Kitabı oku: «Das magische Buch 1 - Verzwickte Liebespuppen»
Anne-Marie Donslund und Inez Gavilanes
Die Jungs
Einfach total typisch Helena. Super schicke Geburtstagseinladungen! Mit einem abgefahrenen Bild, das sie in einem richtigen Atelier hat machen lassen – so richtig mit professionellem Fotografen, Stylist und allem drum und dran.
Ihre Eltern fanden nämlich nicht, dass dieser Amateur von Schulfotograf ihre Schokoladenseite richtig getroffen hatte. Ich konnte nicht so genau sehen, was sie damit meinten. Also bis jetzt. Auf diesem Bild hier sieht sie aus wie ein Model; genau wie im echten Leben. Gerade jetzt geht Helena wie auf dem Catwalk durch das Klassenzimmer und verteilt Einladungen an alle Mädchen, die sich vor Neid auf die Lippen beißen.
Julie und ich sehen uns an. Wir sind nicht neidisch. Wir sind Helenas beste Freundinnen und Freundinnen sind nicht neidisch darauf, dass die eine zum Beispiel grade dabei ist, Fotomodel zu werden.
Helenas Mutter hat die Fotos nämlich auch an die „First Models“- Agentur geschickt.
„Jetzt muss ich nur warten und sehen, ob sie anrufen“, sagte Helena als sie uns davon erzählte während sie ein Hollywood-Lächeln aufsetzte. Ich habe keine Ahnung, wie sie das anstellt. Immer wenn ich es versuche, fühlt es sich so an, als wäre mein Mund aus Wachs.
Die rufen garantiert an, also die Model-Agentur. Helena eignet sich garantiert super zum Modeln. Sie posieren super; sowohl vor der Kamera als auch vor der Klasse.
Endlich ist sie fertig mit dem Verteilen der Einladungen und wir rechnen damit, dass sie sich wieder hinsetzt. Aber dem ist nicht so. Sie bleibt stehen, wirft einen Blick über die Schulter und lächelt Julie und mich an.
Und dann beginnt sie, Umschläge an die Jungs zu verteilen… Das gibt´s doch nicht!
„Kommen die Jungs auch?“, flüstere ich Julie zu.
„Das war bestimmt das Geheimnis, von dem sie uns nichts verraten wollte.“, flüstert Julie zurück.
Irgendwie stört mich das unglaublich. „Ich dachte, es hätte mit etwas anderem zu tun; irgendwas mit dem, was wir an ihrem Geburtstag machen sollten.“
„Ja, aber das hier ist doch soooo viel besser“, kichert Julie.
Und darin hat sie natürlich Recht. Es wird doch total genial, mit den Jungs zusammen auf einer Party zu sein. Besonders wegen Kasper, in den ich verliebt bin. Das Problem ist nur, dass ich mich nicht getraut habe, Julie und Helena davon zu erzählen, bevor es zu spät war.
Verliebt
Alles fing damit an, dass ich nicht von Helena und Julie geärgert werden wollte, weil ich dachte, sie fänden, dass Kasper ein Nerd oder einfach etwas zu brav ist. Er ist nämlich super intelligent und auch immer extrem höflich: Er redet mit den Lehrern, wie es sich gehört, und flucht fast nie. Aber er kann auch unglaublich lustig sein und alle anderen aufziehen - und dann ist er noch ein richtig guter Skateboardfahrer. Eigentlich glaube ich, er ist in allem gut. Basket- und Fußball, Laufen – you name it. Aber er ist es auf eine gute Art und Weise, ohne dass er jemals damit angeben würde. Es fällt ihm einfach natürlich, der Beste zu sein und trotzdem so zu tun, als wäre er einfach so ein Junge, der albern, kindisch und immer am rumspielen ist, und mit Radiergummis schießt. Da bemerkt man es auch nicht so schnell. Uns ist es auf jeden Fall nicht so schnell aufgefallen. Keine von uns war nämlich schon mal vorher in ihn verknallt.
Letztes Jahr war Julie in Kenneth aus der Parallelklasse verliebt und Helena fand Hannes ganz toll. Das hatte sich allerdings innerhalb einer Pause erledigt, in der er ihr einen Schneeball, fast gänzlich aus Eis, direkt gegen den Kopf schmetterte. Ich war damals in niemanden verknallt. Also nicht wirklich. Ich behauptete zwar, ich fände Sophus ganz in Ordnung, aber das war eigentlich nur, um dazuzugehören.
Helena ist fertig damit, Einladungen zu verteilen und wirft sich auf den Stuhl zwischen Julie und mir.
„Na, wie findet ihr das Bild?“
„Es ist abgefahren schön“, sage ich. „Du siehst aus, wie „Germany´s Next Topmodel“.
Helena umarmt mich und drückt mir einen Schmatzer auf die Wange. Julie nickt.
„Ja, und überhaupt, wie cool ist es nicht, dass die Jungs mit von der Partie sind?“ Es ist deutlich an ihrer Stimme zu hören, wie sehr sie sich freut.
„Ja, das ist genial, oder?“, kichert Helena. „Ich wollte euch damit überraschen.“
„Und dann an einem Samstag! Abends. Das ist einfach nur cool!“ Julie kann sich gar nicht einkriegen.
Helena lächelt zufrieden. Sie ist stolz. Verständlicherweise!
Ich lasse ihre extrem schicke, megafetzige Einladung in meiner Tasche verschwinden. Es besteht gar kein Zweifel daran, dass es eine tolle Party werden wird. Ich wünschte nur, ich hätte die Idee gehabt, die Jungs einzuladen; dann wäre alles anders gewesen.
Liebespuppen
Ich hatte letzten Monat Geburtstag und habe natürlich nur mit den Mädchen gefeiert. Nachmittags. Ich glaube, an einem Mittwoch. Und es hat geregnet. Dabei hatte ich mir extra viel Mühe mit allem gegeben. Aber verglichen mit all dem, was Helena veranstaltet, ist mir schon klar, dass es in Wirklichkeit nichts Besonderes war.
Meine Einladungen, zum Beispiel, waren offensichtlich so last year. Kurz bevor ich sie austeilte, hat Helena erzählt, dass sie ihre pinke Tasche aussortiert und eine graue gekauft hat, weil Pink jetzt einfach total out ist.
Meine Einladungen waren natürlich pink. Ich hatte sie selbst gemacht und mit dem neuen Drucker auf Papas Arbeit ausgedruckt.
Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste, wenn man das so nennen kann, war, dass ich von Helena und Julie genau das bekam, was ich mir gewünscht hatte. Dadurch kam nämlich erst die ganze Sache mit Kasper ans Licht.
Ich hatte mir ein paar Liebespuppen gewünscht aus einem Laden, der Kult heißt. Das ist der abgefahrenste Hokus-Pokus-Laden überhaupt und wir, Helena, Julie und ich, lieben ihn. Manchmal, nach der Schule, stöbern wir stundenlang dort herum und glotzen Pendel, magische Zeichen und ausgefallene Tücher an und stellen uns vor, dass wir einem richtigen Hexenkult angehören, der bei Vollmond zaubert und allerhand Kräuter über einem Feuer zusammenbraut.
An so einem Tag entdeckten wir auch die Liebespuppen. Sie waren ganz schlicht aus Filz und ohne Gesicht. In die eine sollte man etwas von seinen eigenen Klamotten tun. Und in die andere sollte man etwas Kleidung von demjenigen, in den man verliebt ist, stopfen. Aber Julie und Helena lachten nur und fanden es eine sinnlose Idee, zumal ich ja noch nicht mal in jemanden verliebt wäre. Das war meine erste Gelegenheit, ihnen das mit Kasper zu sagen, aber die habe ich verpasst.
An meinem Geburtstag zogen mich Helena und Julie dann mit ins Bad. Die anderen Mädchen spielten „Wahrheit oder Pflicht“ im Wohnzimmer.
Wir saßen zum Geschenke auspacken auf dem Boden. Es waren Sterne auf dem Papier und ein Duft von Lavendel, den ich aus dem KULT-Laden wiedererkannte.
„Ich liebe euer Badezimmer“, sagte Helena. „Diese Fliesen sind jetzt wieder der letzte Schrei. Und es ist immer so schön sauber hier. Unser Au-pair ist einfach zu faul. Das meint meine Mutter auch. Bist du nicht total gespannt?“
Noch bevor ich das Papier ganz abhatte, holten die beiden ihre eigenen Puppen hervor. So saßen wir also da mit sechs flachen Stoffpuppen, die darauf warteten, gefüllt zu werden.
„Jetzt müssen wir sagen, in wen wir verliebt sind“, sagte Helena und wurde so knallrot im Gesicht, dass Julie und ich zu lachen anfingen. Helena war sonst nichts peinlich, sie musste richtig verliebt sein.
Das war ich auch. Jedes Mal, wenn ich Kasper ansah, schlug mein Herz höher und in meinem Bauch kribbelte es ganz irrsinnig. Seine leuchtend grünen Augen und das zerzauste Haar, wenn er mit dem Skateboard unter dem Arm von der Pause hereinkam - das hatte schon was.
„Also ich finde, Sophus und Cille passen gut zusammen“, lenkte Helena ab. „Ihr seid beide so lieb und fröhlich mit euren Locken und den braunen Augen.“
„Er ist aber überhaupt nicht mein Typ“, sagte ich. Und das ist er auch nicht.
Sophus ist schon nett, aber zum verlieben? Forget it!
„Ok, aber Julie und Hannes passen gut zueinander. Er ist schon ziemlich süß, nicht, Julchen?“, machte Helena einfach weiter.
„Nee, überhaupt nicht“, sagte Julie und zupfte etwas an ihren Puppen rum. „Aber du stehst so was von auf Kasper, Helena!“ rief sie dann und lachte ganz laut und ich lachte mit. Aber nicht richtig, mein Lachen war falsch und meine Zunge fing plötzlich an zu jucken. Helena versteckte ihr Gesicht hinter ihren Puppen, weil sie so extrem rot geworden war, aber sie nickte und kicherte.
„Oh nein. Fällt das wirklich so dolle auf?“, quietschte sie dann und ließ sich auf den Rücken fallen, beinahe mit dem Kopf gegen die Kloschüssel.
Es fühlte sich so an, als hätte ich Juckpulver im Hals und als Helena und Julie wieder zu den anderen gingen, blieb ich noch im Bad, um ganz viel Wasser zu trinken.
Ich hatte es also nicht fertig gebracht, ihnen zu sagen, dass ich auch in Kasper verliebt bin und das, obwohl wir sonst nie Geheimnisse voreinander haben. Aber es ist auch ganz egal; ich kann ihn genauso gut vergessen. Ich hätte niemals eine Chance, weil alle doch wissen, dass Helena eine ganz andere Liga ist. Sie bekommt immer, was sie will und es wäre einfach nur lächerlich, wenn ich, nachdem sie es gesagt hat, sagen würde, dass ich auch verrückt nach ihm bin.
Aber so leicht ist das nicht, ihn zu vergessen. Ich sehe ihn ja jeden Tag in der Schule und ich kann überhaupt nicht aufhören, an ihn zu denken.
Deshalb ist es eben auch nicht so toll für mich, wenn die Jungs auch bei Helenas Geburtstag dabei sind. Sie wird garantiert versuchen, auf der Party mit ihm zusammen zu kommen. Und das wird sicherlich ein leichtes Spiel für sie.
Kult
„Geht ihr heute mein Geschenk kaufen?“, fragt Helena ganz unschuldig und zeigt ihr schönstes Lächeln mit glänzend weißen Zähnen. Sie ist immer unglaublich neugierig.
„Hm, vielleicht“, antwortet Julie geheimnistuerisch.
„Dann gebe ich euch besser meinen Wunschzettel mit.“ Helena kramt ein Stück Papier aus ihrer Federtasche und wedelt es dann dicht vor meiner Nase hin und her. Es riecht nach einem teuren neuen Parfüm. Ganz was anderes, als die uncoolen Parfüms, die ich im Supermarkt kaufe, wenn sie im Angebot sind. Ich unterbreche sie; plötzlich habe ich keine Lust mehr, ihren Wunschzettel zu sehen. Ich weiß eh, was drauf steht, es ist ja immer das Gleiche.
Ich schuppse ihre Hand weg. „Den brauchen wir gar nicht!“ Julie und Helena starren mich verwundert an. Wir geben einander immer Wunschzettel und gewöhnlich bin ich nie so selbstsicher.
„Du möchtest doch bestimmt etwas ganz Besonderes haben, oder?“ Ich blinzele Julie zu, die mich immer noch fassungslos ansieht.
„Ähm, schon, aber wir geben uns doch immer…“
„Julie und ich haben uns etwas ganz tolles ausgedacht“, lüge ich. „Du wirst dich total darüber freuen, du weißt es nur noch nicht.“
Es sind viele aus der Schule im „Central“, dem großen Einkaufszentrum der Stadt, unterwegs, aber wir sind die einzigen im Kult.
„Und was hast du dir jetzt ausgedacht?“, fragt Julie. Sie ist mir einfach wie ein Hund nachgedackelt. Jetzt steht sie da und spielt an den Pendeln rum. Die Wahrheit ist: ich habe keine Ahnung.
„Nichts.“ Plötzlich ist meine Stimme sehr unsicher. Aber nicht Julies, ihre ist messerscharf.
„Was? Wieso hast du es dann gesagt?“
„Ich weiß nicht.“
„ Also ganz ehrlich! Dann hätten wir doch ihren Wunschzettel nehmen sollen!“
„Wir finden etwas, hier im Kult. Das ist doch viel besser als diese dämlichen Marken-Tops, die sie sich ständig und andauernd wünscht.“
Ich kann Julie ansehen, dass sie mir recht gibt, aber sie sagt nichts. Sie steht weiterhin an den Pendeln und gibt einem so einen dollen Schubs, dass es wie wild hin- und herschwingt.
„Da gibt´s aber ein kleines Problem, an das du nicht gedacht hast: Alles, was sie sich von hier wünscht, hat sie sich schon gekauft.“
Julie hat recht. Helena bekommt so viel Taschengeld, sie kann sich immer das kaufen, worauf sie gerade Lust hat. Daran hatte ich nicht gedacht. Ich war nur der Wunschzettel des Mädchens, das alles hat und alles bekommt, leid.
„Was ist mit dem Tuch hier?“ Ich habe ein wirklich hübsches lilanes, mit schwarzem Muster gefunden. Es ist das einzige dieser Art unter den vielen anderen am Ständer. Ob es Kasper gefallen würde?
„Auf keinen Fall! Du hättest es vielleicht selbst gerne.“ Julie lacht und schüttelt den Kopf. „Helena zieht doch keine Sachen aus diesem Laden an.“
Ich antworte nicht, aber sie hat wieder recht. Helena würde nie etwas ohne Markenzeichen tragen. Alles, was sie hat, ist besonders schön oder teuer und irgendwie setzt mich das ganz schön unter Druck. Überhaupt läuft es nicht so super, seitdem sie das mit Kasper gesagt hat. Jetzt ist es so, als ob nur sie in seiner Nähe sein darf. Wenn ich mich gerade mit ihm unterhalte (was auch gar nicht so furchtbar oft passiert) kann es vorkommen, dass sie sich einfach einmischt und mich fast schon wegschuppst.
„Was ist denn, wenn wir ein Geschenk für sie zusammenstellen, so mit Räucherstäbchen, Steinen und so?“ Ich höre selbst schon, dass es ist nicht die beste Idee ist.
„Im Ernst, Cecilie. Du hast ihr gesagt, sie bekommt etwas ganz besonderes. Da geht es doch nicht mit einem albernen Sammelsurium an Kleinkram, den sie eh schon hat. Sie will mit Sicherheit lieber ein großes, ein richtiges Geschenk haben. Du weißt doch, wie sie ist. Diesen Schnickschnack hier würde sie hassen.“
„Kann ich euch Mädchen heute vielleicht irgendwie behilflich sein?“
Die Inhaberin vom Kult steht plötzlich hinter mir. Ich habe sie überhaupt nicht kommen hören. Manchmal kommt es mir so vor, als würde sie uns beobachten. Sie hat dunkle Augen und schwarzes Haar und trägt immer irgendwelche Strickjacken.
„Wir suchen ein großes und fantastisches Geburtstagsgeschenk für unsere Freundin“, sagt Julie. „Die, die sonst auch immer hier mit ist.“
„Ah, ja“, sagt die Frau, „dachte ich’s mir schon, dass sie ist Zwilling ist.“
Julie und ich starren die Frau an, als wäre sie gerade vom Mond gefallen. Wie in aller Welt konnte sie wissen, dass Helena Zwilling ist?
„Woher wussten Sie das?“ fragt Julie und ihre Stimme klingt ganz sonderbar.
„Hm, ein fantastisches Geburtstagsgeschenk“, sagt die Frau, ohne auf Julies Frage einzugehen.
Aber na klar, jetzt verstehe ich es. Wenn sie weiß, wie alle Sternzeichen im Jahr verteilt sind, ist es nicht mehr schwer, das auszurechnen. Wir haben es ja gerade gesagt; wir suchen ein Geburtstagsgeschenk.
„Kommt mal mit“, sagt die Frau. Wir folgen ihr zum Kassentresen.
„Wartet hier.“ Sie verschwindet im Hinterzimmer.
Das Buch
Sie kommt mit einem großen Buch zurück.
„Das ist das letzte, das ich habe“, sagt sie. „Es ist eine Art magisches Manual.“
„Ein was?“, fragt Julie.
„Ein magisches Handbuch“, erklärt die Frau und schlägt eine zufällige Seite auf.
Ich kann gerade noch eine Überschrift sehen, bevor Julie sich über das Buch schmeißt. „Wie man Dinge repariert, die kaputt gegangen sind“, stand da.
Julies Augen leuchten während sie durch die Seiten blättert.
„Wie genial“, japst sie. „Helena wird sich wie verrückt freuen. Hör mal: So bekommst du den, den du liebst…“
Ich habe ein spontanes Stechen im Bauch. Eigentlich finde ich nicht unbedingt, dass Helena das Buch haben sollte.
„Was kostet es denn?“, frage ich.
„99, 99 Euro, aber weil ihr es seid, 70 Euro.“
„Hier gibt es ein Rezept für Liebeskuchen“, kichert Julie.
„So viel habe ich aber nicht“, flüstere ich und zupfe Julie am Ärmel. Die Frau kann es natürlich trotzdem hören.
„In Ordnung. Obwohl es wirklich ein gutes Angebot ist“, sagt sie und klappt das Buch vor Julies Nase zu. „Aber ich habe auch gerade dieses Creme zum Selbermachen-Set reinbekommen.“
„Aha, ok“, sagt Julie. „Damit kann man seine eigene Creme machen?“
„Das ist wirklich gut und man kann sowohl Gesichtscreme als auch Bodylotion machen und selbst bestimmen, wie sie riechen soll. Kostet 32, 90 Euro.“
Es ist nicht einmal die Hälfte vom Buchpreis und obwohl es immer noch eine Menge Geld für mich ist finde ich, es wäre endlos peinlich, wenn ich schon wieder sage, es ist zu teuer.
„Hast du 17 Euro?“, fragt Julie und holt ihre Visa-Karte aus der Tasche.
„Ja, ja“, sage ich schnell, dabei stimmt es gar nicht. Ich habe nur 10 Euro von Mama für das Geschenk bekommen. „Du kannst ja erstmal auslegen.“
Julies Idee
Julie streckt auch noch ein Softeis vor. So etwas essen wir nicht, wenn Helena dabei ist. Nicht wegen dem Geld, sondern weil Helena solche Sachen nur zu bestimmten Anlässen isst. Sie achtet auf ihre Figur, sagt sie. Besonders seitdem sie diese Modellbilder hat machen lassen.
„Uh, mir kommt gerade die weltbeste Idee überhaupt“, sagt Julie mit dem Mund voller Eis.
„Mmm. Was denn?“ Ich denke immer noch an das Buch aus dem Kult und höre nicht richtig zu. Wenn wir nur etwas mehr Zeit gehabt hätten, es anzusehen, also das Buch. Es sah unglaublich spannend aus. Wenn ich doch nur genug Geld hätte, es für mich selbst zu kaufen. Aber das ist undenkbar. 70 Euro habe ich überhaupt nicht und das nächste Taschengeld schulde ich jetzt schon Julie.
Auf eine Art bin ich ganz froh, dass Helena das Buch nicht von uns bekommt. Dann hätte sie nur schon wieder eine supercoole Sache mehr, die ich nicht haben kann.
„Hey, hör mir doch mal zu!“ Julie zupft an meinem Ärmel. „Cecilie?“
„Ja, ja, ich höre zu.“
„Es ist einfach eine grandiose Idee! Wir klauen Klamotten von Kasper und packen sie für Helena ein. Für ihre Liebespuppe!“ Julies Augen strahlen vor Begeisterung über ihren eigenen Erfindungsgeist. Mir rutscht das Eis beinahe in den falschen Hals.
„Wie bitte? Das können wir doch nicht machen.“
„Doch, und wie wir das können“, sagt Julie. Sie kann gar nicht mehr still stehen und tanzt ein paar eigenartige Schritte hin und her. „Das ist ein mordsmässiges Geschenk! Verstehst du das nicht?! Helena traut sich ja nicht, selbst etwas zu klauen. Aber wenn wir das für sie machen und es ihr als Geburtstagsgeschenk geben, dann kann sie es in ihre Liebespuppen tun. Und dann kann sie bei der Party sehen, ob es klappt.“
„Dann hätten wir 32,90 Euro sparen können“, murre ich.
„Hör auf, so geizig zu sein. Helena kauft immer riesige Geschenke für uns.“
Sie hat ja recht. Aber das ist es ja gerade, was es so verflixt mit Helena macht. Eigentlich ist sie super lieb und deshalb kann man nicht wirklich sauer auf sie sein. Aber sie bekommt halt immer alles und nun sollen wir ihr obendrein auch noch dabei helfen, Kasper zu kriegen.
„Wir haben morgen Sport. In der großen Pause, wenn die Jungs an der Rampe sind, stibitzen wir Kaspers benutztes T-Shirt“, fährt Julie fort.
„Dann ist es auch voller Kasper-Schweiß“, flüstere ich so leise, dass ich es fast selbst nicht hören kann. „Dann klappt es bestimmt noch viel besser.“
„Ich bin einfach genial, wenn ich mir nur etwas Mühe gebe“, feiert sich Julie selbst und tanzt noch ein paar weitere bizarre Ballettschritte in Richtung H&M.
„Kommst du mit rein? Ich will nur mal gucken, ob sie noch diese silberne Bluse haben, die ich mir wünsche.“
Basketball
Wir spielen Basketball im Sportunterricht. Natürlich macht Helena bei den Mädchen die meisten Körbe, während es Kasper bei den Jungs ist. Ich selber treffe den Korb kein einziges Mal. Auch weil ich so müde bin. Die ganze Nacht musste ich an Julies Idee denken. Wenn Helena Kaspers T-Shirt in ihre Liebespuppe tun kann, will ich das auch. Alles andere wäre total unfair. Nur weil sie laut gesagt hat, dass sie auf ihn steht, hat sie doch nicht mehr Anspruch auf ihn als ich, oder?
Jetzt sitzen wir mit nassen Haaren im Biologieunterricht bei Hinkeheiner alias Herr Hain. Er fabelt wie gewöhnlich über das wilde Tierreich in Deutschland und macht dabei auch vor dem kleinsten Insekt nicht halt. Er will uns schon wieder klar machen, dass unsere Natur genauso beeindruckend und wild ist, wie die Afrikas, auch wenn wir keine Elefanten und Löwen haben – wir müssen nur einzoomen. Gerade geht es um die Feldmaus.
Helena, Julie und ich machen gleichzeitig unsere Mathehausaufgaben. Heimlich. Dann brauchen wir uns darum am Wochenende nicht mehr kümmern. Obwohl Julie irgendwie nicht die Aufgaben macht. Sie malt T-Shirts in mein Matheheft.
„Was ist das denn?“, flüstert Helena. Sie glaubt, wir haben ihr ein T-Shirt gekauft und hört gar nicht mehr auf damit, Marken zu raten. Sie ist unerträglich neugierig.
„Abercrombie&Fitch, Esprit, Dolce & Gabana, oder eins aus dem Skateladen in der Stadt?“
„Können sich die Damen vielleicht dazu bewegen, zuzuhören?“, meckert Hinkeheiner.
Wir sitzen in der einen Ecke der U-Anordnung der Tische. Auf der anderen Seite sitzen Kasper und die anderen Jungs und machen Blödsinn. Ab und an streift uns sein Blick, dann lacht er und wirft mit Radiergummies und Kreide. Mir ist aufgefallen, dass Helena sich den Kram in die Tasche steckt. Sie sammelt ihn, um ihn in ihre Liebespuppe zu tun, da bin ich mir ganz sicher. Ich konnte nur ein einziges Stückchen einstecken.
„Die Herren sind natürlich auch herzlich eingeladen, mitzumachen“, sagt Hinkeheiner. „Kasper, kannst du uns vielleicht sagen, was du über die Feldmaus weißt?“
„Äh“, sagt Kasper. „Naja, es ist die gewöhnlichste Maus bei uns, aber ganz harmlos. Und die können ganz viele Jungen kriegen. Ich glaube, so sieben Würfe im Jahr, mit jeweils ungefähr fünf Jungen.“
Hannes klopft Kasper auf den Rücken, lacht laut und macht das Sex-Zeichen mit den Fingern.
Fast alle fangen an zu lachen. Kaspers Wangen werden etwas rot. Es steht ihm.
„Ja, die müssen sich ranhalten“, sagt Hinkeheiner.
„Was ist eigentlich ihr Lieblingstier, Herr Hein?“ unterbricht ihn Helena. Das ist so eine Taktik, die sie hat, um die Lehrer dazu zu kriegen, über andere Sachen zu reden.
„Meins? Ja, also ich war schon immer schwer vom Zaunkönig fasziniert. Er ist eigentlich ein recht unscheinbarer kleiner Vogel, aber doch irgendwie sehr besonders. Er singt ganz herrlich und baut beeindruckende Nester. Ja, wir ihr wisst, habe ich meine Abschlussarbeit über ihn geschrieben und…“
Ich merke Julies Mund an meinem Ohr und lege eine Hand über mein Heft. Ich saß da und habe Herzen und Skateboards gezeichnet, ohne es richtig zu bemerken.
„Guck mal, Kaspers Sportsachen…“ Sie nickt rüber zu Kaspers ReWe-Beutel auf dem Boden. Er sieht dreckig und schon recht mitgenommen aus und Kaspers Basketballsachen fallen fast schon raus. „Wenn du Helena in der Pause ablenkst, dann schnappe ich sein T-Shirt.“
Ich klappe mein Heft zu und seufze. Sie will es tatsächlich stehlen?
„Oder andersherum?“, flüstert Julie. „Du kümmerst dich um das T-Shirt und ich mich um Helena.“
„Nee, ist schon ok“, sage ich schnell. Ich werde auf keinen Fall etwas klauen, erst recht nicht, um es dann Helena zu geben! Soll ich denn die Drecksarbeit für sie machen, nur damit sie es noch leichter hat, als einzige bei Kasper zu landen? Nein danke, da habe ich keine Lust drauf.
Und nicht auszudenken, wenn ich mit dem T-Shirt in der Hand erwischt werden würde. Das wäre unendlich peinlich. Ich verstehe nicht, wie Julie sich das nur traut.
Es klingelt schrill zur Pause.
„Ach, Mensch, jetzt haben wir nicht geschafft, den Lebenszyklus der Feldmaus durchzugehen. Ihr müsst bis zum nächsten Mal dann selbst von Seite 40 bis 53 lesen!“, schreit Hinkeheiner gegen den Lärm der Klasse, die sich in die Pause stürzt.
„Mission erfüllt“, sagt Helena und gibt mir einen High Five. „Da brauchten wir nicht mehr über die Vermehrung dieser Maus reden. Kommt ihr mit zur Rampe?“
Julie zeigt nach unten, reibt die Knie aneinander und formt mit den Lippen das Wort „Pinkeln“.
„Wir warten dort auf dich“, sagt Helena und zieht mit mir von dannen. Ich schaffe es gerade noch, einen Blick auf Julie zu werfen, die mir geheimnisvoll zuzwinkert.
Malthe
„Warum runzelst du die Stirn?“
Malthe drückt seine Nase ganz dicht an meine und lässt sich nach vorne über meinen Stuhl fallen, sodass ich ihn auf den Schoß nehmen muss.
„Hm, das ist bestimmt, weil ich nachdenke.“
„Worüber denkst du nach?“
„Ich überlege, was man wohl machen muss, um seinen extrem neugierigen kleinen Bruder dazu zu bewegen, seine Nase aus den Angelegenheiten seiner Schwester zu halten.“
„Aha“, sagt Malthe verdutzt.
„Und weißt du, was ich glaube, was hilft?“
„Nee. Was denn?“, fragt der kleine Hosenscheißer mit großen Augen.
„Ich glaube, ich muss ihn einfach ganz lange… kitzeln!“
Malthe fängt an zu kreischen und ich setzte zum Kitzelangriff an. Er liebt dieses Spiel und es funktioniert 1A, wenn es etwas gibt, worüber ich nicht reden möchte. Er vergisst all seine Fragen und das ist gut so, denn mein Kopf ist gerade am überkochen.
Kann ich Julie erzählen, dass ich in Kasper verknallt bin? Würde sie Helenas Seite ergreifen und wäre sauer auf mich? Oder würde sie verstehen, dass ich mich nicht getraut habe, es vorher zu sagen und mir auch helfen, wie sie es bei Helena macht?
„Es gibt Spaghetti Bolognese, wenn ihr Hunger habt. Könnt ihr einfach in der Mikrowelle warm machen.“ Mamas Absätze klacken über den Küchenboden.
„Papa kommt etwas später. Er ist auf dem Weg nach Hause, aber ihr könnt ruhig schon essen, sagt er. Sonst verhungert ihr noch und das geht ja wohl nicht, was?“
Mama hält Malthe an seinen Wangen und drückt ihm einen Schmatzer auf den Mund. Ich bekomme keinen Kuss, sondern eine ihrer üblichen Reden.
„Guckt nichts Gruseliges im Fernsehen. Bleib auf jeden Fall zu Hause bis Papa da ist, ja. Und mach die Hausaufgaben für morgen, am besten gleich. Nützt ja nichts, solche Sachen aufzuschieben, aber das weißt du ja. Wenn ich wiederkomme, seid ihr schon im Bett, also träumt schön und bis morgen.“
Die Tür fällt hinter Mama ins Schloss. Sie geht zum Ladies Circle. Das ist so eine Vereinigung für Frauen deren Männer Mitglied in solchen Männerlogen sind. Logen sind etwas ganz geheimes, deshalb nennen sie es Circle damit wir nicht noch neugieriger werden, aber weniger geheimnisvoll wird es dadurch nicht.
Ich weiß auch nicht, wie Mama da rein gekommen ist, weil Papa hat mit keiner Vereinigung was zu tun. Er findet das alles irgendwie albern. Aber das ist es nicht, es ist etwas sehr Ernstzunehmendes, allem Anschein nach.
Mama ist nämlich Protokollführende im Circle geworden. Das bedeutet, es ist ihre Aufgabe aufzuschreiben, was bei ihren Treffen beredet wurde. Sie muss es dann reinschreiben und per Mail an alle anderen Frauen in der Gruppe schicken. Das dauert ewig und drei Tage - Mama nimmt das sehr genau. Sie schreibt diese Protokolle, als ginge es um ihr Leben. Sie prustet, ächzt und schlägt alles im gelben Duden nach. Sie hat sogar einen Kommakurs an der Volkshochschule gemacht, weil es offensichtlich ganz perfekt sein muss.
Am Anfang bedeutete das auch, dass sie all meine Aufsätze mit Rotstift durchging.
Mama ist als Lehrerin irgendwie nicht gerade der geduldigste Typ. Es ist mehr so, als würde man ausgeschimpft werden, wenn sie versucht, einem etwas zu erklären oder mit den Hausaufgaben hilft. Jetzt ist es ihr zum Glück wieder relativ egal und ich kann einfach damit weitermachen, Aufsätze ohne Kommata zu schreiben.
Sie treffen sich einmal im Monat im Circle. Papa macht sich jedes Mal darüber lustig. „Na, willst du wieder los zu deinem Feministen-Club? Wer ist heute dran mit Kuchen mitbringen?“
Mama macht das fuchsteufelswild, aber dann lacht Papa ganz herzlich und klopft ihr auf den Po, sodass er wackelt. „Ach, Schatz, entschuldige. Wenn es für dich wichtig ist da hin zu gehen und ein bisschen im Rundkreis zu sitzen, dann mach mal, dass du los kommst.“
Es ist schwer für Mama, längere Zeit wütend auf Papa zu sein. Sie streicht ihm immer ganz zärtlich durchs Haar, bevor sie aufgetakelt mit Lippenstift und hochhackigen Schuhen aus der Tür stürmt.
Komm schnell!
„Komm schnell !!! Komm schnell !!! Komm schnell !!!“, steht auf meinem Handy. Das ist die vierte SMS von Julie.
Wir haben abgesprochen, Helena soll ihr Vor-Geburtstagsgeschenk schon heute bekommen. Das T-Shirt. Hauptsache, Julie gibt es ihr nicht schon, bevor ich da bin. Manchmal kann sie einfach nicht damit warten, Geheimnisse oder Überraschungen zu verraten. Auf einer Art und Weise ist das ja auch ganz Zucker, aber ich hoffe, sie hat sich im Griff; selbst wenn es schwer ist, Helenas Druck nicht nachzugeben. Irgendwie muss ich ja auch ein Stück von dem T-Shirt für meine eigene Puppe hamstern.
„Ich muss auf Malthe aufpassen, bis mein Vater nach Hause kommt. Meine Mutter ist beim Ladies Circle“, schreibe ich zurück.
Manchmal stelle ich mir vor, der Circle ist eine coole Underground Organisation, die nachts in den Straßen aufräumt, Diebe fängt, Banden aufspürt und den kriminellen Abschaum der Stadt beseitigt. Aber dann fällt mir wieder ein, dass ja meine Mutter ein Teil des Ganzen ist; die, die beim Sozialamt der Gemeinde arbeitet und sich Leberwurstbrote einpackt, weil sie findet, es wäre das Geld nicht wert, in der Kantine zu essen.
Ich habe übrigens die anderen Frauen vom Circle auch schon manchmal gesehen. Sie veranstalten einmal im Jahr einen großen Flohmarkt. Auf dem Marktplatz vorm Rathaus natürlich. Der Erlös wird in der Vorweihnachtszeit an die Armen in der Gemeinde verteilt. Am Tag des Flohmarkts stehen dann alle Circle-Frauen da und reden viel zu laut miteinander, kichern komisch und spielen „Was das wohl wert ist?“, obwohl sie nicht die leiseste Ahnung von alten Sachen haben.
Ich hab’ einmal mitgeholfen und das mache ich nie wieder. Helena und Julie und ein Haufen anderer aus der Klasse kamen zum „Hallo sagen“ vorbei. Während wir also dastanden und uns unterhielten, musste meine Mutter Klamotten aus einem schwarzen Sack geangelt haben, den irgendwer mitgebracht hatte. Dann kam sie nämlich über den Marktplatz gestöckelt, mit wehendem Haar und Lippenstift an den Zähnen.
„Schatz, Guck mal, was Joan mitgebracht hat! Das sind die Sachen ihrer Tochter. Sie ist jetzt in London und hat uns das alles für den Flohmarkt gegeben. Guck mal, wie schön die Sachen sind. Genau dein Stil, was? Du bekommst das garantiert sehr günstig, wenn du gleich zuschlägst.“
Dann zwinkerte sie mir zu, wie ein Marktschreier und piekte mir mit ihren Ellenbogen in die Seite. Extrem peinlich und äusserst merkwürdig; so ist sie sonst überhaupt nicht. Ich werde da nie wieder hin gehen.
„Beeil dich!“, schreibt Julie.
Malthe liebt Bolognese und hat diese so ziemlich im ganzen Gesicht verteilt, obwohl er gerade mal ein Viertel seiner Portion weg hat. Ich lache ihn an. Er lacht zurück und verziert die Tischdecke mit dem Inhalt seiner offenen Futterluke.
Endlich höre ich Papas Schlüssel im Schloss. Perfekt! Dann komme ich auch drum herum, dem kleinen Monster nachzuwischen.
„Ich bin wieder Zuhauseeee“, singt Papa im Flur. Malthe lässt das Besteck fallen und flitzt ihm entgegen.
Noch eine neue SMS auf meinem Handy. Von Julie. Surprise, surprise. „Komm schnell!!!”
Das T-Shirt
„Wie siehst du denn aus?“ Helena zieht mich ins Haus. Ich bin durchnässt vom Regen. In dem Augenblick, in dem ich aus der Tür war, begann es wie aus Eimern zu gießen.
Der Eingangsbereich bei Helena ist weiß mit weißen Möbeln und weißen Gemälden. Weiß wie Helenas Zähne, weiß wie ihre Nägel. Ihre Haut aber ist schon sehr gebräunt, bestimmt Selbstbräuner, so viel hat die Sonne auch noch nicht geschienen.
Ich tropfe nasse Spuren durch das ganze Haus, bis Helena ein paar Handtücher für mich findet. Aber das macht nichts, sagt sie, dafür hätten sie ja das Au-pair. Und zum Kusmi-Tee und Erdbeeren servieren.
„Waren die Jungs da?“, fragt Julie und schlürft aus der dampfenden Tasse. Sie meint, ob ich sie gesehen habe, als ich am Skaterpark vorbeigefahren bin. Der liegt auf meinem Weg. „Im Regen?“ Helena zieht die Augenbrauen hoch. „Man kann nicht auf nassen Rampen skaten. Das hat Kasper selbst gesagt.“
Kasper, Kasper, Kasper. Ich will nichts von ihrem Kasper hören, wenn ich selber nicht so von ihm reden darf…
„Apropos“, grinst Julie. „Wir haben schon ein Vor-Geburtstagsgeschenk für dich.“
Helena klatscht sich in die Hände. Julie nimmt einen großen weißen Beutel hervor und zieht das Päckchen raus. Wir haben ein Schummelpäckchen gepackt; also das wirkliche Geschenk ist noch in einem anderen Geschenkkarton eingepackt. Vielleicht ist das kindisch, aber es ist auch sehr lustig.
„Nein, was kann das nur sein? Was ist es?“ Helena reißt das Papier ab. Sie hat rote Flecken am Hals und beißt sich auf die Zunge, so aufgeregt ist sie. Im Inneren ist ein weiteres Päckchen.
„Oh, ihr seid gemeine Schummler, da ist bestimmt gar nichts drin.“
„Doch, ein paar Bonbons“, sagt Julie.
„So eklige, wie die, die sie am letzten Schultag immer umherschmeißen“, sage ich.
„Verdammt, was ist denn das?“ Helena ist an das Innere des letzten Päckchens gekommen. Es ist noch in Zeitungspapier gewickelt, in den Sportteil. „Ihr seid doch verrückt, ich liebe euch!“, sagt sie, obwohl sie noch gar nicht weiß, was es ist.
„Wir lieben dich auch“, sagt Julie. „Nicht wahr, Cille?“
„Ja, klar“, sage ich und meine es auch. Helena ist zusammen mit Julie meine beste Freundin. Aber trotzdem kann es halt manchmal kompliziert sein.
Helena zieht das grüne T-Shirt aus dem Papier und runzelt die Stirn.
„Häh?“
Das T-Shirt ist ganz schön zerknittert, aber es kommt ihr schon irgendwie bekannt vor. Auf dem Rücken steht „Celtics“ und ganz groß die Nummer fünf. Jetzt geht ihr ein Licht auf. Sofort breitet sich eine rote Färbung über ihrem ganzen Gesicht aus und sie muss erstmal schlucken. Ihre Augen strahlen.
„Das habt ihr nicht getan!?“, flüstert sie und riecht am Shirt.
Julie lacht über’s ganze Gesicht. Ich versuche, mit zu lachen.
„Es riecht nach ihm. Riech mal“, flüstert Helena und streckt mir das T-Shirt entgegen. Ich halte meine Nase an den Stoff und selbst wenn es auch ein wenig nach Schweiß riecht, ist da ein Geruch, den nur Kasper hat. Alle anderen Jungs stinken nach alten Socken, aber Kasper duftet. Er riecht so unglaublich gut, ich muss direkt an das Meer, an blaue Wellen und weiße Strände mit Palmen denken. Nicht, dass ich jemals an so einem Ort gewesen wäre…
Julie holt eine Schere.
„Jetzt müssen wir einfach ein Stück abschneiden und in deine Puppe stecken.“
„Nee, wir können es doch nicht kaputt machen“, sagt Helena. „Er liebt dieses Shirt.“
„Wie willst du es denn sonst in die Puppe hineinbekommen?“
„Vielleicht…“ Helena krempelt das Innere des Shirts nach außen. „Hm, es sind keine Pflegehinweise drin… Aber vielleicht können wir was vom Rand abschneiden, da wo der Stoff umgenäht ist.“
„Ist es nicht ganz egal?“, fragt Julie. „Er bekommt es ja doch nicht wieder.“
Das macht Helena schrecklich wütend. Sie findet, Kasper soll sein T-Shirt wiederhaben, wenn er es doch so mag. Und so fangen Julie und sie richtig an, zu streiten.
Streiterei
Ich lege mich aufs Bett während die Beiden diskutieren, ob Kasper nun sein T-Shirt wieder haben soll oder nicht. Es sind ganz kleine Sterne an der gesamten Decke verteilt. Das ist eine Deckentapete, die Helenas Eltern in New York gekauft haben, und sie ist voll mit glitzernden Steinen, die in dem Muster des richtigen Sternenhimmels angeordnet sind. Das sind echte Swarowski-Kristalle, hat Helena uns erzählt. Sie sehen aus wie Diamanten.
„Hallooo? Liegst du mit deinen nassen Sachen in meinem Bett?“ Helena guckt mich genervt an. „Dann ist doch alles klatschnass, wenn ich schlafen will!“
„Ich habe halt nichts anderes“, sage ich und setzte mich hin.
Wenn wir Zuhause bei mir gewesen wären und Helena wäre so durchnässt gewesen, hätte ich ihr trockene Sachen von mir gegeben. Aber Helena verleiht nie ihre Klamotten. Wenn erst jemand anderes etwas von ihren Sachen anhatte, dann mag sie es selbst nicht mehr anhaben. Julie und ich verstehen auch nicht, warum wir nicht ihre alten Sachen kriegen, so oft, wie sie aussortiert. Vielleicht gefällt es ihr nicht, wenn wir in nicht mehr so ganz angesagten Sachen rumlaufen. Obwohl wir das ja trotzdem machen, nur in unseren eigenen. Vielleicht hat sie auch Angst, dass wir wie sie werden, wenn wir ihre Sachen anhaben. Dass wir ihren Glanz bekommen könnten.
Eigenartig ist nur irgendwie, dass die Sachen, die an einem Tag noch an ihr strahlten, am nächsten im Second-Hand Laden hängen und irgendwie staubig aussehen.
„Du kannst das T-Shirt anziehen“, Julie wirft mir Kaspers T-Shirt ins Gesicht.
Helena reißt es mir aus den Händen. „Das ist meins!“
„Ich dachte, du willst es gar nicht haben“, sagt Julie und kneift die Augen zusammen.
„Ich möchte nur, dass Kasper es zurückbekommt.“
„Ist dir klar, wie schwer es war, das Shirt zu stehlen?“
„Ja, aber du musst es genauso heimlich zurück bringen, wenn ich einen Streifen abgeschnitten habe.“
„Auf gar keinen Fall“, sagt Julie. „Das mache ich nicht. Das mache ich einfach nicht. Ich habe es schon für dich besorgt. Das ist ja wohl genug. Dann muss Cille es halt zurücklegen.“
Sie sehen beide zu mir rüber und warten darauf, dass ich einwillige, den Mist freiwillig auszubaden. Von wegen!
„Mag ja sein, Julchen, dass du es geholt hast, aber es war auch deine Idee“, sage ich. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt eingewilligt habe. Wenn ich mich recht erinnere, sagte ich, ich fände es eine richtig doofe Idee.“
„What?“, Julie sieht wirklich verärgert aus.
„Also Julchen, wenn es deine Idee war und du es geklaut hast, dann bist wohl auch du diejenige, die es zurückbringen muss.“
Helena unterstützt mich. Herrlich. Aber ich kann gerade eigentlich nicht so genau sagen, was das Recht und Unrecht ist. Gibt es überhaupt ein Rückgaberecht bei Sachen, die man geklaut hat? Kann Helena uns dazu zwingen, es zurück zu bringen? Eigentlich ist es auch fast egal. Solange ich drum herumkomme, es zu machen. Helena ist jetzt dabei, einen ganz feinen Streifen an der untersten Kante des T-Shirts abzuschneiden. Man kann beinahe gar nicht sehen, dass sie etwas weg schneidet.
„Können wir es jetzt nicht einfach wegwerfen?“, frage ich leise. „Nein“, sagt Helena mit fester Stimme. „Das T-Shirt geht zurück zu Kasper. Da gibt es nichts zu diskutieren.“ Sie ist fertig mit dem Streifen und wirft das T-Shirt zu Julie. „Da Julie!“
Julie schleudert es zurück zu Helena, mitten ins Gesicht.
„Unglaublich, wie albern ihr seid. Was wollten wir eigentlich mit diesen Liebespuppen, wenn sich keiner von euch traut, Sachen zum Ausstopfen zu beschaffen? Was hättest du gemacht, Helena, wenn ich nicht gewesen wäre? Du wärst niemals an Kaspers Klamotten rangekommen! Und was ist mit deinen Puppen, Cecilie? Die sind garantiert noch genau so flach, wie als du sie bekommen hast, ganz und gar leer.“
Ich forme lautlos ein „doooooch“ mit den Lippen, senke aber aufgebend den Kopf, während Julie aufsteht und sich die Jacke anzieht.
„Und jetzt, wo ich das beste Geschenk ever für dich besorgt habe, Helena, und du die Hälfte der Lorbeeren mit abkriegst, Cecilie, verschwört ihr euch gegen mich und sagt, ich solle das T-Shirt zurückbringen! Das ist einfach zu viel. Ihr könnt selber zusehen, wie ihr das macht. Ich gehe. Ihr könnt vergessen, dass ich noch mal was für euch mache.“
Julie knallt mit der Tür, als sie rausstürmt.
Das T-Shirt gehört mir
Helena und ich starren uns stumm an. Julie regt sich selten über irgendwas auf, aber wenn sie erst sauer ist, dann vergehen schon ein paar Tage, an denen sie uns die kalte Schulter zeigt.
„Dann musst du es machen, Cille“, sagt Helena mit schrägem Kopf.
„Nee, also ganz ehrlich...“
„Aber überleg doch mal, was ist, wenn er es bei der Party findet?“ Helenas Stimme ist verzweifelt. Schon am nächsten Samstag ist die Geburtstagsfeier. Und es wäre extrem peinlich für sie, wenn Kasper das Shirt finden würde.
„Kannst du es nicht einfach auf dem Dachboden verstecken oder so?“, frage ich und weiß im selben nu, hier gibt es keinerlei Versteckmöglichkeiten. Helenas Mutter ist besessen von etwas, das sich Feng Shui nennt und auf japanisch so viel bedeutet wie: „alle Unordnung muss bereinigt werden“. Demnach gibt es keine einzige Ecke in diesem Haus mit Platz für Kinkerlitzchen, die versteckt gehören.
„Ach, komm schon. Du kannst doch auch nicht in dem klitschnassen Sachen hier sitzen, nicht?“, bohrt Helena weiter. „Du erkältest dich noch. Zieh doch jetzt einfach Kaspers T-Shirt an, dann bist du trocken, und morgen in der großen Pause legst du es zurück. Da ist ja eh nie jemand im Klassenraum. Ich kann dir auch den Rücken freihalten und sagen, du bist auf der Toilette oder so. Und dann kommst du danach einfach zur Rampe. Komm schon, das geht doch!? Möchtest du noch etwas Tee um dich zu wärmen?“
Und so sitze ich plötzlich in Kaspers T-Shirt und fühle mich ganz komisch. Jetzt kann ich es ja plötzlich mit nach Hause nehmen, für meine eigene Puppe. Helena hat ein winziges Stückchen an der Kante abgeschnitten und man kann es fast nicht sehen. Der Rest des T-Shirts gehört jetzt mir! Auf jeden Fall bis morgen.
Der Geruch von Kasper
06:30 Uhr und ich habe seit 04:25 Uhr kein Auge zugetan. Ich weiß auch nicht so genau warum, aber ich wachte plötzlich hellwach auf. In Kaspers T-Shirt. Anstelle von meinem Snoopy-Nachthemd, in dem ich sonst am liebsten schlafe.
Jetzt habe ich zwei Stunden mit der Nase in dem grünen Trikotstoff wach gelegen. Mir ist ganz schwindelig, aber auf gute Art und Weise.
Wenn er hier nur in Wirklichkeit liegen würde. Mit geschlossenen Augen kann ich es mir fast vorstellen. Wie es wohl wäre, ihn zu küssen? Wer weiß, wie es sich überhaupt anfühlt, richtig zu küssen?
Helena hat in den Sommerferien einen französischen Jungen in Paris kennengelernt. Es war der Sohn von den Freunden ihrer Eltern, die sie da besucht haben. In seinem Zimmer hat er dann ihre Hand genommen. Und dann plötzlich versucht, sie zu küssen. Aber das wollte sie nicht und hat ihn weggeschupst. Er war total eingeschnappt und sagte ganz viel auf französisch. Helena verstand ihn nicht, sie kannte nur ein einziges französisches Wort und das war „Merde“. Es bedeutet Scheiße und das hatte er auch benutzt. Er war 15 und sollte Helena eigentlich nur ein bisschen Französisch beibringen. So ein Vollidiot.
Helena hat erzählt, wie er versucht hat, seine Zunge in ihren Mund zu stecken und dass es das Ekligste sei, was sie je erlebt hat. Igittigitt!
Aber ich glaube, es wäre etwas anderes für sie, wenn es Kasper wäre. Ich fände es nicht so schlimm, glaube ich. Hach, Kasper. Er ist so hübsch.
Wie sich wohl seine Haare anfühlen? Vielleicht sogar etwas fettig, er hat ja immer Haarwachs drin. Aber nach dem Waschen ist es bestimmt ganz weich.
Und seine Augen? Wie die wohl so von ganz dicht aussehen? Wenn meine Nase seine berührt und wir nur ganz still beieinander liegen und uns ansehen bei Kerzenlicht, dann würde ich auch seinen Atem spüren. Und seine Lippen. Und es würde im ganzen Zimmer so schön nach ihm riechen. Herrje, ich bin ja so verliebt in ihn. Wenn er hier liegen würde, wäre die Welt perfekt, aber wenigstens in seinem T-Shirt hier zu liegen, ist auch schon unbeschreiblich gut.
Unglaublich, dass Helena das T-Shirt nicht für sich behalten hat. Unglaublich, dass sie es mir mitgegeben hat. Ich Glückspilz!
Aber ich kann es ja doch nicht behalten.
Ich habe versprochen, es zurückzulegen. Ich hab’ nur keine Lust. Zum einen, weil ich extremen Schiss habe, entdeckt zu werden und zum anderen, weil es toll, beinahe magisch ist, es hier zu haben. Ein kleines Stück von Kasper und es riecht so unwiderstehlich gut. Wenn mir eine richtig gute Ausrede einfällt, warum ich es nicht zurücklegen konnte, kann ich es vielleicht behalten. Ich würde den anderen dann nur sagen, ich hätte es beiseite geschafft und sie müssten sich keinen Kopf mehr drum machen. Es bliebe einfach ein Geheimnis zwischen uns Dreien.
Aber wenn ich Helena davon überzeugen will, das T-Shirt doch nicht irgendwo zu lassen, wo Kasper es wiederfindet, brauche ich wirklich einen guten Grund.
„Weeeer wohnt in einer Ananas ganz tief im Meer? Spongebob schwammkopf!“
Malthe ist wach. Das Kind ist schon morgens so fit und fröhlich, dass man glauben sollte, er sei als Baby in einen Kessel mit Red Bull gefallen.
„Guten Mooorgeeeeenn“, ruft er und reißt die Tür zu meinem Zimmer auf, sodass sie gegen die Wand knallt. Das Loch, das der Türgriff in der Wand hinterlassen hat, wird jedes Mal, wenn er so reinstürmt, ein bisschen größer.
„Guck mal was ich ausgeschnitten habe!“, sagt er ganz stolz und hält sich ein Stück orange Pappe mit zwei Löchern vors Gesicht.
„Das ist eine Indianermaske“, erklärt er und guckt durch das eine Loch. Durch das andere kann ich ein Stück von seiner Wange sehen.
„Die ist wirklich schön Malthe“, sage ich und guck rüber zur Wand, von der ein bisschen grauer Putz bröckelt. Es ist nicht leicht irgendetwas für sich zu haben, mit einem fünfjährigen kleinen Bruder. Auf jeden Fall sollte man die Dinge, die einem wichtig sind, gut verstecken.
„Ugh, ugh, ugh, ugh.“ Der Indianer hüpft auf meiner Decker rum, immer noch mit der Schere in der Hand.
„Halt, halt, Häuptling“, sage ich und versuche ihn einzufangen. „Pass mal lieber auf mit deiner Waffe!“
„Ich bin ein gefährlicher Indianer“, schreit er und hält die Schere hoch über dem Kopf.
Ich habe plötzlich einen Einfall. Eine unfassbar grandiose Idee leuchtet in meinem genialen Hirn auf. Yes! Ich wusste, es gäbe eine Lösung. Ich hätte nur nicht erwartet, sie komme ganz von allein zu mir. Mein ganzes großes Kackproblem ist gleich wie weggeblasen, also wenn ich das hier richtig anstelle.
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