Kitabı oku: «Deutsche Frauen vor sowjetischen Militärtribunalen»

Yazı tipi:

Annerose Matz-Donath

Deutsche Frauen vor sowjetischen Militärtribunalen

Die Spur der roten Sphinx


IMPRESSUM:

Annerose Matz-Donath,

Deutsche Frauen vor sowjetischen Militärtribunalen. Die Spur der roten Sphinx.

Originalverlag:Verlag Bublies, Schnellbach

Originaltitel:

Die Spur der roten Sphinx. Deutsche Frauen vor sowjetischen Militärtribunalen

© 2000 Verlag Bublies, 56290 Schnellbach

Lizenzausgabe: © 2014 Lindenbaum Verlag GmbH, Beltheim

Internetadresse: http://www.lindenbaum-verlag.de

e-mail-Adresse: lindenbaum-verlag@web.de

eISBN: 978-3-938176-82-5

„Bitter für mich ist nur, daß sie alle auf dem Papier nicht mehr als einen fahlen Schatten des Grauens wiederfinden werden.“

Gabriel García Márques

in „Die Nachricht von einer Entführung“, nach den Erinnerungen der Überlebenden

Mein herzlicher Dank gilt allen, die mich bei der Arbeit an diesem Buch unterstützten,

vor allem den Kameradinnen, die dafür noch einmal eine so schmerzliche Erinnerungsarbeit auf sich genommen haben. In Freundschaft und Liebe sei besonders derer gedacht, die heute nicht mehr unter uns weilen.

Vergessen sei auch nicht

mein lieber Mann, der meine Arbeit jahrelang mit verständnisvoller Geduld begleitet und mit geholfen hat, alle äußeren Schwierigkeiten zu meistern.

Ebenfalls danke ich den Mitgliedern des Beirats der STIFTUNG ZUR AUFARBEITUNG DER SED-DIKTATUR, von der die Drucklegung gefördert wurde.

Alle Frauen, auch da, wo dies nicht besonders erwähnt ist, wurden inzwischen als „zu Unrecht verurteilt“ rehabilitiert.

Die Namen der Interview-Geberinnen wurden zur Schonung der privaten Sphäre auch der betroffenen Familien anonymisiert. Das lag umso näher, als jeder der geschilderten Fälle nicht nur für ein Einzelschicksal steht, sondern für viele von gleicher Art.

Alle Ortsangaben dagegen sind real.

Inhalt

Einleitung

1.Kapitel: Mütter und Kinder

Bitterer Abschied

Der Florian

Zahnschmerz im Herzen

Die Mütterstube

Kindertränen

2.Kapitel: Die Hölle hat viele Tore

Eingefangen

Grenzerfahrungen

Recherche ins Abseits

„Gefährliche Deutsche“

Auf Werwolf-Jagd

3.Kapitel: Verraten und verkauft

Das Butterplätzchen

Terror statt Brot

Um eine Nähmaschine

Unschuldsbewußtsein lebensgefährlich!

Flugblatt im Polizistenschrank

Für Judaslohn

Der wahre Hintergrund

4.Kapitel: Laßt alle Hoffnung fahren

Der erste Schock

Wenn sie „Rosamunde“ spielten

Maden und Fischgerippe

Ein kleiner Funke Menschlichkeit

Psychofolter

Kübelgeschichten

Sexuelle Gewalt

5.Kapitel: Russisches Roulette

Der Tod reiste mit

Die Fratze der Angst

Selber ein Ende machen

Wie ein Indianer am Marterpfahl

Sie lachten, wenn sie sie erschossen

„Ein widerspenstiger Typ“

6.Kapitel: Lügner und Henker

„Gehen wir tanzen zusammen“

Das Tribunal

Wyschinskijs Schatten

Ein teuflisches Drehbuch

Vergeblicher Aufstand

Silberkopf mit Feuerhaken

Begriffe und Abkürzungen

Erläuterndes Glossar


Dejournyj Wachhabender
GPU seit 1922 erste Nachfolge-Organisation der am 20. Dezember 1917 von Lenin gegründeten Geheimpolizei (und Spionageorganisation) TSCHEKA,
NKWD 1934 in NKWD, 1954 in KGB umbenannt bei
KGB unveränderter Zielsetzung und Arbeitsweise.
Gymnastjorka russische Militär-Hemdbluse
K 5 Kommissariat 5, „politisches“ K., STASI-Vorläufer
Natschalnik Chef der Wachschicht / des Haftbereichs
Papyrossi russ. Zigarette mit überlangem Papiermundstück
Plennies Gefangene (russ.)
Podpolkownik Oberst (russ.)
SMA/SMAD Sowjetische Militäradministration / in Deutschland
SMERSCH Smert schpionam (russ., Tod den Spionen)
SMT Sowjetisches Militär-Tribunal
Tête, an der … vorne dran, wichtig (von franz. à la tête / an der Spitze)
Volksempfänger empfangsbegrenztes Radio der Nazi-Zeit
VP, Volkspolizei Schutz-/Verkehrspolizei

Einleitung

Unlängst – 1997 – wurde den Opfern des sowjetischen Staatsterrors in St. Petersburg ein Denkmal errichtet. Eine doppelte Sphinx läßt dort nun ihre dunklen Blicke über die Ufer der Newa schweifen, jede mit einem geteilten Antlitz: zur Hälfte zeigt es die Züge einer schönen jungen Frau, zur anderen bildet es einen nackten, zähnebleckenden Totenschädel ab. Der Bildhauer, der das Denkmal schuf – Michail Schemjakin – fand sein Motiv in einem Gedicht, das einst jeder Russe kannte: „Die Sphinx“ – so hatte 1918 in seinem berühmten Poem „Die Skythen“ der bis heute verehrte russische Dichter Alexander Blok sein Vaterland Rußland genannt.

Doch nicht nur Bürger der einstigen Sowjetunion wurden Opfer des roten Terrors. Der lange Arm der Tscheka – später GPU und zur Zeit des Zweiten Weltkriegs NKWD genannt – reichte überall hin, wo sowjetische Truppen standen. So sehen auch Deutsche – Männer, Frauen und Kinder – in Schemjakins Denkmal ein düsteres Symbol ihres Schicksals – alle die, die nach 1945 in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone von Sowjetischen Militärtribunalen verurteilt wurden.

Kaum einem wurde seine angebliche Schuld bewiesen. Der Verurteilung entging dennoch keiner, war er einmal in den Händen des NKWD. Steine, hilflose, wehrlose kleine Steine waren die Menschen ja nur im großen Schachspiel der Sowjetunion um Einfluß und Macht in Europa.

Wurde einer, wurde eine nach dem Urteil nicht nach Sibirien verschleppt, warteten auf sie das Zuchthaus Bautzen oder die alten Nazi-KZs Buchenwald und Sachsenhausen. Dort, in Sachsenhausen, wurden schließlich auch alle SMT-verurteilten Frauen gesammelt.

Nach der Gründung der DDR erschien Moskau wie Ostberlin ein sowjetischer GULag auf deutschem Boden politisch als nicht mehr tragbar. So kamen die „Gefangenen“, wie Molotow schrieb – „die Verbrecher“, wie es bei Walter Ulbricht zu lesen steht – im Februar 1950 „zur weiteren Strafverbüßung“ in den Gewahrsam der DDR. Die entwarf für sie, speziell für die SMTer, ein besonders strenges Zuchthaus-Regime in einer Reihe von Sonderstrafanstalten.

Zum Ende des Jahres 1954 wurde die DDR sodann auch zum Gerichtsherrn über die alten SMT-Verfahren. Doch von dem damit auch auf sie übergegangenen Gnadenrecht machten die deutschen Kommunisten nur zögernd Gebrauch. Noch Jahre nach 1954 hielten Ulbricht und seine Satrapen viele Gefangene in Hoheneck und Bautzen fest, obwohl diese Menschen niemals gegen Gesetze verstoßen hatten – und am allerwenigsten gegen Gesetze der DDR!

Für die etwa 1.300 SMTerinnen aus Sachsenhausen wurde in Hoheneck über Stollberg im Erzgebirge ein baufällig-altes Gemäuer neu als Zuchthaus hergerichtet. Selbst nach der sehr strengen Berechnung ihrer Verwalter boten die Häuser nicht mehr als 700 Gefangenen Platz. Dennoch wurden zeitweise dort bis zu 1.900 Menschen zusammengepfercht.

Nun sahen die Frauen nur durch schmale Fensterritzen und Gitter, wie die Blütenhoffnung des Frühlings sich in die leuchtende Fülle des Sommers verklärte, wie das bunte Herbstlaub im strahlenden Weiß des Winters erstarb. Wenigstens siebenmal, meist sogar acht- oder neun- und sogar zwölfmal wechselten ihnen so die Jahreszeiten, seit die Verhaftung sie aus dem Leben gerissen hatte. Sieben, neun oder zwölf – so viele Jahre waren sie alle streng und absolut von der Außenwelt isoliert, waren sie von den Familien, von ihren Kindern getrennt. Verlorene Jahre. Schwarze Jahre!

Aber Schwarz ist nicht nur die Farbe des Schreckens, des Verlusts und der Trauer. Schwarz trugen nicht nur Hitlers SS und die Opritschniki, die frühen Brüder der Tscheka, die Iwan dem Schrecklichen dienten. Auch die Totenkopfhusaren der Freiheitskriege kleideten sich in Schwarz, und Schwarz war für die Chinesen die Farbe der himmlischen Herrlichkeit, in die ihre Kaiser sich hüllten. Wie viele Nuancen hat Schwarz – nicht nur im übertragenen Sinne! 27 fand der Maler Nikolaus de Staël allein in den Bildern dreier berühmter klassischer Maler.1

Schwarz hebt alle Farbe auf und bewahrt sie zugleich wie das Dunkel der Nacht die Buntheit der Welt für den Morgen. Die düstere Farbe steht nicht nur für Weltverlust, wie Haft ihn gewaltsam bewirkt. Denn Unglück kann Menschen zwar brechen, setzt Wunden und lebenslang Narben. Aber es kann auch sensibel machen für anderer Not. So ist es sicher kein Zufall, dass sich später manch eine der Hoheneckerinnen in sozialer Arbeit engagierte.

Doch sie selbst – wer sieht sie – die Frauen, denen man ein Stück ihres Lebens stahl und die man so tief in ihrer menschlichen Würde verletzte? Wer gedenkt der Leiden ihrer verlassenen Kinder, oft nicht nur der Mutterliebe, sondern allen Schutzes und aller Lebenswärme beraubt, dafür von Ängsten und oft auch von materieller Not gequält! Und hätte das nicht tausend Kinder, sondern nur ein einziges betroffen – es müßte unsere Herzen rühren. Noch niemand schrieb bisher auf, was diese Kinder litten, deren Müttern heute in Moskau bescheinigt wird, dass sie seinerzeit „ohne Grund und Ursache“ und „aus politischen Motiven“ verhaftet und zu so hohen Strafen verurteilt wurden, als wolle man sie lebendig begraben.

Wer Verbrechen zum Opfer fällt, dem wird nicht nur das äußere Leben zerbrochen. Ihm geht das Bild der Welt aus den Fugen. Wer aber fügt es den Geschundenen und Gequälten wieder zusammen? Welches Licht löst aus dem Schwarz einer gnadenlosen kollektiven Verfolgung wieder die Farbe des einzelnen menschlichen Lebens heraus?

Wo anders nicht mehr zu helfen ist – Vergangenes ist niemals „gutzumachen“ – da bleibt, im vollen tröstenden Sinne, nur menschliche Anteilnahme. Doch Brücken des Verstehens brauchen zwei Pfeiler. Die heißen „Erzählen dürfen“ und „Zuhören wollen“.

Was in diesem Buche geschildert wird, läßt nur den Anfang der jahrelangen Leidenswege wieder lebendig werden – die Zeit der sowjetischen Untersuchungshaft. Es stützt sich dabei auf viele Gespräche mit ehemaligen Hoheneckerinnen und auf Aufzeichnungen, die einige Frauen für ihre Kinder machten. Vor allem aber beruht es auf etwa 130 ausführlichen Tonband-Interviews.

Auf den rund zehntausend Seiten der ausgeschriebenen Gesprächs-Protokolle sind Schrecken festhalten, die einander bis zur Austauschbarkeit gleichen. Das bekräftigt die Glaubwürdigkeit der Berichte, die aus der Erinnerung schöpfen müssen. Denn im Unterschied zu Gefangenen eines anderen totalitären Systems auf deutschem Boden waren denen der Kommunisten – wenn überhaupt – nur inhaltslose Briefe nach Hause erlaubt. An Tagebuchführen in der Haft oder andere Arten der Aufzeichnung war gar nicht zu denken.

„CHRANITJ WETSCHNO“ – Aufbewahren für alle Zeit – steht auf den Deckeln der russischen Gefangenen-Akten. Die SMTerinnen wollen das Ihre dazu tun, indem sie erzählen, wie damals die Wirklichkeit aussah. Denn das sagen die Akten nicht!

Nachtrag zur 2. Auflage:

Naturgemäß kann ein Buch wie das vorliegende nur Ausschnitte aus den stundenlangen Interviews darbieten. Da die Autorin – gelernte Historikerin – sich aber sowohl den Opfern als auch der Zeitgeschichte verpflichtet fühlt, machte sie gerne vom Angebot der Universität Leipzig Gebrauch, alle Unterlagen in die Obhut des dortigen wissenschaftlichen Archivs zu geben. Alle 130 Interviews stehen also in Leipzig in voller Länge in Wort und Ton und mit Klarnamen und genauen persönlichen Daten zur Verfügung.

1 Frans Hals, Veronese, Velázquez

1. Mütter und Kinder

Versuchen Sie, sich ein solches Erlebnis vorzustellen:

Ein strahlender Tag, ein Sonntag. Morgens beim Aufstehen denken Sie, das sei ein richtiger Geburtstags-Sonntag für Ihre Jüngste. Der zweite Geburtstag ist es, aber der erste, den das Kind bewußt erlebt und auf den es sich seit Wochen freut. Alles haben Sie schon gerichtet. Nur das Blumenkränzchen für den kleinen Blondschopf muß noch geflochten werden. Da klingelt es an Ihrer Wohnungstür. Zwei Soldaten – fremde Uniformen – umgeschnallte Pistolen.

Einer drängt in die Tür, hat den Fuß auf der Schwelle. Und ehe Sie recht begreifen, was da vor sich geht, trifft Sie schon wie ein Schlag der Befehl:

„Aufmachen!“ – „Mitkommen!“

„Ich…?-Wieso ….? – Und ….wohin… ?“

„Eine Aussage nur!“

In Ihr zögerndes, ratloses Fragen hinein:

„Eine Aussage – ich…? Wieso ich…?“ Und: „Das muß doch ein Irrtum sein… !?“

Da packt der eine Soldat schon zu. Sein brutaler Griff reißt sie fast von den Füßen, macht Sie stolpern – ins Treppenhaus, die Stufen hinunter, aus der Haustür …

„Das Kind – mein Gott! – ganz allein in der Wohnung …“

fährt es schneidend durch Ihren Sinn. Von Panik erfaßt, spannen sie alle Kraft, um sich loszureißen, holen aus und – erwachen im eigenen Bett, eine Faust ins Kissen gebohrt.

Ein Albtraum nur, und einer, den Sie in Wirklichkeit sicherlich niemals träumten.

Doch hätten Sie je so geträumt – nicht länger als ein, zwei Sekunden hätte der Nachklang von Angst und Schrecken Ihnen das Bild der vertrauten Wirklichkeit verdunkelt. Vorausgesetzt – ja, vorausgesetzt, dass Ihnen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Ihr Wohnort nicht zum Schicksal geworden wäre, wie vielen Männern und Frauen in Sachsen, in Sachsen-Anhalt, in Thüringen, Brandenburg und in Mecklenburg.

Bitterer Abschied

Dort fing damals für viele ein anderer, ein ganz realer Albtraum an, in dem das Grauen der Tage in die Träume der Nacht und wieder in die Tage hinüberschwang – in Hunderte, nein – in Tausende, Abertausende leidzerquälte Tage. Ein Albtraum, den Menschen im Westen nie träumen mußten. Renate Siebert, damals in Sachsen-Anhalt zu Hause, blieb er nicht erspart. Sie erinnert sich:

„Es war kurz nach Ostern 1948, an einem 6. April. Das Datum werde ich nie vergessen. Denn es ist der Geburtstag meiner Jüngsten. Sie wurde damals gerade zwei. Die Ältere ging seit Ostern in die Schule. Auf die Geburtstagsfeier hatten sich beide Kinder schon lange gefreut. Auch die Kleine. In dem Alter fangen sie ja langsam an zu verstehen. Gerade hatte ich ihr ein Blumenkränzchen gebunden, wie sie es sich wünschte. Genau so eines, wie ihn das kleine Mädchen auf einer Geburtstagskarte trug. Aufsetzen konnte ich’s ihr nicht mehr. ‚Dawai, dawai!‘ – Schnell, schnell, forderten die Männer mit den blauen Kragenspiegeln des NKWD. Und schon fiel die Wohnungstür hinter mir zu.“

Jahrelang ließ die Erinnerung an die verschreckten Gesichter ihrer beiden kleinen Mädchen die Gefangene im Schlafen und im Wachen nicht los. Doch aus diesem Schmerz, aus der Sorge um ihre Kinder erwuchs ihr auch immer wieder die Kraft, allen Leiden und Nöten zum Trotz die Haftjahre durchzuhalten.

In der Sprache der Akten braucht’s nie viele Worte, um ein Schicksal zu fassen. Knappe zehn Zeilen genügen für das der Renate Siebert:

-Geboren 1914, verheiratet, Hausfrau, zwei Kinder (1942 und 1946).

-Verhaftet am 6. April 1948 in Halle/Saale

„wegen Sammeln von Spionage-Informationen betreffs der Sowjetarmee und der Wirtschaft und Politik in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands“.

-Verurteilt dafür am 4. September 1948 zu fünfundzwanzig Jahren Straf- und Arbeitslager.

-„Gnadenhalber“ nach acht Jahren am 31. Juli 1956 vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen.

-Am 18. Oktober 1994 in Moskau rehabilitiert

als „zu Unrecht“ verurteilt und eingesperrt. Denn – so die russische Militärgeneralstaatsanwaltschaft heute:

„(…) Die Akten enthalten keinerlei Beweismittel über (…) eine Spionagetätigkeit oder andere verbrecherische Handlungen zum Schaden der UdSSR (…)“

Wie soll man beschreiben, was es heißt, als Opfer politischer Willkür acht Jahre in Sachsenhausen und Hoheneck am Rande des Hungers zu vegetieren? Von der Familie – ja, von Welt und Leben überhaupt so total getrennt und isoliert, wie nicht einmal die Nazi-KZs es kannten! Wie lebte es sich in solcher Verlassenheit unter dem ständigen Druck eines Urteils, das mit seinen fünfundzwanzig Jahren doch auf ein Lebenslänglich hinauslief? Die Antwort auf solche Fragen steht in keiner Akte verzeichnet! Sie wäre auch nicht in einige knappe Zeilen zu fassen – so wenig, wie das Leben „danach“. Was hielt es für Irene Siebert bereit?

Sie stand vor dem Nichts wie fast alle ihre entlassenen Kameradinnen und Kameraden. Der Kreis, der ihr Leben ausgemacht hatte, die Familie, war zerbrochen. Ihr Mann hatte längst eine neue Ehe geschlossen. Die Kinder kannten die Mutter nicht mehr. Ihre einzige Schwester war ohne sie zu Grabe getragen worden. So kam zu der äußeren materiellen Not die innere einer unsäglichen Einsamkeit. Es war keiner mehr da, der sie liebevoll in die Arme geschlossen hätte.

Wenn sie jetzt, als alte Frau, auf ihr Leben zurückblickt, sind es nicht die bis heute reichenden Folgen der materiellen Verluste von damals, die sie bekümmern. Noch immer stehen die Kinder im Mittelpunkt ihrer Gedanken:

„Es kam alles ganz anders, als ich’s mir erträumte. – Der Frau, die meinen Mann geheiratet hatte, trage ich dabei nichts nach. Wäre es nicht die, dann wäre es eine andere gewesen. Sie hat mir einen sehr anständigen Brief geschrieben, als ich entlassen worden bin: Sie hätte meinen Mann nur geheiratet der Kinder wegen. – Mag sein, dass es stimmte.

Das Tragischste ist, wie die Kinder seelisch gelitten haben. Am meisten meine Älteste. Das ist spürbar bis auf den heutigen Tag, da sie selber bald 50 wird. Als ich abgeholt wurde, war sie sechs. Ich stelle sie mir immer vor, in den Jahren, wo ich weg war: wie ein schwaches, schwankendes Schilfrohr im Wind, das gebeugt und gebeutelt wird und nicht weiß, wohin sich zu wenden. Besonders, nachdem meine Schwester verstorben war. An ihr hingen die Kinder. Sie war immer wie eine zweite Mutter für sie gewesen.

Die Kleinere, an deren zweitem Geburtstag ich verhaftet wurde – mit der habe ich überhaupt niemals wieder richtig Kontakt gekriegt, als beide Kinder nach meiner Rückkehr schließlich doch zu mir kamen. So, als wäre sie gar nicht mein Kind, so entfremdet ist sie mir geblieben.

Natürlich – beide, heute erwachsen und gut erzogen, benehmen sich immer freundlich und lieb. Wenn einer sie jetzt anriefe, sagte, ihrer Mutter sei etwas zugestoßen und sie brauche Hilfe, dann würden sie natürlich kommen. Alle beide. Sofort. Aber dieses Innige, Warme zwischen Mutter und Kindern, das ist leider niemals wieder aufgekommen. Bis heute nicht. Beide wollen auch nichts hören von früher, wollen gar nichts hören. Dieses Schweigen drückt mir auf die Seele. Den bittersten Teil meines Lebens verschweigen zu müssen, als wäre es meine Schande – das ist es wohl auch, was die große Fremdheit zwischen mir und den Kindern macht.“

Zwei kleine Kinder, etwa im gleichen Alter, ließ auch Renate Kunze zurück, als die damals 35-jährige Hausfrau im Februar 1946 dem NKWD in die Hände fiel. Frau Kunze war erst gegen Ende des Krieges aus Wilhelmshaven nach Mitteldeutschland gezogen. Den englischen und amerikanischen Fliegerbomben war sie damit entronnen. Dass die Zukunft für die Mitte Deutschlands Schlimmeres bereithielt als nächtliche Fliegeralarme, das konnte wohl keiner damals ahnen.

So erinnert Irene sich heute:

„In Wilhelmshaven fielen damals, 1944, so viele Bomben; jede Nacht! Und ich war schwanger, erwartete mein zweites Kind. Wie viele andere Frauen mit kleinen Kindern wurde auch ich deshalb in ein ruhigeres Gebiet ‚evakuiert‘. Mit meiner damals vierjährigen Tochter landete ich in Mitteldeutschland, in Suhl in Thüringen. ‚Das wird amerikanisch besetzt werden’, sagte mein Mann noch, als er nach seinem letzten Urlaub wieder an die Front ging. ‚Da kannst du ruhig hinziehen, da passiert dir nichts!’ Er sah wohl damals schon, wie alles enden würde.

Ich habe mir solche Gedanken nicht gemacht. Ich bin ja eine große Träumerin und war glücklich verliebt, verheiratet, eine selige Mutter – und sonst gar nichts! Alles andere interessierte mich nicht. Ich war nur Mutter, nur Mutter und hatte nur meine Kinder im Sinn!

Noch in den letzten Tagen des Krieges ist mein Mann dann gefallen. Auf den 31. März 1945 lautete der Totenschein.“

Kurz darauf ziehen wirklich – wie ihr Mann es vorausgesagt hatte – in Suhl amerikanische Truppen ein. Doch die kümmern sich nicht um die zugereiste junge Familie. Warum auch? Irene Kunze hatte sich niemals öffentlich betätigt, und sie tat es auch jetzt nicht. Sich mit zwei kleinen Kinder überhaupt über Wasser zu halten, war für eine Ortsfremde schwer genug. Nahezu jeder hungerte damals ja und fror.

Am 1. Juli 1945 lösen – Vereinbarungen der Alliierten entsprechend – sowjetische Truppen die Amerikaner ab. Irene spürt von dem Wechsel wenig – vorerst!

„Eines Tages waren die Amis weg. Und plötzlich kamen – na, ich dachte, da kommen so ein paar zerlumpte deutsche Heimkehrer von der Front. Doch das waren die russischen Soldaten! Die sahen ja zum Fürchten aus zu Anfang!

Von den Amis hatten die offenbar Jeeps geklaut, damit rasten sie im Wald herum. Ich wohnte direkt am Wald, und so erlebte ich das aus nächster Nähe mit. Wenn das Benzin alle war, dann ließen sie den Jeep einfach stehen. Die wußten wohl überhaupt nicht, dass da Sprit reingehörte. Die wußten nur, wie die Dinger anzudrehen waren. Ach, es waren ja verdreckte und zerlumpte Kinder, richtige große Kinder – also wirklich.

Man hätte sich vor ihnen fürchten können, weil sie doch Waffen hatten. Aber wir sind nicht vergewaltigt worden. Der Kommandant hat allen Deutschen gesagt, die Frauen sollten sich Pfeffer ans Bett stellen oder in die Tasche stecken und das benutzen, wenn ein Russe sie anfallen würde. Oder eine Flasche Tinte ans Bett. Wenn einer eine Flasche Tinte über die Uniform bekommen hat, dann könnten sie ihn als Übeltäter erkennen. Sich an Frauen heranzumachen war den Soldaten überhaupt streng verboten! Sie durften uns nicht nur nicht anrühren, sondern nicht mal mit uns reden! Die hatten wohl Angst, dass wir sie beeinflussen könnten.“

Die Ruhe, in der die junge Witwe mit ihren Kindern lebte, war trügerisch. Im Februar 1946 – mitten in der Nacht – läutet es plötzlich Sturm an Frau Kunzes Tür. Als sie aufgeregt öffnet, drängt eine Gruppe von Uniformierten in ihren schmalen Wohnungsflur. Von dem Lärm erwachen die Kinder. Sie beginnen zu weinen.

„Sie kamen mit sechs Mann. – Eine Frau darunter zwar, aber das nachts um zwei! Angeblich ging es um meinen gefallenen Mann, der Offizier gewesen war. Er wurde plötzlich gesucht, obwohl sein Tod doch ordnungsgemäß bei allen Behörden registriert war. Ich sage, mein Mann ist gefallen, und habe die Gefallenenmeldung vorgezeigt. Da haben sie erst so ein bißchen Russisch vor sich hingeredet. Und dann haben sie gesagt, ich möchte doch so freundlich sein und mitkommen und ihnen auf der Kommandantur unterschreiben, dass mein Mann gefallen ist. – Nachts um zwei holen die mich dazu aus dem Bett, damit ich unterschreibe, dass mein Mann gefallen ist!“

Auch Irene Kunzes Erinnerung bewahrt bis heute ein schmerzvolles Bild jener Nacht: Wie ihr kleines Mädchen sich ängstlich in ihre Arme schmiegt, der Zweijährige aus seinem Gitterbettchen die kleinen Händchen nach ihr streckt. Aber ‚Dawai, dawai!’ ‚Schnell fort, schnell fort!’ Die Kinder beruhigen? Daran ist gar nicht zu denken. Man läßt Frau Kunze kaum Zeit, sich anzukleiden. Als die Tür hinter ihr ins Schloß fällt, tönt das ängstliche Rufen und Weinen der Kleinen hinter ihr her. Acht Jahre lang gellte ihr das in den Ohren nach – eine Mutter, gezwungen, stumm davonzugehen, als fechte die Not ihrer Kinder sie überhaupt nicht an… Acht Jahre lang – denn erst 1954 wird sie wieder nach Hause kommen.

Besonders quält sie der Gedanke, dass sie keinen weiß, der sich um die beiden kümmern könnte. In Suhl gibt es weder nähere Bekannte noch Verwandte. Und von der Familie in Wilhelmshaven trennt damals, Anfang 1946, unerbittlich die Zonengrenze. Als Irene in den Vernehmungen darüber klagte,

„dass ich doch in Suhl keinen Menschen kannte, der sich um die Kinder hätte kümmern können, da hieß es nur: ‚Die Kinder sind in Moskau und werden dort zu Sowjetbürgern erzogen.’ – Vier Jahre haben die Russen mich in diesem Glauben gelassen! Ich habe darüber bald den Verstand verloren, dass meine Kinder auf Nimmerwiedersehen in der Sowjetunion verschwunden sein sollten!“

Einzelfall oder Methode? Eine anderes Opfer: Helga Söntgen. Und eine andere Szene:

„Dann waren nur Nachtverhöre. Nachts – in der Stille – hörtest du jeden Tritt! Die Schritte – sie kamen immer näher, immer näher. Und da wußtest du: Jetzt, jetzt schließen sie gleich bei dir auf. Jetzt kommst du raus. Dann waren die Vernehmungen – sie waren immer bei Scheinwerferlicht. Und das – wie grausam das war, kann ich keinem beschreiben … !

Mein schlimmstes Erlebnis war, da ließen sie ein Kind nebenan schreien. Es war bestimmt – das sage ich mir heute – es war bestimmt ein Russenkind. Jedenfalls sagten sie, es wäre mein Kind, das ginge jetzt auf Rußland-Transport. Eine Mutter, die Spionin ist, die braucht kein Kind, sagten sie. Das Kind ginge nach Rußland.

Ich habe das damals geglaubt, ich war wie … ach, … wenn ich eine Möglichkeit gehabt hätte, also – da hätte ich Schluß gemacht! Denn wenn man sein Kind schreien hört und man kann nicht hin …! Dass es vielleicht doch nicht das eigene Baby ist, das erkennt man dann ja nicht! Den Ton – durch die Zellentüren durch …! Es war schon grausam. Ich gönne das meinem ärgsten Feind nicht!“

Schon die Verhaftung der jungen Frau war schockierend genug gewesen. Helga Söntgen bleibt noch heute die Stimme im Halse stecken, wenn sie schildert, wie man sie abgeholt hat.

„Ich war gerade anderthalb Jahre verheiratet, mein Junge war neun Monate alt, als es eines Tages an der Tür klopft und klingelt. Ein Deutscher steht da: ‚Für Sie ist ein Einschreibebrief auf der Post. Den müssen Sie abholen. Kommen Sie gleich mit. ‘

Ich gehe runter mit ihm. Da steht unten ein zweiter Mann. Wir gehen ans Auto – ein Auto wartet da, ein Zivilauto. Plötzlich kriege ich einen Sack über den Kopf, ins Auto rein – und weg war ich …“

Bis sie schließlich – 1951, nach der Verurteilung – den Deutschen übergeben wurde, verbrachte Frau Söntgen ein Jahr in russischer Untersuchungshaft. Mehr will sie darüber nicht sagen. Nur diese Begründung noch:

„Das mußt du verstehen. Wir hatten ja nur nachts Verhöre. Und da kommst du raus aus der Zelle, kommst du runter in den Gang da lang – und dann siehst du, dass Blut da aus der Zelle rausfließt!

Das sind alles so Sachen, die du nie vergißt. Nein, ich möchte das gar nicht mehr alles auffrischen, nicht mehr darüber reden!“

Im Frühjahr 1950 also noch immer und immer wieder ganz einfach „Sack über’n Kopf“! Und Vernehmungen, bei denen Menschenblut floß. Denn mit den gleichen Methoden war es schon 1947 zugegangen. Sack über den Kopf – so war mit einer Gruppe junger Frauen und Männer auch Inge Haller abgeholt worden. Und auch ihr weinten zwei kleine Kinder jämmerlich nach.

„Die deutsche Kriminalpolizei hat uns nach Wernigerode gebracht, ins GPU-Gefängnis. Von dort mit verbundenen Augen, die Hände mit Stricken gefesselt, auf einen LKW. Und auf dem LKW Säcke über den Kopf gestülpt, damit wir nichts sahen. Wir haben gedacht, wir werden jetzt irgendwo in den Wald gebracht und erschossen. Aber die Säcke waren kaputt, da haben wir dann auf dem Wagen doch mitgekriegt, dass die uns nach Halle fuhren, in den Roten Ochsen – so als Säcke. Wir wurden so hingestellt, dass keiner sah, dass da Menschen drin waren.“

Als erzähle sie einen Krimi, den sie jüngst gesehen oder gelesen hat, so ruhig berichtet Inge Haller heute über diese Stunden der Todesangst.

Dass sie vor ein Sowjetisches Militärgericht gestellt werden würde, ahnte sie damals nicht. Zwar gehörte es längst zum Alltag, dass immer wieder Menschen verschwanden – spurlos, völlig und absolut spurlos! Das wußte jeder. Doch was mit diesen Menschen geschah, das lag völlig im Dunklen. Es machte die Angst noch größer – eine Angst, die keinem fremd war, der damals ‚drüben‘ lebte.

Tatsächlich wartete auf alle Verhafteten eine brutale ‚Untersuchungshaft’, danach harte Urteile der Sowjetischen Militär-Tribunale. Das konnte Todesstrafe bedeuten. Viele Jahre Gefängnis und Zuchthaus waren es in jedem Falle. Vielleicht bedeutete es auch Transport nach Sibirien, Zwangsarbeit in den Bergwerken dort oder riesige Bäume fällen in den Wäldern der Taiga.

Auch für Helga Söntgen lautete der Spruch auf fünfundzwanzig Jahre „Arbeitsbesserungslager“, wie das schöngefärbt hieß. Für Spionage. Nun gilt Spionage überall auf der Welt als verfolgungswürdige Straftat. Spione werden in allen Ländern gejagt. Hätte die junge Frau da nicht lieber rechtzeitig an ihre Mutterpflicht denken sollen, ehe sie …? Aber was hatte sie denn getan?

„Ja – mein ‚Fall‘? – Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Neiße unsere Grenze zu Polen geworden und damals, 1950, hatte die Regierung in Warschau sie doch total dicht gemacht. Wer jetzt noch aus Polen raus wollte, mußte es heimlich versuchen, nachts durch den Fluß.

Immer wieder kamen welche durch die Neiße, Deutsche natürlich, die nicht Polen werden wollten. Solche habe ich aufgenommen, das war mein ‚Spionageverdacht‘. Denn da hätten ja können Spione dabei sein, sagten die STASI und die Russen. Aber … wenn einer hinfällt, dann hilfst du ihm doch auch aufstehen ? Und wenn einer naß durch die Neiße kommt und du hast dein Heim, dann hilfst du demjenigen doch!?“

Aus der Gruppe der einander fremden Flüchtlinge, denen Frau Söntgen für eine Nacht ein trockenes Obdach gegeben hatte, wurde in den Papieren von STASI und NKWD eine veritable Spionage-Organisation. Die Menschen waren bei einer Personenkontrolle weiter drin im Land ohne gültige DDR-Ausweise betroffen worden. Ihren Wunsch, unter Deutschen in Deutschland zu leben, bezahlten sie nun mit einer langen Freiheitsstrafe als Spione und Agenten.

Nach sechs Jahren kehrte Helga heim, mittellos und gesundheitlich aufs Tiefste erschöpft. Doch schon lange wartete auf sie kein Zuhause mehr, um sie aufzunehmen. Den Mann, den sie liebte, hatte sie für immer verloren, und ihr Kind sagte ‚Vater‘ und ‚Mutter‘ zu fremden Leuten.

Irene Kunze hatten die Jahre tiefster Sorge um das Ergehen der Kinder zum Glauben der eigenen Kinderzeit zurückgeführt. Wohl war sie unter Diakonissen aufgewachsen.

„Aber Diakonissen sind auch nicht immer fromm und lieb, sondern oft sehr hart. Vor allem bedenken sie oft nicht, dass Kinder feine, empfindliche Seelen haben. Deshalb mochte ich die alle nicht, die mich erzogen haben, und war gern bereit, die Kirche zu verlassen, als mein Mann mir das vorschlug.

Heute? Heute meine ich, das Wenigste, was wir tun können, ist, uns zu Gott zu bekennen. Auch wenn ich – ich meine, ich gehe niemals zur Kirche, schon früher nicht. Denn ich bin ein Ostfriese. Ehe wir den Mund aufkriegen, ist der Pfarrer fertig mit seiner Predigt. Ich bin außerdem ein Einzelgänger.“

Nicht schnell mit den Worten zur Hand sein, das ist eine Sache, sich in schweigender Demut zu üben eine andere. Doch Irenes ergebenes Dulden hatte einen gewichtigen Grund:

„Einmal, in der Haft, hat mir Irms Thormann, die ich sehr mochte, gesagt: ‚Irenchen, du bist mir manchmal schon zu sanft. So … so untergeben darf man nicht sein!‘ Und ich habe ihr nicht geantwortet. Ich hätte es vielleicht sagen sollen: Wenn du deine Kinder so weggenommen kriegst und vier Jahre nicht weißt, wo sie denn nun sind … Ja, dann sitzt du da, nicht, und betest nicht mehr für dich, sondern nur noch für deine Kinder – seit Bautzen habe ich wieder gebetet, seitdem ich dort das mit Mutti Hessmann miterlebt habe …“

Es war in Bautzen gewesen, 1946, oben im großen Saal in Haus Zwei, in dem damals die Frauen lagen. Da lernte Irene Kunze Frau Hessmann kennen und freundete sich sehr mit ihr an. Denn beide trugen als Mütter das gleiche Leid. Muttchen Hessmann, wie alle sie nannten, stammte aus Siebenbürgen.

„Die Hessmanns waren schon auf der Flucht nach Deutschland gewesen, als die Front sie überrollte. Die Russen verhafteten sie, schmissen den Mann auf einen Lastwagen, sie auf einen anderen. Damit keiner flüchten konnte, saßen obendrauf auf den Gefangenen die Soldaten mit ihren groben Stiefeln. Wo Hessmanns Sohn geblieben war? Der kleine Junge war verschwunden. Nun verzehrte Muttchen Hessmann sich nach ihrem einzigen Kind.

Die Siebenbürgerin war fromm katholisch. Einmal sagte sie mir: ‚Frau Kunze, ich bitte jeden Abend die Gottesmutter, dass sie mir ein Zeichen schickt!’

Wir haben natürlich gelächelt und genickt, und auf meinem Bett habe ich gedacht, na, also … da ist auch die Gottesmutter überfordert. Wie soll sie in diesen Käfig eine Nachricht bringen?

Eines Tages kommt eine Neueinlieferung. Wir waren noch nicht so viele, paßten alle noch in den einen Saal. Immer, wenn eine Neue kam, stellten wir uns im Kreis um sie herum, und die Neue ging dann von einer zur anderen und schüttelte Hand um Hand. So auch diesmal. Mutti Hessmann stand wie immer neben mir und sagt ihren Namen: Hessmann, Anni Hessmann. Die Neue will schon weiter, streckt schon mir die Hand entgegen, da stockt sie plötzlich und sagt: ‚Wie heißen Sie? Hessmann? Kommen Sie aus Siebenbürgen?’ Ja. Und dann erzählt die Neue, dass sie durch Wien getrieben worden sind, von den Russen eingefangen – ja, durchgetrieben so in Fünfer-Reihen. Und da ist ein Wiener Sängerknabe rumgelaufen – in diesem Anzug, den die trugen – und ist immer neben den Frauen hergelaufen, hat gerufen, ‚Ich bin … ich heiße Wolfi Hessmann. Und wenn Sie meine Mutter sehen, sagen Sie ihr, dass ich lebe!’

Da … also Mutti Hessmann fiel gleich in Ohnmacht. Und ich bin auf mein Bett gegangen, habe gedacht, wenn es IHN aber doch gibt … !?

Das war erschütternd. Ja, erschütternd ist es für mich selbst heute noch, dass mir die Tränen kommen, wenn ich davon erzähle! Denn es war so unwahrscheinlich, was da geschah – unter lauter armen Plennies. Ein Gotteswunder, ein wirkliches, nicht? Denn die Fremde wußte ja nicht, die stutzte, stotterte nun … Ein Wunder war es ja schon, dass sie den Namen des Jungen überhaupt richtig verstanden und ihn nicht vergessen hatte!

Um Mutti Hessmann in ihrer Ohnmacht haben sich die anderen gekümmert. Ich bin von meiner Matratze lange nicht heruntergekommen, da oben, auf der zweiten Lage, wo ich schlief.

Wie die Neue das gesagt hat, habe ich immer wieder gedacht: Wenn es IHN aber doch gibt? Und ich habe angefangen, mein ganzes Leben zu überdenken. Wenn es IHN aber doch gibt? Die Frau hat Hilfe gekriegt, nun will ich mal für meine Kinder beten. Und dann – ich war ja religiös erzogen. Ich kannte ja den Satz von den Sünden der Väter, die auf die Kinder kommen. Ich dachte, was habe ich schon groß getan, aber wenn ich schuldlos mit schuldig geworden bin, mein Mann vielleicht schuldig gewesen ist und ich eben, weil ich ihn so blind liebte, mitschuldig, dann, lieber Gott, habe ich gebetet, dann will ich ja alles auf mich nehmen. Aber bitte, verschone die Kinder! Ich will alles ertragen, alles machen, ohne zu klagen! Aber hilf den Kindern. Und das hat er ja auch getan. Die waren ja zu Hause, nicht?

Ich bin ein sehr gläubiger Mensch geworden – aber ich hätte in der Haft nie mit jemandem darüber gesprochen!“

Vier Jahre, vier lange Jahre der Angst und der Not hatte Irene ausharren müssen, bis sie 19502 – im ersten Brief von zu Hause – endlich Gewißheit erhielt: ihre Kinder waren vor russischem Zugriff gerettet worden. Die Nachricht erschien ihr wie eine Gebetserhörung.

„Es war doch ganz kurz vor Hilles sechstem Geburtstag gewesen, als sie mich verhaftet hatten. Zu diesem Geburtstag hatte meine Schwester es geschafft, ein Päckchen über die Grenze zu schicken. So erfuhr meine Putzhilfe, wo die Großeltern wohnten. Sie schrieb nach Wilhelmshaven, dass ich nachts geholt worden war und dass sie die Kinder abholen sollte. Das hat meine Schwester auch unverzüglich getan, kurz, ehe die Russen nach den Kindern fragten.“

Der Florian

Weshalb war Irene Kunze nun eigentlich „abgeholt“ worden, wie man damals landläufig sagte? Eines Tages hatte eine flüchtige Bekannte sie angesprochen: Sie habe doch noch von ihrem gefallenen Mann Zivilanzüge im Schrank. Ob sie damit nicht einem helfen könne, der kein Zuhause mehr habe?

„‚Wir haben da so einen Ritterkreuzträger’, sagte die Frau, ‚der lag mit seiner kaputten Uniform im Wald, den mußten wir fast nackt ausziehen, der braucht Anzüge!’ Und so gab ich der Frau dann die gesamte zivile Kleidung meines Mannes mit. Denn was sollte ich noch damit? Ja. Und so kam ich an den Florian. Unter diesem Namen hat er sich vorgestellt, und so haben wir ihn auch genannt, Florian Sowieso. Den Nachnamen habe ich schon lange vergessen. Ritterkreuzträger – ob er das war, weiß ich wirklich nicht. Spielte ja auch keine Rolle. Denn wer hilft nicht einem Menschen in Not?“

Ein solcher Fall und eine solche Bitte waren damals in der Tat nichts Ungewöhnliches. Vielen Menschen war Haus und Heim im Bombenhagel untergegangen. Wer aus den verlorenen Gebieten im Osten und Süden Deutschlands stammte, konnte ja gar nicht mehr nach Hause. Auch dass dieser Florian anfing, Irene zu besuchen, schien unverfänglich. Ob es das wirklich war, darüber denkt sie heute noch manchmal nach:

„Vor allem an ein Erlebnis erinnere ich mich sehr deutlich. Es wurde damals doch immer nur vorübergehend geheizt. Ich hatte den Küchenherd angemacht, um zu kochen, als der Florian kam. ‚Hu‘, sagte er, ‚ist es kalt!‘ Es war ja auch kalt, es war eisiger Januar. Ja, sagte ich, auch der Herd geht gleich aus. Da nahm er einen Küchenstuhl, stellte den auf den Herd und setzte sich drauf. Das machte mich stutzig – irgendwie kam es mir seltsam vor. So östlich – wie bei den Russen. Aber als mir das richtig zum Bewußtsein kam – später, in der Zelle erst, als ich viel Zeit zum Grübeln hatte – da war es zu spät.

An den Ritterkreuzträger – nein, daran habe ich schon damals nicht geglaubt. Aber ob der Florian nicht ein Spitzel war?“

Durch Florian hatte Frau Kunze auch zwei andere junge Frauen kennengelernt, Ursel Liebner und Hanna Schumann, die sich dann mit ihr zusammen vor dem sowjetischen Kriegsgericht wiederfanden:

„Ursels Eltern hatten ein Lokal, eine altdeutsche Gaststube mit einem kleinen Hotel dabei. Hanna und ihre Eltern wohnten damals dort. Hanna half in der Küche aus, wo auch für Russen gekocht werden mußte. Ursel hatte während des Krieges in Frankreich studiert. Sie war gerade erst nach Hause zurückgekommen.

Die beiden jungen Frauen waren befreundet. Und Florian – ja, irgend jemand hatte ihn auch zu Ursels Eltern gebracht. Die hatten ihn aufgenommen und er kriegte da auch was zu essen. So kamen wir alle an ihn, und über ihn wurden wir auch miteinander bekannt. Denn einmal, als die beiden Mädchen ihn suchten, fiel ihnen ein, er hätte meine Adresse genannt. So kamen sie bei mir an, Ursel mit einem Hund, einem Riesenschnauzer so groß wie ein Kalb.

Die beiden fanden es so gemütlich bei mir, dass sie immer wieder kamen und mit den Kindern spielten. Die waren ja wirklich goldig damals, im süßen Alter von zwei und fünf.“

Auch Ursel Liebner und Hanna Schumann, für die Florian zum Schicksal geworden ist, begannen nach ihrer Verhaftung an seiner Identität zu zweifeln. Hanna Schumann heute:

„Es war Silvester 1945. Da kam ein angeblicher Offizier, Ritterkreuzträger, wie er sich ausgab, aus Beuthen in Schlesien. Uns hat er erzählt, er hätte der Irene Kunze eine Nachricht ihres gefallenen Mannes gebracht. Er brachte zwei junge Frauen mit, Thekla Sommer und Erni Kaiser, die inzwischen verstorben ist. Auch Ursel Liebner lebt übrigens heute nicht mehr. Beiden Frauen hatte der Mann, der sich mit Vornamen Florian nannte, versprochen, sie in den Westen zu bringen. Doch vorerst waren alle drei in Suhl gelandet. Sie wohnten in Liebners Fremdenzimmern und aßen in der Gaststube unten. Liebners fütterten alle drei mit durch.

Am Silvesterabend saßen wir Hausbewohner alle im Gastzimmer beisammen. Da sagte dieser bewußte Offizier, es würde nun alles wieder gut werden. Der Russe werde wieder rausziehen. Und wir würden wieder frei werden. Wenn wir mit dem Westen gingen, würde uns nichts passieren. Ja, das hat er so erzählt. Aber was sollten wir schon dazu sagen? Von irgend etwas Politischem war sonst gar nicht die Rede.“

Bei einer Routine-Razzia gegen Jahresende 1945 hatten russische Soldaten auch das Lokal und die Fremdenzimmer durchkämmt. Einer hatte dabei an Hanna Schumanns Armbanduhr zu viel Gefallen gefunden und sie eingesteckt.

„Ja, da hatte also einer meine Uhr mitgenommen. Und jetzt, bald nach dem Sylvesterabend, erscheinen eine Russin und zwei Russen mit Revolvern bei uns. Ursel Liebner hatten sie schon im Hause erwischt und holten nun auch mich aus der Wohnung raus. ‚Anziehen! Kurz mitkommen zur Kommandantur!’ Ich denke, das ist wegen meiner Uhr. Und die Liebners und meine Eltern waren ganz erstaunt, sagten: ‚Was ist denn los da im Hausflur?’

Diese Russin nahm eine Mappe mit all meinen Zeugnissen und Schuldokumenten mit. Wir wurden gar nicht gefragt. Und dann haben sie bei Liebners ausgeräumt! Alles mögliche, was die so an Wertgegenständen hatten.

Wir sollten mit zur Kommandantur. Und kommen runter, da steht schon ein Auto, ein größerer Wagen, und wir zwei da rein. Und wie wir auf den Gefängnishof kommen, in Suhl, da steht dort – im Gefängnishof – schon alles voller Menschen. Der Hund von Liebners ist dem Wagen nachgelaufen bis zum Gefängnis. Das hat man uns hinterher erzählt, als wir nach vielen Jahren nach Hause kamen. Der Hund ist noch tagelang von der Wohnung zum Gefängnis gelaufen und hat uns gesucht.

Ja, dann waren wir also weg, Irene Kunze, Erni Kaiser, Ursel Liebner, Thekla Sommer und ich auch. Auch die junge Hedda Böhler gehörte dazu, eine 16-Jährige, deren Großvater der älteste Kommunist unseres Ortes war. Selbst da haben sie nicht Halt gemacht. Nur der Mann, der sogenannte Florian, der war weg.

Wir wurden nach Schmalkalden geschafft. Dort landeten wir in einem Keller. Vier Wochen weiter wurden wir nach Weimar gebracht. Da war das große Tribunal – und wir waren plötzlich eine illegale Organisation. Dabei war nichts gewesen, als dass wir am Silvesterabend im Lokal zusammengesessen hatten, und der sagte ‚Nun wird alles wieder gut’. Pro-westlich eben. Das war es. Aber wir haben uns nie zusammengetan. Es hat nie eine Zusammenkunft gegeben – nur den einen einzigen Abend am Silvestertag.“

Zwei Frauen – zwei Seiten einer Alltagsgeschichte jener Zeit, so banal wie nur irgend eine. Vor dem Tribunal hörte sich alles plötzlich ganz anders an. Frau Kunze fand sich wieder als Haupt einer Verschwörung – als „Eckmann“, wie sie selbst es beschreibt, zu der sich dreizehn junge Frauen und Mädchen zusammengefunden haben sollten. Manche, wie Hedda Böhler, waren kaum dem Kindesalter entwachsen. Nur sieben stammten aus Suhl, und die meisten sahen sich vor dem Tisch des Tribunals zum allerersten Male. Der angebliche Frontsoldat, dem alle Familien geholfen hatten, war nicht dabei. Und so verstärkte sich der Verdacht, dass er ein Spitzel des NKWD gewesen war. Manche Deutsche verdienten sich seinerzeit in der Sowjetischen Besatzungszone auf solche Weise eigene Straffreiheit für politische Verstrickungen – oder auch nur ein Stück Speck zum trockenen Brot. 3.083 Deutsche zählte, wie man heute weiß, das Spitzelnetz des NKWD schon im Frühjahr 1946. Dazu über 100 Russen und Polen, die schon Anfang 1945 geworben worden waren.

Mehr als 3.000 Spitzel gegen weniger als 17 Millionen Menschen – das war ungeheuer viel, wenn man es mit der Zahl der Denunzianten vergleicht, die in der Nazizeit für die GESTAPO tätig waren: es waren 3.000 bis höchstens 5.000 Personen gegen rund 80 Millionen gewesen. Die STASI in der späteren DDR sollte es gegen 16 Millionen Bürger sogar auf 173.000 ‚inoffizielle Mitarbeiter’ bringen. Ein absoluter Rekord!

Doch zurück zu Irene Kunze. Sie hatte angeblich auch noch einem amerikanischen Freikorps angehört und 150 Russen umgebracht. Dabei hatte sie weder mit einem Amerikaner noch mit einem Russen je auch nur ein Wort gewechselt. In ihrer Hohenecker Gefangenenkarte ist auch nur eine „Mitgliedschaft in faschistischer Untergrundorganisation“ vermerkt.

Irene war nicht die einzige SMTerin, der in den Vernehmungen ein solcher Massenmord angelastet wurde, ohne dass er später als Grund der Verurteilung in den Akten erschien. Ein „amerikanisches Freikorps“ gab es natürlich auch nur in der Phantasie der Vernehmer. Die Anklage machte also nicht allzuviel Sinn. Aber kam es vor sowjetischen Gerichten je darauf an? Irene Kunze:

„Mein Vernehmungsoffizier hat gewußt, dass das alles nicht stimmen kann. Natürlich hat der das gewußt. Aber die kriegten ihre Urteile doch immer fertig – gleich mit Begründung. Das war doch alles schon vorher fertig, haben sie mir jedenfalls von allen Seiten gesagt …“

Der ganze Fall also nichts als eine Provokation, der Phantasie des NKWD entsprungen? Was der russische Historiker Michail Semirjaga inzwischen dazu veröffentlicht hat, legt eine solche Vermutung nahe. Semirjaga war seinerzeit Mitarbeiter der Sowjetischen Militär-Administration in Karlshorst. Über die Lage dort am Ende des Jahres 1945 hält er fest:

„Es häuften sich Fälle von terroristischen Aktionen (…). So wurde es jedenfalls in einem der Rapporte der Führung der Inneren Truppen des NKWD in Deutschland behauptet.

Derartige Ereignisse können in Einzelfällen durchaus vorgekommen sein. Aber sie stellten (…) keine ernsthafte Bedrohung dar. Jedenfalls haben weder ich noch meine Kollegen jemals von solchen Vorfällen gehört. Schon wenige Wochen nach Abschluß der Kampfhandlungen trugen wir keine persönlichen Waffen mehr und fühlten uns völlig sicher. (…)

Aber die Erkenntnis, dass in der Besatzungszone eine im großen und ganzen entspannte Lage herrschte, entsprach nicht den Intentionen General Serows und seiner Untergebenen, die nach einiger Zeit wieder begannen, Alarm zu schlagen. So wurde im Dezember vermerkt, dass (…) ‚eine gravierende Aktivierung der anglo-amerikanischen Aufklärung vor sich ging’.“

General I.A. Serow war als Stellvertreter des obersten NKWD-Chefs Berija in Moskau Chef des NKWD in Deutschland – in der Sowjetischen Besatzungszone. Ihm lag daran – auch das spricht Michail Semirjaga deutlich aus –

„zu demonstrieren, wie wichtig und notwendig es sei, in der sowjetischen Zone über starke Kräfte des NKWD/ Innenministeriums zu verfügen.“

Und so scheute der NKWD kein Mittel, Belege für seine Unentbehrlichkeit und für die Wirksamkeit seiner Tätigkeit beizubringen.

Eine „erhöhte anglo-amerikanische Aufklärungstätigkeit“ also wollten diese Organe um die Jahreswende 1945/46 festgestellt haben. Um die gleiche Zeit, im April 1947, tauchten auch in der Presse der SBZ Schwindelmeldungen über „englische Freikorps“ auf – so seinerzeit im privaten Tagebuch eines Journalisten festgehalten. Kann man es danach noch als Zufall betrachten, dass die Hausfrau Irene beschuldigt wurde, mit den Engländern zu konspirieren?

Am Vollzug der Todesstrafe, die der Vernehmer ihr bündig vorausgesagt hatte, kam sie – begnadigt – gerade noch vorbei. Aber wie viele zitternd-schlaflose Nächte bis zu der Gewißheit, sie dürfe weiterleben!

Und so verlief die Gerichtsverhandlung:

„Es kamen russische Offiziere. Der oberste von ihnen hatte so viele Orden auf der Brust, dass das Blech richtig klapperte. Und er hatte zwei scharfe Hunde neben sich … Ich sehe mich noch da stehen, wie er sagt: ‚Sie sind … im Freikorps, Sie haben 150 Russen …‘ – Ich dachte, die wollten mich veralbern, ich habe wirklich gedacht, die machen einen Witz! Und da sagte er, weil ich so lächelte und ihn anguckte, da sagt er: ‚Haben Sie das verstanden?‘ Ich sage ‚Nein, das habe ich gehört, aber verstehen kann ich das nicht. Es gibt kein Freikorps.‘ – Und ich wollte noch sagen: ‚Ich habe noch nie mit einem Russen gesprochen.‘ Aber dazu kam ich gar nicht. Der ging hoch! Wie ein Wilder! Und die Hunde, so ganz kurz an der Leine, die hatte ich vor der Brust! Diese gefletschten Zähne und diese Augen … !

Da sagt er noch einmal: ‚Verstehen Sie es?‘ Und ich habe vor Angst gesagt: ‚Ja, ich verstehe.‘ – ‚Und unterschreiben Sie?‘ – ‚Ja, ich unterschreibe.‘ – Die Viecher hätten mich gefressen! Die waren ja auf Menschen dressiert!

Scharfe Schäferhunde, ja. Die hatten alle Schäferhunde damals, und die liefen ja auch immer neben uns her. Ich weiß noch – zu Fuß durch die Stadt wurden wir getrieben, nach Bautzen auf dem Transport. Später, in Bautzen, da haben sie solche Hunde mal hinter einem Gefangenen hergeschickt. Er hatte einen Fluchtversuch gemacht, und sie brachten ihn fast stückweise wieder zurück. So was Grausiges hatte ich noch nie gesehen. Ich konnte erst gar nicht begreifen, was es mit diesem armen Blutfetzen da auf sich hatte, den sie auf einer Pritsche vorbeigeschleppt brachten. Da hat die Angst mich nachträglich noch einmal so richtig gepackt!“

Dazu noch einmal Hanna Schumann, die ebenfalls verurteilt worden war – zu zehn Jahren:

„Zehn Jahre – wie ich das getragen habe? Indem ich sagte, das ist ein erlogenes Urteil. Das trifft auch die anderen unverdient, also trage ich es mit.

Ich bin ein Mensch, der sagt, man muß hinnehmen, was gegeben wird. Und wenn es zu unrecht geschehen ist, dann gibt das mir eine innere Ruhe, und ich sage: Ich kann schwören, ich bin kein Freikorps-Anhänger oder irgend etwas gewesen! Und dann ist bei mir ein Strich. Da hört es auf. Ich kann nicht hassen.“

Zehn Jahre Zwangsarbeit waren seinerzeit die höchste zeitliche Strafe. Auch Todeskandidaten wie Irene Kunze erhielten diese zehn Jahre, wenn sie begnadigt wurden.

Irenes Fall-Kameradin Hanna gehörte zu denen, die schon im Januar 1954 nach Hause gehen durften – anläßlich der ersten großen SMTer-Amnestie, die in Moskau erlassen worden war. Auch dazu gibt es wieder eine wahre, bezeugte Geschichte. Eine Haftkameradin, die alle kannten, Raisa Dittrich, spielt darin eine Rolle:

„Manchmal war es unheimlich mit Raisa, was sie so sagte! Wir machten Rundgang im Hof, da sagt sie: ‚Seht Ihr da oben die Saatkrähen auf der Wetterfahne, oben auf dem Turm? Guckt mal, wo die hinzeigen! Eine sitzt so, eine sitzt nach dem Osten, eine nach dem Westen’. Sagt sie. ‚Nun wartet mal ab. Da tut sich was!’ Und es war nur wenige Tage später, wir waren in der Schneiderei, da holt sie uns ans Fenster und sagt: ‚Da drüben werden Sachen abgeladen. Frauenbekleidung’. Sagt sie. ‚Und nun kommen wir bald nach Hause!’

Und wir kommen von der Schicht in den Saal zurück. Da sagt sie zu mir: ‚Hanna’, sagte sie zu mir, ‚laß die Schuhe gleich an. Die rufen dich heute noch.’ Ich sage: ‚Na schön, ich lasse die Schuhe noch an.’ Habe nachgegeben, um sie nicht zu reizen oder zum Widerspruch rauszufordern. Sie war ja oft ein bißchen exaltiert. Und es dauert nicht lange, da geht die Tür auf: ‚Strafgefangene Schumann, kommen Sie mit!’ Ich wurde nach vorne geholt, in die Verwaltung. Und da sagte der Kommandant: ‚Was würden Sie sagen, wenn Sie in wenigen Tagen entlassen würden?’ – Sage ich: ‚Ich lege keinen Wert drauf. Die letzten zwei Jahre von meinen zehn schaffe ich auch noch.’ Sagt er: ‚Da können wir aber nichts tun, das ist ein Gnadenerlaß aus der Sowjetunion.’ Da sage ich: ‚Na, dann muß ich ja gehen!“

Die – scheinbare – Bereitwilligkeit, freiwillig und ohne Not noch zwei weitere Zuchthausjahre durchzumachen, ist erklärungsbedürftig. Mit solchen Schalmeientönen – „Was würden Sie sagen, wenn …“ – begann in der Regel die Anwerbung zu Spitzeldiensten. Hannas brüske Antwort sollte jedem solchen Angebot die Grundlage nehmen.

Als Hanna Schumann dann aus der Verwaltung zurückkam:

„Totenstille im ganzen Saale. Alle starrten mir schweigend entgegen. Als ich alles erzählt hatte, noch immer kein Laut! Weil die Raisa das vorausgesagt hatte. Sie hat viele Dinge uns gesagt, wo wir immer nicht glauben wollten. Aber dann geschah es doch.

An dem Tag war ich die Einzige, die rausgeholt worden ist- wie Raisa vorhergesagt hatte.“

Wenig später als Hanna Schumann wurde auch Irene Kunze entlassen. So hatte auch sie acht Jahre ihrer „Strafe“ verbüßt – zuerst im Zuchthaus Bautzen, dann im sowjetischen ‚Speziallager’ Sachsenhausen, dem alten nationalsozialistischen KZ. Seit 1945 standen beide Orte ja unter sowjetischem Regime. Als Irene 1950 mit allen anderen SMT-er auf deutschem Boden an die Volkspolizei der DDR übergeben wurde, folgten auch für sie weitere schwere Jahre in Hoheneck, der offiziellen ‚Sonderstrafanstalt’ für SMT-erinnen, in dem das gleiche besonders grausamen Regime im Schwange war, wie es in den politischen Männerzuchthäuser galt. Dort, in Hoheneck, war es auch, wo Irene Kunze nach vier Jahren völliger Ungewißheit endlich erfahren hatte, dass ihre Kinder im Westen in Sicherheit waren.

Zahnschmerz im Herzen

Frau Kunzes Entlassungspapiere waren auf Suhl in Thüringen ausgestellt. Das war der Ort, an den sie im Kriege evakuiert worden war und wo man sie acht Jahre vorher verhaftet hatte. Als sie bat, zu ihrer Familie nach Wilhelmshaven gehen zu dürfen, traf sie ein neuer Schreck: Wenn ihr Suhl nicht recht sei, dann könne man ja die ganze „Begnadigung“ rückgängig machen! Wahrlich Grund genug, um entsetzt zusammenzuzucken. Denn noch hingen von den zehn Zuchthausjahren des Urteils zwei unverbüßt über ihrem Haupt. Doch sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und hielt allen Drohungen stand – und schließlich hatte sie sich doch die Fahrkarte nach Wilhelmshaven erkämpft.

Wartete auf die inzwischen 43-jährige Kriegerwitwe zu Hause, im Schoß der Familie, nun endlich ein neues, bescheidenes Glück?

„Ja, dachte ich, ich werde nun mit offenen Armen empfangen …

Sie haben mich ja auch herzlich empfangen, aber auch gleich mit so was, was meine Mutter mir ins Gesicht sagte: ‚Wie konntest du das tun? Hast du nicht an deine Kinder gedacht?‘ – Was Erwachsene ja immer vergessen: Kinder haben feine Ohren, sie hören alles. Vor allen Dingen, was sie nicht wissen sollen – wenn man extra leise spricht. Und es ist bestimmt in all den Jahren meiner Gefangenschaft von meinen Angehörigen oft so debattiert worden: ‚Was kann sie wohl gemacht haben…?‘ und ‚Da mußte sie doch an ihre Kinder denken …!‘ Wenn Kinder so etwas hören, dann fühlen sie sich verraten von ihrer Mutter.

Natürlich, ich war acht Jahre in Haft – Hasko war inzwischen zehn und Hille – da kam ich gerade zur Konfirmation zurecht. Klar, die konnten mich ja nicht kennen, aber sie kamen mir ausgesprochen feindlich entgegen. Beide. Wenn ich den Kindern etwas sagte, die hörten gar nicht hin. Die überhörten das einfach und ließen mich stehen! Da war eine Sperre aufgebaut worden. Wie weh das tat! Ich hatte doch nur überlebt, um meine Kinder wiederzukriegen! Sonst hätte ich doch gesagt, was soll das Theater? Mein Mann, den ich über alles geliebt hab, war gefallen, die Benachrichtigung hatte ich ja noch gekriegt; meine Kinder wahrscheinlich in Moskau … Ich habe mich in der Haft immer wieder gefragt, warum machst du dieses ganze Elend überhaupt mit? Und die Antwort war immer wieder: Um meine Kinder wiederzukriegen, nach ihnen zu suchen, wo immer man sie hinverschleppt haben könnte.

Und nun das!

Das Verhalten meiner Kinder, ihre Opposition, das war für mich …. Ich kann es kaum beschreiben. Nicht, als wenn man mich mit Eis begossen hätte, nein. Sondern als wenn ich ins Feuer gefallen wäre. Diese Abwehr meiner Kinder! Kinder merken ja nicht, welchen Schmerz sie verursachen. Die ziehen eine Grenze, die ist dann einfach da. Und die überwinde nun mal! Aber doch nicht, wenn man mit vollem Herzen kommt und denkt: So, jetzt hast du sie endlich wieder!

Mit keinem konnte ich darüber etwa auch nur sprechen, was ich erlebt, was ich hinter mir hatte – von Verständnis und Trost ganz zu schweigen! Es hieß höchstens: ‚Jaja, wir wissen, es ist nicht einfach gewesen, so im Zuchthaus – aber wir haben es auch nicht leicht gehabt.’ Und dann fingen sie an aufzuzählen, was sie alles durchgemacht hatten! Dabei waren sie weder ausgebombt worden, noch hatten sie flüchten müssen! – Da war ich dann immer schon still und hab es gar nicht mehr versucht. Sie haben mir ja sowieso auch nicht geglaubt.“

„Da war ich dann immer schon still“ – wie leicht sich das sagt! Mehr als drei Jahrzehnte! Nachts von schlimmen Erinnerungsträumen geplagt, tags bohrenden Schmerz in der Seele – nicht nur um die verlorenen Jahre, um das gestohlene Leben! „Wer nichts gemacht hat, wird auch nicht eingesperrt! Willst du dich nicht endlich dazu bekennen, statt uns anzulügen?“ Die ihr die Nächsten waren, hatten es ihr so bei der Ankunft gesagt. Und stand es ihnen nicht immer noch in den Augen, wenn sie, wie freundlich auch immer, mit ihr sprachen? Bohrender Schmerz wie „Zahnschmerz im Herzen“ – so hatte Heinrich Heine einst seine eigene Seelenpein genannt.

Mit Irene Kunze haben unzählige Frauen und Mütter diesen bohrenden „Zahnschmerz im Herzen“ jahrelang stumm ertragen, ertragen müssen! Erst der Zusammenbruch der DDR brachte die Wende – auch und gerade für die Verfolgten, die im Westen lebten! Irene Kunze:

„Der Einzige, der mir schon damals glaubte, als ich 1954 wiedergekommen war, das war mein Vater gewesen. Aber da war er schon vom Tod gezeichnet. Er hat mir geglaubt, das sah ich an seinen Augen. Bloß – er war auch ein Mann, der seiner Frau nicht gern widersprechen wollte.

Meine beiden Schwestern – eine ist heute 87, die andere ist schon ein paar Jahre tot – ich hab ihren Zweifel an mir all die Jahre immer schmerzlich gespürt! Beide haben mir erst nach 1989 unter Tränen abgebeten, was sie mir damit angetan hatten. ‚Was du über den Grund deiner Verhaftung erzählt hast, das haben wir dir doch nie geglaubt!’ haben sie da endlich offen zugegeben: ‚Ganz ohne jedes eigene Zutun ins Zuchthaus!? Das gibt es doch nicht; das kann es doch gar nicht geben, haben wir immer gedacht!’

Damals, als ich gekommen war – Presse war sofort da und hat mich fotografiert, und das ist durch alle Zeitungen gegangen. Meinen Kindern hat das ja schon imponiert. Aber das flaute dann ja ab – und die Zweifel der Familie blieben. Sie waren nett. Sie waren überhaupt immer nett und wohlerzogen. Aber in allem und immer schwang der stille Vorwurf mit wie im Gleichnis vom gefallenen, verlorenen Sohn. Er wird wieder aufgenommen. Aber der Bruder sagt, Herr, wie kannst du ihn so belohnen …? So ungefähr, ja.“

Es bedurfte vieler Jahre und unendlicher Nachsicht und Geduld, bis eine darüber alt gewordene Frau endlich wieder sagen konnte: „Meine Kinder haben mich lieb!“

Zu solch bitterer Entfremdung kam es oft auch da, wo Großeltern und Verwandte die Erinnerung liebevoll zu pflegen versuchten. Auch Anni Leifers mußte das aufs Schmerzlichste erfahren. Die Mutti habe auf eine große Reise gehen müssen, hatte die Oma der Enkelin all die Jahre erzählt. Das war für ein kleines Kind nicht leicht zu begreifen. Schon gar nicht aber konnte der Großmutter Liebe die Wunden heilen, die böses Gerede dem kleinen Mädchen schlug. Im Dorfe und gar von Spielgefährten wurde es immer wieder gehässig belehrt: „Du hast ja gar keine Eltern! Du hast überhaupt keine Mutti und auch keinen Vati!“

In einem kalten Frühjahr kam Anni Leifers nun, nach fünf Jahren, endlich nach Hause zurück. Ihr Kind – es stand jetzt kurz vor der Einschulung – war es wirklich „ihr“ Kind geblieben? Die Probe aufs Exempel fiel vernichtend aus:

„Meine Mutter hatte ein paar Tage verreisen müssen. Solange sie daheim gewesen war, schien es, als habe meine Tochter sich nach und nach an mich gewöhnt. Aber als ich nun allein mit ihr war und sie wirklich als Mutter betreuen wollte – mein Gott, wie aus einem Vulkan brachen Abwehr und schiere Feindseligkeit aus der Kleinen heraus. Oder war es nur Angst, weil ich ihr zu fremd war?

Sie hat regelrecht gegen mich gekämpft! Und mit was für einer Energie! So wilde Wutanfälle hätte man dem sonst so braven und sanften kleinen Ding gar nicht zugetraut! Spielzeug flog an die Wand, trommelnd und trampelnd schmiß sie sich auf den Boden. Als ich sie gar ins Bett bringen wollte, ging es erst richtig los. An anfassen, waschen, Nachthemdchen überstreifen war gar nicht zu denken!

Mir brach eine Welt zusammen! Jahrelang hatte ich doch immer wieder nur davon geträumt, ihren kleinen warmen Körper in meinen Armen zu halten, ihre Ärmchen zärtlich um meinen Hals zu fühlen. Denn sie war ja alles, was mir von meiner ersten großen Liebe geblieben war. Ihren Vater, wenn er denn überhaupt noch lebte, würde ich wohl niemals wiedersehen. Sie hatten ihn nach Sibirien geschleppt.“

Als sie 1948 verhaftet wurde, war Anni Leifers gerade 17. Ihre einzige Schuld war die Liebe zu einem russischen Soldaten. Ihr Unglück, dass sie in jenem Teil Deutschlands – im Erzgebirge – geboren wurde, der nun Sowjetische Besatzungszone war. Denn was wäre ihr geschehen, hätte nicht ein russischer Junge ihr Herz gewonnen, sondern ein Franzose, Engländer oder Amerikaner an Rhein oder Weser? Der falsche Wohnort brachte ihr statt einer fröhlichen Hochzeitsfeier ein Urteil auf fünfundzwanzig Zuchthausjahre ein.

Die Tochter, längst selber Frau und Mutter, fühlt heute mit, was die eigene Mutter erleiden mußte und ist ihr liebevoll zugetan. Aber nicht immer gab es solch spätes bitter-süßes Happyend. Eine andere Gefangene, die ihr Kind in Hoheneck hatte gebären müssen, wurde bis zu ihrem Tod dieser Mutterschaft nicht froh.

Das Baby war seinerzeit von der Familie in Westberlin aus dem staatlichen Kinderheim der DDR herausgeholt worden – unter allergrößten Schwierigkeiten und mit viel Glück dazu. Als die Mutter schließlich zurückgekommen war, hätte das Mädchen gesichert und geborgen in einer neuen Familie in Westdeutschland aufwachsen können. Aber was geschah? Ausgerechnet unter eingefleischten, linientreuen Kommunisten suchte sich die Oberschülerin ein Ersatz-Zuhause. Die gläubigen Anhänger jener Gewalt, die der Mutter Jahre des Lebens und ihr, der Tochter, die Mutter gestohlen hatte, zog sie den eigenen Eltern vor!

Kühl und herzlos ist das Verhältnis dieser Tochter zu ihrer Mutter immer geblieben. Kalt und ohne Liebe war auch das Begräbnis, das sie der früh Verwitweten und früh Verstorbenen bereitet hat. Warum es nie eine Brücke gab, auf der Mutter und Tochter einander hätten begegnen können? Speiste sich der offensichtliche Wunsch der Jüngeren, der Mutter weh zu tun, aus einst erlittenem und nie überwundenem Kleinkinderleid, verlassen, verraten worden zu sein? Lebte die Tochter mit ihrer Verweigerung unbewußt eine irrationale Rache aus?

Auch für Verwandte wurde oft das Leben nicht leichter, wenn sie sich der verlassenen Kinder politischer Gefangener angenommen haben. So erlebte es 1951 die Familie von Alice Haber in Rudolstadt:

„Meine Tochter war ja bei der Verhaftung dabei. Mich haben sie ins Auto reingenommen, das Kind – ich hatte sie auf dem Arm – das Kind haben sie einfach rausgetan. Da war wohl noch ein deutscher Beamter. Später, bei den Vernehmungen, wenn man wieder mal von draußen Kinder spielen hörte, hieß es immer: ‚Das ist Ihre Tochter. Hören Sie sie?’ Natürlich stimmte das nicht. Sie war nie am Gefängnis. Und eigentlich habe ich das auch nicht so recht geglaubt. Ins Herz schnitt das schon – die Fröhlichkeit der Kinder – und du warst von deinem getrennt. Bange Frage: für wie lange?

In Wirklichkeit hatten sie meine Erika gleich zu meiner Mutter gebracht. Aber meine Eltern waren zu alt und zu krank. So haben meine Schwester und mein Schwager sie zu sich genommen. ‚Wir sind ihre Paten’, haben sie gesagt, ‚und es ist der Sinn einer Patenschaft, dass man sich um sein Patenkind kümmert, wenn Mutter oder Eltern nicht weiter sorgen können.’

Was mit mir war, wußte natürlich keiner. Aber eine Angestellte von uns, die ich dann in Hoheneck wiedertraf, war zwei Jahre vorher verhaftet worden. Es war also keinem ganz neu, dass Leute plötzlich und ohne erkennbaren Grund verschwanden. Mehr wußte niemand und es konnte sich auch keiner etwas zusammenreimen. Wer hätte auch darauf kommen sollen, dass es im Grunde um eine Ehegeschichte ging! Mein Mann war fremdgegangen, hing aber noch immer an mir und dem Kind. Er wollte zurück. Deshalb – um mich aus der Welt zu schaffen – hat mich seine Neue denunziert!

Dass Erika keine Erinnerung an die Verhaftung hatte, war ein Glück. Sie war damals noch zu klein gewesen. Wenn sie nach mir fragte, erklärte ihr meine Schwester, ich sei im Krankenhaus. Aber damit gab sie sich nicht zufrieden. Sie hat gesagt: ‚Wenn jemand im Krankenhaus ist, dann kann man ihn besuchen. Wie ich im Krankenhaus war, war die Mutti auch immer da. Und wir wollen da mal hin!’ ‚Ja’, sagte meine Schwester, ‚da können wir aber nicht hin, das ist weit, weit weg!’ So ging das eine ganze Weile.

In dem Vorort von Rudolstadt, wo meine Schwester wohnte, hatte sich ja rumgesprochen: ‚Die Erika, das ist gar nicht deren Kind, das ist ja … ’ wie halt in Familien so was erzählt wird. Auf jeden Fall – meine Tochter ist dann in die Schule gekommen, und eines Tages haben die anderen Kinder ihr gesagt: ‚Deine Mutti ist überhaupt nicht krank! Die ist gar nicht im Krankenhaus, die ist im Gefängnis!’ Da kam sie weinend heim und hat erst gar nichts gesagt. Dann hat sie immer nur gefragt und gefragt: ‚Gell, aber meine Mutti hat doch nichts Böses gemacht?’ Mein Schwager hat sie getröstet, dass ihre Mutti wirklich nichts Böses gemacht hat. Aber es war sehr schwierig, ihr das klarzumachen, weil – ja nun, weil es ja immer hieß, wer böse ist, kommt ins Gefängnis. Und wieso war ich dann drin? Viel sagen durften sie ihr nicht, wenn sie sich nicht selber in Gefahr bringen wollten. Etwa, dass die die Bösen wären, die mich da reingesteckt haben! Aber alle Vorsicht hat nicht viel geholfen. Wo sie nur konnten, haben die Behörden meiner Schwester Knüppel zwischen die Beine geworfen.“

Zum Beispiel, als es um eine etwas größere Wohnung ging für nun, mit der kleinen Nichte, zusammen vier Personen. Der Antrag hatte bescheiden auf zweieinhalb Zimmer gelautet. Doch die Antwort war rüde:

„‚Wenn Ihnen das Kind zuviel ist, wir haben Heime, wo wir es hintun können!’ Und das war noch nicht ihre letzte Schikane. Schlimm war auch, was sie meinem Neffen angetan haben. Sie hätten ihm fast das Leben zerstört.

Er war ein sehr guter Schüler. Deshalb sollte er auf eine höhere Schule gehen. Ich weiß nicht, ob es diese EOS, die Erweiterte Oberschule, damals schon gab oder ob noch die alten Gymnasien bestanden. Aber trotz guter Zensuren und aller Fürsprache des Direktors, der ihn kannte, wurde er dort nicht zugelassen, weil meine Schwester ‚ein Verbrecherkind aufgenommen’ hatte! Statt dessen wollten sie den Jungen mit 16 zur Armee ziehen. Nach der Musterung in Weimar – tauglich! – ist er deshalb mit einem anderen abgehauen. Per Anhalter nach Berlin, dann ausgeflogen nach Hamburg. Dort mußte er sich zuerst als Feldarbeiter verdingen. Der Weg, auf dem er dann doch noch Abitur und Studium schaffte, war sehr, sehr lang und sehr schwer.“

Alice Habers Eltern wohnten in Eisenach. Dahin mußte sie zurück, als sie 1955 entlassen wurde. Ihre Tochter Erika wohnte damals immer noch bei Alices Schwester in Rudolstadt. Dorthin mußte sie fahren, wenn sie sie sehen wollte. Allerdings – so einfach, wie das jetzt klingt, war das nicht:

„Unerlaubt war das und deshalb jedesmal eine Angstpartie. Es war so: Ohne Ausweis durfte man nicht den Wohnort verlassen. Aber einen Ausweis gaben sie mir lange nicht.

Beim meinem ersten Besuch in Rudolstadt – meine Schwester hatte dem Kind mein Kommen angekündigt – da lag Erika schon im Bett. Wie sie meine Schritte hört und ich mich über sie beuge, schlägt sie plötzlich ihre Augen auf und sagt strahlend: ‚Du bist meine Mutti! – Aber gell, du heiratest nicht wieder?’ Denn inzwischen hatte man ihr erzählt, warum ich abgeholt worden war.“

Seit ihrer Entlassung im Sommer 1955 ist Alice Haber nun schon wieder fast 40 Jahre ein freier Mensch. Aber erst 1993 hat sie zum ersten Mal mit ihrer Tochter über die Vergangenheit zu sprechen versucht.

„Ich habe gesagt, mich wundert, dass sie nie gefragt hat. Da wurde sie ganz blaß. ‚Mutti,’ hat sie gesagt ‚ ‚bitte erzähle mir nichts! Es belastet mich zu sehr, wenn ich weiß, was du mitmachen mußtest! Das ertrage ich nicht!’ – Wer aber fragt und hören will, das sind meine drei Enkel!“

Ja, und wie war das sonst, als Alice zurückgekommen war? Die Behörden gaben ihr nicht nur keinen Ausweis, sondern auch keine Arbeit. So versuchte sie über alte Bekannte ihr Glück. Schließlich kam sie bei einem alten Apotheker als Aushilfe an.

„Na, und dann kam der 1. Mai ran. Da kommt einer und sagt zum Apotheker: ‚Sie haben hier eine eingestellt, die gesessen hat. Die soll mitmarschieren am 1. Mai und das Transparent tragen!’ Dann sollte ich eine rote Nelke kaufen. Da war ich so wütend! Transparent tragen? Ich habe gesagt: ‚Wissen Sie was? Ich habe einen kaputten Rücken. Das ist Transparent genug!’ Den Rückenschaden hatte ich von der Arbeit in der Haft. Sogar ein Arzt in der DDR hatte mich deshalb als zu 80 Prozent schwerbeschädigt eingestuft.

Plötzlich, Anfang Mai, mußte ich jedenfalls schleunigst fort. Das kam so: Gegenüber der Apotheke war die Polizei. Eines Tages kommt eine von drüben und sagt: ‚Sie müssen verschwinden. Sie haben einen Fehler gemacht!’ Es ging um das Transparent. ‚Sie haben sich geweigert…’ ‚Geweigert?’, sage ich, ‚ich habe mich nicht geweigert! Ich habe gesagt, ich kann es nicht tragen, weil mein Rükken kaputt ist. Ich muß mich ja schon bei der Arbeit dauernd setzen! Fragen Sie mal meinen Chef.’ Da sagt sie: ‚Ich besorge Ihnen einen Paß.’ Aber über Berlin – es gab noch keine Mauer – das würde ich ja nicht schaffen, meinte sie. Deshalb würde sie mir eine Bescheinigung geben, mit der ich drei Tage nach Bebra – im Westen – fahren könnte, um meine früheren Schwiegereltern zu besuchen. Dafür wollte sie allerdings etwas aus der Apotheke. Mein Chef hat zu mir gesagt, ‚Nehmen Sie es, Sie wissen, wo es liegt. Ich weiß von nichts!’ und ist rausgegangen. Nun, da habe ich der gegeben, was sie wollte, und die hat mir den Paß gebracht. Am gleichen Nachmittag bin ich dann noch fort.“

Von fünfundzwanzig Jahren Urteil „nur“ fünf Jahre „abgesessen“. Danach eine neue glückliche Ehe und ein liebevoller zweiter Vater für Erika, dessen Fürsorge sie ihm mit Anhänglichkeit vergalt – soweit könnte Vergangenes vergessen sein. Wenn nicht der tägliche, brennende Schmerz des kranken Rückens wäre! Schon lange kann sich Frau Haber nur noch an Krücken fortbewegen.

Leidende Mütter – und die Kinder? Erwachsene finden Worte für ihre Schmerzen. Aber Kinder? Wer hat die Kinder dieser „Verbrecherinnen“ je danach gefragt, was sie empfunden, was sie erlitten haben?

Ilse Erben hatte deren fünf, das kleinste drei Monate alt, als sie verhaftet wurde, der älteste, Lothar, zwölf Jahre. Frau Erbens Mann, Berufsoffizier, Major, war in den letzten Tagen des Krieges noch gefallen. Nach ihrer Verhaftung nahm sich die Fürsorge der verlassenen Kinder an, suchte Pflegeeltern. Nur zwei der vier kleinen Mädchen zogen dabei ein erträgliches oder glückliches Los. Doch die drei anderen …

„Gerda? Die hatte es vielleicht am schlimmsten getroffen. Von allen Geschwistern getrennt und dann … Narben auf der Seele! Manchmal spricht sie noch heute davon: ‚Was habe ich für Schläge gekriegt! Und für nichts und wieder nichts. Oder – wenn ich mal so ein bißchen Sehnsucht hatte und habe mich an meine Pflege-Mutti anlehnen wollen, dann fuhr sie mich an: ‚Ach nee, laß das mal! Das kannst du ja machen, wenn deine Mutter zurückkommt …’

Zehn war sie damals so etwa. – Ja, und es hat mehr als neun Jahre gedauert, bis ich zurückkam. Als ich sie endlich in die Arme nehmen konnte, war sie kein Kind mehr. Es schmerzt mich noch heute, wenn ich daran denken: Ein Kind – mein Kind! – für das keiner ein gutes Wort, keiner eine herzliche Geste hatte! Da ging es ja uns im Zuchthaus fast besser, denn wir hatten einander! – Naja, Ihre Pflegemutter war eine Erzkommunistin und eine … in der Partei irgend so eine Erste, Vorsitzende.“

Die beiden Ältesten, Lothar und Gisela, hatte ein Architekten-Ehepaar ins Haus genommen. Eigentlich hatten diese jedoch nur ein Kind zu sich nehmen wollen, ein größeres Mädchen. Aber die Geschwister hatten sich mit allen Kräften und schließlich erfolgreich gegen eine Trennung gewehrt. Alle fünf Kinder waren übrigens anfangs, gleich nach dem Verschwinden der Mutter, erst einmal in ein Kinderheim gekommen.

„Da gab’s auch so eine Geschichte! Das Heim war schlecht geleitet. Mit der Gesundheit der Kinder ging es immer weiter bergab. Schließlich kam heraus, dass das Pflegepersonal sich jahrelang an der Verpflegung seiner Schutzbefohlenen vergriffen hatte. Was da sonst noch alles vorgekommen war, haben die Kinder erst im Prozeß erfahren. Man hat sie dazu als Zeugen vernommen, wie fürchterlich alle hatten hungern müssen. Und wie ich jetzt entlassen bin und mein Lothar mir erzählt, wie es ihm ergangen ist, da nennt er die Namen der diebischen Frauen. Was, sage ich, die waren das! Die sind ja eines Tages als Verurteilte in Hoheneck angekommen! In der Schneiderei waren sie sogar in meiner Schicht! Glück für sie, dass damals keine in Hoheneck wußte, weshalb die eingesperrt worden waren. Die hätten sie ja erschlagen, wenn bekannt geworden wäre, dass sie Erbens Kindern das Essen weggefressen hatten!“

Was wie eine glückliche Wendung für die beiden Großen erschien – der Schritt aus dem Kinderheim in die Architekten-Familie – ‚erwies sich statt dessen als Einzug in eine ganz spezielle Hölle:

„Ja … das Ehepaar … war … anormal veranlagt. Wenn die die Kinder schlugen, machte ihnen das Gefühle. Und sie schlugen sie jeden Tag. Wenn abends ein Schuh vor dem Bett so dastand anstatt so, dann war das schon ein Grund, sie aus dem Schlaf zu prügeln. Oder – mit der Gisela haben sie es zum Beispiel einmal so getrieben:

Nach einem Klassenausflug hatte sie sich im Zoo noch ein bißchen verweilt und war dabei mit einem jungen Mann ins Gespräch gekommen. Beim Unterhalten – am hellerlichten Nachmittag und in aller Öffentlichkeit! – verflog natürlich die Zeit. – Als sie zu Hause ganz unbefangen erzählte, weshalb sie später kam als erwartet, zwang man sie, sich aufs Klo zu setzen, die Beine breit, und alle beide, der Mann wie die Frau, haben ihr da reingeguckt. Gisela war damals noch unberührt … . Lauter solche furchtbaren Dinge sind da passiert, dass ich gar nichts weiter davon erzählen mag … und sie haben beide Kinder eben auch immer so viel geschlagen.

Lothar ist dann geflüchtet aus diesem Zuhause und hat sich selbst eine Stelle als Hilfsarbeiter gesucht und seinem Chef alles erzählt. ‚Der Chef’, sagte er, ‚war wie ein Vater zu mir, die ganzen Jahre. Und ich war endlich diese Schlägerei los.’ Aber Lothar verdiente so wenig! Er mußte in einem Gasthaus wohnen, wo er früh zu essen hatte. Zum zweiten Frühstück brachten ihm die Arbeiter immer einen Apfel und ein Brot mit. Und abends mußte er dann noch Gemüse putzen, Kartoffeln schälen und im Gasthaus helfen, damit er sein Abendbrot kriegte. Den Hunger wurde er trotzdem Jahr und Tag nicht los.

An ein Studium für ihn war gar nicht zu denken, nicht einmal eine Lehrstelle gab es für ihn. Denn mein Mann, sein Vater, war Berufsoffizier gewesen, also ein ‚Kriegsverbrecher’, und ich war ja nun auch nichts anderes. ‚Wie ich dann Soldat geworden war,’ sagte er – ‚etwas anderes blieb mir ja nicht … wie ich dann das erste Mal als Soldat meinen Sold gekriegt hab’ – Mutti, da habe ich mein ganzes Geld in Würstchen angelegt und verfressen!’“

Ilse Erben hat heute noch die Berichte ihrer Kinder so frisch im Sinn, als hätte sie sie erst gestern gehört. Nicht minder deutlich hat sich die Erinnerung an die eigene Heimkehr in ihr Gedächtnis eingegraben, an die erste Nacht zuhause:

„Ich habe die ganze Nacht mit meinem Bruder diskutiert bis morgens um sieben. Bis er sagte: ‚Du bist mir nicht böse, aber jetzt muß ich mich erst mal duschen und mich frisch anziehen. In einer halben Stunde muß ich zur Arbeit.’

Worüber wir diskutierten? Über die neuneinhalb Jahre oder neun Jahre und zwei Monate, die wir weg waren, meine Schwester und ich. In dieser nächtlichen Diskussion habe ich mindestens, also mindestens zwanzigmal gesagt, wenn nicht noch öfter: ‚Ich habe solche Angst vor meinen Kindern! Vor jedem einzelnen! Wenn mich einer ablehnen würde, ich würde es nicht überleben!‘ Aber mein Bruder hat mich getröstet, und er hat recht behalten! Vor allem Lothars Liebe zu mir und sein Verständnis baute viele Brücken, über die wir zusammenfanden – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte!“

Die Hohenecker Kartei der frühen Jahre 1950 bis 1956 weist mindestens 1.314 Gefangene als SMTerinnen aus. Wenigstens jede Dritte von ihnen war Mutter3. Die meisten hatten mehrere Kinder zurücklassen müssen, und das oft unversorgt und in hilfloser Lage. Denn häufig waren die Väter, wenn sie denn überhaupt noch am Leben waren, in Kriegsgefangenschaft, als die Mütter verhaftet wurden. Sehr hoch war unter den gefangenen Frauen auch die Zahl der Kriegerwitwen und Flüchtlinge aus den verlorenen deutschen Gebieten. Und nur allzu oft traf beides in einer Person zusammen.

Auch Waltraud Nettelroth, Jahrgang 1914, in den ersten Monaten der eben gegründeten DDR von dem NKWD verhaftet und im Januar 1950 zu fünfundzwanzig Jahren verurteilt, war Kriegerwitwe. Sie ließ einen kleinen Jungen zurück.

Wieder war es an einem Kindergeburtstag – dem siebenten in diesem Fall –,an dem mit den Kaffeegästen die Häscher kamen. Großvater, Großmutter starben durch den Schock binnen weniger Tage der verschwundenen Mutti nach. Das war zuviel der Verluste für das kleine Kind. Zwar nahm ein Onkel am Ort, selber Vater mehrerer Kinder, sich des Neffen an. Doch auf seine Art versuchte der Kleine, sich gegen das Schicksal zu wehren:

„Aber da, beim Onkel, war er so verbockt, ging nicht in die Schule, schwänzte. Das ging also nicht.“

Auch beim zweiten Bruder, im Westen, im Südharz, ist kein bleibender Platz für das Kind. So erbarmt sich schließlich die Schwiegermutter in Hamburg. Sie gibt den Jungen auf ihre Kosten in ein Internat. Und obwohl Peter sie in den Ferien besuchen darf, fühlt er sich nun erst recht vollkommen abgeschoben:

„Da war erst was los! Da war er ganz verbiestert, hat ins Bett gemacht und alles Mögliche sonst.“

Als Waltraud entlassen wird, in die Zone natürlich, an ihren letzten Wohnsitz vor der Haft, geht sie notgedrungen zu ihrem Bruder dort:

„Ich besaß ja nichts mehr. Ich hatte ja nicht mal mehr ein Nachthemd. Und dann hat der Junge mir geschrieben: ‚Mutti, wann kann ich kommen?’ – In die Ostzone kommen! Um Gottes willen!, habe ich da gedacht! Doch nicht hierher! Ich wollte doch selber die Kurve kratzen!’“

Die Ablehnung war eine neue Enttäuschung für das schon Jahre wartende Kind. Als Frau Nettelroth endlich in Hamburg gelandet ist und ihren Jungen im Internat besuchen kann, stürzt das Wiedersehen erst recht alle beide in eine seelische Katastrophe:

„Mein Junge hat mich überhaupt nicht wiedererkannt! Und ich ihn auch nicht! Da hätte ich mich bald vor den Zug geschmissen!

Meine ganze Sehnsucht! Ich habe mir vorgestellt, ich hätte ihn im Arm, er fällt mir um den Hals, und das ist eine Freude, ein Jubel, und alles ist wieder gut. Aber der sagte vier Wochen überhaupt nicht mal Mutti zu mir! Der war total verbiestert! Ich kann das überhaupt nicht beschreiben! Der steckte sich vor mir unter die Decke. Das war einfach entsetzlich! Er war dann schon elf.“

Erst Jahre nach ihrer Rückkehr konnte die Mutter ihr Kind wieder zu sich nehmen. Denn völlig mittellos – ohne Wohnung, ohne Familie und ohne Beruf – stand sie vor dem nackten Nichts. Heute sagt sie:

„Mein Sohn und ich, wir haben jetzt ein gutes Verhältnis. Aber eine Aufgeschlossenheit – so mal sagen ‚Ach Mutti, ist das schön!’ oder so –,das kann er bis heute nicht. Er lächelt dann zwar, und ich weiß, wie er es meint. Aber das ist immer noch das Resultat aus dieser Zeit. Es war einfach furchtbar! Ach, wie mich das belastet hat! Und das belastet mich noch heute! Unsere Kinder – das ist eigentlich gar nicht mehr gutzumachen, wie verkorkst und verdreht die waren, bis wir die überhaupt wiedergewonnen hatten.“

Fast tausend verlassene Kinder – verzweifelt, ratlos, weinend – ‚sie säumen wie zertretenes Gras den harten Weg ihrer Mütter durch viele lange Zuchthausjahre. Wieviele Kinder mußten auch ihren ersten Schrei hinter Gefängnis- und Zuchthausmauern tun, weil ihre Mütter schwanger eingesperrt worden waren! Als am 12. Februar 1950 die ersten Frauen nach Hoheneck kamen – die SMTerinnen aus Stalins „SPEZLAG“ Sachsenhausen – da hielten neunundzwanzig von ihnen einen Säugling oder ein Kleinkind im Arm.

Die Mütterstube

Doch auch Kinder waren selber verurteilte Gefangene. So gehört in die schändlichen Annalen jener Jahre im Herrschaftsgebiet von NKWD und SED auch die Geschichte vom „Kohlenklau im Kindertäschchen“. Alice Haber erinnert sich, wie diese Geschichte sich 1945 zugetragen hatte:

„Da war diese kleine Holt, die Ilsemarie – ein Kind noch, ein halbes Kind, als sie verhaftet wurde. Und ihre Freundin von draußen, die Viktoria Gäb. Die waren beide doch erst elf oder zwölf, und vom Leben überhaupt keine Ahnung, wie sie eingesperrt worden sind. Wofür? Weil sie bei den Russen am Bahnhof paar Kohlen geklaut haben! Die sind immer mit ’m Täschchen fort und haben ein bissel Holz und Kohlen aufgelesen, nach 1945 in Berlin …

Einmal waren da ein paar Jungen dabei, die haben gesagt: ‚Menschenskinder, wo holen denn die Russen bloß die Kohlen her?’ Und sind da wohl nachgegangen – von den Kohlenwagen war doch immer so eine dreckige Spur auf der Straße. ‚Ach, kommt doch alle mit!’ Und die beiden Mädchen sind wirklich mitgegangen – am Bahnhof war die Kohlenquelle. Der eine Junge ist dann auf den Waggon gestiegen, hat ein paar Briketts hinuntergeworfen, und die Kinder haben im Handtäschen, im Einkaufstäschchen die paar Kohlen mitgenommen. Na, was können so Kinder schon tragen! Sie waren damals doch sowieso nur zwei spillerige kleine Dinger! Jedenfalls hat man sie dabei erwischt, Tasche geguckt – zehn Jahre …! Fast genau so lange Zeit, wie die beiden überhaupt erst auf der Welt warn!“

Die Spur der beiden verlor sich nicht so leicht unter den Gefangenen. Denn die Jüngsten blieben sie ja immer, wie die Zeit auch fortschritt und sie dem Kindesalter entwachsen ließ. Ihre manchmal kuriosen, naiven Fragen waren es, die bei den älteren Kameradinnen die Erinnerung an die Kinderverhaftung wachhielt. Zum Beispiel:

„Wie war das eigentlich, wenn ihr früher in ein Tanzlokal gegangen seid und so ein Mann ist gekommen und wollte mit euch tanzen? Was habt Ihr denn da gemacht? Oder wenn Euch einer küssen wollte – oder so – na du weißt schon, was ich meine?“

Heute würde kein Kind mehr solch eine Frage stellen. Allein das Fernsehen hätte sie Elfjährigen längst ausführlich beantwortet. Aber Fernsehen gab es ja damals noch nicht. Als Ilsemarie und Viktoria grade fünf oder sechs geworden waren, hatte der Krieg begonnen. Die Geschlechter trafen einander nun häufiger im Lazarett als Verwundete und Krankenschwester statt bei Tanzvergnügen. Als im Sommer 1942 der Feldzug in Rußland begann, wurde öffentlicher Tanz und jede ähnliche Lustbarkeit kategorisch und gänzlich verboten. So gut die beiden Teenager inzwischen das Leben in Lagern und Zuchthäusern kannten – normaler Friedensalltag war für sie so fremd wie das Land auf dem Mond.

Von der Erinnerung übermannt, erzählt Alice Haber weiter:

„Es war ja die Karnevalszeit. Ein paar von den Jungen, die durch den Krieg auch noch nie hatten Karneval feiern können, wolltens jetzt wissen. Da war Dorli Baum dabei, die hatte sich aus lauter Kopftüchern – aus den blauen Kopftüchern, die zu unserer Häftlingskleidung gehörten – ein Zipfelröckchen gemacht. Aus dem Abfall der Küche hatte sie ein paar Fetzchen Goldpapier aufgegabelt – alte Käse- oder Margarineverpackungen. Jede hatte sich mit so ein bißchen irgendwelchem armseligem Abfallzeug schön gemacht. So sind sie dann hin und her gehüpft.

Mit einem Male: ‚Menschenskinder, es ist gleich sechs, die Wach-Ablösung kommt! Schnell das Zeug runter! Hört auf! Der jetzige Zug ist besonders gemein’, haben wir Älteren gesagt. ‚Ach, die kriegen das gar nicht mit!’ meinten die Mädchen – wie das mit den jungen Leuten so ist. Die Ablösung kam – und mit einem Mal standen in der Gemeinschaft drei Frauen und drei Männern mit Hunden und aufgepflanztem Gewehr! Wir standen da und wußten nicht, was wir machen sollten. Elf oder zwölf der jungen Dinger haben sie gleich mitgenommen in Isolierung. – Ja, so sind sie damals mit uns umgesprungen…“

Am Stadtrand von Fürstenwalde erinnert ein Gedenkstein an die Opfer des stalinistischen Terrors, die nach 1945 hier elend zugrunde gingen. Ketschendorf war eines der berüchtigten „Speziallager“ des NKWD in Deutschland. Von der Umwelt streng isoliert, in größter Enge zusammengedrängt, siechten hier unzählige Männer und Frauen dahin, bis Hunger, Kälte und daraus entstehend Krankheit sie endlich zu Tode brachten. Nur wenige haben Ketschendorf überlebt.

Ob unschuldig oder schuldig – mit solchen feinen Unterschieden hatten die Kerkermeister sich damals gar nicht erst aufgehalten. Nur Zeit- oder Leidensgenossen wie Hannes Schlieker, der in der Nähe lebte und dort in die Schule ging, können heute noch berichten, wer damals in Ketschendorf einsaß. Auch vier seiner Klassenkameraden sind hier gestorben:

„Wir waren sechzehn damals, als der Krieg zu Ende war. Konnte man in dem Alter ‚großer Nazibonze‘ gewesen sein, wie es in der DDR immer hieß, wenn von den Verhafteten allgemein und auch von denen in Ketschendorf die Rede war?

Die ganzen Jahre in der DDR hieß das hier der ‚Platz der Freiheit’. Erst jetzt, seit dem vorigen Jahr, haben sie es umbenannt in ‚Platz des Gedenkens.’ – Hier, direkt wo jetzt der Häuserblock steht und wo wir jetzt wohnen, ist damals das Lager gewesen.

Man hat viele Gebeine hier gefunden. Sie hatten die Toten ja einfach verscharrt damals – an Ort und Stelle, wo sie gestorben waren. Und dann, als sie hier gebaut haben … Ich kann mich erinnern, da haben Jungens mit einem Totenkopf Fußball gespielt. Kleine Jungs. 1957, wie sie hier die Blöcke bauten.

Sie haben die Knochen dann in der Nacht heimlich wegtransportiert mit großen LKWs. Wo sie hingekommen sind, weiß niemand. Die Leute, die die Transporter gefahren haben, die müßten das ja noch wissen. Man hat nachgeforscht, nach den LKW-Fahrern. Aber es ist nichts dabei rausgekommen.“

Für Margot Schlieker, seine Frau, ist der Blick zurück noch schmerzlicher. Erst im zweiten Nachkriegswinter war sie mit ihren Eltern in Fürstenwalde angekommen. Vertriebene waren sie, Flüchtlinge, denen es an allem fehlte. Sogar am Nötigsten, am täglichen Brot. Obwohl erst neunzehn, war die junge Frau schon eine praxiserfahrene Buchhalterin. Aber wer brauchte damals in Fürstenwalde solch eine qualifizierte Kraft? Die Besatzungsmacht!

„Auf dem Arbeitsamt fragte gerade ein russisches Ehepaar nach. Die Frau sprach gut Deutsch: ‚Kommen Sie doch zu uns’, sagte sie. ‚Mein Mann leitet die Garnison in Fürstenwalde. Und da ist Buchhaltung und Lohnabrechnung nötig’. Sie bot mir 500 Mark. Das war für die Zeit unheimlich viel Geld. Unheimlich viel! Im allgemeinen hatte man zwei- bis dreihundert Mark und fühlte sich damit ordentlich bezahlt.

Der Kommandant, ihr Ehemann, sah wohl meine Zweifel. Er ließ übersetzen: ‚Sie werden direkt mit meiner Frau zusammenarbeiten und brauchen keine Angst zu haben. Nichts, nichts wird Ihnen geschehen! Und Sie können auch Essen mit nach Hause nehmen.’

Vor allem deshalb nahm ich das Angebot an. Als Ortsfremde ohne Beziehungen … verhungert waren wir ja schon fast!“

Alles ließ sich genauso an wie versprochen. Jeden Tag konnte Margot sich nach der Arbeit in der Offiziersküche ein Kübelchen Essen holen. Zuhause warteten alle schon darauf.

Überraschend war für die junge Frau der nähere Einblick in die Verhältnisse der Garnison, für deren 4.000 Köpfe sie nun alle Abrechnungen zu machen hatte. Der Sold der sowjetischen Besatzungstruppe wurde damals – jedenfalls 1947 in Fürstenberg – nicht in sowjetischer, sondern in deutscher Währung gezahlt. Eine Mark pro Tag bekamen die Soldaten, die Offiziere vier. Dafür konnten sie an der Wache Weißbrot, Schnaps und Zigaretten erwerben. Mannschaften und Offiziere erhielten jeweils Essen von unterschiedlicher Qualität. So war es zuletzt im deutschen Kaiserreich üblich gewesen. Nun gab es das – seit 1918! – in Deutschland schon längst nicht mehr, aber noch in der Sowjetunion. Die Verpflegung der russischen Soldaten war mitleiderregend elend und schlecht wie auch die Behandlung, die einfache Rotarmisten erfuhren:

„Auch Schläge haben die Soldaten gekriegt! Beim geringsten Ding! Mit dem Stock haben sie gekriegt und mit der Peitsche! Die haben eine Angst gehabt! Schreckliche, schreckliche Angst haben die gehabt! Was man so gesehen hat – ich war ja in der Kaserne drin, da waren die Büroräume.

Ach, und meine erste Aufgabe – daran erinnere ich mich noch heute: Ich mußte einen großen Korb voller Papiergeld sortieren – ganz zerknittertes, wie die Russen das so hatten, deutsches Geld und anderes dazwischen. Ich habe gebündelt und aufgelistet. Ach, ich hatte zwei Tage damit zu tun. Es waren etwas über 86.000 Mark. Als ich das nun dem Kommandanten bringe, guckt der mich groß an, zieht einen Zettel aus der Tasche – er hat den Betrag schon vorher genau gewußt!“

Eine Prüfung auf Ehrlichkeit also. – Gelegentlich kamen andere Offiziere oder Dolmetscher ins Büro. Manchmal gab es dann ein Gespräch, ein paar Worte hin und her, soweit die Sprachkenntnis reichte.

„Manchmal kam auch einer, der sprach Deutsch fast perfekt, genauso wie wir. Das fiel schon auf. Denn auch die Dolmetscher haben ja alle so einen bestimmten Akzent. Es war ein höherer Offizier. Hinterher ist mir aufgefallen, dass er immer kam, wenn ich allein im Büro war, dass er ein Gespräch mit mir führen konnte. Damals habe ich mir nichts dabei gedacht. Denn meine Chefin hat sich ja auch mit mir unterhalten. Eines Tages hat er mich so nebenbei gefragt, ob ich nicht einen Schneider wüßte. Er brauche einen Zivilanzug. ‚Nun sicher’, sage ich,’ es gibt hier schon Schneider. Ich kann mich ja mal erkundigen.’

Ich bin nicht gleich – nein, ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen und habe gefragt: ‚Wozu brauchen Sie denn einen Zivilanzug?’ Die Frau des Kommandanten trug ja auch Zivil und war sicherlich eine Offizierin.

Ein guter Stoff sollte es sein, wirklich ein guter Stoff, sagte er. ‚Ach ja,’ sage ich, ‚dann gehen Sie doch mal da und dahin.’ Ich habe ihm die Adresse aufgeschrieben. Es war gar nicht weit von der Kaserne.

Eines Tages, vielleicht fünf Tage später, war der Mann weg! Aber sie haben ihn ja gekriegt, in Berlin. Sie fanden bei ihm den Zettel mit der Anschrift des Schneiders.“

Drei lapidare Sätze einer harmlosen Auskunft – sie entschieden über das Schicksal einer jungen Mutter und ihres Kindes. Denn Margot war schwanger und freute sich schon auf die Hochzeit, als sie verhaftet und wegen Beihilfe zur Fahnenflucht zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt wurde.

Wie die Vernehmungen waren? Keine Rücksicht auf die Schwangerschaft. Aber auch Mißhandlungen nicht, erinnert sie sich. Nur ein einziges Mal:

„Wo ich in Untersuchungshaft war, da standen die Stühle fest. Die waren wie angenagelt. Man konnte nicht von der Stelle rücken. Der Vernehmer hatte an seinen Stiefeln so etwas wie Sporen dran. Er ging hinten an mir vorbei und hat so an meine Kniescheibe geschlagen, dass ein Riß drin war. In der linken Kniescheibe. Ich habe danach lange Zeit gelahmt, auch in Hoheneck noch. Aber ich habe keinem erzählt, wovon das war. Aus lauter Angst.

Ich sollte eingestehen, dass der geflüchtete Offizier mir gesagt hat, er wollte fort. Sonst haben sie mir nichts getan, nur immer grelle Lampen direkt ins Gesicht … Und das Urteil in Potsdam, das war russisch. Das mußte man unterschreiben. Aber man konnte es nicht lesen.“

Die DDR war gerade dreizehn Tage alt, als ihre Bürgerin Margot Schlieker, damals noch Fuhrmann, vom NKWD verhaftet worden war. Sie gehörte zu den ersten, die nicht mehr über das sowjetische SPEZLAG Sachsenhausen, sondern direkt aus der russischen Untersuchungshaft nach Hoheneck kamen – gerade zur Entbindung zurecht:

„Die Mütterstube in Hoheneck war das Furchtbarste – ja, das Furchtbarste! –,was es überhaupt gab! Die Entbindung im sogenannten Krankenhaus erst, in diesem Krankenbau, die war glatt menschenunwürdig! Alle Turmposten waren dabei, buchstäblich jeder von den Kerlen, der sowas mal sehen wollte. Das ging ‚Achtung! Die Entbindung! Kommt schnell!’ durch den ganzen Bau. Und dann kamen die Kerle an und starrten mir auf den Bauch…

Ja, alle, die Lust hatten, haben zugeguckt. Wenn ich heute noch daran denke…! Und hinterher – ebenso fürchterlich! Da gab es nichts zu essen. Nur Hirse – und die war angebrannt. Und man hatte doch soviel Hunger. Hinterher, nach der Anstrengung. Man wollte doch so gerne was essen! – Nein, es war grauenhaft.“

Es entzieht sich jeder Beschreibung, was Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbett hinter Gefängnismauern bedeuten – schon ohne solche Brutalitäten. Nicht ohne Grund nimmt in zivilisierten Staaten selbst bei schweren kriminellen Delikten das Strafrecht Rücksicht auf die besondere Situation von Gebärenden und Wöchnerinnen. In der Sowjetunion dagegen wie auch in der DDR hätte solch rücksichtsvolle Menschlichkeit den gefährlichen Ruch des „Versöhnlertums“ gehabt. Die „Mütterstube“ in Hoheneck war nichts anderes als eine kahle Doppelzelle, nicht besser als die der anderen Gefangenen. Dass sie als „Stube“ bezeichnet wurde, war im Grunde der pure Hohn:

„Uns in der Mütterstube hatten sie dunkelblaue Kleider verpaßt. Dicker Stoff, Stehkragen und hier vorne Knöpfe so herum. Aber stillen konnte ja fast keine. Milch für die Kinder konnten – oder mußten – wir uns aus der Küche holen. Einen Viertelliter pro Tag, den wir mit Wasser verdünnten.

Die sogenannte Mütterstube war immerhin nicht zugeschlossen wie die Zellen sonst. Wo diese ‚Mütterstube‘ eigentlich lag, könnte ich jetzt nicht mehr sagen. Zu dem übrigen Gefängnisbetrieb hatten wir ja keinen Kontakt. Ich sehe mich nur noch mit einem kleinen Topf in der Hand zur Küche gehen. Eine Totenstille war. Auf einmal kommt ein Offizier in dunkelblauer Uniform, schon älter, und fragt: ‚Wo wollen Sie hin? Und wo kommen Sie her?’ Ich bin ganz perplex. Denn wir haben doch keine Männer bei uns im Haus gesehen, überhaupt nicht. Bloß die Torposten. Und da sage ich ganz verdattert: ‚Ich komme aus der Mütterstube und gehe in die Küche, Milch holen.’ Jede holte sie sich da für ihr Baby extra, alleine.“

Es war der Anstaltsleiter gewesen, dem Margot zu ihrem Unglück über den Weg gelaufen war. Denn das Gespräch blieb nicht ohne Folgen – und in Hoheneck waren Folgen fast immer nur negativer Natur. Drei Tage später wurde den Müttern verboten, selbst in die Küche zu gehen. Die Milch wurde nun gebracht und vor der Türe der Mütterzelle abgestellt. Auch der letzte bescheidene Kontakt zu anderen Kameradinnen war den Müttern damit genommen. Nun waren sie völlig von allen abgeschnitten – in der Isolierung noch einmal isoliert! Darunter litten alle:

„Es war zwar immer beim Milchholen Polizei dabei gewesen, aber immerhin – doch immer mal ein paar Schritte heraus aus der Enge und ein paar andere Gesichter sehen. Nun waren wir in der Mütterstube ganz eingesperrt!“

Kamen sie überhaupt je aus ihrem Raum heraus, etwa zum Rundgang auf den Hof, an die freie Luft, mit oder ohne Kinder? Margot Schlieker kann sich beim besten Willen heute daran nicht mehr erinnern. Die quälenden Eindrücke jener Zeit sind zu übermächtig geblieben – vor allem die Sorge um die Ernährung der Kinder:

„Zu der verdünnten Milch gab es immer einen Brei, einen grauen Brei. Süßlich war er, wahrscheinlich aus Hirse oder gemahlenem Reis. Obst oder mal Gemüse, eine Möhre vielleicht – nein, das gab es überhaupt nicht. Von Mohrrübensaft oder irgendwelchen Saftgetränken für Kinder oder Mütter haben wir nicht einmal geträumt! Was wir hatten? Irgendwelches miese Trockengemüse, Kartoffelschalen praktisch – und Wasser.“

Soweit man weiß, haben alle Kinder diese Mangelernährung überlebt. Ob sie Spätschäden – und wenn, dann welche – verursacht hat, hat niemals jemand zu erforschen versucht. Von einem „beth-lehemitischen Kindermord“ mit modernen Mitteln ist also nicht zu berichten. Doch auch der übliche „Hohenecker Kinderraub“ schlug Müttern und Kindern tiefe Wunden. Zum ersten Male fand er in besonders perfider Form im April 1950 statt. Das jüngste Kind war, als es der Mutter entrissen wurde, gerade sechs Wochen alt. Auch die Säuglinge und kleinen Kinder, die in Sachsenhausen geboren und im Januar des Jahres mit ihren Müttern nach Hoheneck gekommen waren, gingen mit auf diesen Transport. Später, vor allem nach 1950, wurden die Gepflogenheiten etwas milder. Schwangere SMTerinnen konnten nach Lage der Dinge allerdings nun kaum noch davon profitieren.

„Ja, die Mütterstube …! Das war ein einziges Elend! Bis sie uns die Kinder überhaupt weggenommen haben! Da hatten sie uns alle in die Ambulanz geholt – zu einer Untersuchung oder irgend so einer Sache. Und als wir zurückkamen, waren die Bettchen alle leer …

Danach haben wir nichts gehört vier Jahre lang! Gar nichts gehört! Erst kurz vor der Entlassung im Januar 1954 – einige schon ein halbes Jahr vorher – haben manche – nicht alle! – Bescheid gekriegt, dass die Kinder in Leipzig im Heim sind. Und es gab ein Foto. Aber wir waren drei, wir haben nichts gekriegt, kein Bild, rein gar nichts. Man wußte überhaupt nicht, ob man nach den Jahren sein Kind noch erkennen würde! Sie hatten es uns doch weggenommen, als es noch in den Windeln lag!

Ich weiß es noch genau, wir waren fast die letzten von denen, die in der Mütterstube gewesen waren. Da hieß es, es wird ein Sammeltransport gemacht, nach Leipzig, wo das Kinderheim war. So sind wir mit der grünen Minna dahin gebracht worden, um die Kinder von da gleich mitzunehmen.

Wir sind dann mit den Kindern nach Leipzig zum Bahnhof gebracht worden. Die eine Frau – so eine Schwarzhaarige war sie, aber ich will ihren Namen nicht nennen, es war eine Kriminelle, keine von uns – die hat dort ihren Jungen einfach stehen lassen!

Ich sehe den Jungen noch vor mir… Sie war keine böse Frau – nein, das war sie eigentlich nicht. Vielleicht war sie so verzweifelt – selber gerade aus der Haft, ohne Geld und ohne Bleibe – und nun noch das Kind. Da hat sie vielleicht Angst gekriegt vor der Verantwortung? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist der Zug ab … wir waren alle zusammen in einem Abteil. Der Zug ist abgefahren. Und das Kind stand am Bahnsteig. Es hat so auf eine Art geschielt. Sie kam nicht mehr ins Abteil zurück. Und das Kind stand da. … – Die waren alle egal angezogen, die Kinder.“

Auch Rabenmütter in Hoheneck also? Wer sich, wie die „Politischen“, jahrelang nach seinem Kind verzehrt hatte, hätte es um keinen Preis wieder hergegeben wollen. Aber Hoheneck war nicht nur berüchtigtes Zuchthaus für politisch Verfolgte. Seit den frühen 50er Jahren und später immer häufiger wurden auch Kriminelle dort eingeliefert – zur Plage und oft sogar handgreiflich-handfesten physischen Pein der politisch verurteilten Frauen.

Seit 1951 gab es überhaupt keine schwangeren SMTerinnen mehr. Nur noch Kriminelle kamen jetzt in Hoheneck in die Mütterstube, die diesen Namen inzwischen – fast! – verdiente. So erinnert sich Gisela Britten. Sie war im Krankenbau von Hoheneck lange als Schwester eingesetzt.

„Ich habe mal nachgerechnet, ungefähr sechzig Geburten habe ich mitgemacht, darunter ein Großteil Kriminelle, die ja nach Hoheneck oft nur zur Entbindung kamen, dablieben, bis sie abgestillt hatten, und dann kamen sie wieder weg. Aber da waren Leute dabei …!

Wir haben die Kinder ungefähr bis zum vierten, fünften Monat behalten. Manche sogar länger, einige konnten schon laufen. Wir hatten immer so fünf, sechs, manchmal auch sieben in den Betten. Die Kinder kriegten alles, was nötig war. Die Oberrätin hat sich sehr eingesetzt für die Kinder …

Diese Oberrätin war eine kräftige, stramme Person, ihre dunkelblaue Uniform war stets auffallend gepflegt. Sie verhielt sich immer sehr distanziert und kühl. Doch sie blieb immer korrekt. Für die Kinder hat sie sich also sehr eingesetzt. Von Hoheneck kamen die dann nach Meusdorf und anschließend nach Leipzig. Sie waren gesund und munter, wenn sie weggingen von uns. Den Kindern hat nichts gefehlt. Wir haben sie betreut, gefüttert und so.“

Das waren ja nun auch nicht mehr die „Verbrecherkinder“ der hart verfemten SMTerinnen, die weit unter jeder Schwerkriminellen rangierten – nach dem Motto: „Jeder Mörder ist uns lieber als Sie!“

Doch auch in der Schilderung dieser scheinbar inzwischen so freundlichen Baby-Welt verbirgt sich kalte Unmenschlichkeit: Die Mütter, die ihre Kinder im Hause ganz nahe wußten, waren und blieben streng von ihnen getrennt. Nur wer stillen konnte, sah sie wenige Monate lang dabei für wenige Minuten am Tag. Die Freude, die kleinen Wesen zu betreuen, ihre Körperchen zu streicheln, das erste Lallen zu hören und sie zum ersten Male lächeln zu sehen, blieb den fremden Frauen vorbehalten, denen die Anstaltsleitung die Pflege der Kleinen anvertraut hatte.

Auch wegen krimineller Delikte Bestrafte waren und blieben ihren Familien, ihren Kindern natürlich oft liebevoll verbunden. Kriminelle Personen waren aber auch für jede Überraschung gut, wie nicht nur Gisela Britten erfahren mußte:

„Eine von diesen Kriminellen hat es dann fertiggebracht, als sie entlassen wurde, mit ihrem Sohn, den ich betreut hatte, zu meinen Eltern zu gehen. Da hat sie dann abgesahnt – aber wie! Sie hat erzählt, sie wäre mit mir sehr befreundet und ich hätte ihren Sohn so gut betreut. Das stimmte ja. Aber das habe ich ja nicht ihr zuliebe getan. Sie hat meine Eltern regelrecht ausgenommen und ist auch noch zu den Eltern von zwei anderen SMT-Kameradinnen gegangen, die sie aus Hoheneck kannte.“

Noch heute wundert sich Margot Schlieker leise, wenn sie an das Wiedersehen in Leipzig denkt, dass die Kinder freiwillig mit diesen unbekannten Frauen, die ihre Mütter ja für sie geworden waren, einfach mitgegangen sind:

„Wir waren doch völlig Fremde für sie! Aber es lag wohl daran, dass es da im Heim sehr, sehr streng gewesen sein muß. Ja, furchtbar eingeschüchtert ist er brav mit mir mitgegangen. Weil er sich gar nicht getraut hat … Er hat kein einziges Wort gesprochen. Ordentlich angezogen waren sie ja – für die damalige Zeit. Alle hatten einen dunkelblauen Trainingsanzug an, einen Schal, eine blau-rote Mütze dazu. Denn es war ja Januar, als wir sie holten.

Mein Junge hat sich lange kaum zu weinen gewagt. Wenn etwas war, dann hat er nur so ganz, ganz leise geweint und immer die Hand vor dem Mund. Die durften wahrscheinlich dort nicht weinen oder schreien und nur ganz leise sprechen. Es hat lange, ach, ich weiß gar nicht mehr, wie lange gedauert, noch ewig, bis er sich wie ein normales Kind benahm. Das war dann wohl endlich, als er so sechs war. Und vier war er, als ich ihn wiederbekam … immerhin zwei Jahre, bis er das Schlimmste überwunden und vergessen hatte.“

Ein Kinderheim wie aus böser KZ-Vergangenheit. Neue Forschungen, auf die noch zu kommen sein wird, bestätigen die unmenschliche Härte vieler Erzieherinnen. Doch auch unter ihnen muß es ab und zu eine Frau gegeben haben, die ein mütterliches Herz für die Kinder hatte. Eine Bekannte der Familie scheint das Kind an eine solche Frau erinnert zu haben. Wenn sie zu Besuch kam, ging der sonst so scheue Kleine von allein zu ihr hin und schmiegte sich an ihre Seite. Im Bilde des großen Kinderelends soll dieser schmale Lichtstreif nicht unterschlagen werden. Bei der Heimverbringung der Kinder ging es offensichtlich nicht um ihre Versorgung, sondern um ganz andere Ziele. Denn häufig bemühten sich Großeltern oder andere Verwandte darum, die Kinder aufzunehmen. Bei politischen Gefangenen war solches Verhalten sogar die Regel – sofern es überhaupt noch unverhaftete Familienmitglieder gab. Aber nur der Familie einer einzigen SMTerin ist es je gelungen, ihr Enkelkind dem grausamen Kinderheim-Regiment der DDR zu entreißen. Margot Schliekers Eltern gehörten zu den anderen vielen, die keine Chance gegen die Behörden hatten:

„Ich hatte kein Bild meines Kindes, ich wußte nicht mal, wie es ihm überhaupt geht. Meine Mutter wollte es zu sich holen. Aber die haben es ihr nicht gegeben. Erst mal hat sie angefragt, wie es dem Kind überhaupt geht und wo es ist. An die Polizei ist das gegangen, in Leipzig. Und da haben sie geschrieben, das Kind ist im Kinderheim da und da.

Ich habe das Schreiben noch: Es ist von 1951. Da war der Kleine schon ein ganzes Jahr alt! ‚Wie uns das Kinderheim mitteilte, befindet sich das o.g. Kind in einem guten Gesundheitszustand und entwickelt sich seinem Alter entsprechend sehr gut. Irgendwelche Beschwerden traten bei ihm nicht in Erscheinung. Unterschrift: Volkspolizeipräsidium Leipzig.’

Für deren Begriffe war das wahrscheinlich schon sehr menschenfreundlich. In Hoheneck dachten sie da ganz anders. Ich habe es erst sehr viel später erfahren. Denn als meine Mutter mir das dann geschrieben hat, haben sie es in Hoheneck herausgeschnitten. Es wurde ja doch immer sehr viel rausgeschnitten, aus den Briefen … Da kamen ja manchmal so richtige Scherenschnittdeckchen an. Das war das, was nach der Zensur noch übrig geblieben war, was kaum mehr zusammenhielt. Das weiß ich noch. Und ein Bild bekam ich in Hoheneck gar nicht.“

Vieles, was im Namen der „sozialistischen Gesetzlichkeit“ geschah, hing von menschlicher Willkür ab. Nur manchmal waren Glück oder Zufall mildernd im Spiel. Dem waren auch die Frauen von Hoheneck ausgeliefert. Wer ein Bild seiner Angehörigen haben durfte und wer nicht, hing zum Beispiel von solchen Umständen ab. In besonderem Maße galt das für die Jahre 1950 bis 54, die Ära der SMTerinnen.

Im Juli 1950 hatte Thea Kösel in Hoheneck ihr zweites Kind zur Welt gebracht:

„Die Bedingungen bei der Geburt? Frage nicht! Alles andere als schön, kann ich dazu nur sagen. Dann die Mütterstube: Da waren ein paar Kinderbetten mit Strohsack, und da wurden die Kinder dann hineingelegt. Meine Tochter ist bald verhungert, weil ich selbst keine Nahrung hatte. Wenn eine andere Kameradin, die heute nicht mehr lebt, sie nicht ein paar Mal gestillt hätte, bis sie über den Berg war, hätte das Kind gar nicht überlebt!

Haferflocken gab es für die Kinder, aber die ungereinigten, groben Haferflocken mit den Schalen drin. Und diese Spelzen sind hart und spitz. Meine Tochter hat sich gekrümmt und gewunden davon und vor Schmerzen geschrien. Da habe ich dann in der Küche gebeten – wir kriegten ja jede Woche auch einmal Haferflocken – wenn sie uns das geben würden – wir hätten uns das für die Kinder ja gerne selber gemacht. Da hat der Polizei-Küchenchef gesagt, ‚Ja ja, wir werden euren Kindern noch Zucker in den Hintern blasen!’“

Nach vier Monaten kam, wie üblich, auch die kleine Susanne Kösel in ein Heim. Es war kurz vor Weihnachten, als man sie ihrer Mutter aus den Armen nahm – für wie lange? Frau Kösel war zu fünfundzwanzig Jahren verurteilt gewesen. Da sie schwanger war, wurde die Strafe jedoch „gnadenhalber“ auf zehn Jahre Zwangsarbeit herabgesetzt:

„Nachdem ich abgeurteilt und in die Zelle gebracht worden war, wurde ich plötzlich noch einmal aufgerufen und mußte runter kommen, und da haben sie gesagt – nochmal dieses selbe Gericht zusammen –,sie hätten sich entschlossen, mich zu begnadigen – und nun sollte ich mich darüber freuen! – Ach, mir war doch alles egal! Zehn Jahre – oder fünfundzwanzig …?!“

Ja, wer hat schon die Nerven, über eine Strafe von „nur“ zehn Jahren Freude zu empfinden? Für die Behandlung während der Untersuchungshaft hatte Theas Schwangerschaft übrigens keine Rolle gespielt:

„Ich habe genauso gehungert wie alle anderen. Selbst das wenige, was es gab – ach, ich konnte ja überhaupt nichts essen, solches Sodbrennen habe ich gehabt. Der Kaffee – diese undefinierbare braune Brühe – dazu gab es nur trockenes Brot. Ich habe gedacht, in der Plörre ist Süßstoff drin. Nachher, später, haben sie mal gesagt, da ist Marmelade drin gewesen. Meistens hätten die mit Marmelade gesüßt. Das war dann dermaßen süß – richtig widerlich! Und das Innere vom Brot, das war wieder fürchterlich sauer. Das konntest du gar nicht essen. Und da habe ich nur die Rinden abgemacht und gekaut. Ich bin nicht so lange in Potsdam – in Untersuchungshaft – gewesen. Vom November bis zum März. Dann bin ich da weggekommen. Da war ich im sechsten Monat. Mit der Kleidung kam ich immer noch zurecht. Denn vor Hunger und Aufregung wurde ich ja statt dicker immer dünner.“

Was für sie das Schwerste in ihrer Haft gewesen sei? Thea muß für die Antwort keine Sekunde überlegen: Die Sorge um den in Bautzen inhaftierten Mann und die Kinder. Die Erstgeborene war erst drei gewesen, als nach Vater und Großmutter auch die Mutter noch abgeholt worden war. Ein Kleinkind von drei Jahren, unversorgt und allein in der Wohnung – was für Schreckensbilder ruft diese Vorstellung auf!

Auf der Treppe hatte Frau Kösel ein Nachbarskind getroffen. An diesem jungen Mädchen hing nun ihre ganze Hoffnung:

„Christina schläft oben. Ich gebe dir mal den Schlüssel. Ich muß hier mit. Vielleicht guckst du mal nach ihr?’ hatte ich ihr gerade noch sagen können. Bei den Verhören habe ich dann immer gefragt, was meine Tochter macht. ‚Der geht es gut’ und ich sollte mir keine Sorgen machen, kriegte ich immer zur Antwort. ‚Morgen sagen wir Ihnen, wo sie ist.’ Und so jedes, jedes Mal, wenn ich fragte. Immer war es ‚das nächste Mal…’, wo sie mir sagen wollten, wo meine Dreijährige nun war. Das war dann auch noch ein Terror gewesen von ganz besonderer Art. Es war eine Hölle – und das in meinem Zustand! Ich hatte manchmal überhaupt kein Empfinden mehr, kein Gefühl oder sonst irgend etwas – gerade so, als wäre ich schon tot …“

Wie es ihrem Mann ergangen war, erfuhr sie auf schockierende Weise schon im März auf dem Transport über Bautzen nach Hoheneck. Was sie dabei zu hören bekam, konnte ihr das Herz nur noch schwerer machen:

„Wir waren einige Frauen und einige Männer auf dem LKW. Sprechen durften wir zwar nicht. Aber vorsichtig, fast ohne die Lippen zu bewegen, hat mir dann doch einer zugeraunt: ‚Ach, Sie sind Frau Kösel? Na, ihr Mann, als der aus dem Karzer kam, kam er zu uns. Wir wußten nicht, ist das ein Mensch oder ist das ein Tier? So war er zugerichtet.’ –

Er hatte dreiundzwanzig Tage im Karzer gesessen, war bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen worden und wurde dann mit Wasser übergossen, damit er wieder zu sich kam. Am Tage dann in die überheizte Zelle zum Verhör. So ging das dreiundzwanzig Tage lang. Als er aus dem Karzer kam, hatte er eine Lungenentzündung. Diese Lungenerkrankung hat dann mit den weiteren Folgen der Haft nach neun Jahren in der Freiheit zu seinem frühen Tod geführt. Da war er erst fünfundfünfzig. Als jungen, gesunden Mann von einundvierzig hatten sie ihn verhaftet.“

Mit der Verhaftung waren die Kösels für ihre Umwelt spurlos verschwunden, genau so wie Tausende vor ihnen schon in der Besatzungszone der Sowjets. Die Gründung der DDR, die ja inzwischen erfolgt war, hatte daran vorerst gar nichts geändert. Allerdings – für Thea dauerte es nur ein knappes Jahr, bis sie ihr erstes Lebenszeichen nach draußen senden durfte. Seit dem Sommer 1950 durften in Hoheneck jeden Monat 15 Zeilen geschrieben und empfangen werden. Da endlich erhielt Frau Kösel die Antwort auf die Frage, die ihr auf der Seele brannte: Wer hatte sich ihrer kleinen Tochter Christina angenommen? Wo lebte sie, wie erging es ihr?

„Die Nachbarn hatten Christina zu sich genommen und dann durch Bekannte meine Tante in Westberlin verständigt. Die hat sich zuerst auch nicht hingetraut. Mit einer Nachbarin ist sie aber dann gekommen und hat Christina geholt. Wenig später war der Russe da und wollte sie selber holen …“

Der in der Haft geborenen kleinen Schwester Susanne war das Glück versagt geblieben, in der eigenen Familie aufzuwachsen. Auch Frau Kösels Verwandte bemühten sich vergeblich:

„Einmal – ich kann heute nicht mehr sagen, in welchem Jahr – haben wir Bilder bekommen. Da konnte Susanne schon gehen. Sie stand in einem Kinderbettchen. Aber alle Bemühungen meiner Verwandten in Westdeutschland und auch in Leipzig, Susanne zu sich zu nehmen, waren vergebens. Das Kind blieb – unter Polizeiaufsicht! – im Kinderheim der Volkspolizei und wurde niemandem ausgehändigt. Selbst Besuche von Angehörigen wurden verweigert. Begründung: Es handele sich um Politische, und da habe niemand Zugang. Aber was hatte das kleine Kind wohl mit Politik zu tun?!

Auf Susannes Geburtsurkunde steht ‚Geboren in Hoheneck / Stollberg.’ Nicht etwa Zuchthaus oder Gefängnis oder so, gar nichts. Wer da nicht Bescheid weiß, denkt, es war eben im Erzgebirge. So hat ja auch die Behörde in Westdeutschland ihr gesagt: Sie sei doch im Kinderheim gewesen und sei gar nicht festgehalten worden … Aber was für ein Kinderheim! Das haben wir am Schluß noch selber erfahren. Wir sind mit dem VP-Wachtmeister Hammer aus Hoheneck hingefahren, mit dem Bus. Wenn der nicht dabei gewesen wäre, hätten wir sie nicht rausgekriegt. Die wollten sie uns zuerst wirklich nicht rausgeben. Es war ein Polizeikinderheim. Unsere kleinen Kinder standen regelrecht unter Polizeiaufsicht. Es waren ja noch mehr Kinder da von unseren – von anderen Müttern gar keine.“

Ihrem jeweiligen Alter entsprechend wurden die Gefangenenkinder offenbar durch verschiedene Kinderbewahranstalten der Volkspolizei geschleust. Erst heute, nachdem die Akten zugänglich sind, ist ihr Leidensweg zu verfolgen. Das gestörte Verhalten aller Kinder, die in solchen Einrichtungen gehalten worden waren, sprach aber schon damals eine deutliche Sprache. Dass aber nicht nur die Kinder von Ängsten gebeutelt waren, zeigen Berichte wie dieser von Thea Kösel:

„Susanne hat ins Bett gemacht – vor Angst – und vor allem Möglichen! Ich durfte kein Licht ausmachen – ‚Nicht dunkel, nicht dunkel!’ hat sie immer geschrieen. Und Tante und Onkel hat sie gesagt zu uns … Sie hat sehr lange unter solchen Ängsten gelitten. Dann hat sie – noch mit vier Jahren – eine Hilusdrüsen-TB gehabt.

Aber wir waren ja selber so angeschlagen! Wenn ich mich daran erinnere … Wir hatten ja solche Angst, dass sie uns wieder rüber holen – aus dem Westen wieder zurück! Genug Beispiele für Entführungen gab es ja. Niemand von uns hat groß ein Wort darüber gesprochen, wo wir hergekommen sind, weil die Angst so in einem steckte. Ja, auch in Westberlin.

Wir – meine Mutter, die ja mit mir in Hoheneck eingesperrt war, und ich – wir sind in Leipzig in den Zug gestiegen – und Susanne hat geschrien, geschrien! Die wollte nicht in den Zug, weil dieser große Zug – nein, ich weiß auch nicht, warum. Sie hat eine Angst gehabt, unbeschreiblich. Dann fiel uns ein Mann auf … Als wir dann nach Westberlin kamen, hat man uns beruhigt. Aber da waren wir schon so verängstigt durch alles, dass wir kaum wagten, uns zu unterhalten. Denselben Mann habe ich nachher in West-Berlin ein paar Mal gesehen – auch als wir dann im Auffanglager mal beim Amerikaner waren, wo wir diese ganzen Fragebogen ausfüllen mußten . Ich war wie versteinert. Ich habe mich nicht getraut, damals zu sagen, das ist der Mann. Ob das nun ein Spitzel oder sonstwas war? Ich weiß es nicht. Es steckte einem ja immer noch diese unsagbare Angst im Rücken. Es hat Jahre gedauert, bis ich die halbwegs überwunden hatte.“

„Halbwegs überwunden“, sagt Thea Kösel heute. Wenigstens ihre Lebensführung, ihre Alltagsentscheidungen sind nicht mehr von irrationaler Angst bestimmt. Zwangsträume, wiederkehrende Angstzustände ohne nennbaren und erkennbaren Grund aber machen ihr bis heute das Leben schwer – wie vielen, allzu vielen Menschen, die damals dem NKWD in die Hände fielen. Aber für immer bleibt ihr, bleibt allen gefangenen Frauen jenes Glück der Mutterschaft verwehrt, das durch die Jahrzehnte leuchtet und die Herzen ein Leben lang wärmt: den neuen kleinen Erdenbürger bei seinen ersten Schritten ins Leben zärtlich zu leiten.

Auch wer Kinder draußen zurücklassen mußte, trägt für immer die schmerzende Narbe eines großen Verlustes im Herzen. Selbst wer hoffen durfte, sie seien gut und behütet aufgehoben, durfte sie ja nicht heranwachsen sehen.

Kindertränen

Haben die Mütter noch Worte für ihre Schmerzen, so fehlt den in Haft geborenen Kindern die eigene klare Erinnerung daran, was ihnen angetan wurde. Ihnen blieb nur ein dunkles Gefühl der Qual zurück. Erst jetzt, nachdem die Akten offen liegen und Nachforschungen möglich sind, beginnt sich der Nebel zu lichten.

Unter sowjetischem Regime wurden die Neugeborenen in der Regel nicht von den Müttern getrennt. Mehr als 29 Babys und Kleinkinder waren so schließlich in Sachsenhausen zusammengekommen. Die Baracke, in der die Mütter mit ihren Kleinen hausten, war das gleiche Elendsquartier wie alle anderen Hütten des ehemaligen Nazi-KZs. Auch die Ernährung der Kinder war knapp und mangelhaft. Doch so schlecht auch die äußeren Umstände waren, von der Liebe und Zuwendung ihrer Mütter wurden die Kleinen nicht getrennt. Auch kein Russe in Sachsenhausen hätte ihnen je Böses getan oder Grausames gegen sie ersonnen. Das sollte sich ändern, als im Frühjahr 1950 alle SMTer „zur weiteren Verbüßung ihrer gerechten Strafe“ an die DDR übergeben worden waren.

Zwei der in den späten 40er Jahren im Gefängnis Geborenen, Tina Semmler und Edeltraud Thoma, haben sich über der Suche nach den Spuren ihrer Kinderzeit wiedergefunden. Doch die Klärung der eigenen Erinnerung reicht nicht aus, die Vergangenheit zu überwinden. Was damals staatlich angeordnet und von willigen Helferinnen in Taten umgesetzt wurde, muß heute – endlich – offen beim Namen genannt werden. Den Betroffenen fällt es nicht leicht, davon zu sprechen.

Wie schwer, verrät Edeltraud Thomas Miene. Nur scheinbar kühl und gefaßt entnimmt sie ihren Unterlagen Stück um Stück die Belege über ihr Leben. Langsam steigt ihr, je länger sie spricht, eine fiebrige Röte in Stirn und Wangen. Mit nervösem Hüsteln unterbricht sie sich immer wieder:

„Dass ich ein Zuchthauskind bin, im Roten Ochsen in Halle zur Welt gekommen, davon habe ich jahrelang nichts geahnt. Auch an meine frühe Kinderzeit – vor der Schulzeit – habe ich keine Erinnerungen. Wenn Schuloder Arbeitskameradinnen von ihren Kindheitserlebnissen erzählten, war ich immer still. Ich hatte ja nichts, was ich hätte erzählen können. Wenn ich zurückzudenken versuchte, war da nur so etwas Kaltes, Dunkles, so, als ob ich immer weinen müßte, ohne doch recht zu wissen, warum.

Das einzige Bild, an das ich mich deutlich erinnerte – ich sehe es bis heute noch vor mir – nein, davon mochte ich den anderen, Glücklicheren nun auch nicht erzählen: Wie ich mit anderen kleinen Kindern wartend auf dem Leipziger Hauptbahnhof stehe. Viele Leute liefen da herum, Frauen mit Hüten und schönen Kleidern, ganz fein angezogen. Ich habe die Augen zugemacht und mir ganz fest gewünscht, dass jetzt eine von diesen schönen Frauen auf mich zukommen, mich an der Hand nehmen und mit mir fortgehen würde. Plötzlich hörte ich eine Stimme, die zu mir sagte: ‚Du bist Edeltraud, meine Tochter!‘ – Ich fühl ’s noch wie heute – vor Enttäuschung bin ich ganz steif und stumm geworden. Es war keine von den Schönen, die mich angesprochen hatte! Ach, sie war ja eine so magere, abgehärmte Frau! Dass sie gerade aus dem Zuchthaus Hoheneck entlassen worden war, wußte ich ja nicht – und ich hätte mir darunter auch gar nichts vorstellen können.

Auch vom Schicksal meiner Mutter habe ich jahrelang nichts gewußt. Als ich es erfuhr, war ich schon längst erwachsen! Es war so: Wir hatten eine Fahrt nach Buchenwald gemacht. Wie grausam die Nazis mit Menschen umgegangen waren, hatte ich natürlich in der Schule schon gehört. Aber richtig vorstellen kann ein junger Mensch sich das vom bloßen Erzählen wohl nicht. Jetzt kam ich voller Entsetzen nach Hause und mußte einfach davon erzählen – da fing meine Mutter bitterlich zu weinen an.“

Es war nicht viel, was die Mutter über Vergangenes je erzählte. Im August 1948 war sie verhaftet worden. Im Trubel eines großen Volksfests hatten die deutschen Büttel zugegriffen, die Verhaftete dann – unverzüglich – der sowjetischen Besatzungsmacht überstellt. Damals war die junge Frau schon im achten Monat schwanger.

Wie weiter? Einzelhaft, Hunger, Ungeziefer, keinerlei ärztliche oder andere Betreuung, kein menschliches Wesen außer den groben und zynischen Vernehmern. Als die Wehen kamen, beschrie die junge Erstgebärende in ihrer schmerzgeschüttelten Hilflosigkeit die Wände ihrer Einzelzelle. Da endlich wurde eine andere Gefangene zu ihr geschlossen, schließlich auch ein Arzt, Untersuchungshäftling wie alle Deutschen dort.

So verlief die Geburt: Auf rostigem Eisenbett, der schmutzige Strohsack dünn vor Häcksel, ohne Kissen und Laken – die Gebärende unter abgenutzter, stinkender Pferdedecke – der Geburtshelfer ohne alle Mittel außer seinen Händen, einer rostigen Schere zum Durchtrennen der Nabelschnur und ein paar Lumpen, das Neugeborene darin einzuhüllen. Gleich nach der Geburt nahm man der Mutter den Säugling weg: er sei zu schwach zum Leben gewesen, sei gestorben. Später flüsterte der Mutter eine Frauenstimme durch die Zellentür zu, das kleine Mädchen sei am Leben und werde auch gut betreut.

Nach der Verurteilung, auf dem Transport nach Sachsenhausen, legte man der Mutter das kleine Bündel noch einmal in den Arm. Da sah sie, der Säugling war wirklich sehr zart und schwächlich. Edeltraud dazu:

„Eine Kameradin meiner Mutter von dem gleichen Transport hat mir erzählt, wie es war: Die Quarantäne-Station in Sachsenhausen war ungeheizt – und das bei zwanzig Grad Minus Außentemperatur! Alle froren Stein und Bein, die meisten waren ja auch bloß in Sommersachen – so, wie sie verhaftet worden waren. Meine Mutter sei schier verzweifelt, weil sie gar nicht mehr wußte, wie sie mich warm halten sollte. Und wäre ich nicht in die Krankenstation gekommen, hätte ich es wohl nicht überlebt. Aber von meiner Mutter blieb ich dadurch die ganze Zeit in Sachsenhausen getrennt, und nur in Hoheneck war ich ganz kurze Zeit, vielleicht zwei, drei Monate lang, noch einmal mit ihr zusammen. Bis sie im Frühjahr 1950 alle Kinder heimlich von Hoheneck weggebracht haben. Da war ich dann auch dabei.

Meine Mutter hätte mich zu ihren Eltern geben wollen. Doch das wurde nicht erlaubt. Später wurde ihr gesagt, das Heim, in dem ich untergebracht sei, sei nicht billig, und sie müsse durch ihre Arbeit zu meinem Unterhalt beitragen. Alles ging immer ans Kinderheim, hat sie mir erzählt. Ich höre sie noch sagen, denn das hat mir tiefen Eindruck gemacht: ‚Ich habe bis zur Erschöpfung gearbeitet. Dann konnte ich wenigstens schlafen. Mich interessierte gar nichts mehr. Mit dem Leben hatte ich völlig abgeschlossen.’“

Die meisten Informationen darüber, wie es ihrer Mutter ergangen war, fragte sich Edeltraud Thoma bei deren Hohenecker Haftkameradinnen zusammen – nach dem Zusammenbruch der DDR, als sie in den Westen reisen konnte und auch in ihrer Heimat darüber gesprochen werden durfte. Die Mutter erlebte das nicht mehr. Sie hatte auch in der Familie kaum über die Vergangenheit reden mögen.

„Was meine Mutter mir selber erzählte? Das war wenig. Sie wollte sich nicht erinnern und nicht erinnert werden. ‚Wegen deines Vaters mußte ich sitzen’, hat sie manchmal gesagt, ‚wegen angeblicher Spionage. Dafür haben sie mir zehn Jahre Zwangsarbeit gegeben.’ Aber sie hätte in Wirklichkeit niemals irgend etwas mit Spionage oder mit Spionen zu tun gehabt hat, hat sie mir gesagt.

Als alle SMTer 1950 von den Sowjets an die Deutschen übergeben wurden, ging für jede Person ein Bogen mit Personalangaben mit. Auf dem Papier meiner Mutter war geschrieben ‚Verbreitung antisowjetischer Flugblätter’. So steht es noch heute klipp und klar auf ihrer Karte in der Hohenecker Gefangenenkartei.

Meine Mutter ist schon vor Jahren gestorben, und so kann ich sie nicht mehr fragen. Aber ich bin auch so ganz sicher, dass sie weder das eine noch das andere getan hat. Vielleicht hatte sie aber eines dieser Spottgedichte in der Tasche – auf die Russen und die SED, wie sie damals umgingen unter den Leuten. Das galt als antisowjetische Flugblatthetze. Dafür sind seinerzeit harmlose Zeitgenossen sogar zu zwanzig und fünfundzwanzig Jahren verurteilt worden.“

Nachdem Frau Thomas Mutter 1954 im Zuge der sowjetischen Frühjahrsamnestie aus Hoheneck entlassen worden war, ging sie mit Edeltraud in ihr Elternhaus zurück. Doch mit der Haftzeit war längst nicht alles vorbei. Bis in die späten 60er Jahre verdunkelte die Vergangenheit der jungen Mutter das Leben. Erst dann wurde eine diskriminierende Arbeitsplatzbindung aufgehoben. Und endlich wurde sie damals auch wieder zu einem „vollwertigen Bürger der DDR“ erklärt, wie die Tochter berichtet. Das entsprechende Schreiben, wie es auch andere Ehemalige erhielten, wäre bei Stellung des Rentenantrags abzugeben gewesen. Doch so weit schaffte es Edeltrauds Mutter nicht mehr. Eine Nierenerkrankung machte ihr seit 1973 zu schaffen. Doch eine Dialyse-Behandlung wurde ihr nicht gewährt. Die Geräte brauche man für jüngere Menschen und Mütter mit vielen Kindern, sagte man der Kranken. Sie war damals – Jahrgang 1925 – achtundvierzig Jahre alt. Zwei Jahre später – mit fünfzig – starb sie an Nierentuberkulose. Es blieb ungeklärt, ob die Krankheit eine Folge der Haftzeit war.

Wenn Edeltraud Thoma heute auf ihr Leben zurückblickt, wird deutlich, wie sehr es vom Schicksal der Mutter geprägt worden ist:

„Ich war meiner Mutter wohl immer ein Stachel im Fleisch. Sie wollte die Zeit in den Lagern vergessen, und ich habe ihr das unmöglich gemacht. Das hat sie mich spüren lassen – bewußt oder unbewußt.

Zwiespältig war das – auf der einen Seite hat sie mich mit Arbeit schwer herangenommen. Schon als Elfjährige mußte ich Kohlen ausfahren und schon vor der zehnten Klasse aus der Schule als Putzfrau arbeiten. Von den zwanzig Mark, die ich damit verdiente, mußte ich den größten Teil zu Hause abliefern. Klar, das Geld wurde dort als Wirtschaftsgeld dringend gebraucht, aber einen Beruf zu erlernen, wo ich mehr verdiente, hat sie mir auch nicht erlaubt. Freizeit? Das war ein Fremdwort für mich. Mit anderen jungen Leuten zusammen sein, irgend etwas unternehmen? Wann hätte ich das denn tun können? Denn das war die andere Seite: So hart meine Mutter auch mit mir umging – sie verlangte kategorisch, dass ich jeden Abend bei ihr saß. Ob mir der Sinn danach stand oder nicht – stundenlang mußte ich mit ihr spielen – Halma, Dame und was es sonst so an Brettspielen gibt.“

Erst 1965 – da war Frau Thoma schon einundzwanzig – rang sie der Mutter die Erlaubnis zu einer beruflichen Ausbildung ab. Sie holte die zehnte Klasse der Schule nach, machte eine Lehre, erwarb einen Facharbeiterbrief, heiratete und begründete damit einen eigenen Hausstand. So hatte sie sich aus der Abhängigkeit von der Mutter gelöst. Doch von dem schwer lastenden Gefühl der Verantwortlichkeit für das Leben der Mutter befreite auch eine äußere Trennung nicht. Die bittere Klage „Für deinen Vater mußte ich sitzen!“, gar die absurde Idee „Wäre ich nicht mit dir schwanger gewesen, hätte ich flüchten können!“ – das alles hatte sich längst viel zu tief in das Bewußtsein der Tochter gegraben. Frau Thoma heute:

„Eines ist ganz sicher: Meinetwegen war ihre Gefangenschaft besonders schwer. Deshalb war ich immer bemüht, das wieder gutzumachen. Ich habe oft nicht verstanden, warum sie mich so zurückstieß. Aber bis zu ihrem Tode habe ich darum gekämpft, von ihr geliebt und anerkannt zu werden. Und sie hat das gewußt, aber sie konnte wohl nicht anders. Erst als sie im Sterben lag, hat sie mir endlich gesagt: ‚Oh Edeltraud – wie habe ich Dich behandelt! Und Du warst mir doch die Liebste!‘“

Den Schmerz der Tochter um die Mutter linderte die Zeit. Aber seit Frau Thoma nach dem Schicksal der „Verbrecherkinder“ forscht, zu denen sie selbst einst gehörte, verfolgen schlimme Bilder sie bis in den Schlaf. Das Kinderheim in Naunhof, das bis 1960 bestand, hatte fünfundzwanzig Plätze. Die dort untergebrachten Kinder waren in vier Gruppen zusammengefaßt. Neben den Kindern von SMT-erinnen gab es die, deren Mütter sogenannte „deutschverurteilte“ politische Gefangene waren, die allerdings in der DDR nicht als „Politische“ galten. Denn „Politische Gefangene“ gab es nicht in der DDR, nur „bestrafte Verbrecher“. Eine dritte Gruppe bildeten die Abkömmlinge hochstrafiger wirklicher Krimineller. Schließlich waren noch Kinder da, die – aus welchen Gründen auch immer ihren Eltern oder Verwandten weggenommen worden waren. Allen Gruppen gemeinsam war, dass ihr Aufenthalt unter strengster Geheimhaltung stand. Niemand durfte erfahren, wo die Kinder waren.

Nach außen machte das Heim in der August-Bebel-Straße 28 in Naunhof einen bescheidenen, aber ordentlichen Eindruck. Da es organisatorisch dem naheliegenden Kinderkrankenhaus angegliedert war, trugen die Betreuerinnen Schwesterntracht, auch wenn sie keine ausgebildeten Kinderschwestern waren. Der Name der damaligen Leiterin ist bekannt.

Körperliche Betreuung und Pflege war das offizielle Programm. Pädagogische Förderung war nicht vorgesehen. Auch für Spielflächen war kein Platz. Wickelkommoden und Kinderbettchen standen dafür viel zu eng, die Bettchen Gitter an Gitter wie im Zoo die Käfige für kleine Tiere. Doch es gibt auch andere Fotografien. Solche von lächelnden Betreuerinnen zum Beispiel, die sich liebevoll über Drei- oder Vierjährige beugen, oder ein Bild, auf dem sich Kinder um einen Kinderstuhl mit Teddybär gruppieren. Gesunder „Freiluftschlaf der Jüngsten“ wird durch eine Reihe von Kinderwagen im Grünen hinter dem Haus bezeugt. So weit, so gut?

„Wir haben bei dem Jugendamt, das auch damals schon regional zuständig war, einiges in Erfahrung bringen können. Gerne hat man uns allerdings nicht Auskunft gegeben. Da gab es zum Beispiel den folgenden Bericht:

In ein Laufgitter, zwei mal zwei Meter groß, wurden immer zehn bis zwölf Kinder gesteckt. Die brabbelten vor sich hin: ‚Hä-hä-hä‘ und wackelten dabei hin und her. Dann fiel eins nach dem anderen um. Dieses Hin und Her von einem Bein auf das andere auf der Stelle – manchmal hat man das schon von Elefanten gesehen, im Zoo. Tierschützer laufen Sturm, wenn sie solche durch die Gefangenschaft geschädigten Tiere entdecken. Der Arzt, der manchmal ins Kinderheim kam, sagte nur: Da ist nichts dabei. Die sind alle gesund und in Ordnung. Kinder machen einfach so!

Einmal hat allerdings der Arzt der Leiterin nahegelegt, die Stelle zu wechseln. Da hatte er bei einigen Kindern schwere Blutergüsse entdeckt, die offensichtlich von Mißhandlungen herrühren mußten.

Wie man die Kinder dressiert hat, dass sie sich still verhielten, geht auch daraus hervor: Die Anlieger wußten nicht, sie haben es nie bemerkt, dass neben ihnen ein Kinderheim war.

Seitdem wir uns wiedertreffen, einige, die damals zusammen waren, kommen auch manche Erinnerungen wieder. Tina Semmler weiß noch, dass man ihr einmal Erbrochenes wieder in den Mund gestopft hat – als Strafe, als hätte sie sich aus Bosheit übergeben. Eine andere Strafe war, dass man mit einer Wolldecke über dem Kopf im Bett stehen mußte, bis man umfiel. Oder dass sie einen im Keller mit einem kalten Wasserstrahl abgespritzt haben. Der Strahl war so stark, dass es einen wegschob oder man hinfiel. Oder man wurde in eine dunkle Besenkammer gesperrt. Tina meint sich zu erinnern, dass man sie einmal einen ganzen Tag in der Kammer gelassen hat. Sehr lang, unmenschlich lang für ein kleines Kind muß es jedenfalls gewesen sein.

Ach, im Strafen waren sie erfinderisch! Zum Beispiel konnte man dazu verdonnert werden, dabeizusitzen – ohne sich zu mucksen natürlich – und hungrig zuzugucken, wie die anderen aßen.

An etwas erinnere ich mich noch besonders: Alle Wände waren voller Bilder – Politiker, Staatsmänner und Soldaten, die das System damals ehrte. Die Namen kriegten wir eingepaukt und meisten einen kurzen Vers dazu – vier Zeilen oder so. Und wehe, wenn wir das nicht hersagen konnten aus dem Effeff – dann gab es wieder Strafen!

Belobigungen gab es wohl auch. Doch bisher haben wir ehemaligen Heimkinder alle zusammen da nur eines herausgebracht: Wer ‚brav‘ gewesen war, durfte, wenn es draußen sehr heiß war, auf der Bank sitzen und die Beine im kalten Wasser baumeln lassen.

Wir suchen noch weiter und haben auch noch Akten angefordert. Aber ob wir die je erhalten werden? In den Ämtern sitzen doch häufig noch die alten Leute von der SED, die das mit zu verantworten hatten. Und wenn nicht sie selbst, dann ihre Gesinnungsgenossen von damals!

Nur eines muß ich noch sagen: Mit meiner Gesundheit war es nie weit her, solange ich denken kann. Seitdem mir das alles wieder gegenwärtig ist aber, kann ich kaum noch schlafen.“

Seit der Öffnung der Nazi-KZs ist bekannt und erforscht, welche bleibenden Schäden politischer Terror sogar Erwachsenen setzte. Wie mußte das aber Kleinkinder treffen! Sie kannten ja kein anderes Leben. So mußten sie wohl für normal halten, was mit ihnen geschah. Was für ein Bild vom eigenen Wert als Mensch, als Person wurde jedem dieser hilflosen Kinder so in die Seele geprägt? War es ein Wunder, dass sie auch körperlich Schaden nahmen?

Macht Wissen jedoch nicht alles noch schlimmer, wenn es sogar den Schlaf raubt? Nein, Verdrängen macht krank! Das sagen die, die es wissen müssen, Ärzte und Psychologen. Der einzige Weg, der Hoffnung auf Heilung gibt, verläuft umgekehrt. Nur was das wache Bewußtsein benennen kann, das kann auch – bis in die Tiefenschichten der Seele hinein – ein einstmals Gequälter zu überwinden versuchen. Nicht die geringste Bedeutung dafür hat die Möglichkeit, Taten und Täter endlich öffentlich nennen zu können.

Sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen – das ist auch dann der einzige Weg zur inneren Befreiung, wenn es besonders weh tut, weil in der eigenen Familie die Wunden geschlagen wurden, die heute noch schwären. Eines der kleinen Mädchen von damals, das nach der Verhaftung seiner Mutter beim Vater im Westen lebte, ist Monika Kerner. Jetzt, fünf Jahrzehnte später, zog auch sie Bilanz:

„Was ich von meiner frühen Kinderzeit weiß, hat mir sehr viel später meine Mutter erzählt. Denn ich habe sie erst kennengelernt, als ich schon fünfzehn war.“

Im Mai 1948 – wenige Tage vor Pfingsten – hatten sich aufgrund einer haltlosen Denunziation die Zuchthaustore hinter der Verhafteten geschlossen. Später Herbst war es, als sie 1959 nach fast zwölf Jahren zu ihrer Familie hätte zurückkehren können. Aber auch für sie gab es keine Familie mehr. Bis die Entlassene die Möglichkeit fand, wenigstens ihre Tochter zu sich nehmen, brauchte es wiederum mehr als ein Jahr.

All die mutterlosen Jahre hatte das Kind, das junge Mädchen, ein wahres Aschenputtel-Schicksal durchlitten. Nur kommt in der Wirklichkeit keine gute Fee und kein Prinz verlassenen Kinder zu Hilfe. Über allen Erinnerungen der heute Fünfzigjährigen liegen die Schatten der Angst:

„Meine erste eigene Erinnerung: ein Himmel voller Sterne zur Nachtzeit. Ein Erwachsener führt mich an der Hand. Das mag in Würzburg gewesen sein, bei Onkel und Tante meiner Mutter.

Noch etwas anderes erinnere ich: Ich stehe in einem Gitterbett und sehe in einen entfernten Garten hinaus, wo eine schwarze Frau bügelt. Ich ängstige mich sehr. Vielleicht war die dunkle Frau eine Ordensschwester im Habit in dem Krankenhaus nahe bei Würzburg, in das meine Mutter mich Anfang 1948 hatte bringen lassen? In der ‚Ostzone’, wie man damals sagte, war es offenbar um die medizinische Betreuung der Kinder nicht gut bestellt. Ich sei gesund, beharrten alle befragten Ärzte in Halle. So blieb schließlich nur die Reise gen West und da stellte man wirklich fest, dass ich an einer schweren Hilusdrüsen-Tb litt. Ich war also wirklich sehr krank gewesen, wie meine Mutter so fest behauptet hatte.

Als Zweijährige hatte ich also um meiner Heilung willen die erste Trennung meines Lebens hinter mich bringen müssen. Sie muß sehr schmerzhaft gewesen sein. Meine Mutter erzählt, am Bahnhof hätte mein Vater mich mit Gewalt aus ihren Armen und aus denen meiner Kinderschwester wegreißen müssen, und sie beide seien tief bekümmert nach Hause gegangen – mit einem schlechten Gewissen, als hätten sie eben eine Gewalttat begangen.“

Der Ehemann und Vater Monika Kerners lebte damals schon im Westen. Er war Pilot gewesen, später Flug-Ausbilder. Militärische Routine hatte den Abiturienten in der Länge des Krieges zum Offizier werden lassen. Deshalb war er nach anfänglicher Zulassung wieder von der Universität Halle verwiesen worden.

Doch das war nicht der Grund für seine Flucht in den Westen gewesen. Nächtlicherweile holten die Sowjets damals immer wieder Menschen ab, deren militärische Kenntnisse ihnen als möglicherweise nützlich erschienen. Als seine Frau, LDP-Journalistin, vom kommunistischen Polizeipräsidenten von Halle vertraulich erfuhr, dass auch Piloten mit besonderen Qualifikationen zu den Begehrten zählten, bat sie ihren Mann, sich vorsorglich im Westen in Sicherheit zu bringen. All das hörte Monika Kerner erst sehr viel später von ihrer Mutter: So sah es damals das Kind:

„Als ich aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte, hatten sich die Familienverhältnisse grundlegend geändert. Statt uns in den Westen zu folgen, wie es geplant gewesen war, war meine Mutter von den Russen verhaftet und zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden.

Mein Vater hatte eine Beschäftigung im Ruhrgebiet gefunden, wo seine verheiratete Schwester lebte. Sie und meine Cousine, fast im gleichen Alter wie ich, waren lieb und herzlich. Doch bis heute erinnere ich mich mit Schrekken furchtbarer Prügelattacken ihres Mannes, meines Onkels, die aus mir unerfindlichen Gründen immer wieder über mich hereinbrachen. Mein Vater war entweder nicht da, wenn das geschah – oder er war nicht stark genug, dem entgegenzutreten. Ich weiß es nicht. Ich sah mich gestraft und als ‚verkehrt‘ verurteilt, ohne verstehen zu können, warum. Seit damals verließ es mich nie mehr, dieses Gefühl, eben nicht ‚in Ordnung‘ zu sein.

Als ich viereinhalb war, trat eine Frau in mein Leben, die ich Tante Pia nennen mußte. Als ich ins zweite Schuljahr kam, zogen wir mit dieser Tante in eine gemeinsame Wohnung. Tante Pia kümmerte sich zwar um alles, was mich betraf, aber mit großer Distanz und Kühle. Ich erinnere mich nicht, dass sie mich jemals in die Arme genommen hat. Ihre Schwester, bei der ich die Sommerferien verbringen durfte, war der einzige Mensch, der mir Herzlichkeit und Wärme zeigte, bis ich 1960 meine Mutter wiedersah. Mein Vater hat es nie gewagt, vor Tante Pia seine Gefühle für mich offen zu zeigen. Denn dass er mich liebte – das glaube ich doch.

Allmählich ging Tante Pia dazu über, mir fast täglich laut ins Gesicht zu sagen, was sie über mich und meine Mutter dachte. ‚Wer eingesperrt wird, hat auch etwas getan!’, war die ständige Litanei. Die Frau, die mein Vater geheiratet hatte, meine Mutter also, war ohne Zweifel überaus herrschsüchtig, geltungsbedürftig, ehrgeizig, kaltschnäuzig – und noch dazu unsauber! – gewesen. So das Urteil der Tante Pia, die meine Mutter nie gesehen hatte. Die hätte sich auch nur für ihre Karriere als Journalistin interessiert, die sie nun schließlich auch ins Zuchthaus gebracht hätte: ein Schicksal, das eine solche Frau nur zu Recht getroffen habe! Auch ‚Politik’ hätte diese Person ja nur gemacht, um besser ihren Liebschaften nachgehen zu können. So Tante Pia wieder und immer wieder. Offensichtlich hätte meine Mutter meinen Vater ja auch nie geliebt, wäre ihm nicht treu gewesen, und das einzige Kind hätte sie ja nur gewollt, um nicht in der Rüstungsindustrie arbeiten zu müssen.

Das traf mich besonders. War das der Grund meiner Existenz? Und war ich überhaupt nur darum als Person so verkehrt, weil ich eine so verkehrte Mutter hatte? Ich haßte sie dafür, dass sie so schlecht war und mich so allein gelassen hatte – und habe doch zugleich nach ihr und ihrer Liebe geweint. Ja, ich habe es schließlich geglaubt, das mit meiner Geburt. Als meine Mutter zurückkam, habe ich es ihr vorgeworfen. Es hat lange gedauert, bis sie mich überzeugte, dass es Lüge war.“

Als Studentin im Kriegseinsatz hatte Monikas Mutter sogar eine interessante Arbeit bekommen. Sie war als Prüfingenieurin angelernt worden und arbeitete in der Firma Telefunken in Erfurt im Endprüffeld der Rundfunkfabrikation.

„Natürlich, mein Vater sei nun gerettet, meinte Tante Pia. Denn in ihr habe er eine wirklich gute Frau gefunden. Doch zwei Probleme blieben: Was würde geschehen, wenn diese schlechte Person etwa zurückkommen sollte – trotz der fünfundzwanzig Jahre Strafe? Und: Wie sollte man die Entwicklung des Abkömmlings dieser schlechten Person zum Guten lenken? Denn für Tante Pia gab es keine Zweifel: Aus einer schlechten Wurzel kommt nur ein schlechtes Reis!

Heute weiß ich: In der streng katholischen Sicht der Pia hingen zwei große Flüche über dem Leben unserer kleinen Familie. Es war ihr eigener moralischer Zwiespalt, in ständigem Ehebruch zu leben – dazu noch mit einem evangelischen Mann! Und es war die Existenz einer minderwertigen Tochter von einer minderwertigen, ehr- und pflichtvergessenen Frau.“

Auch die Mutter, Betty Prüfer, erinnert sich – an die Briefe, die sie von ihrem Kind in die Zuchthauszelle hinein erhielt. Einer hat sich besonders tief in ihr Gedächtnis eingegraben. Eines Tages öffnete eine der besonders kalten und harten Wachtmeisterinnen ihre Zellentür, einen Brief in der Hand. Und ehe sie den herausgab, sagte sie, Mitleid in Stimme und Blick: „Sie wissen, ich bin Ihnen ja nicht eben freund. Doch sie tun mir leid! Ich bin ja selber Mutter.“ Und dann mußte die Gefangene lesen, was ihre kleine Tochter ihr zu sagen hatte:

„Schreibe mir doch nicht immer, du hast mich lieb! Wenn du mich wirklich lieb hättest, dann würdest du dich gut führen. Und dann hätten sie dich längst entlassen…“

Ob ein Kind von elf Jahren wohl selber solche Gedanken und solche Worte findet? Dass sie solchen Brief schrieb, daran erinnert sich Monika heute nicht mehr. Doch sie hat nicht vergessen, welche Fragen sie damals bewegten:

„Meine Mutter – wer war meine Mutter überhaupt? Alle Bilder, alle alten Briefe von ihr hatte mein Vater verbrannt. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, wie sie wohl aussah. Als sie mich in die Klinik geben mußte, war ich ja gerade zwei!

Niemand sagte mir jemals, dass sie in rechtswidriger Weise bei Ausübung ihres Berufes eingesperrt worden war. Keiner sagte mir, dass sie mutig für demokratische Prinzipien eingetreten war. Im Gegenteil, mit der Verhaftung war doch einer so bösen Person, die ‚Spionage getrieben‘ und ihre Familie vernachlässigt hatte, ganz recht geschehen, meinte ja meine Erzieherin Tante Pia. Dass sogar Spionage gegen die Sowjetunion – falls wirklich begangen! – eine Tat zum Schutze der Freiheit des Westens gewesen sein könnte – auch der Freiheit von Tante Pia! –,das kam keinem in den Sinn.

Mag sein, Tante Pia hat meinen Vater wirklich geliebt. Das zu beweisen bekam sie in späteren Jahren ausreichend Gelegenheit, als sie ihn vor seinem Tode lange pflegen mußte. Was sie tat, den ihr ins Nest gelegten Kukkuck zu einem ordentlichen Menschen zu erziehen, das tat sie jedenfalls aus Pflicht, wie sie sie verstand. Das sehe ich heute.“

„Tante Pia“ hat noch das Ende der Sowjetunion und den Zusammenbruch der DDR erlebt. Sie hätte erfahren können, dass die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation in Moskau inzwischen das Urteil gegen die ehemalige Frau Kerner, heute Prüfer, aufhob und die von ihr so übel verleumdete Frau als „ohne Schuld und Grund verhaftet“ rehabilitierte. Doch keiner hat es ihr gesagt. Es hätte ihr wohl auch nichts bedeutet. Was sie einem ihr anvertrauten Kinde angetan hatte, ist ihr wohl ebenfalls niemals klar geworden.

2 Unabhängig vom Datum der Verhaftung durften die SMTer im Sommer 1949 zum ersten Mal das erste Lebenszeichen geben – ohne Absenderadresse. Erst ein Jahr später, im Sommer 1950, wurden ihnen bei strengster Zensur monatlich fünfzehn Zeilen nachhause und eine ebenso kurze Antwort von dort erlaubt. Zensiert wurde radikal und zwar mit der Schere. So glichen die Briefe der Eltern, Kinder und Ehegatten häufig fragilen Scherenschnitten. Manchmal kamen sogar nur unzusammenhängende Textfragmente bei den Gefangenen an.

3 476 von 1.314 gefundenen SMTerinnen-Karteikarten wiesen die Frauen als Mütter von zumeist mehreren Kindern aus

2. Die Hölle hat viele Tore

Alle Wege führen nach Rom, sagt ein altes Sprichwort. Dieses Bild von einem einzigen Mittelpunkt der Welt, zu dem alle Wege führen, hat seinen Ursprung in der Antike. Ursprünglich bezog es sich auf Athen als Zentrum von Wissenschaft und Kultur. Dass Rom im Gedächtnis der Völker bald an die Stelle der griechischen Metropole trat, dankt es seinen Cäsaren. Deren imperiale Politik schmückte die Hauptstadt nicht nur mit allem materiellen Reichtum der alten Welt. Roma aeterna – das ewige Rom – wurde auch zum geistigen Erben Athens.

Um ein Reich zu regieren, das alle Teile der damals bekannten Welt umfaßte, bedurfte es guter, schneller Verbindungswege. So machte Notwendigkeit die römischen Ingenieure zu großen Straßenbauern. Bald führten also – auch im ganz wörtlichen Sinne – alle Straßen nach Rom als dem Zentrum der Herrschaft. Den römischen Legionen folgten Wissen und mediterrane Kultur in die nördlichen Provinzen des Reiches. Deshalb steht der Name Roms bis heute für mehr als nur für Eroberung und Macht.

Als der römische Kaiser Konstantin um 330 n.Chr. Residenz und Regierungssitz von Rom nach Byzanz verlegte, gab er der neuen Hauptstadt – einem ehemaligen uralten griechischen Handelsplatz am Bosporus – nicht nur seinen Namen. Auf die neue Metropole Konstantinopel ging nach Konstantins ausdrücklichem Willen sowohl die reale Macht, wie auch der Nymbus der alten Hauptstadt über. So entstand im Osten des Reiches das „Zweite Rom“. Der Name war zu einem Ehrentitel geworden, doch zu einem, an dem ein realer Machtanspruch hing.

Als die Zeit der Römer zu Ende ging, nahm Konstantinopel wieder den alten Namen an. Doch Byzanz – und das Reich von Byzanz, wie es sich nannte – blieb das Zweite Rom – in seinem Selbstverständnis und in dem der Welt. Es bewahrte beides, die Macht und den Geist des ersten. So wurde Byzanz zur Heimstatt vieler Kulturen. Wissen und Kunst des Orients fanden von hier aus ihren Weg in die Mitte Europas. Und noch im Untergang, unter dem Ansturm der Türken, machte das Zweite Rom der Welt sein vielleicht größtes Geschenk: Die griechischen Gelehrten, die 1453 aus dem von den Türken eroberten Konstantinopel flohen, brachten die klassischen Überlieferungen der Antike nach Italien zurück. Die große Epoche der Renaissance nahm ihren Anfang.

Neben Rom war Konstantinopel-Byzanz das wichtigste Zentrum der Christenheit. So kamen vom Stuhle des Patriarchen die Missionare, die den Völkern Rußlands das Christentum brachten. Aber das griechisch-orthodoxe Bekenntnis kannte nicht – wie die lateinische Kirche – die Trennung von Thron und Alter. Das gab der engen religiösen Verbindung zwischen Byzanz und Moskau eine politische Dimension. Diese prägte das russische Staatsverständnis, das etwa zur gleichen Zeit entstand, wie die Macht von Byzanz zerbrach. Ein Mönch aus Pskow – sein Name war Filofei, Philotheos in griechischer Form – formulierte um 1510 den entscheidenden Satz, der Jahrhunderte überdauern sollte. Etwa siebenunddreißig Jahre vor Iwan Grosnys / des Schrecklichen Krönung zum ersten russischen Zaren schrieb dieser Filofei über Moskau, den künftigen Regierungssitz: „Zwei Rome sind gefallen, aber das Dritte besteht – und ein Viertes wird es niemals geben!“

Im Fortgang der Geschichte nahm die ursprünglich religiöse Idee immer stärker die Farbe politischen Sendungsbewußtseins an. An der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts griff dieses – mit dem Panslawismus – schon einmal weit über Rußlands Grenzen hinaus. Und glaubten nicht auch die „Roten Zaren“ wie die Kommunisten in allen Ländern, in Moskau habe das Heil der Welt seinen Sitz und die Moskowiter handelten im Auftrage der Geschichte, dieses Heil aller Welt zu bringen? Die Hauptstadt der Sowjetunion sei „der Mittelpunkt der Welt“, erklärte noch 1975 in vollem Ernst ein höherer politischer Funktionär in Moskau einer erstaunten Deutschen. Sein Großvater hatte mit Lenin in der Verbannung gesessen. Über die Zeitläufe hin blieb also der Mythos lebendig.

Doch über Rom und über das Zweite Rom als Vermittler hatten einst die großen Kulturen der Völker zueinander gefunden. Auf den Straßen, die das Rote Dritte Rom mit der Welt verbanden, marschierte nur der Terror einher, und hinterdrein schlich die Angst! Das Grauen dehnte sich aus, so weit nur die Bajonette der Rotarmisten sowjetische Machtansprüche stützen konnten.

Für das, was seit 1917 in Rußland geschehen war und nun außerhalb seiner Grenzen begann, fanden der Russe Alexander Solschenizyn und der deutsche Dichter Heiner Müller kein besseres Bild als jenes, das Dante einst in seiner „Göttlichen Komödie“ beschrieben hatte: das Inferno der Verdammten, die Hölle. Solschenizyn, der den GULag am eigenen Leibe erlebte, wußte genau, wovon er schrieb. Doch auch Heiner Müller, dem erfolgreichsten Stükkeschreiber der DDR, floß später ein solcher Vergleich mit Dantes großem Schauergemälde in die Feder.

Eingefangen

Wie einst im eigenen Lande taten Stalins Schergen auch im besetzten Osten Deutschlands Tore zu vielen Höllen auf – zu unzähligen neuen Stätten der Qual und des Sterbens, aber auch zu alten, bekannten: den – scheinbar, angeblich – eben geschlossenen Hitler-KZs.

Der Weg dahin konnte sehr kurz sein. Für Angelika Tabbert, Pharmaziestudentin in Ostberlin, war er nicht weiter als bis zur nächsten Haltestelle des Busses, mit dem sie täglich zur Arbeit und abends nach Hause fuhr:

„Es war am 5. März 1947 in Ostberlin, in Pankow, wo ich großgeworden bin. Draußen lag Schnee, der vor Kälte knirschte. Deshalb hatte ich wenigstens einen Mantel an. Das hat mir später sehr geholfen, in Sachsenhausen.

Ja, also – meine Verhaftung. In Berlin-Niederschönhausen machte ich gerade mein Apotheken-Praktikum. Morgens und abends benutzte ich den Bus dorthin. Wie ich später herausfand, wußten sie, um welche Zeit ich an der Haltestelle stehe, weil sie mir wochenlang eine Spitzelin auf den Hals gehetzt hatten. Da haben sie mir aufgelauert und mich einfach von der Straße, von der Haltestelle weggeschleppt. Es waren drei Männer – nein, mehr! Sechs Russen müssen es wohl gewesen sein. Richtig ein ‚Großer Bahnhof‘! Die Kerle haben mich gepackt und buchstäblich kopfüber in das Auto gezerrt. Weg war ich. Meine Mutter hatte mindestens zwei Jahre überhaupt keine Ahnung, wo ich abgeblieben war! Ich kam einfach abends nicht wieder nach Hause – ohne einen Ton, ohne irgend ein Lebenszeichen.

Ach ja – natürlich habe ich getobt und aus Leibeskräften geschrien: ‚Ich will zur deutschen Polizei!’ – Aber die zerrten mich da einfach rein, kopfüber ins Auto – und ab. Dass ich mich so gewehrt habe, war aber trotzdem ganz gut. Dadurch waren Passanten aufmerksam geworden. Irgend jemand, der mich gar nicht kannte, hatte alles genau beobachtet und brachte es unter die Leute. Er muß mich sehr gut beschrieben haben.

Die Geschichte wurde wahrscheinlich dann im ganzen Stadtteil Gespräch. Jedenfalls, wie die Story von Mund zu Munde herumging, kam sie auch an eine Bekannte meiner Mutter. Was, hat die sich gesagt – wie hat das Mädchen ausgesehen? So und so? – Das ist doch Trudes verschwundene Tochter! Und ist gleich zu meiner Mutter gerannt: ‚Weißt du, wo Angelika ist? Die Russen haben sie geholt!’ – Daran konnte sich meine Mutter nun klammern. Aber ein rechter Trost ist das ja nun auch nicht gewesen, nicht wahr? Denn zwei Jahre hatte sie eben doch keine Ahnung, wo ich nun abgeblieben war. Erst im Sommer 1949 konnte ich aus Sachsenhausen zum ersten Mal ein Lebenszeichen geben. Und erst neuneinhalb Jahre später, genau auf den Tag, kam ich wieder nach Hause.“

Bleibt die Frage, was Angelika verbrochen hatte. Ihre Geschichte ist schnell erzählt:

„Am 5. März 1947 war ich verhaftet worden, am 5. September stand ich vor dem Kriegsgericht: Dwazadj ljet – Sibir! Zwanzig Jahre Sibirien wegen Spionage nach § 58 des Sowjetischen Strafgesetzbuches, hieß es da kurz und bündig. Und wofür? Ich war damals in einer Apotheke tätig und habe natürlich die Abführpillen und die Hustentropfen ausspioniert! – Ja, so lächerlich das klingt – aber die Anklage war auch nicht viel seriöser.

Mein Chef, der Besitzer der Apotheke, war Morphinist, was ich damals noch nicht einmal wußte. Aber dass er ganz böse, dunkle Schiebereien mit Medikamenten machte, war gar nicht zu übersehen. Um einen Mitwisser seiner krummen Geschäfte loszuwerden, hat er mich an irgend so einen Kommunisten verklingelt. Das war der Hauptgrund meiner Verhaftung.

Als Vorwand bot sich an, dass ich einen Engländer kannte. Er war ein biederer Familienvater in mittleren Jahren, ein bißchen dicklich und gar nicht so, wie man sich einen Engländer vorgestellt hat. Kennengelernt hatte ich ihn auf dem Schwarzen Markt. Denn ich rauchte damals schon, und die paar Zigaretten, die auf Bezugskarte zugeteilt wurden, reichten nicht hin und nicht her. So versuchte ich also, Zigaretten schwarz zu kaufen, und sprach diesen Mister Sowieso an. Er wollte mir welche schenken, aber das wollte ich nun wieder nicht. Woher ich denn so gut Englisch könnte, wollte er dann wissen. Ich konnte Englisch damals wirklich gut. Von neun Jahren Schulunterricht, sagte ich, und so gab ein Wort das andere, bis er bat, mal zu mir nach Hause kommen zu dürfen. Denn das war’s, weshalb er da so herumging: Er wollte gerne eine deutsche Familie kennenlernen.

Meine Mutter war einverstanden, und so kam er zu uns nach Hause, und wir spielten Rommé. Da er beim Kontrollrat Dienst tat, hatte er keine Probleme, in den Ostsektor Berlins zu kommen. Er ließ sich mit dem Wagen bringen und auch wieder holen. Die Stadt war ja damals sowieso noch völlig offen und ungeteilt.

Der Zufall hatte es gefügt, dass in unserem Sechs-Familien-Haus auch ein Russe einquartiert worden war, Ingenieur und jetzt Demontage-Offizier, auch nicht mehr ganz jung. Der kam auch zu uns herunter – und so hatten wir beim Rommé nun England, Deutschland und Rußland zusammen. Wir haben uns alle recht gut verstanden.“

Wer die Zeichen der Zeit zu lesen verstand, konnte im zweiten Jahr nach der deutschen Niederlage kaum noch übersehen, dass das Verhältnis der einstigen Alliierten zueinander erhebliche Risse bekommen hatte. Das bedeutete Gefahr für eine Völkerfreundschaft am Rommé-Tisch, der im Sowjetsektor stand. Hätte Angelika, hätte ihre Mutter, eine ältere Dame, das erkennen müssen? Beide hatten auf Politik nie einen Gedanken verwandt. So erinnert sich Angelika an jene Zeit:

„Ich ging früh in die Apotheke, wo ich jetzt Praktikantin war, und kam abends stracks nach Hause zu meiner Mutter zurück. Und da spielten wir dann ein bißchen Rommé oder dies und das und beschäftigten uns miteinander. Wie es politisch stand, erfuhr ich eigentlich erst in der Untersuchungshaft.“

In der ersten Vernehmung kam es deshalb zu einer fast komischen Szene. Denn auf den Vorwurf der Spionage, den man ihr machte, sagte sie anfangs im vollen Ernst:

„Was wollen Sie denn eigentlich von mir? Sie alle vier sind doch Verbündete, Alliierte!“

Angelika berichtet weiter:

„Ja, nun hatte mein Chef mich also denunziert, dass ich Kontakt mit Engländern hatte. Daraufhin hatten mir die Russen dann wochenlang eine deutsche Spitzelin auf den Hals geschickt. Eine Spitzelin – ja, eine Spitzelin war sie – auch wenn ich sie ja irgendwie verstehen konnte. Sie war mit einem SS-Mann verheiratet gewesen, der verschollen war. Nun saß sie da mit vier kleinen Kindern, die sie alleine durchbringen mußte. Diese Frau haben sie in die Mangel genommen. Wenn sie keine Leute bringen – also denunzieren – würde, dann würde man sie selber dabehalten. Und das bei vier unversorgten kleinen Kindern! Was soll man da sagen?

Ob es einen Haftbefehl gab? Keiner hat mir einen gezeigt. Ob ich später einen unterschrieben habe? Was weiß ich! Ich mußte ja vieles unterschreiben – in Russisch, was ich gar nicht lesen konnte. Dolmetscher? Natürlich gab es die. Aber was für welche! Die beherrschten ja kaum ihre eigene Muttersprache!“

Dolmetscher, Übersetzer einer großen Besatzungsmacht, die nicht einmal die eigene Sprache sicher beherrschten? Ob es das wirklich gegeben hat? Eine Moskauerin, Russin, Dolmetscherin für Deutsch, darf sicher als unverdächtige Zeugin gelten. Als ihr 1993 zum ersten Mal alte Vernehmungsprotokolle vor die Augen kamen, brach es spontan aus ihr heraus: Dieses Russisch sei so primitiv und so fehlerhaft, dass sie sich dafür schäme! Schwere sprachliche Mängel im Russischen waren beileibe kein Einzelfall, von den Übersetzungen ins Deutsche gar nicht zu reden.

Spitzel säumten auch weiter Angelikas Weg, dessen erste Station in einem Keller lag. Wahrscheinlich war das in der Schönholzer Straße in Ostberlin, gleich hinter dem Rathaus von Pankow.

„Es war in einem GPU-Keller, also einem stinkenden Kellerloch – ohne Decke, ohne Matratze, ohne alles! Kein Tisch, kein Stuhl, nur so eine Art Liege aus Brettern. Auf dem nackten Holz haben wir dann rumgelegen. Was natürlich auch verboten war. Am Tage durften wir nicht schlafen. Aber ich hatte es ganz schön raus: Beine angezogen, Kopf drauf, und wenn die da rumschlichen draußen, die Posten, da habe ich so mehr oder weniger im Halbschlaf in den Spion geglotzt. Und dann gingen die wieder vorbei.

Nachts war mit Schlafen auch nicht viel. Da mußten wir zum Verhör, d.h. ich. Die andere, mit der ich zusammenlag, war auch eine Spitzelin. Aber das merkt man ja immer zu spät! 51 Vernehmungen habe ich gezählt, 51mal nachts kein Schlaf und auch am Tage nicht. Und immer wieder runter in dieses stinkende Ding, das überhaupt keine Lüftung hatte. Ein tiefer Schacht, das Kellerfenster lag unten. Und oben waren Zementplatten draufgelegt – so, wie man heute Kellerschächte mit Betonplatten gegen Diebe sichert. Ich habe mich gewundert, dass ich das überhaupt ausgehalten hab – kein Strahl Tageslicht, keine Luft – und das vier Monate lang!

Ja, und dann wollte ich türmen. Ich merkte, ich wurde immer schwächer und schwächer. Die Spitzelin hat mich immer noch animiert, weil sie sich eine goldene Nase verdienen wollte. Regelrecht angetrieben hat sie mich, dass ich es auch ja versuche. ‚Mensch, mach! Hier krepierst du doch!‘ hat sie immer gesagt. Das sah ich genauso. Wir kriegten ja auch kaum was zu essen. Einen Liter Brühe gab es täglich – aber nichts als saures Wasser war das. Kein Gramm Fett, kein Fetzchen Fleisch! Ein paar Kohlblätter schwammen drin rum.

Mein Fluchtplan war ganz einfach, und ich hatte wirklich eine Chance – wenn es eben nicht verraten worden wäre. Wir mußten kübeln gehen, das heißt, einmal am Tage gingen wir die Blechkübel leeren, die uns das Klo ersetzten. Zum Kübeln ging es die Kellertreppe rauf in den Hausflur. Das war ein offener Durchgang zur Straße, der nur von einem Posten gesichert wurde. Ich dachte, wenn du da durchwetzt, dann kommst du eventuell raus. Die Gegend kennst du ja.

Die erste Möglichkeit zur Flucht ließ ich ungenutzt vergehen, da habe ich mich noch nicht recht getraut. Bei der zweiten Gelegenheit hatte ein anständiger Posten Dienst. Dem wollte ich keine Schwierigkeiten machen. Der dritte Posten, bei dem ich es dann probierte, war ein Schuft. Da wäre es nicht schade drum gewesen. Aber an dem Tage, an dem ich es nun versuchte, waren durch den Verrat die Posten verdreifacht worden! Ich sehe das und denke: ‚Trotzdem! Jetzt oder nie! Sollen sie doch schießen!’ Aber sie schossen nicht. Der eine stellte mir ein Bein, der zweite kriegte mich im Genick, und dann … wie eine nasse Katze reingeschleift, die Treppe runtergeschmissen …

Der Posten, bei dem ich fliehen wollte, hat mich dann auch verwalkt. Dass der nicht gerade rosig auf mich gesonnen war, konnte ich sogar verstehen – wo ich doch den vollen Schietkübel nach ihm geschmissen hatte, um ihn außer Gefecht zu setzen! Ach ja, noch was: Bei der Dresche ist mein Steißbein etwas ramponiert worden. Weil ich so fürchterlich mager geworden war, stand das jahrelang wie so ein kleiner Schwanz hinten raus.“

Eine beherzte Person und hart im Nehmen. Auf die Frage, ob auch die Vernehmer sie geschlagen hätten, nur die trockene Antwort:

„Nein. – Ach doch, ja. Aber das war nicht schlimm. Einmal hat er mir eine Akte auf den Kopf gehauen. Einmal zack! – Ich habe ja auch nur zwanzig Jahre gekriegt.“

Die Verurteilung fand in Lichtenberg statt. Auf dem Transport dorthin sah die Gefangene zum ersten Male nach Monaten wieder Tageslicht. Durch einen Fensterspalt konnte sie sogar verfolgen, wohin der Wagen fuhr: am Stadtrand entlang und durch Gärten, in denen Johannisbeeren reiften. Juni oder Juli mußte es also inzwischen geworden sein. Was für ein Wochentag, was für ein Datum? Sie wußte es nicht. Denn in dem dunklen Kellerverlies hatte sie längst jedes Zeitgefühl verloren.

Nach vier Monaten in solch einem Kellerloch erschien das Gefängnis Lichtenberg ihr jetzt wie das reinste Dorado:

„Ich kriegte sogar eine Decke! Vorher hatte ich nämlich gar nichts gehabt. Ich konnte mich nur in meinen Mantel rollen. Das war alles! Jetzt waren zwei hölzerne Liegen in der Zelle. Zu viert haben wir da quer gelegen, mit angezogenen Knien, ineinander verschachtelt. Da konntest du zwar nicht aussteigen, denn die Zellen waren zu schmal. Die Liegen füllten sie von Wand zu Wand fast völlig aus. Aber man hatte wenigstens eine Unterlage, so eine Art Matratze, nicht nur das nackte Brett wie vorher im Keller. Wir lagen jetzt im dritten Stock, hatten Schuten aus Holz vor den Fenstern. Wenn die auch bis oben hin an den Fensterrand reichten – ein bißchen Tageslicht kam ja trotzdem rein. Nachts brannte in Lichtenberg allerdings immer helles Licht. Deshalb kam man kaum in richtig tiefen Schlaf.“

Wann sie verurteilt wurde – am 5. September 1947, ein halbes Jahr nach der Entführung – das erfuhr Angelika erst jetzt durch die Rehabilitation. Und wofür sie ihre zwanzig Jahre bekommen hatte? Tatsächlich wegen Spionage. Die Begründung dafür hatte die Spitzelin aus dem Keller geliefert:

„Louise hieß sie, die da mit mir zusammen in der Zelle gewesen war. Die hatte versucht, mich auszuhorchen. Nur war nichts zu horchen, ich hatte ja überhaupt nichts getan. Und da hat sie gesponnen. Ja, hat sie den Vernehmern berichtet, ich hätte erklärt, ich wäre eine große Spionin, aber das würde ich niemals zugeben. Diese Spitzelausage kam nun ins Protokoll. Aber das wußte ich nicht. Das habe ich erst später gemerkt. Denn man hat mir zwar vorgelesen, was – angeblich – im Protokoll stand – d.h. man übersetzte es ins Deutsche. Von ‚großer Spionin’ war da nicht die Rede. Aber das, was ich unterschreiben mußte, war Russisch, in kyrillischer Schrift. So konnte ich eben selber gar nicht lesen, was ich eigentlich unterschrieb. Ich mußte einfach unterschreiben und tat dies auch. Denn ich wollte da nun endlich rauskommen! Ja, und so habe ich eben etwas ganz anderes unterschrieben, als was die mir vorgelesen haben.

Spionin! Große Spionin – bolschaja Spionka! – das sagte der Posten immer zu mir, den ich nicht ausstehen konnte. Es war so einer mit grünen Augen. Der riß immer die Tür auf zu unserem Kellerloch. ‚Bolschaja Spionka!‘ Und dann diese üblichen Flüche, die sie immer so sagten.

Die Louise war, glaube ich, zum 1. Mai freigekommen für ihre Spitzelei. Nachher wurde sie mir noch mal gegenübergestellt, als ich in Lichtenberg mein Urteil kriegte. Ich hatte keine Brille auf, und ohne Brille sehe ich ja schon gar nichts. Sie war aufgedonnert bis dorthinaus, dass ich sie gar nicht erkannte. ‚Kennen Sie mich?‘ Ich sage: ‚Nee.‘ Louise hat dann gesagt, wie es mit mir – angeblich – war, und ich habe dann gesagt, wie es wirklich war. Na, und dann haben wir das über Kreuz irgendwie unterschrieben, dass ich praktisch den Unsinn, den sie über mich erzählte, auch mit unterschrieben habe. Aber eben in Russisch. Es blieb mir ja gar nichts anderes übrig! Ich wollte nicht noch kaputt geschlagen werden – wie so viele von unseren Männern!“

Angelika wurde aus dem Osten, aus Ostberlin entführt. Aber auch im Westen Berlins zu wohnen, bot keine Sicherheit vor dem Zugriff des NKWD. Drei Jahre später, im Oktober 1950, spielte sich in der Harzer Straße in Berlin Neu-Köln eine ähnliche Szene ab. Das Opfer war eine zierliche junge Frau von 27 Jahren, Claudia Mühlstein:

„Die Grenze zum sowjetischen Sektor lief genau in der Straßenmitte. Später zog sich hier die Mauer lang. Aber ich bin ja lange vorher, schon 1950, verhaftet worden, viele Jahre vor dem Mauerbau. Damals standen da große Schilder: ‚Caution! You are leaving the American sector!’ -’Achtung! Sie verlassen den amerikanischen Sektor Berlins!’ Oder so ähnlich.

Ja, sie haben mich richtig weggefangen – wie ein Tier, dem man auflauert. Eingefangen. Einfach so, von der Straße weg.

Ich wollte ausgehen, ins Theater war es, glaube ich. Komme aus dem Haus auf die Straße, und neben mir fährt ein Auto. Und hält. Ein paar Männer in Zivil springen raus, ziehen mich rein und fahren sofort in den Ost-Sektor rüber, nach Hohenschönhausen. Dort wurde ich das erste Mal vernommen. Und dann ging es weiter nach Weimar“.

Die Reise führte schließlich noch weiter und sollte erst in Sibirien ihr Ende finden. Mehr als fünf Jahre wurde die zierliche Claudia dort bei schwerster Zwangsarbeit – Bäume fällen – festgehalten. Warum und wofür? Die Westberlinerin hatte für ihren im Osten wohnenden Cousin ein paar mal Briefe in Westberlin befördert. Den Inhalt kannte sie nicht. Wohl hätte sie sich denken können, dass die Post kaum ein Lob der Methoden enthalten würde, mit denen die Sowjets in ihrer Zone hausten, dass sie die östliche Propaganda als freche Lügen entlarven könnten. Denn Claudias ganze Familie – in Ost wie in West – war entsetzt und empört über die Vorgänge in der SBZ, wie man die Sowjetische Besatzungszone damals überall nannte. Aber können, dürfen Gedanken ein Grund zu Verfolgung und Verurteilung sein, sogar über Grenzen in fremdes Hoheitsgebiet hinein? Claudias Cousin, der Schreiber der Briefe in der Sowjetischen Besatzungszone, wurde übrigens weniger hart bestraft als sie – obwohl ja die Sowjets allenfalls ihn als ihr „Subjekt“, das heißt, als einen „Gehorsamspflichtigen“ hätten betrachten können.

So kurz der Weg ins Unglück für Angelika Tabbert und Claudia Mühlstein gewesen war, so weit sollte er sich für Agnes Globa strekken. Viele Kilometer führte er sogar über westdeutsche Autobahnen. In Westdeutschland hatte der Fall schließlich auch sein gerichtliches Nachspiel, nachdem Frau Globa im Frühjahr 1954 aus Hoheneck entlassen worden war. Ein vergilbtes Zeitungsblatt aus der GÖTTINGER ZEITUNG vom 25. Mai 1955 erzählt die Geschichte, die man kaum für wahr halten möchte: „Menschenraub nach acht Jahren gesühnt. – Ehemaliger Polizist um Mitternacht im Gericht verhaftet“, heißt es da. Und weiter:

„Über acht Jahre, nachdem das schwere Verbrechen des Menschenraubes an der Zonengrenze bei Walkenried begangen worden ist, konnte es jetzt gesühnt werden. Der damalige Polizeimeister in Walkenried, Hermann J., wurde jetzt von der Großen Strafkammer in Göttingen (…) wegen Beihilfe zur erschwerten Freiheitsberaubung zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt und um Mitternacht, als das Urteil verkündet wurde, sofort im Gerichtssaal verhaftet. – Erst nachdem die heute 44jährige Verschleppte nach über siebenjähriger grauenvoller Haftzeit (…) zurückgekehrt ist, konnte sie diesen Prozeß in Gang bringen.“

Mit zwei Jahren und sechs Monaten billig davongekommen! Denn was wiegt eine solche Strafe gegen Frau Globas viele Jahre unter der Knute des NKWD, später der Volkspolizei der DDR? Aus den mehr als sieben Jahren, die sie in deren Zuchthäusern zubringen mußte, hätten leicht sogar volle fünfzehn werden können. Denn fünfzehn Jahre hatte das Sowjetische Militär-Tribunal 1947 verhängt.

Was in der GÖTTINGER ZEITUNG nicht zu lesen stand: Die lange Haft hatte die Gesundheit der damals noch jungen Frau und Mutter nachhaltig untergraben. Zur kaputten Wirbelsäule kamen Rheuma und eine chronische Blasenerkrankung. Beides gehört zu den typischen Folgen jener unsäglichen Lebensverhältnisse, denen die Gefangenen bei Russen und DDR-Organen jahrelang ausgesetzt waren. Ein Leben lang davon behindert und von Schmerzen geplagt, war die inzwischen Verstorbene schon viele Jahre vor ihrem Tod zu einer schwerkranken, ganz an das Haus gefesselten Frau geworden.

Auch sie hatte damals zwei kleine Kinder verlassen müssen, etwa im gleichen Alter wie bei vielen Verhafteten ihrer Generation. Der Ältere war zehn, und der Kleine hatte gerade das zweite Lebensjahr begonnen. Ihren Fall und ihre Verhaftung erinnert Frau Globa so:

„Ich war in einem kleinen Ort mitten in Deutschland zu Hause, der jetzt, nach dem Ende des Krieges, plötzlich an einer Grenze lag. Interzonengrenze nannte man das damals. Wir waren auf der östlichen Seite, nicht weit von Walkenried, das nun ‚Westen‘ war.

Mein Mann war noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Das Leben war schwierig. Die zwei kleinen Kinder – ich wußte kaum, wie ich sie satt kriegen sollte. Die Lebensmittelkarte für Hausfrauen? Ach, was es auf diese Karte gab, war zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig! Und arbeiten gehen konnte ich ja nicht – wer hätte denn auf die Kinder aufpassen sollen? Alle meine Verwandten waren ja jetzt, obwohl sie eigentlich gar nicht weit weg wohnten, ‚drüben’, im Westen. Um mir die Kinder zu hüten, waren sie jedenfalls unerreichbar, seit die Grenze mitten zwischen uns durchging.

Kurz und gut, ich fühlte mich ziemlich allein. Dann zog auch noch die russische Kommandantur in mein Haus. Das gab den letzten Anstoß dazu, dass ich die Kinder nahm und über die Grenze zu meinen Verwandten in den Westen ging. Über die ‚grüne‘ Grenze natürlich – anders ging es ja nicht. Es gab ja keinen regulären Reiseverkehr.

Eines Tages kommt dort, wo ich jetzt wohnte, der Walkenrieder Polizist in unser Haus. Walkenried war jetzt, wie gesagt, der westliche Grenzort. Ich kannte den Mann schon lange. Er erzählt mir etwas von einer Zeugenaussage, zu der ich unbedingt gebraucht würde. Es war alles ein bißchen unklar, ja. Aber er drängte und drohte, wenn ich nicht mitkäme, würde er mich von der westdeutschen Polizei zwangsweise hinbringen lassen. Denn Zeugenaussagen seien Pflicht. Und so setzte ich mich schließlich doch in sein Auto und fuhr mit. In Walkenried angekommen, ging es plötzlich direkt an die Grenze. Und ehe ich mich versah, hatten sie mich hinüber geschoben, und Russen nahmen mich in Empfang. Für Wodka hatte er mich an sie regelrecht verkauft.

Das war 1947. Und 1954 bin ich erst wieder aus der Gefangenschaft zurückgekommen. Sie hatten mir Spionage angehängt. Für was? Wohl, weil ich nach dem Westen gegangen war aus einem Haus – aus meinem Haus! –,in das die russische Kommandatura eingezogen war. Jedenfalls – ich war die einzige in meinem ‚Spionage-Fall’, den es doch gar nicht gab. Fünfzehn Jahre habe ich dafür bekommen.

Ach ja, und ‚Antisowjetische Propaganda’ war ja auch noch dabei. Sie hatten wohl in meiner Wohnung den Text gefunden, der damals überall umging: ‚Deutschland, Deutschland ohne alles, ohne Wurst und ohne Speck. Und das bißchen Marmelade frißt uns noch der Iwan weg…’. Wie es weiterging, weiß ich nicht mehr. War ja aber auch wahr. Die Leute haben gehungert, dass die Schwarte krachte. Dass meine Kinder hungerten und ich mir keinen anderen Rat mehr wußte, war ja auch der Grund, dass ich zu den Verwandten in den Westen gegangen bin.“

Ein altbeliebter Trick, um Menschen zu fangen, sind gefälschte Telegramme. Auch Lina Keßler, Krankenschwester in München, wurde so in die SBZ, wo ihr Elternhaus stand, zurückgelockt: Ihre Mutter liege im Sterben! Sie kam ohne Überlegen. Wer keine geheimen Dinge tut und nichts zu verbergen hat, hegt ja nicht leicht den Verdacht, dass ihm eine Falle gestellt werden könnte. Doch damals, jedenfalls in der östlichen Hälfte Deutschlands, konnte solch freundliches Menschenvertrauen leicht lebensgefährlich werden.

Auch der jungen Berlinerin Hatti Küster wurde Vertrauensseligkeit zum Verhängnis. Vor Ausbruch des Krieges hatte sie noch ihre kaufmännische Ausbildung abschließen können. Aber der Krieg ließ ihr dann keine berufliche Chance, wie den meisten jungen Leuten des Jahrganges 1922. Jetzt, Ende 1946, begannen die Lebensverhältnisse sich langsam wieder zu normalisieren. Nun konnte sie endlich versuchen, sich eine wirtschaftliche Existenz zu schaffen. Da kam ihr ein Angebot aus Sachsen gerade recht. Ein kosmetischpharmazeutischer Betrieb in Pirna suchte eine Einkäuferin in Berlin. Auch ein Vertriebsnetz sollte aufgebaut werden.

Der sächsische Unternehmer, der Frau Küster engagierte, war in der Nazizeit selber im KZ gewesen. Als Abteilungsleiter in einem großen Betrieb hatte er dienstverpflichtete französische Arbeiter ‚zu gut behandelt’. Eigentlich hätte die erlittene Verfolgung durch die Nazis ihn auch in der Besatzungszone der Sowjets vor neuen Repressalien schützen sollen. Aber die Kommunisten verziehen ihm nicht, dass er zwei Männer in seiner Firma beschäftigt hielt, die als ‚Nazis’ auf ihrer Liste standen. Würde er die nicht ‚feuern’, werde ihm der Betrieb geschlossen, drohten ihm die Behörden. Hatti Küster vermutete damals:

„Die beiden waren offenbar enge Freunde von ihm und sicherlich keine Nazis, wie die Kommunisten behaupteten. Jedenfalls hat er zu mir gesagt, wahrscheinlich wird es so kritisch werden, dass ich meine Firma in Pirna aufgeben muß.

Seine Frau war Französin. Deshalb bekam ihr Kind Pakete vom Französischen Roten Kreuz. Eines habe ich am Kurfürstendamm, wo die Stelle war, mal abgeholt für den Kleinen. Ja, und jetzt habe ich nun auch rumgeforscht, wie ich dem Manne sonst noch behilflich sein könnte, wenn es mit der Firmenaufgabe ernst werden sollte.

Ich besuchte damals noch eine Dolmetscherschule für Englisch in der Reinecke-Straße. Ein gewisser Dr. Paul, der da auch Englischunterricht nahm, arbeitete als deutscher Zivilangestellter im Hauptquartier der Franzosen in Berlin, dem sogenannten Quartier Napoléon. Diesem Mann habe ich mal erzählt, was mein Chef für Probleme hat. Da sagte er, ‚Na, da könnte ich helfen. Da muß ich mal mit meinem Chef sprechen. Wenn der in Pirna also in Not gerät …’

Es verging wieder eine Zeit. Dann habe ich nach Pirna geschrieben, also, es wird eine Möglichkeit geben. Ich habe jemanden, der wird uns helfen. Und dieses Gespräch, dieser Kontakt war der Anlaß für meine Verhaftung.“

Ein Umzug von Ost nach West, vor allem nach Westberlin, wäre damals nicht ohne weiteres möglich gewesen. Es bedurfte in jedem Fall einer Zuzugsgenehmigung, und die war nicht leicht zu erlangen. Denn Berlin war weithin zerstört. Um einen ganzen Betrieb zu verlagern, waren noch manch anderen Hürden zu überwinden. Ohne die Zustimmung der Besatzungsmacht, die jeweils in ihrem Sektor zuständig war, wäre gar nichts gelaufen. So erwies es sich als Chance, dass Dr. Pauls Kontakte zu Westberliner Besatzungsämtern einige Türen öffnen konnten. Alles in allem ging es um eine offene, harmlos-zivile Angelegenheit, wie sie auch heute nichts Ungewöhliches wäre – mit dem Unterschied allerdings, dass heute keine Erlaubnis irgend einer Besatzungsmacht mehr eingeholt werden muß.

So also war die Lage damals. Eines Tages dann plötzlich Hatti Küsters Verhaftung:

„Die haben mich förmlich weggelockt – am Kurfürstendamm, wo ich wohnte – richtig weggefangen. Es war so: Eines schönen Tages kam ich gerade von einem geschäftlichen Gang nach Hause. In Reinickendorf hatte ich eine Firma besucht. Meine Mutter empfing mich :’Du, da war ein junger Mann hier, der wollte dich sprechen. Er kommt nachher nochmal, hat er gesagt.’ Dann kam er tatsächlich. Später habe ich herausgefunden, es war schon einer vom NKWD. Aber er war in Zivil.

Ja, sagte dieser junge Mann, also der Dr. Paul wolle mich mal sprechen. Aber er sei sehr in Eile gewesen und deshalb nicht dazu gekommen, mir Bescheid zu sagen. Jetzt säße er da und da in einem Lokal – das ich kannte – und warte dort auf mich. Er sei gebeten worden, mich da hinzubringen.

Ja – ich bin wirklich mitgefahren. Warum sollte ich auch nicht? Der Mann wollte mich ja zum Treffen mit jemandem fahren, eben dem Dr. Paul, den ich inzwischen wirklich gut kannte. Wahnsinn, dass ich freiwillig ins Auto eines mir fremden angeblichen Boten einstieg, denke ich heute. Freiwillig!“

Man schrieb 1947, die Grenzen zwischen allen Sektoren Berlins waren offen. Jeder konnte ungehindert aus den westlichen in den östlichen, den sowjetisch besetzten Teil Berlins gelangen und umgekehrt. Welchen Nutzen die Sowjets aus dieser Regelung zogen, welche Gefahr für die Bewohner der westlichen Teile der Stadt darin lag, das drang erst sehr langsam und viel zu spät ins Bewußtsein der westlichen Öffentlichkeit. Und so nahm das Unheil seinen Verlauf:

„Im Auto warteten ein paar Männer, zwei vorne, einer hinten. Kaum dass ich drin saß, fuhren sie los. Ich dachte mir noch immer nichts Böses. Wie hätte ich auch? Es gab doch in meinem Leben nichts, was mir jetzt hätte Angst machen können! Wir haben uns noch über Gott und die Welt unterhalten dahinten im Auto. Ich achtete gar nicht darauf, wohin es ging.

Plötzlich hielt der Wagen, ein Russe stand da: Sektorengrenze, Paßkontrolle. Alle gaben ihm ihren Ausweis hin und ich auch, aber meinen behielt er. ‚Da stimmt was nicht’, sagte er. Und ich mußte rein zur Kommandantur. Da saß ich dann allein im Zimmer. Nach vielleicht einer halben Stunde kam endlich einer. ‚Mein Gott, was ist denn los?’, habe ich ihn gefragt. ‚Ich muß wieder weiter’. Und da antwortet der ganz kühl: ‚Nix weiter. Du bleibst jetzt hier!’ Dr. Paul sitzt unten, hat er gesagt, und ‚Nix mit nach Hause!’“

Sieben Jahre sollte es dauern, bis für Hatti Küster der Weg nach Hause wieder frei war – sieben Jahre von zwanzig für „Spionage für die Amerikaner“, zu der ein Militärgericht sie verurteilt hatte. Tatsächlich wurde sie nur dafür bestraft, dass sie geholfen hatte, im Zuge der geplanten Umsiedlung eines Unternehmens Verbindungen zu einer zuständigen Behörde herzustellen. Um es auf die knappste Formel zu bringen: Frau Küster wurde ein Opfer des sowjetischen Zorns, dass Moskau im Westen Deutschlands und Berlins nicht mehr mitzureden hatte und die Menschen, wo irgend es ging, aus seinem Herrschaftsbereich zu entkommen suchten.

Die Geschichten, die erfunden wurden, um jemandes in Westberlin habhaft zu werden, machten nicht immer Sinn. Doch immer erfüllten sie ihren Zweck. So auch im Fall der Eva Reuter, einer gerade dreißigjährigen jungen Ehefrau aus dem amerikanischen Sektor von Berlin. Es war im Oktober 1945. Noch heute, obwohl inzwischen die Berliner Mauer gefallen ist, spricht Frau Reuter nicht ganz ohne Angst von der Vergangenheit. Ihren wirklichen Namen und genaue Bezeichnungen ihrer verschiedenen Arbeitsstellen will sie ausdrücklich nicht veröffentlicht sehen:

„Eigentlich war ich Sekretärin, früher – vor dem Krieg – auf einem ausländischen Generalkonsulat in Berlin, und dann, als die diplomatischen Beziehungen zu diesem Land abgebrochen worden sind, habe ich auf der Schweizer Gesandtschaft gearbeitet. Zuletzt – nach der Kapitulation – ging ich zu einer amerikanischen Zeitung, als Dolmetscherin.“

Später, zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung, war sie bei der englischen Militärregierung als Übersetzerin und im Publikumsverkehr tätig. Dorthin kamen auch Polen – polnische Offiziere, die nach England gehen wollten. Frau Reuter maß dem damals keine Bedeutung bei. Es war der Alltag des Büros, und Spektakuläres trug sich dort nicht zu. Weiter erinnert sie sich:

„Ein einziges Mal kam auch ein Russe hin. Daran kann ich mich noch genau erinnern – auch, weil der so was Komisches gesagt hat. Er hat gerufen: ‚Auf Wiedersehen Rußland, guten Tag England!’ – Ich weiß nicht, ob der meinetwegen da war, um mich zu sehen oder was. Darüber habe ich mir aber erst hinterher Gedanken gemacht, als ich verhaftet worden war.

Eines Tages jedenfalls – also, ich war nicht da, es muß wohl abends gewesen sein – kamen zwei zu mir nach Hause, zwei Zivilisten, und haben nach mir gefragt. Weil nur mein Mann da war, haben sie gesagt, sie kämen später noch einmal wieder.

Am selben Abend erschienen sie zwar nicht noch einmal, aber am nächsten Morgen. Es klingelte sehr früh – mag sieben Uhr gewesen sein oder so. Vorgestellt haben sie sich nicht. Sie fielen gleich mit der Tür ins Haus: Bei einem Polen hätten sie Schmuck gefunden. Und – ja, der Mann hätte den Schmuck gestohlen und meine Adresse dabei gehabt.

Ich denke, wie kommt ein Pole zu meiner Adresse? In meiner Dienststelle war meine Privatadresse überhaupt nicht bekannt. Ich möchte bis heute wissen, woher die Russen sie hatten! Also, sie hätten meine Adresse bei dem Polen gefunden. Und dann plötzlich die Wendung: ‚Aber entschuldigen Sie, das sind Sie nicht. Der Mann hat Sie ganz anders beschrieben!’ Und weg waren sie.

Ja. Da hatten sie mich also gesehen, nicht? Etwas später wollte ich zum Dienst gehen. Ich dachte immer noch über die Sache nach. Alles kam mir so komisch vor! Mir fehlte überhaupt kein Schmuck. Und wie soll einer, der etwas gestohlen hat, hab ich mich geärgert, zu meiner Adresse kommen?

Wie ich aus dem Haus komme, da stehen die beiden noch unten, an ihrem Auto. Und wie ich noch so gucke und nicht weiß, soll ich mich wundern oder nicht, da kriegen sie mich zu packen, stoßen sie mich in den Wagen rein – und weg.

Es war eine fürchterliche Fahrt. Sie rasten, als ob der Teufel hinter ihnen her wäre. Mich hielten sie so fest zwischen sich geklemmt, dass ich kein Glied rühren konnte und kaum noch Luft bekam. Dann sind sie nach Seehof – ja, Seehof hieß das, wo sie mich zuerst hingebracht haben. Dort wollten sie uns nicht reinlassen. Es war ein Schlagbaum da und ein Posten. Die mich abgeholt hatten, haben ihre Ausweise gezeigt, und es ging hin und her. Einer von ihnen war übrigens unterwegs wieder ausgestiegen – wahrscheinlich, um den Nächsten zu holen.

Ja, so haben sie mich mit einem Zivilauto 1945 aus dem amerikanischen Sektor Berlins geholt, um mich wegen Spionage einzusperren.“

Das „Seehof“, von dem Frau Reuter spricht, liegt in Teltow bei Berlin. Inzwischen hat sie sich einmal die Villa angeschaut, in deren Waschküche sie zu Anfang mit zwei gefangenen Russinnen zusammen eingesperrt war. Ihr erster Vernehmer, ein sehr brutaler Typ, bestand darauf, sie sei eine Engländerin. Auch ihr deutscher Ausweis machte ihn darin nicht irre. So ging das hin und her:

„Immer, wenn er mich anschrie, ich sei aber doch eine Engländerin und ich zurückschrie ‚Nein!’, kriegte ich einen Tritt ans Schienbein. Ich habe heute noch die Narben davon. Das war alles wund und entzündet. Er haute auf den Tisch – und ich bei meiner Antwort auch. Und immer wieder Tritte gegen das Schienbein. Ich bin dabei oft ohnmächtig geworden.

Einmal, als ich wieder aus einer Ohnmacht aufgewacht bin, bin ich weggelaufen – einfach durch die Tür – an den dösenden Posten, die an der Haustür lehnten, vorbei und die Straße entlang. Ein Posten gleich hinter mir her. Der konnte schneller laufen als ich. Und so haben sie mich natürlich gleich wieder eingefangen.“

Für den Fluchtversuch mußte sie bitter büßen:

„Danach wurde ich in ein dunkles, schmutziges Verließ gesperrt – im Keller, in den kalten und feuchten Winkel unter der Treppe. Da blieb ich dann, bis man mich nach Hohenschönhausen transportierte.“

Noch immer glaubte Frau Reuter – wie viele andere Gefangene jener Jahre anfangs auch –,ihre Verhaftung könne doch nur auf einem Irrtum beruhen:

„Ich glaubte fest, ich käme wieder raus, wenn alles aufgeklärt sei! Denn man dachte und reagierte am Anfang ja noch so wie draußen, wie ein freier Mensch. Solchen Irrsinn, wie man ihn dann tatsächlich erlebte, hielt man damals ja noch gar nicht für überhaupt möglich!“

Weder in der Nazizeit noch unter der Besatzung hatte Frau Reuter sich an irgend einer Unternehmung beteiligt, die ihre beschriebenen beruflichen Tätigkeiten überschritten hätte. Was ihr nun zustieß, machte sie fassungslos – so tief fassungslos, dass es sogar die Erinnerung an das Urteil löschte, obwohl es ein Todesurteil gewesen war, das erst nach qualvollen Monaten durch „Begnadigung“ außer Kraft kam. Erst die Dokumente, die sie mit ihrer Rehabilitierung erhielt, hoben die Blockade auf. Doch aus dem Fegefeuer, das sie damals durchlitt, lodert noch heute die Angst, die sie wünschen läßt, anonym zu bleiben.

Grenzerfahrungen

Mangelndes Unrechtsbewußtsein – auch einer anderen Westberlinerin, der Studentin Barbara Passaro, wurde es zur Falle. Eine sogenannte gute Bekannte hat diese 1947 zuschnappen lassen. Das klappte um so leichter, als Barbara Passaro oft ihre Eltern in Potsdam besuchte. Die Stadt gehörte zur Sowjetischen Besatzungszone, während Barbara in Westberlin lebte. Doch sie studierte an der Humboldt-Universität, die wiederum in Ostberlin lag, im sowjetischen Sektor der Stadt. Eine verzwickte Sache. Aber so war das damals, kurz nach dem Krieg. Mit Freunden zusammen gehörte Frau Passaro einer nicht-sozialistischen Studentengruppe an. Sie erzählt:

„Ja, und ich bin also wieder in Potsdam bei meinen Eltern zu Besuch, übers Wochenende. Montag früh wollte ich wieder nach Berlin zurück. Und dann kam dieses Mädchen – den Namen habe ich längst vergessen, die verkehrte bei uns und besuchte mich, wenn ich in Potsdam war. Ja, die kam mich also abholen. Von Beruf war sie Goldschmiedin und arbeitete jetzt nur für Russen. Sie wußte von unserer Gruppe. Wir waren – ich will nicht sagen, parteipolitisch, aber interessenpolitisch verbunden. Ich sage also, ich will mit der Straßenbahn fahren. Ach, sagt sie, wir laufen ein Stück, und geht den Weg voran. Ich werde das nie vergessen. Damals existierte ja noch der Kanal in Potsdam, der heute zugeschüttet ist. An der Französischen Straße kommt ein Privatauto an, ein russisches, stoppt uns, einer steigt aus und sagt, wir möchten die Ausweise zeigen. Ich hatte einen für Potsdam gültigen, weil ich ja meine Eltern dort hatte. Trotzdem hieß es, wir sollten mal beide mitkommen, da wäre irgend etwas zu klären. Ich sage, nee, ich sehe nicht ein, warum ich mitkommen soll. Na ja, das würde ganz schnell gehen und es wäre bloß eine Papierangelegenheit. Das Mädchen an meiner Seite sagte noch, nun mach doch kein Theater, steig ein.

Die wurde am Abend entlassen, und ich blieb neun Jahre – von fünfundzwanzig, zu denen ich wegen ‚Kultur-Spionage‘ verurteilt worden bin.“

Um was es sich dabei handelte? Wie an allen Universitäten im besetzten Deutschland gab es auch an der Humboldt-Universität in Berlin sogenannte Kultur-Offiziere. Auf dezente Weise überwachten diese meist sehr gebildeten Besatzungsvertreter den offiziellen Lehrbetrieb. Sie nahmen aber auch Einfluß auf die studentischen Hochschulgruppen. An den Universitäten in den vier Besatzungszonen gab es dabei keine Probleme. Doch Berlin war damals noch eine offene Viermächtestadt. Deshalb waren alle vier Alliierten an der Humboldt-Universität mit eigenen Kultur-Offizieren präsent. Wie die Hochschulgruppe der SED sich an die Sowjets hielt, so gingen die Engländer, die Franzosen und Amerikaner bei den freiheitlich und liberal orientierten Studenten-Clubs ein und aus. Um Kontakte solcher Art, völlig offen und zwischen den Besatzungsmächten abgesprochen, ging es in der Sache Passaro und Kommilitonen. Der Fall – zusammen mit verschiedenen Vorkommnissen ähnlicher Art – führte bald nach den Verhaftungen zur Gründung der Freien Universität im Westteil Berlins.

„Ja, ich habe die Russen eben unterschätzt. Ich habe sie wohl auch für irgend eine Art Demokraten gehalten, damals jedenfalls noch“, seufzt Barbara Passsaro in resignierendem Rückblick. An ihren Abschied von der Mutter an jenem verhängnisvollen Montagmorgen im Jahr 1947 denkt die Germanistin nur mit stillem Schaudern zurück:

„Ich hatte mich mit meiner Mutter an diesem Morgen so ein bißchen rumgekabbelt – es gibt ja immer mal Differenzen zwischen Mutter und Tochter – und dabei sagte ich noch: ‚Jetzt gehe ich, und nimmer komm ich wieder!’ Das werde ich nie vergessen. Ich meinte natürlich – ich habe einfach aus Schillers ‚Johanna von Orleans’ zitiert!“

In diesem Drama hat das Zitat keine tiefere Bedeutung. Man benutzt es eigentlich nur in scherzhafter Weise ob seines Wohlklangs. Doch nun verkehrten die Worte sich in die tragische Ironie einer ungewollten Prophezeiung. Als habe sich damals plötzlich ein Zipfel der Decke lüften wollen, die die Zukunft vor den Augen der Menschen verbirgt. Doch das ist nur in der Rückschau zu erkennen. Oder handelt es sich nur um puren Aberglauben, der Zufällen zu viel Bedeutung beimißt? Auch Betty Prüfer erinnert sich:

„Bernard Koenen, Abgeordneter der SED im Provinzial-Landtag in Halle und einer der bedeutenden alten deutschen Kommunisten, war mir gut bekannt. Bei wie vielen Diskussionen hatte ich ihm nicht schon gegenüber gesessen! Wenn ich ihn auch aus politischen Gründen nicht schätzte – an seiner Gesichtsverletzung hatte ich mich bis dahin niemals gestört. Man hörte, SA-Leute hätten ihm 1933 ein Auge ausgeschlagen.

Eines Tages begann es. Es war wie eine Besessenheit: Wenn ich Koenen nur sah, packte mich ein Gefühl der Bedrohung – als schaue aus seinem leblosen gläsernen Auge ein böses Schicksal, mein eigenes Schicksal, mich drohend an. Bis heute, über den Abgrund von fünf Jahrzehnten, starrt dieses harte Auge noch immer zu mir herüber!

Es war nicht das einzige, das mich immer wieder zu quälen begonnen hatte. Kam ich an Kellerfenstern vorbei, dachte es in mir ‚GPU-Keller’, ohne dass ich mich dagegen hätte wehren können. Schließlich, eines Sonntagabends, als ich Einlaß in mein Großelternhaus begehrte, wurde mir nicht geöffnet. Die Haustürglocke hatte plötzlich und ohne Grund versagt, wie sich später erwies. Das einzige Hotel in der kleinen Stadt, in das ich mich für die Nacht nun zurückziehen mußte, war offenbar von Besatzungssoldaten geplündert worden. Jetzt jedenfalls standen nur halb verrostete eiserne Bettgestelle mit schütteren Strohsäcken ohne Bettwäsche in den Zimmern. Ich hatte so elende Räume bis dahin noch niemals gesehen – genau wie im ROTEN OCHSEN, dem Zuchthaus in Halle. Zwei Tage später bezog ich dort und für Jahre ein ähnliches Domizil.

Zufall? Vorspuk? Schließlich ein Letztes: Wenige Tage vor der Verhaftung war mir grundlos ein Ring zerbrochen, ein Hochzeitsgeschenk des Mannes, der mich bald verlassen sollte.“

Auch durch die Erinnerung einer anderen SMTerin geistert ein zerbrochener Ring. Tessa Schober fiel er ohne erkennbaren Anlaß von der Hand. Sie erschrak aufs Tiefste. Denn der Schmuck war die Gabe der guten Fee ihrer Kindheit gewesen, das Geschenk einer sehr geliebten Tante. Es war am Abend vor ihrer Verhaftung, als ihr der Reif zersprang – dem letzten Abend für viele Jahre, den sie als freier Mensch erlebte.

Ob sich auch Gela Hemmann noch manchmal der eisigen Hand erinnert, die ihr in der Nacht vor ihrer Verhaftung über die Stirne strich und sie weckte? Ein Luftzug? Doch Fenster und Tür waren dicht und fest geschlossen.

Noch sehr viel tiefer ins Unbegreifliche aber ragt eine Geschichte, die zwei Schwestern in Halle kurz vor ihrer Verhaftung erlebten. Eine Warnung des Schicksals? Vergebens. Zwar hätten beide sich durch eine Flucht noch retten können. Aber warum? Denn Heide und Aline Goll waren sich nicht der geringsten Schuld bewußt!

Nach einer leidvollen Odyssee aus dem Sudetenland, die die Familie trennte, hatten die beiden Mädchen ihre sehr alten Eltern in Halle wiedergefunden. Schon 1946 faßten sie dort wieder festen Fuß in ihrem alten Beruf. Denn Sekretärinnen brauchten auch die neuen Verwaltungsorgane, die jetzt aufgebaut wurden. Eines Tages das geheimnisvolle Ereignis:

„Unsere Mutter mußte ins Krankenhaus. Sie hat ja auch nichts zu essen gehabt. Ich habe noch Mehl organisiert, dass man ihr dort wenigstens ein Mehlsüppchen machen konnte. Es stand schlimm, ganz schlimm um sie. Dann sind wir benachrichtigt worden, dass wir kommen sollten. Es ginge zu Ende mit ihr.

Als wir kamen, lag sie schon in Agonie. Und sagt uns dann plötzlich – also, sie hat die Augen geschlossen gehabt, macht sie dann plötzlich auf, schaut mich ganz groß an und sagt: ‚Was, ihr kommt? Ich denke, ihr seid verhaftet!’

Wir waren wie aus allen Wolken. Ja, warum und weshalb und … ? Sie hat dann ein bißchen wirr schon gesprochen, gesagt, es ist ein Telegramm gekommen, da stand drinnen, dass wir verhaftet sind. Russen hätten uns verhaftet. ‚Und wenn du den Schrank zur Seite schiebst’ – ein leerer Spind stand in dem Zimmer – ‚wenn du den Schrank zur Seite rückst, da ist ein Fenster, da schauen dauernd Russen rein!’ Ich habe den Schrank zur Seite gerückt, es war nichts da. Es war so ein Wehrmachtsspind. Es war natürlich auch kein Fenster da, kein gar nichts, also. Ja, und dann kam auch bald die Schwester, wir sollen unsere Mutter nicht ansprechen und nicht mehr mit ihr reden. Wir machten es ihr sonst nur noch schwerer, das Sterben.

Es war sonderbar, sonderbar! Nein, ich lasse mir das nicht nehmen: Es gibt etwas zwischen Himmel und Erde, das ein lebender Mensch nicht erfassen kann. Dass einer, der schon am Sterben ist, Dinge sieht oder erfährt – oder wie, ich weiß nicht – und sie dann eben noch ausdrücken kann, wenn er angesprochen wird.“

Gibt es also doch ein Schicksal, das vorbestimmt ist?

Kurz darauf jedenfalls, man schreibt den August 1948, wird erst Heide geholt. Nur zu einem kurzen Gespräch, wie man ihr sagt. Dann, Tage später, ist auch Aline dran. Diesmal ein anderer Vorwand: die Schwester wolle sie sprechen und bäte um einen Mantel. Und so macht sich Aline mit einem Mantel auf den Weg.

Warum beide verhaftet wurden? Eine wie die andere versichert bis heute glaubhaft:

„Mir ist das schleierhaft. Ich weiß nicht, warum. Ich weiß es bis heute nicht.“

Aus den Vernehmungen konnten sie seinerzeit nichts erkennen, was ihre Lage hätte erklären können. Nur so viel reimte sich Heide zusammen:

„Ich nehme an, dass sie einen Menschen, ob Mann oder Frau, als Grenzgänger geschnappt haben, der meine Adresse hatte. Wie ich nämlich von der GPU kam und in den ROTEN OCHSEN, also aus dem Keller in der Luisenstraße in das Zuchthaus von Halle – wie ich da also einpassiere, muß ich vorne, an der Pforte, warten. Das hat vielleicht ein paar Minuten gedauert. Und da brachten sie einen jungen Mann, der hielt mit beiden Händen seine Hose. Die Schuhe – damit ist er auch so geschlurft, weil keine Schnürsenkel drinnen waren. Den also haben sie an mir vorbei patroullieren lassen – sozusagen. Und dann wieder zurück. Ich habe den nur angeschaut und mir im Stillen gedacht, ach, du Armer, hast du dasselbe Schicksal wie ich?

Ich habe den nicht gekannt. Aber ich nehme an, dass das wie quasi eine Gegenüberstellung war. Denn sonst waren die Russen doch so sehr darauf bedacht, dass kein Gefangener einen anderen sah! Es ist kein Wort gefallen, gar nichts. Es standen natürlich Russen dabei, die haben uns gemustert. Anscheinend wollten sie feststellen, ob man einen Blick wechselt, dass man sich erkennt oder irgendwie so etwas. Aber wie die sonst alle Gefangenen streng auseinander hielten – Zufall kann das kaum gewesen sein. Irgendwas haben die sicher damit bezweckt. Aber ich habe den bloß eben angeguckt. Und weiter war nichts. Und dann haben sie mich natürlich in die Zelle reingesperrt.“

Das Urteil lautete für beide Schwestern auf fünfundzwanzig Jahre Zwangsarbeit. Wegen „Verdachts auf Spionage“, und sie wüßten heute noch gerne, wofür. Denn es war zwar nichts Ungewöhnliches, dass Menschen verhaftet und verurteilt wurden, weil – zum Beispiel – ihr Name im Adressbuch eines Dritten gestanden hatte – einer Person, die den Sowjets vielleicht verdächtig geworden war oder den sie einfach so an der grünen Grenze aufgegriffen hatten. Doch in solchen Fällen klärten sich die Zusammenhänge spätestens vor dem Tribunal, wenn alle Opfer einer Kettenverhaftung als Mitglieder einer angeblichen Spionagegruppe oder Untergrundorganisation dort zusammentrafen. Die beiden Schwestern aber standen für angebliche Spionagetaten – nein, für Spionageverdacht – ganz allein vor dem Tisch des sowjetischen Militärgerichts.

Der kleine Grenzverkehr über die grüne Grenze war übrigens damals eine durchaus normale Sache. Das war aus der Not geboren. Wer Onkel und Tante in Hamburg oder München wiedersehen wollte, wer nach Angehörigen suchte, die auf der Flucht verloren gegangen waren, wer die eigenen knappen Lebensmittelrationen ein bißchen durch Westware aufbessern wollte, dem blieb kein anderer Weg. Denn die Demarkationslinie zwischen der östlichen und den westlichen Besatzungszonen, die spätere „Interzonengrenze“, hatte alle regulären Verkehrsverbindungen radikal zerschnitten. In den seltensten Fällen gab es politische Motive für diesen kleinen Grenzverkehr.

Wie hätte ein Grenzgänger, wie ein auf andere Weise den Sowjets verdächtig Gewordener aber an die Adresse der sehr zurückhaltenden Goll-Mädchen kommen können? Bis heute haben Aline und Heide darauf keine Antwort gefunden. Um so weniger, als niemand anderes aus ihrem Lebenskreis verhaftet worden war. Und als sie nach ihrer Heimkehr ihre wenigen Bekannten in Westdeutschland fragten, konnte keiner sich erinnern, jemals jemandem einen Auftrag an ihre Anschrift gegeben zu haben. Bestand vielleicht ein Zusammenhang mit der Dienstverpflichtung der Älteren während des Krieges als Schreibkraft auf einem Wehrbezirks-Kommando? Aber warum wurde dann zuerst die Jüngere verhaftet, wenn der Name der Älteren etwa in einem Soldaten-Notizbuch gefunden worden sein sollte? Eine geheimnisvolle Nachricht, die seinerzeit allerdings erst wenige Tage nach den Verhaftungen bei dem alten Vater eintraf, macht die Sache nicht klarer: Auf einer Postkarte riet eine fremde Frau den Mädchen, sofort zu verschwinden.

Offene Fragen. Viele offene Fragen nicht nur in diesem Fall. Mysteriös blieb für ihre Familie draußen zum Beispiel auch das Verschwinden der jungen Journalistin Jutta Kubowski aus Westberlin im Oktober 1949. Durch die Meldung eines Volkspolizisten bestätigte sich zwar schnell der Verdacht, dass sie in den Osten entführt worden sei. Doch warum? Die knapp über Zwanzigjährige verdiente sich als Reporterin ihre ersten journalistischen Sporen. Gelegentlich schrieb sie dabei zwar Kritisches über Ostberlin und die DDR. Doch dass sie dabei nie ein Blatt vor den Mund nahm, reicht nicht zur Erklärung aus. Kämpften doch täglich ganz andere journalistische Schwergewichte mit ihrer Feder an der gleichen Front. Und keinem von ihnen war bis dahin etwas geschehen.

Der Fall Kubowski folgte einem klassisch gewordenen Muster. Vielleicht wurde er sogar überhaupt zum Modell für den Menschenfang, den NKWD und STASI bis weit in die DDR-Zeit hinein in Westberlin betrieben. Immer hatten dabei westliche „Schlepper“ die Hände im Spiel. Um die Opfer ohne Anwendung von Gewalt über die Grenze zu bringen, nutzten sie private oder berufliche Kontakte. Etwa so:

Eine Einladung wurde organisiert. Anlässe dieser oder jener Art fanden sich immer. Manchmal – am Tage – goß man dem Opfer dabei ein Betäubungsmittel ins Glas, um es leichter über die Grenze schaffen zu können. Manchmal – abends – genügte auch schon ein anderer, einfacher Trick, der „Zielperson“ habhaft zu werden. Der Vorschlag zum Beispiel, sie nach der Feier mit dem Auto nach Hause zu bringen. In einer Zeit, in der auch im Westen erst wenige Leute über einen privaten Wagen verfügten, nahm jeder solch freundliches Angebot gerne und ohne Argwohn an. Noch unverfänglicher wurde die Sache, hatte man das Opfer schon zur Veranstaltung hingefahren. In deren freundlichem Ausklang ließ sich im Auto leicht angeregt plaudern. So wurden, besonders im Dunkeln, die Passagiere der Fahrtroute gar nicht gewahr – bis an der Grenze ein Schlagbaum hochging und harte Fäuste sie aus dem Wagen zogen.

Genau so war es Jutta ergangen. Nur mit einem Unterschied: Nicht sie war die „Zielperson“ gewesen. Die Entführung galt einem leitenden Westberliner Redakteur, der auf dem Sprung nach Westdeutschland stand. Dort wartete auf ihn eine führende politische Position. Juttas Unglück war es, dass sie in solcher Begleitung einen festlichen Abend verbrachte und ihn mit diesem Kollegen gemeinsam verließ. Doch obgleich sie nur ein „Zufalls-Fang“ war, war von wieder nach Hause dürfen auch für sie keine Rede. Auch ihre Schwangerschaft stimmte niemanden milder.

Vier Monate hungerte sie und fror wie alle andern, bis sie vors Tribunal kam. Dann – die Entbindung stand kurz bevor – wurde sie nach Hoheneck abgeschoben. Die Geburt war so schwer, dass sie Mutter und Kind fast das Leben gekostet hätte.

Das Baby wurde am 26. März 1950 geboren. Es gehörte, kaum vier oder sechs Wochen alt, zu denen, die dem ersten „Hohenecker Kinderraub“ zum Opfer fielen. Mehr als zwei Jahre kämpfte Juttas Familie dann, bis sie endlich die Kleine zu sich holen durfte. Als das Kind endlich seine leibliche Mutter kennenlernte, war aus dem Säugling ein kleines Mädchen geworden, das gerade zur Schule kam. So sehr die Mutter auch jahrelang um das Herz ihres Kindes kämpfte – lebenslang blieb die Beziehung kalt und das Verhältnis bis übers Grab hinaus schwer gestört.

Jutta Kubowskis Geschichte ist hier nach den Erinnerungen ihrer langjährigen Haftkameradin und Freundin Betty Prüfer und nach Unterlagen der DDR aus den Jahren 1951/52 – heute im Bundesarchiv – erzählt. Denn Jutta lebt nicht mehr. In den HOHENECKER PROTOKOLLEN aber hat sie vor Jahren schon ausführlich berichtet, wie man sie an der Grenze aus dem Wagen zerrte und zum Weitertransport in eine andere Limousine stieß. Schwere Armee-Pistolen im Rücken halfen dabei nach. Eine wurde ihrem Kollegen über den Schädel gezogen. Blutüberströmt hat sie den, der ihr unfreiwillig zum Schicksal wurde, damals zum letzten Male gesehen.

Jahrelang haben NKWD und STASI immer wieder gewaltsam Menschen aus dem Westen nach Ostberlin entführt. Das Berliner Museum am „Checkpoint Charly“ hat die Zahlen gesammelt. Bis 1993 waren dort für die Zeit zwischen 1945 und 1950 beweisbare 600 Fälle notiert. In den folgenden Jahren bis 1967 wurden noch einmal 273 Menschen aus dem Westen verschleppt. Mindestens zwanzig davon ereilte dies Schicksal, obwohl es bereits die Mauer gab, die Berlin in zwei Teile zerschnitt. Fast 900 Opfer illegaler, völkerrechtswidriger Praktiken also – soweit die Fälle bekannt geworden sind und registriert werden konnten.

Nicht alle, die diesem organisierten Menschenraub zum Opfer fielen, kamen wenigstens mit dem Leben davon. Dr. Walter-Erich Linse wurde das Glück der Heimkehr nicht zuteil. Linse war Abteilungsleiter im UFJ, wie man den „Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen der Sowjetzone“ abgekürzt nannte. Flüchtlinge aus der Sowjetzone hatten diesen Ausschuß in Westberlin gegründet, um in der SBZ Verfolgten und ihren Angehörigen beizustehen. So übermittelte – um einen in den Akten der DDR dokumentierten Fall herauszugreifen – am 20. Februar 1951 der UFJ dem Chef der Sowjetischen Kontrollkommission in Karlshorst, Armee-General Tschuikow, folgendes Schreiben:

„Verschiedene und immer häufiger werdende Fälle gaben uns Veranlassung, am 14. Februar 1951 folgende Information dem Rundfunk und der Presse bekanntzugeben:

‚Die Leitung der politischen Strafanstalt in Bautzen hält es nicht für nötig, die Angehörigen vom Tod eines Inhaftierten zu unterrichten. Nach den Ermittlungen des ‚Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen’ beschränkt sie sich einfach darauf, Briefe und Pakete als unzustellbar zurückzusenden.

Weder die Hauptverwaltung der sogenannten Volkspolizei noch die Kanzlei des ‚Staatspräsidenten’ Wilhelm Pieck oder das Innenministerium pflegen Rückfragen zu beantworten.

Da wir annehmen, dass es sich bei diesem offenbar böswilligen Verhalten deutscher Dienststellen der DDR um eine Maßnahme handelt, mit der die sowjetische Kontrollkommission keinesfalls einverstanden sein kann, bitten wir, für Abstellung dieser Mißstände Sorge tragen zu wollen.“

Schon wenige Wochen später gab es darauf eine interne Reaktion der „Hauptverwaltung Volkspolizei“, in deren Verantwortung die Verwaltung der Haftanstalten lag. Wenigstens Familien in Westberlin und Westdeutschland konnten nun hoffen, über den schlimmsten Fall in Zukunft korrekt informiert zu werden. Bis dahin wurde der Tod von Inhaftierten den Angehörigen nur angezeigt, wenn diese ausdrücklich eine solche Bescheinigung angefordert hatten. Doch welcher Angehörige hätte das Herz gehabt, in aller Angst der Ungewißheit, zwischen Hoffen und Bangen um das Leben eines geliebten Menschen, sogleich ein solches Papier zu verlangen? Einen zuverlässigen Anhaltspunkt, dass jemand verstorben war, hatte ja nicht einmal das rohe Verfahren geboten, das der Brief des UFJ beschreibt. Hätte eine solche Rücksendung nicht auch auf einer Verlegung oder einfach auf einem bürokratischen Fehler beruhen können? Wer fordert da sogleich eine Todeserklärung an?

Dennoch blieben – im Prinzip – die Behörden der DDR dabei, die Regel sei „bürgerlich“ und „überlebt“, „dass der Lebende den Gerichten, der Tote aber der Familie gehört“. Deshalb wurden die Leichen von in der Haft verstorbenen SMTern weiterhin stillschweigend eingeäschert. Die Urnen verblieben zuerst bei den Krematorien, wurden teilweise auch namenlos verscharrt. Später, seit September 1950, nahmen die Strafanstalten die Asche zurück. In Hoheneck wurde der Dachboden der Verwaltung zum Urnen-Depot. Noch 1990, nach dem Zusammenbruch der DDR, kugelten dort die sterblichen Überreste von Menschen in blechernen Gefäßen herum, als wären es Abfallbehälter.

Unter denen, für die Dr. Linse und der UFJ sich eingesetzt hatten, war mindestens eine der Frauen auf Hoheneck, Leonore Schwitter. Ihre schon betagte Mutter hatte in der Sorge um ihre verhafteten Kinder 1950 beim UFJ Rat gesucht. Neben der Tochter waren auch beide Söhne, Studenten, verschwunden. Bei ihrem Besuch in Westberlin hatten Spitzel die alte Dame fotografiert. Als sie nach Rostock zurückkam, warteten da schon die Häscher. Die Sechzigjährige wurde zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt – für angebliche „Spionage“. Ohne Rücksicht auf ihr hohes Alter und ihre schwache Gesundheit wurde sie wirklich in die eisigen Weiten des russischen Ostens geschleppt. Erst im Oktober 1955 kam sie als „begnadigter Kriegsverbrecher“ wieder nach Hause – mit dem gleichen Transport wie die junge Claudia Mühlstein, die man 1950 in Westberlin eingesackt hatte. Dabei hatten bis zu ihrer gewaltsamen Deporation beide Frauen sowjetischen Boden niemals betreten. Dass sie von „Spioninnen“ nun gar zu „begnadigten Kriegsverbrecherinnen“ herabsinken mußten, was machte das schon, da sie sich weder der Spionage noch irgendeines anderen Verbrechens schuldig wußten?

Doch zurück zum Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen, dem UFJ. Ins Visier hatten ihn die russischen Kommunisten schon bei seiner Gründung genommen. Seit die STASI existierte, observierte auch diese sein Wirken. Auf verschlungenen Wegen kam manche Zufallsmeldung hinzu wie die folgende vom 31. März 1951:

„Probst Grüber lernte bei einer Festlichkeit in Westberlin eine Frau kennen, die ihm mitteilte, dass sie Kassiber aus Waldheim bearbeitet, die bei der ‚Vereinigung der Freiheitlichen Juristen‘ in Berlin-Zehlendorf, Lindenthaler Allee, eingehen.

Vorstehendes gab Herr Mund hier bekannt, da Probst Grüber ihm dies zur Kenntnis gab.“

Probst Grüber war der Beauftragte der Evangelischen Kirche bei der Regierung der DDR. Schon mit seiner Beschreibung der – angeblich! – so guten Lebensverhältnisse im KZ Sachsenhausen im Dezember 1949 verdiente er sich die dauernde Verachtung aller ehemaligen Sachsenhauser. Angeblich – wenn man der Aktenlage vertrauen will! – soll Grüber später jedoch jahrelang bemüht gewesen sein, das Los der kurz darauf -1950 – in deutsche Zuchthäuser überstellten Menschen zu erleichtern.

Pfarrer Mund – mit dem Rang eines „Volkspolizei-Kommandeurs“ – war von der Regierung der DDR zur „geistlichen Betreuung“ der SMT-Gefangenen eingesetzt worden. Sein Wirken gehört auch ins Kapitel Hoheneck, über das man heute im Bundesarchiv vieles nachlesen kann und über das noch zu berichten sein wird.

Den Juristen Linse, der im UFJ zu den aktivsten Köpfen zählte, kostete sein Einsatz für andere Verfolgte das eigene Leben. 1952 ließen STASI und NKWD ihn entführen – durch vier Berufsverbrecher, deren Namen inzwischen lange bekannt sind.

Der Fall erregte damals die Öffentlichkeit weit über die deutschen Grenzen hinaus. Doch alle Proteste, auch internationale Interventionen, verliefen im Sande. Allenfalls wurden Frager mit perfiden Lügen bedient. Die Sowjets waren gar dreist genug, den Amerikanern die Verantwortung für Linses Verschwinden zuzuschieben. Schließlich habe der Vorfall sich ja im amerikanischen Sektor zugetragen!

Wenig später erklärte der damals höchste Repräsentant der Sowjetunion in der DDR, General Tschuikow, definitiv, „ein gewisser Linse“ befinde sich nicht in sowjetischem Gewahrsam. Damit waren in Moskau und Ostberlin zum Fall Linse die Akten geschlossen. Für immer? Die Geschichte hat es anders gewollt. Auch diese politischen Lügner und Henker von damals holte schließlich die Wahrheit ein.

Die SMTer, für die sich Linse einst eingesetzt hatte, vergaßen ihn nicht. So stellte nach Öffnung der russischen Gerichtsarchive ein deutscher Workuta-Häftling in Moskau den Antrag, dem Fall Dr. Linse nachzuforschen. Jetzt wehrte keiner mehr ab. Der so lange Verleugnete wurde posthum rehabilitiert. Das war – am 8. Mai 1996 – nach 44 Jahren die erste sichere Auskunft über sein Geschick.

Walter-Erich Linse, so ist nun dokumentarisch bezeugt, war am 23. September 1953 – sechzehn Monate nach seiner Entführung – durch das „Militärtribunal der Einheit 48240“ zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tage erschossen worden – als schuldloses Opfer „politischer Repression“, wie der russische Terminus in den Rehabilitationsdokumenten lautet.

Von den Hoheneckerinnen kann keine aus eigenem Erleben berichten, wie der „Fall Linse’“ sich damals, im Juli 1952, zugetragen hatte. In den frühen 50er Jahren saßen die Frauen alle noch in strengster Isolierung auf ihrer verfallenen Burg. Deshalb hier ein Bericht aus dem HAMBURGER ABENDBLATT, das am 12. Juli 1996 anläßlich Linses Rehabilitierung noch einmal die Vergangenheit beschwor:

„Rückblende in das Berlin der vierziger und fünfziger Jahre. Eine geteilte Stadt, aber noch mit offenen Grenzen. Es war kein großes Problem, vom Westteil Berlins in den sowjetisch besetzten zu kommen und umgekehrt.

Damals arbeitete in Westberlin der 1949 gegründete ‚Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen’, eine Menschenrechtsorganisation. Sie kümmerte sich unter anderem um Männer und Frauen, die vom sowjetischen Geheimdienst oder vom Staatssicherheitsdienst der DDR verhaftet worden waren.

Sehr oft waren diese Menschen einfach verschwunden. Niemand in den Amtsstuben der DDR oder der sowjetischen Besatzungsmacht wollte etwas wissen. Die verzweifelten Angehörigen stießen auf eine Mauer des Schweigens.

Dr. Walter Linse, 1903 in Chemnitz geboren, 1949 nach Westberlin geflüchtet, war Abteilungsleiter im Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen. Es läßt sich leicht denken, dass alle Mitglieder dieser Institution wegen ihres Eintretens für verhaftete, verfolgte und unterdrückte Menschen zu den erklärten Feinden der Kommunisten zählten. Walter Linse haßten sie besonders. Und getreu der These Lenins, wonach nur schlechte Revolutionäre es nicht verstünden, illegale Kampfmethoden mit den legalen zu verknüpfen, gingen sie gegen ihn vor.

Am Morgen des 8. Juli 1952 machte sich Linse wie gewöhnlich auf den Weg zu seiner Dienststelle. Auf der Straße bat ihn ein kräftiger Mann um Feuer. Arglos wollte Linse sein Feuerzeug ziehen, als er plötzlich von seinem Gegenüber gepackt und zu einem nahestehenden Auto gezerrt wurde. Dort befanden sich noch drei andere Männer. Linse wehrte sich verzweifelt. Doch der Übermacht war er nicht gewachsen. Er wurde in den Wagen gestoßen, und ab ging’s in rasender Fahrt Richtung Grenze.

Der Fahrer eines anderen Autos hatte den Überfall beobachtet und nahm die Verfolgung auf. Er wurde von den Entführern beschossen. Eine Kugel traf seinen Wagen. Außerdem warfen die Verfolgten spitz zugefeilte Eisenstücke auf die Straße. Der andere Wagen mußte deshalb die Verfolgung abbrechen. Unter dem bereits geöffneten Schlagbaum an der Grenze hindurch entkamen die Entführer.

Der Vorfall, längst nicht die erste, aber die spektakulärste und dazu eine beobachtete Entführung, löste im freien Berlin eine Welle der Empörung aus. Vor dem Schöneberger Rathaus versammelten sich an die 20.000 Berliner zu einer Kundgebung. Bürgermeister Ernst Reuter sprach zu ihnen. ‚Jetzt muß unsere Geduld ein Ende haben,’ rief er zornig aus. Die Vereinten Nationen wurden eingeschaltet, internationale Rechtsanwaltsorganisationen protestierten, der Bundestag trat zu einer Sondersitzung zusammen – alles blieb ergebnislos.

Die DDR und die Sowjetunion erklärten, von Linse nichts zu wissen. Die Sache habe sich schließlich im amerikanischen Sektor von Berlin ereignet, hieß es zynisch. Da könne man keine Auskunft geben.

Ein Jahr später wurde der Gewohnheitsverbrecher Kurt Knobloch bei einem geplanten Einbruch in Westberlin verhaftet. Bei den Verhören stellte sich heraus, dass er zu den vier Entführern Linses gehörte. Eine kriminelle Bande war dazu vom Staatssicherheitsdienst der DDR angeheuert worden. Die Namen der drei anderen waren Harry Bennewitz, Herbert Krüger und Kurt Borchard. Letzterer, ein Berufsringer, war der Mann, der Linse in das Auto gezerrt hatte. Weil dessen Füße noch aus dem Wagen ragten und deshalb die Autotür nicht geschlossen werden konnte, schoß Bennewitz Linse in beide Beine. Jeder aus der Bande war vom Staatssicherheitdienst Ostberlins mit 1000 Mark entlohnt worden.

Knobloch wurde wegen Freiheitsberaubung zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Doch von dem Entführten fehlte weiterhin jede offizielle Nachricht.“

1960 schien es einmal, als sollte sich endlich das Dunkel um Walter Linses Schicksal lichten. Dem Deutschen Roten Kreuz war aus Moskau ein Walter Linse als am 15. Dezember 1953 in der Sowjetunion verstorben gemeldet worden. Doch ein anderer Walter Linse war angeblich gemeint. Es soll ein deutscher politischer Häftling gewesen sein, der 1953 in der berüchtigten sibirischen Strafregion Workuta gestorben wäre. Nur seltsam, daß der angebliche Namensvetter im gleichen Jahre gestorben sein soll wie der echte Walter-Erich Linse. Und nur drei Monate trennen das Datum vom nun bekannten Todestag im September 1953.

Walter Linse hilft die Rehabilitation nicht mehr. Sie dokumentiert nur einen der aufsehenerregendsten Menschenraubfälle im geteilten Berlin der fünfziger Jahre. Und sie ist ein weiterer Beleg, mit welchem Zynismus sowjetische und deutsche kommunistische Organe jahrzehntelang schwerste Verbrechen begangen – und geleugnet haben!

Den Paragraphen, auf Walter-Erich Linses Rehabilitationsbescheid, ist zu entnehmen, wofür er sterben mußte: Für „Spionage und Bildung einer illegalen Organisation“. Damit war seine offizielle Tätigkeit in Westberlin gemeint.

Ist Dr. Linses Todestag nun auch bekannt, so weiß doch keiner den Ort, an dem er begraben liegt – wenn ihm denn überhaupt eine eigene Stätte der letzten Ruhe vergönnt worden ist. Deshalb sei ihm an dieser Stelle ein ehrendes Denkmal gesetzt.

Recherche ins Abseits

Eine andere junge Deutsche aus dem Westen, Maria Bergmann, Journalistin, war ihren Häschern freiwillig in die Arme gelaufen. Keine Rede davon, dass sie Kommunisten verteufelt hätte. Die hatten damals übrigens noch Sitz und Stimme im Deutschen Bundestag in Bonn. Weltoffen und ohne Vorbehalte wie der größte Teil der jungen Generation, zu der sie gehörte, setzte sie aber auf saubere Recherche. So nahm wiederum ein Schicksal seinen Lauf:

„Jeder Redakteur kriegt ja Pressedienste. Und es gab keinen Pressedienst, in dem nicht über die fürchterlichen Zustände in der Ostzone geschrieben worden ist. Massenhaft! Ob das wirklich wahr sein konnte? Da habe ich gesagt, da fahre ich hin. Das will ich wissen. Ich habe gedacht, selbst wenn es stimmen sollte – ich komme aus einer verfolgten Familie, was soll mir passieren? Keiner von uns ist Nazi gewesen. Zwei Familienmitglieder sind im KZ umgekommen, in Dachau. Also habe ich mich dann um Reisepapiere bei unseren Besatzungsbehörden bemüht. Man brauchte für eine solche Reise ja Ausweise von der Besatzungsmacht. Hat ewig gedauert, natürlich. Ich habe also meine Papiere gekriegt, bin da hingefahren. Und nach vierzehn Tagen war ich schon verhaftet.“

In Leipzig, der Stadt der Drucker, begann sie mit ihrer Nachfrage:

„Ich hatte mir alle meine Presseausweise mitgenommen, von allen Stellen, für die ich gearbeitet habe. Darunter war auch ein französisches Umfrage-Institut – so etwas wie Allensbach, bloß eben für Frankreich. Für Allensbach habe ich übrigens auch gearbeitet und für eine Schweizer internationale Jugendzeitung, die in vier Sprachen herauskam.

Dass das für den Osten alles todgefährliche Tätigkeiten waren, wußte ich natürlich nicht. Naiv, wie du bist hier im Westen, hast du keine Ahnung, was die da drüben für Gedanken in ihrem Hirn bewegen. Dieser Ausweis nämlich, dass ich für dieses französische Institut gearbeitet habe, das war es. Spionage!

Wie sie auf mich gestoßen sind? Das weiß ich nicht. Ich bin, wie es ein Journalist eben macht, zu damals wichtigen Stellen gegangen. Auch zu großen Druckerei-Betrieben. Und zu Zeitungen, vielen Zeitungen. Zu denen bin ich gegangen, habe gesagt – von Kollege zu Kollege – ‚Ihr habt doch Pressedienste. Laßt mich da mal gukken, was ihr da eigentlich habt.’ Da war sicher einer drunter, der mich dann geliefert hat. Und plötzlich war ich weg vom Fenster.“

Durch den offiziellen Zimmernachweis der Stadtverwaltung hatte sich Frau Bergmann in Leipzig Quartier besorgt. Eines Tages, als sie nach Hause kommt, fängt eine Hausbewohnerin sie auf der Treppe ab:

„‚Gehen Sie nicht rauf, die Polizei ist oben.’- ‚Na’, sage ich, ‚ich habe doch nichts zu verbergen!’ Da sagt sie: ‚Ich kann es Ihnen nur sagen. Wer bei uns abgeholt wird, der verschwindet, den sieht man nicht mehr.’ Da habe ich gesagt, ‚Ja, das soll mal mir passieren. Ich bin ja aus dem Westen. Und jeder Mensch weiß, wo ich hingefahren bin.’ Also hat sie gesagt: ‚Ja, tun Sie, was Sie wollen. Aber ich habe es Ihnen gesagt.’

Ich bin also hoch gegangen. Da waren zwei deutsche Polizisten. ‚Mit Ihren Papieren stimmt was nicht. Wir müssen Sie abholen’, haben sie gesagt. Also habe ich mein Zeugs genommen und bin losmarschiert. Bei der Polizei war das Zimmer voller Russen – und weg war ich.

Ein Schock war die ganze Sache für mich nicht. Denn ich habe gar nicht für möglich gehalten, was dann passierte. Ich habe mir gesagt, mir können sie doch überhaupt nichts tun! Mich kennt da drüben, im Westen, Hinz und Kunz. ‚Was denken Sie, was da passiert, wenn Sie mich jetzt hier verschwinden lassen!’ habe ich denen noch gesagt. Tja. Die haben sich einen Dreck drum gekümmert.

Im Westen rauschte tatsächlich der Blätterwald. Aber das war’s dann auch schon.

Wie sie drüben überhaupt erfahren haben, was mit mir war? Na, zuerst merkten sie, dass ich nicht wiederkam.

Und dann – ich war in einem deutschen Gefängnis. Zuerst in der Windscheidtstraße in Leipzig bei den Russen im Keller, in den ehemaligen Kohlenkellern der Villen dort. Muffig, kein Fenster -furchtbar! Und mit Kübel statt WC. Grausig war das da unten! Später haben sie mich dann in das normale Gefängnis getan.

Also, ich mußte zum Verhör. Der Wachtmeister holte mich ab, brachte mich in die Zelle zurück und ging dabei mit mir nicht die Jakobsleiter – die Treppe in der Mitte vom Zellenhaus – hoch, sondern das abgetrennte gemauerte Treppenhaus rauf. Und sagt zu mir: ‚Sie sind doch von drüben?’ Und fragt mich genau nach meinem Wohnort aus. ‚Ach’, sagt er dann, ‚jetzt geben Sie mir mal die Hand.’ Ich habe gedacht, mein Gott, was will der von mir. ‚Versprechen Sie mir in die Hand, dass Sie nicht Spionin sind’, sagt er da plötzlich. ‚Das kann ich Ihnen leicht versprechen. Ich bin das nicht. Ich bin Journalistin’, habe ich ihm gesagt, ‚und ich wollte hier ganz normal recherchieren. Und das legen die mir als Spionage aus.’ Da sagt er, ‚Ja, ich wollte das bloß wissen.’

Und dann hat er doch veranlaßt oder es selbst gemacht: Das Gefängnis in Leipzig hat doch tatsächlich die Lebensmittelmarken, die es damals noch gab, in meinem Wohnort angefordert. So haben die erfahren, wo ich bin. Und dann ging es los. Dann ging es los! Dann haben sie geschrieben, ich bin in Leipzig verhaftet, weg und so.

Damals lebte mein Vater noch, im August 1948. Aber er war schon schwer krank – nicht zuletzt durch die Torturen, die er bei den Nazis durchgemacht hatte. Als ich 1956 nach acht Haftjahren endlich zurückkam – es war auch im August –,da habe ich ihn noch wiedergesehen. Aber wenige Wochen später ist er dann gestorben. Als hätte er nur auf meine Rückkehr gewartet.“

Freiwillig, wie Maria Bergmann, war auch Lydia Gärtner in ihr Unglück gefahren – mit dem eigenen Lastzug dazu, ihrem einzigen, schwer erworbenen Besitz. Mit ihrer Freiheit verlor sie auch diese Habe. Nach langer Haft stand dann auch sie – wie die meisten ihrer Leidensgenossen und Leidensgenossinnen – vor dem Nichts.

Lydia war ein Mädchen ganz besonderer Art. Deshalb muß man ihre Geschichte auch von Anfang an erzählen.

Sehr früh schon hatte sie die Mutter verloren, und unter der Herrschaft der strengen Stiefmutter hing oft der Haussegen schief. So wartete Lydia schon als kleines Mädchen sehnsüchtig auf das Erwachsenwerden:

„Wenn ich doch nur erst groß wäre, habe ich immer gedacht. Wenn ich doch frei wäre. Frei! Eines Abends brachte mein Vater einen Fernfahrer mit nach Hause, dass der sich mal aufwärmen und eine Tasse Kaffee trinken sollte. Ich hörte durch die Tür, wie die Männer sich unterhielten. Ein schwerer Beruf, ja. Aber man ist frei, sagte der Mann. Da kriegte ich ganz große Ohren. ‚Man ist frei’. Ich hörte nur ‚frei!’ Also, wenn man frei sein will, muß man Fernfahrer werden, schloß ich. Wenn mir Verwandte sagten, frei könne man auch anders sein, glaubte ich ihnen nicht.

Im letzten Schuljahr mußten wir dann einen Aufsatz schreiben, was wir einmal werden wollten. Natürlich habe ich ‚Fernfahrer’ hingeschrieben. Die Lehrerin war konsterniert. Sie wußte gar nicht, was das war. Mein Vater mußte in die Schule kommen, und da erfuhr er von seinem Glück.“

Alle Versuche, der Tochter die Idee aus dem Kopfe zu bringen, blieben vergeblich. Mit sechzehn fuhr sie tatsächlich ihren ersten Lastzug – ohne Führerschein. Da gab der Vater nach und genehmigte ihr eine Lehre als Automechaniker. Für Mädchen war das damals mehr als ungewöhnlich. Aber Lydia erwies sich als technisches Naturtalent. Den Führerschein Klasse Drei konnten auch damals schon 18jährige machen. Doch die Fahrerlaubnis Klasse Zwei für Lastzüge war nur Männern vorbehalten. Nur bei Frauen und Töchtern von Fuhrunternehmern, Arbeitgebern der Branche, waren Ausnahmen möglich.

Lydia war mittlerweile zwanzig geworden. Da verlor sie die Geduld, weiter auf ein Wunder zu warten, und nahm die Sache selbst in die Hand. Sie reiste nach Berlin, suchte das Ministerium für Verkehr und verlangte kühn, den Verkehrsminister zu sprechen. Den bekam sie zwar nicht zu Gesicht. Doch ihre Energie machte soviel Eindruck, dass sie die verlangte Sondergenehmigung erhielt. Bald chauffierte sie wirklich große Lastzüge übers Land und fuhr und fuhr und fuhr, bis der Krieg zu Ende war.

Die von Bomben zerschlagenen und demontierten Werke hatten nun nichts mehr zu transportieren. Sie brauchten keine Fernfahrer mehr. Was also tun?

„Ja, selbständig habe ich mich da gemacht. Es standen ja nach dem Krieg so viele Fahrzeuge rum, von der Wehrmacht. Da hatte ich mir einen 120er Mercedes genommen. Und in Nikolassee stand irgendwo ein Feuerwehrauto, herrenlos. Diese beiden Fahrzeuge habe ich zusammengebaut und habe mir einen Lastwagen daraus gemacht. Mein alter Meister hat mir dabei geholfen, mein alter Chef hat mir Reifen zur Verfügung gestellt. Das mußte ich dann natürlich alles bezahlen. Ich habe es abgestottert, 7.500 Mark an das Bewirtschaftungsamt für Bergungsgut. So hieß die Stelle damals, die zuständig war.

Und dann bin ich gefahren. Die Russen hatten damals die Transporthoheit in und um Berlin. Und so hatte ich einen Propusk, einen Passierschein mit meinem Bild, mit der Unterschrift von General Schukow, dem Chef der Obersten Sowjetischen Militärverwaltung in Karlshorst. In Russisch stand da drauf: ‚Der Chauffeur Lydia Gärtner ist berechtigt, in der Sowjetischen Okkupationszone zu fahren und zu laden. Sämtliche Ladung ist bestimmt für die Sowjetische Militäradministration in Karlshorst.’ Das galt für jeweils ein Vierteljahr und wurde immer wieder erneuert.

Aber die Berliner mußten ja auch etwas zu essen haben. Es war ja noch vor der Blockade. Da kümmerten sich die Russen noch um Lebensmittel für Berlin. Wir brachten also alles nach Karlshorst, und die verteilten es dann irgendwie. Es war wenig genug. Die Aufträge an die Fahrer aus allen Sektoren Berlins gab jeden Morgen ein ‚Kapitan’, ein Hauptmann, namens Bernstein.“

So weit lief alles gut und schön. In Zehlendorf, im Sektor der Amerikaner, hatte Lydia bei zwei älteren Damen ein schönes Zimmer gefunden. Die Arbeit machte ihr Freude. Doch dann kam der 26. November 1947:

„Abends halb elf wurde ich angerufen. Ich kam gerade aus dem Kino. Es war das erste Mal, dass ich im Kino war nach dem Krieg. Es war ein russischer Film. ‚Der Mittelstürmer’ hieß er. Das werde ich nie vergessen! Es klingelt also das Telefon, ich soll sofort nach Frankfurt an der Oder kommen, Zucker laden. So etwas ist oft passiert, die Russen haben sehr gern nachts gearbeitet. Am Tage war Ruhe. Und nachts ging das Radio und war Licht überall. Gegessen haben sie morgens um neun, mittags um drei und abends um neun. Das weiß ich noch, weil ich auch später, nachher in Sachsenhausen, oft die Offiziere habe fahren müssen.

Also ich habe mir nichts dabei gedacht, bin natürlich losgefahren, ich Esel, und habe mich in Frankfurt gemeldet wie gewohnt. Da kommt ein Offizier auf mich zu und fragt, von welchem Amerikaner ich den Auftrag hätte, bei ihnen zu arbeiten. Da sage ich: ‚Na, von keinem! Das haben Sie doch angeordnet. Ich will überhaupt nicht hier arbeiten!’- ‚Ach, Sie wollen bei uns nicht arbeiten? Was haben Sie denn gegen uns?’- Ich sage: ‚Ich habe nichts gegen Sie, überhaupt gegen keinen Menschen’, sage ich. ‚Aber’, so er – und ja, also wenn ich nicht die Wahrheit sagen würde – ich hätte nämlich zwei Russen zur Flucht verholfen.

Wenn ich das wenigstens gemacht hätte! Dann wüßte ich, warum sie mich eingesperrt haben. Dann hätte ich mir gesagt, du hast halt Pech gehabt. Aber du hast vielleicht zwei Menschen glücklich gemacht. Nun war das so: Es handelte sich um zwei ehemalige russische Kriegsgefangene, die in deutsche Gefangenschaft gekommen waren. Die kannte ich aber gar nicht. Von der einrükkenden sowjetischen Truppe wurden die ganz schlecht behandelt. Ganz schlecht! Die haben denen gesagt, ihr habt es vorgezogen, euch in deutsche Gefangenschaft zu begeben, statt euch das Leben zu nehmen. Statt nun zu sagen: ‚Gott sei Dank, Jungens, wir haben euch wieder, ihr seid noch gesund, nun macht, dass ihr zu euren Familien kommt’ – wie es bei uns wäre. Aber nein. Jedenfalls habe ich gesagt: ‚Ich kenne überhaupt niemanden. Ich kenne niemanden außer dem Kapitan Bernstein.’ – ‚Der ist Jude!’ zischte da der Dolmetscher böse. Und da sage ich: ‚Ja, das weiß ich nicht’. Ich wußte es zwar, das sagt ja der Name schon. Ich sage, ‚ich weiß es nicht, und für mich sind alle Menschen gleich.’ Und ich würde wirklich keinen kennen – was ja auch zutraf. Wenn ich nicht die Wahrheit sagen würde, müßten sie mich eine Nacht einsperren, hieß es plötzlich. ‚Na,’ sage ich, ‚na, dann müssen Sie mich eben eine Nacht einsperren!’ Da habe ich aber dran geglaubt, dass es wirklich nur eine Nacht sein würde. Sagt der Offizier noch, ‚Morgen holen wir Sie wieder!’ Zur Arbeit, sollte das heißen. Von wegen! Ich habe meinen Lastzug nicht mehr wiedergesehen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
612 s. 87 illüstrasyon
ISBN:
9783938176825
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar