Kitabı oku: «Das Medaillonbild der blonden Frau»

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Das Medaillonbild der blonden Frau

Frauenroman

Anny von Panhuys

Das Medaillonbild der blonden Frau

© 1953 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592250

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

Die Schritte der beiden Männer hallten in der nächtlich stillen Straße wider. Der Ältere beeilte sich, schneller zu gehen, aber der andere blieb an seiner Seite, und beim Licht der Laternen sah Franz Wittenborn den Blick des Jüngeren in zorniger Anklage auf sich gerichtet.

„Wie lange wollen Sie denn noch so neben mir herlaufen, Sie Bauer?“ zischte der Ältere.

Heinz Hausmanns Stimme war voll Härte, als er erwiderte:

„Ich weiche nicht und werde neben Ihnen herlaufen, bis Sie mir mein Geld wiedergegeben haben. Ich erklärte Ihnen das schon mehrmals.“

Der Ältere nahm jetzt einen fast väterlichen Ton an.

„Junger Mann, wenn man, wie Sie, in Berlin den Lebemann markieren will, muß man auch mit etwaigen Folgen fertig werden. Jetzt gehen Sie ins Bett und schlafen Sie sich aus, denn mir scheint, der Alkohol trägt auch ein bißchen die Schuld an Ihrem sonderbaren Benehmen. Deshalb will ich Ihnen Ihre bisherige Frechheit auch nicht weiter nachtragen. Also gute Nacht, Freundchen!“

Er wollte seinen Weg allein fortsetzen.

Heinz Hausmann ließ sich nicht abschütteln, er ging stumm und verbissen weiter neben Wittenborn her.

Ein Weilchen herrschte Schweigen zwischen den beiden.

Endlich sagte der Ältere knirschend: „Wenn Sie jetzt nicht machen, daß Sie fortkommen, rufe ich Hilfe herbei, Sie Unverschämter!“

„Ganz wie Sie wünschen“, erfolgte die Antwort. „Ich habe nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Wollen Sie mich los sein, dann geben Sie mir das Geld zurück, das Sie mir im Falschspiel abnahmen, Sie Bauernfänger. Sobald ich mein Geld habe, sind Sie von meiner Begleitung frei.“

Der Ältere schaute sich um. Er bedauerte, sich kein Auto genommen zu haben. Aber der Spaziergang durch die frische Nachtluft hatte ihn gereizt.

Wie hätte er auch ahnen können, daß sich dieser ländliche Mensch mit solcher Ausdauer an seine Fersen heften würde.

Er sann auf eine Gelegenheit, ihm zu entwischen, aber sein Begleiter beobachtete jede seiner Bewegungen mit unverkennbarem Mißtrauen.

Der Küstriner Platz war überquert, dort drüben in einem der ersten Häuser der Königsberger Straße wohnte Franz Wittenborn.

Er dachte, wenn nur der dickfällige Begleiter verschwinden wollte, denn er selbst war müde, verspürte gar keine Lust mehr nach langen Umwegen.

Er blieb schroff stehen.

„Mensch, nun türmen Sie aber, sonst läuft mir die Galle über!“

Der Jüngere lachte böse.

„Sie haben falsch gespielt und mir dadurch mein Geld abgenommen. Ich verlange meine fünfhundert Mark zurück, es ist mein ganzes Kapital und ich bin stellungslos.“

„Also sind Sie ein leichtsinniges Huhn“, höhnte der Ältere, „im übrigen Schluß mit der Geschichte. Da drüben kommen Leute und wir könnten auffallen.“

„Vor einem Weilchen drohten Sie doch sogar noch, Hilfe herbeizurufen“, warf ihm Heinz Hausmann entgegen, „also schadet es auch nichts, wenn wir auffallen. Keinesfalls werden Sie mich los, bevor Sie mir mein Geld wiedergegeben haben.“

Franz Wittenborn zuckte die Achseln, ging gerade auf das Haus zu, darin er wohnte, und schloß auf.

Der andere drängte sich neben ihn, stand bereits in dem hohen Hausflur, ehe ihn Franz Wittenborns Fuß betrat.

Jetzt drohte der Jüngere.

„Wenn Sie mich nicht mit in Ihre Wohnung nehmen, mir dort mein Geld wiedergeben, rufe ich hier so laut, daß Sie ein Bauernfänger, ein Falschspieler sind, bis alle Hausbewohner zusammenlaufen. Vor allem fordere ich eine Unterredung von Ihnen.“

Der Ältere sah keinen Ausweg, wenn er einen Skandal vermeiden wollte, und stieg schweigend zwei Treppen hinauf, begleitet von dem jungen Mann, den er erst am vergangenen Abend kennengelernt hatte. Der Lichtkegel der kleinen Taschenlampe schob sich gespenstisch voraus.

Vor einer Korridortür machte der Ältere halt, er hielt die Hand mit dem Taschenlämpchen so über das Namensschild, daß der andere nicht zu lesen vermochte, was darauf eingraviert war. Er hatte sich ihm unter falschem Namen vorgestellt.

Ein langer, schmaler Korridor tat sich vor den beiden auf, dann schritt der Ältere voraus in ein mäßig großes Zimmer, das sehr verwohnt aussah, dessen Möbel aber den Stempel einer gewissen Vornehmheit trugen, wenn auch nur den einer abgeschabten Vornehmheit.

Franz Wittenborn schloß, nachdem er das Gas entzündet, die Zimmertür, warf seinen Hut auf einen mit grünem Samt bezogenen Polsterstuhl und seinen Überzieher auf den Tisch.

Sein Gesicht war voll Hohn.

„Also, junger Mann, nun sagen Sie, was Sie mir sagen wollen, und zwar rasch, denn ich bin müde. Und reden Sie ein bißchen leise, meine Tochter schläft nebenan.“

Renate Wittenborn war schon wach geworden, als sie auf dem Korridor das Schreiten von zwei Paar Füßen gehört hatte. Sie wachte immer auf, wenn ihr Vater, meist lange nach Mitternacht, nach Hause zurückkehrte, aber sie stellte sich stets schlafend, weil er sehr zornig wurde, wenn er sie noch wach fand.

Sie hob ein wenig den Oberkörper und unterschied beim Lauschen deutlich zwei Stimmen. Die ihres Vaters und eine ihr völlig fremde Stimme.

Die fremde Stimme schrie ganz laut: „Geben Sie mir meine fünfhundert Mark wieder, um die Sie Falschspieler mich betrogen haben. Ich ließ mich leichtsinnigerweise leider verschleppen zum Trinken und Spielen, aber wenn Sie ehrlich gespielt hätten, würde ich gern die Zeche für meinen Leichtsinn tragen, doch beschwindeln lasse ich mich nicht. Ich bin doch stellungslos und mir blieb nichts, mir blieb nicht so viel, um ein paar Tage Essen und Schlafen bezahlen zu können. Also, geben Sie mir mein Geld, oder wenigstens die Hälfte zurück. Wer weiß, wie lange es dauert, bis ich Stellung finde.“

Renate hörte jetzt den Vater sagen: „Das hätten Sie sich früher überlegen sollen, Bürschchen, vor allem aber beleidigen Sie mich nicht mehr, ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht falsch gespielt. Aber ein gutes Herz habe ich und deshalb schenke ich Ihnen zehn Mark. Dafür können Sie ’ne ganze Weile in einem Asyl unterkriechen, und wenn es nicht mehr zu warmem Essen reicht, schmeckt trokkenes Brot auch ganz gut.“

Er hielt dem Jüngeren einen Schein entgegen, doch das sah das Mädchen natürlich nicht.

Jetzt vernahm Renate wieder die Stimme des Fremden.

„Verspotten Sie mich nicht noch, Sie Falschspieler, das Geld, das mein ist, will ich haben!“

Renate begriff den Sinn der erregten Unterhaltung nicht, die nebenan geführt wurde.

Ihr Vater sprach jetzt leiser. Sie verstand nichts mehr. Und nun sann sie, wer wohl bei dem Vater sei und was dieser Fremde damit meinte, daß er den Vater Falschspieler nannte.

Nebenan aber ging der erregte Wortwechsel weiter, obwohl die Stimmen jetzt gedämpft waren.

Wittenborn machte eine großartige Handbewegung und erbot sich, dem unwillkommenen Besucher zwanzig Mark zu geben.

„Was soll ich denn damit“, wehrte Heinz Hausmann ab. „Aber ich will vergessen, daß Sie das Geld auf unrechte Weise an sich brachten, und bitte Sie, es mir leihweise wiederzugeben, Sie erhalten es zurück, sobald ich Stellung gefunden habe.“

„Für wie dumm halten Sie mich eigentlich?“ höhnte der Ältere. Er zog eine breite silberne Börse hervor, hielt sie hoch. „Hier drinnen stecken Ihre Fünfhundert, probieren Sie mal, da ranzukommen!“

Im Augenblick, da er kaum ausgesprochen, zuckte es ihm blitzgeschwind durch den Kopf, daß er am Schluß des Abends zu viele Liköre getrunken, das Zeug verleitete ihn zu Unbesonnenheiten.

Man soll Verzweifelte nicht reizen, und dieser schlanke Junge mit den etwas derben, braungebrannten Zügen befand sich in verzweifelter Stimmung.

Aber zu spät hatte er sich besonnen, denn schon reckten sich zwei nervige Hände nach der Silberbörse.

Er hielt die Börse mit der Linken und wehrte mit der Rechten Heinz Hausmann ab, achtete nicht mehr darauf, daß er ihn rücksichtslos an Schulter und Brust stieß, schließlich auch ins Gesicht.

Plötzlich ward ihm die Börse entrissen, er sah sie nicht mehr.

Wut raubte ihm die Besinnung, er schlug wie wahnsinnig auf den Jüngeren ein, bis der, zur äußersten Verteidigung getrieben, seinen Hals umspannte, fester und fester.

Mit gurgelndem Laut stürzte er zu Boden.

Schon kniete Heinz Hausmann neben ihm, blickte entsetzt in das fahle, verzerrte Gesicht des vor ihm Liegenden.

Abscheulich sah das Gesicht aus, wie das eines häßlichen, toten Fauns. Beuteliger bauschten sich die Tränensäcke unter den geschlossenen Augen, tiefer kerbten sich die Furchen ein, die von der spitzen Nase halbrund zu den Mundwinkeln liefen, und trübes, blaugraues Licht schien über den Zügen zu schwimmen wie Nebel.

Ich habe ihn erwürgt! durchschauerte es Heinz Hausmann, und Eiseskälte überströmte dabei seinen Körper.

Plötzlich ruckte sein Kopf hoch, er starrte auf die Tür, die sich eben mit leisem Quietschlaut öffnete.

Im Rahmen der Tür stand ein Kind im langen weißen Nachtgewand.

Es war ein dürftiges, blasses Mädelchen mit so großen braunen Augen, daß sie das Gesicht vollständig beherrschten, dünnes, steif zurückgekämmtes Haar schien farblos.

Heinz Hausmann erschrak vor dem bleichen Geschöpfchen, als ständen die Schergen vor ihm, um ihn als Mörder zu verhaften.

Er zitterte so heftig, daß es ihm unmöglich war, sich zu erheben.

Ein helles Stimmchen fragte leise: „Was fehlt denn dem Vater, ist er krank geworden?“

Er biß sich auf die Lippen in toller, mühsam beherrschter Erregung. O, mochte Gott ihm jetzt beistehen! Das Kind hatte ihm eben einen Weg zur Rettung gezeigt!

Er stammelte: „Dein Vater ist ohnmächtig geworden. Wir besprachen etwas Wichtiges und da fiel er plötzlich um.“ Rasch und dennoch stockend fügte er hinzu: „Befindet sich sonst noch jemand in dieser Wohnung?“

Das Mädchen kniete neben dem am Boden Liegenden nieder.

„Mein Vater und ich wohnen allein hier, Mutter ist doch tot und die Aufwärterin kommt nur tagsüber ein paar Stunden.“

Mit ihren überaus schmalen Ärmchen machte die ungefähr Zehnjährige einen Versuch, den Vater hochzuziehen.

Heinz Hausmann sprang empor, er mußte den Rettungsweg benützen.

„Quäle dich nicht ab, Kind, du kannst deinem Vater doch nicht helfen. Ich werde den Arzt rufen. Wo wohnt der nächste Arzt?“

Sie gab eifrig und aufgeregt Auskunft: „Drei Häuser von hier nach links, es ist eine Nachtglocke an dem Haus. Vater läßt die Schlüssel immer innen in der Korridortür stecken, wenn er nachts nach Hause kommt; der Hausschlüssel ist auch dabei.“

Er nickte. „Gut, gut, ich hole also den Arzt.“

Er bückte sich, horchte auf ein Lebenszeichen des am Boden Liegenden mit einer letzten, verzweifelten Hoffnung.

Kein Atemzug war zu erlauschen, stumm und starr blieb das verzerrte Gesicht.

Er ist wirklich tot! durchdrang es Heinz Hausmann mit grauenhafter Gewißheit. Er mußte alle Kraft anwenden, um es nicht laut hinauszuschreien.

Mörder! durchzuckte es ihn, und Mörder! schien ihm alles hier in dem dumpfen Zimmer zuzurufen.

Wie ein weißer, häßlicher Kobold mit wunderschönen Augen hockte die Kleine neben dem regungslosen Mann auf dem bunten, abgenützten Teppich.

Heinz Hausmann graute. Er flüsterte: „Ich hole den Arzt und komme sofort zurück.“

Er atmete auf, als er den Schlüssel in der Korridortür stecken fand. Am selben Messingring hing der Hausschlüssel. Nun konnte er sich retten.

Zum Glück hatte er Streichhölzer bei sich, sonst hätte er sich in dem fremden Hause nicht zurechtgefunden.

Endlich befand er sich auf der Straße. Ewigkeiten schien es ihm, waren vergangen, seit er das hohe düstere Haus betreten. Und in diesen Ewigkeiten war er zum Mörder geworden.

Er schritt über den Küstriner Platz, irgendwo schlug eine Uhr die dritte Morgenstunde. Er schleppte sich durch Straßen und über Plätze, bis er ein Auto fand. Er nannte als Fahrziel den Stettiner Bahnhof, dort in der Nähe lag das Hotelchen, in dem er wohnte.

Der Chauffeur schrie ihn an. „Sie sind woll besoffen, da drüben is ja der Stettiner Bahnhof!“

Er wies nach links hinüber.

Heinz murmelte: „Ich weiß nicht Bescheid in Berlin“, und zwang sich zu aufrechter Haltung. Erst als er sich in dem kleinen Hotelzimmer befand, sich unbeobachtet wußte, sank seine Haltung zusammen wie übermüdet.

Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, grübelte dem Geschehenen nach.

Er langte in die Tasche seines Jacketts und fühlte, als er sein Taschentuch suchte, die Börse, in der seine fünfhundert Mark sein sollten. Die fünfhundert Mark, um derentwillen er zum Mörder geworden.

Er öffnete die Börse und sein Blick drückte furchtbares Entsetzen aus, denn es fanden sich zwar die fünfhundert Mark, aber außerdem noch viel, viel mehr Geld, eine Menge großer Banknoten.

Heinz Hausmann erbebte vom Scheitel bis zur Sohle, denn nun war er nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Dieb.

Er legte die Börse auf den Tisch, ein grauenhafter Ekel vor sich selbst würgte ihn im Halse.

Er drehte das Licht ab, warf sich angekleidet auf das Bett.

Vielleicht suchte man jetzt schon den Mörder. Vielleicht hatte das kleine Mädchen, nachdem es vergebens auf seine Rückkehr gewartet, Hilfe herbeigerufen, ihn beschrieben, ein kleiner Zufall konnte ihn verraten.

Er starrte in das Dunkel des Raumes, und ihm war es, als liege sein ganzes zukünftiges Leben in so dumpfes Dunkel eingehüllt wie das Zimmer.

Er mußte an die wunderschönen, traurigen und ernst fragenden Augen der Kleinen denken. Wie zwei goldbraune Sterne schienen sie aus der Düsternis auf ihn niederzublicken.

Armes Ding! sann er, und sein Herz war plötzlich über und über angefüllt von einem grenzenlosen, unsäglichen Weh. Er vermochte nichts, gar nichts mehr zu denken, wie in einem strudelnden Durcheinander ertrank die letzte Klarheit.

Aber zu schlafen vermochte er ebensowenig, dazu war alles in ihm zu wirr und aufgewühlt.

Als der Morgen die dunklen Schattentücher fortriß mit grauer Dämmerhand, warf er die Stumpfheit ab, sein Selbsterhaltungstrieb setzte doppelt stark ein.

Er wollte fort, weit fort, so bald wie möglich.

Er packte sein Köfferchen, mit dem er vorgestern in Berlin angekommen, um zu versuchen, von hier aus Stellung zu finden. Hinter sich hatte er ja sowieso alle Zelte abgebrochen, Verwandte besaß er nicht mehr, also fort, so weit es nur möglich, fort, fort.

Aber wohin?

Er dachte an Hamburg. Von dort aus fuhren viele Schiffe über das Meer nach dem großen Reiche Übersee. Irgendwo nach dorthin wollte auch er.

Der Inhalt der Silberbörse bedeutete seine Rettung. Ohne sie wäre er jetzt wohl verloren gewesen.

Er wunderte sich dann fast, daß sich niemand in dem kleinen Hotel um seine Abreise kümmerte, daß kein Polizeibeamter bereitstand, ihn zu verhaften, ehe er Berlin verlassen konnte.

Er saß dann im Zuge und fuhr der großen Hafenstadt entgegen.

Bisher hatte er nur mit spitzen Fingern in die Börse gefaßt, in Hamburg wollte er sie ins Wasser werfen, damit sie ihn nicht verraten konnte.

Er nahm auch in Hamburg in einem kleinen, billigen Hotel Wohnung, und dort schüttete er, nachdem er sich eingeschlossen, den Inhalt der Börse auf dem Tische aus. Er zählte fast viertausend Mark und zum Schlusse fand er, verdeckt von den Geldscheinen, ein kleines, auf Elfenbein gemaltes Medaillonbild in dünner Goldumrahmung.

Er betrachtete das Bild, sah ein Frauenköpfchen von bestrickendem Reiz, einen holdlächelnden Mund und mattgoldenes Haar in reicher, lockiger Fülle. Er sah goldbraune Augen voll Leuchten und erkannte, daß es dieselben Augen waren wie die des kleinen, häßlichen Mädchens, dem er den Vater genommen.

Lange, sehr lange betrachtete er das Bildchen, sein Blick wollte sich gar nicht davon lösen. Und dann wandte er es um und fand auf der Rückseite der Umrahmung eine Eingravierung: Er las: Meinem geliebten Manne, Franz Wittenborn, zu unserem ersten Hochzeitstag von seiner Eva.

Franz Wittenborn, so mußte der Tote heißen — ihm hatte er allerdings einen anderen Namen genannt — und sie, die blonde Lieblichkeit, die das Bildchen darstellte, war seine Frau gewesen und des kleinen Mädchens Mutter. Die Augen verrieten es, aber auch nur die Augen, denn das Mädelchen war häßlich, war ein graues Entlein.

An diesem Tage warf Heinz Hausmann die Silberbörse in die Alster. Er hatte dazu einen Spaziergang gemacht, weit hinaus.

Auf dem Rückweg überholte er eine einsame Spaziergängerin. Sie hatte ein etwas fremdländisches Aussehen, ihre Haut war tiefbrünett, ihr Haar blauschwarz, es war Herbheit und Frische um sie herum.

Kaum hatte er sie überholt, als sie ihm nachgelaufen kam. Ihr etwas fremd klingendes, aber reines Deutsch flog hinter ihm her: „Mein Herr, haben Sie nicht etwas verloren?“

Sie war stehengeblieben.

Sie hielt etwas hoch, ihm entgegen. Er erkannte das kleine Miniaturbild und begriff nicht, wie er es verloren haben konnte.

Vielleicht war es gefährlich, sich zu dem Gegenstand zu bekennen, aber er tat es doch, er liebte dies gemalte reizvolle Gesicht mit den großen, strahlenden Augen, dem sonnigen Lächeln.

Die Fremde, die einfach, aber gediegen gekleidet war, meinte mit leisem Vorwurf: „So etwas Wunderschönes darf man nicht verlieren.“

Er mußte lächeln. Wahrscheinlich glaubte sie an Herzensbeziehungen zwischen dem Original des Bildes und ihm.

Er sagte ein paar warme Dankesworte, steckte das Bildchen sorgfältig ein.

Die Fremde musterte ihn prüfend, fragte, ob es ihm recht sei, den Weg zur Stadt mit ihr gemeinsam zurückzulegen.

„Ich langweile mich“, bekannte sie offen, „und unterhalte mich gern einmal. Mein Schiff fährt erst nächste Woche von Bremerhaven, und ich wohne, nun so lange in Hamburg, weil es doch hier mehr zu sehen gibt.“

Er rückte an seinem Hut. Natürlich könne man den Rückweg zusammen machen.

Sie schritt leichtfüßig neben ihm her und plauderte dabei frisch und lebhaft. Er fand, es sah so appetitlich aus, wenn ihre weißen Zähne beim Sprechen zwischen den roten Lippen aufblitzten.

Sie erzählte: „Ich habe eine alte Dame, eine geborene Deutsche und die Frau unseres kürzlich verstorbenen Obercapataz, die fast vierzig Jahre im Ausland gelebt, zu ihrer Nichte nach Schlesien gebracht. Ein paar Monate war ich dort in der Nähe des Riesengebirges zu Gast, aber nun hielt ich es nicht mehr aus. Mir erging es wie der alten Dame, das Heimweh packte mich.“ Ihre schwarzen Augen blitzten. „Kreuzunglücklich fühlt man sich schließlich in der Fremde, weil man die Heimat vermißt, so vermißt, wie man es sich vorher gar nicht vorstellen kann. Ich hätte es nie geglaubt, wie einen das Heimweh schütteln kann. Wie ein böses, starkes Fieber ist das.“

Sie zuckte ein wenig die Schultern und ihr Blick hängte sich flüchtig in den seinen.

„Es gibt Menschen, die behaupten, wo es einem gut geht, da sei auch das Vaterland! Mir fehlt das Verständnis dafür. Es wäre allerdings engherzig, zu verlangen, jeder Mensch solle und müsse innerhalb der in seinen Landesfarben angestrichenen Grenzpfähle bleiben. Nein, man soll sich die Welt auch anderswo anschauen, wenn man das Geld dafür übrig hat oder sich die Gelegenheit dazu bietet. Besonders, wenn man Kaufmann, Künstler oder Forscher ist. Aber schließlich gehört man rechtzeitig wieder heim. Doch das sind Dinge, die man nur selbst fühlen kann.“

Sie endete mit der Frage, wie er darüber dächte.

„Ich weiß keine Antwort“, erwiderte er versonnen. „Ich liebe wohl die Heimat, aber ich habe sie noch nie verlassen. Erst wenn ich ein Weilchen draußen im Auslande bin, werde ich ein Urteil fällen können.“

Er dachte, was brauchte die Fremde um seine noch so herzlich unbestimmten Lebensziele zu wissen. Er schwankte ja sogar noch, welches von den Ländern jenseits der Wogen des Weltmeeres seine Zuflucht werden sollte.

Er schwankte in der Wahl zwischen Brasilien, Mexiko und Argentinien.

Er sann, es war die höchste Zeit, sich zu entscheiden, er mußte fort, die Schuld scheuchte ihn.

Die Fremde sah ihn fragend an.

„Sie redeten eben so vom Ausland, als ständen Sie im Begriff, es kennenlernen zu wollen. Hier, in dem Hotel, wo ich wohne, warten alle Gäste auf Schiffe, und es ist in Hamburg wohl überhaupt nichts Besonderes, Menschen kennenzulernen, die auf Schiffe warten. Ich glaube bestimmt, Sie gehören auch dazu. Darf ich wissen, wohin Sie zu reisen beabsichtigen?“

Er dachte, eigentlich war das eine müßige, neugierige Frage, und er wußte doch zugleich, dieses stark und aufrecht wirkende Mädchen kannte keine müßige Neugier. Die Frage entsprang lediglich einer wenn auch flüchtigen, so doch warmen Teilnahme am Geschick eines Mitmenschen.

Vielleicht buchstabierten diese klugen, dunklen Augen aus seinen Zügen heraus, daß er einer jener heimlichen Galeerensklaven war, die unsichtbare und doch schwere Eisenketten trugen und damit an der Schicksalsbarke festgeschmiedet waren.

Er wollte eine ausweichende Erwiderung geben, dennoch sagte er, als sei er dazu gezwungen: „Ich beabsichtige, mit einem der nächstfälligen Dampfer ins Ausland zu reisen, aber ich bin mir noch nicht einig, wohin. Ich will Erkundigungen einziehen, wo es sich erträglich lebt, wo einer Arbeit finden kann, der hier sein Brot verloren hat.“

Er fand, es klang täppisch und hielt ihren klaren Augen nicht stand.

Sie lächelte ein wenig.

„Also Sie sind ein Auswanderer, der in der Fremde sein Brot suchen will. Dios mio, ich kenne Sie nicht, mein Herr, aber wenn Sie kein anderer Grund wegtreibt als nur die Existenzfrage, dann rate ich Ihnen, hierzubleiben. Ich zum Beispiel möchte mich lieber in der Heimat zu Tode hungern, denn dann werde ich doch wenigstens in der Heimat begraben, als daß ich in der Fremde überreichlich satt würde.“ Der Ausdruck ihres energisch geschnittenen Gesichts wurde sehr ernst. „Aber ich glaube, Sie suchen die Fremde aus anderen Gründen, und die gehen mich nichts an. Meine Heimat ist Uruguay, mein Vater hat dort eine Estanzia und sein bester Vaquero bin ich, wie er selbst behauptet. Sie sehen, ich bin keine Salondame, und verübeln es mir hoffentlich nicht, wenn ich ein bißchen geradezu rede und so ganz selbstverständlich neben Ihnen herlaufe.“

„Uruguay?“ wiederholte Heinz Hausmann nachdenklich und wie fragend.

Es schien, er hatte das andere, was seine Begleiterin gesprochen, gar nicht gehört.

Sie sah ihn groß an, und er machte ein verlegenes Gesicht.

„Wenn ich ehrlich sein soll, ist es mir zwar, als hätte ich einmal etwas von Uruguay gehört, ja, aber es ist für mich ein vollkommen verschwommener Begriff. Ich habe keine Ahnung, wo es liegt.“

Sie atmete tief die frische Luft ein, die hier draußen in den Vorortstraßen noch morgenstark war.

„Sie haben demnach aber wenigstens einen verschwommenen Begriff. Jedoch habe ich während meines Aufenthalts in Deutschland viele Leute kennengelernt, die das Wort Uruguay überhaupt nie vernommen haben. Sie hielten es für eine Frucht oder einen Boxer. Man darf es wohl keinem verübeln, dieses Nichtwissen, doch selbst begreift man es kaum, wenn einem das Land, das so viele nicht einmal dem Namen nach kennen, Heimat ist. Und damit Sie Bescheid wissen, Uruguay liegt in Südamerika und ist Republik.“

Es war jetzt Spannung in seinem Blick, als er fragte: „Und wie lebt es sich in Uruguay?“

Sie schaute zum Himmel empor.

„Dort droben ist es blauer als hier und die Luft ist zitternd von wohliger Wärme.“ Ihre Augen blickten geradeaus. „Aber der Bürgerkrieg hat unser kleines, schönes Land zu oft geschüttelt. Vater sagt, der Boden wanke davon immer ein wenig. Viehzucht ist Uruguays Haupterwerbszweig, und wir Einheimischen haben spanische, portugiesische oder indianische Vorfahren. Man fragt nicht mehr so genau, wir haben die Heimat lieb, nur darauf kommt es an. Wir haben die Heimat lieb, und unter den Farben weiß-blau verbindet uns die gemeinsame Treue zu unserer engen, schönen Heimat.“

Sie hatten die Haltestelle einer Elektrischen erreicht. Die Mietskasernen begannen, die Straßenreihen erwuchsen dichter, strebten in hohen, einförmigen Häusern himmelan.

Beide waren stehengeblieben.

Er fragte: „Wollen Sie fahren?“

Sie nickte: „Ich laufe schon seit ein paar Stunden herum.“

Er dachte, vielleicht war ihr seine Begleitung nicht mehr angenehm, und als eben ein Straßenbahnwagen hielt und sie Miene machte einzusteigen, zog er grüßend den Hut.

Sie sagte nichts, reichte ihm aber die Hand.

Der Schaffner klingelte heftig ab. Da sprang sie in den Wagen.

Da erst fiel ihm ein, wie weltungewandt er eigentlich war. Er hatte sich nicht einmal vorgestellt. Und das hätte er wohl eigentlich tun müssen, das erforderte die einfache gesellschaftliche Höflichkeit.

Er stand noch immer an der Haltestelle, nachdem noch ein halbes Dutzend weiterer Elektrischen vorübergefahren, und dachte, wie schade, daß er nun wieder allein war. Die klare, ein wenig tief gefärbte Stimme der Fremden war so angenehm gewesen und hatte in ihm ein wenig die Angst zum Schweigen gebracht, die er seit der unseligen Tat mit sich herumtrug.

O, nur erst Schiffsplanken unter sich spüren, nur erst die Wogen des weiten Ozeans sehen und wissen, am Ziel des Schiffes liegt das Land, wo er mit aller Kraft, mit eisernem Willen Wurzel fassen wollte, um ein neues Leben zu beginnen.

II.

Endlich bestieg Heinz Hausmann den erstbesten Straßenbahnwagen, es war ihm gleich, wohin er fuhr, und fand sich dann in einem alten Stadtteil, sah das pittoreske Hamburg.

Trübe Kanäle zogen an dunklen, altersmüden Gebäuden dahin, Häuser mit Lastkranen nach der Wasserseite und offenen Paternostern sah er. Er stieg aus und lief durch Gassen, die während des ganzen Tages im Dämmer lagen.

In dunklen Konturen brannte Licht, damit man arbeiten konnte.

In diesen dunklen Gassen, durch die das Wasser trüber Kanäle zog, residierte manch namhafter Kaufherr, dessen Villa und Park an der Alster einen Traum von Reichtum und schöner Ruhe träumten.

Hier herrschte das Geschäft, hier war die Arbeit Königin, auch im düsteren, fleckigen, unansehnlichen Gewande.

Heinz Hausmann kümmerte sich nicht darum, wohin sein Fuß ihn trug. Er grübelte nur der Frage nach: In welchem Lande sollte er einen Platz suchen für sich? Es war die höchste Zeit, sich zu entscheiden. Ein Zufall konnte für ihn die schlimmsten Folgen heraufbeschwören, weil er ein Mörder war, ein Mörder und Dieb.

Mehrmals streckte er die Hand nach Tageszeitungen aus. Er wollte nachsehen, was die Blätter über seine Tat zu berichten wußten.

Aber ihm fehlte der Mut, weil er fürchtete, zugleich die Gewißheit zu erhalten, daß man ihm auf der Spur sei.

Er setzte sich, um Mittag zu essen, in eine kleine Hafenkneipe. Arbeiter und Heizer aßen hier. Sie unterhielten sich in ihrem breiten Hamburger Platt, er verstand nicht viel davon.

Ein sauber gekleideter Mensch nahm an seinem Tische Platz. Er grüßte freundlich, bestellte beim Kellner Essen und redete zu Heinz Hausmann ein paar allgemeine Worte. Aus seiner Rocktasche sah der Kopf einer Berliner Zeitung hervor.

Heinz Hausmanns Blick irrte immer wieder dorthin.

Der andere bot ihm, weil er den Blick bemerkt hatte, die Zeitung an.

„Wollen Sie lesen? Es steht heute allerlei Interessantes darin. Zum Beispiel wurde vorgestern nacht in Berlin ein Mord unter ganz seltsamen Umständen begangen. Es handelt sich um eine geheimnisvolle Sache. Lesen Sie es nur selbst, es ist sehr interessant, wirklich.“

Heinz Hausmann wehrte ab.

„Nein, nein, ich lese so etwas nicht gern!“

Ihn fror plötzlich und gleich danach ward ihm siedendheiß.

Vorgestern nacht! Ein Mord unter seltsamen Umständen!

Er sah in diesem Augenblick ganz deutlich das mit verschabter Eleganz eingerichtete Zimmer, sah den Erwürgten zu seinen Füßen und hörte das Mädelchen im weißen Nachtgewande fragen: Was fehlt denn dem Vater, ist er krank geworden?

Er bestellte sich ein Glas Rum.

Ihm war mit einem Male elend und übel zumute.

Der andere lachte. „Ihnen wird wohl schon flau, wenn man von so was wie einem Mord redet?“

Heinz versuchte, Haltung zu bewahren.

„So schlimm es is nun gerade nicht, mir ist schon den ganzen Morgen flau.“

Er redete noch allerlei, zwang sich dazu, denn jählings war in ihm die Angst erwacht, der Mann neben ihm könnte vielleicht ein Kriminalbeamter sein.

Schließlich vermochte er die Nervenanspannung nicht mehr zu ertragen, er zahlte, erhob sich und grüßte.

Ihm ward leichter, als er merkte, er wurde nicht verfolgt.

Er schalt sich kindisch. Niemand dachte daran, ihn zu verfolgen, weil niemand ihn verdächtigte.

Dennoch, solange er sich auf deutschem Boden befand, würde ihn die wahnwitzige Angst quälen, ihm nicht die kleinste Ruhepause gönnen, um frei zu atmen.

Ob er sich wegen seiner Überseereise irgendwo beraten lassen sollte? Aber wer weiß, welchem Schwindel und welchen Gaunereien er da ausgesetzt war.

Uruguay! Ganz laut meinte er das Wort zu hören.

Bunte Plakate im Fenster eines Schiffahrtsbureaus lockten an, versuchten in Farben die Reize fremder Länder anzupreisen. Unter einem mächtigen Dampfer auf grellblauen Wogen las er mit riesigen Lettern das Wort Uruguay. Die Buchstaben strebten ihm förmlich entgegen und das Wort war ihm doch noch gestern so fremd und unbekannt gewesen, wie es ihm heute schon vertraut schien.

Er betrat das Bureau, ließ sich die Fahrpreise sagen, fragte allerlei und erhielt freundliche Auskunft. Er hörte, der nächste Dampfer nach Montevideo, der Hauptstadt von Uruguay, würde Mitte der kommenden Woche von Bremerhaven abfahren.

Da mußte er an die Fremde denken.

Er fragte, wann das Konsulat geöffnet sei, alle seine Papiere trug er ja bei sich.

Man antwortete ihm, wenn er sich eile, käme er noch zurecht, ehe geschlossen würde. Und er eilte sich sehr.

Vor der Tür des Konsulats traf er die Fremde wieder. Sie trat aus dem Hause, blieb stehen, begrüßte ihn wie einen alten Bekannten.

„Nun, Sie wollen doch nicht etwa auf das Konsulat für Uruguay?“

Er nickte. „Doch! Denn ich weiß ja nun, wohin meine Fahrt gehen soll. Nach Uruguay! Sie haben mir Lust gemacht, das Land kennenzulernen. Und weil ich Landwirt bin, hoffe ich dort Arbeit zu finden.“

Sie sah ihn sehr ernst an.

„War Ihr Entschluß auch nicht vielleicht übereilt? Ich möchte nicht die Schuld tragen, falls Sie vielleicht drüben bei uns im Lande nicht das Glück finden, das Sie erwarten. Sie dürfen sich nicht davon beeinflussen lassen, daß ich meine Heimat lobte.“

„Nein, nein“, versicherte er hastig. „Hoffentlich ist das Konsulat noch geöffnet?“

„Ja, es ist noch geöffnet“, gab sie zurück. Sie meinte nachdenklich: „Vielleicht macht man Ihnen aber für die Einreise Schwierigkeiten. Ich werde deshalb, wenn es Ihnen recht ist, wieder mit hingehen und erklären, Sie seien von meinem Vater durch mich engagiert, was ja, da Sie Landwirt sind, durchaus glaubwürdig ist. Ich habe mir vorhin Briefe vom Konsulat geholt.“

Er hatte bisher an keine Schwierigkeiten gedacht, plötzlich aber sah er Hindernisse.

Er nahm das Anerbieten ihrer Hilfe dankbar an.

Sie lächelte. „Ein wenig ist meine Heimatschwärmerei doch die Veranlassung, daß Sie sich für Uruguay entschieden haben, deshalb will ich Ihnen behilflich sein.“

Es ging alles glatt.

Er zeigte sein Zeugnis der Landwirtschaftlichen Schule und sein Zeugnis als Gutsinspektor, auf dem Tüchtigkeit und Ehrlichkeit betont wurden und daß die Entlassung nur geschehen, weil der Gutsherr in bedrängter Lage keinen Inspektor mehr halten könne.

Sie standen dan beide auf der Straße, und Heinz Hausmann wußte jetzt auch den Namen des brünetten Mädchens.

Sie hieß Verena Saperas, ihres Vaters Estanzia schien Bedeutung zu haben. Er hatte das auf dem Konsulat gemerkt an der Art, wie die Herren mit ihr sprachen.

Sie erbot sich, ihm bei der Besorgung des Fahrscheins behilflich zu sein, und er willigte mit Freuden ein. Ihre sichere, zuverlässige Art schläferte seine Ängste ein.

Sie verschaffte ihm einen Platz auf demselben Dampfer, mit dem auch sie fahren wollte, und er hatte das Gefühl, als seien da plötzlich wieder helfende Mutterhände für ihn bereit. Und es war doch schon so lange her, seit seine Mutter sich neben den Vater zur Ruhe gelegt auf dem kleinen Friedhof seines Geburtsdorfes.

Verena Saperas erzählte ihm viel von ihrem Daheim und aus ihrem Munde klang es wie eine einzige große Lobeshymne auf die Heimat.

Verena Saperas wohnte in einem Hotel, nicht weit von dem seinen entfernt, und er durfte sie ein paarmal zu Ausgängen abholen.

Dabei fragte sie ihn über seine landwirtschaftlichen Kenntnisse aus, und er bewunderte aufrichtig, wie beschlagen sie auf dem Gebiete war.

Sie versprach, den Versuch zu machen, ihm auf einer befreundeten Estanzia Stellung zu verschaffen. Im Anfang müsse er bescheiden sein und mit allem fürlieb nehmen; wenn er das Zeug dazu besitze, arbeite er sich schon empor.

Er freute sich des Versprechens, reiste er doch nun nicht ohne Hoffnung in die Fremde.

Sie fuhren zusammen nach Bremerhaven und Heinz Hausmann ging ein Weilchen nach Verena an Bord. Neben ihm aber schlich wieder die Angst, aufs neue fürchtete er die Gefahr einer Verhaftung überstark. Als sich aber die letzten Formalitäten glatt erledigten und ihm wieder Verenas bräunliches Gesicht zulächelte, dämmerte die Angst zurück, er empfand jenes Gefühl von Geborgensein, das ihn immer in ihrer Nähe in leise Sicherheit wiegte.

Sein Herz tat harten, schweren Schlag. Wie würde ihr Lächeln ersterben, ihr froher Blick, mit dem sie ihn begrüßte, sich in Verachtung wandeln, wenn sie ahnte, welch ein Verbrecher er war.

Denn das war er, davon konnten ihn auch die besonderen Umstände, durch die er zum Verbrecher geworden, nicht freisprechen. Einen Mord beging er, einen Diebstahl dazu — und ein kleines Mädchen war durch ihn zur Vollwaise geworden.

Ob er drüben im fremden Lande ein wenig würde vergessen können, welche furchtbare Schuld er auf sich geladen, ob die Fremde die Kraft besitzen würde, seinen Selbstvorwürfen die marternde Schärfe zu nehmen?

Mochte es der Himmel geben!

Er wußte wohl, er hätte sich freiwillig dem Gericht stellen müssen, hätte sich nicht der Verantwortung entziehen dürfen, aber dazu hatte sein Mut nicht gereicht, nein, dazu nicht.

III.

Es war eine wundervolle Seereise. Heinz Hausmann nahm mit Entzücken und Begeisterung die malerischen, fremdartigen Küstenbilder in sich auf, die sich seinem Auge boten. Er bewunderte die romantischen Schönheiten der portugiesischen Ufer, Madeira tauchte auf und die Kanarischen Inseln, der Äquator wurde passiert und immer war das Wetter herrlich klar geblieben in all den Tagen.

„Nun wird bald die brasilianische Küste in Sicht kommen“, erklärte ihm Verena, die viel mit ihm auf dem Dampfer beisammen war.

Aber noch ehe die brasilianische Küste in Sicht kam, wühlte ein Sturm den Atlantischen Ozean auf, der dem Riesendampfer einen Tanz auf den Wogen verschaffte, der keinem der Passagiere Freude bereitete.

Mit stummem Entsetzen hockte man in den Gesellschaftsräumen zusammen, Angst und Entsetzen schminkten die Gesichter grüngrau und es nützte nicht viel, daß die gesamte Schiffsmannschaft, vom Kapitän abwärts bis zum jüngsten Schiffsjungen, erklärte, es sei nicht der geringste Grund zur Besorgnis vorhanden, so ein Dampfer trotze noch ganz anderen Wettern.

Ein geschmackloser Unglücksvogel erzählte laut von Schiffsuntergängen. Seine scharfe Stimme tat allen weh, die ihn verstanden. Er sprach spanisch.

Verena war froh darüber, denn Heinz Hausmann brauchte über die törichte Unglücksunke nicht noch nervöser zu werden, als er schon war.

Er tat ihr so bitterleid.

Sie hatte längst bemerkt, daß er etwas mit sich herumtrug, mit dem er nicht fertig wurde. Sie war sich längst darüber klar, irgendeine große Sorge, eine Gewissenslast beschwere diesen kräftigen jungen Menschen, der ihr ausnehmend gefiel.

Er gefiel ihr besser als je ein Mann zuvor, sie gestand sich das ehrlich ein.

Ob sein Kummer, seine Sorge irgendwie mit der blonden Schönheit auf dem kleinen Medaillonbilde zusammenhing, das sie damals in Hamburg gefunden und durch das sie seine Bekanntschaft gemacht hatte?

Sie mochte nicht fragen, nicht dadurch vielleicht an Wunden rühren, die noch frisch waren und bluteten.

An einem der Tische, wo sich die meisten Passagiere zusammendrängten, saß eine ältere Dame, eine Deutsche. Sie rief sehr erregt: „Ich habe einmal in einem Roman gelesen, daß ein großes Schiff vom Sturm zerrissen wurde, wie ein schwaches Haustier von einer wilden Bestie, weil sich ein Mörder an Bord befand.“

Ein Berliner spöttelte: „Meine Allerjnädigste, dann müßten viele Schiffe vom Sturme zerrissen werden.“

Verenas Züge waren angespannt, sie schaute Heinz Hausmann schärfer an.

Hatte sie sich geirrt oder war er vorhin bei dem Satz der deutschen Dame zusammengezuckt wie jemand, der sich getroffen fühlt?

Sein Blick wich dem ihren aus, ward scheu.

Ein furchtbarer Stoß schien den Schiffsriesen von oben bis unen spalten zu wollen. Ein paar Frauen schrien laut auf, eine verfiel in Weinkrämpfe. Die ältere deutsche Dame kreischte: „Wir haben auch einen Mörder an Bord!“

Verena sah diesmal ganz deutlich das Zusammenzucken des Mannes, der sich krampfhaft an den Armlehnen seines bequemen Stuhles festhielt.

Allmählich, nach vielen Stunden, ließ der Sturm nach, die todblassen Gesichter der Passagiere bekamen wieder Farbe. Man beschloß vor Freude am Abend einen Ball zu feiern.

Heinz Hausmann schlich sich in seine Kabine. Ihm war jämmerlich zumute, jämmerlicher als je.

Die Worte: „Wir haben auch einen Mörder an Bord!“ gellten ihm noch immer in den Ohren.

Wie tausend Nadeln mit scharfen Widerhaken riß es an seinen Nerven und dazu war es ihm, als hätte ihn Verena scharf beobachtet, als habe er in ihren klaren klugen Augen das Licht des Mißtrauens aufblitzen sehen.

Er setzte sich auf sein Bett, stützte den rechten Ellbogen aufs Knie und legte sein Kinn in die Schale seiner Hand. Ohne daß er es wollte, stiegen ihm heiße Tränen in die Augen.

Mörder! Dieb! Wie ein Chor von Tausenden brüllte und tobte es unaufhörlich: Mörder! Dieb!

Er horchte genau und ein klägliches Lächeln erstand flüchtig um seinen Mund.

Das Meer war noch voll Unruhe, der mächtige Naturgesang der riesigen Wogen formte sich für sein schuldiges Gewissen zu einem Chor von Anklägern.

Er mußte wieder an jene Nacht im Hause des Berliner Ostens denken. Wie rührend war die Gestalt des Kindes gewesen, das ihn so gläubig hatte gehen lassen, um den Doktor zu holen.

Was mochte aus dem elternlosen Mädchen geworden sein?

Ob die Kleine Verwandte besaß, die sich ihrer angenommen hatten?

Eine schöne Mutter hatte sie besesen, eine wunderschöne Mutter.

Er zog das Bildchen hervor und strich unwillkürlich mit zärtlicher Hand über das entzückende Gesicht, das so gleichmäßig lieb lächelte, als sei das Lächeln nur ein einziger Weg der Freude.

„Wenn du mir so begegnet wärest, dich hätte ich geliebt“, flüsterte er auf das Bildchen nieder, von dem, so oft er es auch betrachtete, immer wieder jener eigentümliche, berauschende Reiz ausging, der ihn wie in einen Zauberbann zog.

Er hob die kleine Elfenbeinmalerei an die Lippen, sann verzweifelt, er hatte dem Kinde dieser liebreizenden Frau den Vater, den Beschützer genommen. Vielleicht auch das letzte Geld.

Gleichviel, ob es im Falschspiel gewonnen oder durch irgendwelche Arbeit erworben war, es handelte sich um eine ganze Menge Geld, das der kleinen Waise zugute gekommen wäre.

Als er das Bildchen an seine Lippen hob, hatte sich leise ein wenig die Tür geöffnet, Verenas dunkle Augen spähten in den Raum.

Sie war Heinz Hausmann gefolgt, getrieben von Mitleid und Güte, getrieben von einem Erbarmen, über das sie sich selbst nicht klar ward.

Der Mann hatte das Öffnen der Tür nicht bemerkt.

Verena aber erspähte das Bildchen und ein eigentümliches Empfinden durchströmte sie.

Sie beneidete sie, deren Bild Heinz Hausmann mit solcher Inbrunst küßte, und sie verschwand wieder, zog die Tür leise hinter sich zu.

Sie begab sich in ihre Kabine und in ihr war etwas erwacht, was sie vor dem heutigen Tage, was sie vor dieser Stunde noch nicht gekannt, die Eitelkeit.

Sie schloß sich ein, betrachtete sich gründlich im Spiegel.

Schön war sie nicht. Vielleicht aber hübsch, wenn sie es verstände, ihr Äußeres besser zur Geltung zu bringen.

Sie klingelte einer Stewardeß, mit der sie sich sehr gut stand, und sagte lächelnd zu ihr: „Ich möchte heute beim Ball recht hübsch aussehen, liebes Fräulein Marie, aber ich verstehe nicht, wie man das macht. Würden Sie mir dabei helfen?“

Sie hielt der Stewardeß einen Geldschein entgegen, die über das ganze Gesicht lachte.

„Natürlich helfe ich Ihnen gern, auf so etwas verstehe ich mich, und Sie sehr hübsch zu machen, ist nicht schwer, Senorita.“

Sie holte dann allerlei herbei und nun mußte Verena Saperas verschiedenes durchmachen, wovon sie bisher keine Ahnung gehabt.

Erst gab es ein Gesichtsdampfbad, dann stäubte heller Puder auf die bräunlichen Wangen nieder und die Augenbrauen wurden künstlich verlängert.

Danach ward Blau auf die Lider getupft und verrieben, die Lippen zu brennender Röte gezwungen durch einen Stift. Zuletzt ward das schwarze, straffgescheitelte Haar durch ein heißes Ondulationseisen aufgelockert zu losen Wellen. Endlich wählte die sich emsig mühende Stewardeß aus Verenas Garderobe ein dunkelrotes Seidenkleid. Sie trennte die Ärmel heraus und vertiefte mit kühner Schere den Halsausschnitt.

Als Verena sich, nachdem sie fertig angekleidet, im Spiegel beschaute, mußte sie zugeben, sie sah ganz anders aus als vorher, und die Stewardeß meinte stolz: „Man hat Sie bis jetzt kaum unter den Passagieren bemerkt, Senorita, von nun an werden sich die Herren die Augen nach Ihnen ausschauen.“

Verena dachte, daß ihr daran herzlich wenig lag, daß sie aber sehr zufrieden wäre, wenn der Mann, der das liebliche Medaillonbild so versunken geküßt, wenigstens bemerken würde, daß auch sie nicht zu den häßlichen Frauen gehörte.

Und doch, nachdem sie die Stewardeß verlassen, war sie nahe daran, das Kleid wieder abzuwerfen, ihr Haar wieder in der alten Weise zu ordnen. Es schien ihr mit einem Male töricht und aussichtslos, gegen eine Frau anzukämpfen, die sie nicht kannte.

Sie sann, weshalb hatte wohl Heinz Hausmann die schöne Blonde verlassen und was trieb ihn so weit von ihr und Deutschland fort?

Sein Zusammenzucken bei den zwei furchtbaren Silben „Mörder“ hatte sie zu deutlich gesehen.

Trieb den Mann, dem sich ihr eigenes Herz so überschnell zugeneigt, eine schwere Schuld von der schönen Blonden und aus der Heimat fort?

Und welche Schuld?

Sie kam sich in dem festlichen Kleid, mit dem geschminkten Gesicht, dem gelockten Haar wie eine schlecht zurechtgemachte Komödiantin vor. Der Mann, den ihre Gedanken umflogen wie Tauben ihren Schlag, dieser Mann litt; sie sah und fühlte es und gefiel sich doch in der Rolle des geputzten Weibchens, um ihm zu gefallen, seine Blicke auf sich zu ziehen.

Sie kämpfte mit sich. Sollte sie sich wieder umkleiden?

In diesem Augenblick klopfte es an.

Verena öffnete, Heinz Hausmann stand vor der Tür ihrer Kabine.

Er starrte sie an, als müsse er es sich erst klarmachen, daß sie es wirklich war.

Er rief betroffen: „Wie so ganz anders sehen Sie aus, Fräulein Saperas, aber —“

Er stockte. Nein, er durfte wohl nicht sagen, was sich ihm auf die Lippen drängte.

Verena ermunterte ihn: „Sprechen Sie nur frei heraus, sprechen Sie zu Ende. Ich kann eine herbe Wahrheit besser ertragen als eine schmeichlerische Unwahrheit.“

Er stand mitten im Rahmen der Tür, seine blauen Augen blickten sie treuherzig und doch ein bißchen verlegen an.

„Sie gefielen mir vordem viel besser als jetzt, Fräulein Saperas. Ich verstehe ja wohl nicht viel von dergleichen, aber ich finde, die Locken unterbrechen den metallenen Glanz Ihrer Haare. Ihr Haar ist viel schöner, wenn es glatt anliegt. Und Ihre Haut gefiel mir ohne Puder auch besser. Ihre Arme aber sind viel zu schön, um jedes dummen Gaffers Blick auf sich zu ziehen.“

Das letzte sagte er sehr leise.

Sie fühlte Freude, erwiderte rasch: „Ich werde mich sofort wieder in die alte Verena Saperas zurückverwandeln, denn ehrlich gestanden, ich gefalle mir so ebenfalls nicht.“

In seinen Augen leuchtete es auf.

„Ich kam eigentlich, um Sie zu bitten, nach dem Abendessen ein wenig mit mir an Deck zu gehen. Das Wetter hat sich beruhigt und die Sterne glänzen schon über dem Meer. Ich meine, man sollte nicht tanzen nach der Angst, die noch vor kurzem jeden verwirrt. Und zu Ihnen paßt das auch eigentlich gar nicht.“

„Weshalb, bin ich dazu zu häßlich?“ warf sie ihm scharf entgegen. Sie konnte nicht anders.

Er schüttelte lebhaft den Kopf.

„Ich weiß nicht genau, ob Sie schön oder häßlich sind, ich weiß nur, daß zu Ihnen all der Firlefanz der Durchschnittsgeschöpfe nicht paßt. Ich weiß, daß Sie klug und gütig sind und ein prächtiger Kamerad sein können, und das kleidet Sie. Ich habe an mir erfahren, daß Ihre Stimme allein wie Trost und Stärke ist, und danach sehnte ich mich vorhin. Deshalb bat ich Sie, mit mir später auf Deck zu gehen. Unter dem Sternenhimmel möchte ich Ihnen etwas erzählen, etwas beichten. Ich bin es Ihnen schuldig, und mich wird es erleichtern.“

Sie lächelte weich, ihre dunklen Augen ruhten auf seinem blassen Gesicht.

„Also ich kleide mich um, und nach dem Abendessen, wenn man im Saal über das Tanzen vergißt, daß es Stürme und Wetter gibt, treffen wir uns oben. Die Nacht unterm Sternenhimmel auf offenem Meer kümmert sich nicht um tanzende Pärchen, aber sie wird uns beiden gut tun.“

Sein dankbares Lächeln blieb bei ihr, und während sie sich umkleidete, trällerte sie ein Liedchen vor sich hin.

IV.

Als Verena nach dem Abendessen ihre Kabine abschloß, um auf Deck zu gehen, kam die Stewardeß den Gang entlang, ihr entgegen.

Sie blieb ein paar Schritte vor ihr entgeistert stehen. Ja, was bedeutete denn das? Erst ließ sich die Senorita Seperas von ihr schön machen, gab ihr dafür ein Trinkgeld, das nicht übel war, und jetzt sah sie doch wieder genau so aus wie früher.

Es sollte ein schwerreiches Mädchen sein, diese Uruguayerin, und so eine darf sich natürlich die dümmsten Launen gestatten und sie mit üppigen Trinkgeldern bezahlen.

Verena steckte ihren Schlüssel ein, lächelte die Stewardeß freundlich an.

„Fräulein Marie, ich habe meine Schönheit wieder abgeschüttelt, mir ist so wohler.“

Sie nickte ihr lächelnd zu, eilte vorüber und war sehr belustigt über den verblüfften Ausdruck auf dem Gesicht der Stewardeß.

Ihr war so überaus wohl zumute, seit sich ihr Haar, von Wasser und Bürste gezwungen, wieder wie ein glatter Ebenholzrahmen über Stirn und Schläfen legte, seit sie die Farben von ihrem Gesicht gewaschen.

Sie fand Heinz Hausmann an einem versteckten Platz, wo sich im allgemeinen selten jemand hin verlor und heute wohl gar nicht.

Sie saßen beide stumm ein Weilchen zusammen, und der Sturm, der zum leichten Wind geworden, strich über Verenas Wangen, die unter starkem Blutandrang brannten in der Erwartung, was ihr der Mann an ihrer Seite beichten würde.

Es tat wohl, dieses kühle Streicheln des Windes, und der starke, scharfe Meeresgeruch schien erfrischend und belebend in jede Hautpore einzudringen.

Heinz Hausmann lauschte auf das Rauschen der Wogen und ihm war es, als glitte er mit der Frau neben sich hinaus in die Unendlichkeit, weit hinaus über alle Beschränkung, die Menschenhirne ersonnen und Menschenhände geschaffen. Als seien nur diese dunkelhaarige Frau und er allein im grenzenlosen Raume und hinter ihnen beiden liege weit, weit alles das, was die Menschen einfingen in die Netze Gesetz und Strafe.

Unirdisch schien ihm alles, so völlig wesenlos, er fühlte sich frei und unbeschwert.

Furcht! Was war Furcht?

Er wollte beichten! Würde es eine Beichte werden? Eine Beichte und ein Geständnis? Oder konnte er nur erzählen, wie man ein böses, trauriges Märchen erzählt, das man einmal gelesen?

Verena wartete geduldig, sie unterbrach das Sinnen des Mannes nicht, sie hatten ja beide Zeit.

Unten im Saal hatte der Tanz begonnen. Ein Charleston klang auf, matt und gedämpft.

Verena dehnte wohlig die Glieder, die Seide ihres Mantels rieb sich leise aneinander.

Wie wundervoll, daß sie nicht zu den anderen gegangen war, zu den Tanzenden, die sich jetzt auf ihre Art amüsierten. Sturm hatte das Meer aufgewühlt in seinen Tiefen, hatte die Menschlein in Angst und Zittern gejagt, und nun die Gefahr vorüber. tanzten sie.

Und sie selbst hatte mitmachen wollen.

Hatte dadurch, daß sie sich herausputzte. einem Manne gefallen wollen, dem irgendeine große Not das Herz zusammenpreßte.

Sie glaubte das Medaillonbild vor sich zu sehen. Aus den dunklen Wogen stieg es herauf, ward groß und größer. Riesenhaft vergrößert, schien das süße Antlitz mit den herrlichsten Augen, dem flimmernden Haar, neben dem Dampfer über den Wassern herzuschweben.

Verena fühlte, wie ihre Lippen zuckten, aber der Mann ihr zur Seite wußte nichts von dem, was sie dachte und was ihr so schmerzhaft wehe tat.

Eben begann er zu sprechen.

Seine Stimme war leise und nur, weil ihm Verena nahe saß, vermochte sie ihn zu verstehen.

Heinz Hausmann erzählte von seiner Kindheit in dem märkischen Dorf, vom Tode seiner Eltern, von seinem Studium, für das er die kleine Erbschaft verbraucht, und von den zwei Jahren auf dem Gutshof des verarmten märkischen Junkers als Inspektor. Er erzählte, wie er mit seinen paar Habseligkeiten und seinen paar hundert Mark nach Berlin gefahren, wie er bei einem kleinen Abendbummel, zu dem die große lebhafte Stadt verlockte, einen liebenswürdigen älteren Herrn kennengelernt, der sich als Führer erbot. Er erzählte von einigen Gläsern Wein, die ihm der Fremde vorgesetzt, von zwei lustigen hübschen Mädchen, von einer Spielergesellschaft, und er erzählte das furchtbare Geschehnis, das sein Leben völlig aus dem Geleise gehoben.

Gleichmäßig leise, gleichmäßig ruhig fügte er Satz an Satz.

Es klang wirklich nur, als erzähle er ein böses, trauriges Märchen, das er einmal irgendwo gelesen.

Und Verena lauschte.

Ihre Hände ruhten lose gefaltet im Schoß, nichts an ihr bewegte sich, aber ihr Herz klopfte in einer Erregung, wie sie ähnliches noch niemals empfunden.

Sie litt, weil Heinz Hausmann furchtbar gelitten haben mußte, ehe er sie zur Vertrauten seiner Schuld machte.

Sie zitterte, als er von dem Medaillonbildchen zu sprechen begann, und ihre Hände preßten sich fester gegeneinander.

Und nun erfuhr sie alles, was das Bild anging, der schwere Druck wich von ihr, denn keine schöne blonde lebendige Frau stand hinter dem Bild, das er geküßt. Nur seine Phantasie begeisterte sich dafür. Ein Schatten war sie, die sie so glühend beneidet, ein Schatten, den er niemals gekannt.

Das war wie eine große, riesengroße Freude, die sie fast überwältigte.

Seine Schuld ward erdrückt von der Freude.

Und Heinz Hausmann sprach weiter.

Er erzählte, wie sehr ihn sein Gewissen gequält und wie jetzt alles so still in ihm geworden in dieser Stunde unter dem leuchtenden Sternenhimmel weit draußen auf hohem Meer.

Verena hatte ihn nicht ein einziges Mal unterbrochen. Sie hatte gefühlt, damit unterbrach sie vielleicht den Zauber der Stimmung, der den Mann so ruhig sprechen ließ von Dingen, die ihn noch kurz zuvor mit Grauen erfüllt.

Und nun schwieg Heinz Hausmann und wartete, daß Verena etwas sagen sollte.

Aber sie schwieg. Zu viel war auf sie eingestürmt, darüber mußte sie nachdenken und sinnen.

Das Schweigen dauerte lange, dauerte dem Manne zu lange.

Schon kroch die alte Angst wieder an ihn heran gleich einer hinterlistigen Schlange, bald würde sie ihm wieder den Atem abschnüren, bald war er wohl wieder der unglückliche schuldbeladene Mensch, der vor seiner Schuld floh und ihr doch nicht entrinnen konnte, weil er sie mit sich trug, wohin er sich auch wenden mochte.

Er dachte erschreckt, nun hatte er sich wohl um das Letzte gebracht, was seinem Dasein Hoffnung und Freude gegeben, um die wohltuende Freundschaft dieses ehrlichen geraden Mädchens.

O, weshalb hatte er nicht geschwiegen und es der Zeit überlassen, ihn gegen die Gewissensbisse abzustumpfen.

Er sagte mit schwankender Stimme: „Ich bin ein Narr gewesen, ein großer Narr! Verzeihen Sie mir, Fräulein Saperas, daß ich versuchte zu beichten, wo Schweigen Pflicht gewesen. Sie ekeln sich jetzt sicher vor mir, ich verstehe Sie. Ich begreife mich ja selbst nicht mehr. Aber es war so schwer, so entsetzlich schwer, allein zu tragen. Und nun ist ja auch alles gleich. Gehen Sie, bitte, zum Kapitän, erweisen Sie mir diesen Dienst, und berichten Sie ihm, hier oben auf Deck sitze ein Mörder, oder richtiger ein Mörder und Dieb, und warte auf seine Verhaftung!“

Er rief das letzte fast laut.

Verena sprang empor, legte ihm flüchtig die Hand auf den Mund.

„Um des Himmels willen, wenn Sie jemand hörte! Seien Sie vor allem ruhig, so ruhig wie vorhin, als Sie beichteten. Und was mich anbelangt, dios mio, ich denke nicht daran, mich vor Ihnen zu ekeln, Mitleid empfinde ich für Sie, großes, warmes Mitleid, denn Sie sind nicht schuldig im allgemeinen Sinne.“

Er unterbrach sie, die weitersprechen wollte, fast heftig.

„Nicht schuldig, sagen Sie, nicht schuldig?

„Ja, aber warum leide ich denn seither so entsetzlich, weshalb bin ich verdammt, das Geschehen jener Nacht immer wieder vor mir zu sehen? Weshalb?“

Sie ließ sich in den Stuhl zurücksinken.

Wie ein Hauch kamen ihre Worte zu ihm herüber über Brücken, die Erbarmen und heimliche Liebe erbaut.

„Sie handelten in Notwehr! Ein Richter würde Sie deshalb wahrscheinlich, wenn Sie alles sofort offen bekannt hätten, kaum zu hoher Strafe verurteilt haben. Vielleicht wären Sie sogar freigesprochen worden. Aber daß Sie schwiegen und die Börse mit dem Geld behielten, das erscheint mir schlimm. Man würde aus diesem Grunde heute wohl möglicherweise Raubmord annehmen. Und das wäre böse für Sie. Bedenken Sie auch, daß Sie jetzt niemand damit helfen würden, wenn Sie sich schuldig bekennen. Der Spieler, der Ihnen im Falschspiel Ihr letztes Geld abnahm, ist tot und Deutschland ist ein Land der Ordnung, ein Land guter humanitärer Einrichtungen. Sie dürfen überzeugt sein, auch wenn das Kind keine Verwandten besitzt, daß man doch für sein Wohl sorgt. Ich rate Ihnen, vorerst lange Jahre im Ausland zu bleiben und erst hohes Gras über die traurige Geschichte wachsen zu lassen. Ganz spät einmal können Sie ja Erkundigungen nach dem Mädchen einziehen lassen, ihm dann, wenn es nötig sein sollte, auf irgendeine diskrete Art Hilfe spenden. Am klügsten ist’s jetzt, nichts aufzurühren. Ich jedenfalls sehe in Ihnen überhaupt keinen Schuldigen, sondern einen Unglücklichen.“

Heinz Hausmann lauschte fast gierig, und was Verena sprach, legte sich wie Balsam auf sein wundes Herz, auf sein zerrüttetes Gemüt.

Heiße Dankbarkeit quoll in ihm hoch. Wie ein wirklicher Freispruch klang es ihm: Ich jedenfalls sehe in Ihnen überhaupt keinen Schuldigen, sondern einen Unglücklichen!

Seine Rechte tastete sich vor, langte nach der einen Hand Verenas, die er mit einer so inbrünstigen Dankbarkeit küßte, daß sie erschauerte. Sie fühlte ein paar Tränen auf ihren Handrücken niederfallen.

„Aber ich bitte Sie, erregen Sie sich nicht so sehr, ich bitte Sie herzlich.“

Sie sagte es weich und mütterlich.

„Es gibt kein Wort, mit dem ich Ihnen danken könnte“, sprang es ihm über die Lippen, „das beste und schönste Wort ist zu inhaltslos dafür.“

Sie lächelte glücklich, und er sah, als er den Kopf hob, in dem halben Lichte ihr ein wenig scharf geschnittenes Gesicht wie von einer wundersamen Verklärung überhaucht.

Staunend bemerkte er es.

Welche Wandlung war mit diesen herben Zügen vorgegangen?

Ihm schien es, daß Verena Saperas eigentlich doch schön war, von einer seltenen, eigenartigen Schönheit.

Von ganz nahe schauten sie einander in die Augen.

Heinz Hausmann erhob sich jäh von seinem Stuhle. Er durfte jetzt nicht seinem ihn beinahe überwältigenden Dankbarkeitsempfinden nachgeben, nicht seiner Stimmung, die ihn zu Füßen Verenas niederzwingen wollte.

Wie gerne wäre er vor ihr niedergekniet und hätte den Kopf in ihren Schoß gebettet, wie ein armes verirrtes Kind, das sich endlich heimgefunden.

Verena war verwirrt. Weshalb hatte sich Heinz Hausmann so plötzlich erhoben, welcher Gedanke hatte ihn so schroff emporgerissen?

Er stand in unschlüssiger Haltung und als er ein paar Schritte machte, die ihn von ihr entfernten, durchschoß sie eine wilde, wahnwitzige Angst.

Gleich darauf stand sie neben ihm, warf ihre Arme von rückwärts um seinen Hals.

„Du darfst dir nicht das Leben nehmen! Wenn du es schon fortwerfen willst, dann schenke es mir, denn ich habe dich lieb!“

Heinz Hausmann ließ sich umschlingen und ihm war es, als müsse er den Atem anhalten, um die Illusion dieses Traumes nicht zu zerreißen. Denn nur ein Traum spielte mit ihm, gaukelte ihm ein Glück vor, auf das ein Mensch wie er kein Anrecht mehr besaß.

Verenas Arme sanken langsam nieder. „Verzeihung, ich —“ Ihre Stimme schwankte. „Ich wollte, eigentlich, ich —“

Sie schwieg, die Scham überwältigte sie, weil sie gar so impulsiv der Regung ihres Herzens gefolgt war.

Heinz Hausmann aber dachte: Nun ist der Traum zu Ende!

Er sagte leise, wie zu sich selbst: „Zu schön war das eben, viel zu schön. O, wäre es wahr, hätte ich es glauben dürfen!“

Sie jauchzte laut: „Ich habe dich lieb, du!“

Er zog sie an sich, scheu und sanft, als getraue er es sich nicht recht.

Sie lachte fast übermütig.

„Mich darfst du schon ein bißchen fest anfassen, bin doch meines Vaters bester Vaquero. Weißt du, das ist was Ähnliches wie in Texas oder anderen Ländern der amerikanischen Südstaaten ein Cowboy.“

Sie schmiegte sich an ihn und er küßte sie innig.

Lange lag Lippe auf Lippe unter dem funkelnden Sternenhimmel auf hoher See.

Gedämpft erklang ein Swing. Unten im Saale wippte und stelzte, knickste und schlenderte man nach dem wirren Takt, absolvierte alle die Tänze, die für die Menschen weichgliedriger Rassen paßten, vergaß, daß man einmal schöne eigene Tänze besessen, die ihnen niemals ein Neger vorgetanzt. Mit Swing und Rumba dankte man dem Himmel, daß die Sturmgefahr vorüber.

Aber auf Deck standen zwei Menschen engumschlungen und Verenas Saperas sagte voll bebender Seligkeit: „Wir wollen Gott danken, daß er den Sturm bald beschwichtigte, weil wir nun leben dürfen füreinander.“

Sie hob ihr Antlitz den Sternen zu, und auch der Mann, der sie im Arme hielt, wandte den Blick nach oben, wo zu Ehren des Weltschöpfers Millionen heller Kerzen flammten und über den dunklen Ozean strahlten.

Die Wogen rauschten stark und eintönig ihren machtvollen uralten Sang, der Hauch der Unendlichkeit umfing die beiden Menschen und sie drängten sich dichter aneinander, erschauernd vor der Allgewalt der Schöpfung, in der es Sterne und Meer und das Schönste, das Herrlichste gab: Die wundervolle Menschenliebe zwischen Mann und Weib.

V.

Der Dampfer näherte sich Montevideo, als Heinz Hausmann Verena fragte: „Wie meinst du nun, mein Lieb, daß alles zwischen uns werden soll? Du willst mir Stellung verschaffen, was ich mit Dank annehme, aber hoffentlich besteht doch die Möglichkeit, daß wir uns von Zeit zu Zeit sehen können?“

„Natürlich, ich werde es schon einrichten“, gab sie lächelnd zurück, „aber von unserer Liebe darf noch niemand etwas merken, denn es könnte dir und mir schaden. So derb und wirklichkeitsliebend unsere Pamperos auch die meisten Dinge auffassen, in der Beziehung sind sie alle ein bißchen spanisch empfindlich. Nenne es meinetwegen zimperlich.“

Sie standen beide an der Reeling und Verenas Augen flogen weit über die Wogen.

„Mit Tieren weißt du ja Bescheid, und wie es im allgemeinen auf den Estanzias gehalten wird, das mußt du eben lernen. Ich werde mit dem Vater von dir reden, natürlich ohne dabei unsere Liebe zu erwähnen, und er hat viele Freunde und Bekannte, von denen dich sicher einer aufnehmen wird. Alles Weitere wird sich dann finden! Vorerst ist es am besten, du bleibst in Montevideo. Ich kann dir dort eine nette, billige Pension empfehlen, unfern vom Hafen. Der Besitzer, Senjor Pablo Lopez, spricht auch deutsch und das ist für dich vorläufig sehr wichtig. Dorthin, in die Pension, gebe ich dir Nachricht, sobald ich kann.“

Sie sah ihn forschend an, fand ihn gedrückt und traurig aussehend.

„Was ist dir, Heinz?“ fragte sie besorgt. „Gefallen dir meine Vorschläge nicht? Ich vermag dir jetzt leider keine anderen zu machen, ich muß erst beim Vater sondieren. Überlasse mir nur alles, es wird schon gut gehen, aber ich darf mir doch nicht gleich offiziell einen Bräutigam mitbringen.“

„Ich sehe das ja alles ein“, gab er zurück, „aber jetzt, so dicht vor dem Abschied, überfällt es mich wieder mit Zentnerschwere, wie klein und unbedeutend ich gegen dich bin. Was und wer bin ich? Ein Nichts, ein Niemand! Euer geringster Vaquero weiß wahrscheinlich viel mehr als ich von dem, was man in eurem Lande von mir verlangen wird.“

„Warte das nur erst ab“, entgegnete sie lächelnd, „es ist ja alles nicht so schlimm und schwer, was man mit Lust und Liebe beginnt! Mußt nur immer daran denken, wenn du durch Arbeit etwas vorwärts gekommen, können wir uns heiraten. Vater hat oft gesagt, ich dürfte heiraten, wen ich wolle, aber es müßte ein Mann sein, der auf einer Estanzia gründlich Bescheid weiß, es müßte einer sein, dem er einmal gern seinen Platz einräumt.“

Heinz Hausmann sah sie ernst an.

„Wenn ich dich nur zuweilen sehen darf, dann wird mir das Ungewohnte leicht werden. Ach, mit dem bescheidensten Plätzchen würde ich zufrieden und glücklich sein in deiner Nähe.“ Er senkte den Kopf. „Fern von dir, fürchte ich, wird die grauenvolle Angst wiederkommen, die sich in deiner Nähe gar nicht heranwagt.“

Sie lächelte ihm beruhigend zu. „Ich möchte dich ja auch gern in meiner Nähe haben und will versuchen, es zu ermöglichen. Aber merke dir vor allem das eine, liebster Heinz: wenn du mit jemand von mir sprichst oder nach mir gefragt wirst, dann haben wir uns erst zufällig auf dem Schiffe kennengelernt. Und wenn wir uns in Gegenwart anderer wiedersehen, versprich dich nicht, nenne mich nicht etwa ‚du‘. Denke auch daran, daß mein Vater fast so gut deutsch spricht wie ich. Die Frau unseres toten Obercapataz, die ich nach Deutschland brachte, hat es ihm und mir in langen Jahren beigebracht.“

Heinz Hausmann bangte entsetzlich vor dem Augenblick der Trennung, unfaßbar schien es ihm, daß er Verena eine Zeitlang nicht mehr sehen sollte. Und dann kam dieser gefürchtete Augenblick heran, Heinz war der Verzweiflung nahe.

Die trübe und dunkel wirkenden Wellen des La Platastromes umrauschten den Dampfer, der Hafen von Montevideo stieg vor den Blicken der Schiffspassagiere auf.

Noch einmal tauschten die Liebenden heiße Küsse, Versprechungen und Liebesworte, dann legte der Dampfer an, ein letzter Händedruck mußte alle Wünsche und Hoffnungen in sich vereinen.

Heinz sah Verenas Vater von weitem. Es war ein breitschultriger Hüne mit tiefgebräuntem Gesicht, das noch dunkler schien im Schatten des breitkrempigen Hutes.

Noch einmal grüßten ihn Verenas dunkle Augensterne, dann entschwand sie seinem Blick.

Nun suchte er sofort nach Verenas Beschreibung die Pension auf, die sie ihm empfohlen hatte, und er war froh, dort Platz zu finden. Ein äußerst sauberes Zimmer mit weißlackierten Möbeln ward ihm angewiesen.

Der Pensionsbesitzer sah aus, wie man sich einen dick gewordenen Abruzzenräuber vorstellen könnte, der sich in den Ruhestand zurückgezogen hat.

Dichtes schwarzes Haar, in lockiger Unordnung, hing um einen massiven Kopf mit Feueraugen und Raubvogelnase.

Pablo Lopez sprach nicht nur deutsch, wie Verena gesagt, er sprach sogar Berliner Deutsch.

Er erzählte, er habe vier Jahre in Berlin gelebt als Vertreter für eine Uruguayer Fleischkonservenfabrik.

Es klang für einen Deutschen unglaublich komisch, wenn dieser sehr exotisch aussehende Mann grüßte: „Juten Tag, nu, wie jeht es? Jute Reise jehabt?“

Diese Begrüßung hatte Heinz gleich in eine etwas frohere Stimmung versetzt. Und die hatte er nötig. Der Abschied von Verena war ihm gar so bitterschwer geworden, das Unsichere seiner Zukunft quälte ihn wieder.

Er hatte kaum ein Viertelstündchen geruht, da trat nach kurzem Anklopfen der Wirt ins Zimmer.

„Ick freue mir, mal wieder jut deutsch reden zu dürfen, Herr Hausmann, un nu will ick jerne mal hören, wat Sie essen möchten?“ Er klopfte seinem neuen Gaste sehr energisch auf die Schulter. „Wat unsere Nationalspeisen sind, so müssen Sie sich erst sachteken daran jewöhnen, die sind nischt uf nüchternen deutschen Magen. Aber wie wäre et mit een jutes Schnitzelken.“ Er blinzelte. „Na ja, ick sehe et Ihnen ja an, det Sie jerne Schnitzel essen. Is ooch wat Feines!“

Bums! Bums! Zwei neue kraftvolle Schläge auf die Schulter rissen Heinz aus dem Wahn, daß sich Senjor Lopez jetzt vielleicht entfernen würde.

Er schwatzte nur noch lebhafter drauflos.

„Menschenskind, wissen Sie, wat ick in Berlin am liebsten jefuttert habe? Raten Sie mal!“

Es schallte so laut in Heinz Hausmanns Ohr, als ob er taub wäre.

Er zuckte schweigend die Achseln.

Der dicke Wirt ließ die breiten Flügel seiner Übercharakternase förmlich flattern.

„Aber Sie sind doch aus Norddeutschland, stammen aus der Berliner Jejend. Da müßten Sie doch jleich wissen, wat ick meene.“ Er strich wohlgefällig in der Nähe seines stattlichen Bauches herum, sagte dazu: „Hand uff’s Herz, Herr Hausmann, wat jibt et denn Besseres in Berlin un um Berlin herum, als ’ne jute jebratene Jans, so recht knusprich muß sie sind und mit Äppeln ausjestoppt. Jrünkohl jehört dazu. Mensch, det is ’ne Jöttermahlzeit.“

Bums! Schon wieder hatte die Schulter eins weg.

„Un nu kommen Sie man runter, Herr Hausmann, zum Essen, so in ’ner halben Stunde. Sie setzen sich uff die Veranda, da is et still und kühl.“

Heinz versprach pünktlich zu sein. Er mußte herzlich lachen, nachdem sich die Tür hinter Senjor Lopez geschlossen hatte. Ein origineller Mitmensch! stellte er fest.

Er setzte sich in den bequemen Lehnstuhl aus Rohrgeflecht und ließ alles, was sich seit seiner Abreise von Berlin ereignet, noch einmal erinnernd an sich vorüberziehen.

Vor allem dachte er an Verena Saperas, und sein Herz ward weit vor Seligkeit und Glück und vor Sehnsucht nach ihr.

Kaum hatte sie ihn verlassen, da fehlte sie ihm schon wie ein lieber Mensch, der von jeher bei ihm gewesen.

Er holte das Medaillonbildchen hervor und betrachtete es mit dankbar zufriedenen Augen.

Ohne das Bildchen hätte er Verenas Bekanntschaft gar nicht gemacht.

In welcher grauen, verzweifelten Stimmung befände er sich dann wohl jetzt?

Und wo wäre er dann?

Vielleicht säße er noch entschlußlos in Hamburg herum oder wäre aufs Geratewohl irgendwohin übers Meer gefahren, von wo sich ihm keine gütige, helfende Hand entgegenstreckte, um ihn ein Stück Weges in das neue Leben hineinzuführen.

Lange blickte er auf das Bildchen nieder.

Das süße, das unendlich liebliche Antlitz dieser Frau, die längst tot war, tat es ihm immer von neuem an.

Er lächelte ein wenig über sich selbst, als er aussann, mit welcher leidenschaftlichen Liebe er diese Frau umworben haben würde, wenn sie im Leben seinen Weg gekreuzt hätte. Sie wäre die Frau, für die er maßlose Torheiten hätte begehen können, das liebliche Gesicht wäre sein Schicksal, wäre sein Leben und sein Sterben gewesen.

Zögernd steckte er das Bildchen wieder ein. Er meinte jetzt Verena vor sich zu sehen, ihre herben, willenstarken Züge, ihre klugen Augen.

Verena! Er liebte sie mit Dankbarkeit, mit einem Gefühl von Anklammerungsbedürfnis.

Anders liebte er sie, als er jene blonde Frau geliebt haben würde.

Er trat an die offene Balkontür. Sein Zimmer lag im zweiten Stock; ein kleiner, von breitkronigen Palmen eingefaßter Platz öffnete sich unter ihm. Eine Indianerfrau spielte dort mit zwei dunkellockigen Kindern, deren Jauchzen bis zu ihm heraufdrang.

Die schönen braunen Augen des kleinen Mädchens fielen ihm ein. Wie feierlich ernst und zugleich vertrauend und treuherzig hatte die Kleine geglaubt, er würde für ihren Vater den Arzt holen.

Er wandte sich ins Zimmer zurück und dachte abermals voll schmerzlicher Sehnsucht an Verena. In ihrer Gegenwart hätten ihn die großen Augen des Kindes nicht wieder so bange machen können.

Er wollte hinuntergehen, die Unterhaltung mit dem berlinernden Senjor Lopez würde ihm die Schwerfälligkeit verscheuchen.

Der Wirt empfing ihn am Fuße der Treppe. Er führte ihn auf die Veranda, die sich hinter dem Hause am Parterre entlangzog. Es saßen noch einige Gäste hier draußen.

Ein hübsch gedeckter Tisch erwartete Heinz. Senjor Lopez blieb bei ihm sitzen. Er ließ Heinz essen und plauderte dabei.

Heinz lobte das Fleisch.

Pablo Lopez lachte: „Wenn unser Fleisch nich jut wäre! Hier sind Sie doch in det Hirtenland, hier sind Sie doch direktemang an der Fleischquelle. Wissen Sie, det meiste sojenannte arjentinische Fleisch exportiert alles unser Uruguay. Wir leben ja hier alle im Jrunde von die Ochsen und Rinder, von Hammeln und Schafen. Lebendig oder dot, ernähren die Viecher Uruguay. Als Jefrierfleisch oder in Büchsen schleppen die Schiffe unser Vieh rüber nach dem Kontinent. Det wir det Beste for uns behalten, det is doch klar, wat?“

Er unterbrach sich.

„Ick oller Quatschkopp, verzappe aber olle Kamellen, nich wahr? Denn Sie sind doch Inkäufer, wat? Mir wundert man bloß, det Sie nich Spanisch können. Wenn Sie mit die Fleischfritzen deutsch reden, verstehen die keenen Dunst un hauen Ihnen jründlich über’t Ohr.“

Heinz Hausmann merkte ganz deutlich, der Wirt mit dem Abruzzenräuberaussehen war neugierig, denn das hatte der Schlaue längst heraus, daß er kein Fleisch- oder Konserveneinkäufer war.

Er erklärte kurz, er habe in Deutschland seine Stellung als Gutsinspektor aufgeben müssen. und weil er gern einmal etwas von der Welt hätte sehen wollen, wäre er hierher gekommen in der Hoffnung, auf irgendeiner Estanzia Beschäftigung zu finden.

Der massive Kopf mit dem fettglänzenden Lockengestrudel bewegte sich pendelnd hin und her.

„Junge, Junge, Junge! Wie kann man bloß so uffs Jradewohl so weit in die Welt rin rennen. Na, hoffentlich finden Sie een Plätzken.“

Jetzt regte sich in Heinz Hausmann Neugier.

Er wußte so wenig von Verena Saperas. Nicht viel mehr, als daß sie ein lieber, guter Mensch war, daß ihr Vater eine Estanzia besaß und sie ihres Vaters bester Vaquero war.

Er sagte scheinbar nebenher: „Ich habe Aussicht auf Stellung. Ich lernte nämlich auf dem Dampfer hierher eine junge Dame kennen, die mir versprach, sich für mich zu bemühen. Sie empfahl mir auch Ihre Pension.“

„So?“ staunte Pablo Lopez. „Un wer is die junge Dame, wenn ick danach fragen darf?“

Heinz nannte Verenas Namen.

Sie hatte es ihm ja nicht verboten, sondern nur betont, er müsse stets sagen, er habe ihre Bekanntschaft erst auf dem Schiff gemacht.

Der Wirt stutzte, zog wichtig die fingerbreiten, pechschwarzen Brauen bis zur halben Stirn hoch.

„Na, da haben Sie die allerbeste un jediejenste Protektion, die Sie sich denken können. Sennorita Saperas wohnt manchmal bei mir, wenn sie in Montevideo wat zu besorjen hat. Der olle Saperas hat ’ne Musterestanzia un ist jeachtet un jeehrt weit un breit.“ Er machte die Bewegung des Geldzählens. „Reiche Leute, schwerreiche Leute, und die Sennorita ersetzt dem Vater zweemal eenen Sohn. Die kann reiten wie ’n Deibel, die is die Seele von die Estanzia, vor die haben alle eenen Mordsrespekt. Ach, wissen Sie, det is jar keene richtige Frau, unter uns, dafor is sie zu unweiblich. So wat wie Lieben un Küssen paßt nich zu ihr.“

Heinz Hausmann erschrak vor dem Worte schwerreich und mußte dann heimlich lächeln bei der Behauptung, Verena sei unweiblich, etwas wie Lieben und Küssen passe nicht zu ihr.

Er dachte an ihre warme, innige Teilnahme, an ihre Angst und Besorgnis um ihn, und er dachte an ihre Küsse und wie sie sich so fest und hingebend in seinen Armen geschmiegt.

Liebe, einzigliebe Verena! sprach sein Herz voll Zärtlichkeit.

„Un wollen Sie denn nu von hier aus nach Alma brava?“ fragte Pablo Lopez.

„Nach Alma brava?“ wiederholte Heinz Hausmann fragend. Er wußte nicht, was sein Gegenüber meinte.

Der guckte ihn ganz merkwürdig an.

„Aber, lieber Freund, wenn Sie die Sennorita kennen, müßten Sie doch eejentlich wissen, det die Estanzia von ihrem Vater Alma brava heeßt. Uff deutsch: Tapfere Seele.“

Heinz nickte. Er hätte den Namen vergessen gehabt, erklärte er. Er erinnerte sich deutlich, Verena hatte ihn ihm genannt.

Pablo Lopez konnte die Bemerkung nicht unterdrücken: „So wat darf man nich verjessen.“ Er fügte hinzu: „Na, wenn Sie von Sennorita Saperas empfohlen werden, denn können Sie ruff kommen un Karriere machen, wenn Sie nich jrade dusselich sind“. Wohlwollend schloß er: „Dusselich sehen Sie ja jrade nich aus, wenn man det ooch manchmal nicht jleich sehen kann.“

Heinz unterdrückte ein Lächeln.

Er erklärte noch, die Sennorita würde ihm hierher Nachricht geben und damit sollte sich der Neugierige bescheiden, mehr würde er nicht erfahren.

Pablo Lopez strahlte plötzlich über das ganze Gesicht.

Zwei kleine Jungen von ungefähr sechs Jahren, Zwillinge und Miniaturausgaben des Vaters, stürmten auf ihn zu. „Papaito!“ jubelten sie, umarmten ihn.

Eine straffhaarige Indianerfrau stand abseits.

Heinz fiel ein, daß es die Frau war, die er vorhin mit den zwei Knaben auf dem kleinen Palmenplatz hatte spielen sehen.

„Det sind meine Lieblinge!“ stellte sie Pablo Lopez seinem neuen Gaste vor, und dann sagte er etwas auf spanisch zu den Knaben, die keck vortraten, Heinz die Händchen reichten und mit Wichtigkeit sagten: „Juten Tag; nu wie jeht et? Jute Reise jehabt?“

Wie zwei Papageichen plapperten sie es.

Heinz nickte dem Wirte zu. „Kluge Kinder haben Sie, Herr Lopez, sehr kluge Kinder.“ Er fragte: „Wo haben Sie eigentlich Ihr Deutsch gelernt?“

Pablo Lopez gab Auskunft.

„Ick habe die vier Jahre in Berlin bei ’nem Budiker jewohnt, wie man da den Inhaber von so ’ne kleene Kneipe nennt. Im Berliner Osten, dicht am Küstriner Platz.“

Heinz Hausmanns noch eben lächelndes Gesicht überlief ein fahler Schein.

Der Küstriner Platz!

So hieß der Platz, über den er in jener unseligen Nacht mit Wittenborn gegangen, ganz nahe befand sich das Haus, in das er ihm gefolgt.

„Um Jotteswillen, Mensch, wat haben Sie denn?“

Pablo Lopez sah ihn erschreckt an.

Heinz Hausmann riß sich zusammen, zwang sich ein Lächeln ab.

„Nichts, nichts, nur das ungewohnte Klima macht mich ein bißchen schlapp.“

„Wenn et weiter nischt is, det jibt sich“, tröstete Pablo Lopez und dann ging er zu anderen Gästen. Seine dröhnend de Stimme klang immer wieder zu Heinz herüber, aber jetzt sprach er spanich und das paßte auch besser zu ihm und seinem wilden, kühnen Räubergesicht.

VI.

Die kleine Renate Wittenborn hatte draußen die Korridortür ins Schloß fallen hören, wie von ganz fern klang es. Sie hockte neben dem Vater urd wartete auf die Rückkehr des Fremden mit dem Arzt.

Sie saß in dumpfe Angst eingehüllt, und ihre Augen hafteten groß und furchtsam auf dem Vater.

Der Fremde hatte gesagt, ihr Vater sei ohnmächtig. Sie wußte, was das war, sie hatte schon davon gehört.

Wenn nur der Arzt bald käme! Es dauerte so lange, so entsetzlich lange.

Sie fröstelte in dem dünnen Nachtkleidchen, ihre Glieder waren ganz starr geworden.

Vielleicht war der Doktor nicht zu Hause, oder der Fremde war falsch gegangen und hatte das Doktorschild nicht gefunden.

Sie sah auf den Vater nieder. Ihr war es, als ob sich seine Glieder ein ganz klein wenig bewegten, als wenn ein schwaches Zucken um seinen Mund lief.

Sie dachte, vielleicht wollte ihr Vater trinken. Sie eilte fort, um frisches Wasser zu holen.

Sie kniete neben ihm nieder, versuchte, ihm das gefüllte Glas an die Lippen zu halten.

Weil aber sein Kopf flach am Boden lag und die L’ppen sich nicht öffneten, verschüttete sie mehr als das halbe Glas. Das Wasser lief über das Gesicht ihres Vaters, über den Hals und in seinen Kragen hinein.

Was hatte sie angestellt? Der Vater würde schimpfen, wenn er zu sich kam! Denn sein neuer Schlips war auch naß geworden.

Der Vater konnte über dergleichen sehr zornig werden.

Eben hoben sich seine Lider ein wenig, nach einen Weilchen fielen sie wieder völlig über die Augen und dann machten sie ein paar Ruckbewegungen.

Es war, als ob sie jemand wie Jalousien hochzog, und dann sahen zwei graue, vor Verstörtheit stumpfe Augen das Kind an.

Ein paar Sekunden ruhte Auge in Auge.

Renate dachte, nun würde der Vater sofort furchtbar schelten, weil sie das Wasser über ihn ausgegossen. Aber er lag still, nur seine stumpfen Augen ruhten auf ihr wie eine Last, unter der sich ihre schmalen Schulterchen beugten.

Sie fürchtete sich vor dem Zorn ihres Vaters, der schon so oft, so oft wie ein Sturm über sie hingefahren war.

Jetzt bewegten sich auch seine Lippen, formten ein Wort, aber sie verstand es nicht.

Sie neigte ihm ihr Köpfchen näher zu, und fast unhörbar schwebte eine kurze Silbe auf sie zu, und nun wußte sie Bescheid.

Sie nickte, huschte an ein Wandschränkchen.

Darin befand sich immer eine Flasche Rum.

Renate goß davon ein Gläschen ein, hielt es dem Vater an den Mund, und wenngleich ihr Händchen leise bebte, vergoß sie doch keinen Tropfen.

Mehr! flüsterte er.

Jetzt verstand ihn Renate schon ganz deutlich.

Sie holte die Flasche, goß ihm ein. Einmal, zweimal und zum dritten Male.

Sie beobachtete deutlich, wie Farbe in sein Gesicht trat, seine Augen die Stumpfheit verloren. Jetzt hob sich langsam sein Oberkörper, lehnte sich gegen die Wand.

Er sah Renate an und schämte sich vor dem Blick der schönen goldbraunen Augen. Es waren ja dieselben wundervollen Augen, mit denen ihn seine geliebte Frau angeschaut, mit denen sie seinen Leichtsinn so gut in Schach zu halten verstanden, bis die Sterne, die sein Leben so hell gemacht, für immer erloschen. Lebte Eva noch, dann wäre er noch heute der bekannte Rechtsanwalt und nicht der Deklassierte, der sich an Mündelgeldern vergriffen, seinen Anwaltstitel verlor und zu einem Winkeladvokaten letzter Ordnung herabsank und zum — Falschspieler.

Wäre die geliebte Frau bei ihm geblieben, müßte er sich jetzt wohl nicht vor dem reinen Blick seines Kindes schämen.

Er erinnerte sich jetzt ja deutlich an alles, was in dieser Nacht geschehen.

Wieviel aber wußte Renate davon?

Er empfand einen abscheulichen Schmerz im Hinterkopf, und an seinem Halse glaubte er noch immer die strangulierenden Hände des jungen Mannes zu fühlen, der ihn bis in seine Wohnung verfolgt.

Er schob sich sitzend ein Stück auf dem Boden weiter und gleich darauf vermochte er auch schon auf seinen Füßen zu stehen. Doch nur für Sekunden, denn sofort fiel er auf die Chaiselongue nieder. Wohltuend war das nach dem langen Liegen auf der harten Erde.

Renate war ihm ängstlich gefolgt.

Sie sagte wie tröstend: „Nun muß ja der Fremde bald mit dem Doktor kommen.“

Franz Wittenborn erschrak. Er schien doch nicht ganz im Bilde zu sein.

Rauh fragend stieß er hervor: „Was für ein Fremder kommt mit dem Doktor? Wer hat einen Doktor bestellt?“

Seine Rechte griff nach dem Halse, als müsse er eine Hand davon lösen. Eine Hand, die doch schon längst losgelassen.

Renate stotterte heraus, daß der Fremde, mit dem er sich gezankt, den Doktor habe holen wollen. Sie setzte hinzu: „Ich weiß genau, gleich nachdem er weggegangen, schlug der Regulator drei Uhr und jetzt ist es beinahe fünf. Er bleibt sehr lange fort.“

Franz Wittenhorn atmete schon etwas ruhiger. Der Fremde war sicher froh gewesen, entwischen zu können, der hatte sich bestimmt nach keinem Arzt umgesehen. Der hatte die Gelegenheit, fortzukommen, gern benutzt, denn er hatte ihn so fest gewürgt, daß es fast ein Wunder schien, wie er sich nur wieder ins Leben zurückgefunden hatte.

Der Fremde und er waren jetzt quitt. Er hatte ihm das Geld abgenommen, aber der Mensch hätte es sich beinahe von ihm mit dem Leben bezahlen lassen.

Er trank jetzt ein Glas Wasser, und dann mußte ihm Renate ein weiches Kissen unter den schmerzenden Kopf schieben. Er war entsetzlich müde und wollte hier auf der Chaiselongue schlafen. Er fühlte sich zu kraftlos, um sich auszukleiden und ins Bett zu gehen.

Er schickte Renate zur Ruhe, die sich sofort gehorsam entfernte.

Aber kaum hatte sie sich wieder niedergelegt, da hörte sie den Vater nebenan wie rasend schimpfen und toben, es war, als werfe er alles um.

Sie zitterte wie Espenlaub.

Du lieber, guter Gott, dachte sie, nun hat er bemerkt, daß sein neuer Schlips naß geworden.

Ihre Fingerchen krochen zusammen, falteten sich wie zum Gebet.

Jetzt sprang die Tür auf, im grauenden Licht des Morgens stand ihr Vater auf der Schwelle und schrie sie an: „Hast du meine silberne Börse gesehen? Rede doch, rasch, rede!“

Renate schüttelte verwundert den Kopf.

„Nein, ich habe sie nicht gesehen!“

Sie war froh, daß er sich nicht über den Schlips aufregte. Die Börse würde sich finden, die hatte der Vater wohl nur verlegt.

Franz Wittenborn fluchte häßlich.

„Die hat mir also der Kerl gestohlen, natürlich nur er! Er entriß sie mir ja, würgte mich dabei. Ein Dieb ist dieser Halunke, ein ganz gemeiner Dieb.“

Er rang verzweifelt die Hände.

„Daß mir so etwas passieren muß, mein ganzes Geld war in der Börse, mein ganzes Geld. Der Hund, der niederträchtige Hund hat ein gutes Geschäft gemacht.“

„Aber, warum hast du den Mann denn nachts mit in unsere Wohnung gebracht, Vater?“ fragte Renate mit ernsten Augen.

Franz Wittenborn runzelte die Stirn.

„Das sind Geschäftssachen, davon verstehst du nichts.“

Sie sagte leise: „Er nannte dich Falschspieler, Vater. Was hat er damit gemeint?“

Er senkte flüchtig den Blick vor den Augen, die wie die seines schönen toten Weibes waren.

„Ein dummer Witz von dem Kerl“, gab er hastig zurück, „aber das ist ja alles Nebensache, meine Börse ist weg und das viele schöne Geld.“ Er knirschte wutend mit den Zähnen. „Und das Medaillonbild deiner Mutter war auch in der Börse, ich trug es ja immer bei mir!“

Renate kauerte mit emporgezogenen Knien in ihrem Bett.

„Du mußt alles nachher auf der Polizei anmelden, Vater“, rief sie aufgeregt, „du mußt den Dieb von der Polizei suchen lassen, damit du das Geld und Mutterchens schönes Bild wiederbekommst. Nimm mich mit auf die Polizei, Vater, ich kann den fremden Mann gut beschreiben. Und weißt du, als er sich über dich beugte, hat er mit der linken Hand an seine linke Stirnseite gefaßt und da habe ich, als sich sein Haar verschob, ein komisches Zeichen unter seinem Haar gesehen. Wie eine kleine braune Schlange sah es aus. Daran erkennt man ihn leicht.“

Franz Wittenborn dachte, daß er selbst allen Grund hatte, die Polizei nicht in die Angelegenheit zu ziehen. Lieber wollte er das Geld verlieren, lieber sogar das Bildchen, denn es blieb ihm ja doch nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

Auch das Bildchen war ihm verloren, sein Talisman, an dessen helfende, glückbringende Kraft er fest glaubte.

Schwer war es für ihn, so viel mühsam zusammengegaunertes Geld herzugeben, aber noch schwerer wog der Verlust des Bildchens.

„Ich will doch erst noch einmal gründlich suchen“, sagte er und verschwand.

Er suchte nicht mehr, er wußte genau, es hatte keinen Zweck. Er selbst trug die Schuld an dem Ausgang dieser Affäre. Wie hatte er den Menschen, dem er den letzten Pfennig abgenommen, auch noch durch Entgegenhalten der Börse und Hohn reizen dürfen.

Er mußte mit dem Verlust fertig werden, mit dem des Geldes und mit dem des Bildchens. Die Polizei war für Leute wie er nicht empfehlenswert.

Renate aber sann in den immer heller werdenden Morgen hinein, daß sie sich einen Dieb bisher eigentlich ganz anders vorgestellt als den Fremden.

Er hatte ein so offenes, ehrliches Gesicht, schien es ihr, und so traurige Augen.

Und dann war es für sie Zeit aufzustehen. Sie setzte, wie allmorgendlich um sieben Uhr, das Kaffeewasser auf das Gas, holte vom Bäcker nebenan Brötchen.

Ihr Vater stand nur etwas später auf und sie saßen dann am Küchentisch und frühstückten, ehe der Winkeladvokat seine Sprechstunde begann und Renate zur Schule mußte.

Renate fragte gespannt: „Heute gehst du doch zur Polizei, nicht wahr, Vater?“

Er vermied den Blick der klaren Augen.

„Nein, es hat keinen Zweck, so ein Mensch ist ja doch nicht zu fassen und ich habe nur Lauferei.“

Renate schrie auf.

„Aber Mutterchens Bild, du, denke doch an Mutterchens Bild, Vater. Das darfst du dem schlechten Mann doch nicht lassen! Das geht doch nicht! Und ich kenne ihn bestimmt wieder. Die Polizei wird schon suchen nach ihm. Ich beschreibe ganz genau das Zeichen, das unter seinem Haar ist.“

Franz Wittenborn schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Höre doch nun endlich damit auf! Ich zeige es nicht an. Ich will nicht jeden Tag Polizeibesuch haben und immer wieder aufs Revier bestellt werden zu Ausfragereien. Ich will nicht, weil ich mehr zu tun habe.“ Er lachte grimmig. „Aber wenn dir der Mensch mit dem Zeichen auf der Stirn einmal im Leben in den Weg läuft, dann kannst du ihm ja sagen, daß er ein miserabler, erbärmlicher Schuft ist. So, nun Schwamm drüber, ich will nichts mehr von der Geschichte hören.“

Renate wagte keine Silbe der Entgegnung, aber noch auf dem Schulweg mußte sie immer wieder denken, wie konnte der Vater nur so handeln, sie begriff ihn nicht.

Wie durfte er einen so gemeinen Dieb laufen lassen.

Ihre zehn Jahre grübelten und sannen, ohne den Schlüssel des Verstehens zu finden.

Allein das Bild der Mutter wäre wert gewesen, daß der Vater hundertmal auf die Polizei gelaufen wäre.

Manchmal, wenn sich der Vater in guter Stimmung befand, hatte sie das Bildchen betrachten dürfen und ihr war danach immer zärtlich und fromm zumute gewesen.

Sie meinte es vor sich zu sehen, deutlich und klar.

Helle Tränen drängten sich in ihre Augen und sie empfand Zorn und Groll gegen den, der das Bild genommen.

In der kleinen Renate Wittenborn ward in dieser Stunde Haß geboren gegen einen Menschen, den sie erst ein einziges Mal in ihrem Leben gesehen, von dem sie weder Namen noch Stand wußte, von dem sie nur eines mit Sicherheit sagen konnte, daß er ein braunes Muttermal in Gestalt einer kleinen geringelten Schlange über der linken Schläfe hatte. das sich unter seinem Haar verbarg und ihr nur durch eine zufällige Bewegung enthüllt wurde.

Ihr Vater hatte recht. Wenn ihr dieser Mensch einmal im Leben in den Weg lief, wollte sie ihm sagen, welch ein miserabler, erbärmlicher Schuft er war. Langsam rollten ihr ein paar große Tränen über die Wangen.

Feierlich und wichtig zogen die glitzernden Wassertropfen nieder.

Ein paar Vorübergehende schauten mitleidig dem weinenden Kinde nach.

Frauen mit Umschlagetüchern und Markttaschen holten ein, Kinder eilten in die Schule. Geputzte, adrette Verkäuferinnen hasteten vorwärts an ihr Tagewerk. Der Osten Berlins war voll Leben und Bewegung. Und dazwischen schritt ein Mädelchen mit blassem Gesicht und farblosem, starrem Haar, das kleine Herz so schwer, so schwer von einem unendlichen Schmerz.

VII.

Zu Franz Wittenborn kamen nicht viele Leute in die Sprechstunde. Ab und zu verlief sich ein kleiner Handwerker, der ihn befragte, ob er ihm nicht den Steuerzettel ausfüllen wollte, oder es erschien eine verschüchterte Frau, die an Scheidung dachte und nicht wußte, wie sie das ahfangen sollte.

Aber dem ehemaligen Rechtsanwalt lag auch gar nicht so besonders viel an der Kundschaft dieser Gegend.

Er mußte sich nur der Welt und dem Gesetz gegenüber in den Mantel eines Berufs hüllen, es gehörte so dazu, wenn man als anständiger, solider Bürger gelten möchte.

Hinter den Kulissen sah es ganz anders aus.

Da saß Franz Wittenborn während der Sprechstunde und las Zeitungen oder interessante Bücher, und des Nachts flog er auf Beute aus wie ein Raubvogel, und wehe dem, der in seine Fänge geriet.

Er war ein glänzender Falschspieler und bisher hatte ihn noch niemand dabei ertappt.

Noch niemand?

Franz Wittenborn saß in seinem Bureau und sann vor sich hin.

Noch niemand?

Nein, dessen durfte er sich nun vor sich selbst nicht mehr rühmen, denn dieser fremde junge Mensch hatte es ihm direkt ins Gesicht geschleudert, daß er ein Falschspieler war.

Hoffentlich traf er den Menschen niemals wieder. Hoffentlich genügte dem die Silberbörse, um einen weiten Bogen um ihn zu machen.

Wittenborn stützte den Kopf in die Hand.

Blöd war es, daß dieser andere seinen richtigen Namen wußte, die Widmung auf dem Bildchen verriet ihn ja.

Der einzige Trost war, der Fremde hatte allen Grund zu schweigen, ein Dieb besaß kein Recht, sich moralisch aufzublähen und dieser würde erkennen, daß Veranlassung genug vorhanden war, sich still zu verhalten.

Franz Wittenborn sprang nervös auf.

Er war doch heute völlig durcheinander.

Jetzt mußte er wieder an Renate denken und an ihre erschreckten, entsetzten Augen, als er ihr sagte, er würde den Diebstahl nicht anzeigen.

Wie ein leichtes Bedauern regte es sich in ihm.

In letzter Zeit hatte er sich noch weniger als sonst um Renate gekümmert. Jetzt tat sie ihm leid.

Das arme Ding hatte eigentlich gar keine Freuden wie andere Kinder. Mit Kindern kam sie, außer in der Schule, überhaupt nicht zusammen und wenn sie sich nicht mit den Schularbeiten beschäftigte oder sich im Haushalt betätigte, hockte sie herum und sann vor sich hin.

Feierstunden waren es stets für sie gewesen, wenn er ihr das Bild der Mutter gezeigt.

Und nun würden auch diese einzigen Feierstunden für sie vorbei sein.

Sie litt jetzt bereits sehr darunter, daß sie das Bild nicht wiedersehen konnte. Sie vermißte es wahrscheinlich noch mehr als er.

Allerlei unbequeme Gedanken kamen heraufmarschiert, er sah plötzlich manches, daran er bisher, ganz in sein leichtsinniges Leben verstrickt, stumpf und gleichgültig vorbeigegangen, scharf beleuchtet. Sein Gewissen regte sich. Wenn Eva, seine geliebte Eva wüßte, wie wenig Liebe er ihrem Kinde gab, wie armselig und freudlos er es aufwachsen ließ, dann würde sie wiederkehren aus dem Lande hinter Wolken und Ätherfernen und Rechenschaft von ihm fordern.

Er preßte die Hände fest gegen die Schläfen. O, wie marternd es dahinter pochte. Harte Hämmerchen, ein Dutzend oder wohl noch mehr, schlugen von innen dagegen und harte Hämmerchen schlugen auch auf sein Herz, wollten es weich hämmern.

Er fühlte, es mußte etwas mit dem Kinde geschehen, mit dieser kleinen grauen Motte, die außer den Augen nichts von ihrer blendendschönen Mutter geerbt.

Diese Augen, die er heute fortwährend in ernster, rührender Bitte auf sich gerichtet zu sehen meinte.

Die Aufwärterin kam. Sie sorgte auch für das Mittagessen.

Er faßte einen Entschluß.

„Frau Thiele, ich habe einen sehr wichtigen Gang vor, wenn jemand kommt, sagen Sie, bitte, ich sei erst um vier Uhr zu sprechen“, erklärte er der Aufwärterin.

Die nickte nun und begann, Kartoffeln zu schälen.

Franz Wittenborn fuhr nach Potsdam hinaus. Er kannte dort eine stille vornehme Straße, ein kleines villenähnliches Haus, in dem eine mütterliche Freundin seiner Frau wohnte, die ein kleines, feines Mädchenpensionat leitete.

Er wurde in das Arbeitszimmer Fräulein Sanders‘ geführt.

Sie trat ein, gab sich gar keine Mühe, ihr Erstaunen über den unerwarteten Besuch deutlich zur Schau zu tragen.

Hedwig Sanders war klein und schmal, rotbraunes, schon leicht ergrautes Haar legte sich lose um ein liebes frisches Gesicht, dem man nicht ansah, daß es einer Frau von achtundfünfzig Jahren gehörte.

Sie blieb einige Schritte vor dem Besucher stehen.

„Daß Sie zu mir kommen würden, Herr Wittenborn, hätte ich eigentlich nicht erwartet, denn Sie wiesen mir vor ein paar Jahren die Tür, als ich mich um Evas Kind kümmern wollte. Sie schrien mich an, daß niemand von früher nach Ihnen oder dem Kinde sehen brauche. Wer es aber wage, der flöge die Treppe hinunter. Da mußte ich natürlich gehen. Das Kind habe ich von ganzem Herzen bedauert, Sie aber, Sie habe ich bemitleidet.“ Sie fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Daß ich Sie überhaupt noch empfange, danken Sie nur meiner Liebe für Eva, die einmal meine liebste Schülerin gewesen, deren Tod mich heute noch schmerzt. So, und nun erklären Sie mir, was Sie zu mir führt?“

Franz Wittenborn stand wie ein armer Sünder vor der kleinen Dame, die kein Blatt vor den Mund genommen.

Ihre Augen hatten einen kühlen Blick, der ihm, ebenso wie die Worte, fast den Mut nahm, sein Anliegen vorzubringen.

Und doch wollte er den heutigen Gang nicht vergebens gemacht haben.

Noch einmal würde er sich kaum herwagen und nur Hedwig Sanders vermochte ihm zu helfen.

Er erwiderte gepreßt: „Ich weiß das alles, was Sie mir sagten, ganz genau weiß ich es, und ich bitte Sie um Verzeihung, bitte Sie, das Geschehene nur von dem Standpunkt zu beurteilen, in welcher Verfassung ich mich damals befand, als ich ins Unglück kam.“

„Durch eigene Schuld!“ warf sie mit harter Stimme ein.

„Durch eigene Schuld, gut“, gab er zu, „aber weh taten die Folgen doch. Mit Müh‘ und Not kam ich, der ich so viele durch meine Rednergabe vor dem Kerker bewahrt, am Zuchthaus vorbei. Aber mein schöner Titel, meine glänzende Praxis, meine angesehene gesellschaftliche Stellung lagen am Boden, tief im Staube, Gassenschmutz wehte darüber hin und ich floh wie ein Geächteter. Erst nach dem äußersten Norden von Berlin. Am Ende der Müllerstraße, im Hinterhaus, vier Treppen hoch, domizilierte ich und niemand fragte dort nach mir. Nur Sie kamen, Fräulein Sanders. Sie kamen mit einem großen Sack von Vorwürfen, einem großen Korb von Ermahnungen, Sie wollten sich mit zu stark betontem Mitleid, das meine kaputten Nerven aufs äußerste reizte, meines Kindes annehmen, weil es ja auch das Kind meiner schönen toten Eva war, das Kind Ihrer Lieblingsschülerin. Ich ertrug Ihre Vorwürfe und Ihre Ermahnungen nicht, wurde zornig, bitter und ungerecht.“

Er zuckte die Achseln.

„Von der Müllerstraße zog ich nach dem Berliner Osten. Jetzt wohne ich dort. Aber im Vorderhause und nur zwei Treppen hoch. Sie sehen, ich ward schon wieder etwas vornehmer, Fräulein Sanders. Aber völlig zurück gibt es für mich keinen Weg mehr. Wissen Sie, ich bin jetzt so ein ganz kleinwinziger Linksanwalt, ein so kleiner, daß meine Berufsexistenz kaum noch mit der Lupe zu entdekken sein dürfte. Aber für mein Kind möchte ich einen Weg ausfindig machen, ihn für sie ebnen, auf dem sie zurückkehren kann in die Kreise, in die sie eigentlich gehört. Renate besucht eine Volksschule, es schien mir genügend. Doch plötzlich denke ich anders. Mir wurde das kleine Medaillonbild Evas gestohlen. Sie kennen es wohl und nun muß ich, dadurch veranlaßt, immerfort an Eva denken und daß ich an ihrem Kinde unrecht handle.“

Er holte tief Atem.

„Kurz heraus und ganz ehrlich: Mein Leben ist nicht so, daß ich allein der richtige Erzieher für Renate bin. Sie ist unter meinen Händen nur ein blasses, verkümmertes Angsttierchen geworden. Ich bin oft ungerecht und zornig. Mein verlorenes Leben wirft so viel Schatten, daß kein Sonnenblick auf die Kleine fällt. Heute jammerte mich Renate über die Maßen, da lief ich zu Ihnen. Und nun bitte ich Sie um Evas willen, nehmen Sie sich der Kleinen an, geben Sie ihr einen Platz bei sich, unter den anderen Mädchen.“

Fast flehend sah er sie an.

„Ich glaube, Sie können das Kind glücklich machen, Eva würde Sie segnen.“

Hedwig Sanders hatte Wittenborn bis zu Ende reden lassen. Nun wies sie auf einen Stuhl.

„Bitte, setzen Sie sich. Sie taten klug, den Namen Evas anzurufen, er hat seine Wirkung auf mich nicht verloren. Um Evas willen werde ich morgen zu Ihnen kommen und mir Renate ansehen, mich mit ihr anfreunden. Erst danach kann ich eine bestimmte Antwort auf Ihre Frage geben.“

Franz Wittenborn verneigte sich im Sitzen.

„Ich weiß schon im voraus, Sie werden sich Renates annehmen, weil sie die Augen ihrer Mutter hat.“

Als er wieder draußen auf der Straße stand, war er froh, den Gang gemacht zu haben, und er bereitete Renate ein wenig vor. Er erzählte ihr, daß die Dame sie einmal besuchen wollte, bei der ihre Mutter zur Schule gegangen.

Wie fieberte nun Renate dem Besuch entgegen, wie freute sie sich darauf, allerlei über die Mutter zu hören, was sie noch nicht wußte.

Ganz aufgeregt lief sie am nächsten Nachmittag in der Wohnung umher, wischte immer von neuem Staub und strich sich von Zeit zu Zeit mit einer unter der Wasserleitung naßgemachten Bürste das Haar glatt.

Sie ahnte nicht, daß sie, anstatt vorteilhafter auszusehen, wie sie es beabsichtigte, sich nur immer unscheinbarer zurechtmachte.

Und dann kam die warmherzige und grundvornehm denkende Hedwig Sanders und ihr Herz quoll über beim Anblick des kleinen Scheusälchens, das sie aus blassem, verschüchterten Gesichtchen mit den schönsten Augen ansah, die es gab.

Die Augen bezwangen Fräulein Sanders, zärtlich nahm sie das Kind in die Arme.

Nach einem halben Stündchen waren sie beide die besten Freunde der Welt.

Renate war ganz närrisch vor Seligkeit, zu Fräulein Sanders übersiedeln zu dürfen.

In wenigen Tagen schon.

Hedwig Sanders erklärte Renates Vater: „Zu der Übersiedlung bedarf es aber doch einiger Vorbereitungen. Vor allem braucht die Kleine ein paar nette Kleidchen und etwas Wäsche, außerdem noch mancherlei, damit sie unter meinen anderen Pflegebefohlenen nicht auffällt. Ich werde sie auch sonst zurechtstutzen. Sie müssen nämlich wissen, Sie blinder Vater, daß Renate gar nicht häßlich ist, wie es den Anschein hat, sondern ein ganz niedliches, hübsches Ding werden wird, nachdem eine geschickte Hand ein bißchen an ihr herumpolierte.“

Franz Wittenborn war froh, das Kind gut unterzubringen. Er bot Hedwig Sanders sofort Geld an, damit sie alles Nötige anschaffen könne. Gestern nacht hatte er wieder Glück im Spiel gehabt, er verstand es ja so gut, dem Glück nachzuhelfen, wenn es nicht freiwillig kam.

Als die neue Pensionärin Renate Wittenborn ihren Mitschülerinnen vorgestellt wurde, war sie ein hübsch gekleidetes Mädelchen mit sehr hellem Blondhaar, in Form eines Pagenkopfes geschnitten, und einem sehr schmalen Gesichtchen, beherrscht von übergroßen Augen.

Hedwig Sanders betreute das kleine, verschüchterte Wesen mit mütterlicher Güte, und das Kind, das sich nach dem traurigen, öden Zuhause im Paradiese wähnte, dankte es ihr aus vollem Herzen.

War anschmiegsam und fleißig.

Die Lehrerinnen gewannen die Kleine lieb, auch die Mitpensionärinnen.

Des Sonntags holte ihr Vater manchmal Renate ab. Er war stolz darauf, so ein hübsches Kind zu haben. Er führte Renate dann in ein Restaurant am Wannsee oder fuhr mit ihr in die weitere Umgebung hinaus.

Aber er wußte niemals recht, was er mit dem Kinde sprechen sollte, das zuweilen herzlich unbequeme Fragen stellte.

Er ließ sich allmählich immer seltener blicken. Nur die ausgemachte Pension zahlte er pünktlich, auch das Taschengeld bemaß er reichlich.

Renate war nicht traurig darüber, daß die Sonntagszusammenkünfte mit dem Vater so bald ein Ende genommen. Sie machte lieber die Spaziergänge mit den anderen Kindern mit oder spielte mit ihnen im Garten.

Am meisten aber liebte sie die verregneten Sonntage. Da huschte sie heimlich ins Zimmer zu Fräulein Sanders, die ihr immer wieder lieb und warm von ihrem Mütterchen erzählte.

Gar nicht genug konnte sie davon hören.

Und in so einer Stunde plauderte Renate aus, auf welche Weise das kleine Medaillonbild abhanden gekommen.

„Mutterchen hat sich nicht gern photographieren lassen“, sagte sie traurig, „und auf dem gemalten Bildchen war sie so wunderschön.“

Sie berichtete genau, was in jener Nacht, in der das Bild verschwand, geschehen war, und erzählte von dem fremden Menschen mit dem seltsamen Muttermal. Vergaß auch nicht zu erzählen, daß der Fremde ihren Vater „Falschspieler“ genannt.

Hedwig Sanders erschrak bis ins Innerste.

Zwar lächelte sie, aber das Lächeln tat ihr weh.

„Höre, Renate, von alledem darfst du aber zu niemand sprechen“, sagte sie.

„Warum denn nicht?“ fragte das Kind mit voll aufgeschlagenem Blick.

„Das kann ich dir heute noch nicht recht erklären, weil du es noch nicht verstehen würdest“, erwiderte Hedwig Sanders mit ihrem erquälten Lächeln, „ich werde es später tun, wenn du älter bist. Jetzt bitte ich dich nur, tue, was ich dir sagte.“

Renate schlang die Ärmchen um den Hals der von ihr so heiß Verehrten.

„Ich tue alles, was du willst, Tante Hedwig, weil ich dich nach Mutter am allerliebsten habe!“

Hedwig Sanders aber dachte bekümmert: Armes, armes Ding, möge der Himmel geben, daß du niemals wissen brauchst, wer dein Vater eigentlich ist!

VIII.

Es war die zehnte Abendstunde. Franz Wittenborn stand vor dem Schrankspiegel in seinem Schlafzimmer und unterzog sein Äußeres einer eingehenden Musterung.

Er war gar nicht mit sich zufrieden.

Scheußlich, dieses Älterwerden! dachte er und zugleich fiel ihm ein, daß er doch eigentlich noch gar nicht alt war.

Erst vierundvierzig Jahre.

Aber seit er so jäh aus seiner schönen glatten Bahn geschleudert worden war, alterte er zusehends.

Er machte ja aber auch die Nächte zum Tag.

Wie faltig die Haut um seine Augen lag! Wie bteiteingekerbte Rinnen sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln hinunterzogen! An den Schläfen schimmerte es grauweiß.

Und wie scharf die Nase geworden war, wie markant sich die Backenknochen abzeichneten.

Es durchschauerte ihn: Wenn Eva ihn so sähe!

Er lachte kurz auf. Voll Hohn auf sich selbst.

Häßlich sprang dieses Lachen in die Stille des Zimmers, in die Totenstille der Wohnung.

Franz Wittenborn blickte starr in den Spiegel.

War er es, der so bitterböse, so voll Gift und Galle und Spott gelacht hatte?

Er sah sich weiter an und erschien sich fremd. Einen verlebten Menschen in elegantem Abendanzug sah er vor sich mit trüben Augen und einem Mund, um den Verachtung und Ekel lag.

Er wandte seinem Spiegelbild den Rücken.

Wozu sich noch länger mit Selbstbetrachtungen verwunden?

Er griff nach Hut und Paletot. Jetzt war es Zeit für ihn, an die Arbeit zu gehen.

Heute nacht mußte er ruhige Nerven haben. Er war in letzter Zeit nicht ganz auf der Höhe gewesen. Hatte nervös und unsicher gespielt und es gar nicht gewagt, sich falscher Karten zu bedienen.

Er drehte das Licht aus, betrat das Wohnzimmer, und dort setzte er sich, von einer plötzlichen Schwäche befallen, noch ein paar Minuten in den breiten Lehnstuhl mit dem bunten Stickereibezug, in den sich seine schlanke Eva und später die kleine Renate so gern eingekuschelt hatten.

Heute kam es ihm nach längerer Zeit erst wieder so recht zum Bewußtsein, wie einsam er war, wie grenzenlos einsam.

Keinen Menschen besaß er, der zu ihm gehörte, der Anteil an seinem Wohl und Wehe nahm. Renate fühlte sich bei Fräulein Sanders viel wohler, als sie sich bei ihm gefühlt, und er durfte es ihr gar nicht verübeln, denn wie wenig hatte er sich bisher um das Kind gekümmert! Hatte ihm keine Liebe gegeben, hatte es nur neben sich geduldet. Er trug selbst die Schuld, daß er einsam und ohne Liebe war.

Aber was war das nur heute mit ihm, daß er überhaupt darüber nachsann? Es wäre gescheiter, sich zusammenzureißen, damit er heute am Spieltisch wenn es darauf ankam, in Form war.

Sein Geld war knapp und es standen allerlei Aus gaben bevor.

Und doch gingen seine Gedanken weiter ihre eigenen Wege.

Er stellte fest, er war ein anderer geworden, seit er das kleine Medaillonbild nicht mehr besaß. Es mochte ja Aberglaube sein, aber seit er das Bildchen nicht mehr bei sich trug, ging ihm so vieles quer.

Er erhob sich, er mußte nun fort.

Er bestieg am Küstriner Platz ein Auto, heute befand er sich nicht in der Stimmung, mit der Elektrischen zu fahren. Wenn er nicht wirklich dringend Geld gebraucht hätte, wäre er heute zu Hause ge blieben.

Das Auto fuhr den grünen Weg hinauf über der Alexanderplatz. Plump und dunkel, wie ein breiter wuchtiger Kasten, lag dort das Polizeipräsidium.

Unheimlich schien ihm heute das schon so oft ge sehene Gebäude. Ihm war es, als entsende von dort eine feindliche Macht finstere Drohungen gegen ihn

Er steckte sich eine Zigarre an. Heute wollten seine Nerven aber auch gar nicht parieren.

Ob er nicht doch lieber umkehren sollte?

Aber er wurde erwartet. Seine Kumpane brauchten ihn für die dummen Provinzhühner, die gerupft werden sollten. Er zahlte von dem Gewonnener dann seinen Tribut an den Besitzer der Spielhölle der seine eigene Wohnung in der Kantstraße zur Verfügung stellte.

Franz Wittenborn saß in dem offenen Auto, ließ sich von der Herbstluft die müden Lider kühlen und versuchte jedes Denken auszuschalten.

Um ihn brandete in großen, lauten Wellen das Leben des nächtlichen Berlin. Die letzten Zeitungen wurden ausgerufen, viele Menschen kamen aus den Restaurants oder gingen hinein, zogen in die Nachtkabaretts oder Tanzlokale. Hochelegante Pärchen schlenderten vorüber, und bis zum Übermaß geschminkte weibliche Wesen wandelten langsam dahin. Sie gingen in seidenen Strümpfen und hoch hackigen Schuhen, der Hunger aber riß ihr ständiges Lächeln schief zur Maske.

Die riesigen steinernen Elefantenköpfe am Zoo erschreckten Franz Wittenborn heute. Er lachte ärgerlich.

War er denn zur hysterischen alten Jungfer geworden, zu so einer, wie sie in halb verschollenen Witzblättern geisterte? Heute war sie verdrängt worden von der Garconne, die sich die Haare gründlich schneiden läßt, Kettenraucherin ist und möglichst nur tut, was ihr paßt, um auf diese Weise möglichst viel Unpassendes zusammenzubringen, damit sie sich einbilden kann, die Männer, von denen sie niemand zur Frau begehrt, zu verachten.

An der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gab es eine kleine Stauung. Das Auto mußte halten.

Und Franz Wittenborn sah mit ganz großen Augen, wie eine ganz weiß gekleidete Dame, um die es wie Schatten lag, den Schlag lautlos öffnete und zu ihm einstieg. Wie sie sich, ohne auch nur ein einziges Wörtchen zu sprechen, rechts von ihm in die Kissen sinken ließ.

Er wollte lachen, wollte sagen: Aber meine verehrte Gnädigste, sehen Sie denn nicht, daß sich bereits jemand im Auto befindet?

Doch er vermochte nicht zu reden, seine Lippen brachten keinen Ton hervor, weil es von der weißgekleideten schlanken Frauengestalt wie ein Eiseshauch ausging, erstarrend legte es sich ihm auf die Brust.

Das Auto fuhr schon weiter und die Gestalt neben ihm regte sich noch immer nicht, sie saß stumm und starr, ganz eingehüllt in dieses lastende Schweigen, das ihn wie in ein engmaschiges Netz einfing.

Er atmete beklommen. Zum Glück war er ja bald am Ziele.

Drüben an der nächsten Straßenecke würde das Auto halten. Von da an wollte er das letzte Stück Weges zu Fuß gehen. Mochte diese seltsame Person dann hinfahren, wohin es ihr beliebte.

Eben hielt das Gefährt bereits, doch ehe er sich noch erheben konnte, hatte sich die weiße Dame hinausgeschwungen, und nun wandte sie ihm auch zum ersten Male ihr von losen Schleiern umhülltes Antlitz zu.

Franz Wittenborn erbebte bis zu den Füßen, denn er sah das süße Antlitz seiner toten Frau einen Herzschlag lang ganz deutlich vor sich.

Er sprang aus dem Auto, wollte ihr nach. Doch er sah das weiße Kleid nicht mehr, es war, als sei der sonderbare Nebel, der um sie herum gewesen wie ein leichter wolkiger Rahmen, über ihr zusammengeschlagen.

Er sagte erregt zum Chauffeur: „Sie haben doch auch die Dame gesehen, die vorhin, als wir an der Gedächtniskirche hielten, zu mir einstieg, nicht wahr? Eben, dicht vor mir, stieg sie aus.“

Der Chauffeur lachte belustigt und breit.

„Noe Herr, ich habe keine Dame in mein Auto einsteigen sehen. Es ist auch kein Mensch zu Ihnen eingestiegen! Wissen Sie, ich bin nämlich noch ganz nüchtern.“

Franz Wittenborn zahlte. Der Chauffeur hielt ihn für betrunken.

Mit einer brüsken Kopfbewegung ging Franz Wittenborn eilig davon, aber vor der Tür des Hauses, in dem man ihn erwartete, verharrte er mehrere Minuten, ehe er sich entschloß, einzutreten.

Es durchschauerte ihn bei dem Gedanken an das bleiche, hinreißend liebliche Gesicht, das ihn vorhin angeschaut.

Eva!

Wie ein grausamer Schmerz bebte der Name in ihm, wie ein Fieber schüttelte er ihn.

Und dann lachte er wieder sein kurzes, hartes Spottlachen.

Er war ein Spielzeug seiner jämmerlich zerrütteten Nerven. Eva war nicht bei ihm gewesen, sie war nicht zu ihm in das Auto gestiegen, hatte nicht neben ihm gesessen. Eva schlief ihren tiefen, traumlosen Schlaf unter stillem, dichten Efeuhügel.

Doch ein Stückchen später dachte er nicht mehr daran. Nicht daran und nicht an die Erscheinung, die ihm seine Phantasie vorgegaukelt.

Er befand sich in einem hohen Zimmer, dessen helle Beleuchtung sich hinter sorgfältig geschlossenen Jalousien und schweren, dunklen Stoffvorhängen barg, und gewann, gewann, gewann.

Seine Augen leuchteten vor Genugtuung, seine Züge waren verjüngt in dem straffen Angespanntsein.

Ein Narr war er heute gewesen, hatte sich in allerlei Pessimismus hineingeredet, und es ging doch alles ganz wunderbar, seine Nerven folgten ihm, wie von geübter Hand bediente Maschinchen.

Immer sorgloser ward das Lächeln um seinen Mund. Aber als es am allersorglosesten war, erhob sich plötzlich einer der Spieler, der heute zum ersten Male hier war, stürzte auf ihn zu, riß ihn am Arme vom Stuhle hoch und schrie ihm, indem er ihn heftig dabei schüttelte, das Wort: „Falschspieler“ entgegen.

Jäh war das sorglose Lächeln Franz Wittenborns weggewischt von diesem Gesicht, das plötzlich wieder älter und verlebter aussah.

Mit Entsetzen, das sich in freche Gleichgültigkeit kleiden wollte, sah er auf den unvermuteten Angreifer, einen jungen, sehr großen Menschen, auf dessen Zügen sich Empörung und Wut malten.

„Lassen Sie mich sofort los!“

Franz Wittenborn versuchte, die kräftig zupackenden Fäuste abzuschütteln.

Der Wohnungsinhaber schob sich zwischen die beiden, ärgerliche und spöttische Gesichter beobachteten gespannt die Entwicklung dieses Streites.

Aber der sehr große junge Mensch stieß den Hausherrn mit breitausholender Geste beiseite.

„Weg hier! Wer sich ranwagt, bekommt eine Maulschelle, daß ihm Hören und Sehen vergeht, ich habe hier nur mit diesem Verbrecher abzurechnen! Ihr anderen macht lieber, daß ihr fortkommt, denn ich fühle es schon, der Wind weht aus dem Polizeiviertel, Herrschaften, und wer von euch nicht koscher ist, sollte sich schleunigst auf die Beine machen.“

Die meisten wandten sich schon der Tür zu.

Er lachte scharf.

„Habt alle Dreck am Stecken, nicht wahr? Na also, weg mit euch!“

Der Hausherr hob beschwichtigend die Hände gegen ihn.

„Gehen Sie doch auch, mein Herr, ich bitte Sie dringend. Man kann nie wissen, wie so ein Streit ausgeht, und ich glaube, es liegt Ihnen so wenig wie uns allen an Scherereien mit der Polizei.“

Der junge Mann sah ihn wütend an.

„Halten Sie gefälligst den Mund, wenn Sie nicht gefragt werden, Sie Oberbonze der Gaunerbande!“

Er stieß Franz Wittenborn derb vor die Brust.

„Mein Geld her, Schuft, es ist der Rest von unterschlagenem Geld, das ich wieder vollständig zusammengewinnen wollte.“

Franz Wittenborn stand plötzlich eine ähnliche Szene vor Augen, nur hatte sich die in seiner Wohnung abgespielt. Halb totgewürgt war er worden, einige tausend Mark hatte der Angreifer mitgehen heißen und das Medaillonbild der schönen blonden Frau, die er so sehr geliebt.

Heute ließ er sich nicht wieder halbtot würgen.

Kräftig wehrte er sich seiner Haut, aber er war den Fäusten des jungen Herkules nicht gewachsen.

Er fühlte schon, wie er matt wurde.

Noch einmal spannte er Muskeln und Willen aufs äußerste an.

In diesem, dem erregtesten Moment, donnerte es draußen gegen die Tür.

Der Hausherr jammerte: „Die Polizei, um des Himmels willen, die Polizei!“

Der junge Mensch hatte plötzlich einen Revolver in der Rechten, in seinen Augen brannte Verzweiflung.

Er legte auf Franz Wittenborn an, drückte ab und beinahe gleichzeitig stürzte der ehemalige Rechtsanwalt zu Boden. Doch mit letzter Kraft bäumte er sich noch einmal auf.

Ihm war es, als stehe da eine schlanke weißgekleidete Gestalt mit grüßenden Augen und winke ihm.

Da fiel er mit einem wohligen Seufzer zurück und ein seltsames Lächeln grub sich in seine erstarrenden Züge, das niemand begriff, der auf das Gesicht des Toten sah. Es blieb haften wie in Marmor eingemeißelt.

Draußen donnerte es stärker gegen die Tür.

Der junge Mensch richtete blitzgeschwind die Waffe gegen sich selbst. Niemand wagte sich an ihn heran, und auch der zweite Schuß traf gut.

Die Morgenblätter brachten natürlich bereits die nächtliche Tragödie, und der Name Wittenborn kam vielen dadurch wieder ins Gedächtnis, die seit Jahren nicht mehr an ihn gedacht hatten.

Nur Hedwig Sanders, die sich kaum für anderes als den politischen Teil in den Blättern interessierte, wußte nichts von dem furchtbaren Ereignis, sie ahnte nicht, welche düsteren Wolken sich über Klein-Renates Köpfchen zusammenzogen an dem Himmel der dem Kinde jetzt doch immer so heiter und blau schien.

IX.

Es war am späten Nachmittag, als es an der Haustür Fräulein Sanders‘ energisch schellte.

Justizrat Weißwang aus Angermünde ließ sich melden, seine Enkelin befand sich hier in Pension

Hedwig Sanders wunderte sich etwas über den unvermuteten Besuch.

Sie empfing den breitschultrigen Herrn mit dem wichtig langen Bart und den ernsten, goldgefaßten Brillengläsern in ihrer freundlichen, zuvorkommenden Art.

„Nun, haben Sie Sehnsucht nach dem Enkelchen Herr Justizrat?“ fragte sie freundlich. „Ich werde Kätchen sofort von Ihrer Ankunft unterrichten lassen.“

Der Justizrat wehrte ab.

„Das hat Zeit, Fräulein Sanders, denn ich bin aus einem anderen Grunde gekommen.“ Er schob an seiner Brille. „Ich bin ja im allgemeinen ein vorurteilsfreier Mensch, aber es gibt in der Welt Dinge, über die darf man sich nicht hinwegsetzen. Tja — also, verehrtes Fräulein Sanders, ich hörte letzten Sonntag, als Kätchen uns am Geburtstag meiner Frau besuchte, von ihr, es sei vor kurzem hier eine neue Pensionärin eingetreten, die Renate Wittenborn hieße. Tja — der Name Wittenborn fiel mir nun auf, weil ich ihn von früher her im Gedächtnis behielt. Ein entgleister jüngerer Kollege von mir, der in Berlin praktisierte, hieß so. Er war ein begabter Mensch, der fabelhaft zu tun hatte und sich trotzdem — er sollte eminent verdienen — an fremdem Gelde vergriff. Als meine Enkelin den Namen erwähnte, dachte ich, vielleicht gibt es ihn öfter. Nun las ich aber heute früh beim Frühstück in der Berliner Zeitung, auf die ich abonniert bin, eine Geschichte, in deren Mittelpunkt als trauriger Held jener entgleiste Kollege steht. Da ließ es mir keine Ruhe, ich setzte mich in den nächsten Zug, um Sie zu fragen, Fräulein Sanders, gibt es irgendwelche Familienbande zwischen Ihrer neuen Pensionärin und dem früheren Rechtsanwalt Franz Wittenborn?“

Hedwig Sanders begriff nicht viel von dem, was der Justizrat gesagt. Ihr schwirrte es durch den Kopf, es sollte heute etwas in der Zeitung gestanden haben, dessen Mittelpunkt als trauriger Held Renates Vater gewesen.

„Um des Himmels willen, was ist denn geschehen?“ fragte sie fieberisch erregt.

„Ich bitte Sie, vor allem meine Frage zu beantworten, Fräulein Sander?“, drängte der Justizrat Weißwang, „bedenken Sie, ich bin deshalb extra von Angermünde hierher gefahren. Ich habe noch nicht einmal Mittag gegessen, denn es wäre ja entsetzlich, wenn —“

Die Erregung verschlug ihm die Stimme.

Hedwig Sanders richtete ihre kleine Figur straff auf.

„Jawohl, Herr Justizrat, Renate Wittenborn ist verwandt mit dem früheren Rechtsanwalt Franz Wittenborn, sie ist seine Tochter und ein liebes, gutes Geschöpfchen, dessen Gesellschaft für ihre Mitschülerinnen keinen Schaden bedeutet, falls Sie davor Angst haben sollten, wie es mir scheint.“

Der Besucher drapierte seinen Bart etwas würdiger und breiter.

„Fräulein Sanders, ich bin außer mir, daß es sich wirklich so verhält, wie ich ahnte! Tja — ich nehme nun natürlich an, das Mädchen wird nach dem Tode des Vaters — denn Wittenborns Frau starb, wie ich zufällig weiß, schon vor Jahren, in ein Waisenhaus übersiedeln müssen. Also liegt mir nur daran, zu erfahren, wann diese Kleine Ihr Haus verlassen wird?“

Hedwig Sanders war sehr blaß geworden. Ihr Herz krampfte sich zusammen, da sie daran dachte, Renate stand Kummer und Schmerz bevor.

Sie sagte erregt: „Ich weiß ja bis jetzt von gar nichts, bitte, erklären Sie mir doch vor allem, was sich überhaupt ereignet hat.“

Der Justizrat zog eine Zeitung aus der Tasche, hielt sie ihr stumm entgegen. Eine Stelle darin war mit Blaustift umrandet.

Hedwig Sanders las und dabei kam und ging die Farbe auf ihrem sonst immer gleichmäßig frischen Gesicht.

Ihre Hände, die das Blatt hielten, bebten stark.

„Arme kleine Renate!“ flüsterte sie voll inniger Teilnahme.

Sie wußte genau, das Kind hing nicht mit schwärmerischer Liebe an dem Vater, aber wenn es irgend ging, sollte es vorläufig doch nicht die volle Wahrheit über das traurige Geschehnis erfahren.

Ihre Wangen begannen zu glühen.

„Ich habe bis eben nichts von dieser Tragödie gewußt, Herr Justizrat, aber nachdem ich Bescheid weiß, will ich versuchen, Renate Wittenborn in Unwissenheit zu erhalten. Und weshalb, Herr Justizrat, meinten Sie, soll Renate in ein Waisenhaus? Wenn, wie ich annehme, der Tote nichts hinterlassen hat, werde ich das Obervormundschaftsgericht bitten, mir die Kleine zu lassen. Ich behalte sie auch gerne ohne Entgelt. Der kleine Schnabel wird auch noch mit satt werden an dem Futternapf, aus dem so viele essen.“

Der Justizrat blinzelte ärgerlich.

„Sie lassen sich dann eben das, was die Tochter des Falschspielers ißt und trinkt, von den anderen Pensionärinnen mitbezahlen, nicht wahr? Aber da mache ich nicht mit, ganz abgesehen davon, daß mir die Gesellschaft für meine Enkelin nicht paßt. Da Sie mir Ihre Meinung unverhohlen mitteilten, dürfen Sie natürlich auch die meine wissen. Ich bitte Sie, Kätchens Sachen sogleich packen zu lassen, da ich beabsichtige, meine Enkelin sofort mit mir zu nehmen. Ihr Pensionat scheint mir leider nicht mehr der richtige Ort für Kinder aus unbescholtenen Familien.“

Hedwig Sanders‘ Augen wurden sehr kühl.

„Herr Justizrat, gehören Sie auch zu den engherzigen, oder richtiger ausgedrückt, herzlosen Menschen, die völlig Schuldlose für die Vergehen anderer büßen lassen wollen, wenn sie mit jenen anderen durch Familienbande zusammengehören? Ich wiederhole Ihnen, Renate Wittenborn ist ein reines, gutes Geschöpfchen, und wenn ihr Vater irrte, strauchelte und fiel, so darf man es doch das Kind nicht entgelten lassen.“

Der Justizrat war sehr zugeknöpft.

„Ihre Meinung, Fräulein Sanders, interessierte mich nur so lange, wie meine Enkelin Ihrer Obhut unterstand. Nun ich Käthchen aber mit mir nehme, habe ich gar kein Interesse mehr dafür. Im übrigen bitte ich Sie zu veranlassen, daß Käthchen so schnell wie möglich mit mir fortkommt. Ich werde natürlich auch dem mir befreundeten jungen Baumeister Stefan über Ihre Ansichten Mitteilung machen, und bezweifele, daß Ihnen die Eltern ihre Fritzi lassen werden.“

„In Gottes Namen denn, ich trage es“, erwiderte ihm Hedwig Sanders.

Eine Stunde später fuhr der Justizrat bereits mit seiner Enkelin fort.

Gegen Abend erschien ein Polizeibeamter. Er wollte die Tochter des erschossenen Franz Wittenborn sehen und sprechen.

Es gelang Hedwig Sanders, es zu verhindern. Ihre Liebe zu dem Kinde, ihr Mitleid wollten es mit einem Schutzwall umgeben.

Und doch würde Renate wenigstens den Tod des Vaters erfahren müssen. Aber jetzt noch nicht, später, wenn sie selbst ruhiger geworden.

Sie lief viele Gänge, verbrachte wartend viele Stunden in Amtsstuben und Bureaus und erreichte denn auch verhältnismäßig schnell, daß sie vorläufig und wahrscheinlich auch später Renate Wittenborn bei sich behalten durfte.

Es erregte natürlich unter den Kindern Aufsehen, daß Käthchen Weißwang so plötzlich, und anscheinend grundlos, die Pension verlassen hatte. Alle zerbrachen sich darüber den Kopf. Und nun spielten die Mädchen eines Tages in der sonnigen Mittagsstunde des Herbsttages im Garten, tollten herum und freuten sich ihres jungen Lebens in der klaren, frischen Luft. Unter den kleinen Füßen raschelte das gelbe Laub, das die Wege deckte, und es herrschte Jubel und Frohsinn.

Eines der älteren Mädchen, Fritzi Stefan, die als streitsüchtig bekannt war, fing an, die drei Jahre jüngere Renate zu hänseln. Bis es Renate zuviel wurde.

Sie rief erregt: „Du bist schlecht, Fritzi, warum willst du mich denn zum Weinen bringen, ich habe dir doch nichts getan!“

Die größere verzog den Mund.

„Du bist Fräulein Sanders Bevorzugte, aber sonst auch nicht einen Pfennig wert. Denn wenn mein Vater tot wäre, wie dein Vater, dann zöge ich nicht so ein grellbuntes Kleid an, wie du es tust.“

Renate riß die Augen weit auf.

„Du bist wirklich sehr schlecht, weil du so etwas sagst. Mein Vater ist doch gar nicht tot.“

„Natürlich ist er tot! Sogar erschossen worden ist er“, scholl es triumphierend zurück. „Meine Mutti hat mir geschrieben. Sie will mich hier wegholen, wenn du hierbleibst. Käthchen Weißwang ist auch deshalb weg, weil sie nicht mit dir zusammensein sollte. Dein Vater hätte schon längst ins Zuchthaus gehört, schreibt Mutti, er könnte noch von Glück sagen, daß man ihn totschoß.“

Die anderen Mädchen bildeten einen Kreis um die beiden, hörten zu mit halbem Verständnis, in das sich Gruseln mischte.

Renates Augen blitzten, mit drohend geballten Fäusten stand sie vor der sie um einen Kopf Überragenden.

„Du bist eine abscheuliche Lügnerin, denn wenn das wahr wäre, würde es mir Tante Hedwig bestimmt gesagt haben“, trumpfte sie auf.

Alle ihre Ängste schwanden wieder. Gewiß, Tante Hedwig, die so gut zu ihr war und die schon ihre schöne Mutter liebgehabt, würde es nicht verschwiegen haben, wenn der Vater tot wäre.

Käthe Weißwang sollte ihretwegen weg sein! Wie dumm, ihr so etwas einreden zu wollen.

Sie wiederholte sehr laut, damit es auch alle hören sollten: „Tante Hedwig würde es mir bestimmt gesagt haben!“

Fritzis Stumpfnase krauste sich.

„Du wirst ihr leid getan haben“, warf sie ihr entgegen. „Aber wahr ist es doch. Dein Vater war ein Betrüger, ein sehr schlechter Mensch, und nun hat er einen beschwindelt, ihm durch Betrug beim Kartenspiel das Geld abgenommen, und da ist der sehr aufgeregt gewesen und hat deinen Vater mausetot geschossen und sich auch.“

Renate sah sich um unter den Gefährtinnen, ob ihr denn nicht eine einzige zu Hilfe kam gegen die lügnerische Zunge der älteren.

Doch sie begegnete nur teilnahmslosen oder neugierigen Blicken.

In dieser Stunde machte die kleine Renate Wittenborn die Erfahrung, die schon uralt ist, die vor ihr schon so viele Menschen haben machen müssen und die doch immer wieder erschütternd neu scheint: Daß man auf Freunde in der Not nicht rechnen darf, daß ein Freund in der Not ein seltenes Gottesgnadengeschenk ist!

Tränen schossen ihr in die Augen.

„Ich glaube dir nicht, Fritzi“, beharrte sie, „ich werde nur Tante Hedwig glauben.“ Sie schrie wie von einem Krampf geschüttelt: „Lügnerin! Lügnerin!“

Fritzi Stefan stampfte mit dem Fuße auf.

„Du kleine Kröte, nimm dich in acht. Ich lüge nicht, merke es dir, du Falschspielerstochter!“

Das Wort hatte im Brief ihrer törichten Mutter gestanden, und sie warf es Renate mit einer Betonung hin, die das von keinem der Mädchen voll begriffene Wort zu einem großen Schimpf stempelte.

Renate weinte plötzlich laut auf.

„Ich laufe jetzt zu Tante Hedwig!“ rief sie, und ihr Stimmchen überschlug sich.

Fritzi Stefan schrie ihr nach: „Nun wirst du in ein Waisenhaus gesteckt, weil so eine, die solchen Vater gehabt hat wie du, in kein feines Pensionat gehört.“

Fräulein Sanders saß in ihrem Zimmer in allerlei ernste Gedanken vertieft. Vorhin hatte sie eine Anfrage aus Halle erhalten, von einer verwitweten Frau Dr. Möbius, ob die Pensionärin Wittenborn, deren ihr Töchterchen Richarda gelegentlich in einem Briefe Erwähnung getan, in irgendwelchem verwandtschaftlichem Verhältnis zu dem erschossenen früheren Rechtsanwalt gleichen Namens stehe?

Also die kleine drollige Richarda Möbius würde sie nun auch bald loswerden! Vielleicht folgten noch andere Pensionärinnen. Sie mußte damit rechnen.

Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, hinter der die Gedanken fast schmerzhaft arbeiteten.

Wie kleinlich und prüde sich doch diese Menschen gebärdeten. Wie übermoralisch sie sich aufspielten, ohne sich darüber klar zu werden, daß derartige Ubermoral eigentlich unnormal war.

Zum erstenmal in ihrer langen erzieherischen Tätigkeit. in der sie auch nicht immer Freuden geerntet und manches Häßliche erfahren hatte, erwachte in Hedwig Sanders ein Gefühl von Überdruß an ihrem Beruf.

Es pochte an die Tür, leise und vertraut. Hedwig Sanders wußte, Renate stand draußen.

Am liebsten hätte sie gerufen: Ich habe jetzt keine Zeit für dich, Kind! denn es fing an, ihr schwer zu fallen, Renate die Wahrheit zu verbergen, und sie gönnte ihr doch so von ganzem Herzen noch jeden Tag sorgloser Unwissenheit.

Sie rief: Herein! und stand sofort erschreckt und hastig auf, denn Renates Gesichtchen war weiß wie Linnen, und dicke Tränen rollten stromweise darüber hin.

Sie zog das Kind, das ununterbrochen schluchzte, mit sich zum Sofa, setzte sich und drückte die Kleine auf ein weiches Kissen neben sich, brachte durch sanftes Ausfragen heraus, was geschehen war.

Sie lächelte bitter, als ihr das weinende, furchtbar erregte Geschöpfchen erzählte, was Fritzi Stefan gesagt, und ihre Arme legten sich fester um Renate. Mit zärtlichen Worten versuchte sie die immer heftiger rinnenden Tränen aufzuhalten.

Renate schluchzte ganz überwältigt von Aufregung: „Nicht wahr, liebe Tante Hedwig, Fritzi hat doch gelogen?“

Ihre Augen mit den schon ganz dunkelgeröteten Lidern blickten mit einem Ausdruck von hingebendstem Vertrauen zu ihrer Beschützerin auf.

Hedwig Sanders hatte sich auch schon in Lebenslagen befunden, wo sie nicht sofort gewußt hatte, was sie tun sollte.

Aber so schwer wie jetzt war ihr noch nie eine Entscheidung gefallen.

Sie litt ja selbst darunter, dem Kinde weh tun zu müssen, und bedauerte wiederum, so lange geschwiegen zu haben.

Nun hatte ein unbedachter junger Mund der Kleinen die Wahrheit in schonungslosester Weise enthüllt.

Von ihr hätte Renate alles anders, ganz anders gehört.

Sie drückte das hellblonde Köpfchen fest an ihre Brust.

„Mein kleiner Liebling, bitte, bitte weine nicht mehr, denn wenn dein Mutterchen jetzt vom Himmel herabschaut, müßte es sich zu sehr deshalb grämen. Denke vor allem daran, Renate.“

Die Kleine schluckte krampfhaft, aber sie ward so schnell nicht mit dem Weinen fertig.

Hedwig Sanders strich leise über das weiche Haar.

„Fritzi Stefan hat etwas ausgeplaudert, was ich dir nicht sagte, um dir keinen Kummer zu bereiten. Glaube mir, Liebling, nur deshalb tat ich es nicht. Es ist wahr, Renate, dein Vater ist tot.“

Renates Tränen versiegten plötzlich, nur um ihre Lippen bebte noch das Weinen.

„Vater ist tot!“

Ganz mechanisch sagte sie es. Es war, als müsse sie sich die drei Worte laut vorsprechen, um sie zu begreifen.

Ihr Herz klopfte wie rasend, aber die Tränen waren versiegt vor der Wucht der Wahrheit.

Fast wäre es Hedwig Sanders jetzt lieber gewesen, Renate hätte weitergeweint, dann hätte sie doch gewußt, woran sie war.

Aber den ernsten großen Augen gegenüber, die sie nur starr ansahen, wußte sie es nicht.

„Nun werde ich ins Waisenhaus gesteckt, hat Fritzi gesagt, weil eine wie ich in kein feines Pensionat gehört“, kam es wie zerbrochen von Schmerz und Angst über Renates Lippen.

Hedwig Sanders war es, als schauten sie Evas Augen an, als flüstere es ihr wie aus Geisterfernen zu: Nimm dich meines verwaisten Kindes an!

Sie riß Renate auf ihren Schoß und hörte das zerflatternde furchtsame Atmen der Kleinen.

Sie küßte die Kleine.

„Armes Renatelein, hat dir ein albernes nichtsnutziges Ding wehgetan? Ich habe dich lieb, Mädelchen, sehr lieb, und weil du nun keine Mutter und keinen Vater mehr hast, will ich dir nach besten Kräften die Eltern ersetzen. Sollst in kein Waisenhaus, Liebling, bewahre, sollst bei mir bleiben als mein liebes Töchterchen. Willst du, Renate, willst du, mein Herzenskind?“

Da strahlten die verweinten Augen auf, das Gesichtchen hatte fast sonnigen Glanz.

„Ach, Tante Hedwig, wenn ich bei dir bleiben darf, dann ist es auch gar nicht mehr so schlimm, das alles, was Fritzi sagte.“ Ihr Stimmchen bebte. „Der arme Vater! Ob es ihm wohl sehr weh getan hat, das Erschießen?“

„Nein, mein Herzchen, nein“, beruhigte sie die Ältere und sie lenkte schnell ab. „Ich freue mich ja so sehr, Renatelein, daß du nun ganz zu mir gehörst!“

„Ich auch, ich freue mich auch!“ jubelte die Kleine ganz laut heraus.

Plötzlich legten sich Schatten angestrengten Nachsinnens über die weichen Züge.

„Tante Hedwig, höre mal. Eigentlich hat doch dann der Mann, der den Vater so bös gewürgt hat und das viele Geld und Mütterchens Bild mitnahm, die Wahrheit gesagt. Er behauptete auch, Vater sei ein Falschspieler. Ich habe es dir ja erzählt. Und er war doch deshalb so wütend auf Vater und hätte ihn beinahe totgemacht. Du, Tante Hedwig, warum hat denn Vater falsch gespielt, wenn das so was Schlechtes ist?“

Hedwig Sanders wußte nichts darauf zu erwidern. Sie zuckte nur die Achseln und kam sich sehr hilflos vor.

Nach einem Weilchen flüsterte Renate: „Weißt du, Tante Hedwig, der Mann, der den Vater erschossen hat, ist vielleicht derselbe, der ihn damals gewürgt hat?“

„Möglich, mein Kind“, weiter wußte Hedwig Sanders auch darauf nichts zu erwidern.

Renate spann ihren Gedankenfaden weiter.

„Dann muß man bei ihm nach Mutterchens Bild suchen“, rief sie lebhaft.

Hedwig Sanders schüttelte den Kopf.

„Liebes Renatelein, der Mann hat sich selbst doch auch erschossen, und nach dem Bild auf der Polizei zu fragen, wird keinen Zweck haben. Vielleicht war das damals auch ein ganz anderer Mann. Denke an alles nicht mehr, Kind es ist so traurig.“ Sie küßte die Kleine wieder. „Bist jetzt mein kleines Mädelchen, mein Herzblatt, und wir beide wollen uns sehr lieb haben und zusammenbleiben. Heute nacht schläfst du in meinem Zimmer, und nachher rede ich mit Fritzi Stefan mal ein grunddeutsches Wort.“

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
350 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711592250
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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