Kitabı oku: «Kurze Formen in der Sprache / Formes brèves de la langue»

Yazı tipi:

Anne-Laure Daux-Combaudon / Anne Larrory-Wunder

Kurze Formen in der Sprache / Formes brèves de la langue

Syntaktische, semantische und textuelle Aspekte / Aspects syntaxiques, sémantiques et textuels

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISBN 978-3-8233-8386-4 (Print)

ISBN 978-3-8233-0246-9 (ePub)

Inhalt

  Irmtraud BehrZum 67. Geburtstag

  Einleitung Literatur

  „Kurze Formen“ in der Sprachtheorie / Les « formes brèves » dans la théorie linguistique

 ‚Kürze‘ und kurze Formen in der Geschichte der deutschen Grammatikographie1 Die Bedeutung kurzer bzw. kürzerer Formen im 17. und 18. Jahrhundert2 ‚Kürze‘ und kurze Formen in Christian Friedrich Hempels Erleichterte Hoch-Teutsche Sprach-Lehre […] (1754)3 ‚Kürze‘ und kurze Formen in Max Wilhelm Götzingers Die deutsche Sprache (1836–1839)3.1 „Offene“ Ellipsen und „versteckte“ Ellipsen3.2 Veränderungen von ‚Valenz‘-Eigenschaften durch elliptische Prozesse in der Diachronie und Synchronie3.3 „Weglassung des schon Gesagten“3.4 „Logische Ellipsen“3.5 „Zusammenziehung“ und „Verschmelzung“3.6 Auslassung, Verschmelzung und Ellipsen in Komposita4 SchlussLiteratur

  Infinite, afinite und verblose Sätze aus diachroner und typologischer Sicht 1 Problemstellung 2 Verblose, in- und afinite Sätze als overte und coverte Ellipsen 3 Sätze ohne finites Verb als nichtelliptische Syntagmen 4 Afinitheit im kurzen historischen Aufriss 5 Afinitheit als textsortenspezifisches Phänomen 6 Typologie und Textgrammatik afiniter Sätze in historischen Texten 7 Rückblick Literatur

 L’imaginaire linguistique de la brièvetéIntroduction1 Quand la brièveté de la prise de parole est éthique chez l’homo urbanus2 Quand la brièveté est belle chez l’homo ludens3 Quand la brièveté est fonctionnelle et rapide chez les linguistes3.1 La valorisation dans le discours institutionnel3.2 L’économie linguistique comme principe d’évolutionConclusionBibliographie

  Die lange Geschichte der kurzen Formen Einleitung 1 Die Debatte um die Eingliedrigkeit von Sätzen 2 Ambienz, versteckte Indexikalität und unartikulierte Konstituenten 3 Fazit Literatur

  Ein sprachvergleichender Blick auf das Schema x ≆ y 1 Einleitung 2 Das Schema x ≆ y 3 Giveness and Newness – Infinit vs. Komplementsatz 4 Fazit Literatur

 Formes brèves non lexicales : comment les inscrire dans une théorie syntaxique ?1 Approche concrète des éléments paralinguistiques2 Le support théorique : la théorie des positions et la théorie des termes2.1 Théorie des positions2.2 Théorie des termes3 La théorie des termes étendue3.1 Les propriétés nominales de l’image3.2 Les propriétés verbales de la grimace3.3 Les propriétés interjectives du smiley3.4 Les propriétés adverbiales de l’effet typographique3.5 La superposition des termes4 ConclusionÉtudes citées

 Prozeduren, partikulares sprachliches Handeln und die Systematisierung von „formes brèves“1 Systematische mono- oder biprozedurale Strukturen2 Partikulares Handeln2.1 Partikulares Handeln, verkettet2.2 Partikulares Handeln, vereinzelt3 Prozedurales Handeln, pragmatisch bedingtLiteratur

  Verblose Sätze im Text / Énoncés averbaux en texte

 Enoncés averbaux : brièveté ou altérité ?1 Introduction2 La brièveté en jeu2.1 Quelles cartes jouer ?2.2 Jouer la carte « discours »3 Engager la partie3.1 Rappel de l’enjeu3.2 Première donne3.3 L’atout « averbalité »4 Remise en jeu4.1 Nouvelle donne4.2 La brièveté hors-jeu ?5 À la japonaise5.1 Ouverture5.2 Coup d’oeil sur les cartes5.3 L’averbalité en jeu5.4 Prise d’avantage(s)5.5 Empocher la mise6 ConclusionRéférences bibliographiquesSources

 „Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen“Einleitung1 Textausschnitt2 Ellipsenbegriff3 Origo, Perspektive und Stimme4 Die Unbestimmtheit der Origo5 Ansatz zur Interpretation der Unbestimmtheit der Origo6 FazitLiteratur und QuellenLiteraturQuellen

 Les phrases averbales : des formes brèves pour des genres brefs ?Introduction1 Une forme brève autonome ?2 Une forme brève dans des genres non brefs2.1 La situation de communication ou le contexte comme apport à la phrase averbale2.2 La phrase averbale comme mise en exergue2.3 La phrase averbale méta-discursive3 Une forme brève dans un genre bref3.1 Contraintes spatiales et temporelles : les affichages numériques dans l’espace public3.2 Contraintes ou moules énonciatifs : les avant-textes3.3 Contraintes ou moules énonciatifs : les paratextesConclusionBibliographie

 „von frona auff vrssenowa nach 3 Monat, licht am Meilander herschafft, alles guter weinwagchx, vndt kornbauw“ (‚Söldnerleben‘ 17. Jh.)Einleitung1 Identifikation verbloser Sätze2 Abgrenzung verbloser Sätze zu anderen Einheitentypen2.1 Abgrenzung von Satzrandstrukturen2.2 Abgrenzung von anderen nichtsatzförmigen selbstständigen Einheiten3 Klassifikation verbloser Sätze4 Ergebnisse und FazitLiteratur und Quellen

 Kurz gesagt, kurz gefragt: „Verblose Fragen? Na und?“1 Einleitung2 Verschiedene Formen des verblosen Fragesatzes2.1 Verblose Ergänzungsfragesätze2.2 Verblose Entscheidungsfragesätze2.3 Verblose Alternativfragesätze3 Die verschiedenen Formen des verblosen Fragesatzes im Vergleich zu den 5 großen Klassen des VLS3.1 VLF mit starker Kontextabhängigkeit: strukturgestützter VLS, prädikativer VLS und fragmentarischer VLS mit starkem Linksbezug3.2 VLF mit schwächerem Bezug zum Kontext: der schwächer kontextorientierte fragmentarische VLS und die interne Prädikation4 Die Verwendung des verblosen Fragesatzes5 SchlussLiteratur

  Kurze Textformate und sprachliche Kürze / Brièveté en texte(s)

  „Kurze Formen“ in deutschsprachigen Comics aus den 30er Jahren 1 Einleitung 2 Multimodalität und Tendenz zur Reduktion 3 Frühe deutschsprachige Comics 4 Zusammenspiel zwischen bildlicher und textueller Komponente und Formen der Reduktion 5 Schluss Literatur

 Verblose Sätze und kommunikative Praktiken in Sozialen Medien am Beispiel der #MeToo-Bewegung1 Einleitung und verblose Sätze2 Diskursführung in Sozialen Medien, die #MeToo-Bewegung und verblose Sätze3 Positionierungsstrategien durch sprachliche Handlungen und kommunikative Praktiken in dem #MeToo-Diskurs auf Twitter um VLS3.1 Praktik der Offenbarung des eigenen Missbrauchs3.2 Praktik der Verurteilung von Gewalt gegenüber Frauen3.3 Praktik der Aufforderung zum juristischen Vorgehen gegen sexuelle Belästigung3.4 Praktik der Mobilisierung für die #MeToo-Bewegung3.5 Praktik der Urteilsbildung (Typen: 1. über die #Me-Too-Bewegung, 2. über Diskursteilnehmerinnen und Diskursteilnehmer, 3. über Gewalt gegenüber Frauen und 4. über Medienprodukte zur #MeToo-Bewegung)3.6 Praktik der Forderung nach einer Differenzierung in der #MeToo-Bewegung3.7 Praktik der Äußerung von männlichen Ängsten vor falschen Anschuldigungen4 FazitLiteratur

 Zur Bedeutungskonstitution in Kurzformen der Kommunikation im öffentlichen Raum1 Einleitung2 Framesemantische Ansӓtze3 Strukturelle Merkmale von Kurzformen der Kommunikation im ӧffentlichen Raum3.1 Ӧffentlicher Raum und Wahrnehmung3.2 Kürze und Texthaftigkeit der Kommunikationsangebote4 Bedeutungskonstitution – eine framesemantische Analyse4.1 Der Bewegungsframe4.2 Das Schild Frauenparkplatz4.3 Werbebanner Schwarzfahren mit Garantie4.4 Werbespot Shortcut Billboards5 FazitLiteraturQuellenverzeichnis

 Die „kurzen Formen“ im deutschen Bundestags- und im österreichischen Nationalratswahlkampf 2017 am Beispiel der Konstruktionen ‚(x) für x‘ und ‚(x) Zeit x‘1 Neue Medienkanäle als Herausforderung2 Die zwei signifikanten Konstruktionen (x) für x und (x) Zeit x3 Die Konstruktion (x) für x3.1 CDU / CSU3.2 AfD, Neos, FPÖ, ÖVP, SPÖ und Linkspartei3.3 Überblick über die (x) für x-Konstruktionen im Bundestags- und Nationalratswahlkampf 20174 Die Konstruktion (x) Zeit x4.1 SPD – Zeit für mehr Gerechtigkeit4.2 SPÖ und ÖVP4.3 Überblick über die (x) Zeit x-Konstruktionen im Bundestags- und Nationalratswahlkampf 20175 ResümeeQuellenverzeichnisLiteratur

 Was ist in Wahlslogans implizit, was explizit?1 Korpus2 Verstehen als Konstruktion3 Der Wahlslogan als Textsorte4 Interpretation der Wahlslogans4.1 Interpretationsrahmen4.2 Analyse der Wahlslogans4.3 Ergebnisse5 AusblickLiteratur

  Verdichtung /Condensation

  ‚Aus Spaß an der Freude‘ oder ‚In der Kürze liegt die Würze‘? Einleitung 1 Kofferwort: Begriffsbestimmung und Herkunft 2 An der Schnittstelle von Kofferwort – Lehnwort – Anglizismus – Neologismus: Wortbildungen nach dem Schema man + englisches VERB + ing Schlussbemerkung Literatur Kofferwort-Wörterbücher

 Stereotypisierte Redeformen und Kultureme1 Zur Verwandtschaft zwischen Kultur und kognitiver Sprachauffassung1.1 Allgemeine theoretische Ansätze1.2 Stereotypen und typisierte Redeformen1.3 Zu den „Miniaturen“2 Sprachliche Miniaturen bei Rainer Nikowitz2.1 Phraseme2.2 Slogans2.3 Routinewendungen2.4 Anscheinend „freie“ ÄußerungenSchlussbemerkungenLiteraturQuellentexte

  Une forme brève énigmatique : le composé aha. ‘liût chuô’ 1 Contextualisation de l’occurrence 2 Analyse sémantico-référentielle 3 Les traductions de vaccas populorum dans d’autres traditions 4 Analyse pragmatique Conclusion Bibliographie

  Operatoren /Opérateurs

 „GELL der setzt ihr bestimmt son hÜtchen auf“1 Einführung2 Zum Begriff ‚Operator-Skopus-Struktur‘3 Operator-Skopus: Allgemeines Verfahren der Gesprächsorganisation oder (Einzel-)Konstruktion?4 Diskussion einer engen Definition des Begriffs ‚Diskursmarker-Konstruktion‘4.1 Diskursmarker im Verhältnis zu Modalpartikeln und Vergewisserungssignalen4.2 Zum Kriterium der Pragmatikalisierung4.3 Zum Kriterium der Initialstellung4.4 Weitergehende Prüfung der angesetzten Kriterien für Diskursmarker-Konstruktionen5 SchlussTranskriptionskonventionen nach GAT2

 Absolute Verwendung von Konjunktoren1 Einleitung: Vollständige und nicht-vollständige Koordinationen1.1 Prototypische Koordinationen1.2 Fragmentarische Koordinationen1.3 Absolut verwendete Konjunktoren − Typ “S2: [ ] K [ ]”2 Zur Bedeutung der Konjunktoren und zum Status der Konnekte2.1 Zur Bedeutung der Konjunktoren2.2 Zum Status der Konnekte

 ‘Ja doch’ au début d’un tour de parole en allemand1 Introduction2 L’analyse compositionnelle de ja doch2.1 Les emplois de ja2.2 Les emplois de doch2.3 Ja doch comme combinaison de deux éléments indépendants3 Ja nein, ja aber, ja doch – trois constructions ?4 Conclusion5 Conventions de transcription (GAT II)6 Bibliographie

 „Ah:: la hoLLANde“. Zum Format [ah + Nominalphrase] im Französischen: Notifikation, Bewertung und Affektivität1 Zum Problem2 Forschungsstand3 Korpus und Methodologie4 Analyse4.1 [ah + NP] als First Pair Part4.2 [ah + NP] als Second Pair Part5 Diskussion und AusblickLiteraturTranskriptionskonventionenMultimodalität (nach Mondada 2018)Wissenschaftliche Publikationen von Irmtraud BehrQualifikationsschriftenMonographieMitherausgeberschaftenArtikelÜbersetzungen


Irmtraud Behr

Zum 67. Geburtstag

Einleitung

Die in diesem Band enthaltenen Beiträge gehen auf eine Tagung zurück, die im Juni 2018 an der Universität Sorbonne Nouvelle anlässlich des 65. Geburtstags unserer Kollegin, Prof. Dr. Irmtraud Behr, stattfand. Von den verblosen Sätzen über „parenthetische Einschübe“ (vgl. Spitzl-Dupic 2018) und „fragmentarische Äußerungen“ (vgl. Marillier / Vargas 2016) bis hin zu den Schildern im öffentlichen Raum liegt ein Schwerpunkt der Forschungsarbeiten von Irmtraud Behr auf sprachlichen Formen, die als ‚kurz‘ bezeichnet werden können. Solche kurzen Formen kommen ohne die üblichen Satzmittel (z.B. finites Verb) aus, setzen besondere deiktische Mittel ein und weisen komplexe Beziehungen zum Kontext auf. Als ‚regelabweichende Strukturen‘ bilden sie eine Herausforderung für wort-, satz- und verbzentrierte Beschreibungsmodelle der Sprache und zwingen zu neuen Wegen (s. die Liste der Publikationen von Irmtraud Behr S. 383).

Bei ‚kurzen Formen‘ handelt es sich zwar weder um einen wissenschaftlich klar abgegrenzten, noch um einen fest etablierten Begriff. Im Unterschied zu dem anscheinend nahestehenden, viel diskutierten Begriff der ‚Ellipse‘ (vgl. Hennig 2013) klingt der Begriff ‚kurze Form‘ sogar nach einem relativ ‚theoriefreien‘ Forschungsgegenstand. Doch sprachliche Kürze bildet andererseits „eine der klassischen Kategorien von Rhetorik und Stilistik“ (Gardt 2007: 70) und wohl deswegen durchaus ein Phänomen, das im kollektiven Sprachbewusstsein präsent ist (vgl. Bär / Roelcke / Steinhauer 2007 oder Balnat 2013: 82) und Gegenstand sprachkritischer, normativer, grammatischer und epilinguistischer Diskurse ist. ‚Kurze Formen‘ zu thematisieren bedeutet oft, dass man sie mit „längeren Formen“ paraphrasiert oder vergleicht, da ‚Kürze‘ nur eine relative Größe ist. Die Frage stellt sich, was hinter solchen Vergleichsversuchen steckt, warum und wozu überhaupt ‚kurze‘ sprachliche Formen mit ‚langen‘ verglichen werden und warum sie besonders herausgestellt werden. Oft dienen solche Vergleiche dazu, in rhetorisch-stilistischer Tradition Wertungen und Empfehlungen vorzunehmen, denn kurze Formen gelten einerseits als ökonomisch und prägnant, andererseits bergen sie die Gefahr der fehlenden Deutlichkeit und Klarheit – wenn man auf die Rezipienten und deren nötige Mitarbeit fokussiert. Eine weitere Frage ist, ob eine als kurz bezeichnete Form „an sich“ kurz ist oder ob sie als Kürzung einer umfangreicheren Form analysiert werden sollte. Die aktuelle Forschungstendenz (s. dazu auch Baldauf-Quilliatre 2016) geht eher dahin, kurze Formen nicht als defizitäre Formen anzusehen, sondern ihrem eigenen Potential für die Realisierung besonderer kommunikativer Zwecke und textueller Funktionen unter Einbeziehung des außersprachlichen Kontextes auf den Grund zu gehen. In solchen Debatten nimmt das Phänomen der Verblosigkeit eine gesonderte Stellung ein, da ein Grundverständnis von Satz und Syntax an das Verb gebunden ist, welches durch das Fehlen der verbalen Einheit erschüttert zu werden scheint. Über das Thema ‚Verblosigkeit‘ hinaus ergibt sich die Frage, was zur elementaren Gliederung eines Satzes gehört, was zum Ausdruck eines Gedankens in Form eines Satzes notwendig ist und ob konkurrierende Satzmodelle bestehen können bzw. sollten.

Die Debatte um den Stellenwert kurzer Formen in der Sprachtheorie bildet den Ausgangspunkt des Bandes: Friederike Spitzl-Dupic geht der Diskussion über ‚Vorzüge‘ und ‚Nachteile‘ kurzer sprachlicher Formen in der deutschen Grammatikographie des 18.–19. Jahrhunderts nach, wobei diese Diskussion im damaligen sprachrachpolitischen Kontext zu situieren ist, wo das Deutsche mit den Referenzsprachen Latein und Französisch verglichen wird. Am Beispiel zweier Grammatiker, Hempel und Götzinger, werden zwei unterschiedliche Ansätze präsentiert: Bei Hempel spiegeln sich die zeitgenössischen Topoi der Deutlichkeit und Bestimmtheit in einer hyperkorrektiven Forderung nach maximaler Expliziertheit wieder. Götzinger dagegen integriert Sprecher- und Hörerperspektive sowie die Rolle des Kontextes, unterscheidet verschiedene grammatische ‚elliptische‘ Strukturen und versucht kommunikative Funktionen unterschiedlicher kurzer Formen zu identifizieren. Sein Ansatz bildet, so Spitzl-Dupic, den „Höhepunkt einer pragmatischen Ausrichtung, die in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzt“.

Der Beitrag von Mikhail Kotin und Monika Schönherr fokussiert auf die Verblosigkeit als Merkmal infiniter und afiniter Strukturen. Es geht den Autoren in einer typologischen und universalgrammatischen Perspektive darum, solchen infiniten und afiniten Syntagmen „vollen Satzwert“ zuzuweisen. Infinite Strukturen werden einerseits als coverte bzw. overte Ellipsen interpretiert, andererseits als „nichtelliptische Kompressionen“ analysiert. Daran anknüpfend werden diachronische Aspekte untersucht: Es wird gezeigt, dass sich bei der Verwendung afiniter Strukturen als ‚syntaktische Kurzformen‘ in der Diachronie sowie in der Gegenwartssprache stilistische und pragmatische Faktoren nachweisen lassen.

Odile Schneider-Mizony geht den ‚Haltungen‘ und ‚Träumereien‘ der Sprecher (Philosophen, Rhetoriker, Sprachwissenschaftler…) auf die Spur, in denen Mythen und Topoi zur Sprache erscheinen. Die sprachliche Kürze ist Gegenstand ethischer, poetischer, sprachhistorischer Überlegungen, in denen die Vorzüge und Nachteile von kurzen Formen hinsichtlich Wahrheit, Effizienz, Eleganz, Höflichkeit, Klarheit, Prägnanz, Aufwand … abgewogen werden. Insgesamt genießt sprachliche Kürze, zumindest im europäischen Sprachbewusstsein, einen positiven Ruf, was aber eher auf einer instrumentalen Auffassung von Sprache beruht.

Ähnlich wie verblose Sätze stellen auch sogenannte ‚eingliedrige Sätze‘ eine Herausforderung an das Verständnis von Sätzen und ihrer Funktion dar. Frank Liedtke zeichnet die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Debatte um die Eingliedrigkeit von Sätzen in wissenschaftshistorischer Perspektive nach, ausgehend von Autoren, die von der Auffassung der notwendigen Zweigliedrigkeit Abstand nehmen (Miklosich), bzw. die für solche Strukturen ein unbestimmtes Subjekt (Wundt) oder zumindest die Verknüpfung zweier Vorstellungen (Paul) annehmen und eingliedrigen Sätzen einen eigenständigen Platz in der Sprachtheorie einräumen (Martys „thetische Aussagen“), bis hin zu modernen Debatten um die Ergänzung indexikalischer Elemente als „unartikulierte Konstituenten“ in der semantischen Repräsentation (Perry, Stanley / Szabo, Récanati).

Katharina Mucha untersucht minimale Formen der ‚Zweigliedrigkeit‘,nämlich solche Sätze, bei denen ein zugrundeliegendes Schema des Typs x ≆ y angesetzt werden kann (Die Schildkröte ist weise / Der Elefant ist fröhlich / Surfen ist cool / Koch zu sein, ist der lukrativste Job der Welt / Loving you is killing me etc.) und unterscheidet dabei verschiedene Typen von Prädikaten und kopulativen Relationen, die sie in Verbindung setzt mit Wissensrepräsentationen in der mentalen Abspeicherung (semantisches vs. episodisches Gedächtnis) und mit denen sie die Möglichkeit verschiedener Perspektivierungsleistungen in Bezug auf Givenness / Newness verknüpft.

Mustapha Krazem interessiert sich für nicht-sprachliche kurze Formen im gesprochenen und geschriebenen Sprachgebrauch bzw. für nicht-sprachliche Zeichen wie Gesten, Typographie, Interpunktion usw., die er insofern für kompakt hält, als sie Inhalte aggregieren, deren verbaler Ausdruck mehrere Wörter verlangen würden. Er vertritt die Idee, dass das sprachwissenschaftliche Material nicht ausschließlich aus Wörtern besteht, und schlägt vor, „Wörter und Grimassen gleichzusetzen“ und Wörter und nicht-sprachliche Zeichen in einem einheitlichen theoretischen und deskriptiven Rahmen zu behandeln. Er zeigt, dass sich Milners Theorie der syntaktischen Positionen auf nicht-sprachliche Zeichen anwenden lässt, da die kategorielle Zugehörigkeit eines sprachlichen Zeichens für dessen Zugang zur Syntax ausreicht. So belegt Krazem, dass das Bild nominale Eigenschaften hat, die Grimasse verbale, der Smiley interjektive und die markierte Typographie adverbiale.

Angelika Redder nimmt eine handlungsanalytische Klassifizierung von verblosen kurzen Formen „hinsichtlich ihrer Suffizienz im Verständigungshandeln zwischen Sprecher und Hörer“ vor. Sie unterscheidet zwischen partikularem, suffizient prozeduralem und musterspezifisch positioniertem prozeduralen Handeln. Das suffizient prozedurale Handeln, das von der Funktionalen Pragmatik als ‚Prozedur‘ bestimmt wurde, entspricht einer nicht-elliptischen, „elementaren Form“ sprachlichen Handelns, die weder prädikativ ist, noch als Operator fungiert. Partikulares sprachliches Handeln kommt im Kontext moderner narrativer Texte vor. Seine Formen erscheinen vornehmlich als „Ketten“ und sind „in ihrer Komplexität zwischen der Prozedur und der Sprechhandlung angesiedelt“. In ihren pragmatischen Funktionen erstrecken sie sich vom koperzeptiven Reportieren zum rekonstruktiven konstellativen Schildern. Der letzte Typ, das musterspezifische positionierte prozedurale Handeln, stellt dagegen keine eigene Handlungsform dar, sondern reiht sich an bestimmten sequentiellen Positionen in Handlungsmuster ein.

Die Verblosigkeit hat eine besondere Stellung in der Diskussion um kurze Formen in der Sprache, wie die Beiträge von Friederike Spitzl-Dupic, Mikhail Kotin / Monika Schönher und Angelika Redder zeigen. Die Beiträge im zweiten Teil des Bandes gehen noch einmal auf das Verhältnis von Verblosigkeit und Kürze bzw. auf die besonderen Merkmale verbloser Satzstrukturen ein. Dabei wird davon ausgegangen, dass verblose Sätze an sich sowohl kurz als auch lang sein können, dass sie aber eine Disposition zur Kürze zeigen, die unmittelbar mit textsortenbestimmenden, ästhetischen und kommunikativen Eigenschaften korreliert.

Hervé Quintin geht der Frage nach, inwiefern verblose Sätze als ‚kurze Formen‘ charakterisiert werden können. Eigentlich kann ein verbloser Satz genauso lang sein wie auch ein Satz mit Verb kurz sein kann. Doch verblose Sätze beruhen tatsächlich oft auf relativ einfachen syntaktischen Mustern und werden diskurspragmatisch in Kontexte eingesetzt (Schilder, Hinweise…), die eine minimalistische Syntax bedingen. So vertritt Quintin die These, dass die Kürze verbloser Strukturen weniger als intrinsisches Merkmal denn als kontextuelle Bestimmung solcher Strukturen anzusehen ist, die aber auf einem eigenen Potential beruht: Verblose Sätze eignen sich besonders gut, einen Bruch im Text zu markieren, sie sind ein Indiz der Alterität.

Die Alterität verbloser Sätze manifestiert sich auch in literarischen Erzählungen, in der verblose Sätze auf mehrere Stimmen gleichzeitig zu verweisen vermögen. Daniel Holzhacker zeigt am Beispiel des Lenz von Büchner, dass „Ellipsen“ dadurch, dass sie kein finites Verb enthalten und kein Tempus aufweisen, über keine klare Origo verfügen und eine Ununterscheidbarkeit der Stimme des Erzählers von der der Figur hervorrufen, wobei der Effekt entsteht, dass der Leser in eine ähnlich prekäre Lage bezüglich des Erkennens der ,realenʻ Welt des Textes versetzt wird wie die Figur selbst.

Der Beitrag von Florence Lefeuvre kommt auf das Verhältnis von Verblosigkeit und Kürze zurück. Lefeuvre zeigt, dass verblose Sätze in langen Textformaten auch eine längere Form haben können, dass also Verblosigkeit nicht unbedingt mit ‚Kürze‘ einhergeht: Aufgrund seiner Charakteristika wird der verblose Satz in unterschiedlichen Diskursgattungen genutzt. Lefeuvre untersucht die Rolle von drei Faktoren näher: Um zu veranschaulichen, wie sich verblose Sätze auf die Kommunikationssituation oder den Kontext stützen, erwähnt sie das ‚Für-sich-Schreiben‘ und vergleicht z.B. Formulierungen der Autorin Simone de Beauvoir in Einträgen aus ihrem Kriegstagebuch und in ihren Briefen an Sartre desselben Datums: Im Tagebuch werden bevorzugt verblose Formulierungen gewählt, während in den Briefen verbale Formulierungen vorkommen. Lefeuvre zeigt weiterhin, dass verblose Sätze als Mittel zur Hervorhebung oder auch zur Diskursstrukturierung fungieren. In einem Diskurs mit verbalen Strukturen bilden verblose Sätze einen Bruch, der auf Unerwartetes fokussiert und eine neue Thematik einführen kann. Was die Verwandtschaft zwischen verblosen Sätzen und kurzen Textformaten angeht, so ist diese einerseits auf die räumlichen und zeitlichen Einschränkungen, andererseits auf die enunziativen Muster (s. Vor- und Paratexte) zurückzuführen.

Mathilde Hennig erprobt den Ansatz von Behr / Quintin (1996) an der Segmentierung syntaktischer Einheiten in neuhochdeutschen Texten und diskutiert an authentischen Textbeispielen die Abgrenzung verbloser Sätze von sogenannten ‚Satzrandstrukturen‘ und „nichtsatzförmigen selbständigen Einheiten“. Von der Hypothese ausgehend, verblose Sätze seien „ein Phänomen der Sprache der Nähe“, untersucht sie, inwiefern der Gebrauch verbloser Sätze mit bestimmten Textprofilen korreliert.

Sibylle Sauerwein Spinola widmet sich der Frage, ob die allgemeinen Kategorien, die Behr / Quintin (1996) für verblose Sätze erstellt haben, auch mit Fragesätzen vereinbar sind. Denn selbst wenn die Autoren Beispiele in Frageform behandeln, wird in ihrer Studie der Fragesatz nicht thematisiert. Darüber hinaus hinterfragt Sauerwein Spinola auch die Klassifizierungen, die es für Fragen gibt. In ihrem Korpus aus mehr als 1.000 Fragesätzen sind 20 % verblose Fragesätze zu finden, darunter sowohl Ergänzungs- als auch Entscheidungsfragesätze oder (auch wenn nur sehr selten) Alternativfragesätze. Alle von Behr / Quintin (1996) ermittelten Kategorien von verblosen Sätzen sind im Korpus vertreten, und es scheint keine neue Klasse nötig zu sein. Verblose Fragesätze sind meistens verblose Sätze mit klarem Linksbezug. Sie haben mehrere mögliche textuelle Funktionen: Sie leiten ein neues Thema ein, strukturieren den Text oder bewirken polyphonische Effekte.

Dass ‚kurze Formen‘ nicht als ‚defizitäre‘ Formen zu analysieren sind, sondern ‚vollwertige‘ Ausdruckmittel mit eigenem kommunikativen Potential darstellen, drückt sich auf eine besondere Weise in kurzen Textformaten aus, in denen sprachliche Kürze räumlich und zeitlich bedingt ist (Behr / Lefeuvre 2019). Mit solchen kurzen Textformaten befasst sich der dritte Teil des Bandes. Die Anzahl und die Größe der Panels in Comics sind begrenzt, Twitter-Beiträge können nicht mehr als 280 Zeichen enthalten, Werbeplakate und Verkehrsschilder sind, institutionell und materiell bedingt, auf wenig Platz beschränkt. In der Untersuchung dieser kurzen Textformate kann der rein sprachliche Teil nicht vom Bild, von der Materialität, vom Kontext, vom Wissen der Gesprächspartner getrennt werden. Hier spielen u.a. Multimodalität, Implizites und Weltwissen eine zentrale Rolle.

Simona Leonardi wirft die Frage auf, welche Formen Kürze in frühen deutschsprachigen Comics annimmt. Da die Textsorte Comic deutlichen Platzbeschränkungen unterliegt, ist sie durch starke Selektion im Text und in den Abbildungen gekennzeichnet. Aus diesem Grund erweist sich Multimodalität bzw. die Verschränkung verschiedener semiotischer Ressourcen als eine Strategie. Außerdem stehen Comics aus den 20er und 30er Jahren stark unter dem Einfluss der damaligen Filmkunst. Eine auffällige Gestik im Panel ahmt übertriebene Gesten im Stummfilm nach. In extremen Formen der Reduktion werden z.B. Buchstaben ausgelassen, oder im Panel bleiben von der Aussage nur die Ausrufe, auch mit Variationen in der Schriftgröße oder in der „Spationierung“. Interjektionen können auch ohne Umrahmung direkt ins Bild gezeichnet sein, was Leonardi als ‚gezeichnetes Sprechen‘ definiert. Damit werden Comics als Rahmen betrachtet, in dem Mimik, Gestik, Sprachzeichen sowie Klang mit Situationen verkoppelt werden. Sie bilden ein sympraktisches Umfeld, das situationsverankerte kurze Formen zulässt.

Annamária Fábián führt eine exemplarische Beleganalyse von verblosen Sätzen in Sozialen Medien am Beispiel der #MeToo-Bewegung durch. Sie stellt zunächst fest, dass verblose Sätze trotz der Studie von Behr / Quintin (1996) weiterhin geringe Berücksichtigung in Grammatiken finden wie auch in korpuslinguistischen Studien. Mit Blick auf die quantitative Begrenzung der Zeichenzahl bei Twitter sind aber kurze Sätze bzw. verblose Sätze ein besonders relevanter Untersuchungsgegenstand. Fábiáns Analysen zeigen, dass verblose Sätze in den Sozialen Medien nicht ausschließlich aus sprachökonomischen Gründen eingesetzt werden, und dass es Korrelationen zwischen verblosem Satz und Emotionalität gibt, im Zusammenhang mit ‚kommunikativen Praktiken‘ wie: Offenbarung des eigenen Missbrauchs, Verurteilung von Gewalt gegenüber Frauen, Aufforderung zum juristischen Vorgehen gegen sexuelle Belästigung, Äußerung von männlichen Ängsten vor falschen Anschuldigungen. Für den Gebrauch von verblosen Sätzen in Tweets sind auch pragmatische, expressive Gründe zu nennen. Die große grammatische, syntaktische und funktionale Vielfalt der verblosen Sätze im Korpus bestätigt außerdem die Heterogenität der Kategorie ‚verbloser Satz‘.

Im Rahmen eines framesemantischen Ansatzes analysiert Zofia Berdychowska eine Auswahl von multi- und intermodalen Kurzformen im öffentlichen Raum unter dem Aspekt der Bedeutungskonstitution. Sie zeigt, dass mehrere Faktoren dabei eine zentrale Rolle spielen: Mehrfachadressierung, Instantiierung von Frame-Elementen und Zuweisung von Rollen, Wissen um routinisierte Handlungen, Standort. Exemplarisch werden Beispiele komplexer ‚Kommunikationsangebote‘ im öffentlichen Raum analysiert, die den Bewegungsframe spielerisch benutzen.

Igor Trost führt eine gebrauchsbasierte konstruktionsgrammatische Untersuchung von zwei statistisch signifikanten Konstruktionsschemata in kurzen Textformaten der Wahlkampagnen 2017 in Deutschland und in Österreich durch. Analysiert werden kurze Konstruktionen der Form (x) für x und (x) Zeit x in Wahlslogans und Wahlplakaten, in Internettexten und in den Kurzprogrammen der deutschen und österreichischen Parteien hinsichtlich ihrer semantischen und pragmatischen Gebrauchsbedingungen sowie ihrer framesemantischen Implikationen. Trost zeigt, dass die Konstruktion (x) für x (z.B. Für ein Deutschland, in dem wir gut und gern leben (CDU), Für Sicherheit und Ordnung (CDU), Klar für unser Land (CSU)) es ermöglicht, positiv konnotierte Wörter – wie z.B. Qualitätsadjektive, positive Schlagwörter – für „die Bildung eines wählerorientierten positiven parteipolitischen Gesamtframes“ zu nutzen. Die Konstruktion (x) Zeit x (z.B. Zeit für mehr Gerechtigkeit (SPD), Es ist Zeit für moderne Ausbildung (SPD), Österreich ist erfolgreich. Zeit, dass Sie davon profitieren (SPÖ)) steht stellvertretend für eine in Wahlkämpfen häufig genutzte framekonstituierende Zeitmetaphorik eines dringenden Handlungs- und Änderungsbedarfs, der zur Wahl der entsprechenden Partei motivieren soll.

Heike Romoth beschäftigt sich mit dem Wahlslogan als Kurztext. Da der Wahlslogan räumlich begrenzt ist, bevorzugt er kondensierte Strukturen. D.h. ein großer Teil der Informationen bleibt implizit, und die Wahlbotschaft muss vom Adressaten (re)konstruiert werden. Am Beispiel von Wahlslogans zur Bundestagswahl 2017 zeigt Heike Romoth, dass der Adressat dafür über das semantische Wissen hinaus auch über enzyklopädisches Wissen (politisches Sachwissen) und Textsortenwissen verfügen muss. Die Konstruktion der Bedeutung der Wahlslogans erfolgt im Rahmen einer Interpretationsstruktur. Mit dem Wahlslogan wird für ein Programm geworben, in dem das zukünftige politische Handeln der Parteien und Politiker angekündigt wird. Aufgrund der Leerstellen des Rahmens ‚Handlung‘ (Mitspieler, Motiv, Ziel usw.) weiß der Adressat, welche Informationen zu ergänzen sind. Allerdings bleibt häufig offen, ob Sachverhalte aufgrund der räumlichen Begrenzung oder aufgrund der politischen Korrektheit implizit bleiben.

Im vierten Teil des Bandes werden Phänomene der semantischen Verdichtung behandelt. Es geht einerseits um Wortbildung bzw. Kofferwörter und Nominalkomposita, andererseits aber auch um stereotypisierte kurze Äußerungen, in denen ein kulturelles Element zum Ausdruck kommt. Dabei wird nicht nur die Frage nach der lexikalischen und syntaktischen Festigung von kurzen Formen aufgeworfen, sondern auch die Frage nach deren Eingang ins Lexikon. Warum bleiben einige kurze Formen Okkasionalismen? Wie kann man dagegen erklären, dass andere kurze Formen sehr produktiv sind, d.h. wieder aufgenommen werden, zu weiteren serienhaften Schöpfungen führen oder sogar zu Gegenproduktionen?

Anlass zum Beitrag von Ricarda Schneider sind dem Englischen entlehnte Wortkreuzungen, wie manterrupting, mansplaining, manspreading, die in angelsächsischen, deutschsprachigen oder auch französischsprachigen Medien und sozialen Netzwerken kursieren. Diese Kurzformen sind Kofferwörter an der Schnittstelle zwischen Lehnwort, Anglizismus und Neologismus. Im Beitrag geben sie Anstoß zu Überlegungen über den Begriff ‚Kofferwort‘, seine Herkunft und über die Funktionen von Wortkreuzungen. So können beabsichtigte Kontaminationen über ihre spielerisch-kreative Funktion hinaus die Funktion der Sprachökonomie erfüllen. Die Analyse der englischen Neologismen mit dem Schema man + eng. Verb + -ing lässt erkennen, dass solche Wortkreuzungen besonders knappe Formen zur Nominalisierung komplexer Vorgänge und Phänomene sind, mit denen neue, oft komplexe Erscheinungen, Verhaltensweisen und Lebensstile kurz und bündig benannt werden. Sowohl die Bildung als auch die Entschlüsselung dieser Kofferwörter, die zum Teil genderspezifische Verhaltensweisen bezeichnen, sind in der Regel kontextabhängig. Dies verhindert aber nicht eine gewisse Einbürgerung dieser Lehn-Kofferwörter, wie auch Piktogramme aus dem öffentlichen Raum bezeugen.

Michel Lefèvre untersucht ‚sprachliche Miniaturen‘ am Beispiel von österreichischen Kriminalromanen. Dabei erweitert er die Definition von Bock / Brachat, indem ‚sprachliche Miniaturen‘ nicht auf Sprichwort und Witz beschränkt werden, sondern sprachliche Kurzformen bezeichnen, die typisierte Redensarten und kulturelle Stereotype verknüpfen. Dies schließt Phraseme, Slogans, Routinewendungen und anscheinend „freie“ Äußerungen mit der Partikel „ja“ ein. Bei seiner Suche nach sprachlichen Einheiten, die Kultur und Sprache in sich vereinen bzw. die auf ein kulturelles Hintergrundwissen verweisen, wirft Lefèvre die Frage nach der Ermittlung von formalen Merkmalen auf, ohne sich auf die Kriterien zu beschränken, die üblicherweise in der Phraseologie berücksichtigt werden.

Delphine Pasques nimmt eine ausführliche Analyse des zweisilbigen althochdeutschen Nominalkompositums liût chuô vor, das als kurze, implizite Form „Menschen“ (liût) und „Kälber“ (chuô) in Verbindung bringt. Der einzige Beleg für dieses Kompositum befindet sich im Psalter, Notkers Psalmenübersetzung ins Althochdeutsche aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts. Über eine Kontextualisierung der Okkurrenz hinaus führt Pasques eine semantisch-referentielle Analyse der Zusammensetzung durch und zeigt, dass sie aufgrund ihrer impliziten Dimension unterschiedliche Interpretationen (wortwörtlich oder allegorisch) zulässt. Um zwei Interpretationsniveaus zu bewahren, greift Luther im 16. Jahrhundert zu einem Kommentar, der die Analogie zwischen Kälbern und Völkern explizit herstellt. In anderen Übersetzungen werden appositive Strukturen eingeführt. Es lässt sich ein einziges weiteres Kompositum finden, und zwar Völkerkälber in einem Text aus dem 19. Jahrhundert. In einer pragmatischen Analyse von liût chuô macht Pasques außerdem deutlich, dass Notker die Kürze der Zusammensetzung zur religiösen Erbauung nutzt: Die ungewöhnliche kurze Form wirkt rätselhaft, überrascht den Leser und lässt ihn nach einer Interpretation suchen.

Der fünfte Teil des Bandes schließlich ist besonders kleinen, nicht zerlegbaren, nicht sententialen sprachlichen Einheiten gewidmet, die als ‚Partikeln‘ klassischerweise eine Sonderstellung in der Sprachbeschreibung einnehmen. An verschiedenen Beispielen aus dem Deutschen und dem Französischen werden solche kurzen sprachlichen Formen thematisiert und ihre Funktionsweise und Rolle im Diskurs genau analysiert. Die Einzelanalysen zeigen, dass bei diesem bereits intensiv bearbeiteten und diskutierten Kapitel der Grammatik neue begriffliche Klärungen bzw. Diskussionen immer wieder fruchtbar sind: Wie können die einzelnen Kriterien bzw. Definitionen angesichts von Korpusdaten bewertet werden? Wie lässt sich der Zusammenhang zwischen den für solche sprachlichen Einheiten typischen Merkmalen der Kürze und der Formelhaftigkeit bzw. Pragmatikalisierung beschreiben? Sind konstruktionelle oder kompositionelle Analysen vorteilhafter? Inwiefern hat man es mit ‚regelhaften Konstrukten‘ zu tun? Darüber hinaus zeigen die Analysen, dass mit der Kürze dieser sprachlichen Formen eine besondere Beziehung zum Vorgänger- und Nachfolgediskurs einhergeht, dessen Rezeption durch solche Einheiten gesteuert wird.

Jan Georg Schneider diskutiert die Begriffe ‚Diskursmarker‘ und ‚Operator‘, welche in der Forschungsliteratur bisher als konkurrierende Termini benutzt werden. Er schlägt vor, mittels beider Begriffe eine Differenzierung vorzunehmen. Der Begriff ‚Operator-Skopus-Strukturʻ zielt auf eine allgemeinere Ebene ab und weist eine größere Extension auf als der Begriff ‚Diskursmarker-Konstruktionʻ, der sich relativ eng definieren lässt: Die Operator-Skopus-Struktur ist ein allgemeines Verfahren der Gesprächsorganisation, die Diskursmarker-Konstruktion eine auch formseitig beschreibbare Konstruktion. Die Diskussion wird anhand von Daten aus mündlichen Korpora geführt und der Vorschlag der begrifflichen Differenzierung insbesondere am Beispiel der Gesprächspartikel gell erprobt.

Jean-François Marillier analysiert „fragmentarische Verwendungen“ der Koordinationen mit und, oder und sondern, solche Verwendungen also, bei denen das erste oder zweite Konjunkt oder beide fehlen („fragmentarische Koordinationen“ bzw. „nackte Konjunktoren“). Er zeigt die Systematik solcher Verwendungen, diskutiert die These, dass die Koordinatoren in solchen Verwendungen bedeutungsleere ‚Diskursmarker‘ seien und plädiert entgegen dieser These für eine Interpretation als ‚echte Koordinatoren‘, die Propositionen verknüpfen. Die pragmatischen Effekte solcher Verwendungen ergeben sich aus dem Zusammenspiel der Stellung des Sprechers als erster oder zweiter Sprecher, der Struktur der koordinativen Verknüpfung, den Eigenschaften der Konjunkte, der Bewertung der in der fragmentarischen Struktur involvierten Sachverhalte und aus der Semantik der Konjunktionen.

Liubov Patrukhina untersucht in Gesprächen das Syntagma ja doch am Anfang eines Turns und analysiert entgegen der bisherigen kompositionellen Analyse von Métrich et al. diese Partikelkombination als „Konstruktion“ im Sinne eines „Form-Bedeutungs-Paars“. Anhand von Korpusdaten zeigt sie, dass die Konstruktion zwei phonetische Varianten hat: ja DOCH und JA (.) DOCH und dass ihre Funktion darin besteht, zu signalisieren, dass auf eine dispräferierte Frage oder Aussage eingegangen wird.

Heike Baldauf-Quilliatre behandelt das Konstrukt [ah + Nominalphrase] in französischen Alltagsinteraktionen. Sie weist nach, dass die syntaktisch und prosodisch komplette Einheit eine eigenständige Handlung ausführt und als dichtes, knappes, verbloses oder non-sententiales Format bezeichnet werden kann. Als erster Schritt eines ersten Sprechers (First Pair Part) funktioniert [ah + Nominalphrase] als Notifikation (noticing nach Goodwin / Goodwin): Der Turn zeigt auf ein Element aus dem außersprachlichen Umfeld der Teilnehmer. Als Second Pair Part ist das Format eine affektiv gefärbte Antworthandlung auf eine Information oder eine Ankündigung, die daraufhin von den Teilnehmern gemeinsam weiterbearbeitet wird.

Das Projekt – die Tagung und die Publikation – wurde von der Université Sorbonne Nouvelle, insbesondere dem CEREG (Centre d’Etudes et de Recherches sur l’Espace Germanophone EA 4223), und vom DAAD unterstützt, bei denen wir uns sehr bedanken. Unser Dank gilt ebenfalls allen TeilnehmerInnen an der Tagung, den AutorInnen dieses Bandes, sowie natürlich dem wissenschaftlichen Beirat der Tagung. Und ganz herzlich danken wir Irmtraud Behr, der wir dieses Buch widmen, für die langjährige konstruktive und gleichzeitig freundschaftlich-kollegiale Zusammenarbeit.

Anne-Laure Daux-Combaudon

Anne Larrory-Wunder

Literatur

Baldauf-Quilliatre, Heike, 2016. „Knappe Bewertungen im empraktischen Sprechen. Vom Nutzen und Nachteil der „Ellipse“ für die Analyse“. In: Marillier / Vargas (Hrsg.), 201–216.

Balnat, Vincent 2013. „Kurzvokal, Kurzwort, Kurzsatz, Kurztexte: Kürze in der Sprachbeschreibung des Deutschen“. In: Zeitschrift für Literatur und Linguistik (LiLi) 43 / 170, 82–94.

Bär, Jochen A. / Roelcke, Thorsten / Steinhauer, Anja (Hrsg.), 2007. Sprachliche Kürze. Konzeptuelle, strukturelle und pragmatische Aspekte. (= Linguistik – Impulse & Tendenzen, 27). Berlin / New York: de Gruyter.

Behr, Irmtraud / Lefeuvre, Florence (Hrsg.), 2019. Le genre bref. Des contraintes grammaticales, lexicales et énonciatives à une exploitation ludique et esthétique. (= Sprachwissenschaft). Berlin: Frank & Timme.

Behr, Irmtraud / Quintin, Hervé, 1996. Verblose Sätze im Deutschen. Zur syntaktischen und semantischen Einbindung verbloser Konstruktionen in Textstrukturen. (= Eurogermanistik, 4). Tübingen: Stauffenburg.

Gardt, Andreas, 2007. „Kürze in Rhetorik und Stilistik“. In: Bär / Roelcke / Steinhauer (Hrsg.), 70–88.

Hennig, Mathilde, 2013. Die Ellipse. Neue Perspektiven auf ein altes Phänomen. Berlin / New York: de Gruyter.

Marillier, Jean-François / Vargas, Elodie (Hrsg.), 2016. Fragmentarische Äußerungen. (= Eurogermanistik, 32). Tübingen: Stauffenburg.

Plewnia, Albrecht, 2003. Sätze, denen nichts fehlt. Eine dependenzgrammatische Untersuchung elliptischer Konstruktionen. (= Germanistische Linguistik Monographien, 11). Hildesheim: Olms.

Spitzl-Dupic, Friederike (Hrsg.), 2018. Parenthetische Einschübe. (= Eurogermanistik, 34). Tübingen: Stauffenburg.

„Kurze Formen“ in der Sprachtheorie / Les « formes brèves » dans la théorie linguistique

‚Kürze‘ und kurze Formen in der Geschichte der deutschen Grammatikographie

Friederike Spitzl-Dupic

Brevitas (Kürze) ist ein Begriff, der bekanntlich aus der antiken Rhetorik stammt und seitdem in Rhetoriken, Stilistiken, aber auch Grammatiken und Poetiken regelmäßig einerseits als Analyseinstrument und andrerseits als Ideal und Maßstab für den sprachlichen Ausdruck vorkommt. Kürze gilt als Mittel der eleganten und überzeugenden Rede, wobei die meist diskutierte „kurze“ Form in der Geschichte der Sprachtheorie die Ellipse ist, deren explikative Kraft besonders in der Grammatikographie zur Erklärung von regelabweichenden Strukturen eingesetzt wird oder auch zu deren Kritik.

In der uns hier interessierenden deutschen Grammatikographie, in der die Ellipse als Analysebegriff seit den Anfängen präsent ist (dazu Lecointre 1990), dient sie ebenfalls einerseits zur Erklärung von Ausdrücken, die als nicht regelkonform angesehen werden, andrerseits wird vor ihrem Gebrauch gewarnt, da sie zum Verlust von Deutlichkeit und Bestimmtheit in der Rede führen könne. Es handelt es sich dabei um zentrale Topoi in der Beurteilung von Sprache, Sprachen und Sprechen. Diese Topoi schreiben sich in die ab dem 17. Jh. virulente sprachkritische und sprachpolitische Diskussion ein, wo in deutschsprachigen Gebieten das Deutsche besonders mit den „Konkurrenz“- und Referenzsprachen Latein und Französisch, aber auch anderen Sprachen (s.u. unter 1.) verglichen wird. Diese Vergleiche führen sehr regelmäßig zu der Nennung von „Vorzügen“ und „Nachteilen“ der deutschen Sprache, aber auch zu Vorschlägen ihrer Verbesserung.

Kürze ist immer ein relativer Begriff, sodass da, wo kurze Formen angenommen werden, gleichzeitig angenommen wird, dass eine längere Form möglich ist, und es dient eine längere Form auf irgendeine Weise als Modell, Gegenmodell oder Schablone. Davon ausgehend stellen sich folgende Fragen: Inwiefern sind lange oder längere und kurze oder kürzere Formen in einem identischen Kontext äquivalent oder auch nicht? Warum wird die eine oder andere Form von einem Sprecher gewählt, wie kann diese Wahl erklärt werden und wie wird sie eventuell von den Sprachtheoretikern erklärt bzw. beurteilt?

Besonders dieser letzten Frage soll in dem Korpus nachgegangen werden, der deutschsprachige Grammatiken des 18.–19. Jhs. umfasst. Da seine umfassende Untersuchung zu dem Thema den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde, werde ich mich auf zwei Werke konzentrieren, d.i. Hempel 1754 und Götzinger 1836–1839. Diese beiden Grammatiker zeichnen sich dadurch aus, dass sie die jeweils zeitgenössische Forschung intensiv rezipieren, dass sie synthetisch vorgehen und als repräsentativ für ihre Zeit bzw. für ein bestimmtes Sprachdenken ihrer Zeit gelten können. Damit ist es trotz dieser beschränkten Textauswahl schließlich möglich, grundsätzliche Ansätze und Entwicklungstendenzen in diesem Zeitraum zu identifizieren.

Zuvor aber möchte ich einige Bemerkungen zur Bedeutung kurzer Formen in der Geschichte des Sprachdenkens und der deutschsprachigen Grammatikographie vornehmen, um die am Anschluss untersuchten Texten besser zu situieren.

1 Die Bedeutung kurzer bzw. kürzerer Formen im 17. und 18. Jahrhundert

Die Bedeutung des Begriffs der sprachlichen Kürze allgemein wird besonders deutlich in zwei sprachlichen Bereichen, die im Rahmen des Korpus intensiv diskutiert werden, nämlich Wortbildung und die Verwendung von – modern gesprochen – Partizipialgruppen.

So werden mit Blick auf das Ideal der Kürze für das Deutsche – mit einem gewissen Sprachchauvinismus – ab dem 17. Jh. immer wieder die deutschen Wortbildungsmöglichkeiten, besonders die der Komposition, zeitgenössisch „Doppelung“, betont. Beispielsweise heißt es bei Schottelius (1663, I: 26), dass dank der „Doppelungen“ „die Teutsche Sprache […] die allerkürzeste und doch die allerwortreichste“ sei, und bei Kramer (1680), der zusätzlich Ableitungsmöglichkeiten nennt:

Gleichwie nun die Italiänisch= oder Toscanische Sprach / wann sie mit unserer Teutschen solte verglichen werden / was die Ableitung belangt / sehr dürfftig ist / also ist sie / samt ihren beyden Schwestern / der Französischen und Spanischen / die Doppelung betreffend / bettel=arm; […] (Kramer 1680: 158–159)

Dagegen ‚besitze‘ die „Teutsche […] Helden=Sprache unerschöpfliche […] Stamm=Wörter=Schätze“ und „auch unausgründliche Herleit= und Doppelungs=Reichthümer / in dero Hervorbringung sie dann gar gelenckig und fix ist“; und die hier zum Vergleich herangezogenen romanischen Sprachen müssen laut Kramer „weit herumschweiffende Umwege suchen / wann sie unsere nachdencklichste Macht=Wörter nur einiger massen andeuten wollen / dieweil ihnen selbige auszudeuten ohne das unmöglich ist.“ Die semantische Dichte, die komplexe Wörter aufgrund ihrer Kürze ermöglichen, wird hier also direkt mit einem starken kommunikativen Wirkungseffekt verbunden und umständlichen, weitschweifigen und damit stilistisch und kommunikativ weniger wertvollen Paraphrasierungen entgegengesetzt.

Mit der vermehrten Verwendung in der Literatursprache von Partizipialgruppen, die allgemein, mit Verweis auf das lateinische und griechische Modell, als Mittel zum kurzen, prägnanten Ausdruck angesehen werden, intensiviert sich ab den 1730er Jahren die zweite in unserem Kontext aufschlussreiche Diskussion. Es herrscht zwar Einigkeit darüber, dass das Deutsche über weniger Partizipialformen als die zeitgenössischen Referenzsprachen – also besonders Latein, Französisch – verfügt, aber es ist umstritten, welche es eigentlich gibt, welche erlaubt sind – zeitgenössisch spricht man von „zierlich“ – und welche zu vermeiden oder eventuell zu fördern sind. Während die so genannten Anti-Participianer u.a. im Gebrauch von satzeröffnenden Partizipialgruppen und Gerundien einen ‚barbarischen‘ Verstoß gegen den deutschen Sprachgeist sehen, unterstützen die Participianer die genannten Verwendungen und den weiteren Ausbau partizipialer Strukturen im deutschen Sprachsystem. Die Diskussion ist höchst kontrovers, obwohl „Kürze“ im Ausdruck nicht nur als Ideal der Rhetorik, sondern besonders auch als Gegenentwurf zur Kanzlei- und literarischen Barocksprache durchgängig positiv bewertet wird (vgl. Polenz 1994: 271–274 und Spitzl-Dupic 2018).

Dieser Hintergrund erleichtert das Verständnis der Behandlung kurzer Formen in dem Text von Christian Friedrich Hempel (?–1757), einer 1754 veröffentlichten Grammatik von ca. 1.400 Seiten.

2 ‚Kürze‘ und kurze Formen in Christian Friedrich Hempels Erleichterte Hoch-Teutsche Sprach-Lehre […] (1754)

Der Autor bezieht sich explizit auf alle zeitgenössisch wichtigen Grammatiken und Lexikologen, wobei er Positionen von z.B. Schottelius (1663), Bödiker (1690), Bödiker / Wippel (1746), Gottsched (1748), Aichinger (1754) zitiert und diskutiert. Er ist jedoch oft ausführlicher und gibt mehr Beispiele an. Die in Hinblick auf kurze Formen verwendeten Termini sind Ellipsis oder Verbeis(z)ung, Weglassung, Auslassung und Contraction, wobei jedoch angemerkt werden muss, dass die Unterschiede verschwommen bleiben und Ellipsis bzw. Verbeiszung und Auslassung als Hyperonyme zu fungieren scheinen.

Im Folgenden sollen nun in diesem Werk genannte kurze Formen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – mit ihren Funktionen, Daseinsgründen und Wirkungen untersucht werden. Diese Formen entsprechen Ausdrücken, in denen in bestimmten – modern gesprochen – phonologischen, semantischen oder morphosyntaktischen Kontexten Elemente übergangen / ausgelassen / „verbissen“ werden, und dies – auf dem Hintergrund der oben erwähnten sprachpolitischen und sprachkritischen Perspektive und der Topoi Klarheit und Bestimmtheit – manchmal zu Recht, aber meistens, laut Autor, zu Unrecht.

Allgemein sind erlaubt Ausdrücke, in denen laut Hempel, ein Subjekt, und, de facto, meist auch das konjugierte Verb ausgelassen werden und die, laut Autor, sprachübergreifend als Standardformeln existieren, z.B.:

 (1) Guten Morgen

 (2) Ihr Diener (Hempel 1754: 1248–1249)

Kommunikativ angemessen, laut Hempel „gebräuchlich“, sind auch Auslassungen von einem Modalverb (plus Subjekt), wenn sie Zeichen eines „starken Affects“ sind, z.B.:

 (3) Was? Ich (soll) auf den trojanischen Feldern sterben?

Auch bestimmte grammatische Konfigurationen können aus morphosyntaktischen und ontologischen Gründen zur Annahme von Auslassungen führen. So nimmt Hempel eine elliptische Konstruktion bei substantivierten Adjektiven an, z.B.

 (4) meine Schöne (ebd.: 778)

da ein substantiviertes Adjektiv eine nicht bezeichnete Substanz impliziert.

Meistens jedoch kritisiert Hempel kurze Formen, und dies u.a. mit dem Hinweis auf einen Verlust von Deutlichkeit, einem, wie gesehen, zeitgenössisch zentralen Topos. Problematisch sei in diesem Sinn z.B., wenn Adjektive in „Redensarten“ ausgelassen werden:

 (5) er hat keine Erziehung, d.i. keine gute (ebd.: 736)

Problematisch sei auch die – in der zeitgenössischen Dichtung tatsächlich häufig vorkommenden – Auslassung des konjugierten Hilfsverbs, da dadurch die Information zu Tempus und Genus des Verbs verloren gehe, z.B.:

 (6) Da ich vernommen (ebd.: 991)

Deutlichkeit geht Hempels Erachtens auch verloren bei der „Contraction“ von Silben, z.B.:

 (7) rein – raus; rauf, runter (ebd.: 1239)

Neben dem Verlust von Deutlichkeit, der z.B. in (5) um so weniger einsichtig ist, als Mitte des 18. Jhs. polylexikale „Redensarten“ schon in sprachtheoretischen Schriften behandelt werden, ist ein weiteres Argument gegen ‚Kürze‘ ein Verstoß gegen die „Analogie der Sprache“. Die Normvorstellung ist hier, dass die Regeln einer Sprache möglichst durchgängig gelten, sodass Ausnahmen von Regeln Ansatzpunkte für Kritik sind. Auf diesem Hintergrund fordert Hempel, die Konjunktion daß nach Verben der Wahrnehmung und des Sagens nie auszulassen, da sie nicht bei allen Verben möglich ist, z.B. nicht bei riechen, verschweigen (vgl. ebd.: 1021).

Ebenfalls nicht dem Sprachsystem entsprechend und darüber hinaus dissonant sind laut Hempel Auslassungen von Flexionsmarkierungen

 (8) ich halt(e) […] geh(e)n, steh(e)n etc. (ebd.: 475)

und „Contractionen“, besonders von dem Pronomen es mit Verben, Konjunktionen oder Pronomina:

 (9) ich habs, weils warm ist, wos, sos (ebd.)

Auch die Verwendung von Partizipien wird natürlich diskutiert und grundsätzlich als Mittel der sprachlichen Kürze und „Zierlichkeit“ vorgestellt, aber Hempel warnt vor allem mit den schon oben skizzierten Argumenten vor einem nicht sprachgerechten, aber auch nicht sachgerechten Gebrauch, der auch aus der beim Volk fehlenden Unterscheidung zwischen aktivischem und passivischem Sinn entstehe (ebd.: 1052). So führt er u.a. als Missbrauch Ausdrücke an wie kraft des tragenden Amtes anstelle Kraft des Amtes, das von jemandem getragen wird, und wohlruhende Nacht, da die Nacht ja nicht ruhe (ebd.: 1053).

Wortbildung behandelt Hempel ebenfalls ausführlich, wobei auch er das „unendliche Potential“ des Deutschen lobt, sich aber daneben kritisch gegenüber Bildungen äußert, die er als „Wort=Gespenster[…]“ bezeichnet, z.B. Stürzebecher, das als Synonym zu Trunkenbold verwendet werde, „da doch der Becher ja nicht stürzet, sondern gestürzet wird“ (ebd.: 155).

Sowohl der Missbrauch von Partizipien als auch von Wortbildung führt seines Erachtens zu sprachlicher „Härte“, womit zusätzlich zu der gerade illustrierten mangelhaften, inkohärenten Aneinanderreihung von Begriffen auch fehlende Euphonie gemeint ist.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Hempel eine große Varietät kurzer Formen im Deutschen identifiziert, für die er im Allgemeinen explizit, auf jeden Fall aber implizit, die Möglichkeit einer längeren Variante angibt. Die Akzeptanz der kürzeren Formen gründet sich vor allem auf eine gewisse Häufigkeit ihres Vorkommens. Die meisten kurzen Formen werden jedoch kritisiert. Die Argumente sind ihre fehlende Deutlichkeit und Bestimmtheit, ihre dem Sprachsystem nicht gerechte Form, Dissonanz, semantische Inkohärenz („Härte“) und ihr Ursprung in der gesprochen Sprache des „Pöbels“. Modern könnte man von einer hyperkorrektiven Haltung gegenüber der Muttersprache sprechen, erklären lässt sich diese natürlich aus der Motivation, das Sprachverhalten deutscher Sprecher / Schreiber zu „verbessern“, um die Sprache politisch und literarisch aufzuwerten.

Ich wende mich nun der zweibändigen Grammatik (1836–1839) des Schweizer Germanisten Max Wilhelm Götzinger (1799–1856) zu. Dieses Werk entsteht in einem Kontext, in dem die Fundamente der deutschen Schulgrammatik schon gefestigt, die historische und historisch-vergleichende Grammatik institutionalisiert sind und das Deutsche anderen europäischen Sprachen als ebenbürtig angesehen wird. Der Kontext der Sprachuntersuchung erlaubt also prinzipiell ein weniger sprachnormatives Vorgehen als wir es bei Hempel beobachtet haben.

3 ‚Kürze‘ und kurze Formen in Max Wilhelm Götzingers Die deutsche Sprache (1836–1839)

Wie Hempel integriert Götzinger die zeitgenössische Diskussion in seine Analysen, wobei er seinem Sprachbegriff das um die Jahrhundertwende bei Humboldt und Schelling entstandene organizistische Konzept zu Grunde legt und eine Art integrativ-kommunikativen Ansatz entwickelt (vgl. Knobloch 2000). Seine Analysen stützen sich systematisch auf literarische Texte und oft auf mündliche Sprache, oder genauer, auf imitierte Mündlichkeit, wie sie in Dramentexten zu finden ist.

Im Gegensatz zu Hempels Grammatik begegnet hier eine theoretische Ausdifferenzierung verschiedener kurzer Formen:

 „grammatische“ oder „offene“ Ellipse; „versteckte“ Ellipse

 „Abkürzung“

 „Weglassung des schon Gesagten“

 „Zusammenziehung“

 „Auslassung“

Wir werden sehen, dass diese Formen hier mit einem grundsätzlichen Bedürfnis der Sprecher nach Kürze begründet werden und mit pragmatisch-kommunikativen Argumenten, u.a. ihrer Funktion der „Hervorhebung“. Darüber hinaus geht Götzinger organizistisch auch von einem sprachinhärenten Prinzip zur Kürze und Kürzung aus, das in der Diachronie zum Tragen komme, auf das aber nur ansatzweise eingegangen werden kann (s.u.).

3.1 „Offene“ Ellipsen und „versteckte“ Ellipsen

„Offene“ und „versteckte“ Ellipsen werden formal über Rektion und Akzent definiert: Ellipsen entsprechen der Nichtrealisierung / Abwesenheit eines regierenden und dadurch auch unbetonten Satzteils, sodass die Präsenz einer regierten und einer betonten Form, ohne ihr regierendes Element, das grammatisch-morphologische und phonologische Indiz für die Präsenz einer Ellipse darstellt. Ausgehend von einem verbozentrischen Ansatz (vgl. Forsgren 1998) sind daher für Götzinger verblose Sätze prinzipiell „grammatische“ oder „offene“ Ellipsen, da „gar kein Träger vorhanden ist, an welchen die regierte Form sich anschließen könnte […]“ (Götzinger 1839: 226, im Folgenden G II), z.B.:

 (1) Heute roth, morgen todt (G II: 50)

 (2) die Kinderlein ängstlich nach Hause so schnell (G II: 225)

 (3) Mein ganzes Glück in Scherben G II: 226)

 (4) Fort mit ihm! (G II: 227)

 (5) Ich dich ehren? (G II: 227)

Um eine „versteckte“ Ellipse handelt es sich dagegen, wenn ein Element als regierend erscheint, es aber in der Struktur nicht ist, z.B.

 (6) ich will nach Paris (G II: 226)

wo will grammatisch einen Infinitiv regieren würde, von dem seinerseits nach Paris abhängig ist; oder in dem Beispiel

 (7) Fast bin ich so verlassen wieder, als da ich einst vom Fürstentage gieng (G II: 371)

wo der Vergleichssatz als abhängig von einem Temporalsatz analysiert wird, nämlich wo als ich vormals war, da ich.

Wichtig ist historiographisch gesehen, dass Götzinger bei all diesen verblosen Sätzen im Allgemeinen zwar eine grammatische Ellipse annimmt, jedoch keinerlei Mangel in der semantischen Vollständigkeit und kommunikativen Leistung; im Gegenteil, er stellt einerseits hinsichtlich der Semantik dieser Sätze fest: „Man kann sich dabei oft gar kein bestimmtes Verbum weggelassen denken; man denkt wenigstens an kein besondres […].“ Kommunikativ sieht er diese Sätze als normalen Ausdruck von „aufgeregte[r] Stimmung, […]“ und von einer „Hast, die das nicht schnell genug sagen kann, was die Erinnerung belebt, die Seele erfüllt, oder den Antheil erregt“ (G II: 227). Daraus schließt er, dass die meisten Ellipsen Fragen, Ausrufe, Wünsche, Gebote sind, mit denen der Sprecher „Commandowörter, alle Grüße, Verwünschungen, Betheurungen, Verwunderungen, Segnungen“ (G II: 227) realisiert. Zeitgenössisch ist ein derartiger Verweis auf eine bestimmte sprecherpsychologische Disposition verbunden mit der Aufzählung bestimmter Satzmodi und verschiedener ‚Sprechakte‘ neu. Schließlich werden verblose Sätze auch mit bestimmten Textsorten in Zusammenhang gebracht: Ellipsen seien Bestandteile literarischer Texte sowie der „lebendige[n] Sprache“, die „keineswegs so [verfährt], daß sie immer alles nennte, was in den grammatischen Verband des Satzes gehörte; sie macht vielmehr oft Sprünge […].“ Inhaltlich betreffen diese „Sprünge“ also hier Informationen, die sich aus dem Ko- oder Kontext ergeben oder vom Hörer / Leser eigenständig erschlossen werden können oder die vom Sprecher als wichtig empfunden werden (s. auch unten 3.4, 3.5).

So erklärt Götzinger auch die häufigen Ellipsen semantisch generischer Verben, z.B. Modalverben und „Verben der Bewegung und des Sprechens“ (s. oben die Bsp. (2), (5)) und verweist hier besonders auch u.a. auf Bühnenanweisungen dramaturgischer Texte.

Derartige Ellipsen können sich nun auch auf die Syntax und das ‚Valenz‘-Verhalten von Verben auswirken.

3.2 Veränderungen von ‚Valenz‘-Eigenschaften durch elliptische Prozesse in der Diachronie und Synchronie

Die Verwendung des Terminus ‚Valenz‘ mag überraschen, aber verschiedene Untersuchungen haben aufgezeigt, dass Götzinger ein ausgebautes verbzentriertes Satzmodell entwickelt, in dem die syntaktischen und semantischen Eigenschaften des Verbs als Grundlage der syntaktischen Konfiguration analysiert werden. Dies wird auch deutlich in Überlegungen, die die Effekte von Verbellipsen in der Diachronie betreffen. Dort können laut Götzinger Elidierungs- und Übertragungsprozesse zu neuen Valenz-Eigenschaften führen, z.B. könnten sie die redeeinleitende Verwendung von lächeln erklären:

‚er sprach lächelnd: es sey Friede zwischen uns!‘ elliptisch ausgedrückt würde er heißen: ‚Er darauf lächelnd: es sey Friede zwischen uns!‘ Jetzt rückt lächeln in die leere Stelle, und ich habe: ‚er lächelte: es sey Friede zwischen uns!‘ (G II: 233–234)

Vergleichbare Prozesse liegen auch ad-hoc-Bildungen, Götzinger spricht hier von „Uebertragungen“, zu Grunde, wie

 (8) er schluchzte sein Leiden mir vor (erzählte mir schluchzend sein Leiden) (G II: 234)

und ausgehend von der Semantik eines Bewegungsverbs:

 (9) Er geht trotzend zur Thür hinaus – Er trotzte zur Thür hinaus (G II: 233)

Götzinger beschreibt hier also einen Prozess ‚lexikalisch-semantischer Verdichtung‘ (vgl. Eichinger 2000: 104): Die genannten Verben nehmen die Semantik von Verben des Sagens und der Bewegung sowie die entsprechenden Valenzeigenschaften in sich auf und tragen damit zur Kürze im Ausdruck bei.

3.3 „Weglassung des schon Gesagten“

Eine von der Ellipse unterschiedene kurze Form ist bei Götzinger die „Weglassung des schon Gesagten“. Damit sind syntaktische Konfigurationen gemeint, wo das regierende Element einmal realisiert ist, dann aber nicht wieder aufgenommen wird, z.B. Seemacht in:

 (10) Englands Seemacht ist bedeutender als Frankreichs (G II: 225)

und das Kopulaverb plus die syntaktische Basis des Subjekts in

 (11) Göthe’s Kritik über sich selbst war immer die triftigste, weil die schärffste (G II: 325)

Götzinger nennt auch satzübergreifende Beispiele, wie:

 (12) Völker folgen auf Völker. Reiche auf Reiche. (G II: 231)

Und er stellt hier ebenfalls Verbindungen zu bestimmten Textsorten her und betont, dass derartige Weglassungen besonders häufig sind im „Gespräch, wo immer kurz an das Vorhergehende angeknüpft wird, ohne daß man sich die unnütze Mühe macht, vollkommne [sic] […] Sätze zu bilden“, z.B.:

 (13) Woher kommst du, und wozu? (G II: 231)

oder als Reaktion auf Gesagtes

 (14) wahr, schön, recht […] (G II: 365)

Zwar stammen die Beispiele, die hier als gesprochene Sprache dargestellt werden, aus schriftlichen Dramentexten (z.B. J.G. Jacobi, Lessing, Schiller), doch ist der explizite Bezug auf besondere Eigenschaften gesprochener Sprache, für die gewisse normative Vorstellungen der ‚Vollständigkeit‘ von Sätzen nicht gelten, zeitgenössisch neu.

Die Vorstellung, dass in gewissen Kontexten die Bildung ‚vollkommner Sätze‘ „unnütze Mühe“ sei (s.o.), schreibt sich bei Götzinger auch in die Hypothese ein, dass der Hörer / Leser selbst aktiv an dem Kommunikationsprozess beteiligt ist und aus dem Kontext Informationen zieht, die daher nicht expliziert werden müssen. Dies wird deutlich in seiner Abgrenzung von eigentlichen Ellipsen und „logischen“ Ellipsen.

3.4 „Logische Ellipsen“

Götzinger bezeichnet mit ‚logischer Ellipse‘ die Abwesenheit eines grammatisch regierten Elements, die seines Erachtens keine echte Ellipse ist, denn: „Es gilt beim Sprechen überall eine stillschweigende Uebereinkunft, daß der Hörer oder Leser auch seinerseits etwas denke […]“ (G II: 232). So liege in

 (15) die Stadt gieng über, der Feind zog ein (G II: 231)

keine Ellipse vor, da für den Hörer klar ist, dass die Stadt an den Feind übergeht, und dieser in die Stadt einzieht. Die kurze Form, in der – modern gesprochen – in die Verbvalenz eingeschriebene Komplemente nicht realisiert werden, wird also von Götzinger als semantisch vollständig angesehen, da sie kommunikativ vollständig ausreichend ist, um Zugang zu dem gesamten vom Sprecher intendierten Sinn zu geben. Götzinger macht diese Überlegung zu einem allgemeinen Prinzip in den Überlegungen zu Ellipsen.

Es sei hinzugefügt, dass ähnliche Überlegungen allgemein im Kontext verfügbare Informationen betreffen. Götzinger betont nämlich, dass nicht immer, wenn etwas ‚hinzugedacht‘ werden muss, dies auf die Präsenz einer Ellipse verweise: Der „Naturforscher“ z.B. spreche einfach von „Kreislauf“, der „Theolog“ von „Abendmahl“, und dies ohne weitere Präzisionen: „Schwerlich kann man dies Ellipsen nennen, sondern nur Verschweigungen; denn wo sollten sonst die Ellipsen ein Ende nehmen?“ (G II: 232). Damit zeigt er, dass er sich der Diskussion um die ‚Ellipsenreiterei‘ bewusst ist, die einen ersten Höhepunkt im 17. Jh. erreicht hatte, aber zeitgenössisch noch virulent ist (vgl. Spitzl-Dupic 2016: 65–67).

Neben den verschiedenen bisher behandelten kurzen Formen, die alle auf der Abwesenheit eines oder mehrerer Elemente in der Konfiguration eines Satzes basieren und die Götzinger auf – im weiten Sinn – kontextuelle Bedingungen zurückführt, werden auch Formen der „Zusammenziehung“ und „Verschmelzung“ angenommen, in denen die Kürzungen zu unterschiedlichen mentalen Vorstellungsinhalten führt.

3.5 „Zusammenziehung“ und „Verschmelzung“

Den Begriff Zusammenziehung verwendet Götzinger u.a. in Hinblick auf Koordination und Sätze. Hier ist interessant, dass er für kürzere und längere Formen unterschiedliche Konzeptualisierungen postuliert. Götzinger verweist z.B. auf folgende Kürzungsmöglichkeiten bei koordinierten Präpositionalgruppen:

 (16) Mit dem Ritterstande und mit dem Bauernstande

 (17) Mit dem Ritterstande und dem Bauernstande

 (18) Mit dem Ritterstande und Bauernstande

 (19) Mit dem Ritter= und Bauernstande (G II: 201)

Während Götzinger hier morphosyntaktisch von einer „Zusammenziehung“ spricht, verwendet er für die konzeptuell-semantische Wirkung den Terminus „Verschmelzung“: In den Beispielen (16)–(19) handele es sich um eine ‚fortschreitende Verschmelzung‘ der beiden Nominalbegriffe, wobei die längste Form (16) dem Ausdruck einer maximalen „Sonderung“ der Begriffe in der Vorstellung entspreche, die kürzeste ihrer Quasi-Verschmelzung.

Derartige Zusammenziehungen sind auch auf Satzebene möglich. Die – modern gesprochen – Rechtsversetzung in

 (20) Sturm überfiel uns und Gewitter (G II: 338).

bewirkt laut Götzinger eine Sonderung der Begriffe Sturm und Gewitter, sodass beide hervorgehoben werden; die Koordination der Nebensätze in (21) ohne Wiederaufnahme der Konjunktion bewirke dagegen eine konzeptuelle Verschmelzung:

 (21) Ich vergesse, dass ich in der Fremde bin und [daß] kein Recht zum Befehlen habe (G II: 366)

Moderne Untersuchungen untermauern Götzingers Hypothese für (20) (vgl. z.B. Altmann 1981, Vinckel 2006); (16)–(19) sowie (21) sind meines Wissens in Hinblick auf ihre konzeptuelle Leistung noch nicht untersucht, doch scheint auch hier Götzingers Hypothese durchaus plausibel.

3.6 Auslassung, Verschmelzung und Ellipsen in Komposita

Die Bildung von Komposita entspricht laut Autor ebenfalls dem allgemeinen Bedürfnis der Sprecher nach Kürze und Bestimmtheit in Ausdruck (Götzinger 1836: 778, im Folgenden G I). So ermöglichen es auch Komposita, unnötige Informationen nicht zu nennen, sodass nur die wichtigsten durch ihre explizite Realisierung hervorgehoben werden. Gleichzeitig gilt aber auch für Komposita das ‚Gesetz‘ der Kürze, denn Götzinger führt aus, dass Komposita sich nicht aus mehr als zwei Formativen zusammensetzen sollten, da ein deutsches Wort nur einen Akzent trage. Komplexere Komposita entsprächen nicht dem deutschen Sprachcharakter und seien auch verwirrend, da Sprecher / Hörer kaum wissen könnten, wo der Wortakzent zu realisieren sei.

Götzinger unterscheidet unterschiedliche Typen von Komposita,

1 „unächte Zusammensetzungen“

2 Komposita mit „Auslassung“

3 „echte“ Komposita

4 „elliptische“ Komposita

Ad 1. In „unächten Zusammensetzungen“ bleibt die Flexionsmarkierung erhalten, und ihr Sinn ist über eine Dekomposition direkt zugänglich, z.B.:

 (22) Landesverräther; Lebensart

die direkt in Verräther des Landes, Art des Lebens (G I: 751) auflösbar sind.

Ad 2. In Komposita mit „Auslassung“ werden Formative nicht realisiert, die einen Sinn explizieren würden, der für das Verständnis als unnötig empfunden wird, z.B.

 (23) Fußweg statt Fußgängerweg

 (24) Spritzenhaus statt Feuerlöschgeräthschaftenmagazin (G I: 756)

Ad 3. Bei „echten“ Komposita nimmt Götzinger wiederum einen semantischen „Verschmelzungsprozess“ an, der darauf beruht, dass die Formative für die Sprecher eine „Innigkeit des Sinns“ darstellen, der einem einzigen Konzept entspricht. Der Sinn dieser Komposita lässt sich daher nur noch schwer oder gar nicht mehr aus der Komposition erschließen, z.B.:

 (25) Handschuh

 (26) Meerschwein (G I: 751)

Ad 4. Elliptische Komposita entsprechen Adjektiv-Nomen-Komposita, die heute auch als exozentrisch bezeichnet werden, da das Basisformativ nicht der bezeichneten Entität entspricht. Götzinger nennt sie elliptisch, da „das tragende Wort“ nicht explizit sei. Typischerweise handelt es sich um Komposita, die Tiere oder Menschen über eine bestimmte Eigenschaft identifizieren oder qualifizieren, z.B.:

 (27) Rotkehlchen

 (28) Dickbauch

 (29) Stumpfnase

 (30) Langhand (G I: 769)

Man kann so verstehen, wieso Götzinger in einem Kapitel zur Ellipse als rhetorischer Figur schließlich ihre Funktion der Hervorhebung betont, die aber auch auf die anderen oben vorgestellten kurzen Formen hier übertragbar zu sein scheint. Kurze Formen ermöglichen es den Sprechern, nur explizit zu realisieren, was ihre Aussagen tatsächlich motiviert und informativ Sekundäres, Uninteressantes, vom Hörer / Leser Erschließbares oder im Kontext Vorhandenes nicht zu realisieren.

So heißt es auch bei Götzinger (1836: 776) in Bezug auf Komposita: Mit diesen kurzen Formen vermeiden wir „unnöthige Deutlichkeit“, die eine gelungene Kommunikation behindern würde.1

4 Schluss

Wenn man nun beide Werke miteinander vergleicht, wird deutlich, dass sich die Behandlung kurzer Formen und die Bewertung ihrer diskursiv-kommunikativen Funktionen sehr unterscheiden: Bei Hempel spiegeln sich die zeitgenössischen Topoi der Deutlichkeit und Bestimmtheit in einer hyperkorrektiven Forderung nach maximaler Expliziertheit, die relativ gut die zeitgenössischen Positionen deutscher Grammatiker widerspiegelt (vgl. Spitzl-Dupic 2016), die hier jedoch außergewöhnlich detailliert entwickelt wird. Götzingers Ansatz dagegen, der Sprecher- und Hörerperspektive integriert, kommunikative Funktionen unterschiedlicher kurzer bzw. kürzerer Formen zu identifizieren versucht, die Rolle des Kontextes einbezieht und eine Varietät grammatischer Strukturen für kurze Formen aufgrund relativ stringenter formaler Kriterien unterscheidet, ist der Höhepunkt einer pragmatischen Ausrichtung, die in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzt. Sie spiegelt aber, im Gegensatz zu Hempels Ausführungen, nur einen Ausschnitt des zeitgenössischen Sprachdenkens wider, der besonders von der historischen Grammatik bald „übertönt“ wird und erst zur Jahrhundertwende wieder Bedeutung erlangt (vgl. Spitzl-Dupic 2016).

Literatur

Aichinger, Carl Friedrich, 1754. Versuch einer teutschen Sprachlehre […]. Frankfurt / Leipzig: Kraus.

Altmann, Hans, 1981. Formen der ‚Herausstellung‘ im Deutschen. Rechtsversetzung, Linksversetzung, freies Thema und verwandte Konstruktionen. Tübingen: Niemeyer.

Bödiker, Johann, 1690. Grundsätze der Teutschen Sprache. Cölln an der Spree: In Verlegung des Verfassers, Druck Ulrich Liebpert.

— [zuerst 1690] 1746. Grundsätze der Teutschen Sprache, überarbeitet von Johann Jacob Wippel. Berlin: Nicolai.

Eichinger, Ludwig M., 2000. Deutsche Wortbildung – Eine Einführung. (= Narr Studienbücher). Tübingen: Narr.

Forsgren, Kjell-Åke, 1998. „On ‘Valency Theory’ in 19th Century German Grammar.“ In: Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft, 8, 55–68.

Gottsched, Johann Christoph, 21749 [zuerst 1748]. Grundlegung einer deutschen Sprachkunst […]. Zweyte vermehrte und verbesserte Aufl. Leipzig: B.C. Breitkopf.

Götzinger, Max Wilhelm, 1836–1839. Die deutsche Sprache. Band 1, Theil 1 u. Theil 2. Stuttgart: Hoffmann.

Hempel, Christian Friedrich, 1754. Erleichterte Hoch=Teutsche Sprach-Lehre […]. Frankfurt / Leipzig: Johann Gottlieb Garben.

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Kramer, Matthias, 1680. Neues hoch=nützliches Tractätlein von der Derivatione & Compositione […]. Nürnberg: W. Moritz Endters & J.A. Endters Sel. Söhne.

Lecointre, Claire, 1990. „Zum Begriff der brevitas in der Grammatik (16.–17. Jh.).“ In: Niederehe, Hans-Joseph / Koerner, E.F.K. (Hrsg.). History and Historiography of Linguistics. […]. vol. 1. Amsterdam: Benjamin’s, 250–259.

Polenz, Peter von, 1994. Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Bd. II: 17. und 18. Jahrhundert. Berlin / Boston Mass.: de Gruyter.

Schottelius, Justus Georg, 1663. Ausführliche Arbeit von der teutschen HaubtSprache. Braunschweig: Zilliger.

Spitzl-Dupic, Friederike, 2016. „Zur Analyse der Ellipse: eine historiographische Untersuchung (18.–19. Jahrhundert).“ In: Marillier, Jean-François / Vargas, Elodie (Hrsg.). Fragmentarische Äußerungen. (= Eurogermanistik, 32). Tübingen: Stauffenburg, 57–78.

— 2018. „Der sprachtheoretische Diskurs zur Innovation in der Literatursprache und in literarischen Übersetzungen im 18. Jahrhundert.“ In: Platelle, Fanny / Viet, Nora. Innovation – Révolution. Discours sur la nouveauté littéraire et artistique dans les pays germaniques. Clermont-Ferrand: PUBP, 41–56.

Vinckel, Hélène, 2006. Die diskursstrategische Bedeutung des Nachfeldes im Deutschen. Eine Untersuchung anhand politischer Reden der Gegenwartssprache. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag.

Infinite, afinite und verblose Sätze aus diachroner und typologischer Sicht

Michail L. Kotin & Monika Schönherr

1 Problemstellung

Die verbozentrischen Syntaxkonzepte, welche insbesondere seit dem Etablieren der Valenztheorie (vgl. Tesnière 1959 / 21976) in der europäischen Linguistik favorisiert werden, behandeln das Verb gemeinhin als strukturellen Kern einer Proposition, der darin eine hierarchisch übergeordnete Stellung einnimmt. Die Standardgrammatiken der deutschen Gegenwartssprache weisen dem Verb im Allgemeinen und dem formalen Merkmal der Finitheit im Besonderen satzkonstituierenden Status zu. Dies bedeutet u.a., dass lediglich Strukturen mit Verbum finitum als echte Sätze im eigentlichen Sinn dieses Begriffs eingeordnet werden müssen, während Syntagmen ohne Finitum und erst recht ohne jede Verbform lediglich als kommunikative Minimaläußerungen einzustufen sind (vgl. u.a. Heringer 1996: 16, Zifonun 1997: 34–64, Zifonun et al. 1997 Bd.1: 91, Darski 2010: 95–98). Worin besteht aber der postulierte grundsätzliche Unterschied zwischen Sätzen und satzförmigen Syntagmen mit satzgleichem propositionalem Gehalt? Wieso gibt es so viele Sequenzen ohne Finitum oder aber ohne jegliche overte Verbalität, die sich dennoch problemlos als volle Satzsyntagmen einordnen lassen? Handelt es sich dabei in toto um Ellipsen? Wieso gibt es dann aber verblose Syntagmen mit propositionalem Wert, die nicht dermaßen „ausbaufähig“ sind, dass sie einen propositional volläquivalenten Satz mit einem Verbum finitum bilden?

Diese Fragestellung ist einer der wichtigsten Forschungsschwerpunkte der Geehrten (vgl. u.v.a. ihre Ausführungen zu diesem Problemkreis in Behr 2013; Behr / Quintin 1996; Behr / Quintin 1998). Die theoretische Grundlage bildet dabei das logisch-semantische Herangehen, dessen Wurzeln grosso modo auf die Thesen des französischen Rationalismus im weitesten Sinn dieses philosophischen Begriffs zurückgehen. Die Verblosigkeit, speziell Ellipse und sonstige Formen ohne Verbum finitum oder aber andere nonverbale Fügungen, darunter verblose prototypische Kopulakonstruktionen, sog. „kurze Sätze“ etc. werden von Irmtraud Behr als Sprachformen behandelt, welche eine dahinter stehende Eigenlogik spiegeln, ohne sich dabei auf bloße Ellipsen reduzieren zu lassen.

Im vorliegenden Beitrag wird versucht, an einigen konkreten Beispielen verbloser, in- und afiniter Sätze die ihnen zu Grunde liegenden „logischen Paraphrasen“ zu rekonstruieren, wobei das Phänomen der Verbauslassung als Ergebnis overter oder coverter syntaktischer bzw. logisch-semantischer Prozeduren aufgefasst wird. Ferner wird versucht, die Verblosigkeit synchron wie diachron in den Diskurs der Textsorten und somit in die Makrosyntax einzubetten. Als infinite Sätze werden hierbei satzwertige Syntagmen ohne Finitum (wie z.B. syntaktisch autonome Infinitiv- und Partizipialkonstruktionen) verstanden, während afinite Sätze – gemäß ihrer Einordnung in der Fachliteratur (vgl. Ebert 1993: 440, Riecke 2012) – Satzsyntagmen mit ausgelassenem finitem Verb (am häufigsten Auxiliar) bei Beibehaltung der im Partizip bzw. Infinitiv steckenden Verbalität darstellen. Sonstige Syntagmen mit propositionalem Gehalt, aber ohne jegliche Verbformen in ihrem Bestand werden grundsätzlich als verblose Sätze behandelt. Nun sind Ursachen für Aussparen finiter Verben und / oder anderer Kodierungsformen der „Verbalität“ im Satzverbund sehr unterschiedlich und oft sprachspezifisch. Diese recht triviale Feststellung darf jedoch keinesfalls eine typologisch gültige, übereinzelsprachige Dimension des Phänomens der Verblosigkeit in Frage stellen. Im vorliegenden Beitrag wird davon ausgegangen, dass selbst äußerlich radikal divergente Oberflächenstrukturen mit und ohne verbale Prädikat(steil)e in verschiedenen Sprachen weitestgehend auf einen gemeinsamen Nenner zurückführbar sind, und daher der Verzicht auf einen Vergleich vermeintlich „unvergleichbarer“ Erscheinungen zu einer unberechtigten Überbetonung des sprachlichen Relativismus zu Ungunsten des universaltypologischen Anspruchs führen würde.

2 Verblose, in- und afinite Sätze als overte und coverte Ellipsen

Sehen wir uns eingangs den folgenden konstruierten und deutsch glossierten russischen Mikrotext an, welcher eine mustergültige Exposition eines narrativen Texts darstellt:

 (1) Раннее утро. Половина шестого.früher Morgen halb sechsТихо. Скоро рассвет.still bald SonnenaufgangЗа стеной – мерное тиканье старинных часов.hinter Wand langsames Ticken alter UhrОдин негромкий удар. Бим-бом!ein nicht lauter Schlag Bim-Bom!И снова тишина.und wieder Stille

Der Text enthält kein einziges Verb und sollte daher, wenn man die gängige Satzdefinition deutscher Grammatiker sprachübergreifend-typologisch anwendet, als satzloser Text mit acht kommunikativen Minimaläußerungen eingestuft werden. Das Finitheitskriterium würde bei derartigem Herangehen deutlich überstrapaziert: Narrative Texte ohne Sätze gibt es ja wohl kaum. Wir sind somit gezwungen, allen aufgeführten Syntagmen vollen Satzwert zuzuweisen, wie dies auch in der russischen Tradition der Grammatikschreibung, und zwar auch in Bezug auf verblose Sätze der deutschen Sprache, tatsächlich getan wird (vgl. Admoni 1972: 227–230, Moskal’skaja 1983: 241).

Doch Satzwert bzw. Satzstatus sagen an sich wenig über das Wesen des Phänomens der Verblosigkeit aus. Betrachtet man den oben angeführten Text näher, wird deutlich, dass es sich um eine implizite Verwendung des Praesens historicum – hier konkret um das sog. „diegetische Präsens“ (vgl. Jespersen 1924: 258, Fleischman 1990, Mehlig 1995: 176; 189–190, Abraham 2008, Koch / Oesterreicher 2011, Zeman 2013: 241) – handelt, welches üblicherweise zum Zweck einer „Annäherung“ des Lesers an die Erzählzeit bzw. deren Aktualisierung, erhöhter Spannung etc. durch „temporalen Schub“ eingesetzt wird. In den neulich verwendeten Termini der Theorie des „perspectival mind“ handelt es sich um die kognitiv begründete Prozedur einer „doppelten Perspektivierung“ der Akt- und Referenzzeit im Sinne Reichenbachs (1947, 21965) aus der hic-et-nunc-Perspektive der Origo, welche sich demgemäß aufspaltet und somit multiple Betrachterstandorte schafft (vgl. Zeman 2017). Der oben angeführte russische Text hat zwar keine einzige Verbform, sodass keine overte Kodierung der Tempuskategorie vorliegt, da diese bekanntlich an die Verbformen gebunden ist; doch gibt es deutliche Indizien dafür, dass es sich um implizites Praesens historicum und nicht etwa um implizite Vergangenheitsformen handelt. So schließt die Verwendung des Temporaladverbs cкоро ‘bald’ im Satz Скоро рассвет ‘bald geht die Sonne auf’, wörtlich ‘bald Sonnenaufgang’, jeglichen Vergangenheitsbezug als Referenzzeit aus: Es liegt eindeutig ein implizites Futur als Referenzzeit vor, wobei die Aktzeit in der Vergangenheit liegt, welche aus der Origoperspektive als „verschobene Gegenwart“ konzeptualisiert und entsprechend sprachlich kodiert wird. Mit anderen Worten müssen wir, falls die angeführten verblosen Sätze als Ellipsen verstanden und dementsprechend zu Vollsätzen ausgebaut werden, die entsprechenden Verben entweder in der Gegenwartsform für Aktzeit oder aber als Zukunftsform für Referenzzeit einsetzen. Die „echte“ (d.h. origoneutrale) temporale Lesart ist dabei Vergangenheit (Aktzeit) bzw. Zukunft in der Vergangenheit (Referenzzeit).

Der syntaktische Status der Einzelsätze ist allerdings nicht homogen. Einige davon (Раннее утро. Половина шестого. Тихо.) wären ungrammatisch, falls man das entsprechende finite Verb (in diesem Fall wäre es die Kopula быть ‘sein’) in der Präsensform (есть ‘ist‘) einsetzen würde. Bei anderen Sätzen wäre eine Ergänzung um ein Finitum bzw. Prädikativ (будет ‘wird’, слышно ‘zu hören, hörbar’, раздаётся ‘erschallt’, наступает ‘tritt ein’) durchaus korrekt. Den ersten Typ verbloser Sätze bezeichnen wir hier als coverte Ellipsen, d.h. Ellipsen, deren „Unvollständigkeit“ auf der Ebene der Tiefenstruktur des Satzes postuliert werden muss, wobei aber das tiefenstrukturell vorhandene Verb nicht an der Satzoberfläche erscheinen kann. Am häufigsten handelt es sich dabei um prototypische Kopulasätze mit Verbum substantivum in der – rekonstruierbaren, doch nie tatsächlich vorhandenen – Gegenwartsform. Der zweite Typ verbloser Propositionen sind dagegen Ellipsen anderer Art, die wir hier als overt bezeichnen in dem Sinn, dass tiefenstrukturell vorhandene „Verbalität“ auch an der Satzoberfläche durch Nachtragen entsprechender Finita oder Prädikative erscheinen kann. Diese sind in aller Regel keine Kopulae, sondern verbale Entitäten mit Volllexem-Wert. Die Wahl eines konkreten Verbs, welches die Ellipse zum Vollsatz ergänzen würde, ist allerdings nicht immer einfach. So kann der Satz Скоро рассвет (wörtl. bald Sonnenaufgang) als Скоро наступит ‘kommt’ / будет ‘wird’ рассвет aufgelöst werden. Ähnlich kann das Ticken der Uhr hörbar sein, gehört werden, aber auch – mit Perspektivwechsel – z.B. ertönen usw. Dies rührt davon her, dass bei einer overten Ellipse im Russischen das Verb in aller Regel unspezifiziert ist: Eine „Vase auf dem Tisch“ kann stehen, liegen, sich befinden etc. Die Uhr kann schlagen, der Uhrenschlag kann hörbar sein etc. Diese Rekonstruktionen haben offensichtlich keinen Belegstatus, sie dienen lediglich dazu, das Phänomen einer „coverten Ellipse“ durch die abstrakte Möglichkeit einer Rekonstruktion zu demonstrieren. Eine coverte Ellipse lässt dagegen in aller Regel keine Varianz zu. In den meisten Fällen enthält sie inhärent das Verbum substantivum in Kopulafunktion.

Ob die Ellipse overt oder covert ist, ist allerdings sprachspezifisch und hat daher keine universalgrammatische Geltung. So wären die im oberen Text aufgeführten russischen coverten Ellipsen mit inhärentem, doch nicht ergänzungsfähigem ‘sein’ im Deutschen oder im Polnischen als overte Ellipsen einzustufen, vgl. dt. (Es ist) früher Morgen. (Es ist) halb sechs etc. oder poln. (Jest) wczesny poranek. (Jest) wpół do szóstej etc. Das Verbum substantivum wäre aber auch hier – ähnlich zur coverten Ellipse im Russischen – nicht gegen ein anderes Verb austauschbar, da die Kopulafunktion generell keine Varianz zulässt. Universalgrammatisch sind dagegen der Ellipsestatus derartiger Fügungen als solcher sowie ihre Lesart mit doppelter zeitlicher Perspektivierung seitens der Origo (Praesens historicum) im Falle des Fehlens der Kopula in narrativem Diskurs.

In nichtnarrativen Texten der „besprochenen Welt“ (vgl. Weinrich 1977) liegt in vergleichbaren Fällen in aller Regel das covert kodierte Präsens zur Bezeichnung der aktuellen Gegenwart vor, über die vom Texterzeuger reflektiert wird – häufig zwecks einer Verallgemeinerung in generalisierenden, habituellen und sonstigen atemporalen Kontexten nach dem Prinzip „wie jetzt, so immer“, wie z.B. im folgenden bekannten Gedicht des russischen Dichters Alexander Block (1912):

 (2) Ночь, улица, фонарь, аптека,Nacht Straße Laterne ApothekeБессмысленный и тусклый свет.Sinnloses und fahles LichtЖиви ещё хоть четверть века —Leb noch sogar [ein] Viertel [des] JahrhundertsВсё будет так. Исхода нет.Alles wird so [bleiben]. Auswegs nicht [Es gibt keinen Ausweg]Умрёшь — начнёшь опять сначала,Stirbst beginnst wieder von AnfangИ повторится всё, как встарь:Und wiederholt sich alles wie einstНочь, ледяная рябь канала,Nacht eisige gekräuselte Fläche [des] KanalsАптека, улица, фонарь.Apotheke Straße Laterne

In den Sätzen mit Nominalformen des Verbs (Partizipien und Infinitiven) ohne Finitum (also den infiniten Sätzen) lässt sich das Finitum ebenfalls in der Regel problemlos nachtragen, was sie zu spezifischen Ellipsen macht, da das Nachtragen des Finitums nicht mechanistisch erfolgt und die Satzstruktur – wenn auch nicht immer obligatorisch – modifizieren kann, vgl. In München angekommen, ging Gustav zunächst in die Uni [Als Gustav in München angekommen war, ging er zunächst in die Uni]; russ. Курить – здоровью вредить (wörtl. Rauchen – seiner Gesundheit schädigen) mit nachzutragendem значит, означает ‘heißt, bedeutet’.1

Bei sog. afiniten Sätzen handelt es sich, wie oben bereits erwähnt, um Syntagmen mit ausgespartem Auxiliarverb haben, sein oder werden bei periphrastischen Tempus- und Genusformen, meist im Nebensatz, vgl.: Erloschen sind die heit´ren Sonnen, die meiner Jugend Pfad erhellt [hatten] (Schiller, Ideale); Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt [habt] (Goethe, Faust); Was vergangen [ist], kehrt in der gleichen Gestalt nie wieder (Kellner, Kriegstagebücher, zitiert nach: Riecke 2012).

Sowohl in- als auch afinite Sätze vom oben erwähnten Typ sind zweifelsohne overte Ellipsen, bei denen das Finitum ergänzt werden kann, ohne dass die Oberflächenstruktur des Satzes grundsätzlich tangiert wird. Infinite Sätze weichen dabei allerdings vom Prototyp mit Finitum stärker ab als afinite Satzsyntagmen, bei denen das jeweilige Auxiliarverb einfach am Satzende nachgetragen werden soll, damit der Nebensatz seine „übliche“ Form erhält.

Im nächsten Abschnitt werden nun Satzgebilde behandelt, die keine klassischen Ellipsen darstellen, da ihre weit verstandene „Verbalität“ von dem klassischen Schema einer Ellipse abweicht.

3 Sätze ohne finites Verb als nichtelliptische Syntagmen

Neben Auslassung des Finitums bzw. seiner Nichtverwendung an der Satzoberfläche bei inhärentem „Vorhandensein“ in der zu Grunde liegenden Tiefenstruktur gibt es Fälle, bei denen die übliche „Ergänzungsprozedur“ des rekonstruierten prototypischen finiten Verbs auf z.T. unüberwindbare Schwierigkeiten stößt. Dazu gehören u.a. Konstruktionen, welche in der Linguistik als Genitivus absolutus (im Griechichen), Ablativus absolutus (im Latein) bzw. Dativus absolutus (z.T im Griechischen, vor allem aber im Altkirchenslawischen und in altgermanischen Sprachen) bekannt sind, vgl.:

 (3) Mt. 8, 1:griechisch:καταβάντος [Part. I Gen. Sg. Aorist] δὲ αὐτοῦ [Pron. Gen. Sg.] ἀπὸ τοῦ ὄρους ἠκολούϑησαν αὐτῷ ὄχλοι πολλοί.gotisch:dala⇒ þan atgaggandin [Part. I D. Sg.] imma [Pron. 3. Pers. D. Sg.] affairgunja, laistidedun afar imma iumjons managos. altkirchenslawisch:сшедшу [Perfekt-Part. I D. Sg.] же ему [Pron. 3. Pers. D. Sg.] с горы, вслед его идяху народи мнози.neuhochdeutsch:Als Er bergab ging [wörtl. gehenden seines (gr.) bzw. gehendem ihm (got., aksl.) bergab], folgten ihm viele Menschen.

 (4) Mt. 8, 16:griechisch:’οψιασ [Adj. Gen. F. Sg.] δε γενομενησ [Part. Medium Aorist Gen. F. Sg.] προσηνεγκαν αυτω δαιμονιζομενουσ πολλους […]gotisch:at andanahtja [Subst. D. Sg.] þan waurþanamma [Part. II Dat. F. Sg.], atberun du imma daimonarjans managans […]altkirchenslawisch:позде [Adj. D. M. Sg.] же бывшу [Part. I D. M. Sg.] приведоша к нему бесны многи […]lateinisch:vespere [Subst. Abl. Sg.] autem facto [Part. II Abl. Sg.] obtulerunt ei multos daemonia habentes neuhochdeutsch:Als dann Abend kam [wörtl. Abendes dann des gewordenen (gr.) bzw. Abend dann dem gewordenen (got., aksl.) bzw. (vom) Abend gewordenen (lat.)], brachte man zu ihm viele Besessene.

 (5) Joh. 2, 3:lateinisch:deficiente [Part. I Abl. Sg.] vino [Subst. Abl. Sg.] dicit mater Iesu ad eum vinum non habent.althochdeutsch (Tat. 45, 2):thô ziganganemo [Part. II D. Sg.] themo uúine [best. Art. + Subst. D. Sg.] quad thes heilantes muoter zi imo: sie ni habent uúin. Als es an Wein mangelte [wörtl. (vom) Wein fehlendem (lat.) bzw. Wein dann zu Ende gegangenem (ahd.)], sprach die Mutter des Heilands zu Ihm: sie haben keinen Wein (mehr)].

Zu derartigen Konstruktionen gesellen sich infinite (hauptsächlich partizipiale) Satzgebilde mit Nebensatzstatus, die z.B. in der griechischen oder gotischen Sprache sehr häufig auftreten und statusmäßig den Verbalfügungen mit dem Verbum finitum volläquivalent sind, vgl.:

 (6) Mt. 8, 2–3:griechisch:καὶ ἰδοὺ λεπρὸς προσελϑὼν προσεκύνει αὐτῷ λέγων, Κύριε, ἐὰν ϑέλῃς δύνασαί με καϑαρίσαι. καὶ ἐκτείνας τὴν χεῖρα ἥψατο αὐτοῦ λέγων, Θέλω, καϑαρίσϑητι! καὶ εὐϑέως ἐκαϑαρίσϑη αὐτοῦ ἡ λέπρα.gotisch:jah sai, manna þrutsfill habands durinnands inwait ina qiþands: frauja, jabai wileis, magt mik gahrainjan. jah ufrakjands handu attaitok imma qiþands: wiljau, wairþ hrains! jah suns hrain warþ þata þrutsfill is. [wörtlich]: ,und siehe, Mann Aussatz habender zurennender grüßte Ihn sprechender: Herr, wenn [Du] willst, kannst [Du] mich rein machen. Und Hand ausstreckender berührte ihn sagender: [Ich] will [es], werde rein! Und alsbald rein wurde dieser Aussatz sein.‘

In der deutschen Gegenwartssprache gibt es Reste dieser früher sehr verbreiteten Kompression der Aussage durch Verwendung von Partizipialformen, welche im angeführten Beispiel zwar das griechische Original kopieren, dabei aber keinesfalls als griechische (oder jeweils lateinische) Entlehnungen zu behandeln sind, da die Möglichkeit ihrer Verwendung als solche schon von deren Verankerung im eigenen grammatischen System zeugt. Doch ist das Ausmaß dieser Kompression (als prädikative Attribute) in modernen germanischen Sprachen im Vergleich zu den älteren Stufen der Indogermania sehr bescheiden, vgl. dt. Ein spannendes Buch lesend ging Wolfgang die Straße entlang. Die Sätze des Typs ??Die Straße entlang gehend, dabei ein spannendes Buch lesend, auf Passanten und Autos wenig achtend und kaum bemerkend, was sich um ihn tat, auf eine Laterne stoßend, schrie Wolfgang vor Schmerz auf sind zwar theoretisch verständlich, doch trotzdem kaum mehr grammatisch. Dagegen leben derartige Kompressionen in Form von Gerundivum-Kompressionen in der Slavia weiter, vgl. russ. Идя по улице, читая интересную книгу, не смотря по сторонам и не замечая ни пешеходов, ни людей, Вольфганг, натолкнувшись на столб, вскрикнул от боли. Freilich ist auch der russische Satz stilistisch alles andere als mustergültig, doch ist er im Unterschied zum deutschen Satz grammatisch völlig korrekt und in jeder Hinsicht akzeptabel. Grund dafür liegt auf der Hand: Die overte Finitheit hat sich in der Germania in einem viel stärkeren Maß als in der Slavia entwickelt und dominiert heutzutage die Satzsyntax in dem Maß, dass dieser Fakt in der Grammatikschreibung widergespiegelt wird, indem Finitheit zum Satzkriterium sine qua non erhoben wird. Doch ist dieses formale Kriterium u.E. keinesfalls ausreichend, um verblosen sowie in- und afiniten Sätzen den Satzstatus (hier: Nebensatzstatus) abzusprechen, gleichgültig, ob es sich um (overte oder coverte) Ellipsen oder aber um nichtelliptische Satzkompressionen handelt. Noch weniger kann Finitheit als oberes Gebot für Satzstatus aus sprachtypologischer Sicht bewertet werden.

Im Weiteren werden nun pragmatisch bzw. textsortenspezifisch bedingte Verwendungsweisen afiniter Formen im Deutschen in einem kurzen historischen Aufriss behandelt, wobei die Entwicklungsetappen der deutschen Sprache im Mittelpunkt stehen, in denen Afinitheit besonders stark eingesetzt wurde und spezifische Funktionen erfüllte, welche später aufgegeben oder stark eingeschränkt, mitunter auch völlig umgedeutet und gerade an explizite Finitheit gebunden wurden.

4 Afinitheit im kurzen historischen Aufriss

Das Auslassen der finiten Verbformen als syntaktisch-stilistisches Verfahren ist im hochdeutschen Diskurs seit der spätmittelhochdeutschen Zeit (14. Jh.) vereinzelt belegt (vgl. Ebert 1993: 442). Die Frühbelege afiniter Verbalperiphrasen, die eher als Zufallsfunde denn als Ergebnisse einer systematischen Materialerhebung zu werten sind, finden sich beispielsweise im Egerer „Buch der Gebrechen“ aus dem Jahre 1379. Nichtsdestotrotz verleiten derartige Einzelfunde zu dem Schluss, dass die syntaktischen Kurzformen – entgegen der kursierenden Hypothese – bereits den mittelalterlichen Schreibern geläufig waren (vgl. Macha 2003: 25).

Eine systematische Verwendung der finitlosen Satzstrukturierung fällt aber erst in das 16. und 17. Jahrhundert, also in die Spätphase des Frühneuhochdeutschen, in der ein Wechsel von älteren, dialektal differenzierten Schreibvarianten zu modernen und einheitlichen Schreibformen stattfindet und wo die einst unumstößliche Autorität der mündlichen Überlieferung zunehmend durch die Ausbildung schriftlicher institutioneller Kommunikation verdrängt wird. Diese neue Qualität der Schriftlichkeit betrifft vor allem den kanzleisprachlichen Schreibusus, sodass man auch davon ausgehen kann, dass der Hang zur afiniten Konstruktionsweise eine der typischen Erscheinungen der frühneuhochdeutschen Kanzleisyntax ist (vgl. Ebert 1993: 442). Im Schriftverkehr des 17. Jahrhunderts ist die Auslassung der finiten Verbformen fast zur Regel geworden, was wiederum dazu geführt hat, dass in vielen Texten die ausgiebig eingesetzten Kurzformen das dominierende Satzmuster bilden (vgl. a.a.O.).

Diese Auslassungstendenzen, die in frühneuzeitlichen Texten massenhaft vorkamen, gingen im Laufe des 18. Jahrhunderts spürbar zurück. In sprachreflexiven Texten zeitgenössischer Autoren (z.B. bei Gottsched) wurden sie als normwidrig stigmatisiert, da sie gegen die Kriterien von Wohllaut und Deutlichkeit verstießen (vgl. Konopka 1996: 140f.). Dies verursachte wiederum eine Reihe von strukturellen Änderungen im Bereich der Text- und Satzgestaltung, welche sich zuletzt darin äußerten, dass der afinite Satzbaustil zugunsten der vollständigen Verbalstrukturen verworfen wurde.

Die Möglichkeit afiniter Satzgestaltung ist jedoch nie zugrunde gegangen. Wie die durchgeführten Korpusrecherchen belegen, expandiert die afinite Konstruktionsweise in der deutschen Gegenwartssprache in neue Domänen der Schriftlichkeit. Das Belegmaterial ist deswegen so heterogen und umfangreich wie noch nie zuvor. Augenfällig ist auch das differenzierte Funktionsprofil der historischen und gegenwartssprachlichen Satzstrukturen: War die Afinitheit im historischen Diskurs auf besondere Nebensatztypen beschränkt, liegt sie heute vornehmlich im Hauptsatzparadigma vor und übernimmt verschiedene textsortenspezifische und kommunikative Aufgaben, von Komprimierung über emphatische Markierungen bis hin zu stilistischer Variierung (vgl. Schönherr 2018: 566).

5 Afinitheit als textsortenspezifisches Phänomen

Betrachtet man afinite Konstruktionstypen in einem geschichtlichen Querschnitt, so fällt auf, dass Afinitheit vornehmlich an Texte gebunden war, die einen hohen sozialen Status besitzen. Hierher gehören vor allem die oben bereits erwähnten Kanzleitexte als im hohen Grad (durch vorgegebene Strukturmuster) standardisierte, zum Teil stark formelhafte Texte, die zur Regelung von sämtlichen Rechts- und Geschäftsvorgängen dienten. Die Einbettung der einzelnen Texte in den kanzleisprachlichen Diskurs bewirkt, dass sie nicht nur in formaler, sondern auch in inhaltlicher Sicht gewisse Affinitäten aufweisen. So sind sie u.a. durch Komplexität der darin beschriebenen Sachverhalte gekennzeichnet, woraus sich dann als Begleiterscheinung die natürliche Notwendigkeit einer sprachökonomischen Auslassung entbehrlicher Satzteile, darunter gerade der finiten (Hilfs-)Verben ergeben hat.

Umgekehrt kommen in Texten, die der gesprochenen Sprache besonders nahestehen oder einen sehr einfachen thematischen Gehalt aufweisen, nur selten afinite Konstruktionen vor (vgl. Admoni 1967: 190). Somit kann festgehalten werden, dass der afinite Satzbaustil ein spezifisches Merkmal der Kanzleitexte, ja ein „Kanzleiusus“ (Rösler 1995) ist.

Was nun die gegenwartssprachlichen Domänen der Verwendung afiniter Konstruktionen anbelangt, so liegt ein weitgehender Gebrauchswechsel vor: Afinite Konstruktionen werden heute tendenziell in Texten mit abgeschwächter kommunikativer Ausrichtung (z.B. in Tagebüchern, vgl. dazu u.a. Fernandez-Bravo 2016) verwendet, in denen nicht so stark auf die Finitheit geachtet wird wie z.B. in narrativen Texten. Textsortenspezifisch ist dies leicht erklärlich, sind ja Tagebücher generell eine nichtkommunikativ (da ausschließlich autoreferentiell) konzipierte Textsorte, sodass ihr Verfasser sich auf Sprachformen begrenzen darf, welche für ihn ausreichend verständlich sind und keine empfängerseitig begründete Akribie grammatischer Norm verlangen. Andererseits werden sie als Mittel verwendet, das zur stärkeren kommunikativen Geltung eines Textes beitragen kann. Schließlich kommen sie im mündlichen Register vor, meist in elliptischen und / oder emphatischen Kontexten, wo sie unterschiedliche pragmatische Funktionen übernehmen (vgl. Schönherr 2018: 568).

6 Typologie und Textgrammatik afiniter Sätze in historischen Texten

Wie dem speziell für die vorliegende Arbeit erstellten Textkorpus1 zu entnehmen ist, betrifft die Auslassungsprozedur vor allem das Verbum finitum in Konstruktionen mit dem Partizip Perfekt, also die temporalen Hilfsverben sein und haben im Perfekt Aktiv und im Plusquamperfekt Aktiv sowie in verschiedenen Tempora des Passivs. Das Nicht-Setzen der finiten Auxiliarverben tritt dabei in eingeleiteten Nebensätzen, allen voran den Konjunktional- und Relativsätzen auf (vgl. Schönherr 2018: 568f.). Selbstverständlich ist das Vorkommen afiniter Konstruktionen weder zeitlich noch räumlich gleichmäßig verteilt. Im Folgenden werden die Konstruktionstypen in absteigender Reihenfolge nach deren Vorkommenshäufigkeit aufgeführt, wobei die Auflistung der Konstruktionstypen und die Aussagen über ihre Frequenz eng an die statistischen Korpusanalysen von Janigane-Prokai (2013) angelehnt sind. Die in der Arbeit formulierten Thesen sind also unter Zuhilfenahme geeigneter Textdaten empirisch untermauert und dürfen deswegen – zumindest in Bezug auf das untersuchte Textkorpus – den Anspruch auf Gültigkeit erheben. Durch die Konfrontation der exzerpierten Belege mit korpusbasierten Untersuchungen von u.a. Janigane-Prokai (2013) sollte zusätzlich die methodische Stringenz der vorliegenden Untersuchung erhöht werden. Insgesamt ging das Bemühen dahin, eine mit den anderen, bisher durchgeführten Korpusstudien zusammenhängende Analyse verbloser Strukturen vorzulegen. Die Korpusbelege wurden entsprechend formalen Kriterien sortiert und in vier Gruppen geordnet.

Zu den höchstfrequenten (gegen Mitte des 17. Jahrhunderts fast ausnahmslos eingesetzten) Nebensatz-Konstruktionen ohne Verbum finitum gehört der Weglassungstyp sein + Partizip II + worden. Es ist also ein passivisches Muster in den Vergangenheitstempora Perfekt oder Plusquamperfekt. Hier nur ein schmaler Ausschnitt aus dem reichlich vorhandenen Belegmaterial (Kleine Chronik der Reichsstadt Nürnberg, 1790):

 (7) Am 8. Dezember dieses Jahrs [1698] wurde der Einlaß beim Hallerthuerlein eröffnet, nach dem vorher die dortige Brücke neu erbaut worden.

 (8) 1699 wurde die erste Armenschule, welche durch eine Lotterie fundiert worden, im Zuchthause eröffnet […].

 (9) 1300 wurde die Moritzkapelle am Mark von Eberhard Mendel gebaut, welche 1313 abgebrochen und gegen St. Sebald ueber versetzt worden.

 (10) 1349 am St. Niclas Abend wurden viele Juden zu Nürnberg verbrennt, welchen man eine Vergiftung der Brunnen Schuld gab, durch welche ein großes Sterben verursacht worden.

 (11) Er errichtete auch den ersten Ritterorden, der in Deutschland von einem deutschen Fürsten gestiftet worden, den Orden der Fürspänger zu Ehren der Jungfrau Maria.

 (12) In das Ende dieser Periode gehört auch die Errichtung der Kettenstöcke in den Gassen, welche, wie Conrad Celtes erzählt, ein zufälliger Weise entstandenes Gedräng bey einer Heilthumsweisung, wodurch viele Menschen beschädigt worden, veranlaßt hat.

 (13) 1528 wurde das Ungeldhaus gekauft, welches im folgenden Jahrhundert zum Rathhaus gezogen worden.

Ein ebenfalls hochfrequentes Muster stellen die aktivischen Perfekt- oder Plusquamperfekt-Konstruktionen dar, in denen das temporale Hilfsverb haben ausgelassen wird. Die größte Vorkommenshäufigkeit dieser Periphrasen fällt ungefähr auf die Mitte des 17. Jahrhunderts:

 (14) Weil ihne die Griechen dem verstorbnen Patriarchen gefunden/und erstlich auffgezeigt. (Protokollum des Colloquij zu Newburg an der Donaw, 1615)

 (15) Zum ersten da er vermerckt/daß ich ime etliche Stellen herauß geklaubt / die ihm wurden den Hals abbrechen […] (Protokollum des Colloquij zu Newburg an der Donaw, 1615)

 (16) Bald Anfang beschuldiget er/daß man in den formalibus handgreiflich verstossen […]/daß wir ihn unserer Pflicht gemäß nicht besprochen […] (Doppelte Verthäidigung des Eben-Bildes der Pietisterey, 1692)

 (17) [..] da wir nunmehr selbst nicht läugnen könten/daß wir wider die Pflicht der christlichen Liebe / und des H. Lehrampts ganz unvorsichtig / und zu grossem Ergerniß der Gemeinde gehandelt. (Doppelte Verthäidigung des Eben-Bildes der Pietisterey, 1692)

Die Perfekt- und Plusquamperfekt-Periphrasen, in denen das Auxiliar sein erspart ist, weisen vergleichbar den haben-Konstruktionen ein ähnliches Distributionsmuster vor. Gegen Mitte (1625–1650) des 17. Jahrhunderts wird das Hilfsverb sein in nahezu 75 % der Fälle ausgelassen:

 (18) Ob sie auch vf dem tantz geweßen, sagt ia ein mahl oder drei […] (Verhörprotokoll Friedberg 1620)

Viele dieser Konstruktionen begegnen auch in literarischen Texten, was u.a. im Sinne der rhetorischen Maxime variatio delectat geschieht und zur Vermeidung der für narrative Texte sonst so charakteristischen syntaktischen „Stereotypie“ verhilft:

 (19) Zwey Jahr ungefähr, nemlich biß der Einsidel gestorben, und etwas länger als ein halbes Jahr nach dessen Todt, bin ich in diesem Wald verblieben (Grimmelshausen, Simplicissimus I 11, S. 4–5)

 (20) Wie es nun ihme Joseph ergangen/ biß alles dem Göttlichen Willen nach zu Faden geschlagen worden/ solches wird in diesem Buch einfältig erzählt (Grimmelshausen, Exempel der unveränderlichen Vorsehung Gottes)

Zu den Auslassungen des finiten Auxiliars kommt es oft (allerdings nicht mehr so regelmäßig) auch in der Modalkonstruktion sein + zu + Infinitiv. Bemerkenswert ist dabei, dass das Modalitätsverb haben in der parallelen Konstruktion haben + zu + Infinitiv eine viel stärkere Resistenz gegenüber der Auslassung aufweist als dies bei sein der Fall ist. So begegnen Strukturen von Typ:

 (21) Und weil nicht weiteres aus ihm zu bringen, bliebe es bey der betrawung (Verhörprotokoll Dillenburg, 1631)

viel öfter als die haben-Variante:

 (22) Vnd ob sie was müntlich fürzutragen / sollen sie sich in alleweg der kürtz befleissen […] (Houe Gerichts Ordnung, 1572)

Besonders gewagte Auslassungen finiter Verben begegnen an den Stellen im Text, an denen die syntaktisch-semantischen Beziehungen zwischen den Satzgliedern oder Satzteilen dermaßen kompliziert sind, dass man die fehlenden Verbformen zur Entlastung derartiger schwerfälliger Satzgefüge intuitiv einsetzten würde. Wie dem auch sei: Die afiniten Partizipialkonstruktionen sind sich selbst genug und scheinen einer Ergänzung durch ein finites Auxiliar nicht zu bedürfen. Ihre prädikative Eigenständigkeit ist dabei wohl kaum tangiert. Im Gegenteil: Sie gewährleisten – ähnlich den voll ausgestalteten „Normalsätzen“ – die Kodierung von Satzpropositionen und wirken genauso wie diese textkonstitutiv. Zieht man jeweils den weiteren Kotext heran, in dem die behandelten Strukturen vorkommen, so fällt auf, dass es bei all den Textstellen kein Auxiliar in der Nähe gibt, das ersatzweise nachwirken könnte. Dies verstärkt zusätzlich die Annahme, dass die behandelten Konstruktionen keine (overten) elliptischen Strukturen darstellen, sondern von vornherein auxiliarlos konzipiert sind. Ein (overtes) elliptisches Verfahren anzunehmen, macht demgegenüber nur dort Sinn, wo in demselben Satz oder Kontext ein mit dem Auxiliar versehenes Partizip nachfolgt oder vorausgeht, dort also, wo das Auxiliar eines benachbarten Verbalgefüges stellvertretend für alle anderen ausgelassenen Hilfsverben steht.

In textgrammatischer Sicht lässt sich eine Reihe von Faktoren nennen, die das Vorkommen afiniter Strukturen besonders stark beeinflussen. Hierher gehört u.a. die Sprachökonomie, die im Allgemeinen nicht nur zur Auslassung überflüssiger Teile des Satzes führt, sondern die Ersparung der scheinbar unentbehrlichen Satzentitäten, darunter der finiten Verbformen, ermöglicht. Dieses Streben nach „sprachliche[r] Kürze“ (Bär / Roelcke / Steinhauer 2007) macht sich besonders in satzförmigen parenthetischen Einschüben oder in sog. Schachtelsätzen deutlich, d.h. in Sätzen, die strukturell ineinander verwoben sind, vgl. hierzu ein Beispiel aus dem Text von M. Opitz, wo ein afiniter Temporalsatz (als ich mich noch auff hohen Schulen…) in einen Relativsatz eingeschoben wird:

 (23) Als ich neulich bey meiner gutten Freunde einem im Durchreisen einsprach/ fand ich unter andern seinen Sachen auch diß Gedichte von Glückseligkeit deß Feldlebens/welches ich vor etlichen Jahren/als ich mich noch auff hohen Schulen befunden/sol geschrieben haben. (Martin Opitz: Martini Opitii Lob deß Feldtlebens, 1623, S. 7)

Die Tilgung von Auxiliarverben erfolgt auch zwecks der Vermeidung von repetitiven Verbformen (vgl. Ebert 1993: 442), die ansonsten an der Grenze vom Nebensatz und Hauptsatz zusammenstoßen würden. Ferner kommt die Auslassung der finiten Auxiliare in stark formelhaften Wendungen vor, welche durch einen häufigen Gebrauch zu einer Art Kollokationen geworden sind (wie oben verordnet, wie oben gemeldet, wie oben im ersten theil dieser ordnung gemeldet [Concept der verbesserten Cammergerichtsordnung, 1753]).

Die Ersparung finiter Verbformen kann schließlich als eine der Bestrebungen angesehen werden, die schriftliche Rede von der mündlichen abzuheben, und somit der geschriebenen Sprachvarietät mehr Autonomie, ja mehr Prestige und Professionalität zu verleihen – kurzum: die Schriftsprache zum neuen, verbindlichen und stabilen Medium der (institutionellen) Kommunikation aufzuwerten. Mit Oskar Reichmann ist dieser Prozess als eine fundamentale Umorientierung der Funktional-, Sozial- und Medialvarianten etc. der Sprache zu verstehen, wobei hier besonders der mediale Übergang von der gesprochenen (Oralität) bis zur geschriebenen Sprachvarietät (Literalität) von Interesse ist. Die Schriftsprache wird von Reichman (2003, 30) als das „von Wissenschaftlern, Schriftstellern, überhaupt Gebildeten in den soziologisch gehobenen bzw. als gehoben betrachteten Kultursystemen als omnivalentes Darstellungs- und Handlungsinstrument zu allen denkbaren Zwecken“ aufgefasst. Diese Umorientierung vollzog sich auch auf der Sprachebene, indem viele sprachinterne Neuerungen bzw. Tendenzen aufkamen, etwa die syntaktische Manier das Verbum Finitum aus Nebensatzkonstruktionen zu eliminieren, und zwar besonders in als hochwertig angesehenen frühneuzeitlichen Kanzleitexten.

7 Rückblick

Das Phänomen der Verblosigkeit und damit verbundene Erscheinungen der In- bzw. Afinitheit sind – u.a. als strukturinternes Kompressionsmittel – nahezu in jeder natürlichen Sprache vorhanden, auch wenn ihre Verbreitung und Anwendung gewissen Restriktionen unterliegt, die sich von Sprache zu Sprache z.T. stark unterscheiden. Auch diachron gesehen gibt es gewisse Tendenzen, die die Entwicklungsrichtung anzeigen: In der Germania und z.T. in der Slavia ist dies generell eine Entwicklung zur stärkeren Ausprägung finiter Ausdrücke, auch wenn bei bestimmten Textsorten nach wie vor Afinitheit, wenn nicht dominant, so zumindest relativ stark vertreten ist.

Verblose bzw. in- oder afinite Sätze, welche zu „Vollsätzen“ mit dem Verbum finitum ergänzt werden können, sind gemeinhin als Ellipsen einzustufen, auch wenn nicht jede Ergänzungsprozedur eine dem Satz ohne Finitum volläquivalente Proposition ergibt. Ellipsen sind ihrerseits nicht homogen. Bei einer overten Ellipse ist das einzusetzende Verb in aller Regel unspezifiziert und lässt daher eine – wenngleich beschränkte – Wahl bzw. Varianz zu. Eine coverte Ellipse schließt dagegen in aller Regel Varianz aus. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um das nachzutragende Verbum substantivum in Kopulafunktion. Typologisch lassen sich beide Arten der Ellipse lediglich auf die Satzoberfläche beziehen, universalgrammatisch liegen beiden ähnliche Tiefenstrukturen zugrunde.

Nichtelliptische Sätze ohne Finitum haben das Merkmal der Verbalität an der Satzoberfläche in der Form infiniter Verbformen, aber im Gegensatz zu den Ellipsen, bei denen Finitheit generell ableitbar ist, beschränkt sich die „Verbalität“ dieser Satzgebilde auf infinite Verbformen, wodurch sie zu „absoluten“ und damit vergleichbaren nonfiniten Satzstrukturen gezählt werden müssen.

Die angestellten Überlegungen stellen nun das Merkmal der Finitheit als formal gültiges Satzkriterium in Frage und lassen eine Proposition auch dann als vollwertigen Satz einstufen, wenn die dadurch ausgedrückte Prädikation ohne Finitum, ja gar ohne Verb an der Satzoberfläche erscheint.

Dies gilt übrigens auch für die historischen Konstruktionen: Die prädikative Eigenständigkeit der afiniten Nebensätze ist genauso gesichert, wie wenn ein finites Verb vorhanden wäre. So nahe diese Folgerung liegt, so wenig wird sie in der Forschung reflektiert, da man sehr oft davon ausgeht, dass afinite Verbalperiphrasen wohl nur Abbreviaturen einst vollständiger Sätze sind und als solche keiner eingehenden Untersuchung bedürfen. Die Einsicht, dass sie als vollgültige Prädikate fungieren, eröffnet eine neue Sicht auf ihre Entstehungsgeschichte sowie Entwicklungslinien und Wendepunkte.

Der auffällig häufige Gebrauch afiniter Satzstrukturen in frühneuzeitlichen Texten, darunter vor allem Kanzleitexten, deutet darauf hin, dass es neben strukturellen Faktoren auch stilistische und pragmatische Gründe für die Verwendung afiniter Konstruktionen gibt. Zu den Letzteren zählen u.a. die Betonung des besonderen Status des Textes sowie die Tendenz zum ökonomischen Sprachgebrauch, was im Falle der Verwaltungstexte, die ja per se umfangreich sind, von großem praktischem Nutzen ist.

Am häufigsten werden die finiten Hilfsverben in den temporalen Verbalperiphrasen im Perfekt und Plusquamperfekt (Passiv und Aktiv) ausgelassen. Der Anteil anderer Konstruktionstypen ist relativ gering. Nach ihrer Blütezeit im 17. und 18. Jahrhundert ist ein spürbarer Rückgang der Formen zu verzeichnen. In der Gegenwartssprache beobachtet man allerdings, wie bereits erwähnt, eine erneute Tendenz zur Auslassung der Verba finita, auch wenn dies vor allem das Hauptsatzparadigma betrifft und durch völlig andere Gründe (z.B. emphatische oder stilistische Markierung) motiviert ist.

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L’imaginaire linguistique de la brièveté

Odile Schneider-Mizony

Introduction

La brièveté langagière relève d’une conception intuitive et culturelle sur laquelle se fait un consensus des membres de la communauté linguistique (Balnat 2013 : 82). L’intelligibilité de la notion est donnée d’emblée, c’est une de ces intuitions premières dont Bachelard expliquait qu’elles constituent un obstacle à la pensée scientifique, pétries qu’elles sont de convictions intimes s’opposant à une saisie mentale rationnelle (1972 : 73).

Une étude de son imaginaire recherche les valeurs implicites qui lui sont associées, et renseigne sur les attitudes des locuteurs envers la langue, qui peuvent être prescriptives, quand il est question de normes et de standard, ou évaluatives (Houdebine-Gravaud 2002 : 11). Ces attitudes sont nourries de mythes sur la langue et de topoï circulants : elles représentent une pensée non scientifique, qualifiée courtoisement de linguistique populaire ou folk linguistics. L’accès à l’imaginaire de la brièveté se fait en analysant les discours épilinguistiques à son sujet, rêveries de la concision langagière qui seront examinées à trois niveaux : brièveté de la prise de parole, puis du texte, et enfin principe d’économie langagière. La première partie donnera des justifications éthiques à la brièveté, la seconde traitera de la poétique des textes brefs, et la troisième s’intéressera à ce que la discipline linguistique même dit de la brièveté. Les exemples issus des langues française et germaniques montrent des imaginaires analogues, qu’explique sans doute le fonds de culture humaniste commun à ces espaces.

1 Quand la brièveté de la prise de parole est éthique chez l’homo urbanus

Le premier théoricien de la brièveté langagière, Sénèque, était qualifié par ses contemporains de arena sine calce, sable sans chaux1, par allusion à ses phrases brèves et juxtaposées, qui ont donné son nom à une écriture dépouillée s’opposant à l’ample période cicéronienne. Là où on lui reprochait son manque d’élégance et de savoirs précieux, le philosophe romain défend la thèse selon laquelle nul style ne doit empêcher l’accès direct aux idées : il ne saurait y avoir de différence entre res – les choses qui sont matière du discours – et verba – les mots. Toute formule supplémentaire, si virtuose soit-elle, est de la coquetterie. La parole brève se limite au discours brut de la conscience honnête. On ne parle pas pour l’esthétique, mais pour la vérité ou, avec les mots de Sénèque :

 (1) Non delectent uerba nostra, sed prosint. [Que nos paroles ne visent pas le plaisir, mais l’utilité], cité d’après Armisen-Marchetti (1996 : 12)

Cette conception de la brièveté se fonde sur l’idée que celui qui parle beaucoup aurait beaucoup à cacher, car les mots poseraient un voile sur les choses en empêchant l’accès à la vérité : la période baroque fait ainsi de la langue le speculum rerum, le miroir des objets, et développe la rêverie d’une langue directement et exactement référentielle. Deux millénaires plus tard, les maximes conversationnelles de Grice sur la quantité justifient une valorisation semblable de la parole brève. La prescription de brièveté se retrouve aussi bien dans la maxime de quantité sous la forme Que votre contribution ne contienne pas plus d’information qu’il n’est requis qu’en spécification de la maxime de clarté sous la forme Soyez bref. Les implicatures conversationnelles que l’on tire de l’infraction de ces maximes démasquent la parole mensongère (Grice 1979 : 61–62).

La brièveté est créditée d’un second effet moral : elle serait plus efficace que l’exhaustivité. Les textes amplifiés seraient bavards et gratuits, sans qualité éthique, alors que la leçon morale doit veiller au temps d’attention et à la compréhension des destinataires. À l’exception des fabliaux, les genres brefs du Moyen-Âge visaient l’édification didactique, impliquant précisément la brièveté. Le message moral court était réputé mieux se comprendre que le long sermon. C’est ainsi que les textes brefs de la période classique française, ceux de la Rochefoucauld ou de La Bruyère, les Fables de La Fontaine, les Pensées de Pascal sont de l’ordre de la révélation morale puissante aussi bien qu’immédiate, une condensation créant le choc mental qui va amener à changer de vie.

La brièveté est aussi courtoisie : trois siècles plus tard, le mot-valise netiquette verbalise la nécessité de faire des méls courts pour rester court-ois (jeu verbal d’étymologie), transposant à la communication numérique les exigences de coopération harmonieuse avec l’interlocuteur inscrites depuis des siècles dans les stylistiques de la correspondance :

 (2) La longueur d’un courriel n’est pas limitée… en théorie ! Vous pouvez écrire des centaines de lignes si vous le souhaitez. Néanmoins n’oubliez pas que le courriel est un moyen de communiquer rapidement. Vos interlocuteurs préfèreront un message relativement concis. (Salmandjee-Lecomte 2008 : 30)

Être bref, c’est économiser le temps et la patience de son interlocuteur, donc être poli. Le revers de la médaille est l’opacité potentielle de cette brièveté, qui peut, inversement donc, devenir impolie, comme le révèle en creux le conseil de ne pas faire trop court sous peine de se comporter comme un rustre langagier, conseil dans lequel un dicton allemand célèbre est retourné en reproche de mauvaise manière :

 (3) Le bref a plus de goût, dit-on. Mais on n’aime pas non plus les textes trop salés. Celui qui n’écrit qu’en phrases courtes n’atteint guère d’autre but que de passer pour un bûcheron sous l’influence de stéroïdes2.

La métaphore du bûcheron sous stéroïdes accomplit l’acte indirect d’un reproche de conduite : on rebuterait ses lecteurs par des textes insuffisamment explicites. Il faut ainsi être non seulement poli, mais habile, quand on est bref. D’où le fleurissement contemporain de guides rédigés par diverses institutions en Allemagne comme en Suède ou au Canada expliquant comment écrire en langage clair et simple (leichte Sprache en allemand, klarsprak en suédois), en faisant, entre autres, des phrases courtes dans des textes courts afin d’assurer une circulation démocratique et transparente de l’information, comme Karin Ridell l’analyse pour la klarsprak suédoise. Le Conseil des Langues en Suède recommande :

 (4) Les textes rédigés conformément aux principes de la klarsprak doivent être courts et contenir seulement des informations pertinentes. (d’après Ridell 2016 : 155)

2 Quand la brièveté est belle chez l’homo ludens

Dans son panorama des genres brefs de l’histoire textuelle européenne, Montandon cite une cinquantaine de modèles qui vont de l’adage au Witz en passant par le concetto, l’énigme ou le madrigal (1992 : 5). La reconnaissance d’une qualité esthétique aux textes brefs a été longue, car la brièveté caractérisait à l’origine le style bas (humilis) ou léger (brevis), ce dernier s’appliquant au comique. Elle était considérée comme moins littéraire que l’amplificatio, dont les figures rhétoriques embellissaient intrinsèquement le sujet. Contraire au projet esthétique dominant qui recourait aux ajouts stylistiques, la brièveté n’était acceptée que dans des anecdotes sensationnelles ou drôles, relevant du divertissement. Le peu de considération pour le genre bref se reflète dans les conseils donnés aux prédicateurs pour passer des textes longs aux courts : supprimer des parties du texte, réduire la narration à l’état de squelette, se limiter à l’utile. On argumentait que les auditeurs laïcs (et incultes…) ne goûteraient pas les digressions. Le mépris social traverse les siècles sans grand changement jusqu’aux stylistiques des années 70 sous la forme : la brièveté, c’est pour les gens peu instruits. La sous-partie consacrée aux phrases courtes d’une stylistique germanophone indique :

 (5) Les phrases en usage chez les enfants et les gens simples se limitent à des informations essentielles, des données relationnelles (personnes, évènements, circonstances) et à de modestes connexions entre les phrases. […] Ces caractéristiques expliquent qu’on les rencontre fréquemment à l’oral, dans des messages rapides (presse à grand tirage) et dans les textes populaires (contes, fables, légendes, chansons populaires), où c’est une langue simple, intelligible et proche des gens qui importe1.

À la stigmatisation traditionnelle succède une nouvelle valorisation à l’ère moderne, le jugement esthétique porté sur l’expressivité de la brièveté relevant alors du complexe d’Harpagon, comme le nomme Bachelard (1972 : 132). Appelé « complexe du petit profit », il estime les petites choses, comme les pierres du même nom, plus précieuses que les grands objets. Ces petites formes transportent une valeur concentrée qui relève du fonds pulsionnel à l’aide duquel Bachelard, annexant généreusement la psychanalyse, critique les métaphores du parler scientifique ordinaire. La notion rhétorique de brevitas recouvre la concision structurelle du récit, qui suppose l’existence d’une seule trame et d’un nombre restreint de personnages. Cet équilibre entre la taille et le caractère compréhensible se montrait dans l’exemplum, histoire brève insérée dans un sermon, resserrant de façon pragmatiquement efficace ce que disait le long discours du prédicateur : en réduisant la leçon divine à l’essentiel, par ex. au châtiment, il confrontait l’auditeur à un message d’autant plus violent. L’exemplum a un « effet-nouvelle », condensant et parachevant une histoire par une chute tantôt dramatique, tantôt scandaleuse. Il repose sur la conviction d’une saisie globale par intuition avant que n’intervienne la reconstruction cognitive progressive : le court serait clarification didactique alors que la longueur serait mystifiante.

Une anecdote anglaise illustre humoristiquement cet idéal de la nouvelle brève :

 (6) Une anecdote mettant en scène Somerset Maugham raconte que le célèbre écrivain visitait un jour une école de filles, où il prononça une conférence sur l’écriture de la nouvelle. La conférence en donnait comme constituants principaux la religion, le sexe, le mystère, le haut statut, une langue non littéraire et la brièveté.Le lendemain, l’enseignante invita ses élèves à écrire un texte suivant cette recette. Une minute après, l’une d’entre elles dit qu’elle avait fini. L’enseignante incrédule lui demanda de lire son travail à haute voix, ce qu’elle fit : « Mon Dieu », s’exclama la duchesse, « je suis enceinte ! Je me demande bien de qui ! »2.

Cette ultra-short story met en scène le trait incisif, la fulgurance de l’esprit qu’on retrouve dans la sentence, le proverbe, le distique, l’épigramme, tous ces textes constitués souvent d’une seule phrase qui renferme une pépite de pensée. L’aphorisme illustre bien les vertus prêtées à la brièveté (Schneider-Mizony 2001) : ces énoncés à une phrase combinent idéalement la puissance et la concision, ils dégagent une énergie intellectuelle qui donne une polarité positive au petit, conçu comme ramassé et puissant. L’effacement de la narration explicite devant l’herméneutique tend à une aristocratie de la brièveté : celle-ci cache le meilleur sous les mots que seuls décodent les initiés. Le trait d’esprit méprise logiquement le lourdaud et le domine. La brièveté implique le partage d’une culture commune s’exprimant par allusions. L’urbanité du Be brief est devenue à la période classique un élitisme cognitif au service de l’entre-soi.

Cette vision brutale du texte bref profite de sa synchronie intrinsèque : la saisie de l’œuvre y est holistique, comme s’il avait adéquation entre l’intention de création et l’expérience de la perception. Le fragment romantique n’est pas en priorité destiné à des lecteurs qu’aurait gagnés l’impatience de la modernité (Montandon 1992 : 88), mais relève d’un désir prométhéen d’enfermer le monde dans une formule. Le court n’y est pas pauvre, mais miniaturisé sous une forme énigmatique, exemple de langue cryptique. Les formes textuelles brèves se prêtent ainsi particulièrement bien à la canonisation, joignant la conservation de l’oralité au ciselage de la forme.

3 Quand la brièveté est fonctionnelle et rapide chez les linguistes
3.1 La valorisation dans le discours institutionnel

Les linguistes jugent de la brièveté en soupesant le rapport et l’équilibre entre les signifiants et les signifiés, comme I. Behr, qui, dans un article sur les propos oraux se complétant les uns les autres, estimait que cette économie était plus matérielle qu’opérationelle et devait être localisée au seul plan matériel1. Sous-jacente est l’idée qu’à un signifiant court peuvent correspondre des opérations longues en signifié, et qu’un locuteur bref nécessite un interlocuteur coopératif. L’économie de matériau langagier ne signifie pas économie de difficultés, car le bref, s’il sous-entend, démotive2, et contrecarre la facilitation cognitive attendue. On attend en effet quelque chose du bref, dont l’utilité potentielle devient principe d’explication : elle répondrait à un besoin, comme dans la Grammaire des fautes de Frei (1929), qui fait varier la langue en expressivité suivant les besoins ressentis par les sujets parlants face à ce qu’il appelle les déficits du français standard. Au nombre de ces besoins universaux du langage, le besoin de brièveté compte les phénomènes de brachysémie ou brièveté sémantique, mais aussi les représentants (pronoms personnels) ou les ellipses, dites répondre à un « besoin fort » :

 (7) Le besoin d’économie exige que la parole soit rapide, qu’elle se déroule et soit comprise dans le minimum de temps. De là les abréviations, les raccourcis, les sous-entendus, les ellipses, etc., que la langue parlée présente en si grand nombre. (Frei 1929 : 28)

 (8) L’économie linguistique se manifeste sous deux aspects opposés, selon qu’on la considère dans l’axe du discours ou dans celui de la mémoire. Le besoin de brièveté, ou économie discursive, cherche à abréger autant que possible la longueur et le nombre des éléments dont l’agencement forme la chaîne parlée. (Frei 1929 : 107)

La grammaticographie germanophone montre également ces valorisations du moindre nombre de mots pour réaliser soi-disant la même chose.J. Macheiner (1991 : 341–342) loue par exemple l’économie par l’infinitif d’une conjonction telle que dass, du sujet, et de la forme personnelle du verbe. La remarque sur la forme verbale est fausse dans la mesure où le morphème de l’infinitif compte autant de lettres que celui de la plupart des terminaisons de conjugaison. Cela n’empêche pas l’auteure de multiplier les jugements sur l’économie que réaliserait l’infinitif par ses raccourcis de structures : strukturelle Verkürzung, strukturelle Verdichtungen (Macheiner 1991 : 341, 342). La condensation de forme (Verdichtung) est au service d’un plus grand espace d’interprétation, dont le flou est caractérisé positivement (willkommene semantische Freizügigkeit) :

 (9) Dans la mesure où l’infinitif évite entre autres l’indication du mode, il laisse la modalité de la phrase non spécifiée. Son principe d’économie est ainsi au service d’une générosité sémantique bienvenue3.

On lit dans ces jugements l’implicite valorisation de la réduction par rapport au déroulé paraphrastique, une vision de la brièveté textuelle comme condensation au sens chimique du terme, condensation de la pierre philosophale et imaginaire du petit précieux. Ce topos, indéterminable du point de vue de la vérité, dépend des options intellectuelles et esthétiques du scripteur, comme ici la liberté de l’individu à interpréter.

3.2 L’économie linguistique comme principe d’évolution

Au-delà des rêveries épilinguistiques, la brièveté est économie pour la théorie du changement langagier. Que l’on regarde les termes utilisés par Paul dans ses Prinzipien der Sprachgeschichte, § 218 :

 (10) L’utilisation, tantôt économe, tantôt plus généreuse des moyens langagiers pour l’expression d’une idée dépend du besoin. On ne peut certes pas nier qu’il en soit fait parfois un usage dispendieux. Mais, dans l’ensemble, c’est plutôt une forme de principe d’économie qui caractérise l’usage langagier1.

L’historiolinguistique, quand elle manie la notion d’économie linguistique, est traversée par l’idée qu’une recherche de la commodité par un locuteur indolent, voire paresseux, lui ferait rechercher le mot plus petit, la phrase plus courte, le phonème abrasé parce que moins fatiguant à articuler, car :

 (11) L’évolution linguistique peut être conçue comme régie par l’antinomie permanente entre les besoins communicatifs de l’homme et sa tendance à réduire au minimum son activité mentale et physique. (Martinet 1961 : 182)

Cette idée d’effort à réaliser pour faire long au lieu de court, qu’il s’agisse d’un effort articulatoire (physikalischer Aufwand, Siever 2011 : 1) ou d’un effort mental de décodage, sous-tend une expression telle que :

 (12) libérer les formes de leur surplus pondéral2.

Une pareille formulation repose sur l’idée d’une fatigue et d’une difficulté liée à la parole ou à l’écriture, et suggère d’en réduire la production quantitative, afin de s’épargner. Cette vision économiste de la langue conduit à des calculs de gain linguistique sous la forme de pourcentages comme l’économie de 57 % des graphèmes par réduction des composés à un mot central (Siever 2011 : 386). Elle est sous-tendue par la représentation que la parole serait une quantité finie dont il faudrait économiser la dépense énergétique (alors qu’elle est renouvelable…). Les mots axiologiquement positifs sont en rapport avec la faible quantité, überschaubar, geringe Zahl, Vereinfachung, Entlastung, titres de sous-parties chez Siever (2011 : 8–9). L’idéal est celui de la compression.

L’analogie entre la langue et un moyen technique qui, comme chaque outil, peut être délibérément amélioré, est une rêverie fréquente de linguiste. La dimension brève est valorisée épistémologiquement dans le changement linguistique, ce que révèle un terme comme celui d’optimisation. Une explication circulaire montre que l’impression première n’est pas problématisée :

 (13) L’économie langagière sert d’hyperonyme à l’optimisation linguistique, qui s’essaye à améliorer la langue. Les variables ‘effort’ et ‘résultat’ y sont de première importance, et peuvent se mesurer avec les notions d’‘efficacité’ et d’‘efficience’3.

Une telle valorisation relève d’une psychanalyse des attitudes des linguistes, dans lesquelles le temps serait un bien à économiser parce que trop rare. Il est logique alors qu’à la brièveté s’associe l’idée de rapidité tandis que la longue durée au sens de Braudel serait la caractéristique des morceaux longs. C’est ainsi que Fritz vante les textes courts en modèle textuel pour la communication scientifique en établissant un lien entre le format bref du texte et la rapidité de publication. En citant quelques revues électroniques spécialisées dans les formats courts comme la revue snippets de langue anglaise (qui veut dire Schnipsel, soit rognure, petit morceau), Fritz explique que l’urgence à publier, intrinsèquement liée à la reconnaissance de la priorité de la découverte essentielle à la science contemporaine globalisée, exigerait ces communications brèves (Fritz 2016 : 94). Par l’intermédiaire de textes plus courts, on accélérerait, et donc optimiserait la communication scientifique, alors que les rares études cherchant à vérifier l’impact de la modernisation de la forme sur la diffusion du savoir concluent à l’effet contraire (Münch 2007 : 273, 337). À nouveau, la réflexion qui sous-tend la présupposition de Fritz est que l’énoncé court et l’énoncé long diraient effectivement la même chose, seraient donc synonymes. Cela relève d’une conception exclusivement cybernétique de la communication, celle d’une information factuelle ou logique qui parvient au récepteur sans valeur, sans connotation, ni réseau sémantique associé dans la cognition. Les réflexions métalangagières sont uniquement quantitatives et tangibles, et non qualitatives et inférentes.

Conclusion

La qualité attribuée à la brièveté relève d’une bipolarisation entre le positif et le négatif. Les auteurs légitiment la supériorité de la parole brève et son imaginaire positif par des arguments tels qu’une plus grande rapidité de dénotation : la formule brève ou le mot court permettraient de réaliser cet idéal d’univocité maximale, effet qui serait d’autant mieux réalisé qu’on a affaire à une quantité réduite de signifiants. Les exemples illustrent le jugement épi- et métalinguistique d’une progression qualitative, en urbanité, en esthétique, en moyens matériels et humains par une économie de signes. La raison en serait-elle à chercher dans le cours du monde et la lutte contre l’infobésité contemporaine, comme le suggère Siever (2011 : 13) ?

Non : les raisons invoquées sont difficiles à justifier objectivement, et cet imaginaire découle d’une idéologie positiviste qui fusionne les mots avec les choses, découlant d’une vision instrumentale de la langue. C’est ainsi que dans l’imaginaire langagier franco-allemand, la brièveté est polie, belle, et efficace.

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Die lange Geschichte der kurzen Formen

Frank Liedtke

Einleitung

Das Ideal eines Satzes im Allgemeinen wurde lange Zeit darin gesehen, dass er aus zwei Gliedern besteht – Subjekt und Prädikat – und dazu dient, einen möglichst zutreffenden Gedanken auszudrücken. Diese Bestimmung seiner Form wie auch seiner Funktion findet sich bei Aristoteles in der Schrift Peri hermeneias. In diesem frühen sprach- und zeichentheoretischen Entwurf geht es um die gegenseitige Zuordnung der Dinge sowie der Gedanken und der Laute eines Sprechenden im Behauptungssatz:

Die Gedanken in der Seele eines Sprechenden sind – als Abbilder der Dinge – weder wahr noch falsch, und die Laute, die ihnen zeichenhaft entsprechen, sind es in Gestalt isolierter Nomen oder Verben ebenfalls nicht. Erst wenn die Gedanken in der Seele miteinander verbunden werden, und entsprechend die Nomen und Verben in der Rede, kann Wahrheit oder Falschheit zugesprochen werden (Peri hermeneias, 1. Kap., 16a).

Seine Funktion kann der Behauptungssatz nur erfüllen, wenn er mindestens zweigliedrig ist und so die Verbindung der Gedanken anzeigen kann – zutreffend oder unzutreffend. Diese Grundauffassung der Zweigliedrigkeit wurde bis ins 19. Jahrhundert unhinterfragt übernommen. Kurze Formen sind demgegenüber durch das Fehlen eines der beiden Glieder ausgezeichnet, entweder des Subjekts oder des Prädikats.

Ob und inwiefern auch diese Formen die Funktion des Gedankenausdrucks erfüllen können, war Gegenstand einer Ende des 19. Jh. einsetzenden Debatte über die Eingliedrigkeit von Sätzen, die sich weit ins 20. Jh. hineinzog. In ihrem Verlauf etablierte sich allmählich die Auffassung, dass eingliedrige Sätze nicht unvollständig oder defizitär sind, sondern gleichrangig gegenüber zweigliedrigen Sätzen zu behandeln sind. Die Untersuchungen von Behr / Quintin (1996) über verblose Sätze, von Schwabe et al. (2003) zu ‚Omitted Structures‘ sowie von Redder et al. (2012) über unpersönliche Konstruktionen bilden rezente Beispiele für diesen Perspektivenwechsel.

Im Folgenden soll die Debatte um die Eingliedrigkeit von Sätzen in wissenschaftshistorischer Absicht nachgezeichnet werden, da hier schon wesentliche und sehr moderne Argumente für kurze Formen, verbunden mit Überlegungen zur Funktion von Sätzen, vorgebracht wurden. Grundsätzlich – soviel sei schon gesagt – geht es in dieser und den nachfolgenden Debatten um die Frage, ob ein aus der Logik übernommenes Muster der Satzbildung verbindlich ist, was für die Zweigliedrigkeit spricht, oder ein sprachnahes Kriterium gilt, was die Eingliedrigkeit von Sätzen durchaus zulässt. Näheres dazu im folgenden Abschnitt.

In einem zweiten Zugriff sollen darüber hinaus einige Auffassungen zu unpersönlichen Konstruktionen in der neueren Semantik- und Pragmatikdiskussion dargestellt und diskutiert werden, woran sich einige grundsätzliche Überlegungen zur Kontextbezogenheit von Satzäußerungen anschließen.

1 Die Debatte um die Eingliedrigkeit von Sätzen

Mit Franz Miklosichs Abhandlung über ‚Subjectlose Sätze‘, in zweiter Auflage 1883 erschienen, liegt ein Ansatz vor, der sehr früh in großer Klarheit und Entschiedenheit von der Auffassung der notwendigen Zweigliedrigkeit Abstand nimmt und ‚subjectlose‘ Sätze als vollständige Prädikationen akzeptiert. Maßstab ist dabei das ‚Bewusstsein des Sprechenden‘, letztlich also ein psychologisches Kriterium. Ein großer Teil der Schrift hat die Geschichte der Behandlung subjektloser Sätze im 18. und 19. Jahrhundert zum Gegenstand, wobei gleich zu Beginn eine dezidierte wissenschaftshistorische Position zum Tragen kommt:

[…] der Theil der Abhandlung, der die Geschichte dieser Frage zum Gegenstande hat, dürfte namentlich dadurch von Interesse sein, dass daraus hervorgeht, welcher Scharfsinn vergeblich aufgeboten wurde um eine unhaltbare Theorie zur Geltung zu bringen. (Miklosich 1883: 1)

Dreißig Jahre später wird diese Diagnose von Theodor Siebs bestätigt, der über die Behandlung subjektloser Sätze durch Logiker wie Benno Erdmann schrieb:

Sie berücksichtigen […] mehr das, was ihrer Ansicht nach in der Sprache vorhanden sein sollte, als das, was wirklich vorhanden ist, und suchen mehr das, was nicht gesagt ist, zu erklären, als das, was gesagt ist. (Siebs 1910: 256)

Diese pessimistische Einschätzung hindert weder Miklosich noch späterhin Siebs daran, sich ausführlich mit den inkriminierten Theorien auseinanderzusetzen. Miklosich geht es dabei zunächst um das Vorbringen von Gründen, die gegen die etablierte Auffassung der Zweigliedrigkeit sprechen. Verbunden damit ist eine terminologische Entscheidung, die schon in sich programmatischen Stellenwert hat. Zur Auffassung der notwendigen Zweigliedrigkeit schreibt Miklosich: „Diese Ansicht ist in der Sprache nicht begründet, indem es Sätze gibt, denen das Subject fehlt. Dergleichen Sätze nennen wir subjectlos […]“ (ebd.). Der Begriff des ‚subjectlosen Satzes‘ wird gegenüber dem der ‚Impersonalia‘ bevorzugt, um auf diese Weise die mögliche Eingliedrigkeit noch einmal hervorzuheben.

Selbst wenn man sich versuchshalber auf die Sichtweise einlässt, subjektlose Sätze seien unvollständig und benötigten zur Vervollständigung ein weiteres Element, dann stellt sich sogleich die Relevanzfrage, denn die einzig mögliche Ergänzung ist eben das Subjekt. Daraus folgt: „Ist aber das mangelnde das Subject, so muss das vorhandene das Prädicat sein; man kann demnach dergleichen Sätze auch Prädicatsätze nennen“ (Miklosich 1883: 3).

In der Auseinandersetzung mit Anhängern der Zweigliedrigkeit geht Miklosich unter anderem auf Heyman Steinthal (1860) sowie Jacob und Wilhelm Grimm (1962) ein. Ersterer wendet gegen die Idee der Subjektlosigkeit ein, dass in der Personalform des Verbs grundsätzlich das Subjekt des Satzes aufgehoben sei. Dieser Auffassung stellt Miklosich ein Redundanzargument entgegen, indem er darauf hinweist, dass die mit einer Personalform versehenen Verben durchaus mit einem Subjekt verwendet werden können, woraus sich eine Doppelmarkierung ergäbe. Das Subjekt könne deshalb nicht inhärent im Verb liegen.

Jacob und Wilhelm Grimm plädieren in ihrem Wörterbuch dafür, das Neutrum des ‚es‘ in ‚es regnet‘ dafür verantwortlich zu machen, dass nur eine eingeschränkte Subjekthaftigkeit vorliegt. Hiermit werde nur eine unbestimmte Entität bezeichnet, die unserer Wahrnehmung nicht zugänglich sein muss:

[…] darum sagt dafür ein leiser unpersönlicher Ausdruck zu, der ganz unterbleiben könnte und in anderen Sprachen unterbleibt. In dem „es“ ist kein leibhaftes Subjekt gegeben, nur der Schein oder das Bild davon. (Grimm / Grimm 1962, Bd. 3, 1112; zit. nach Miklosich 1883: 3)

Obwohl dies als ein Schritt hin zur Loslösung von der unbedingten Subjektvorstellung zu werten ist, plädiert Miklosich gegen die vom Genus Neutrum gestützte Unbestimmtheitsthese. In seinem Gegenargument bezieht er sich auf Sprachen, denen das Genus Neutrum fehlt oder in denen die Genuskategorie als solche nicht vorkommt. Auch diese Sprachen besitzen allerdings Impersonalia oder subjektlose Sätze, so dass diese Eigenschaft nicht auf den unbestimmten Charakter des Genus Neutrum zurückgeführt werden kann.

Eine auch das Terminologische stützende Position findet Miklosich in der von Steinthal posthum herausgegebenen Schrift ‚System der Sprachwissenschaft‘, verfasst von Karl Wilhelm Ludwig Heyse (Berlin 1856). Dieser plädiert vor Miklosich schon für den Terminus ‚subjectlose Verba‘ und begründet dies damit, dass es zeitliche Vorgänge oder Erscheinungen gebe, „[…] die ihrer Natur nach keinem Subjecte angehören: es regnet. Das „es“ nimmt hier nur die vacante Stelle des Subjectes ein, ohne einen wirklichen Gegenstand zu bezeichnen.“ (Heyse 1856: 401; zit. nach Miklosich 1883: 12).

Miklosichs formorientierte Sicht findet nicht überall Zustimmung. Eine Gegenposition zu dieser findet sich bei Wilhelm Wundt, der sowohl an die Grimmsche Unbestimmtheitsthese als auch an Steinthals Theorie der Subjekthaftigkeit der Personalendung anknüpft. Der vom Subjekt ausgedrückte Satzgegenstand ist demnach unzweifelhaft vorhanden, auch wenn er nicht buchstäblich ausgedrückt ist:

In der Endung des Verbums pluit, tonat, oder in unseren neueren Sprachen in dem unbestimmten Pronomen es, in es regnet, es donnert, ist [der Gegenstand] unzweideutig ausgedrückt. […] So ist denn das Impersonale logisch betrachtet nichts anderes als ein ‚unbestimmtes Urteil‘, wenn wir diesen Ausdruck ‚unbestimmt‘ auf das Subjekt desselben beziehen. (Wundt 1904: 225)

Hebt Wundt in seinen Bemerkungen in der Völkerpsychologie noch auf das unpersönliche Pronomen und damit auf die semantische Unbestimmtheit ab, so argumentiert Hermann Paul stärker mit Blick auf den aktuell vollzogenen Sprachgebrauch. Im Sinne der synthetisierenden Funktion des Satzes stellt Paul zunächst einen scheinbaren Widerspruch fest zwischen der Zweigliedrigkeit von Sätzen einerseits und der offenkundigen Tatsache, dass es eingliedrige Sätze gibt, andererseits:

Der Widerspruch löst sich so, dass in diesem Falle das eine Glied, in der Regel das psychologische Subjekt, als selbstverständlich keinen sprachlichen Ausdruck gefunden hat. Insbesondere ist zu beachten, dass es in der Wechselrede sehr häufig den Worten des Anderen zu entnehmen ist. […] In anderen Fällen ist die Anschauung, die vor dem Sprechenden und Hörenden steht, die Situation das psychologische Subjekt, auf welches die Aufmerksamkeit noch durch Gebärden hingelenkt werden kann. (Paul 1920P: 129, § 90)

Den Einfluss des Situationsbezugs macht Paul auch in seiner Grammatik mehrfach geltend, so beispielsweise in folgender Bemerkung:

Wo keine Anknüpfung an eine vorhergehende sprachliche Äußerung stattfindet, kann ein einzelnes Glied […] nur dadurch zu einer Mitteilung werden, daß es an die Situation angeknüpft wird. (Paul 1920G: 375)

Am Beispiel des Ausrufs Feuer sowie auch des grammatisch eingliedrigen es brennt macht Hermann Paul klar, wie er sich die Funktion der Anknüpfung genauer vorstellt. Auch hier handelt es sich ja um die Verknüpfung zweier Vorstellungen, die man in diesem Falle als ein Subsumptionsverhältnis konzipieren muss. Die konkrete Erscheinung des Feuers wird unter die „schon in der Seele ruhende Vorstellung von Brennen oder Feuer“ untergeordnet (s. Paul 1920P: 132). Infolgedessen besteht die Aufgabe eingliedriger Sätze darin, „eine konkrete Anschauung mit einem allgemeinen Begriffe zu vermitteln“ (Paul 1920P: 133).

Positionen wie diejenige von Wilhelm Wundt und Hermann Paul werden von dem Sprachphilosophen Anton Marty wenig schmeichelhaft als „gewöhnliche Anschauung“ bezeichnet (s. Marty 1918: 4). Letztere besteht darin, dass jedes Urteil eine Verbindung von Vorstellungen, jede Aussage eine Verbindung von Prädikat und Subjekt sei. Auch Marty identifiziert unpersönliche Konstruktionen als solche, die diesem Bild widersprechen:

In den Sätzen „Es regnet“, „Es blitzt“, obschon sie wahrhafte Aussagen zu sein scheinen, ist aber, wenigstens auf den ersten Blick, keine Subjektsvorstellung gegeben, kein Gegenstand, welchem das „Regnen“ als Prädikat beigelegt würde. (ebd.)

Hieraus zieht er allerdings, auch auf den zweiten Blick, nicht die Konsequenz einer irgendwie gearteten Ergänzungsstrategie, sondern er nimmt diese Formklasse zum Anlass, sie einer eigenen Kategorie zuzuordnen. Der Gang seiner Argumentation entwickelt sich so, dass er zunächst gegen eine theoretische Täuschung plädiert:

Der Schein der Kategorie [der zweigliedrigen Aussage, F.L.] entsteht vielmehr lediglich, indem ein vollsinniges Verbum finitum in der dritten Person des Singulars die Täuschung erweckt, als ob es (mit oder ohne das Flickwörtchen es) sowohl ein pronominales Subjekt als ein verbales Prädikat involviere, während es in Wahrheit nur den Namen eines Vorganges nebst dem Zeichen der Anerkennung oder Verwerfung involviert (so bei „Es regnet“, „Es donnert“, pluit, tonat u.dgl.) […]. (Marty 1918: 272)

Im Anschluss an diese Argumentation trifft Marty sodann seine terminologische Entscheidung:

Wem es aber gezwungen erscheint, auch ihnen diesen Namen zu geben, der mag als universelle Bezeichnung für alle Aussagen, welche Ausdruck einfacher Urteile sind, den Terminus thetische Aussagen wählen. (Marty 1918: 280)

Durch diese kategoriale Entscheidung ist Marty in der Lage, unpersönliche Konstruktionen, Impersonalia oder subjektlose Sätze ihrer ursprünglichen Form entsprechend zu behandeln, ohne Zusatzannahmen auf der Ebene der Form oder des psychologischen Hintergrunds zu machen.

Schaut man sich eine zehn Jahre später erschienene Quelle an, so wird klar, dass um diese Zeit die Debatte um die Eingliedrigkeit abgeschlossen ist. So nimmt beispielsweise Otto Behaghel in seiner Deutschen Syntax (1928) ohne größere Umschweife ein- und zweigliedrige Sätze an, wobei er von letzteren im § 1100 allerdings sagt, sie würden als ‚Vollsätzeʻ bezeichnet (s. Behaghel 1928: 435). Zu den eingliedrigen Sätzen rechnet er Interjektionen, Vokative, Anredepronomen und Imperative. Des weiteren zählen zu diesen – im § 1114 – auch unpersönliche Konstruktionen wie ‚es erträgt sich nicht, daß wir rauchenʻ und unpersönliche Verba ‚es donnerteʻ (s. Behaghel 1928: 444f.). Dass diese Formen als reguläre Einheiten der Syntax angesehen werden, wird auch dadurch klar, dass den genannten Beispielen das Prädikat der ursprünglich eingliedrigen Sätze zuerkannt wird, während demgegenüber die unursprünglich eingliedrigen Sätze abgebrochene Sätze oder durch „Ersparung aus zweigliedrigen Sätzen entstandene eingliedrige Sätze“ darstellen (s. ebd.).

2 Ambienz, versteckte Indexikalität und unartikulierte Konstituenten

Auch wenn man sagen kann, dass die Debatte um eingliedrige Sätze, die sich vor allem an Wetterverben entzündet hatte, in den zwanziger Jahren des 20. Jh. abgeschlossen ist, stellen Konstruktionen wie

 (1) Es regnet

und verwandte weiterhin eine sprachtheoretische Herausforderung dar. Dies ist nicht mehr auf die Form des Satzes zurückzuführen, der vermeintlich einem Vollständigkeitsideal widerspricht, sondern auf seine Verankerung in einem räumlichen Koordinatensystem. Es ist schlüssig zu erklären, wie eine Lesart zustande kommt, die eine Beschränkung auf einen mehr oder minder abgegrenzten Raum leistet. Denn es muss der offenkundigen Intuition Rechnung getragen werden, dass die Aussage, dass es regnet, nicht von jedem beliebigen Ort gemacht wird, womit der Satz trivialerweise wahr wäre und somit keinen Informationsgehalt tragen würde. Die standardisierte Interpretation bezieht den Satz auf einen spezifischen Ort, und dies ist in der Regel der Ort, an dem sich der Sprecher / die Sprecherin befindet. Sollte es ein anderer Ort sein, so muss dies explizit angegeben werden oder aus dem unmittelbaren Redekontext hervorgehen.

In einem Beitrag zu einem rezenten Sammelband über unpersönliche Konstruktionen verweist Irmtraud Behr auf die Einsicht Wallace Chafes, der Formen wie (1) den ambienten Konstruktionen zuweist. „Es handelt sich dabei um Zustände (es ist heiß / spät, es ist Dienstag) oder Ereignisse (es regnet / schneit), die als „allumfassend“ bezeichnet werden“ (Behr 2012: 132). Allumfassend, möchte man ergänzen, in Bezug auf einen umschriebenen Raum, in dem Sprecher_in und Hörer_in sich aufhalten. Chafe schreibt zu diesen Konstruktionen: „Die Bedeutung von Sätzen wie diesen scheint in nichts anderem als einer Aussage, aus einem Prädikat zu bestehen, in dem es kein „Ding“ gibt, worüber die Aussage gemacht würde“ (Chafe 1976: 102, zit. n. Behr 2012). Ambienz kann somit als die Eigenschaft eines Prädikats gelten, dass ein Agens von diesem nicht abgetrennt werden kann – bei Marty hatten wir dieses Phänomen als thetischen Satz kennen gelernt. Mit Bezug auf ein Erklärungsmuster von Tosco / Mettouchi (2010) spricht Behr im Zusammenhang mit unpersönlichen Konstruktionen von Herabstufung oder Backgrounding einer Entität oder eines Ereignisses. Diese drückt sich in Konstruktionen wie (1) dadurch aus,

[…] dass generische oder unspezifische Lexeme zur Verwendung kommen. Die Herabstufung des einen Elements bewirkt die Aufstufung oder Hervorhebung des anderen Elements. Dieses kann dann als situationell salient empfunden werden. (Behr 2012: 133)

Der Prozess des Backgrounding würde dann die Entität betreffen, die durch das unspezifische es ausgedrückt wird.

Ambiente Konstruktionen stellen insofern eine Herausforderung dar, als in ihrer Beschreibung der systematische Bezug auf den umgebenden Raum berücksichtigt werden muss. Ich möchte mich im Folgenden mit einem Ansatz auseinandersetzen, der diesen Bezug in Form einer Konstituente des geäußerten Satzes, wenn auch einer unartikulierten Konstituente, auffasst. So ist der Mitbegründer der Situationssemantik, John Perry, bei der Behandlung von Sätzen wie es regnet, es schneit, es donnert, aber auch es stinkt, es ist laut verfahren. Sie sind in seiner Sicht durch ein indexikalisches Element zu ergänzen, das mit hier angegeben werden kann (s. Perry 1998). Wir sprechen es allerdings in der Regel nicht aus, weil es sich als selbstverständlich erweist. Perry fasst es so: „… we don’t articulate the objects we are talking about, when it is obvious what they are from the context“ (Perry 1998: 11). Ein hier bei Wetterverben und anderen unpersönlichen Konstruktionen ist zwar für das Verständnis der Satzäußerung wirksam, aber nicht im Sinne eines artikulierten oder nur zufällig weggelassenen Elements. Es ist von Natur aus unartikuliert, es taucht auf keiner Repräsentationsebene des Satzes auf, weder auf der syntaktischen noch auf der semantischen. Vielmehr handelt es sich um eine interpretatorische Zutat, die sich rein aus dem situativen Wissen der Sprechenden ergibt, in diesem Fall aus der wechselseitigen Plausibilitätsunterstellung, dass eine triviale und daher uninformative Aussage keinesfalls beabsichtigt sei.

Dass eine Konstituente im Satzverständnis wirksam ist, die auf keiner seiner Repräsentationsebenen identifiziert werden kann, ist – nicht nur – für Semantiker eine schwer zu akzeptierende Auffassung. Entsprechend kritisch ist sie auch aufgenommen worden. Die Kritiker der Annahme unartikulierter Konstituenten sehen zwar auch, dass viele unpersönliche Konstruktionen durch einen deiktischen Verweis auf die Sprechsituation bezogen werden. Sie sind aber der Meinung, dass dies im Sinne einer versteckten Indexikalität geleistet wird, die durch eine nicht an der Oberfläche des Satzes sichtbare Variable realisiert ist – nämlich hier. Diese Auffassung ist im Wesentlichen von Jason Stanley und Zoltan Szabo vorgebracht worden (s. Stanley 2000; Stanley / Szabo 2000).

Die Plausibilität dieser Beschreibungsstrategie ist ebenfalls mit relativ starken Argumenten angezweifelt worden. Eines der stärksten Gegenargumente macht darauf aufmerksam, dass die Art und die Anzahl der versteckt indexikalischen Ausdrücke prinzipiell nicht begrenzt werden kann – so argumentieren die Relevanztheoretiker Dan Sperber und Deirdre Wilson (2004) sowie Robyn Carston (2002). Im Beispiel (1) ist nicht nur der Ort für die Charakterisierung des Regens relevant, sondern auch die Stärke (nieselt es oder gießt es?), die Dauer und viele weitere Eigenschaften. Wollte man für jeden dieser Parameter einen eigenen indexikalischen Ausdruck annehmen, noch dazu auf der nicht sichtbaren Ebene der semantischen Form, dann würde dies zu einem Gebilde führen, das kognitiv für Sprecher wie Hörer nicht mehr verarbeitbar wäre. Aufgrund dieses Einwands ist die Annahme versteckter Indexikalität abzulehnen.

Einen Ausweg aus dieser Situation sucht François Récanati, der ein Alternativmodell für unartikulierte Konstituenten entwirft (s. Récanati 2002; 2007). Ihm geht es darum, der Sprechsituation den Rang zu verleihen, der ihr gebührt – und damit die Situationssemantik von Perry und anderen gleichsam auf ihren Namen zu verpflichten. Zu diesem Zweck unterteilt er eine sprachliche Äußerung in zwei Komponenten, die sich in unterschiedlicher Weise auf die situative Umgebung der Äußerung beziehen. Da nun der Begriff der Umgebung sehr vage ist, hat Récanati den von Barwise entwickelten Begriff der Austinschen Proposition übernommen, um den Ort genauer zu kennzeichnen, an dem die unartikulierten Konstituenten lokalisiert sind (s. Barwise / Etchemendy 1987). Warum wird hier der Begriff der Austinschen Proposition gewählt? In Austins Wahrheitsdefinition werden nicht Aussagen zu Sachverhalten in Beziehung gesetzt; eine Aussage ist vielmehr dann wahr, wenn der entsprechende Sachverhalt einem Typ angehört, auf den sich die in der Aussage enthaltenen Wörter konventionsgemäß beziehen (s. Austin 1975). In Übertragung auf die unartikulierten Konstituenten hieße das, dass der Sachverhalt des Regnens einem Typ zugeordnet werden muss, auf den sich die Wörter der Aussage (1) konventionell beziehen; erst dann kann die Aussage selbst wahr sein – sofern der Sachverhalt als Einzelexemplar besteht. Dieser Typ könnte dann so beschrieben werden, dass er an einem festzulegenden Ort stattfindet, was für Regen ja in der Tat zutrifft.

Die Austinsche Proposition enthält – so drückt Récanati sich aus – die Umstände, unter denen eine Äußerung bewertet wird. Man kann sie als Bewertungsmaßstab bezeichnen. Der Bewertungsmaßstab für (1) ist der Ort, an dem sich der Sprecher / die Sprecherin befindet („hier“). Der Rest der Äußerung, der nicht den Bewertungsmaßstab enthält, wird als Lekton bezeichnet – dieser Begriff stammt aus der stoischen Logik. Das Lekton umfasst die lexikalische und syntaktische Ebene der Satzbedeutung sowie die obligatorischen pragmatischen Anreicherungen, wie sie beispielsweise mit artikulierten indexikalischen Ausdrücken verbunden sind.

Wie ist dieser neuere Ansatz zu unartikulierten Konstituenten zu beurteilen? Zunächst ist die Strategie, die Kontextkentnisse oder, wie Récanati sich ausdrückt, das Wissen um die situative Umgebung der Äußerung nicht mehr in der Semantik des geäußerten Satzes zu verankern, vielversprechend. Durch diesen Schritt wird das Problem der Multiplizierung von unartikulierten Konstituenten vermieden, auf das die Relevanztheoretiker hingewiesen hatten. Diese für das Äußerungsverstehen notwendigen Wissenselemente werden konsequent aus dem engeren Bereich der Satzbedeutung ausgelagert. Allerdings stellt sich die Frage, ob sie tatsächlich aus der Äußerung insgesamt ausgelagert sind. Ihr Vorkommen in der Austinschen Proposition spricht eher dafür, dass sie als Äußerungsbestandteil aufgefasst werden, wenn auch in dem pragmatischen, mit der Illokution verbundenen Anteil.

Wie fest oder lose dieser Anteil mit der Semantik des Satzes verbunden ist, ist in dem neueren Ansatz Récanatis letztlich nicht abschließend geklärt. So muss man hier sicher Konkretisierungen anmahnen, die in dieser Konzeption noch zu leisten sind. Ein gangbarer Weg besteht darin, den erforderlichen Ortsbezug nicht mehr als Konstituente der Äußerung aufzufassen – wie marginal oder ‚pragmatischʻ sie auch sei – sondern als Bestandteil stereotypischen Wissens, das beispielsweise die Kenntnis umfasst, dass Regen als Naturphänomen eine begrenzte Ausdehnung hat. Dieses Wissen ist nicht-sprachlicher Natur, hat aber insofern eine Relevanz für Äußerungstypen wie (1), als es mit diesen systematisch korreliert ist. Der deiktische Anteil unpersönlicher Konstruktionen mit Wetterverben ist also nicht durch eine versteckte Indexikalität gesichert, sondern dadurch, dass der spezifische Äußerungstyp korreliert ist mit generellen Wissensressourcen sowie einer stereotypischen Verwendungsstruktur, die jeweils seine Interpretation unterstützt. Verfestigte Korrelationen von Äußerungs- und Situationstyp können als pragmatische Muster oder Templates bezeichnet werden, die im Zuge des Pragmatikerwerbs vom Kind erlernt werden und eine kognitive Ressource für die Interpretation von ambienten Konstruktionen zur Verfügung stellen. In Liedtke (2016; 2019) sind verschiedene Muster der genannten Art entwickelt worden.

3 Fazit

Blickt man in einer wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive zurück, wie sie hier vorgenommen wurde, so lassen sich durchaus Gemeinsamkeiten zwischen der neueren Pragmatik-Diskussion über unartikulierte Konstituenten und der Debatte um die Eingliedrigkeit von Sätzen ausmachen, wie sie um die letzte Jahrhundertwende geführt wurde. In beiden Fällen geht es um die angemessene sprachtheoretische Strategie, wie vermeintlich fehlende oder zu ergänzende Elemente, die das Satzverstehen steuern, zu behandeln sind. Ein weiterer Schritt muss m.E. darin bestehen, die Kontextualität der interpretationsrelevanten Information dadurch zu ihrem Recht kommen zu lassen, dass sie konzeptionell als Bestandteil des stereotypischen Wissens aufgefasst wird, über das die sprachlich Interagierenden verfügen, und das die Gestalt eines pragmatischen Musters annimmt.

Literatur

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Ein sprachvergleichender Blick auf das Schema x ≆ y1

Katharina Mucha

1 Einleitung

Im vorliegenden Beitrag wird die Instanziierung1 eines Schemas x ≆ y für Konstruktionstypen (≆ Sätze) veranschlagt, die sich aus Elementen mit Subjekt- und Prädikativstatus bzw. aus zwei Referenzausdrücken ± Kopula herstellen lassen (vgl. auch Behr 2016; Behr / Quintin 1996), und die entsprechend verschieden realisiert – hier mit Fokussetzung auf den deutschen und englischen Sprachgebrauch – auftreten. Das mathematische Symbol ≆ drückt eine ungefähre, aber nicht genaue Gleichheit aus, so dass die Relation, die zwischen x und y hergestellt wird, eine ungefähr, aber nicht genau gleiche ist. Zwischen Subjekt x und Prädikation y wird eine Relation angesetzt, die auf der Grundlage von Implikationsrelationen operiert; die Kopula fungiert hierbei als Funktion mit der Anweisung Stelle eine ungefähre, aber nicht genaue Gleichheit zwischen x und y her oder Suche nach einem Element im Frame x, das mit einem Element im Frame y kompatibel ist. Häufige Kopulaverben im Deutschen sind sein, bleiben und werden sowie heißen, gelten, aussehen, scheinen, erscheinen, wirken, im Englischen be, remain, become, turn, get, seem, look, sound, feel, appear. Dabei ist zwischen Kopulaverben zu unterscheiden, die einem Subjekt eine Kategorie (oder Eigenschaft, die das Subjekt in einer oder mehreren Kategorien verortet) zu- oder absprechen. Das sind Individuenprädikate, bspw. Die Schildkröte ist weise, wobei diese Aussage formalisiert werden kann als W(s) oder als ∃x (S(x) ∧ W(s)) oder als ∀x [S(x) → W(s)], und solchen, die dem Subjekt einen Prozessausschnitt zu- oder absprechen. Das sind Stadienprädikate, bspw. Der Elefant ist fröhlich, wobei diese Aussage formalisiert werden kann als F (S (e)). Die Formalisierungsmöglichkeiten hängen natürlich auch mit der Verwendung eines definiten oder indefiniten Artikels + SEIN zusammen, woraus sich unterschiedliche Lesarten ergeben können, die entweder eine dauernde Eigenschaft, einen temporär begrenzten Prozess oder Generizität ausdrücken. Anders formuliert bedeutet das, eine Unterscheidung von Kopulaverben, die zwischen x und y eine statische, und solchen, die zwischen x und y eine dynamische Relation herstellen, vorzunehmen. Der Fokus wird in diesem Beitrag auf die Kopulaverben SEIN und BE gesetzt, die sowohl als Individuen- als auch Stadienprädikat in Erscheinung treten.

Grundsätzlich ist zunächst davon auszugehen, dass x und y völlig unabhängig voneinander auf einer metakognitiven Ebene im Gedankenformat existieren. So zeigt Peirce mit seinem Beispiel Socratem sapientum esse eine nicht assertierte Proposition an (vgl. hierzu Leiss [2009]2012, 115f.), die prädikatenlogisch betrachtet als W(s) formalisiert werden kann. Diese Formalisierungsmöglichkeit ist von Peirce schon angedacht, da die Endung -um im Sinne einer Synaloiphe wegfallen kann, so dass ein verschmolzenes Prädikat(iv) sichtbar wird, nämlich sapientesse (weisesein).2 Da Socratem im Akkusativ in Erscheinung tritt, sapientesse hingegen eine infinite Form darstellt, wird ersichtlich, dass Subjekte als grundsätzlich affizierbar zu denken sind (und zwar vom Beobachterstandpunkt des Denkers aus [ich denke, dass …]), Prädikat(iv)e hingegen als grundsätzlich infinit.

Wie Geist / Rothstein (2007: 6) ausführen, wird für SEIN seit Frege und Russell ein Funktionsfeld für Prozesse der Prädikation, Subsumption und Gleichsetzung veranschlagt. Eine homonyme Kopulae SEIN (Stage-Level und Individual Level predicates) wird für das Englische u.a. von Kratzer (1995) angesetzt (vgl. dazu auch Abraham 2015; Krifka et al. 1995) und existiert overt durch zwei unterschiedliche Formen von SEIN ausgedrückt auch für das Spanische. So eröffnet das Stadienprädikat estar (=BE, SEIN) einen Raum für ein Argument, sodass eine zeitlich-räumliche Lokalisierung möglich wird, um Erfahrungsrepräsentationen des episodischen Gedächtnisses auszudrücken (Leiss 2017: 41). Mit Stadienprädikaten oder Stage Level predicates (Leiss 2017: 49) werden synthetische Sätze hergestellt (bspw. Der Schimmel ist 27 Jahre alt). Individuenprädikate oder Individual Level predicates (span. ser) kodieren hingegen Eigenschaften von Individuen (Leiss 2017: 49f.) und drücken damit Wissensrepräsentationen aus, die das semantische Gedächtnis strukturieren (Leiss 2017: 44f.). Wissensrepräsentationen des semantischen Gedächtnisses sind durch analytische Sätze definiert (bspw. Der Schimmel ist weiß). Die beiden verschiedenen Kopulaqualitäten, die auch für SEIN angesetzt werden können (vgl. dazu und auch zur historischen Entwicklung Leiss 2017), zeigen also „eine Differenzierung des humanspezifischen Langzeitgedächtnisses in semantisches Gedächtnis vs. episodisches Gedächtnis“ (Leiss 2017: 43f.). Das semantische Gedächtnis stellt einen Wissensspeicher dar, wobei Wissen generisch ohne Referenz organisiert ist und die Einheiten analytisch aufgebaut sind (Leiss 2017: 45). Das episodische Gedächtnis dient hingegen als Erfahrungsspeicher, wobei Erfahrungen mit Referenz organisiert, also in Raum und Zeit verankert sind, Erfahrungen sind verhandelbar, Wissen hingegen (erst einmal) nicht (Leiss 2017: 45). Generizität kann als ein „Zwischenbereich zwischen Wissenssätzen (analytischen Sätzen) und Erfahrungssätzen (synthetischen Sätzen)“ definiert werden (Leiss 2017: 45).

Nach Higgins (1979, ausgeführt nach Geist / Rothstein 2007: 7) lassen sich vier Typen von Sätzen mit SEIN als Kopula unterscheiden, wobei Typ 2 und 3 unter einen Typ subsumierbar sind: 1. (referential) predicational, 2. (referential) equative, 3. (referential) identificational, 4. (superscriptional) specificational. Sortiert werden die Kopulaqualitäten nach Art der instanziierten Nominalphrasen. Die folgenden Beispiele sind zitiert nach Geist / Rothstein (2007: 7):

„Im präzidierenden Satz (Typ I ‚predicational‘) wird über John die Eigenschaft Lehrer sein präzidiert.“ Präzidierende Sätze sind dem episodischen Gedächtnis zuzurechnen.

„Im Identitätssatz (Typ II ‚equative‘) wird die Identität zweier durch the Morning Star und the Evening Star repräsentierter Referenten behauptet.“ Identitätssätze sind dem semantischen Gedächtnis zuzurechnen.

„Im identifizierenden Satz (Typ III ‚identificational‘) wird durch die NP the Mayor of Cambridge der Referent des Subjekts that woman identifiziert.“ Identifizierende Sätze sind dem episodischen Gedächtnis zuzurechnen.

Typ IV: „The reason for the accident was broken brakes“ (Bsp. nach Mikkelsen 2005 zit. n. Geist / Rothstein 2007: 8) soll aufgrund der prädikativen NP nicht-referentiell sein. Im Deutschen brauchte man ein finites Verb im Plural, also Die Ursache des Unfalls waren defekte Bremsen.

Möglich wäre aber der folgende Satz: Die Ursache des Unfalls (ist): defekte Bremsen. Referiert wird hierbei nicht in die reale Welt, sondern in die mentale Welt, also metakognitiv. Diese metakognitive Referenz ist dem semantischen Gedächtnis zuzurechnen: Wenn ein Auto defekte Bremsen hat, besteht die Möglichkeit eines Unfalls.

2 Das Schema x ≆ y

Wenn wir ein Schema x ≆ y annehmen, dann ergibt sich aus dieser Annahme die Frage, wie das mathematische Ungefährzeichen zu interpretieren ist. Wie bei Synonymen (bspw. Orange und Apfelsine) kann eine solche Gleichsetzung (=Identitätssatz) zweier Lexeme nur der Konstruktion einer Simplifizierung Raum geben, die wiederum der Vereinfachung von Kategorisierungen und damit der Orientierung in der Welt dient (vgl. hierzu auch Lakoff 1982). Während bei eine Orange das Element der Farbgebung profiliert wird (zur Profilierung vgl. Langacker 2008), wird bei eine Apfelsine entweder die Formgebung in Analogie zu einem Apfel oder das Suffix -sine salient gemacht (ob das ein oder andere intendiert ist, hängt, wie sich im weiteren Gang zeigen wird, an der Kontextualisierung bzw. der Einbindung in den Diskursstrang):

 (1) Auf dem Regal ist eine Apfelsine.

 (2) Auf dem Regal ist eine Orange.

Auf diese Weise wird mit zwei verschiedenen Lexemen auf den gleichen Referenten verwiesen, woraus sich in Anlehnung an Freges Morgenstern und Abendstern mit Blick auf die Venus zwei unterschiedliche Sinnkontexte ergeben:

Ersetzen wir nun in [dem Satz] ein Wort durch ein anderes von derselben Bedeutung, aber anderem Sinne, so kann dies auf die Bedeutung des Satzes keinen Einfluss haben. (Frege 1892: 32)

Für die in eine Proposition gebettete NP eine Apfelsine und eine Orange können also in Anlehnung an Frege zwei verschiedene Sinne (= Bedeutungen) angesetzt werden unter Beibehaltung dergleichen Bedeutung (= Bezeichnung). Im Übertrag auf das zugrunde liegende Schema x ≆ y (Apfelsine ≆ Orange) bedeutet dies, dass das Ungefährzeichen nur auf einer Ebene der Profilierungsdifferenz Gültigkeit besitzen kann. Während Frege diesen Unterschied in der Profilierung nicht für relevant mit Blick auf die ontologische Erschließung von Welt hält und auf die gleichbleibende Bedeutungsebene (= Bezeichnung) verweist, ist die Profilierungsdifferenz nach Langacker auf der Bedeutungsebene anzusiedeln, und zwar eben in der Weise, dass zwar auf den gleichen Referenten oder das gleiche Ereignis verwiesen wird, aber unter Verwendung zweier unterschiedlicher Profilierungen (und damit unterschiedlicher psychologischer Realität):

When a relationship is profiled, varying degrees of prominence are conferred on its participants. The most prominent participant, called the trajector (tr), is the entity construed as being located, evaluated, or described. Impressionistically, it can be characterized as the primary focus within the profiled relationship. Often some other participant is made prominent as a secondary focus. If so, this is called a landmark (lm). Expressions can have the same content, and profile the same relationship, but differ in meaning because they make different choices of trajector and landmark. (Langacker 2008: 70, Herv. i.O.)

Für unser Beispiel könnten wir neben den jeweiligen trajectors je eine passende landmark konstruieren, die der Profilierungsdifferenz Ausdruck verleiht:

 (3) Auf dem Regal ist eine Apfelsine (tr), darüber gehängt ein Bild der Sine (lm) [Fluss im westafrikanischen Senegal].

 (4) Auf dem Regal ist eine Orange (tr), gehüllt in blaues Tuch (lm).

Der auf dem Regal liegende Referent bleibt der gleiche (= Bedeutungsgleichheit nach Frege), verursacht den RezipientInnen aber möglicherweise zwei verschiedene psychologische Realitäten aufgrund der unterschiedlichen Profilierungen: Für (3) gilt: Die Apfelsine auf dem Regal zu sehen, ist (führt dazu) sie im Spiel mit dem darüber hängenden Bild der Sine zu verknüpfen. Für (4) gilt: Die auf dem Regal liegende Orange zu sehen, ist (führt dazu) sie im komplementären Spiel mit der Umhüllung durch das blaue Tuch zu verknüpfen. Das führt dazu ist im Sinne einer bloßen Möglichkeit zu verstehen (kann dazu führen), die der Mensch, der die Komposition gestaltet hat, intendiert haben kann, oder die dem Zufall geschuldet ist, und nun von RezipientInnen entdeckt wird.

Behr / Quintin (1996) behandeln das Schema X ‚istʻ Y im Zusammenhang der Klassifikation von verblosen Satztypen als „interne Prädikation“, wobei die Instanziierung des Schemas auch durch Infinitivkonstruktionen und Komplementsätze erfolgen kann (vgl. hierzu auch Behr 2016, Anm. 6). Behr führt zur Definition des Schemas das Folgende an:

Die Formel „X ‚istʻ Y“ muss als eine heuristische Paraphrase gelesen werden, sie impliziert keine implizite oder elidierte Kopula. Die Kopula-Variable „ist“ indiziert dabei sowohl eine charakterisierende wie eine identifizierende Relation. Eine Formulierung wie folgende wäre expliziter: „X charakterisiert durch Y“, wobei für X und Y bestimmte grammatische Regeln gelten. Davon wäre dann eine Relation wie „X identisch mit Y“ zu unterscheiden, da X und Y andere grammatische Merkmale aufweisen und die Aktualisierung der Prädikation als „Text-Satz“ (Lyons) Regeln folgt, die sich mit denen für den VLS-Typ „X charakterisiert durch Y“ nur teilweise decken. Dieser Unterschied wird im Deutschen nicht über die Kopula „sein“ kodiert. „X ‚istʻ Y“ ist als Formel also unterspezifiziert. (Behr 2016: 140)

Behr unterscheidet hier die beiden Kopulaqualitäten von SEIN im Sinne eines SEIN, das ohne Referenz auskommt (Individuenprädikat, semantisches Gedächtnis) und einem SEIN, das mit Referenz in Raum und Zeit funktioniert (Stadienprädikat, episodisches Gedächtnis):

1 Präzisierend: episodisches Gedächtnis (= Behrs „X ist charakterisiert durch Y“, mit Referenz in Raum und Zeit)

2 Identitätssatz: semantisches Gedächtnis (= Behrs „X ist identisch mit Y“, ohne Referenz in Raum und Zeit), generisch

3 Identifizierender Satz: episodisches Gedächtnis (=Behrs „X ist charakterisiert durch Y“, mit Referenz in Raum und Zeit)

4 Spezifizierend: semantisches Gedächtnis (=Behrs „X ist charakterisiert durch Y“, ohne Referenz in Raum und Zeit), generisch

Identitätssätze und spezifizierende Sätze funktionieren entsprechend mit der Kopula SEIN, die metakognitiv referiert und auf das semantische Gedächtnis (Wissen) zugreift. Präzisierende und identifizierende Sätze hingegen mit der Kopula SEIN, die in Raum und Zeit referiert und auf das episodische Gedächtnis (Erfahrung) zugreift. Alle diese Prozesse des Referierens sind durch das Schema x ≆ y abgedeckt.

Damit hantieren wir mit Typ 2 (Identitätssatz) und 4 (spezifizierend) auf einer syntaktischen und semantischen Ebene mit Blick auf die Eröffnung möglicher Welten, wodurch wir uns in den Bereich der Modalität bewegen.

Diese Beobachtung kann generell mit dem Prozess des Groundens in Verbindung gebracht werden: Werden lexikalische Einheiten nur nebeneinander gestellt, so bleiben sie in der mentalen Welt propositionslos bzw. erlauben mehrere Interpretationen und sind damit unendlich ambigue in Abhängigkeit davon, welcher verbale Wert hinzugefügt wird:

If left ungrounded, this content has no discernible position in their mental universe and cannot be brought to bear on their situation. It simply floats unattached as an object of idle contemplation. (Langacker 2008: 259)

Die Ambiguität hält solange an, bis die Elemente miteinander verbunden werden und eine Proposition ergeben. Grounding ermöglicht entsprechend auch erst die Zuordnung von Wahrheitswerten, die „islands of non-finitness“ (Leiss 2012: 43) nicht transportieren können:

Humans however, have to shape their world to quite a considerable degree by themselves [in contrast to animals]. They do it by constructing objectivity via foreign consciousness alignment. To achieve this, truth-values have to be assigned. We must be aware of the fact that the assignment of truth-values depends on a specific format, which is the proposition. This format is a linguistic format […]. What we gain, when we communicate, is the construction of new common ground, the deconstruction of old common ground not being excluded. (Leiss 2012: 42)

Da es, wie weiter oben gezeigt, ein dominant semantisches Unterfangen ist, Phänomene der Charakterisierung und Identifizierung als Funktionen der Kopulae SEIN / BE anzusetzen, können wir Prozesse der Profilierung (Langacker 2008), Sinnkontextualisierung (Frege 1892), sprich der Perspektivierung, als einen dem syntaktischen Phänomen übergeordneten semantischen Prozess begreifen (dies in langer Tradition spätestens seit der Universalgrammatik der Modisten). Die Kopula ist nicht „inhaltslos“, wie Paul konstatiert (Paul 1962: 193, zit. n. Behr 2016: 139), sondern besitzt eine referentielle Kraft, die Handlungen in Form einer Darstellung des Sachverhalts als agenszentrierte Handlungen (= kategorische Urteile) oder in Form einer Darstellung des Sachverhalts als Geschehen (= thetische Urteile) generiert (vgl. bspw. auch Meyer-Hermann 2010: 26)1. Tanaka (2017: 68) zeigt in Anlehnung an Kurodas (1972) Unterscheidung von zwei Subjekt-Markierungen im Japanischen, inwiefern thetisches und kategorisches Urteil sich als „Erzählungssatz“ und als „Urteilssatz“ in Abhängigkeit von ihrer Diskursposition bzw. ihres ±Anschlusses an einen „Vortext“ unterscheiden:

Wenn es um eine reine Szenendarstellung geht, d.h. wenn es dem Sprecher lediglich darum geht, seine Wahrnehmung sprachlich wiederzugeben, liegt ein einfaches Urteil vor, das thetisches Urteil genannt wird.

 (4a) Fido is chasing a cat.


(4b) Fido-ga neko-wo oikakete-iru.
Fido-ga Katze-AKK nachlaufen

In (4a) ist ein Sachverhalt (Fidos Nachlaufen einer Katze) ohne weiteren Anschluss an einen Vortext geschildert. In diesem Fall wird im Japanischen das Subjekt mit -ga markiert. Anders ist dies bei (5b), dessen Bedeutung (5a) voraussetzt.

 (5a) (What’s Fido doing?) Fido is chasing a cat.


(5b) Fido-wa neko-wo oikakete-iru.
Fido-wa Katze-AKK nachlaufen

Bei (5b) geht es um ein kategorisches Urteil über Fido: ‚Was Fido betrifft, der läuft gerade einer Katze nach‘. Dabei liegt nach Kuroda ein Doppelurteil vor: Zuerst stellt der Sprecher Fidos Vorhandensein fest und darauf bezogen folgt ein Urteil über Fido. Das Subjekt des kategorischen Urteils wird mit -wa gekennzeichnet. (Tanaka 2017: 68)

Das bedeutet zum einen, dass die syntaktische Struktur im Deutschen und Englischen ambigue ist mit Blick auf das Vorliegen eines thetischen oder kategorischen Urteils. Zum anderen, dass definite Topiks nicht ohne Vortext präsupponieren (vgl. Strawson 1974).

Sehen wir uns nun andere Instanziierung unseres Schemas x ≆ y an.

 (1) [zu] [s]/Surfen ist cool (InfP + ist + Präd[AdjP]), Spezifizierend: semantisches Gedächtnis (=Behrs „X ist charakterisiert durch Y“, ohne Referenz in Raum und Zeit), generisch

 (2) (ein) Koch zu sein, ist der lukrativste Job der Welt (InfP + ist + Präd[DetNP]), Spezifizierend: semantisches Gedächtnis (=Behrs „X ist charakterisiert durch Y“, ohne Referenz in Raum und Zeit), generisch

 (3) loving you is killing me2 (Gerund + is + Gerund)=ambigue, Spezifizierend: semantisches Gedächtnis (=Behrs „X ist charakterisiert durch Y“, ohne Referenz in Raum und Zeit), generisch oder Identitätssatz: semantisches Gedächtnis (=Behrs „X ist identisch mit Y“, ohne Referenz in Raum und Zeit), generisch

 (4) to know you is to love you3 (toV + is + toV), Identifizierender Satz: episodisches Gedächtnis (=Behrs „X ist charakterisiert durch Y“, mit Referenz in Raum und Zeit)

 (5) brushing your teeth is important (Gerund + is + Präd[AdjP])=ambigue, Identifizierender Satz: episodisches Gedächtnis (=Behrs „X ist charakterisiert durch Y“, mit Referenz in Raum und Zeit) oder Spezifizierend: semantisches Gedächtnis (=Behrs „X ist charakterisiert durch Y“, ohne Referenz in Raum und Zeit), generisch

Bei Instanziierungen des Schemas mit infiniten Phrasen und Gerundia handelt es sich um spezifizierende Sätze, die dem semantischen Gedächtnis zuzurechnen sind und entsprechend als generisch betrachtet werden können (im Sinne der Definition von Generizität als Zwischenbereich, vgl. Leiss 2017: 45). Wird you nicht als generisches Pronomen verstanden, kann es sich auch um identifizierende Sätze handeln. (ToV + is) ist im Unterschied zum Gerundium in Abhängigkeit der Semantik des instanziierten Infinitivs zu betrachten. Es gibt englische Verben, die nur mit toV verwendet oder nur mit Gerundium verwendet werden oder mit sowohl als auch. In der letzten Variante leiten sich bspw. Unterschiede in Tempus, Modalität oder Aktionsart ab.

Leiss (1992: 156–173) entwickelt eine Kategorie Resultativum im Sinne einer Aspekt-Kategorie, die eben eine Perspektivierungsleistung zugrunde legt („Resultativität wird durch die Aspektualität des Verbs determiniert“, Leiss 1992: 165). So kann die Proposition (6) als (7) gelesen werden.

 (6) Sie ist zurückgesprungen.

 (7) Sie ist [von selbst] zurückgesprungen [durch Eigenmotivation, aktivisch].

Instanziieren wir unser Schema mit diesem Beispiel:

 (8) Sie (zu sein,) ist [führt dazu] zurückgesprungen (zu sein). (episodisches Gedächtnis / semantisches Gedächtnis)

3 Giveness and Newness – Infinit vs. Komplementsatz

Anschließend an das soeben Ausgeführte, kann nun zu der Frage übergegangen werden, was die Perspektivierungen leisten und ob sich aus den unterschiedlichen Möglichkeiten von Instanziierungen des Schemas verschiedene Wahrnehmungsmodi ableiten lassen. Dazu wird zunächst auf andere Konstruktionstypen (≆ Sätze) zugegriffen, für die die folgenden Beobachtungen und Entwicklungen verzeichnet sind.

In Ausgaben des Neuen Testamentes finden sich neben infiniten Konstruktionen im Altgriechischen, Lateinischen und Frühneuhochdeutschen Komplementsatzkonstruktionen.

 (9) Da aber die Hohenpriester vnd Schrifftgelerten sahen die Wunder […] vnd die Kinder im Tempel schreien. (Luther Ausgabe letzter Hand 1545, Mt 21,15)

 (10) videntes autem principes sacerdotum et scribae mirabilia […] et pueros clamantes in templo (Vulgata)

 (11) ἰδόντες δὲ οἱ ἀρχιερεῖς καὶ οἱ γραμματεῖς τὰ θαυμάσια […] καὶ τοὺς παῖδας τοὺς κράζοντας ἐν τῷ ἱερῷ (Novum Testamentum Graece)

(lies: idontes de hoi archiereis kai hoi grammateis ta thaumasia […] kai tous paidas tous krazontas en to hiero)

In (9) wird das verbum videndi mit einer Accusativus cum Infinitivo (AcI)-Konstruktion übersetzt (sahen + die Kinder schreien), in (10), (11) zeigen der lateinische (videntes + pueros clamantes) und altgriechische Text (ἰδόντες + τοὺς παῖδας τοὺς κράζοντας) eine Accusativus cum Participio (AcP)-Konstruktion.

In (12) sind die AcP-Konstruktionen, die im Lateinischen (13) und Altgriechischen (14) vorliegen, dagegen im Frühneuhochdeutschen mit einem Komplementsatz übersetzt (sahe + das sie wolten hin ein gehen):

 (12) Da er nu sahe Petrum vnd Johannem / das sie wolten zum Tempel hin ein gehen. (Luther Ausgabe letzter Hand 1545, Apg. 3,3)

 (13) is cum vidisset Petrum et Iohannem incipientes introire in templum (Vulgata)

 (14) ὃς ἰδὼν Πέτρον καὶ Ἰωάννην μέλλοντας εἰσιέναι εἰς τὸ ἱερόν (Novum Testamentum Graece)(lies: hos idon Petron kai Johannen mellontas eisienai eis to hieron)

Insgesamt ergibt eine Analyse des Neuen Testamentes in der Übersetzung Luthers 1545 Ausgabe letzter Hand, dass sieben verschiedene videre + x-Konstruktionstypen (insgesamt 116 Belege, dazu zählen AcP, AcI, quia, quod, quoniam, PP im Nominativ, vgl. dazu ausführlicher Mucha iV) im Frühneuhochdeutschen mit nur zwei Konstruktionstypen übersetzt sind, nämlich entweder einer Infinitivkonstruktion (AcI wie in (9), insgesamt 65 Belege) oder einem Komplementsatz (wie in (12), insgesamt 51 Belege).

Für die beiden Konstruktionstypen (AcI und Komplementsatz) werden im Konsens voneinander verschiedene semantisch-pragmatische Funktionen angesetzt. Herman (1989: 134; 145) weist zunächst daraufhin, dass beide Konstruktionstypen bei den gleichen Autoren, in den gleichen Texten und bei vergleichbaren Sprechern und sich im schriftlichen Sprachgebrauch bei den christlichen Autoren etablieren.1 Für den Konstruktionstyp AcI merkt er an, dass der Rückbezug auf einen vorausgehenden Kontext prototypisch sei,2 während ein Komplementsatz meist einen neuen Referenten einführt.3

Riddle (1975: 473) führt aus einer wahrnehmungspsychologischen Perspektive für infinite Komplemente „a greater participation on the part of the subject or speaker in terms of control, subjective opinion, and attitude, as well as a sense of decreased authority and distance“ an. Mit Blick auf that-Komplementsätze veranschlagt sie, dass „situations“ beschrieben werden „which are more objectively true and where there is a greater psychological distance between the subject or speaker and the object“.

Beide Autoren weisen mit ihren Beobachtungen darauf hin, dass infinite Komplemente etwas schon Gegebenes, weniger Distanziertes installieren, während Komplementsätze etwas Hinzukommendes, Distanzierteres konturieren (immer mit Blick auf den / die Wahrnehmende(n)). Eine Beobachtung von Noel (1997: 279) zielt eben in die Richtung eines unterschiedlichen Wahrnehmungs-Status: „‚Givenessʻ seems almost to be a necessary condition for the choice of an infinitival complement to be possible, and ‚newnessʻ seems almost to necessitate a that-clause“. Wichtig ist hierbei, dass es sich um die erzählte Wahrnehmungssituation handelt, nicht um die Erzählsituation (Given und New sind hier als Termini mit Blick auf die psychologische Realität verwendet).

Der Rückblick auf unsere Beispiele aus dem Neuen Testament (und die Ergebnisse der zugrunde liegenden Studie, vgl. Mucha iV) zeigen dieses Phänomen am Beispiel von sehen: Im Sinne einer Sinneswahrnehmung wird das Ereignis-Komplement eher infinit konstruiert, im Sinne eines Erkenntnisvorgangs eher als Komplementsatz:

 (9) Da aber die Hohenpriester vnd Schrifftgelerten sahen die Wunder […] vnd die Kinder im Tempel schreien. (Luther Ausgabe letzter Hand 1545, Mt 21,15)

 (12) Da er nu sahe Petrum vnd Johannem / das sie wolten zum Tempel hin ein gehen. (Luther Ausgabe letzter Hand 1545, Apg. 3,3)

Für den infiniten Konstruktionstyp AcI ist belegt, dass er in den klassischen (und dann romanischen) Sprachen bei gleichzeitigem Ausbau des Modussystems abgelöst wird durch Komplementsatzstrukturen [mit ὁτι; ὡς; quia; quod] (vgl. Calboli 1978: 212; Calboli 1983: 44–45; Becker 2014: 186). Das Phänomen der veranschlagten „Giveness“ und „Newness“ kann also hier nicht mehr als tendenziell unterscheidendes Kriterium greifen. Die Frage ist, ob die Konstruktionstypen (≆ Sätze), die das Schema x ≆ y instanziieren, in Abhängigkeit von ihrer Instanziierung „Giveness“ oder „Newness“ auf der Wahrnehmungsebene konturieren. „Giveness“ ist daran gebunden, dass etwas bekannt ist (mehr oder weniger generisch). Das, was bekannt ist, muss aber nicht durch eine episodische Struktur als Wissen in Form eines eigenen Erfahrungswertes generiert worden sein, sondern kann als Wissen ohne Erfahrungswert (= semantisches Gedächtnis) abgespeichert sein (vgl. hierzu auch Mucha 2018: 32f.). „Newness“ hingegen ist an Erfahrungswerte gebunden, die episodisch in Raum und Zeit lokalisierbar sind (= episodisches Gedächtnis) und entweder durch Situationen in der Realität oder durch reflexive Situationen auf der metakognitiven Ebene gewonnen werden können.

4 Fazit

Im vorliegenden Beitrag habe ich das Schema x ≆ y als Grundlage vier unterschiedlicher Kopulasätze mit SEIN / BE angesetzt und diese Einteilung mit Überlegungen zu semantischem und episodischem Gedächtnis, Generizität, Urteilstypen und Perspektivierungsleistungen verbunden. Im Anschluss an diese Darlegung wurden die Begriffe „Giveness“ und „Newness“, dem informationsstrukturellen Zusammenhang entwendet und auf die Wahrnehmungssituation des / der Erzählenden übertragen. Hieraus habe ich abgeleitet, dass semantisches Wissen mit episodischen Werten abgespeichert sein kann, über die der / die Erzählende durch reale oder metakognitive episodische Erfahrungen verfügt.

Literatur

Zu den Bibelausgaben Luther 1545, Vulgata und Novum Testamentum Graece vid. www.bibel-online.net/.

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Formes brèves non lexicales : comment les inscrire dans une théorie syntaxique1 ?

Mustapha Krazem

La « matière » linguistique n’est pas uniquement constituée par des mots. Il existe des formes largement employées dans la communication, abondantes dans les genres de discours brefs, qui viennent accompagner et même se substituer à un correspondant linguistique : gestes, intonations, effets typographiques, détournements de la ponctuation, émoticônes etc. Beaucoup de ces formes sont ramassées, brèves, en ce sens où elles agrègent ce qui lexicalement exigerait plusieurs mots.

Il ne s’agira pas ici de décrire ces formes, bien qu’elles suscitent de plus en plus d’intérêt2. Ma contribution visera à poser un cadre théorique et descriptif permettant d’unifier l’ensemble du matériel employé dans la communication qu’il soit ou non linguistique.

Dans une certaine mesure, unifier les mots avec des grimaces, des images ou des gestes relève d’une démarche ludique, que je ne nierai pas. Mais, en creux, il s’agit bien de tenter, par ce biais un peu exotique et imaginatif, de clarifier les relations entre la grammaire et le discours, entre la langue en tant que système et le discours en tant qu’usage de la langue. Cela va dans le sens de la tendance actuelle des études syntaxiques. On y prend nettement en compte le discours, tout en maintenant une distinction avec la langue. Irmtraud Behr a toujours été à la pointe dans cette ouverture de la langue au discours. Ce point de vue se fait de plus en plus entendre, pour preuve l’intégration du terme « discours » dans les appels à communication ou dans certains titres d’ouvrage3, sans parler des articles, qui adoptent les deux termes simultanément. On notera cependant l’ordre des deux termes constant dans ces titres : la langue y précède toujours le discours.

Toutefois, cette manière d’ordonner, issue d’une habitude devenue un réflexe construit par notre formation en linguistique, me paraît de plus en plus contre-intuitive. L’ordre langue-discours est surtout le point de vue implicite des spécialistes de la « langue », en tant que système formel. Or, cet ordre est peut-être trompeur et la prudence incite à ne pas ordonner d’emblée la langue et le discours. C’est bien dans cet esprit que je souhaite mettre à égalité ici les mots et… les grimaces !

Soit dit en passant, que faut-il entendre par « discours » ? Surtout pour les grammairiens ? Pour ces derniers, le discours est peu défini. En soi, cette imprécision justifierait un article entier mais je renverrai à Preoteasa (2017 : 64–80) pour un défrichage pertinent. Il montre ainsi que les définitions, quand elles sont formulées, prennent des directions variées dont il découle néanmoins une constante : pour les grammairiens, la langue est un objet, qui a des parties, des règles, alors que le discours n’est pas un objet en soi. C’est un emploi, une mise en acte. Cela correspond bien à l’opposition entre la « proposition », qui serait la forme, et « l’énoncé », qui serait une sorte de mise en acte de la forme notamment dans sa production par un locuteur. Comme le dit en substance Van Raemdonck (2015), la phrase « baigne » dans son énonciation et c’est cet objet immergé qu’il appelle « énoncé ». Le problème qu’avait soulevé Bakhtine (1984) reste donc entier : la proposition et l’énoncé sont produits exactement en même temps sans qu’il soit possible de les distinguer. Bien malin alors qui peut instantanément distinguer la « forme » de l’intention énonciative qui l’a convoquée ! Van Raemdonck (2015) voit nettement les conséquences de la volonté du locuteur sur la structuration et la définition de la forme phrastique :

Dès lors, toute définition de la phrase devrait inclure la dimension de l’intention de dire de l’énonciateur. En effet, tout peut faire phrase ou énoncé, pour autant qu’il en soit décidé ainsi. Si l’on veut définir la phrase ou l’énoncé, et y inclure tout ce qui peut l’être, il faut prendre en compte la liberté de l’énonciateur. Les définitions traditionnelles veulent en fait imposer un schéma canonique, correspondant à une phrase graphique en sujet – verbe – complément. Cependant, même si cette phrase graphique peut servir de guide, la langue et les énonciateurs ne se laissent pas corseter de la sorte. La délimitation de la séquence phrastique dépendra dès lors de celui qui décide que sa séquence fait phrase et, du fait de son instanciation, énoncé (Van Raemdonck 2015 : 118).

On voit alors le danger : se perdre dans une opposition dichotomique langue / discours souvent circulaire où le discours justifie ce que la langue n’a pas prévu, où la langue fabrique des séquences que le discours ignore4. Il en découle, pour éviter le sempiternel problème de l’antériorité de la poule ou de l’œuf par rapport à l’œuf ou la poule, qu’il faut donner un contenu palpable à ce que la grammaire appelle « discours ». La définition donnée par Berrendonner (2012) correspond bien à cette nécessité de concrétiser ce qui singularise le discours par rapport à la langue :

Nous appellerons discours l’ensemble des matériaux sémiotiques (dont les gestes, les images, les savoirs partagés) mis en œuvre par l’ensemble des partenaires de l’interaction verbale. Nous ne pouvons appréhender le discours qu’à travers les textes (Berrendonner 2012 : 21–22).

Certes, cette définition contient une sorte de renoncement, mais il me semble possible et souhaitable d’essayer de passer outre cette muraille en croisant au plus près les éléments du discours et ceux de la langue. C’est ce que je me propose de faire à présent en prenant appui sur la théorie des positions de Milner (1989).

1 Approche concrète des éléments paralinguistiques

Mais commençons par être concrets en exposant une liste non exhaustive de ces « termes paralinguistiques » sans pour le moment justifier cette expression. Voici donc en (1) un échantillon de ces termes, dont on conviendra, d’une part qu’ils sont fréquents, d’autre part qu’ils sont aisément utilisés / rencontrés par les locuteurs1.


(1) geste : le pouce levé pour faire de l’auto-stop grimace : une manifestation de dégoût typographie : Zidane est LE joueur de foot français. ponctuation : Il a raté son bac !!!!! (dans un sms) intonation marquée : la phrase « Tu as mangé le chocolat ? » peut selon l’intonation signifier un fait grave, une moquerie, une dénonciation… émoticône : J ? L ? des images insérées : I TGV dès 25€ (pub Voyage point de 2016) des allongements vocaliques : J’adooooore faire les courses (pub Picard) Zidane qui cennnnnnntre et but ! (commentaire sportif)
des ajouts iconiques : J’adore la linguistique (= je n’aime pas la linguistique) des « détournements » de signes


Amour Argent Université
Capricorne ++ +++++ +
Balance ++++ ++++ +++++++

À partir de cette liste, il est déjà possible, malgré leur hétérogénéité flagrante, de cerner quelques points communs à ces termes, points communs qui justifient pour moi de les étiqueter « termes paralinguistiques » :

 On peut aisément les remplacer par un ou plusieurs mots.

 Ils sont produits consciemment.

 Leur signification est précise, sans ambiguïté en contexte.

 Ils peuvent se combiner avec des mots.

 Comme ils s’intègrent dans une interaction je / tu, ils sont compris par l’interlocuteur, lequel partage le même système.

Ces points communs permettent de ne pas confondre les termes paralinguistiques avec l’ensemble de la communication non verbale. Le fait de rougir dans une situation difficile, le fait d’être prostré ou au contraire exubérant gestuellement dans une discussion animée sont des faits de communication qui ne relèveront pas de mon propos.

On objectera que ces termes paralinguistiques contiennent un haut niveau de motivation alors que les mots souscrivent à la thèse de l’arbitraire du signe, conformément à l’enseignement des élèves de Saussure. Cependant, cela ne saurait suffire à exclure toute tentative d’unification. Si on admet, à l’instar de Toussaint (1983), qu’une partie du lexique est plus ou moins partiellement motivée, on peut amoindrir la frontière indéniable qui sépare les mots des gestes par exemple. En regardant de plus près, on constate à ce propos que le degré de motivation des termes paralinguistiques est variable. Certains d’entre eux sont quasiment réels : les photos, les images, les émoticônes. Quasiment seulement car dès qu’ils s’inscrivent dans une structuration phrastique (exemples 4 et 5), ils acquièrent de facto une prototypicité. Il est clair que la structure phonétique de « panda » est arbitraire contrairement à la photo d’un panda. Néanmoins, insérée dans une phrase, la photo devient générique. D’autres termes paralinguistiques obéissent à une logique analogique : la taille des caractères dans la BD, le cœur de l’exemple (9), certains gestes (x est grand / petit), le signe + de l’horoscope etc. Il est intéressant de relever que les gestes2, même s’ils peuvent différer plus ou moins maximalement entre les langues / cultures, gardent un certain degré de motivation. Enfin, plus rarement, certains termes paralinguistiques sont arbitraires. On peut penser au triste bras d’honneur.

De ce point de vue, les termes paralinguistiques participent au même continuum que les mots, à condition, non plus de tenir aveuglément ces derniers comme obéissant à Saussure, mais comme étant possiblement affectés, plus ou moins, par une motivation entre le signifiant et le signifié. Certes, les mots sont le plus souvent arbitraires (au moins en synchronie), mais ils peuvent obéir à un processus analogique3 même s’ils ne sont presque jamais quasi réels, hormis les onomatopées. Il s’ensuit de cette première partie deux observations : dans la communication, les termes paralinguistiques semblent se comporter comme des mots et ils participent au discours au même titre que les mots. C’est ce qui me conduit à imaginer de les traiter dans un cadre unitaire.

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