Kitabı oku: «Existenzrelevant!»

Yazı tipi:


Die Autorinnen


Birgit Ehrenfels, B. A., Jg. 1964, Humanistische Bildung (Großes Latinum und Graecum). 1987–1990 Ausbildung als Kinderkrankenschwester. Nach dem Examen jahrelange Berufstätigkeit in Kinderkrankenpflege sowie ambulanter und stationärer Erwachsenenpflege. Pflegeexpertin für Demenzmanagement. Studium an der FernUniversität Hagen in Soziale Verhaltenswissenschaften (Schwerpunkt Arbeit und Organisation), Soziologie und Statistik. Seit 2016 als Mitglied des BeKD ehrenamtliche Tätigkeit im Landespflegerat Saarland sowie in diversen berufspolitischen Gremien. 2017–2020 Bachelorstudium an der HTW Saarbrücken in Management und Expertise im Pflege- und Gesundheitswesen. 2020 Weiterbildung an der Hochschule Osnabrück in Interprofessionelle Informations- und Versorgungskontinuität. Seit 2021 Qualitätsmanagerin beim Klinikum Saarbrücken.


© Gudrun Arndt

Annemarie Fajardo, M. Sc., Jg. 1985, nach dem Abitur 2004 absolvierte sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin und arbeitete anschließend einige Jahre als Pflegefachkraft in der Altenhilfe, bevor sie in diversen Leitungsfunktionen tätig wurde. Hinzu kamen berufsbegleitende Studiengänge in den Disziplinen Pflegemanagement an der Hamburger Fern-Hochschule und Wirtschaftspsychologie an der Hochschule für Ökonomie und Management in Essen. Sie ist angestellte Pflegepionierin bei care pioneers GmbH sowie freiberufliche Beraterin und Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen in den Fächern Pflegemanagement und Psychologie, Autorin und Speakerin rund um die professionelle Pflege und das Pflegemanagement. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Deutschen Pflegerat als dessen Vizepräsidentin und im Bundesverband Pflegemanagement als dessen stellv. Vorsitzende.

Birgit Ehrenfels/Annemarie Fajardo

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.

1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-042161-5

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-042162-2

epub: ISBN 978-3-17-042163-9

Danksagungen

Ein besonderer Dank an meine 90-jährige Mama und meinen Mann Peter, die mich immer unterstützt haben. Birgit Ehrenfels

Ein großer Dank meinen Eltern. Für die unzähligen Impulse. Ein besonderer Dank meinem Lebensgefährten. Für die zahlreichen systemkritischen Gespräche. Annemarie Fajardo

Geleitwort

Christian Karagiannidis

Das Gesundheitswesen steht am Beginn der 2020er-Jahre auch und insbesondere im Bereich der Pflege vor bisher nie dagewesenen Herausforderungen. Die Coronapandemie hat viele Krankenhäuser und Pflegeheime in ihren Kernbereichen an die Grenzen gebracht und die ohnehin bestehende Personalnot durch den stetigen und hohen psychischen sowie physischen Druck weiter deutlich verschärft. Sicherlich sind die Ursachen insbesondere des Pflegepersonalmangels tiefer verwurzelt als in der Pandemie, jedoch hat diese als Brennglas gewirkt und die bereits zuvor bestehende Krise deutlich verschärft. Damit liegt in der kommenden Dekade eine unglaubliche Herausforderung vor den Krankenhäusern und dem gesamten Pflegebereich. Das Gesundheitssystem befindet sich im stationären Sektor zudem unter einem erheblichen Kostendruck und die Pflegesituation zudem in einer merklichen Abwärtsspirale. Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen, weg von traditionellen Ausbildungsberufen hin zu einer weiter zunehmenden Akademisierung, womit per se auch eher weniger Berufsanfänger für den Pflegeberuf in seiner jetzigen Struktur zur Verfügung stehen werden. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer-Generation aus dem Berufsleben und auf der anderen Seite dem fehlenden Nachwuchs wird dieses Problem weiter verschärft.

Wie können diese gravierenden Probleme gelöst werden?

Die sehr renommierten Autorinnen zeigen eindrucksvoll Probleme und Lösungsmöglichkeiten der aktuellen Krise auf. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ein Gesundheitssystem überhaupt nur mit einer starken Pflege funktionieren kann. Nie war dies klarer als heute! Die Fehlregulationen des Systems in der vergangenen Dekade müssen dringend korrigiert werden. Hierzu gehört vor allem aber auch ein Wandel in der interprofessionellen Zusammenarbeit hin zu einem Arbeiten auf Augenhöhe, wie es beispielsweise in der Intensivmedizin häufig gelebt wird. Diese interprofessionelle Akzeptanz ist ein wichtiger Schritt aus der Krise, genauso wie die Reduktion des ökonomischen Druckes im Bereich der Daseinsvorsorge, aber auch die Schaffung neuer Perspektiven im Pflegeberuf. Eine funktionierende Gesellschaft braucht eine starke Pflege!

Prof. Dr. Christian Karagiannidis

Mitglied des Corona-Expertenrates der Bundesregierung zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie in Deutschland.

Vorwort

Nach einem viermonatigen Pflegepraktikum auf einer internistischen Station mit überwiegend alten Menschen, die einen Schlaganfall erlitten hatten und bettlägerig waren, stand für mich fest, dass der Pflegeberuf ein sehr anspruchsvoller und sehr wertvoller Beruf ist und dass ich möglichst viel über die professionelle Pflege lernen wollte. Gleichzeitig war mir klar, dass ich diesen Beruf, wenn ich ihn so ausüben wollte, wie es richtig gemacht wird und für die Kranken notwendig ist, wegen der körperlichen Belastung nicht lange würde ausüben können. Denn professionelle Pflege ist nun mal eine körperlich sehr schwere Arbeit, selbst mit Hilfsmitteln wie Lifter oder elektrische Betten, die aber Ende der 1980er Jahre noch gar nicht zur Verfügung standen. Während meiner Dienste ging ich regelmäßig mit einer der Pflegehelferinnen durch die Patientenzimmer und bettete die Kranken, lagerte sie um, machte sie frisch, wickelte bzw. topfte sie, wusch sie und zog sie um. Da die PatientInnen1 teilweise oder sogar vollständig immobil waren, waren diese grundpflegerischen Maßnahmen sehr anstrengend. Ich merkte, welche Verantwortung mit der Pflege verbunden war, welche Nähe sich durch die Pflege entwickelte und welches Vertrauen mir die PatientInnen entgegenbrachten, obwohl ich »nur« Praktikantin war. Während die Pflegehelferinnen (es gab nur weibliche Hilfskräfte) mit mir die körperlich schwere Arbeit machten, erledigten die examinierten Pflegekräfte andere Tätigkeiten wie Medikamente richten und verabreichen, Infusionen vorbereiten und anhängen, Verbände erneuern, Dokumentation schreiben. Die Examinierten machten sich manchmal darüber lustig, dass ich so engagiert war, dass ich mich so müde arbeitete durch das korrekte Betten der Kranken, dass ich auch nach dem x-ten Klingeln immer noch mal zu den Kranken ging und dass ich die Arbeit trotzdem gern machte. Sie prophezeiten mir keine lange Berufstätigkeit in der Pflege. Trotzdem entschied ich mich voller Enthusiasmus für diesen Beruf. Ich absolvierte dann noch ein Praktikum in der Kinderkrankenpflege und merkte, dass die körperliche Beanspruchung in diesem Pflegebereich längst nicht so stark war. Die anschließende Ausbildung in der Kinderkrankenpflege habe ich dann auch nicht nur gewählt, weil ich Kinder sehr mag und gern mit ihnen arbeite, sondern vor allem aus Selbstschutz, um meinen drohenden körperlichen Verschleiß, über dessen unweigerlichen Eintritt ich mir von Anfang an bewusst war, möglichst lange abzuwehren.

Heute, nach über dreißig Jahren Berufstätigkeit in der Pflege, kann ich sagen, dass ich alle Facetten der Pflege kenne: Kinderkrankenpflege, Erwachsenenpflege, ambulante Pflege, stationäre Pflege im Krankenhaus und im Seniorenpflegeheim. Darüber hinaus kenne ich die Pflegewissenschaft und die berufspolitische Vertretung der professionellen Pflege. Die Angehörigenpflege führ(t)e ich bei vier hochbetagten Verwandten teilweise zeitgleich seit 2007 sehr umfangreich und sehr engagiert zusätzlich zur Berufstätigkeit und zur akademischen Weiterbildung durch. Dabei sind meine professionellen Kenntnisse und Kompetenzen von großem Vorteil. Auch die Patientenperspektive ist mir vertraut, da ich diverse Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte hinter mir habe.

Mein persönliches Fazit nach diesen Jahren, nach allen Erfahrungen und nach meinen Studien lautet: so sehr ich die Pflege liebe, so sehr lehne ich die überall üblichen, aber allzu oft missbrauchten Strukturen dieses Berufes und die politisch verursachte Fehlentwicklung der Pflege ab. Die Umstände, unter denen Pflegende arbeiten und mit denen sie sich im Arbeitsalltag auseinandersetzen müssen, sind katastrophal. Jedes Jahr werden die Arbeitsbedingungen unzumutbarer, die Anforderungen steigen immer mehr, die Löhne stagnieren im Verhältnis dazu. Auch die gesellschaftliche Position der Pflege wird immer schlechter. Pflegekräfte steigen immer früher aus dem Beruf aus. Weder die Gewerkschaft Ver.di noch die berufspolitischen Vertretungen der Pflege und auch nicht die politisch Verantwortlichen tragen zu einer maßgeblichen Verbesserung der Gesamtsituation des Pflegeberufes bei. Leider bewirkt auch die Akademisierung bisher noch keine entscheidende Verbesserung des Pflegeberufes.

Während meiner Berufsausübung bin ich häufig mit einfach unglaublichen Situationen und Vorgängen konfrontiert worden, die ich mir vor meiner Ausbildung niemals hätte vorstellen können, weil sie nicht einer von Mitmenschlichkeit, Respekt und Verantwortung gekennzeichneten Arbeitsumgebung entsprechen, wie sie gerade im Gesundheitswesen erwartet wird. Dazu werden in diesem Buch an manchen Stellen persönliche Erfahrungen geschildert. Diese Situationen und Vorgänge stehen in keinem konkreten Zusammenhang mit den Kranken oder ihren Angehörigen, sondern sind einerseits begründet in der traditionsbedingten hierarchischen Organisationsstruktur der Gesundheitsbetriebe und andererseits in der über hundert Jahre langen Diskriminierung der Pflege als typischem Frauenberuf. Eine Überwindung dieser historisch gewachsenen Gegebenheiten und eine durchgreifende Änderung dieser überalterten Strukturen ist überfällig und wäre ein Anfang für eine Weiterentwicklung des Pflegeberufes.

Neben den hierarchischen Organisationsstrukturen hat mich schon immer die Stellung der Pflege innerhalb der Gesellschaft beschäftigt. Dieses Thema ist auch deshalb so bemerkenswert, weil Deutschland gegenüber anderen Ländern in Ausbildung, Entwicklung und gesellschaftlichem Ansehen des Pflegeberufes sehr weit hinterherhinkt. Um dieses zum Ausland schon lange bestehende Gefälle auszugleichen, ist ein Systemwechsel dringend geboten.

Die Unterentwicklung des Pflegeberufes wirkt seit Jahren negativ auf die Personalrekrutierung. Immer weniger junge Menschen wollen den Pflegeberuf erlernen. Aus diesem Grund ist es mir ein großes Anliegen, für diesen Beruf zu werben. Tatsächlich werden inzwischen gewagte Wege beschritten, um junge Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen. So werden z. B. Videos gedreht mit tanzenden Pflegekräften oder mit hübsch gestylten und frisch und ausgeruht aussehenden jungen Menschen. Der Pflegeberuf ist allerdings keine Unterhaltung. Ob man dafür mit unterhaltsamem Schauspiel werben will, ist sicher eine Geschmacksfrage. Aber sollen sich junge Leute unter falschen Voraussetzungen für eine Ausbildung entscheiden? Jeder Mensch sollte eine möglichst genaue Vorstellung davon haben, was ihn erwartet. Das gebieten auch die Fairness und der Respekt. Gesundheitsbetriebe haben nichts davon, wenn sich zwar viele Auszubildende für eine Pflegeausbildung entscheiden, aber nach wenigen Monaten abbrechen oder nach der Ausbildung nicht im Beruf bleiben, weil sie enttäuscht sind von den Umständen, unter denen sie arbeiten müssen. Deshalb ist es wichtig, dass jede Person, die sich für eine Pflegeausbildung entscheidet, möglichst genau weiß, was auf sie zukommt. Das wiederum bedeutet, dass sowohl die positiven Seiten der Pflege als auch ihre großen Probleme dargestellt und erklärt werden müssen, damit alle Interessierten einschätzen können, worauf sie sich einlassen. Zudem sollten im Arbeitsalltag Problemlösungen aufgezeigt und Hilfestellungen angeboten werden, damit Auszubildende an den bestehenden Verhältnissen nicht verzweifeln und dem Beruf schon früh den Rücken kehren, sondern durchhalten, sich engagieren und couragiert für Änderungen eintreten.

Selbstverständlich braucht der Pflegeberuf dringend Nachwuchs, zumal mit Blick auf die nächsten Jahrzehnte und auf die gesellschaftliche Entwicklung Pflege und Gesundheit neben Umweltschutz und Klima die existenziell entscheidenden Themen der Menschheit darstellen. Diese Themenbereiche hängen eng miteinander zusammen, da die Umweltbedingungen und das Erdklima sich unmittelbar auf die Gesundheit der Menschen auswirken (z. B. Wasser- und Ressourcenmangel, Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung, die inzwischen gefährliche Sonneneinstrahlung, die Vielfalt und Qualität unserer Nahrung usw.). Die Menschheit kann ohne eine intakte Natur und ohne ein gesundes Klima nicht dauerhaft überleben, aber eben auch nicht ohne Pflege und Gesundheit. Die Politik hat hier leider in den letzten Jahrzehnten falsche Prioritäten gesetzt und der Wirtschaft gegenüber dem Pflege- und Gesundheitswesen und gegenüber Klima- und Umweltschutz deutlich den Vorzug gegeben, obwohl letztendlich wirklich niemand Geld essen oder sich Gesundheit als solche kaufen kann. Vielleicht kann man sich mit Geld bessere Voraussetzungen schaffen für ein gesünderes Leben, z. B. durch teurere und bessere Lebensmittel oder durch eine Privatversicherung für bessere Gesundheitsleistungen. Aber spätestens bei einem physischen oder psychischen Trauma oder bei einer schweren Erkrankung merkt jeder Mensch, dass nicht materielle Güter und nicht der Konsum für das menschliche Leben und für seine Lebensqualität entscheidend sind. Wirtschaft kann die Entwicklung einer Gesellschaft – positiv oder negativ – beeinflussen, aber sie ist kein Garant für das Überleben einer Gesellschaft und sie ist kein Ersatz für andere wichtige Gesellschaftsbereiche. Im Gegenteil, sie benötigt gesunde Menschen für ihren Bestand und für ihr Wachstum. Das hat spätestens die Coronakrise gezeigt.

Wer möglichst viel weiß über die Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Pflege, Krankheit, Natur und Natürlichkeit, ist im Vorteil. Ebenfalls ist diejenige Gesellschaft, die sich dieser Zusammenhänge, aber auch ihrer Möglichkeiten und Stärken bewusst ist, gut gerüstet für die Herausforderungen der Zukunft. Also stellt sich die Aufgabe, allen BürgerInnen möglichst viel von diesem Wissen zu vermitteln. An dieser Stelle schließt sich der Kreis und führt wieder zur Politik und zum Thema Systemwechsel zurück.

Es sind auf allen Gesellschaftsebenen, also auf der Mikro-, Meso- und Makroebene, Änderungen notwendig, damit die Pflege endlich den Platz erhält, den sie ihrer Bedeutung nach verdient. Deshalb werden im vorliegenden Buch auch alle Ebenen angesprochen. Die Perspektivenvielfalt soll zu Erkenntnissen über den Pflegeberuf und zu seiner Weiterentwicklung beitragen. Die im Buch verwendeten Fremdquellen werden alle angegeben.

Mit größtem Respekt danken wir Herrn Prof. Karagiannidis für sein Geleitwort. Indem er sich als Mediziner hier zur Situation des Pflegeberufes geäußert hat, hat er sich einer besonderen Herausforderung gestellt. Wir sehen seinen Beitrag als einen weiteren Brückenschlag zwischen den Berufsgruppen. Außerdem empfinden wir große Freude darüber, dass er in vielen Punkten unsere Ansichten und die der Berufsgruppe der professionell Pflegenden teilt. Vielleicht finden die ärztliche und die pflegerische Berufsgruppe künftig auch sonst eine gemeinsame Linie beim Einsatz für die Gesundheitsversorgung.

Zuletzt noch ein Wort zur Erarbeitung dieses Buches: Annemarie Fajardo und ich haben neben unserer hauptberuflichen Arbeit und neben unseren ehrenamtlichen Tätigkeiten innerhalb weniger Monate mit diesem Buch ein Werk geschaffen, in dem wir viel niedergeschrieben haben, was uns seit langer Zeit bewegt. Wir glauben, dass wir mit diesem Buch auch sehr vielen anderen Menschen, vor allem aber den Pflegekräften aus dem Herzen sprechen. Dieses Projekt haben wir sehr leidenschaftlich und mit großem Stolz auf die Beine gestellt. Entsprechend war die Zusammenarbeit immer begleitet von einem sehr konstruktiven Austausch. Wir haben dadurch auch neue Erkenntnisse gewonnen und Ideen bekommen, die wir gerne an die Leserinnen und Leser weitergeben möchten. Und nicht zuletzt hatten wir so viel Spaß, dass wir uns schon für weitere Projekte verabredet haben.

Birgit Ehrenfels

1 In diesem Buch wurde stets versucht, eine geschlechtsneutrale Formulierung zu wählen. Wenn dies jedoch nicht möglich war, wurde aus Gründen der gendergerechten Sprache das Binnen-I verwendet. Hiermit sind selbstverständlich alle Geschlechter gemeint.

Inhalt

1  Danksagungen

2  Geleitwort

3  Vorwort

4  1 Einführung

5  2 Die Stärken der Pflege

6  2.1 Pflege als Berufung

7  2.2 Erfahrungsberichte zu den Werten des Pflegeberufes

8  3 Die Existenzrelevanz der Pflege

9  3.1 Die existenzerhaltende Strategie der Pflege

10  3.2 Die Bedeutung von Pflege und Gesundheit während einer Pandemie

11  4 Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft vs. Pflichten von Staat und Gesellschaft gegenüber dem Pflegeberuf

12  4.1 Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft

13  4.2 Pflichten von Staat und Gesellschaft gegenüber dem Pflegeberuf

14  5 Pflegeausbildung

15  5.1 Ausbildungsreformen zur Stärkung der Pflege

16  5.1.1 Altenpflegeausbildung und ihre Bedeutung

17  5.1.2 Die Notwendigkeit einer generalistischen Ausbildung

18  5.1.3 Einführung der generalistischen und hochschulischen Pflegeausbildung

19  5.1.4 Angemessenheit der generalistischen und akademischen Ausbildung

20  5.2 Mögliche Auswirkungen eines fehlenden Pflegestudiums

21  5.2.1 Komplexität des Pflegeberufes nach Maßgabe des Pflegebedürftigkeitsbegriffs

22  5.2.2 Vielseitige Wahrnehmung des Pflegestudiums

23  5.2.3 Ein Beispiel zur internationalen Anerkennung der pflegerischen Berufsausbildung in Deutschland

24  5.2.4 Komplexität des Pflegeberufes im internationalen Kontext

25  5.2.5 Der Stellenwert der akademischen Pflege

26  6 Interprofessionalität im Gesundheitswesen

27  6.1 Konzept der interprofessionellen Zusammenarbeit (IPZ)

28  6.2 Machtmissbrauch gegenüber Pflegekräften durch Hierarchien

29  6.2.1 Erfahrungsbericht im Zusammenhang mit Hierarchien – aus der Perspektive einer Kinderkrankenschwester

30  6.2.2 Erfahrungsbericht im Zusammenhang mit Hierarchien – aus der Perspektive einer Altenpflegerin

31  7 Forderung nach Systemänderungen

32  7.1 Ein gesundheitsbezogenes Entgeltsystem

33  7.2 Engere Verknüpfung von Wissenschaften und Teilsystemen durch Interdisziplinarität

34  7.3 Forderung nach Schutzkonzepten

35  7.3.1 Konzept zum Schutz von Kindern und Jugendlichen

36  7.3.2 Weitere Effekte des Konzeptes zum Schutz von Kindern und Jugendlichen

37  7.3.3 Konzept zum Schutz von BewohnerInnen in Altenpflegeeinrichtungen

38  7.3.4 Konzept zum Schutz von Flüchtlingen

39  7.4 Beispiele zur Ineffizienz politischer Maßnahmen

40  7.5 Gesellschaftliche Haltung gegenüber der Pflege

41  7.5.1 Begrenzte Leistungserbringung aufgrund vorgegebener Strukturen

42  7.5.2 Begrenzte Leistungserbringung aufgrund fehlenden Personals

43  7.5.3 Ableitende Erkenntnisse für eine bessere Haltung gegenüber der Pflege

44  7.6 Das Bildungssystem als Spiegelbild unserer Gesellschaft – ein Erfahrungsbericht

45  7.7 Professionelle Pflege als soziale Höchstleistung in unserer Gesellschaft

46  8 Entlohnung

47  8.1 Pflegebetriebe sind Wirtschaftsbetriebe

48  8.2 Kranken- und Pflegeversicherung als finanzielle Stütze

49  8.3 Politische Maßnahmen zur Verbesserung des Lohnniveaus in der Pflege

50  8.4 Lohnniveau der Pflege im internationalen Vergleich

51  8.5 Gewerkschaftliche Vertretung der Pflegenden bei Tarifverhandlungen

52  9 Berufspolitische Vertretung der professionellen Pflege

53  9.1 Rückabwicklung von Pflegekammern

54  9.1.1 Entwicklung der Landespflegekammer in Rheinland-Pfalz

55  9.1.2 Andere Bundesländer – andere Sitten

56  9.1.3 Bedeutung der Bundespflegekammer

57  9.2 Die Selbstverwaltungspartner im Gesundheitswesen

58  9.3 Erfahrungen im Ehrenamt des Deutschen Pflegerates

59  9.4 Die Verweigerung der pflegeberuflichen Selbstverwaltung

60  10 Fazit und Ausblick

61  Quellen

1 Einführung
Birgit Ehrenfels

Die Professionalisierung und damit auch die Selbstverwaltung des Pflegeberufes gehen in Deutschland nicht voran. Erst seit 2015 gibt es die erste deutsche Pflegekammer, nämlich in Rheinland-Pfalz (Mürbe & Stadler, 2019). Fast alle anderen Bundesländer haben bis heute noch keine Pflegekammer. Dem gegenüber existieren schon seit dem 19. Jh. Handwerkskammern (Büker, 2018) und ärztliche Standesorganisationen (Siegrist, 2005). Ebenso lange gibt es schon andere Berufekammern, z. B. Industrie- und Handelskammern, Rechtsanwaltskammern und Apothekerkammern (Büker, 2018). Bereits seit 1947 ist eine Bundesärztekammer installiert (Bundesärztekammer, 2021). International betrachtet sind Pflegekammern in sehr vielen anderen Ländern schon sehr früh etabliert worden, z. B. 1903 in den USA, 1919 in England, 1920 in Australien, 1972 in Neuseeland (Büker, 2018). In Europa gibt es in den meisten Ländern schon lange eine Pflegekammer (Büker, 2018). Die Selbstverwaltung des Pflegeberufes in Deutschland hinkt also deutlich hinter anderen Berufen und hinter vielen Ländern her.

Ähnliches gilt für die Akademisierung des Pflegeberufes. Die moderne Medizin entwickelte sich in Preußen Mitte des 19. Jh. zeitgleich mit den Naturwissenschaften so schnell, dass die deutsche akademische Medizin international damals vorne lag (Siegrist, 2005). Dagegen gibt es Pflegestudiengänge in der Bundesrepublik überhaupt erst seit Ende der 1980er-Jahre und auch nur in geringer Zahl. In den USA, England und Skandinavien ist Pflege sogar schon seit der ersten Hälfte des 20. Jh. voll akademisiert (Mürbe & Stadler, 2019).

Also ist außer der Selbstverwaltung auch die wissenschaftliche Ausbildung der Pflege deutlich hinter der Medizin und international gesehen hinter den meisten Ländern zurück. Damit ist klar, warum die Entwicklung des Pflegeberufes und damit verbunden auch das öffentliche Ansehen der Pflege in Deutschland bis heute nicht in Einklang stehen mit der enormen Bedeutung, die der Pflege innerhalb der Gesellschaft tatsächlich zukommt. Erst mit Beginn der Coronapandemie im Jahr 2020 wurde in Deutschland der Pflegeberuf durch die Politik und durch die Gesellschaft insgesamt immerhin als »systemrelevant« anerkannt und diesbezüglich öffentlich gewürdigt!

Die Pflegenden müssen besondere Leistungen erbringen, damit sie den vielen Anforderungen, die an sie gestellt werden, nachkommen können. Gerade unter der aktuellen Pandemie sind sowohl die Anforderungen als auch die Leistungen noch um ein Vielfaches erhöht. Um allen Ansprüchen begegnen und die erforderlichen Leistungen im Berufsalltag abliefern zu können, brauchen die Pflegenden bestimmte Voraussetzungen und bestimmte Stärken, wie in Kap. 2 dargelegt wird ( Kap. 2).

Das Angewiesensein auf den Pflegeberuf während der Coronapandemie und der weiter gestiegene Leistungsanspruch an die Pflegekräfte während dieser Krise haben die Politik zur Bezeichnung »systemrelevant« veranlasst. Allerdings ist diese Erkenntnis der Politik genauso unzureichend wie die Bezeichnung und wird der außerordentlichen Bedeutung der Pflege nicht gerecht. Fakt ist: Pflege ist für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft insgesamt existenzrelevant. Dieser Punkt wird in Kap. 3 erörtert ( Kap. 3).

Der Staat und die Gesellschaft ziehen zwar großen Nutzen aus der Pflege, kommen aber nicht ihren Pflichten gegenüber der Pflege nach. Dazu stellen wir in Kap. 4 einerseits den vielfältigen Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft dar und erläutern andererseits die Pflichten von Staat und Gesellschaft gegenüber der Pflege, die nicht annähernd erfüllt werden ( Kap. 4).

In Kap. 5 wird die Ausbildungssituation des Pflegeberufes in Deutschland einschließlich der Akademisierung sehr ausführlich beschrieben, Vergleiche zur Pflegeausbildung im Ausland werden gezogen und Konsequenzen aus den hiesigen Gegebenheiten erläutert ( Kap. 5).

In Kap. 6 wird das international bekannte und erfolgreich erprobte Konzept der Interprofessionalität vorgestellt, das aber in Deutschland bisher kaum Beachtung findet. Dieses bewährte Konzept wird von der World Health Organization (WHO) seit 2010 empfohlen. Hier wird erläutert, warum dieses Konzept auch für unser Gesundheitssystem so wichtig ist ( Kap. 6).

Nach unserer Meinung hätten schon lange weitergehende Systemänderungen vollzogen werden müssen, da das Überleben unserer Gesellschaft künftig davon abhängen kann, wie aktuell gerade durch die Coronakrise offenbart wird. In Kap. 7 wird konkret begründet, warum welche Systemänderungen notwendig sind. Außerdem werden Konzepte dazu beschrieben und erörtert ( Kap. 7).

Kap. 8 widmet sich der Entlohnung für den Pflegeberuf. Auch hier zeigt ein Vergleich zum Ausland, dass die Gehaltsentwicklung für den Pflegeberuf in Deutschland deutlich zurückliegt. Es wird erklärt, warum das so ist, wie sich das auswirkt und welche Alternativen denkbar sind ( Kap. 8).

Für uns liegt auf der Hand, dass sich die Position der Pflege in unserer Gesellschaft in verschiedener Hinsicht möglichst schnell und sehr deutlich verbessern muss. Wir erwarten, dass alle Verantwortlichen diesbezüglich an einem Strang ziehen. Dazu gehört auch, dass die Errichtung der Pflegekammern bundesweit zügig durchgeführt und von der Politik unterstützt werden muss. Es darf keine Rücksicht mehr genommen werden auf außerhalb der Pflege liegende Interessen. Pflegekammern sind international schon lange etabliert und müssen endlich auch in Deutschland vorangebracht werden. Das Thema Selbstverwaltung wird in Kap. 9 ausführlicher behandelt ( Kap. 9). Am Ende des Buches wird in Kap. 10 ein Fazit gezogen und ein Ausblick gegeben ( Kap. 10).

Durch dieses Buch sollen gerade vor dem Hintergrund der Coronapandemie möglichst viele BürgerInnen, aber vor allem Pflegende, Leitungskräfte von Krankenhäusern und von anderen Gesundheits- bzw. Pflegeeinrichtungen, PflegewissenschaftlerInnen sowie PolitikerInnen zur umfassenden Auseinandersetzung mit dem Pflegeberuf aufgefordert werden. Mit unseren Beiträgen wollen wir Denkanstöße liefern, die dann hoffentlich schnell auch entsprechende Konsequenzen durch die Verantwortlichen nach sich ziehen. Es sollen schon lange notwendige Veränderungen herbeigeführt, die Weiterentwicklung des Pflegeberufes beschleunigt und sein Ansehen in der Gesellschaft massiv gestärkt werden.

Dazu gehört auch eine Portion Selbstreflexion. Jeder kann selbst hinterfragen, warum die Situation der Pflege heute so dramatisch aussieht und warum der Pflegeberuf so schlecht dasteht. Dafür will das Buch sensibilisieren und teils durch Offenlegen von Erfahrungen, teils durch Wissensvermittlung und teils durch konkrete Lösungsvorschläge den Horizont der Interessierten bezüglich der Profession Pflege erweitern.

Durch den Perspektivwechsel auf die Mikro-, Meso- und Makroebene der Gesellschaft soll das Buch die erforderliche Auseinandersetzung mit dem Thema anstoßen.

Wir Autorinnen stellen uns auch gern selbst jeder Diskussion, die aus diesem Buch erwächst, und warten gespannt auf die Resonanz innerhalb der Gesellschaft.

2 Die Stärken der Pflege
Birgit Ehrenfels

Der Pflegeberuf hat viele schöne Seiten. Pflege erfüllt einen hohen ethischen Anspruch durch die Hilfe und Unterstützung, die Pflegende den Menschen bei gesundheitlichen Problemen zukommen lassen, und durch die große Verantwortung, die mit der Pflege anderer Menschen übernommen wird. Das macht den Beruf auch zu einer sehr sinnvollen Arbeit. Pflege ist auf den Menschen ausgerichtet und findet im Kontext der Gesundheitsversorgung statt. Dadurch ist Pflege ein sehr sozialer Beruf. Pflege ist außerdem sehr abwechslungsreich und wird nie langweilig. Die Pflegenden müssen sich immer wieder neu auf viele verschiedene Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen einstellen. Pflege entwickelt sich fachlich auch immer weiter. Ein rasanter medizinisch-technischer Fortschritt und immer neue pflegewissenschaftliche Erkenntnisse treiben diese Entwicklung voran. Insofern bleibt der Beruf immer interessant. Darüber hinaus bietet er ein großes Spektrum an Betätigungsfeldern, sodass eine Pflegekraft verschiedene Möglichkeiten hat, sich in diesem Beruf zu verwirklichen.

Aber jede Person, die in der Pflege arbeitet, selbst wenn sie dort nur ein Praktikum macht, merkt schnell: dieser Beruf ist kein Zuckerschlecken. Pflege ist physisch, mental und psychisch überaus anstrengend, unabhängig davon, ob man in der Krankenpflege, Kinderkrankenpflege oder Altenpflege tätig ist, ob man in der ambulanten Pflege, im Krankenhaus, in einem Seniorenpflegeheim oder in der Psychiatrie arbeitet. Die Anforderungen sind enorm hoch.

Wer in der Pflege arbeitet, wird im Berufsalltag mit vielen Ansprüchen und Herausforderungen konfrontiert. Das liegt zum Teil an Gegebenheiten, die der Beruf naturgemäß mit sich bringt. So machen z. B. sehr schwere Krankheitsbilder, mit denen Pflegekräfte umgehen müssen, oder extreme Versorgungslagen bis hin zur Sterbebegleitung oder der Kampf um Leben und Tod bei einer Reanimation den Beruf sehr anstrengend. Außerdem hat z. B. jede/-r Pflegebedürftige bezüglich der Pflege Erwartungen, die individuell verschieden sind und die die Pflegenden nach Möglichkeit erfüllen. Ferner fordern Ausbildung und Gesetzesvorschriften von einer Pflegekraft in bestimmten Situationen ein bestimmtes Vorgehen. Ausbildungsinhalte und Gesetzesvorschriften sind aber keine konstanten Größen, sondern ändern sich je nach Erfordernissen und Entwicklungsstand des Berufes und der Gesellschaft. Das beste Beispiel ist die aktuelle Coronapandemie mit den speziellen Schutzmaßnahmen, die per Gesetz den Pflegekräften während ihrer Arbeit auferlegt werden. Zudem stellt jeder Arbeitgeber an eine Pflegekraft eigene Ansprüche, z. B. zeitliche Verfügbarkeit, Bereitschaft zu Weiterbildungen und Fortbildungen, Übernahme anderer Tätigkeiten wie Anleitung (von Praktikanten, Auszubildenden oder Berufsanfängern) oder Lagerhaltung. Schichtdienst zu leisten, ist notwendig, da viele kranke und alte Menschen rund um die Uhr versorgt werden müssen. Viele Pflegebedürftige brauchen 24 h an allen 365 Tagen im Jahr pflegerische Versorgung. Und die Pflegekräfte sind in ihrem Dienst immer ansprechbar und ziehen sich nicht zurück. Das sind nur einige Anforderungen, denen sich Pflegekräfte stellen müssen und die unumgänglich sind. Zum Teil erschweren darüber hinaus aber unnötige und störende organisatorische und strukturelle Gegebenheiten die Arbeit, z. B. hierarchische Machtstrukturen, ungeregelte Pausen, häufige und viele Überstunden, eine Unmenge schriftliche Dokumentation in Papierform und/oder digital (oft sogar doppelt oder mehrfach), fehlende arbeitserleichternde Hilfsmittel, schlechte personelle Ausstattung, schlechte Diensteinteilung, ungünstige Arbeitskleidung, schlechte oder unzureichende Arbeitsmaterialien, schlechte Raumgestaltung und ungünstige Einrichtung der Pflegezimmer (veraltete Klingelanlagen, enge Räume, veraltete Bäder bzw. Nasszellen, schlechte Lüftungsmöglichkeiten etc.).

Die stetig zunehmende ambulante Behandlung von Kranken hat in den Krankenhäusern zu einer ebenfalls steigenden Fluktuation geführt, d. h., in immer kürzerer Zeit werden immer mehr kranke Menschen durch ein Krankenhaus geschleust. Dadurch müssen alle Abläufe viel schneller abgewickelt werden: viel häufigeres Ein- und Ausräumen der Zimmer, erhöhter Bedarf an Hilfsmitteln, Materialien, Medikamenten und Wäsche, die gerichtet und wieder entsorgt werden müssen, viel mehr Büroarbeit. Kranke werden bis in den Abend und auch am Wochenende entlassen. Dieser Durchlauf verursacht mehr Unruhe und Stress sowohl für die Pflegenden als auch für die Kranken. All das birgt insgesamt ein erhöhtes Fehlerrisiko und für die Bewältigung dieser Mehrarbeit wird entsprechend mehr Personal benötigt, sowohl Fachkräfte als auch Hilfskräfte.

In den Senioren- und Pflegeheimen hat sich die Zahl der alten und hochaltrigen BewohnerInnen sowie Pflegebedürftigen extrem erhöht. Plätze in der Tagespflege oder Kurzzeitpflege sind rar. Wegen der großen Nachfrage werden Wartelisten geführt. In den Heimen wird immer mehr Pflegepersonal mit hoher Fachkompetenz benötigt, um den multimorbiden (= mit vielen Erkrankungen behafteten) Menschen in ihren komplexen Versorgungslagen trotzdem einen guten Lebensabend zu ermöglichen.

Bei den ambulanten Pflegediensten steigt ebenfalls ständig die Nachfrage nach häuslicher Versorgung von Pflegebedürftigen. In manchen Regionen kann der Bedarf an ambulanter Pflege nicht mehr zufriedenstellend gedeckt werden.

Diese Mangellagen sind für die im Pflegeberuf Tätigen äußerst unbefriedigend und bedeuten für sie einen zusätzlichen Stressfaktor, da tagtäglich eine wachsende Arbeitslast auf immer weniger Schultern verteilt wird.

Das sind inzwischen »normale« Anforderungen, die an Pflegende in ihrer täglichen Arbeit gestellt werden.

Mit der Coronapandemie sind nicht nur die Belastungen in der Pflege vielfach gestiegen, es wurde eine neue Dimension erreicht. Erstmals müssen die Pflegenden selbst ständig Nachweise über ihren eigenen Gesundheitsstatus erbringen und sich seit mittlerweile zwei Jahren ständig testen lassen. Abgesehen von wunden Nasen und Rachen vieler Pflegenden wird seit Monaten allen Pflegenden die Gefahr, in der sie sich durch die Versorgung der Kranken selbst befinden und die damit auch ihrer Familie droht, ständig vor Augen geführt. Tatsächlich wurden auch viele Pflegekräfte durch ihre Arbeit mit Corona angesteckt, wie Auswertungen der Barmer oder der Techniker Krankenkasse belegen. Viele Kranke, die notfallmäßig in ein Krankenhaus eingeliefert werden, müssen schnell versorgt werden, bevor ihr Testergebnis zur Coronainfektion vorliegt, und sie müssen auch behandelt werden, obwohl sie positiv sind. Viele Pflegekräfte haben sich dadurch in Ausübung ihrer täglichen Arbeit selbst mit Corona infiziert und viele an Corona erkrankte Pflegekräfte leiden unter den Folgen von Long-Covid oder Post-Covid. Seit nunmehr zwei Jahren besteht für die Pflegenden ebenfalls die ständige Pflicht zur Einhaltung besonderer Hygienevorschriften (spezielle Schutzkleidung, Desinfektionsmaßnahmen etc.). Pflegekräfte können die Schutzkleidung nicht einfach nach Belieben während der Arbeit ablegen, sondern müssen acht Stunden mindestens mit dichtem Mund-Nasen-Schutz, teilweise noch mehr vermummt mit Schutzkittel, Haube und Handschuhen ihren Dienst versehen. Des Weiteren müssen sich die Pflegekräfte in allen Krankenhäusern ebenso wie in Senioren- oder Pflegeheimen ständig mit einem kompletten Umorganisieren des ganzen Arbeitsbetriebes befassen: PatientInnen und BewohnerInnen testen, positiv Getestete isolieren, d. h. umquartieren in ein anderes Zimmer, Zimmer ein- und ausräumen, besondere Schutz- und Hygienematerialien bereitstellen, spezielle Schutz- und Hygienemaßnahmen vornehmen, zusätzliche Dokumentation führen, außerdem ständig Besucher kontrollieren und Besucher testen. Das sind bereits seit Monaten dauernde und irgendwann ermüdende, zusätzliche Belastungen aller Pflegenden. Dazu kommen noch die erschwerte Pflege der an Corona Erkrankten, die Sorge und oft der Kampf um das Leben der schwer Erkrankten, teilweise wegen Bettenmangels noch verbunden mit der Triagierung (= Einstufung nach Dringlichkeit bei der Behandlungsreihenfolge) oder mit der Angst vor einer möglichen Triagierung. Alle diese Umstände geben vielen Pflegenden den Rest und führen letztlich zu ihrer Überlastung.

Seit zwei Jahren werden den Pflegenden durch die Politik ständig wechselnde gesetzliche Regelungen und Anordnungen aufgebürdet, die sich regional unterscheiden, bei denen sich Bund und Länder teilweise widersprechen und bei deren Umsetzung im Arbeitsalltag sich die Pflegenden selbst überlassen bleiben. Das Pflegepersonal unterliegt als »systemrelevante« Berufsgruppe damit einer nun schon zwei Jahre dauernden extremen Fremdbestimmung.

Schon vor Corona erforderte die Bewältigung der Ansprüche und Belastungen, die auch im normalen Arbeitsalltag auf die Pflegenden einstürmen, bestimmte Voraussetzungen und Stärken von den Pflegekräften. Durch die Coronapandemie ist nicht nur die Bedeutung der Ausübung von Pflege, sondern noch vielmehr die Bedeutung der speziellen Stärken der Pflegenden enorm gewachsen. Deshalb wird nachfolgend zunächst erklärt, welche Charakteristika und besonderen Stärken mit der Profession Pflege untrennbar verbunden sind.

2.1 Pflege als Berufung

Im Zusammenhang mit der Ausübung professioneller Pflege wird oft von »sich dazu berufen fühlen« bzw. von »Berufung« gesprochen, was bedeutet »für diese Tätigkeit besonders geschaffen oder begnadet zu sein« (Bünting, 1996, S. 163). Worin liegt aber die besondere Befähigung zur Pflege?

In Abgrenzung zu anderen Berufen weist der Pflegeberuf einige typische Besonderheiten auf.

Verantwortungsvolle Arbeit und Sinnhaftigkeit charakterisieren zwar auch Berufe bei der Polizei, Feuerwehr oder Sozialarbeit, aber die Pflege verkörpert eine enorme Vielfalt an Werten, die bei anderen Berufen nicht in dieser Konstellation zu finden ist.

Krankenpflege wird seit jeher durch die Werte Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft gegenüber Kranken und Schwachen charakterisiert in Anlehnung an den christlich-humanitären Begriff der Barmherzigkeit (vgl. Lademann, 2018; Cassier-Woidasky, 2007; Baumhauer et al., 1983). Abgesehen von Freundlichkeit, taktvoller Distanz und Einfühlungsvermögen gegenüber Pflegebedürftigen wird dem Pflegepersonal ein »harmonisches Miteinanderwirken von Gefühl und Verstand, von menschlicher Zuwendung und der Anwendung medizinischen Wissens« (Baumhauer et al., 1983, S. 4) zugeschrieben. Krankenpflege wird dargestellt als »Dienst am Kranken« (Baumhauer et al., 1983, S. V) individuell, darüber hinaus aber auch als Dienst an der Gesellschaft allgemein, womit eine Gemeinwohlorientierung betont wird (vgl. Cassier-Woidasky, 2007).

Diese Werte und Eigenschaften gelten nach wie vor bei der Pflege. Nach wie vor sind alte, kranke, behinderte, arme und sozial schlechter gestellte Menschen auf Pflege angewiesen. Heutzutage wird von »personenbezogener Dienstleistung« gesprochen, also von einer auf den Menschen ausgerichteten Arbeit (Müller, 2018, S. 82). Auch die »menschenfreundliche« und »zugewandte Grundhaltung« (Müller, 2018, S. 83) der Pflegenden wird immer wieder betont.

Doch die Werte und Eigenschaften, die Pflege ausmachen, entsprechen nicht dem Zeitgeist des 21. Jh. und stehen ganz gewiss nicht im gesellschaftlichen Fokus. Wer denkt heutzutage über taktvolle Distanz und Einfühlungsvermögen nach? Außerdem haben die pflegetypischen Werte leider oft zu missverständlichen Interpretationen des Pflegeberufs geführt. Insbesondere der Aspekt des »Dienens« oder »Diensttuns« hat der Pflege oft eine unterwürfige Haltung gegenüber der Ärzteschaft und gegenüber einer bewusst künstlich geschaffenen Hierarchie nahegelegt, obwohl dazu überhaupt keine Veranlassung besteht und auch niemals bestanden hat. »Dienen« bedeutet in der deutschen Sprache »eine Aufgabe erfüllen«, »nützlich sein« (Bünting, 1996, S. 248). Darin liegt überhaupt nichts Unterwürfiges, ganz im Gegenteil. Welch wichtige Aufgaben die Pflege erfüllt und in welch außerordentlich hohem Maße sie nützlich ist, zeigt die aktuelle Coronapandemie. (Der vielfältige Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft wird ausführlich erörtert in Kap. 3.)

Gleichzeitig kämpfen Pflegekräfte als Menschen, die ihrer Gesinnung nach eher freundlich zugewandt, taktvoll distanziert und einfühlsam sind, weniger für ihre eigenen Rechte, sondern setzen sich mehr für die Rechte derer ein, die nicht selbst für sich kämpfen können, also wiederum für die Alten, Kranken, Schwachen. Dieser Umstand, dass sich die Pflege in Deutschland sehr lange weitgehend zurückgehalten hat mit der Durchsetzung ihrer eigenen Wünsche und Interessen, hat ihre Unterentwicklung in unserem Land stark begünstigt.

Neben dem sichtbaren physischen Erfolg von Pflegemaßnahmen, der sich allerdings leider nicht bei allen Pflegebedürftigen einstellen kann, ist einer der schönsten Momente, wenn durch die Pflegemaßnahmen zwischen Pflegebedürftigen und Pflegekräften Vertrauen und Vertrautheit zustande kommen. Dieser Moment wird ausgedehnt zu einem bleibenden Vertrauensverhältnis, wenn bei länger andauernder oder sogar permanent dauerhafter Pflege Vertrauen und Vertrautheit wachsen und nicht missbraucht werden. Nicht selten entwickelt sich durch die Pflege eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Pflegekräften und Pflegebedürftigen, wenn die Pflegemaßnahmen zur Zufriedenheit aller Beteiligten ausgeübt werden. Die Beziehung wird oft gefördert durch die emotionale und mentale Unterstützung der Pflegekräfte, die sie den Pflegebedürftigen bieten. Das geht weit über die reine Durchführung von Pflegemaßnahmen hinaus. »Vielmehr wird Pflege mit einer zwischenmenschlichen Dimension, mit Beziehung und Interaktion verknüpft, in der beide Seiten, zu pflegender Mensch und Pflegeperson, in besonderer Weise miteinander verbunden sind« (Müller, 2018, S. 86). Diese besondere Verbundenheit entsteht i. d. R. bei der Pflege chronisch kranker, schwerbehinderter oder auch sterbender Menschen, oft in enger Beziehung nicht nur zu den Pflegebedürftigen, sondern auch zu deren Angehörigen.

Meistens wird zunächst durch eine wertschätzende Grundhaltung und durch Empathie, darüber hinaus aber auch durch das eigene Selbstvertrauen, durch das eigene Selbstbewusstsein und durch die eigene Charakterstärke den Pflegebedürftigen Halt und Zuversicht vermittelt. Wenn sich eine charakterstarke Pflegekraft mit ihrer eigenen Persönlichkeit auseinandersetzt und sich ihrer eigenen Schwächen und Fehler bewusst ist, kann sie sich besser in die Pflegebedürftigen hineinversetzen und besser mit den Schwächen, Fehlern und Krisen der Pflegebedürftigen umgehen. Das ist besonders wichtig bei lang dauernden Pflegebeziehungen und bei der Pflege schwerkranker Pflegebedürftiger. Die Beziehung zwischen Pflegekraft und Pflegebedürftigen hängt dann sehr vom Selbst-Bewusstsein der Pflegekraft ab.

Von den Pflegenden erfordert Pflege ständig Selbstreflexion, Selbstkritik und den Mut zu dieser Auseinandersetzung mit sich selbst. Damit hängt auch zusammen, die eigenen Grenzen zu hinterfragen und sich selbst zu schützen vor Überanstrengung und Überforderung. Diese permanente Selbst-Prüfung macht den Pflegeberuf abgesehen von den äußeren Gegebenheiten sehr anstrengend. Mit jeder/jedem Pflegebedürftigen findet im Grunde automatisch dieser Prozess der Selbst-Prüfung statt, da die Pflegekraft durch die Pflege einen Spiegel ihrer eigenen Persönlichkeit vor sich hat.

Deshalb vertrete ich eine andere Position zu der Ansicht, dass Pflegende die eigenen Bedürfnisse »als nachrangig behandeln« und »zurückstellen« sollen (Müller, 2018, S. 81; Friesacher, 2008, S. 298; zit. n. Müller, 2018, S. 88). Ein Zurückstellen der eigenen Person und Bedürfnisse kann nur bedingt zeitweise, z. B. bei einem Notfall, angebracht sein. Wenn Pflegende während der Durchführung der Pflegemaßnahmen durch Selbstreflexion erkennen, dass sie aus irgendeinem Grund die Pflege nicht voll konzentriert und/oder nicht vollumfänglich so gut ausführen können, wie es erforderlich wäre, müssen sie umgehend Abhilfe schaffen und sich notfalls ablösen lassen. Sonst gehen sie einerseits das Risiko ein, Fehler zu verursachen und schlimmstenfalls den ihnen Anvertrauten Schaden zuzufügen, andererseits besteht die Gefahr, dass ein falsches Verständnis von Pflege als »dienendem« Beruf und die damit verbundene Aufforderung zur ständigen Selbstaufopferung die Pflegenden selbst auf Dauer krankmachen. Es können z. B. Burnout oder Gratifikationskrisen2 entstehen (vgl. Ulich & Wülser, 2010) und die Pflegekräfte können körperlich und seelisch erkranken.

Wenn aus irgendwelchen Gründen zwischen einer Pflegekraft und einer/-m Pflegebedürftigen die Beziehung nicht stimmt und keine gute Pflege möglich ist, so ist das keine Schande und keine Katastrophe. Dann muss sich die Pflegekraft entweder um eine Änderung der Beziehung bemühen oder sich ganz zurückziehen und durch eine andere Pflegekraft austauschen lassen. Entscheidend ist die Reflexion über die Situation und die rechtzeitige Änderung der Situation.

Pflegekräfte benötigen dazu viel Mut, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Vor allem auch in ihrem eigenen Interesse, um ihre eigene Situation richtig einzuschätzen, um gute Entwicklungen genauso zu erkennen wie schlechte und um Änderungen vorzunehmen, falls notwendig. Also wird eine qualitativ gute Pflege erst durch persönliche Reife möglich. Diese Reife fördert die Authentizität der Pflegekräfte und unterstützt den respektvollen, aufrichtigen, fairen und vertrauensvollen Umgang mit den Pflegebedürftigen. Der Dreh- und Angelpunkt der Pflege ist folglich die Persönlichkeit der Pflegekräfte. Diese bestimmt die Pflege: ist die Pflegekraft mit sich im Reinen, dann funktioniert ihre Pflege und ihre Beziehung zu den Pflegebedürftigen ist entsprechend gut. Ist die Pflegekraft inkongruent und nicht authentisch, wirkt sich das auf die Pflege und auf die Beziehung zu den Pflegebedürftigen negativ aus. Pflegekräfte müssen dazu dauerhaft die eigene Persönlichkeit möglichst im Gleichgewicht halten, d. h. die eigene Einheit aus Körper, Geist und Seele immer wieder ausbalancieren. Wem das gelingt, der kann Pflegebedürftigen mittels seiner eigenen Stabilität eine gute Stütze sein.

Bei keinem anderen Beruf muss zeitgleich während der praktischen Berufsausübung, die allein schon ein hohes Maß an Fachwissen, Können und Konzentration erfordert, dazu noch intrapersonal mit der eigenen Persönlichkeit so viel Bewältigungsarbeit und interpersonal auf zwischenmenschlicher Ebene so viel Beziehungsarbeit geleistet werden. Bauch (2005) spricht von »Gefühlsarbeit« oder »sentimental work«, die sogar beim Unterdrücken von Gefühlen geleistet werden müsse. Die Aufmerksamkeit der Pflegekraft wird während der Pflege nicht nur nach außen auf die Pflegebedürftigen, auf Angehörige und auf das Pflegeumfeld gerichtet, sondern während der Steuerung der Pflegehandlungen gleichzeitig nach innen auf ihre eigene Persönlichkeit, auf ihr eigenes Befinden, ihre eigenen Bedürfnisse und ihre eigenen Grenzen. Denn während der Pflege werden Pflegekräfte oft an ihre eigenen Grenzen gebracht. Deshalb müssen sie unbedingt fähig sein, diese auch zu erkennen.

Die einerseits sehr komplexen intrapersonalen und andererseits sehr komplexen interpersonalen Vorgänge, deren mentale und emotionale Bewältigung während der Pflegetätigkeit viel Energie erfordern, laufen also bei gleichzeitiger Verrichtung der einzelnen Pflegemaßnahmen ab. Das macht diesen Beruf außergewöhnlich und überaus anspruchsvoll.

Pflege ist also ein enorm wert-voller Beruf. Zur Erfüllung dieser Werte kommen in der Berufsausübung bei den Pflegekräften zahlreiche Eigenschaften zum Tragen wie Freundlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Vertrauenswürdigkeit, Geduld, Toleranz, Zugewandtheit, Einfühlungsvermögen, Scham- und Taktgefühl, Flexibilität, Sorgfalt, Vielseitigkeit, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, Improvisationsfähigkeit, um nur einige zu nennen. Aber der ursprünglichen Aufgabe nach zeichnet sich Pflege vor allem aus durch Menschenliebe und Hilfsbereitschaft im Sinne von Fürsorglichkeit. Dies stellt eine persönliche Haltung gegenüber allen Menschen dar. Um in der Pflege gut und erfolgreich arbeiten und dabei der Menschenliebe und Fürsorglichkeit nachkommen zu können, ist aber die Bereitschaft zur Selbstreflexion und Selbstkritik unbedingt notwendig, weil die Pflegeperson in ihrer Fürsorglichkeit immer an die eigenen Grenzen stößt. Nur dadurch ist sie letztlich auch fähig zu Korrekturen ihrer Pflege oder Pflegebeziehung. Das macht Pflegende stark.

2.2 Erfahrungsberichte zu den Werten des Pflegeberufes

Während ich über diese Zusammenhänge nachdenke, erinnere ich mich an eine Situation, die ich mit einem Chefarzt einer Kinderklinik erlebt habe:

Mitte der 1990er Jahre, war die Mitaufnahme von Eltern bei ihren Kindern noch nicht selbstverständlich. Die Mitaufnahme von sozial schlecht gestellten Eltern wurde gern abgelehnt. Oft wurde Platzmangel als Grund angegeben, um sie nicht aufnehmen zu müssen. Trotzdem war auch bei starker Belegung immer noch irgendwie Platz für privatversicherte Eltern, selbst wenn sie in einem Zimmer in einem anderen Gebäudeteil der Kinderklinik untergebracht wurden. Diese Ungleichbehandlung hat mich sehr gestört, weil alle Kinder gleichermaßen ihre Eltern gerade im Krankenhaus besonders brauchen, unabhängig vom sozialen Stand. Darüber geriet ich einmal in eine Diskussion mit dem damaligen Chefarzt der Kinderklinik. Als er mit seinen Argumenten am Ende war, schrie er mich an: »Halten Sie sich da raus! Ihre Aufgabe ist, anderen Leuten den Arsch abzuwischen! Befassen Sie sich nicht mit Themen, die Ihren Horizont übersteigen!« Dazu sagte ich damals: »Wenn Sie jemals in eine Situation kommen, wo Sie sich nicht selbst den Arsch abwischen können, werden Sie feststellen, wie wichtig das ist, und es wird Ihnen nicht gleichgültig sein, wer das macht und wie es gemacht wird.« Damit war das »Gespräch« für mich beendet und ich drehte mich um und ließ ihn stehen.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte der Chefarzt, der seine Überlegenheit ausdrücken wollte, gerade den sensibelsten Bereich der Pflege angesprochen, nämlich die Intimpflege.

Bei der Intimpflege werden die Stärken der Pflege besonders deutlich. Denn es ist tatsächlich sehr wichtig für Pflegebedürftige, wie die Intimpflege durchgeführt wird. Häufig wird gerade daran eine gute Pflegekraft erkannt. Warum? Wenig berührt das Schamgefühl kranker bzw. pflegebedürftiger Menschen so stark wie die Intimpflege. Sie erfordert ein sehr ausgeprägtes Feingefühl der Pflegekraft beim Umgang mit den Pflegebedürftigen. Wer bei der Intimpflege Hilfe benötigt oder jemals benötigt hat, weiß, wovon ich spreche, wenn ich sage, dass Pflege selten mehr Vertrauen und eine größere Vertrautheit erfordert. Müller (2018) erläutert: »Kaum ein anderer Beruf arbeitet so nah am Menschen wie die professionelle Pflege.« Diese Nähe betrifft die »direkte körperliche Nähe und das Eingreifen in die Privat- und Intimsphäre« (Müller, 2018, S. 96). Das ist im wahrsten Sinne des Wortes so.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Situation während meiner Ausbildung, als ich einen Einsatz im Kreißsaal hatte und bei einer Hochschwangeren vor dem geplanten Kaiserschnitt, dessen Termin kurzfristig anberaumt wurde, die Körperpflege durchführen sollte. Die Frau stand vor einer Drillingsentbindung und war mutterseelenallein im Kreißsaal, da ihr Mann beruflich unterwegs war. Ich habe sie auf alle Pflegemaßnahmen immer vorbereitet, alles vorher mit ihr abgesprochen, sie um Rückmeldung gebeten, ob sie etwas in einer bestimmten Weise gehändelt haben wollte, und die Pflegemaßnahmen einschließlich der Intimpflege trotz der gebotenen Eile ruhig, mit Bedacht und Sorgfalt immer in Absprache mit ihr durchgeführt. Nebenbei habe ich mit ihr noch über die bevorstehende Sectio gesprochen, ihre offenen Fragen beantwortet und sie aufgebaut, sodass sie der OP mit einer positiven Grundstimmung entgegensah. Als wir mit der Vorbereitung fertig waren, war die Frau so dankbar und gerührt, dass sie mich unter Tränen in den höchsten Tönen gelobt hat. Dieses Erlebnis war für mich auch deswegen so besonders, weil ich anschließend der Sectio und der Geburt der Drillinge im Gyn-OP als Zuschauerin beiwohnen durfte und mein Dienst an diesem Tag damit »gekrönt« wurde. Es war wunderschön, als die kleinen Erdenbürger der Reihe nach ans Licht der Welt geholt wurden und mit zartem Piepsen ihre Ankunft bekanntgaben. Alle im Gyn-OP Anwesenden waren glücklich über das gute Gelingen der Geburt. Und die Mutter erst! Sie war gleichermaßen selig und erleichtert.

Noch Wochen und Monate nach der Geburt ihrer Drillinge, die zwar klein und zierlich, aber alle gesund waren, musste die Frau immer mal wieder mit ihnen in die Kinderklinik kommen zu Kontrolluntersuchungen. Jedes Mal, wenn sie mich sah, sprach sie mich auf unsere damalige Begegnung an und jedes Mal lobte sie mich wie am ersten Tag.

Diese Erfahrung und viele andere schöne Erlebnisse mit PatientInnen und Angehörigen, die ich während meiner Berufstätigkeit kennengelernt habe, erfüllen mich mit tiefer Zufriedenheit. Ich bin dankbar, dass ich diesen Beruf so viele Jahre ausüben konnte, und weiß, was ich in dieser Zeit geleistet habe. Genauer gesagt, ich weiß, was ich sogar trotz widrigster Umstände geleistet habe.

Darauf will ich hinaus, wenn ich sage: Pflege setzt voraus, dass die Pflegekraft sich nicht nur über die Werte im Klaren ist, die dieser Beruf beinhaltet und repräsentiert, sondern auch über die Stärken, die bei der Ausübung von Pflege gefordert werden und die sie selbst mitbringen oder sich erarbeiten muss, wenn sie diesen Beruf dauerhaft und erfolgreich ausüben und dabei selbst bei guter Gesundheit (= ganzheitlich umfassende Gesundheit als harmonische Einheit von Körper, Geist und Seele) bleiben will.

Pflege als sehr anspruchsvoller und sehr wertvoller Beruf braucht folglich Pflegekräfte mit reifer und stabiler Persönlichkeit, um sowohl den ihnen Anvertrauten als auch der Profession Pflege gerecht zu werden. Das reine Fachwissen allein ist dazu nicht ausreichend. Pflege braucht starke Persönlichkeiten. Pflege muss stark sein für die Pflegebedürftigen, für ihre Angehörigen, für die Gesellschaft insgesamt und für den Staat. Ganz unabhängig von den im Alltag sonst schon üblichen Anforderungen und schwierigen Arbeitsbedingungen führt die Coronapandemie das jetzt erst recht allen Menschen vor Augen.

2 Gratifikationskrise: ein Ungleichgewicht zwischen beruflicher Verausgabung und als Gegenwert erhaltener Belohnung führt zu Stressreaktionen, die sich unterschiedlich äußern z. B. als kardiovaskuläre Krankheiten, psychiatrische Störungen, Depressionen, Alkoholabhängigkeit, muskuläre Beschwerden im Schulter-Nacken-Bereich (Ulich & Wülser, 2010).

3 Die Existenzrelevanz der Pflege
Birgit Ehrenfels

Der Begriff »systemrelevant«, wie die Politiker den Pflegeberuf seit Beginn der Coronapandemie bezeichnen, ist sehr unspezifisch. Es ist mühsam, darüber zu spekulieren, was mit dieser Bezeichnung genau gemeint ist. Für welches System ist der Pflegeberuf relevant? Für das deutsche Gesundheitssystem? Für jedes Gesellschaftssystem? »Systemrelevant« war Pflege auch zur Zeit des Dritten Reichs unter dem nationalsozialistischen Regime. Damals ist sie in ungeheuerlicher Weise instrumentalisiert worden (vgl. Steppe, 2013). Sie hat Misshandlungen und Tötungen von Millionen Menschen unterstützt. Insofern ist die Bezeichnung »systemrelevant« sogar eher zweifelhaft und muss immer hinterfragt werden.

Was auch immer mit »Systemrelevanz« gemeint ist, dieser Begriff trifft die Bedeutung der Pflege nicht annähernd. Das zumindest hat die weltweite Coronakrise ganz deutlich gemacht. Pflege arbeitet immer, unabhängig von einem politischen System, von einem Gesellschaftssystem, unabhängig von Krisen und unabhängig von Gefahren. Dabei ist Pflege ihrem Ursprung nach kein politisches Instrument. Gerade auch während der Coronapandemie ist Pflege weltweit weiterhin für Menschen tätig. Pflege arbeitet für jedes Individuum, für Pflegebedürftige jeder Nationalität, jeder Religion und jeder Herkunft. Pflege arbeitet für alle Menschen gleichermaßen, egal ob reich oder arm, jung oder alt. Diese Haltung vertritt auch der International Council of Nurses und hat sie in seinem Ethik-Kodex (ICN, 2012, S. 1) festgeschrieben. Darin wird Pflege »als Beruf mit hoher gesellschaftlicher und individueller Verantwortung« (Müller, 2018, S. 97) charakterisiert. Seine vorrangigen Aufgaben sind sowohl die Rechte und Würde der Pflegebedürftigen zu schützen als auch die Pflegehandlungen moralisch verantwortungsvoll an den gesellschaftlichen Normen und Werten auszurichten (vgl. Müller, 2018). Diese müssen deshalb ständig überprüft und reflektiert werden, um ggf. Missbrauch und Instrumentalisierung früh zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken (Müller, 2018, S. 98). Pflege orientiert sich demnach hauptsächlich gerade nicht an den situativen Gegebenheiten, die durch irgendein System festgelegt sind, sondern vor allem am ständig existierenden Bedarf und an den immerwährenden Bedürfnissen der zu Pflegenden sowie an der moralischen Verantwortung, die mit der Ausübung der Pflege verbunden ist. Damit ist Pflege weitaus mehr als systemrelevant, sie ist nämlich existenzrelevant. Die helfende Ausübung des Pflegeberufes an sich ist existentiell (vgl. Bauch, 2005).

3.1 Die existenzerhaltende Strategie der Pflege

Die Haltung der Pflege wird in einer »existenzerhaltenden Strategie« umgesetzt, deren Aktivitäten »auf die Erhaltung der Existenz, das Wohlergehen und die Entwicklung anderer Menschen und der Umwelt abzielen« (Müller, 2018, S. 87). »Der Gedanke der Existenzerhaltung erstreckt sich dabei nicht nur auf den körperlichen Aspekt, sondern umfasst auch das seelische Wohlbefinden im Sinne der Erhaltung eines positiven Selbstbildes und des Rechts, nicht verletzt oder gedemütigt zu werden« (Friesacher, 2008, S. 288 ff.; zit. n. Müller, 2018, S. 88).

Dabei stehen folgende Kernstrategien im Vordergrund: aufmerksam sein, in Kontakt gehen, in Beziehung gehen/sein/bleiben, ohne Gegenleistung handeln, nähren/versorgen, Verantwortung übernehmen, Sicherheit herstellen, Angst reduzieren, Hoffnung stärken, Lösungen entwickeln, präventiv denken, vorwegnehmend handeln, (Teil-)Führung übernehmen, anwaltschaftliche Vertretung (Müller, 2018, S. 92). Diese »Handlungsstrategien sind charakteristisch und ein Alleinstellungsmerkmal für den Pflegeberuf« (Müller, 2018, S. 96).

Pflege ist in verschiedener Hinsicht existenzrelevant. Denn zunächst zielt Pflege mit ihren Stärken und ihrer Haltung auf die eigene Existenz der Pflegenden selbst und erst danach auf die Existenz der Pflegebedürftigen ab. Erst über die eigene Existenzerhaltung der Pflegenden wird die Existenzerhaltung anderer Menschen ermöglicht. Insofern wird dem Punkt »ohne Gegenleistung handeln« (Müller, 2018, S. 92) als Kernstrategie hier entschieden widersprochen. Selbstlosigkeit im Sinne eines jahrzehntelangen falsch interpretierten und zu Unrecht proklamierten unterwürfigen Dienens (s. Kap. 2.1) führt zur Selbstaufgabe und ist deshalb für jede Pflegekraft ungesund und nicht erstrebenswert. Jeder Pflegekraft steht sehr wohl eine angemessene Gegenleistung für ihre professionelle Arbeit zu. Sie wird zu Recht erwartet!

Jede/-r einzelne an Corona Erkrankte, aber auch jede/-r andere Pflegebedürftige hat spätestens in dieser krisenhaften Zeit die außerordentliche Bedeutung der Pflege kennen und schätzen gelernt. Denn nur die Pflege ist in ständigem Kontakt mit den Infizierten und allen anderen Pflegebedürftigen, trotz der erhöhten Infektionsgefahr, trotz der deutlich erschwerten Arbeitsbedingungen mit ständigem Mundschutz und spezieller Schutzkleidung, trotz der zahlreichen Todesfälle und trotz der Sorgen um die eigene Gesundheit und um die Gesundheit der eigenen Familie.

Für alle diejenigen, die pflegebedürftig sind, bedeutet Pflege neben Versorgung, Hilfe und Linderung bei Schmerz und Leid vor allem auch Zuwendung, Ansprache, gemeinsame Zeit miteinander verbringen, sozialen Kontakt halten, auch wenn sonst keine Kontakte mehr aufrechterhalten werden können, und trägt damit zur Existenzerhaltung bei.

Kontakt und Zuwendung ist für jeden Menschen schlechthin existentiell notwendig. Denn der Mensch ist ein ζῴον πολιτικόν (zoon politikon), ein Gemeinschaftswesen, das den Kontakt mit anderen Menschen unbedingt benötigt, weil es sonst vereinsamt, darüber krank wird und sogar daran sterben kann. »Der Mensch als ein soziales Wesen lebt […] in Gemeinschaft mit anderen und steht mit diesen in Beziehung und Abhängigkeit« (Müller, 2018, S. 83).

Deshalb sind kranke, behinderte und alte alleinstehende Menschen von der Coronapandemie besonders schlimm betroffen. Sie sind von sozialer Isolation bedroht, weil ihnen menschlicher Kontakt fehlt und im Extremfall überhaupt nur durch Pflegepersonen aufrecht gehalten und gewährleistet werden kann.

Für viele Pflegebedürftige bedeutet Pflege in so einer Krisensituation Hoffnung. Nur die Hoffnung macht für viele Menschen das Aushalten der Krise erträglich oder hält sie gegenwärtig sogar am Leben. Viele Menschen hoffen, dass Pflege die Krise überbrückt, bis in (hoffentlich naher) Zukunft wieder ihr gewohntes Alltagsleben möglich wird. Die Hoffnung wird durch die »tragfähige, vertrauensvolle Pflegebeziehung« geschaffen, wo Pflegebedürftige darin unterstützt werden, »eine Perspektive für sich in der aktuellen Situation zu entwickeln« und die Erwartung »auf einen positiven Fortgang« (Müller, 2018, S. 95 f.) zu hegen.

3.2 Die Bedeutung von Pflege und Gesundheit während einer Pandemie

Gerade in solch einer Pandemie sind Pflegekräfte besonders gefragt und stellen erwartungsgemäß ihre Stärken zur Verfügung. Diese Erwartung wird von der Politik, von den einzelnen Institutionen und Arbeitgebern, von den Krankenkassen sowie von den Pflegebedürftigen und von ihren Angehörigen an die Pflegekräfte gerichtet. In der Pandemie gehen Pflegekräfte wegen zahlenmäßiger Unterbesetzung oft über ihre Grenzen hinaus. Wegen des Personalmangels wird unter den konkurrierenden Unternehmen um Wiedereinsteiger in den Pflegeberuf regelrecht gebuhlt. Sogar mit Prämien werden Pflegekräfte angeworben. Auch Pflegekräfte, die bereits in Rente oder aus anderen Gründen aus dem Beruf ausgeschieden sind, werden rekrutiert und mit unterschiedlichen Aufgaben in verschiedenen Pflegebereichen eingesetzt, zumindest als Hilfspersonal. Hier setzt die Allgemeinheit wieder auf die besondere Persönlichkeit, auf das Gemeinwohlverständnis und auf die starke Haltung der Pflegekräfte.

Gerade in dieser Pandemie kommen die Stärken des Pflegeberufs besonders zum Tragen. Die Profession Pflege agiert aufgrund ihrer Stärken mit analytischer, koordinierender, kommunikativer, edukativer, diagnostischer und evaluativer Kompetenz (Abt-Zegelin, 2002; Stemmer, 2003; Kruse, 2003; alle zit. n. Michaelis, 2005, S. 272). Der anspruchsvolle und wertvolle Pflegeberuf mit seiner besonderen Haltung ist sich seiner Verantwortung und seiner Bestimmung bewusst, dass er auch in jeder Krise für jeden Pflegebedürftigen parat steht.

Die zuständige Pflegekraft ist permanent Ansprechpartner für die Gesundheitsversorgung des jeweiligen pflegebedürftigen Menschen. Kein anderer Beruf ist in solch umfassendem Maße auf die Gesundheit der Menschen ausgerichtet wie die Pflege, die sich in ihrer Berufsausübung ausschließlich und vollumfänglich mit der jeweiligen komplexen Situation kranker und pflegebedürftiger Menschen sowie deren ebenso komplexer Versorgung beschäftigt. Gesundheit stellt als Zentralwert das Hauptziel der Pflege dar (vgl. Lademann, 2018; Cassier-Woidasky, 2007).

Darüber hinaus hat sich durch die Coronapandemie Gesundheit als der Zentralwert unserer gesamten Gesellschaft herauskristallisiert. Während es eine Vielzahl von Krankheiten gibt, gibt es nur eine Gesundheit (Schroeter & Rosenthal, 2005, S. 14). Gesundheit ist ein absoluter Wert. Das Bewusstsein für Gesundheit ist durch die Pandemie gestiegen. Erst dadurch wurde auch die Pflege deutlich mehr in den Mittelpunkt der politischen Aufmerksamkeit gerückt. Gesundheit wird zum zentralen Ziel der politischen Anstrengungen, weil nur durch den Erhalt der Gesundheit die Existenz der Menschen und damit die Existenz der Gesellschaft gesichert werden kann. Gesundheit ist das höchste Gut. Dieses muss geschützt werden.

Um die Gesundheit der Bevölkerung nicht weiter zu gefährden, wird sogar die Wirtschaft zurückgefahren. In wiederholten Lockdowns, die über mehrere Wochen anhalten, treten die Mitarbeitenden von Industriebetrieben Kurzarbeit an, die Mitarbeitenden von Verwaltungen begeben sich ins Home-Office, große Kaufhäuser und viele Gewerbebetriebe schließen vorübergehend. Auch das öffentliche Leben wird begrenzt, Kunst- und Kulturveranstaltungen werden ausgesetzt, Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten sowie Vereine schließen weitestgehend, damit die Verbreitung der Krankheitserreger verhindert wird. Private Feiern mit vielen Personen werden verboten. Alle gesellschaftlichen Aktivitäten werden auf ein Minimum reduziert in der Hoffnung, dass dadurch die Gesundheitsgefährdung der Menschen eingedämmt werden kann.

Gleichzeitig geht die Politik durch das Zurückfahren des gesellschaftlichen Lebens große Risiken ein, weil die Menschen als Gemeinschaftswesen zwingend auf Kontakte angewiesen sind. Vor allem für Kinder und Jugendliche, die dann keine Gleichaltrigen treffen dürfen, aber eben auch für Kranke, Alte und Schwache unserer Gesellschaft bedeutet Kontaktverbot die Gefahr von Entwicklungsstörungen, von Vereinsamung mit Folgeschäden und von Langzeitschäden durch Vernachlässigung. All das bedroht ihre menschliche Existenz. Diese Schäden sind sehr viel gravierender als materielle Verluste, die durch die Krise verursacht werden. Materielle Verluste können sehr viel leichter aufgefangen oder ausgeglichen werden als gesundheitliche Schäden, die als Folge der sozialen Kontaktbeschränkungen bestehen bleiben.

Da niemand die Dauer dieser gravierenden Einschränkungen vorhersagen kann, nehmen die Risiken der Schäden und der Existenzgefährdung für die Mitglieder unserer Gesellschaft zu.

Außerdem wächst die Wahrscheinlichkeit, dass zunehmend mehr Menschen aus verschiedenen Gründen neben finanzieller vor allem pflegerische und psychosoziale Unterstützung benötigen, um Schäden für ihre Gesundheit und Existenz abzufedern.

Das Zurückfahren im Lockdown betrifft alle gesellschaftlichen Aktivitäten und die allermeisten Berufe, ausgenommen die Pflege. Die Pflege wird hochgefahren. Mehr Intensivplätze werden eingerichtet, möglichst viele Pflegekräfte werden maximal ausgelastet und je nach Bedarf flexibel eingesetzt, viele ehemals Ausgeschiedene werden sogar reaktiviert und zumindest in Hilfstätigkeiten eingebunden. Neue Tätigkeitsbereiche entstehen z. B. in Corona-Testzentren, Impfzentren oder in der speziellen Nachbehandlung von Corona-Erkrankten.

Durch die Pandemie wird der hohe Stellenwert der Pflege offenbar. Sie ist das maßgebende Bindeglied zwischen denen, die in ihrer Existenz bedroht sind, und der überaus problematischen, teilweise sogar lebensfeindlichen Umwelt, in der sie leben. Durch die Coronapandemie wird die Existenzrelevanz der Pflege für alle deutlich, aber besonders für diejenigen, die so schwer betroffen sind von den Kontaktbeschränkungen, weil sie sich nicht selbst versorgen, ernähren und pflegen können und auf Unterstützung angewiesen sind. Pflege ist für sie ein Rettungsanker.

Pflege nimmt innerhalb des Gesundheitswesens und innerhalb unserer Gesellschaft wegen ihrer Existenzrelevanz im Unterschied zu anderen Berufen eine besondere Stellung ein. Denn aufgrund ihrer vielfältigen Möglichkeiten kommt Pflege ständig ihrer alltäglichen Fürsorge für die Pflegebedürftigen nach. Zusätzlich sorgt sie aber auch in besonderen Krisensituationen für die Existenzsicherung derer, die in ihrer (gesamt-)gesundheitlichen Versorgung gefährdet sind.

Die Tatsache, dass die Politik anlässlich der Coronakrise der Pflege endlich eine gewisse Relevanz zuspricht, überrascht. Denn die Relevanz ergibt sich überhaupt nicht aus der Krise, sondern aus dem Inhalt des Berufsbildes der Pflege, aus den Aufgaben dieser Profession sowie aus den Stärken. und Kompetenzen der Pflegenden. Allerdings ist die Relevanz der Pflege in der Krise nicht mehr zu übersehen und schon gar nicht mehr zu verleugnen. Sehr schade, aber es spricht für sich, dass die Politik nicht schon in den letzten Jahrzehnten über die Relevanz der Pflege gesprochen hat und sich offenbar nie darüber wirklich Gedanken gemacht hat.

Die sehr ungenaue Bezeichnung »systemrelevant«, mit der geradezu nur als Randnotiz angemerkt wird, dass die Pflege »schon eine gewisse Bedeutung« für die Gesellschaft hat, ändert nichts daran, dass sich die Politik bis jetzt nicht gründlich mit dieser Profession und ihrer existentiellen Bedeutung auseinandersetzt. Nur so ist zu erklären, dass bis jetzt aus der scheinbaren Erkenntnis der »Systemrelevanz« keine Konsequenzen abgeleitet wurden, die den Pflegeberuf in seiner Entwicklung oder in seinem gesellschaftlichen Status weiter voranbringen. Selbst zur Bundestagswahl im September 2021 erklärt keine Partei in ihrer Wahlwerbung und in den Parteiprogrammen, dass sie maßgebliche Veränderungen für den Pflegeberuf, geschweige denn eine Umstrukturierung des Gesundheitswesens zugunsten der Pflegenden, noch nicht mal in Teilen, vorsieht. Stattdessen werden allgemeine Wahlparolen formuliert, die plakativ »Gehaltserhöhungen« oder »eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen« beinhalten. Worin konkret die Verbesserung bestehen soll oder wie sie herbeigeführt werden soll, wird nicht erläutert. Das ist enttäuschend.

Eine Einmalzahlung als Corona-Bonus, ein Applaus oder ein einzelnes, lapidares Statement eines Politikers wirken auf die Pflegekräfte eher wie Hohn, wenn sich ansonsten die Probleme im Arbeitsalltag weiter anhäufen und verschlimmern.

Da stellt sich die Frage, ob bzw. wann sich Politik und Gesellschaft überhaupt endlich auch zu gewissen Pflichten gegenüber dem Pflegeberuf bekennen und diese erfüllen werden.

4 Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft vs. Pflichten von Staat und Gesellschaft gegenüber dem Pflegeberuf
Birgit Ehrenfels
4.1 Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft

Für Schulabgänger und Arbeitssuchende hält der Pflegeberuf vielfältige Arbeitsmöglichkeiten und Entwicklungschancen bereit, z. B. im direkten Patientenkontakt, in Lehre oder Management. Der Pflegeberuf ist durchaus ein attraktiver Ausbildungsgang mit sicheren Berufsaussichten. Wer in der Pflege arbeitet, muss Arbeitslosigkeit nicht fürchten, weil der Bedarf an Pflegekräften ständig steigt. Pflege bietet außerdem in allen Tätigkeitsfeldern viele Möglichkeiten zur Spezialisierung. Der Pflegeberuf ist damit ein wichtiger Ausbildungs- und Berufszweig und wichtiger Teil der Arbeitslandschaft in unserer Gesellschaft. Das weist auf eine strukturbildende Funktion hin.

Die Bundespflegekammer beziffert die Zahl der Pflegekräfte in Deutschland mit 1,2 Mio. (Bundespflegekammer, 2021). Die Pflegekräfte stellen damit die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Das bedeutet zuallererst, dass sie in vielfacher Hinsicht einen enormen volkswirtschaftlichen Beitrag leisten: über 1 Mio. Pflegekräfte zahlen dauerhaft Abgaben und zahlen vor allem auch dauerhaft in die Renten- und Sozialkassen ein. Ferner stärken über 1 Mio. Beschäftigte mit sicherem Einkommen die Kaufkraft in unserem Land. Pflegekräfte verhelfen durch ihre tägliche Arbeit Kranken und Pflegebedürftigen zu Selbständigkeit und möglichst auch zur Erhaltung ihrer Arbeitskraft, sodass sie weiterhin am Arbeitsprozess teilnehmen oder sich ehrenamtlich engagieren können. Zusätzlich pflegen und versorgen zigtausend Pflegekräfte außerhalb ihres beruflichen Arbeitsalltags jahrelang eigene Angehörige und entlasten dadurch enorm die Sozialkassen und die Solidargemeinschaft. Die Pflege leistet damit für unseren Staat auf mehreren Ebenen massiv finanzielle Unterstützung. Oder umgekehrt: der Staat und die Gesellschaft profitieren finanziell auf verschiedene Weise sehr stark von den Pflegekräften.

Abgesehen von den finanziellen Leistungen schafft Pflege auch zahlreiche andere Leistungen, die sich aus den Zielen, Aufgaben und Inhalten ergeben, die mit der Profession Pflege verbunden sind. Bei Betrachtung dieser Leistungen wird das schier unermessliche Ausmaß des Nutzens, den die Pflege für die Gesellschaft erbringt, erst richtig deutlich.

Zunächst nützt die Pflege jedem einzelnen Pflegebedürftigen auf unterschiedliche Weise: angefangen von fachlicher Expertise und Beratung zu pflegerischen und gesundheitlichen Fragen über die praktische Durchführung von Pflegemaßnahmen bis hin zu Hilfe in anderen Lebensbereichen, z. B. Hauswirtschaft, Bewältigung von bürokratischem Aufwand, Vermittlung anderer Hilfsangebote. Das Spektrum an Dienstleistungen, die die Pflege erbringt und die allzu oft unentgeltlich in die Berufsausübung einfließen, ist sehr umfangreich. Primär dreht sich Pflege ihrem Auftrag nach allerdings um Gesundheitsversorgung und alles, was dazu gehört wie Gesundheitsförderung, Prävention, Nachsorge, Leidenslinderung, Sterbebegleitung. An dieser Stelle wird auf die Kap. 2 und 3 in diesem Buch verwiesen ( Kap 2; Kap. 3).

Der existentiell bedeutende Auftrag der Gesundheitsversorgung führt zum weiteren Nutzen der Pflege für die Gesellschaft: die Erhaltung der Gesundheit ist für die zukünftige Entwicklung der ganzen Gesellschaft von existentieller Bedeutung. Die Gesundheit der Bevölkerung muss erhalten bleiben, um die Zukunft von Staat und Gesellschaft zu sichern. Deshalb ist der Pflegeberuf ein sehr maßgeblicher zukunftssichernder Berufszweig innerhalb der Gesellschaft, denn er ist in seiner Zielsetzung und seiner Funktion auf dieses prospektive Streben nach gesellschaftlicher Gesundheitssicherung ausgerichtet.

Der Pflegeberuf leistet für die Gesellschaft nicht nur hinsichtlich der Gesundheitsversorgung einen großen Dienst. Jährlich gibt es ca. 20 Mio. Pflegeempfänger (Bundespflegekammer, 2021), das ist etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung (ca. 80 Mio.). Kranke und pflegebedürftige Menschen, ob jung oder alt, erfahren durch die Pflegenden über die pflegefachliche Versorgung hinaus menschliche Zuwendung, Nähe, Unterstützung und Hilfe. Für viele Menschen ist allein die körperliche Berührung, die sie bei der Pflege spüren, sogar die einzige, die sie überhaupt erfahren. Sich um andere Menschen kümmern, andere Menschen umsorgen und pflegen, für andere Menschen Verantwortung übernehmen, anderen Menschen Unterstützung und Hilfestellung bieten, das alles sind soziale Tätigkeiten, die das Miteinander in der Gesellschaft fördern. Schon die reine Vorstellung, dass diese millionenfach erbrachten sozialen Leistungen für die Gesellschaft einmal nicht mehr zur Verfügung stehen könnten, ist beängstigend. Pflege ist also ein überaus wichtiges soziales Element innerhalb jeder Gesellschaft.

Neben allen pflegerisch erforderlichen Maßnahmen sowie diesen sozialen Tätigkeiten, die allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung stehen, werden ferner Werte und Prinzipien innerhalb der Gesellschaft gefördert, die unser politisches und gesellschaftliches System kennzeichnen, z. B. das Gebot der Hilfeleistung, Toleranz gegenüber den Mitmenschen, das Prinzip der Gleichbehandlung, die Solidargemeinschaft, Sicherheit für die Versorgung der Bürger. In ganz besonderem Maße verkörpert Pflege das oberste Gebot unserer demokratischen Grundordnung: »Die Würde des Menschen ist unantastbar«. Pflege ist dadurch gleichermaßen ein wichtiges soziales wie auch ein wichtiges politisches Element für unsere demokratische Gesellschaft.

Zusammengefasst hat Pflege also nicht nur einen individuellen gesundheitlichen Nutzen für jeden einzelnen Pflegebedürftigen, sondern für unseren Staat und für unsere Gesellschaft insgesamt einen strukturellen, einen enormen volkswirtschaftlichen sowie auch einen enorm großen sozialen und politischen Nutzen. Ferner liefert der Pflegeberuf nicht nur den praktischen Nutzen durch die alltägliche Verrichtung der Pflegemaßnahmen während der Berufsausübung, durch die Mitarbeit bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme sowie durch Information und Expertise zu Gesundheitsthemen, sondern vielmehr den ideellen Nutzen durch die mit dieser Profession verbundenen ethischen Ziele und Aufgaben, die er in die Gesellschaft hineinträgt. Sodann beinhaltet das prospektive Gesundheitsstreben der professionellen Pflege die Zukunftssicherung sowohl für jedes Individuum als auch für Staat und Gesamtgesellschaft. Pflege liefert für Staat und Gesellschaft insgesamt einen immens vielfältigen Nutzen.

4.2 Pflichten von Staat und Gesellschaft gegenüber dem Pflegeberuf

Da der Nutzen der Pflege für Staat und Gesellschaft so enorm groß ist, sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass umgekehrt Staat und Gesellschaft sich der Profession Pflege verpflichtet fühlen und ihre tatsächlich bestehenden Pflichten gegenüber dem Pflegeberuf auch erfüllen. Das tun sie aber de facto nicht, wie nachfolgend gezeigt wird. Darüber hinaus wirkt sich diese mangelnde Pflichterfüllung sehr negativ auf die allgemeine Gesundheitsversorgung aus.

Zunächst wäre eine ordnungsgemäße Ausbildung des Pflegeberufes sicherzustellen, die die Voraussetzungen zur Erfüllung der vielfältigen Aufgaben und zum Erreichen der Berufsziele gewährleistet. Das bedeutet, dass sowohl die praktische als auch die theoretische Ausbildung die Auszubildenden möglichst optimal auf die Anforderungen der Pflegepraxis vorbereiten müssen. Das ist nicht selbstverständlich, da Auszubildende auf den Stationen, im ambulanten Pflegedienst oder in der stationären Langzeitpflege oft missbraucht werden für das Erledigen unbeliebter Tätigkeiten und für das Abdecken von Personallücken, was häufig zu Überstunden und spontanen Dienstplanänderungen führt. Im Arbeitsalltag werden auch allzu oft nicht die Inhalte vermittelt, die in der Theorie gelehrt und gelernt werden. Um diese Diskrepanz zu überbrücken, sollen Praxisanleiter eingesetzt werden. Inwiefern dadurch die ordnungsgemäße Ausbildung in der Praxis gewährleistet wird, ist mehr als fraglich, da die sonstigen Arbeitsbedingungen für die bereits examinierten oder studierten Pflegekräfte nach wie vor nicht besser werden und deshalb Zeit und Energie der bereits examinierten Pflegekräfte für die Anleitung der Auszubildenden fehlen. Die Auszubildenden in der Pflege müssten in der praktischen Ausbildung umfassend, in größtmöglicher Ruhe und mit höchstmöglichem Sachverstand angeleitet werden. Daran fehlt es in der realen Ausbildungssituation, was sowohl zu Lasten der Pflegequalität als auch zu Lasten der Arbeitsfreude geht. Der Pflegeausbildung widmet sich Kap. 5 ausgiebig ( Kap. 5).

Die Arbeitsbedingungen in der täglichen Arbeitsumgebung müssten so gestaltet werden, dass alle Pflegekräfte in allen Pflegebereichen jederzeit ihre Aufgaben auch ordnungsgemäß erfüllen können. Das beinhaltet ausreichend Zeit für die Pflegemaßnahmen, passende und ausreichende Pflegeutensilien, geeignete Pflegeumgebung (z. B. kurze Wege; möglichst geräuscharme Umgebung; keine Störungen, z. B. durch Telefonate), ausreichend und sichere Erholungspausen einschließlich freien Tagen, Urlaub usw., arbeitserleichternde Maßnahmen (z. B. ausreichend viele und funktionierende Hilfsmittel; Einsatz neuester Technik statt veralteter und defekter Geräte, auch moderne Klingelanlagen; flächendeckende Einführung der elektronischen Patientenakte, die im Ausland schon seit Jahren selbstverständlich ist).

Alle Arbeitstätigkeiten müssen entsprechend ihrer Leistung entlohnt werden. Diese Entlohnung muss zudem einheitlich geregelt sein, d. h., es darf in der Entlohnung keinen Unterschied geben weder zwischen den einzelnen Regionen, wo der Beruf ausgeübt wird, noch zwischen den unterschiedlichen Pflegebereichen (ambulant, stationär) oder den Institutionen. Pflegehandlungen in der ambulanten Pflege dürfen nicht regional oder zwischen den Krankenkassen unterschiedlich verhandelt werden. Verbrauchskosten oder Wegekosten variieren naturgemäß, aber das darf nicht an die Pflegemaßnahmen gekoppelt sein.

Die Ausbildung insgesamt, vor allem aber auch die fachspezifische oder akademische Fort- und Weiterbildung, die dann mit entsprechend weitergehenden Kompetenzen verbunden ist, muss ebenfalls adäquat finanziell anerkannt und belohnt werden. Die Entlohnung für den Pflegeberuf wird noch mal in Kap. 8 thematisiert ( Kap. 8).

Es müssen auch mehr Arbeitsplätze für akademisch weitergebildete Pflegekräfte bereitstehen. Das ist keine Frage des »Karrieresprungs«, sondern die logische Konsequenz jeder Weiterbildung. Wer viel gelernt hat, will sein Wissen und seine Kenntnisse auch anwenden und in der Berufspraxis umsetzen. Dafür müssen adäquate Möglichkeiten geschaffen werden. Diese ergeben sich vielleicht z. T. aber auch durch eine bundesweite Selbstverwaltung der Pflege, falls es dazu kommen sollte. Denn dadurch würden u. a. andere Rahmenbedingungen politisch durchgesetzt werden. Und in der Selbstverwaltung würden auch eigene Arbeitsplätze entstehen.

Alle Pflegeleistungen müssen allen Bürgern offenstehen, damit Pflege ihren Auftrag ordnungsgemäß erfüllen kann. Dafür müssen die Voraussetzungen für die pflegerische Versorgung in allen Regionen geschaffen werden. Das fängt bei der notwendigen Infrastruktur an, z. B. bei der Erreichbarkeit der Pflegebedürftigen und bei für alle zugänglichen Beratungs- und Beschaffungsmöglichkeiten, führt zur Bereitstellung der finanziellen Möglichkeiten und endet bei der ausreichenden Zahl der Pflegekräfte, die zur Verfügung stehen. Angesichts der bereits jetzt schon großen Zahl an Pflegebedürftigen, die zuhause versorgt werden, müssen dringend ambulante Pflegeunternehmen unterstützt und gefördert werden.

Zur ausreichenden Zahl an Pflegekräften ist folgendes zu sagen:

Bekanntlich befindet sich Deutschland seit den 1960er Jahren im Pflegenotstand. In dieser Zeit wurde der Begriff geprägt. Seitdem wurde immer wieder mal in den Medien über dieses Problem berichtet. Die Politik hat erst sehr spät mit Maßnahmen reagiert (Einführung der Akademisierung der Pflege, generalistische Berufsausbildung), hat bis heute aber keine entscheidenden Wege beschritten, um den Pflegenotstand zu beheben. Entscheidend waren die bislang getroffenen Maßnahmen deswegen nicht, weil sich bis heute einfach nichts geändert hat, wie allenthalben belegt werden kann. Das Personalproblem bleibt nach wie vor bestehen. Im Gegenteil, es verschärft sich zunehmend drastischer, da wegen der demografischen Entwicklung immer mehr Menschen pflegebedürftig werden. Diese Entwicklung war wie der Personalmangel in der Pflege ebenfalls seit Jahrzehnten absehbar. Der daraus erwachsenden Diskrepanz (zwischen Pflegebedarf und Anzahl an Pflegekräften), die genauso lange absehbar ist, wird bis heute immer noch nicht entschieden entgegengetreten.

Über diese Tatsachen wird im Fernsehen in Nachrichten, Reportagen und Dokumentationen von Zeit zu Zeit immer wieder mal berichtet. Auch auf anderen Informationskanälen, z. B. in Zeitungen, Radio oder Internet, werden die Bürger darüber informiert. Trotzdem werden diese Fakten stillschweigend hingenommen und die Zuspitzung der sich weiter verschlechternden Versorgungslage wird tatenlos abgewartet.

Der BARMER-Pflegereport 2020 beschreibt die Belastungen der Pflegekräfte durch die schlechten Arbeitsbedingungen (Schwerpunkt Altenpflege) und ihre Folgen. Im Jahr 2005, also 15 Jahre zuvor, hat z. B. Michaelis über Pflege als »extreme Verausgabung« geschrieben und dazu arbeitssoziologische Aspekte beleuchtet. Auch in den 1990er Jahren wurden schon viele Studien und Berichte über physische und psychische Belastungen in der Pflege und über ihre Folgen geschrieben und veröffentlicht (z. B. Hofmann et al., 1998; Karasek & Theorell, 1990; Estryn-Buhar et al., 1990).

Die folglich seit Jahrzehnten bekannte Problematik der schlechten Arbeitssituation für Pflegekräfte ist bis heute unverändert. Im Gegenteil, sie hat sich durch die stetig abnehmende Zahl an Pflegekräften auf dem Arbeitsmarkt noch verschärft und wird sich auch noch weiter zuspitzen wegen der gleichzeitig weiter steigenden Zahl an Pflegebedürftigen.

Der Druck für die weiterhin im Pflegeberuf Tätigen ist enorm gestiegen und wird noch weiter steigen. Erstens werden sie massiv zu ökonomischem Arbeiten gezwungen. Das drückt sich nicht nur darin aus, dass Material und Ressourcen gespart werden müssen und deshalb z. B. auf schlechtere Qualität zurückgegriffen wird und der Verbrauch eingeschränkt wird, sondern vor allem in der Zeit für die Patientenversorgung, die immer knapper bemessen wird. Zweitens müssen die aktuell noch Pflegenden die Personalengpässe auffangen, was teilweise auch zu zusätzlichem Zeitdruck bei der Durchführung der Pflege führt und teilweise zur extremen Anhäufung von Überstunden. Die wachsende Arbeitslast muss auf immer weniger Schultern verteilt werden. Dauerhaft solchen Druck auszuhalten, bedeutet für die Pflegenden im Arbeitsalltag unglaublichen Stress. Diese Arbeitssituation ist unzumutbar und hätte unbedingt vermieden werden müssen.

Aus der Tatsache der unverändert schlechten Arbeitsbedingungen ergibt sich als einzig logische Konsequenz die Notwendigkeit zu einschneidenden Veränderungen. So müsste die Politik in ihrem eigenen Interesse, im Interesse unserer Gesellschaft und im Interesse der Pflegekräfte schnellstmöglich eine Angleichung der deutschen Verhältnisse an einen europaweiten Ausbildungs-, Akademisierungs- und Selbstverwaltungsstandard des Pflegeberufes erreichen. Durch die bestehenden starken Unterschiede in Ausbildung, Studium und Selbstverwaltung wird das Gefälle zwischen dem deutschen Pflegeberuf und der Situation des Pflegeberufes in Europa nicht nur deutlich, sondern es belegt die dringende Notwendigkeit einer Angleichung an internationale Standards. Eine Anhebung der Qualifizierung in manchen Ausbildungsteilen kann der Qualität der Berufsausübung nur förderlich sein. Das Gleiche gilt für die Akademisierung und für die Selbstverwaltung. Eine politisch forcierte Akademisierung und Selbstverwaltung würde dem Pflegeberuf die Chance zu einer schnelleren und dringend notwendigen Weiterentwicklung eröffnen.

Die Attraktivität des Pflegeberufes leidet stark wegen der schlechten Arbeitsbedingungen. Um den Beruf attraktiver zu machen, sind folglich Werbung und eine gute Entlohnung allein nicht ausreichend. Vielmehr müssen die konkreten Arbeitsbedingungen vor Ort geprüft und kontrolliert werden. Jede Arbeitsumgebung muss so gestaltet und angepasst werden, dass für die Pflegenden nachweislich Maßnahmen des Gesundheitsschutzes getroffen werden. Zertifikate für Arbeitnehmerfreundlichkeit, betriebliches Gesundheitsmanagement usw. sollten für Gesundheitsbetriebe auch nur dann vergeben werden, wenn sie tatsächlich alle notwendigen Anforderungen gegenüber dem Pflegepersonal erfüllen. Auch hier müssen einheitliche Standards geschaffen werden, damit grundlegende Anforderungen zwingend eingehalten werden. Kontrolle ist hierbei unumgänglich. Gesundheitsförderung für die Beschäftigten muss entweder belohnt oder im Fall der Nichterfüllung bestraft werden. Es gibt in Deutschland z. B. schon seit vielen Jahren das Netzwerk gesundheitsfördernder Krankenhäuser. Aber wie viele Krankenhäuser und Einrichtungen sind dort Mitglieder?

Inzwischen wird sehr viel für die Patientensicherheit in Kliniken und Pflegeheimen getan, nachdem klar war, dass die Sicherheit von Kranken und Pflegebedürftigen ohne Kontrolle doch zu stark gefährdet ist, dass die Korrekturen von Schäden nach Fehlbehandlungen die Kassen stark belasten und dass die Versicherungen immer öfter wegen Fehlbehandlungen leisten müssen. Es haben sich Organisationen zum Schutz für PatientInnen gegründet, z. B. das Aktionsbündnis Patientensicherheit oder regionale Netzwerke für Patientensicherheit. Genauso sollten für die Arbeitsbedingungen der Pflegenden Sicherheits- und Kontrollmaßnahmen geschaffen werden, um ihre korrekte Gestaltung zu gewährleisten. Auch dadurch würde Geld gespart, denn viel weniger Pflegende würden krank werden und müssten behandelt werden. Die bekannten diversen Berufserkrankungen, die durch Pflegetätigkeiten auftreten, könnten leicht minimiert werden. Mehr Pflegende könnten durch verbesserte Arbeitsbedingungen überhaupt an ihrem Arbeitsplatz bzw. in ihrem Beruf gehalten werden.

Es steht fest, dass die Gesellschaft und die Politik ihrer gebotenen Pflichterfüllung gegenüber dem Pflegeberuf nicht nachkommen und auch nicht nachkommen wollen. Das ergibt sich aus den bisherigen Versäumnissen der letzten Jahrzehnte, aber auch aus neueren Maßnahmen. Die späte Einführung der Generalistik zu einem Zeitpunkt, wo weder genügend Lehrpersonal für eine generalistische Ausbildung vorhanden ist noch ausreichend Auszubildende für eine ausgewogene Besetzung der notwendigen Vertiefungsschwerpunkte noch ausreichend praktische Ausbildungsplätze, zeugt von fehlender Kenntnis der Sachlage und der Erfordernisse. Die Politik hält die Einführung der Generalistik zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich für einen strategisch gelungenen Schachzug, um Pflegekräfte variabel in allen Pflegebereichen einzusetzen und dadurch Löcher in der Personaldecke zu stopfen. Diese Idee wird zu Lasten der Versorgungsqualität gehen. Sogar Auszubildende mit schlechten Noten und nachweislich unzureichenden Kenntnissen erhalten schon vor Ausbildungsende Arbeitsverträge. Dagegen wurden bisher weiterhin keine wirklich reformierenden Maßnahmen ergriffen, die die Profession Pflege unterstützt, geschweige denn weiter vorangebracht hätten. Sogar relativ einfache arbeitserleichternde oder berufsentwicklungsfördernde Maßnahmen (z. B. die elektronische Patientenakte oder das Angebot an pflegewissenschaftlichen Studiengängen sowie an Universitätsstudiengängen) wurden bisher nicht ausreichend und nicht flächendeckend durchgeführt. Der seitens der Politik angeregte, verzweifelte Versuch, die in Deutschland bestehenden Personallöcher mit ausländischen Pflegekräften zu stopfen, kann nur scheitern, da bereits zu viel Personal ausgeschieden ist und in den nächsten Jahren noch mehr ausscheiden wird, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre vermehrt in Rente gehen. Davon abgesehen zeigt die Coronapandemie, dass in wirklichen Krisenzeiten die Pflegekräfte in ihrer jeweiligen Heimat gebraucht werden. Auch muss mit erhöhten Reisebeschränkungen im Falle einer solchen Pandemie gerechnet werden.

Übrigens lassen sich die Stärken und Kompetenzen der Pflegenden nicht durch »Pflegeroboter« ersetzen. Auch der vielfältige Nutzen, den die Pflege insgesamt der Gesellschaft bietet ( Kap. 4.1), wird durch Roboter nicht annähernd erreicht werden können. Es gibt eine Förderrichtlinie des BMG zum Thema »Künstliche Intelligenz in der professionellen Langzeitpflege«. Die Politik investiert in solche Forschung. Aber nützt das wirklich der Gesundheitsversorgung? Profitieren Pflegebedürftige davon oder Pflegekräfte? Oder soll hier wieder eine Lobby bedient werden?

Und wo bleiben die Investitionen für die Weiterentwicklung des Pflegeberufes? Welche für die Entwicklung der Pflege relevanten wissenschaftlichen Studien werden staatlich gefördert? Welche Konsequenzen werden aus bereits vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen, auch aus ausländischen Studien, gezogen? Welche konkreten Maßnahmen werden zur nachhaltigen Verbesserung der Situation des Pflegeberufes umgesetzt? Wann kommen endlich die doch dringend notwendigen Systemänderungen, Umstrukturierungen und Innovationen für den Pflegeberuf?

Die Politik steht gegenüber der Pflege in der Bringschuld und muss ihrer Verantwortung gegenüber Pflegenden und auch Pflegebedürftigen schnellstmöglich nachkommen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
05 ağustos 2025
Hacim:
292 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783170421639
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar