte, um aller Welt kund zu tun, dass hier ein Hochzeitszug unterwegs war. Da waren Truhen mit Leinen- und Seidenstoffen, Bettzeug und Tischwäsche, Truhen mit Kleidern aus Wolle und Brokat, Stickereien, Spitzhüte mit zarten Schleiern, Daunen und Schafwolle, wieder andere mit feinstem Kupfergeschirr und Tonwaren, gläsernen Krügen und Schalen, silbernen Löffeln, Kerzenhaltern und kostbarem Bienenwachs, außerdem ein großer Spiegel und eine Schatulle gefüllt mit feinstem alten Goldschmuck, der aus dem fernen Holstein von Annas Großmutter stammte. Hinterdrein zogen Ochsengespanne fünf Wagen mit Vorräten, vor allem Getreide, ging es doch in ein geplündertes, geschundenes Land, dessen Ernten zum großen Teil vernichtet waren. Den Schluss des langen Zuges bildeten ein paar Viehtreiber mit Kühen, Ziegen und Schafen.

Die Straßen waren wieder passierbar geworden, die böhmischen Söldner waren in alle Winde zerstreut und hatten sich neue Kriegsherren gesucht, nachdem der Erzbischof von Köln keinen Sold mehr zahlen konnte und zwischenzeitlich sogar hatte fürchten müssen, dass sich die gottlose Meute gegen ihn selbst und die Stadt Köln wenden könnte.

Nachdem der Wagenzug die Weser auf der Brücke von Rinteln überquert hatte, wurde nur allzu bald deutlich, wie sehr das Lipperland unter dem Böhmensturm gelitten hatte. Kein Dorf ohne zerstörte Felder oder verbrannte Häuser, kein Dorf, das nicht mindestens einen Toten zu beklagen hatte, und kein Dorf, in dem man gewusst hätte, wie nun der nächste Winter zu überstehen sei.

Am dritten Tag näherten sie sich Blomberg, der ehemals so blühenden Residenz des Grafen zur Lippe.

Am Ende des weiten Tals thronte die Burg auf einem steilen Hügel. Mit ihren mächtigen Bruchsteinmauern sah sie von weitem aus wie ein Fels, gekrönt von kunstvollem Fachwerk und einem leuchtend roten Dach. Sie sah völlig unversehrt aus.

Die letzten Dörfer, die sie durchquerten, waren praktisch dem Erdboden gleichgemacht. Überall schlug ihnen der Geruch von Brand und Fäulnis entgegen. Die Dorfbewohner kamen aus ihren notdürftig errichteten Hütten und Unterständen und standen stumm am Straßenrand. Die von Hunger und Müdigkeit gezeichneten Gesichter starrten auf den Zug von prächtigen Pferden und Wagen, nur wenige neigten den Kopf zum Gruß. Der Graf vermied es, in die Gesichter der Menschen zu sehen, und ritt wortlos vorbei. Dann war die Stadt auf dem Hügel ganz nah. Die fest gefügte Mauer aus grauen Feldsteinen mit ihren wuchtigen Türmen schien unzerstört. Die dichte Hecke, die sich ganz um die Stadt zog und die Ufer des Wassergrabens waren jedoch an vielen Stellen zertrampelt und verwüstet.

Sie überquerten den Graben beim Vorwerk, dessen Dächer zum größten Teil ausgebrannt waren, und es ging steil bergauf zum unteren Stadttor.

Das Tor stand offen, es war keine Wache zu sehen. Sie betraten die Stadt, ohne anzuhalten. Links neben der Stadtmauer war eine enge Gasse mit unversehrten kleinen Häuschen, die sich seltsam unwirklich von den schwarz verkohlten Trümmern der übrigen Straßen abhoben.

Sie ritten den Steinweg hinauf. Auf einem Grundstück ragten Balken in Form eines riesigen Kreuzes wie ein Mahnmal in den Himmel. Zwischen den Resten der Häuser liefen Schweine und Hühner umher, die nach Nahrung suchten. Vereinzelt sah man Gruppen von Frauen und Männern, die verkohlte Balken beiseite räumten oder Unterstände bauten. Als sie die Pferde und Wagen sahen, ließen sie von ihrer Arbeit ab und schlossen sich dem Zug an. Auch hier war kaum ein Wort der Begrüßung zu hören.

Die Farbe aus Annas Gesicht war gewichen, mit weit aufgerissenen Augen schaute sie sich um. Endlich erreichten sie den Marktplatz, aber auch hier nur ein Bild der Zerstörung. In der Mitte des Platzes war ein großer Haufen mit Holzbalken und Brettern aufgeschichtet, die den Brand halbwegs unversehrt überstanden hatten und vielleicht noch brauchbar waren.

Der Platz füllte sich schnell mit Menschen, die alle stumm auf den Grafen schauten.

Aus den Ruinen des Rathauses trat der Bürgermeister. Die Begrüßung fiel zu laut und überschwänglich aus:

„Willkommen zu Hause, Herr Graf, und ein herzliches Willkommen auch Ihrer schönen jungen Frau! Nun wird alles gut werden. Gott sei Dank seid Ihr am Leben! Wir werden mit Gottes Hilfe bald bessere Zeiten haben.“

Der Graf nickte dem Bürgermeister beifällig zu, schwang sich direkt vom Pferd auf den Holzstapel und wandte sich an die Menschenmenge vor ihm:

„Blomberger Bürger! Ich stehe tief in Eurer Schuld. Eine Horde von Barbaren hat unsere blühende Stadt überfallen und ohne Gnade Männer, Frauen und Kinder dahingemetzelt, Häuser und Felder zerstört und das Vieh geschlachtet. Euch ist großes Unrecht widerfahren und ich habe Euch nicht schützen können. Ich weiß, ich bin jung, aber dennoch will ich mein Leben und alles, was ich habe, einsetzen für diese Stadt. Diejenigen von Euch, die meinen Vater noch gekannt haben, wissen, dass er stets seine ganze Kraft für das Lipperland gegeben hat, so, wie es danach auch unser verehrter Kanzler Möllenbeck tat …“

Beifälliges Gemurmel war zu hören.

„… und so will ich diesen edlen Männern nacheifern. Ich liebe diese Stadt, unser aller Heimat. Sie darf nicht untergehen! Auch wenn ihr alles verloren habt, die Heimat im Herzen kann euch niemand nehmen. Gemeinsam werden wir die Stadt für uns und unsere Kinder wieder aufbauen und sie zu dem machen, was sie einmal war, eine schöne, blühende Residenz, die Blume des Lipperlandes. So habe ich beschlossen, dass alle Einnahmen, die wir in den nächsten Jahren aus dem Wegezoll am Hellweg und an der Straße nach Lemgo erhalten, in den Wiederaufbau der Stadt fließen sollen. Außerdem mag von Stund‘ an jeder Blomberger Bürger Holz schlagen in den gräflichen Wäldern am Winterberge und im Hurn, sowohl zum Aufbau der Häuser als auch im Winter, falls es nötig sein wird, zum Heizen. Und Pfarrer Glede wird Mittel erhalten, um denen zu helfen, die alles verloren haben, damit, so Gott will, niemand Hungers sterben muss.“

Viele der Menschen hatten mittlerweile den Kopf gehoben und sahen den Grafen an, hier und da sah man sogar ein zustimmendes Nicken. Der Graf fuhr noch einmal mit lauterer Stimme und erhobenen Händen fort:

„Aber ohne euch bin ich nichts, nur wenn auch ihr nicht aufgebt trotz allen Unrechts und anpackt, dann können wir gemeinsam einen neuen Anfang machen! Gott wird uns beistehen in dieser schweren Stunde und uns Kraft geben.“

Der Graf drehte sich kurz um, reichte Anna die Hand und zog sie auf den Holzstapel. Dann sagte er:

„Und nun, liebe Blomberger, möchte ich euch noch meine Frau, Anna von Schaumburg, vorstellen, auch sie wird ihre ganze Kraft in unsere große Aufgabe legen. Möge unser junges Glück ein gutes Vorzeichen für den Neuanfang in unserer Stadt sein!“

Als der Graf geendet hatte, entspannten sich die Gesichter, vereinzelt war sogar „Es lebe der Graf und die Gräfin!“ zu hören. Die Menge zerstreute sich langsam und die Bürger gingen unter leisem Gemurmel wieder an die Arbeit.

Anna atmete tief durch. Noch immer standen sie beide auf dem Holzstapel und der Graf hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, so dass sie sich sicher fühlte trotz der wackligen Bohlen unter ihren Füßen, so, als sei sie genau am richtigen Platz. Skeptisch und bewundernd zugleich schaute sie auf zu ihrem jungen Ehemann. Er hatte ein unglaubliches Talent, Menschen auf seine Seite zu ziehen. Wie gewinnend dieser Mann sein konnte! Wie vertrauenerweckend! Als wäre er ganz und gar, mit Körper und Seele und all seiner Kraft nur für seine Blomberger da!

In den wenigen Wochen ihrer Ehe hatte Anna schon so viele Facetten seines Wesens erlebt: Sein Lächeln war selten warmherzig wie heute, vielmehr war es meistens spöttisch, oft hochfahrend und arrogant. Und selbst wenn sie glaubte, Wärme und Zuneigung zu erfahren, so erschrak sie bei näherem Hinsehen wieder über das dunkle Feuer in seinen Pupillen. Er konnte stolz und unnahbar wirken und einen Augenblick später wieder hilflos erscheinen. Oft meinte sie gegenläufige Gefühle in seiner Miene zu entdecken, Liebe und Hass, abgeklärte Überlegenheit und mühsam kontrollierte Wut, kindliche Unsicherheit und überlegene Güte, all das war gleichzeitig in seinem Gesicht zu lesen. Anna wurde einfach nicht schlau aus ihm. Sie bewunderte und verabscheute ihren jungen Gatten, mal empfand sie leise Zärtlichkeit und dann doch wieder Angst. Sie ertappte sich dabei, dass sie es vermied, ihm direkt in die Augen zu sehen, um ihrer eignen Verunsicherung zu entgehen. Sie war nicht die einzige in der Umgebung des Grafen, die ihren Blick oft gesenkt hielt, was ihm trotz seiner Jugendlichkeit eine Aura von Macht und Einsamkeit verschaffte.

In dem Moment war er von dem Holz hinunter gesprungen und hob sie im hohen Bogen zu sich herab.

„Komm, Anna, meine Liebe, ich will dir endlich dein neues Zuhause zeigen! Es wird hier bald wieder ganz anders aussehen, glaub mir.“

Heute konnte sie ihm gut in die Augen sehen.

Sie führten die Pferde am Zügel über den weiten Platz mit der Lehenslinde, den Weg hinauf zum inneren Tor der Burg. Auch dieses Tor stand offen, Wachen waren nicht zu sehen. Der leicht nach hinten ansteigende Hof war übersät mit Mist, zerbrochenen Möbeln und Scherben. Die Tür zu den Pferdeställen zur Linken stand auf, am Gesindehaus daneben war die Tür ganz zerschlagen. Am Haupthaus hinter dem Brunnen waren viele Fensterrahmen halb oder ganz aus ihren Angeln gerissen. Das Fachwerk war schwarz von Ruß. Nur der Burgfried und der Palas zur Rechten mit dem Rittersaal schienen weitgehend unversehrt. Nirgends war ein Mensch zu sehen, kein Laut zu hören, Totenstille. Sie hielten ihre Pferde am Zaum, blieben unter dem Torbogen stehen und starrten fassungslos auf die Szenerie. Hinter ihnen zwängte sich keuchend der Bürgermeister zwischen den Wagen mit Annas Mitgift hindurch.

„Verzeiht, Euer Gnaden, verzeiht, dass ich Euch nicht gleich berichtet habe! Wir wussten ja nicht, dass Ihr heute zurückkehrt, sonst hätten wir …“

„Waterbecker!“, der Graf zog sein Pferd in den Hof hinein, „was um Himmels willen ist hier geschehen? Wo sind die Leute?“

„Alle tot, Herr Graf!“

„… Alle?“

„Der junge Walter, der Knappe, kam nach ein paar Tagen aus dem Wald. Er hat mitgeholfen, die Toten hier zu bestatten. Aber es war zu viel für den Jungen. Die Kriegsmeute hatte manche enthauptet und die Köpfe hier im Hof umher gerollt. Jedenfalls konnten wir die Leichenteile gar nicht sicher zusammenfügen. Einige hatten sie auch angezündet, die waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und viele Frauen waren geschändet.“

Der Bürgermeister blickte zu Boden und brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen. Die Ankömmlinge von der Schaumburg hatten ihm mit schreckgeweiteten Augen zugehört und der Graf schüttelte nur den Kopf. Waterbecker fuhr fort:

„Also für den Walter war das nichts, er ist ja fast noch ein Kind. Aber er hat geholfen, die Leichen auf dem Kirchhof zu begraben. Wir haben ein großes Grab für alle ausgehoben und Pfarrer Glede lebt, also haben sie ein christliches Begräbnis bekommen, ihre Seelen ruhen in Frieden … Aber dann habe ich den Walter zum Vorwerk ins Tal geschickt, es ist doch Erntezeit, dort wird jetzt auch jede helfende Hand gebraucht, um das wenige zu ernten, was die Barbaren übrig gelassen haben. Und, na ja, die ganze Stadt liegt in Trümmern … da haben wir hier in der Burg noch nicht angefangen …“

„Es ist gut, Waterbecker, ich danke Euch, dass Ihr in diesem schrecklichen Unglück so umsichtig gehandelt habt.“

Und mehr zu sich selbst: „Mein Gott, ich wusste doch nicht, dass es so schlimm ist … , ich … ich hätte niemals fortgehen dürfen in jener Nacht. Auch der alte Burgvogt ist tot?“

Waterbecker nickte nur.

Der Graf schloss kurz die Augen.

„Liebste Anna, so einen Anfang hast du nicht verdient.“

Anna blickte in die Runde, als wollte sie eine Auflistung der Zerstörung machen.

„Es ist schrecklich, Bernhard, aber ich bin sicher, Gott erwartet mit dieser Prüfung von uns, dass wir stark sind. Die Menschen hier brauchen uns, die Burg steht noch, wir müssen anfangen!“

Der Graf sah verwundert auf seine Frau, bisher hatte er sie eher als unsicher und verschüchtert erlebt. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis sie sich richtig kennengelernt hatten. Als Bürgermeister Waterbecker bat, sich zurückziehen zu dürfen, gab er ihm noch mit, nach Walter zu schicken, er wünschte sich doch sehr, wenigstens ihn als alten Getreuen an seiner Seite zu haben.

Die zwölf Knechte, die Anna zum Transport ihrer Habe von der Schaumburg mitgenommen hatte, machten sich daran, den Pferdestall soweit herzurichten, dass man die Pferde unterstellen und versorgen konnte.

Der Graf und seine Frau betraten die große Halle. Die Decken waren rußgeschwärzt wie das Fachwerk draußen, die Wandmalereien kaum noch zu erkennen. In der Mitte war eine Art Scheiterhaufen aufgeschichtet aus Möbeln, Wandteppichen, Bettzeug und Leinenstoffen. Aus welchem Grund auch immer war dieses Feuer aber vorzeitig erloschen, sogar einige Leintücher waren fast erhalten, nur an den Rändern ein wenig angesengt. Diesem Umstand war es wohl zu verdanken, dass die Burg anders als die meisten Häuser in der Stadt nicht abgebrannt war, denn hätte dieses Feuer je die Treppe erreicht, so hätten sicher das obere Fachwerk und der Dachstuhl im Handumdrehen in Flammen gestanden.

Anna zog Leintücher aus dem Haufen und schüttelte die Asche ab. Sie nahm den Grafen bei der Hand. In der angrenzenden Küche war zwar alles voller Schmutz, aber die Gerätschaften zum Teil noch vorhanden. Anna wischte versonnen einige Kupferpfannen ab, die an der Wand hingen.

„Bernhard, ich brauche noch heute zwei oder drei Mägde, und wir werden das alles hier ganz schnell wieder bewohnbar machen. Noch heute, hörst du, je länger wir auf dieses schwarze Unglück schauen müssen, desto trauriger werden wir nur.“

Von der Halle her war ein leiser Ruf zu vernehmen:

„Herr Graf?“

Dort stand Walter. Der Graf schloss seinen Knappen in die Arme.

„Herr Graf, Ihr lebt, welch ein Segen!“

„Ich lebe, Walter, und verheiratet bin ich auch, komm und begrüße Anna, die neue Gräfin zur Lippe!“

Walter verbeugte sich artig.

Gemeinsam gingen sie durch die anderen Räume: den großen Rittersaal, das Erkerzimmer, die Kammern, nichts als Brandgeruch und Ruß, zerstörte Möbel und zerrissenes Tuch. Auch die kleine Kapelle neben dem inneren Tor war verwüstet, selbst das Altarbild hatte man mit einer Axt in kleine Stücke gehackt.

Als sie wieder im Hof ankamen, sagte der Graf: „Walter, ich hätte gleich einen Auftrag für dich. Kannst du dich in der Stadt umhören, ob ein paar junge Frauen bereit wären, für die Gräfin als Magd zu arbeiten, möglichst heute noch? Und wie du siehst, haben wir Knechte von der Schaumburg mitgebracht. Gemeinsam werden wir hier bald die gröbsten Schäden ausgebessert haben. Weißt du, ob der Brunnen noch intakt ist? Das werden wir untersuchen müssen.“

„Verzeiht, Herr Graf, ich hätte … ich konnte nicht … allein …“

„Ich weiß, Walter, der Bürgermeister hat mir schon berichtet, es muss schrecklich gewesen sein.“

In den nächsten Tagen übernahm Anna das Regiment auf der Burg. Sie stellte eine junge Witwe, Margret mit Namen, fest als Haushälterin ein, weil ihr deren couragiertes Wesen auf Anhieb gefiel. Zwei Waisenmädchen nahm sie als Mägde auf. Die anderen Frauen, die Walter schon nach einer Stunde auf den Burghof gebracht hatte und die sich alle eine Erlösung aus dem wochenlangen Elend erhofften, ließ sie zumindest zwei Tage lang gegen Auszahlung von Getreide und Speck beim Aufräumen mithelfen. Die von der Schaumburg mitgebrachten Vorräte schrumpften schnell, sodass Anna gezwungen war, diese Frauen bald nach Hause zu schicken und die Essensausgabe an die verbliebenen Burgbewohner streng einzuteilen.

Der Graf sah mit Verwunderung, wie Anna ohne seine Hilfe zurechtkam. Mägde und Knechte spannte sie in ihre Tagespläne mit ein. Sie ließ die Wände kalken, Türen, Fenster und Treppen instand setzen und ein Schreiner musste einige einfache Bänke, Tische und Truhen zimmern. Aus den mitgebrachten Stoffen von der Schaumburg ließ sie Vorhänge nähen und die Gobelins im Rittersaal wurden ausgebessert und gereinigt. Nach wenigen Wochen waren der Brandgeruch in der Burg durch den Duft von Rosenwasser verdrängt, die Fußböden gesäubert und mit frischen Kräutern belegt. Die Küche war blitzblank geschrubbt und wieder nutzbar, sodass häufiger der köstliche Duft von Gesottenem die Burg wie früher durchzog. Anna ordnete an, auch die Gesindeunterkünfte gründlich zu reinigen, von Ungeziefer zu befreien und zu kalken. Alle Strohsäcke wurden gewaschen und neu befüllt.

Der Winter verlief glücklicherweise mild. Möllenbeck hatte einen tüchtigen Burgvogt gefunden und die neue Saat versprach das Beste. Viele Bürger in der Stadt hatten ihre Häuser schon instand gesetzt und der Markt fand wieder regelmäßig statt. Es gab allerdings noch so manche Ruine, viele Arme, die in Verschlägen hausen mussten, besonders die Witwen und Waisen waren seit dem Brand auf Almosen angewiesen. Obwohl das Land jetzt befriedet war, saß der Groll gegen den Erzbischof tief, auch der Graf sann weiterhin auf Rache. Aber als er im Frühsommer einen Lehenstag für all seine Vasallen abhielt, war die einhellige Meinung, man müsse noch abwarten, das Land sei zu geschwächt, und da sowohl die Stadt Soest, als auch Kleve und Lippe seit einem Jahr von den erzbischöflichen Truppen unbehelligt geblieben seien, solle lieber ein Friedensschluss auf dem Verhandlungswege gesucht werden. Das Erzbistum sei in finanziellen Nöten, das sei allgemein bekannt, und werde außerdem von Burgund bedroht, damit sei man in einer guten Verhandlungsposition.

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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
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ISBN:
9783899188158
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