Kitabı oku: «Das magische Buch 3 - Voodoo»

Yazı tipi:

Anne-Marie Donslund und Inez Gavilanes
Das Magische Buch 3
„Voodoo“

Saga

Neue Welt

Ich konnte mir nie erklären, wozu Mathematik eigentlich gut sein sollte. Aber eigenartigerweise bin ausgerechnet ich nun ganz besessen von Zahlen. Seitdem ich nämlich in dem Magischen Buch gelesen habe, dass Zahlen uns viel mehr beeinflussen, als wir zunächst glauben. Nichts passiert zufällig.

Meine Mutter glaubt, Numerologie und Magie mit Zahlen sind reiner Aberglaube. Sie geht gerade einen halben Meter vor mir und erzählt von einer alten Freundin, die Hella hieß, sich dann aber plötzlich Maike-Dea nannte, weil sie glaubte, die Zahlen, die in ihrem Namen stecken, hätten Einfluss auf ihr Leben. Ich zähle währenddessen im Stillen die Striche auf dem Gehwegpflaster. 745, 746, 747...

Mama hat darauf bestanden, mich heute Morgen zu begleiten, weil Helena und Julie mich nicht abholen kommen. Das haben sie sonst gemacht, wenn wir in die Schule mussten, aber jetzt sind wir ja zerstritten.

„Bei dem schönen Wetter mache ich doch gerne einen kleinen Umweg auf dem Weg ins Amt“, hat sie gesagt und so geschah es. Jetzt bin ich dazu verdonnert, ihrem Gerede zuzuhören.

Hätte ich bloß nie etwas von den Zahlen gesagt. Würde sie doch einfach aufhören. 749, 750...

„Das gibt es ja nicht: Wie langsam du gehst.“ Mama hat sich umgedreht und ihr Parfüm dringt in meine Nase. Ich muss niesen.

„Als ich zur Schule ging, wollte man immer früh da sein. Hella und ich waren immer früh!“

„Maike-Dea“, murmle ich. Es ist, als wären meine Beine schwer wie Blei, so als wenn es überhaupt nicht das Richtige ist, sich der Schule zu nähern. Deshalb zähle ich auch. Ich muss wissen, ob ich tatsächlich reingehe oder besser draußen bleibe.

Es sind 762 Striche auf dem Gehweg von unserem Haus bis zur Schule.

Man muss Quersummen bilden und die Zahlen immer weiter zusammenziehen bis am Ende nur noch eine Ziffer übrig bleibt. Sieben plus Sechs plus Zwei. Das macht 15. Und Eins plus Fünf, das macht... zum Glück: Sechs!

Ich atme erleichtert auf. Sechs ist meine Glückszahl. Also wird heute vielleicht doch nicht alles so schlimm werden wie gedacht. Mama redet immer noch einfach drauflos. So als hätte sie einfach nicht verstanden, wie schwierig es in meinem Leben gerade ist.

„Da, wo der neue Gebäudeflügel jetzt ist“, sagt sie, „da war früher ein Schuppen in dem sich die Pärchen versteckt haben um zu küssen. Schade, dass sie den abgerissen haben, was?“ Sie zwinkert mir zu und stößt mir leicht ihren Ellenbogen in die Seite. Als hätte ich jemanden, den ich heimlich küssen könnte. Das hatte ich mal, also fast. Aber jetzt nicht mehr. Mein Hals schnürt sich sofort zu.

„Ja, wirklich schade. Tschüss dann“, sage ich und schlurfe rüber zur Tür. Meine Füße sind wieder schwer. Schwer wie Stein und Eisen. Ich bekomme kaum die Flipflops über die Türschwelle.

„Hallooo“, höre ich dann Mama von hinter mir mit beschwingter Stimme. Aus meinem Augenwinkel sehe ich Hinkeheiner. Er war beim Frisör und hat ein neues Hemd an. Komisch. Jetzt hatte er sieben Jahre die gleichen Sachen an und gerade heute, wo ich zu einer Art Eisenskulptur mutiert bin, ist auch er ganz anders.

Dann sind wir also zwei.

Nach den Sommerferien gibt es immer irgendetwas das neu und anders ist. Einer ist gewachsen, eine andere hat Brüste oder längere Haare bekommen und wieder andere tragen ein Armband aus irgendeinem exotischen Land. Aber Herr Hein ist normalerweise immer der Alte und ich freue mich normalerweise darauf, wieder in die Schule zu kommen. Aber nicht dieses Jahr.

Herr Hein ist stehen geblieben, um sich mit Mama zu unterhalten.

Aber im Ernst mal, nur weil wir auf seiner Nachtwanderung waren und Mama und er vor gefühlten 1oo Jahren zusammen zur Schule gegangen sind, müssen sie doch nicht gleich beste Freunde werden. Vielleicht reden sie auch über mich? Über meinen Streit mit Helena und Julie? Hauptsache, Mama fragt ihn nicht, ob er irgendwas machen kann, um es in Ordnung zu bringen, denn dann wird alles nur noch schlimmer.

Wenn es überhaupt noch schlimmer werden kann.

Aber ja, es geht immer schlimmer...

Ich sehe es sofort, als ich die Tür zum Klassenzimmer aufmache. Hier ist auch alles anders. Die U-Anordnung der Tische, in der wir jedes Schuljahr gesessen haben, wurde umgestellt. Jetzt sind es Bankreihen, in denen man jeweils zu zweit nebeneinander sitzt. Drüben am Fenster sitzen Julie und Helena beieinander. Beide in weißen Tops, mit sonnengebräunter Haut und gleichen Pferdeschwänzen. Hinter ihnen sitzen Hannes und Kasper. Alle haben schon einen Banknachbar, außer zwei. Der eine, der alleine sitzt, ist Sven, natürlich.

Die andere ist das neue Mädchen in der Klasse, Anna. Sie hat knallrote Haare, schwarze Augen, schwarze Klamotten, schwarzen Nagellack und kreidebleiche Haut. Sie hat außerdem ihre Kopfhörer drin und hört damit bestimmt irgendwelchen Metal von dem iPod vor ihr auf dem Tisch. Sie sieht jedenfalls so aus, als würde sie so etwas mögen.

Ich fühle mich noch tausendmal schwerer, als Sven bei meinem Anblick zu lächeln beginnt und seine Tasche vom Stuhl neben sich nimmt.

Alle starren mich an und warten auf die Entscheidung. Sven oder Anna?

Sechser

Wir hatten Anna vor zwei Wochen am Strand zum ersten Mal getroffen. Es war der Katastrophentag, der alles veränderte. An diesem Tag habe ich meine beiden besten Freundinnen, meine Liebespuppen und denjenigen, in den ich schon seit einem Jahr verliebt bin, verloren. Kasper und ich waren eigentlich gerade dabei... naja, vielleicht nicht direkt dabei, ein Paar zu werden, aber wir waren auf dem Weg dahin. Wir haben beinahe Händchen gehalten und uns geküsst.

Aber dann kamen Helena und Julie aus dem Urlaub zurück und haben die Liebespuppen in meiner Tasche gesehen und so herausgefunden, dass ich sie nicht kaputtgemacht habe, wie wir es uns eigentlich versprochen hatten.

Ich habe damals nicht mit Anna gesprochen. Niemand hatte es getan. Sie saß einfach nur da und sah mega-feindselig aus. Genau wie jetzt.

Sven dreht seinen Kopf leicht seitlich. Er macht mich Wahnsinnig mit seinen Hundeaugen. Ich verstehe jetzt so gut, warum meine Beine schon beim ersten Schritt in Richtung Schule so schwer waren. Mit meinem sechsten Sinn wusste ich, dass das neue Schuljahr genau so werden wird: ein Alptraum.

Vielleicht können mir die Zahlen helfen. Ich bin richtig gut im Kopfrechnen geworden, seitdem ich das Kapitel über Numerologie im Magischen Buch gefunden habe. Ich habe die Übersicht mit dem Alphabet und den dazugehörigen Zahlen abgeschrieben und mitgenommen. Ich ahnte wohl, es könnte nützlich sein. Ich ziehe den Zettel halb aus meiner Hosentasche und schiele unauffällig drauf.

Jeder Buchstabe hat eine Zahl.

Sven:

 S= 8

 V= 1

 E= 4

 N= 12

 8+1+4+12 = 25 = 7

Sieben? Fuck, das kann nicht sein. Sieben! Genau wie bei meinem Namen. Von jetzt an kann ich nicht mehr Cille heißen! Ich habe keine Lust, die gleiche Zahl zu sein wie Sven! So ein Dreck aber auch! Von jetzt an muss ich mich Cecilie nennen, dann bin ich ein Zweier, wenn man die Zahlen der Buchstaben zusammen nimmt. Der ewige Zweier, für immer nur an zweiter Stelle. Helena ist natürlich ein Einser.

Aber Kasper ist ein Sechser. Deshalb ist Sechs auch meine Glückszahl. Anna ist... auch ein Sechser. Und es waren 762 Striche auf dem Gehweg, die werden auch zu einem Sechser.

Die Zahlen wollen mir etwas sagen. Ich spüre es. Und ich spüre auch Herr Heins Hand auf meiner Schulter.

„Hallo und herzlich willkommen zurück im Schulalltag, trotz der Sommerhitze!“, ruft er hinter mir und schließt die Tür. Ich gehe zum allerletzten Tisch und lasse mich neben Anna auf den Stuhl fallen. Sie riecht etwas nach Rauch. Helena und Julie trauen ihren Augen nicht. Die anderen aus der Klasse glotzen erst blöd zu mir und dann zu ihnen, während sie unruhig auf ihren Plätzen herumrutschen und zu tuscheln anfangen.

Helena richtet sich auf und guckt zu Herrn Hein.

„Wie gut Sie aussehen, Herr Hein“, sagt sie und alle haben ihre Aufmerksamkeit wieder bei ihm. Alle außer Anna. Sie guckt mich an und nimmt die Kopfhörer raus.

„Wie heißt du?“, fragt sie leise.

„Cecilie“, antworte ich. Von jetzt an ist es vorbei mit Cille!

„Ok, ich nenne dich dann Ce!“, sagt Anna.

„Ze?“

„C-E! Dann bist du ein Sechser.“

Mir läuft ein kalter Schauer den Rücken runter. Ihre schwarzen Augen bohren sich einen kurzen Augenblick in meine. Dann schüttelt sie mit dem Kopf, steckt die Kopfhörer wieder in die Ohren und dreht die Musik so laut auf, dass es fast die ganze Klasse hören kann. Ce. Das ist wirklich sechs. Und sie versteht auch etwas von Numerologie. Das kann kein Zufall sein.

Meine Hand zittert, als ich meine Federtasche aus dem Rucksack nehme. Wie konnte sie überhaupt wissen, dass ich Zahlenmagie kenne? Vielleicht hatte sie meinen Zettel mit der Übersicht gesehen? Ich würde sie wirklich gerne fragen, aber ich traue mich nicht. Irgendetwas an ihr macht mich nervös. Vielleicht das ganze Schwarz.

Helenas und Julies Blicke treffen meinen flüchtig, dann brechen sie in Gelächter aus und stecken ihre Gesichter ganz dicht zusammen.

Alles ist neu. Ich bin ein Sechser. Aber irgendwie fühlt es sich trotzdem nicht gut an.

Scheißtag

So ein Scheißtag! Ich wusste ja, dass es nicht gut werden wird, aber es ist wirklich noch schlimmer geworden, als ich befürchtete.

Dieses Jahr fängt offensichtlich der Schul-Ernst an. Nachdem Herr Hein uns eine Million langweilige Bücher, Kopien und Übersichten ausgeteilt hatte, kam unsere neue Englischlehrerin. Ich wusste nicht einmal, dass wir wechseln sollten... Jetzt haben wir Frau Madsen. Karin Madsen. Sie ist streng und geht davon aus, wir alle wären perfekt in Englisch. Einige sind das vielleicht auch, aber ich gehöre nicht dazu.

Gleich zu Beginn sollten wir in zehn Minuten so viel über uns selbst aufschreiben, wie wir nur konnten – natürlich auf Englisch. Danach sollten wir es dann vorlesen. Frau Madsen sagte, damit sie uns etwas besser kennenlernen könnte. Julie und Helena haben rumgealbert, während sie schrieben, und auch Kasper und Hannes haben von der Bank hinter ihnen mitgemacht.

Es ist so, als würden die vier jetzt zusammengehören. Komisch, wenn man bedenkt, dass ich am Strand gesagt hatte, dass Julie die war, die Kaspers Shirt geklaut hatte. Das ist ihm dann wohl egal, oder aber Julie und Helena haben erzählt, dass es gar nicht stimmt. Vielleicht haben sie sogar gesagt, ich hätte es gemacht.

Jedenfalls hat Helena die ganze Zeit beim Schreiben mit Kasper geflirtet und er hat nicht einmal zu mir rübergesehen. Als die Zeit um war, fragte Frau Madsen, wer vorlesen möchte. Natürlich hat sich Helena gemeldet und als erste vorgelesen. Es ist auch nicht so, als hätte einer von uns anderen wirklich Lust gehabt vorzulesen und sich vor der ganzen Klasse zu blamieren.

Helena im Gegenteil war wie immer souverän. Sie ging mit wehendem Pferdeschwanz zur Tafel und las in ihrem fehlerfreien Englisch vor. Sie berichtete, wie hart die Modelbranche sei und wie schwer es ist, dünn zu bleiben, dass man dafür aber auch unvergessliche Erfahrungen machen könne. Wenn es gut liefe, könne man um die ganze Welt reisen und ein Vermögen machen, vorausgesetzt man hat den perfekten Körper und das hübscheste Gesicht.

Die ganze Klasse hat geklatscht, als Helena fertig war. Auch ich, aber nur ein bisschen. Anna hat als einzige nicht geklatscht. Frau Madsen hatte sie dazu verdonnert, ihren iPod wegzupacken, und als Helena fertig gelesen hatte, zog sie nur die Augenbrauen hoch und sah mich so an, als fände sie Helena fürchterlich platt.

Dann ist etwas passiert, mit dem ich wirklich nicht gerechnet hätte. Anna hat sich gemeldet! Ihr Englisch ist richtig gut, noch besser als Helenas eigentlich, und sie las ein ordentliches Stück vor. Es ging um ihre Einstellung zu sich selbst und gegenüber der ganzen Menschheit. Es hörte sich ziemlich intelligent an. Ich hatte mir vorher jedenfalls noch nicht solche Gedanken gemacht. Und ich hätte auch sicher nicht gedacht, jemand wie Anna würde das tun. Sie hat Sachen gesagt, die Helena irgendwie lächerlich machten. Es war fast so, als hätte Anna direkt an Helena geschrieben.

Sie sagte nämlich, sie fände es peinlich, wie Mädchen alles dafür tun würden ein bestimmtes Gewicht zu halten und einem falschen Schönheitsideal zu entsprechen, nur um in den Augen anderer zu gefallen. Sie hat auch gesagt, dass es falsch sei, sich so an Modetrends zu orientieren, wenn es doch genug Menschen gibt, die gar nichts zum Anziehen haben.

Als Anna fertig war, herrschte Totenstille in der Klasse und Helena glich einer riesigen Gewitterwolke.

Auf dem Weg in die Pause haben Helena und Julie mir den bösesten Blick überhaupt zugeworfen und als es wieder zum Reingehen geklingelt hat, gingen sie untergehakt ganz dicht an Annas und meinem Tisch vorbei. Julie hat „bitch“ zu Anna geflüstert, ohne sie anzusehen. Dann ließ sie ihren Blick über mich schweifen, ohne mich wirklich zu sehen.

„Na sowas, Cille... Da hast du ja jemanden gefunden, der zu dir passt! Sie ist genauso hinterhältig wie du!“

Ich habe fast keine Luft mehr bekommen und meine Augen füllten sich mit Tränen. Zum Glück konnte ich sie zurückhalten. Anna war vollkommen kalt. Sie guckte einfach nur völlig gleichgültig zu Julie und stöpselte sich wieder ihren iPod in die Ohren.

Der erste Schultag ist immer kurz, und als wir fertig waren, ließ ich mir einfach noch etwas Zeit im Klassenraum, damit ich bloß nicht gleichzeitig mit Helena und Julie rausmusste.

„Willst du nicht nach Hause?“, fragte Anna. Ich nickte nur, blieb aber sitzen. Dann ging sie auch. Am Ende war ich die letzte im Raum, aber als ich rauskam, stand Sven noch da und kramte in seinem Rucksack nach seinem Schlüssel. Er fand ihn irgendwann ganz unten.

„Ist dein Fahrrad kaputt?“, fragte er. Ich zuckte nur mit den Schultern und ging weiter. Ich war schon oben an der Kreuzung, bevor er mich einholte. Er fuhr den ganzen Weg langsam neben mir her und sagte, er würde sich schon um mein Fahrrad kümmern.

„Es ist nicht kaputt. Bis dann“, war das einzige, das ich sagte, bevor ich zu unserm Haus abbog.

Es geht einfach nicht. Ich kann einfach nicht neben diesem Nerd sitzen. Aber das muss ich, falls ich beabsichtige, mich jemals wieder mit Helena und Julie zu vertragen. Sie hassen Anna ganz offensichtlich und wenn sie glauben, dass wir jetzt Freundinnen sind, dann hassen sie mich auch. Nicht nur jetzt, sondern für immer.

Die Liebespuppen

Mama steckt den Kopf zu meiner Zimmertür rein.

„Du hast Besuch.“

„Besuch?“

„Vor der Tür steht ein rothaariges Mädchen und fragt nach dir.“

„Anna“, sage ich und schwinge mich aus dem Bett.

„Keine Ahnung, du solltest besser mal hingehen, aber denk dran, in einer halben Stunde musst du los zum Tanzen!“

Tanzen! Das klang ganz gut, als Mama es vorschlug. Vor allem, weil ich zurzeit niemanden habe, mit dem ich reden und zusammensein kann. Es wirkte beinahe irgendwie vernünftig, etwas Neues anzufangen. Aber schon jetzt ist mir klar, es war eine dämliche Idee. Besonders weil Mama zu den Leuten gehört, bei denen es kein Zurück gibt. Hat man sich einmal angemeldet, muss man auch das ganze Jahr dabeibleiben. Ganz gleich, ob man es mag oder nicht. Deshalb habe ich im letzten Schuljahr auch nichts gemacht. Man traut sich nämlich gar nicht, sich irgendwo anzumelden, wenn man keine Chance hat, es wieder zu lassen. Und wie soll man wissen, ob einem etwas Spaß macht, bevor man es ausprobiert hat?

Ich nehme einen Kaugummi aus der Packung von der Kommode und sehe mich in meinem Zimmer um. Das Magische Buch ist nirgends zu sehen, also könnte ich Anna reinlassen, falls es soweit kommen sollte. Niemand hat das Buch bis jetzt gesehen. Nicht einmal Malthe, obwohl man vor ihm sonst nichts geheim halten kann.

Durch das Küchenfenster kann ich sehen, wie Anna mit ihren Kopfhörern in Richtung Tür starrt. Sie hat einen angemalten Rucksack auf, der voll mit Sicherheitsnadeln und merkwürdigen Symbolen ist. Was sie wohl will?

„Hi“, sage ich und weiß nicht wirklich, ob ich lächeln soll oder besser nicht. Anna sieht selber ja immer so böse aus. Sie nimmt ihre Kopfhörer ab, während die Musik weiter lärmt. Sie ist wirklich laut. So als könne man davon schnell Tinnitus bekommen, würde Mama sicher behaupten.

„Ich dachte mir, du willst bestimmt deine Puppen zurück haben.“ Anna kramt in ihrem Rucksack und zieht meine Liebespuppen hervor.

„Vielleicht kannst du damit ja Voodoo machen oder so.“ Sie starrt mir direkt in die Augen und zum ersten Mal sehe ich fast so etwas wie ein Lächeln auf ihren Lippen.

Ich habe nicht den leisesten Schimmer, was ich sagen soll, also nehme ich einfach die Puppen. Anna dreht sich um und geht weg, ohne Tschüss zu sagen oder noch einmal zurückzublicken.

Es ist einfach zu sonderbar. Warum hatte sie meine Puppen? Es kann ja nur von dem Tag am Strand sein. Hatte sie sie seitdem bei sich? Warum gibt sie sie mir dann erst jetzt? Und was meint sie eigentlich mit Voodoo?

„Anna!“, rufe ich.

Sie dreht sich sofort um und sieht mich fragend an. Dabei sieht sie immer noch nicht wirklich freundlich aus. Sie nannte mich auch kein einziges Mal Ce, obwohl sie mich so getauft hatte. Plötzlich sehne ich mich ganz furchtbar nach jemandem, der mich irgendwie nennt. Jemandem, der mein Freund sein will.

„Möchtest du nicht mit reinkommen und einen ...“, stammele ich. „Ja, vielleicht einen Tee haben? Trinkst du Tee?“

Hunger

Anna könnte genauso gut von einem anderen Planten kommen, wie sie so mit ihrem schwarzen Outfit und den roten Haaren auf meinem Bett sitzt und sich umsieht. Währenddessen kann ich Malthe vor der Tür hören. Ich möchte wetten, dass er durchs Schlüsselloch guckt, weil er sich nicht rein traut. Das wäre ihm nie passiert, wenn Julie und Helena zu Besuch wären. Da käme er einfach reingelaufen und hätte sich in ihre Arme geschmissen. Sie fanden ihn immer so niedlich.

Ja, so war das damals. Aber jetzt ist alles anders.

Annas Stirn ist ganz runzelig, wie sie sich so kritisch umsieht. Ich folge ihrem Blick und plötzlich sehe ich es auch ganz deutlich: Mein Zimmer ist total kindisch. Rosa-weiß mit vielen Blumen und albernen Postern. Sogar das neue mit dem sich küssenden Paar bei Sonnenuntergang wirkt jetzt lächerlich. Ich hatte es mir bei IKEA ausgesucht, weil der Junge auf dem Bild mich an Kasper erinnerte.

Anna pustet in die Teetasse und nimmt vorsichtig einen Schluck.

„Mmm, Kräutertee“, sagt sie. „Hast du auch was zu essen? Ich habe seit gestern nichts mehr gegessen.“

Ich nicke, halte den Zeigefinger vor meinen Mund und deute zur Tür. Anna setzt sich etwas im Bett auf; sie lächelt beinahe. Ich schleiche mich zur Tür und reiße sie mit einem Schlag auf. Malthe fällt in mein Zimmer.

„Gefangen! Jetzt wirst du abgekitzelt!“, rufe ich. Aber er windet sich aus meinen Armen und rennt davon. Anna sieht nicht wie jemand aus, der kleine Brüder auch nur im Geringsten süß findet. Ich nicke ihr zu:

„Na, dann komm, wir gucken mal in der Küche!“

Mir fällt auf, wie dünn Annas Arme und Finger sind, als sie sich drei Klappstullen mit Tomaten schmiert.

Sie sagt noch einmal, sie sei Vegetarierin. Keine toten Tiere für sie! Mama hält sich dezent im Hintergrund, aber ihr Blick streift uns ständig und überwacht uns, so als würde Anna gleich etwas klauen wollen. Aber es ist auch wirklich merkwürdig, wenn sie seit gestern nichts gegessen hat. Auch, dass sie ganz selbstverständlich das letzte Stück Brot genommen hat.... Aber wirklich mal, vielleicht hatte sie ja auch nur Angst davor, heute in der neuen Schule anzufangen. Schließlich isst sie keine Tiere und das muss doch bedeuten, sie kann niemandem etwas zu leide tun.

„Weißt du, wer auch Vegetarier war?“, fragt sie und drückt die Majo-Tube über den Broten leer.

„Nee... Also Helena isst auch nicht viel Fleisch, weil sie ja Model ist und man so aufgebläht wird, wenn...“

Anna starrt mich mit leerem Blick an. Ich sollte also offensichtlich besser nicht von Helena und Models reden.

„Hitler!“, sagt sie dann.

„Was?“ Sagt sie Hitler zu Helena? Das ist sonderbar, aber auch irgendwie lustig. Ich muss jedenfalls lachen. Helena ist schon eine Art Diktatorin. Eine Modediktatorin. Eine Freundschaftsdiktatorin. Eine Klassendiktatorin. Und sie ist definitiv bereit, hart gegen die vorzugehen, die gegen sie sind. So wie gegen Anna.

„Hitler war Vegetarier. Krass, was, Ce?“

Ich nicke, verstehe aber nicht ganz, inwiefern das krass sein soll. Dafür macht mein Herz trotzdem so etwas wie einen Purzelbaum: Sie hat mich Ce genannt.

„Hast du Geschwister?“, frage ich.

Anna hat sich eine halbe Stulle in den Mund geschoben. Sie kaut genüsslich und nickt.

„Kleine?“, ich zeige auf Malthe, der sich sofort wieder versteckt.

Anna schüttelt den Kopf und wischt sich mit dem Handrücken den Mund ab. „Ich habe eine große Schwester. Bei der wohne ich auch.“

Tanzen

„5, 6, 7, 8!“, ruft die Tanzlehrerin, deren Name ich vergessen habe. Alle fangen an, eine Choreographie zu tanzen, die wir schon in den ersten 30 Minuten hätten lernen sollen.

Es ist auch gar keine Anfängergruppe, obwohl das im Flyer so versprochen wurde. Es haben sich einfach nicht genug Neue angemeldet.

„Die, die noch nicht da waren, versuchen einfach, so gut es geht mitzumachen, okay? Es sind 16 Steps, supereinfach. Ihr lernt das im Handumdrehen!“ So hat es die Tanzlehrerin zu Beginn der Stunde gesagt. Ich möchte behaupten, davon sollte sie nicht so einfach ausgehen.

Vor, drehen links, cha-che oder wie das heißt, drehen rechts... Ah, fuck. Ich rammle direkt in die neben mir. Ich kann sehen, was sie denkt: Trottel!

„Oh, entschuldige...“, sage ich, aber sie sieht nur konzentriert nach vorn, und der Schweiß perlt von ihrer sonnengebräunten Haut.

Im Spiegel sehe ich, wie käseweiß ich dagegen bin.

Wieso durfte ich auch nicht richtig zum Tanzen gehen, also wenn es schon sein muss? In einer richtigen Tanzschule? Da hätten sie eine Anfängergruppe, so viel ist klar. Das hier gehört zur Volkshochschule und Mama sagt, es kostet nur halb so viel, aber ist mindestens genauso gut. Ja, right... Vielleicht stimmt es auch, wenn man vorher schon total tanzverrückt ist, aber das war ich nie.

Ich denke an Anna. Sie fände das hier mega-dämlich! Es ist irgendwie so, als wäre Anna gegen alles, was Mädchen sonst so gut finden. Wenn sie jetzt hier wäre, würde sie sicher vorschlagen zu gehen. Mutig ist sie nämlich auch. Ihr wäre es kackegal, ob sie gut hier drin ist oder nicht. Ich versuche, so auszusehen, als wäre es mir auch total egal. Ich traue mich vielleicht nicht zu gehen, aber ich kann auf jeden Fall auch kalt sein. Ganz kalt, wie Anna.

Neonazis

„Sie wohnt zusammen mit ihrer Schwester in einem Gartenhaus!“ Mamas Stimme ist gereizt und skeptisch, als sie Papa Bericht erstattet. „Was glaubst du, wie alt diese große Schwester dann wohl sein mag?“

„Keine Ahnung, vielleicht 18 oder so“, sage ich, obwohl ich nicht den leisesten Schimmer habe.

„Hat sie keine Eltern?“

„Das hat sie sicherlich“, kommt mir Papa zur Unterstützung. „Bis jetzt ist es nur einmal in der Geschichte der Menschheit vorgekommen, dass ein Kind nur durch den Heiligen Geist empfangen wurde, haha... Jesus Christus!“

Mama lacht in der Regel über Papas schlechte Witze. Aber nicht heute. Also müssen wir das machen, weil er sonst so verloren lächerlich rüberkommt.

Ich lache und boxe Papa etwas gegen den Bauch. In Wirklichkeit weiß ich auch gar nichts von Annas Eltern. Ich hatte mich nicht getraut zu fragen.

Mama schneidet so doll mit ihrem Messer auf dem Teller, dass es gänsehauterregend quietscht. Es ist unglaublich, wie sauer sie das alles macht.

„Ich war heute beim Tanzen“, sage ich, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Aber Mama reagiert nicht und Malthes Nasenlöcher vibrieren schon von der ganzen schlechten Stimmung.

„Was ist denn los?“ Papa legt seine Hand auf die von Mama, schon damit sie wenigstens aufhört zu schneiden.

„Sie ist schlechter Umgang!“ Mama nimmt ihre Hand weg und wischt sich den Mund ab.

„Woher willst du das denn wissen? Hast du etwa bei der Arbeit im Amt in ihrer Akte geschnüffelt?“, fragt Papa.

„Nein! Natürlich nicht, aber das ändert nichts daran: Sie ist schlechter Umgang. Man kann es ihr drei Meilen gegen den Wind ansehen.“

„Das stimmt doch gar nicht! Sie ist Vegetarierin!“, sage ich.

„Wie Hitler“, lacht Papa. „Gut zu Kindern und Tieren, aber leider nicht zu Juden.“

„Jap, das hat Anna auch gesagt!“

„Ach ja? Dann ist sie vielleicht auch noch ein Neonazi?“, fragt Mama.

Ahhhhh! Ich halte es nicht mehr aus. Kann sie nicht einfach aufhören? Ist ihnen nicht klar, dass Anna (abgesehen mal von Sven) die Einzige ist, die mit mir reden will? Auch wenn sie gar nicht viel redet. Erst recht nicht Smalltalk. Und auch wenn sie irgendwie etwas komisch ist, so ist sie doch irgendwie nett. Ein paar gleiche Interessen haben wir auch und sie weiß superviel. Als ich sie nach der Numerologie-Sache gefragt habe, hat sie gesagt, sie war es leid, ein Sechser zu sein, weil das bedeuten würde, man sei ein Muttertyp. Aber dann ist ihr aufgefallen, dass sie auch zwei „A“s und damit zwei Nullen im Namen hat. Und Null bei der Numerologie steht für Super-Spiritualität. Anna hat auch erzählt, sie hätte einfach geraten, dass ich etwas von der Magie der Zahlen wisse. Schon wegen den Liebespuppen und weil Julie ja auch ihr Pendel mit am Strand hatte, damals. Das hatte mich dann doch etwas beruhigt. Sie kann also wenigstens nicht meine Gedanken lesen.

Ich habe keine Nullen in meinem Namen, aber dafür habe ich das Magische Buch. Falls Anna und ich irgendwann richtige Freundinnen werden sollten, kann es schon sein, dass ich ihr eines Tages das Buch zeige.

Mama hört gar nicht mehr auf damit, Salat auf unsere Teller zu schaufeln. Wie in aller Welt kann sie dann etwas gegen Vegetarier haben?

„Anna ist wirklich toll“, sage ich. „Und es ist doch supercool mit seiner großen Schwester in einem Gartenhaus zu wohnen. Würdest du nicht auch gerne in einem Gartenhaus mit mir wohnen, Malthe?“

„Doch, ich will im Gartenbaumhaus mit Cille wohnen“, sagt Malthe.

„Ce“, sage ich. „Von jetzt an müsst ihr mich Ce nennen oder Cecilie, aber nicht mehr Cille, das ist kindisch und doof.“

„Das ist es überhaupt nicht“, sagt Mama. „Hat das auch Anna Vegetarierin wie Hitler gesagt?“

„Nein, das sage ich! Aber danke für das gemütliche Abendbrot und gute Nacht!“

Unfassbar! Was habe ich nur für eine verdrehte Familie!

Das Magierhaus

Ich rase vor Wut, als ich mich auf mein Fahrrad schwinge und davon radele. Ich halte es einfach nicht mehr aus, mir Mamas Kritik anzuhören oder Papas schlechte Witze. Vor allem nicht beides zusammen....

Ich fahre runter zum Park. Von weitem sehe ich sie schon: Kasper, Hannes und Sören auf der Skaterrampe. Julie und Helena sind auch da. Sie sitzen oben auf der einen Seite der Rampe und bewundern die Jungs. Ich drehe ab und fahre einen anderen Weg, bevor sie mich entdecken.

Die Liebespuppen liegen immer noch zu Hause auf dem Schreibtisch. Ich habe sie nicht mehr angefasst, und das werde ich sicher auch nicht. Kasper, dieser dämliche Idiot, ist hoffnungslos in Helena verknallt. Er hat anscheinend komplett vergessen, wie schön unsere gemeinsame Zeit in den Sommerferien war. Der Ausflug in den Wald. Oder unser Kinodate... Da haben wir beinahe Händchen gehalten und ich habe ihn auf den Mund geküsst. Hat er das etwa auch vergessen? Er hatte damals ja sogar gefragt, ob wir zusammen zu dieser Klassenparty am Strand fahren, doch genau seit selbiger bin ich nur noch Luft für ihn.

Ich fahre in die Ostsiedlung und weiter auf den kleinen Wegen in Richtung Schrebergärten. Ich nehme den kleinen Pfad entlang der Schienen. Wenn ich mich nicht so schrecklich einsam fühlen würde, fände ich es sicher schön, wie die Sonne langsam riesig und rot hinter den eigentümlichen Häuschen untergeht. Viele von den Häusern sind aus Holz und einige haben einen Flaggenmast vor der Tür. Außerdem stehen Gartenmöbel und Gewächshäuser rund um die Häuser und aus offenen Fenstern tönt Gelächter und Klirren von Geschirr.

Ich biege auf einen kleinen Kiesweg ab und fahre immer weiter zwischen den hohen Heckenreihen. Es fühlt sich beinahe an wie ein Labyrinth und das, obwohl ich von überall her Menschen höre. Die Schrebergartenbewohner verlassen ihr Revier erst im Winter, sagt Mama. Der Immobilienmarkt boomt in dieser Zeit, denn in Wirklichkeit haben viele von ihnen im Sommer gar kein anderes Zuhause.

Ich fahre alle Wege hoch und runter, aber von Anna fehlt jede Spur. Erst als ich die letzte Häuserreihe vor dem Wald erreiche, habe ich das Gefühl, ich könnte richtig sein. Hier wächst die Hecke wild und sieht nicht so aus wie die penibel gepflegten Büsche der anderen. Auch der Rasen ist lang und das Unkraut erobert bereits den Fußweg. Außerdem liegt ein Stuhl ohne Beine halb am Ende der Hecke versteckt.

Ich halte an. Durch ein Loch in der Hecke, wo die Blätter ausgefallen sind, sehe ich ein kleines schwarzes Holzhaus mit roten Fenstern und einem Haufen Gerümpel vor der Tür.

„11“ steht auf einen alten Dachziegel gemalt. Es kribbelt in mir vor Aufregung. Anna hatte gesagt, sie würden in der Nummer 11 wohnen! Also muss es hier sein.

„Hallo“, höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir sagen. Es ist ein Junge, mindestens 15, würde ich schätzen. Ich habe ihn überhaupt nicht kommen hören und erschrecke mich so doll, dass ich erst in die Hecke falle und mich an den Ästen ratsche und schließlich in dem kleinen Garten vor dem Häuschen lande. Der Junge springt über mein Fahrrad und hilft mir hoch. Er riecht nach Lagerfeuer und trägt eine Mütze.

„Habe ich dich erschrocken?“ Seine Stimme klingt ganz mild.

Ich schüttle mit dem Kopf, aber bemerke, wie ich mir etwas auf die Unterlippe beiße. So wie Malthe es immer macht, wenn er sich erschrocken hat. Ich höre sofort auf damit.

„Das wollte ich nicht... Bist du die neue Freundin von Anna?“

Ich weiß nicht so genau, wie ich darauf antworten soll. Anna ist irgendwie nicht der Typ, den man als seine Freundin bezeichnet. Trotzdem nicke ich.

„Sie sind unterwegs containern. Magst du vielleicht ein Glas Johannisbeersaft? Ich habe ihn selbst gemacht.“

Ni(c)k

Ich schließe mein Fahrrad ab und gehe zurück in den Garten, nur dass ich dieses Mal die Pforte benutze und nicht die Hecke. Der Junge verschwindet im Haus. Die Fenster sind ziemlich staubig und drinnen ist es dunkel. Die Gardinenstange ist auch auf der einen Seite abgefallen und im Fensterrahmen steht eine Menge Kram rum. Gut, dass Mama nicht hier ist.

Der Junge kommt mit zwei Gläsern Saft zurück.

„Du bist dann Ce, richtig?“

Ich nicke. Hat Anna etwa von mir erzählt?

„Ich bin Nik“, sagt er.

Ich lächle ihn an, während ich beginne zu rechnen N-I-K: N macht 12, also =3, I=1 und K=0.

3+8+0=11. 1+1=2.

Nik ist ein Zweier! Genau wie ich, Cecilie. Es ist schon verrückt mit diesen Zahlen! Und er sieht so gut aus... Ich bekomme fast schon Gänsehaut. Er guckt mich an, als könne er mich wie ein offenes Buch lesen. Ich versuche ganz gelassen auszusehen.

„Ich bin ein Fünfer“, sagt er schließlich und nimmt einen Schluck Saft.

Was? Ich rechne noch einmal nach.

„Ähm?“, kriege ich hervorgestammelt und sehe offenbar ausreichend verwirrt aus, um eine Erklärung zu kriegen.

„Naja... Anna meinte, du interessierst dich auch für Zahlen... also Numerologie?“ Nik hat den Kopf auf Seite gelegt und sieht abwartend zu mir.

„Schon ja, aber ich dachte, du wärst... äh...“ Ich fühle mich plötzlich schrecklich unwissend und spüre wie meine Wangen rot anlaufen.

„Ein Elfer?“, fragt Nik. „Oder ein Zweier?“

„Ja, ein Zweier!“

„Ich werde aber mit C geschrieben und 11 ist die Zahl des Magiers? Hast du davon schon gehört? Halt mal!“ Nick drückt mir die Gläser in die Hand und läuft zurück ins Haus.

Von weiter weg kann ich hören, wie Menschen munter miteinander anstoßen und sich zuprosten. Grillgeruch zieht über die Hecken hinweg.

Nick kommt mit einer Decke zurück und wirft sie vor uns ins Gras. Sie segelt über den Löwenzahn zu Boden.

„Setz dich, bei dem Wetter wäre es schade, drinnen zu sein.“ Er setzt sich auf die Decke und klopft auf den Platz neben sich.

„Äh... Kommt Anna denn bald?“, frage ich und bleibe mit den Gläsern in der Hand stehen. Ich weiß auch gar nicht mehr, aus welchem er getrunken hatte.

„Setzt dich einfach, ich werde dich schon nicht beißen.“ Nicks Augen funkeln mir entgegen. Sie leuchten im Sonnenuntergang und sehen aus wie furchtbar teure Edelsteine.

Ich setze mich also auf die Decke. Blöd nur, dass der Saft dabei überschwappt, direkt auf meine Shorts. Nick nimmt die Ecke der Decke und wischt es weg.

„Gib mir mal die Gläser“, sagt er.

Ich setze mich zurecht, während er mich schweigend beobachtet. Dann bekomme ich das eine Glas zurück und probiere den Saft. Jetzt würde ich mir wüschen, ich hätte das, aus dem er schon getrunken hatte.

„Schmeckt dir der Saft?“

Ich nicke und nehme noch einen Schluck. Mein Herz schlägt wie verrückt, aber ich bin jetzt wirklich an der Reihe, etwas zu sagen.

„Ok, aber was hat es dann mit den Elfern auf sich?“, frage ich. „So viel weiß ich zu denen nicht.“

„Wenn deine Zahl 11 ergibt, reduzierst du sie nicht weiter auf zwei. 11 ist eine Meisterzahl, genauso wie 22.

„Aha...“

„11 ist die Zahl des Magiers und deshalb besonders mächtig. Hier im Haus ist nur Platz für einen Elfer und deshalb habe ich ein C in meinen Namen eingefügt. N-I-C-K!“

„Aber wer ist der andere Elfer?“

Zwei Fahrradklingeln schlagen auf der anderen Seite der Hecke Alarm. Nick springt sofort auf, um die Gartenpforte zu öffnen.

„Hi, ihr zwei!“ Seine Stimme ist leicht und fröhlich. „Guck mal Anna, du hast Besuch!“

Ich drehe mich um und sehe wie Anna und die, die wohl ihre Schwester Sofia sein muss, von ihren Fahrrädern steigen. Nick nimmt einen Beutel aus dem Fahrradkorb und guckt rein.

„Wir haben jetzt nicht so viel gekriegt“, sagt Sofia. „Aber es wird später extrem viel im Aldi aussortiert, das können wir dann heute Nacht holen gehen, falls der blöde Köter nicht da ist. Aber das hier sollte für ein Abendbrot reichen.... Hi...“, sagt sie dann und guckt zu mir. „Du musst Ce sein.“

Ich nicke. Anna sieht böse aus.

„Wie hast du mich gefunden?“, fragt sie eiskalt.

„Äh... ich, äh... bin einfach ein bisschen umhergefahren. Ich habe mich mit meiner Mutter gestritten und dann...“

Anna lächelt und ihr Gesicht leuchtet auf. Ich bin völlig baff. Ich habe sie vorher noch nie richtig lächeln sehen.

Cecilie=11

Es ist schon dunkel, als ich nach Hause komme. Ich renne in mein Zimmer, um schnell ein frisches Shirt anzuziehen, bevor Mama irgendwas merkt. Sowohl Anna und Sofia als auch Nick haben selbst gedrehte Zigaretten geraucht. Sie husteten und haben sich darüber amüsiert, wie viel zu alt der Tabak sei. Er stank jedenfalls ganz entsetzlich. Doch obwohl der Rauch in meinen Augen brannte und im Hals kratzte, wollte ich nicht gehen. Es war irgendwie unglaublich gemütlich so. Nur, wenn Mama jetzt Rauch in meinen Klamotten riecht, würde ein Kreuzverhör beginnen.

Wir hatten uns nicht weiter über Numerologie unterhalten und ich habe auch nicht rausgefunden, wer der andere Elfer ist, von dem Nick erzählte.

Ich werfe das vollgerauchte Shirt unter mein Bett, ziehe ein neues über und wühle das Magische Buch aus dem Schrank. Ich schlage bei Numerologie auf.

Es stimmt. Cecilie ergibt... 11!

Fuck.... Das war genau das, was ich vermutet hatte. Ich wollte nur auf Nummer sicher gehen, hätte ja sein können, ich habe mich verrechnet. Und konnte es nun wirklich stimmen? 11, die Zahl des Magiers? Wieso war mir das noch nicht aufgefallen? Ich bin ein Elfer und nicht ein gewöhnlicher Zweier. Hat mich Anna deshalb auf Ce umgetauft? Weil ich kein Elfer sein kann, wenn ich sie besuchen kommen würde?

Ich blättre weiter. Hier steht etwas über Magier:

Magier sind Quellen der Inspiration. Wenn sie den Mut haben, auf sich selbst zu vertrauen, können sie Wissen aus der Zukunft entnehmen. Deshalb können Magier andere Menschen leiten und Wege aufzeigen. Wenn die Magier aber einen Hang zum Fanatismus haben und ihre Macht über andere missbrauchen, wird ihre Kraft schnell zur schwarzen Magie.

Schwarze Magie? Praktizieren sie schwarze Magie in diesem Gartenhaus? Und was ist mit mir? Kann mir das passieren, nur weil ich zufällig ein Elfer bin? Mein Hals schnürt sich zu, so als ob ich selbst mitgeraucht hätte.

Glücklicherweise ist es aber nicht nur schlecht, die Magierzahl zu haben. Da ist ja auch die Sache mit dem Wissen aus der Zukunft, wenn man nur an sich glaubt. Ich möchte gerne mehr auf mich vertrauen. Ich würde auch gerne in die Zukunft sehen.

„Wo in aller Welt bist du gewesen?“ Mama steht plötzlich in der Tür. Ich klappe das Buch schnell zu, ziehe mein Matheheft drüber und tue so, als würde ich irgendwelche Aufgaben lösen.

„Ich war nur kurz bei Julie“, murmle ich.

„Ach so, habt ihr euch denn wieder vertragen?“ Mama klingt misstrauisch. Hat sie Julies Mutter angerufen? Es ist ihr zuzutrauen, mich so in die Falle laufen zu lassen. Sie würde warten, bis ich mir das eine oder andere ausgedacht hätte, was ich mit Julie gemacht habe. Erst nach Ewigkeiten würde sie sagen, sie hätte gerade mit Julies Mutter gesprochen und die hätte gesagt, mich hätten sie ewig nicht gesehen und dass das wohl meine eigene Schuld sei.

„Nein, wir haben uns nicht wieder vertragen, wir sind keine Freunde mehr. Ich habe keine Freunde. Begreifst du das?“ Ich kann mir nicht helfen, die Worte kommen einfach so aus mir herausgesprudelt.

Mamas Unterkiefer klappt nach unten. Wenn mir nicht eher nach heulen zumute wäre, hätte ich sicher gelacht, so doof wie das aussah. Wie in einem Zeichentrickfilm.

„Aber meine Kleine....“ Mama streckt ihren Arm nach mir aus, um mich zu streicheln, aber ich drehe mich weg, sodass sie mich nicht berührt. Ich bin immer noch wütend auf sie und sehe ihr bewusst direkt in die Augen. Dabei denke ich mir: Ich bin ein Magier, ich habe Selbstvertrauen und ich kann in die Zukunft sehen. Sofort blitzt ein Bild vor meinem inneren Auge auf. Mama, wie sie lacht, und Papa mit roten Augen vor unserem Haus. Mich sehe ich auch: Ich bin in meinem Zimmer und sehe zu ihnen. Sie wissen nicht, dass ich sie sehen kann. Ist das etwa was, das in der Zukunft passiert? Das hoffe ich wirklich nicht, denn Papa sieht sehr unglücklich aus.

Ich schüttle mich und atme tief ein.

„Wo ist Papa?“ Ich weiß, es trifft sie, dass ich genau in diesem Moment nach ihm frage. So war es schon früher immer. Wenn ich auf sie sauer war, wollte ich von Papa getröstet werden, und ich wusste schon damals, wie sehr sie es hasste. Gerade ist es nicht einmal, um sie zu ärgern. Das Bild in meinem Kopf von Papa mit den roten Augen bringt mich dazu.

Aber Mama hat sich schon abgewandt. Sie fragt, was ich denn denke, wo er ist. Und ich weiß es ja auch. Er schläft vor dem Fernseher, wie immer. Wenn ich mich anstrenge, kann ich ihn sogar im Wohnzimmer schnarchen hören.

China

Anna ist nicht zur ersten Stunde aufgetaucht, also sitze ich alleine in der hintersten Bankreihe. Das ist ziemlich ungünstig, da wir in Geographie in Zweiergruppen arbeiten müssen. Es geht um China. Und noch bevor ich überhaupt Hongkong denken kann, steht Sven vor mir und macht Schlitzaugen.

„Wie heißt Chinas Wirtschaftsminister?“, fragt er mich. Ich zucke nur mit den Schultern und schaue zu Helenas und Julies tanzenden Pferdeschwänzen. Woher sollte ich es auch wissen.

„Ching Ling Money Kling.“ Sven schlägt sich vor Lachen auf den Bauch und lässt sich auf Annas Stuhl fallen. Es hört sich haargenau an wie Papas Witze. Sven ist so platt.

Herr Hein hat die Tafel mit unterschiedlichen Themen vollgeschrieben, zwischen denen wir jetzt wählen sollen.

„Wir würden gerne Tanzen machen“, sagt Helena. Tanzen ist kein Thema von der Tafel. Es ist so typisch für Helena: Sie muss immer eine Extrawurst haben.

„Okay, gut. Wenn ihr mir eine gute Begründung nennt, könnt ihr das gerne machen.“ Hinkeheiner lächelt und schreibt Tanzen und Julie + Helena an die Tafel.

„Wir gehen jetzt immer in die Tanzschule, und da wäre es doch interessant herauszufinden, ob Chinesen auch tanzen.“

„Na dann!“ Hinkeheiner ist ganz begeistert. „Es ist immer gut, seinen Interessen mit Leidenschaft nachzugehen“, sagt er und erzählt eine Räubergeschichte von irgendeiner alten chinesischen Weisheit, die besagt, man könne ein Volk an ihrem Tanz erkennen.

„Was wollen wir machen?“ Sven starrt zu mir und ich starre an die Tafel und seufze. Ich komme nicht auf ein einziges Interesse von mir. Also jedenfalls keins, das ich mit Sven oder ganz China gemeinsam hätte.

„Wie wäre es mit Essen? Ich liebe Frühlingsrollen“, flüstert er.

„Hannes und ich wollen gerne etwas zur Ein-Kind-Politik machen“, meldet sich Kasper.

„Und Sex!“, ruft Hannes hinterher.

Julie und Helena drehen sich zu ihnen um und kichern.

„Ausgezeichnet“, sagt Hinkeheiner. „Die Ein-Kind-Politik hat China sehr beeinflusst. Dadurch, dass lange viel mehr Mädchen als Jungen geboren wurden, gibt es beispielsweise auch viele homosexuell orientierte Menschen.“

Hannes guckt plötzlich ganz verdreht aus der Wäsche und die ganze Klasse krümmt sich vor Lachen.

„Essen ist okay“, murmle ich zu Sven.

„Wir nehmen Essen!“, ruft er sofort. Und dann ist es passiert: An der Tafel steht Sven + Cecilie und Essen. Hannes hat sich wieder gefangen und pfeift dämlich und zwinkert uns zu und sagt „ohoo“. Aber was soll’s... Ich bin schließlich ein Elfer. Ich muss an mich glauben, wie ein richtiger Magier. So rede ich mir selbst Mut zu.

„Anna ist auch bei uns. Sonst hätte sie ja keine Gruppe“, sage ich laut. Aber ich bereue es sofort. Julie und Helena gucken erst verstohlen zu mir und fangen dann an zu tuscheln.

„Wir freuen uns schon jetzt auf die Leckereien, die ihr uns serviert“, sagt Herr Hein und reibt sich die Hände, nachdem er auch Annas Namen an die Tafel geschrieben hat.

Sie kommt in der ersten großen Pause und rettet mich. Also Anna.

Helena und Julie haben sehr offensichtlich auch mit dem Tanzen angefangen, allerdings in der Tanzschule. Am richtigen Ort. Dazu haben sie ein enormes Bedürfnis die Choreographie, die sie gelernt haben, jetzt allen vorzuführen. Als hätte sie jemand gefragt! Es ist auch nur halb so kompliziert wie bei mir. Aber trotzdem sieht es bei ihnen wirklich professionell aus, wie sie so selbstsicher wild mit ihren Haaren und Armen schwingen.

„Was in aller Welt machen die Möchtegern-Spicegirls denn da?“ Anna lässt sich auf ihren Stuhl fallen. Ein Rauchgeruch strömt mir entgegen, während sie mehrere Beutel mit Obst aus ihrem Rucksack hievt.

„Magst du was? Von letzter Nacht aus dem Aldi.“

„Wart ihr containern?“, flüstere ich und nehme mir einen Apfel. Er sieht gut aus. Ich beiße ab.

Anna nickt und sagt so laut, dass die ganze Klasse es hören kann: „Es ist unverantwortlich gegenüber allen Menschen, die hungern müssen, so viel noch gute Lebensmittel in den Müllcontainer zu werfen.“

Müllcontainer? Containern? Der Apfel, von dem ich gerade abgebissen habe, war in einem ekligen, stinkenden Mülleimer? Ich bilde mir sofort ein, ich könne es schmecken: Vergammeltes Essen und Rattenkacke.

Helena und Julie sind mitten in ihrer Aufführung erstarrt.

Erst glotzen sie nur blöd, dann tuscheln sie. Mal wieder.

Irgendwie fetzt es schon, wie Anna einfach daherkommt und ihnen ihre Show und alle Aufmerksamkeit stiehlt. Aber auf der anderen Seite weiß ich nicht so genau, was ich wirklich davon halten soll. Denn je mehr die anderen uns so ansehen, desto mehr höre ich auf, die alte Cille zu sein. Ich werde zu einer, die zu Anna gehört, die wie sie schwarze Sachen trägt, weiße Haut und rote Haare hat. Werde ich wie Anna, die raucht und containert und schwarze Augen hat? Heute, mit den spitz zulaufenden Lidstrichen, sieht sie passenderweise beinahe etwas asiatisch aus.

Ich tue so, als müsse ich auf die Toilette, will aber eigentlich nur den Apfel wieder ausspucken. Igitt. Hauptsache, ich werde nicht krank davon.

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