Kitabı oku: «Das magische Buch 2 - Liebesmagie»
Anne-Marie Donslund und Inez Gavilanes
Verlassen
Vor meinem inneren Auge sehe ich Julies glänzendes Haar und Helenas hübsches Lächeln. Ich kenne sie so gut. Ich weiß, wie sie riechen - und am Klang ihrer Stimmen weiß ich, wie sie sich fühlen. Ich weiß, worin sie gut sind und worin ihre heimlichen Schwächen liegen. Sie müssen nicht bei mir sein, damit ich sie vor mir sehen kann. Aber das sind sie auch nicht. Überhaupt nicht.
Ich sitze in meinem Schrank, kneife die Augen fest zusammen und versuche, mich zu konzentrieren. Seit einer Woche tun sie so, als würde ich nicht existieren. Dabei sind sie meine besten Freundinnen. Meine einzigen Freundinnen. Mein Magen ist eingeschrumpelt wie eine olle Rosine. Ich bin blass im Gesicht und habe schwarze Ränder unter den Augen. Ich kann nicht essen. Ich kann nicht schlafen. Ich kann mit niemandem reden.
Deshalb sitze ich alleine in meinem Schrank, mit dem Magischen Buch auf dem Schoß. Das Buch, das eigentlich gar nicht meins ist. Ich habe es einfach aus dem Kult-Laden mitgenommen.
Mir ist schon klar, dass es falsch war. Aber ich wusste einfach nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Das Buch ist voll mit magischen Formeln und meine letzte Chance, denn Helena und Julie antworten nicht, wenn ich ihnen schreibe und sie gehen nicht ran, wenn ich sie anrufe.
Im Magischen Buch steht, wie man Freundschaften reparieren kann. Eine Sache, die hilft, ist Gedankenübertragung. Dabei kann man eine Nachricht direkt in den Kopf der anderen transportieren. Und das muss mir helfen! Im Buch heißt es:
Schließe die Augen fest. Konzentriere dich auf die Person, die du erreichen willst. Spüre, wie die Kraft deiner Gedanken zu Energie wird, die in Wellen den Raum durchdringt…
Ich kneife die Augen fest zusammen und murmle.
„Helena und Julie! Ihr seid meine besten Freundinnen. Kommt zurück zu mir! Ohne euch ist das Leben grau und leer. Ihr seid alles für mich. Versteht ihr nicht, wir drei gehören zusammen, wir können nicht ohne einander leben! Ich kann jedenfalls nicht ohne euch!“
Mamas hysterisch euphorische Stimme dringt in meine Ohren und macht alles kaputt. Sie redet unten in der Küche, über all die ach so tollen, gratis Sommerferienerlebnisse, die wir dieses Jahr mitmachen und sie versucht, sie dabei so aufregend klingen zu lassen, wie überhaupt möglich. Aber eigentlich ist es nur, weil wir überhaupt nichts unternehmen. N-I-C-H-T-S. Also hat sie sich an diesen gratis Angeboten festgebissen und einen Haufen an Broschüren von der Gemeindeverwaltung mit nach Hause geschleppt. Es ist zum Heulen.
Ich mache die Augen auf und wische mir die Tränen von den Wangen. Ein langer, senkrechter Sonnenstrahl lacht mich aus. Über mir hängt Helenas Kleid; es riecht nach teurem Parfüm. Wer weiß, vielleicht hat sie mein H&M Kleid schon in Fetzen gerissen, so wie sie auch - ohne zu zögern - meine Kasperpuppe aufgeschnitten hat. Morgen fliegt sie in die USA und Julie reist nach Portugal. Ich werde also niemanden haben, mit dem ich zu diesem schwedischen Mittsommerfest im Park gehen kann, niemanden, mit dem ich die Ferien verbringen kann.
Aber das hätte ich ja sowieso nicht.
Ich habe es schon seit einigen Tagen mit Gedankenübertragung probiert und sogar mehrmals das Freundschafts-Reparatur-Ritual gemacht. Aber, es scheint irgendwie nicht zu reichen, denn sie gehen immer noch nicht ans Telefon. Oder antworten wenigstens auf meine SMS.
Vielleicht haben sie sich darauf geeinigt, dass ich das Letzte bin und sie nie wieder mit mir sprechen werden. Vielleicht haben sie auch einen Zauber gegen mich gemacht und deshalb wirkt meine Magie nicht bei ihnen. Aber nein, so ist es bestimmt nicht, denn sie reden ja auch nicht miteinander. Es wurde eine Bombe mitten in unsere Freundschaft geschmissen und jetzt hassen sich alle.
Es klappert an der anderen Seite der Schranktür.
„Hey Cille, was ist das denn?“ Malthe hat die Tür aufgemacht und nach dem Magischen Buch gegriffen. Mein kleiner Bruder ist unglaublich neugierig.
„Nur was langweiliges aus der Schule. Biologie!“ Ich klappe das Buch zusammen, stecke es unter ein paar Kleiderbügel und krabbele aus dem Schrank. „Was willst du denn?“
„Es gibt Vogelspinnen im Wald!“, ruft er und hüpft aufgeregt auf und ab.
„Ihh, wie eklig.“ Mein Fuß ist eingeschlafen, also stampfe ich etwas auf dem Boden. Malthe stampft auch.
„Ja, und die essen Menschen.“ Er macht seine Finger zu krallen und faucht zwischen seinen Zähnchen hindurch. Ach, dieser Hosenscheißer. Jetzt musste ich doch lachen. Und er muss jetzt einfach durchgekitzelt werden. Ein riesiger Kitzelangriff, bis er laut quietscht und Papa uns zum Kuchenessen ruft. Das ganze Haus riecht nach Schokolade.
Sonnenaufgangstour
„Ich habe die Sonnenaufgangstour bestellt.“ Mama wedelt mit einer Broschüre und nimmt einen Schluck Kaffee. „Für Mittwoch um halb drei – nachts!“
Papa sieht nicht wirklich begeistert aus, Malthe dafür umso mehr. Er hat sich schon vor Freude den halben Kuchen in die Haare geschmiert.
„Yippie, dann sehen wir Vogelspinnen“, ruft er.
„Auf jeden Fall Vögel. Das ist ja so aufregend. Ich war noch nie nachts im Wald“, zwitschert Mama.
Papa und ich verstehen die Welt nicht mehr. Mama ist also wirklich nicht der Typ für Gummistiefel und Outdoor-Adventures. Sie ist mehr der Highheels, Lippenstift und Tussityp.
„Ich will lieber in den Urlaub. Fliegen!“, murmle ich und sehe zu Papa. Er guckt weg und stopft sich ein großes Stück Kuchen in den Mund. Warum sagt er nichts?
„Wie kannst du nur so etwas sagen? Wir müssen lernen, Verantwortung für die Welt zu tragen. Überleg mal, wie viel CO2 so ein Flugzeug in die Atmosphäre pustet!“ Mama versucht, nett zu klingen, aber ihre Stimme ist gestochen scharf.
Es ist einfach nichts daran zu rütteln. Wenn sich Mama und ihre Frauenrunde eine fixe Idee in den Kopf gesetzt haben, sind sie nicht mehr zu bremsen.
Früher hat der „Ladies Circle“, wie sich der Frauenverein nennt, nur den Flohmarkt auf dem Platz vor dem Rathaus organisiert, aber der wird jetzt umgebaut.
Und nun ist das Klima ihr großes neues Thema und das müssen anscheinend alle Familien der „Ladies Circle“ – Frauen ausbaden. Hier im Haus bedeutet das, dass wir Wasser sparen, unseren Müll sortieren und alles Mögliche wiederverwenden. Naja, und natürlich das Auto. Das soll so wenig wie möglich benutzt werden - und mit dem Flugzeug zu verreisen, ist natürlich ganz ausgeschlossen.
Aber das haben wir eh erst ein Mal gemacht. Wir sind sicher keine von den Familien, die am meisten zum CO2-Verbrauch beigesteuert haben. Und das werden wir jetzt auch niemals werden.
Papa findet sich mit allem ab, was Mama sich so einfallen lässt, obwohl er viel lieber ins Warme fliegen, Steaks grillen, Autorennen fahren und alles andere machen würde, was „CO2-Verbot“ hat. Dabei stört mich am meisten, dass er versprochen hatte, wir würden dieses Jahr in den Süden fliegen. Aber das hat er anscheinend vergessen.
Und es ist wirklich nicht so, als hätte ich Lust auf Mamas Sonnenaufgangstour. Erstmal interessiere ich mich gar nicht für Natur und dann bin ich mir sicher, dass sie super peinlich sein wird und Papa und ich so tun müssten, als würden wir sie nicht kennen.
Magie gegen Wut
Zurück in meinem Zimmer krame ich wieder das Buch hervor. Es beinhaltet viel über Liebe und Freundschaft. Wie bekommst du deine Freunde zurück, wenn du sie verloren hast? Solche Sachen halt.
Wir waren schon immer zusammen, also fast. Das Dreigestirn, sagt Hinkeheiner. Das ist unser Lehrer. Er ist ein komischer Kauz. Und in der letzten Woche hat von der Dreierbande jeder in seiner eigenen Ecke gesessen. Und als es zu den Sommerferien geklingelt hat, hat sich keiner eines Blickes gewürdigt.
Oder doch, schon. Ich habe sie angesehen und Gedanken gesandt.
Aber sie haben nicht zurück geguckt. Kein Blickkontakt, auch nicht zwischen den anderen beiden; dass tröstet wenigstens etwas.
Eigentlich müsste Julie den ersten Schritt machen, denn sie war ohne Zweifel die Schlimmste. Sie hat mich beschuldigt, hinter Helenas Rücken eine Kasperpuppe, also eine Liebespuppe mit einem Stück von Kaspers T-Shirt drin, gemacht zu haben, obwohl sie selbst kein bisschen besser war und es auch gemacht hat. Und an Helenas Party hat sie Kasper 10 Euro dafür gegeben, dass er mich fragt, mit ihm zu tanzen. Sicher war es Helenas Geld und Helenas Idee, aber Julie hat ihn gefragt und bezahlt.
Es macht mich so unglaublich wütend, wenn ich daran denke. So wütend und sauer, dass die ganze Gedankenübertragungssache darin untergeht, wenn ich es versuche. Deshalb funktioniert es bestimmt auch nicht. Zur Gedankenübertragung braucht man die strahlende Energie der Liebe, heißt es im Buch. Aber das geht halt nicht, wenn man wütend ist. Jedenfalls nicht bei mir. Vielleicht könnte man es mit irgendeiner Magie gegen Wut versuchen… Dazu steht auch was im Buch.
Wut bei Liebeskonflikten:
Male einen Kreis auf den Boden. Schreibe den Namen oder die Namen der Person(en) rein, auf die du wütend bist. Schreie und Fluche und klopfe mit einem Schuh 108 Mal in den Kreis. Werfe dann den Schuh über die linke Schulter und sieh dich nicht um.
Wie eigenartig! Ich suche ein Stückchen Kreide aus meiner Federtasche. Es ist eins von denen, die Kasper mal nach mir geworfen und die ich aufgehoben habe. Das ist jetzt aber auch ganz egal. Ich hasse ihn irgendwie, nach allem, was passiert ist.
Wo soll ich denn bloß einen Kreis malen? Sicher nicht draußen auf dem Bürgersteig, wo es alle sehen können!
Ich gehe ins Badezimmer und mache die Dusche an, damit man mein Schreien nicht hören kann. Dann male ich einen Kreis auf die Fliesen und schreibe Helena und Julie rein. Ich ziehe meinen einen Schuh aus und haue ihn auf den Boden, während ich laut schreie:
„Ahhhhh!“
Es fühlt sich völlig bescheuert an. Trotzdem werfe ich den Schuh über die Schulter und drehe ihm den Rücken zu.
Es poltert gegen die Tür. „CILLLLLEEEEE!“ Es ist Malthe. „Wir wollen um den Krokodilsee radeln.“
„Ok, viel Spaß“, rufe ich zurück. Der Türgriff bewegt sich wild hoch und runter. Gut, dass ich abgeschlossen habe und der kleine Terrorist nicht rein kommt. Es ist beinahe unmöglich, irgendetwas zu machen, ohne dass er angetanzt kommt.
„Was machst du denn?“ Malthe hämmert wieder gegen die Tür.
„Ich spiele Pirat.“
„Kann ich mitmachen?“
„Nein!“
„Sag mal, hast du das Wasser laufen, ohne unter der Dusche zu sein?“ Es ist die Klimapolizei. Mamas Stimme klingt böse, während sie schnelle, kleine Klopfer gegen die Tür schlägt. „Ist dir klar, wie viel Geld du da verpulverst? Und wie viel Wasser einfach verschwendet wird? Das sind mal eben 20 Liter pro Minute!“
„Ja, ja, ich mache schon aus!“
Ich bin langsam wirklich dabei, zu viel von ihr zu kriegen; eine Überdosis. Wenn ich mich nie wieder mit Helena und Julie vertrage und für immer und ewig hier im Haus sitze, drehe ich noch durch.
Oh man, wie ich meine Freundinnen vermisse. Ich muss sie einfach erreichen. Ich bin überhaupt nicht mehr sauer, kein Stück. Ich betrachte mich im Spiegel. Die Falte auf meiner Stirn hat sich geglättet und ich kann im ganzen Körper spüren, wie meine Wut verflogen ist. Wie krass. Die Magie funktioniert!
Das Buch liegt auf meinem Bett und ich bin endlich alleine zu Hause. Es gibt ein Kapitel über Kontakte. Ich muss rausfinden, wie ich Julie dazu bringe, sich zu melden.
Kontakt mit Geistern. Kontakt mit Verstorbenen. Kontakt zu dir selber. Kontakt mit Menschen.
Kontaktmagie:
Zeichne mit blauer Tinte einen Engel auf ein Stück Papier. Nimm das Papier in die Hand und sage: „Geehrtes Element Luft, ich möchte, dass (Name der Person) mit mir Kontakt aufnimmt. Hilf mir, diese Nachricht zu übermitteln.“
Schließe dann die Augen und stelle dir vor, wie die Person dir schreibt.
Ich male einen Engel mit großen Flügeln. Fuck, sieht der hässlich aus. Ich kann überhaupt nicht malen. Aber das macht bestimmt nichts. Ich schließe meine Augen und sage:
„Geehrtes Element Luft, ich möchte, dass Julie mit mir Kontakt aufnimmt. Hilf mir, diese Nachricht zu übermitteln.“
Ich habe die Augen noch nicht einmal wieder auf, bevor eine SMS von Julie mein Handy piepsen lässt. Sie ist an Helena und an mich. Julie sagt, sie will, dass wir alle zu ihr nach Hause kommen. Sie vermisst uns und sie liebt uns und kann nicht ohne uns leben. Sie sagt, sie ist sich sicher, sie wird in Portugal eingehen, wenn wir uns nicht vertragen, bevor sie abreist.
Mein Herz schlägt aufgeregt. Ich lege meine Hände auf das Magische Buch und sehe auf den Engel. Es ist unfassbar. Vollkommen unwirklich, dass ich so ein Buch habe. Aber auch grausam, dass ich es gestohlen habe. Irgendwann muss ich es zurückbringen. Aber nicht genau jetzt, nicht heute.
Wiedersehen
Ich fahre auf den letzten 100 Metern vor Julies Haus langsamer. Wie es wohl wird, die beiden wieder zu sehen? Ich weiß nicht genau, ob ich ihnen freudig an den Hals springen oder mich eher etwas zieren sollte.
Helenas Fahrrad ist noch nicht da. Sie stellt es sonst immer in die Einfahrt.
Also bin ich die erste. Die Tür geht auf und Julie steht in einem neuen Outfit da. Ein tolles, weißes Strandkleid mit Bikini drunter.
„Ohh, Cille! Komm schnell her“, sagt sie mit Hundeaugen und ausgebreiteten Armen. Sie ist bereit für eine Mega-Umarmung.
Ich drücke sie fest an mich, sauge den Duft ihrer Haare ein und schließe meine Augen. Ich bin kurz davor, zu heulen, aber ich kann mich gerade noch so zurückhalten. Ich habe keine Lust, hier rumzuschluchzen.
Aber ich gebe Julie ein Küsschen auf die Wange und sie drückt mir auch eins auf, bevor sie mich mit in ihr Zimmer zieht. Fuck. Es ist so unglaublich gut, dass alles wieder in Ordnung ist!
Julie hat den Tisch mit Tee und solchen super leckeren Keksen gedeckt, die ihre Mutter backt. Sie hat auch Kerzen angemacht und es riecht nach… Ja, nach was eigentlich?
„Riechst du es?“, fragt Julie mit großen Augen. Sie ist so hübsch. „Das ist Lavendel. Hab´ ich aus dem Kult.“
„Habe ich mir schon gedacht… Es riecht so gut“, sage ich und frage mich, ob es wohl normal ist, fast ganz verliebt in seine Freundin zu sein. Also, es ist ja nicht so, wie bei Kasper. Es ist bestimmt nur, weil ich so fertig war wegen dem Streit.
„Ich habe das Lavendelöl gekauft und das hier…“ Julie schwingt ein kleines Pendel. Es hängt an einer Silberkette und hat eine Perle am Ende. „Es ist aus Bergkristall“, sagt sie fröhlich und reicht es mir.
Es gibt auch ein Kapitel über Pendel im Buch, aber so weit habe ich noch nicht gelesen. Ich weiß nur, dass man dem Pendel Fragen stellen kann und es dann antwortet, indem es auf die eine oder andere Art schwingt.
Aber das mit dem Buch sage ich noch nicht. Wir müssen uns erst wieder richtig vertragen, 100 Prozent und für eine ganze Weile. Vielleicht hält sie mich auch für einen Dieb. Und das bin ich ja auch, irgendwie. Doch ich werde das Buch ja zurückbringen. Oder sparen und es bezahlen, das habe ich mir geschworen. Aber ob Julie das versteht?
„Was ist mit Helena?“, frage ich.
Julie zuckt mit den Schultern. „Ich habe nichts von ihr gehört.“
„Auch keine SMS?“
„Nope.“
Wir setzen uns an den Tisch und Julie schenkt Tee ein. Sie macht auch einen Löffel Zucker in jede Tasse. Wir haben ihn von zwei Löffeln reduziert. Helena nimmt natürlich gar keinen Zucker mehr.
„Glaubst du, sie ist schon weg?“ Ich verbrenne mir die Zunge am Tee. Typisch.
„Nee, erst Morgen.“
„Vielleicht wurde es verschoben“, schlage ich vor. Ich halte den Gedanken, dass Helena sich nicht vertragen will, einfach nicht aus.
„Oder, sie hat einfach keine Lust.“ Julies Unterlippe zittert etwas.
„Julie, du bekommst Besuch!“, ruft Julies Mutter aus der Küche. Sie sieht alles durch das große Küchenfenster.
Julie und ich stürzen in den Flur. Julie reißt die Tür auf, bevor Helena überhaupt vom Fahrrad gestiegen ist.
Sie lächelt uns verhalten zu.
„Helena!“, ruft Julie und nimmt sie fest in den Arm. Helena drückt sie nicht richtig zurück und hat beide Hände am Fahrradschloss.
„Mhh, es ist so schön, dich zu sehen!“, sagt Julie mit geschlossenen Augen und ohne sie loszulassen.
Ein eigenartig leeres Gefühl schleicht sich bei mir ein. So eine Begrüßung hatte ich nicht bekommen. Julie hat Helena mehr vermisst, als mich….
„Los, komm, komm, komm!“, sagt Julie und hält Helena bis zu ihrem Zimmer an der Hand. Helena setzt sich an ihren üblichen Platz. Endlich sind wir alle drei wieder zusammen. Es ist fast wie immer. Aber nur fast.
Das Pendel
„Ok, dann hört mir mal zu“, sagt Julie mit ernster Stimme. „Ich habe mir das Pendel gekauft, das ich immer haben wollte.“ Sie lässt den kegelförmigen Kristall vor unseren Nasen schwingen. Das Sonnenlicht bricht sich in ihm und malt Regenbogenfarben an die Wand.
„Ich habe das Pendel gefragt, wie wir drei uns wieder vertragen.“
Ich bin kurz davor, heraus zu pusten: Haben wir uns nicht schon wieder vertragen? Denn dafür hat mein Magisches Buch ja schon gesorgt… Aber dann sehe ich zu Helena. Sie sieht angespannt aus. Sie ist ganz offensichtlich immer noch sauer.
Julie macht weiter: „Ich habe verschiedene Antwortmöglichkeiten in so ein rundes Schema eingetragen und ratet, was es geantwortet hat?“ Sie guckt uns erwartungsvoll an.
„Hm, vielleicht, dass wir alles vergessen und drüber hinwegkommen sollen?“, schlage ich leise vor.
Helena zieht die Augenbrauen hoch, sagt aber nichts. Ich schlürfe etwas mehr Tee und halte lieber meinen Mund. Julie guckt zu Helena, die nur mit den Schultern zuckt.
„Also wirklich, ihr seid so unkreativ. Kommt schon!“
Ich krame in meinem Kopf, aber ich finde nichts Sinnvolles zu sagen. Ich möchte, dass wir wieder so gute Freunde werden wie vorher, aber ich weiß nicht, wie.
„Na dann, ok, passt auf.“ Julie holt einen Zettel aus dem Papierkorb und breitet ihn vor uns auf dem Tisch aus.
Es ist ein viergeteilter Kreis. In jedem Teil steht etwas geschrieben. „Kasper anrufen“, „die Kasperpuppe kaputt machen“, „sich mit C und H vertragen und alle Kasperpuppen kaputt machen“, „in den Urlaub fahren und alles vergessen“.
„Kasper anrufen?“, sagt Helena mit eiskalter Stimme.
„Ich wusste nicht, was ich machen sollte, also habe ich das Pendel gefragt…“ Julie hält es über den Zettel und es schwingt vor und zurück.
„… und es hat gesagt, dass wir alle unsere Kasperpuppen kaputt machen sollen, damit wir wieder beste Freundinnen werden.“
Julie schwingt das Pendel zurück in ihre Hand und sieht uns an. Hauptsächlich zu Helena. Es herrscht Totenstille im Zimmer. Aus der Küche hört man Julies Mutter mit ein paar Gläsern klirren.
Meine kleine dicke Kasperpuppe liegt zu Hause, in einem Schuhkarton unterm Bett. Ich habe sie immer noch, auch wenn ich eigentlich sauer auf Kasper bin. Aber wenigstens habe ich seit Helenas Party nicht mehr mit ihr geschlafen.
Helena hat die Arme gekreuzt und starrt vor sich auf den Tisch. Wir warten bestimmt auf sie. Ich weiß nicht wieso, aber es scheint immer so, als müsse sie ja sagen, bevor wir uns einig werden können.
„Also, was sagt ihr?“ Julie ist aufgestanden und schwingt wieder mit dem Pendel in der Hand. Man wird ganz benommen davon, es vor und zurück schwingen zu sehen. Benutzt man solche Pendel nicht auch für Hypnose?
„Im Ernst“, sagt Helena und pustet laut Luft aus. „Das ist nicht fair! Ihr habt Kaspers Shirt für mich gestohlen, damit er sich in mich verliebt. Dann schummelt ihr beide und wollt jetzt, dass ich meine Puppe kaputt mache?“
Sie hat ja Recht, aber Julie und ich sagen nichts.
„Also ich…“, stammle ich dann, „ich weiß nicht, ob ihr euch daran erinnert, aber damals, als wir bei mir im Bad saßen und ihr mir die Puppen geschenkt habt, also an meinem Geburtstag, wollte ich es auch sagen.“ Ich höre, wie meine Stimme zittert.
„Was wolltest du sagen?“, fragt Helena. Ihre Augen sind zusammengekniffen.
„Naja, dass ich ihn also irgendwie mag… also Kasper.“
„Warum hast du es dann nicht gemacht?“, fragt Helena spitz.
Ich gucke auf den Boden. Auf dem Teppich ist ein Muster, es läuft rüber bis zum Tisch und stoppt unter dem einen Bein.
Als ob das so einfach wäre. Meine Lippen sind trocken. Meine Zunge ist rau wie Sandpapier. Deshalb kann ich einfach nicht sagen, was ich denke. Ich kann nicht sagen, dass ich wusste, dass er sie eh lieber mögen würde als mich, wenn er wählen könnte. Weil Helena hübsch und intelligent ist und alles bekommt, was sie haben will. Und ich verstehe das! Ich würde mich auch für Helena entscheiden, wenn ich zwischen ihr und Julie wählen müsste. Genau wie Julie Helena mir vorziehen würde.
„Ich hätte ja sowieso nie eine Chance…“ Meine Stimme klingt kläglich. Tränen und Schnodder fangen an, über mein Gesicht zu laufen. Helena steht auf und legt ihre Arme um mich.
„Ach, Cille. Ich habe doch keine besseren Chancen bei ihm als ihr, nur weil ich reiche Eltern habe. Also wenn du das meinst... Darauf kommt es doch gar nicht an.“
Wir wissen alle drei, es stimmt nicht. Es bedeutet was. So einiges. Und das tut es auch für Helena. Wir wissen es alle. Wir reden nur nicht drüber. Nur Helena selber erwähnt es ab und an.
Helena ist jetzt aufgebracht und hat rote Flecken an den Wangen und am Hals.
„Also gut! Wir machen alle drei die Puppen kaputt und sehen dann, was passiert. Wenn Kasper mich dann trotzdem mag, kann ich dann aber nichts dafür, oder? Man kann ja nicht ändern, wer man ist.“
„Super“, sagt Julie. „Abgemacht, wir machen alle Kasperpuppen kaputt. Und dann vergessen wir das alles, ok?“ Sie streckt die Hand über den Tisch.
Ich lege meine Hand auf ihre und frage mich, ob Helena dann wohl auch ihr extra Paar kaputt macht. Unter ihrem Bett liegen noch zwei Liebespuppen, das habe ich selbst gesehen. Vielleicht, weil sie in zwei Jungs verliebt ist. Ich weiß es nicht und ich traue mich nicht, zu fragen.
„Und dann ist alles wieder gut?“, fragt Helena und legt ihre Hand ganz nach oben, auf Julies und meine.
„Ja“, schniefe ich.
„Gut, aber dann müssen wir auch versprechen, dass wir niemandem jemals davon erzählen“, sagt sie. „Kasper darf nie erfahren, dass wir sein Shirt geklaut haben.“
Wir sehen uns an und lachen. Meine Hand ist in der Mitte, wie das Hacksteak in einem Burger. Endlich haben wir uns wieder vertragen. Ich bin so erleichtert. Trotzdem sind die beiden morgen früh weg, aber jetzt muss ich mir nicht die ganzen Sommerferien Gedanken darüber machen.
Abschied
Liebe Liebespuppen,
es tut mir wirklich sehr leid, aber ich muss von euch Abschied nehmen. Einfach weil Freundschaft wichtiger ist, als Verliebtsein. Außerdem hasse ich ihn, also K. Warum sollte ich euch also behalten? Na gut, vielleicht, weil wir schon irgendwie Freunde geworden sind. Auf jeden Fall sind wir uns sehr nahe, nun wo wir über einen Monat Tag und Nacht zusammen verbracht haben. Ich habe euch alles erzählt. Ok, das ist jetzt etwas übertrieben, aber es klingt ziemlich gut. Auf jeden Fall wart ihr in letzter Zeit meine Vertrauten. Aber meine wirklichen Vertrauten sind einfach Julie und Helena und nicht ein paar einfache Stoffpuppen. Ihr seid eigentlich erst daran schuld, dass beinahe alles schief gegangen wäre und deshalb seid ihr jetzt zum Tode verurteilt.
Ich habe mich entschieden, euch heute Abend bei dem Mittsommernachtsfeuer im Park zu verbrennen. Zum einen, weil ich es nicht selber machen kann, also euch töten und dann, weil ihr ja so eine Art Hexenkunst seid, irgendwie.
Also fahre ich jetzt rüber zum Park und schmeiße euch auf den Holzstapel. Heute Abend komme ich dann und sehe zu, wie ihr im Feuer verpufft.
Liebe Grüße
C
Ich binde den Brief fest an die Puppen und streiche mit einer Hand über den filzigen Stoff. Die Kasperpuppe hat eine lange Naht über den Bauch. Da hatte Helena sie an ihrer Party mit der Schere aufgeschnitten. Um die beiden Puppen ist das rote Band wieder fest gewickelt und so küssen die Kasper- und die Ceciliepuppe einen niemals endenden Kuss.
Ich hatte es wirklich schon versucht. Ich wollte die Puppen töten, aber es ging einfach nicht. Meine Hand begann zu zittern, als ich mich ihnen mit der Schere näherte. Am Ende musste ich aufgegeben. Aber so konnte ich wenigstens auch noch eine Nacht mit ihnen schlafen. Allerdings habe ich geträumt, wie sie in der Todeszelle sitzen und darauf warten, auf den elektrischen Stuhl zukommen.
Das Mittsommernachtsfeuer wird dieses Jahr riesig. Es wurden eine Menge Äste im Park abgeschnitten und alle konnten kommen und ihr altes Holz abgeben. Papa war auch schon los und hat unseren alten Gartentisch abgegeben, weil Mama ihn nicht mehr schön findet.
Ich steige vom Fahrrad, nehme den Rucksack ab und mache den Reißverschluss auf. Eigentlich müsste ich die Puppen gar nicht verbrennen. Schließlich habe ich sie ja auch als Geburtstagsgeschenk bekommen.
Habe ich etwa irgendwann mal Helena oder Julie gebeten, ein Geschenk von mir kaputt zu machen? Nein, ganz bestimmt nicht.
Aber anders betrachtet… Ich habe meine besten Freundinnen wieder und das ist doch wichtiger, als alles andere. Also wirklich alles andere. Ich seufze und gehe zu dem Haufen aus altem Holz und anderem Gerümpel.
Es ist, wie vom 3’er-Turm zu springen. Oder wie vom 5’er-Turm, aber das habe ich erst einmal gemacht. Man muss die Augen zu machen, die Luft anhalten und es einfach machen. Einen Schritt ins Nichts und hoffen, dass man überlebt.
Ich nehme schnell die Puppen und feure sie auf den großen Haufen. Sie sausen durch die Luft, schlagen gegen einen Ast und fallen zwischen anderen Ästen hindurch, bis sie schließlich auf dem Boden landen.
„Musst du auf den Scheiterhaufen?“, fragt eine Stimme hinter mir. Eine Stimme, die ich nur allzu gut kenne. Ich drehe mich um und sehe direkt in Kaspers leuchtend grüne Augen. Der gemeine, blöde Kasper. Der liebe, hübsche Kasper.
„Was machst du denn hier?“, frage ich ganz außer Atem und mache schnell den Rucksack wieder zu.
Er lächelt und rollt ein bisschen mit seinem Skateboard vor und zurück.
„Ich langweile mich. Die anderen sind zu Hause und packen. Die fahren in den Urlaub! Wir fahren nirgendwo hin, weil meine Uroma krank geworden ist und meine Mutter deshalb nicht weg will.“
Ich glaube ehrlich gesagt, so viele Worte auf einmal hat er noch nie zu mir gesagt.
„Und ihr? Was macht ihr?“, fragt Kasper und lehnt sich so auf dem Skateboard zurück, dass es in die Luft flippt. Er springt hoch und landet wieder direkt darauf. In der Zwischenzeit überlege ich, was er eigentlich meint mit „ihr“. Meint er meine Familie oder das Dreigestirn. Ah, das Dreigestirn natürlich. Ich bin es ja nicht, für die er sich interessiert.
„Helena und Julie sind verreist“, murmle ich.
„Was machst du eigentlich?“, fragt er.
Ich sehe hoch. Er nickt gen Lagerfeuer.
„Ich… ähm… nehme Abschied. Das da ist unser alter Gartentisch.“ Ich zeige in den brennenden Stapel.
„Seid ihr diejenigen, die den mit der Farbe drauf geschmissen haben?“
„Nein, nein – meine Mutter arbeitet beim Amt.“
„Fuck, sieh mal!“ Er hüpft von seinem Bord, und beginnt, sich durch einige Pfähle durchzuzwängen.
Ich halte den Atem an, als er sich vorbeugt, genau zu den Puppen… Oh, nein, nein, nein. Eine Katastrophe. Es ist, als wäre ich vom 5 Meter Turm gesprungen und jetzt ist kein Wasser mehr im Becken. Mein Herz hat aufgehört, zu schlagen.
Es rumpelt, als er ein altes Skateboard ohne Räder aus dem Lagerfeuerstapel zieht. Glück gehabt, er hat die Puppen gar nicht gesehen!
„Cool!“, sage ich und lache beinahe. „Ein Skateboard!“
„Da müssen nur ein paar Räder dran.“
„Für mich? Dann kannst du es mir beibringen.“, sage ich. Sage Ich! Wo kam das denn her? Ich kann doch gar nicht Skateboard fahren. Und ich kann erst recht nicht ausgerechnet Kasper fragen, ob er es mir zeigt.
„Ja?“, er lächelt. „Willst du?“
„Äh…Ja!“
„Na, dann mache ich Räder und Trucks dran.“ Er sieht total begeistert aus. „Und nehme es heute Abend mit… Kommst du?“
Ich schaffe es gerade noch zu nicken, dann ist er schon auf und davon, mit seinem Skateboard. Und mit meinem unter seinem Arm. Mein Skateboard. Ich stehe da, wie eine Flasche mit Kohlensäure, die viel zu lange geschüttelt wurde. Es kribbelt im ganzen Körper.
Die Liebespuppen rufen nach mir. Bestimmt nicht in Wirklichkeit. Aber ich höre sie trotzdem rufen, und sie leuchten. Ich muss einfach in den Stapel für das Lagerfeuer krabbeln und sie wieder raus fischen.
Ich kann sie ja immer noch nach den Sommerferien wegwerfen. Ich meine, sie funktionieren ja offensichtlich und während die anderen die große weite Welt bereisen, darf ich mich ja wohl auch ein bisschen vergnügen.
Die Tombola
Mama und die Frauen vom „Ladies Circle“ arrangieren eine Klima-Tombola beim Mittsommerfest im Park. Ich hatte versprochen, für 10 Euro die erste halbe Stunde mitzuhelfen und so stehe ich jetzt neben Mama, die in ein Megaphon brüllt.
Es wäre weniger peinlich gewesen, sich hier in einem Clownkostüm zu präsentieren, als so.
„Kommt her, kommt her, zur Klima-Tombola vom „Ladies Circle“! Zehn Klima-Lose für 3 Euro und zwanzig Lose für 5 Euro. Die Einnahmen gehen zu 100 Prozent an Naturschutzprojekte! Zu gewinnen gibt es unter anderem eine tolle Kräuterlotion oder eine einmalige Sonnenaufgangstour mit Guide und anschließendem Cafébesuch. Kommt und versucht euer Glück für den guten Zweck!“
Wo in aller Welt hat Mama diese komische Betonungsweise gelernt? War sie in ihrem früheren Leben im Zirkus? Sie legt die Betonung genau wie die besten Marktschreier, so wie man es von einer echten Tombola-Prinzessin erwarten würde.
Dass man merken kann, wie sehr sie es genießt, ihre eigene Stimme zu hören, macht die ganze Sache nicht weniger peinlich. Ich wünschte, ich könnte mich vergraben oder mich aufs Feuer werfen. Besser im Höllenfeuer verbrennen, als langsam, wie ein Tombola-Hähnchen, vor Kaspers Augen gegrillt zu werden.
Er ist zum Glück noch nicht da. Der Park ist noch ziemlich leer. Es haben auch erst zwei Leute Lose gekauft. Trotzdem steht Mama da und schreit und schreit. Damn it, das ist so lächerlich. Aber ich stehe hier ja nur eine halbe Stunde, dann kommt Lisa vom „Ladies Circle“ und übernimmt.
Hätten sie die Tombola nicht einfach erst anfangen können, wenn das Feuer brennt? Die anderen Stände verkaufen schließlich auch noch nichts. Aber das ist typisch Mama. Sie muss immer übertreiben.
„Hilf der Umwelt und den Armen. Kauf deine Lose bei uns. Zehn Lose für nur 3 Euro und zwanzig…“
„Jetzt reicht es aber, Mama“, sage ich ausversehen, viel zu laut direkt in ihr Ohr.
Ich bin mir sicher, dass sie mega wütend wird. So redet man nicht mit seiner Mutter!
„Was denn?“, sagt sie nur und verzieht albern das Gesicht.
Sie hat zum Glück viel zu gute Laune.
Papa kommt mit Malthe auf den Schultern anspaziert.
„Hallooo, ihr zwei Verrückten!“, lächelt er. „Man kann euch bis auf die andere Seite des Marktes hören“
„Kriege ich Lose?“ Malthe hat sofort beide Hände in der Lostrommel.
Hinten an der Rampe sehe ich Kasper mit seinem Skateboard auftauchen. Er hat auch das zweite unterm Arm.
„Ok, jetzt schafft ihr das dann ja ohne mich“, sage ich zu Mama, während ich Malthe einen Schmatzer aufdrücke und ihn etwas zu fest umschlinge. Vielleicht etwas zu fest - aber ich kann nicht anders, mit den Schmetterlingen im Bauch, die da jetzt rumschwirren.
„Aua! Ich will’s ausprobieren“, sagt Mathe und kämpft sich frei.
Papa steckt die Hand in die Hosentasche und kramt einen 5 Euroschein hervor. Malthes Ärmchen sind wieder in der roten Trommel.
Skatergirl
„Hi Kasper.“
„Hier“, sagt er und schmeißt das Skateboard vor mir auf die Erde. Es rollt viel zu schnell in Richtung meiner Füße und ich schaffe nicht, es anzuhalten, bevor es gegen meine Knöchel haut.
Meine Wangen werden rot und es schmerzt etwas, wo mich das Board getroffen hat. Ich stammle ein leises „Danke“.
Kasper springt auf sein Skateboard, holt Schwung und fährt im Kreis um mich herum. Mir wird ganz schwindelig, ihn mich so umrunden zu sehen. Und was hat er sich überhaupt gedacht, was ich jetzt mache? Ich beobachte ihn nur, wie er sich vor und zurück bewegt und das Brett zum Springen bringt.
„Also… das war ein Ollie“, sagt er. „Du musst eigentlich nur deinen Fuß ganz ans Ende stellen und dann…“ Bähm! Kasper demonstriert, wie es aussehen soll und starrt dabei die ganze Zeit runter auf den Asphalt.
Ich stelle meinen einen Fuß auf das Skateboard und stoße mich mit dem anderen ab. Das Brett fängt langsam an, sich unter mir zu bewegen, jedoch schnell genug, um die Balance verlieren. Ich rudere einen Moment hilflos mit den Armen und falle auf den Hintern. Shit!
Kasper versucht, sein Schmunzeln zu verstecken.
„Ups“, sagt er und guckt immer noch auf den Boden.
Ich fang an, zu lachen. Endlich guckt er hoch und prustet auch lauthals los.
„Mal im Ernst Kasper, ich stand noch nie auf einem Skateboard, glaubst du nicht, ich sollte erst mal lernen, geradeaus zu fahren, bevor wir Tricks üben?“
„Hm, ja, das mag wohl sein...“
Hat er da gerade gelächelt? Oh dieses Lächeln!
„Gut. Also, wie funktioniert es?“
Ich stehe auf und bürste mir den Dreck von den Shorts.
„Was geht denn Kasper, hast du Cille umgehauen?“
Rasmus kommt von der anderen Seite des Parks. Er saust die Rampe runter, während er zu uns rüber brüllt. Typisch!
Oh nein, Sophus ist auch da. Ich dachte, er wäre schon im Urlaub. Er skatet an mir vorbei.
„Hi Cille“, ruft er mit viel zu viel Begeisterung in der Stimme. Er dreht und hält mit knallrotem Gesicht direkt vor mir.
„H… Hast du angefangen zu skaten?“, murmelt er und zeigt auf das Skateboard, das Kasper gerade zu mir zurück rollt. Ich stoppe es mit meinem Fuß und zucke nur mit den Schultern. Irgendwie hat es ja auch seinen Vorteil, dass Sophus in mich verknallt ist, denn so falle ich Kasper sicher mehr auf. Aber mal wirklich… Muss er nicht bald mal darüber hinweg sein?
„Na, dann kannst du ja hier auf der graden Fläche etwas üben“, sagt Kasper. „Du musst eigentlich nur ein wenig hin und her rollen und versuchen, dein Gleichgewicht zu finden, ok?“ Er ist bereits mit den anderen auf dem Weg zur Rampe. Sophus dreht sich nochmal zu mir um. So ein Dreck aber auch! Warum mussten die beiden Spinner genau jetzt auftauchen? So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt, Skaten zu lernen. Ich stelle mich dann aber doch auf das Brett. Es hält still. Ich stoße mich etwas mit dem rechten Fuß ab und rolle ein paar Meter vor, ohne zu fallen.
„Super“, ruft Sophus.
Ich ignoriere ihn.
Naja gut, vielleicht kriege ich es ja doch hin. Ich wende und rolle etwas in die andere Richtung, schiele hoch zur Rampe und treffe Kaspers Blick.
„Ähm, ein bisschen mehr in die Knie!“, ruft er.
Also behält er mich wenigstens im Auge! Sehr gut! Ich versuche es noch einmal, diesmal beuge ich meine Knie etwas mehr. Es stimmt, so ist es wirklich besser. Ich sehe hoch zu ihm.
„Ja. So ist es viel besser“, ruft er und saust die Rampe runter. Sein Brett steigt auf der anderen Seite der Rampe hoch in die Luft. Er fängt es und fährt in die Mitte der Rampe, wo er zum Stehen kommt.
„Ich glaube, sie stecken jetzt das Feuer an, wollt ihr mit rüber?“
Ich will. Ich habe erst mal genug geübt.
Kasper kommt mir entgegen. Ich nehme mein Skateboard hoch und trage es, wie die Jungs es immer machen. Sophus und Rasmus kommen mit den Brettern in gleicher Weise unter dem Arm angelaufen. Rasmus klopft mir auf den Rücken.
„Na, du kleines Skatergirl, soll ich dir ein paar Tricks zeigen?“ Er macht einen Knutschmund und blinzelt mir zu. Sophus wird rot. Ich gucke zu Kasper. Er guckt runter.
Das Feuer
Der Bürgermeister steht vor dem großen Holzhaufen. Er trägt seine Dienstschärpe und sieht sehr feierlich aus. Das Mikrophon heult auf, als er zweimal dagegen schnippt.
Kasper, Sophus, Rasmus und ich sitzen auf dem kleinen Hügel auf unseren Skateboards. Es ist schon verdammt cool, sein eigenes Skateboard zu haben, aber irgendwie auch ein komisches Gefühl.
„Wir dürfen nicht vergessen, warum wir heute Abend hier zusammenkommen“, beginnt der Bürgermeister seine Rede.
„Oh nein, das halte ich nicht aus!“, sagt Rasmus und steht auf. „Kommst du mit Sophus? Ich habe keine Lust auf die blöden Räubergeschichten von diesem Fettsack.“
Sophus steht auf. „Kommt ihr auch?“
„Ähm… Nein, ich will schon gerne das Feuer sehen“, sagt Kasper.
„Woohooo“, quiekt Rasmus und sendet ein paar Luftküsse zu Kasper und mir.
„Das will ich dann auch“, sagt Sophus und setzt sich wieder hin. Er legt seine Hand neben mein Bein.
So ein Mist! Ich drehe mich weg und tue so, als würde ich der Rede zuhören. Auch Rasmus wirft sich wieder ins Gras.
„Wir sind hier versammelt, um friedlich, alle gemeinsam zu feiern und das Licht in unsere Herzen zu lassen.“
„Ach, halt doch die Fresse!“, brüllt Rasmus.
Sophus fällt vor lauter Lachen nach hinten über. Rasmus haut ihm auf den Bauch und einen Moment später rutschen sie beide auf der anderen Seite den Hügel runter.
„Unfassbar, wie platt er manchmal ist“, sagt Kasper leise.
Ich nicke und schiele aus den Augenwinkeln zu ihm rüber. Es ist wie ein Traum. Er sitzt direkt neben mir. Knielange Shorts, Skaterschuhe und Nike-Socken. Aus dem Lautsprecher knattert die Stimme des Bürgermeisters.
„…In Skandinavien ist man sich sicher, dass auch die Natur an diesem Mittsommerabend besonders magisch ist.“
Sophus und Rasmus sind den Hügel wieder rauf gekommen und nehmen ihre Boards.
„Wir gehen“, sagt Rasmus.
„Wollt ihr nicht auch?“, fragt Sophus.
Kasper und ich drehen unsere Köpfe im gleichen Moment und so sind sich unsere Nasen, Augen und Lippen einen fantastischen Augenblick direkt gegenüber.
Sein Atem riecht nach Minze und bringt so warm und lieblich meine Haut zum Schmelzen. Ich kriege kein Wort raus.
„Wir kommen gleich“, sagt Kasper.
Wir! Er hat wir gesagt.
Das Mikrophon knattert.
„Vielleicht trägt die Nacht auch ein wenig Hexenkunst mit sich. Gute Hexen, die gelernt haben, die Kräfte der Natur für ihren Zauber zu nutzen. Vielleicht fliegen sie gerade über uns…“
„Glaubst du, ich kann es lernen?“, flüstere ich zu Kasper.
„Was denn? Zu fliegen?“
„Ja, klar…. Nein, glaubst du, ich kann lernen, zu skaten?“
„Hm… Bestimmt, wenn du etwas übst.“ Er dreht den Kopf ein wenig und sieht mir direkt in die Augen. Mein Herz schlägt so schnell in meiner Brust, ich habe das Gefühl, zu zerspringen.
„Das Licht zu feiern bedeutet auch, das Dunkle und damit alles Böse, zu verneinen und zu vertreiben. Auch deshalb entzünden wir heute dieses Feuer.“
Ein Mann mit einer großen Brille und sehr wenigen Haaren reicht dem Bürgermeister eine riesige Fackel.
„Und bedenkt auch, meine lieben Bürgerinnen und Bürger, das Böse kann es nur geben, wenn es einen Ort zum Wachsen hat. Lasst es uns nicht nähren und ihm diesen Ort nicht geben. Nur so können wir die Freude im Herzen tragen und friedvoll das Leben in unserer schönen kleinen Stadt genießen.“
Ich sehe zu Kaspers Grübchen. Sie sind ein Zeichen dafür, dass das Böse auf jeden Fall nie in ihm einen Ort zum Wachsen findet. Er ist einfach immer und zu jedem zuvorkommend. Selbst zu den Lehrern und zu den Kleinen. Während Rasmus und Sophus die Kleinen mobben und sie auf dem Schulhof in die Ecke treiben, um sie zu quälen, ist Kasper derjenige, der sie dazu bringt, sie in Ruhe zu lassen.
Der Bürgermeister schreitet zum Stapel aus Brettern, Gezweig und allerhand anderem Brennbaren und steckt die Fackel tief hinein. Das Feuer breitet sich schnell aus. Als der Haufen lichterloh brennt, singen alle das Mittsommerlied. Kasper und ich schweigen und sehen in die Flammen. Sie züngeln um unseren alten Gartentisch. In ihren Spitzen verfärben die Flammen sich bläulich. An einem Pfahl hoch über dem Feuer, ist eine Hexe festgemacht. Mit schwarzem Hut und gebogener Nase. Die Frau vom Bürgermeister hat sie gemacht. Als das Feuer sie erreicht, geht eine Funkenfontaine mit viel Lärm und Getöse los.
Julie und Helena sind weggeflogen und haben mich allein mit Kasper gelassen.
Seine Hand liegt im Gras, ganz dicht neben meiner. Das Blut pocht in meinen Schläfen. Ich merke jeden einzelnen Atemzug.
Die Hand
Ok, ich verstehe nur Bahnhof von all dem hier. Oder vielleicht auch nicht. Ich liege in meinem Bett und starre, mit den Liebespuppen fest an mich gedrückt, an die Decke. Ich rieche an meiner Hand, während mir Tränen über die Wangen laufen.
Kasper und ich waren den ganzen Abend zusammen. So, als wäre das rote Band wirklich, wie bei den Liebespuppen, um uns gewickelt, nur eben nicht ganz so stramm.
Wir hatten noch ein bisschen mit Rasmus und Sophus geskatet. Sie zeigten mir alle irgendwelche Tricks. Oder naja, auf jeden Fall habe ich jetzt gelernt, mich wenigstens auf dem Brett zu halten und es war auch alles ok. Natürlich wäre es viel schöner gewesen, wenn es nur Kasper und ich gewesen wären.
Aber ab Morgen sind wir allein. Dann sind die anderen im Urlaub. Doch halt, nein, das sind wir eben nicht! Allein…
Malthe kam nämlich angerannt. Er wollte auch skaten und Kasper war so verdammt lieb, dass er ihm sein Skateboard gegeben hat und schon nach zwei Minuten war Malthe natürlich viel besser als ich.
„Mama, Mama, ich wünsche mir ein Skateboard!“, schrie er, als sie kam und uns Stockbrotteig für das Feuer brachte. Und dann hatte Mama sich doch tatsächlich mit Kasper darüber unterhalten, welche Boards am besten sind und wo man sie gut kaufen könne. Sie fragte ihn auch, ob er Skateunterricht geben würde. Er war so unglaublich höflich und hat immer an den richtigen Stellen ja und nein gesagt und saß dann bei Malthe und half ihm mit dem Stockbrot und rettete es vor dem Schwarzwerden.
Den ganzen Rückweg redete Mama nur davon, was für ein gut erzogener und freundlicher junger Mann Kasper sei.
Auf eine Art ärgerte mich das. Aber eigentlich war es ja schon cool. Richtig peinlich wurde es erst, als Papa anfing rum zu witzeln, dass er ja keine Schrotflinte zum Jungs verjagen anschaffen müsste, wenn Kasper sein Schwiegersohn würde.
„Kannst du nicht aufhören, Papa…“, maulte ich.
„Seid ihr ein Liebespaar Cille?“, fragte Malthe so laut vor unserer Eingangstür, dass man es sicher die ganze Straße entlang hören konnte.
Und dann schrie ich, dass wir das überhaupt nicht sind und dass sie alle aufhören sollten sich in irgendetwas einzumischen. Ich habe auch ordentlich mit der Tür geknallt, als ich zu Bett gegangen bin.
Jetzt liege ich also hier und heule. Ich heule, weil ich so sehr verliebt bin, dass es sich anfühlt, als wäre mein Herz ein Nadelkissen. Ich heule, weil ich ja versprochen hatte, die Puppen kaputt zu machen und so riskiere, Julie und Helena wieder zu verlieren. Ich heule, weil ich nicht weiß, ob Kasper auch in mich verliebt ist, denn jetzt zahlt Mama ihm pro Tag, an dem er Lust hat, mit Malthe und mir skaten zu üben, für den Rest der Woche 5 Euro.
Aber er hat meine Hand genommen. Und sie riecht immer noch nach ihm – und auch ein bisschen nach Ketschup und Stockbrot.
Ich bin, kurz bevor wir nach Hause sind, vom Skateboard gefallen und schlug mir die Knie auf. Es brennt immer noch, wenn ich mit der Bettdecke drauf komme.
Da hat er seine Hand ausgestreckt und mir hoch geholfen.
Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein, aber er hat meine Hand 5 Sekunden länger festgehalten, als es nötig gewesen wäre.
Sophus kam auch angelaufen und zog mich an der linken Hand hoch. Aber ihn habe ich sofort wieder losgelassen.
Es mag wie ein schlechter Film klingen, aber ich habe meine Hand nicht gewaschen, weil ich das Gefühl von Kaspers Hand in meiner nicht verlieren will. Und es macht mich ganz schwindelig vor Glück, aber dann wird es plötzlich dunkel in mir und eine Stimme ruft.
Er will dich nicht.
Er will dich nicht.
Er macht es nur wegen dem Geld.
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