Kitabı oku: «Später, Lena, später»
Anne Karin Elstad
1
Lena lächelt schwach. Jetzt solltest du mich sehen, Kjell. Du würdest eine deiner unerschütterlichen Diagnosen stellen. Ich bin der Prototyp der einsamen Frau. Gefangen in meinen bitteren Gedanken, zusammengekrochen in meinem einsamen Sessel. Sogar ein Cognacglas ist dabei, um das Bild zu vervollständigen.
Lena hält ihr Glas gegen das Licht, weiß, daß es keinen Sinn hat, zu Bett zu gehen. Abwesend dreht sie das Glas, sieht zu, wie die goldene Flüssigkeit im Schein der Lampe umherschwappt. Wieder lächelt sie. Du irrst dich, Kjell. Einsam war ich bei dir. Weißt du, daß ich eine Zeitlang das lähmende Gefühl hatte, in einem Ei zu leben? Nein, ich war nicht verrückt, nur besessen von diesem Gedanken. Alles sollte golden sein, gelb, ewiger Sonnenschein und wir im Ei, ich, du, die Kinder, unsere Freunde, unsere Umgebung. Was außerhalb war, ging uns nichts an. Nichts durfte häßlich sein. Noch jetzt habe ich Angst, wenn ich an diese Einsamkeit denke, an das ewige Sonnengelb im Ei.
Beim nächsten Schluck merkt sie fröstelnd, daß sie genug hat. Doch, Kjell irrt sich. Sie hebt das leere Glas, betrachtet es. Auch hierin irrt er sich. Sie trinkt selten, allein fast nie. Wenn sie es tut, endet es normalerweise mit derselben Grübelei.
Bald fünf Jahre ist sie schon mit den Kindern allein.
Anfangs waren die Gedanken an ihr Leben mit Kjell, an ihren Aufbruch und dessen Folgen wie Stacheldraht, der sich in ihr müdes Gehirn bohrte. Sie wehrte sich dagegen, denn ihr neuer Alltag, die Kinder und die Stelle forderten alles, was sie an Energie und Stärke aufbringen konnte. Also verdrängte sie diese Gedanken. Baute eine Sperre zwischen sich und allem, was gewesen war, auf, zwang sich, für den jeweiligen Tag und für das, was vor ihr lag, zu leben. Erst jetzt, nach diesen fünf Jahren, wagt sie, das Verdrängte wieder hochkommen zu lassen. Jetzt gleiten die Bilder ruhiger an ihr vorbei, einige deutlicher als die anderen, aber es tut nicht mehr weh. Die scharfen, schmerzhaften Kanten der Erinnerungen scheinen abgeschliffen zu werden, jedesmal ein bißchen mehr, jedesmal, wenn sie nachgibt und den Gedanken freien Lauf läßt.
2
Sie waren in einem kleinen Ort an der Küste von Tröndelag aufgewachsen. Lenas Eltern betrieben dort den lokalen Gemischtwarenhandel. Sie hatten das Fährbüro und ein Stückchen Land, genug für ein paar Kühe und fünf, sechs Schafe. Für Lena und ihre drei Brüder herrschte nie Überfluß, aber wie Kjell litt sie nicht unter der beengten Finanzlage, die in den Nachkriegsjahren eher die Regel als die Ausnahme war.
Kjell war der Sohn des Bezirksarztes. Das verlieh ihm natürlich Status und Autorität. Er war drei Jahre älter als Lena, mit ihren Brüdern befreundet. In der Schule war sie im Vergleich zu ihm ein kleines Kind und sie bewunderte ihn. Als sie dreizehn war, besuchte er schon die erste Klasse des Gymnasiumsa. Sie erinnert sich noch jetzt daran, wie er in den ersten Weihnachtsferien nach Hause kam, fremd und erwachsen. Ihre Bewunderung kannte keine Grenzen! Er war einer der wenigen, die aufs Gymnasium gingen, und auch das verlieh ihm einen Status, der ihn die meisten anderen weit überragen ließ.
In diesen Jahren war sie aus der Ferne in ihn verliebt. Eine Verliebtheit, die mit den Ferien kam und ging. Als sie alt genug war, um Parties zu besuchen, tanzte er mit ihr, knutschte bisweilen ein bißchen, aber auf eine herablassende Weise, die sie damals schrecklich verletzte. Sonst fand sie keinen Fehler an Kjell. In ihren Augen war er vollkommen.
Nach der Grundschule half sie ihren Eltern ein Jahr lang im Laden. Ihre Mutter meinte, sie sollte das Abitur machen. Der Vater war unwillig, die Jungen ja, aber Lena, als Mädchen ... Doch in diesem Punkt gab die Mutter nicht nach, und irgendwie gelang es den Eltern, allen Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. „Ausbildung“ – das bedeutete Abitur. Für den Rest mußten sie selber sorgen. Lena war die einzige aus ihrem Jahrgang, die aufs Gymnasium kam. Das war für sie ein Wendepunkt. Es war der erste Schritt, der sie vom Heimatort und den Jugendfreundschaften entfernte.
An einem strahlenden Augustmorgen 1955 steht Lena vor dem schwarzen Brett des Gymnasiums und sieht ihren Namen auf der Liste derer, die die Aufnahmeprüfung bestanden haben. Sie läßt sich von der Menge, die sich vor der Liste zusammendrängt, herumbschubsen. Die Gesichter flimmern vor ihren Augen. Sie hat es geschafft!
Auf dem Schulhof bilden sich nach und nach zwei Gruppen. Die Erfolgreichen in unbändiger Freude. Andere, die genauso viel investiert, aber verloren haben, versuchen, sich so unsichtbar wie möglich zu machen, manche spielen die Erhabenen, aber nach und nach verschwinden sie alle. Still, jeder für sich, gehen sie zu ihren Quartieren und packen für ihre bittere Heimreise. Lena fröstelt. Es hätte genauso gut sie treffen können. Nun begreift sie erst richtig, wie entscheidend dieser Tag ist. Noch einmal würde sie es nicht schaffen. Die Alternative wäre die Handelsschule ...
Für den Moment strömt so viel auf sie ein, daß sie sich nicht richtig freuen kann. Sie muß zurück auf ihr Zimmer, muß jetzt allein sein.
Die Arme unter dem Nacken verschränkt, liegt sie auf dem Bett und starrt die Decke an. Was ist das für ein Sommer gewesen! Sie war so glücklich, als ihr Vater damit einverstanden war, daß sie aufs Gymnasium ging. Sie hat gelernt und sich vorbereitet. Stein, ihr nächstältester Bruder, der in diesem Jahr Abitur macht, hat ihr geholfen, und nie ist ihr der Gedanke gekommen, sie könnte durchfallen. Deshalb war es ein Schock, herzukommen. Ein Schock, zur Prüfung zu erscheinen und zu wissen, daß danach nur wenige von ihnen dabeisein würden. Die Furcht hat ihr die ganze Zeit wie ein Stein im Magen gelegen. Die Furcht, die alle hinter unbekümmertem Gelächter und Albernheiten verborgen haben. Und dann dieser Tag, ihr Name bei denen, die bestanden hatten, die starren Gesichter der Durchgefallenen.
Nachmittags holt sie Stein und Kjell vom Bus ab. Die beiden sind eng befreundet, gehen in dieselbe Klasse und wohnen zusammen bei Kjells Tante im Souterrain. Lena begleitet sie, hilft mit dem Gepäck, und nun freut sie sich nur noch. Jetzt erst begreift sie, daß sie nun dazugehört. Lachend und scherzend hören die beiden Jungen ihren Wortschwall. Über diese Aufgabe und jene, und ob sie sich überhaupt vorstellen können, wie schrecklich alles war?
Mit hüpfendem Pferdeschwanz tanzt sie zwischen ihnen, ein großes, schmales Mädchen in ärmelloser Bluse und engen Jeans. Sie spürt, daß heute mehr als je zuvor in ihrem Leben ihr Tag ist.
Die erste ausgelassene Freude wich bald Ernst und Arbeit. Eine Sache war es, aufgenommen zu werden, eine andere, auch weiterzukommen. Die erste Klasse war eine buntgemischte Gruppe. Die Schüler kamen aus unterschiedlichen Verhältnissen, ihr Alter schwankte um zwei bis drei Jahre. Die Ältesten waren fast ausschließlich Jungen. Die meisten hatten nur die Grundschule besucht. Im Laufe eines Jahres sollten sie aufholen, was die anderen in zwei oder drei Jahren Realschule gelernt hatten. Nur ein paar Glückskinder hatten weitergehenden Unterricht erhalten.
Sie wußten, daß die anderen in der Klasse die Realschüler einholen mußten. Dieser Druck lastete die ganze Zeit auf ihnen, schuf aber auch eine besondere Gemeinschaft. Sie nahmen nichts als gegeben hin. Vom ersten Tag an herrschten Arbeit und Ernst.
Auch sonst gab es viele Gemeinsamkeiten. Alle hatten wenig Geld. Sie holten ihre Essenspakete, die mit dem Bus von zu Hause kamen, und sie drehten jede Krone um, die die Eltern ihnen schicken konnten.
Es war harte Plackerei. Spätabends saß sie manchmal weinend über ihren Büchern. Ein bißchen Englisch hatte sie schon vorher gelernt, alles andere war neu. Englisch, Deutsch, Mathematik, Grammatik – alles wurde zu einem unbegreiflichen Brei zusammengerührt. Manchmal kamen Stein und Kjell ihr zu Hilfe, doch sie zeigten dabei gereizte Ungeduld. Beide hatten in ihrem letzten Jahr mehr als genug zu tun, in den freien Stunden wollten sie von der Schule nichts hören. Selber hatten sie keine Angst davor, Lena um Hilfe zu bitten. Es fing ganz klein und harmlos mit einem Hemd an, das sie einfach nicht richtig sauber bekamen. Ob Lena vielleicht so lieb sein könnte? Sie war so lieb, und ehe sie es begriffen hatte, war daraus eine Gewohnheit geworden. Sie räkelten sich auf ihrem Sofa, und Lena stand am Waschbecken und scheuerte verdreckte Socken und eklige Fettränder in graugelben Nylonhemden. Zu protestieren fiel ihr nicht ein, auch wenn die Hausaufgaben darunter zu leiden hatten.
3
Die erste Zeit ist erfüllt von so viel Neuem, so vielem, das zum ersten Mal geschieht. Die erste Klassenarbeit, der erste Aufsatz und – das erste Schulfest.
Mit ein paar Klassenkameradinnen ist Lena den ganzen Samstagnachmittag mit Vorbereitungen beschäftigt. Haare legen, bügeln; herausgeputzt ziehen sie los.
Der Tanz hat schon angefangen. Lenas Hände werden vor Nervosität schweißnaß, als sie sieht, wie gut die anderen tanzen. Auf den Festen zu Hause hat sie sich auch zögernd am Swing versucht, aber das hier ist etwas ganz anderes. Eben hat sie sich noch so gut gefühlt, in weißer dünner Bluse, schwarzem Rock mit breitem Gummigürtel und roten Ballerinaschuhen. Jetzt kommt sie sich unbeholfen und verloren vor.
Als Kjell sie auffordert, würde sie sich am liebsten verstecken, traut sich aber nicht, ihre Unsicherheit zu zeigen. Dieser erste Abend ist so wichtig! Sie ist steif vor Konzentration.
„Ganz ruhig!“ sagt er und grinst, und nach und nach löst sie sich. Sie macht Fehler, falsche Drehungen, kümmert sich aber nicht darum, läßt sich von der Musik mitreißen. Routiniert führt er sie durch mehrere Tänze, und sie muß sich zusammenreißen, damit er nicht merkt, wie begeistert sie ist. In der letzten Zeit hat sie bemerkt, daß Kjell sie mit anderen Augen ansieht. Sie ist Gymnasiastin, nicht mehr die Kleine aus dem Laden zu Hause. Noch immer bewundert sie ihn, ist auch in ihn verliebt, hält sich aber sorgfältig an die Regeln. Wenn er anfängt, sich für sie zu interessieren – und sie spürt, daß er das tut – darf sie ihre Chancen nicht durch zu großen Eifer ruinieren. Auf ihre Weise kann sie an den Fäden ziehen, aber den Anstoß muß er geben.
Als ein langsamer Tanz gespielt wird, konzentriert sie sich ganz darauf. Eng tanzen, aber nicht zu eng, weich sein, aber nicht zu weich, über neutrale Themen reden.
„Quasselstrippe!“ sagt er.
„Bin ich das?“ lacht sie und sieht ihm in die Augen, und als er sie fester an sich drückt, als sie seine Wange an ihrer spürt, wird ihr ganz warm.
Sie weicht seinem Blick aus, als er sie an ihren Platz bringt, verbirgt ihre leuchtenden Augen, die sie verraten würden. Das hat sie gelernt, das können sie alle. Als er sich für den Tanz bedankt, fragt sie kurz: „Pflichttanz?“
„Nenn’s, wie du willst,“ antwortet er leichthin. „Muß ja aufpassen, daß sich das Lamm unter den Wölfen wohlfühlt.“
Danach lösen sich Lenas Spannungen. Ein Abiturient hat sie akzeptiert, und nun bemerken sie auch andere. Einer nach dem anderen fordert sie auf, und glücklich läßt sie sich mitreißen. Jetzt kann sie aufatmen, die Schande, den ganzen Abend Mauerblümchen spielen zu müssen, ist ihr erspart geblieben.
Wenn sie mit anderen tanzt, flirtet, spürt sie Kjells Augen und sie lacht übermütig. Das geschieht ihm recht! Er soll ja nicht glauben, sie käme angelaufen, sowie er mit den Fingern schnippt. Sie denkt daran, wie oft er ihr gegenüber überlegen und gleichgültig gewesen ist, als sie noch zu Hause war. Jetzt kann sie sich rächen, so tun, als sähe sie ihn nicht, doch ein Teil von ihr weiß die ganze Zeit, wo er sich gerade befindet.
„Lena, das ist hier nicht so wie zu Hause. Du solltest vielleicht ein bißchen vorsichtiger sein. Eine Neue kriegt hier leicht einen schlechten Ruf. Verstehst du, was ich meine?“ fragt Kjell, als er sie wieder auffordert.
Sie lächelt, aber sie versteht, was der Zorn in seinen Augen für sie bedeutet. Und für den Rest des Abends tanzen sie zusammen. Tanzen eng, tanzen weich, denn jetzt darf sie das. Er bringt sie nach Hause. Sie treffen sich am nächsten und am übernächsten Tag. Jetzt sind sie zusammen, endlich. Sie wird bald siebzehn und hat einen festen Freund.
4
Alles, was von außen kam, beeinflußte sie ungeheuer stark, Filme, Reklame, Mode, ein glattes Äußeres, den Idealen so nah wie möglich. Mädchen sollten sexy sein, trotzdem aber von reizender Unschuld, eine Mischung aus Marilyn Monroe und Doris Day. Jungen sollten stark sein, einen schmalen Hintern und breite Schultern haben. An Aussehen und Betragen wurden Forderungen gestellt. Auf der Tanzfläche wurde das Mädchen im Petticoat herumgeschleudert, wobei ihre Unterhose bis zur Taille zu sehen war; nervös konzentrierte sie sich auf ihre Beine, ihre Schenkel, ihren Po, ob alles gut genug war. Gleichzeitig sollte sie „anständig“ sein. Um mit einem netten Jungen gehen zu können, mußte sie einen fleckenlosen Ruf haben.
Heute, nach all den Jahren, kann Lena erkennen, wie brutal dieser Druck auf ihnen allen gelastet hat. Damals nahmen sie es als gegeben hin, waren in einem Muster gefangen, das ihnen nicht bewußt war. Und dazu hatten sie noch die Schule, die Höchstleistungen forderte.
Sex wurde in Filmen, Reklame und Illustrierten vermarktet. Sie sprachen darüber, aber meistens sehr oberflächlich. Niemand traute sich, Unsicherheit, Unwissenheit oder Angst preiszugeben.
In der Schule wurde von Mädchen und Jungen das gleiche verlangt. Draußen waren sie streng nach Geschlechtern getrennt und völlig unterschiedlichen Anforderungen unterworfen. Wenn ein Junge von einer zur anderen flatterte und lauthals mit seinen Eroberungen prahlte, wurde das akzeptiert und festigte seine Position. Wenn ein Mädchen dasselbe tat, fiel sie sofort unter die Kategorie Freiwild, und ihre Chancen, das attraktive Ziel „fester Freund“ zu erreichen, sanken beträchtlich. Sie sollte zwar rechts und links flirten, um ihre Attraktivität und Popularität unter Beweis zu stellen, aber sie sollte Grenzen ziehen können. Bei vielen Mädchen führte das zu einer zynischen Einstellung den Jungen gegenüber. Sie benutzten ihr Geschlecht als Waffe. Da sie immer wieder mit äußerlichen Maßstäben gemessen wurden, nahmen sie den Jungen gegenüber Kampfhaltung ein. Einen Jungen zum Kochen zu bringen, um ihn dann verschmähen zu können, wurde zum sichtbaren Sieg, und sie rächten sich damit unbewußt für ihre eigene verwundbare Lage. Sie kamen nie auf die Idee, daß ein Korb für einen Jungen, der sie zum Tanz aufforderte, eine ebenso große Demütigung war wie das Mauerblümchen-Dasein für ein Mädchen. Im Kampf um Status war das erlaubt. In einem Kampf, in dem die Jungen die Stärkeren waren, weil sie das Recht hatten zu wählen. Die mutigsten Mädchen konnten sich durch Körbe rächen. Wer einen Tanz nach dem anderen sitzen blieb, konnte sich das nicht leisten, egal wer der Junge auch sein mochte.
Sie wurden selbstbezogen und körperfixiert. Die Jungen redeten von Titten und Beinen und Schenkeln, und selbst die hübschesten Mädchen litten unter schweren Komplexen. Immer fanden sie etwas an sich, das nicht gut genug war.
Diese Haltungen nahmen sie mit sich ins Leben. Eine Scheinwelt aus ermüdenden Forderungen und falschen Idealen. Eine Glanzbildwelt, in der Unsicherheit hinter glatten und uniformierten Fassaden versteckt wurde.
Doch nicht nur dadurch wurden sie geformt, auch die Atmosphäre im Gymnasium war etwas Besonderes. Die meisten von ihnen wohnten möbliert. Viele kamen wie Lena aus kleinen Orten, in denen es für die Jugend nur die Wochenend-Feste in den nahegelegenen Lokalen gab. Nun waren sie in einer völlig anderen Welt gelandet. Sechzehnjährige mußten auf sich selber aufpassen, Verantwortung für Geld und Schule tragen. Wer von der Realschule kam, wohnte schon seit zwei Jahren möbliert. Das gab ihnen Freiheit, machte sie aber auch frühreif. In der Auseinandersetzung mit der neuen Umgebung verloren sie den Kontakt zu alten Freunden und ihren Heimatorten. Die Konkurrenz der Samstagabende wurde zum immerwährenden Zustand.
Die möblierten Zimmer hatten ihre eigenen Gesetze. Jungen genossen größere Freiheit als Mädchen, die von eifrigen Wirtinnen überwacht wurden. Einige durften keinen Herrenbesuch empfangen. Andere Vermieterinnen waren weniger streng in ihren Vorschriften und setzten eine Frist. Keine Jungen nach neun, zehn oder elf, je nach Dehnbarkeit der Toleranz. Ein Verstoß gegen diese Regeln bedeutete bestenfalls, daß Schule und Eltern informiert wurden. Schlimmstenfalls bedeutete es Kündigung des Zimmers – und in Fällen, die als extrem galten, den Verweis von der Schule. Das kam zu Lenas Schulzeit vor, passierte aber nur Mädchen. Sie kann sich an keinen einzigen Jungen erinnern, der von der Schule geworfen wurde. Jungen, die von der Schule abgingen, waren sitzengeblieben oder hatten die Lust verloren.
Ein Mädchen mit einem solchen Schicksal war erledigt. Die anderen Mädchen sprachen darüber, waren im tiefsten Innern empört, hatten Mitleid mit ihr, wagten aber nicht, es zu zeigen. Sie stimmten in das verdammende Geheul ein, voller Angst, in dieselbe Kategorie eingeordnet zu werden, unter die diese Mädchen unweigerlich fielen. Sie sahen die Ungerechtigkeit, nahmen sie aber hin als einen Teil der Ordnung, der sie sich fügen mußten.
Wenn jemand Lena damals gefragt hätte, ob sie glücklich sei, hätte sie ihn erstaunt angeblickt. Sollte sie denn nicht glücklich sein? Sie ging mit einem der attraktivsten Jungen der Schule. Außerdem machte er Abitur und hatte Erfolg. Das verlieh ihr Status, erleichterte die Zeit der Anpassung. Sie brauchte nur ins Zimmer gegenüber zu gehen, um den Beweis zu erhalten. Dort wohnte Synnøve. Sie kam von der Realschule, war eine Klasse über Lena und erschreckte sie zu Tode, als sie sie zum ersten Mal sah. Sie war umwerfend: schlank, attraktiv, selbstsicher, nonchalant. Lena fühlte, wie sie schrumpfte und unter Synnøves trägen, abschätzenden Augen, die sie mit einem einzigen überlegenen Blick maßen, zu nichts wurde.
Sie kann es noch heute deutlich vor sich sehen. Synnøve stellte alles dar, was sie selber gerne gewesen wäre. Ihr honiggelbes Haar fiel in einer dicken Innenrolle auf ihre Schultern. Das glatte, hübsche Gesicht war goldbraun und perfekt geschminkt. Schwacher grüner Lidschatten vermittelte die Illusion eines grünlichen Schimmers in den blauen Augen mit den langen, dunklen Wimpern.
In der ersten Zeit behandelte Synnøve Lena mit herablassender Überlegenheit, änderte ihr Verhalten aber, als sie Lenas Beziehung zu Kjell begriff. Nun akzeptierte sie Lena als Freundin. Lena erinnert sich noch an ihre Angst, als Synnøve und Kjell sich kennenlernten. Synnøve glitzerte. Sah ihn mit ihrem typischen von-unten-nach-oben-trägen Blick an. Jetzt merkte sie, wie gut er eigentlich aussah. Die dunklen, vorne gelockten Haare waren mit Frisiercreme zur genau richtigen halblangen Tolle nach hinten gebürstet, sogar im Winter war er braun. Synnøves blonder Kopf sah neben seinem dunklen so schön und richtig aus.
Lena weiß noch gut, welches Bild sie damals von sich hatte. Natürlich war sie nicht zufrieden, wenn sie sich im Spiegel betrachtete, sie war keine Schönheit, aber in ehrlichen Momenten konnte sie sehen, daß sie ein normal hübsches Mädchen war. Ihre hellbraunen Haare fand sie langweilig, aber sie waren dicht und glänzten. Meistens trug sie sie als Pferdeschwanz, an den Wochenenden offen, wenn sie sich durch eine Nacht mit Lockenwicklern gequält hatte. Der Pony fiel schwer über ihre ruhigen, grauen Augen. Kjell sagte, die Augen seien das Schönste an ihr. Er neckte sie oft mit ihrer Stupsnase, und sie fand ihre Wangen zu kindlich rund. Sie war groß, langbeinig und dünn. Trotzdem hatte sie schreckliche Angst davor, zuzunehmen. Ihre Brüste waren zu klein, ein Mangel, der durch Büstenhalter mit Einlage getarnt wurde. Normal, fand sie meistens, aber neben Synnøve kam sie sich wie eine graue Maus vor.
Kjell durfte sie auf ihrem Zimmer besuchen, nur abends traute sie sich nicht, ihn hereinzulassen, wenn Stein nicht dabei war. Wenn die beiden zusammen kamen, schaute Synnøve immer herein. Kjell flirtete mit ihr, und in Lena brannte die Eifersucht. Es gehörte zum Spiel zwischen ihnen, es mußte so sein. Sei-dir-meiner-ja-nicht-zu-sicher hieß das Spiel. Sie wußte, daß er sie damit nur necken wollte. Trotzdem war sie vor Eifersucht außer sich. Bei der ersten Gelegenheit nahm sie Rache. Flirtete auf dem Schulhof, tanzte auf Festen lange eng mit anderen. Dann gab es Streit und Reue und stürmische Versöhnung. Manchmal wünschte sie, sie fände den Mut, ihm zu sagen, daß sie unsicher war, daß sie Angst hatte, ihn zu verlieren, daß ihr niemand anders etwas bedeutete. Aber sie wagte es nicht, wagte nicht, ihre Schwäche zu zeigen.
Daran erinnert sie sich am besten, an die Unsicherheit, die Angst vor dem Versagen. Sie lernten nie, in solchen Fällen offen miteinander zu sein. Lernten es auch später nie.
Lena erkannte bald, daß Synnøve Macht über sie hatte. Sie wußte auch, daß Synnøve sie benutzte. Sie als Hintergrund für sich selber benutzte, als Einstieg in die Gruppe um Kjell und Stein. In die attraktive Gruppe von Abiturienten. Trotzdem fühlte sie sich geschmeichelt, weil Synnøve sie zur Freundin haben wollte, geschmeichelt und ängstlich zur selben Zeit.
Eines Abends sitzen sie zusammengerollt auf dem Sofa.
„Starke Typen, die da“, sagt Synnøve und zeigt mit ihrer Zigarette auf die ganzseitigen Illustriertenbilder, Tony Curtis, Rock Hudson, Gregory Peck, Howard Keel. – „Aber alle irgendwie gleich. Alle dieselben Mistkerle.“
„Das meinst du noch nicht“, lacht Lena.
„Doch, weißt du, das mein’ ich. Eigentlich.“
„Einige sind doch in Ordnung, findest du nicht?“
„Dann zeig’ mir doch mal so einen! Ja, dein Kjell natürlich, ’tschuldigung, der ist natürlich nur prima, nicht wahr? Warst du übrigens schon mit ihm im Bett?“
„Nein, wie kannst du fragen. Natürlich nicht!“ sagt Lena und wird rot.
Synnøve lacht. „Du lügst, meine Kleine.“
„Nein, tu’ ich nicht! Ich bin keine von denen, die gleich am ersten Abend ins Bett hüpfen!“
„Wie süß! Ist das wirklich wahr? Ihr hängt doch schon ewig zusammen, oder nicht?“
„Keine Ewigkeit, bloß ein paar Wochen.“
„Junge, da kannst du dich ja noch auf was freuen!“ grinst Synnøve und bläst Rauchringe in die Luft. „Und sie gab sich ihm hin, und ihr Glück war vollkommen. Sie schwebte im Raum auf einer Wolke aus hingerissenem Glück und Ekstase“, deklamierte sie.
Lena kichert. „Blöde Kuh!“
„Wart’ du nur! Bald naht der Tag, wo Klein-Lena ihre Tugend verliert!“
„Die kann man wohl nur einmal verlieren“, kichert Lena.
Dann beißt sie sich auf die Lippen. Das hätte sie nicht sagen dürfen. Synnøve reißt die Augen auf. „Ist das wahr? Erzähl!“
Lena will ausweichen, aber Synnøve läßt nicht locker. „Erzähl, erzähl!“
„Ach, es war nur blöd. Ich hatte mir eingebildet, ich wäre in den Typen verknallt. Alle anderen waren hinter ihm her, weißt du. Zwei-, dreiundzwanzig, sah unheimlich toll aus. Im Frühling waren wir ein paar Wochen zusammen.“
„Und Kjell?“
„Kjell hat mich da nicht mal angesehen. Und er war ja auch fast nie zu Hause, er war ja hier, nicht wahr?“
„Und dann hat das erwachsene Schwein dich bedrängt, und du hast mit ihm geschlafen, was?“
„Ja. Das war schrecklich. Das war nur schrecklich!“
„Und nachher ist er natürlich mit seinem Erfolg bei dir hausieren gegangen. Und ei der Daus und Lena ist ’raus.“
„Du bist gemein“, sagt Lena matt. „Das war so. Das hat er gemacht.“
„Ach, Himmel, gibt’s wohl etwas noch Bescheuerteres als Mädchen und etwas Schlimmeres als aufgeblasene, eingebildete Mannsbilder?“ seufzt Synnøve. „Und wie willst du das deinem lieben, netten Kjellchen erzählen?“ fügt sie mit schrecklichem Grinsen hinzu.
„Das geht den doch nix an. Da war ich noch nicht mit ihm zusammen.“
„Bildest du dir das ein?“
„Und die, mit denen er geschlafen hat?“
„Das ist was anderes. Das ist was ganz anderes.“ Synnøve streckt sich. „Wart’ du nur, meine Kleine.“
„Aber das ist doch nicht gerecht!“
„Meinst du, der schert sich um Gerechtigkeit? Du bist eine dumme Göre, Lena.“
„Bist du Jungfrau?“ fährt Lena dazwischen.
Synnøve kneift die Augenbrauen zusammen. „Das wüßtest du wohl gern, was?“
„Ich hab’s dir erzählt. Fairer Tausch.“
„Bin ich natürlich nicht.“
„Und was hältst du davon?“
„Das will ich dir sagen, Mädchen“, sagt Synnøve hart und drückt mit wütenden Händen die Zigarette im Aschenbecher aus. „Ich kann’s nicht vertragen. Bring’ es nicht. Es ist bloß ekelhaft und scheußlich und – ach, es ist nichts!“
„Aber warum tust du’s dann?“
„Weil’s dazu gehört.“ Synnøve schneidet eine Grimasse.
Sie streckt ein langes Bein aus. Wackelt mit dem nackten Fuß unter der engen Hose. Spreizt braune Zehen mit rosa Nagellack, streckt den Fußrücken, betrachtet ihr Bein, lacht leise. „Aber alles vorher finde ich verdammt toll!“
„Vorher? Wieso denn?“
„Daß er mich mag, verstehst du. Daß er meinen Körper toll findet, daß er mich gut findet. Sehen, wie blöd er sein kann. Bist du jetzt schockiert, oder was?“ lacht Synnøve und springt auf, streckt die Arme zur Dekke. Lena betrachtet den schönen Körper in hautenger, schwarzer Hose und weißem, engem Rollkragenpullover voller Mißgunst. Sie könnte die Einlagen auch aus dem BH nehmen. Synnøve braucht keine.
„Okay, Lena. Keine Panik. Mit Kjell, meine ich. Aber er soll sich vorher ein bißchen anstrengen. Das ist ein guter Rat. Ich weiß, wovon ich rede!“
„Blöde Kuh“, lacht Lena matt.
Aber das Gespräch mit Synnøve hat sie verstört.
5
Im dunklen Kinosaal scheinen sie und Kjell ganz allein zu sein. Sie spürt den rauhen Stoff seiner Tweedjacke an ihrer Wange, als er den Arm um ihre Schultern legt. Spürt, wie seine Finger auf der bloßen Haut zwischen Pullover und Jeans spielen. Manchmal küßt er sie vorsichtig auf die Wange, zupft sie am Ohrläppchen, und wie immer läuft bei seinen Berührungen ein Schauer durch ihren Körper. Die Stimmung im Saal, die Musik, das Geschehen auf der Leinwand, alles verstärkt diese Gefühle, ihre Gefühle für ihn. Sie ist hilflos verliebt, steckt voller Empfindungen, mit denen sie nicht umgehen kann.
Sie sehen den Film über Glenn Miller, und um sie herum kocht der Saal. Der Film wird schon den dritten Abend gegeben, und die meisten sehen ihn auch zum dritten Mal. Sie kommen, um die Musik zu erleben: In the mood, String of pearls, Gene Krupa am Schlagzeug, Louis Amstrong mit Basin Street Blues, und sie weinen in der Schlußszene zusammen mit June Allyson, die Glenn Millers Frau spielt.
Engumschlungen verlassen sie das Kino, sie und Kjell, wortlos, einfach nur zusammen. Ab und zu bleiben sie stehen, küssen sich, stehen still, ganz nah. Sie spürt seinen schnellen Atem an ihrem Gesicht. Und engumschlungen gehen sie weiter. Die Klänge von Moonlight Serenade brausen durch ihren Kopf, nein, nicht im Kopf, überall in ihr, in den Nerven, unter der Haut; der Haut, die von Kjells Händen so warm ist.
Leise schließen sie Kjells Tür auf. Umarmen sich noch im Mantel, küssen sich. Vorsichtig hilft er ihr aus der Jacke, dann lächelt er schnell, sucht im Plattenstapel, und Moonlight Serenade erklingt im Zimmer, in ihr, bis zu den Fingerspitzen.
Engumschlungen liegen sie auf dem Sofa, sie sieht sein Gesicht über sich, sieht die dunklen Schatten, die über sein Gesicht jagen, ehe er das Licht löscht. Seine Hände suchen ihren Körper, ihre Hände wollen ihn abwehren.
„Nein, Kjell!“
„Doch, Lena, doch!“
Es ist schon oft so gewesen, aber trotzdem ist es heute anders. Alles ist an diesem Abend anders. Sie will, an diesem Abend will sie, und ihre Hände streicheln zaghaft seinen Körper, er hilft ihren Händen und sie finden sich zurecht, und als sie die weiche, weiche Haut berührt, wird ihr ganz warm und sie ist froh über das dunkle Zimmer.
„Kjell?“
„Ja, Lena, ich hab’ dich lieb, Himmel, du machst mich verrückt!“
Sie kämpfen mit den engen Kleidungsstücken, bis sie nackt daliegen und sie seinen harten Körper über ihrem spürt. Als er in sie hineinkommt, schluchzt sie und schließt ihre Arme hart um ihn.
„Lena, o Lena, du weißt ja nicht ...“, aber er verläßt sie wieder.
„Kjell, was ist los?“ fragt sie ängstlich.
Er fummelt auf seinem Nachttisch herum. „Wir müssen vorsichtig sein.“
Sie läßt sich zurücksinken, ihr wird kalt, ach Gott, ihr Körper wird kalt und gefühllos, während Kjell weiterfummelt, und sie weiß, was es ist und wird verlegen, würde am liebsten weglaufen. Er wird etwas benutzen, natürlich wird er das, und darüber sollte sie froh sein, aber ihre zurückgehaltenen Tränen schmerzen. Und als er wieder zu ihr kommt, ist es kalt und schmerzhaft, aber es dauert nicht lange, zum Glück dauert es nicht lange. Sie umklammert seinen Rücken und will warm für ihn sein. „Ach Kjell, du weißt ja nicht, wie lieb ich dich habe!“
„Lena, du bist wunderbar, du bist wunderbar!“
Und sie blickt über seine Schulter, sieht im schwachen Schein der Straßenlaternen die Umrisse des Zimmers. Irgendwo an einem kalten Punkt in ihrem Hinterkopf steht eine andere Lena und beobachtet sie. Lena, was tust du?
Er sinkt über ihr zusammen und die Kälte kriecht über ihre Haut und erfüllt sie.
„Kjell, hast du mich lieb?“
„Himmel, Lena, daß du das fragen kannst! Ich liebe dich!“
Als er sie verlassen will, hält sie ihn fest, schluckt ihr Schluchzen hinunter, streichelt den lockigen Kopf, der auf ihrer Brust ruht. „Nein, Kjell, geh’ nicht, noch nicht, bitte.“
„Wart einen Moment“, sagt er. Und als er am Waschbecken steht, wagt sie nicht, hinzusehen, obwohl sie im Halbdunkel nur seinen Schatten sieht. Schnell wirft sie sich ihre Kleider über, sieht, daß er dasselbe tut.
Als er das Licht einschaltet, sticht es in ihren Augen und im ganzen Körper. Er zündet beiden eine Zigarette an, setzt sich aufs Sofa, fährt sich durch die Haare, sieht sie kurz an, lächelt. „War das schön für dich?“
Sie nickt, erwidert sein Lächeln, Meilen scheinen zwischen ihnen zu liegen.
Er blickt sie forschend an und sie schluckt, während ihr vor Angst kalt wird.
„Du, Lena, kann ich dich etwas fragen?“
„Ja, was denn?“ fragt sie mit dünner Stimme.
„Ach, eigentlich gar nichts. Du, morgen müssen wir in die Schule. Ich bring dich jetzt nach Hause.“
„Ja. Ja, das ist vielleicht das beste.“
Aber sie will nicht nach Hause. Will nicht. Er soll sie in den Arm nehmen, lange. Das will sie. Er soll sagen, daß er sie liebhat, soll nah, warm sein, aber sie wagt nicht, das zu sagen, wagt jetzt nicht, darum zu bitten.
„Kjell“, sagt sie, als sie schon ihre Jacke angezogen hat. „Machst du dir was aus mir – immer noch?“
Da zieht er sie hart an sich. „Ja, Lena, das tu’ ich. Du bist mein Mädchen, vergiß das nicht. Jetzt bist du nur noch mein Mädchen.“
„Ja, Kjell, das weißt du doch.“
„Das ist mein Ernst. Weißt du das, Lena?“
Zu Hause in ihrem Zimmer zieht sie sich schnell aus und krümmt sich unter der Decke zusammen. Tränen wallen in ihr auf. Kjell, o Himmel, Kjell. Er hat nichts gesagt, hat nichts dazu gesagt, daß er nicht der erste war. So ist Kjell. Er ist nicht wie andere, das hätte sie wissen sollen. Aber trotzdem – hier, allein unter der Decke, einsam, läßt sie Angst und Enttäuschung freien Lauf, denn es war nicht anders und so darf sie nicht denken. Es darf nicht so sein, nicht mit Kjell.
Vorher, als sie zusammen aus dem Kino kamen, schien alles so richtig zu sein. Es war so richtig. Aber danach war er so fremd und seltsam. Wieder erfüllt sie die kalte Angst. Die Angst, ihn zu verlieren, die Angst vor dem kommenden Tag. Wie wird es sein, ihm in der Schule zu begegnen?
Sie sieht ihn erst in der ersten Pause. Angespannt, mit einem zitternden kleinen Lächeln geht sie auf ihn zu, spürt, wie ihr Gesicht heiß und rot anläuft. Sie hat das Gefühl, allen zu verraten, was zwischen ihnen passiert ist, aber er ist wie immer. Mit derselben Selbstverständlichkeit wie früher legt er ihr den Arm um die Schultern, drückt sie an sich.
„Gut geschlafen?“
Sie schluckt. „Ja. Du auch?“
Und ansonsten ist alles wie vorher. Er sagt nichts, und die Erleichterung verjagt Enttäuschung und Angst. Es war schön. Es war trotzdem anders. Natürlich war es das. Sie ist einfach dumm, dumm und kindisch.
Die Beziehung zwischen ihnen bekommt einen anderen Rhythmus. Lena ist nicht mehr so hektisch wie früher, aber sie vermißt oft etwas. Hat das Gefühl, sie hätten etwas verloren, die Erwartung, die Spannung, sie weiß nicht was. Sie verändert sich. Manchmal hat sie das Gefühl, die Ältere von beiden zu sein, aber sie organisiert ihre Tage um Kjell. Er arbeitet zielbewußt, um sich für den Herbst einen Studienplatz zu sichern, möchte Medizin studieren. Seine Arbeit geht vor, er entscheidet, wann sie sich sehen, und sie denkt nicht darüber nach. Es ist eine Selbstverständlichkeit, über die nicht diskutiert wird.
Ihre Welt schrumpft. Sie entfernt sich von der Schule und von den anderen in ihrer Klasse. Sie verbringt die Pausen mit Kjell, sie essen zusammen und verbringen ihre Freizeit in ihrem oder in seinem Zimmer. Sie wird von ihm abhängig, von seiner Meinung über sie, und mehr denn je beschäftigt sie sich mit ihrem Körper. Hingeworfene Bemerkungen können sie schrecklich verletzen.
„Deine Beine sind zu gerade, weißt du das, Lena? Von vorne sind sie übrigens okay, und es macht ja auch nichts. Ich mag dich so, wie du bist.“
Sie ist nie auf die Idee gekommen, daß an ihren Beinen so viel auszusetzen sein könnte, und sie kann seine Kritik nicht einfach hinnehmen, ihr Gesicht wird flammend rot.
„Nein, wirklich, Lena, du bist schon komisch“, lacht er. „Du machst dir doch nichts draus?“
„Tu’ ich nicht. Das sind meine Beine.“
Danach darf er ihre Beine nicht anfassen. Wenn sie einen Rock trägt, ist sie sich ihrer Beine peinlich bewußt.
„Von vorne sind sie okay ...“
Beim nächstenmal können es ihre Brüste sein.
„Dein Busen ist zu klein, Lena, aber ich mag dich trotzdem.“
Solche Bemerkungen treffen sie zutiefst. Sie kommt sich mißgestaltet vor, bisweilen jagt ihr Körper ihr Abscheu ein. Sie spannt die Muskeln an, wenn er ihre Brüste berührt, streckt den Fußrücken und spannt die Wadenmuskeln, wenn er ihre Beine ansieht, spannt die Bauchmuskeln, hat Angst, ihr Bauch sei nicht fest genug, flach genug.
Er kann in einer Filmzeitschrift blättern und ihr das Bild eines Mittelklassevamps im Bikini zeigen. „Sieh dir die an, Lena! Sieh dir die Titten und die Beine an!“
Damit kann der Abend für sie schon verdorben sein. Er neckt sie, sie wird eifersüchtig. Es tut weh, es tut entsetzlich weh, aber das ist noch nicht alles. Tief in ihr braut sich eine brennende Wut zusammen. Ein übertriebener Zorn, der in keinem Verhältnis zu seinen Neckereien steht. Sie ist zornig über ihn und versucht dabei, sich gegen etwas in ihr selber zu wehren, für das sie keinen Namen hat. Sie reißt ihm die Zeitschrift aus den Händen.
„Wie schön. Wenn ich nicht gut genug bin, kann ich ja gehen!“ ruft sie.
Und er lacht. Er lacht schallend und zieht sie zu sich aufs Sofa. „Du bist fabelhaft, Lena. Souverän!“
„Laß mich los!“ faucht sie.
Und sie rollen herum, und er weiß nicht, daß ihr Widerstand in diesem Ringkampf echt ist. Es soll ein Spiel sein, und sie läßt es zum Spiel werden, ihr Zorn aber ist nach wie vor vorhanden. Dennoch kann sie sich nicht gegen die Hände wehren, die Wellen von Wärme durch sie senden. Danach spürt sie eine leere Sehnsucht.
„Du bist phantastisch, Lena, weißt du das?“
„Weißt du, daß du eine schiefe Nase hast, Kjell? Aber ich mag dich trotzdem. Du hast zu kurze Beine, aber das macht nichts, für mich bist du gut genug.“
Er würde sich ausschütten vor Lachen.
Sie rächt sich auf andere Art. Bleibt in den Pausen im Klassenzimmer, weicht ihm draußen aus. Albert mit anderen Jungen herum, wirft den Kopf in den Nacken, wenn er fragt, was er ihr getan hat.
„Du machst ja wohl nichts falsch, oder, Kjell?“
Sein verletztes, verständnisloses Gesicht gibt ihr das Gefühl bitterer Befriedigung, aber es schmerzt auch.
Sie ist angespannt, kann sich nie gehen lassen. Sie ist verliebter als er, abhängiger von ihm als früher. Aber sie fühlt sich nie sicher, und am schlimmsten ist die Angst, es könnte schiefgehen, die Angst vor der Schwangerschaft.
Nicht immer hat er ein Kondom.
„Ist es jetzt gefährlich, Lena?“
Was soll sie antworten? Wie soll sie das wissen? „Ich weiß nicht, Kjell.“
„Das mußt du doch wissen? Du weißt doch, wann deine sichere Periode ist?“
„Nein, Kjell. Woher soll ich das denn wissen?“
„Aber du kannst doch nicht so dumm sein!“
Sie fühlt sich elend und kindisch. „Ich glaub’, jetzt ist es nicht gefährlich.“
„Ich bin vorsichtig.“
Danach ist alles nur schrecklich. Verlegen und ängstlich wischt sie sich mit dem Zipfel ihrer Bettdecke seinen kalten Schleim vom Bauch. Sie weiß nichts, weiß nicht, ob es so sein muß. Sie denkt an Synnøves Worte. Daß es vorher am besten ist. Und sie denkt, daß das stimmt, wenn auch nicht so, wie Synnøve es gemeint hat. Nicht, weil sie Kjell gerne bis zum Wahnsinn reizen möchte. Nein, sie denkt an die Wärme. Die Wärme ist das Gute. Wenn sie spürt, daß er sie liebt, wenn er sie liebkost, streichelt, entzündet. So könnte sie die ganze Nacht verbringen. Dann öffnet sie sich, kommt ihm in ihren Zärtlichkeiten entgegen. Und es gibt diese Erwartung: diesmal wird alles anders sein. Dann kann es vorkommen, daß sie alles Störende verdrängen kann, die Angst, die Peinlichkeit, wenn er sich am Kondom zu schaffen macht. Sie konzentriert ihre Gefühle auf seinen Körper, das ist gut, weil er es gut hat. In solchen Momenten kann sie sich über seine Nähe freuen, zwei Menschen können einander nicht näher kommen.
Meistens bringt er sie nach Hause, wenn er aufwacht, aber es kommt auch vor, daß sie allein geht, weil sie es nicht übers Herz bringen kann, ihn aus dem warmen Bett und dem Schlaf zu reißen.
„Gehst du allein?“ murmelt er schläfrig.
„Ja. Schlaf du nur.“
„Und das macht dir sicher nichts aus?“
„Ganz sicher.“
Aber an solchen Abenden, wenn sie nach Hause läuft, frierend, mit geschwollenen, wunden Lippen vom Knutschen, das immer nur vorher stattfindet, mit pochendem Unterleib, draußen wund, weil seine Liebkosungen oft hart und gewaltsam sind, dann verspürt sie eine Einsamkeit, die sie nicht in Worte fassen kann.
6
Wenn Kjell am härtesten arbeitet, setzt sie sich an ihre Schularbeiten, mit denen sie immer im Rückstand ist, aber es kommt auch vor, daß sie irgendeine Klassenkameradin besucht. Dann merkt sie, daß sie das vermißt hat, Mädchengespräche, die gekicherten, verrückten Unterhaltungen über Jungen, Kleider, Filme und Musik, über die Schule, die Lehrer und über gar nichts. Aber sie merkt auch die Distanz zwischen ihnen. Keine von ihnen führt wohl so ein Leben wie sie. Bei diesem Gedanken schämt sie sich, und oft hat sie das Gefühl, von ihrer ungezwungenen Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein. Im Grunde wird ihr Bedürfnis nach Freundinnen von Synnøve gedeckt. Synnøve, aus der sie einfach nicht schlau wird. Synnøve, die an einem Tag strahlender Laune und am nächsten verquer und mürrisch sein kann. Eines Abends wartet Synnøve auf sie, als sie von Kjell kommt. Forschend mustert sie Lenas blasses, angespanntes Gesicht. „Du bist ganz schön abhängig von ihm, was?“
„Synnøve“, sagt Lena verzweifelt. „Kannst du mir sagen, was eine sichere Periode ist?“
„Aber Himmel. Lena, du willst doch nicht etwa behaupten, du wüßtest das nicht? Wo bist du bloß hineingeschliddert?“
„Ich glaub’ ja, ich weiß das. Mitten dazwischen ist es gefährlich, nicht wahr? Aber ich weiß nie, wann das ist. Manchmal liegen vier Wochen dazwischen, manchmal sechs oder sieben. Einmal hat es fast ein halbes Jahr gedauert.“
„Himmel, stimmt das? Ich kann die Uhr danach stellen. Es kommt auf den Tag genau. Daß du dabei nicht durchdrehst!“
„Für dich ist wohl gar nichts schwer, Synnøve, oder?“
„Ich hab’ jedenfalls gelernt, daß ich den Problemen nicht hinterherlaufen darf, aber wir reden jetzt von dir. Wenn das so ist, Lena, dann darfst du nicht. Du mußt an dich selber denken. Ihm darfst du einfach nicht glauben. Du mußt damit rechnen, daß er auch nicht mehr weiß als du.“
„Wie machst du es denn?“
„Bin ausgewichen, wenn das ging. Und er durfte nie kommen, wenn er in mir war. Auch mit Kondom nicht. Die Dinger können Löcher haben, weißt du das? Ich kenn’ eine, die dadurch schwanger geworden ist. Du darfst nicht, Lena.“
„Glaubst du, mit mir stimmt was nicht, Synnøve?“
„Vielleicht, aber ich kenn’ noch mehr, denen es so geht wie dir. Bist du mal beim Arzt gewesen?“
„Spinnst du? Zu wem sollte ich denn wohl gehen? Zu Kjells Vater etwa? Zum Schularzt hier? Hältst du mich denn für blödsinnig?“
„Du kannst doch in die Stadt fahren?“
„Und woher soll ich das Geld nehmen? Außerdem trau’ ich mich nicht. Dann muß es eben so weitergehen.“
„Mit Kjell?“
„Ja, jedenfalls damit.“
„Sag ihm das doch und sieh dann weiter.“
„Verflixt, warum muß denn alles so schwierig sein?“
„Ja, das ist eine gute Frage, Lena. Du kannst ja versuchen, nein zu sagen, wenn er das nächstemal fragt, ob es schön für dich ist.“
„Hast du das schon mal gemacht?“
„Nein. Nein, natürlich hab ich’s nicht gemacht. Das geht nicht, dann glauben sie bloß, mit uns stimmt was nicht.“
„Synnøve, woher weißt du eigenlich so viel?“
„Weil ich gelernt hab’, Lena. Weil ich Augen und Ohren aufsperre, weil ich das hier benutze, verstehst du“, sagt sie und klopft mit einem Fingerknöchel an ihre Schläfe. „Und dann hab’ ich ja meine Schwestern vor Augen. Beide haben früh geheiratet. Mein Bruder und seine Frau waren erst achtzehn. Jetzt sitzen sie da mit den Kindern und haben kein Geld. Mein Bruder muß im Winter auf dem Bau arbeiten und im Sommer auf dem Hof helfen. Er und Turid haben eine Mansarde für sich, sonst sind sie immer mit meinen Eltern zusammen. Armes Mädchen. So ähnlich geht es auch meinen Schwestern. Aber sie sind ja selber dran schuld. Mir tun sie nicht leid. Sie sind wie meine Mutter. Haben einfach keine Energie.“
„Aber magst du deine Geschwister denn nicht?“
„Mögen? Doch, schon, aber ich komm’ mir so ganz anders vor. Begreifst du das? Die einzige Ähnlichkeit zwischen uns ist, daß wir aus demselben Bauch gekommen sind.“
„Synnøve! Jetzt redest du häßliche Sachen, pfui Spinne, wie häßlich. Daß du sowas sagen kannst, wo du doch weißt, daß deine Eltern sich abplacken, damit du zur Schule gehen kannst! Deine Geschwister vielleicht auch.“
„Hab’ ich darum gebeten, auf diesem blöden Hof geboren zu werden? Das ist sowieso gar kein Hof, das ist höchstens eine Hütte. Kannst du dir vorstellen, wie das ist?“
„O ja, ein bißchen weiß ich schließlich auch Bescheid.“
„Du! Wo dein Vater einen Laden hat. Bei euch zu Hause ist es sicher schön, Bücher im Regal, feine Möbel, alles sauber. Bei euch riecht’s bestimmt nicht nach dem Dreck von schmutzigen Stallstiefeln, Lena? Oder?“
„Doch, das kommt auch vor.“
„Quatsch. Und dann bist du mit dem Sohn vom Arzt zusammen. Du weißt ja gar nicht, wovon du redest. Mein Vater arbeitet im Winter auf dem Hof, meine Mutter schuftet sich mit allem anderen ab. Sie sieht aus wie 70, ich schäm’ mich, mit ihr zusammen unter die Leute zu gehen. Weißt du, wie schlimm das ist? Aber ich werd’ nicht so. Niemand wird mir mein Leben kaputtmachen, kein Kerl, niemand.“
„Gehst du deshalb nicht mit irgendwem, fest, meine ich?“
„Ja, das ist es ja. Ich will nicht. Ich finde, es gibt wichtigere Dinge, als an einem hängenzubleiben, der nicht vorwärts kommen kann.“
Lena sieht das harte Gesicht an, findet es einen Moment lang fast häßlich. Synnøve bemerkt ihren Blick und lächelt. Ihr Gesicht glättet sich, ist wieder hübsch.
„Zum Henker mit dir, Lena. Jetzt hast du mich zum Reden gebracht. Aber du verrätst niemandem etwas, ist das klar? Übrigens hätte ich eigentlich Lust auf Stein“, lächelt sie. „Ich glaub, der will was erreichen. Will er sich nicht um einen Platz in Zahnmedizin bewerben?“
„Dumme Kuh. Bei Stein gibt’s keine Hoffnung. Der geht zu Hause mit einer. Übrigens ein nettes Mädchen. War auf der Handelsschule. Dieses Jahr hilft sie ein bißchen bei uns im Laden aus, und sie lernt Sprachen, Korrespondenz. Nicht schlecht, finde ich.“
„Und ansonsten dreht sie Däumchen und wartet auf ihn?“
„Nehm’ ich an.“
„Wir werden sehen“, grinst Synnøve, und ihre Augen funkeln.
Nein, Lena wird aus Synnøve nicht klug. In vieler Hinsicht ist sie ihr eine Stütze, aber vieles von dem, was sie sagt, verstört Lena. Synnøve weiß so viel, nicht nur über Jungen, Lena lernt viel von ihr. Synnøve bringt Lena bei, ihr Haar so zu tönen, daß es dunkler wird und glänzt. Sie bringt ihr bei, sich zu schminken, vorsichtig nur, damit Kjell sich nicht aufregt. Er findet Mädchen, die sich zu stark schminken, vulgär. Und Lena lernt, ihre Kleider anders zu tragen. Einen Schal fesch zu binden, ihre Haare anders zu kämmen, in diesem Bereich gibt es fast nichts, was Synnøve nicht weiß. Sie hat eine Schublade voller Zeitungsartikel mit guten Ratschlägen für alles, was mit Kleidern und Aussehen zu tun hat.
Synnøve verbringt viel Zeit mit ihrer Körperpflege. Benutzt die Höhensonne. Bräunt nach und nach ihren ganzen Körper. Vierzehn Tage mit Sonne, vierzehn Tage ohne. Lena darf die Höhensonne leihen, wird aber nur rot und schält sich. Sie gibt auf.
„Du bist so ungeduldig“, meint Synnøve.
„Ich hab’ nicht solche Haut wie du!“
„Quatsch. Das ist die reine Willensfrage. Mir ist’s zu Anfang auch nicht anders gegangen.“
Für Lena ist es nur anstrengend. Sie schafft es nicht. Und Synnøve macht abends auf ihrem Zimmer Gymnastik. Lena findet schon das Schulturnen mehr als genug. Einmal vertraut Synnøve ihr an, daß ihre goldenen Haare eigentlich aschblond sind. Sie hat sie schon mit 14 getönt. Sie zupft sich die Augenbrauen, entfernt Haare, immer soll irgend etwas noch besser werden. Lena begreift das nicht. Synnøve hat das doch nicht nötig, sie ist auch ohne das alles schön genug. Sie hat einen Kasten voller Cremes und Schminksachen aller Art. Wenn sie morgens verschlafen hat, herrscht Katastrophenstimmung. Lena stürzt mit zerzausten Haaren und schlaftrunkenen Augen aus dem Haus. Synnøve schwänzt lieber die erste Stunde, als bei ihrer Morgenkosmetik zu pfuschen.
Eines Tages durchwühlt Lena Synnøves Schminksachen.
„Meine Güte, wie kannst du dir das alles bloß leisten?“
„Die Frage ist doch einfach, was dir wichtig ist. Manchmal das Essen ausfallen lassen, Aufschnitt, unnötige Sachen.“
Unten im Kasten liegt ein Stück Karton. Es ist ein Bild von Lauren Bacall, vollgekritzelt mit Pfeilen und Strichen. Lena wird es heiß. Sie fühlt sich wie ein Voyeur am Schlüsselloch, der Synnøve beim Ausziehen beobachtet hat. Denn nun weiß sie, mit wem Synnøve Ähnlichkeit hat, begreift auch, daß sie sich beim Schminken an diesem Bild orientiert. Der grüne Lidschatten, die goldenen Haare, der schwere Blick, die Art, wie sie ihre Wangen einsaugt. An der Wand hängt ein großes Foto desselben Gesichts. Lena starrt es schokkiert an. Himmel, Synnøve ist wirklich tüchtig. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar, fast schon unangenehm.
„Du, Synnøve, weißt du, mit wem du Ähnlichkeit hast?“
„Nein? Mit wem denn?“
„Mit der da“, sagt Lena und zeigt auf das Bild.
„Wie witzig“, meint Synnøve leichthin. „Weißt du, das hat mir auch mal einer gesagt, als wir zusammen im Kino waren. Findest du das wirklich?“
„Ja, es ist fast unheimlich.“
„Könnte ja mit schlechteren Leuten Ähnlichkeit haben, oder?“
Danach blättert Lena in Synnøves Fotoalbum. Darin gibt es Synnøve in jeglicher Form, allein oder zusammen mit anderen. Synnøve im Badeanzug und Synnøve im Regenmantel, aber immer in derselben Positur. Schwerer von-unten-nach-oben-Blick, geblähte Nasenlöcher, ein Lächeln, das viele Zähne zeigt, ein Lächeln, das nie die Augen erreicht. Synnøve, die samstags manchmal schon um sieben ins Bett geht statt auf ein Fest. Lena hat Synnøves Gründe immer für Bagatellen gehalten, sie war mit ihren Haaren oder mit anderen Nebensächlichkeiten unzufrieden, aber jetzt versteht Lena sie. Jetzt versteht sie, daß es nicht leicht sein kann, so hübsch zu sein wie Synnøve. Sie begreift, was das kostet. Synnøve – steinhart und souverän.
Was Synnøve über Stein gesagt hat, war ernst gemeint, aber es ist unmöglich. Er ist von ihr völlig unbeeindruckt. Manchmal gehen sie zusammen ins Kino, tanzen miteinander. Stein bringt Synnøve bis zur Haustür, mehr geschieht nicht. Das erhöht Synnøves Interesse an ihm, und sie glaubt, er verhielte sich so, weil er sie respektiert. Das erzählt sie Lena, und Lena wagt nicht, etwas dazu zu sagen. Sie kennt ihren Bruder. Er ist nicht der Typ, der mit anderen herumspielt.
Eines Abends platzt die Seifenblase. Alle vier sitzen in Lenas Zimmer, Kjell hat den Arm um sie gelegt. Da schlägt Synnøve zu.
„Du, Stein, sollen wir die Turteltauben nicht allein lassen? Wir gehen rüber zu mir, ich hab’ ein paar neue Platten, die wir hören können.“
„Okay“, sagt Stein, und Lena hört den Unwillen in seiner Stimme.
Lena sitzt wie auf glühenden Kohlen, Kjell grinst.
„Du brauchst keine Angst um deinen Bruder zu haben. Der kann schon auf sich selber aufpassen. Außerdem hat er wirklich kein Interesse. Er sieht dasselbe wie ich.“
Lena hat das Gefühl, Synnøve verteidigen zu müssen. „Sie ist nicht so, wie ihr denkt.“
„Ist sie das nicht?“ grinst Kjell.
Stein ist schon bald wieder da, allein. Er grinst, aber Lena sieht, daß er verlegen und wütend ist.
„Teufel auch“, sagt er. „Gehen wir, Kjell?“
„Die Stimme der Vernunft“, lacht Kjell mit neugierigen Augen. „Schlafenszeit für kleine Mädchen.“
Sie hört sie auf der Treppe lachen, und kaum ist die Tür hinter ihnen ins Schloß gefallen, da steht auch schon Synnøve in ihrem Zimmer. Eine Synnøve, die sie noch nie gesehen hat. Ihr Gesicht ist wutverzerrt, ihre Tränen strömen. „Ja, jetzt bist du wohl zufrieden, was? Hast du gehört, wie sie gelacht haben? O Gott, ich bring’ ihn um, ich bring’ ihn um, weißt du das?“
„Himmel, was hat er dir denn getan?“
„Getan? Getan?“ weint Synnøve hysterisch. „Gegrinst hat er. Weißt du das? Dieser Mistkerl, den du zum Bruder hast, hat über mich gegrinst! Und ich hab’ mir eingebildet, ich wär’ in ihn verliebt!“
„Aber ich hab’ dir doch gesagt, Synnøve, daß das keinen Zweck hat. Ich hab’ dich gewarnt. Oder etwa nicht?“
„Halt die Fresse! Ich weiß, was los ist. Ich bin nicht gut genug für ihn. Du hast ihm gesagt, wo ich herkomme, nicht wahr? Ich bin nicht gut genug für diesen Snob, bin nicht gut genug für deine feine Familie!“
„Synnøve, was redest du da! Was soll ich denn gesagt haben? Du glaubst doch wohl nicht, wir wären etwas Besseres als du?“
„Du lügst. Du hast ihm gesagt, wie arm wir zu Hause sind.“
„Synnøve, hör auf mit dem Quatsch!“
„Die Mühe kannst du dir sparen. Und bist du vielleicht was Besseres? Wie lebst du denn überhaupt? Du lebst, als wärst du schon verheiratet, oder? Und wenn das die feinen Familien von dir und Kjell wüßten? Wie? Nein, ihr könnt euch doch alle zum Teufel scheren. Du, dein Bruder, der ganze Dreck. Das seid ihr nämlich, Dreck, scheinheiliger Mist!“
„Synnøve“, flüstert Lena. „Bitte!“
„Bitte!“ äfft Synnøve sie höhnisch nach. „Scheiße!“
Wie gelähmt sitzt Lena da, als die Tür hinter Synnøve zugeschlagen wird. Stein hat Synnøve an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen. Zum erstenmal in ihrem Leben hat Synnøve erlebt, daß ein Junge sie abgewiesen hat. Lena kennt sie gut genug, um zu wissen, daß sie das nie vergessen und daß sie, Lena, dafür bezahlen wird.
In den ersten Tagen redet Synnøve nicht mit ihr. Sie gehen nicht zusammen in die Schule, besuchen sich abends nicht mehr. Schließlich wird Synnøve wieder so wie in der ersten Zeit, überlegen, streitsüchtig, immer bereit zu spitzen Bemerkungen. „Na, wie geht’s dem Ehepaar? Sehen wir bald ein Ergebnis?“
Synnøve hat sich in der Schule einer besonderen Clique angeschlossen. Einer Clique, in der alle akzeptabel aussehen, tüchtig sind, die richtigen Kleider haben und überhaupt alle Voraussetzungen erfüllen, um populär zu sein. Wenn Lena ihnen begegnet, hört sie in ihrem Rücken ihr Lachen. Was Lena Synnøve erzählt hat, sickert durch, und sie bereut bitter, sich Synnøve dermaßen ausgeliefert zu haben. Ihre Klassenkameradinnen berichten ihr über den Klatsch, vieles ist gelogen, aber sie kann sich nicht dagegen wehren. Die Gerüchte kommen auch Kjell zu Ohren, und er ist wütend auf Lena, weil sie Synnøve so viel erzählt hat. Als ihn die Gerüchte über Stig erreichen, explodiert Kjell.
„Pfui Teufel, wie konntest du bloß so dumm sein!“
„Ich konnte doch nicht wissen, daß sie so gemein ist! Ich dachte, sie wäre meine Freundin.“
„Deine Freundin!“ schnaubt Kjell. „Weißt du, manchmal bist du so kindisch, daß es nicht zum Aushalten ist. Meinst du vielleicht, ich hätte das nicht gewußt? Das über dich und dieses Schwein? Ich hab’s aus seinem eigenen Mund gehört, Lena, als wir noch nicht zusammenwaren. Ich hab’ darauf gewartet, daß du das von selber erzählst. Du hast vielleicht gedacht, ich wär so blöd, daß ich das nicht begreife, was? Daß ich dich für eine Jungfrau gehalten habe? Aber dieser verdammten Kuh hast du alles erzählt, und nun weiß es die ganze Schule. Langsam hab’ ich genug, mehr als genug.“
„Heißt das, du willst Schluß machen?“ fragt sie mit steifen Lippen.
Er zuckt die Schultern. „Ich weiß nicht, Lena. Vielleicht.“ Und dann läßt er sie stehen.
Sie macht Synnøve schwere Vorwürfe, aber die streitet alles ab. Lena friert, als sie ihre kalten, zufriedenen Augen sieht.
„Zieh mich bloß nicht in deine Angelegenheiten hinein. Wenn du dumm genug gewesen bist, um mir alles zu erzählen, hast du es sicher auch anderen gesagt. Außerdem sind doch wohl noch mehr Leute aus deinem Dorf hier auf der Schule? Meinst du vielleicht, die wüßten das nicht? Hör bloß auf, das Unschuldslamm zu spielen, das ist doch unanständig, oder?“
Es hat keinen Zweck, gegen Synnøve zu kämpfen. Sie könnte mit gleicher Waffe zurückschlagen, erzählen, was Synnøve ihr anvertraut hat, aber sie kann sich nicht aufraffen, zu diesen Mitteln zu greifen. Außerdem würde ihr das auch nicht helfen. Würde ihr Kjell nicht zurückgeben.
Mehrere Tage hindurch geht er ihr aus dem Weg. Schließlich traut sie sich nicht mehr in die Schule. Als sie zwei Tage zu Hause geblieben ist, kommt er. Sie weint in seinen Armen, und er streichelt ihre Haare, drückt sie an sich. „Du mußt verstehen, Lena, ich wollte unbedingt Schluß machen. Du hast mich so enttäuscht, verstehst du das?“
„Ja, Kjell“, weint sie, „und das tut mir so schrecklich leid. Kann alles wie früher sein, was meinst du?“
„Ich weiß nicht, Lena. Vielleicht nicht. Vielleicht doch.“
„Es muß einfach möglich sein, Kjell. Ich weiß sonst nicht, was ich tun soll. Wenn alles wieder gut wird, dann werd’ ich dir nie mehr wehtun, dich nie mehr enttäuschen, das versprech’ ich dir, hörst du?“
„Vielleicht bin ich ein Feigling, aber ich kann das auch nicht aushalten. Wenn ich dich bloß nicht so verdammt liebhätte.“
„Danke, Kjell, das werd’ ich nie vergessen.“
7
Als sie in der warmen Küche steht, den fertig gedeckten Tisch sieht, Weihnachtsgerichte, Preßpökelfleisch, Biskuitkuchen, in der Mitte den Adventskranz, die Mutter, die heiß und froh im Kochtopf mit Kakao rührt, da begreift sie, was sie tun, sie und Kjell. Was sie sich selber antun, ihren Eltern, die sich auf sie verlassen, und ihre Schuldgefühle überwältigen sie. Sie läßt sich auf einen Stuhl neben dem Tisch fallen, verbirgt ihr Gesicht in den Händen und weint vor den Augen ihrer Mutter wie ein kleines Kind. Ihre Mutter läßt alles stehen und liegen, beugt sich über sie, streichelt ihre Haare.
„Aber Lenachen, was ist denn los mit dir, Kind?“ fragt sie, und Lena hört die Angst in ihrer Stimme, hört auch, wovor die Mutter sich fürchtet.
Stein sieht sie verlegen an und geht hinaus.
Sie schlingt ihre Arme um die Taille der Mutter, weint gegen den warmen, runden Bauch. Weint Angst, Unsicherheit, alles, was wehgetan hat, aus sich heraus, wortlos weint sie unter den ängstlichen Händen, die ihre Haare streicheln.
„Aber, aber, erzähl doch deiner Mutter, was so schrecklich ist!“ Die Stimme der Mutter tut ihr weh.
„Nein, ich bin bloß dumm. Ich hab’ so schreckliches Heimweh gehabt, verstehst du. In der Schule ist alles so schwer, wenn du nur wüßtest! Ich hab’ solche Angst, daß ich das nicht schaffe. Mir graust so davor, wieder hinzumüssen.“
„Und das ist alles, Lena?“
„Alles? Ja, ist das denn nicht genug, meinst du?“
„Wirklich nur das?“ wiederholt die Mutter froh und kann ihre Erleichterung nicht verbergen. Sie nimmt Lenas Gesicht in ihre Hände. „So, jetzt wischen wir die Tränen ab, dann laß dich ansehen. Arme Kleine, mußt mit allem allein fertigwerden.“
Beim Abendessen müssen Lena und Stein ihre Zeugnisse zeigen.
„Hm. Gar nicht so schlecht“, meint der Vater.
„Und da hat unsere Kleine solche Angst, daß sie es nicht schafft“, lacht die Mutter. Quer über den Tisch begegnet Lena Steins Blick und errötet. Sie kaut und kaut und das gute Essen bleibt ihr im Hals stecken.
„Ach, das hat gut geschmeckt, Mutter“, sagt sie und möchte sich nur noch im Bett verkriechen, ihr Schuldgefühl wegschlafen, ihr schlechtes Gewissen, aber an diesem ersten Abend gibt es kein Entrinnen.
Die Mutter deckt im Wohnzimmer den Kaffeetisch, der Weihnachtskuchen wird aufgetragen, Schüsseln mit weihnachtlichem Naschwerk, warm und aufgeregt läuft sie um alle herum, aber Lena betrachtet ihre Mutter und begreift plötzlich, versteht, was es bedeutet, ihre Mutter zu sein. Sie rackert sich im Laden, mit den Tieren und dem Haus ab. Alles Geld, das sie entbehren kann, bekommen Lena und Stein. Geir, der Älteste, arbeitet in einer Bank im Norden. Er ist verheiratet und hat gerade einen Sohn bekommen. Bjørn studiert in Trondheim. Er feiert mit seiner Verlobten bei ihrer Familie in Oslo Weihnachten. Stein will Zahnarzt werden. Niemand wird den Laden übernehmen, wenn die Eltern sich zur Ruhe setzen. Der Vater setzt sich für die Abendnachrichten ans Radio. Er nickt im Sessel ein, und Lena findet, daß ihre Eltern in diesem halben Jahr viel älter geworden sind. Sie spürt, wie sehr sie sie liebt, daß sie sie niemals enttäuschen darf. Als der Vater schlafen gegangen ist, bleibt sie bei ihrer Mutter sitzen.
„Lena“, sagt die Mutter. „Du bist so erwachsen geworden. Das ist seltsam, weißt du das? Seltsam, daß ich hier sitze und mit dir rede wie mit einem erwachsenen Menschen. Und ich bin froh, daß du nicht hier im Dorf bleiben mußt, daß du eine Zukunft hast. Froh, daß es dir nicht so ergangen ist wie Liv.“
„Was ist los mit Liv?“
„Hab’ ich dir das nicht geschrieben? Sie heiratet jetzt zu Weihnachten. Du bist zur Hochzeit eingeladen, Lena.“
Lena blickt ihre Mutter sprachlos an. „Liv heiratet? Aber sie ist doch nicht älter als ich!“
„Ist sie nicht, nein. Neulich 17 geworden. Aber es ist ihr schon anzusehen, ... armes Kind.“
„Ist das von Erling?“
„Ja.“
„Aber ich hab’ nicht gedacht, daß es so ernst mit ihnen wäre. Er ist doch alt, Mutter.“
„Na, ein Greis ist er schließlich noch nicht“, lächelt die Mutter. „Fünf-, sechsundzwanzig, würde ich meinen.“
„Aber Liv ...?“
„Ja, Lena, so geht das eben. Sie ist jetzt wohl über das Schlimmste hinweg, über den Klatsch und das Ganze. Sie hat einen Ring am Finger. Dann regen sie sich ab, weißt du, aber die haben vielleicht getratscht!“
„Arme Liv!“
„Ich sag’ ja immer, wenn die Leute reden, daß es den besten Mädchen so geht. Denen, die nicht wissen, wie sie auf sich aufpassen sollen. Die haben dann Pech. Die anderen, die von einem zum andern flattern, die schon als Kinder wie verheiratete Leute leben, die kommen zurecht, und ein braves Mädchen wie Liv sitzt dann da mit ihrem Unglück.“
Lena kann ihrer Mutter nicht in die Augen blicken. Liv, ihre beste Freundin aus der Schulzeit, die kluge, tüchtige Liv. Sie war besser in der Schule als Lena. Danach hat sie ihren Eltern auf dem Hof geholfen. Lena hatte versprochen, ihr zu schreiben, aber daraus ist nichts geworden. Und jetzt wird Liv heiraten, bekommt ein Kind.
„Wovon sollen sie denn leben?“
„Ja, das kannst du fragen! Erling ist ja zu Hause, übernimmt irgendwann den Hof, aber das dauert noch lange. Seine Geschwister gehen noch zur Volksschule, weißt du. Und Liv zieht wohl zu ihm. Ab und zu kann er beim Straßenbau arbeiten. Für sie wird das keine große Veränderung, einfach nur ein Umzug. Diesselbe Plackerei da, wo sie herkommt, wie da, wo sie hinzieht.“ Sie sieht Lena an. „Wie ist das, du hast doch wohl keinen Freund?“
Lena blickt zu Boden, spürt wieder das peinliche Erröten. „Nein, das nicht gerade, aber ich bin ein bißchen mit Kjell zusammen.“
Die Mutter strahlt. „Ach, mit Kjell? Da bin ich aber froh, Lena. Dann brauch’ ich mir um dich keine Sorgen zu machen. Kjell ist doch hier in all den Jahren ein und aus gegangen. Der ist ein guter Junge. Und ihr habt sicher zwischendurch auch viel Spaß, du und Kjell und Stein? Das ist gut, Lena, daß du dich an deine Kameraden hältst.“
Nach einigen Tagen zu Hause scheinen Lena die Schule und ihr Leben im möblierten Zimmer unwirklich. Sie hilft im Laden, schläft in ihrem eigenen Bett, das ist gut, das ist sicher, und sie wünscht, die Ferien nähmen nie ein Ende.
Am Weihnachtsmorgen bringt der Vater allen Kaffee ans Bett. „Gesegnete Weihnachten!“
Das macht er schon, so lange sie sich erinnern kann, jedes Jahr am Weihnachtstag.
Sie lacht, als sie das Tablett mit Weihnachtsplätzchen und Milch sieht. „Meinst du immer noch, Kaffee wäre zu stark für mich, Vater?“
Er sieht sie verwundert an. „Trinkst du Kaffee? Den kannst du doch kriegen, das ist klar!“ Er sieht sie eine Weile an. Dann fährt er ihr rasch mit dem Handrücken über die Wange.
„Bist du denn so groß geworden, Lena?“ fragt er leise, und seine Stimme klingt rauh und seltsam.
Nach dieser Liebkosung spürt Lena einen warmen Klumpen in ihrer Brust. Ihr Vater ist so wortkarg; streng und ernst kann er wirken.
Sie kann sich nicht erinnern, ob er sie je in den Arm genommen hat, aber an diese seltsame Liebkosung erinnert sie sich. An den rauhen Handrücken, der rasch über ihre Wange fuhr, zaghaft im Dunkeln, nachdem sie ins Bett gegangen war, wenn er glaubte, sie schliefe schon.
Und der Klumpen wächst und steckt nun in ihrem Hals. Wie komisch sie geworden ist. Bald kann sie nichts mehr vertragen, ohne vom Weinen überwältigt zu werden.
Als er die Kaffeetasse auf ihren Nachttisch setzt, beugt sie sich vor, umarmt ihn schnell, spürt, wie er vor Verlegenheit erstarrt.
„Du, Vater, ich möchte dir etwas sagen! Nichts auf der Welt ist so schön wie zu Hause zu sein.“
„Meinst du das, Lena“, lacht er verlegen. „Nein, es ist wohl nicht immer so leicht. Ist es sicher nicht, nein.“
Freundinnen, alles, was früher wichtig war, war in diesem Herbst so weit weg. Nun freut sie sich darauf, sie wiederzusehen. Als sie mit den anderen Mädchen am zweiten Weihnachtstag zu einem Plauderstündchen beim Fest im Jugendheim sitzt, während sie darauf warten, daß der Tanz richtig in Gang kommt, erzählt sie munter von der Schule, ihrem Zimmer, gibt Anekdoten wieder. Plötzlich fällt ihr das Schweigen auf. Und sie sieht alles, Neid, Widerwillen, Feindseligkeit, aber auch Bewunderung. Sie wird warm, hektisch, das will sie nicht. Sie ist doch noch dieselbe, auch wenn sie aufs Gymnasium geht? Fieberhaft plappert sie weiter. Sie müssen doch auch erzählen, wie geht es ihnen, was machen sie? Nein, sie haben nicht so viel zu erzählen. Ingrid arbeitet in der Stadt im Haushalt, Kari auch. Astrid arbeitet in einem Laden, geht abends zur Handelsschule, da gibt’s nicht so viel zu erzählen. Sie bauen eine Mauer zwischen Lena und sich. Das tut weh, das tut schrecklich weh. Es ist eine Erleichterung, daß Kjell kommt und sie auffordert.
Auch hier ist sie also nur mit Kjell zusammen. Sie tanzen miteinander, nicht mit den anderen, und sie gehen, bevor das Fest zu Ende ist. Zum erstenmal läßt Lena beim Fest im Jugendheim den letzten Tanz aus.
Sie gehen zu Kjell nach Hause, und zum erstenmal betritt Lena unter solchen Umständen sein Haus. Sie ist auch früher schon hier gewesen, aber dann hatte immer ihre Mutter sie geschickt. Sie hat die feinen Zimmer voller Ehrfurcht betrachtet. Sie kennt Kjells Eltern, kennt seine Mutter und kennt sie doch nicht. Sie ist eine Arztfrau, und Lena hat sie mit derselben Ehrfurcht betrachtet wie das Haus. Kjells Mutter und ihre Mutter sind Mitglieder in denselben Vereinigungen. Sie besuchen sich ab und zu, aber an ihrer Mutter, wenn sie mit Kjells Mutter sprach, hat sie dasselbe gesehen, was sie heute abend an ihren Freundinnen bemerkt hat.
Im Flur zögert sie, ist geniert und ängstlich. „Geht das denn überhaupt, Kjell?“
„Warum sollte das denn nicht gehen? Hast du Angst vor Mutter? Die beißt nicht. Hat bloß Angst, daß ihr Kronprinz an ein Luder gerät. Reg’ dich ab. Ich hab’ von uns erzählt. Große Begeisterung.“
Kaum stehen sie im Wohnzimmer, da erscheint auch schon Kjells Mutter in Morgenrock und Pantoffeln. „Nein, wie schön, daß ihr so früh kommt. Hier zu Hause ist es gemütlicher, was? Ich hab’ so viele schreckliche Dinge über diese Feste gehört, nur Betrunkene und Krach, sagen alle.“
„Ach Mutter! Du hast doch nicht auf uns gewartet? Du bist einfach hoffnungslos.“
„Ich geh’ gleich wieder ins Bett, lieber Kjell, aber ich habe euch ein paar Brote gemacht, und im Kühlschrank findest du kaltes Bier.“
„Ja, schön, Mutter, und du kannst wirklich ganz beruhigt schlafen gehen. Hier werden keine Katastrophen passieren“, grinst er.
„Aber Kjell!“ Sie lächelt Lena zu. „Er ist eben so, nicht wahr? Und du bist ja erwachsen geworden. Weißt du, sein Vater und ich, wir finden das so schön, daß ihr beiden jungen Leute euch gefunden habt.“
Lena ist schrecklich heiß, und sie wird rot. Flehend blickt sie Kjell an.
„Nun hör bloß auf, Mutter. Lena wird ja ganz verlegen, siehst du das nicht?“
Sie lacht und klopft Lena auf die Wange. „Du brauchst doch nicht verlegen zu werden, meine Liebe. Es ist wirklich nur schön, ein junges Mädchen zu sehen, das noch rot werden kann.“
„Sie ist nicht so schlimm, wie sich das anhört“, sagt Kjell.
Lena sitzt auf dem tiefen Sofa, sieht sich im großen Zimmer um. So hat Kjell gelebt, mit Parkettfußboden, schönen Teppichen, Klavier, feinen Möbeln, Bildern, Kunst an den Wänden.
Als er sich auf dem Sofa ausstreckt und sie zu sich hinunterziehen will, wehrt sie sich. „Nein, Kjell, nicht.“
„Wieso nicht? Hast du Angst vor den Alten? Die schlafen.“
Sie streift die Schuhe ab, und sie sitzen sich gegenüber auf dem Sofa. Dann erzählt sie von Liv.
„Ist das nicht schlimm, Kjell?“
„Dumm. Das hätten sie doch vermeiden können. Das ist ihre eigene verdammte Schuld, Lena.“
„Aber begreifst du denn nicht, Kjell? Uns beiden hätte das auch passieren können.“
„Uns beiden? Quatsch. Solche Risiken gehen wir doch nicht ein.“
„Tun wir das nicht?“
„Wovon redest du jetzt?“
„Ich meine bloß, Kjell, daß nichts sicher ist“, sagt sie leise.
„Lena, du bist doch nicht ...?“
„Nein, Kjell, das bin ich nicht, aber das haben wir nicht uns selber zu verdanken. Nenn’ das lieber Glück.“
„Was versuchst du mir eigentlich zu sagen?“ fragt er und sieht sie an.
Sie wagt nicht, ihm in die Augen zu sehen, schluckt. „Können wir nicht versuchen, es zu lassen? Ohne ist es doch auch schön, oder nicht? Ich meine, es ist doch sicher nicht notwendig, daß wir so zusammen sind?“
„Das meinst du doch nicht im Ernst, Lena! Notwendig? Ich versteh’ das nicht. Ich kann doch nichts versprechen, was ich sowieso nicht halten kann!“
„Ich schaff’ das, das weiß ich, Kjell. Ist das für dich denn schwerer?“
„Ja. Das kann ich dir sagen, für mich ist es schwerer. Nenn’ es von mir aus notwendig. Weißt du, warum? Weil ich dich liebe. Ich liebe dich wohl mehr als du mich.“
„Aber davon ist doch gar nicht die Rede! Ich liebe dich doch auch. Das weißt du doch! Ich hab’ Angst, begreifst du das denn nicht? Die Sache mit Liv, die hat mir eine Höllenangst eingejagt!“
„Wenn du das wirklich meinst, dann können wir überhaupt nicht mehr zusammen sein. Dann machen wir besser Schluß.“
„Jetzt erpreßt du mich, weißt du das? Jetzt bist du nicht die Spur besser als damals Stig. Ja, sieh mich ruhig so an, das mein’ ich“, sagt sie und wischt sich die Tränen mit dem Handrücken ab.
„Du weinst doch nicht?“
„Nein“, schnieft sie verärgert. „Nein, ich wein’ nicht. Ich bin wütend. Das ist nicht richtig, daß du dich so benimmst. Es gibt noch mehr, was du nicht verstehst. Meine Mutter, ich könnte losheulen, wenn sie mich nur ansieht. Verstehst du das?“
Er beugt sich vor, nimmt ihre Hände. „Lena, wir versuchen’s. Mehr kann ich nicht versprechen, aber wir versuchen’s, ja?“
Sie preßt ihr Gesicht an seinen Handrücken.
„Kjell“, sagt sie leise. „Ich hab’ gewußt, daß du das verstehen würdest. Weißt du, jetzt hab’ ich dich noch viel lieber als je zuvor.“
„Lena“, sagt er und küßt sie vorsichtig. „Lena, mein Mädchen.“
Er bringt sie durch das dichte Schneegestöber nach Hause.
Von weither, eher wie ein Gefühl, hören sie die Musik im Jugendheim. Sonst ist alles still. Keine Straßenlaternen, nur der Widerschein von vereinzelten Türlampen bricht die grauweiße Dunkelheit. Sie halten einander an den Händen, die Stille ist dicht und seltsam, und wieder hat sie das Gefühl, daß sie ganz allein sind, sie und Kjell, in einem Kreis, in den niemand anders eindringen kann. Lange stehen sie am Hafen. Sie hört das vertraute Glucksen des Wassers an den hölzernen Pfählen der Anlegestellen, spürt den Geruch von See und Tang, vertraute Geräusche und Gerüche, die für sie Zuhause bedeuten. Sie hat dasselbe Gefühl wie an ihrem ersten Abend nach dem Schulfest, aber nun erfüllt sie eine andere Freude. Sie legt ihr Gesicht an seine Brust, der Schnee auf dem zottigen Dufflecoatstoff schmilzt unter ihrer Wange, macht sie naß. Er umfaßt ihr Gesicht mit kalten Händen, sie denkt, daß jetzt alles zwischen ihnen neu anfangen wird.
„Du, Lena“, sagt er ernst. „Was du gesagt hast, weißt du, ich bin froh darüber. Das hat mich beeindruckt, verstehst du das? Es gefällt mir, daß ich Respekt vor dem Mädchen haben kann, das ich heiraten will.“
Das Mädchen, das ich heiraten will, hat er gesagt; und sie lächelt und verspürt eine verwunderte Freude.
Livs Brautstrauß besteht aus roten Treibhausrosen.
Lena kann in der Kirche den zitternden Strauß auf Livs Schoß sehen, ihre Hände, die ihn hart umklammern. Über die Lehne des Brautstuhles baumelt ein Seidenband, an dessen Ende ein Hufeisen aus Myrten befestigt ist, hin und her, hin und her.
„Erfreut euch, liebe Seelen ...“
Lena friert, denn sie weiß Bescheid. Liv war ihre beste Freundin, bis Lena das Dorf verlassen hat. Sie kennt Livs Träume. Für Liv war es unmöglich, das Gymnasium zu besuchen. Ihre Eltern konnten sich das nicht leisten. Liv beneidete Lena, ließ aber nicht den Kopf hängen. Sie war ein munteres Mädchen und wußte, was sie wollte. Das vierjährige Lehrerseminar war ihr Ziel, aber dafür mußte sie 17 sein. Das würde sie dann selber schaffen, sie konnte dann ein Studiendarlehen bekommen. Als Lena aufs Gymnasium ging, hatte Liv bereits vom Seminar die nötigen Unterlagen erhalten. Sie war eifrig, im Winter wollte sie sich auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten. Und das mit Erling ... Er war, wie so viele andere, hinter ihr hergewesen, aber Liv hatte die Sache nie ernstgenommen. Das weiß Lena. Hauptsächlich hat es ihr wohl geschmeichelt, daß er schon erwachsen war. Erling, der nie ein Buch aufmacht, der im Bus nach Festen in anderen Dörfern grobe Witze erzählt, Erling, der keine Musik mag. Und Liv geht in die Kirche, nur um die Musik zu hören.
„Erfreut euch, liebe Seelen,
ein Wunder ist geschehen,
von Engel zu erzählen ...“
Und Lena betrachtet den zitternden Brautstrauß, das baumelnde Band.
Die Hochzeit wird bei Erling zu Hause gefeiert. Im Brautzimmer ist der Gabentisch aufgebaut. Tassen und Schüsseln, Hausrat aller Art. Lena sieht, wie Liv die Rolle der erwachsenen Hausfrau übernimmt, wie sie in einer Schar von Frauen am Tisch steht, die alles befühlen. Kundige Hände, die Tücher und Läufer auseinanderfalten, der kurze Blick auf die Unterseite einer Tischdecke, um festzustellen, ob alles ordentlich verarbeitet ist.
Sie bleiben eine Weile allein. Liv läßt sich auf einen Stuhl plumpsen, wirft die hochhackigen Schuhe beiseite, die an ihren geschwollenen Füßen einen roten Rand hinterlassen haben. Sie streckt sich aus, lehnt den Kopf zurück, schließt die Augen. Ihre Arme hängen schlaff über die Armlehnen. Das glänzendweiße Taftkleid betont eher, wie es um sie steht, als es zu verbergen. Liv war genauso dünn wie Lena. Ihr rundes Kindergesicht ist blaß und angespannt, rote Flecken zeigen sich an Hals und Wangen.
„Bist du erschöpft, Liv?“
„O Gott, ich wünsch’ mir so sehr, alles wär’ schon vorbei!“
„Du? Du und Erling, ich hätte nie geglaubt ...?“
Liv sieht sie trotzig an. „Erwähn’ das nicht, hörst du? Ich hab’ den gekriegt, den ich haben wollte, das ist alles. Hast du das gehört, Lena?“ Und ihre Augen sind blank.
„Liv, bei mir kannst du doch ehrlich sein?“
„Ehrlich? Und was kann das wohl helfen?“
In diesem Moment kommt Erling mit einer Schar von Kameraden hereingestürmt. Liv springt auf, steigt in die Schuhe, zieht Kleid und Schleier gerade.
„Hier sitzt ja die Braut. Du kommst jetzt besser mit, die Jungs wollen den Brauttanz, weißt du“, sagt Erling.
„Ich mußte mich bloß einen Moment hinsetzen.“
„Du mußt aufpassen, daß sie nicht schon vor der Hochzeitsnacht erschöpft ist“, witzeln die anderen.
Erling tritt hinter Liv, legt seine großen Hände um ihren Bauch. „Ach, die härteste Arbeit ist schon getan, nicht wahr, Liv?“ grinst er. „Sie ist handfest, Jungs, oder? Wirklich was zum Anfassen.“
Liv lacht, muß sich an diesen groben Scherzen beteiligen, aber Lena sieht ihre Augen, das glühende Gesicht. Keiner der Männer ist nüchtern. Erling ist über seinem weißen Kragen rot und verschwitzt. Lena sieht seine hohen Geheimratsecken. Sie sieht die großen Hände auf Livs Bauch, denkt an seinen behaarten Körper, den sie beim Baden gesehen hat, an seine groben Ausdrücke, wenn er von Frauen redet ...
In den ersten Wochen nach Weihnachten sind sie abends nicht mehr so oft zusammen. Kjell macht die Schule dafür verantwortlich, während ihr Unruhe und Nervosität das Konzentrieren unmöglich machen. Stundenlang kann sie mit einem ungeöffneten Buch auf dem Sofa liegen, der Musik im Radio lauschen, die Decke anstarren, untätig. Sie vermißt ihn immer, wenn er nicht da ist. Manchmal hat sie Angst, daß er sie nicht mehr will, daß alles zwischen ihnen zu Ende ist, aber in den Pausen, wenn sie zusammen essen, wenn sie mit anderen zusammen sind, ist er derselbe. Sie sieht die Wärme in seinen Augen, spürt die Sicherheit, wenn er sie an sich drückt.
„Es geht gut, Lena, nicht? Bin ich vielleicht nicht tüchtig?“
Für kurze Zeit fühlt sie sich wieder sicher, froh, aber wenn sie allein ist, kehren Unsicherheit, Sehnsucht zurück. An den Wochenenden besuchen sie öfter als früher Feste, tanzen miteinander. Sie spürt die gute Kameradschaft, die sie verbindet. Spürt Wärme im Körper, wenn sie tanzen. Sie spürt, daß er sie will, spürt seine Erwartung, aber jetzt hat sie keine Angst; sie bereut, daß sie nicht eher mit ihm geredet hat.
Am schwierigsten ist es, wenn sie allein miteinander sind. Sie sieht, daß es ihm schwerer fällt als ihr, sie hat ihn nie so geliebt wie in dieser Zeit. An einem Samstagabend liegen sie auf dem Sofa. Sie liegen schon seit Stunden da, schwitzend und erschöpft, vollständig angezogen. Ihr Gesicht ist wund, ihre Lippen sind geschwollen, ihr Körper brennt, aber dennoch genießt sie es, seinen Körper an ihrem zu fühlen, ist froh, weil sie so zusammensein können, fühlt sich sicher, weil er sie nicht dazu drängt, weiterzugehen. Es ist so schön, sie hat ihn unglaublich lieb. Da schiebt er sie weg.
„Geh jetzt, Lena.“
Sein Gesicht ist nicht wiederzuerkennen, fremd. Er setzt sich auf, stützt seine Stirn auf die angezogenen Knie. „Du sollst gehen, hörst du?“
„Was hab ich denn getan?“
„Was du getan hast? Bitte, geh.“
Ihr ist schlecht. Mit steifen Fingern zieht sie ihren Mantel an, setzt sich zu ihm aufs Sofa. „Ich kann doch nicht einfach so gehen? Du mußt doch sagen, was los ist?“
„Es tut weh, Lena. Verstehst du das denn nicht? Es tut so verdammt, verflixt weh.“
„Ich kann doch nicht gehen, wenn dir etwas weh tut, das mußt du doch einsehen“, sagt sie weich. „Mir tut es auch weh.“
„Lena“, sagt er verzweifelt. „Du begreifst gar nichts.“
„Doch, Kjell, das tu ich.“
„Wenn du mich liebst, Lena, dann geh jetzt. Wir reden morgen über alles.“
„Hast du mich denn lieb? Jetzt weiß ich wirklich nicht, was ich glauben soll.“
„Ob ich dich lieb habe? Aber begreifst du denn nicht, gerade das ist doch so schlimm! Sonst könnte ich mir diese Hölle ersparen!“
Sonntagvormittag lernt sie, ruhig und sicher. Als er sie zum Essen abholt, gleitet sie still in seine Arme. Er hält sie von sich ab, erstaunt über ihre Augen, die ihn anstrahlen.
„Lena, ich hatte solche Angst, ich könnte dich gestern erschreckt haben.“
„Mich erschreckt haben? Aber Kjell, wo ich mich doch so schrecklich gefreut habe!“
„Gefreut?“
„Ja, ich liebe dich, Kjell.“
Er versteckt sein Gesicht in ihren Haaren. „Mein dummes, komisches Mädchen.“
Sie halten einander an den Händen. Der Schnee knirscht unter ihren Stiefeln, eine blasse Februarsonne hängt tief am Himmel.
„Ich bin so froh“, singt sie und schlingt die Arme um ihn, vergräbt ihr Gesicht an seinem Hals. „Ich bin so froh, weil ich den besten Jungen auf der Welt habe!“
Er lacht, und von seinem Atem wird ihr Nacken naß und kalt.
Nach dem Essen sitzen sie in seinem Zimmer. Er hat von Zuhause einen Kuchen bekommen. Mit Kuchentellern und Kaffeetassen sitzen sie einander gegenüber auf dem Sofa, wie immer, wenn sie sich unterhalten. Sie reden über alles Mögliche, sie hat das Gefühl, ihm ganz nah zu sein. Von der Kälte draußen sind ihre Wangen heiß und rot, und sie zieht den dicken Pullover aus. Sitzt im Schneidersitz in ihren Jeans, in dünnem weißen Pullover da, im Pferdeschwanz ein rotes Band, sie spürt seinen Blick.
„Herrgott, wie hübsch du jetzt gerade bist, Lena! Deine Augen strahlen. Weißt du das?“
„Du bist auch hübsch. Der Hübscheste, den ich kenne.“
„Komm“, sagt er.
Sie liegt auf seinem Arm, in ihr ist es warm und weich. „Ist es nicht schön so, Kjell?“
„Doch, Lena, so ist es schön.“ Er schmiegt sein Gesicht an ihren Körper, und so schlafen sie ein.
Sie wird wach, als seine Arme sich hart um sie schließen. Im Zimmer ist es dunkel, und sie fröstelt. Er holt eine Decke und breitet sie über sie, und in der halbwachen Stille kommt sie erst zur Besinnung, als beide nackt sind.
„Aber Kjell ...“
„Pst, sag jetzt nichts.“
Er ist in ihr, und sie spürt, daß er das angezogen hat. Plötzlich macht es nichts aus. Sie empfindet eine tiefe Freude, die durch ihren ganzen Körper flackert. Im Bauch scheint ein zitternder Knoten zu sitzen, aber ehe er sich lösen kann, ist es vorbei. Sie klammert sich an ihn an.
„Lena“, sagt er hilflos.
„Nein, nein“, weint sie, als er sich von ihr löst.
„Pst, warte doch“, und sie beißt in die Decke, um nicht laut zu schreien, als er am Waschbecken steht.
Sie fühlt sich in seinen Armen in der Dunkelheit hilflos und allein, und sie haßt es. „Ach, Kjell.“
„Hab keine Angst, Lena. Ich war vorsichtig, das weißt du doch.“
Die Tränen überwältigen sie. Vorsichtig, sagt er, aber er versteht einfach nicht. Davon ist doch nicht mehr die Rede, nicht davon, sondern von dem, was sie während eines kurzen, intensiven Augenblicks verspürt hat. Er hat es weggerissen. Wie kann er das verstehen?
Dann kämpft sie gegen ihre Tränen, und er streichelt unbeholfen ihren Rücken, bis sie versiegen. Sie starrt mit schmerzenden Augen in die Dunkelheit.
„Du, Lena? Ich wollte das nicht. Eigentlich wollte ich das nicht.“
„Das weiß ich, Kjell. Das war nicht bloß deine Schuld. Ich hab’s sicher auch gewollt.“
„Gestern abend, Lena, du mußt versuchen, das zu verstehen.“
„Meinst du denn, ich versteh’ das nicht?“
„Du kannst das nicht verstehen, du als Mädchen.“
„Wie meinst du das?“
„Es tut so verdammt weh, verstehst du, und zwar da.“
„Wovon redest du denn bloß, Kjell?“
„Ich sag’, daß es wehtut. Körperlich, verstehst du das? Du hast es doch gestern abend selber gesehen. Wenn du mich so erregst, dann ist das eine Hölle, von der du dir einfach keine Vorstellung machen kannst.“
Sie will seine Worte nicht begreifen. Sie hat geglaubt, etwas Großes gesehen zu haben, Liebe. Herrgott, das kann doch nicht stimmen, was er sagt! Daß es körperlich wehtut, und sie lacht und lacht und kann einfach nicht aufhören. Und ihr Lachen geht in Weinen über.
Er schüttelt sie. „Lena, hör auf! Was ist los mit dir?“ Und er gibt ihr eine Ohrfeige. Ihr Schluchzen verstummt jäh. Sie legt die Hand auf ihre Wange. „Du hast mich geschlagen, Kjell!“
„Mußte ich doch, du mußt dich beruhigen. Wir sind nicht allein im Haus.“
Sie sinkt in seinen Armen zusammen. „Hilf mir, Kjell.“
„Ja, Lena, ich helf dir.“
Er küßt ihr Gesicht, streichelt ihre Haare, ihren Rücken, schmiegt sich eng an sie und sie hat nicht die Kraft, sich zu wehren, als seine Liebkosungen härter werden. Hat nicht die Kraft sich zu wehren, als er in sie hineinkommt.
„Nein, Kjell, bitte nicht“, bittet sie.
„Lena, mein Mädchen, merkst du nicht, daß ich dich liebe?“
Später schläft er ein, und sie legt ihr Gesicht an seinen Rücken, nimmt ihn in den Arm.
Sie wird davon wach, daß er wieder in ihr ist, schnell, hart und schmerzhaft.
Zitternd zieht sie sich an.
„Ich bring’ dich nach Hause“, sagt er.
„Nein. Bald wird es hell, und uns könnte jemand begegnen. Ich geh’ lieber allein.“
„Du, Lena“, bittet er weich. „Komm her.“
Sie setzt sich zu ihm, er nimmt ihre Hand, spielt schläfrig mit ihren Fingern.
„Du bist nicht böse? Bist nicht traurig?“
„Nein, böse ...“
„Das mußte doch passieren, wir haben es ja beide gewollt. Wir konnten doch nicht so weitermachen ...“
„Nein, das konnten wir wohl nicht.“
„Gib mir einen Kuß, ehe du gehst.“
Sie beugt sich vor, küßt ihn kurz auf die Stirn. Im Mund hat sie einen klebrigen, ekelhaften Geschmack nach Schlaf und Weinen.
Sie schleicht in die kalte Dämmerung hinaus, wartet ein Weilchen, nachdem die Tür ins Schloß gefallen ist; hat Angst, jemand im Haus könnte sie hören. Übelkeit wogt in ihr auf.
Sie lehnt sich an einen Laternenpfahl, bis sie sich genug gesammelt hat, um weiterzugehen. Sie weiß nicht, wie sie nach Hause kommen soll. Ihre Beine zittern unter ihr, ihr Unterleib schmerzt, sie ist naß und wund, beim letztenmal hat er kein Kondom benutzt. Ihre engen Jeans scheuern, aber am allerschlimmsten ist das Gefühl, das sie in sich spürt.
Ein Arbeiter unterwegs zur Frühschicht begegnet ihr, und sie verbirgt ihr Gesicht in ihrer Kapuze, um seinem neugierigen Blick auszuweichen. Vorsichtig schließt sie die Tür auf, zieht die Stiefel aus, schleicht die Treppe hinauf und schließt hinter sich die Tür. Unter strömenden Tränen wäscht sie sich, reibt sich mit Wundcreme ein, liegt glühendheiß und naß, fröstelnd im kalten Bett. Kann nicht denken, kann nicht fühlen; später, später wird sie das machen.
Tage und Wochen gehen ineinander über. Es wird Frühling, die Wege bestehen nur noch aus braunem, glucksendem Matsch. Sie geht Hand in Hand mit Kjell über die Frühlingswege. Die Sonne sticht ihnen in die Augen, es riecht nach Frühling, die Luft schmeckt nach Frühling, und sie hat Heimweh. Heimweh nach der Sicherheit zu Hause. Manche Tage sind schön, an solchen Tagen fühlt sie sich ihm ganz nah. An anderen Tagen faucht sie gereizt bei allem, was er sagt oder tut. Am schlimmsten ist es, wenn sie auf ihre Tage wartet. Sie verspäten sich immer, sie weiß nicht, wann sie kommen werden, immer hat sie die gleiche Angst, und wenn die Regel dann endlich kommt, ist ihre Erleichterung so groß, daß sie Unbehagen, Schmerzen, Schmutz vergißt. Es ist wieder so wie vor Weihnachten, aber nun ist sie abhängiger von ihm denn je. Sie wagt nicht mehr, an ihre Mutter und an das Vertrauen zu denken, das ihre Eltern in sie setzen. Sie wagt auch nicht, an das zu denken, was in der Nacht passiert ist, als sie wieder zusammenkamen. Kjell erwähnt es nie, und sie spürt, daß es jetzt keinen Weg zurück mehr gibt.
Die Kluft zwischen ihr und den anderen Mädchen vergrößert sich zusehends. Bei dem Leben, das sie führt, hat sie keine Zeit, sich an irgendeine Klassenkameradin anzuschließen. Es kommt ihr unglaublich vor, daß sie die Schularbeiten schafft, daß sie mitten im Chaos ihrer Gefühle und Stimmungen lernen kann. Sie schreibt Klassenarbeiten und legt Zwischenprüfungen ab, als Vorbereitung für die richtigen Prüfungen am Ende des Schuljahres.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.