Kitabı oku: «Tanz der Zwerge»
Anne Marie Løn
Tanz der Zwerge
Ins Deutsche übertragen
von Knut Krüger
Lindhardt & Ringhof
Ich sehe die Welt,
mit Blumen geschmückt,
weiß, eine Unwetternacht
ist der Preis für das Glück
Viggo Stuckenberg
ERSTER TEIL
1
Verfluchter Kerl ...»
Der Kutscher hatte sich von seinem Bock erhoben und brüllte mich über das Pferd hinweg an, das sich gerade aufbäumen wollte.
«Hat so ein blöder Gnom nichts anderes zu tun ... Läuft hier auf offener Straße herum und verschreckt die Pferde anständiger Leute.»
Meine Beine wirbelten wie Trommelstöcke über das Pflaster. Das Pferd begnügte sich mit einem Wiehern, das gemeinsam mit dem klappernden Geräusch der Schuhe von der Mauer des Wohnhauses widerhallte und über den Bürgersteig auf die Straße zurückgeworfen wurde.
Die Luft war von Aufruhr erfüllt – der Wutausbruch des Kutschers, das Läuten der Fahrradglocken und das vereinzelte Hupen eines Automobils ließen die Leute innehalten. Meine Schuhspitze stieß hart gegen die Kante des Bürgersteigs. Nachdem ich um ein Haar gestrauchelt wäre und erst im letzten Moment das rettende Ufer erreichte, hatte meine Person, wie man sich denken kann, alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
«Winziges Biest!», fauchte eine Frau so dicht neben mir, dass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte.
«Knotige Missgeburt!», übertrumpfte sie ein Laufbursche mit einem Handkarren.
Ich hätte aus Höflichkeit meinen Hut gelüftet, wenn ich einen aufgehabt hätte. Doch ich trage keine Hüte, weil sie den überdimensionalen Umfang meines Kopfes hervorheben – bei großer Kälte allenfalls eine Baskenmütze und manchmal zu Hause, im Sommer, eine Schiffermütze.
Nachdem ich unbeschadet zur Haustür hineingekommen bin, stehe ich keuchend auf dem Treppenabsatz zum ersten Stock, halte mich am Mauervorsprung fest, über dem sich das Fenster zum Hof befindet. Das Rankenmuster der großen Scheibe tanzt vor meinen Augen. Eine Amsel sucht Resonanz im Schacht des Hinterhofs, und ich spüre, wie reizbar ich bin.
Mit einem Finger schiebe ich die Brille näher an meine Augen heran, während ich versuche, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Ich habe keinen Nasenrücken, was sehr unpraktisch ist, weil ich schlecht sehe.
Der regnerische Maitag und meine heftigen Atemstöße haben meine Brillengläser beschlagen lassen. Ich beuge meinen Kopf zur Seite, sodass ich die Gläser notdürftig mit dem Jackenärmel polieren kann, während das Herz langsam an seinen angestammten Platz zurücksinkt, der aber auf einmal viel zu klein wirkt.
Die Atemnot, die mich oft auch dann überfällt, wenn ich gar nicht laufe, ist mir längst vertraut. Ständig machen sich meine Lungen und mein Hohlkreuz den Platz streitig. Die Krümmung meines Rückgrats nach links, die ich durch ein permanentes Beugen nach rechts auszugleichen versuche, verstärkt den unvorteilhaften Druck in meinem Körper.
Alles beruhigt sich einigermaßen, aber der Schrecken macht sich als Zittern in den schlappen Gelenkbändern des Knies bemerkbar, als ich die Fensterbrüstung loslasse und mich die letzten neun Stufen zu meiner Wohnungstür am Treppengeländer hinaufziehe.
Natürlich habe ich anderes zu tun, als die Pferde anständiger Leute aufzuschrecken. Heute habe ich auf vier Begräbnissen gespielt; gestern begleitete ich drei geschmückte Särge samt Trauergesellschaft aus der Kapelle des Westfriedhofs hinaus, und morgen werde ich wieder unbemerkt hinter der Balustrade der Empore sitzen, und die motorische Sicherheit meines Orgelspiels wird die meiner Atmung bei weitem übertreffen.
Eines Tages wird vielleicht der Kutscher, der mir nachrief, mit der Mütze in der Hand in der Kapelle stehen und dem Herrgott oder dem Unbekannten hinter der Balustrade einen Dank für die schöne Zeremonie hinaufschicken.
So gesehen bin ich eine genauso ehrbare Person wie der aufgebrachte Kutscher oder sonstwer, abgesehen von der Tatsache, dass ich ein Zwerg bin. Mit meinen 52 Zoll und meinem auffälligen Äußeren kann ich Menschen, die mich nicht täglich sehen, leicht in Verwirrung stürzen.
Wenn ich die unzweideutige Reaktion der Tiere – der Pferde (das ist mir schon öfter passiert) sowie der Hunde – bedenke und sie auf die Menschen übertrage, glaube ich, dass ihr Zorn eine Folge der Angst sein muss. Die Tiere erschrecken einfach vor meinem Äußeren, verhalten sich aber im Übrigen genauso wie meine Mitmenschen: Wenn sie sich erst einmal an mein Aussehen gewöhnt haben, fürchten sie sich nicht mehr.
Während ich mit dem Schlüssel herumfummle, wird mir schlagartig klar, wo ich mich eigentlich befand, als ich vorhin so geistesabwesend die Straße überquerte. Das Profil einer Frau, das ich im schräg über der Orgel angebrachten Spiegel erblickte, traf mich wie der Anblick einer Sternschnuppe, als sich die vorletzte Trauergemeinde während der Zeremonie erhob. Wie gelähmt saß ich vor dem Manual und sah das Profil aus dem Spiegel verschwinden, als die Gemeinde sich wieder setzte, um «Der gesegnete Tag» zu singen. An das Postludium kann ich mich nicht erinnern.
Den gesamten Heimweg über versuchte ich mir die Sekunden in Erinnerung zu rufen, in denen ich versäumt hatte, mich lautlos an die Balustrade zu stellen und hinunterzublicken. Außerdem warf ich mir vor, nicht schnell genug wieder in den Spiegel geschaut zu haben, als sich die Gesellschaft bei der letzten Strophe «So kehren wir heim ins Vaterland» erneut erhob, während der Sarg hinausgetragen wurde.
Der Tumult auf der Straße war vollkommen selbstverschuldet; ich hatte nichts anderes im Kopf gehabt, als die Gelegenheit, die ich innerhalb weniger Sekunden verspielt hatte. Wer würde sich nicht über einen Fußgänger aufregen, der weder nach links noch nach rechts schaut?
Das reale Bild des Profils ist verblasst, doch ich spüre immer noch, wie die Verzückung, welche die Erscheinung hervorrief, wiederkehrt, aus allen Teilen des Körpers warm zusammenströmt und sich wie ein Bündel aus Samt und Gold um mein Herz schließt, als ich den Schlüssel ins Schloss stecke.
Organist – eine ehrenwerte Tätigkeit, in aller Bescheidenheit gesagt. Was wäre eine Trauerfeier ohne Orgelmusik ... ein Käfer ohne Panzer. Was wäre das Leben ohne Musik ... Mühsal ohne Erbauung ... ich weiß es wirklich nicht.
Als ich noch in der Wiege lag, spielte mein Vater mir zu Hause auf unserem Flügel bereits Chopin, Schubert und dänische Kinderlieder vor.
Meine Geschwister, von denen zumindest einige zu Übertreibungen neigen, behaupten, wenn Vater Rubinsteins a-Moll-Sonate für Klavier und Violine spielte, hätte ich bei bestimmten Sätzen vor Vergnügen gejauchzt und so heftig gestrampelt, dass die Verstrebungen der Wiege ächzten.
Die Ambitionen meines Vaters erwachten auf der Stelle. So wie Dädalos ein Labyrinth für König Minos schuf, errichtete er um mich herum ein solides Bauwerk des Ehrgeizes, das mich für viele Jahre gefangen hielt. Ich habe mich aus dem Labyrinth befreit und bin mit den Flügeln emporgestiegen, die er mir aus Wachs und Federn gefertigt hatte, doch ich war klüger als Ikarus. Ich habe vermieden, der Sonne so nahe zu kommen, dass deren Wärme das Wachs hätte schmelzen können.
Mein Verhältnis zur Wirklichkeit war nie versöhnlicher als jetzt, doch mein Weg von der Wiege zur Friedhofskapelle war lang. Der Ehrgeiz, den mein Vater in meine Entwicklung setzte, pflasterte diesen Weg mit kleinen, scharfen Steinen, die durch die Sohlen meiner spezialangefertigten Schuhe schnitten. Ich beklage mich nicht. Das Kitzeln und Stechen hat mich dazu gebracht, die Füße zu heben und Schritt für Schritt voranzukommen.
2
Mein Leben lang habe ich mich mit Musik beschäftigt. Als ich mit drei Jahren meine ersten Schritte machte, führten sie mich auf direktem Wege zum Flügel des Hauses. Dies geschah mit demselben Instinkt, mit dem ein Kängurujunges nach der Geburt in den Beutel mit der Leben spendenden Zitze emporkrabbelt, um sich dort die Nahrung für sein weiteres Wachstum zu sichern, bis es voll entwickelt ist.
Als ich, auf einem Schemel stehend, die mittlere Oktave der Klaviatur in Beschlag nahm, ahnte die Familie sogleich, dass ich im Laufe der Zeit der Geschichte des Flügels ein neues, wesentliches Kapitel hinzufügen würde. Mit den Enden meiner Stummelfinger erreichte ich die Tasten, hielt mein Ohr daran und ließ von Beginn an Tonfolgen erklingen, die gewissen mathematischen Gesetzmäßigkeiten gehorchten, sodass selbst die pragmatischsten Zuhörer diese Klänge als Musik bezeichnen mussten.
Der Flügel auf Willhofsgave ist ein legendäres Instrument und Bestandteil des Kulturerbes. Eines der klassischen dänischen Lieder, das heute alle auf den Lippen haben, wurde von einem meiner Verwandten darauf komponiert, bevor ich zur Welt kam. Als ich begann, mir Dreiklänge zusammenzusuchen, und linke und rechte Hand sich unmerklich vereinten, um Akkorde mit Grundton, Terz und Quinte hervorzubringen, entschied meine begeisterte Familie, dass ich von Erbanlagen begünstigt sein müsse, die sich durch die Komponisten der mütterlichen Linie im Laufe von Generationen emporgearbeitet hätten, um sich als neue musikalische Genialität zu offenbaren.
Dieser Entschluss wurde mit so unerschütterlicher Selbstsicherheit gefasst, dass selbst heute – mit Ausnahme meines einzigen Bruders Helmuth – niemand wahrhaben will, dass ich nicht in der Königlichen Kapelle am Kongens Nytorv, sondern in der Friedhofskapelle spiele.
Für mein damaliges Problem, die benachbarten Oktaven zu erreichen, fand mein Vater eine Lösung. Resolut nahm er Maß, setzte sich in die Bibliothek und fertigte eine Zeichnung für einen niedrigen und extrem langen Schemel an. Die Skizze ließ man der Tischlerwerkstatt des Gutshofs als Eilauftrag des Hauptgebäudes zukommen.
Ich erinnere mich immer noch an das phantastische Gefühl, als meine Reichweite mit meinem Bedürfnis zur Deckung kam, auch die hohen und tiefen Töne zu erreichen. Die Hände gewöhnten sich fast augenblicklich daran, den Füßen zu signalisieren, wohin sie sich bewegen sollten. Bald steppte ich auf dem Schemel unbeschwert hin und her. Die Familie lachte und sagte, dass so zur Musik noch eine regelrechte Tanzvorführung hinzukäme.
Wenn ich von dem Klavierschemel heruntersprang, war mein Gang natürlich genauso unbeholfen und watschelnd wie zuvor, doch mein Vater erklärte, an dem Tag, an dem die Musik mir erst als Teil meiner Persönlichkeit in Fleisch und Blut übergegangen wäre, würde ich mich überall mit derselben Anmut und Leichtigkeit bewegen wie meine Finger auf dem Manual, und die Welt würde einen Gang von solcher Eleganz kennen lernen, wie er niemals zuvor bei einem Menschen meiner Physiognomie zu sehen war.
Zu diesem Zeitpunkt war das Phänomen von französischen Professoren als Achondroplasie diagnostiziert und von deutschen Forschern als Chondrodystrophia fetalis bezeichnet worden, wohingegen die Dänen sich mit einer Diagnose noch zurückhielten, weil man auf dem Feld des Nanismus nicht mit differenzierenden Begriffen arbeitete, sondern alle Arten des Zwergwuchses als fetale Rachitis bezeichnete.
Wie ich so auf dem Schemel stand und mir die Saiten im Innern des Flügels die Fragen, die ich an die Tasten stellte, beantworteten, versank ich völlig in meinem Spiel. Schon bald lehrten mich die Tasten, ihren Willen zu begreifen, und wenn sie mich spüren ließen, dass alles seine Richtigkeit hatte, verwandelte sich der Raum in ein mächtiges Tongebilde, das alles andere verdrängte.
Das ist womöglich das Gefühl, das man göttlich nennt.
Aber mein Verhältnis zur Musik ist kein göttliches, abgesehen von der selbstvergessenen, überirdischen Freude, die einen – im Bewusstsein, ein Handwerk auszuüben – in gewissen Momenten ergreifen kann.
Während ich auf diese Weise heimlich zwischen Himmel und Erde verschwand, brachen ein oder mehrere Familienmitglieder den Zauber, indem sie betonten, mich auf dem Schemel zwischen Boden und Decke sowohl hören als auch sehen zu können.
In den vielen Jahren, in denen ich, wie von meinem Vater vorgegeben, nach Höherem strebte, hatte ich nur noch selten das Gefühl zu verschwinden. Mit der Zeit begriff ich, dass ich nicht zu Außerordentlichem geboren war, und mein Gang unterscheidet sich wohl auch nicht wesentlich von dem anderer Zwerge.
Meine Orgel hat zwei Manuale und ein Pedal. Das tiefste Register des ersten Manuals ist Bordun 16' aus gut gelagertem Kiefernholz. Prinzipal 8' ist mit seinem 15-lötigen Zinn und dem schön einsetzenden, kräftigen Klang wahrhaftig der Prinzipal aller anderen Pfeifen. Er klingt sehr hübsch mit Flute harmonique 8' und Ottava 4'. Das erste Manual hat außerdem Tromba 8', es klingt wie die Posaune des Jüngsten Gerichts.
Das zweite Manual verfügt über Gamba 8', Aeoline 8', Vox Celeste 8', Bordone 8' und Flute travers 4'. Im Pedalwerk habe ich Subbass 16' und Cello 8'.
Das erste Manual zeichnet sich durch Kraft und Schönheit, das zweite durch einen edlen, romantischen Klang aus. Ich kann sie dazu bringen, so zu klingen wie die Cavaillé-Colls-Orgel der Jesuskirche ganz in der Nähe, obwohl diese sehr viel größer ist.
Das Gehäuse, die gesamte Mechanik und die Windladen bestehen aus Mahagoni, Eichen- und Kiefernholz. Die weißen Tasten sind aus Elfenbein, die schwarzen aus Ebenholz. Die Registerknöpfe wurden aus Ebenholz gedrechselt und tragen eingelegte Porzellanschildchen mit den Namen der Register.
Die Orgel wurde nach den neuesten pneumatischen Prinzipien gebaut, was ein sehr effektvolles Spiel der zwölf Register ermöglicht, die man auf unendlich viele Weisen miteinander verbinden und mischen kann. Sie sind nach dem Kammerton gestimmt, und das erste und zweite Manual sind so eingerichtet, dass sie sich sogar während des Spiel miteinander kombinieren lassen.
Ich nenne die Orgel mein Eigen, und es erfüllt mich mit Freude, sie zu beschreiben. Mein so genanntes Verschwinden war ein kindliches Spiel; die Muschel existiert, aber die Schale hat sich um den beschädigenden Fremdkörper herum geschlossen, sodass die Wogen des Meeres sie frei umspülen können. Über dem eingeschlossenen Sandkorn bildet sie Schicht für Schicht Perlmutt, und so spürt die Muschel fortwährend, dass sie am Leben ist.
3
In der Willhof-Holm-Familie war die Begeisterung ganz auf meiner Seite, als ich den bürgerlichen Beruf des Organisten ergriff und dieses halb geistliche Amt für ein festes Gehalt von 1800 Kronen jährlich zuzüglich 4 Kronen und 82 Öre für jeden Gottesdienst antrat.
Wir Mitglieder der hauptstädtischen Friedhofsverwaltung sind die am besten bezahlten Organisten des Landes, gleich nach den Domorganisten. Ich bin – im Gegensatz zu meinem früheren Lehrer Thorvald Nielsen, Organist und Kantor der Frederiksberg Kirche – nicht mehr darauf angewiesen zu unterrichten, Klaviere zu stimmen und Vertretungen zu übernehmen. Über die finanzielle Seite dieser Angelegenheit habe ich meiner Familie wohlweislich nicht allzu detailliert Rechenschaft abgelegt.
«Friedhofsverwaltung!»
Das Gesicht meines Vaters wurde weißer als sein Haar. Hinter dem faltigen Pergament seiner Haut wurden seine beschwörenden Prognosen über meine glänzenden Zukunftsaussichten als Künstler unkenntlich und sein unerschütterlicher Glaube an meine besondere musikalische Begabung und meine offenkundige Fähigkeit, die Wirklichkeit zur Kulisse zu degradieren, völlig sinnlos. Der Wirklichkeit und dem Leben am nächsten ist – gleich nach der Geburt – der Tod.
Mit meiner Anstellung hatte ich ihm den letzten Rest seiner immer realitätsferneren Träumereien bezüglich meiner Solistenlaufbahn ausgetrieben und seine vage Hoffnung begraben, mein Talent könne ein Gebrechen in eine unbedeutende Beeinträchtigung künstlerischer Hochleistung verwandeln. Außerdem hatte ich seinen Status als mein Mäzen untergraben.
Gewisse pekuniäre Umstände, die mit heute weniger denn je überschaubaren finanziellen Schwierigkeiten meiner Familie zusammenhängen, zwangen mich vor zwei Jahren, die Organistenprüfung abzulegen und eine Stelle anzutreten. Ein Beleg meines Savoir-faire.
Bis zu meinem neunundzwanzigsten Lebensjahr hatte ich dazu beigetragen, die Illusion meines Vaters über seinen konzertierenden Sohn zu nähren. Doch mein Leben ist keine Illusion. Ich lebe, und es ist eine Tatsache, dass heute ein Frauenprofil in den Spiegel über der Orgel hineinglitt und dass dessen Anblick eine Wärme erzeugt, die aus allen Körperteilen zusammenfließt und mein Herz umschließt.
Die Gesichtshaut meines Vaters hat wieder Farbe angenommen. Er weiß nur zu gut, dass Erkenntnis Erfahrung voraussetzt und Einsicht nach der Erkenntnis kommt. Was für Erkenntnisse er nach seiner unmittelbaren Reaktion gewann, als ich meinen Rückzug aus den Reihen potenzieller Schöngeister kundtat, weiß ich nicht.
Doch ich freute mich – gemeinsam mit meiner Mutter und meinen zu Hause wohnenden Schwestern – während der gesamten, über das Wasser führenden Fahrt nach Willhofsgave darüber, dass mein Vater in seinem hohen Alter mit verblüffender Vitalität seine philosophischen Studien wieder aufnahm. Die Werke seines Jugendfreunds Harald Høffding über die Einheit und Kontinuität des Bewusstseins wurden im Lichte der neuen Situation repetiert und bearbeitet. Besonderes Gewicht lag auf dem psychophysischen Parallelismus, den er schon in ganz jungen Jahren mit Høffding zusammen bei Spinoza studiert hatte und der ihn zu Beginn der neunziger Jahre, als ich ein Säugling war, erneut beschäftigte. Aus den heimischen Bulletins lernte ich, dass der alte Mann immer noch nicht immun war gegen das Allheilmittel, sich in philosophische oder literarische Dinge zu vertiefen, um Licht in das Dunkel zu bringen.
Obwohl ich meinem Vater immer wieder beteuert habe, mein Talent ganz und gar ausgeschöpft zu haben, wird er insgeheim bis ans Ende seines Lebens über die Kollision meiner Behinderung mit meinen Karrierechancen nachgrübeln und zu der Ansicht neigen, die Behinderung hätte diese beeinträchtigt. Natürlich hat es eine Kollision gegeben, doch ich finde es sinnlos, mich mit Mutmaßungen abzuplagen, welche Teile meiner Persönlichkeit anderen Teilen eventuell im Weg gestanden haben könnten.
Ich halte mich an einen interessanten Gedanken von Grundtvig über Körper und Geist, der mir manchmal in den Sinn kommt, obwohl mein Vater alles, was von diesem Mann stammt, als «unwissenschaftliches Geschwätz» bezeichnet: «Vielleicht war er ein Dichter; ein Denker war er jedenfalls nicht. In diesem Herrn steckte zu viel Materie und zu wenig Geist.»
Betreten habe ich gehört, wie er viele von Grundtvigs Kirchenliedern ohne den Respekt und die Großherzigkeit zerpflückt hat, die ihn sonst auszeichnen und die er seinen Kindern so erfolgreich vermittelt hat. So einen Quatsch, sagt er, hat man in Dänemark nie zuvor gehört, zum Beispiel, dass der Bauer vom Licht der Aufklärung durchdrungen sei, weil er gemeinsam mit der Sonne aufstehe, und dass der Bauerntrampel im Gegensatz zum Gelehrten einen Geist wie das Nordlicht habe.
Ich finde, Estrups phantasielose Kabinettspolitik passt einfach nicht zu meinem Vater. Dennoch war er über viele Jahre ein eingefleischter Estrup-Anhänger und teilte dessen Standpunkt, das allgemeine Wahlrecht sei eine Torheit. Von meinem Urgroßvater weiß ich genug, um mir vorstellen zu können, dass er sich im Grab herumdrehen würde, wenn ihm diese Anschauung des dritten Erbhofbesitzers zu Ohren käme. Auch mein Großvater wäre nicht gerade stolz auf den politischen Sinneswandel seines Sohnes.
Ich sehe meinen Vater das Gesangbuch mit allen Zeichen der Missbilligung zuschlagen und den Vorgängen um ihn herum den Rücken zukehren, wenn in der heimischen Kirche Grundtvig gesungen wird. Er wendet sich also, um es einmal so auszudrücken, ziemlich oft ab.
Dass mein Geschlecht sich über vier Generationen auf Willhofsgave halten konnte, beruht auf einer ausgewogenen Mischung von Geist und Materie. In meiner Generation hat, wie ich finde, der Geist überhand genommen. So wie ich meine Ahnen durch Studien und die Privatdokumente des Gutshofs kennen gelernt habe, wären sie darin völlig einer Meinung mit mir.
Für meinen Vater spricht, dass er sich sein ganzes Leben lang, zuerst als junger Hoferbe und später als Erbhofbesitzer, in die Enge getrieben fühlte und stellvertretend für die Familie um den Besitz des Gutes fürchten musste. Das ist keine Vermutung, sondern eine Tatsache.
4
«Hättest du dir nicht eine schöne Pfarrkirche in Kopenhagen aussuchen können, Tyge?»
Das fragte meine Mutter zu Hause während der Weihnachtsferien. Ich hatte soeben eine schriftliche Zusage der Kopenhagener Friedhofsverwaltung erhalten, die ab dem 1. Januar 1921 unabhängige Organisten- und Kantoratsstellen eingerichtet und auf einen Schlag zehn Organisten eingestellt hatte. Constance hatte mich auf ihr Zimmer gerufen – das war, bevor das Gesicht meines Vaters wieder Farbe angenommen hatte.
«Ich habe das Amt mit dem größten Arbeitspensum und der besten Bezahlung gewählt, liebe Mutter.»
Das war die schonendste Antwort gewesen, die ich ihr hatte geben können. Dennoch rang sie nach Atem und griff sich an den Hals. Über Geld oder über Arbeit um der Arbeit willen zu sprechen, stellt in meiner Familie eine gewaltige Provokation dar; alles soll einem höheren Ziel dienen und sich über das materielle Gewinnstreben erheben.
Ich ersparte ihr den Hinweis, dass ein Kirchenvorstand kaum einen Zwerg anstellen würde, wenn es sich vermeiden ließe. In Kirchenkreisen ist man überhaupt empfindlich gegenüber Abweichungen jeder Art. Selbst ein unbestreitbares musikalisches Talent wie Rued Langgaard, Sohn des Königlichen Kammermusikus und Komponisten Siegfried Langgaard und der Pianistin Emma Langgaard, den ich von verschiedensten Anlässen her kenne, scheitert jedes Mal, wenn er sich um eine freie Organistenstelle bewirbt.
Er ist ein ungehobelter Kerl – obwohl dies doch nichts im Vergleich zum Auftreten eines Zwergs ist – und kann einen regelrecht uncharmanten, geradezu abstoßenden Eindruck machen, sofern man ihn nicht näher kennt. Ich habe sogar gehört, dass ihm erst kürzlich eine Stellvertretung verweigert worden ist – eine Form der Berufsausübung, an der ich immer viel Freude gehabt habe. Er schlägt sich so durch, obwohl seine Eltern zu den führenden Persönlichkeiten der musikalischen Welt zählen. Er war so unvorsichtig, die Musik Carl Nielsens als «ordinären Humbug» zu bezeichnen; so etwas tut man nicht ungestraft. Außerdem wird ihm nachgesagt, er habe Beethoven einen Rüpel am Klavier genannt und zu Brahms’ Musik geäußert, sie stinke nach Bier und Zigarren. Auf eigene Rechnung möchte ich hinzufügen: und nach Frauen; ich halte sehr viel von Brahms.
Hätte ich eine Wahl gehabt, will ich nicht ausschließen, dass ich meine jetzige Stelle möglicherweise aus genau den Gründen angetreten hätte, die ich meiner Mutter angab: Zeit und Geld. Ledige haben mehr Zeit als Verheiratete. Und ein lediger Zwerg hat unvergleichlich mehr Zeit als ein lediger Nicht-Zwerg.
Außerdem – wie ich es auch drehe und wende – gehören Geld und Freizeit in meinen Augen zusammen. Ich kann nicht von der Tatsache absehen, dass mein Unterhalt, der Spezialanfertigungen von Kopf bis Fuß erfordert, ziemlich kostspielig ist. Auf diesem einen Gebiet bin ich meiner guten Erziehung treu und achte sorgsam auf meine Gesundheit. Meine Eltern haben sich in dieser Hinsicht nicht lumpen lassen, obwohl sie dafür andere Entbehrungen in Kauf nehmen mussten, und auch ich lasse es an nichts fehlen: Massagen, Korsetts, Beinschienen, Zahnregulierung ... Alles in meinem Körper rumort und arbeitet, sodass die Hilfsmittel von Zeit zu Zeit gewartet und erneuert werden müssen. Es ist auch nicht unwesentlich, dass mir das Geld Gelegenheit gab, eine gewisse Eitelkeit hinsichtlich meiner Kleidung zu befriedigen. Gut gekleidet zu sein, ist eine wahre Wohltat für mich, und weil ich es genieße, kann auch, so glaube ich, mein äußeres Erscheinungsbild davon nur profitieren.
Mehr Worte haben wir bei dieser Gelegenheit nicht gewechselt. Während meine Mutter sich wieder fasste, fiel mein Blick auf ihre Fotografien meiner Schwestern und meines ungewöhnlich hübschen Bruders, der ihr so ähnlich sieht, dass man ihn glatt für eine jüngere Ausgabe ihrer selbst halten könnte, wenn er sich den Schnurrbart abrasieren und eine Perücke aufsetzen würde. In den Schreibtischschubladen bewahrt sie auch viele Bilder von mir auf, doch an der Wand bin ich nur auf einem Familienfoto vertreten, das von ihrer silbernen Hochzeit stammt. In einem weißen Kleidchen mit zungenförmigem Kragen stehe ich, sechs Jahre alt, ganz dicht bei ihr. Mein Haarschopf reicht ihr gerade bis an die Hüfte.
Meine Eitelkeit beschränkt sich für gewöhnlich auf Äußerlichkeiten; von der Eitelkeit des Herzens werde ich selten geplagt, obwohl ich in gewissen Momenten auch dafür empfänglich bin, so wie in diesem Fall. Deshalb ging ich vom Zimmer meiner Mutter sofort hinunter zu unserem alten Kindermädchen Vidde, um einmal mehr zu hören, wie sie ihre Freude und ihren Stolz über mich zum Ausdruck brachte.
«Du wirst noch Domorganist, so wie Weyse», sagte sie mit strahlendem Gesicht, nachdem sie weit genug über ihre erste Begeisterung hinweggekommen war, um zu erkennen, dass es, offen gesagt, bedeutendere Organistenstellen gab als die bei der Friedhofsverwaltung.
5
Gibt es ein Paradies auf Erden, dann ist es Willhofsgave, mein Geburtsort. Einen so intensiven Vogelgesang im Mai, wie ich ihn auf dem Westfriedhof erlebe, kenne ich sonst nur von zu Hause. Zur Zeit denke ich täglich daran. Unabhängig davon, ob es feucht oder kalt ist, wie im Moment, singen die Vögel zuverlässig, sobald die entsprechenden Lichtverhältnisse eingetreten sind.
Nachdem der letzte blumengeschmückte Sarg hinausgetragen worden war, zog ich mich so weit auf die Orgelbank zurück, bis die Füße das Pedal nicht mehr erreichten, und starrte gedankenverloren in den leeren Spiegel.
Plötzlich stieg der Gesang der Vögel, der durch das offene Portal drang, zu mir herauf und erreichte mich mit einem Duft nach grüner Kühle und süßen Lilien, erweckte meine Sinne und meine Entschlusskraft.
Rasch zog ich meine Musizierschuhe aus – eine Sonderanfertigung meines orthopädischen Schusters mit einem eingebauten, fünf Zentimeter hohen Absatz und glatten Ledersohlen, die über das Pedal gleiten können –, sprang in meine Straßenschuhe und holte am Eingang den Küster ein, um mich nach dem Namen des Verstorbenen vom vorletzten Begräbnis zu erkundigen.
Das Verwaltungsbüro des Friedhofs suche ich nur auf, wenn ich meinen Lohn abhole. Alle praktischen Dinge werden von Angestellten in den kleinen Büros der einzelnen Kapellen erledigt. Für gewöhnlich erhalten die Organisten einen Zettel mit der Uhrzeit und den Nummern der Lieder, womit sich die Begräbnisse für mich auf eine Zahlenreihe und eine unendliche Wiederholung derselben zwanzig bis dreißig Lieder reduzieren. Eine äußerst bescheidene Aufgabe, könnte man meinen, sofern man nicht die Herausforderung annimmt, das Arrangement zu verändern, Variationen einzuflechten und so aus dem musikalischen Vortrag etwas Besonderes zu machen. Raum dafür gibt es reichlich, die meisten Begräbnislieder kennt man auswendig.
Als ich den Namen des Küsters ein zweites Mal rief, blieb er stehen. Ich stand so dicht vor ihm, dass er einen Schritt zurücktreten musste, um mich besser sehen zu können. Für einen Augenblick begegneten sich sein träger und mein strahlender Blick. Die Leute haben oft von vornherein keine Lust, mit mir zu sprechen. Sie müssen sich ausschließlich an meine Worte halten, weil sie meinem Gesicht, dessen Züge ihnen fremd sind, nichts entnehmen können.
«Daran erinnere ich mich nicht. Die Unterlagen habe ich im Büro abgeliefert.»
Ich konnte unschwer erkennen, dass ich durch meinen Eifer seine Neugierde geweckt hatte, also verhielt ich mich abwartend, bis er nachfragte:
«Ist irgendwas Besonderes, Herr Willhof-Holm?»
Ich wurde von einer plötzlichen Verlegenheit überrumpelt, die es mir unmöglich machte, auch nur ein Wort hervorzubringen, bevor er bereitwillig fortfuhr:
«Ich kann mich bis morgen danach erkundigen.»
«Das wäre sehr freundlich von Ihnen. Unter den Trauergästen befand sich ein Bekannter von mir, womöglich ein entfernter Verwandter, wenn Sie verstehen, was ich meine.»
Mit einer leichten Verbeugung und nochmaligem Dank verließ ich ihn.
Ich spürte, dass seine Augen mir folgten, während ich mich entfernte. Er blieb lange am Portal stehen. Meinen leicht watschelnden Gang sind sie gewohnt, und besonders o-beinig bin ich für einen Zwerg auch nicht – er machte sich wohl eher Gedanken darüber, dass ich offensichtlich so weit verzweigte Bekanntschaften und entfernte Verwandte besaß, dass ich nicht einmal mit Sicherheit wusste, ob sie an einem Begräbnis in meiner Kapelle teilnahmen.
Ich frage mich, ob mein heutiges Erlebnis stark genug ist, um eine Reise nach Jütland zu überstehen. Ich hoffe, der Küster nimmt meine Worte ernst und wird mir morgen den Namen mitteilen.
In der nächsten Woche, vielleicht schon am Sonntag, werde ich zur goldenen Hochzeit meiner Eltern nach Hause fahren. Im Moment bin ich über den Anblick im Spiegel noch so aus dem Häuschen, dass mich nichts davon abhalten könnte, die Frau, deren Profil sich mir so tief eingeprägt hat, zu besuchen. Hätte ich nur den geringsten Fingerzeig, würde ich ihm unverzüglich folgen.
Wie lange wird das Feuer brennen? Ich bin selten so empfänglich für Gefühlserschütterungen, weiß aber, dass die Dinge, die mit der größten Leichtigkeit zu einem kommen, auch mit der größten Leichtigkeit wieder verschwinden.
6
Ein Meter und sechsunddreißig Zentimeter sind keine Kleinigkeit für einen Zwerg. Um korrekt zu sein, messe ich – von Zoll umgerechnet – 1,35980 Meter.
Das metrische System bescherte mir eine neue Zahl für meine Größe. Ich hatte es offen gestanden schon aufgegeben, als ich 18 Jahre alt war und die zweite Klasse eines Kopenhagener Gymnasiums besuchte. Natürlich war es lächerlich, und so sprach ich mit niemandem darüber.
Der kleinste Mensch, der je gemessen wurde, war die Holländerin Paulina Muster. Sie war 61 Zentimeter groß, also keineswegs von meinem Schlag. Sie war eine so genannte Liliputanerin, das heißt, die Proportionen stimmten, außerdem muss sie ziemlich hübsch gewesen sein.
Hierzulande war Fräulein Catarina Stöber die Kleinste, die sich je hat blicken lassen. Sie maß fünf Quarter, also 78 Zentimeter, und wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts gegen Bezahlung zur Schau gestellt. Sie war aber kein richtiger Zwerg. Ich habe einen Kupferstich von ihr gesehen – den harmonischen Größenverhältnissen zum Trotz eine wirklich unschöne Abnormität. Für deren Anblick hätte ich kein Geld bezahlt.
Ein drolliger Herr, der sich mit dem Namen Labri vorstellte und als Gauklerkönig bezeichnete, hat mich einmal auf der Fähre über den Kleinen Belt angesprochen und gefragt, ob ich an einer Zusammenarbeit interessiert wäre.
«Ich studiere Musikwissenschaft», erwiderte ich und stellte mich vor: «Tyge Willhof-Holm.»
«Musikwissenschaft, intelligent ... umso besser», triumphierte der zufriedene Schausteller.
Meine Hand legte sich automatisch auf die mitgebrachte Reiselektüre, die vor mir auf dem Tisch lag: die Partitur zu Ludolf Nielsens Orchesterphantasie Echo und Narzissos, die gerade herausgekommen war. Der Komponist hatte mir früher Violinunterricht erteilt und mir soeben ein Exemplar seines Opus 40 zugeschickt.
Das sonderbare Individuum studierte dreist meine Hand auf der Partitur und fixierte meine kurzen Finger, während es sich unaufgefordert auf die Bank mir direkt gegenüber setzte. Ich spürte, dass er sich förmlich den Kopf zerbrach. Irgendwas schien für ihn nicht zusammenzupassen. Dann ging ihm offenbar ein Licht auf, und er begann unmittelbar, die Verkäuflichkeit des Objekts zu testen, das er soeben entdeckt hatte.
Den umstehenden Mitreisenden erklärte er lautstark, ich könne der Partitur lesend entnehmen, was ich nicht in der Lage sei zu spielen. «Denn mit diesen Fingern da ...» Er deutete auf mich, und die Leute glotzten.
Ich erklärte ihm, dass ich die Musikstücke, die meine Finger trotz ihrer Geschmeidigkeit nicht bewältigten, einfach umschreiben würde.
«Umschreiben!»
Siegesgewiss ließ er seinen Blick schweifen.
«Hat man so was schon gehört. Er schreibt sie um!»
Vor lauter Begeisterung schaute er mir nicht in die Augen, sondern durch mich hindurch, vermutlich bereits die Zukunft vor Augen, in der ich als musikalischer Clown sein Zugpferd sein würde.
Während ich ihn in Augenschein nahm, wurde mir leichter ums Herz. Ich bemerkte sein unschönes, mageres Gesicht mit der fliehenden unteren Hälfte, die schiefen, imbezilen Augen über den grotesk hervorspringenden Wangenknochen und die niedrige Schimpansenstirn. Ich wurde richtig glücklich über mein eigenes Aussehen.
«Was für Instrumente spielen Sie, Herr Tyge?», fragte er, während ihm der Speichel aus den Mundwinkeln quoll.
«Klavier und Violine», antwortete ich bereitwillig.
«Eine doppelte Merkwürdigkeit der Natur», klang es aus seinem Mund, während er spontan die Schlagzeile für das Werbeplakat verfasste:
«Zwerg und Musikgenie – ein Vergnügen für alle.»
«Ich besitze nicht das geringste komische Talent, Herr Labri», verteidigte ich mich.
Seine niedrige Stirn verschwand vollständig unter Haaren und Brauen, bevor er in schallendes Gelächter ausbrach. Dies nahm seinen Mund dermaßen in Anspruch, dass es eine Weile dauerte, bis er die pfiffige Frage hervorbringen konnte, die ihn so sehr amüsierte: Ob ich mich denn noch nie im Spiegel betrachtet hätte.
Das habe ich sehr wohl, und ich wiederhole diese Prozedur täglich beim Friseur. Der Anblick betrübt mich nicht. An die breite Stirn habe ich mich längst gewöhnt, ebenso an die eingefallene Stelle zwischen den Augen, die kurze, runde Nase, die man als Sattelnase bezeichnet, meinen riesigen Kiefer und das große Kinn. Meine aschblonden Haare sind kurz geschnitten, damit der Umfang meines Kopfes weniger auffällt. Meine Männlichkeit unterstreiche ich durch einen mit der Zeit ziemlich dicht gewordenen Spitzbart, der mein Kinn schmaler wirken lässt.
Nicht einmal der Anblick meines gesamten Körpers erschreckt mich. Als Kind stand ich oft neben den Pfauen, wenn sie durch die geöffnete Tür direkt aus dem Garten hereinspazierten, und betrachtete mich in den Empirespiegeln.
Zwar bemerkte ich, dass Oberarme und Schenkel im Verhältnis zum Körper zu kurz waren. Aber deswegen fühlte ich mich in meinem Körper nicht weniger wohl. Mein Körperbau war schon damals muskulös. Ich hatte viel Kraft, und wenn mich jemand belästigte, machte ich auch davon Gebrauch. Einen Ansatz von Dickleibigkeit habe ich mir nie gestattet. Überhaupt ist mein Körper von frühester Kindheit an von Europas führenden Experten auf diesem Gebiet mit der größten Sorgfalt untersucht und behandelt worden. Daher bin ich, objektiv betrachtet, ein ungewöhnlich gut aussehendes Exemplar eines Achondroplasie heimgesuchten Menschen. Meine Augen sind braun und strahlen eine wache Intelligenz aus. Auch die Geschlechtsorgane sind von normaler Größe und voll funktionsfähig.
In den späteren Jahren meines Heranwachsens oder besser gesagt der Zeit der allgemeinen Persönlichkeitsbildung – als Vierzehnjähriger wurde ich in einem Kopenhagener Pensionat einquartiert, und es war mir, vom Schulbesuch abgesehen, freigestellt, womit ich meine Zeit verbrachte –, beschäftigte ich mich intensiv mit dem Begriff des Nanismus und nutzte jede Gelegenheit, meine wenigen gleich gearteten Mitmenschen unter die Lupe zu nehmen.
Damals stand ich oft im staatlichen Kunstmuseum vor Karel van Manders Gemälde von Giacomo Favorchi, dem italienischen Zwerg des sächsischen Kurfürsten, das ich grenzenlos bewunderte. Der Maler hat den Zwerg neben eine große dänische Dogge gestellt, deren leicht vorgebeugter Kopf ihm bis zur Mitte der Stirn reicht, aber das macht nichts, seine Ausstrahlung ist imposant. Die rechte Hand hat er in die Seite gestemmt, während die linke das Hundehalsband hält.
Giacomo oder Jacob, wie ich ihn nannte, ist ein attraktiver und selbstbewusster Herr mit schulterlangen Haaren, einem langen Bart und entblößten Armen. Ihm fühle ich mich verbunden, und ich bewundere seinen Geschmack, was die Kleidung betrifft: Puffärmel verdecken die extrem kurzen Oberarme, und weiße Pluderhosen aus kräftigem Velours überspielen seine besonders stark ausgeprägte O-Beinigkeit.
Alle Züge, die für meine Form der Zwergwüchsigkeit charakteristisch sind, besitze ich in Reinkultur. Sie ist primordial und die Folge eines nicht näher bekannten Defekts der Erbanlagen. Die Bekanntschaft mit dem durch und durch eitlen Zwerg des Kurfürsten war für mich von immenser Bedeutung.
Alle Menschen und Pfauen sind eitel. Ich bin da ebenso wenig eine Ausnahme wie Favorchi. Im gegebenen Rahmen achte ich auf mein Äußeres. Es gibt Tage, an denen ich dem Spiegel des Friseursalons zürne, so wie andere Menschen und die Pfauen auch. Manchmal machten die Tiere aus Verärgerung darüber, was sie sahen, bei uns auf den Teppich. Es waren die Männchen, die sich mit erhobener Schwanzfeder besonders in Positur stellten, weil sie glaubten, einen Rivalen vor sich zu haben.
Man gewöhnt sich daran, nicht den übrigen Mitgliedern seiner Familie zu gleichen, wohl aber frappierende Ähnlichkeit mit einem Clan in der Welt verstreuter Gnome aufzuweisen: plattfüßig, leicht o-beinig, mit fleischigen Gesäßbacken, einem Hohlrücken und der so genannten Dreizackhand, was bedeutet, dass die drei mittleren Finger gleich lang sind. Eine Familie, als deren Mitglied mich Herr Labri offensichtlich betrachtete.
Mein Vater, der mich auf dieser Reise begleitete, war für einen Augenblick draußen gewesen und kehrte in dem Moment zurück in den Salon, als das Lachen des Gauklerkönigs verebbte.
Er ist eine imposante Erscheinung und sieht aus, als habe er gerade noch rechtzeitig die Säulenhalle der stoischen Schule verlassen, bevor er selbst zu einer tragenden Säule wurde.
Der Gauklerkönig blickte ungläubig zu dem stattlichen Herrn auf, der ihn mit einem liebenswürdigen Nicken begrüßte und sich nicht darum scherte, ob er ein König oder Bettler war. Labris Blick wanderte zu mir. Das amüsierte Glühen seines Gesichts verwandelte sich in Schamesröte. Grußlos sprang er auf und verschwand in eine Richtung, die ihn sofort aus dem Gesichtsfeld meines Vaters entfernte.
Ich blickte ihm nach und erkannte, dass dieser Pfiffikus nichts als ein kleiner Dreckskerl war.
«Wo waren wir stehen geblieben?», fragte mein Vater voller Elan und setzte sich, als hätte es keine andere Unterbrechung als die seiner Abwesenheit gegeben.
Wir sprachen über Tschaikowski. Mein Vater hatte Kopenhagen besucht, um sich am Königlichen Theater Eugene Onegin anzusehen – eine bessere Inszenierung, da waren wir uns einig, als die, welche wir im Jahr meines Studienbeginns in Berlin erlebt hatten. Die Aufführung fand zu einem günstigen Zeitpunkt statt, sodass wir gemeinsam nach Hause fahren konnten. Ich hatte meine verschiedenen Verpflichtungen erledigt und sah einem langen Sommerurlaub entgegen.
«Als deine Mutter und ich dreiundneunzig Jolanthe am Königlichen Theater gesehen haben ... Tschaikowskis Todesjahr übrigens, wusstest du das? Er wurde nur dreiundfünfzig Jahre alt ...»
Er beugte sich geschäftig über den Tisch, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich nickte zerstreut, aber es ging mir wie so oft, wenn er doziert – ich vergesse zuzuhören. Die Jahreszahl lenkte mich ab. Ich war damals drei Jahre alt, es war Winter, ich konnte vermutlich noch nicht laufen.
Wir hatten begonnen, die Winter in Kopenhagen zu verbringen, eine Gewohnheit, die wir aus verschiedenen Gründen noch jahrelang fortsetzten, was zur Folge hatte, dass meine Eltern, abgesehen von vereinzelten Jagdgesellschaften, die der Abreise vorausgingen, keinen lokalen gesellschaftlichen Umgang mehr pflegten und sich dadurch absonderten. Allerdings beklagten sie sich niemals über diese Entwicklung.
Einige meiner Schwestern besuchten die Wilhelmine-Bang-Schule für Bildende Kunst, eine Ausbildung, der es zwei von ihnen zu verdanken hatten, mit 18 Jahren auf die Kunstakademie aufgenommen zu werden. Meine Eltern und die älteren Schwestern besuchten Theateraufführungen und Konzerte. Außerdem befand man sich in der Nähe des Frederiks Hospitals, wo das Gesicht meines Vaters in diesen Jahren allgemein bekannt war. Seinen Sohn auf den Armen, suchte er die Ärzte auf, um sich mit ihnen über die verschiedenen Aspekte meines komplizierten Körperbaus zu beratschlagen. Über die Zusammenhänge wusste er besser Bescheid als sie. Ich müsste mich sehr täuschen, wenn er die Gelegenheit nicht dazu genutzt hätte, sein Wissen darüber zu verbreiten, wie weit man im Ausland bereits in der Erforschung des Nanismus gekommen war.
Mein Vater redete und redete; die Möwen schwirrten laut schreiend um das Fenster. Erst als das Tuten des Schiffs den Salon wie das Knurren eines Magens erfüllte, schauten wir uns geistesabwesend an. Die Türen öffneten sich, und wir hörten, wie die Geräusche von der Hafenmole zurückgeworfen wurden, und erhoben uns – jeder aus seiner eigenen Welt.
Das war, bevor sich mein Bruder Helmuth mit seinem langjährigen Freund – einem Freund der ganzen Familie – entzweite, dem Opernsänger Olaf André Halle, der uns immer gute Theaterkarten zu günstigen Preisen besorgt hatte. Seitdem hat meine Familie es vermieden, die Oper zu besuchen, wenn er zur Besetzung gehörte. Ich nicht. Olaf besucht mich hin und wieder oder schickt mir einfach eine Karte. Die nehme ich dankend an.
7
So wie Zeus die sieben Töchter des Titanen Atlas, die Plejaden, als Sternbild aufs Himmelsgewölbe setzte, so haben meine Eltern mit Hilfe des Herrn oder Jupiters sieben Schwestern an meinen Himmel gesetzt, als ich am 19. Februar 1890 auf dem Erbhof Willhofsgave am Horsens Fjord geboren wurde.
Wie eine leuchtende Sternenschar standen meine Schwestern von dem Augenblick an über mir, in dem ich das Licht der Welt erblickte.
Meine Mutter hatte unter großen Schwierigkeiten entbunden, was zweifelsohne an der Deformierung des Kindes lag, eine Laune der Natur, die meinen Vater während meiner ersten Lebensjahre veranlasste, mit unserem Herrgott hart ins Gericht zu gehen. Seine ausbalancierte dreieinige Lebenseinstellung, bestehend aus Lebenserfahrung, Wissenschaft und Christentum, geriet für eine gewisse Zeit gehörig ins Wanken.
Während er – mit oder ohne Kind – hierhin und dorthin reiste, um Hilfe im Ausland zu suchen, zwang ihn die Realität, sich mit jenem Teil der Philosophie zu befassen, der außerhalb der Erfahrung und Prinzipien steht, auf denen alle Erkenntnis beruht. Nach ein paar Jahren war sein Schiff wieder flottgemacht, und dessen drei Masten hatten erneut dieselbe Höhe und Beschaffenheit. Mit Klugheit, Fleiß und Tatkraft gelang es ihm, die Harmonie wieder herzustellen, noch bevor ich drei Jahre alt war.
Durch meinen Bruder war die Erbfolge bereits 18 Jahre vor meiner Geburt gesichert worden, was meinen Vater nicht davon abhielt, auch mich als jungen Hoferben zu bezeichnen.
Helmuth wohnte nicht auf Willhofsgave und hat es nie getan. Als meine Familie von Kopenhagen nach Jütland zog, wurde der knapp Vierzehnjährige beim Vater meiner Mutter untergebracht, dem pensionierten Museumsleiter und Numismatiker Sophus Mühlenhausen. Er hatte gerade seine Frau verloren, und so hielt man es für eine gute Lösung, dass Helmuth in der Stadt blieb, dort weiter zur Schule ging und dem Alten Gesellschaft leistete.
Unser altes Kindermädchen hat mir einmal unfreiwillig zu verstehen gegeben, sich sehr um meinen großen Bruder gesorgt zu haben. Sie erzählte mir, es hätte ihr damals wehgetan, einen so jungen Kerl auf diese Weise zurückzulassen. Wenn sie seinerzeit schon über den großen Einfluss verfügt hätte, den sie später ausübte, hätte sie sich gewiss gegen die Entscheidung aufgelehnt.
Von seinen Schwestern und Eltern gehätschelt und umsorgt, bildete er den Mittelpunkt, wenn er in den Ferien nach Hause kam, und auch ich entwickelte eine große Zuneigung zu ihm und besonders zu seinem Freund Olaf. Ich erinnere mich an nichts anderes, als dass Olaf beinahe ständig bei uns war. Im Gegensatz zu Helmuth beschäftigte er sich ganz ohne Vorbehalte mit mir. Als ich mit sieben Jahren schon richtig gut Klavier spielen konnte, stellte er sich am Flügel in Positur und ließ zu meiner Begleitung und der ungeteilten Begeisterung meiner Familie seinen Tenor erklingen.
Die Plejaden – von Astronomen als M 45, von Laien als Siebengestirn bezeichnet – bilden den schönsten so genannten offenen Sternenhaufen des Himmels. Meine leuchtenden Schwestern waren allgegenwärtig. Wie Sterne umstrahlten mich ihre Gesichter, als sie sich von drei Seiten über den Tisch beugten, auf den man mich Neuankömmling gelegt hatte, um zu sehen, was ich denn für einer war.
Meine gut entwickelten Geschlechtsorgane ließen keinen Zweifel aufkommen, dass hier ein Mann in spe lag. Doch davon abgesehen, hatte die Hebamme – noch bevor das Kind gewogen und für zu leicht befunden worden war – in Anbetracht der Mühe, die sie gehabt hatte, mich durch das letzte Hindernis hindurch ans Licht zu zerren, flüsternd ihre Bedenken hinsichtlich meiner Konstitution zum Ausdruck gebracht.
Nichts konnte zu diesem frühen Zeitpunkt die kleinen und großen Damen verunsichern, die je nach Alter und Temperament vor Freude jauchzten und seufzten. Ihre Gesichter leuchteten vor Freude über das Kind auf dem Tisch, als wäre es vom Himmel gefallener Sternenstaub.
Madame Johannesen sollte die Hofjägermeisterin zum ersten Mal entbinden, und das erfahrene Kindermädchen Melvida Valentin, genannt Vidde – das sich im Übrigen den Rang einer Mamsell erworben hatte, da die meisten Kinder schon aus den Kinderschuhen heraus und halbwegs selbständig geworden waren –, versicherte der Hebamme, acht leibhaftige Exemplare bewiesen hinreichend, dass dieser Schoß in der Lage sei, ein Kind freizugeben, wenn die Zeit gekommen sei.
Vidde, die sich im Laufe der Jahre eine gewisse Autorität im Haus erkämpft hatte, hielt ihren Hinweis für ausreichend und musste einen nahenden Kompetenzenwettstreit mit dem Hofjägermeister verloren geben, als dieser während der einleitenden Phase der Geburt Madame Johannesen auf einen Kaffee in seine Bibliothek einlud.
Hier wurde die erfahrene Hebamme so gründlich über den Verlauf der früheren Geburten informiert, dass sie glauben musste, der Hausherr sei Arzt und Geburtshelfer in einer Person, obgleich sie aus der Zeitung wusste, dass er in der Schweiz das Bankwesen studiert hatte.
Während des Kaffeetrinkens nickte sie sachlich, überwand ihre Verblüffung und gewann aus der zweifachen Aussage über die problemlosen früheren Geburten die Überzeugung, dass ihr eine leichte Aufgabe bevorstünde, wenn das Kind nur gesund sei. Ins Geburtszimmer zurückgekehrt, genügte ihr ein Blick in Viddes Gesicht, um zu begreifen, dass die Situation eine unvorhergesehene Wendung genommen und man sich verrechnet hatte.
Als das unbestechliche Gewicht der Laufgewichtswaage nach oben schnellte und drei Kilo und ein paar Gramm anzeigte, erklärte sie ungeniert:
«Mit dem Kopf müsste es doch über vier Kilo wiegen!»
Im Bewusstsein ihrer frisch erworbenen Doppelwürde, schnaubte Vidde vor Wut. Als Kopenhagenerin verabscheute sie das bäuerliche «es», wenn ein Kind gemeint war. Die Bedeutung des Gesagten kümmerte sie nicht.
Die Wöchnerin schlief, und die Mädchen glaubten zu träumen. Sie starrten alle gebannt auf das lebhafte Kind auf dem Tisch und versicherten einander, dass der Kleine einen ganz besonders aufgeweckten Eindruck mache.
Der Hofjägermeister, der selbst anwesend war und sich mit den Händen auf dem Rücken über die Mädchen hinwegbeugte, um etwas sehen zu können, lachte der Hebamme zu und sagte:
«In diesem Kopf ist Platz für sehr viel Verstand.»
Die Hebamme packte ihre Sachen zusammen, während sie den Anwesenden im Geburtszimmer zumindest darin Recht gab, dass der Neugeborene ungewöhnlich aufmerksam und geistesgegenwärtig sei. Auf das kleinste Geräusch platschenden Wassers oder klappernder Schüsseln und Instrumente reagierte er. Selbst das Knirschen der Tür, als der Hofjägermeister den Raum verließ, entging dem kleinen Kerl nicht.
Zur nach wie vor ungetrübten Freude Viddes und der Mädchen bemerkte sie zum Abschied, so etwas habe sie noch nie gesehen. Aufrichtig wiederholte sie ihre Worte, als der Hofjägermeister sich in der Diele erbot, ihre Tasche zum Wagen zu tragen: «... noch nie gesehen.»
Er lachte. Natürlich hatte sie das nicht. Willhofsgaves neuntes Kind der vierten Generation des Erbhofs war, wie erwartet, etwas ganz Besonderes. Es wurde auf einem Gut geboren, dass über eine Bibliothek von 10 000 Bänden verfügte; das Kind hatte das Blut von Generationen in den Adern, die (drei auf der mütterlichen und zwei auf der väterlichen Seite) Mitglieder der Wissenschaftlichen Gesellschaft waren. Da schien es einleuchtend, dass Madame Johannesen, die Landhebamme vom Horsens Fjord, so etwas noch nie erlebt hatte.
Objektive Augen, die wissen, worauf sie zu achten haben, können bereits bei einem Neugeborenen gewisse Symptome der Achondroplasie feststellen, selbst wenn sie von dieser Krankheit noch nie gehört, geschweige denn Bekanntschaft mit ihr gemacht haben. Eine erfahrene Hebamme vergisst nicht – wie andere vielleicht –, wie klein ein Säugling ist, und weiß genau, wo die Haut sich natürlicherweise faltet und zusammenschiebt und wo nicht. Selbst weniger erfahrene Augen würden sich im Laufe weniger Tage wundern, dass die weichen Teile der Oberarme und Oberschenkelknochen sich nicht strecken.
Als Madame Johannesen am fünften Tag zu ihrer obligatorischen Visite erschien, war das Lachen des Hofjägermeisters nicht mehr ganz so ausgelassen.
8
In der griechischen Mythologie sind die Plejaden sieben schöne Töchter, die durch den Wald wanderten, als sie von Orion, einem mächtigen und furchtlosen Jäger mit ganz normalen menschlichen Eigenschaften, entdeckt wurden. Sobald er sie erblickt hatte, begann er sie aus Motiven zu jagen, die alles andere als edel zu nennen waren. Die Plejaden flohen, und Orion setzte ihnen nach. Vom Olymp aus griff Zeus ein und rettete ihre Tugend, indem er sie in Sterne verwandelte.
Um die Wahrheit zu sagen, war der mächtige Orion meinen Schwestern nur in sehr begrenztem Umfang auf den Fersen. Ich habe den Eindruck, dass sich die Jagd – wenn ich so sagen darf – auf einige wenige Male in der Saison beschränkte. Ellinor ist da die große Ausnahme, auch außerhalb der Jagdsaison. Andrea hat sicher niemals das Verlangen eines Mannes geweckt, und schon die Vorstellung, sie könne sich vor einem Begehrenden auf der Flucht befinden, amüsiert mich. Die Zwillinge, Ebba und Charlotte, haben in meiner Vorstellung des Waldes ebenfalls keinen Platz; ich finde darin weder Jäger noch Mädchen.
Und die anderen? Was die Männer in einem Augenblick erreicht zu haben glauben, verblasst kurz darauf im Sternennebel, und auf längere Sicht kenne ich die Antwort: nichts.
Mir reichten sie ihre Hände, mich küssten sie und zogen mich in ihr Leben hinein. Dennoch blieb der impressionistische Eindruck einer hoch über mir schwebenden Ansammlung leuchtender Sterne. Wenn ich mich in ihrer Reichweite befinde, strahlt mich ihr Licht an, doch man kann es nicht erreichen, zu fassen bekommen und festhalten. Als Erwachsener habe ich begriffen, dass ich das Los all derer teile, die ihnen zu nahe kommen, und habe erkannt, dass der Weg von hier zu den Sternen stets unendlich weit ist, ob man nun ein oder zwei Meter groß ist. Der Panzer des Käfers auf dem Sockel der Freiheitsgöttin kann vom Sternenschein genauso erhellt werden wie der höchste Punkt ihres Scheitels. Will er mehr erreichen, kann er sich fortbewegen, was der Sockel, der Scheitel und die gesamte Göttin nicht können. Meine Möglichkeiten sind nicht geringer als die anderer, um «der weiblichen Sterne schmale Wolkenbahn» zu erreichen, als welche Manilius die Plejaden im 1. Jahrhundert vor Christus bezeichnete.
In einem Buch über Astronomie habe ich gelesen: «Wir können offene Sternenhaufen nicht als Phänomene von Dauer betrachten. Ihre Sterne haben vermutlich denselben Ursprung, sind aber nur lose miteinander verbunden und werden sicherlich von der Anziehungskraft benachbarter Sterne beeinflusst, die dem Verbund nicht angehören. Außerdem könnte ein Stern des Haufens eine ausreichend hohe Geschwindigkeit entwickeln, um aus dem Verbund auszubrechen und sich von diesem zu lösen.»
So eine hohe Geschwindigkeit hat keine meiner Schwestern je erreicht, was ich merkwürdig finde – ihr glänzendes Aussehen, die wohlgestalteten Glieder, Talent und Ausbildung sowie ihre Lieblichkeit in Betracht gezogen.
Von den Umständen und Begebenheiten animiert, die meine Familie in den letzten Jahren geprägt haben, stimuliert von der Wahl, die ich selbst getroffen habe, und von den begrabenen Hoffnungen, richte ich mein bestes Prismenfernrohr auf meine Schwestern, in der Hoffnung, etwas zu sehen, was ich mit bloßem Auge nicht erkennen kann.
Wenn ich ganz genau hinschaue, sehe ich mehr als einen Grund, warum es ihnen niemals wirklich gelungen ist, ihr gesamtes Potential an Hingabe auf einen einzigen Menschen des anderen Geschlechts zu richten. Ich erkenne ein Bündel von Ursachen dafür, dass sie ihre guten Eigenschaften niemals der Liebe in ihrer einfachsten und zugleich kompliziertesten Form widmen konnten. Dass sich Ellinor, deren Kopenhagener Wohnung sich ganz in der Nähe meiner Unterkunft befindet, zur Zeit an der Seite eines Herrn blicken lässt, kann ich als Gegenbeweis nicht ernst nehmen.
Mehr als sonderbar kommt es mir vor, dass ich als einziges der neun Geschwister meinen ledigen Familienstand zutiefst bedaure. Ich allein scheine darauf zu brennen, die Anziehungskraft benachbarter Sterne zu spüren. Hätte ich nur ein Schneewittchen, würde ich ihm jeden Wunsch siebenfach von den Augen ablesen.
Trotz der Abwesenheit roter Riesen bei den Plejaden gibt es doch einige sehr schwache rote Sterne, die man für echte «Sternenkinder» hält und die sich durch die Nebelstoffe ständig verdichten, aber die nuklearen «Feuer» sind immer noch nicht entzündet worden. Außerdem halten die Astronomen es für möglich, dass Zwerggestirne eines solaren Typus existieren, von denen man heute noch nichts weiß.
Abgesehen von den undefinierbaren Gemeinsamkeiten, die womöglich auch die eigentlichen Charakterzüge meiner Schwestern enthalten und es nach wie vor geboten erscheinen lassen, sie als leuchtenden Sternenhaufen zu bezeichnen, sind sie äußerst verschieden.
Von Kindheit an habe ich sie folgendermaßen wahrgenommen: Andrea, die Älteste, steht im Schatten der Zweitältesten: Ellinor. Die Zwillinge Ebba und Charlotte, Nummer drei und vier, sind wechselseitig von der Tatsache geprägt, dass Ebba zuerst geboren wurde. Edith, meine Lieblingsschwester, kam nach den Zwillingen zur Welt und ist ein Fall für sich. Franciska dominiert Gudrun, die Jüngste, auf raffinierte und liebevolle Weise.
Als sich mir die musikalischen Bezeichnungen für Charakter und Tempo nach und nach einprägten – so, wie sie auf den Notenblättern meiner allerersten, kleinen Sonaten, die mein Vater mir gab, verzeichnet waren –, begann ich, meine Schwestern nach derselben Art zu klassifizieren. Lesen konnte ich sie nicht, lernte aber rasch, mir Aussehen und Bedeutung der Bezeichnungen einzuprägen, nachdem mein Vater mir diese erläutert hatte. Es sind die italienischen, die auch in Deutschland und im Norden benutzt werden. Sie haben mich also auch während meiner Studienzeit in Leipzig und auf dem Konservatorium der Schwedischen Musikakademie begleitet. Nur Frankreich benutzt eigene Bezeichnungen.
Wenn es «grave» hieß, dann dachte ich daran, dass Andrea stets etwas schwermütig und ernst gewesen war, also spielte ich Andrea. Schnell, munter und lebhaft, das ist Ellinor, also «allegro». Sowohl Ebba als auch Charlotte strahlen Milde und Frieden aus; sie entsprechen «andantino» und «andante», denn Ebba ist ein bisschen aufgeweckter. Verlangt der Ausdruck Liebreiz und Anmut, dann spiele ich Edith oder auch «gentile» und «amoroso». Mein «marcato» wird genauso nachdrücklich, wie ich es brauche, wenn ich an Franciska denke, die in der Familie, als sie noch klein war, Franz gerufen wurde. Gudrun ist und bleibt «sordino».
Wenn ich spiele, macht es keinen Unterschied, dass wir Charlotte und Edith verloren haben; in mir sind alle sieben gleich lebendig.
9
Ich bin der Sohn des dritten Erbhofbesitzers auf Willhofsgave, des Hofjägermeisters und Magisters der Politischen Wissenschaften Hans Helmuth Willhof-Holm und dessen Frau Constance, geborene Mühlenhausen. Meine Eltern haben 1872 geheiratet. Alle meine Geschwister, mit Ausnahme von Gudrun, die als letzte vor mir geboren wurde, kamen in Kopenhagen zur Welt.
Meine Familie wohnte am Gamle Kongevej, und mein Vater war Abteilungsleiter der Landwirtschaftsbank, als ihn 1885 die Pflicht rief, den Erbhof von seinem Vater, dem zweiten Erbhofbesitzer Helmut Ludvig Willhof-Holm, zu übernehmen.
Mit ihrem gesamten Hausstand, sechs Kindern, die bald sieben sein sollten, sowie dem Kindermädchen Melvilda Valentin brachen meine Eltern auf und ließen das Hauptstadtleben mitsamt der Arbeit, dem Familien- und Freundeskreis hinter sich, nachdem mein Großvater sie benachrichtigt hatte, dass die Zeit reif sei. Einige Monate später, als sie sich an ihr neues Leben auf dem abgelegenen Gut gewöhnt hatten, verschied der Alte ohne vorheriges Krankenlager während eines Mittagsschlafs.
Vidde hatte von Beginn an gewusst, dass die Familie nicht für immer in der Hauptstadt bleiben würde, hatte sich aber nie vorstellen können, irgendwo anders als in Kopenhagen zu wohnen. Als Nyboder Kind war sie klassenbewusst und heimatverbunden. Als die Zeit gekommen war, hatten die Umstände ihr die Entscheidung abgenommen. Es schien ihr völlig unvorstellbar, einen anderen Entschluss zu fassen, als den mitzukommen. Außerdem war es ihr unbegreiflich, wie die Herrschaften – Madame auch noch hochschwanger – auf der Reise die Kinder von zwei, fünf, zweimal sechs, acht und elf Jahren in den Griff bekommen sollten.
Die Fahrt mit dem Dampfschiff von Kopenhagen nach Jütland war für sie und die Kinder wie eine Odyssee ans Ende der Welt. Wohlbehalten angekommen, fühlte sie sich weiter von der Zivilisation entfernt, als ein Mensch sich ihrer Auffassung nach jemals träumen lassen konnte. Dunkelheit und Stille ließen sie in der ersten Zeit aus dem Bett aufschrecken. Es kam ihr vor, als wäre sie lebendig begraben. Sie sehnte sich nach den Lichtern der Stadt, vor allem aber nach der trüben Gaslaterne in der heimischen Hjertensfrydgade. Die vielen Jahre, die sie dort verbracht hatte, schienen ihr Leben gerade in Zeiten der Sehnsucht bislang zusammengehalten zu haben.
In all dem Trubel des Packens, bei dem ständig entschieden werden musste, welche Möbel aufs Schiff und welche ins Lager sollten, während gleichzeitig der Haushalt weitergeführt und die Kinder versorgt werden mussten, hatte sie keine Zeit zum Nachdenken gefunden. Später kam ihr die Möglichkeit in den Sinn, nach Kopenhagen zurückzukehren und sich eine andere Anstellung zu suchen. Doch sie hätte nur ungern den Status aufs Spiel gesetzt, den sie sich in 14 Jahren bei Willhof-Holms erworben hatte. Außerdem brachte sie es nicht übers Herz, die Kinder oder die Hofjägermeisterin im Stich zu lassen.
Der Einzug der jungen, kinderreichen Familie samt ihrem bereits damals dominierenden Kindermädchen auf dem Gutshof ging nicht ohne Komplikationen vonstatten. In den oberen Gemächern residierten außer dem alten Kammerherrn die in die Jahre gekommene Tante Feodora sowie die zur Familie gestoßene «Tante» Caro, die Botanikerin war und sich seit Menschengedenken um das Herbarium des Gutes kümmerte. Die Kinder rannten durch die Zimmer, brachten die Alten aus dem Gleichgewicht oder stolperten über deren Stöcke. Jedes Abendessen geriet zu einem Höllenspektakel. Nur die beiden Jüngsten aßen mit Vidde zusammen; die anderen hatten soeben begonnen, mit am Tisch zu sitzen, und daran wollte man festhalten. Vidde war gemeinsam mit Frau Willhof-Holm für ihre Tischmanieren und das allgemeine Benehmen verantwortlich; in den Augen der Alten waren sie jedoch wilde Hyänen. Ihre Mutter musste sie ausschimpfen und auffordern, den Tisch zu verlassen, wenn sie über Tante Feodoras schief sitzende Haube oder Caros wackelige Zähne kicherten.
Im untersten Stockwerk ging es der Wirtschafterin Martine Jensen und ihrer Tochter Else Marie gegen den Strich, sich von Leuten aus Kopenhagen herumkommandieren zu lassen, weil sie gewohnt waren, die Bediensteten des Hauptgebäudes selbst zur Arbeit anzuhalten. «Solange der alte Kammerherr noch lebt ...», begannen sie jeden Satz, und Vidde entgegnete mit gutem Recht: «Alles hat seine Zeit ... Darum sind wir ja hier, und ich mache so weiter, wie wir das beim Herrn Abteilungsleiter schon immer getan haben.»
In einer Art erhöhtem Kellergeschoss unterhalb der mittleren Etage befanden sich aus alter Zeit noch zwei Küchen, eine an jedem Ende, da sowohl der Nord- als auch der Südflügel außerhalb des Hauptgebäudes von Familien aus dem Geschlecht der Willhof-Holms bewohnt worden war, die über selbständige Haushalte, aber ein gemeinsames Personal verfügt hatten. Jetzt war für gewöhnlich nur noch die Eckküche, die den Südflügel mit dem Hauptgebäude verband, in Betrieb. Ein Bügelzimmer, das zwei hohe Fenster zum Hof und einen Zugang zu dieser Küche hatte, wies die junge Hausherrin dem Kindermädchen zu. Eine Entscheidung, die Vidde auf der Stelle eine herausgehobene Position verschaffte – einen standesgemäßen hierarchischen Status, für den sie, da bin ich ganz sicher, andernfalls selbst gesorgt hätte. Eine Liste, die über die verschiedenen Klingelzeichen der Zimmer des Hauptgebäudes Auskunft gab, befand sich, zusätzlich zu den Sprechrohren ins Speisezimmer und in die Bibliothek, in jener Ecke der Küche, wo auch die Tür zu Viddes Zimmer angebracht war, sodass sie selbst im Bett hören konnte, wenn gerufen wurde.
Zu ihrer ungeteilten Freude bemerkte Vidde, dass die Frau des Hauses in der neuen Umgebung verblüffend rasch zur Ruhe kam, was auch notwendig war, da die Geburt nahte. Die ersten Jahre im Kreis der jungen Familie waren ruhig und friedlich verlaufen. Die Herrschaften nahmen um Punkt sechs im Speisezimmer das Abendessen ein, während Vidde den Kindern in einem kleinen, für diesen Zweck eingerichteten Raum etwas zu essen gab. Die letzten Jahre in der Hauptstadt waren beschwerlich gewesen, weil sie niemals wussten, wo der Herr Abteilungsleiter sich gerade befand. Durch die gemeinsame Sorge und Beschämung darüber, wo er schon wieder abgeblieben sein mochte, wenn es bereits auf acht oder neun Uhr zuging und sie immer noch nicht gegessen hatten, kamen sich das Kindermädchen und Frau Willhof-Holm sehr nahe. Auf dem Gutshof, weit von den Versuchungen des Lebens entfernt, war er immer irgendwo im Haus oder in den Wirtschaftsräumen zu finden, was Vidde veranlasste, im Stillen darüber nachzudenken, dass so ein abgelegener Wohnsitz einfach ein Traum für jede Frau sein müsse, die einen aufgeschlossenen und charmanten Ehemann besaß.
Viele häusliche Pflichten, die zuvor auf Viddes Schultern geruht hatte, wurden jetzt von anderen übernommen. Sie hielt sich mehrere Stunden täglich mit den Kindern im Freien auf, ließ sich die Nähmaschine in den Garten bringen, um gleichzeitig Kleider ausbessern und die Kinder im Auge behalten zu können, während sie an die Kindermädchen in der Großstadt dachte, die so viel Zeit damit vergeudeten, im Frederiksberg Park auf und ab zu gehen, nachdem es in aufgeklärten Kreisen Sitte geworden war, die Kinder mindestens eine Stunde am Tag an die frische Luft zu lassen.
Mit seinen weitläufigen, den englischen Landschaftsgärten des Rokoko nachempfundenen Anlagen erinnerte Willhofsgave sie nicht wenig an den Frederiksberg Park, und es amüsierte sie, wenn sie sich vorstellte, Hunderte von Kopenhagener Kindermädchen würden ihre Nähmaschinen dorthin mitbringen, um ihrer Handarbeit nachzugehen, während die Kinder herumtollten, anstatt die Wege plattzutreten und ihre Schuhe abzunutzen. Ein heimisches Gefühl vermittelten ihr auch die Schilder mit lateinischen Namen, die vor den Beeten, Büschen und Bäumen standen, genau wie im Botanischen Garten von Kopenhagen. Sie hätte sich nicht träumen lassen, dass es so etwas noch woanders gab als dort oder in den Grünanlagen von Frederiksberg.
Manchmal kam der Gärtner und legte den Kindern Obst auf den Gartentisch, und eines Tages hatte er einen Blumenstrauß für Vidde dabei. Sie hatte nie zuvor in ihrem Leben ein Bukett bekommen, stellte es in ein Marmeladenglas und nahm es mit auf ihr Zimmer. Die Verwalterin ärgerte sich: ein Blumenstrauß auf einem Dienstmädchenzimmer, so was hatte sie noch nie erlebt. Sie bat Vidde darum, das Glas zumindest so hinzustellen, dass man es von draußen nicht sehen konnte. Vidde hatte Schwierigkeiten, sie ernst zu nehmen, weil sie diesen sonderbaren jütländischen Dialekt sprach. Der Gärtner war ein schweigsamer Mann. Sie fragte sich manchmal, ob sich ihr Verhältnis zum Jütländischen ändern würde, wenn sich herausstellen sollte, dass auch er es sprach.
Später bekam Vidde noch reichlich Gelegenheit, in aller Ruhe darüber nachzudenken, ob sie in ihren geliebten Stadtteil Nyboder zurückziehen sollte, da wir im Winter immer vier Monate in Kopenhagen verbrachten. Ich nehme es als reine Schmeichelei, wenn sie sagt: «Das war unmöglich, Tyge, damals haben wir doch dich bekommen.»
Heute ist mein altes Kindermädchen über achtzig und gebrechlich. Mit derselben natürlichen Würde, mit der sie seit beinahe 50 Jahren ihren Platz als Faktotum und Betreuerin der zahlreichen Kinder unserer Familie ausfüllt, lässt sie sich auf dem Krankenlager von meiner Mutter betreuen. Sie will von niemandem sonst versorgt werden.
Das Vertrauensverhältnis der beiden Frauen wurde durch meine Geburt noch verstärkt. Die Unsicherheit und Verzweiflung meiner Mutter führte zu freimütigen Erörterungen und Handlungen wie unter Gleichgestellten. Jedenfalls schlug meine Mutter, wie Vidde mir berichtet hat, nach achtzehnjähriger gemeinschaftlicher Kindererziehung und Haushaltsführung vor, sich hinfort mit Sie und dem Vornamen anzureden.
10
Obwohl mein Vater als einziges Kind seiner Eltern der natürliche Hoferbe war, hatte er, nach seinen eigenen Worten, ebenso wenig Affinität zur Landwirtschaft wie meine Mutter zu einer großen ländlichen Haushaltsführung.
Er hatte völlig nach seinen eigenen Vorstellungen gelebt und sich gebildet, zunächst Staatswissenschaft studiert und danach in Frankreich und der Schweiz das Bankwesen erlernt, bevor er eine Anstellung in der Landwirtschaftsbank erhielt. Sein großes, über das Fachliche hinausgehendes Interesse galt sein Leben lang der Philosophie und den Sprachen: Latein und vor allem Griechisch. Wenn im Winter, während wir in Kopenhagen wohnten, jemand nach ihm verlangte, sagten Vidde oder meine Mutter zu einem der älteren Kinder: «Lauf mal eben runter zu ihm in die Königliche Bibliothek.» Sein Vater und Großvater beschäftigten sich ebenso mit dem Griechischen wie seine Kinder, wohingegen Helmuth und mir, genau wie meinem Großvater mütterlicherseits, das Lateinische vertrauter ist. Mein Vater hat sich nie an den Geruch von Stall und Tieren gewöhnt, fühlt sich heute jedoch allem, was mit Willhofsgave zu tun hat, tief verbunden.
Wenn ich betone, dass mein Vater hinsichtlich der Ausbildung seinen eigenen Vorstellungen folgte, ist das mehr eine Redensart. Denn wer, wenn nicht die Eltern, setzen einem die Dinge in den Kopf, die zum Ausgangspunkt des eigenen Handelns werden? Dies gilt um so mehr für Menschen, denen es ihre angeborene Andersartigkeit erschwert, ganz auf eigene Faust zu handeln. Hier denke ich natürlich (wieder) an mich, obwohl es doch die Geschichte meines Vaters ist, die ich erzählen will, weil sie auch meine eigene und die meiner Geschwister einschließt, meine jedoch nur als Fußnote.
Nach dem Abitur begann ich mein Studium an der Universität von Kopenhagen, wo ich, wie üblich, nach einem Jahr cand. phil. wurde. Verschiedene Krankheiten, deren Ursachen, wie ich heute einsehe, womöglich auf fehlende Motivation zurückzuführen sind, waren der Grund dafür, dass ich keinen Studienplatz für Musikwissenschaft erhielt – später habe ich mich recht beliebig in mal mehr, mal weniger günstigem Fahrwasser bewegt.
Durch seinen Werdegang brach mein Vater frühzeitig mit der tief verwurzelten Familientradition, sich den Naturwissenschaften zuzuwenden. Als Beleg dafür, dass sein Vater es war, der die Politische Wissenschaft für ihn auswählte, führe ich ins Feld, dass es meinen Großvater, genauso wie den gesamten Landadel, erschütterte, als die Verfassung vom Juni 1849 das Erbhofsystem als Form des Grundbesitzes nicht mehr akzeptieren wollte und die Gründung neuer Erbhöfe untersagte.
Wie all seine Standesgenossen sah auch mein Vater durch die Verfassungsänderung ein Unheil herannahen. Die Abschaffung des Lehnswesens vor drei Jahren war der Donnerschlag, der den drohenden Wolken folgte, und es kam genau so, wie Großvater es vorausgesehen hatte: Der dritte Erbgutbesitzer, also sein Sohn, musste im hohen Alter alle verwaltungstechnischen und ökonomischen Kniffe anwenden, um Willhofsgave als Erbgut zu bewahren.
Als junger Besitzer eines Erbguts wusste mein Vater natürlich, dass er, wie der Titan Atlas, einem gestürzten Göttergeschlecht angehörte. Vielleicht hatte er gehofft, das Lehnswesen würde abgeschafft, noch bevor er an der Reihe wäre, den Erbhof weiterzuführen. Jedenfalls bin ich sicher, dass er mit seinen lebenslangen philosophischen und sprachlichen Studien gleichsam versuchte, sich mit einer Schutzhülle zu umgeben, die den Schmerz des Schlages lindern sollte, der ihn eines Tages treffen würde. Derart vorbereitet, erschütterte es ihn dennoch, als das Gesetz ihn vor die Wahl stellte, eine einmalige Summe zu entrichten, die er nicht besaß, oder das Erbgut unter Zahlung aller Steuern und Abgaben weiterzuführen, deren Umfang in keinem Verhältnis zu den Erträgen stand, die der magere Boden abwarf.
Die meisten Erbhofbesitzer gaben die unveräußerliche Form des Grundbesitzes auf, sobald das Gesetz 1919 in Kraft getreten war, bezahlten für die Privilegien, die andere über Jahrhunderte genossen hatten, die vorgeschriebene Summe in die Staatskasse und ließen das Gut in freien Familienbesitz übergehen. Mein Vater hielt als einer der letzten stand. Es hätte uns die Kleinigkeit von 200 000 Kronen gekostet, den Erbhofstatus für das junge Gut Wilhofsgave aufheben zu lassen.
«So viel Geld habe ich nicht, und mir fehlt der Wille, es zu beschaffen», pflegt er zu sagen.
Jedesmal, wenn meine Eltern und Schwestern in der Zeitung lesen, dieser oder jener Erbhof sei in fremde Hände übergegangen, trifft es sie, als handele es sich um einen Todesfall. Wenn ein entrechteter Erbgutbesitzer sich rasch dazu entschließt, das Gut oder zumindest Ländereien an die umliegenden Höfe zu verkaufen, fühlt sich mein Vater wie der ohnmächtige Zuschauer einer Entweihung.
Meine «Grave»-Schwester Andrea, die sonst ihren Mund nicht aufkriegt, war – obwohl darauf gefasst – so schockiert von der Abschaffung des Lehnswesens, dass sie beinahe ihr Stottern, unter dem sie phasenweise sehr gelitten hatte, überwand und zu flüssiger Rede überging:
«Es ist eine Tragödie, dass man Grund und Boden auf diese Weise zu einer simplen Handelsware macht – wie einen Ballen Stoff oder ein Pfund Butter», sagte sie erregt und presste ihr Taschentuch, das wie eine Kugel in ihrer Hand lag, zusammen. Dort hat es gelegen, solange ich denken kann, vielleicht schläft sie sogar damit. Als Kind habe ich mich gefragt, ob sie sich womöglich mit einer Hand wusch, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie es zu diesem Zweck aus der Hand legte.
Ich bemerkte es zum ersten Mal, als sie mich hochhob und die Fingerknöchel der geballten Faust sich in mein Fleisch bohrten, was einen Schmerz unter meinem einen Arm verursachte, während sich unter dem anderen ihre flache Hand befand. Das ließ mich schreien und den Kopf schütteln, wenn sie mich hochheben wollte, was meine Familie zu weitschweifigen Erklärungsversuchen veranlasste, bis ich selbst die Ursache für den Schmerz entdeckte. Ich nahm die Hand der armen Andrea, bog nach und nach ihre Finger auseinander, schnappte mir die weiße Kugel, warf sie auf den Boden und glättete ihre feuchte Handfläche mit meinen beiden Händen, damit jeder begriff, dass mein Widerstand eine einfache physische Ursache hatte. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten Andrea und ich uns bereits entfremdet.
Im Sternenhaufen ist Andrea die variable Pleïone, die man gerade noch mit bloßem Auge erahnen kann, ein so genannter veränderlicher Stern, der instabil ist. Manchmal lässt sein Spektrum erkennen, dass er eine gasartige Hülle produziert, sodass er vorübergehend aufleuchtet, bis sich die Hülle wieder aufgelöst hat.
Von Vidde weiß ich, dass Andrea zu stottern begann, als sie nach Jütland zogen, und Mutter sie geschlagen hat, damit sie wieder normal redete. Nachdem das Kindermädchen eine Zeit lang beobachtet hatte, dass Schläge nichts nutzten, legte es seiner Herrin nahe, es lieber bleiben zu lassen. «Sie stottert zwar auf Dänisch, aber vielleicht wird es ja besser, wenn sie bald ein richtiges Fräulein wird und andere Sprachen lernt.» Darin musste ihr die Hofjägermeisterin Recht geben.
«Die Behörden haben ja keine Ahnung, welche sensiblen Bande sie auf diese Weise zerstören. Die Familien werden bis zur Unkenntlichkeit auseinander gerissen und lösen sich schließlich ganz auf. Niemals, niemals dürfen wir diesem schäbigen Gesetz erlauben, uns auseinander zu treiben», sagte Franz, meine «Marcato»-Schwester, die Schriftstellerin ist und sich gerne gewichtig ausdrückt.
Sie hat gerade einen Gedichtband mit dem Titel «Hinter den blauen Bergen» veröffentlicht und fühlt sich durch die spärliche Resonanz und die Vorbehalte der Kritik gekränkt. Ob die Kritiker Recht haben, kann ich nicht beurteilen, weil mir der Inhalt der Dichtung zu vertraut ist.
Als wäre der Dichter ein Mann, schreibt sie Gedicht auf Gedicht über den traurigen Verlust der geliebten Ehefrau. Sie benutzt meistens einen männlichen Ich-Erzähler. Vielleicht meint sie, es wirke dann künstlerischer; ich würde es eher künstlich nennen. Diese affektierten Herren finde ich weder sympathisch noch glaubhaft.
Der Rest der Familie – vielleicht mit Ausnahme von Helmuth – schlägt sich auf die Seite der Gekränkten und tut so, als bemerke er nicht, dass der Inhalt mit der wirklichen Tragödie zu tun hat, die wir erleiden mussten, als wir 1919 und 1920, im Abstand von weniger als einem Jahr, zwei unserer Schwestern verloren.
Zuerst starb meine «Gentile»-Schwester Edith. Der Gedanke daran bringt mich um. Als Kind sagte ich immer: «Edith ist der beste Mensch auf der ganzen Welt.» Die Verwalterin und die anderen Frauen machten Vidde Vorhaltungen und sagten, das sei ein merkwürdiges Kind, das nicht sagte, Vater und Mutter seien die besten Menschen auf der ganzen Welt. Vidde wies sie zurecht, während ich daneben stand und spürte, dass Vidde, gleich nach Edith, der beste Mensch auf der ganzen Welt war.
Neun Monate später verloren wir Charlotte, meine «Andante»- und Ebbas Zwillingsschwester. Edith wurde 38 und Charlotte 40 Jahre alt.
Mir ist aufgefallen, dass mehrere Szenen unmittelbar auf die Begebenheiten anspielen, die sich in den Tagen um den Todesfall ereigneten, und ich bin nicht in der Lage, von meinen toten Schwestern zu abstrahieren und meine Trauer und mein Mitgefühl auf diesen erdichteten, hart getroffenen Mann zu übertragen. Er steht mir fern und lässt mich kalt. Im Gegensatz zu den übrigen Familienmitgliedern hatte ich schon immer Schwierigkeiten mit dem So-tun-als-ob. Sie ziehen mich damit auf und sagen, ich sei wie Vidde, und man könnte meinen, dass auch ich das Kind einer Seemannsfamilie aus Nyboder sei.
Franciska glaubt, als Schriftstellerin sei sie der Chronist der Familie. Doch da irrt sie gewaltig. Ihr Metier besteht einzig und allein darin, Tatsachen zu verdrehen und Fakten zu verschleiern. Bei allem, was sie schreibt, arbeitet sie mit einem endlosen So-tun-als-ob. Und zwar auf eine recht plumpe Art, da ihr jede Raffinesse mangelt. Ich spüre sofort, wenn ein Text nach reifem Korn duftet, so wie Bønnelyckes Feuer und Jugend, Bogen und Stahl oder Baudelaires Die Blumen des Bösen. Ungeachtet der traurigen Themen ist man hingerissen und inspiriert von den Versen dieser Dichter. Franciska verwandelt in ihren Gedichten das Korn in steinhartes Brot, dessen Verzehr eine Qual ist.
«Man schaltet und waltet auf schamloseste Weise mit Dänemarks Grund und Boden», konstatiert meine Mutter, während meinem Vater durch den Kopf geht: aber nicht mit dem Teil, der sich in meinem Besitz befindet.
Es mag sich ja zunächst ganz verheißungsvoll anhören, dass ein Grundbesitz in freien Familienbesitz übergeht, aber so betrachten meine Eltern und Schwestern die Angelegenheit nicht. Klar und überzeugend, als sprächen sie mit einer Stimme, erklären sie:
«Ein unveräußerlicher Gutshof wie Willhofsgave bindet einen in besonderer Weise. Man hat eine große Verantwortung und kann nicht einfach nach eigenem Gutdünken handeln, weil er ja an die nächste Generation weitergegeben werden soll. Man verwaltet gewissermaßen Grund und Boden; es ist ein Stück Dänemark, das einem anvertraut ist.» Falls meine Meinung gefragt ist, so ist dieses Stückchen Dänemark, das Willhofsgaves Erde ausmacht, so unbedeutend, dass das Gut ohne die Steuer- und Abgabenvergünstigungen der Vergangenheit längst zugrunde gegangen wäre. Mein Vater weiß das natürlich, aber dieses Wissen führt ihn keineswegs zu der Einsicht, dass die Privilegien einzelne Personen und Familien über das allgemeine Interesse hinaus begünstigt haben.
Ich traue mich nicht, diese Frage mit ihm zu erörtern, und es würde auch zu nichts führen, denn er ist von der Überzeugung durchdrungen, er selbst, sein Geschlecht und seine Familie bildeten einen bedeutenden kulturellen Beitrag zu unserem Lande. Diese Selbsteinschätzung wird von meinen Schwestern und natürlich auch von meiner Mutter uneingeschränkt geteilt. Ellinor stellt da im Moment offenbar eine Ausnahme dar, weil sie in Kopenhagen wohnt und mit dem Malen ihrer Bilder sehr beschäftigt ist. Doch sobald sie zu Hause ist, und das ist sie zumindest in den drei, vier Monaten, in denen es in ihrem Gartenatelier warm genug ist, bildet sie einen Teil der Allianz. Was Helmuth meint, ist mir weniger klar. Das Thema scheint ihn nicht gerade brennend zu interessieren.
Sollte es sich so anhören, als würde ich mein Elternhaus nicht lieben, sollte es so klingen, als würde ich mein eigenes Nest beschmutzen, dann trügt der Eindruck. Dort entspringt meine Welt. Willhofsgaves unglaubliche Schönheit und die fast magische Atmosphäre meines Elternhauses verzaubern mich jedes Mal, wenn ich dort bin. Doch ich entdeckte frühzeitig, noch bevor ich nach Kopenhagen zog, dass meine Wurzeln keine Erde brauchen, um mich zu nähren.
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Dem Gesagten kann man entnehmen, dass meine Eltern und Schwestern in den letzten Jahren viel durchmachen mussten, und ich kann meine Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass es andere Ereignisse in der Willhof-Holm-Familie gibt, die ebenso interessant sind wie meine Anstellung bei der Friedhofsverwaltung. Ich räume auch ein, ihre Reaktion auf meine Anstellung womöglich übertrieben dargestellt zu haben, was daran liegt, dass sie mich wirklich überrascht hat. Ich kann nicht leugnen, dass ich als Familienmitglied, Staatsbürger und Mensch eine Sonderstellung einnehme, auch wenn meine Eltern und Geschwister mit den besten Absichten stets so getan haben, als wäre dies nicht der Fall.
Vidde war die Einzige, die meinen Triumph würdigte. Ich belohnte sie dafür mit einem grauen Seidenschal mit langen Fransen, den ich von meinem ersten Monatsgehalt gekauft und per Post nach Willhofsgave geschickt habe. Ich habe von niemandem einen Kommentar gehört – in ihren Augen stellt der Schal zweifelsohne eine unangemessene Extravaganz dar –, aber ich weiß, dass Vidde sich freut. Ich glaube, es ist das größte Geschenk, dass sie jemals von uns erhalten hat, abgesehen von dem Bücherschrank, den mein Vater zu ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag anfertigen ließ, damit sie endlich einen Platz für die gesammelten Werke hatte, die sie im Laufe eines halben Jahrhunderts in Einzelbänden zu Weihnachten und zu den Geburtstagen geschenkt bekommen hatte.
Doch alle Begebenheiten der letzten und vermutlich auch der kommenden Jahre werden übertönt vom Schwanengesang des Erbhofs. Allen Wechselfällen zum Trotz hatte meine Familie über vier Generationen mit einer Vorhersehbarkeit gelebt, die außerhalb des Königshauses ziemlich einzigartig sein dürfte. Da dieser Sicherheit per Gesetzesbeschluss ein Ende bereitet wurde, könnte man doch mit einigem Recht von seinen Erzeugern erwarten, dass sie es vielleicht nicht mit Begeisterung, aber doch mit Zufriedenheit registrieren würden, wenn außer dem Ältesten zumindest noch einer aus der Kinderschar Anstalten machte, sich sozial und ökonomisch abzusichern.
Es kam mir sehr gelegen, dass meine Lebensverhältnisse so mit meinem unabhängigen Wesen in Übereinstimmung gebracht wurden. Ich frage mich manchmal, ob es wirklich die Abschaffung des Lehnswesens war, die mich an die Oberfläche der Realität gespült hat, oder ob ich nicht auch aus eigener Kraft dorthin gelangt wäre. Auch wenn es mir nicht allzu viel ausmacht, muss ich doch sagen, dass ich es höchst eigenartig finde, dass mein Vater den Zusammenhang zwischen seinen ökonomischen Schwierigkeiten und meiner pragmatischen Berufswahl nicht zu erkennen vermochte.
Etwas gekränkt hat es mich wohl doch, dass sich seine Begeisterung über meine Anstellung bei der großen Nordkapelle des Westfriedhofs in so engen Grenzen hielt. Wenn er wüsste, was ich ihm alles erspart habe. Hätte eines der Mittagsrestaurants, bei denen ich mich beworben habe, ein Interesse an mir gehabt, wäre ich jetzt vielleicht Unterhaltungspianist. Ich habe es sogar bei verschiedenen Konditoreien probiert.
Unterhaltungspianist, Herr Hofjägermeister, was sagen Sie dazu? Ihr Sohn ein Unterhaltungspianist.
Auch im Café Sorgenfrei hatte ich vorgespielt. Doch so verheißungsvoll der Anfang auch war, so unglücklich verlief die Fortsetzung. Der Geschäftsführer konnte sich nicht mit der Diskrepanz zwischen der schönen Musik und dem unschönen Pianisten anfreunden. Ich spürte es an seiner tiefen Verlegenheit. Ich empfinde mich selbst nicht als ausgesprochen unschön, kann aber andere nicht daran hindern, es zu tun, und in diesem Fall war es so eindeutig, dass ich begriff, ich sollte lieber einer Tätigkeit nachgehen, bei der man mich hören, aber nicht sehen könnte. Übrigens spendierte er mir noch ein Essen und ein Bier und war sogar so liebenswürdig, mir Gesellschaft zu leisten. Jetzt weiß er also auch, wie es aussieht, wenn ein Zwerg isst. Dass ich heimlich einer kleinen Nebenbeschäftigung in Petersens Gartenlokal nachgehe, wo ich, sooft ich will, auf dem Harmonium spiele und als Entgelt einige Krüge Bier und eine üppige Mahlzeit erhalte, geht niemanden etwas an.
Es war die offensichtliche Missbilligung meines Vaters, die meinen unbändigen Drang auslöste, von meiner neuen Arbeitsstätte zu berichten. Zu diesem frühen Zeitpunkt hätte ich das nicht tun sollen. Ich habe ihn damit schrecklich verletzt, weil meine Nachricht bei ihm unangenehme Assoziationen hervorrief, was ich jedoch erst später begriff, als ich mit Vidde über das Thema sprach.
Es war nach dem Mittagessen in der Bibliothek, am Tag vor meiner Abreise. Helmuth, mein Vater und ich hatten uns zurückgezogen, um zu rauchen. Ich rauche gelegentlich eine Zigarette, denke aber oft lange Zeit nicht daran, wenn ich nicht mit anderen Menschen zusammen bin. Helmuth raucht so viele Packungen Players am Tag, wie er nur in die Finger bekommen kann. Im Herrenzimmer, dem ersten Raum der Bibliothek nach der großen Halle, streicht er pflichtschuldig über die Bauchbinde einer der dicken Zigarren, die das Ritual nach dem Essen einleiten, obwohl er sie, meiner Meinung nach, gar nicht ausstehen kann. Natürlich hat mein Vater versucht, auch mich einzubeziehen. Ich schüttele den Kopf und nehme stillschweigend Immunität für mich in Anspruch – die Pflichtzigarre sollte dem Erstgeborenen vorbehalten bleiben.
Während sie, in Rauch gehüllt und still dasitzen, auf eigentümliche Art miteinander verschworen, komme ich auf die großartigen Vorzüge meines neuen Arbeitsplatzes zu sprechen: eine neue Henriksen-Orgel, 12 Stimmen, pneumatische Traktur, elektrische Luftversorgung, zwei Manuale, ein Pedal. Die Kapelle hat Zentralheizung und einen Glockenturm mit einer erzenen Glocke. Ein imposantes Gebäude, das, wie ich anmerke, mit seinem gotischen Spitzbogenstil und den roten Backsteinen ein wenig an die Nørager Kirche erinnert, die im selben Jahr errichtet wurde – allerdings ist die Kapelle viermal so groß und siebenmal so teuer gewesen.
«Es kommt nicht auf die Größe an, Monsieur», brummte mein Vater aus der Tiefe seines Sessels.
Ich schluckte die Replik, während Helmuth mir durch die Arabesken des Rauches hindurch Recht gab: ein beinahe monumentales Bauwerk. Der Alte stieß einen Seufzer nach dem anderen aus. Es dauerte so lange, bis er etwas sagte, dass ich schon dachte, er wolle das Thema totschweigen. Dann brach es mit zorniger Stimme aus ihm heraus:
«Dieses Aufrechnen ist ein Unfug; wir hatten hier für fast alles freiwillige Arbeiter.»
Ich hörte die große Betrübnis in seiner Stimme und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte mich ereifert, verstand aber nicht, warum er sich gekränkt fühlte.
«Ein Harmonium und Kirchenglocken aus Eisen sind für uns völlig ausreichend.»
Nach dieser Replik wandte er den Kopf ab. Mein Blick wanderte zu Helmuth, und ich bemerkte, dass dieser schon längst wieder zu seinem universellen Verteidigungsmittel, dem Schweigen, gegriffen hatte.
Später sprach ich mit Vidde darüber und sah ein, dass es gedankenlos von mir gewesen war, gerade zu diesem Zeitpunkt die Nørager Kirche zu erwähnen, seinen ganzen Stolz und sein großes Werk.
Obwohl die Leute in dieser Gegend nie besonders fleißige Kirchgänger waren und es ihnen eigentlich gleichgültig ist, ob sie eine Kirche in ihrer Nachbarschaft haben, gelang es meinem Vater in weniger als einem Jahr, ganz in der Nähe von Willhofsgave die Nørager Kirche als Filiale der Pfarrkirche errichten zu lassen. Ohne das Wohlwollen der Bevölkerung wäre das niemals möglich gewesen.
Die Idee dazu kam ihm am Neujahrstag des Jahres 1892. Im April wurde der Grundstein gelegt und im November desselben Jahres die Kirche eingeweiht. Für ihn war es eine Herzensangelegenheit. Er bestritt die Hälfte der Kosten, der Rest wurde durch öffentliche Mittel finanziert.
Was ihn antrieb, weiß ich nicht, doch Vidde behauptet, er habe mit dem Bau die höheren Mächte um Hilfe angefleht, ein missgestaltetes Kind durchs Leben zu bugsieren, wie kurz dieses auch sein möge. Vor Weihnachten hatte er verschiedene deutsche Ärzte und Nanismusforscher konsultiert und erfahren, dass die meisten Menschen meines Schlages, falls sie die Geburt überhaupt überlebten, schon im Kindesalter starben. «Du kannst mir glauben, dass er außer sich vor Angst war, dich zu verlieren», sagte mein altes Kindermädchen.
Zu diesem Zeitpunkt konnte der Hofjägermeister nicht ahnen, dass der missgestaltete kleine Kerl, der zwei Jahre zuvor in seinem Haus zur Welt gekommen war, einmal Organist werden würde. Später, als ich etwa acht, neun Jahre alt war, und jeder wusste, dass ich ohne weiteres in der Kirche hätte spielen können, sofern man auf meine Dienste Wert gelegt hätte, musste er sich die bittere Wahrheit eingestehen – und er tat es mit Anstand und Würde –, dass er in seinem Bestreben, der Lokalbevölkerung seinen Willen aufzuzwingen, eine Grenze erreicht hatte. Sein Sohn hat niemals in der Nørager Kirche gespielt.
«Die Leute wollten dem Hofjägermeister einfach keine Gelegenheit geben, mit dir anzugeben. Die können ja so kleinlich sein, die Jütländer», sagte Vidde, die ihre eigenen Erfahrungen mit dem einfachen Volk gemacht hatte.
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Aus gutem Grund herrscht in meinem Elternhaus ein antimaterialistischer Geist. Genügsamkeit war ein Erbteil des Gutshofs, eines einfachen, geschmackvollen Rokokoguts, das sein Begründer erbaut hat. Der ursprüngliche Hof, der sich an derselben Stelle befand und sich bis ins sechzehnte Jahrhundert zurückverfolgen lässt, hieß «Knyle». Ich habe im Wörterbuch der Wissenschaftlichen Gesellschaft nachgeschlagen. «Knylen» bedeutet: mager werden.
Reich sind wir nie gewesen. Die Größe von Willhofsgaves Gesamtfläche richtet sich nach den Gezeiten von Fjord und Meer. Die Erträge der eingedämmten Marschgebiete, die einen Großteil des Grundbesitzes ausmachen, sind gering, und die Wege zu den Absatzorten ungeheuer lang und kostspielig.
Die Tatsache, dass die Felder des Guts sowohl vom Kattegatt als auch vom Fjord überspült werden, lenkte die Aufmerksamkeit meines naturwissenschaftlich orientierten Urgroßvaters auf die Algen, die damals noch sehr wenig erforscht waren. Viele der Algen, die er entdeckte, fanden Aufnahme in die Flora Danica, zu der er bereits in jungen Jahren einen indirekten Beitrag leistete, als ein Professor der Kopenhagener Universität ihn als seinen Lieblingsstudenten zu botanischen Expeditionen nach Fünen und Jütland mitnahm.
Die Algenart «Holmia», die die Eigenschaft besitzt, das Niveau des Meeresbodens in Fjorden und an den Küsten anzuheben, ist nach meinem Urgroßvater, dem ersten Erbhofbesitzer Tyge Ludvig Willhof-Holm, benannt. Seine Bedeutung für das Selbstbewusstsein meiner Familie kann nicht überschätzt werden. Wie Mikroben fließen Teile dieses Algengeschlechts durch die Adern meiner Schwestern, haben ihre Glieder schlank und ihre Rücken rank werden lassen. Oscillatoria Holmia sitzt in ihren Hautzellen, verleiht ihren Profilen Geist und erhebt sie weit über alles Materielle, und das ist auch gut so.
Werden doch einmal bescheidene Überschüsse erwirtschaftet, erweist sich der Hof als gefräßiger Rachen, der das Geld für Sanierungen, für die Wohnungen der Landarbeiter sowie für Feld und Vieh verschlingt, sofern der Gewinn nicht anderweitig Verwendung findet, so wie damals, als mein Vater die Kirche erbauen ließ – seine einzige materielle Ausschweifung.
Während seiner gesamten Zeit als Erbhofbesitzer musste er die Neigung der vorigen Generationen zu selbst finanzierten, brotlosen Unternehmungen büßen. Mein Großvater gründete eines der ersten landwirtschaftlichen Institute des Landes und errichtete außerdem eine meteorologische Station. Er führte das naturwissenschaftliche Versuchslaboratorium seines Vaters weiter und praktizierte darüber hinaus ebenfalls dessen Prinzip der offenen Tür gegenüber Naturwissenschaftlern und Forschern.
«Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass gemeinsames wissenschaftliches Interesse zu den erfreulichsten Brücken zählt, die Menschen miteinander verbinden», schrieb mein Urgroßvater in einer Gedenkschrift über die lebenslange Freundschaft mit einem norwegischen Wissenschaftler, der ihn in jungen Jahren gemeinsam mit einigen Franzosen auf Exkursionen in die Pyrenäen begleitete.
Von Tante Caro war in meiner Kindheit wiederholt die Rede, und Vidde machte hin und wieder wenig respektvolle Andeutungen. Wir hatten sie von meinen Großeltern geerbt, die sie wiederum von meinen Urgroßeltern übernommen hatten.
Caroline Bahne kam als relativ junge Botanikerin und Rekonvaleszentin nach Willhofsgave und war meinem Urgroßvater «freundschaftlich zugetan». Sie erholte sich in der schönen Umgebung und der, wie es heißt, trauten Gesellschaft meiner Urgroßeltern aufs Beste, wuchs mit dem Hof zusammen und starb hier, steinalt, kurz bevor ich geboren wurde. Willhofsgaves Herbarium steht in Form von vierzehn dicken Lederbänden mit Goldprägung als der sichtbare Beweis für Caros Engagement im innersten Teil der Bibliothek.
«Warum sprichst du so schlecht von dieser Tante Caro?», fragte ich Vidde einmal.
«Das spielt doch keine Rolle. Ich habe meine Erinnerungen, und du weißt nicht einmal, was das Wort ‹Kebse› bedeutet.»
Mein Vater trat das Erbe seiner Vorväter mit Freude und Stolz an. Insgesamt hat er allen Grund, wie schon sein Vater und Großvater, erhobenen Hauptes durchs Leben zu gehen. Wissenschaft und Geist in jeder Form haben immer höchste Priorität gehabt. Das Geschäftliche liegt ihm nicht, was ungünstig ist, denn in der Landwirtschaft muss gekauft, verkauft und gehandelt werden. Mein Bruder hat erzählt, dass unser Vater einmal mitten in einer Verhandlung sagte: «Diesen Vertrag unterschreibe ich nicht, weil es Ihnen nicht ernst damit ist.»
Als das Landwirtschaftliche Betriebsbüro im Jahr vor der Abschaffung des Lehnswesens von ihm verlangte, den Zinssatz für die Kredite zu erhöhen, die von den Bauernhöfen immer noch abbezahlt werden mussten, geriet er außer sich vor Zorn. Die äußerst moderaten Bedingungen, zu denen mein Urgroßvater die Höfe an ihre Pächter verkauft hatte – und die eher durch seinen Frankreichaufenthalt in den Jahren nach 1789 angeregt worden waren als von den halbherzigen Reformversuchen zur Aufhebung der Erbuntertänigkeit –, waren plötzlich gesetzeswidrig geworden. Er durfte die längst freigekauften Pächter nicht einen niedrigeren Zins bezahlen lassen als den, den die Kleinbauern vom Staat erhielten. Das entrüstete ihn. Er protestierte entschieden, erhielt jedoch keine Zustimmung.
Der hochsensible, rechtschaffene Instinkt bewegt sich natürlich in beide Richtungen. Die Redlichkeit, die er anderen gegenüber an den Tag legt, verlangt er auch von diesen.
Sich selbst gegenüber handelt er immer in Übereinstimmung mit dem, was er im Innersten als korrekt empfindet, ohne Rücksicht auf die Kosten. Das macht ihn oft zu einem schlechten Ökonomen.
Unmittelbar vor der Abschaffung des Lehnswesens musste er mit seinen geringen Mitteln Land aufkaufen, weil er es nicht übers Herz brachte, den Bestand der von seinem Großvater und Vater mühselig eingedämmten Felder anzutasten. Das Gesetz über die staatlich gestützte Bewirtschaftung der kleinen Bauernhöfe verpflichtete die Besitzer größerer Güter nämlich dazu, Bodenparzellen in den Randgebieten abzutreten. Man mag der Meinung sein, mein Vater hätte sich anders entscheiden sollen, aber das konnte er eben nicht. Meine Schwestern bewundern ihn maßlos dafür. Helmuth und ich sehen das anders.
«Bei ihm ist fast nichts mehr vom alten Volkswirt zu spüren», sagt Helmuth, der ebenfalls Politische Wissenschaften studiert hat und die beiden Familieninteressen, Naturwissenschaft und Wirtschaft, in seiner Tätigkeit als Vorsitzender des Forschungslaboratoriums der Königlichen Veterinär- und Landwirtschaftshochschule vereint.
Er hat eine Dienstwohnung am Rolighedsvej. Es ist schön, ihn so nah zu wissen, auch wenn wir uns nur selten sehen. Der Kontakt findet meistens über unsere gemeinsame Haushaltshilfe, Anna Lovinda, statt. Ich muss sie bitten, ihn zu fragen, an welchem Tag er nach Hause fahren wird. Vielleicht können wir zusammen fahren.
Ich habe das Gefühl, mein Bruder und ich teilen stillschweigend den Eindruck, der Kampf meines Vaters sei der von Don Quijote gegen die Windmühlen und halte ihn aufrecht.
Einer der Wahlsprüche meines Vaters, die er seinen hoch gewachsenen Kindern mit auf den Weg gibt, lautet: «Man leidet nur einmal und siegt für immer.» Ich wünschte, er könnte das zu sich selbst sagen oder seinem Herzen mit einem anderen Kierkegaard-Zitat Luft verschaffen: «Schlechte Zeiten sind gute Zeiten.» Dies sagte er bei einem ganz bestimmten Anlass, doch ich hätte es besser gefunden, die Dinge beim Namen zu nennen: Gute Zeiten sind gute Zeiten.
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«Schlechte Zeiten sind gute Zeiten ... Lasst uns ausgehen und Tyges Anstellung feiern.»
Mit diesen Worten lud mein Vater uns alle zum Abendessen ins Kopenhagener Palast Hotel ein, weil die zu Hause wohnenden Mitglieder meiner patriotisch gesinnten Familie, angeführt von dem in die Jahre gekommenen, aber immer noch stattlichen Erbhofbesitzerpaar sowie Andrea, Ebba, Franz und Gudrun sich in der Hauptstadt befanden, um Helge Rodes Wiedervereinigungsfestspiel «Die Mutter» am Königlichen Theater anzuschauen. Das war kurz nachdem ich meine Tätigkeit in der Nordkapelle aufgenommen hatte.
Ellinor wohnt in der Asmussens Allee ganz in meiner Nähe. Ich spendierte uns einen Mietwagen bis zum Theater, wo wir die anderen im Foyer trafen. Helmuth stieß erst während des Abendessens zu uns.
Das Palast Hotel galt lange Zeit als Treffpunkt des Landadels in der Hauptstadt, eine Tatsache, über die mein Vater bisher nachsichtig hinweggesehen hatte. Wenn er sich in der Hauptstadt aufhält, fühlt er sich als Kopenhagener und betrachtet sich selbst und seine Familie ohnehin als einzigartige Institution, die es nicht nötig hat, sich an besonders prestigeträchtigen Orten zu zeigen. Denn das Palast Hotel ist geschmacklos eingerichtet mit seinen seeländisch-bäuerlichen Möbeln, den künstlichen, nach Gas riechenden Kaminen und den hässlichen erdfarbenen Teppichen und Bezügen. In meiner Kindheit, als wir zunächst in der Wohnung meines verstorbenen Großvaters mütterlicherseits am Højbro Platz und danach in der Store Kongensgade wohnten, gingen wir selten aus. Später bevorzugte mein Vater das Hotel Phönix. Dass wir uns jetzt im Palast Hotel treffen, geschieht allein Helmuth zuliebe.
Wir haben unsere Plätze an der Tafel eingenommen, unsere Bestellungen aufgegeben und warten auf das Essen. Diese Szene fällt mir ein, weil sie ein gutes Beispiel für die Fähigkeit meiner Familie ist, aus den meisten Situationen das Beste herauszuholen. Meine Eltern führen das Wort, und ich spüre, dass der Westfriedhof für sie immer noch eine proletarische Aura besitzt. Zumindest wäre es für das Kopenhagener Geschlecht meiner Mutter im letzten Jahrhundert unvorstellbar gewesen, sich auf diesen Armenfriedhof verbannen zu lassen.
Ich verhalte mich ruhig, obwohl sie irren, als sie behaupten, es sei weniger attraktiv – und würde es auch immer sein –, auf dem Westfriedhof begraben zu werden als auf dem Assistenzfriedhof, wo der eigene Humus sich mit dem großer Geister vermischen könne. Ebba macht darauf aufmerksam, dass der Weingroßhändler Therkildsen, dessen Assistentin sie über mehrere Jahre gewesen ist, auf dem Westfriedhof begraben liege und dass sein Name sowie sein Grabmonument sicher jedem Friedhof zur Ehre gereichen würden.
Ich hingegen denke an die Pracht und Schönheit, die diesen Ort mit seinen riesigen Baumkronen, den seltenen Pflanzen und dem glitzernden Wasser ohnehin auszeichnen. Sie einigen sich schließlich darauf, dass es nicht ausnahmslos unbedeutende Menschen sind, die auf meinem Friedhof begraben liegen.
Meine Mutter weist darauf hin, dass Nathalie Zahle dort beigesetzt worden sei. Eine ihrer Nichten, die eine Schülerin Zahles gewesen sei, habe sogar am Begräbnis teilgenommen. Franz führt den Dichter Axel Juel ins Feld, und Ellinor hebt Kristian Zahrtmann hervor, der sie auf der Kunstakademie unterrichtet hat. Mein Vater lebt spürbar auf, als ihm einfällt, dass auch Wilhelm Bergsøe dort begraben liegt. Helmuth nickt wissend; sie haben ihn beide gekannt. Bergsøe war einer der jungen Wissenschaftler, die sich zur Zeit meines Großvaters auf Willhofsgave vorstellten und freundlich aufgenommen wurden.
«Hammershøi, nicht wahr, Tyge?»
Ich nicke Ellinor zu. Der Maler, sie hat Recht. Jetzt blickt mein Vater mich an.
«Niels Finsen! Bist du dir darüber im Klaren, Tyge, dass auch er dort liegt? Ein Jahr vor seinem Tod bekam er den Nobelpreis.»
Ich nicke und stimme ihm zu. Ich glaube, mein Kinn schiebt sich ganz von selbst nach vorne – sogar Nobelpreisträger!
«Ich erinnere mich an einen Zeitungsartikel, der in Verbindung mit Finsens Beisetzung von der Schönheit des Westfriedhofs handelte», fährt mein Vater fort.
«Du denkst an die überwältigende Beschreibung von Magister Viggo Bierring in Politiken. Die Landschaftsarchitekten müssen sich sehr gefreut haben», sagt Helmuth und übersieht den zurechtweisenden Blick meiner Schwestern.
«Die schönste Parkanlage der Stadt. Die landschaftlichen Gegebenheiten sind großartig einbezogen worden; man hat sogar einen Ausblick auf den Kai von Kalvebod. Alles ist geprägt von Gestaltungswillen und Fruchtbarkeit.» Helmuth drückt sich nur selten so begeistert aus.
Meine empfindsamen Schwestern, allen voran Andrea und Gudrun, schauen meinen Vater ängstlich an, der kurz vor sich hin grummelt und anschließend schweigt, weil er Politiken nicht ausstehen kann. Er hegt eine schwere Aversion gegen Georg Brandes, die er von seinem Vater übernommen hat, und räumt daher nur ungern ein, dass Politiken zu den Zeitungen gehört, die er regelmäßig liest. Ich habe einmal versucht, dieser Aversion auf den Grund zu gehen, und kann die Alten eigentlich gut verstehen. Eine von Brandes’ ersten Veröffentlichungen war eine kritische Betrachtung der neuen naturwissenschaftlichen Weltsicht, der er den frommen Glauben an Gott und das Übernatürliche entgegensetzte. Natürlich erzürnte das meinen Großvater. Punkt für Punkt nahm Brandes alles freudig aufs Korn, wofür das Geschlecht der Willhof-Holms stand. Mein Vater hat mit dieser ererbten Aversion seine Schwierigkeiten, denn er stimmt mit Brandes in vielem überein und bewundert insgeheim die Verachtung des alten Revolutionärs für die Oberflächlichkeit unserer Zeit.
In den Augen meines Vaters sehe ich kurz Duldung, wenn nicht gar Zustimmung dazu aufblitzen, dass der Zorn auf Brandes und dessen völlig unsinnige Weiterleitung auf Politiken sich nicht auf Helmuth übertragen hat. Er räuspert sich, während er seinen Blick zu mir wandern lässt. Ich könnte gut und gerne einiges über Brandes äußern, den ich sehr bewundere, aber der Zeitpunkt ist wohl nicht gerade der günstigste.
«Hast du überhaupt einen Blick für all die Gräber dieser Berühmtheiten, oder gehst du mit Scheuklappen über den Friedhof, Tyge?»
«Die Gräber in der Nähe der Kapelle sehe ich täglich. Ansonsten ist ja noch alles ziemlich neu für mich. Aber wenn das Wetter besser wird, will ich mich natürlich mal gründlich umsehen. Ich bin neulich in der Bierstube beim Materialdepot auf ein Pils eingeladen worden und ...»
Andrea beugt sich ungläubig nach vorne und schaut mich vorwurfsvoll an, was an den Augenbrauen meines Vaters liegt, die nach oben geschnellt sind. Ich amüsiere mich im Stillen und fahre fort:
«... bin direkt an der Grabstelle von Emil Johansen vorbeigekommen.»
«Ah, der berühmte Gärungsphysiologe von Carlsberg.»
Mein Vater schaut zu meiner Mutter, die erklärt, ihr Vater habe Johansen aus der Wissenschaftlichen Gesellschaft sehr gut gekannt.
Helmut lehnt sich über den Tisch und schaut mir in die Augen.
«Dann hast du sicher auch bemerkt, wie groß Herman Bangs Blutbuche geworden ist. Ich war ganz schön erstaunt, als ich letztes Mal dort war. Stell dir vor, in weniger als zehn Jahren.»
Jetzt bin ich es, der sich wundert. Ich hatte keine Ahnung, dass Helmuth den Westfriedhof aufsucht.
Mein Vater ergreift hastig das Wort und fasst zusammen, man müsse trotz allem konstatieren, dass der Westfriedhof sich in den letzten fünfzig Jahren zu einer bemerkenswerten Friedhofsstätte entwickelt habe. Er sieht mich aufgeräumt an.
«Du hast bestimmt einige begabte Kollegen, ich meine Organisten, bekommen; du pflegst doch sicher nicht nur Umgang mit den Arbeitern in der Bierstube.»
«Ich habe sie noch nicht näher kennen gelernt – zwei Stockblinde, ein Halbblinder und einer mit Buckel.»
Ellinor, meine Allegro-Schwester, geht auf mich los:
«Verschone uns mit deiner vulgären Ausdrucksweise, Tyge, dafür gibt es bestimmt griechische oder lateinische Namen.»
Ihre Augen blitzen, während sie meinen Vater ansieht, der todernst, ohne davon Notiz zu nehmen, dass wir anderen zu lachen anfangen, sagt:
«Kyphose für Buckel.»
«Amaurosis für Blindheit», ergänzt Helmuth.
Jetzt prusten wir los, sogar Andrea. Helmuth ist meinem Vater in seinem Ehrgeiz, auf alles eine Antwort zu wissen, vollkommen gleich geworden. Er ist sich darüber völlig im Klaren und stimmt in unser Lachen ein.
Rasch haben sich unsere beiden wandelnden Lexika dem Lachen ergeben – die Szene könnte sich genauso gut zu Hause im Speisezimmer abgespielt haben –, während ein Kellner des Palast Hotels äußerst diskret vor sich hin summt und unsere Teller zum Serviertisch trägt, auf dem eine kleine aufrechte Spiritusflamme unter der großen Schüssel mit dem Essen lodert. Der Kellner lässt sich Zeit und genießt die Situation. Wir sind keine ungeduldigen Gäste, sondern können uns unendlich lange in unserer eigenen Gesellschaft amüsieren, wenn wir das richtige Thema gefunden haben. Die Diskussionen beim Abendessen kreisen oft um die Bedeutung von Wörtern, und alle kennen nur zu gut den Klang von Vaters Stimme, wenn er sagt: «Das schlagen wir besser gleich nach. Hol mal den Molbech (oder die Lexika von Meyer, Arlaud, der Wissenschaftlichen Gesellschaft oder Müllers Synonymwörterbuch etc.); er steht im ersten Zimmer, drittes Regal von unten, links von der Tür, ein wenig nach hinten gerutscht ...» Meine Mutter schlägt lachend vor, er solle doch direkt unter dem Esstisch ein Regal für die Nachschlagewerke anbringen lassen. Früher war diese Neigung natürlich noch ausgeprägter. Inzwischen hat sich eine gewisse Ermüdung meines Vaters bemächtigt, die gleichsam im Takt mit dem wachsenden, inzwischen beträchtlichen Wissen der Kinder zunimmt.
Die Aufmerksamkeit meines Vaters richtet sich auf mögliche Ergänzungen meinerseits, aber wir warten ab, bis der letzte seinen Teller bekommen hat, um mit dem Essen beginnen zu können.
«Es gibt auch einen weiblichen Organisten, doch was mit ihr nicht stimmt, außer dass sie ledig ist, hab ich noch nicht herausgefunden.»
«Jetzt gehst du zu weit, Tyge», sagen die Augen meiner Mutter, während ihr Mund uns zum Essen auffordert.
Die Augen der anderen plappern die stumme Replik meiner Mutter nach. Ellinor beugt sich weit über den Teller, um ihr Grinsen zu verbergen.
Wir brauchen nicht lange, bevor wir das Gespräch wieder aufnehmen, während wir essen. Andrea ist in der Regel nicht besonders hungrig, also ergreift sie die Gelegenheit, gleich in den ersten Minuten etwas zu sagen, ohne unterbrochen zu werden. Sie beugt sich über den Tisch und berichtet Helmuth von Johannes Poulsens ergreifender Darstellung als Narr.
Helmuth nickt und verspricht, sich die Vorstellung gleich in den nächsten Tagen anzusehen. Andrea erzählt von der Bitterkeit und Rohheit, die Poulsen zum Ausdruck bringe. Besonders bei einem Lied, das soweit sie sich erinnere Der Hass ist stärker heiße.
«Ich habe vor Freude gezittert, als er es gesungen hat», sagt Franz und hält sich die Hand vor den vollen Mund.
«Mir hat das nicht gefallen», entgegnet Gudrun. «Ich finde, man sollte dem Hass kein Loblied singen.»
Ich nicke ihr zu; so hätte Edith das auch gesagt.
Andrea schaut sich ärgerlich um und beginnt zu essen, während ihr Blick zu meiner Mutter wandert, die gerade zu Ende kaut, um danach etwas zu sagen.
«Aber die anderen Lieder ... wie Eine reiselustige Flotte, glaubt mir, das kommt eines Tages in das Gesangbuch der Volkshochschule.»
Niemand hat Lust, ihr zu widersprechen. Einer ihrer Brüder war als Redakteur für das Liederbuch verantwortlich.
«Eine leichte und eingängige Melodie von Carl Nielsen, nicht wahr, Tyge?» Ich nicke Ellinor zu und sage:
«Das zweite Lied: Mein Mädchen ist so hell wie Bernstein, habt ihr das bemerkt, ich meine den Text?»
Ich schaue mich nach einer Reaktion um.
Mein Vater summt den Refrain mit geschlossenem Mund. Beinahe richtig. Von ihm habe ich meine Begabung. Meine Mutter hingegen ist völlig unmusikalisch. Dafür besitzt sie ein unglaubliches Gedächtnis und fügt den Melodiefetzen meines Vaters, die ich im Stillen korrigiere, die gesprochenen Worte hinzu: «Prinzessin Tove von Dänemark.»
«Die Symbolik ist kostbar», meint mein Vater.
Ich berichte, während alle zuhören, dass Rode von einer Nichte namens Tove zu diesem Text inspiriert worden ist, die er sehr gern gehabt hat.
Meine Schwestern Ellinor, Gudrun und Ebba sind gerührt, meine Mutter schaut skeptisch drein, und Andrea wirft mit allen Zeichen der Missbilligung die Frage auf, ob man so etwas tun dürfe. Franz ist ganz Ohr, weil es sich um ihr Gebiet handelt, die Kunst des Schreibens und das lebende Vorbild.
Mein Vater lässt verblüfft Messer und Gabel sinken. Selbst hat er niemals davor zurückgeschreckt, seine Töchter in gewissem Sinne als Königskinder zu betrachten.
«Ich finde das dann doch ein wenig zu persönlich. Dieses Kind kam wohl aus einer ganz besonderen Familie.»
«Ach komm, Hans Helmuth», sagt meine Mutter nachsichtig. «In allen Schichten und Klassen werden die Kinder liebevoll als Prinzen und Prinzessinnen bezeichnet.»
«Na dann prost», sagt mein Vater beschwingt und mit einem Zwinkern. Er hebt sein Glas und schaut in die Runde, wobei er mit jedem einzelnen Blickkontakt aufnimmt.
«Zum Wohl, meine lieben Kinder, und denkt daran, dass manche mit mehr Berechtigung Prinzen und Prinzessinnen genannt werden als andere.»
Wir lächeln milde; seine Überheblichkeit ist erklärlich und entschuldbar.
14
Großzügigkeit ist ein Adelsmerkmal meines Geschlechts. Das ist mein Glück; ich bin mir der Tatsache vollkommen bewusst, in gute Hände geraten zu sein. Sollte ich nicht so großherzig sein wie die anderen und meine Seele womöglich weniger Noblesse besitzen, dann liegt es daran, dass ich nur ein brauner Topinambur unter weißen Lilien bin. Es geschieht höchst selten, dass ich im Mittelpunkt stehe, darum kann ich mich an den Abend im Palast Hotel auch so gut erinnern.
Dass mein Vater seine Kinder gewissermaßen als Königskinder betrachtet, liegt daran, dass das Erbhofsystem praktisch den Regeln und Gesetzen eines Königshauses folgt. «Wer, außer dem Königshaus, besitzt keine Religionsfreiheit?», fragen meine Schwestern, während sich ihre Gesichtshaut algenartig hin und her bewegt.
Der Begründer von Willhofsgave, der Staats- und Landrat Tycho de Willhof, verlangte, dass mein Urgroßvater als erster Erbhofbesitzer Namen und Wappen der Familie annehmen und Lutheraner werden sollte. Er schenkte uns das Gut vor 138 Jahren aus reiner Großherzigkeit.
Der Erbhofbegründer, der kinderlos und in die Jahre gekommen war, machte den damals achtjährigen Hans Ludvig Holm, meinen Urgroßvater, zum ersten Erbhofbesitzer. Er erhielt den zusammengesetzten Namen Tyge Ludvig Willhof-Holm.
Der Wohltäter besaß zum begünstigten Jüngling eine zweifache familiäre Verbindung und war sich anscheinend sicher, dass dessen Abstammung für Qualität bürgte. Die Mutter des Jungen war die Tochter seiner Schwester. Mit der Großmutter väterlicherseits des Jungen, Elisabeth, war er verheiratet. Sie war die Witwe des Schiffsarztes Helmuth Holm. Tycho de Willhof war also der Ersatzgroßvater des Jungen. Als Kind verbrachte er einige Zeit auf dem Gut, das nach einem früheren deutschen Besitzer Böttingsborg hieß, bevor es zu unserem Erbhof wurde, sodass der Staatsrat Gelegenheit hatte, den Jungen zu begutachten.
Als Tycho bald nach der Erbhofbegründung starb, wurde das Gut für einige Jahre von Elisabeth de Willhofs Sohn geführt, Hans Helmuth Holm, dem Schiffskapitän und Leiter einer Zollstation. Der junge Erbhofbesitzer besuchte die Universität und hielt sich mehrere Jahre im Ausland auf. Mit dem Titel eines Homme de lettres in seinem Pass studierte er Botanik, Geologie und Mineralogie und knüpfte Verbindungen zu Wissenschaftlern aus aller Herren Länder. Im nach revolutionären Frankreich beschäftigte er sich nicht nur mit den fortschrittlichen Ideen, sondern setzte sich in solchem Maße für sie ein, dass er Schwierigkeiten bekam, als er im Jahr 1800 nach England reisen wollte. Ein Mitreisender der Postkutsche von Paris nach Calais registrierte, dass er mit ein paar jungen Franzosen auf das Wohl Napoleons anstieß, als dieser gerade, aus Ägypten kommend, Fréjus erreichte, und denunzierte ihn als Jakobiner. In Dover angekommen, verwehrte man ihm, trotz zahlreicher Empfehlungsschreiben, das Recht, an Land zu gehen. Nachdem er sich drei Tage im Hafen von Dover aufgehalten hatte, erhielt er die Anordnung des Herzogs von Portland, unverzüglich nach Frankreich zurückzukehren. Mein Urgroßvater hat in einer biografischen Zeitschrift selbst darüber berichtet:
«Nach meiner Heimkehr suchte ich unseren guten König Frederik den Siebten auf, der damals Kronprinz war, berichtete ihm von meinen Erlebnissen und überreichte ihm die Stellungnahme der dänischen Gesandtschaft in Paris, die bezeugt, dass ich mich, soweit bekannt, nicht der Politik, sondern ausschließlich meinen Studien gewidmet habe. Darüber hinaus hatte ich leider keine Möglichkeit, mich vom Verdacht des Ultraliberalismus reinzuwaschen.»
Es gelang ihm bereits 1801, seinen zweifelhaften Ruf aufzupolieren – ich möchte fast behaupten, sein Renommee völlig auf den Kopf zu stellen –, als er Charlotte, die Tochter des soeben zurückgetretenen Geheimrats, ehelichte. Sie war 16, und es geht das Gerücht, sie habe, bevor er um ihre Hand anhielt, heimlich zu Nadel und Faden gegriffen und ihre und ihrer Mutter Röcke zusammengenäht, aus Angst, mit ihm allein gelassen zu werden.
Ich bin ziemlich sicher, dass mein Urgroßvater an den Versammlungen von Robespierres Jakobinerclub teilnahm, der sich offiziell Gesellschaft der Verfassungsfreunde nannte, sowohl in Paris als auch in der Provinz frei zugängliche Sitzungen abhielt und in einer Übergangszeit große Bedeutung für die Radikalisierung der öffentlichen Meinung hatte. Mein Vater verweist treuherzig auf seinen eigenen Vater, der gesagt hat, dass an dem Gerede nichts dran sei. Natürlich mussten sie das behaupten. Ich bin überhaupt der Ansicht, dass vom politischen Habitus und der geistigen Orientierung meines Urgroßvaters in der dritten und vierten Generation nichts mehr übrig geblieben ist, auch wenn die Familie bemerkenswerten Nutzen aus seinen Handlungen zieht. Ich höre, wie mein Vater meine Schwestern als «junge Töchter der Nation» bezeichnet. So hätte er eine Horde von Stallmägden nie genannt.
Wenn ich die Vita meines Urgroßvaters studiere, was ich hin und wieder tue, weil die heimische Bibliothek, über ihre kostbare Sammlung wertvoller Erstausgaben hinaus, bedeutendes biografisches Material über ihn enthält, entdecke ich jedes Mal mit derselben Deutlichkeit und Verblüffung, wie viele Eigenschaften er mir unbemerkt vererbt hat. Darüber spreche ich natürlich nicht mit den anderen. Sie glauben alle, ihm ähnlich zu sein, solange sie nur die Seite seines Rufs im Auge haben, die ihnen sympathisch ist. Ich will nicht behaupten, sie würden die Wirklichkeit schönfärben – denn was ist schöner als die Wirklichkeit? –, aber verdrehen und verschweigen, das tun sie, weil sie darauf setzen, dass das Verschwiegene aufhört zu existieren.
Die Familie Willhof-Holm ist stets zahlreich und raumgreifend gewesen. Die Urgroßmutter Charlotte brachte zehn Kinder zur Welt, meinen Großvater als erstes. Des weiteren gehörten zu ihrer Schar zwei Pflegekinder, von denen zumindest eines heiß geliebt wurde. Zweiundsiebzig Jahre lang hat sie den Hof nie verlassen. Wie eine Königin herrschte sie gemeinsam mit einigen ledigen Töchtern über das Hauptgebäude und wachte darüber, dass der Geist meines Urgroßvaters bewahrt und das Geschenk mit Respekt verwaltet wurde. Sie blieb bis zu ihrem 93. Jahr am Leben, weil sie Louise Marie, meiner im Südflügel wohnenden Großmutter väterlicherseits, die Bewältigung der Aufgabe nicht zutraute. Diese starb lange vor ihrer Schwiegermutter und war nie ins Hauptgebäude eingezogen.
Warum musste sie so alt werden? Was hütete sie wirklich? Auf den Fotografien und Porträts des Gartenzimmers gleichen ihre Augen denen eines Waldkauzes. Sie leuchten aufmerksam, während sie von grauen Schläfenlocken, einer Haube und dem Samtband unter dem Kinn eingerahmt werden. Mit der Klugheit einer Eule formte sie die Wirklichkeit, bis sie so aussah, wie sie es wollte, bevor sie sich von ihr verabschiedete.
Meine frei umherflatternden Schwestern genießen, verglichen mit den Frauen vergangener Generationen, große Freiheit bei der Entfaltung ihrer diversen künstlerischen Aktivitäten und ihren persönlichkeitsbildenden Unternehmungen. Sie sehen nicht – oder es macht ihnen nichts aus –, dass die finanziellen Mittel meines Vaters ihrer Freiheit Grenzen setzen. Und sie lassen gänzlich die Möglichkeit außer Acht, dass die messerscharfe Schere, die das Schnittmuster der Familie zurechtschneidet, womöglich auch schon ihre Flügel berührt hat und sie zu amputierten Vögeln gemacht hat, die nur noch die Illusion hegen, überall hinfliegen zu können. An dieser Entwicklung hat Urgroßmutter Charlotte entscheidenden Anteil. Man muss mich entschuldigen, dass ich die tiefe Sorge um die Zukunft des Erbguts meinen Schwestern überlasse, während ich meinem Beruf nachgehe und mein gutes Auskommen genieße.
Wie ich bereits erzählt habe, wuchsen einige Gäste, denen ein gemeinsames wissenschaftliches Interesse den Weg zu meinem Groß- und Urgroßvater gebahnt hatte, mit dem Gut zusammen und blieben auf Willhofsgave wohnen. Andere kamen und gingen, unter ihnen – soweit mir bekannt ist – der französische Naturforscher Louisch Decandolle aus Montpellier, dessen Tochter von Kindesbeinen an inmitten von Urgroßvaters Kinderschar aufwuchs.
Das Kind hieß Colette – den Nachnamen Lawaetz hatte sie von ihrer französischen Mutter –, war vermögend und besaß ihre eigene Mamsell, was auch den Kindern meines Urgroßvaters zugute kam, die gemeinsam mit Colette von der Mamsell in Sprachen und Allgemeinwissen unterrichtet wurden. Auf dem Erbgut war man bei weitem nicht immer so vermögend, dass man sich eine Hauslehrerin leisten konnte. Zu Großvaters Zeiten waren sie so arm, dass seine Schwestern nicht alle gleichzeitig in die Kirche gehen konnten, weil nicht so viele Hüte vorhanden waren.
Colette, deren braune Augen ich geerbt habe, wurde von allen auf Willhofsgave geliebt, doch ihre Pflegeeltern sorgten dafür, dass sie früh verheiratet wurde. Blutjung ehelichte sie auf Willhofsgave den Numismatiker und Museumsleiter Sophus Mühlenhausen und zog mit ihm nach Kopenhagen. Sie nahm die Mamsell mit, die später auch meine Mutter erziehen sollte, eines von Colettes zahlreichen Kindern.
Manchmal besuchte Colette im Sommer ihr Ersatzelternhaus und brachte dann auch einige der Kinder und das in die Jahre gekommene französische Kindermädchen mit. Als meine Mutter zehn Jahre alt war, kam sie an die Reihe, Willhofsgave zu besuchen, begegnete meinem Vater bei dieser Gelegenheit jedoch nicht. Urgroßmutter, die allein im Mittelteil des Hauptgebäudes wohnte, trat ihren Gästen entschieden gegenüber und wünschte keine «Fraternisierung» mit dem Südflügel. Erst während seiner Studienzeit in Kopenhagen bekam er Colettes Tochter Constance zu sehen, als er, auf Veranlassung seines Vaters, die Familie am Højbro Platz besuchte.
Meine Mutter besaß also durchaus eine Vorstellung, was sie erwartete, als sie nach vierzehn Ehejahren von Kopenhagen nach Willhofsgave umzog, wo sie fünf Jahre später das Meisterstück fertig brachte, mich zur Welt zu bringen.
Vidde hat mir erzählt, sie habe damals nicht die geringste Ahnung gehabt, dass meine Mutter den Hof von Kindesbeinen an besucht hatte.
«Das hätte sie mir wirklich sagen können, dann hätte ich mir ihretwegen weniger Sorgen gemacht», sagte sie einmal zu mir und ließ die stehende Wendung folgen: «Die Wege der feinen Gesellschaft sind genauso unerforschlich wie die des Herrn.»
Über die Familie meiner Mutter weiß ich nur sehr wenig, obwohl es in Kopenhagen von leiblichen Vettern und Cousinen nur so wimmelt. In Mutters Patrizierelternhaus wurde ihre Ehe mit dem Erbhofbesitzer in spe nicht gebilligt. Nach dem Tod ihres Vaters kam es nicht einmal zu Höflichkeitsbesuchen. Später stattete ihr Bruder Peter Willhofsgave einen Besuch ab. Das war ein so herausragendes Ereignis, dass wir uns zu einem Familienfoto aufstellten. Ich stehe ganz nahe bei meinem sitzenden Onkel Peter. Wenn ich das Foto betrachte, spüre ich noch immer seinen Arm um meine Schultern und seine Hand, die sich um meine schließt.
15
Schumanns Kinderszenen erfüllen mein Zimmer bis in den letzten Winkel. Zielgerichtet und mit der Wärme des Mais brechen die niedrigen Sonnenstrahlen zwischen den Ästen des Baums vor meinem Fenster herein, um die Trübheit und Kälte des Tages zu vertreiben.
Als Bewohner der attraktivsten Wohnung des Hauses – im ersten Stock mit Eckfenster – bin ich sehr von der späten Nachmittagssonne begünstigt. Heute wirkt es beinahe so, als wichen ihre Strahlen vor der Musik zurück.
In den letzten Tagen hatte ich alle Hände voll damit zu tun, neuere Musik zu transponieren, die ich gern selbst spielen möchte, nachdem ich sie gelesen habe. Musikliteratur mit vielen Vorzeichen erfordert lange Finger. Ich betrachte meine Übertragungen als so gelungen, dass das Resultat manchmal sogar besser als das Original ist. Jetzt genieße ich zu spielen, was mir in den Sinn kommt, schöpfe meine Möglichkeiten aus und vergesse meine Grenzen. Die Noten sind mir so geläufig, dass ich, wenn ich zu spielen aufhöre, fast über den Anblick meiner kurzen, dicken Finger erschrecke, weil sie mir, solange ich spielte, vorkamen wie weißer Spargel von hervorragender Qualität.
Meine Finger huschen über die Tasten. Es ist, als würde man Feuer in einem kalten Kachelofen machen. Erst klingt es sehr effektvoll, hinterlässt aber kaum eine Wirkung. Doch mit der Zeit beginnt das Feuer ruhig und gleichmäßig zu brennen, während die Wärme sich langsam im Raum ausbreitet.
Der Kachelofen bin natürlich ich selbst, mein Körper und mein Intellekt; das Instrument braucht keine Aufwärmphase, schon gar nicht der Flügel, den ich – den vielen Todesfällen im Winter sei’s gedankt – kürzlich gegen das Harmonium eintauschen konnte, das mein Vater mir mitgab, als ich vor fast zwanzig Jahren hierher zog: gebraucht gekauft und damals schon ziemlich heruntergekommen. Es war Olaf André Halle, der mir meinen Flügel der Firma Hornung og Møller aus dem Nachlass eines Theaterkorrepetitors besorgt hat.
Bald beginnen die Kinderszenen zu verblassen und werden von Fantasien verdrängt, die meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Mit Schumann lässt sich schlecht tanzen, aber jetzt will ich tanzen. Der Anblick des Profils im Spiegel über der Orgel hat mich wagemutig und behende gemacht. Die Harmonien werden farbig und verleihen den melodischen Figuren Fülle. Der Lärm der Straße, der manchmal schlimm sein kann, stört mich ebenso wenig wie Anna Lovinda, die sich im Schlafzimmer und in der Küche zu schaffen macht.
Die bedeutenden Klavierwerke spiele ich vorzugsweise an meinen freien Tagen. Ich mag die Sonntage und genieße es, mit gutem Gewissen abzulehnen, wenn Kollegen mich fragen, ob ich für sie einspringen will.
Wenn ich immer noch ab und zu einen Gottesdienst übernehme, dann geschieht es in der Hoffnung, einen früheren Tagtraum wieder zum Leben zu erwecken, der mir eine Vorstellung davon vermittelte, wie es wohl wäre, als Organist einer Pfarrkirche die Zeremonien der glücklichsten oder traurigsten Anlässe mit zu gestalten und die rituelle Abfolge der Kirchenfeste durchs Jahr hindurch zu begleiten. Diesen Gedanken spiele ich stets aufs Neue durch, wenn ich in der Kapelle an der Orgel sitze.
An den besten Tagen habe ich das Gefühl, im Laufe von vier, fünf Begräbnissen das gesamte Kirchenjahr mit allen dazugehörigen Begebenheiten – von der Taufe über die Konfirmation bis zu Hochzeit und Begräbnis – zu durchlaufen. Auf diese Weise können verschiedene Menschenleben, wenn ich in der Kapelle spiele, in meiner Vorstellung ohne Brüche oder erkennbare Übergänge in eins zusammenfließen, und die Verflechtung von Leben und Tod gewinnt eine konkretere Bedeutung als das ewige Leben des Christentums, an dem ich starke Zweifel habe.
Die Papillons oder Davidsbündlertänze können mich fast in Trance versetzen und mir das Gefühl geben, Robert Schumann selbst zu sein und mich auf der dunklen Seite der Geisteskrankheit mit ihrem permanenten Wechsel von Euphorie und Depression zu befinden.
Ansonsten wäre ich gern an seiner Stelle gewesen, als er Clara, die Tochter seines Lehrers, in Leipzig heiratete. Sie war eine ausgezeichnete Pianistin und Komponistin, erreichte jedoch nie das Niveau ihres Mannes, obwohl sie vierzig Jahre mehr Zeit zum Arbeiten hatte als er. In Leipzig hatte ich einen Lehrer, der in Frankfurt von Clara Schumann unterrichtet worden war und daher mit Enthusiasmus ihre Kompositionen lehrte. Ich mag sie beide und bin überhaupt – genauso wie mein erster Lehrer: mein Vater – ein Anhänger der deutschen Spätromantik. Den musikalischen Lyrikern widmete ich mich vor allem gemeinsam mit Edith, wenn ich zu Hause war.
Meine Hände haben die Führung übernommen und spielen sich, vom Unterbewusstsein geleitet, in Schumanns sakrale Vokalwerke hinein, während meine Gedanken Clara Schumann auf ihren nicht enden wollenden Konzertreisen durch ganz Europa begleiten, die sie in kräftezehrendem Wechsel mal auf dem Podium, mal in der Einsamkeit wechselnder Hotelzimmer zubrachte. Über eines ihrer Konzerte in Kopenhagen schrieben die Kritiker, sie habe Tiefe und Poesie bewiesen – in meinen Ohren hört es sich wie die Musik eines unglücklichen Menschen an.
Während ich die Phantasiestücke spiele, wandelt sich meine Stimmung, und der Neid auf das Glück Robert Schumanns, als er die Prinzessin und das halbe Königreich dazu erhielt, reduziert sich auf ein Minimum. In den vierzehn Jahren ihrer Ehe zog sie fremde Hotelbetten seiner Nähe vor. Und was hat er nicht alles von seinem Schwiegervater erdulden müssen, weil der Zufall es wollte, dass er auch nach beendigtem Studium in dessen Reichweite blieb. Claras Vater hat ihn sicher mit pedantischer Kritik traktiert, obwohl er ihm nicht im Entferntesten das Wasser reichen konnte.
Die Finger halten inne und fallen wie erschossene Spatzen auf die Tasten. Das jähe Ende der Musik hat mich zu der Erkenntnis geführt, dass ich unter keinen Umständen eine Ehe mit Clara Schumann eingegangen wäre, und jetzt erreicht der Duft nach geröstetem Brot meine Nasenlöcher. Anna Lovinda steht mit dem Teebrett neben mir und sagt: «Entschuldigung.»
Ich blicke auf, Worte sind überflüssig; sie ist verpflichtet, mich zu unterbrechen, und das weiß sie. Es hat lange gedauert, bis wir so weit gekommen sind. Das kleine «Entschuldigung» und ihr Verharren neben dem Klavier sind ein Schritt auf dem Weg zu einer mühsam anerzogenen Verhaltensweise. Eines Tages wird sie, das strebe ich zumindest an, freiheraus sagen «Hier haben sie Ihren Tee» oder auch nur «Es ist Teezeit».
Sie sieht aus, als sei sie in Gedanken, geht zum Tisch am Fenster und deckt ihn für mich. Ich habe oft das Gefühl, sie habe etwas Bestimmtes auf dem Herzen, worüber sie mit mir sprechen möchte. Mitunter trifft das zu, während ich dieses Gefühl andere Male meinem Unvermögen zuschreiben muss, mit einfachem Dienstpersonal richtig umzugehen. Zu Hause befand sich Vidde stets zwischen ihnen und mir. Ungefähr die gleiche Rolle haben auch verschiedene Zimmerwirtinnen in meinem Leben ausgefüllt.
Helmuth selbst war es, der das Arrangement mit Anna Lovinda vorschlug, als ich von einem gemieteten Zimmer in diese Wohnung umzog. Früher hatte er ein offenes Haus. Zeitweise wohnten Charlotte und Ellinor bei ihm, Ebba sogar mehrere Jahre lang. Heute ist seine Haushaltsführung, wenn ich Anna Lovinda richtig verstehe, ziemlich bescheiden. Sie ist seit zehn Jahren bei ihm, wohnt in seinem Haus und kommt an den Nachmittagen meistens zu mir, um für ein paar Stunden zu bleiben. Helmuth besteht darauf, sie dafür zu bezahlen, doch wenn ich zu Hause bin, geht sie selten mit leeren Händen wieder fort.
«Sie haben so schön gespielt, besser als an anderen Tagen ... wenn ich das sagen darf.»
Ich freue mich, nicke eifrig und denke: So ist es richtig, Anna Lovinda. Bei mir soll das Dienstmädchen nicht wie ein stummer Einrichtungsgegenstand sein, sondern ein lebendiger Mensch, der nach seinen eigenen Maßstäben handelt.
«Ich glaube, Sie sind musikalisch. Es trifft nämlich völlig zu, dass ich heute besser als sonst gespielt habe», sage ich, während ich zum Teetisch hinübergehe, wo ich in einem niedrigen Chesterfieldsessel Platz nehme.
Sie errötet so tief, dass es fast unkleidsam ist, verneigt sich und lässt ihren Blick zu einem Brief schweifen, den sie dekorativ gegen eine Zuckerschale gelehnt hat.
«Ein Brief von zu Hause», sagt sie lächelnd und setzt sich auf mein Zeichen in den Stuhl mir gegenüber. Das ist etwas, was ich ihr gleich beigebracht habe: sich hinzusetzen, so dass ich weiß, es befindet sich noch ein weiterer Mensch in diesem Zimmer. Ich hatte sofort gewusst, dass – falls sie es überhaupt jemals lernen würde – Winter und Frühling darüber vergehen würden, falls ich sie nicht direkt ansprach, und das tat ich: «Offen gesagt, Anna Lovinda, habe ich so wenig Umgang mit anderen Menschen, dass es mir eine Freude wäre, wenn Sie mir während des Teetrinkens Gesellschaft leisten würden.»
«Gudrun ... Ihre Schwester Gudrun, ist sie nicht die Jüngste?»
Ihre Augen verharren für einen Moment auf dem Kuvert, das sie so hingestellt hat, dass sie den Namen des Absenders lesen kann, während ich die Vorderseite sehe. Erst seit sie bei mir zu arbeiten begonnen hat, entwickelt sie allmählich eine Vorstellung von der Zusammensetzung meiner Familie. Natürlich weiß sie über den Brief bereits viel mehr als nur den Namen des Absenders. Vielleicht hat sie ihn sogar gelesen – warum nicht? –, für mich kein Grund zur Aufregung.
Ich bestätige, dass Gudrun nach mir die Jüngste ist, und berichte, dass sie im Winter 37 Jahre alt geworden ist.
Anna Lovinda mag es, wenn ich von meinen Schwestern erzähle. Sie ist selbst Mitte dreißig und hat die Hoffnung auf eine Heirat offenbar noch nicht aufgegeben. Es macht mir Spaß, diesen Zug an ihr zu studieren. Sie unterscheidet sich von meinen Schwestern in jeder erdenklichen Hinsicht – Alter und Ehestand ausgenommen. Auch meine Schwestern nähren romantische Vorstellungen, zumindest einige von ihnen, doch es handelt sich nicht um gewöhnliche irdische oder realistische Vorstellungen, wie bei diesem Kind aus dem Volke. Anna Lovinda macht, im Gegensatz zu ihnen, einen sinnlichen Eindruck auf mich.
In meiner Phantasie teile ich die späten Mädchen in zwei Hauptgruppen ein, wobei ich in der Regel davon ausgehe, dass alle mit einem natürlichen Drang zum anderen Geschlecht auf die Welt kommen. Zum einen gibt es diejenigen, die ihre schwärmerischen Hoffnungen auf den einzig Richtigen noch nicht aufgegeben haben. Ihnen stehen jene gegenüber, die ihre Hoffnung aufgrund bitterer Erfahrungen begraben haben. Das Interessante ist, dass auch die Hoffnungsvollen durchaus schlechte Erfahrungen gemacht haben können, sie aber verarbeitet haben. Anna Lovinda gehört wohl zu diesem Typus.
Meine Schwestern gehören weder zur einen noch zur anderen Gruppe und verstehen sich übrigens auch nicht als späte Mädchen. Das kann ich gut verstehen, denn sie wirken zugleich ewig jung und schon immer alt. Von Gudrun abgesehen, glaube ich nicht, dass irgendeine von ihnen unschöne Erlebnisse gehabt hat, die sie haben distanziert werden lassen. Sie verfügen gewissermaßen über eine eingebaute schlechte Erfahrung, die nicht ihre eigene ist, ihnen aber auf geheimnisvolle Weise zuteil wurde.
Tatsächlich riet ihnen meine Mutter einst, als sie sich ausgelaugt und am Rande des Nervenzusammenbruchs auf die Chaiselongue warf: «Heiratet niemals!» Ich habe gehört, wie sie darüber lachten. Vidde sagte, das solle man nicht so ernst nehmen. Solche spontanen Ausbrüche seien bei verheirateten Frauen aus der Oberschicht nicht ungewöhnlich.
Anna Lovindas Finger sind so dick wie die Tülle der Teekanne, ihre Hüften so rund wie die Tasse. Sie riecht gut, immer derselbe Geruch, von dem ich nicht weiß, ob es der Duft einer Frau oder nur der des Tees ist. Ich glaube, sie ist so zerbrechlich wie das Porzellan der Tasse. Eines Tages wird sie von einem Witwer geschnappt werden. Ich hoffe, er wird nett sein und sie gut behandeln. Ich blicke zu ihr auf, während sie mir Tee einschenkt; ihre Augen sind so bernsteinfarben und glänzend wie die Oberfläche des Tees. Sie sieht mich zuversichtlich an, während sie sich wieder hinsetzt und damit unseren Größenunterschied von nur 19 Zentimetern zum Verschwinden bringt.
«Ich soll Ihnen einen Gruß von Fräulein Ellinor ausrichten. Sie fährt am Sonntag nach Jütland und würde gerne mit Ihnen zusammen reisen.»
Das Geräusch des Toasts in meinem Mund pflanzt sich direkt in den Gehörgang fort. Unwillkürlich höre ich auf zu kauen. Ich bin freudig überrascht. Phasenweise sehen Ellinor und ich uns gar nicht so selten. Sie wohnt in der Asmussens Allee, fünf Minuten von hier entfernt. Im Moment sehen wir uns jedoch nicht so häufig, weil ihre Zeit von einem Herrn beansprucht wird. Das macht mir wirklich nichts aus, und nicht die fehlenden Treffen sind mir ein Dorn im Auge, sondern der Herr selbst, was ich nicht verbergen kann. Andererseits ist es für mich durchaus ein Grund zur Freude, dass in meiner Zweitältesten Schwester offenbar doch ein bisschen Leben steckt. Denke ich an Andrea, scheinen mir die drei Jahre, die zwischen ihnen liegen, eine ganze Generation auszumachen. Früher haben die anderen Andrea damit aufgezogen, sie gleiche Tante Feodora, einer Schwester meines Großvaters, an die ich mich kaum erinnere. Heute wäre es über alle Maßen peinlich, diesen Vergleich anzustellen – so groß ist die Ähnlichkeit.
Es erübrigt sich zu fragen, ob Ellinor alleine war, als Anna Lovinda ihr begegnete. Ich sehe ihr an, dass sie es nicht war. Anna Lovindas Instinkt ist untrüglich, es wäre närrisch und würde im Übrigen auch nicht zu mir passen, wenn ich ihr das Märchen auftischen wollte, meine Schwester arbeite zur Zeit beruflich mit einem männlichen Kollegen zusammen. Sie müht sich mit einem Altarbild ab, doch wenn sie nicht an der Staffelei steht und der Herr nicht andere Damen in der Stadt ausführt, dann verbringt sie ihre Zeit mit ihm.
«Es war gestern Abend auf der Frederiksberg Allee, ganz in der Nähe von ...»
Ich spüre, dass Anna Lovinda sich zusammennimmt, um nicht zu sagen: «in Begleitung eines Herrn». Sie weiß, dass ich es merke.
«Es war sehr freundlich von Fräulein Willhof-Holm, mit mir zu sprechen.»
«So weit kommt’s noch!», sage ich lachend. «Nachdem Sie meinem Bruder all die Jahre hindurch so treu gedient haben.»
Das ist meine aufrichtige Überzeugung. Hin und wieder denke ich daran, dass wir – Ellinor, Helmuth und ich, die so dicht beieinander wohnen – uns abwechselnd zum Abendessen einladen sollten, wobei Anna Lovinda gern mit am Tisch sitzen könnte. Vielleicht könnten wir auch Freunde hinzubitten und mit den anderen bekannt machen. Ich würde zum Beispiel einen Kollegen oder auch Juliane einladen und sie den anderen als Frau Hollesøe Hjorth vorstellen. Ich bin sicher, dass ihr das gefallen würde. Sie ist eine wertvolle Bekanntschaft in meinem kleinen Kreis von Vertrauten; wir sind per Du und nennen uns beim Vornamen.
Hirngespinste, leider sind das nichts als Hirngespinste. Ellinor hat selbst eine Haushaltshilfe und ihre eigenen Freunde unter den Malerkollegen. Helmuth lebt sein ganz eigenes Leben und würde den Vorschlag für unangebracht halten. Er und Ellinor pflegen keinen Umgang miteinander. Obwohl Helmuth, wie Anna Lovinda erzählte, zu Beginn des Jahres eine Einladung zur Vernissage auf Charlottenborg bekommen hat, wo Ellinor seit Jahren unzensiert ausstellt. Mich hatte sie vergessen, doch ich kann auf Vernissagen gut verzichten. Was mir von solchen Veranstaltungen besonders lebhaft in Erinnerung geblieben ist, sind die zahlreichen Ellbogen und Handtaschen, die unablässig in meinem Gesicht landen.
Ich habe die Ausstellung an einem friedlichen Freitagvormittag besucht und war enttäuscht. Mit ihren pompösen Gruppenbildnissen wird Ellinor ihrer künstlerischen Verantwortung nicht gerecht. Es scheint, als greife sie Hunderte von Jahren zurück. Die Historienmalerei der Romantik samt deren Rückschau auf eine großartige, idealisierte Vergangenheit ist nichts für eine begabte Porträtmalerin des 20. Jahrhunderts. Sie sollte sich an die Porträts halten, denn sie waren es – nicht zuletzt die ihrer Familienmitglieder –, die in den Ausstellungen als Privatbesitz gekennzeichnet waren und die ihr so oft halfen, die Zensur zu umgehen. Das werde ich sagen, sollte ich eines Tages nach meiner Meinung gefragt werden. Vielleicht sage ich es in jedem Fall, auch wenn ich nicht gefragt werde.
Ich lächele Anna Lovinda dankend an.
«Das erinnert mich daran, dass ich Sie bitten wollte, Helmuth nach seinem Reisetermin zu fragen. Sie können ihm ja sagen, dass wir anderen am Sonntag reisen ... mit dem Morgenzug, nicht wahr?»
«Ja, mit dem Morgenzug über Fünen, wie Fräulein Ellinor sagte.»
Anna Lovinda hat damit begonnen, das Geschirr auf das Tablett zu stellen. Ich möchte mit dem Brief gern allein sein, und sie möchte mit ihren Gedanken allein sein. Es bringt sie in Verlegenheit, sich bei jemandem aufzuhalten, der nach Jütland reisen möchte, obwohl wir dies ein paarmal im Jahr tun. Vielleicht wird sie auch darüber nachdenken, warum ich ausgerechnet heute so schön gespielt habe.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.