Kitabı oku: «Grundlagen der globalen Kommunikation»

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Kai Hafez / Anne Grüne

Grundlagen der globalen Kommunikation

Medien – Systeme – Lebenswelten

UVK Verlag · München

Prof. Dr. Kai Hafez ist Inhaber der Professur für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Vergleichende Analyse von Mediensystemen / Kommunikationskulturen an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt.

Dr. Anne Grüne ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt.

© UVK Verlag 2021

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Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

ISBN 978-3-8252-5551-0 (Print)

ISBN 978-3-8463-5551-0 (ePub)

Inhalt

  Einleitung

  1 Theorie der globalen Kommunikation 1.1 Allgemeine Kommunikationsmodi der globalen Kommunikation 1.2 Kommunikationssysteme, Lebensweltwelten und deren Wandel 1.3 Spezifische Kommunikationsmodi (Systemverbindungen) von Systemen und Lebenswelten 1.4 Systemdependenzen und Lebensweltbeziehungen

 2 Massenmedien und Weltöffentlichkeit2.1 Systeme und Systemwandel2.2 Kommunikative Systemverbindungen2.2.1 Diskursanalyse2.2.2 Öffentlichkeitstheorie

 3 Politik – globale Kommunikation des Staates3.1 Systeme und Systemwandel3.2 Kommunikative Systemverbindungen3.2.1 Interaktion und Dialog3.2.2 Interaktion und Organisationskommunikation3.2.3 Beobachtung und Diffusion3.2.4 Diskursive (externe) Kommunikation

 4 Wirtschaft – globale Unternehmenskommunikation4.1 Systeme und Systemwandel4.2 Kommunikative Systemverbindungen4.2.1 Interaktion und Dialog4.2.2 Interaktion und Organisationskommunikation4.2.3 Beobachtung und Diffusion4.2.4 Diskursive (externe) Kommunikation

 5 Zivilgesellschaft und globale Bewegungskommunikation5.1 Systeme und Systemwandel5.2 Kommunikative Systemverbindungen5.2.1 Interaktion und Dialog5.2.2 Interaktion und Organisationskommunikation5.2.3 Beobachtung und Diffusion5.2.4 Diskursive (externe) Kommunikation

 6 Großgemeinschaften – globale Netzkommunikation6.1 Systeme und Systemwandel6.2 Kommunikative Systemverbindungen6.2.1 Interaktion und Dialog6.2.2 Beobachtung und Diffusion6.2.3 Diskursive (externe) Kommunikation

 7 Kleingruppen – globale Lebensweltkommunikation I7.1 Lebensweltstrukturen globaler Gruppenkommunikation7.2 Kommunikative Verbindungen der Lebenswelt7.2.1 Interaktion und Dialog7.2.2 Beobachtung

 8 Individuum – globale Lebensweltkommunikation II8.1 Lebensweltstrukturen globaler Individualkommunikation8.2 Kommunikative Verbindungen der Lebenswelt8.2.1 Interaktion und Dialog8.2.2 Beobachtung und Diffusion8.2.3 Diskursive (externe) Kommunikation und globale Handlungen

  9 Interdependenzen von Systemen und Lebenswelten 9.1 Grundlagen der Interdependenz 9.2 Globale horizontale Interdependenz 9.3 Globale und lokale vertikale Interdependenz

  Fazit und Zukunftsperspektiven

  Danksagung

  Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Globalisierung ist auf dem Markt der Ideen in der Gegenwart nahezu konkurrenzlos. Wie kein anderes Phänomen prägt sie unser Denken und stiftet eine die gesamte Menschheit verbindende Vision der Gleichzeitigkeit, der Verbundenheit und sogar der Gemeinsamkeit. Jenseits des Horizonts der Globalisierung warten nur noch die Sterne, über die wir noch keine sozialwissenschaftlichen Aussagen tätigen können. Diesseits der Globalisierung hingegen gibt es keine echten Fortschrittsvisionen, denn alle anderen sozialen Formationen – von der Familie über das Dorf bis zum Nationalstaat – gibt es ja bereits. Die Lokalisierung ist zwar irgendwie der Gegenpol zur Globalisierung, besitzt aber keinerlei echte Bedeutung als Fortschrittsidee für die Menschheit. Die Globalisierung entfaltet damit eine einzigartige geistige Anziehungskraft, obwohl sie noch unvollendet und in die Zukunft gedacht erscheint, was auch erklärt, warum sie zugleich ein politischer Kampfbegriff geworden ist. Zwischen Globalisierungsbefürwortern und -gegnern tun sich politische Gräben auf. Nach der Euphorie um Globalisierung kam die Ernüchterung und mit ihr wuchs die Gegnerschaft. Vision, Schimäre, Chamäleon – all das ist die Globalisierung.

Globalisierung der zwei Geschwindigkeiten

Der Begriff Globalisierung ist aus solchen Gründen in den letzten Jahrzehnten auch eines der bedeutsamsten Erklärungsmodelle der Wissenschaft mit erheblicher gesellschaftlicher Relevanz geworden. Er verweist auf nichts Geringeres als auf eine prinzipielle Neuordnung politischer, ökonomischer und sozialer Beziehungen mit Blick auf die Beseitigung oder Überwindung der bisherigen staatlichen und kulturell-sprachlichen Grenzen. Trotz dieses weitgehend geteilten alltagstheoretischen Verständnisses von Globalisierung kann von einer eindeutigen Definition des Begriffs auch im engeren wissenschaftlichen Diskurs allerdings nicht die Rede sein.

Das Konzept der Globalisierung, wie es in diesem Buch verwendet wird, bedeutet nicht einfach „Universalität“, die Vorstellung also, dass Menschen heute weltweit in ähnlichen Formen der (technischen usw.) Moderne leben, die sich auf mysteriöse Weise über den Erdball ausgebreitet hat. Globalisierung wird vielmehr explizit als „Konnektivität“ verstanden (Axford 2013, S.22). Es geht dabei um die Frage, wie Medien, Systeme und Lebensweltakteure mit vielfältigen Arten der menschlichen Kommunikation Grenzen überschreiten und ob und wie diese kommunikative Weltentgrenzung mit neuen Formen einer integrativen Welt- und Wissensgemeinschaft und -gesellschaft zusammenhängt.

Die Globalisierung ist gewissermaßen ein Mythos im umfassenden Wortsinn geblieben – nicht, weil sie gar nicht realisiert worden wäre, sondern weil die mit ihr verbundenen Phänomene ambivalent bleiben. Rückschläge der und Gegentendenzen zur Globalisierung lassen sich allenthalben erkennen. Der deutsche Soziologe Richard Münch hat die Herausforderungen der Globalisierung klar benannt. Er geht davon aus, dass die wachsende Interdependenz zwischen den Staaten von den nationalen Bevölkerungen vielfach keineswegs unmittelbar nachvollzogen wird, sondern dass sich politische, ökonomische und gesellschaftliche Eliten in einer Vermittlerrolle befinden, aus der heraus sie den Nationalstaat nach außen öffnen, während sie zugleich nach innen um Vertrauen für diese Politik werben müssen (1998, S.350ff.). Münch spricht von einer Spaltung zwischen der „Avantgarde“ einer „global denkenden Modernisierungselite und eine(r) umso heftiger auf nationale Solidarität pochende(n) Masse“ (ebenda, S.352). Eine weltbürgerliche Gemeinschaft zu schaffen, hält er für eine zentrale Gegenwartsaufgabe.

Trotz eines gewissen Unbehagens an den Konzepten der „Elite“ und der „Masse“ erinnert Münchs Analyse an frühere Unterscheidungen wie die von Richard K. Merton zwischen „Kosmopoliten“ (cosmopolitans) und „Einheimischen“ (locals) (1968, S.441ff.) oder an den Begriff der „Globalisierung der zwei Geschwindigkeiten“ von Kai Hafez (2009a, S.14ff.). Die Ungleichzeitigkeit der Globalisierung betrifft nicht nur soziale Gruppen, sondern auch organisierte Sozialsysteme, zum Beispiel die Massenmedien, die in den vergangenen Jahrzehnten eine „tektonische Verschiebung“ erlebt haben, weil technische und ökonomische Aspekte der Medienglobalisierung vielfach schneller vorangeschritten sind als inhaltliche und weil im angeblichen Zeitalter der Globalisierung weder mehr noch vielfältiger über die Welt berichtet wird als zuvor (Hafez 1999). Im Gegenteil: Die Ressourcen des Auslandsjournalismus sind knapper geworden, was folglich dazu beiträgt, dass strukturelle politische und ökonomische Interdependenzen zwischen Staaten wachsen, ohne dass das dialogische und diskursive Verständnis der Gesellschaften automatisch mitwächst, was wiederum innen- und außenpolitische Feindbilder und Konflikte anheizt (ebenda, vgl. a. Stone/Rizova 2014).

Ähnlich uneinheitlich verläuft auch die innere Entwicklung der vorgeblichen globalen Eliten. Selbst der liberale Gesellschaftsteil denkt und agiert vielfach alles andere als kosmopolitisch und bleibt tief verwurzelt in nationalem Habitus (Müller 2019a, 2019b). Die politischen und wirtschaftlichen Systeme tragen in ihrer ambivalenten Haltung gegenüber der Globalisierung zur Globalisierungsfeindlichkeit manch politischer Strömungen bei, wenngleich ihr Globalisierungstempo insgesamt ein höheres sein mag als das der Lebenswelten der Bevölkerungen. Zumindest erscheint die „Globalisierung des Alltags“ von Individuen, Gruppen und Gemeinschaften bei genauerem Hinsehen wenn auch heterogen dennoch träger als die von Politik und Wirtschaft zu sein. Trotz zahlreicher „globaler Injektionen“ durch Waren, Massenmedien und punktuelle globale Mobilität in den Privatwelten von Menschen sind diese doch nach wie vor stark lokal geprägt. Die „Globalisierung der zwei Geschwindigkeiten“, die „Kluft zwischen Avantgarde und Massen“, die „tektonische Verschiebung“ der „Ambivalenzen“: All dies sind mehr oder weniger treffende Bilder für die heterogene Stellung von Systemen und Lebenswelten im Prozess der Globalisierung.

Die Renaissance rechtsradikaler Politik weltweit mit ihren Symptomen wie der Wahl Donald Trumps in den Vereinigten Staaten von Amerika, dem „Brexit“ in Großbritannien und rechtspopulistischen Regierungen in so unterschiedlichen Ländern wie Ungarn, Polen, Brasilien oder Indien – vom Islamismus ganz zu schweigen – ist als anti-globalistische Revolte zu deuten. Spätestens der Rechtspopulismus in Regierungsverantwortung beweist, wie wenig die Gesellschaften der Welt auf die Globalisierung eingestimmt sind und dass Vieles im Bereich der Internationalisierung in den letzten Jahrzehnten eher oberflächliche und kulturell unverdaute Warenzirkulation geblieben ist.

Selbst eine weltumspannende und – man könnte meinen verbindende – Pandemie wie die Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 seit Beginn des Jahres 2020 verläuft nicht ohne globale Wahrnehmungsdiskrepanzen. Die Perzeption der globalen Pandemie scheint abhängig davon zu sein, wie lokal über sie kommuniziert wird. Keineswegs erzeugen diese medialen und öffentlichen Konstruktionen auf Knopfdruck globale Solidaritätsnarrationen, sondern es werden ebenso lokal existierende Länderklischees aufgewärmt, rassistische Reaktionen verstärkt und eine Deutung der Globalisierung als Hochrisikoangelegenheit bemüht. Die Überbetonung des Negativen in der Ferne ist dabei keineswegs neu oder besonders, sondern eine bekannte Begleiterscheinung der globalen Moderne. Die „Ferne“ ist in ihrer und durch ihre kommunikative Vermittlung noch nicht hinreichend nah gerückt.

Medien, Systeme und Lebenswelten in der globalen Kommunikation

In der zeitgenössischen Diskussion gibt es zahlreiche Versuche einer Ursachenanalyse für den populistischen Rückschlag: Rassismus und kulturelle Überforderung, soziale Deprivation oder eine Kombination aus beiden Faktoren (Geiselberger 2017). Bislang existiert allerdings kein Ansatz, der die Verantwortung bei kommunikativen Defiziten sucht, also im Bereich der von Münch als notwendig beschriebenen „Vermittlungsleistungen“. Die Vorstellung aber, man könne globale Kommunikation quasi als feste Variable voraussetzen, während alle anderen Motive des globalen sozialen Handelns schwanken, ist grundfalsch. Weltweite Konnektivität ist ebenfalls ein heterogenes Phänomen, dessen Bilanz sich dieses Buch widmet.

Bis zum heutigen Tag beschäftigt sich kein Werk wirklich umfassend mit den grenzüberschreitenden Kommunikationsprozessen innerhalb wie auch zwischen den sozialen Systemen und Lebenswelten dieser Welt. Dabei erscheint es recht offensichtlich, dass die organisierten Systeme der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, dass also Staat, Unternehmen, Verbände und soziale Bewegungen, über bessere Voraussetzungen zur globalen Kommunikation verfügen als viele Bürgerinnen und Bürger. Bei der globalen Kommunikation geht es um den Umgang mit räumlicher Distanz und um grenzüberschreitende Kontakte. Mit hoher Intensität und Nachhaltigkeit zu interagieren und sprachübergreifend lokale Diskurse in anderen Erdteilen zu verfolgen, kann ein aufwendiges Unterfangen sein, für das viele Organisationen und die globale Avantgarde der Zivilgesellschaft trotz Massentourismus und kultureller Austauschprogramme besser ausgestattet sind als die meisten Privatpersonen. Zieht man zudem die Wohlstandskluft zwischen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern in Betracht, so wird deutlich, dass globaler Tourismus überhaupt nur einem kleinen Teil der Menschheit möglich ist. Statistisch gesehen ändert auch die Migration an diesem Sachverhalt wenig, denn weltweit leben lediglich etwa 3Prozent der Menschen außerhalb des Landes, in dem sie geboren wurden (IOM UN Migration 2018, S.18). Auf der anderen Seite zeigen globale soziale Bewegungen und internationale Netzgemeinschaften in welch faszinierendem Tempo zumindest ein Teil der Bevölkerungen globale Distanzen kommunikativ überwinden kann. Globales „Fremdverstehen“ und eine „globale Bürgergesellschaft“ sind keine Fantastereien mehr – das macht sie aber trotzdem noch nicht zu einer allumfassenden Realität.

Einen theoretischen wie empirischen Überblick über die disparaten Leistungen und Defizite der globalen Kommunikation zu verschaffen, ist die Intention dieses Buches. Dabei scheint die grundlegende Kapitelgliederung des Werkes nach sozialen Akteuren (Massenmedien, Staat, Unternehmen, Zivilgesellschaft, Großgemeinschaft, Kleingruppe und Individuum) statt nach Kommunikationsprozessen (wie Interaktion, Diskurs, Beobachtung) für eine Studie über globale Kommunikation erklärungsbedürftig zu sein. Zunächst einmal ist ersichtlich, dass Kommunikationsprozesse kopräsent sind, da sie die interne Gliederung der einzelnen Kapitel prägen. Die tiefere Ursache für den Hauptaufbau liegt aber in einer Herangehensweise begründet, die man als Mittelweg zwischen strukturalistischer und konstruktivistischer Betrachtungsweise bezeichnen kann. Im Rahmen der theoretischen Einführung wird ein System-Lebenswelt-Netzwerk-Ansatz vorgestellt, der davon ausgeht, dass Kommunikation kein frei flottierendes Epiphänomen ist, sondern nur verstanden werden kann, wenn die Kommunikatoren in ihren jeweils spezifischen Voraussetzungen und Fähigkeiten reflektiert werden.

Die Autoren dieses Buches schließen sich der Ansicht an, dass in der heutigen Globalisierungsforschung ein „Mangel an akteurs- und praxiszentrieren Studien“ besteht (Schmitt/Vonderau 2014, S.11) und dass das handelnde Subjekt wieder in die Analyse einbezogen werden muss, um zu einer überzeugenden Theoretisierung zu gelangen (Hay/Marsh 2000, S.13). Um ein Beispiel zu nennen: Ein egozentriertes globales Netzwerk eines Individuums ist etwas ganz Anderes als ein Unternehmensnetzwerk, was den prominenten Begriff der globalen „Vernetzung“ (u.a. Castells 2001) nur dann sinnvoll erscheinen lässt, wenn man die konkrete sozialtheoretische Verwendung mitdenkt. Globale Kommunikation wird also erst durch die Verbindung von kommunikationswissenschaftlichen Prozesstheorien mit sozialwissenschaftlichen Strukturtheorien verständlich. Im vorliegenden Werk werden auf der Prozessebene unter anderem Diskurs-, Interaktions-, Organisationskommunikations- und Diffusionstheorie sowie Ansätze der Inter-/Intra-Gruppen- sowie der interpersonalen Kommunikation und der Stereotypentheorie verwendet. Auf der Strukturebene kommen Theoreme der Mediensystemforschung und der Öffentlichkeitstheorie, der allgemeinen System-, Organisations- und Zivilgesellschafstheorie sowie der Lebenswelt- und Handlungstheorie zum Zuge. Da derzeit keine einheitliche Globalisierungstheorie zur Verfügung steht, haben wir uns bemüht, die unterschiedlichen Ansätze in der modularen Theoriebildung in einen möglichst stringenten Analyserahmen zu fügen, der die globale Kommunikation als Gesamtphänomen erklärt.

Trotz der Breite des Überblicks über verschiedene Teile der Gesellschaft müssen auch einige Leerstellen dieses Buches benannt werden, weil bestimmte Bereiche nicht einbezogen worden sind. Zum Beispiel sind weder dem globalen Wissenschaftssystem noch dem Kunst- und Kultursektor im engeren Sinne eigene Kapitel gewidmet worden. Bei den tatsächlich untersuchten Sozialsystemen sind im Bereich der Politik der Staat und nicht Parteien und Verbände, in der Wirtschaft die transnationalen Unternehmen und nicht der Handel und bei der Zivilgesellschaft NGOs und soziale Bewegungen, nicht aber Vereine und Verbände einbezogen worden. Die Darstellung der Großgemeinschaften beschränkt sich auf Netzgemeinschaften und bei der Reflexion der Kleingruppe ist ebenfalls nicht jeder einzelne Typus berücksichtigt worden. Dennoch wollen wir behaupten, dass das vorliegende Handbuch einen systematischen Überblick über die meisten zentralen Felder der globalen Kommunikation bietet, von den Massenmedien über organisierte Handlungssysteme bis hin zu wesentlichen Bereichen der Lebenswelten, und sie vielleicht erstmals in eine Gesamtschau fügt. Diese Arbeit betrachtet sich dennoch als Teil eines langfristigen Projekts im Bereich der kommunikationsorientierten Globalisierungsforschung, dem weitere Analysen folgen sollten.

Phasen der Globalisierungsforschung

Globalisierung, verstanden als Lehre der nationalen Grenzüberschreitung, ist einer der bedeutsamsten wissenschaftlichen Referenzbegriffe, der im 21.Jahrhundert allerdings in eine konzeptionelle Krise geraten ist. Der „seltsame Tod der ‚Globalisierung‘“ (Rosenberg 2005) hinterließ nicht wenige Protagonisten der Globalisierungsdebatte annähernd ratlos. Wie kam es zu dem raschen Niedergang des vielleicht schillerndsten wissenschaftlichen Paradigmas der Gegenwart? Ein Grund bestand sicher darin, dass der frühe „Hyperglobalismus“ von Autoren wie Anthony Giddens (2000), Ulrich Beck (1997), David Held und Anthony McGrew (2000, 2002) oder Manuel Castells (2001), der von der Globalisierung als einem geradezu allmächtigen Phänomen ausging, einfach zu vermessen gewesen war, um empirisch haltbar zu sein. Das Ende des Nationalstaates, die Transnationalisierung der Wirtschaft und die komplette Deterritorialisierung sozialer Beziehungen waren als Visionen zu weitgehend und zu anspruchsvoll, um realisierbar zu sein.

Gegen diesen ausufernden Normativismus formierte sich alsbald eine skeptische „zweite Welle“ der Globalisierungsforschung, die, wie es sich für einen ordentlichen Revisionismus gehört, die Grundannahmen des Feldes auf den Kopf stellte (Martell 2007). Aus Sicht der Kritiker wie Paul Hirst und Graham Thompson (1999), Colin Hay und David Marsh (2000), Terry Flew (2007) oder Kai Hafez (2005) war der Nationalstaat äußerst vital, die wirtschaftliche Globalisierung von begrenzter Tragweite und insbesondere die Vorstellung einer medial-kommunikativen Komplettvernetzung der Welt in weiten Teilen ein Mythos.

Es gibt jedoch Gründe dafür, warum auch das „Post Mortem“ (Rosenberg 2005) auf den Globalisierungsansatz ebenso verfrüht zu sein scheint wie der einstige Hyperglobalismus und wir uns mittlerweile in einer realistischeren „dritten Welle“ der Globalisierungstheorie befinden (Martell 2007). Absurderweise sind es gerade die einstigen Schwächen der Globalisierungsforschung, die nun für ihr Überleben sorgen. Globalisierung ist nämlich eigentlich immer ein Schlagwort geblieben, das zwar ein neues Raumkonzept für die Wissenschaft heraufbeschworen hat, dabei aber nie eine kohärente sozialwissenschaftliche Theorie geworden ist. Wenn eher klassische Ansätze wie der Neo-Institutionalismus, der Funktionalismus oder auch die Akteur-Netzwerk-Theorie heute so vital zu sein scheinen (vgl. Kap. 1.2), dann auch deshalb, weil die Globalisierungstheorie ihre Potenziale nie wirklich ausgeschöpft hat. Die Transformation älterer Konzepte der Sozialtheorie wie „Nation“, „Gesellschaft“, „Öffentlichkeit“, „Organisation“ oder „Gemeinschaft“ ist in der Globalisierungsdebatte selten überzeugend gelungen. Kernbegriffe der Diskussion wie „Transnationalisierung“, „Weltöffentlichkeit“, „Weltgesellschaft“, die „virtuelle Gemeinschaft“ oder das „globale Dorf“ (global village, McLuhan 1962) suggerieren eine einfache Deterritorialisierung bekannter Sozialkonzepte, ohne wirklich der Tatsache Rechnung zu tragen, dass der raumlose Zustand die Dinge substanziell verändert. Was vormals „Gesellschaft“ war, ist global keine Gesellschaft mehr, ebenso wenig wie Öffentlichkeit oder Gemeinschaft noch nach bekannten Regeln funktionieren. Dies aber bedeutet nichts anderes als eine Überforderung der Wissenschaft, denn es verlangt nach einer Aufgabe der Kompartmentalisierung von akademischen Fächern und Theorien (Axford 2013, S.3) und nach einer Interdisziplinarität, die bis heute nicht eingelöst worden ist.

Eine der Hauptursachen für die Stagnation mag dabei sein, dass Kommunikationsprozesse von den bekannten Vordenkerinnen und Vordenkern nie wirklich konsequent berücksichtigt wurden. Die Kommunikationswissenschaft, die eigentlich eine zentrale Rolle in der Debatte spielen sollte, wurde von den in der Diskussion führenden Soziologen und Philosophen zu einer Hilfswissenschaft degradiert, deren Prozesslogiken vielfach unter nebulösen Begriffen wie „Vernetzung“ verborgen blieben. Bei Vordenkern wie Giddens oder Held wurde die Beschleunigung und Deterritorialisierung technikbasierter Kommunikation geradezu zur unhinterfragten Prämisse einer Forschung, die sich fortan nur Gedanken darüber machte, wann der Nationalstaat diesem Druck der grenzüberschreitenden Kommunikation zum Opfer fallen würde (Hafez 2005, S.83ff.). Die Marginalisierung der Kommunikationstheorie hat eine der drei großen Ressourcen der Theoriebildung – Macht, Kapital, Kommunikation – an den Rand gedrängt und den Primat der anderen beiden (und den ihrer wissenschaftlichen Disziplinen) für Jahrzehnte gesichert.

Über die Ursachen für diese Ausgrenzung der Kommunikationstheorie kann man nur spekulieren. Lag es an der „Technophilie“, an einer übertriebenen Faszination für neue digitale Möglichkeiten? Ähnlich wie bei früheren theoretischen Auseinandersetzungen zwischen Modernisierungs- und Dependenztheoretikern waren die digitale Technikfixierung und die Unterbewertung sozialer Kommunikation immer auch Ausdruck eines Eurozentrismus, weswegen es nicht verwunderlich ist, dass die Globalisierungsdebatte vor allem von den anglo-amerikanischen Ländern ausging – und auch von dort aus scheiterte. Bei all dem hat die Kommunikationswissenschaft sicherlich auch eine Form der Selbstmarginalisierung betrieben, weil in ihr heute umfassende Makrotheorien weniger bedeutsam erscheinen als Teiltheoreme der Medienforschung oder der interpersonalen Kommunikation. Ein Fach, das sich die Makrotheorie der Öffentlichkeitstheorie oder der Systemtheorie (Habermas, Luhmann u.a.) von anderen Sozial- und Geisteswissenschaften borgt oder ihre Reflexion gleich ganz vernachlässigt, darf sich über seine Randstellung bei großen Wissenschaftsfragen nicht beklagen.

Dass einer der beiden Autoren dieses Buches frühzeitig globalisierungsskeptische Positionen äußerte, soll nun allerdings nicht bedeuten, dass das folgende Werk einfach der zweiten Welle der Globalisierungsdebatte zuzuordnen wäre. Zwar fließen zahlreiche revisionistische Fakten und Argumente in die nachstehenden Ausführungen und vor allem in die empirische Bilanz des gegenwärtigen Ist-Zustandes der globalen Kommunikation ein. Zugleich wird aber versucht, auf der Basis einer fundierten Kommunikationstheorie das zu tun, was man eigentlich der „dritten Welle“ der Globalisierungsforschung zuschreibt. Diese geht zwar nicht mehr von einer generellen, alles durchdringenden und überformenden Globalisierung aus, erkennt aber globale „patterns of stratification across and within societies involving some becoming enmeshed and some marginalised“ (Martell 2007, S.189). Auf der Basis einer skeptisch-revisionistischen Sicht der Dinge werden also zugleich Transformationspotenziale aufgezeigt, die auf eine tatsächliche neue Qualität der Globalisierung hinweisen, deren Auswirkungen auf die Welt heute allerdings noch recht unklar sind. Dieses Buch ist daher als ein realistisch orientierter Versuch einzuschätzen, auf der „dritten Welle“ der Globalisierungsforschung zu „reiten“.

1 Theorie der globalen Kommunikation

Der nachfolgende theoretische Aufriss beginnt mit einer Einführung in grundlegende Kommunikationsmodi, die erforderlich ist, da das vorliegende Buch nicht nur von globaler Massenmedienkommunikation handelt, sondern politische und soziale Kommunikationsprozesse unterschiedlicher Art berücksichtigt. Im nächsten Schritt werden die Akteure der Kommunikation – organisierte und nicht-organisierte Sozialsysteme und Lebenswelten – in ihrem Verhältnis zu den Kommunikationsmodi vorgestellt. Es folgt eine Hinführung zu den jeweils spezifischen Kommunikationsformen der Sozialsysteme und Lebenswelten im globalen Raum. Den Abschluss bildet ein Kapitel, in dem die Wechselwirkungen und Interdependenzen zwischen den verschiedenen Kommunikationsweisen der Akteure im Sinne der Theorie der globalen Kommunikation grundlegend eingeführt werden.

1.1 Allgemeine Kommunikationsmodi der globalen Kommunikation

Weltöffentlichkeit und Weltgemeinschaft: Synchronisation und Integration

Für die globale und grenzüberschreitende Kommunikation sind unterschiedliche Konzepte von Bedeutung. Am bekanntesten ist wohl das der „Weltöffentlichkeit“ (global public sphere, Volkmer 2014, Sparks 1998). Bei Massenmedien sind wir es gewohnt zu fragen, ob es eine Weltöffentlichkeit gibt. Werden Diskurse und damit Themen, Frames, Begriffe, Symbole und Bilder in verschiedenen nationalen Mediensystemen oder sogar transnational, das heißt durch Medien, die in mehreren Mediensystemen agieren, zeitgleich verhandelt? Man kann diese Frage als Synchronisations- oder auch als Koorientierungsproblem bezeichnen und es auf einfache Art wie folgt formulieren: Beobachten die Menschen dieser Erde unsere Welt mit Hilfe von Medien in ähnlicher Weise? Führt die journalistische Selbstbeobachtung tatsächlich zu einer „Synchronisation der Weltgesellschaft“ (Blöbaum 1994, S.261), indem sie uns ähnliches Wissen zur Verfügung stellt? Während der Begriff der „Öffentlichkeit“ weithin bekannt ist, spielen soziologische Konzepte wie „Weltgesellschaft“ oder „Weltgemeinschaft“ (Beck 1997, Richter 1990) in der Kommunikationsforschung kaum eine Rolle. Der Begriff der „Gesellschaft“ ist historisch eng mit dem Entstehen von medialer Öffentlichkeit verbunden. In einer Gesellschaft beobachten Menschen ihre Umwelt mit Hilfe von Medien (Kunczik/Zipfel 2001, S.47ff.). Der Begriff der „Weltgemeinschaft“ ist hingegen für die Kommunikationsforschung problematisch. Er evoziert ein anderes Problem als das der Synchronisation: das Interaktionsproblem, das zugleich ein Integrationsproblem ist. Während in Gesellschaften eine direkte Interaktion nicht unbedingt erforderlich ist, sondern Beobachtung mit Hilfe von Massenmedien von zentraler Bedeutung ist, entstehen Gemeinschaften durch Interaktion miteinander statt lediglich übereinander. Für Gemeinschaft, zumal für die lokale und stationäre Gemeinschaft, ist der zwischenmenschliche Dialog nahezu unabdinglich. Im Dialog optimieren wir unser Wissen und erzeugen den Wert eines gemeinsamen Wir-Gefühls.

Es lassen sich also zwei Grunddefinitionen festhalten: a) Vernetzung als interpretative Informationsverarbeitung ohne Interaktion ist Beobachtung; b) Vernetzung als kooperative und integrative Informationsverarbeitung ist Interaktion beziehungsweise Dialog. Beide Kommunikationsformen sind für die menschliche Existenz bedeutsam.

Zwar ist die Abgrenzung zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft nicht so einfach, da auch „Nationen“ (im Unterschied zum Staat) Surrogatgemeinschaften in Großgruppen sind, die ein Wir-Gefühl entwickeln können, auch wenn keine direkte Interaktion zwischen allen Gemeinschaftsmitgliedern besteht. Hier könnte man den Begriff der „Diskursgemeinschaften“ einführen, die nicht durch direkte Interaktion, sondern durch eine weitgehend synchronisierte Öffentlichkeit zusammengehalten werden: Sprache, Geschichte und Kultur werden über Speichermedien hegemonial definiert, was die Vorstellung der Gemeinschaftlichkeit bedingen kann. Aber nationale Gemeinschaften sind ebenso wenig wie „virtuelle Gemeinschaften“ (Rheingold 2000) voll entwickelte Gemeinschaften im Sinne einer dichten Interaktion, eines ausgeprägten Wir-Gefühls und klarer Handlungshorizonte. Wenn ein starkes Wir-Gefühl vorherrscht, wie häufig im Falle von Nationen (Patriotismus, Nationalismus), dann ist dies in der Regel eine Mischung aus Diskurs- und Interaktionsgemeinschaft: Identifikation wird im direkten Kontakt mit einer kleinen Zahl der Mitglieder der Gemeinschaft eingeübt, basiert ansonsten aber auf geteilten Erfahrungen einer (durch Medien vermittelten) Diskursgemeinschaft. Der Begriff der „Weltgemeinschaft“ ist nun ebenfalls als eine solche Kombination vorstellbar. Kosmopolitismus, also eine über das Konzept der „Nation“ hinausweisende, die Menschheit als Ganzes umfassende Weltanschauung, entsteht durch a) direkte grenzüberschreitende Interaktionen der Menschheit miteinander, b) durch (repräsentative) direkte Interaktion zwischen bestimmten Sozialsystemen über Grenzen hinweg (z.B. Politik, Diplomatie) und c) durch global synchronisierte und von den Massenmedien vermittelte Wissensbestände, Werte und Perspektiven.

Die zentrale These, die in diesem Buch verfolgt wird, lautet: Massenmedien allein können allenfalls „Weltöffentlichkeit“, nicht aber „Weltgemeinschaft“ erzeugen. Letztere entsteht, wenn überhaupt, nur durch die Mithilfe anderer Sozialsysteme sowie in den Lebenswelten des Menschen. Globale Massenkommunikation ist nicht nur, wie wir sehen werden, in ihrem derzeitigen Zustand kaum in der Lage, Öffentlichkeiten und Weltwissen zu synchronisieren, da die nationalen Mediensysteme weitgehend isoliert bleiben. Sie ist auch durch die monologische Anlage von Medien – one-to-many statt face-to-face, person-to-person oder group-to-group – prinzipiell unfähig, gemeinschaftsbildende Dialoge zu erzeugen. Die folgende Abbildung 1.1 illustriert die beobachtende und Öffentlichkeit erzeugende Anlage des Mediensystems sowie die interaktive und Gemeinschaften erzeugende Anlage anderer sozialer Systeme und Lebenswelten.

Abb. 1.1:

Globale Kommunikation – Öffentlichkeiten und Interaktionen

Distanzwahrnehmung und Kosmopolitismus

Warum benötigen wir ein erweitertes Leitbild? Weshalb betonen wir den Aspekt der Interaktion, des Dialogs und der partizipativen Gemeinschaft? Natürlich gibt es Beispiele dafür, dass Medien und Öffentlichkeit Empathie und ein Wir-Gefühl erzeugen können. Mediale Diskursgemeinschaften können unter besonderen Bedingungen ein Gefühl der Solidarität und Verbundenheit unter Menschen schaffen, das weit über die übliche nationale gesellschaftliche Koexistenz und das Nebeneinander paralleler Lebenswelten hinausweist. Diese Momente stehen aber gerade in Kriegs- und Krisensituationen patriotischen Grundstimmungen gegenüber, bei denen Mediendiskurse über die Verbreitung von Feindbildern dazu beitragen, die Länder und Bevölkerungen voneinander zu trennen (Hafez 2005, S.69ff.).

Positive Facetten von Weltöffentlichkeit – etwa einer von Medien induzierten kosmopolitischen Solidarität mit Geflüchteten – sind äußerst instabiler Natur. Lilie Chouliaraki hat gezeigt, dass Mediennarrationen über „entferntes“ (distant) Leiden dann am erfolgreichsten an der Konstruktion eines Gemeinschaftsbewusstseins (Kosmopolitismus) mitwirken, wenn sie Leiden humanisieren, individualisieren und durch das Aufzeigen gemeinsamer Verantwortung und Handlungsmöglichkeiten Nähe erzeugen (2006). Wie instabil solche Phänomene allerdings sind, konnte man etwa an der deutschen Flüchtlingsberichterstattung und der öffentlichen Meinung zu diesem Thema in den Jahren 2015/16 erkennen (Hafez 2016, Georgiou/Zaborowski 2017). Öffentliche Diskurse sind flüchtig, launisch und erratisch.

Adaptiert man die Koorientierungsansätze der interpersonalen Kommunikation für die Medien, so versteht man, dass Beobachtung ein komplexer Prozess ist, bei dem sich schnell Fehlinterpretationen einstellen, etwa die sogenannte „kollektive Nichtbeachtung“ (pluralistic ignorance), die durch Annahmen darüber entsteht, wie andere ein Phänomen deuten (Hafez 2002a, Bd.1, S.171ff., Bd.2, S.253ff.). Was denken die nicht-muslimischen Deutschen auf der Basis von Medieninformationen, was Muslime über Terror denken? Und liegen sie damit richtig? Chouliaraki ist daher dahingehend interpretiert worden, dass auch unter den Bedingungen internationaler Medienberichterstattung der Spannungszustand zwischen universellem Bewusstsein und einer spezifischen (lokalen) Involviertheit des Menschen dazu führt, dass in aller Regel globale Gemeinschaftlichkeit verhindert wird und die Selbstzuordnung zu einer partikularen Gemeinschaftlichkeit (Nation, „Kulturkreis“, Religionsgemeinschaft) unangetastet bleibt (Yilmaz/Trandafoiu 2014, S.7f.). Transkulturelle Fernkommunikation durch mediale Beobachtung ist also nicht oder nur eingeschränkt gemeinschaftsbildend.

Interaktion, Koorientierung und globale Übereinstimmung

Die Frage ist daher: Muss nicht zur Beobachtung und Synchronisationsleistung der nationalen Öffentlichkeiten ein echter grenzüberschreitender Dialog treten, der die nationalen Systeme besser integriert und das Individuum aus seiner lokalen Handlungsbegrenzung befreit? Zwar ist es richtig, dass historische traditionale Gesellschaften der Menschheitsgeschichte, die hochinteraktiven Stämme und Clans, die das Sozialleben in früheren Zeiten dominierten, zugleich hochgradig rassistisch und fremdenfeindlich waren und ihre Kriegsrate der moderner Gesellschaften durchaus ähnelte (Diamond 2013, S.142ff.). Die Frage muss also lauten: Warum mehr Interaktion, wenn doch erst die moderne Gesellschaft mit ihren Institutionen wie Staat, Medien und Öffentlichkeit Regeln für die dauerhafte Existenz von Menschen im Herrschaftsraum anderer Gruppen geschaffen hat? Die Antwort ist, dass erst die in der Moderne erfolgende Interaktion über Grenzen hinweg – out-group statt wie früher in-group – die Fortschritte der Vernetzung der Welt möglich gemacht hat. Es ist weniger die Beobachtung durch Medien als die direkte Interaktion zwischen Staaten, die, um beim Beispiel zu bleiben, ein System von völkerrechtlichen Aufenthaltsberechtigungen und Staatsbürgerschaften geschaffen hat. Die direkte Interaktion zwischen politischen Systemen und Staaten ist also, ebenso wie der Austausch auf anderen Ebenen der Gesellschaft, ein unverzichtbarer Bestandteil einer jeden Bilanz globaler Kommunikationsverhältnisse. Zwar führt nicht jede Form der Interaktion zu einem positiven kosmopolitischen Wir-Gefühl, weil in der Interaktion unterschiedliche Motive eine Rolle spielen können und auch Trennendes entdeckt werden kann. Zugleich besteht aber nur durch die direkte Interaktion überhaupt eine Chance, ein Wir-Gefühl als individuelles Erfahrungswissen zu etablieren, wie dies der Symbolische Interaktionismus behauptet.

Bislang gibt es keine auch nur annähernd kohärente Theorie der internationalen Gemeinschaft, die noch dazu Kommunikationsfragen zentral stellt. Es existieren aber zahlreiche Versatzstücke, wie die klassische Forschung der soziologischen Kommunikationstheorie, die allerdings eher kleingruppenorientiert ist. George Herbert Mead und Herbert Blumer haben im Symbolischen Interaktionismus verdeutlicht, dass Bedeutungen der Welt durch gemeinsame Interaktionen entstehen (Mead 1934). Dabei spielt die Interaktion mit sich selbst eine ebenso große Rolle wie die soziale Interaktion (Dialog). Die Grundlagen des Symbolischen Interaktionismus beschreibt Blumer wie folgt: „Weder betrachtet [der Symbolische Interaktionismus] die Bedeutung als den Ausfluss der inneren Beschaffenheit des Dinges, das diese Bedeutung hat, noch ist für ihn die Bedeutung das Ergebnis einer Vereinigung psychologischer Elemente im Individuum. Vielmehr geht für ihn die Bedeutung aus dem Interaktionsprozess zwischen verschiedenen Personen hervor. Die Bedeutung eines Dinges für eine Person ergibt sich aus der Art und Weise, in der andere Personen ihr gegenüber in Bezug auf dieses Ding handeln“ (1992, S.25f.).

Diese interaktionistische Herangehensweise unterscheidet sich vom Koorientierungsansatz. Kommunikationsvorgänge werden demnach durch ein Dreischrittverfahren charakterisiert: Sind mehrere Akteure („A“ und „B“ bei Newcomb) auf ein bestimmtes Symbol („X“ bei Newcomb) orientiert, gelten sie als „koorientiert“, ihre jeweiligen Bedeutungsinterpretationen können verglichen und das Maß an „Einverständnis“ (agreement) kann gemessen werden. Im nächsten Schritt kann ermittelt werden, inwieweit die Akteure selbst annehmen, dass ihre Bedeutungsauslegung mit der des anderen übereinstimmt, woraus das Maß der „Übereinstimmung“ (congruency) bestimmt wird. Schließlich werden „Einverständnis“ und „Übereinstimmung“ in Bezug auf ihre „Genauigkeit“ (accuracy) verglichen (Newcomb 1953).

Direkte soziale Interaktion unterscheidet sich von der sozialen Koorientierung, die auf Beobachtungen im Alltag beruht oder aber vermittels Medien stattfinden kann. Sowohl Umweltobjekte als auch Medien kann man als X-Objekte betrachten, auf die Menschen (A und B) orientiert sind. Im Unterschied zur Interpretation von beobachtbarer Umwelt liefern Medien eine Art Beobachtungs-Beobachtung, die Beobachtung anderer wird zugänglich. Man kann auch von direkter und indirekter Beobachtung sprechen. Medien sind hier Ressourcen zur Aushandlung der Welt, sie können Wissen schaffen, aber Sinndeutungen müssen auch im gemeinschaftlichen Rahmen ständig neu interaktiv ausgehandelt werden, um der Gesellschaft Stabilität zu verleihen. Beide Beobachtungsformen sind auch für den Prozess der globalen Kommunikation bedeutsam.

Direkte Beobachtung der Welt erfolgt durch den physischen Prozess der Grenzüberschreitung durch Individuen (etwa im Tourismus, in der Diplomatie usw.). Eine auf Medien koorientierte Wahrnehmung der Welt vermittelt darüber hinaus Wissen, gelegentlich sogar kosmopolitische Grundstimmungen. Die direkte Interaktion des Menschen – gleich ob in der privaten Lebenswelt oder als Rollenträger in politischen und gesellschaftlichen Systemen – ist allerdings eine zusätzliche sinnstiftende und zudem für die emotionale Bindung der Weltgemeinschaft wichtige Funktion. Simultanität durch Beobachtung und durch Massenmedien (ebenso wie universelle menschliche Orientierungen und kosmopolitische Werte) sind also wichtige Voraussetzungen für das Weltverstehen. Sie sind aber noch nicht selbst das Verstehen, denn diese Kommunikationsprozesse vermitteln noch kein stabiles Bewusstsein der globalen Gemeinsamkeit (Axford 2013, S.32), das nur durch direkte Interaktion und Erfahrungswissen entstehen kann. Die erfolgreiche Koorientierung durch Massenmedien ist zwar eine notwendige Voraussetzung für globale Gemeinschaftsintegration, sie ist aber nicht hinreichend, solange die Rückverhandlung oder Weiterverarbeitung ausschließlich in getrennten Sozialsystemen und Lebenswelten stattfindet (Hafez 2002a, Bd.1, S.171ff., Grüne 2016, S.421ff.).

Reizvoll ist es an dieser Stelle, das berühmte Bild des Orchesters, das Alfred Schütz für Symbolische Interaktion geprägt hat, auf die Weltgemeinschaft zu übertragen. Schütz sagt, dass, um gute Musik zu spielen, man nicht nur die richtigen Noten vom Blatt lesen können muss, sondern auch immer darauf achten sollte, wie die Kollegen spielen (Schütz 1951, S.94ff.). Sieht man die Welt als Orchester, dann reicht es nicht, sich beobachtend und mit Hilfe von Medien global zu koorientieren und mit der Welt zu synchronisieren, sondern man muss auch in eine direkte Kommunikation mit der Welt treten – Kosmopolitismus als Wert ist gut, globale Kommunikation als Praxis ist besser.

Diskursive Weltgesellschaft/dialogische Weltgemeinschaft: Kommunikationstheorien

Im Unterschied zur Weltgesellschaft bilden sich in der Weltgemeinschaft nicht nur gemeinsame Ethiken wie Menschenrechte und Kosmopolitismus aus (Albert et al. 1996, S.19, vgl. a. Etzioni 2004). Diese Ethiken können nur durch interaktives Handeln auf allen Ebenen entstehen, was den Übergang von der Weltgesellschaft zur Weltgemeinschaft zu einem intrinsisch kommunikations- und dialogbasierten Projekt macht. Emanuel Richter: „[Es] kommt in jenen Vorstellungen zum Ausdruck, die sich als ‚kommunikatives‘ Modell der Welteinheit klassifizieren lassen. Dieses erhebt die geradezu revolutionäre Ausbreitung von kommunikativen Austauschprozessen in allen Lebensbereichen zum neuen Bestimmungselement des globalen Zusammenhangs. […] In der abstraktesten Formulierung stellt sich diese Weltgemeinschaft als eine Art ‚kognitive Weltgesellschaft‘ dar, die in der Verallgemeinerung von Kommunikation schlechthin eine neue Form der Welteinheit erblickt. Diese systemtheoretische Einfärbung der Vorstellungen von der Welteinheit rückt also jenen Aspekt der Weltgesellschaft ins grelle Licht, der sich auf die Globalisierung von kommunikativen Austauschprozessen bezieht“ (1990, S.277).

Philosophen wie Immanuel Kant, Richard Rorty, Jürgen Habermas oder Nancy Fraser haben über Jahrzehnte immer wieder ihre Visionen einer „dialogischen Weltgemeinschaft“ formuliert (vgl. Linklater 1998, S.85ff.). Eine genaue theoretische Ausformulierung dieser Konzepte hat jedoch nicht zuletzt wegen der Zersplitterung der Geistes- und Sozialwissenschaften nie stattgefunden (Albert 2009). Neben den Theoretikern der sozialen Kommunikation, der internationalen Beziehungen und politischen Philosophie sind Medienphilosophen sowie Kommunikations- und Netzwerktheoretiker der modernen Informations- und Kommunikationsgesellschaft ergiebig, wenngleich auch sie selten auf globale Verhältnisse Bezug nehmen. Zu den bekanntesten Medienphilosophen gehört Vilém Flusser, dessen kardinale Unterscheidung zwischen diskursiver und dialogischer Kommunikation an der Wurzel unserer eigenen, in ähnlicher Weise Beobachtung von Interaktion trennenden Theoriebildung liegt: „Um Informationen zu erzeugen, tauschen Menschen verschiedene bestehende Informationen aus, in der Hoffnung, aus diesem Tausch eine neue Information zu synthetisieren. Dies ist die dialogische Kommunikationsform. Um Informationen zu bewahren, verteilen Menschen bestehende Informationen, in der Hoffnung, dass die so verteilten Informationen der entropischen Wirkung der Natur besser widerstehen. Dies ist die diskursive Kommunikationsform“ (2000, S.16). Auch Jürgen Habermas orientiert sich an dieser grundlegenden Unterscheidung zwischen Interaktion (beziehungsweise „kommunikativem Handeln“) und Diskurs, wobei er der Interaktion direkte Handlungskonsequenzen zuweist, während der Diskurs ein System der „möglicherweise existierenden Tatsachen“ ist, in dem das Individuum Informationen verstehen und deuten kann, ohne dass unmittelbare soziale Konsequenzen daraus entstehen (1971, S.21f.).

Flusser hat in seiner Medientheorie das bestehende Ungleichgewicht der Kommunikationsmodi in der Moderne beschrieben und ein Ende des Primats textbasierter Diskurskommunikation beschworen. Eine „Kommunikationsrevolution“ der Menschen sei erforderlich, so meinte er, ein „Abschirmen des Interesses der Menschheit gegen die sie programmierenden Diskurse“ (ebenda, S.47). Alphabetisierung der Moderne, Entwicklung des Buchdrucks, das Entstehen linearer Geschichtsschreibungen und der großen ideologischen Narrationen, inklusive moderner Nationalstaatsideen und moderner Kriege, sind bei Flusser aufs engste verbunden (ebenda, S.56). Die Bevölkerung wird in diesem Prozess zur „Masse“, die Lebenswelt wird kolonisiert. Man mag Flussers Sprache pathetisch und seine Betonung des repressiven Charakters der Mediendiskurse angesichts der von ihm selbst ja konstatierten Unverzichtbarkeit von Dialog und Diskurs (ebenda, S.16) widersprüchlich finden. Der Dualismus von diskursiver und dialogischer Kommunikation als Grundlage einer sozialen Kommunikationstheorie aber lässt sich in den Arbeiten zahlreicher Autoren erkennen.

Weiterführend ist Michael Giesecke sicher einer der interessantesten Autoren, die sich mit Fragen von Medien, Dialogen, Kommunikationsprozessen und Vergemeinschaftung beschäftigt haben. Gieseckes Denken ist grundlegend im Konzept der Kommunikationsökologie als dem Zusammenwirken artverschiedener Kommunikationsformen verankert (2002). Menschliche Kommunikation basiert auf durch Medien ermöglichtem Beobachten ebenso wie auf direktem lebensweltlichen Interagieren. Störungen und Pathologien entstehen aus Disbalancen, die das Zusammenwirken der verschiedenen Kommunikationstypen aus den Fugen geraten lassen (ebenda, S.35): bekannt sind hier seine „Mythen der Buchkultur“. Giesecke beschreibt die moderne Kultur des Westens und der Aufklärung als zu text- und beobachtungszentriert. Sein Beispiel: Hätte sich Kolumbus auf den herrschenden Diskurs seiner Zeit verlassen, hätte er sich nie auf die Suche nach neuen Welten gemacht. Erst die direkte Beobachtung – an den Küsten angeschwemmte Funde von toten nordamerikanischen Ureinwohnern oder Bambusstämmen – und die Interaktion mit Gleichgesinnten ermutigten ihn zu seinen Abenteuern (ebenda, S.114ff.).

Gerade das Internet betrachtet Giesecke als Chance für eine neue Vision der Informationsgesellschaft, die die kommunikationsökologische Balance, die durch monologische Buch- und Pressekulturen zerstört wurde, wiederherstellen kann. Dabei geht es nicht nur um eine Wiederbelebung des interpersonalen Dialogs, sondern vor allem um die Revitalisierung des Gruppen- und Mehrpersonengesprächs. Fraglich bleibt allerdings, wenn man den Hinweis von Giesecke weiterdenkt, welche theoretische Stellung man dem Gruppengespräch vor dem Hintergrund der Dichotomie von Diskurs und Dialog einräumen sollte: Steht es eher auf der Seite der „repressiven“ Verteilung medialen Wissens, indem es Medienagenden und -diskurse weitervermittelt; oder dient es der kreativen Aneignung und interaktiv-dialogischen Sinndeutung?

Interessant ist an Giesecke besonders, dass er die interkulturelle Fernbeziehung in seine Analyse einbezieht (2002, S.145ff.). Er bestätigt, dass bei interkultureller Kommunikation seit Jahrhunderten der Kommunikationsmodus der medialen Beobachtung dominiert hat, das Schreiben über und die Visualisierung von statt der Interaktion mit „Fremden“. Beobachtung statt dialogischem Austausch war ja auch der vorherrschende Modus des Kolonialzeitalters, das bis heute nachwirkt. Nach Giesecke haben wir in der Aufklärung eine Kultur der Neugierde, aber ohne echten Dialog, etabliert. Den Dialog bezeichnet er hingegen als Medium, um das „Gemeinsame der Menschheit“ hervorzubringen, und die neuen digitalen Medien erscheinen ihm als probates Heilmittel, auch wenn er hinzufügt: „Was immer mit dem globalen Dorf gemeint sein mag, es baut sich nicht allein auf dem Internet auf. Wir sind nicht nur durch Kabel, sondern auch durch andere Medien verbunden. Das ‚globale Dorfʻ bedarf unterschiedlicher Interaktions-, Kooperations- und Kommunikationsmedien, wenn es zusammenhalten und funktionieren soll“ (ebenda, S.376).

Integrationistische Systemtheorien

Literatur, die sich speziell mit der Frage der internationalen Kommunikation und Vergemeinschaftung beschäftigt, gibt es vergleichsweise wenig. Einige Pioniere haben jedoch die Auswirkungen von globaler Interaktion auf weltweite Vergemeinschaftung untersucht. Hier sind vor allem Autoren zu nennen, die Howard Frederick unter dem Label der „integrationistischen Systemtheoretiker“ zusammenfasst, wie etwa Karl W. Deutsch, Claudio Cioffi-Revilla, Richard L. Merritt, Francis A. Beer, Philip E. Jacob oder James V. Toscano (1993, S.202ff.). Das Credo dieser Arbeiten, die zum Teil schon in den 1960er Jahren entstanden, ist genau die oben mit dem Orchesterbild angedeutete Dynamik. Die internationale Integrationstheorie misst vor allem den Umfang von Interaktionen zwischen Einheiten wie Staaten und setzt diesen in Beziehung zum innergesellschaftlichen Kommunikationsaufkommen. Als empirische Basis dienen in diesen frühen Arbeiten üblicherweise der Brief- und Telefonkontakt, aber auch Daten des kulturellen Austausches etwa bei universitären Auslandsstudien. Die Hypothesen dieser sehr quantitativ orientierten Forschung sind Variationen der Grundannahme, dass nur eine interaktive und nicht nur koorientierte und beobachtende Welt ein stabiles Gerüst für eine Weltgemeinschaft sein könne. Karl W. Deutsch argumentiert, dass die Abwesenheit von Kommunikation zwischen Staaten zwar nicht notwendig zu Konflikten führen müsse, dass aber die Möglichkeiten der sozialen Kommunikation mit den Erfordernissen politischer, ökonomischer und sozialer Transaktionen auf anderen Feldern mithalten müssen (1970, S.58).

Mit anderen Worten: Ein Mangel an grenzüberschreitender Interaktion muss nicht zu Konflikten führen (vgl. a. Beer 1981, S.133, Rosecrance 1973, S.136ff.), aber eine Integration zu größeren Gemeinschaften etwa im Rahmen der Europäischen Union oder anderer internationaler Sicherheitsgemeinschaften hält er in einem solchen Zustand der Interaktionslosigkeit für undenkbar. Deutsch betont mit Nachdruck, dass eine Akzeptanz der politischen oder wirtschaftlichen Integration gleich welcher Art nur dann erfolgen könne, wenn Menschen diese Integration auch selbst erleben; nur so könne ein Wir-Gefühl (we-feeling) entstehen (1970, S.36). Er unterstreicht, dass solche Erfahrungen sowohl für politische Eliten als auch für die Gesellschaft an sich von Bedeutung seien (favorite societal climate, 1964a, S.51). Integrationstheoretiker betonen den Zusammenhang zwischen dem durch Medien vermittelten Image eines anderen Landes und menschlichen Beziehungen zwischen den Ländern, die sich durch Interaktionen wie Brief- und Telefonaustausch – heute würde man das Internet und andere Reisetätigkeiten hinzurechnen – ergeben (ebenda, S.54, 1964b, S.75ff.).

Dass die Angleichung internationaler politischer und ökonomischer Beziehungen einerseits und sozialer Interaktionen andererseits eine Wunschvorstellung ist, die nicht immer mit der Realität einhergeht, sondern, mit eigenen Worten ausgedrückt, „tektonische Verschiebungen“ zwischen den Beziehungsebenen die Regel sind (Hafez 1999, S.54ff.), haben die integrationistischen Systemtheoretiker dabei sehr frühzeitig erkannt: „Human relations are […] far more nationally bounded than movements of goods“ (Deutsch 1964b, S.84). Sezessionen wie die zwischen Großbritannien und den USA im 18.Jahrhundert etwa ließen sich auch auf Basis der kommunikativen Verbindungen nachvollziehen: zunächst war der Postverkehr zwischen England und den Kolonien ausgeprägter. Einige Jahrzehnte später jedoch hatte sich das Bild verändert, die Kolonien kommunizierten stärker miteinander, die sozialen Kontakte zu Britannien wurden immer spärlicher, wenig später brach der Unabhängigkeitskrieg aus (Deutsch 1964a, S.51). Die integrationistischen Systemtheoretiker konnten zudem nachweisen, dass der nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte multinationale Zusammenschluss europäischer Staaten den Briefverkehr und andere Interaktionen zwischen den Staaten verstärkte, was wiederum die europäische Idee in der Mitte der Gesellschaften ankommen ließ und den Eliten eine immer stärkere Integration ermöglichte (Clark/Merritt 1987, S.230ff.). Bis in die Gegenwart ist trotz der gewachsenen Kritik an der Europäischen Union und neonationalistischen Bewegungen wie dem Rechtspopulismus die europäische Idee selbst in Europa mehrheitsfähig. Hypothetisch könnte man fragen, ob mögliche Absatzbewegungen von der EU nicht auch damit erklärt werden können, dass gerade zwischen bestimmten Räumen (Nord- und Südeuropa oder Ost- und Westeuropa) eben noch immer zu wenig grenzüberschreitend kommuniziert wird – von dem Fehlen einer gemeinsamen europäischen Medienöffentlichkeit einmal ganz abgesehen.

Fazit: Dialog der „Kulturen“ in der erweiterten Lebenswelt

Unabhängig davon, ob man die quantitativen Methoden der früheren Forschung heute immer nachvollziehen kann (ist die Qualität mancher Interaktionen nicht bedeutsamer als die schiere Anzahl der Briefe, Telefonate und E-Mails?) oder ob man, wie in diesem Buch, Systemtheorie zur Handlungstheorie der Lebenswelt erweitern will (vgl. Kap. 1.2), weist die Schule der integrativen Systemtheoretiker dennoch den richtigen Weg. Dass das globale Integrationsdenken in der politologisch orientierten Sozialforschung entstanden ist, zeigt schon, dass weniger die Massenmedien, sondern vielmehr andere Sozialsysteme in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Individuen und Gruppen in den Lebenswelten für Dialogverhältnisse verantwortlich sind. Gerade in der Annahme, soziale Kommunikation sei ebenso wichtig wie politischer und ökonomischer Austausch, liegt eine geradezu revolutionäre theoretische Deutung, die Kommunikation zur zentralen Ressource der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung gleichrangig mit ökonomischen Verhältnissen und Herrschaftsbeziehungen macht.

Spätere kommunikationswissenschaftliche Forschungen wie die zum „Dialog der Kulturen“ oder zum „islamisch-westlichen Dialog“ konzentrieren sich wieder sehr viel mehr auf globale Medienkommunikation, Feindbilder und Images – Forschungsrichtungen, die ohne Zweifel gemäß der Flusser’schen Zweiteilung der Kommunikationsmodi in Diskurs und Dialog ihre Berechtigung haben, direkte Interaktionen aber eher am Rande berücksichtigen (Quandt/Gast 1998, Hafez 2003). Neuere Arbeiten der politischen Philosophie zur globalen Gemeinschaft benutzen zwar den Begriff des „Dialogs“ in einem interaktiven Sinn, ignorieren aber die kommunikationswissenschaftlichen Dimensionen des Problems (Linklater 1998, Etzioni 2004). Dass der „Dialog der Kulturen“ daher eine theoretisch nie recht zufriedenstellende Formel war, weil die ursprünglich bei Systemtheoretikern wie Deutsch angelegte Symbiose aus Gesellschafts- und Kommunikationsanalyse verloren gegangen ist, sei an dieser Stelle ausdrücklich festgehalten.

1.2 Kommunikationssysteme, Lebensweltwelten und deren Wandel

Systeme und Lebenswelten

Nach Etablierung eines kommunikationstheoretischen dualen Leitbildes einer sowohl beobachtenden Weltöffentlichkeit wie auch interaktiven globalen Gemeinschaft fragen wir nun, welche Akteure in den internationalen Beziehungen als Kommunikatoren in Frage kommen. Vor einem näheren Eingehen auf Akteurstypen sind allerdings einige metatheoretische Betrachtungen erforderlich, um Missverständnissen im Zuge der Theoriebildung vorzubeugen. James N. Rosenau hat es als Aufgabe der Globalisierungstheorie bezeichnet, Mikro- und Makrointeraktionen von Individuen beziehungsweise Staaten und Organisationen im Blick zu behalten (2007). Saskia Sassen geht sogar einen Schritt weiter und betrachtet überlappende und wechselwirkende Prozesse zwischen den Akteuren als entscheidend (2007). Nicht alle Theoretiker sind so offen für unterschiedliche Akteure, Systeme und die Vielfältigkeit der Wechselwirkungen zwischen ihnen. Beispielsweise existieren radikale Handlungstheorien wie die von Bruno Latour, der von der Prämisse ausgeht, das Globale sei immer lokal, da man, egal wo man sei, lokal agiere und selbst ferne Reisen sich als Summe lokaler Stationen abbilden ließen, deren Rekonstruktion er als Aufgabe seiner spezifischen Form der Akteur-Netzwerk-Theorie beschreibt (2014, vgl. a. Gerstenberger/Glasman 2016). Der Einfluss von Beobachtungssystemen wie den Massenmedien oder anderen Sozialsystemen als vermittelnden Instanzen des (vermeintlichen) Weltwissens, die unser Handeln prägen, tritt hier stark in den Hintergrund. Globale Kommunikation ist demnach reine Interaktion handelnder Individuen.

Solche Positionen erinnern an den alten Streit zwischen System- und Handlungstheoretikern, der in diesem Buch allerdings zugunsten einer integrativen Perspektive wie der von Rosenau oder Sassen aufgelöst werden soll, wo unterschiedliche System- und Akteurslogiken in Systemen und Lebenswelten berücksichtigt werden. Der oder die Einzelne wird von Systemen nie völlig beherrscht, auch wenn sein/ihr Leben Rollenübernahmen erfordert, die sein/ihr Leben strukturieren, die er/sie aber zugleich permanent bricht oder eigenständig interpretiert, formell wie auch informell. Systeme beeinflussen zudem die Lebenswelten des Menschen, werden aber auch von diesen beeinflusst oder aber beide Akteursräume bleiben unvernetzt. Die grundlegenden Konzepte der Sozialtheorie wie soziales Handeln/Interaktion, Normen, Rollen, Strukturen und Systeme sollen bei unserer Analyse mitgedacht werden (zur Einführung vgl. Bahrdt 1997). Letztlich ist hier Habermas‘ Dualismus von System und Lebenswelt von Bedeutung (Habermas 1995), wobei noch die Frage zu klären wäre, wer hier wen „kolonisiert“. Eine differenzierte Sichtweise auf Kommunikationsweisen von Systemen und Individuen (Kap. 1.3.) und deren Wechselwirkungen (Kap. 1.4.) ist aus unserer Sicht jedoch unbedingt erforderlich.

System-Lebenswelt-Netzwerk-Ansatz

Eine zweite Vorbemerkung ist notwendig: Der Systembegriff, der hier verwendet wird, ist kein streng funktionalistischer. Zwar führen wir selbstbewusst Kommunikationsprozesse als Momente der Theoriebildung ein. Wovon wir allerdings Abstand nehmen wollen, ist eine rein prozessorientierte Theoriebildung, die die Akteure als Kommunikatoren zu bloßen „Objekten“ abstrakter Abläufe wie „Vernetzungen“, „Konnektivitäten“ und „Kommunikationsflüssen“ macht. Die moderne Netzwerktheorie tendiert dazu, eine Akzentverschiebung von sozialen Akteuren zu Netzen vorzunehmen, wobei die interne Logik von Systemen (z.B. Organisationen, Unternehmen, aber auch psychischen Systemen von Individuen) oder Lebenswelten weniger beachtet werden als die zwischen den Systemen oder Lebenswelten bestehenden Netzwerke und Austauschbeziehungen. Die internen Strukturen kollabieren quasi unter dem Druck der Vernetzung. Dazu Jan van Dijk: „Traditional internal structures of organizations are crumbling and external structures of communication are added to them” (2012, S.33). Ähnlich äußert sich auch George Ritzer mit dem Hinweis auf die Prozesssoziologie von Norbert Elias: „[F]ollowing Elias, in thinking about globalization, it is important that we privilege process over structure (just as we have privileged flows over barriers)“ (2010, S.25).

In diesem Buch stehen zwar Kommunikationsprozesse im Vordergrund; Systeme und Lebenswelten bleiben aber kopräsent. Netzwerke sind Beziehungen innerhalb oder zwischen Sozialsystemen (Endruweit 2004, S.26), sie sind aber nicht die Sozialsysteme selbst, die deshalb mitgedacht werden müssen. Unsere Perspektive ist daher weder die der Akteur-Netzwerk-Theorie Latours noch die der Netzwerk-Theorie von Castells, sondern sie ist am ehesten als System-Lebenswelt-Netzwerk-Ansatz zu bezeichnen. Dieser Ansatz ähnelt der von Roger Silverstone eingeführten und von Nick Couldry an der London School of Economics and Political Science (LSE) weitergeführten Sicht. Die Netzwerkmetapher wird dort als theoretisch zu anspruchslos für die Sozialtheorie angesehen, da sie die von den Handelnden erzeugten Interpretationen der Netzwerke unberücksichtigt lässt (Couldry 2006, S.104). Couldry spricht hier zu Recht von einem „problematischen Funktionalismus“, „so zu tun, als ob Medien das Soziale und die natürlichen Kanäle des sozialen Lebens und sozialer Auseinandersetzung wären, anstatt hoch spezifische und institutionell fokussierte Mittel der Repräsentation des sozialen Lebens“ (ebenda, S.104). Er wendet sich gegen den „Mythos des mediatisierten Zentrums“ und kritisiert die Tendenz der Kommunikationswissenschaft, Medien mit Gesellschaft gleichzusetzen (ebenda, S.105). Auch der deutsche Kommunikationstheoretiker Manfred Rühl äußert sich ähnlich: „Globale Kommunikationssysteme sind eingebettet in psychische, organische, chemische, physikalische, kurz: in nicht-kommunikative Mitwelten, die […] bei der Verwirklichung von Kommunikation mitwirken, ohne dazuzugehören. Kommunikationssysteme sind von der Mitwelt klar abzugrenzen, aber nicht zu trennen“ (ebenda, S.362).

Insbesondere in der auf Talcott Parsons zurückgehenden struktur-funktionalistischen Systemtheorie werden schnell ablaufende funktionale Prozesse in Relation zu stabilen Strukturen gesetzt, auf der Basis der „Annahme eines systemimmanenten Bedürfnisses nach Selbsterhaltung, also nach Integration und Kontinuität“ (Kunczik/Zipfel 2001, S.69). Selbst Niklas Luhmann leugnet letztlich nicht das Vorhandensein solcher Strukturen, auch wenn seine „funktional-strukturelle Systemtheorie“ die Dynamik der Prozesse betont und die Schwergewichte in Abgrenzung von Parsons verlagert (Kneer/Nassehi 1997, S.116). Die Akteure lösen sich also gerade bei Parsons nicht in den Netzwerken auf, sondern sie bleiben als autonome Strukturen erkennbar, auch wenn sie sich funktional anpassen und von den (Kommunikations-)Prozessen beeinflusst werden können. Auch der Soziologe und Luhmann-Interpret Armin Nassehi folgt einer ähnlichen Grundidee, wenn er einerseits die erstaunliche Hartnäckigkeit sozialer Strukturen betont, andererseits aber die steigende Komplexität moderner (digitaler) Kommunikate erkennt, wobei er ausdrücklich die Frage eines durch digitale Kommunikation erfolgenden sozialen Strukturwandels offenlässt (2019). Im Gegensatz dazu behaupten Netzwerktheoretiker einen Primat des „Relationismus“ vor dem „Substanzialismus“ (Nexon 1999); sie sind der Ansicht, dass die Prozesse die Strukturen sind.

Wir sind hingegen der Meinung, dass eine sinnvolle Analyse zunächst von der Kopräsenz von System- und Lebensweltstrukturen einerseits und Kommunikationsprozessen andererseits ausgehen sollte, zugleich aber offen sein muss für:

 die mögliche Verschachtelung von System- und Lebensweltstrukturen (auch in den Organisationen stecken informelle Lebenswelten wie auch in den Lebenswelten die Systeme einflussreich sein können) (Kneer/Nassehi 1997, S.142f.);

 die mögliche dominante Prägekraft der Strukturen mit Blick auf die Kommunikationsprozesse (strategisches Handeln);

 die mögliche dominante Prägekraft der Kommunikationsprozesse mit Blick auf die Strukturen (kommunikatives Handeln).

Die ganze Debatte erinnert an die Auseinandersetzung in der Lehre der Internationalen Beziehungen zwischen Neo-Institutionalisten (wie Robert O. Keohane und Joseph Nye) und Funktionalisten (wie David Mitrany). Unser System-Lebenswelt-Netzwerk-Ansatz will den Dualismus von Akteuren und Funktionen zugunsten einer pragmatischen Sichtweise aufgeben, die durchaus Raum für einen starken Einfluss funktionaler (auch technischer) Prägungen der Prozesse der globalen Mediatisierung lässt, Systemen und Lebenswelten als den Polen in globalen Diskursen und Dialogen aber zugleich die Möglichkeit einer prägenden Gestaltung nicht abspricht. Eher als der pure Neo-Institutionalismus oder der Funktionalismus entspricht also das System-Lebenswelt-Netzwerk-Denken unserer eigenen Herangehensweise. Netzwerktheorie lässt sich nämlich mit anderen Theorien wie der System- oder der Lebenswelttheorie durchaus koppeln (Häußling 2005, S.269ff.). Diese Form der „modularen Theorie“ halten wir für sinnvoll, um den Widerspruch zwischen Strukturalismus und Funktionalismus kreativ zu verarbeiten.

Globale Zentren und Peripherien

Eine letzte Vorbemerkung ist erforderlich, die den Aspekt des Postkolonialismus anspricht. Wer Strukturen analytisch stark macht, muss sich unweigerlich mit der Frage beschäftigen, ob eben diese Strukturen nicht nach weiteren Differenzierungen verlangen, etwa was das Verhältnis zwischen Industrie- und Entwicklungsländern oder zwischen ehemals kolonisierten und kolonisierenden Staaten betrifft. Johan Galtungs Vorstellung von einem strukturellen Imperialismus der Weltgesellschaft, die (Macht-)Zentren und (Macht-)Peripherien ausbildet (1973), wird uns in diesem Buch latent ständig begleiten, etwa wenn es um die Ausprägung von Diskurs- und Dialogstrukturen im Kontext bestimmter Formationen wie der OECD, der Europäischen Union oder auch geolinguistischer Einheiten wie der spanischsprachigen oder arabischsprachigen Welt geht.

Dennoch sind wir der Meinung, dass solche Strukturvariablen eher universell als partikular und schon gar nicht kulturspezifisch zu deuten sind. Sowohl die inneren Kommunikationsabläufe in Systemen und Lebenswelten als auch die Interdependenzverhältnisse zwischen Systemen und/oder Lebenswelten als Umwelten (siehe unten) lassen weltweite frappierende Ähnlichkeiten über politische und kulturelle Systemgrenzen hinweg erkennen, wo kulturübergreifende Strukturmuster wie Nationalstaaten, transnationale Unternehmen, soziale Bewegungen, Gemeinschaften und Lebenswelten vorhanden sind. In diesem einen Punkt unterscheiden wir uns also nicht von den Vertretern des Relationismus. Globale Strukturunterschiede bilden reale Machtunterschiede ab; sie sind aber keine absoluten Kulturunterschiede, sondern gerade durch Prozesse der globalen Beobachtung und Interaktion in stetigem Wandel begriffen.

Inventarisierung: Global kommunizierende Sozialsysteme und Lebenswelten

Wendet man sich nach diesen Vorbemerkungen nunmehr einer Inventarisierung der Akteure globaler Kommunikation zu, so lassen sich – noch vor der Beschreibung komplexer Lebenswelten – unterschiedliche Systemgrößen erkennen: Individuen als psychische Systeme ebenso wie organisierte und nicht organisierte Sozialsysteme. Grenzüberschreitende Kommunikation kann zwischen gleichen wie auch ungleichen Polen entstehen, also zwischen den politischen Systemen oder auch zwischen Individuen und organisierten Sozialsystemen usw. Sie kann zudem – entsprechend den eingeführten Kommunikationsmodi – primär im Modus der Beobachtung oder der Interaktion in Erscheinung treten oder aber, was von großer Bedeutung für die nähere Funktionsbestimmung sein wird, Mischformen erzeugen, da die wenigsten Systeme und Akteure nur beobachten oder interagieren. Allerdings gibt es systemspezifische Logiken, deren Herausarbeitung zu den primären Anliegen des Buches gehört.

Für die nähere Bestimmung der akteursspezifischen globalen Kommunikationsmodi ist die Unterscheidung zwischen Individuen, organisierten und nicht-organisierten Sozialsystemen bedeutsam. Organisierte Sozialsysteme benötigen nicht nur eine Organisationsidee, sondern auch eine Organisationsstruktur (Hauriou 1965), was sie von nicht-organisierten Systemen abgrenzt. Nicht-organisierte Sozialsysteme sind zum Beispiel „Gemeinschaften“, die eine Idee, aber keine Struktur und Organisation vorweisen können (auch wenn sich aus Gemeinschaften Organisationen bilden können, die dann allerdings nicht mehr nur als Gemeinschaften anzusehen sind, sondern eben als Organisationen). Umgekehrt aber haben Organisationen immer auch eine Gemeinschaftsidee, ein Leitbild, eine Identität. Organisierte Sozialsysteme sind zudem handlungsorientiert. Die Politik als dominantes Supersystem der Gesellschaft (Gerhards/Neidhardt 1990) ist primär für die Herstellung von Sicherheit und Ordnung zuständig, die Wirtschaft für die Absicherung der materiellen Ressourcen, die Medien für die unabhängige Beobachtung aller anderen Systeme usw.

Medien, Politik und Wirtschaft als (trans-)nationale Systeme

Die spezifischen Logiken der einzelnen Systeme haben jedoch dazu geführt, dass diese in sehr unterschiedlicher Weise transnationale Zweitsysteme ausbilden (Vereinte Nationen, transnationale Unternehmen, transnationale Medien usw.), deren Kommunikationsregeln sich von der Grenzüberschreitung nationaler Systeme unterscheiden. In der Tendenz agieren Massenmedien als nationale (lokale) Mediensysteme, die das „Ausland“ als Informationsressource benutzen, während die Informationsverarbeitung allerdings in einem lokalen Mediensystem stattfindet, das durch eigene Organisationsstrukturen, Personal und Ressourcen ausgestattet ist. Die kommunikative Grenzüberschreitung solch nationaler Massenmedien bezeichnet man als „Auslandsberichterstattung“ (Hafez 2002a). Der sogenannte „Auslandsrundfunk“ besteht ebenfalls aus nationalen Medien, die allerdings den Kommunikationsfluss umdrehen. BBC World, RT, Voice of America und viele andere solcher Sender produzieren speziell für ausländische Publika (was ihre Autonomie gefährdet und sie oft de-facto zu einem Teil des politischen Systems macht).

Transnationale Strukturen haben Medien hingegen nur sehr spärlich entwickelt. Die meisten als international geltenden Medien sind eigentlich nationale Fabrikate mit einem globalen Anspruch (z.B. CNN) (Hafez 2005, S.23ff.). Dies gilt sogar für Medien wie den arabischen Fernsehsender Al-Jazeera, der in geolinguistischen Großregionen wie der arabischen Welt grenzüberschreitend Geltung erlangt hat. Internationale Nachrichtenagenturen sind noch am ehesten transnational ausgerichtet, da sie Informationen aus und für die meisten Länder der Welt liefern. Indem sie aber der Endproduktion durch die Medien vorgeordnet sind, sind sie eher als mediales Subsystem, denn als eigenständiges Mediensystem zu betrachten. Im Bereich der Massenmedien können die kommerziellen Strukturen durchaus transnational verflochten sein – spätestens bei der journalistischen Endproduktion aber gilt das nationalstaatliche oder zumindest nationalsprachliche Prinzip.

Was die Konturen des politischen Systems angeht, muss man zwei Ebenen unterscheiden: das im Ansatz vorhandene transnationale System (UNO, EU usw.) und den Nationalstaat. In der Politik kommuniziert der Staat sowohl im Rahmen transnationaler Organisationen, er verfügt aber auch über eine Tausende Jahre alte Geschichte der Diplomatie, des Austauschs zwischen Staaten, und diese Form der Internationalität und der Außenpolitik ist bis heute in den internationalen Beziehungen dominant. Auf Grund der Erfahrung der Weltkriege hat man im 20.Jahrhundert die Transnationalisierung etwa in Form der Vereinten Nationen oder kollektiver Sicherungsbündnisse wie der NATO vorangetrieben. Interaktionen spielen sich heute innerhalb dieser transnationalen Organisationen wie auch bi- und multilateral direkt zwischen unabhängigen Staaten ab.

Die in der frühen Globalisierungsdebatte vielfach erwartete Auflösung des Nationalstaates hin zur Transnationalisierung der Politik ist allerdings ungeachtet der zum Teil vorhandenen multinationalen Bündnisse (wie der EU) oder der internationalen Governance-Regimes (z.B. Kyoto-Protokoll im Umweltbereich) nicht erfolgt (Frei 1985, Brand et al. 2000). Der Nationalstaat ist nach wie vor der primäre Ort globaler Politik. Aus diesem Grund beschäftigen wir uns im vorliegenden Buch vor allem mit Außenpolitik-Kommunikation. Es ist wichtig, Diplomatie als einen Kommunikationsprozess zu verstehen, in dem Interaktion und Dialog in Verhandlungen eine zentrale Rolle spielen, zum Teil auch der Trialog mit Hilfe von Mediatoren. Auch Gewaltakte oder angedrohte Gewaltakte können eine Form zwischenstaatlicher Kommunikation sein – allerdings sind Gewalthandlungen eher monologisch und unilateral. Das politische System ist zudem ein zentraler Bestandteil öffentlicher Kommunikation, es beobachtet, wird von anderen Systemen und in Lebenswelten beobachtet und beeinflusst die Synchronität der mediatisierten Weltöffentlichkeit.

Ähnliches gilt auch für das Wirtschaftssystem. Auch hier ist eine Transnationalisierung im Ansatz erfolgt, etwa in Form großer wirtschaftspolitischer Einrichtungen der Weltbank, des IWF, internationaler Finanzabkommen und Handelsverträge. Es gibt zudem einen fortgeschrittenen Trend zu transnationalen Wirtschaftsunternehmen (Transnational Corporations/TNCs), die gemeinhin als „Global Players“ bezeichnet werden. In der zweiten Welle der Globalisierungsforschung wurde allerdings die Dominanz dieser Entwicklung und die Vorrangstellung des Transnationalen im Wirtschaftssystem bestritten (Hirst/Thompson 1999).

Es wäre demnach also falsch, die Politik oder die Wirtschaft als rein grenzüberschreitende Kräfte zu betrachten. Vielmehr sollten wir von gleichzeitig ablaufenden Trends von globaler Homogenisierung (im Sinne der global governance der Transnationalisierung von Wirtschaftsräumen oder Unternehmen) und nationaler Heterogenisierung (Nationalstaatspolitik und Protektionismus) sprechen. Die vorhandenen transnationalen Unternehmensstrukturen jedoch eröffnen ein eigenes Forschungsfeld. Anders als zumeist im Bereich der Politik geht es hier nicht länger um Kommunikation zwischen Systemen, sondern um Binnenkommunikation in grenzüberschreitenden Systemen, die nach besonderen Regeln verläuft, da die Organisationsziele und -programme im Grundsatz nicht mehr verhandelt werden müssen und die Mitgliedschaft in einer grenzüberschreitenden Einrichtung geklärt zu sein scheint. Die globale Integration, die Theoretiker wie Karl W. Deutsch im Bereich der Politik noch zu fördern versuchten, ist hier bereits vollzogen, was neue Horizonte für die multikulturelle Kommunikation und Idee der Gemeinschaftlichkeit erzeugen könnte.

Globale Zivilgesellschaft und Großgemeinschaften

Auch jenseits des politischen und wirtschaftlichen Systems gibt es in der Gesellschaft zahlreiche organisierte Sozialsysteme, die global vernetzt sein können. Die globale Zivilgesellschaft (global civil society) ist seit den 1990er Jahren ein viel diskutiertes Phänomen (Kaldor 2003, Anheier et al. 2001). Hauptakteure der Debatte waren zunächst internationale Nichtregierungsorganisationen (INGOs) wie Amnesty International, Greenpeace usw., also Organisationen, die sich aus der Zivilgesellschaft heraus zu globalen Netzwerk-Organisationen entwickelt hatten: eine Parallele zur Transnationalisierung im Bereich von Politik und Wirtschaft. Mit der massenhaften Verbreitung des Internets kam dann ein zweiter Grundtyp zivilgesellschaftlicher globaler Akteure hinzu: soziale Bewegungen wie die Anti-Globalisierungsbewegung. Soziale Bewegungen sind keine Mitgliederorganisationen, sondern Hybriden aus organisierten und nicht-organisierten Sozialsystemen, mit einem organisierten Kern – den sogenannten „Bewegungsorganisationen“ (social movement organizations) – und einer losen Gemeinschaftsstruktur, die sich um eine zentrale Idee und Symbole herum bildet (della Porta/Diani 2006). Diese strukturelle Unterscheidung hat, wie wir sehen werden, Konsequenzen für die Kommunikationsformen. NGOs und SMOs etwa haben unterschiedliche Präferenzen im Bereich der Öffentlichkeit durch Massenmedien oder das Internet oder artverschiedene Formen der grenzüberschreitenden Binnenkommunikation.

Soziale Bewegungen sind jenseits ihrer organisierten Kerne jedoch als nicht-organisierte Sozialsysteme/Gemeinschaften zu betrachten. Sie bestehen aus freiwilligen Sympathisanten, sind prinzipiell organisationsschwach, basieren dafür aber umso mehr auf einer zentralen Idee und einem starken Wir-Gefühl der Mitglieder. Die Idee der geistigen und emotionalen Verbundenheit ist in sozialen Bewegungen meist ausgeprägter als in Organisationen. Die Handlungsorientierung und Funktion sind hingegen oft unklar. Gemeinschaften gibt es auf verschiedenen Ebenen: Man unterscheidet traditionelle Gemeinschaften wie die Familie oder das Dorf, in die man hineingeboren wird, von Neu-Vergemeinschaftungen (Nation, Vereine, Freundeskreise usw.).

Gemeinschaften funktionieren nicht nur lokal, sondern auch virtuell, digital, als Netzgemeinschaften, Volksgemeinschaften, Solidargemeinschaften, Weltgemeinschaften usw. Großgemeinschaften ohne Organisation sind vor allem Diskursgemeinschaften und nur sehr eingeschränkt auch interaktive Gemeinschaften. Nicht nur haben Medien für Großgemeinschaften eine verbindende Funktion im Sinne des Diskurses, es gibt auch spezifische Netzgemeinschaften, deren (scheinbare oder tatsächliche) Interaktion immer dynamischer verläuft. Dank des Internets haben wir tatsächlich einen Trend zur Neo-Vergemeinschaftung zu verzeichnen. Man spricht etwa von Diasporagruppen im Netz und jede erdenkliche soziale Differenz kann sich in Netzgemeinschaften äußern. Virtuelle Gemeinschaften ermöglichen dem Individuum, die von Giesecke hervorgehobenen Gruppendialoge zu führen (Rheingold 2000). Dabei darf man das Kommunikationsverhalten in Netzgemeinschaften, wie wir sehen werden, allerdings nicht leichtfertig mit „dialogischer Interaktion“ gleichsetzen, da das globale Raumverhalten ein ganz anderes ist als bei grenzüberschreitender Kommunikation durch Individuen und in Realgruppen.

Globale Lebenswelten: ein Desideratum der „interkulturellen Kommunikation“

Zu den skizzierten systemischen Akteuren kommen nun Akteure und komplexe Kommunikationsprozesse in Lebenswelten hinzu. Auch Individuen und Kleingruppen beobachten und interagieren grenzüberschreitend, und zwar selbst dann, wenn sie dies nicht im Kontext bestimmter Gemeinschaften oder Organisationen, sondern informell, dafür aber in einem „realen“ Raum tun. Der Begriff der Gemeinschaft wird daher um den der Kleingruppe ergänzt, da hier die persönlichen Kontakte der Gruppenmitglieder zwingend notwendig sind und nicht – wie bei der Großgemeinschaft – identifikatorische und imaginierte, selbst oder fremd gewählte Zuordnungen über die Mitgliedschaft entscheiden. In der Lebenswelt der Menschen ist dort, wo man vom „gesellschaftlichen Leben“ spricht, das Aufeinandertreffen in nicht-gemeinschaftlichen Gruppen sogar eher die Regel (im Kino, auf der Straße, im Supermarkt usw.). Eine klare Trennung zwischen Großgemeinschaften und gemeinschaftlichen oder nicht-gemeinschaftlichen Kleingruppen ist insofern möglich, als Großgemeinschaften, abgesehen von Sondersituationen wie Netzgemeinschaften oder bestimmten Formen der Versammlungskommunikation, keine interaktiven Gemeinschaften sein können, was bei Kleingruppen aber generell der Fall ist.

In Hinblick auf die lebensweltlichen Kontexte individueller, gruppen- oder gemeinschaftsförmiger Kommunikation gilt es nun, die Frage zu beantworten, ob es zu einer Verschiebung von nationalen/lokalen hin zu globalen, also inter- oder transnationalen, Lebenswelten kommt? Eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung „globaler Lebenswelten“ ist im bisherigen Argumentationszusammenhang nicht nur die individuelle Beobachtung der Welt, etwa durch die Angebote der Medien, sondern ebenso das Vorhandensein unterschiedlicher „interkultureller Kommunikationssituationen“ in sozialen Alltagswelten.

Das für diese Antwort prädestinierte Forschungsfeld der „interkulturellen Kommunikation“ liefert allerdings angesichts konzeptueller Uneinigkeiten bisher keine ausreichend belastbaren Erkenntnisse. Denn bis heute hält sich hier die Idee des Einzelnen als Träger einer bestimmten, objektivierten „Kultur“ als verbreitetes Paradigma (u.a. Maletzke 1996, Hofstede et al. 2010). Dieses ist allerdings hochgradig problematisch, da es dem Individuum keinen Raum für eigenständige Kommunikationsleistungen zugesteht und essenzialistische Kulturraumvorstellungen bedient, wonach Individuen einer nationalen oder gar supranationalen Gesellschaftsordnung identische Sets an Weltdeutungen aufweisen und sich in ihren Handlungsmustern kaum unterscheiden würden. Zwar teilen Individuen in Gruppen und Gemeinschaften bestimmte handlungsprägende lokale Erfahrungszusammenhänge und sie können durch die gemeinsame Beobachtung von nationalen Mediendiskursen durchaus koorientiert sein. Aus der bloßen Lokalisierung von Menschen in bestimmten Weltregionen aber grundsätzlich differente, national geprägte Kommunikationsformen abzuleiten, ist empirisch wie theoretisch angesichts der Diversität menschlicher Daseinsformen nicht haltbar und im Sinne der zuvor diskutierten integrationistischen Überlegungen sogar politisch gefährlich, wenn nämlich indirekt eine problemorientierte Perspektive grenzüberschreitender Verständigung eingenommen und per se von zum Teil unüberbrückbaren Differenzen ausgegangen wird, die Kommunikation erschweren (Hansen 2011, S.179ff., S.251ff., vgl. a. Kapitel 7.2.1). In der globalen Interaktion steht ja nicht prinzipiell in Frage, dass Individuen mit unterschiedlichen kulturellen, sozialen und geolinguistischen Sozialisationserfahrungen Differenzen überwinden können, sondern vielmehr unter welchen Bedingungen, in welcher Form und mit welchen möglichen Wandlungserscheinungen dies in der grenzüberschreitenden Alltagskommunikation geschieht.

Doch auch wenn das Konzept des „Kulturellen“ Anlass für Missverständnisse bietet, soll und kann es nicht ganz aufgegeben werden. So werden kulturelle Prägungen auch an vielen Stellen dieses Buches behandelt, etwa wenn es um stereotype Medienbilder, Public Diplomacy oder das Zusammenspiel von globaler Interaktion, Medien und Vorurteilen gegenüber Gruppen geht. Allerdings wird „Kultur“ nicht in einer vom Akteur oder von der kommunikativen Konstruktion von Kultur losgelösten Art und Weise, sondern im Sinne unseres System-Lebenswelt-Netzwerk-Ansatzes untersucht. Unser Verständnis von Kultur folgt eher dem der Cultural Studies und meint konkrete Problematiken der Bedeutungszuweisung und symbolischen Klassifikationssysteme sowie deren alltägliche Aneignung, Produktion wie auch Dekonstruktion durch spezifische gesellschaftliche Akteure (Hall 1980). Diese Akteure sind im Zusammenhang globaler Kommunikationsbeziehungen in der Alltagswelt allerdings neu zu bewerten. Denn es wird darum gehen, Individuen mit oder ohne globale Kommunikationserfahrungen zu unterscheiden. Diese Erfahrungen können wiederum gemäß der eingeführten Systematik von Kommunikationsmodi vielfach variieren und dementsprechend unterschiedliche Konsequenzen für die Wandlungsprozesse lokaler Lebenswelten bedeuten.

Glokalisierung und Hybridisierung des Alltagshandelns

Im Bereich der Kulturtheorie ist die kulturelle Wandlungsdynamik der Globalisierung, komplementär zum Systemwandel, als „Glokalisierung“ oder „Hybridisierung“ beschrieben worden (u.a. Robertson 1995, Nederveen Pieterse 1994, 1998, García Canclini 2005, Appadurai 1998, Hall 1992, Kraidy 2005). Wenngleich die Autoren unterschiedliche Perspektiven der Soziologie, Anthropologie oder der Cultural Studies einnehmen und in ihren Argumentationsgängen variieren, ist ihnen doch gemeinsam, dass sie auf die grundsätzliche Heterogenität kultureller Wandlungsprozesse unter dem Einfluss globaler Entwicklungen verweisen. Wenn Menschen, Ideen, Symbole und Güter heute immer leichter global zirkulieren können, folgt daraus keine eindimensionale Wandlungslogik der kulturellen Angleichung (Homogenisierung) oder Rückbesinnung auf kulturelle Traditionsbestände (Heterogenisierung). Vielmehr ist zu beobachten, dass diese Prozesse gleichzeitig ablaufen können.

Statt der Frage von Übernahme oder Ablehnung kultureller Praktiken entstehen häufig Mischformen, indem sich kulturelle Akteure Teile globaler Angebote zu eigen machen und in kreativer Eigenständigkeit neue Varianten entwickeln. Diskutiert wurden diese hybriden Praktiken vor allem am Beispiel des lokalen Umgangs mit globaler Populärkultur. In der Tradition der Cultural Studies stellt sich dabei insbesondere die Frage nach machtabhängigen Handlungsmöglichkeiten, also danach, wie frei lokale Individuen tatsächlich in ihrer Aneignung globaler Angebote sind – etwa vor dem Hintergrund postkolonialer Machtverhältnisse, die Einfluss auf Umfang und Richtung der Weiterverbreitung haben können oder in Zusammenhang mit der Abhängigkeit von lokalen wie globalen hegemonialen Deutungsmustern, die über die Art und Weise von Repräsentation und damit auch über die Möglichkeiten der individuellen Auseinandersetzung und Positionierung entscheiden können.

Die Forschung zur kulturellen Globalisierung zielt damit zwar bereits klar auf die Alltagswelt von Individuen, sie erklärt aber deren Kommunikationsprozesse noch nicht systematisch. Die Aneignung globaler Medienangebote beschreibt nur eine, nämlich indirekte beziehungsweise mittelbare Form der grenzüberschreitenden Beobachtung. Auch wenn wir uns mitunter von globalen Trends in unserem Alltagshandeln beeinflussen lassen, so führt dies im besten Fall zu einer Synchronisierung von Lebensstilen, nicht aber zu grenzüberschreitenden Dialogen. Mediale Berichterstattung über ferne Welten, weltweit ähnlich formatierte Unterhaltungsangebote oder globale Popkultur liefern uns nur erste Ansatzpunkte für ein selektives Wissen über die Welt. Daneben können Individuen in ihrer Lebenswelt etwa auf privaten oder beruflichen Reisen oder in multikulturellen Kontexten moderner Gesellschaften global interagieren. Die Gestaltung dieser Kommunikationssituationen ist wiederum abhängig davon, ob Individuen diese Erfahrungen alleine machen oder in Gruppen, beispielsweise mit der Familie, Freunden oder Kollegen, in welchen Gemeinschaftszusammenhang das Erfahrungswissen eingebettet wird und in welcher Nachhaltigkeit globale Kontakte weiterbestehen. So ist es ein Unterschied, ob das globale Wissen als Expertenwissen in der Berufsrolle des Einzelnen verbleibt oder zum Verhandlungsgegenstand einer lokalen Gemeinschaft wird. Entscheidend sind also nicht nur die Rollenmuster und Rahmenbedingungen globaler Interaktionen von Einzelnen, sondern auch lokale Weiterverarbeitungen globalen Wissens, das aus unterschiedlichen Kontaktsituationen entsteht und eher expliziten (z.B. Faktenkenntnis) oder impliziten Charakter (Erfahrungswissen) haben kann.

Fazit: alte und neue globale „Eliten“ aus Systemen und Lebenswelten

Dies alles mündet in der Frage nach der Rolle heutiger globaler Eliten. Es kann für eine Analyse globaler Kommunikation nicht nur darum gehen, strategische Eliten (der organisierten Sozialsysteme) zu benennen, die globale Entwicklungen durch die Interaktionen der Sozialsysteme mitgestalten (wie in der älteren integrationistischen Systemtheorie, siehe oben), sondern wir müssen auch fragen, welche sozialen Eliten heute Lebenswelten prägen. Wenn wir dazu jene zählen, die globale Kontakterfahrungen haben, dann hat dies Auswirkungen auf ein herkömmliches Elitenverständnis. Denn „globales Kapital“ im Sinne eines Wissens, das über die Realitätserfahrungen lokaler Lebenswelten hinausgeht, hätten dann auch jene Gruppen und Individuen aufzuweisen, deren Status als gesellschaftliche Meinungsführer kaum anerkannt ist. Ein Beispiel wären Migranten und Migrantinnen, die sich in den neuen Einwanderungsgesellschaften noch heute gesellschaftlichen Marginalisierungen ausgesetzt sehen, im Grunde aber privilegierte Erfahrungen der Grenzüberschreitung besitzen. „Alte“ und „neue“ Eliten sind unter den Bedingungen globaler Kommunikation also neu zu definieren. Die Betrachtung der globalen Kommunikation der Lebenswelt wird im weiteren Verlauf des Buches immer auch eine Diskussion von Eliten- und Massenpositionen beinhalten. Es sind die individuellen, gruppalen und gemeinschaftsförmigen globalen Erfahrungen alter wie auch neuer globaler Eliten, die gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen und es sind ihre kommunikativen Aushandlungen, die den globalen Erfahrungen ihre gesellschaftliche Rolle und Relevanz zuweisen.

1.3 Spezifische Kommunikationsmodi (Systemverbindungen) von Systemen und Lebenswelten

Globale Kommunikationsmodi der Akteure: ein Kontinuum

Fragen wir nun, welche Formen globaler Kommunikation für die Akteure typisch sind, so ist zunächst erkennbar, dass eigentlich alle Akteure im Feld eine Reihe von Kommunikationskanälen/-medien simultan verwenden, unter anderem

 Massenmedienkommunikation

 Face-to-Face-Kommunikation

 Versammlungs- und Gruppenkommunikation

 Interpersonale mediatisierte Kommunikation.

Bezeichnend ist allerdings, dass auf jeder dieser Ebenen die oben erörterte kommunikative Leitdifferenz zwischen Beobachtung und Interaktion/Dialog in unterschiedlicher Ausprägung und Stärke vorliegt. Subsysteme und Individuen der Gesellschaften kommunizieren vielfältig, ihre Fähigkeiten zur Beobachtung wie auch zur Interaktion sind aber mehr oder weniger ausgeprägt, was das Kontinuum der Abbildung 1.2 zu veranschaulichen versucht.

Mit Hilfe des dargestellten Kontinuums lassen sich in Anlehnung an die kommunikativen Grundmodi nunmehr spezifische primäre und sekundäre Kommunikationsmodi der einzelnen Akteure globaler Kommunikation bestimmen, die im Fortgang des Kapitels genauer beschrieben werden. Massenmedien können gut beobachten, archivieren und systematisieren, sie gehören zu den zentralen Speichermedien kollektiver Erinnerung, sie pflegen aber monologische One-to-Many-Kommunikation und sind im Kern nicht-interaktiv, auch wenn einzelne Elemente der Massenmedienkommunikation (Rechercheinterviews, Talkshows) einen interaktiven Charakter haben, was allerdings als sekundärer Kommunikationsmodus einzustufen ist.

Abb. 1.2:

Akteursspezifische Kommunikationsmodi

Auf der anderen Seite des Kontinuums befinden sich Individuen und Kleingruppen, begrenzt auch Großgemeinschaften (vor allem in interaktiven Netzgemeinschaften), die gut im Interagieren und im Dialog sind, aber schlechter im Beobachten als organisierte Sozialsysteme, da ihnen die Ressourcen für organisierte Beobachtung fehlen. Sie sind allerdings prädestiniert für „echte“ Dialoge und gemeinsame Sinndeutungen im Zuge der Face-to-Face-Interaktion. Zum Beispiel sind auf internationalen Reisen die Möglichkeiten der direkten Beobachtung begrenzt: Das Expertenwissen über das Land, das eine Person bereist, ist weitgehend nur mit Hilfe der anderen Sozialsysteme abrufbar, die etwa systematisiertes Wissen über die Region in Medien und Büchern zur Verfügung stellen. Die Möglichkeiten der direkten Interaktion sind hingegen ohne große Transaktionskosten gegeben, sieht man einmal von Sprachhürden ab, und einfacher zu realisieren als in den die Beobachtung ermöglichenden Sozialsystemen wie den Massenmedien, in denen Interaktion bestenfalls vor Abfassung eines journalistischen Textes als Prozesselement vorhanden ist, dann aber durch die klare Produzenten-Rezipienten-Beziehung einer monologischen Kommunikationsform weicht.

Andere organisierte Sozialsysteme wie die Politik, Wirtschaft oder NGOs/soziale Bewegungen zeichnen sich durch hohe Hybridität mit Blick auf die Grundmodi der Kommunikation aus, da sie einerseits über ähnlich hohe Ressourcen und Kompetenzen der Weltbeobachtung verfügen wie die Massenmedien. Nicht umsonst ähnelt sich der strukturelle Aufbau des diplomatischen Botschafter- und des journalistischen Korrespondentenwesens. Beide Institutionen dienen der globalen Informationsbeschaffung. Auch internationale NGOs (INGOs) wie Amnesty International fertigen weltweit Berichte (z.B. über die Situation der Menschenrechte) an. Andererseits pflegen diese Sozialsysteme als dezidierte Handlungssysteme, die nicht nur beobachten, sondern gestalten, direkte grenzüberschreitende Interaktion (Diplomatie, Außenwirtschaftskommunikation, Unternehmens- und Organisationskommunikation in TNCs und INGOs).

Globale Interaktivität jenseits der Massenmedien?

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Beobachtung und Interaktion bei allen Akteuren in unterschiedlicher Ausprägung vorliegen, was jeweils auf spezifische Funktionen und Zielsetzungen der Akteure zurückzuführen ist. Es versteht sich von selbst, dass die Aufzählung der Systeme nicht vollständig ist und durchaus erweiterbar, etwa um das Subsystem der Wissenschaft mit ihrer ganz eigenen Mischung aus globalen Diskursen und Interaktionen. Die vielfältigen Wechselwirkungen von Individuen und Sozialsystemen, die jeweils „Umwelten“ füreinander darstellen, werden Gegenstand eines weiteren Schrittes der Theoriebildung der Interdependenz sein und keineswegs unterschlagen (vgl. Kap. 1.4). Zunächst lässt sich jedoch folgende Arbeitshypothese formulieren: Wenn wir heute von globaler Gemeinschaftsbildung (Weltgemeinschaftlichkeit) sprechen, dann weniger von den Massenmedien, deren primäre Aufgabe es ist, diskursive Weltöffentlichkeit herzustellen, als von anderen interaktiven Sozialsystemen sowie von den Individuen und ihren Lebenswelten, in denen prinzipiell interaktive Gemeinschaftlichkeit zum Tragen kommen kann.

Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass der Hauptgegenstand der Globalisierungsforschung bislang die Diskursanalyse in Form der Öffentlichkeits- und Medienkommunikation gewesen ist, während die Interaktionsanalyse vor allem im Bereich der nicht-öffentlichen Kommunikation bei Systemen wie auch Lebenswelten nur selten im Fokus theoretischer wie auch empirischer Betrachtungen gestanden hat. Die grundlegende Frage, ob soziale Interaktion im Prozess der Globalisierung eigentlich ebenso „mitwandern“ kann wie diskursive Kommunikation, bleibt daher unbeantwortet. Damit ist auch die Gemeinschaftsdimension bislang vollständig vernachlässigt worden. Eine umfassende Globalisierungsbilanz muss allerdings alle Bereiche der Kommunikation im Blick behalten.

Synchronisation der Weltöffentlichkeit: das Problem der Massenmedien

Wie lassen sich nun die globalen Kommunikationsprozesse der drei wesentlichen Akteurstypen beziehungsweise -dimensionen – Massenmedien, organisierte Sozialsysteme und Lebenswelten – genauer beschreiben? Die Hauptaufgabe der Massenmedien besteht in der Herstellung nicht-interaktiver Diskurse. Natürlich gibt es Ausnahmen: Talkshows, Medienblogs usw., aber die zentrale Funktion bleiben Themenstrukturierung und Diskursorganisation, sonst würde der Journalismus zu Public/Civic Journalism mutieren, also zu von Bürgern (mit-)gestalteten Medien (Rosen 1999, Merritt 1998), was eher sozialen Medien und Netzgemeinschaften vorbehalten ist (Forster 2006). Zudem hat Tanjev Schultz am Beispiel Deutschlands zu Recht festgestellt, dass große Talkshows mit spezifisch globalen Thematiken einen verschwindend geringen Anteil der Medienproduktion ausmachen, so dass interaktive Formate auch im Rahmen der Auslandsberichterstattung eine untergeordnete Größe darstellen (2006, S.169). Die Herstellung von Texten funktioniert bei Massenmedien weniger dialogisch als diskursiv durch eine begrenzte Auswahl von gesellschaftlichen Aussagen, die zum Teil, aber nicht durchgehend, in Beziehung gesetzt werden. Dies ist auch nicht anders möglich, da eine bloße Wiedergabe des Gesprächs von Milliarden von Menschen auf dieser Welt eine unüberschaubare Kakophonie produzieren würde, so dass sogenanntes „Gatekeeping“ und Selektivität zu den Grundprinzipien redaktionellen Arbeitens gehören. In den Medien reden nicht alle miteinander, sondern wenige beobachten viele und kommunizieren mittels und über Texte.

Bei der Herstellung der Diskurse funktionieren die Massenmedien – zumindest unter demokratischen Rahmenbedingungen – nach autonomen Programmierungen, die eine Kombination aus medienethischen Grundsätzen und Verlagsprogrammen oder Programmaufträgen sind. Im Falle der Medien variieren die Funktionszuschreibungen je nachdem, ob zum Beispiel eher demokratietheoretische Ziele (z.B. deliberative, rationale Öffentlichkeit) oder funktionalistische Bezüge (z.B. Themenstrukturierung, auch durch Unterhaltung) zugrunde gelegt werden (Hafez 2010). Die Hauptaufgabe der Medien ist es, in Anlehnung an Niklas Luhmann, eine Differenz zwischen sich selbst und ihrer Umwelt zu erzeugen, die man als die ureigene Funktion eines Systems beschreiben kann (Hafez 2002a, Bd.1, S.124ff.). Die Autonomie der Massenmedien lässt sie spontan als geschlossene Systeme erscheinen, die selbstbestimmt die Welt beobachten. Als Theorie der Massenmedien ist daher auch weniger die Organisations- als vielmehr die Text- und Diskurstheorie bedeutsam, denn die Textproduktion ist ja der finale Sinn eines Beobachtungssystems. Handlungssysteme wie die Politik werden letztlich zwar auch an ihren Texten – zum Beispiel an der politischen Rhetorik oder an Verträgen – gemessen, wichtiger jedoch ist ihr kommunikatives und strategisches Handeln, denn dieses hat nahezu unausweichlich gesellschaftliche Konsequenzen.

Natürlich bedeutet Autonomie im Falle der Massenmedien dennoch nicht Autarkie, denn Medien werden auf Mikro-, Meso- und Makroebenen und vom politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umfeld beeinflusst (Hafez 2002a). Sie sind in komplexe Umwelteinflüsse eingebettet und existieren in Relation zu ihrer Umwelt in einem „Fließgleichgewicht“ (Kunczik 1984, S.205ff., 212ff., Hafez 2002a, Bd.1, S.124ff.), das sie immer wieder auch zu Anpassungen zwingt, wie noch zu erörtern sein wird (vgl. Kap. 1.4). Zunächst einmal geht es in diesem Teilkapitel aber um die Autonomiefunktion der Medien.

Wenn autonome Beobachtung der primäre Modus der Massenmedien ist, dann steht im globalen Maßstab die Frage nach der „Synchronisation“ ihrer Beobachtungsleistungen im Vordergrund. Die Transnationalisierung des Mediensystems muss der ultimative Ausdruck einer rationalen und auf Koorientierung der Bürger dieser Welt abzielenden Qualität der Weltöffentlichkeit sein, denen Weltwissen zur Verfügung gestellt werden soll. Die Luhmann’sche Differenzidee autonomer Systeme bezog sich eigentlich immer nur auf andere Sozialsysteme, nicht aber auf andere Medien anderer Länder. Die Massenmedien müssen unabhängig von der Politik und der Wirtschaft sein; sie müssen aber nicht notwendigerweise zu anderen Erkenntnissen kommen als Medien im Ausland. Im Prinzip scheint es durchaus sinnvoll zu sein, die Welt so zu sehen, wie andere Menschen in der Welt und deren Medien sie auch sehen – der rationale Abgleich aller sinnvollen Frames und Diskurse ist geradezu das Signum der auf intime Weltkenntnis verweisenden These vom „globalen Dorf“. Im Sinne der ursprünglichen ersten Welle der Globalisierungstheorie und der radikalen Idee einer Weltöffentlichkeit (global public sphere) muss man die Massenmedien dieser Welt sogar prinzipiell als ein einziges System betrachten können, das nicht mehr an nationalen Grenzen Halt macht.

Hier nun allerdings liegt das Hauptproblem der globalen Medienkommunikation. Ist sie zu einer hohen Synchronisierung und einer starken Globalisierung in der Lage? Eine Reihe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, unter anderem einer der Autoren dieses Buches, haben in der zweiten Welle der Globalisierungsforschung in Frage gestellt, dass eine Homogenisierung der Diskurse auf Grund einer optimierten Beobachtungsleistung durch die Massenmedien erfolgt, da sowohl die Aufmerksamkeit für Themen als auch die Art der journalistischen Aufbereitung selbst bei identischen Ereignissen in den einzelnen nationalen Mediensystemen oft grundlegend unterschiedlich sind, wie wir in diesem Buch noch eingehender untersuchen werden. Vielmehr betonen sie die vorherrschende Domestizierung der Auslandsberichterstattung(en) dieser Welt (Hafez 2002a, Bd.1, S.24ff., 2005, Flew 2007, Stanton 2007, Ulrich 2016, vgl. a. Williams 2011, S.21ff.). Im Kontrast dazu gibt es auch Werke, die die Synchronität durch mediale Grenzüberschreitung hervorheben (Volkmer 2014, Fraser 2014).

Lokal-globale Mehrebenen-Medienöffentlichkeit(en)

Um nicht in unproduktiven Dogmatismus zwischen konträren Schulen zu verfallen, kann man versuchen, ein transformatives Konzept lokal-globaler Öffentlichkeit(en) zu etablieren. Der primäre Bezug bleibt hier die nationale Auslandsberichterstattung mit ihrer Tendenz zur Domestizierung. Allerdings findet auch in der nationalen Auslandsberichterstattung ein gewisser – wenn auch begrenzter – Abgleich mit globalen Diskursen statt; ein Effekt, der andernorts als Tip-of-the-Iceberg-Phänomen beschrieben worden ist (Hafez 2011, S.484) und der noch immer recht weit entfernt ist vom Ideal einer völligen Synchronisierung aller Diskurse, Themen und Frames, wie sie in einer durch transnationale Medien geprägten Welt realisiert wäre (Splichal 2012, S.149, Wessler et al. 2008, S.15f.).

Zudem kann in homogenen Sprachräumen eine erste Form der grenzüberschreitenden Transnationalisierung von Produktionskontexten erfolgen (z.B. lange Jahre Al-Jazeera in der arabischen Welt). Zuletzt ermöglichen technische Zugriffe auf ausländische und fremdsprachliche Medien vor allem einer multilingualen Informationselite unter den Verbrauchern einen komparativen Zugriff auf unterschiedliche nationale Mediensysteme, was das Simulationsproblem zwar auf der Produktionsebene bestehen lässt, es aber auf der Rezipientenebene löst (vgl. Abbildung 1.3). Wir werden im Kapitel über die Massenmedien (Kap. 2) auf die verschiedenen Ebenen der globalen Massenkommunikation eingehen, um sinnvolle Antworten auf die Frage nach der Synchronität der globalen Medienbeobachtung zu finden.

Abb. 1.3:

Lokal-Globale Mehrebenen-Medienöffentlichkeit(en)

Globale Organisationskommunikation zwischen Diskurs und Interaktion

Kommunikationsprozesse in anderen organisierten und nicht-organisierten Sozialsystemen müssen auch mit anderen spezifischen Theorien untersucht werden als die Medien. Mit der Vielfalt der Akteure wachsen auch die theoretischen Herausforderungen, denn eine einheitliche Theorie für deren kommunikatives Handeln gibt es nicht. Grundsätzlich gilt, dass mit der Verlagerung vom Beobachtungssystem der Massenmedien zu den organisierten Handlungssystemen (Politik, Wirtschaft usw.) eine Akzentverschiebung von der Diskurs- zur Organisationsanalyse einhergeht. Eine der Herausforderungen für die Forschung besteht darin, dass ein großer Teil der Kommunikationsprozesse dieser Sozialsysteme nicht öffentlich sichtbar und auch für die Forschenden selbst schwer zugänglich ist. Um nicht-mediatisierte Kommunikation verstehen zu können, bedarf es eines guten Verständnisses der Organisationsstrukturen und der mit ihnen verbundenen typischen Kommunikationsprozesse. In Anlehnung an die Organisationssoziologie lassen sich einige „Kommunikationsstrukturen“ erkennen (u.a. Endruweit 2004, S.178ff.), die gleichermaßen auf alle organisierten Sozialsysteme zutreffen, wobei allerdings, wie wir sehen werden, an verschiedenen Stellen Ergänzungen aus anderen Theorierichtungen wie der Verhandlungskommunikation, Entscheidungstheorie, Netzwerktheorie und Deliberationsforschung erforderlich sind.

Die erste Struktur betrifft die oben dargelegte Dualität beziehungsweise Hybridität von Beobachtungs- und Interaktionsleistungen. Wir haben es als charakteristisch für Handlungssysteme bezeichnet, dass sie sowohl beobachten (speichern, systematisieren, analysieren) als auch interagieren. In Manfred Rühls organisationstheoretischer Analyse von Redaktionen zum Beispiel, die aber auch auf andere Organisationen anwendbar ist, macht dieser klar, dass die Zweckprogrammierungen (der Chefebene) und die Konditionalprogrammierung (Erfahrungswissen und Routinen der Mitarbeiter) bei veränderten Bedingungen immer wieder sozial nachverhandelt werden müssen (Rühl 1979, 1980). Entscheidungstheoretische Prozessmodelle zeigen, dass es etwa in der Außenpolitik darauf ankommt, Probleme zu bestimmen, Informationen zu sammeln, Handlungsalternativen zu erarbeiten usw. (Behrens/Noack 1984, S.113). Die prinzipielle Rationalität von Prozessen der Sozialsysteme sollte man gleichwohl nicht idealisieren. Oft sind politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme so aufgebaut, dass sie – ähnlich wie das Mediensystem – unterschiedliche Organisationen umfassen, die durch Richtlinienkompetenzen nur lose zusammengehalten werden (globale Kommunikation der Außenpolitik findet etwa durch verschiedene Ministerien statt).

Innerhalb einer jeden Organisation werden Beobachtungs- und Interaktionsleistungen zudem von verschiedenen Abteilungen und auf unterschiedlichen Hierarchiestufen getätigt, die nicht immer ideal koordiniert werden. Nicht selten kommt es etwa in der Außenpolitik vor, dass hausinterne Analysen und Monitoring-Dienste nicht hinreichend in Entscheidungsprozesse eingehen, weil diese Entscheidungen zum Beispiel von Ad-Hoc-Teams und „vorbei am Apparat“, unter Zeitdruck oder nach ideologischen Prämissen getroffen werden. Global Governance hat zudem zu einer neuen Form der sogenannten „Nebendiplomatie“ (second track diplomacy) geführt, die auch Netzwerke von NGOs, Lobbies und externe Experten einbezieht (Hafez 2002c, S.138). Da Wirtschafts-, Gesellschafts- und Politiksysteme sich zudem in ihren Organisationszielen unterscheiden, sind auch die Organisationsstrukturen nicht identisch und damit sind auch die Kommunikationsstrukturen zu vielfältig, so dass sie im Rahmen einer Einführung nur exemplarisch behandelt werden können. Das Spannungsverhältnis zwischen Beobachtungs- und Interaktionsstrukturen von organisierten Sozialsystemen erzeugt einen erhöhten Kommunikationsbedarf, der der Kommunikationsberatung auch in politischen wie wirtschaftlichen Organisationen ein ganz neues Feld eröffnet hat (Hafez 2002c).

Informalität und Mediatisierung der Organisationskommunikation

Erschwerend kommt hinzu, dass man im Inneren von Organisationen zwischen formeller und informeller Kommunikation unterscheiden muss, was etwa im Nebeneinander von Abteilungssitzungen und dem „Flurfunk“ zum Ausdruck kommt. Schon lange ist bekannt, dass informelle Kommunikation in Bürokratien eine erhebliche Rolle spielt, da hier innovative Lösungen gefunden werden, aber auch formale Kommunikationsprozesse blockiert werden können. Bei der Bewertung der informellen Kommunikation, die früher als Störfaktor betrachtet wurde, tendiert man heute immer stärker zur positiven Hervorhebung emotionaler und kognitiver Facetten (Torjus 2014, S.29ff.). Gelingende informelle Kommunikation ist in jedem Fall für das Wir-Gefühl einer Gemeinschaft wichtig, was in unserem Kontext die Frage aufwirft, ob Informalität auch bei globalen Distanzbeziehungen etwa in transnationalen Unternehmen zum Tragen kommt und dadurch interaktive Gemeinschaftlichkeit, also „Weltgemeinschaft“ statt nur „Weltöffentlichkeit“, im internationalen Rahmen fördert. Die Gemeinschaftsdimension der informellen Kommunikation spielt zudem nicht nur in der Binnenkommunikation von Organisationen und Systemen eine Rolle, sondern verläuft auch zwischen Systemen, im Bereich des Handels wie auch in der zwischenstaatlichen Diplomatiekommunikation. Jürgen Habermas würde sagen: Hier geht es nicht nur um strategische, sondern auch um dialogische Kommunikation und damit auch um echtes kommunikatives Handeln (Habermas 1995, Bd.1, S.126ff.). Mehr noch als die Organisationskommunikation und die Entscheidungstheorie ist daher oft die Verhandlungskommunikation der zentrale Bereich der Theorie der globalen Interaktion.

Eine zweite bedeutsame Kommunikationsstruktur ist die Text-Sprech-Differenz. Texte können bei Beobachtungen wie bei Interaktionen eine Rolle spielen, zum Beispiel bei internationalen Verträgen oder Kommuniqués, in denen die Sichtweisen verschiedener internationaler Partner fixiert werden. Interaktion kommt also in verschiedenen Aggregatzuständen daher, zum Beispiel als Sprech- oder als Schriftdialog. Jede Variante besitzt spezielle Vorzüge. Gesprochene Dialoge verfügen über ein hohes Partizipations- und Gemeinschaftspotenzial. Der geschriebene Text hingegen macht Gemeinschaften verbindlich, denken wir nur an die Völkerrechtsabkommen. Wir müssen jedenfalls beide Interaktionsformen der organisierten Sozialsysteme im Blick behalten und ihre Eigendynamiken und Wechselwirkungen erfassen.

Die nächste bedeutsame Kommunikationsstruktur ist die Unterscheidung zwischen direkter und mediatisierter sozialer Kommunikation. Nahezu alle Kommunikationsstrukturen besitzen heute eine zusätzliche Dimension der mediatisierten interpersonalen Kommunikation (E-Mail, Telefon, Netzdienste usw.). Dadurch entstehen neue Chancen der Deterritorialisierung, aber auch Einbußen bei der Qualität der Beobachtungsleistungen ebenso wie bei der partizipativen, interaktiven Vergemeinschaftung. Es bilden sich neue Textsorten – zum Beispiel die internationale Online-Petition – und informelle Beziehungen im digitalen Raum. Technische Veränderungen der Digitalisierung haben direkte Auswirkungen auf globale Kommunikation. Für die Weltgemeinschaft eröffnen sich neue Möglichkeiten, aber eben auch zusätzliche Gefahren.

Globale Innen-/Außen-Hybridität

Für die Bilanz globaler Kommunikation von entscheidender Bedeutung ist nicht zuletzt eine weitere Struktur: das Innen-/Außenverhältnis von Kommunikation. Die Grenze zwischen Binnen- und Außenkommunikation ist identisch mit der zwischen nicht-öffentlicher und öffentlicher Kommunikation. Hier kann dann auch erneut, ähnlich wie bei Massenmedien, die Diskursanalyse publizierter Texte und politischer Rhetorik eine Rolle spielen. Binnenkommunikation der Sozialsysteme, einschließlich der Netzwerkkommunikation mit anderen Systemen (Diplomatie usw.), ist oft interaktiv. Außenkommunikation ist hingegen durch strategische Kommunikation gekennzeichnet (z.B. Wirtschafts-PR, staatliche PR/Propaganda) und damit in der Tendenz monologisch-persuasiv und nicht interaktiv und gemeinschaftsbildend. Die Kernfrage für das vorliegende Buch in diesem Zusammenhang lautet daher: Wieviel gemeinschaftsbildende Kraft entwickelt beispielsweise die Interaktion nicht-öffentlicher Diplomatie, wenn im öffentlichen Raum dann schließlich doch wieder außenpolitische Propaganda vorherrscht? Inwiefern verbindet strategische Unternehmens-PR, bei allem Dialogverhalten in der Binnenkommunikation, unsere Welt zu einer „Weltgemeinschaft“? Die Hybridität der Sozialsysteme des politisch-wirtschaftlichen Sektors, ihr ständiges Oszillieren zwischen Egozentrismus und Gemeinschaftsorientierung, ist kommunikationstheoretisch gut damit zu erklären, dass sie an der Schnittstelle zwischen Diskurs und Dialog angesiedelt sind. Diskursive Public Relations und dialogische Interaktion über Ländergrenzen hinweg gehen eine komplizierte und vielfach verwirrende Mischung ein, um deren analytische Unterscheidung und Bilanzierung wir uns in dieser Arbeit bemühen.

Da wir im Kontext des System-Lebenswelt-Netzwerk-Ansatzes aber neben den funktionalen Austauschprozessen auch die intrinsischen Strukturen der Systeme verstehen müssen, ist es wichtig, die globale kommunikative Hybridität nicht nur als kommunikativen Widerspruch oder Ungleichzeitigkeit zu verstehen, sondern auch als strukturelle Problematik. „Hybridität“ von Diskurs und Dialog erklärt ja noch nicht, wann und warum welche Modi verwendet werden und warum Widersprüche – etwa zwischen Innen- und Außenkommunikation – entstehen können. Dies wird allerdings sofort verständlicher, wenn man die Idee des strukturellen autonomen Selbsterhalts bei gleichzeitig erforderlicher Umweltanpassung einbezieht. Interaktion ist dann ein Weg der Anpassung; diskursive Kommunikation hingegen dient der Autonomisierung. Systeme kommunizieren mit den jeweiligen Modi, die ihnen zum Erhalt der Grundfunktionen von Autonomie und Anpassung opportun erscheinen. Kommunikative Hybridität wird damit zum Gegenstand des systemischen „Fließgleichgewichts“. Robert S. Fortner hat bereits vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass internationale Kommunikation teils als einheitliches globales System und teils als Ansammlung separater Systeme zu denken ist (1993, S.37f.). Dies gilt mit Blick auf die Kommunikation zwischen gleichen Systemen (also etwa der Interaktion zwischen Staaten in der Diplomatie) ebenso wie bei der Interdependenz zwischen ungleichen Systemen (z.B. Medien, Politik, Wirtschaft), die uns weiter unten noch beschäftigen wird.

Globale Interaktionspotenziale nicht-organisierter Sozialsysteme

Nicht-organisierte Sozialsysteme kann man nicht ohne weiteres mit den Mitteln der Organisationskommunikation untersuchen. An die Stelle der organisatorischen treten diskursive oder auch dialogische Strukturen, was dazu führt, dass Netzgemeinschaften sowohl ein Untersuchungsgegenstand der Netzwerkforschung der Soziologie wie auch der Deliberationsforschung der Kommunikationswissenschaft sind (Stegbauer/Rausch 2006, Stromer-Galley/Wichowski 2013). Soziologisch interessant ist, dass die Kehrseite der organisationslosen und im Prinzip hierarchiefreien Netzgemeinschaften oft eine Dominanz informeller hegemonialer Meinungsführer und „Informationseliten“ ist. Für die „Masse“ der Menschen sind Sprachraumgrenzen und kulturelle Hegemonien in Netzgemeinschaften oft eine ernst zu nehmende Hürde. Dies wiederum kann den angeblichen Dialogcharakter des als interaktiv geltenden Internets einschränken, was wiederum Konsequenzen für globale Gemeinschaftlichkeit hat. Es wird also über die Qualität von Online-Diskursen zu sprechen sein. Wie global sind Online-Communities wirklich? Ist das Internet letztlich ein globales oder ein lokales Medium?

Eine weitere Herausforderung liegt in der systematischen Untersuchung der (globalen) Lebensweltkommunikation, die eine Erweiterung an theoretischen Instrumentarien erfordert. Wenn wir die globalen Kommunikationsbeziehungen von Individuen, Gruppen und „kleinen Lebenswelten“ (Luckmann 1970) in den Blick nehmen, dann müssen wir uns stärker an den Überlegungen der interpersonalen Kommunikation, dem symbolischen Interaktionismus, der Soziopsychologie und vor allem an den soziologischen Kommunikationstheorien orientieren, die in der Tradition der Wissens- und Kultursoziologie stehen (Schützeichel 2004, Averbeck-Lietz 2015). Denn hier werden die Grundlagen der menschlichen Kommunikation und Weltwahrnehmung verhandelt, die für die Frage nach globaler Kommunikation aus der Mikroperspektive des Alltags entscheidend sind.

In Anlehnung an die oben eingeführten Kommunikationsmodi und die soziologischen Kommunikationstheorien gehen wir zunächst davon aus, dass das kommunikative Handeln des Individuums wechselseitig interaktiv ist. Menschen lernen durch Interaktion mit anderen, sich selbst und die Welt zu deuten und zu verstehen und auf der Basis dieses Weltverstehens wiederum eigene Handlungen aufzubauen (Mead 1934, Blumer 2010, Blumer et al. 2013). Unser Erfahrungswissen, welches wir so in fortlaufender Kommunikation ansammeln, verdichtet sich schließlich zu Kategorien, die Schütz und Luckmann als soziale Typenbildung beschrieben haben (2003, S.313ff., Schützeichel 2004, S.128ff.). Wir entwickeln also Alltagstheorien über Kommunikationssituationen, antizipieren das Handeln anderer und ordnen neue Erfahrungen in diese Klassifikationssysteme ein. Dies bedeutet auch, dass unsere individuellen Wissenssysteme, mit deren Hilfe wir uns die Welt erschließen, von unseren spezifischen Sozialisations- und Kontakterfahrungen geprägt sind. Die wechselseitige Orientierung aneinander hat nämlich auch zur Folge, dass wir kommunikative Muster, Repertoires und Routinen kennenlernen, die in bestimmten sozialen Milieus als kommunikative Konventionen institutionalisiert und damit sozial tradiert werden. Insofern können wir sagen, dass sich das lebensweltliche Erfahrungswissen des Einzelnen aus einem Zusammenspiel unterschiedlicher sozialer Wissenssysteme speist. Die „Strukturen der Lebenswelt“ (Schütz/Luckmann 2003), also die generellen Bedingungen der räumlich, sozial und zeitlich strukturierten Interaktion in der Alltagswelt, bleiben dabei aber für alle Menschen gleich, so dass eine wechselseitige Verständigung mit „sozialen Anderen“ grundsätzlich immer möglich sein sollte.

Für die grenzüberschreitende Verständigung heißt das nun im ersten Schritt, dass diese von einer spannungsreichen Dialektik geprägt ist. Einerseits ist unser kommunikatives Handeln immer ein Produkt unserer jeweiligen sozialen Umwelten und Sozialisationserfahrungen, die bei vielen Menschen auch heute noch in erster Linie lokalen Ursprungs und abhängig von lokalen Diskursen sind. Andererseits unterliegt das lebensweltliche kommunikative Handeln eben auf Grund des intrinsisch sozialen Charakters immer auch einem dynamischen Wandlungsprozess. Denn wenn unsere Erfahrungen fortlaufend zur (Neu-)Ordnung unserer typischen Handlungs- und Kommunikationsschemata führen, dann ist theoretisch immer auch die Möglichkeit zur Veränderung dieser Typen und damit unserer handlungsleitenden Wissenssysteme durch neue Erfahrungen gegeben.

Diese Dialektik ist bezüglich der zentralen Unterscheidung von Beobachtung und Interaktion von besonderem Interesse. Wir hatten festgestellt, dass die bloße Beobachtung der Welt durch individuelle Akteure weitestgehend von den Leistungen der anderen Sozialsysteme abhängig ist, da Expertenwissen in modernen Gesellschaften primär durch die Medien, das Schul- und Wissenschaftssystem zur Verfügung gestellt wird. Dabei beobachten wir aber noch lange nicht alltägliche Interaktionen in anderen, ferneren Lebenswelten, sondern zu großen Teilen die strategischen Handlungen politischer Sozialsysteme (Hafez/Grüne 2015). Insofern ist die Medienkommunikation nur eine sehr eingeschränkte Form globaler Kommunikation in der Lebenswelt. Die Lebenswelt ist theoretisch ganz im Gegenteil der prädestinierte Ort für globale Dialoge, da hier gemäß unserer bisherigen Herleitung vor allem Face-to-Face-Interaktion stattfindet. In den Interaktionen können individuelle Akteure nun mittelbare und unmittelbare grenzüberschreitende Dialoge führen und sie können direktes und vermitteltes Erfahrungswissen sammeln, also aus dem globalen Selbstkontakt oder Gesprächen über den globalen Kontakt Dritter.

Globale Lebenswelten und Gruppenkommunikation

Die letztere Form weist auf eine Komplexität globaler Lebensweltkommunikation hin. Auch wenn Menschen nämlich gelegentlich Wissen aus reinen interpersonalen Kommunikationssituationen beziehen, so wird dieses häufig im Gruppenkontakt weiterverhandelt. Familien, Peers, Interessengemeinschaften oder Hobby- und Fangemeinschaften bestehen selten aus nur zwei Personen, sondern es handelt sich in der Regel um vergemeinschaftete Gruppenbeziehungen. Das gilt nicht nur für informelle Rollen der Privatwelt, sondern ebenso für soziale Kontexte, in denen Akteure in ihren zugewiesenen formalen Handlungsrollen agieren. Auch in der Ausbildung oder im Beruf finden sich Menschen meist in Gruppenkontexten wieder.

Diese unterschiedlichen Gruppen und Gemeinschaften sind wiederum der lebensweltliche Horizont geteilter Erfahrungen und Wissenssysteme. Das individuelle Wissen muss also für die soziale Integration in Transaktionsleistungen immer wieder an diese Gruppenkontexte rückgebunden werden und bedarf somit einer diskursiven Anschlussfähigkeit. Individuelle Lebenswelten stehen also immer in Zusammenhang mit milieuspezifischen „kleinen Lebenswelten“, wie sie Benita Luckmann beschrieben hat (1970). Dieses Verhältnis kann wiederum helfen, Prozesse der Reproduktion oder Irritation von gesellschaftlich verhärteten Fehldeutungen, Stereotypen oder Ignoranz gegenüber globalen „Anderen“ und deren Lebenswelten zu verstehen. Daher werden uns insbesondere Fragen nach der Veränderungsdynamik des akteursspezifischen Alltagswissens wie auch nach den Voraussetzungen zur Herausbildung echter globaler Gemeinschaft unter den Bedingungen globalen Kontakts in den folgenden Kapiteln des Buches weiter beschäftigen.

Mobilität, erweiterter Interaktionsraum und das Rollenproblem

Bisher deuten Daten aus dem Bereich des Tourismus, der transnationalen Vergemeinschaftung oder der Nutzung Sozialer Medien darauf hin, dass die Potenziale einer globalen Erweiterung der Kommunikationserfahrungen, also soziale Kommunikation über die Grenzen der alltäglichen Lebensrealität hinaus, zu großen Teilen noch ungenutzt bleiben (Zuckerman 2013, vgl. a. Mau 2007). Dies gilt sowohl für die physische wie auch die digitale Mobilität, was insofern interessant ist, als dass im Verhältnis von direkter und mediatisierter sozialer Kommunikation der Lebenswelt der indirekte globale Dialog durch die Tools der Sozialen Medien deutlich einfacher geworden ist. Aber die lokalen Grenzen von Sprach- und Diskursgemeinschaften scheinen sich vorerst in den digitalen Lebenswelten zu behaupten. Nur wenige individuelle Akteure verlagern ihre Interaktion mittelbar oder unmittelbar jenseits lokaler Grenzziehungen in einer Weise, in der sie sowohl an den Dialogen als auch den Diskursen anderer Lebenswelten teilhaben und damit wirklich grenzüberschreitend Wissenssysteme verhandeln und globale Gemeinschaft entwickeln.

Das Wissen dieser „Kosmopoliten“ (Hannerz 1996, S.102ff.) kann wiederum nur in ausgewählten Kommunikationskontexten weitergegeben werden. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, auch für die kommunikativen Lebenswelten die theoretische Unterscheidung zwischen Formalität und Informalität einzubeziehen. Analog zu den formalen und informellen Kontexten der Organisationskommunikation finden wir auch in Lebenswelten beide Modi vertreten. Zwar scheint auf den ersten Blick die informelle Kommunikation in der Privatwelt zu dominieren, doch im Laufe der lebensweltlichen Kommunikation schlüpfen Individuen auch immer wieder in formalisierte Rollen, in denen sie Träger von Organisationszielen werden. Je nach Ausrichtung kann nun die globale Erfahrung entweder an formale (z.B. Außenmitarbeiter in global agierenden Unternehmen) oder informelle Rollen (Privatperson auf Reisen) gekoppelt sein, wobei im ersten Fall beide Rollenfunktionen zusammenfallen können. Die Weitergabe der globalen Erfahrung kann dann eher strategischer oder zufälliger Natur sein und die lokalen Lebensweltkontexte unterschiedlich stark beeindrucken oder gar nachhaltig verändern. Das Potenzial globaler Gemeinschaftsbildung ist damit in den grenzüberschreitenden Face-to-Face-Interaktionen von Individuen noch nicht automatisch begünstigt, sondern hängt auch von Kommunikationsstrukturen ab.

Dazu zählt zudem das variierende Innen- und Außenverhältnis lebensweltlicher globaler Kommunikation. So ist es, wie eben angedeutet, vor allem die Binnenkommunikation der Kleingruppe, die mit über die Art und Weise der kollektiven Anschlussfähigkeit globaler Erfahrungen entscheidet, da die private soziale Rückverhandlung derselben zumeist dort vorgenommen wird. Kleingruppen haben aber wiederum keine verfasste strategische Außenkommunikation, wie wir sie von sozialen Bewegungen, Organisationen oder Großgemeinschaften kennen. Dass gerade Kleingruppen globales Wissen strategisch an größere Öffentlichkeiten nach außen kommunizieren, ist daher theoretisch problematisch. Im kulturellen „Transit“-Raum der Kleingruppe kann aber durchaus ein neuer alltäglicher Umgang mit Globalisierung durch deren Mitglieder verhandelt und umgesetzt werden. Während bei der Kleingruppe vor allem nicht-öffentliche direkte oder indirekte globale Kontaktszenarien dominieren, können Individuen auch als Einzelne in funktionalen (Teil-)Öffentlichkeiten global interagieren. Sie können dies zum Beispiel strategisch in Repräsentationsrollen von organisierten Systemen tun. Individuelle Akteure können theoretisch sowohl Diskurse mitgestalten (etwa, indem sie publizieren) oder direkte globale Dialoge mit anderen führen. Sie sind also viel mehr noch als die Kleingruppe der eigentliche Akteur der globalen lebensweltlichen Außenkommunikation.

Soziale Medien und globaler Monolog/Dialog

Schließlich ist noch auf die Text-Sprech-Differenz des kommunikativen Handelns in der Lebenswelt einzugehen. Auch hier scheint die Dominanz der Face-to-Face-Interaktion auf eine analoge Dominanz der Sprechakte hinzuweisen, die zugleich auch eine grundsätzlichere Unverbindlichkeit der kommunikativen Leistung der Lebenswelt impliziert – selbst Konventionen des Alltagshandelns folgen ja nicht fixierten Regeln wie etwa in der Diplomatiekommunikation, sondern tradierten, impliziten Institutionalisierungen. Globale Verhandlungen der Sozialsysteme führen im besten Fall zu fixierten globalen Abkommen, globale Dialoge der Lebenswelt aber zu globalem Wissen, globaler Erfahrung und Gefühlen globaler Solidarität, was sich nicht sofort sichtbar umsetzt und eine empirische Bilanzierung zweifelsohne erschwert.

Dennoch lässt sich ein Anfangsverdacht einer Verschiebung hin zu Textualität der globalen Kommunikation formulieren. Denn wenn die Möglichkeiten globaler Interaktion der Sozialen Medien genutzt werden, dann müssen sich globale Alltagsdialoge zwangsläufig in digitale Texte verwandeln, was wiederum eine Rationalisierung der Lebensweltgespräche beeinflussen kann. Auch die Praktiken der Verarbeitung globaler Kontakterfahrungen produzieren materielle Texte: Über Fotos, Berichte und Blogs werden etwa globale Kontakterfahrung wieder in monologische Textsorten verwandelt und in Archive der Alltagserinnerung verschoben, was ebenso eine lebendige Verhandlung im lokalen Lebensweltalltag verhindern kann.

Fazit: Weltgesellschaft, Weltgemeinschaft und globale Kommunikation als ein multiples Phänomen

Insgesamt ist es an der Zeit, globale Kommunikation als ein multiples Phänomen zu behandeln, in dem verschiedene Akteure durch ihre jeweils spezifischen Kommunikationsmöglichkeiten unterschiedliche Leistungen erbringen können oder sogar bereits erbringen. Grob gesagt lassen sich drei Akteurstypen unterscheiden. Die Massenmedien liefern durch ihre vor allem durch Beobachtung erzeugte Kommunikation monologisch konstituierte Diskurse über distantes Weltgeschehen, das Informations- und Wissensangebote für andere Teilsysteme bereitstellt. Vor allem die organisierten Handlungssysteme von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft setzen diesen Beobachtungen eigene Beobachtungsleistungen entgegen, agieren darüber hinaus jedoch in einem interaktiven Modus der Herstellung einer wie auch immer begrenzten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gemeinschaftlichkeit. In den Lebenswelten zuletzt ist trotz der Möglichkeit strategischer, formaler, öffentlicher und textbasierter Kommunikation die kommunikative Eigenlogik als primär informell dialogisch zu beschreiben. Wie die spezifischen globalen Kommunikationsmöglichkeiten genutzt werden, ist Gegenstand dieses Buches. Da die Systeme aber nicht getrennt operieren, sondern vielfältig zusammenwirken, ist als letzter Theorieschritt ein Nachdenken über Fragen der kommunikativen Interdependenz erforderlich.

1.4 Systemdependenzen und Lebensweltbeziehungen

Kommunikation und zwischenstaatliche Beziehungen

Bislang haben wir versucht, die kommunikativen Eigenlogiken von Akteuren und Systemen im globalen Rahmen zu verstehen. Die Kommunikationsweisen der Akteure stehen allerdings in engem Zusammenhang mit bestimmten gesellschaftlichen Konzepten wie „Weltöffentlichkeit“ und „Weltgemeinschaft“. Unter anderem die oben vorgestellten integrativen Systemtheoretiker haben früh erkannt, dass beispielsweise grenzüberschreitende Interaktion durch Briefe, Telefon usw. eine Dichte der Beziehungen erzeugt, die wiederum politikrelevant ist oder dass umgekehrt ein bestimmter Stand der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Ländern solche Kommunikation fördert. Kommunikation erfolgt nicht „einfach so“, sondern sie ist in gesellschaftliche Motivlagen eingebunden, deren Komplexität man verstehen muss, wenn man globale Kommunikation – oder ihr Ausbleiben – analysieren will. Bisher gibt es keine Generaltheorie für solche gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge. Dennoch existieren Konzepte, die man für die Analyse von globaler Kommunikation nutzbar machen kann, wenngleich man sie ergänzen und überarbeiten muss. Im Folgenden werden drei Typen von Interdependenzansätzen vorgestellt, die verschiedene Bereiche thematisieren und die komplexen Beziehungen beschreiben:

 Kommunikation und zwischenstaatliche Beziehungen,

 Medien und nationale/internationale Systembeziehungen,

 Beziehungen zwischen Massenmedien, Handlungssystemen und Lebenswelten.

Zusammen bilden diese Theoreme zwar keine einheitliche Dependenztheorie globaler Kommunikation, aber es entsteht eine Matrix, die für Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Akteuren sowie zwischen den Akteuren und ihren Umwelten sensibilisiert. Richard Rosecrance beschreibt die Wechselwirkungen zwischen Interessenstrukturen und Kommunikationsbeziehungen in der internationalen Politik, indem er drei grundlegende Beziehungsmuster herausarbeitet (1973, S.136ff.). Als „positive Interdependenz“ bezeichnet er, wenn die Interessenstrukturen zweier Akteure, etwa zweier Staaten, grundsätzlich kompatibel sind und eine sich ergänzende Form der Beziehungen besteht. In diesem Fall trägt ein hohes Kommunikationsniveau in der Regel zur Stabilität der Beziehungen bei, während ein Abbruch oder eine massive Störung der Kommunikation zu temporärer Instabilität und zu einer Zunahme der Konfliktspannung führen können. Bei „negativer Interdependenz“ hingegen, also bei inkompatiblen Interessenstrukturen und einer „Nullsummen“-Interdependenz (Gewinne des einen sind Verluste des anderen) gehen auch von einem hohen Kommunikationsniveau in der Regel keine konfliktmindernden Einflüsse aus. In diesen Fällen ist es notwendig, entweder den Konflikt auszutragen, im Dauerkonflikt zu verharren oder aber Interessen neu zu definieren. Von „geringer Interdependenz“ spricht Rosecrance, wenn internationale Kommunikationspartner (Staaten/Regierungen) weder positive noch negative Beziehungen pflegen. Hier ist Kommunikation der wichtigste Beziehungsfaktor. Verläuft die Kommunikation störungsarm, sind auch die Beziehungen konfliktarm. Treten vermehrte Kommunikationsstörungen auf, sind auch die Beziehungen konfliktgeprägt. Trotz der engen Beziehung zwischen Interaktion und staatlichen Interessen ist also Interaktion kein Allheilmittel. Eine konfliktmindernde oder -verstärkende Wirkung der Kommunikation ist nur bei zwei Drittel der Modellkonstellationen zu erwarten (positive Interdependenz und teilweise geringe Interdependenz); bei einem Drittel aller Modellfälle (negative Interdependenz) werden keine beziehungsweise geringe Wirkungen durch Kommunikation erzielt.

Medien und nationale/internationale Systembeziehungen

Aus der Perspektive des Fachvertreters für Internationale Beziehungen besteht „Kommunikation“ für Rosecrance vor allem aus direkter Interaktion zwischen politischen Systemen. Andere theoretische Ansätze haben sich auf die Massenmedien, also auf beobachtende Formen des Austauschs zwischen Gesellschaften konzentriert, die wiederum für verschiedene Systeme und Lebenswelten von Bedeutung sind, wo Massenmedien als zentrales Umweltsystem für Akteure fungieren, die ihrerseits Umwelten der Massenmedien darstellen. Kai Hafez geht generell davon aus, dass grenzüberschreitende Interdependenzen bei den meisten Massenmedien – anders als bei Politik und Wirtschaft – schwach entwickelt sind, weil, wie oben festgestellt wurde, ein transnationales Mediensystem heute bestenfalls im Ansatz vorhanden ist (2002a, Bd.1, S.134ff., 2005). Gegenwärtig beobachten vor allem nationale Medien und Mediensysteme andere Nationen (und deren Medien). Das System der Massenmedien ist also nicht nur seiner Natur nach beobachtend und nicht dialogisch; es ist auch national desintegriert, was bedeutet, dass die nationalen Umwelten der Medien in aller Regel bedeutsamer sind als die globalen und die Dependenzverhältnisse insofern weitgehend national geprägt sind. Eine „positive“ Interdependenz, wie bei Rosecrance im Verhältnis zwischen manchen Staaten oder bei multinationalen Einheiten wie der EU, gibt es bei Massenmedien im Grunde nicht. Dadurch ist auch der Dependenzdruck in Richtung einer Synchronisation der Weltöffentlichkeit und -gesellschaft (siehe oben) gering ausgeprägt.

Die Ursache für die weitgehende nationale Entkoppelung der Massenmedien liegt in dem prinzipiell anderen Charakter der Austauschverhältnisse. Anders als die meisten materiellen Waren der Ökonomie etwa sind Medien als kulturelle Produkte vielfach kontextabhängig und – frei nach dem Zitat von Karl W. Deutsch „Human relations are […] far more nationally bounded than movements of goods“ (siehe oben) – nur schwer exportierbar. Menschen mögen weltweit die gleichen Autos fahren – dieselben Medien nutzen sie nur sehr bedingt. Grenzüberschreitende Mediennutzung ist in bestimmten sprachlichen Großregionen (dem deutsch-, spanisch- oder arabischsprachigen Raum usw.) durchaus vorhanden, sonst jedoch auf bestimmte Sondersituationen und -gruppen beschränkt. Allerdings gibt es bei nationalen Medien eine gewisse Hierarchie, wonach Ton und Bild Grenzen leichter überwinden als Texte und gerade im fiktionalen Unterhaltungsbereich ist der Im- und Export von Musik und Filmen weit verbreitet, wenn auch mit einer klaren Tendenz eines Nord-Süd-Gefälles (Hafez/Grüne 2016). Medien sind also nicht transnational, einzelne ausländische Produkte werden aber in nationale Medien integriert, was zu einem globalen Austausch beiträgt, der die Phantasie vor allem der ersten Welle der Globalisierungsforschung beflügelt hat (z.B. die Nachfrage nach Hollywoodfilmen in Asien). Allerdings sind auch bei Unterhaltung eher fiktionale Narrationen globalisierbar; schon bei Unterhaltungsshows lassen sich nur die Formate, nicht aber die Shows selbst im- und exportieren und müssen national oder regional reproduziert werden, was zu Verschiebungen im Produktions- und Rezeptionsprozess und damit in der Synchronisation der Medien führt (Grüne 2016). Auf der Ebene des Nachrichtenjournalismus aber werden die Informationsrohstoffe über die Weltlage importiert und von nationalen Mediensystemen lokal neu montiert.

Geht man vom bereits erwähnten „Fließgleichgewicht“ aus, wobei Medien, Politik und andere Sozialsysteme zwar autonome Programme verfolgen, aber immer auch zu Anpassungsleistungen an ihre jeweilige Umwelt gezwungen sind (Kunczik 1984, S.205ff., 212ff., vgl. a. Endruweit 2004, S.67ff.), dann findet dieser Abgleich bei Massenmedien nicht wie bei anderen Sozialsystemen zum Teil grenzüberschreitend statt, sondern die Interdependenzverhältnisse konzentrieren sich weitgehend auf den nationalstaatlichen Raum. Auf der Basis des bisherigen Forschungsstandes lassen sich folgende Leitgedanken für die spezifischen Interdependenzverhältnisse der Massenmedien formulieren (Hafez 2002a, Bd.1, S.130ff.):

 Medien/Politik: Die nationale Medienpolitik gibt die politischen Rahmenbedingungen der Medien vor und nationale Medien und nationale Außenpolitik beeinflussen sich in der Regel in der Auslandsberichterstattung stark (Indexing-Hypothese, CNN-Effekt usw., vgl. Kap. 9.3). Der Einfluss anderer Länder auf die nationalen Medien ist im Vergleich dazu in der Regel marginal, was dazu führt, dass die Sichtweise der Welt oft sehr – und insbesondere in extremen Krisenzeiten – von der heimischen Außenpolitik bestimmt wird.

 Medien/Wirtschaft: Medienmärkte sind vor allem im Bereich der Direktinvestitionen nur bedingt global verflochten (vgl. Kap. 2.1). Es dominieren in der Tendenz die Belange nationaler Märkte, was dazu führt, dass die nationale Nachfrage die Inhalte beeinflusst (Ausnahme Auslandsrundfunk, der allerdings eher zum politischen System und zur Public Diplomacy zu zählen ist).

 Medien/Gesellschaft: Die starke Abhängigkeit von nationalen Publika führt in der Auslandsberichterstattung in jedem einzelnen Mediensystem dieser Welt zu einer ständigen Reproduktion von ethnischen und religiösen Stereotypen, die allerdings gerade unter dem Einfluss des (interaktiven und dependenten) politischen Systems auch wandlungsfähig sein können. Zumindest die organisierte kosmopolitische Zivilgesellschaft ist zumeist „strukturschwach“; kulturelle und lebensweltliche Umwelten lassen sich jedoch als diffuse Umwelten nur schwer generalisieren (siehe unten).

 Medien/Journalismus: Auf der Mikro- und Mesoebene des Journalismus bestehen Mediensysteme meist aus national sozialisierten Journalisten, multikulturelle Redaktionen sind eher die Ausnahme als die Regel, was schon mit der notwendigen perfekten Sprachkompetenz zu erklären ist. Auslandskorrespondenten und -korrespondentinnen sind nur bedingt als globale Eliten unter den Journalisten zu betrachten, da Zentralredaktionen ein stärkeres Gewicht haben und kosmopolitische Ethiken des Journalismus unterentwickelt sind, so dass die nationalkulturelle Bindung des Journalismus in der Regel stark ausgeprägt ist (vgl. Kap. 2).

Im Ergebnis sind Massenmedien nach Hafez global kaum interdependent, weniger jedenfalls als andere organisierte Sozialsysteme. Sie mögen in gewissem Umfang wie andere Systeme Informationen ex- und importieren. Eine Transnationalisierung auf Produktionsebene findet jedoch nur sehr bedingt statt, was die globale Synchronisation der Diskurse behindert (von der dialogischen Kommunikation ganz zu schweigen, die, wie in Kap. 1.3 erörtert, eher ein systemisches Nebenprodukt ist). Das beobachtende Kommunikationssystem der Massenmedien ist demnach tendenziell lokaler geprägt als interaktive Systeme wie Politik und Wirtschaft, wo globale Dependenzverhältnisse weiter fortgeschritten sind, wenngleich auch hier der Nationalstaat eine echte Transnationalisierung verhindert.

Als Leitsatz lässt sich jedoch definieren, dass die globale Abhängigkeit politischer und wirtschaftlicher Systeme voneinander in der Regel größer ist als die der Massenmedien, die zumeist national eingebettet bleiben. Diese nationale Orientierung der Medien führt jedoch ihrerseits dazu, dass Medien hochgradig abhängig sind von nationaler Politik, sowohl was die medienpolitische Regulierung als auch die diskursive Einflussnahme angeht, wobei auch eine sekundäre Abhängigkeit der Politik von den Medien besteht (vgl. Kap. 9.3).

Beziehungen zwischen Massenmedien, Handlungssystemen und Lebenswelten

Während im Bereich der Medienforschung ein recht guter Forschungsstand vorhanden ist, ist dies gerade im Bereich der Lebensweltforschung wegen der noch schwierigeren und uneinheitlichen Interessenverflechtungen nicht der Fall. Verschiedene integrative Konzepte haben sich bemüht, die in der Kommunikationswissenschaft verbreitete Fixierung auf Massenkommunikation hinter sich zu lassen (Giesecke 2002, S.18). Das Ziel von so unterschiedlichen Ansätzen wie der Kommunikationsökologie (Michael Giesecke) oder der Media Dependency Theory (Sandra Ball-Rokeach und Melvin DeFleur) ist es, vor allem das Individuum und die soziale Gruppe wieder stärker als zuvor als Akteure sozialer und kultureller Kommunikation sichtbar zu machen. Beide Ansätze haben bislang wenig mit globaler Kommunikation zu tun, können aber fruchtbar gemacht werden und zumindest Giesecke hat, wie oben ausgeführt, auch erste Anmerkungen zur interkulturellen Kommunikation gemacht. Er geht davon aus, dass die westliche Buch- und Massenmedien-gestützte Fernkommunikation Neugier ohne echtes Interesse für andere Welten hervorgebracht habe. Das Genie menschlicher Kommunikation, das Giesecke prinzipiell im Zusammenwirken „artverschiedener“ Kommunikationsweisen der Beobachtung und Interaktion erkennt (2002, S.26), ist aus seiner Sicht sowohl in den Nah- wie auch ganz besonders in den Fernbeziehungen aus der Balance geraten. Die „Buchkultur“ hat das Face-to-Face-Gespräch überflüssig gemacht, wodurch kulturelle und gesellschaftliche Disbalancen entstanden sind (ebenda, S.35ff.). Nicht zuletzt durch die moderne Netzwerktechnologie entstehen jedoch neue Chancen für die Re-Balancierung unserer Kommunikationsökologie. Das Zusammenwirken von „rückkopplungsintensiven und interaktionsarmen Kommunikationsformen wird zu einer Zukunftsaufgabe“ für die neue Wissens- oder Lerngesellschaft (ebenda, S.370). Auch Giesecke bemüht das Bild des „Fließgleichgewichts“ (ebenda, S.36), wenn er die prinzipiell dynamische Fähigkeit des Menschen beschreibt, ein neues Gleichgewicht zwischen den Kommunikationsformen zu finden.

Da Giesecke vor allem mit dem Gleichgewicht zwischen Kommunikationsformen und weniger mit den Beziehungen zwischen den Akteuren selbst beschäftigt ist, ist für die Zwecke des vorliegenden Buches auch die Media Dependency Theory von Sandra Ball-Rokeach und Melvin DeFleur von Bedeutung, da sie die generellen Beziehungen zwischen verschiedenen Systemen als Dependenzfaktoren thematisiert (1976, Ball-Rokeach 1985, Ognyanova/Ball-Rokeach 2015). Ausgangspunkt ist ähnlich wie bei Giesecke eine in der Moderne erfolgte Verschiebung von Bedürfnissen der interpersonalen Kommunikation hin zu einer Informationskontrolle durch Massenmedien (Ball-Rokeach 1985, S.488f.). Vor allem in demokratischen Gesellschaften pflegt das Mediensystem demnach seinerseits dynamische Beziehungen zu anderen Sozialsystemen. Einerseits ist der Mensch als Konsument bei einem grundlegend symbiotischen Verhältnis zwischen Massenmedien und Wirtschaft weitgehend von den Medien abhängig (Werbung usw.); andererseits aber ist es der jeweilige Kampf der einzelnen Systeme um Autonomie, der eine symmetrische „Interdependenz“ erzeugt und das Individuum Vertrauen in die Medien entwickeln lässt, das, wie wir vor allem aus autoritären Systemen wissen, wo die Balance gestört ist, auch verloren gehen kann (ebenda, S.491ff.).

So wie die Art der Interdependenz zwischen Medien und anderen Sozialsystemen – zum Beispiel die enge Beziehung zwischen Außenpolitik und Auslandsberichterstattung – für die Stellung in der Gesellschaft wichtig ist, verfügt das Individuum trotz der strukturellen Einbindung über verschiedene Möglichkeiten, die Dependenz von den Medien selbst zu prägen, und zwar abhängig von interpersonalen und soziostrukturellen Einbindungen des Menschen (ebenda, S.497ff.). Intervenierende Variablen, die die Dependenz des Individuums beeinflussen können, sind aus der Perspektive des Mediendependenz-Ansatzes unter anderem Veränderungen in der sozialen Umwelt, die Aktivität interpersonaler Netzwerke und Gruppenmitgliedschaften. Die Abhängigkeit des Menschen von den Massenmedien wächst zum Beispiel, wo diese als beste Informationsquelle wahrgenommen werden und keine alternativen Informationen zur Verfügung stehen. Das Internet kann hier im Prinzip zu einer „Neuverhandlung“ von Dependenzstrukturen beitragen, auch wenn Massenmedien auch im Internetzeitalter ihre starke Stellung vielfach erhalten haben (Ognyanova/Ball-Rokeach 2015, S.4).

Eine Überführung der Dependenz-Idee in die Lebenswelttheorie ist schwierig, da individuelle Akteure keine einheitliche Systemfunktionalität besitzen. Zwar gibt es Momente, in denen Individuen in ihren systemischen Rollen Funktionsziele von Organisationen in strategischer Kommunikation erfüllen beziehungsweise anstreben. Das kommunikative Handeln des Alltags ist aber zu großen Teilen idealtypisch verständigungsorientiert und verfolgt eben keine isolierbaren funktionalen Ziele (Habermas 1995). Das Medienhandeln lässt sich nicht einfach in strategischen Beziehungen mit Medien auflösen, in denen allein das funktionale Interesse an Information entscheidet. Die Prozesse der Medienaneignung sind vielfältig und schließen auch habituelle Positionierungen gegenüber Angeboten der Unterhaltung oder unbewusstes Gewohnheitshandeln mit ein. Hinzu kommt, dass sich in heutigen Medienumwelten die grundsätzlichere Frage nach der Kohärenz des Mediensystems stellt, also danach, ob sich individuelle Rezipienten tatsächlich in einer Dependenz zu einem homogenen System befinden. Die Medienrepertoires des Publikums neigen zu einer wachsenden Diversität und können dementsprechend auch ganz unterschiedliche Individuum-Medien-Verhältnisse stiften, ebenso wie soziokulturelle Prägungen der Lebenswelten auch unterschiedliche Individuum-Gesellschaft-Verhältnisse erzeugen. Das Dependenzverhältnis des Einen muss also nicht zwangsläufig auch das Dependenzverhältnis des Anderen sein. Es handelt sich somit nur um ein analytisches, nicht um ein empirisch generalisierbares Verhältnis.

Allerdings lassen sich wiederum Tendenzen in der allgemeinen Beziehung zwischen Lebenswelten und Systemen definieren, die Habermas in seiner These der „Kolonisierung“ der Lebenswelt durch die Systeme postuliert hat (1990). Es geht hier schließlich um die Frage der Eigenleistung der Lebenswelten. Sind es Themen und Strukturen der Systeme, die die lebensweltlichen Erfahrungen beeinflussen? Wie und wann prägt hingegen die kommunikative Leistung der Lebenswelt die Systeme? In totalitären Systemen regieren die autoritären Regimes oftmals bis tief in die private Erfahrungswelt hinein, weil sie dort bestimmte Formen des Handelns verhindern und Sinn- und Glaubenssysteme vorschreiben wollen. Zunächst scheint dann der lebensweltliche Kommunikationsraum stark eingeschränkt zu sein. Auf der anderen Seite ist es aber gerade das Prinzip der kommunikativen Konstruktion der Alltagsrealität, das einen Freiraum aufrechterhält. Denn theoretisch sind jederzeit kollektive Umdeutungen vorgegebener Interpretationsschemata möglich, die dann entweder subversiv (etwa in geschlossenen Räumen der Subkulturen) oder öffentlich (in Revolutionen auf der „Straße“) Systeme herausfordern. Ohne diese Eigenständigkeit wären viele Wandlungsprozesse in Diktaturen nicht denkbar. Die kommunikative Eigenleistung ist dann gerade unter Bedingungen der Einschränkungen individueller Handlungsspielräume und der Gleichschaltung der Medien besonders hoch zu werten.

In demokratischen Systemen hingegen lässt sich andersherum argumentieren. Denn hier ist das Individuum aus traditionellen Bindungszusammenhängen entlassen und Medien sollten im besten Falle kritische Beobachtungsleistungen der Sozialsysteme übernehmen. Aber es gibt auch in Demokratien Momente, in denen die Systeme einen Schulterschluss vollziehen. Das sogenannte „Fließgleichgewicht“ der System-Umwelt-Beziehungen tendiert dann zur Anpassung und Vereinheitlichung. So kann es auch in Demokratien in Momenten der patriotischen oder populistischen Mobilisierung zu einer Marginalisierung und Sanktionierung abweichender Meinungen kommen (Grüne 2019a).

Wichtiger noch als die besonderen Bedingungen von Krisensituationen ist aber die Konventionalisierung der lebensweltlichen Kommunikation. Während in Diktaturen die produktive Kreativität immer auch Selbstermächtigung bedeutet, ist diese in Demokratien oft nicht mehr stark herausgefordert. Wie Hubert Knoblauch beschrieben hat, ist aber auch in differenzierten Lebenswelten die Herausbildung von kommunikativen Konventionen und Routinen zu beobachten (1996). Die Lebenswelt erzeugt in diesem Fall „träge Strukturen“, die nicht geeignet sind, in die Systeme zurückzuwirken. Hierin liegt möglicherweise eine Erklärung für den langsamen kosmopolitischen Wandel moderner Gesellschaften. Stereotype und Fremdbilder halten sich hier erstaunlich konstant und die Trägheit, die der Reproduktion falsch typisierter Bilder innewohnt, setzt sich in den Reise- und Dialogrouten vieler Menschen fort.

Das Verhältnis von Lebenswelt und System ist also unter den Bedingungen globaler Entwicklungen noch einmal ganz neu zu bewerten. Sozialsysteme haben gegenüber lebensweltlichen Akteuren den Vorteil, dass ihnen deutlich mehr Ressourcen für eine organisierte Beobachtung der Welt zur Verfügung stehen – unabhängig davon, wie gut oder umfangreich dieser Vorteil umgesetzt wird. Sowohl Individuen als auch Kleingruppen können die Welt jeweils nur selektiv beobachten und bereisen, während sich beispielsweise die Außenpolitik ein umfängliches Bild erarbeiten kann. Das Wissenschaftssystem kann wiederum detailreiches Faktenwissen erzeugen, wo Einzelne hauptsächlich Erfahrungswissen sammeln. In den meisten Fällen sind die Menschen in ihren privaten Alltagsexistenzen daher abhängig von den Wissenssystemen der Systeme, wenn es um ihre Globalisierungskompetenz geht.

Allerdings wäre es zu einfach, von einer einheitlichen Dominanz der Systeme über Lebenswelten auszugehen. Denn globale Entwicklungen sind gerade auch von den räumlichen Grenzüberschreitungen lebensweltlicher Akteure abhängig. Diese können für Einzelne erzwungene biografische Herausforderung darstellen (z.B. Arbeitsmigration), sie können aber auch emanzipatorischen Charakter haben, wenn private Auslandsreisen möglich werden oder die Referenzen alltagskultureller Orientierungen nicht mehr nur an den Nahraum des alltäglichen Wirkens gekoppelt sind (z.B. globale Fankulturen).

Lebensweltliche Akteure können gerade im Kontext ihrer je eigenen Welterfahrung ebenso Globalisierungsleistungen vollbringen. Mobile Gesellschaftseliten sind beispielsweise in der Lage, neue Balancen zwischen ihrer Eigenbeobachtung globaler Realitäten und jenen Beobachtungs-Beobachtungen der Massenmedien zu stiften. Ihr Spezialwissen kann für eine Gesellschaft in bestimmten Momenten globaler Konfliktpotenziale sogar ganz entscheidend sein (z.B. Länderexperten). Auch neue Kontakterfahrungen durch kurzfristige private globale Interaktionsmomente können stereotype öffentliche Diskurse zumindest im Privaten irritieren und zu Normkonflikten als Teil kultureller Transformationen beitragen. Schließlich erlauben die netzbasierten Medienumwelten vielen Menschen heute auch, sich selbst auf die individuelle Suche nach digitalen globalen Kontakten und globalem Wissen zu begeben, was nicht zuletzt wieder Einfluss auf die Dynamik globaler Netzwerke haben kann, wenn sich Menschen grenzüberschreitend sozial formieren.

Je nachdem, wie ausgeprägt die jeweiligen globalen Beobachtungs- und Interaktionsleistungen der unterschiedlichen lokalen Akteure sind, haben sie also auch einen variierenden Einfluss auf horizontale Interdependenzverhältnisse zu Lebenswelten jenseits der Grenzen wie auch anderen Sozialsystemen innerhalb wie außerhalb der eigenen staatlichen Grenzen. So kann die Weltbeobachtung des einen lokalen Akteurs mit der globalen Interaktionserfahrung des anderen Akteurs in Konflikt stehen. Es ist insofern nicht nur die Differenzierung der kommunikativen Modi, die uns helfen wird, die globale Verstehensleistung einzelner gesellschaftlicher Akteure zu charakterisieren, sondern es ist auch der jeweilige kommunikative Vermittlungsprozess zwischen gesellschaftlichen Akteuren, der uns die oft ambivalenten globalen Entwicklungen erklären kann.

Fazit: Horizontale und vertikale Interdependenzen im dominanten und akzidentellen Modus

Als Problem der Interdependenz erweist sich, dass die Theorie nicht international eingebunden ist. In der globalen Kommunikation werden die potenziellen Interdependenzen vervielfältigt, da zu den nationalen noch beliebig viele internationale Einflussgrößen kommen (vgl. Abbildung 1.4).

Abb. 1.4:

Globale kommunikative Interdependenzen

Am Ende lassen sich in der Vielfalt der sich überlappenden Interdependenzverhältnisse, die für die Analyse globaler Kommunikation wichtig sind, zwei zentrale Dimensionen ausmachen, die es im Blick zu behalten gilt:

 Horizontale globale Interdependenzen zwischen gleichen System-/Lebenswelttypen (z.B. Politik-Politik in der Diplomatie) stehen in einem dynamischen Wechselverhältnis zu vertikalen (lokalen und globalen) Interdependenzen zwischen ungleichen Systemen/Lebenswelten (z.B. Politik-Medien-Lebenswelten). Als Leitfrage kann hier gelten, ob die Prägung durch lokale Umwelten dort abnimmt, wo sich die globalen Beziehungen zwischen gleichen Systemen oder gleichen Lebenswelten intensivieren (siehe oben zum Beispiel Win-Win-Situationen der Außenpolitik im Unterschied zur lokalen Prägung der Massenmedien).

 Globale Distanzbeziehungen verleihen den Systemen durch ihre gesteigerten Mobilitätsressourcen eine dominante Stellung, wobei traditionell die Abhängigkeit der Medien von der Politik und der Menschen von den Medien hervorgehoben wird. Zugleich gibt es aber zahlreiche akzidentelle Mechanismen, mit denen sich vermeintlich schwächere Systeme (z.B. Massenmedien) und Lebenswelten (z.B. Gruppen und Gemeinschaften) unter Ausnutzung neuer horizontaler globaler Bindungen neue lokale Autonomiefreiräume und sogar einen inversen gesellschaftlichen Einfluss auf die Globalisierung verschaffen können.

2 Massenmedien und Weltöffentlichkeit

Zu den theoretischen Prämissen dieses Buches gehört es, dass der dominante Kommunikationsmodus von Massenmedien sich gegenüber anderen Sozialsystemen und Lebenswelten durch einige Eigenheiten auszeichnet, die auch für die globale, grenzüberschreitende Kommunikation prägend sind. Massenmedien stellen keine interaktive Beziehung zwischen Akteuren her wie in Politik, Wirtschaft oder Lebenswelten, sondern sie sind Beobachtungssysteme. Interaktion zwischen Massenmedien oder Medien und Rezipienten ist zwar möglich, der primäre Kommunikationsmodus bleibt aber monologisch-diskursiv. Massenmedien senden vornehmlich in eine Richtung, vom Produzenten zum Konsumenten. Hier entsteht also keine „Weltgemeinschaft“, sondern bestenfalls „Weltöffentlichkeit“.

Globale Kommunikation des Beobachtungssystems der Massenmedien muss daher anders konzipiert werden als bei Handlungssystemen, wo stets interaktive und beobachtende Kommunikationsmodi zu unterscheiden sind. Die größte Herausforderung der Theorie der Massenmedien besteht hingegen in der Ambivalenz des Diskursbegriffs. Mediale Diskurse sind monologisch, aber Medienproduzenten sind in der Lage, Vorstellungen verschiedener Gesellschaftsakteure so zu arrangieren, dass ein Als-Ob-Gespräch entsteht. Im globalen Rahmen ist hierfür im Theoriekapitel der Begriff der Synchronisation von Weltöffentlichkeit geprägt worden. Die Kernfrage lautet hier also nicht, wie bei anderen Sozialsystemen, in welchem Verhältnis interaktive und beobachtende Kommunikationsmodi zueinander stehen, sondern ob die beobachtende Kommunikation konsistent praktiziert und ein globaler Diskurs durch die Medien ermöglicht wird.

Die Gliederung des nachstehenden Kapitels ergibt sich aus diesem Grundproblem, da gemäß unserem System-Lebenswelt-Netzwerk-Ansatz zunächst die Grundstruktur des Systems der Massenmedien vorgestellt werden muss, dann seine Diskurs- und Synchronisationsleistung, bevor in einem abschließenden Unterkapitel die Frage gestellt wird, ob Leistungen und Defizite der globalen Massenkommunikation heute geeignet sind, eine synchronisierte Weltöffentlichkeit zu erzeugen. Hier werden neben funktionalistisch-systemtheoretischen auch normative demokratische und kosmopolitische Konzepte diskutiert.

In der theoretischen Eigenständigkeit liegt wohl auch die Ursache, warum globale Massenkommunikation der bei Weitem am stärksten erforschte Bereich der globalen Kommunikation ist. Während etwa interpersonale Kommunikation und soziale Kommunikation bis heute eher ein Randdasein in der Kommunikationswissenschaft fristen, ist diese über lange Jahre und gerade in der euro-amerikanischen Tradition vor allem eine „Publizistikwissenschaft“ geblieben (Averbeck-Lietz 2010). In der Kommunikationswissenschaft wie auch in anderen Sozial- und Geisteswissenschaften hat dabei die Vorstellung von vorgeblich global verfügbaren Medien, die Bürger und Bürgerinnen in Echtzeit über den hintersten Winkel der Welt informieren, einen festen Platz, der den Zeitgeist nachhaltig geprägt hat. Die Vorstellung von der globalen Kraft neuer Technologien wie dem Satellitenfernsehen oder dem Internet gehört neben der Transnationalisierung der Wirtschaft zu den Zentralmythen der Globalisierungsdebatte.

Diese Vorstellung hat jedoch eine gewisse Gegnerschaft auf den Plan gerufen, so dass globale Massenkommunikation heute wohl nicht nur das größte, sondern auch das kontroverseste Feld der globalen Kommunikationsforschung ist. Umstritten ist bis heute etwa,

 inwieweit Massenmedien transnationale Organisationsstrukturen entwickelt haben oder ob sie primär lokal (vor allem national) geblieben sind,

 inwieweit globale oder lokale Medienethiken und Professionsstandards vorherrschen,

 inwieweit Massenmedien primär auf globale oder lokale Märkte ausgerichtet sind,

 inwieweit globale oder nationale rechtliche und politische Rahmenbedingungen entscheidend sind

 und inwieweit dies alles mit einer globalen Homogenisierung beziehungsweise Synchronisation oder aber einer fortgesetzten lokalen Heterogenität der Mediendiskurse zusammenhängt (Flew 2007, S.26f., Hafez 2005, McMillin 2007, S.8ff., Kübler 2011, S.28ff.).

Zur Debatte steht damit letztlich die Frage, ob die neuen technischen Möglichkeiten der Digitalisierung wirklich eine neuartige Globalisierung haben entstehen lassen oder ob es sich nicht primär um Akzentverschiebungen handelt, die am Grundzustand der globalen Kommunikation wenig ändern. Mittlerweile haben sich Strömungen in der Wissenschaft gebildet (Williams 2011, S.21ff., Hafez 2005, S.9ff., Ulrich 2016, S.45ff.), wobei „Globalisierungsoptimisten“ von einer fortschreitenden Konvergenz von Strukturen und Inhalten ausgehen, „Globalisierungspessimisten“ oder „-realisten“ hingegen von einem sich neutralisierenden Wettlauf von lokalen und globalen Strukturen und Diskursen. Das folgende Kapitel versucht diese verschiedenen Forschungsstandpunkte auf allen analytischen Ebenen – Struktur, Diskurs, Öffentlichkeitstheorie – zu bündeln und zu resümieren. Ziel ist es, bei der Analyse der Widersprüche der globalen Massenkommunikation über pauschale und ungenaue Vorstellungen einer „Glokalisierung“ (vgl. Kap. 1.2) hinauszugehen und grundlegende Tendenzen möglichst klar herauszuarbeiten. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat im Kontext der Globalisierungsdebatte zu Recht bemerkt, dass mit der einfachen Formel der „Dialektik“ bereits einmal in der Geschichte „das klare Denken verabschiedet“ wurde (1997, S.91) – ein Fehler, den wir hier auf keinen Fall wiederholen wollen.

2.1 Systeme und Systemwandel

Ein Grundmodell der globalen Massenkommunikation

Massenmedien bilden komplexe Systeme, die aus den Journalisten und Journalistinnen und ihren professionellen Beziehungen einschließlich der Professionsethik (Mikroebene), den Medienhäusern und ­‑redaktionen (Mesoebene) sowie den für das Mediensystem bedeutsamen Umweltbeziehungen zu anderen Teilsystemen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft (v.a. Publika) bestehen (Makroebene). Innerhalb der Mesoebene existieren Austauschbeziehungen zwischen den Medien, etwa durch ökonomische Verflechtungen, Informationsbeschaffung oder der Orientierung an journalistischen Meinungsführern, wobei etwa Nachrichtenagenturen eine herausragende Stellung einnehmen. Zwischen den Medienorganisationen und ihren Umweltsystemen der Politik und der Wirtschaft sowie ihren nicht-organisierten Systemumwelten des Publikums herrschen Interdependenzbeziehungen. Die Politik zum Beispiel agiert insofern als gesellschaftliches Supersystem (Gerhards/Neidhardt 1990, S.8f.), als es das Mediensystem rechtlich und politisch reguliert und kontrolliert, wobei allerdings auch die Politik von ihrer Darstellung in den Medien abhängig ist. Die Wirtschaft ist in einer Doppelrolle, da sie einerseits über die Besitzverhältnisse Teil des inneren Mediensystems ist, zugleich jedoch dem Mediensystem, ähnlich wie das zahlende Publikum, ökonomische Ressourcen zuführt, etwa über Werbeeinnahmen. Die Beziehungen des Mediensystems zu seinen Umwelten sind nicht zuletzt abhängig vom Charakter des jeweiligen politischen Systems und sind in einem freiheitlichen System (Demokratie) am besten durch ein Fließgleichgewicht von Autonomie und Anpassung zu beschreiben. Das Mediensystem erbringt eine eigenständige (kritische) Beobachtungsleistung für die Gesellschaft, ist zugleich aber Einflüssen seiner Umwelten ausgesetzt, die seine Autonomie einschränken (Kunczik 1984, Marcinkowski 1993, Hafez 2002a, Bd.1, S.123ff.).

Während im nationalstaatlichen Rahmen auf diese Art integrierte Mediensysteme entstehen, existiert ein globales Mediensystem (bisher) nicht. Die allermeisten Massenmedien dieser Welt sind auf nationale oder noch kleinere lokale Publika ausgerichtet und sprachlich eingeschränkt. Dies gilt auch für die globale Massenkommunikation, wo diese als „Auslandsberichterstattung“ Teil der nationalen Mediensysteme ist, da hier nationale Medien die Welt für nationale Publika aufbereiten. Nationale Auslandsberichterstattung, bei der nationale Heimatredaktionen mit Hilfe von Auslandskorrespondenten und -korrespondentinnen und den ihnen zur Verfügung gestellten Informationen von Nachrichtenagenturen Auslandsnachrichten produzieren, ist noch immer die dominante Form des globalen Journalismus und der Mediennutzung (siehe unten). Die Synchronisation der „Weltöffentlichkeit“ wird also grundlegend von „egozentrischen“, das heißt dezentralen nationalen Mediensystemen geleistet. Mediensysteme – und dies hängt eng mit ihrem Hang zur diskursiven statt zur interaktiven Kommunikation zusammen – sind tendenziell egozentrischer als politische oder wirtschaftliche Systeme. Organisierte Sozialsysteme haben, wie wir noch sehen werden, einen Teil ihrer Souveränität zugunsten transnationaler Diplomatieräume, globaler Governance-Strukturen und transnationaler Produktions- und Eigentumsverhältnisse aufgegeben.

Auch dort, wo Rezipienten und Rezipientinnen (auf der Makroebene) über technische Wege wie etwa den direktempfangbaren Satellitenrundfunk Grenzen überschreiten und die Medien anderer Länder nutzen, haben sich zwar die Medienräume des Publikums über Staatsgrenzen hinaus ausgedehnt. Die politische Regulierung wird aber – ungeachtet gewisser grenzüberschreitender medienpolitischer Bestrebungen und politischer PR, die über Nachrichtenagenturen weltweit verbreitet wird – weiterhin vom jeweiligen Nationalstaat ausgeführt, nicht aber von einem transnationalen Staat, den es ja lediglich in Ansätzen etwa im Rahmen der Europäischen Union gibt. Auch auf der Mesoebene können Medien durch Im-/Export Austauschbeziehungen pflegen, es kann internationale Leitmedien (wie die New York Times) geben und es können sogar, wie im Cross-Border-Journalismus, grenzüberschreitende Gemeinschaftsprojekte durchgeführt werden. Aber auch hier bleiben die regulierenden Umweltsysteme stets national geprägt. Auf der theoretischen Mikroebene können Journalisten und Journalistinnen sich an universellen Ethiken und Professionsverständnissen, einschließlich ästhetischer und stilistischer Standards, orientieren (siehe unten) – sie bleiben dennoch Angestellte im rechtlichen Rahmen eines bestimmten Nationalstaats.

Die lokale Restbindung bei allen Formen der globalen Massenkommunikation ist prinzipiell auch bei Medien vorhanden, die sich programmatisch als „globale Medien“ verstehen und die vielfach als Ausweis eines transnationalen Mediensystems betrachtet werden – es aber letztlich nicht sind. Die Fernsehsender CNN, Al-Jazeera English oder BBC World News agieren beispielsweise weltweit, sind aber politisch an ihre Heimatsysteme gebunden. Noch deutlicher wird dies beim sogenannten „Auslandsrundfunk“, also von Staaten etablierten Medien, die in verschiedenen Sprachen senden (z.B. Deutsche Welle, Voice of America, RT, BBC World Service) und die ihren politischen Auftrag als Teil der Public Diplomacy ihrer Heimatländer nicht leugnen können. Ein globales Mediensystem, das nicht in der einen oder anderen Weise an bestimmte Nationalstaaten gebunden wäre, bleibt auch im 21.Jahrhundert weitgehend eine Utopie (Hafez 2005, S.25).

Um den Grundaufbau globaler Massenkommunikation zu verstehen, ist es daher sinnvoll, drei verschiedene Dimensionen zu unterscheiden (Abbildung 2.1). Globale Massenkommunikation ist kein geschlossenes globales System, sondern es besteht aus:

 nationalen Mediensystemen (v.a. Auslandsberichterstattung),

 die sich internationaler Kommunikationsflüsse bedienen (z.B. durch Nachrichtenagenturen, Auslandskorrespondenten, Im-/Exporte) und

 die durch einzelne transnationale Medienstrukturen (globale Ethiken, gemeinsame Produktionen, grenzüberschreitende Rezeptionen und Regulationen) ergänzt werden.

Globale Kommunikationsflüsse bilden kein globales Mediensystem aus, sondern die lokalen/nationalen Systeme bleiben intakt, sind aber globalen Einflüssen ausgesetzt und bilden zusätzlich transnationale Netzwerkstrukturen aus.

Abb. 2.1:

Dimensionen der globalen Massenkommunikation

Als Leitsatz lässt sich formulieren, dass die nationalstaatliche Systemprägung der Massenmedien und des Journalismus auf allen Ebenen noch immer stärker ist als die globale (Hafez 2002a, Bd.1, S.134ff.). Es dominieren in aller Regel nationale Ethiken und Sozialisationen des Journalismus (Mikroebene), nationale Organisationsformen und Besitzverhältnisse (Mesoebene) und nationale Publika und Umwelteinflüsse (Makroebene). Die Globalisierung ist im Bereich der Massenmedien zumeist strukturschwach geblieben und von einem grenzüberschreitenden Zusammenwachsen der Mediensysteme kann generell nicht die Rede sein.

Zugleich können sowohl die internationalen Kommunikationsflüsse als auch die transnationalen Teilstrukturen durchaus dynamisch sein. Ob sich national geprägte Systeme oder global beeinflusste Prozesse stärker auf den Mediendiskurs auswirken, ist nach unserem theoretischen Grundmodell des System-Lebenswelt-Netzwerk-Ansatzes nicht ohne empirische Prüfung nachweisbar. Zudem ist es zwar unwahrscheinlich, dass der Primat nationaler Mediensysteme beendet wird, bevor sich der Nationalstaat weltweit auflöst, was derzeit nicht zu erwarten ist. Dennoch ist selbst ein Systemwandel im Feld der Massenmedien in der Zukunft nicht ausgeschlossen.

Erste Anzeichen hierfür zeigten sich in der Debatte über die „Neue Weltinformationsordnung“ an der Wende zu den 1980er Jahren. Hier wurde der dominante Informationsdruck beklagt, den vor allem die großen westlichen Nachrichtenagenturen sowie die Musik- und Filmindustrien auf den Rest der Welt ausüben (Many Voices – One World 1980). Zwischen diesem vor allem durch die Supermacht USA geprägten Einfluss und den „subalternen Gegenflüssen“ (Contra Flows) durch die Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas besteht bis heute ein erhebliches Gefälle (Thussu 2010, S.222f., 234). Angesichts der ungleichen kulturellen Machtverhältnisse von einer „multi-zentrierten“ (multi-centered) Globalisierung zu sprechen (Butsch 2019, S.214ff.), scheint daher verfrüht. Die starke weltweite Präsenz vor allem westlicher Kommunikate ist kein Widerspruch zur Nichtexistenz eines globalen Mediensystems, sondern verweist auf die möglicherweise zunehmende Wirkung internationaler Systemumwelten, die zwar nicht als organisierte Umweltsysteme mit formaler politischer und rechtlicher Regulationsmacht in Erscheinung treten (siehe unten), aber die Informationsumwelt nationaler Mediensysteme prägen. Die noch immer vorhandene Dominanz nationaler Systeme, aber auch die internationalen Kommunikationsflüsse und transnationalen Teilstrukturen der globalen Massenkommunikation sollen im Fortgang des Kapitels auf allen Ebenen – von der Professionsethik, der medialen Produktion und Rezeption bis zu politischen und wirtschaftlichen Umweltfaktoren der Mediensysteme – erörtert werden.

(Trans-)Nationale Medienethik und Professionalismus

Professioneller Journalismus lässt sich durch Wertebezüge von Journalisten, Medien und journalistischen Standesvertretern (wie Presseräten) beschreiben, die das Medienhandeln beeinflussen. Diese Werte sind sowohl in der formalen Ethik (Ethikkodizes) wie auch in informellen Praktiken der Medienschaffenden nachweisbar. Vergleichende Länderstudien lassen Ähnlichkeiten wie auch Unterschiede zwischen nationalen und regionalen journalistischen Ethiken erkennen (u.a. Hanitzsch 2006, d’Haenens et al. 2014, Löffelholz/Weaver 2008, Hafez 2002b, 2003b). Ganz generell sind starke Übereinstimmungen formaler Ethik im Kernbereich der Objektivität und Wahrheitssuche und größere Unterschiede bei Freiheitsnormen sowie Individualitäts- und Gemeinschaftsbezügen des Journalismus feststellbar (Christians/Traber 1997). Die Differenzen der Medienethiken in Mediensystemen sind allerdings fluide und dynamisch und professionelle Rollenmodelle können interkulturelle „Ansteckungswirkungen“ und Demonstrationseffekte erzeugen, die auch bei journalistischen Routinen wie Nachrichtenwerten oder in der journalistischen Gestaltungsästhetik zu beobachten sind (Machin/von Leeuwen 2007, S.8f., Sklair 1995, S.159f.). Der transnationale Fernsehsender Al-Jazeera ist auch deshalb als „arabisches CNN“ bezeichnet worden, weil er eine ähnliche Präsentationsweise wie sein westliches Pendant benutzte.

Man darf die Harmonisierung von Professionsstandards allerdings nicht mit einer Harmonisierung von Inhalten verwechseln. Selbst bei identischen Objektivitätsstandards werden Themenselektion und -interpretation des Journalismus systemisch sehr unterschiedlich geprägt (vgl. Kap. 2.2.1). Gerade in Kriegs- und Krisenzeiten sind geradezu konträre Mediendiskurse keine Seltenheit und die Synchronisation der globalen Öffentlichkeit bleibt unterentwickelt. Nur eine Vorstellung wie die von Marshall McLuhan, wonach das Medium selbst die Botschaft ist (McLuhan 1964), kann die inhaltlichen Differenzen ausblenden und aus der transnationalen Konvergenz der journalistischen Profession eine Globalisierung von Massenkommunikation im „globalen Dorf“ ableiten (vgl. Kap. 1.1). Wie wenig eine solche Analyse allerdings trägt, wird daran deutlich, dass internationale Ethikkodizes bislang kaum existieren und nationale Werte wie Internationalismus oder Kosmopolitismus in nationalen Kodizes kaum erwähnt werden (Hafez 2008, S.160f.). Die Formulierung einer globalen, kosmopolitischen und/oder postkolonialen Medienethik bleibt also eine Zukunftsaufgabe (Ward/Wasserman 2010).

(G)lokale Medienproduktion

Es ist sinnvoll, zunächst einmal nationale und transnational ausgerichtete Massenmedien zu unterscheiden. Die durch nationale Medien produzierte Auslandsberichterstattung erzielt dabei größere Reichweiten als die transnationalen Medien. Nationale Auslandsberichterstattung steckt zwar weltweit in einer durch die Digitalisierung, Einnahmenrückgänge und Ressourcenknappheit entstandenen Krise, die sich vor allem in einem Abbau von Korrespondentenstellen bemerkbar gemacht hat (Lewis 2010). Dies ändert jedoch nichts an der prinzipiell starken Stellung der nationalen Auslandsberichterstattung. Transnational agierende Medien sind für die meisten Rezipienten eher Ergänzungen als ein Ersatz und der gesamte Marktanteil von Fernsehsendern wie CNN, Al-Jazeera English oder BBC World sowie für europäische Sender wie Euronews, Eurosports oder Fashion TV, um nur einige Beispiele zu nennen, kann auf maximal 10Prozent geschätzt werden (Chalaby 2009, S.118), dürfte jedoch tatsächlich noch niedriger liegen. Zwar sind transnationale Medien weltbekannt und verfügen als Leitmedien innerhalb des Journalismus und Referenzmedien von Informationseliten unter den Rezipienten (siehe unten) über einen gewissen meinungsführenden Einfluss (Samuel-Azran 2009), ihre Marktanteile sind aber oft sehr klein, was zur Folge hat, dass viele dieser Medien defizitär wirtschaften und von ihren Heimatstaaten subventioniert werden. Es wird zudem noch zu untersuchen sein, ob diese transnational agierenden Sender globale Diskurse besser repräsentieren können als nationale Massenmedien (Chalaby 2009, S.228, vgl. Kap. 2.2.1).

Die starke Stellung nationaler Medien wird allerdings durch globale Kommunikationsflüsse und neue transnationale Strukturen relativiert. Der nationale Nachrichtenjournalismus wird seit einiger Zeit durch verschiedene Projekte des grenzüberschreitenden „kollaborativen Journalismus“ ergänzt, der etwa anlässlich der „Panama Papers“ bekannt geworden ist (Alfter 2016, 2019, Heft 2019). Da diese Projekte eher Ausnahmen darstellen, bleibt der nationale Journalismus weiterhin dominant und der Cross-Border-Journalismus stellt ebenso wie die transnationalen Medien allenfalls eine Ergänzung als eine echte Alternative dar (Grieves 2012, S.169). Vor allem im Nachrichtengeschäft gilt die Regel, dass sich transnationale Medienstrukturen nur sehr schwer etablieren lassen, da immer die Notwendigkeit sprachlicher, personeller und inhaltlicher Anpassungen an die diskursiven Interessen und Gewohnheiten von Konsumenten in den jeweiligen Ländern zu bestehen scheint.

Zugleich zeigt sich – dies ist eine weitere wichtige Relativierung der nationalen Produktionsverhältnisse –, dass fiktionale Unterhaltung schon immer stärker vom Im- und Export geprägt gewesen ist als das Nachrichtenwesen. Bekanntestes Beispiel hierfür sind Hollywoodfilme, aber auch lateinamerikanische Telenovelas, die weltweit verbreitet sind. Im Vergleich zu dem durch nationale Präferenzen gekennzeichneten Nachrichtengeschäft kann man den Unterhaltungsbereich als Kernbereich der Globalisierung und einer hybriden Kulturentwicklung bezeichnen, da hier nationale Produktionen zwar stark bleiben, aber mitunter weniger vorherrschend sind (Hafez 2005, S.115ff., Straubhaar 2014). Allerdings sind auch die Unterhaltungsindustrien der Medien noch immer stark lokal ausgerichtet (Kawashima/Hye-Kyung 2018). Nationale Produktionen besitzen gerade im Fernsehbereich die größten Reichweiten, weswegen man die Internationalisierung der Unterhaltungsindustrie nicht überschätzen darf (Flew 2007, S.127, Hafez 2005, S.115ff., Straubhaar 2007). Die großen Filmindustrien in Indien (Bollywood), in der arabischen Welt, in China, Iran oder Trickfilmproduktionen aus ostasiatischen Ländern sind auf ihren lokalen Märkten jeweils dominant.

Es ist ihnen allerdings auch gelungen, im internationalen Exportgeschäft einen globalen Contra Flow zu etablieren, der der weiterhin bestehenden amerikanischen Filmdominanz immerhin Konkurrenz macht (Thussu 2019, S.191ff.). Die These von einem westlichen „Kulturimperialismus“ durch Globalisierung ist zu vereinfachend, da sie weder die gleichzeitig stattfindende Modernisierung nationalsprachlicher Kulturen noch die Globalisierungspotenziale des globalen „Südens“ berücksichtigt (Hafez 2005, S.128ff.).

Globale Rezeptionskluft: Informationsmassen und -eliten

Rezeption (Makroebene) ist neben der Ethik (Mikroebene) und der Produktion (Mesoebene) ein wesentliches Strukturmerkmal der globalen Massenkommunikation. Mediensysteme transnationalisieren sich schon deshalb nur sehr zögerlich, weil nationale Medien von den allermeisten Konsumenten noch immer bevorzugt werden. Die „relative Bedeutungslosigkeit“ (relative unimportance, Sparks 2016, S.61) transnational ausgerichteter Sender hat ihre Ursache im nationalen Rezeptionsverhalten eines Großteils des Publikums. An diesen Rezeptionsstrukturen hat sich auch in der Ära des direktempfangbaren Satellitenrundfunks seit den späten 1980er Jahren und des Internets seit den 1990er Jahren nichts Wesentliches geändert (Wessler/Brüggemann 2012, S.98ff.). Bei aller notwendigen Vorsicht gegenüber Zahlen der globalen Reichweitenforschung, die oft von den Unternehmen selbst verbreitet werden und nicht immer präzise sind (Zöllner 2004), lässt sich dennoch sagen: Sowohl die Nutzung transnationaler Medien (wie CNN, BBC World usw.) als auch die grenzüberschreitende Nutzung anderer nationaler Medienangebote bleiben ein Randphänomen der Mediennutzung (Hasebrink/Herzog 2009). Diese Erkenntnis ist keineswegs trivial, sondern eminent bedeutsam. Da, wie wir noch sehen werden, nationale Auslandsbilder häufig eine negative oder zumindest stereotype Prägung aufweisen, werden auch die Konsumenten durch den primär nationalen Medienkonsum verstärkt negativen Stereotypen ausgesetzt (vgl. Kap. 2.2.1). Die globale Rezeptionskluft ist zu einem nicht geringen Teil für die Problematik von Nationalismus und Rassismus bis hin zum rechtspopulistischen Angriff auf die Globalisierung verantwortlich.

Allerdings gibt es auch hier einige bemerkenswerte Ausnahmen und Gegentrends zu der allgemeinen Regel der nationalen Mediennutzung, die sich an Sondersituationen (Sprachräumen und Auslandsrundfunk) sowie an Sondergruppen (Migranten und globalen Eliten) festmachen lassen. Medien werden grenzüberschreitend vor allem in geolinguistisch homogenen Sprachräumen genutzt, wenn diese mehrere Nationalstaaten umfassen, etwa im deutschsprachigen (Deutschland, Österreich, Schweiz) oder im arabischsprachigen oder spanischsprachigen Raum mit jeweils mehr als zwanzig Ländern (Sinclair et al. 1996). Die Entwicklung des Satellitenrundfunks und des Internets hat diese „kleine Grenzüberschreitung“ begünstigt, sie ist aber im Prinzip deutlich älter und hat mit gemeinsamer Geschichte und Sprachverwandtschaft zu tun. Da diese Nutzungsform nicht global ist, sondern in historisch tradierten Kulturräumen verbleibt, ist es fraglich, ob man diese Form der Regionalisierung als Globalisierung bezeichnen kann. Einerseits werden nationale Grenzen überschritten. Andererseits wird die Vorstellung von „Kulturkreisen“ technisch wiederbelebt, was einer kosmopolitischen und universellen Vorstellung von Globalisierung im Wege steht (Hafez 2005, S.98ff.).

Eine weitere Sondersituation der Mediennutzung entsteht durch den multilingualen Auslandsrundfunk, zum Beispiel BBC World Service (UK), RT (Russland), Voice of America (USA), Deutsche Welle (Deutschland), Radio China International (China) (Carvalho 2009). Auch die monolingualen Mittelschichten, die keine fremdsprachlichen Medien nutzen, können sich dem Auslandsrundfunk zuwenden (Chouikha 1992). Vor allem die Attentate des 11. September 2001 haben zu einer Vergrößerung der Angebote und zu einem neuen Wettlauf zwischen den Groß- und Mittelmächten geführt (Hafez 2005, S.159ff.). Trotz dieser Bemühungen ist grenzüberschreitende Mediennutzung allenfalls eine ergänzende Komponente im Medienmenu der meisten Menschen und kein Beleg für eine starke Globalisierung.

Eine solche kann sich allerdings bei Sondergruppen wie globalen Eliten einstellen, die im Bereich von Politik, Wirtschaft und Kultur permanent selbst Grenzen überschreiten und mobil sind und daher auch in einem höheren Maß als andere Menschen Medien außerhalb ihrer Herkunftsländer nutzen (Wessler/Brüggemann 2012, S.98f., Hafez 2005, S.87f.). Eine herausragende, zugleich aber sehr spezielle Rolle innerhalb der globalen Informationseliten nehmen Migranten ein, die oft regelmäßig Medien jenseits ihres Wohnortes – aus ihren Herkunftsländern oder im Rahmen der Diaspora – nutzen (Galal 2014, Robins/Aksoy 2015). Es ist schwer, die genaue Größe der globalen Informationseliten zu bestimmen, aber selbst bei geringer Zahl dürfte der qualitative Einfluss dieser „Kosmopoliten“ auf die Gesellschaft groß sein. Gerade Migranten können ihre multikulturellen Medienmenus dazu einsetzen, eine transkulturelle Subjektivität an der Schnittstelle von Medienglobalisierung und Postkolonialismus auszubilden, was bislang allerdings viel zu wenig erforscht ist (Merten/Krämer 2016, vgl. a. Brennan 2008). Dennoch liegt hier auch ein häufiges Missverständnis begründet, da solche mobilen Eliten dazu neigen, ihren eigenen kosmopolitischen Medienstil für eine generelle Entwicklungstendenz zur Globalisierung zu halten, während dieser in Wirklichkeit eine Besonderheit darstellt.

Umweltsystem Politik: Nationalstaatliche Hegemonie

Globale Medienpolitik ist ein Spiegelbild des noch immer stark national geprägten Rezeptionsverhaltens der meisten Menschen. Wo Medien nur selten über Grenzen hinweg genutzt werden, braucht es auch keine globale rechtliche und politische Medienregulierung. Transnationale rechtliche Regulierungen sind beschränkt auf wenige kommerzielle oder technikpolitische Felder. Das Abkommen zum Schutz geistiger Eigentumsrechte in der Welthandelsordnung (Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights, TRIPS) verbietet zum Beispiel Raubkopien. Die EU-Fernsehrichtlinie harmonisiert unter anderem nationale Vorschriften für Werbung, Sponsoring und Teleshopping. Die International Telecommunication Union (ITU) und die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) regeln technische Rahmenbedingungen des Satellitenrundfunks und des Internets. Eine steigende Anzahl der Akteure scheint vordergründig auf eine wachsende Bedeutung der globalen Medienpolitik zu verweisen. Es dominiert aber weiterhin eine „techno-funktionale Perspektive“ (Berghofer 2017, S.365), die zwar technische Fragen global regelt, Medienpolitik aber darüber hinaus im Wesentlichen als Kulturpolitik definiert und die Eigenständigkeit der Nationalstaaten nicht antastet. Sogar die Europäische Union, der wohl ambitionierteste Staatenbund der Erde, belässt die Regulierung der Medien weitgehend bei den Einzelstaaten (Michalis 2016), was zu seltsamen Verwerfungen insofern führt, als eine Reihe von europäischen Staaten in den internationalen Medienfreiheitsrankings (Freedom House, Reporter Ohne Grenzen) nur als „teilweise frei“ eingestuft werden (Italien, Polen, Ungarn usw.), weil die dortigen Regierungen die Medienfreiheit zu stark einschränken, Brüssel oder Straßburg aber kaum etwas dagegen unternehmen.

Globale Medienpolitik bleibt also, abgesehen von einigen kapitalistischen und technischen Rahmenbedingungen der Medien, gerade im Kern der Medienfreiheits- und Konzentrationspolitik weitgehend in den Händen des Nationalstaates (Hafez 2005, S.189ff.). Dies führt in der „Ära der Globalisierung“ ironischerweise immer mehr dazu, dass Meinungs- und Medienfreiheit weltweit durch autoritäre Regimes und autoritäre Tendenzen auch innerhalb von Demokratien bedroht werden (Freedom House 2019). Die Synchronisation einer grenzüberschreitenden Weltöffentlichkeit wird strukturell durch die Hegemonie nationaler Medienpolitik gefährdet (Heft/Pfetsch 2012, S.158f.). Medienfreiheit bleibt daher letztlich ein Privileg vielsprachiger Informationseliten, die sich im Fall der Bedrohung der inneren Medienfreiheit durch Auslandsmedien informieren, wobei sich der Nationalstaat auch hier durch Internetzensur oder die Störung ausländischer Satellitenmedien Geltung verschaffen kann.

In der jüngeren Forschung findet angesichts der Beharrlichkeit des Nationalstaates ein Umdenken statt. Die bis dato verbreitete Kritik am „methodischen Essenzialismus“ (Couldry/Hepp 2009, Kleinsteuber 1994) einer auf den Nationalstaat fokussierten vergleichenden Mediensystemforschung wird nun ihrerseits als zu globalisierungsoptimistisch in Frage gestellt (Flew et al. 2016, S.5). Natürlich kann man einwenden, dass staatliche Medienregulierung nur begrenzt effektiv ist. Gerade im Bereich des Internets haben Unternehmen wie Google und Facebook immer wieder Kritik von nationalen Regierungen ignoriert, was für eine Vorherrschaft globaler Internetkonzerne zu sprechen scheint (Iosifidis 2016, S.23). Im Ernstfall aber, das hat das Beispiel der Türkei unter Präsident Erdogan gezeigt, als dieser YouTube und Facebook abschaltete, sitzt der Staat am längeren Hebel und kann sich durchsetzen. Die Gegenkritik am „methodischen Globalismus“ eines Teils der Kommunikationswissenschaft (Waisbord 2014, S.30) stützt sich auf diese ultimative Souveränität des Nationalstaats in Medienfragen. Dass der Staat mit globalen Herausforderungen im Medienbereich zu kämpfen und auch regulatorische Zugeständnisse gemacht hat, heißt nicht, dass die transnationalen Medienstrukturen das nationale Mediensystem und seine Kontrolle der internationalen Kommunikationsflüsse letztlich beseitigt haben.

Umweltsystem Ökonomie: Grenzen der Transnationalisierung

Globale Teilstrukturen lassen sich auch im Feld der Medienökonomie erkennen. Vor allem amerikanische Medienkonzerne (z.B. Walt Disney, News Corporation, Netflix, Thomson Reuters), aber auch französische (z.B. Vivendi) und deutsche (z.B. Bertelsmann) Global Players, sind aktive Exporteure von Unterhaltungskultur und tätigen Direktinvestitionen in vielen Mediensystemen dieser Welt. Hinzu kommen in den letzten Jahren oft rasant wachsende Firmen im Bereich der Telekommunikation, des Internets und der Informations- und Kommunikationstechnologie aus den USA (z.B. AT&T, Google, Facebook, Amazon) und China (z.B. Tencent, Baidu). Rechnet man die ohnehin starke Stellung am Weltnachrichtenmarkt durch die großen westlichen Nachrichtenagenturen wie Reuters, AFP, AP sowie die begrenzten, aber immerhin sichtbaren Reichweiten westlicher Sender wie CNN hinzu, dominieren Großmächte den globalen Medienmarkt. Bei Suchmaschinen als nicht-klassischen Massenmedien landen mehr als 60Prozent aller Anfragen bei Google, die zusammen mit Yahoo, Baidu und Microsoft 80Prozent Marktanteil besitzen (Winseck 2011, S.36f.). Insbesondere links-kritische Medienwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen haben solche Zahlen immer wieder zum Anlass genommen, vor einem westlichen Medienimperialismus unter dem Deckmantel von Globalisierungspolitik zu warnen (Herman/McChesney 1997, McPhail 2010, Artz/Kamalipour 2003).

Gegen die These der westlichen globalen Mediendominanz haben revisionistische Wissenschaftler eingewendet, dass die großen Weltkonzerne trotz ihres Einflusses in einzelnen Bereichen weit davon entfernt sind, ganze Medienmärkte zu beherrschen. Die Transnationalisierung des Medienkapitals kennt klare Grenzen und in den national geprägten Mediensystemen dieser Welt dominiert nach wie vor nationales (und zum Teil regionales) Medienkapital (Flew 2007, 2009, 2011, Hafez 2005, Compaine 2002, Rugman 2002), was im Übrigen sogar die Vertreter der westlichen Dominanzthese gelegentlich einräumen (Herman/McChesney 1997, S.9). Statt eines homogenen globalen Medienmarktes existiert heute ein Flickenteppich nationaler und regionaler Märkte, in die transnationale Teilstrukturen und Handelsbeziehungen eingebettet sind. Terry Flew spricht hier von einer „statistischen Illusion“ (2007, S.82), da die imposanten internationalen Gewinne mit noch größeren lokalen Gewinnen an den Stammsitzen der Konzerne (also vor allem in den USA und Europa) verglichen werden müssten. Medienkonzerne sind demnach weitaus weniger global als Unternehmen in anderen Branchen, weswegen die Branche eher ein „Nachzügler“ (laggard) als ein Vorreiter der Globalisierung ist (Flew 2007, S.87, 208, vgl. a. Hafez 2005, S.212).

Das zweite analytische Versäumnis besteht darin, dass der betriebswirtschaftliche Blick auf einzelne Mediengiganten noch nichts über volkswirtschaftliche Marktanteile aussagt. Letzteres ist aber entscheidend, um den realen Einfluss der Global Players zu messen, die den lokalen „Provinzfürsten“ des Medienkapitals in Wahrheit in den meisten Ländern unterlegen sind (Hafez 2005, S.213ff., vgl. a. Birkinbine et al. 2017, S.109ff.). Vieles spricht sogar dafür, dass trotz steigender ausländischer Direktinvestitionen auf Grund der rapide gewachsenen lokalen Medienmärkte US-Konzerne heute weniger einflussreich sind als am Ende des 20.Jahrhunderts: gerade im Presse-, Fernseh- und Nachrichtenbereich dominiert in aller Regel das „territorialisierte Kapital“ (territorialized capital) (Christophers 2014, S.369). Große indische Konzerne wie Doordashan haben auf globale Konkurrenz (z.B. Rupert Murdochs Sky TV) mit einer Ausweitung ihres regionalen Angebotes reagiert; Ähnliches ereignete sich in Hongkong, Malaysia und in Lateinamerika; Staaten wie China und Indonesien quotieren internationale Programmimporte (McMillin 2007, S.105ff.). In arabischen Ländern besitzen ausländische Medienkonzerne schon aus politischen Gründen eher stilles Medienkapital, keine Anteilsmehrheiten und sind daher weder inhaltlich noch politisch entscheidend (Sakr 2001, S.97). Selbst der globale Fernsehformathandel besteht aus Kooperationen von transnationalen Unternehmen mit lokalen Partnern (Grüne 2016). Insgesamt gesehen stößt die technisch mögliche Globalisierung in ökonomischer Hinsicht eindeutig an lokale Marktgrenzen.

Nicht ganz zu Unrecht ist gegen die Revisionisten eingewendet worden, dass nicht nur die Produzenten von Medieninhalten in die Rechnung einbezogen werden dürfen, sondern auch das Medieninfrastrukturkapital (Fuchs 2010). In der Tat sind im 21.Jahrhundert die internationalen Gewinne von Internet-, Telekommunikations- und Hardware-Giganten erheblich gewachsen und ihr Transnationalisierungsgrad – also der Anteil der internationalen Märkte an ihren Umsätzen – ist höher als der klassischer Medienkonzerne (Winseck 2011, S.6f.). Für Dell Inc. arbeiten mehr als hunderttausend Mitarbeiter weltweit (Gershon 2019, S.39). Die Bildagentur Getty Images macht immerhin etwa 40Prozent Umsatz außerhalb der USA und hat Kunden in mehr als fünfzig Ländern (Machin/van Leeuwen 2007, S.150ff.). Allerdings zeigt sich hier eine techno-funktionale Form der Kapitalglobalisierung: Ausländische Produkte und Dienstleistungen werden überall dort eingesetzt, wo sie nicht selbst produziert werden können oder wo Informationsbausteine – wie Fotos – gebraucht werden. Redaktionelle Angebote und Programme aber, vor allem im Informationssektor, kommen aus den Ländern selbst. Bei politisch wie kulturell komplexen Medienprodukten erweisen sich ausländische Produkte und Direktinvestitionen eher als Lückenfüller auf lokalen Märkten, als Ergänzung und Erweiterung, nicht aber als Ersatz für nationale Produkte.

Nicht-klassische Massenmedien: erweiterte Hypermedialität

Vor allem im Internet sind neue Angebotsformen entstanden, die man als Massenmedien bezeichnen kann. Das Internet verschafft nicht nur den etablierten Medien von Presse, Radio und Fernsehen neue technische Reichweiten. Es generiert auch so unterschiedlichen Medien wie Suchmaschinennachrichten, Sozialen Medien (wie Twitter), Weblogs, Podcasts und alternativen Nachrichtenportalen (wie WikiNews) eine neue Basis. Nicht jede Form der digitalen Kommunikation lässt sich als „massenmedial“ charakterisieren, vieles ist interpersonal oder gemeinschaftsorientiert (vgl. Kap. 6). Kommunikate allerdings, die öffentlich zugänglich sind und periodisch erscheinen, so dass sie journalistischen Angeboten ähneln, lassen sich als nicht-klassische Massenmedien einstufen.

Inwieweit sich die Produktions- oder Rezeptionsstrukturen sowie die Kommunikationsflüsse der globalen Massenkommunikation durch das Internet verändern, ist nicht einfach zu ermessen. Auch hier gibt es optimistische wie pessimistische Lesarten, die um die Frage ranken, ob das Internet wirklich einen Strukturwandel der globalen Massenkommunikation eingeleitet hat. Ethan Zuckerman hat verdeutlicht, dass auch im Internetzeitalter grenzüberschreitende und vor allem fremdsprachliche Mediennutzung ein Randphänomen geblieben ist. In keiner der mächtigsten zehn Nationen der Welt liegt der durchschnittliche Anteil der Auslandsnutzung von Medien durch die Bevölkerung im Netz höher als 7Prozent, oft sind die Nutzungszahlen kaum noch messbar und in anderen Teilen der Welt sieht es nicht anders aus (Zuckerman 2013, S.52ff., vgl. a. Elvestad 2009, Fenyoe 2010, Finnemann et al. 2012). Ein transnationaler Strukturwandel (der Mediennutzung) ist aus dieser Sicht nicht durch die Digitalisierung begünstigt worden; von einem Wandel zu einem „Weltmediensystem“ ganz zu schweigen. Historisch betrachtet scheinen analoge Medienrevolutionen wie die Einführung des Telegrafen für das globale Nachrichtenwesen viel revolutionärer gewesen zu sein als das Internet.

Hans-Jürgen Bucher hat allerdings darauf hingewiesen, dass gerade in Krisenzeiten eine verstärkte globale Mediennutzung zu beobachten ist (2005). Seit dem Kosovokrieg, den Attentaten des 11. Septembers 2001 und dem Irakkrieg 2003 suchen kritische Segmente des Publikums im Internet nach Informationen in digitalisierten klassischen wie auch in alternativen Massenmedien, die sie in ihren Heimatmedien nicht bekommen. Zwar ist die Qualität dieser erweiterten Hypermedialität umstritten, da die Quellen zum Teil dubios sind (Lewis 2010, S.123). Gerade soziale Bewegungen haben aber Medien gebildet, die nicht nur alternative globale Öffentlichkeiten erzeugen können, sondern auch als „Interlokutoren“ fungieren und Medienagenden grenzüberschreitend verbinden können (Volkmer 2014, S.141ff., vgl. a. Kap. 5). Zugleich sind die zeitlich begrenzten und auf Informationseliten beschränkten Reichweiten dieser Prozesse noch zu geringfügig, um von einem globalen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (Bucher 2005, S.214) sprechen zu können.

Fazit: Interdependenzlücken und die Globalisierung der zwei Geschwindigkeiten

Resümierend lässt sich sagen, dass globale Massenmedienkommunikation heute immer noch sehr weitgehend durch nationale Mediensysteme geleistet wird. Der weltweite Flickenteppich aus egozentrierten Mediensystemen ist zwar auf Produktions- und Rezeptionsebene durch transnationale Produktions- und Rezeptionsstrukturen erweitert worden. Diese Komplementarität aber folgt der bestimmenden Regel der Subsidiarität, wonach nationale Systeme nicht nur den größten Teil der Nachrichtenproduktion, sondern auch weite Teile des Unterhaltungswesens beherrschen und durch internationale Produkte allenfalls ergänzen. Transnationale Produkte – CNN, Hollywood – sind zwar große Prestigeprojekte, die dem Medienkonsum eine wichtige globale Komponente hinzufügen, ohne aber die Vorherrschaft lokaler Strukturen zu beseitigen.

Im Bereich von Medienpolitik und -recht setzt der Nationalstaat zudem noch immer entscheidende Rahmenbedingungen, die durch technisch-funktionale globale Regelungen eher ergänzt als ersetzt werden. Medienmärkte sind nur sehr bedingt global interdependent. Anders als die interaktiven Sozialsysteme der Politik, Wirtschaft usw. verbleibt die massenmediale Kulturproduktion in ihrem primären Modus der (Welt-)Beobachtung strukturell hochgradig selbstreferenziell. Von dieser Tendenz ausgenommen sind alternative Informationsflüsse und Öffentlichkeiten, die auf eine Globalisierung der „zwei Geschwindigkeiten“ verweisen. Globale Massenkommunikation ist ein Minderheitenphänomen, wobei Informationseliten sowohl unter Produzenten wie auch Konsumenten systematisch versuchen, nationale Grenzen des Medienraums zu erweitern und eine stabile Weltöffentlichkeit zu erzeugen.

2.2 Kommunikative Systemverbindungen

Gemäß unserem grundlegenden System-Lebenswelt-Netzwerk-Ansatz ist eine rein strukturalistische Betrachtung der globalen Massenkommunikation unzureichend. Mediensysteme kommunizieren über Grenzen hinweg, aber sind ihre Beobachtungsleistungen deswegen auch synchronisiert im Sinne der Schaffung eines gemeinsamen globalen Mediendiskurses und einer transnationalen Weltöffentlichkeit? Oder haben wir es eher mit separaten nationalen Mediendiskursen zu tun, die untereinander unvernetzt bleiben? Unsere Analyse erfolgt in zwei Schritten, wobei zunächst der empirische Forschungsstand zu Inhaltsanalysen der globalen Massenkommunikation aufgearbeitet wird, bevor anschließend eine Bewertung des Ist-Zustandes vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Synchronitätsananforderungen der deliberativen Öffentlichkeitstheorie und der Systemtheorie erfolgt.

2.2.1 Diskursanalyse

Grundlagen: Interdiskursivität, Konvergenz und Domestizierung von Mediendiskursen

Das „Weltbild“ der Medien ist ein Diskurs, der textlinguistisch aus Makro- und Mikropropositionen besteht (van Dijk 1988, Hafez 2002a, Bd.1, S.45ff.). „Themen“ beispielsweise sind Makropropositionen eines Textes, die eng mit der kommunikationswissenschaftlichen Theorie des Agenda Setting verbunden sind, also mit der Frage, worüber Medien (und infolgedessen Rezipienten und Rezipientinnen) nachdenken. Themen umfassen ihrerseits Mikropropositionen wie Frames und Stereotype, also handlungsorientierte Argumentmuster eines Textes wie auch attributive Charakterisierungen (z.B. von Nationen oder sozialen Gruppen) (Entman 1993, Thiele 2015). Während Themen-, Framing- und Stereotypenanalysen auf Basis von Einzeltexten untersucht werden können, umfasst der Diskursbegriff auch Beziehungen zwischen Texten (Intertextualität, Konerding 2005). Der öffentliche Diskurs ist kein interaktives Gespräch im Sinne einer gemeinsamen Sinnproduktion, er bleibt monologisch, verfügt aber insofern über dialogähnliche Eigenschaften, als intertextuelle Bezugnahmen zu anderen Texten erkennbar sind. Intertextuelle Diskurse wiederum besitzen eine Integrationsfunktion und erzeugen durch ihre sprachliche Verständlichkeit Diskursgemeinschaften (Öffentlichkeiten).

Die Frage ist nun, inwieweit die strukturell relativ getrennten nationalen Mediensysteme dieser Welt eine transkulturelle Mittlerfunktion wahrnehmen, indem sie nationale Diskurse miteinander synchronisieren und einen globalen und transkulturellen „Interdiskurs“ schaffen, wobei Eigen- und Fremdverstehen verbunden werden (Hafez 2002a, Bd.1, S.163ff.). Kongruenz und Differenz der lokalen Diskurse müssten dazu in der Auslandsberichterstattung ermittelt und „übersetzt“ werden. Dabei kann es zu erheblichen Schwierigkeiten kommen, da sich nicht nur die Themenauswahl und die Interpretationen in verschiedenen Diskursgemeinschaften unterscheiden können, sondern auch das Kontextwissen mit der Entfernung zum internationalen Geschehen naturgemäß abnimmt und vom Auslandsjournalisten vermittelt werden muss (Hafez 2002a, Bd.1, S.65f.). Der Prozess wird auch dadurch verkompliziert, dass akustische, visuelle und textuelle Zeichen unterschiedliche Logiken in der globalen Kommunikation haben. Während Musik und Bilder relativ einfach Grenzen überschreiten und scheinbar „selbsterklärend“ sind, müssen Texte übersetzt, aufbereitet und kontextualisiert werden. Aber auch Bilder sind nur auf den ersten Blick nicht erklärungsbedürftig und daher oft hochmanipulativ.

An die interdiskursive Synchronisation werden verschieden strenge Maßstäbe angelegt. Aus der Konvergenzperspektive besteht die Aufgabe des Journalismus darin, Diskurse anderer Systeme nicht nur umfassend und exakt wiederzugeben, sondern sie auch im Eigendiskurs sinnvoll zu erklären und somit nationale Diskurse zu verbinden und globale Perspektiven zu erzeugen (Stanton 2007, Hafez 2002a, Bd.1, S.24ff.). Als zentrale Merkmale gelten a) Themenkonvergenz, b) zeitliche Synchronität und Intensität und c) Deutungs- und Sprecherkonvergenz (Tobler 2006, Ulrich 2016, S.114). Die Unterscheidung zwischen Deutungs- und Sprecherkonvergenz ist insofern wichtig, als zwar Deutungen von Themen national abweichen können, außernationale Diskurse aber durch Sprecher repräsentiert sein müssen, so dass Responsivität entsteht. Die Vorstellung konvergenter Interdiskursivität in der Weltöffentlichkeit orientiert sich an der deliberativen Öffentlichkeitstheorie (vgl. Kap. 2.2.2).

Aus der Domestizierungsperspektive wird Auslandsberichterstattung für nationale Zielgruppen konzipiert, wobei die Art der Weltbildkonstruktion keine Referenzen jenseits des eigenen, geradezu autarken Beobachtungssystems berücksichtigen muss (Renneberg 2011, S.45ff.). Die Konvergenzsicht kritisieren diese Autoren als „methodologischen Konnektivismus“ (Werron 2010, S.143), dem sie eine Art unverbundene Medienmoderne entgegensetzen. Diese unterschiedlichen Theorieansätze sollen in Kapitel 2.2.2 vertieft werden. Zuvor allerdings beschäftigen wir uns mit dem empirischen Ist-Zustand des globalen Mediendiskurses, der ebenfalls kontrovers beurteilt wird.

Fragmentierte Nachrichtenagenda: die Spitze des Eisbergs der Globalisierung

Es ist ein grundsätzliches Paradoxon, dass in der Ära der Globalisierung die Aufmerksamkeit für Auslandsnachrichten nicht gestiegen, sondern eher gesunken ist (Willnat et al. 2013, Ulrich 2016, S.118ff., Russ-Mohl 2017, S.162f., Norris 1995). Das Auslandsinteresse des Publikums ist nicht einheitlich, es ist insbesondere in kleineren Staaten oft größer und wächst, sobald einheimische Akteure beteiligt sind (home news abroad) (Hanitzsch et al. 2013). Aber historische Zäsuren machen sich bemerkbar und das Ende des Ost-West-Konflikts hat eher zu einem Rückgang des Weltinteresses geführt. Talkshows in großen Industriestaaten wie Deutschland beschäftigen sich ganz überwiegend mit nationalen und kaum mit internationalen Fragen (Schultz 2006, S.168ff.). Das Interesse kann jedoch sehr starke kurzfristige Schwankungen aufweisen und insbesondere internationale Krisen und Kriege mit bedrohlichem Charakter wie die Attentate des 11. September 2001 oder der Irakkrieg 2003 haben für eine begrenzte Zeit die Aufmerksamkeit erhöht.

Ganz generell ist die Logik interessant, nach der in den jeweiligen nationalen Mediensystemen Länder und Themen beachtet oder ignoriert werden. Es lässt sich am besten durch einige zentrale diskursstrukturelle Theoreme erklären (Hafez 2002a, Bd.1, S.51ff., 2005, S.39ff.). Auslandsnachrichten überwinden die Schwelle der Berichterstattung zumeist nur, wenn diese entweder aus dem regionalen Ausland oder aus den „Weltmetropolen“ (z.B. USA, Russland, China), also aus Ländern mit hohem Machtstatus, stammen. Sie sind vielfach politik- und eliten- und weniger lebensweltorientiert und konzentrieren sich oft auf negative Nachrichten über Konflikte, Kriege und Katastrophen. Diese Logik lässt sich nicht nur durch viele empirische Fallstudien erhärten, sondern stützt sich auf Nachrichtenfaktoren wie politische und ökonomische Zentralität, Konfliktorientierung oder kulturelle Nähe und Distanz (Williams 2011, S.146ff., Cazzamatta 2014, 2018a/b, 2020). Das Resultat dieser Gatekeepingprozesse sind extrem fragmentarische Weltbildkonstruktionen der Medien, in denen viele Staaten ohne akute Konflikte oder Machtstatus kaum Resonanz finden, während Krisenregionen und Großmächte überpräsent sind und eine hegemoniale Weltnachrichtenlage erzeugen. Negativismus ist zwar eine allgemeine Tendenz des Journalismus auch in der Inlandsberichterstattung, aber bei Auslandsnachrichten sind Länderimages wegen der knappen Platzkapazitäten besonders stark betroffen und insbesondere Entwicklungsländer treten selten und wenn zumeist negativ in Erscheinung (Zuckerman 2013, S.79ff., Hafez 2002a, Bd.2, S.125ff.).

Da allerdings jedes Land ein anderes regionales Umfeld besitzt, sind die Nachrichtengeographien der Mediensysteme nicht einheitlich, sondern unterhalb der dünnen „Spitze des Eisbergs“ von Weltnachrichten über Krisenregionen und Metropolenstaaten werden ganz verschiedene Themen und Länder beachtet. Das Ergebnis ist eine doppelt geschichtete globale Diskursverschiebung, bestehend aus einer sehr verengten, das Nord-Süd-Gefälle betonenden weltweit geteilten globalen Agenda und separierten nationalen Auslandsgeographien und Themensetzungen. Trotz starker Konvergenz von Nachrichtenwerten und Professionsstandards der Medienethik weltweit (vgl. Kap. 2.1) hat sich also an der Domestizierung von globalen Nachrichtenlagen der Massenkommunikation wenig geändert. Eine Ausweitung und qualitative Verdichtung der Diskurse, die gezielt thematische Leerstellen kompensiert und Nachrichtenwerte im Sinne einer globalen interdiskursiven Synchronität umbaut, sind nicht in Sicht. Starke Domestizierung ist vorherrschend.

Vergleichende Großstudien belegen dies seit Jahrzehnten (u.a. Sreberny-Mohammadi et al. 1985, Wu 2000, 2003, Pietiläinen 2006, Cohen 2013a, Heimprecht 2017). Lokale Faktoren sind demnach in der Auslandsberichterstattung für die Themen- und Länderauswahl auschlaggebend, der Regionalismus schlägt in allen Ländern durch, wenngleich bei Entwicklungsländern etwas weniger als bei Industrieländern, da hier die Metropolenorientierung und globale Agenda etwas stärker ausgeprägt sind (de Swert et al. 2013, Wilke et al. 2013). Selbst innerhalb regionaler Räume wie Europa ist zwar die Aufmerksamkeit für einzelne Nachbarländer größer (Regionalismus), aber EU-Themen und Akteure der EU spielen nur eine Nebenrolle in den stark national fixierten Öffentlichkeiten (Machill et al. 2006, Pfetsch et al. 2008). Die national gefärbten und desintegrierten Medienagenden stellen die Annahme einer Globalisierung von Mediendiskursen oder gar eines kosmopolitischen „globalen Dorfes“ (McLuhan) auf der inhaltlichen Ebene in Frage (Cohen 2013b).

Eine Reihe von Studien zeigen, dass der Online-Journalismus sowie Suchmaschinen wie Google-News und Yahoo, also nicht-klassische Massenmedien, hier, anders als erhofft, kaum eine Verbesserung gebracht haben. Die eingeschränkte Nachrichtengeographie bleibt dieselbe (Gasher/Gabriele 2004, Wu 2007, Wang 2010). Kevin Williams: „The geography of online content reflects the imbalances of the traditional mainstream media; web technology has not drastically changed what is reported as international news“ (2011, S.161). Nicht einmal Hyperlinks zu ausländischen Websites haben sich im Online-Journalismus durchgesetzt (Chang et al. 2009).

Nur wenigen Themen wie die Klimafrage gelingt es, sich in den Massenmedien weltweit mit ähnlichen Subthematiken Geltung zu verschaffen, was dem Charakter von Umweltthemen geschuldet sein dürfte, in verschiedenen Teilen der Welt ähnlich stark beachtet zu werden (Ivanova 2017). Bei politischen Themen wie den Vereinten Nationen allerdings zeigt sich, dass die Sichtweise internationaler Institutionen länderspezifisch ist oder sich ländertypische Cluster bilden, wonach Kriegskonflikte eher in Industrieländermedien und Strukturkrisen wie Armut in den Medien der Entwicklungsländer dominieren (Ulrich 2016, S.301ff.). Die vorherrschenden Professionsstandards und Nachrichtenfaktoren, globalen Leitmedien und Nachrichtenagenturen verhindern zwar, dass Mediensysteme autark sind, sich abschotten und ermöglichen zeitweise dynamische Öffnungen und kurzfristige Internationalisierungen der Diskurse. Gerade soziale und kulturelle Entwicklungen werden aber oft ignoriert und bleiben schwache Prädiktoren eines thematisch wenig konvergenten globalen Mediendiskurses. Zwei Drittel der Landmasse und der Bevölkerung dieser Erde in Asien, Afrika und Lateinamerika bleiben in westlichen Medien, von wenigen, oft negativen Ausnahmen abgesehen, weitgehend unsichtbar (Williams 2011, S.145f.).

Globales Framing oder domestizierte Diskurse?

Um die Synchronität globaler Mediendiskurse aus den Perspektiven von Konvergenz und Domestizierung beurteilen zu können, müssen neben Makropropositionen wie der thematischen Medienagenda auch Mikropropositionen wie Stereotype und Frames untersucht werden. Hier geht es nicht mehr wie beim Themenhaushalt um die Frage, was berichtet wird, sondern wie dies geschieht. Als locus classicus der Forschung gelten mittlerweile die Arbeiten von Michael Gurevitch, Mark R. Levy und Itzhak Roeh, die bereits 1991 gezeigt haben, dass selbst ein- und dasselbe Thema in verschiedenen nationalen Mediensystemen sehr unterschiedlich dargestellt werden kann, was sie als „Domestizierung des Fremden“ (domestication of the foreign, S.206) bezeichneten. Die Vorstellung, in einer durch Nachrichtenagenturen und globale Medienkonzerne verbundenen Welt automatisch auch mit globalen Perspektiven versorgt zu werden, erweist sich angesichts des nationalen Systemcharakters der Medien als unhaltbar, da Stereotype und Frames auch in der Gegenwart vielfach national geprägt bleiben.

Am deutlichsten erkennt man dies an Nationen- und Religionsstereotypen. Stereotype sind anders als Frames pauschale Zuschreibungen kultur-mentaler Charaktereigenschaften, die für eine bestimmte Gruppe oder ein Land als typisch erachtet werden und die auch in modernen Mediensystemen eine erstaunliche Überlebensfähigkeit zeigen, so dass die Zahl der Studien hier schier unüberschaubar ist (vgl. die Metastudie von Thiele 2015). Da analytisch die Abgrenzung zwischen Stereotypen (als pauschalen Attributen für Nationen und Gruppen) und Frames (als argumentative Rahmung einer Handlung) schwierig ist (Hafez 2002a, Bd.1, S.47f.), werden in der Forschung diese verschiedenen Mikropropositionen des Diskurses häufig in Kombination untersucht. Viele Studien zeigen die starke Vorurteilsneigung von Auslandsberichterstattung etwa wenn es um Themen wie Islam (Hafez 2002a, Bd.2, S.207ff., Schiffer 2005, Poole/Richardson 2006, Mertens/de Smaele 2016) oder um Nationenstereotype geht (u.a. von Bassewitz 1990, Marten 1989, Tzogopoulos 2013). Stereotype existieren heute gerade auch im fiktionalen Bereich, umfassend erforscht wurden zum Beispiel Araber-Stereotype in Hollywoodfilmen (Shaheen 2009, Kamalipour 1995). Ethnische und religiöse Stereotype in fiktionalen und nicht-fiktionalen Medien sind nicht nur der Rohstoff für die Weltbilder des Rassismus und rechtspopulistischen Anti-Globalismus (Hafez 2013). In einem global integrierten Mediensystem hätten sie wohl auch keine Überlebenschance, da sie an die Diskriminierten selbst nicht verkaufbar wären. Wegen der strukturellen Interdependenzlücke globaler Massenkommunikation aber können sie in den nach wie vor stark isolierten nationalen Diskursgemeinschaften überleben. Auch wenn Massenmedien sicher nicht nur Stereotype produzieren, sondern Fakten und reale Zusammenhänge vermitteln, ist die schiere Existenz von Stereotypen in Massenmedien ein Beleg für die starke Domestizierung globaler Massenkommunikation.

Schwieriger ist die Beurteilung bei nicht-stereotypen Frames. Zahlreiche Studien weisen allerdings auch bei der argumentativen Vermittlung internationaler Sachverhalte auf Domestizierungseffekte hin. Hier nur einige Beispiele:

 die Mediendiskurse nach den Anschlägen des 11. September 2001 waren in westlichen und nahöstlichen Medien geradezu konträr und zeigten, wie stark nationale Mediensysteme lokalen Einflüssen ausgesetzt sind (Hafez 2005, S.62ff., vgl. a. Dimitrova/Strömbäck 2008);

 der palästinensisch-israelische Konflikt wird seit Jahrzehnten von beiden Seiten extrem unterschiedlich geframed (Müller 2017);

 die verbreitete Charakterisierung von Kriegen in Afrika als ethnische „Stammeskriege“ statt als Kriege um Macht und Ressourcen ist ein exogenes Framing (Williams 2011, S.150ff., Allen/Seaton 1999);

 beim Thema Terror sind westliche und arabische Mediendiskurse geradezu notorisch unterschiedlich, da zwar beide Sphären den Terror ablehnen, im Westen aber ein Mitverschulden westlicher Nahostpolitik am Terrorismus und im arabischen Raum eigene politische Versäumnisse tendenziell ausgeblendet werden (Badr 2017);

 da Akteure oft als „Sprecher“ und somit Transporteure von Frames in Medien erscheinen, ist von Bedeutung, dass auch bei scheinbar globalen Themen wie den Vereinten Nationen die Sprecherreferenzen deutlich national geprägt sind (Ulrich 2016, S.398f.);

 auch beim Thema Europa weisen eine Reihe von Studien trotz steigender Wahrnehmung des Themas und transnationaler Sprecherreferenzen (v.a. des EU-Personals und hochrangiger europäischer Politiker) auf zum Teil eklatante inhaltliche Unterschiede eines noch immer hochgradig segmentierten Mediendiskurses in Europa hin (Sievert 1998, de Vreese et al. 2001, Koopmans/Erbe 2003, Brüggemann et al. 2006, Hepp et al. 2012, AIM 2007);

 selbst Projekte des Bürgerjournalismus im Internet wie OhmyNews International oder Groundreport erzeugen vielfach ähnliche Domestizierungen wie die professionellen Medien (Dencik 2012, S.171).

Infolge der zahlreichen Studien der letzten Jahrzehnte haben Autoren wie Akiba A. Cohen (2013b), Kai Hafez (2002a/b, 2005, 2009b, 2011), Richard C. Stanton (2007), Bella Mody (2010), Kristina Riegert (2011) oder Miki Tanikawa (2019) die fortgesetzte Domestizierung von Medieninhalten auch in der Ära der Globalisierung (gerade in Krisenzeiten) betont und transnationale Konvergenz tendenziell in Zweifel gezogen. Diese einst revisionistische und globalisierungsskeptische Sichtweise, die die Einlösung des Konvergenzversprechens der globalen Massenkommunikation bestreitet, wird mittlerweile als der neue „Standard“ oder sogar die neue „Orthodoxie“ in der Wissenschaft betrachtet (Curran et al. 2015, S.1, 14). Zwar üben einige optimistischere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Kritik dahingehend, dass vergleichende Medieninhaltsanalysen verschiedener Länder durchaus auch Konvergenzen im Framing durch Massenmedien aufweisen, was sie damit erklären, dass gerade Weltnachrichtenagenturen eine gewisse vereinheitlichende Wirkung ausüben können (Curran et al. 2015, vgl. a. Wessler/Brüggemann 2012, S.91f., Lück et al. 2015, Volkmer 2014, S.3f., Bucher 2005, S.187f.). Aber auch diese Analysen wenden sich gegen eine Rückkehr zur Konvergenzmetapher des „globalen Dorfes“, die nicht angemessen erscheint, um den Ist-Zustand der Weltnachrichten zu charakterisieren.

In den optimistischeren Befunden, die von höherer Konvergenz ausgehen, werden zudem die systemischen Rahmenbedingungen der Nachrichten ausgeblendet, etwa wenn die Haltung zur Griechenlandkrise in Ländern mit sehr ähnlichen wirtschaftspolitischen Positionen untersucht wird oder aber der Diskurs zur Klimakrise als einem global verbindenden Thema. Die Domestizierung des Framings nimmt nämlich in aller Regel mit dem Grad der konflikthaften Involvierung der Nationalstaaten eklatant zu, da die internen Eigeninteressen der nationalen Systeme sich fast immer hegemonial in den Medien bemerkbar machen. Zudem kommt es bei der Konvergenz von Frames nicht nur darauf an, ob beliebige Argumente sich in verschiedenen nationalen Mediendiskursen niederschlagen, sondern ob die Responsivität sich auf die für den Konflikt zentralen Frames bezieht – was etwa beim Thema Terrorismus trotz gewisser Konvergenzen der Terrordiskurse nicht der Fall ist. Der Copy-and-Paste-Journalismus der Übernahme von Material der Weltagenturen weicht unter Bedingungen einer aktivierten öffentlichen Debatte meist schnell einer starken Eigenprägung der nationalen Mediendiskurse. Konvergenz in der globalen Massenkommunikation ist also bestenfalls eine instabile Größe – die Domestizierung bleibt die Tiefenstruktur der Medienglobalisierung.

Visuelle Globalisierung und Stereotypie

Synchronität durch Interdiskursivität existiert nicht nur auf der Ebene von Texten, sondern auch im visuellen Bereich. Vor allem Bilder steuern im internationalen Nachrichtenwesen die Emotionen der Rezipienten mit Blick auf Länder und Weltentwicklungen (Chaban et al. 2014). Es besteht zudem ein enges Text-Bild-Verhältnis: Das Textframing kann die Wahrnehmung von Bildern und umgekehrt die Bildwahrnehmung das Textverstehen beeinflussen. Einerseits überschreiten Bilder leichter Grenzen als Worte. Andererseits besteht dieser vereinfachte Zugang nur vordergründig, denn Bilder sind ebenso kontextabhängig und erklärungsbedürftig wie Texte (Müller/Geise 2015, S.24ff.). Zwar ist wegen des Fehlens einer „expliziten propositonalen Syntax“ (Geise et al. 2013, S.52) eine Bildanalyse nach dem Prinzip des „visuellen Framings“ schwer zu etablieren. Reduzierte Methoden der Analyse „visueller Stereotype“ untersuchen statt inhärenter Bildaussagen daher lediglich isolierte und häufig wiederkehrende Elemente und Symboliken (Petersen/Schwender 2009). Bilder müssen aber in jedem Fall wie Texte interpretiert werden und müssen vom Journalismus global „interdiskursiv“ behandelt und in nationale Diskurse „übersetzt“ werden.

Da das Bild integraler Bestandteil eines Diskurses ist, verwundert es nicht, dass hier dieselbe Grundproblematik von Konvergenz und Domestizierung diskutiert wird. Frauenzeitschriften etwa werden heute vielfach von international agierenden Verlagen herausgegeben, die visuellen Diskurse gleichen sich thematisch trotz bestehender Unterschiede in den Rollenmustern immer weiter an (Machin/van Leeuwen 2007). Dennoch scheint gerade die Auslandsberichterstattung kulturelle und politische Stereotype vielfach zu reproduzieren. Die EU beispielsweise wird visuell gern als bürokratischer und krisenanfälliger Apparat dargestellt (Chaban et al. 2014). Afghanistan ist visuell ein fast ausschließlich kriegsgeschütteltes Land geblieben, in dem Frauen unterdrückt werden – ein global verbreitetes Image, das lokale Fotojournalisten gerne korrigieren würden (Mitra 2017). Obwohl fiktionale Medienräume hier auch in zensierten Mediensystemen freier agieren können als das Nachrichtenwesen, ist die Vorstellung von einer transnationalen Hybridität, „Glokalisierung“ und Konvergenz auch im visuellen Bereich zu hinterfragen und lokale Produktions- und Rezeptionskontexte bleiben bedeutsam (McMillin 2007, S.111ff.).

Transnationale Medien: Contra Flows ohne Kosmopolitismus

Weltnachrichtenagenturen verstärken immerhin die interdiskursive thematische Synchronisation, wie wir gesehen haben, wenngleich von einer inhaltlichen Konversion durch nationale Medien nur sehr bedingt die Rede sein kann. Aber welche Rolle spielen hier transnationale Leitmedien wie BBC World, CNN, Al-Jazeera English, CCTV oder Telesur? Untersuchungen zeigen, dass auch sie im Wesentlichen die „Spitze des Eisbergs“ der etablierten globalen Nachrichten abbilden und insofern nur begrenzt einen thematischen interdiskursiven Contra Flow etablieren (Atad 2016, S.10, Schenk 2009, S.131). Allerdings sind subtile Verschiebungen in Richtung einer konstruktiveren und weniger negativen Medienagenda dort zu erkennen, wo etwa der englischsprachige Kanal Al-Jazeera English Afrika nicht mehr nur als Kontinent von Armut und Konflikten, sondern durchaus auch als Sphäre ökonomischer Erfolge und vielfältiger Lebenswelten präsentiert (Seib 2012, Robertson 2015). Im Bereich des Framing ist sich jedoch die Literatur weitgehend einig, dass globale Sender in hohem Maße die national gefärbte Sicht ihrer jeweiligen Heimatstaaten reflektieren. Dies gilt auch für viel gelobte Medien wie BBC World, einen Sender, der trotz seines interdiskursiven („dialogischen“) Anspruchs eine britisch konnotierte Themensetzung, Machtrhetorik und ein tradiertes Vertrauen in westliche Institutionen nicht verleugnen kann (Dencik 2012, S.39f., 56ff., Baumann et al. 2011, Atad 2016).

Dennoch sind einige Aspekte der transnationalen Sender bemerkenswert. Die thematische Übereinstimmung in ihren Agenden scheint der Minimaldefinition der Weltöffentlichkeit als einer global geteilten Agenda zu entsprechen, auch wenn, wie gesagt, die typischen Vermachtungstendenzen dieser von Großmächten betriebenen Transnationalisierung bei Themen und Frames auffallen. Die nationalen Deutungen zirkulieren zudem in internationalen Kommunikationsflüssen und es entsteht zwar kein kosmopolitischer interner, aber ein global verfügbarer externer Pluralismus dort, wo diese Medien parallel genutzt werden (el-Nawawy/Iskandar 2003, S.54). Schließlich werden gerade bei den positiveren Themendeutungen erste Anpassungen von Massenmedien an transnationale Publika und Märkte erkennbar. Zwischen den nationalen Produktions- und den globalen Rezeptionskontexten entsteht insofern ein hybrides Spannungsfeld. Durch globale Medien bilden sich in nationalen Mediensystemen also transnationale Teilstrukturen aus. Die begrenzt global erweiterten Arenen sind vor allem für Informationseliten von Belang, die oft mehrere globale Medien rezipieren und daher eine leicht verbesserte thematische Koorientierung erleben. Eine integrierte Weltöffentlichkeit, in der Medien unabhängig vom Nationalstaat quasi als „Vereinte Medien“ nationale Diskurse global synchronisieren, ist dies sicher noch nicht, ebenso wenig wie klar ist, ob der externe Pluralismus der globalen Leitmedien, der, wie die Frontstellung von CNN und Al-Jazeera 2001 und 2003 erwiesen hat, sehr konflikthaft verlaufen kann, die internationalen Beziehungen stabilisiert oder nicht.

Fazit: Unvollendete Synchronisation globaler Mediendiskurse

In der Gesamtschau scheinen die strukturellen Prägungen der Massenmedien den globalen Diskurs der Medien in hohem Maße zu determinieren. Fragmentarisch und unzuverlässig vernetzt durch egozentrische Mediensysteme und einige zentral gesteuerte Nachrichtenflüsse und transnationale Medien ist die Synchronisation durch konvergente Diskurse thematisch und inhaltlich in Ansätzen erkennbar, besticht aber vor allem durch vielfältige Formen der lokalen Domestizierung. Weltnachrichtenagenturen und transnationale Meinungsführermedien setzen zentrale Themen ohne interdiskursive Qualitätsgarantie. Von einem integrierten globalen Mediensystem oder zumindest einer responsiven Weltöffentlichkeit, in der die nationalen Mediensysteme globale Themen und Frames zuverlässig auf der Basis einer dezidiert globalen Journalismusethik aus den lokalen Diskursen herausdestillieren, sind wir gerade unter Bedingungen internationaler Krisen noch weit entfernt. Es bleibt die Frage, wie dieses Verhältnis anschließend theoretisch zu bewerten ist und welche Alternativen sich auftun.

2.2.2 Öffentlichkeitstheorie

Theoretische Perspektiven auf die „Weltöffentlichkeit“

Die Diskurspraxis der globalen Massenkommunikation, wie wir sie bisher skizziert haben, lässt sich nicht nur aus diskursanalytischer, sondern auch aus medientheoretischer Sicht beurteilen. Die deliberative Öffentlichkeitstheorie, die vor allem auf Jürgen Habermas (1990, 1992, 1995) zurückgeht, aber auch zahlreiche andere Autoren inspiriert hat, stellt vergleichsweise hohe Anforderungen an den Diskurs. Öffentlichkeit besitzt demnach eine zentrale Legitimierungsfunktion für die Demokratie (Beierwaltes 2002). Sie muss zudem „ubiquitär“ sein, also Fragen allgemeiner Relevanz behandeln, „reziprok“, das heißt Hörer- und Sprecherpositionen simulieren, möglichst „offen“ gegenüber verschiedenen Themen und „diskursiv“ im Sinne der Berücksichtigung rationaler Einwände (Peters 1994, S.45ff.). Hinzu kommt der Aspekt der Konsensbildung zur Problemlösung und gesellschaftlichen Integration, der allerdings in der agonistischen Öffentlichkeitstheorie bestritten wird, da eine Einigung oft schwer zu erzielen ist und Integration durch den Diskurs an sich erfolgt (Mouffe 2005, S.69ff.). Die Kriterien beschreiben im Detail das, was wir bislang mit „Responsivität“ und „Interdiskursivität“ bezeichnet haben. Im globalen Raum geht es also um die grenzüberschreitende Reflexion anderer Positionen aus anderen Ländern. Die Kernfrage aus Sicht der Öffentlichkeitstheorie besteht somit darin, ob nationale Mediensysteme und wenige transnationale Medien trotz schwacher Systeminterdependenz ihre Systemumwelten – die Öffentlichkeiten anderer Länder – adäquat repräsentieren können.

Interessant ist hier, dass die meisten Empiriker der Konvergenz (vgl. Kap. 2.2.1), egal ob sie eher Pessimisten oder Optimisten sind, im Kern dieselben öffentlichkeitstheoretischen und normativen Konvergenzziele verfolgen, auch wenn sie die Umsetzung in der Gegenwart unterschiedlich bilanzieren. Auch Diskurspessimisten wollen also Konvergenz, sehen aber Domestizierung als vorherrschend an, da sowohl Thematisierung und Framing als auch visuelle Gestaltung stark lokal gefärbt sind. Eine funktionierende Weltöffentlichkeit kann bei einer derartig eingeschränkten Synchronisation auf diese Weise nicht entstehen (Sparks 1998, 2000, Couldry 2014).

Nancy Fraser hat darauf hingewiesen, dass das Konzept Öffentlichkeit für den globalen Raum insofern neu durchdacht werden muss, als zum Beispiel gar nicht unmittelbar klar ist, in welcher Sprache der Diskurs geführt werden soll und wer die relevanten Akteure (Staaten, Gegeneliten) und Publika sein sollen (Fraser 2014, S.27). Weltöffentlichkeit kann entweder durch die Synchronisierung nationaler Öffentlichkeiten in national getrennten Mediensystemen oder durch die Etablierung eines transnationalen Mediensystems geleistet werden (Ulrich 2016, S.111ff.). Beide Modelle haben Vor- und Nachteile, da ein transnationales Mediensystem sich die Filterung durch nationale Systeme ersparen würde, nationale Systeme aber auch als nationale „Übersetzungshilfen“ und Kontextualisierungen für internationale Probleme fungieren können. Die meisten Theoretiker neigen daher zum pragmatischen Verfahren der Synchronisierung durch nationale Systeme, das aber bislang in hohem Maße an der Interdiskursivität gescheitert zu sein scheint. Die Herausbildung eines „Konsenses“ in der Weltöffentlichkeit ist zudem im nationalen Modell technisch kaum möglich, so dass Transnationalismus zumindest als zweite Säule der Weltöffentlichkeit erhalten bleiben muss.

Aus der Perspektive einer anderen Theorie, nämlich der Systemtheorie, ist die deliberative Öffentlichkeitstheorie, egal ob optimistisch oder pessimistisch beurteilt, ohnehin nichts als ein Ausdruck des „Hyperglobalismus“ (Werron 2010, vgl. Kap. 2.2.1). Aus Sicht der Systemtheorie in der Tradition Niklas Luhmanns erscheint es nicht so wichtig, wie sich Nationen durch Mediendiskurse verbinden und ob sie sich synchronisieren, sondern dass sie sich verbinden, denn jede Form der Konnektivität birgt die Chance auf gesellschaftliche Anschlusskommunikation (Luhmann 1970, Axford 2012, S.38, 45). In der Systemtheorie geht es primär um eine Reduktion von Umweltkomplexität, die Themenstrukturierungsleistung der Medien an sich ist wichtiger als ein bestimmter partizipativer und demokratischer Modus (Böckelmann 1975). Bei Luhmann ist daher auch „Weltgesellschaft“ vergleichsweise offen definiert, sie entsteht durch beliebige grenzüberschreitende Kommunikation und hat keinerlei Verwandtschaft mit dem Konstrukt der globalen Zivilgesellschaft (global civil society) (vgl. Kap. 5). In der Systemtheorie ist weder Qualität des Journalismus noch die Frage, ob Information oder Unterhaltung vermittelt wird, von Belang. Vielmehr steht eine postmoderne Ansammlung disperser Individualmeinungen im Vordergrund. Aus dieser Sicht gibt es am derzeitigen Zustand des globalen Mediendiskurses nichts auszusetzen. Fragmentarische Themenhaushalte und Frames, verbale und visuelle Stereotype oder auch defizitäre Sprecherreferenzialität sind in dieser Wissenschaftsschule samt und sonders legitime Weltbildkonstruktionen der Postmoderne.

Die Rolle der Weltöffentlichkeit für die Weltgesellschaft

Allerdings werden die Grenzen dieser Sichtweise deutlich, wenn man versteht, dass mit ihr auch Kriegspropaganda und rassistische Aufladungen in Massenmedien gerechtfertigt werden können (Hafez 2010, 2017b). Zwar sollte man die strukturelle Überforderung der deliberativen Theorie der Weltöffentlichkeit erkennen. Zugleich muss man aber vor der strukturellen Unterforderung durch die Systemtheorie warnen, die als grundlegende Makrotheorie keine praktikable Gesellschaftstheorie zu sein scheint. Medien verfügen aus der Sicht der deliberativen Öffentlichkeitstheorie über ein „ambivalentes Potenzial“ insofern, als sie durch ihre Angebote einerseits die Grundlagen zur Herstellung von Öffentlichkeit legen, die Medien aber den Raum der möglichen Kommunikation andererseits „hierarchisieren und einschränken“ (Burkart/Lang 2004, S.63ff.). Im Falle der globalen Kommunikation lassen sich Wirkpotenziale der globalen Massenkommunikation innerhalb wie außerhalb nationaler Systeme beobachten, die unter den Begriffen „Kosmopolitismus“ und „Global Governance“ firmieren können.

Auslandsberichterstattung hat direkte Auswirkungen auf die Haltung der Gesellschaft zu Fragen des Kosmopolitismus, Multikulturalismus und Rassismus. Menschen greifen in der Tendenz bei Fernbildern auf Medienwissen und bei Nahbildern auf eigene Erfahrungen zurück (Kruck 2008). Probleme entstehen insofern, weil Rassismus auf Vorurteilen gegenüber dem „abwesenden Fremden“ basiert, also keine Reaktion auf Fremde in der Nahumwelt ist, sondern die in den Medien konstruierte „chaotische Welt“, die dann aber auf die „Fremden“ in der Nahwelt („die Ausländer“ usw.) übertragen wird, zu denen kein Konkakt und über die also kein direktes Erfahrungswissen besteht (Chouliaraki 2006, Hafez 2002a, Bd.2, S.261ff.). Dabei darf man allerdings den Einfluss anderer Sozialisationsinstanzen (Familie, Gemeinschaft, Institutionen) auf Kernwerte des Menschen nicht unterschätzen (Hafez 2011, S.488f.).

Was die Frage der internationalen Wirkungen angeht, so gilt ein großer Teil der Rezipienten und Rezipientinnen als „passiv“, da diese an Auslandsnachrichten wenig interessiert sind oder primär auf Meinungen der Eliten, die sie in den Medien vorfinden, reagieren (die ihrerseits aber öffentliche Werte und Stimmungen antizipieren) (Powlick/Katz 1998). Die meisten Studien fragen dabei allerdings nach dem Interesse der Rezipienten und Rezipientinnen an internationaler Politik, nicht aber an der Welt als solches (Hafez 2011, S.490f.), was seinen Grund wohl darin hat, dass die Forschung annimmt, dass die meisten Publika ohnehin eher auf konkrete und konfliktive Ereignisse und nicht auf Lebensweltentwicklungen reagieren (Wanta/Hu 1993). In jedem Fall ist man sich einig, dass ohne Medienresonanz des Globalen auch keine Debatten über das Globale entstehen. Je mehr über ein Land berichtet wird, umso eher gehen Rezipienten davon aus, dass dieses Land bedeutsam ist; je negativer dies geschieht, umso negativer ist in der Regel auch das entsprechende Nationenbild der Menschen (Wanta et al. 2004, vgl. a. Iyengar/Simon 1993). Die Medienabhängigkeit der meisten Menschen wächst mit der Distanz des Publikums zum Weltgeschehen (vgl. a. Kap. 9.2).

Alternative Öffentlichkeitstheorien: „dialogischer“, konstruktiver und kosmopolitischer Journalismus

Was die Frage der innergesellschaftlichen Wirkung und des Kosmopolitismus angeht, so findet sich ein frühes Plädoyer für einen „dialogischen“ Auslandsjournalismus bei Hans Kleinsteuber (2004). Seine Vorstellung eines stärkeren Einbezugs lokaler und kultureller Perspektiven in den Journalismus zielt auf eine Belebung des „Dialogs der Kulturen“. Dieser soll der multikulturellen Gesellschaft neue Impulse verleihen und will die Interdiskursivität verbessern, die nicht mehr vorwiegend auf negative, eliten- und politikorientierte Nachrichten oder stereotype Unterhaltungsware Wert legt, sondern den Vorstellungsraum der interkulturellen Beziehungen erweitern soll. In ähnlicher Weise hat auch Richard C. Stanton auf das Erfordernis eines neuen „Konversationsansatzes“ (conversational model) hingewiesen, der das Informationsparadigma des Journalismus ergänzen müsse (2007, S.190ff.). Entscheidend sind demnach nicht mehr nur Nachrichten über elitäres Handeln, sondern die Interessen von Bürgern und der Zivilgesellschaft sollen im Vordergrund stehen.

Deutet man diese Ansätze auf Basis der Habermasianischen Öffentlichkeitstheorie, so wird von beiden Autoren eine Akzentverschiebung von der System- zur Lebensweltberichterstattung verlangt. In diese Richtung weisen auch Ansätze des „konstruktiven“ beziehungsweise „positiven Journalismus“, die sich durch eine Hinwendung zu Lebenswelthemen eine Korrektur des Negativbias von Auslandsnachrichten versprechen (Hafez/Grüne 2015). Derartige Ansätze machen deutlich, dass die Negativitätsfixierung der Auslandsberichterstattung nicht zuletzt den Populismus stärkt (Haagerup 2014, Russ-Mohl 2017). Eine entsprechende Neudefinition der Nachrichtenwerte wird gefordert.

In eine ähnliche Richtung zielen Ansätze eines „kosmopolitischen Journalismus“, wenngleich unter leicht veränderten Vorzeichen. Negativanlässe sollen hier nicht weniger vom Journalismus beachtet werden, wie im „konstruktiven Journalismus“, sondern gezielt erörtert werden, zum Beispiel bei Fluchtkrisen. Allerdings sollen die Ereignisse anders interpretiert werden als in der konventionellen Medienberichterstattung. Nicht mehr die stereotype Darstellung von Geflüchteten als bedrohliche Masse, sondern individuelle Schicksale und vor allem die Mitverantwortung der internationalen Politik und der Großmächte sowie die komplexen politischen und ökonomischen Weltbeziehungen sollen im Vordergrund stehen (Chouliaraki 2006, Silverstone 2007, Lindell/Karlsson 2016, Schmidt 2017).

Hier besteht zugleich eine Verwandtschaft zum dialogischen wie auch zum konstruktiven Journalismus, da auch im kosmopolitischen Journalismus Interdiskursivität wichtig ist, um die Reflexivität über „das Eigene und das Fremde“ zu verbessern und so kosmopolitische Impulse in die Einwanderungsgesellschaft zu senden. Alle drei alternativen Strömungen der Öffentlichkeitstheorie verschmelzen daher gewissermaßen in Ingrid Volkmers Ansatz zur „reflexiven Interdependenz“ der Weltöffentlichkeit, in dem sie Interdiskursivität, Lebensweltorientierung und Kosmopolitismus als neue Horizonte skizziert (2014, S.163ff.). Sich explizit auf Habermas, aber auch auf Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Immanuel Kant und John Rawls beziehend, beschreibt sie die gesellschaftlichen Veränderungen der Globalisierung insofern als fundamental, als Menschen im global reflexiven Journalismus nicht als „Fremde“, sondern als das globale „Selbst“ in Erscheinung träten. Die gesellschaftliche Reproduktion lokaler Identitäten, die durch isolierte Mediendiskurse entsteht, soll so abgemildert werden.

Weltöffentlichkeit und Global Governance: das Beispiel Europas

Europa und die Europäische Union sind ein Beispiel dafür, wie Medienberichterstattung sich auf die internationale Politik auswirkt. Als zentrales Ergebnis von Inhaltsanalysen kann festgehalten werden, dass eine gewisse thematische Konvergenz der Europaberichterstattung in den nationalen Medien Europas als Mindestkriterium einer europäischen Öffentlichkeit vorhanden ist. Jedoch ist das Framing vielfach national geprägt und wenig interdiskursiv ausgerichtet. In der wissenschaftlichen Literatur wird die mediale Domestizierung als hinderlich für die spezifische Form der Global Governance innerhalb der EU betrachtet, da diese zwar kein Bundesstaat ist, aber seit den Verträgen von Maastricht 1992 ein mit starken transnationalen Kompetenzen ausgestatteter Staatenbund (Splichal 2012, S.145ff.). Da aber die Medien und die Medienpolitik fast gänzlich in der Hand der Nationalstaaten liegen, somit der Einfluss der nationalen Politik auf die Medien enorm hoch ist, werden dezentrale Positionen gestärkt und die europäische Konsensbildung erschwert, während die Brüsseler Politik beständig um ihr Image kämpfen muss, weil sie als einzige politische Kraft über keinen strukturell abgesicherten Medieneinfluss verfügt.

Die meisten Autoren fordern in dieser Situation weniger die Schaffung transnationaler Medien als die bessere Verzahnung der nationalen Medien, um die Interdiskursivität der Medien zu verbessern (Habermas 2001, S.120, vgl. a. Gerhards 1993, 2000, Wessler/Brüggemann 2012, S.62). Die Vorstellung der Etablierung transnationaler europäischer Medien wird hingegen als „naives Modell“ bezeichnet, denn eine globale Nachrichtensendung von hoher Reichweite werde es „sicherlich nie geben“ (Wessler/Brüggemann 2012, S.65, vgl. a. Lingenberg 2010, S.118). Allerdings ist anzumerken, dass historisch wohl noch keine politische Formation entstanden ist, die nicht über die ihr entsprechenden Medien verfügte. Wie der moderne Nationalstaat von nationalen Medien begleitet und ermöglicht wurde, werden wohl auch globale Politikformen nur dann erfolgreich sein, wenn es wirkliche transnationale Medien gibt, die nicht mehr wie die heutigen Medien CNN, Al-Jazeera usw. im Grunde an Nationalstaaten gekoppelt sind. Die neuen Medien müssten nationale Medien nicht ersetzen, da diese innerhalb ihrer Sprachräume ideal angepasst und potenziell wichtige „Übersetzer“ in der Globalisierung sind. Sie wären aber gerade unter Krisenbedingungen weniger anfällig für nationale Alleingänge und könnten insofern die Informationsdefizite europäischer Bürger effektiver kompensieren (Morganti/Audenhove 2011). Das nationale Arenenmodell von Habermas und anderen wird daher andernorts als „Fehlkonzeption“ (misconception) bezeichnet, so dass wir von einer schwelenden wissenschaftlichen Kontroverse über die Etablierung unabhängiger europäischer Medien sprechen können (Ambrosi 2011, S.240).

Europa steht damit beispielgebend für andere transnationale Räume wie die Vereinten Nationen, Mercosur, NAFTA, die OECD oder ASEAN vor einem komplexen Entwicklungsproblem. Wenn Öffentlichkeit zur Legitimation von Herrschaft in der Moderne wichtig ist, dann wird Global Governance wahrscheinlich nur durch ein komplexes Zusammenspiel von stärker synchronisierten nationalen Medien und als unabhängige Instanzen etablierten transnationalen Massenmedien unterstützt werden. Man könnte auch von einer Kombination aus horizontaler und vertikaler globaler Massenkommunikation sprechen. Sowohl der „Brexit“ (ab 2016) als auch die Griechenlandkrise (ab 2010) haben neben allen politischen und ökonomischen Verwerfungen ihre Ursache auch im Versagen nationaler Medien im Kontext der EU. Massenmedien weiterhin als nationale Kulturgüter zu betrachten, wie es die europäischen Verträge der EU tun, während man zugleich Europawahlen abhält, ist eine Konstruktion, deren innere Widersprüche sich nicht allein durch Appelle an eine pan-europäische Medienethik lösen lassen werden, sondern immer auch durch Weiterentwicklungen der bestehenden Mediensysteme realisiert werden müssen. Zu den nationalen Arenen als Ort der Transnationalisierung muss also geradezu zwangsläufig ein direkter medialer Draht zwischen europäischen Bürgern und Bürgerinnen, dem Parlament in Straßburg und der Brüsseler Exekutive durch pan-europäische Medien und verbesserte journalistische Vernetzungen kommen (Ratavaara 2013). Mit dem wachsenden Zuspruch, den solche pan-europäischen Medien bei den Konsumenten fänden, würden sie auch in die Rolle von Leitmedien des nationalen europäischen Journalismus im Prozess der Europäisierung nationaler Öffentlichkeiten hineinwachsen, was den derzeitigen Medien wie Euronews noch nicht hinreichend gelingt (Brüggemann/Schulz-Forberg 2009).

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