Kitabı oku: «Der Heiratsschwindler»
Anny von Panhuys
Der Heiratsschwindler
Saga
Der HeiratsschwindlerCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1952, 2020 Anny von Panhuys und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629446
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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Vorspiel
„Lotte, ich bitte dich, lass den Kerl laufen, er ist mir einfach widerwärtig“, sagte Hans Wendel in beschwörendem Ton zu seiner Schwester, die eben ein Stenogramm des Bruders aufgenommen.
Die Geschwister führten als Erben ihrer Eltern gemeinsam die kleine Druckerei und den Haushalt weiter und vertrugen sich ausgezeichnet, bis Lotte, die zweiunddreissig Jahre alt war, einen Herrn kennengelernt hatte, der in ihren Augen das Ideal eines Mannes verkörperte.
Seitdem hatte sie allerlei Geheimnisse vor dem Bruder, und da er vier Jahre jünger war als sie und sie ihn von je ein wenig bemutterte, wagte er sich manchmal mit seiner Kritik nicht so recht an sie heran. Vielleicht war das eine sehr törichte Scheu, aber er kam nicht ganz darüber hinweg.
So sehr er die Schwester auch liebte, war sein Urteil über sie doch dadurch nicht befangen. Er wusste, Lotte war unscheinbar, war eine „kleine graue Motte“, auch die hübschesten Kleider und Hüte vermochten das nicht zu ändern.
Lotte fuhr mit der Hand über ihr krauses rotbraunes Haar, das wirklich schön war, und sie schalt erregt: „Du sollst dich nicht in meine persönlichen Angelegenheiten mischen, Hans. Ich glaube nämlich, jeder Mensch besitzt ein Selbstbestimmungsrecht, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, noch dazu in meinem Alter. Und kraft dieses Rechtes kann ich mich verlieben, in wen ich will, und den Mann, den ich mir ausgesucht habe, auch heiraten.“
„So weit bist du schon mit diesem Menschen?“ fragte er erschreckt.
„Ja, so weit bin ich schon mit diesem Menschen!“ gab sie zu, und ihre Stimme war rauh vor Zorn.
Hans Wendel, dessen Gesicht dem der Schwester unverkennbar ähnelte, nur dass seine Züge ins Hübschere übertragen waren und seinem Haar der kupferne Glanz fehlte, sah sie nicht an.
„Liebe Lotte, wenn du schon so weit mit ihm bist, dürfte nicht mehr viel dagegen zu machen sein; jedenfalls bitte ich dich, mir endlich diesen Herrn vorzustellen. Ich bin dein Bruder, und die Geheimniskrämerei, die du um den Mann machst, mag ich nicht. Dieses spätabendliche Treffen gefällt mir nicht, wie es mich auch keineswegs begeistert, dass alles so rasch gegangen ist. Hätte ich dich nicht letzthin zufällig mit diesem Menschen getroffen, wüsste ich jetzt noch nicht, was schuld daran ist, dass du dich seit einiger Zeit so auffallend verändert hast. Ich wiederhole dir, der Mann gefällt mir nicht! Er hat etwas von einem Talmikavalier an sich, er sieht zu geleckt aus.“
Sie trumpfte auf: „Er stammt aus gutem Hause, mein lieber Hans, aus sehr gutem Hause! Man merkt, du hast nicht den richtigen Blick, um Echtes von Talmi zu unterscheiden.“ Ihre Stimme wurde weich und schwingend: „Ich habe ihn lieb, und das ist doch wohl die Hauptsache.“
Er wehrte ab: „Nein, das ist nicht die Hauptsache. Es geht vor allein darum, wes Geistes Kind er ist und wie gesagt —“
Er brach ab. Schliesslich durfte er sich gegen einen Mann, den er nicht kannte und den er nur ein einziges Mal in Gesellschaft seiner Schwester in einem Berliner Bierlokal entdeckt und beobachtet hatte, nicht zu Ungerechtigkeiten hinreissen lassen.
„Wie heisst er eigentlich?“ fragte er.
Sie antwortete gewichtig und mit einem glücklichen Lächeln: „Klaus von Tannstätten. Er ist Oberingenieur gewesen und leitet jetzt in einem Vorort Stettins ein eigenes Unternehmen. Er hat hier geschäftlich zu tun.“
Hans Wendel überlegte. Er begriff nicht, dass ein Oberingenieur, der ein eigenes Werk leitete und einen klangvollen Namen trug, dem sicher die Wahl unter den schönsten Mädchen freigestellt war, sich ausgerechnet in seine zweiunddreissigjährige Schwester verliebte. Dieser Baron von Tannstätten gehörte ausserdem zu den Männern, die den Frauen leicht gefallen. Ein sogenannter Herzensbrecher war er, gross, hübsch und von zuvorkommendem Benehmen. Ihm aber war dieser Herr von Soundso auf den ersten Blick unangenehm gewesen, geradeheraus gesagt — unausstehlich. Immerhin wollte er sich nicht zu einem Urteil über jemanden hinreissen lassen, mit dem er bisher noch kein einziges Wort gesprochen hatte.
Er fragte geradezu: „Wo hast du ihn eigentlich kennengelernt, Lotte?“
Sie lächelte vor sich hin.
„Ich sah ihn das erste Mal in einer kleinen Konditorei, in der ich manchmal eine Tasse Kaffee trinke. Er sass am Nebentisch und guckte heimlich zu mir herüber; ich merkte es bald und dachte erst, mein Hut sässe schief oder ich hätte irgend etwas Komisches an mir. Schliesslich sprach er mich an. Ach, es ist nichts Besonderes gewesen, was er sagte, aber es hat mich berührt.“
Ihre schmalen, sehr hellen Augen blickten verloren ins Weite; über ihre fahle Wangenhaut zog fliegende Röte und verjüngte das unschöne Gesicht. „Er sagte, ich solle ihm nicht böse sein und mich durch seine Blicke nicht etwa belästigt fühlen, ich hätte sehr grosse Ähnlichkeit mit seiner frühverstorbenen Schwester. Er würde durch mich so stark an sie erinnert, und er müsste mich deshalb immer wieder ansehen.“
Hans Wendel erging es jetzt nicht anders, er musste Lotte ebenfalls immer wieder ansehen. Sie schien ihm mit einem Male völlig verwandelt — in ein junges glückliches Mädchen verwandelt, das von seiner ersten Liebe schwärmt.
Er verlor den Mut zu jeder weiteren misstrauischen Bemerkung und wäre sich roh vorgekommen, wenn er noch etwas von dem, das er dachte, geäussert hätte.
Er sagte lebhaft und warmherzig: „Mich soll es bestimmt nicht stören, falls du eine Frau von Tannstätten würdest, und ich will meine Abneigung gegen den von dir geliebten Mann bekämpfen und versuchen, mich mit ihm anzufreunden; aber sorge dafür, dass ich ihn recht bald kennenlerne, Lotte. Schiebe mich nicht einfach länger beiseite, als wenn ich nicht zu dir gehörte, wo es doch um dein Lebensglück geht.“ Er legte seine Rechte auf ihre im Schoss ruhenden gefalteten Hände. „Lotte, ich wünsche dir viel, viel Glück, aber diese Heimlichkeit wäre nicht nötig gewesen. Mit der soll es nun vorbei sein.“
Sie neigte zustimmend den Kopf.
„Ja, Hans, das verspreche ich dir. Doch möchte ich erst noch einmal mit ihm allein reden. Heute abend will ich ihm sagen, dass du alles weisst. Er war eigentlich dafür, dass ich dir noch nichts verraten sollte, das bisschen gemeinsame Heimlichkeit wäre so schön. Und ich fand das auch.“
Hans grübelte verwundert, wie die Liebe den Menschen zu verändern vermochte. Lotte, die nüchterne, praktische Lotte, redete wie ein blutjunges Mädchen. Er war sehr begierig, den Mann kennenzulernen, der das zustande gebracht hatte.
Und doch hatte Lotte dem Bruder keine Andeutung davon gemacht, wie sie sonst noch mit dem Geliebten stand. Etwas hatte sie absichtlich unterschlagen. Es schien ihr auch nicht besonders wichtig. Klaus von Tannstätten hatte ihr zudem auf die Seele gebunden, zu niemandem darüber zu sprechen. Er hatte ihr erzählt, dass er in augenblickliche Geldschwierigkeiten geraten sei, da er für eine Maschine, die er gegen Barzahlung gekauft hatte, einige tausend Mark mehr hätte anlegen müssen, als er ursprünglich gerechnet habe. Sie hatte ihm daraufhin Geld angeboten, das die Eltern eigens für sie gespart, und er hatte es mit vielen herzlichen Worten angenommen. Fünftausend Mark waren es. Für zwei Wochen brauchte er es nur. Wozu also erst Hans gegenüber etwas davon zu erwähnen?
Der Bruder nickte ihr freundlich zu.
„So, Lotte, jetzt schreibe gleich die Briefe, die noch bis Mittag weg sollen, und verschreib dich nicht, olles Mädel!“
Lotte erledigte alle Büroarbeiten der kleinen Firma, kochte selbst und hielt mit Hilfe einer jungen Hausgehilfin auch den Hausstand in Ordnung.
Hans Wendel war sich klar darüber, dass Lotte ihm einmal sehr fehlen würde. Nun, wenn sie ihn verliess, wollte er ebenfalls bald heiraten, es war wohl sowieso dazu an der Zeit.
Die Druckerei befand sich in einem niedrigen Hofgebäude. Der Betrieb zählte zwanzig Mann. Im zweistöckigen Vorderhaus wohnten im ersten Stock die Geschwister, im unteren ein älteres Ehepaar. —
Am Abend des gleichen Tages sass Lotte in dem kleinen Restaurant, in dem sie sich bisher verabredet hatten, Klaus von Tannstätten gegenüber. Wohl wissend, dass ihr Haar auffallend schön war, trug Lotte einen kleinen schwarzen Filzhut, der einen grossen Teil der lockigen rotbraunen Pracht freigab.
Klaus von Tannstättens Augen hingen an ihrem Gesicht.
„Mein geliebtes Mädchen, du glaubst gar nicht, wie sehr ich an dich denke, wenn ich nicht bei dir bin. Gottlob erwiderst du meine Liebe, und wir brauchen uns vor dem endgültigen Beisammenbleiben nicht lange zu trennen. Heute wollen wir von unserer Heirat sprechen, bitte, nur davon. Du ahnst nicht, wie ich unsere Hochzeit herbeisehne.“
Sie strahlte ihn an und gestand ihm: „Mein Bruder weiss von unserer Liebe und möchte dich kennenlernen, Klaus. Und weisst du, ich will auch nicht länger Heimlichkeiten vor ihm haben, schliesslich brauchen wir beide das doch gar nicht.“
In seiner Antwort klang Verdruss:
„Hast also nicht schweigen können, Lotte! Schade, mir wäre es zunächst noch lieber gewesen.“
Er sprach nicht lauter als sonst, aber sie hatte unwillkürlich das Gefühl, als ob er sie heftig angefahren hätte.
In ihrem Gesicht spiegelte sich erschrecktes Staunen. „Mein Bruder hat uns zufällig zusammen gesehen und . . .“
Er sagte sanft: „Aber, Lottemädel, du entschuldigst dich ja förmlich. Das hast du wahrhaftig nicht nötig. Ich wollte unsere Liebe noch ein kleines Weilchen geheimhalten, kein Dritter sollte unser stilles Glück stören. Aber schliesslich bedeutet ein Bruder wohl keine Störung. Wenn du willst, werde ich ihn schon morgen fragen, ob er mir seine Schwester zur Frau geben will. Schon morgen.“
Lotte Wendel lächelte heiter und entspannt. Da hatte sie sich wohl gründlich geirrt, Klaus war nicht im geringsten verstimmt oder gar auf sie erzürnt. Sie blickte ihn dankbar an.
„Du bist so lieb und gut, Klaus, und ich begreife noch immer nicht, dass gerade ich das Glück habe, von dir geliebt zu werden.“
Sie war eine einfache Natur, grosse Worte lagen ihr nicht, ja, sie waren ihr peinlich.
Er nahm ihre Hand, streichelte sie.
„Schon recht, Lottchen, ich habe dich über alles lieb, und dein Bruder wird einsehen, dass wir zusammengehören und uns keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Ich begreife, dass es ihm schwerfallen wird, eine Schwester wie dich herzugeben.“
Sie war förmlich benommen. Soviel Glück kam über sie, so überwältigend viel Glück! Mit einem Male, als sie schon gar nicht mehr daran gedacht hatte, dass sie noch heiraten würde. Und was für einen Mann noch dazu! Einen, der Können, vornehmen Namen und blendende Erscheinung in die Waagschale zu werfen hatte.
Beseligt sass sie da, nippte ab und zu an ihrem Weinglas und sagte zu allem ja, was er vorschlug. Er versprach am übernächsten Tag, vormittags gegen elf Uhr, ihren Bruder zu besuchen. Er würde sehr pünktlich sein.
Sie sah ihn strahlend an.
„Danke schön, Klaus, dass du sofort einverstanden gewesen bist. Ich freue mich schon darauf, wenn du zu uns kommen wirst.“ Ein Sorgenfältchen schob sich zwischen ihre Brauen. „Aber, Klaus, es ist sehr einfach bei uns, sogar ein bisschen spiessbürgerlich.“
Sie fand, seine hohe, schlanke Gestalt passte nicht recht in die ein wenig verstaubte Pracht der einstigen guten Stube ihrer seligen Mutter. Sie rechnete bestimmt damit, Hans würde ihr gegenüber widerrufen, was er Hässliches über ihren Liebsten gesagt hatte. Sie grübelte: Wie könnte Klaus von Tannstätten auch nur einem einzigen Menschen widerwärtig sein? Auch Hans würde ihm sehr bald gut sein.
Er lächelte in ihre bewundernden Gedanken hinein. „Lottekind, ich muss einmal telephonieren. Ich habe nämlich nachher noch eine wichtige Verabredung. Mein Geschäftsfreund hat am Tage keine Zeit gehabt, und das Treffen mit dir wollte ich auf keinen Fall aufgeben.“
Sie streichelte seine Hand scheu und leicht.
Er erhob sich. „Entschuldige mich also bitte ein paar Minuten, Lottchen, ich bleibe nicht lange fort.“
Er eilte ans Telephon, das sich in einer Kabine draussen auf dem Gang befand. Es war gut, dass Lottchen sein Gespräch nicht mit anhörte. Er rief nämlich eine Frau an, die er „Liebling“ nannte und der er versicherte, er würde noch durch eine langatmige geschäftliche Unterredung festgehalten, doch in spätestens einer Stunde wolle er sich losreissen.
Er kehrte zu Lotte Wendel zurück, und als er schräg durch das Lokal auf ihren Tisch zuschritt, drückte Lotte unwillkürlich den Kopf in den Nacken vor Stolz, von so einem Prachtmenschen geliebt zu werden. Er war gross und schlank, dabei breit in den Schultern, seine Züge waren scharf geschnitten und sein braunes Haar dicht und glänzend. Die Augen von leuchtenden Blau schienen alles durchdringen zu wollen.
Irgendwie ging es verschwommen durch ihren von wirren, aber glückseligen Gedanken erfüllten Kopf: Es gibt noch Märchen, die Wahrheit werden . . . So ein wahrgewordenes Märchen ist die Liebe Klaus von Tannstättens zu ihr . . .
Sie brachen bald auf, und draussen meinte er: „Ich würde dich herzlich gern nach Hause bringen wie sonst, aber die geschäftliche Verabredung lässt mir nicht mehr die Zeit dazu und sie ist sehr, sehr wichtig.“ Seine Stimme wurde zärtlich: „Nimm dir eine Taxe, Lottemädel, fahre heim, ich erlaube auf keinen Fall, dass du noch so spät allein durch die Strassen gehst.“
„Mir tut niemand was!“ lachte sie, und es war ein Lachen, beladen mit Innigkeit.
Als der Wagen anfuhr, winkte sie dem Manne noch einmal zu, und er stand draussen am Strassenrand und winkte lachend zurück. Seine weissen Zähne blitzten. Mit einem kleinen Seufzer, den ihr das übergrosse Glück erpresste, sank Lotte Wendel in die Polster zurück.
Sie spann holde Zukunftsträume; ihre Hände falteten sich fest vor inbrünstiger, heisser Bewegung. Es war die allerhöchste Steigerungsstufe des Glückempfindens, die das Schicksal der kleinen tüchtigen, aber unschönen Lotte Wendel überhaupt auf Erden schenkte, denn was danach kam, war traurig und trübe, es blieb ihr unfassbar bis zu ihrem letzten Atemzug.
Aber davon ahnte sie jetzt noch nichts.
* * *
Der Vormittag, an dem der Besucher erwartet wurde, kam heran. Das Wohnzimmer war völlig verwandelt worden. Lotte hatte die Möbel umstellen lassen, hatte neue teure Gardinen angeschafft und einen schönen modernen Teppich erworben. In den Vasen steckten frische Blumen. Fichtennadelduft, den Lotte verstäubte, lag wie ein wundersamer Waldesgruss über allem.
Lotte hatte sich gestern ein neues Kleid gekauft, ein blaugraues Wollspitzenkleid, und heute früh ihr Haar vom Friseur in Locken aufstecken lassen.
Hans Wendel fand, seine Schwester sah wirklich besonders vorteilhaft aus. Zwar die Nase blieb zu klein und dick, die hellen Augen waren zu schmal, die Backenknochen zu stark — immerhin sie hatte aus sich gemacht, was nur möglich war. Er nahm sich vor, dem zukünftigen Schwager freundlich entgegenzukommen und jedes Vorurteil in sich zu ersticken.
Lotte strahlte und wirkte gut um einige Jahre jünger. Hans Wendel begriff, dass „Liebe“ eine grosse Zauberin war. Er kannte die Liebe noch nicht — ein paar Liebeleien lagen auf dem Wege seiner Vergangenheit, Liebeleien, deren Ende weder ihm noch seiner jeweiligen Mitspielerin weh getan.
Es schlug elf Uhr vom Turm einer nahen Kirche, und die alte Standuhr in einer Ecke der Wohnstube schlug ebenfalls elfmal. Lottes Gesicht gewann vor Erwartung noch mehr Farbe. Schon in der nächsten Minute musste es an der Korridortür klingeln, und dann würde die Hausgehilfin melden: Herr von Tannstätten . . .
Ihr Herz verhielt vor atemloser Spannung, vor erregtem Warten auf diesen nahe bevorstehenden, fiebrig herbeigesehnten Augenblick förmlich den Schlag. Die Uhr tickte laut, es schien Lotte dieses Ticken plötzlich fast zu überdeutlich vernehmbar. Es störte sie beim Hinauslauschen. Jetzt — nein, nichts! Doch nun klingelte es wirklich.
Aber es war nur der Geldbriefträger, der Zeitungsgeld einzog.
Die unbarmherzige Uhr tickte weiter und tat ihre Pflicht. Es wurde halb zwölf und wurde zwölf. Die Geschwister wechselten manchmal ein paar Worte, um halb eins aber sprang Hans Wendel auf, wollte etwas Zorniges sagen, doch schluckte er es hinunter, zu blass und elend sah Lotte aus.
„Er hat sicher nicht kommen können, er wird schreiben“, versicherte Lotte, und Hans Wendel dachte voller Mitleid, dass seine Schwester den Eindruck eines Menschen machte, der jämmerlich fror.
Lotte fror wirklich, so recht von innen heraus. Das vergebliche Warten hatte sie in eine grosse, unbestimmte Angst hineingejagt, dem Geliebten müsse etwas zugestossen sein. Sie wollte sich gleich erkundigen. Oder nein, lieber noch nicht, schliesslich konnte er wohl noch kommen.
„Immerhin werden wir jetzt essen“, schlug ihr Bruder vor. „Ich habe Hunger.“
Die Schwester nickte. „Gleich wird aufgetragen werden.“
Es wurde ein stilles Mahl zu zweien. Lotte quoll der Bissen im Mund vor bitterer Enttäuschung und auch vor Angst, es könnte Klaus von Tannstätten ein Unglück geschehen sein. Hans Wendel schmeckte es ebensowenig. Er war wütend auf den angekündigten Besucher, der nicht gekommen war.
Wahrscheinlich hatte er es sich in letzter Minute noch überlegt, der noble Herr, und die Liebe zu Lotte war nichs weiter gewesen als ein kleiner Schritt vom gewohnten Wege, den er schon bedauerte. Er hatte vielleicht gar nicht an eine Heirat gedacht; das hatte sich Lotte wahrscheinlich nur selbst eingeredet.
* * *
Der Tag verging, es kam keine Nachricht, keine Entschuldigung.
Abends fing Lotte plötzlich an zu lachen: „Er wird vergessen haben, wo wir wohnen, das ist des Rätsels Lösung!“
„Unser Name steht im Adressbuch und im Telephonbuch, Lotte“, erinnerte er sie.
Sie ging ans Telephon, und nach einem Weilchen kehrte sie sichtlich verwirrt zurück.
„Er wohnt gar nicht in dem Hotel, das er mir genannt hatte.“
„So, so!“ machte Hans Wendel, und kopfschüttelnd stellte er fest: „Ein merkwürdiger Heiliger, dieser Herr, der einen Namen trägt, welcher ihn eigentlich verpflichten sollte, sich nicht wie ein Stromer zu benehmen.“
„Hans, ich bitte dich!“ wehrte sie entsetzt ab.
„Da soll der Teufel daraus klug werden! Was hat denn der Mensch eigentlich beabsichtigt, dass er dir eine falsche Wohnung angab? Es lässt auf Dinge schliessen, die meines Erachtens mit der Handlungsweise anständiger Menschen nichts mehr zu tun haben.“ Er polterte heraus: „Sei froh, Lotte, dass er dich nicht hochgenommen, ich meine angepumpt hat. In diesem Fall würde ich nämlich sofort wissen, woran wir bei ihm sind.“
Lottes Augen starrten ihn, unnatürlich geweitet, plötzlich mit einem solchen Ausdruck des Entsetzens an, dass er abbrach; aber ehe er noch zuspringen konnte, glitt die Schwester bereits vom Stuhl und lag nun regungslos auf dem neuen farbigen Teppich, den sie in der Vorfreude auf den Besuch gestern noch gekauft hatte.
Eine schwere Ohnmacht ersparte ihr zunächst jedes weitere schmerzhafte Denken. Die Worte des Bruders hatten ihr blitzartig das Dunkel erhellt, das um ihr „Märchen“ lag. Sie hatte erkannt, dass dieses nur ein geschickt eingefädeltes Gaunerstück gewesen war.
Am nächsten Tage berichtete sie dem Bruder die volle Wahrheit, und dann verbrachte sie acht schlimme Tage, zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin und her gerissen. In diesen acht Tagen stellte Hans fest, dass es allerdings einen Klaus von Tannstätten gegeben hatte, einen alten Herrn, der als Junggeselle vor einigen Jahren gestorben war.
Jetzt war auch Lotte Wendel überzeugt, dass der elegante Herr Baron, der mit ihren fünftausend Mark wohl längst das Weite gesucht hatte, tatsächlich ein Heiratsschwindler gewesen war.
Sie wünschte aber keine Anzeige bei der Polizei; aufgeregt bat sie den Bruder, nichts in der Sache zu unternehmen. Sie verachtete den schlechten Menschen, der sie so elend betrogen, aber ihr Herz schlug immer noch für ihn.
Hans mochte nicht schweigen, er wollte Anzeige erstatten.
„Der Kerl muss gesucht werden!“ beharrte er ihren Bitten gegenüber. „Er kann sonst noch viel Unheil anrichten, der Schuft! Das schmutzige Handwerk, das er treibt, muss ihm gelegt werden.“
Lotte litt an Schlaflosigkeit und nahm manchmal ihre Zuflucht zu Veronal. Eines Abends, als ihr Herz vor Sehnsucht nach ihm, den sie immer noch liebte, keine Ruhe gab, nahm sie zuviel von dem Schlafmittel und schlief ein, um nicht mehr aufzuwachen zu Erdenfreude und Erdenleid . . .
Und nun da er es gekonnt hätte, ging Hans Wendel nicht zur Polizei. Er mochte das Andenken der geliebten Schwester nicht in einem Prozess dem Hohn und dem Spott fremder Menschen aussetzen. Aber er gelobte sich, wenn ihm jemals dieser Verbrecher in den Weg kommen sollte, sein Schweigen zu brechen und an ihm zu rächen, was er der armen Lotte angetan hatte.
Als der Sarg in die Erde hinuntergelassen wurde, war es ihm, als ob er mit unheimlicher Deutlichkeit den Mann dicht vor sich sähe, dem er doch nur ein einziges Mal im Leben begegnet war. Sein Bild hatte sich unverlierbar in sein Gedächtnis eingegraben. Er wusste, er würde ihn sofort wiedererkennen.
Arme, arme Lotte! Sie hatte ihn mit der ganzen Inbrunst ihres Herzens geliebt und war in den Tod gegangen, weil er sie so entsetzlich enttäuscht hatte.
Hans Wendel warf drei kleine Schaufeln Erde auf den Sarg der Schwester und dachte: Vielleicht kann ich dich später einmal rächen, arme, liebe, törichte Lotte . . .
1.
So ein Septembertag hat es in sich. Wenn er schön sein will, bringt er das besser fertig als ein Frühlingstag, und die Menschen spüren seinen Sonnenschein wie ein Gottesgeschenk.
Monika Holm lächelte unwillkürlich, als die Sonne aus der kleinen Agraffe, die sie auf Anordnung der Direktrice in die schwarze Hutrosette aus Ripsband einnähen sollte, bunte Blitze hervorlockte.
Die Direktrice, Frau Schade, beobachtete ihr Tun ein Weilchen und rief plötzlich scharf: „Monika, Sie scheinen zu glauben, sich in einem Kinderhort zu befinden. Ich möchte Sie daran erinnern, dass wir hier sind, um zu arbeiten. Sie vergessen das leider manchmal.“
In Monikas blasses Gesicht stieg jähe Röte.
„Ich habe nur ausprobieren wollen, ob die Agraffe wirklich in die Rosette hineinpasst.“
„Ich finde, sie passt dahin, wo ich sie angebracht wissen will, Monika“, gab Frau Schade, eine üppige Vierzigerin, ärgerlich zurück. „Sie haben immer eigene Ideen und glauben, Schick und Geschmack gepachtet zu haben. Ich verbitte mir ein für allemal Ihr ewiges unausstehliches Besserwissen. Schliesslich bin ich hier Direktrice!“
Dunkelbraune Mädchenaugen blitzten sie an, und eben wollte Monika ihre, ein ganz klein wenig mit Rot nachgezogenen Lippen zu einer unüberlegten hastigen Antwort öffnen, als sie einen so kräftigen Fusstritt spürte, dass sie beinah einen Wehlaut ausgestossen hätte.
Sie neigte den Kopf tief über die Arbeit und begann mit geübten, schnellen Fingern das umstrittene unechte Schmuckstück in die Rosettenmitte festzunähen, wo es nun als schimmernder Kelch prangte.
Diese Misshelligkeiten zwischen Frau Schade und Monika Holm wiederholten sich oft. Hätte die Chefin nicht immer wieder alles ins rechte Gleis gebracht, Monika hätte längst den netten Fensterplatz in dieser Arbeitsstube, von wo aus man am besten in den kleinen Hof mit der grossen Akazie sehen konnte, aufgeben müssen. Frau Schade machte kein Hehl daraus, wie angenehm es ihr gewesen wäre, wenn Monika Holm eines Tages nicht mehr wiederkäme.
Monika aber tat ihr den Gefallen nicht.
Sie hatte im Putzatelier Munbert gelernt und wollte hier bleiben. Sie war hierher gewöhnt.
Für den kräftigen Fusstritt konnte sie sich, wie bei ähnlichen Gelegenheiten, auch heute bei Nesse Bürger bedanken, die neben ihr sass.
Diese Fusstritte erhielt sie immer dann, wenn sie den Mund öffnen wollte zu einer Antwort, die Frau Schade nur noch mehr in Harnisch gebracht hätte.
In Sachen des Geschmackes gerieten beide nur zu leicht aneinander.
Der Hauptgrund lag in persönlicher Abneigung.
Frau Schade ärgerte schon der blosse Anblick der sieghaft hübschen Monika. Sie selbst musste sich sehr „herrichten“, um leidlich etwas vorzustellen; dem jungen Mädchen aber hatte die Natur ein Äusseres geschenkt, das erfreulich auffiel. Die Fünfundvierzigjährige beneidete die Einundzwanzigjährige. —
Von ein bis drei Uhr hatten die Putzmacherinnnen Freizeit. Monika und Nesse traten gemeinsam auf die Strasse, die zu den belebtesten der mittelgrossen süddeutschen Stadt gehörte.
Nesse sagte vorwurfsvoll: „Du solltest wirklich endlich mit der Schade Frieden halten. Ihre Ideen sind ihr heilig. Warum schlägst du ihr immer wieder Neuerungen vor? Sie versteht sie einfach nicht, und am fernen Jugendhorizont unserer Chefin steht noch die Kapotte. Dass sie trotzdem ihre gute Kundschaft behalten hat, dankt sie nur ihrem alten Ruf; aber er fängt allmählich an brüchig zu werden, und eines Tages wird es wohl so weit kommen, dass die Damen woanders hingehen.“
Monika, die ihr Rad führte, hatte kaum zugehört. Sie sagte lebhaft: „Lass schon, Nesse, ich mag von dem Kram gar nichts hören! Wenn die herrliche Schade im Einverständnis mit Fräulein Munbert von mir verlangen sollte, ich müsse ’ne Kapotte mit Reiherstutz, neckischem Vergissmeinnicht und breitem Kinnband als neueste Mode garnieren, na, dann tue ich’s eben. Ich habe diese Art von Kampf bis zum Halse satt und hoffe, eines Tages nach meinem Gusto arbeiten zu dürfen. Ein eigenes Geschäft schwebt mir vor, ich möchte den Leuten zeigen, was Geschmack ist.“
Nesse, eine rosige Blondine mit klaren grauen Augen, fragte lächelnd: „Ist die Erfindung deines Onkels vielleicht fertig, von der er sich soviel verspricht.“
Monika lachte ärgerlich.
„Ach, diese Erfindung! Ich habe davon noch nicht einmal soviel“ — sie schnippte mit den Fingern — „zu sehen bekommen. Keinen Schimmer habe ich, um was es sich überhaupt handelt, und manchmal meinte ich, die Erfindung, von der Onkel schon seit beinahe zwei Jahren phantasiert, besteht nur in seiner Einbildung. Damit hält er mich hin, auf bessere Zeiten zu warten und ruhig zu bleiben, weil er mein Muttererbe schon angerissen hat.“ Zornig fügte sie hinzu: „Dies soll ich nicht tun und jenes nicht, ausgehen soll ich nicht und keine Bekanntschaften machen! Goldene Berge verspricht er mir für die Zeit, wenn er mit der Erfindung fertig ist, Schlösser im Mond und dergleichen. Nichts wie Seifenblasen und Humbug, Nesse, ich mache das nicht mehr lange mit! Die Luft ist stickig bei uns in der Nonnengasse, am Ende der Welt.“
Die Freundin, die eigentlich Agnes hiess und der die Mutter den Kosenamen „Nesse“ gegeben, schüttelte den Kopf.
„Du hast seit einiger Zeit etwas Verbittertes im Wesen, Monika, das hast du früher nicht gehabt. Schade, es kleidet sich nicht, es passt nicht zu dir.“
Monika lächelte bitter.
„Was weisst denn du! Ich möchte aus allem heraus. Möchte weg von dem Erfinder, möchte aus dem Haus weg und aus der Nonnengasse.“
„Um dein Heim bist du doch zu beneiden, du Unzufriedene. Weshalb drückst du dich so spöttisch aus? Ihr wohnt im letzten Haus vor dem Wald. Der Duft der Tannen zieht durch die Fenster bis in dein Zimmer, und wenn nachts der Wind weht, rauschen dir die hohen Buchen ein Abendlied.“
Monika zuckte die Achseln und warf den Kopf zurück.
„Alles schön und gut, zugegeben, aber ich möchte endlich etwas mehr vom Leben haben als Tannenduft und Buchenrauschen. Die Zukunftsvertröstungen Onkels fressen meine besten Jahre, und nachher stehe ich mit leeren Händen da als alte Schreckschraube.“
Nesse lachte: „Bis zur Schreckschraube hast du noch viel Zeit!“ Sie gab ihr einen freundschaftlichen Klaps, ihr Weg führte jetzt nach links. „Guten Appetit!“ wünschte sie, was Monika dankend erwiderte.
Monika verschwendete keinen Gedanken mehr an diese Unterhaltung, schwenkte nach rechts hinüber, sprang auf ihr Rad, und in zwanzig Minuten erreichte sie die Nonnengasse.
Die schmale Strasse hiess so, weil hier einmal ein Frauenkloster gelegen hatte. Sie bestand aus kleinen alten Häusern, von denen das jüngste schon über hundert Jahre alt war.
Otto Holms Haus lag dort, wo die Strasse eigentlich schon ein Stück zu Ende war. Es fiel aus der Reihe und hatte seinen Platz längst eingenommen, ehe man ein zweites Haus in der Nähe des Waldes gebaut und danach ein drittes, längst ehe der Name Nonnengasse die Zusammengehörigkeit dieser Häuser am Wald festlegte.
Mehr als bescheiden sieht unser Haus aus, fand Monika, und ihr Blick streifte verächtlich die Front des Gebäudes, von dem stellenweise der Verputz abgefallen war, das feuchte Flecke zeigte und das aus Erdgeschoss und sehr niedrigem Boden mit lukenartigen Fenstern bestand. Nur in der Mitte, unter der Höhe des Daches, gab es ein grösseres Fenster. Es gehörte zu dem einzigen obengelegenen Zimmer. Monika bewohnte es.
Aber ein hübscher Garten zog sich um das Haus, darin fütterten ein paar pausbäckige Putten aus längst verwittertem Sandstein ebenso verwitterte Tauben. Sie taten es unentwegt im Sommer und Winter. Sie lächelten bei jedem Wetter, und Monika dachte: Ihre Sandsteinnerven müsste man haben, um das Leben „in der Nonnengasse, am Ende der Welt“ ertragen zu können! Das Dasein war reich und bunt und vielfältig, sie aber kam sich vor wie ein Zaungast des Lebens, der alles nur von weitem betrachten durfte.
Tante Suse, die Gutmütige, immer Zufriedene, die etwas derb aussah, kam ihr auf dem Flur entgegen und saate freundlich: „Geh nur gleich in die Wohnstube, Monika, heute gibt’s Kartoffelpuffer, dein Leibund Magenfutter.“
Monika nickte ihr zu. Die Tante tat ihr manchmal sehr leid, und sie hätte nicht einmal sagen können warum, denn die Frau war immer zufrieden.
In der Wohnstube sass Onkel Otto, dessen schmales Gesicht etwas Verbissenes und zugleich Durchtriebenes hatte. Sein Haar war eisgrau, seine Hände waren auffallend schmal. Er lebte von seiner Altersrente. Er war Graveur gewesen und musste seit zwei Jahren feiern. Monika zahlte Kostgeld, seit sie als Gehilfin verdiente.
Frau Suse brachte eine Schüssel voll Puffer und setzte sie mitten auf den Tisch.
„Fangt nur immer an“, ermunterte sie, „ich möchte fertigbacken, und frisch schmecken sie doch am besten.“
Sie verschwand wieder in der Küche.
Otto Holm verzog den dünnlippigen Mund.
„Pastetchen möchte ich als Vorspeise, dann Lendenbraten mit Spargel, Artischocken und Champignons, danach Ananas mit Schlagsahne. Dazu eine Flasche Haut Sauterne. Herrgott, Mädel, wenn’s doch endlich so weit wäre!“
Monika antwortete nicht. Was sollte sie auch darauf noch sagen? Er wiederholte diesen Speisezettel in kleinen Abänderungen fast täglich.
Nervös zwinkerte er mit den Lidern.
„Monika, wenn meine Erfindung erst reif sein wird — und es dauert nicht mehr lange bis dahin — dann ändert sich für uns alles mit einem Schlag. Es ist eigentlich unvorstellbar.“ Er legte den Kopf zurück; die Lippen geniesserisch spitzend, versprach er: „Das eleganteste und umworbenste Mädchen der Stadt wirst du werden, Monika, und im teuersten Auto werden wir fahren. Wir . . .“
Monika schnitt ihm das Wort ab.
„Wenn du dir so sehr viel von deiner Erfindung versprichst, kannst du mir doch wenigstens erklären, um was es sich überhaupt handelt. Deine Geheimniskrämerei geht entschieden zu weit. Ich werde bestimmt nichts ausplaudern. Es ist unrecht von dir, dass du uns keine Silbe verrätst, weder deiner Frau noch mir.“
Er zog die etwas verwilderten Brauen hoch, und die breitgeschnittenen Flügel seiner zu langen Nase schienen zu flattern, so lebhaft bewegten sie sich.
„Ich werde auch weiterhin schweigen. Von Erfindungen verstehen Frauen doch nichts, rein gar nichts. Und wenn ihr, Tante und du, niemals von mir etwas darüber hören werdet, ist es auch gleichgültig. Für euch kommt es doch darauf an, ob meine Arbeit von Erfolg gekrönt sein wird, und damit rechne ich bestimmt. Meine gute Alte behelligt mich niemals mit Fragen; die glaubt an mich und wartet ab, bis wir über Nacht reiche Leute geworden sein werden. Das aber geschieht, so wahr ich dir jetzt gegenübersitze, Monika. Doch ich . . .“
Er zögerte, es wurde ihm schwer weiterzureden.
Sie wusste: Jetzt würde er gleich anfangen, vom Geld zu reden, von ihrem kleinen mütterlichen Erbteil. Tausend Mark fehlten schon daran, und sie konnte ihm keine Schwierigkeiten machen, wenn er noch mehr haben wollte. Er erklärte ihr jedesmal, er hätte sie seit zehn Jahren, seit ihre Eltern gestorben wären, wie seine eigene Tochter gehalten, hätte sie einige Jahre sogar eine höhere Schule besuchen und sie beruflich ausbilden lassen. Das alles verpflichte. Überdies würde sie das Geld mit Zins und Zinseszins zurückerhalten. Und dann fing das schon zu oft gehörte Lied von der Erfindung wieder von vorn an. Zukunftshoffnungen stiegen gleich leuchtenden Raketen in den Himmel, der ziemlich einförmig und grau über der Gegenwart in diesem Hause stand, und zerstäubten in der Höhe, fielen blitzend und glimmend weithin nieder wie Sterne, verheissungsvoll, verwirrend, ernüchternd . . .
Sie fragte kühl und ablehnend: „Wieviel willst du denn nun schon wieder? Ich habe bloss noch fünfzehnhundert Mark und gehe nicht gern daran. Es ist mein Notgroschen, Onkel, vergiss das nicht. Falls es mit deiner Erfindung nichts wird, kann er uns allen noch zugute kommen.“
Sie sah ihn unter halbgeschlossenen Lidern an.
Er liess die Gabel auf den Tisch fallen, sie streifte klirrend den Tellerrand.
„Immer diese Ermahnungen! Du tust, als ob ich ein dummer Junge wäre, der das Geld hinauswirft!“ polterte er. Sein Kinn schob sich eckig, fast brutal vor.
Monika kannte diese Veränderung seines Gesichts und hasste sie.
Sie fragte kurz: „Also wieviel soll es sein? Sage es schon, damit ich Bescheid weiss.“
Er nahm die Gabel wieder auf und ass schweigend weiter. Erst nach einem Weilchen antwortete er: „Ich brauche nur noch fünfhundert Mark, alles in allem nur noch fünfhundert Mark. Damit bringe ich mein Modell so weit, wie ich es bringen muss und . . .“
Sie unterbrach ihn rasch, um nur nichts mehr von den Zukunftshoffnungen hören zu müssen, an die sie nicht recht glaubte, wenn sie auch zuweilen dachte, dass es schön wäre, wenn sie sich verwirklichten.
„Ich werde dir gleich nachher einen Scheck geben“, sagte sie kurz, dann kannst du dir das Geld holen.“
Seine Züge waren jetzt sehr wohlwollend, und überaus freundlich klang seine Stimme, als er bat: „Könntest du mir das Geld nicht mitbringen, Monika? Die Bank ist doch nicht weitab von deinem Geschäft. Du kannst dort sicher für ein paar Minuten abkommen.“
Sie nickte. „Gut, ich werde dir das Geld heute abend mitbringen.“
Es klang ergeben und gewissermassen abschliessend. Ungefähr so, als ob sie dazu erklärt hätte: Ich tue dir den Gefallen, aber jetzt lass mich, um des Himmels willen, endlich mit deinem Krempel in Ruhe!
Er schien es auch so aufzufassen, denn er schwieg von nun an und beschäftigte sich nur noch mit dem Essen.
2.
„Fünfhundert Mark hat mir Onkel Otto wieder abgeluchst“, vertraute Monika am Nachmittag der hellblonden Nesse an, von der jener Hauch überzeugender, lichter Sauberkeit ausging, der den Bildern auf Werbeplakaten für Seifen eigen ist. „Ich muss nachher auf die Bank gehen und das Geld holen.“ Sie seufzte. „Ich möchte wenigstens gern soviel behalten, um mich einmal selbständig machen zu können; wenn’s aber so weitergeht, muss ich den Traum aufgeben.“
Nesse tröstete: „Etwas muss doch an der Erfindung dran sein! Dein Onkel ist doch schliesslich ein seriöser Mensch.“
Monika sah nicht sehr überzeugt aus.
„Ich weiss nicht recht. Manchmal meine ich, es ist überhaupt nichts an dem ganzen Gerede, und es handelt sich lediglich um Schaumschlägerei, um mir das Geld abzunehmen. Den Rest will ich ihm jedenfalls nicht mehr hinwerfen, von jetzt an werde ich streiken.“
Nesse nickte zustimmend. Sie stammte aus einer Familie, die nichts von Luftschlössern und von unbestimmten Erfindungen hielt. Der Vater war Lokomotivführer, der älteste Bruder Mechaniker, der jüngste Bäckerlehrling. Die Familie Bürger, beste Vertreter ihres Namens, stellte gute, gediegene Bürger, die sich nach der Decke streckten und, wie Nesse stolz erklärte, keine Raupen im Kopf hatten.
Nesse fand, die Holms hätten Raupen im Kopf. Monikas Vater war Glasmaler gewesen, und das war ja wohl so etwas wie ein Künstler. In mancher Kirche gab es Fenster, die er geschaffen, und Monikas Mutter zeigte als ehemalige Schauspielerin auch nicht die übliche bürgerliche Verwurzelung, wenn sie auch nur für einige Jahre auf den Brettern gestanden hatte. Dieser Onkel Otto krankte an einer Erfindung. Nach der Meinung der Familie Bürger waren Erfinder Menschen, die es nicht verstanden, festen Boden unter sich zu bekommen, die immer hochfliegenden Plänen nachhingen.
Monika gefiel ihr ganz gut, aber sie war meist unzufrieden. Sie sehnte sich fort aus dem kleinen Haus am Waldrand und wünschte sich einen Mann, der ihr zu einem glänzenden Leben verhelfen könnte. Wenn sie dann wieder normal und vernünftig dachte, redete sie von einem Putzgeschäft, das sie sich schaffen wollte.
Nesse hing an Monika, bewunderte heimlich ihre übergrossen braunen Augen und ihr feines schmales Gesicht, dessen Haut die Tönung matten Elfenbeins hatte. Sie fand das silberblonde Haar der Freundin viel schöner als die eigene mattblonde Haarpracht und behauptete, die schneeweissen kleinen Zähne Monikas gäbe es in ihrer Vollendung kaum ein zweites Mal.
Gegen halb vier Uhr verschwand Monika aus der Arbeitsstube und eilte zur Bank. Ein Herr kam ihr im Schalterraum entgegen.
Er stutzte, als er sie sah, und grüsste.
Sie dankte, aber sie wusste genau, der Grüssende war ihr völlig fremd.
Vornehm sah er aus und wirkte auch sonst nicht übel. Er war hübsch — vielleicht sogar sehr hübsch.
Eigentlich mochte sie hübsche Männer nicht, aber an diesem war nichts Süssliches oder Gelecktes. Wie ein gepflegter Sportsmann sah er aus.
Sie trat an den Schalter heran, erledigte ihre Angelegenheit und schob die erhaltenen fünfhundert Mark in ihr Handtäschchen. Als sie sich umwandte, sah sie den Herrn, der sie gegrüsst hatte, noch innerhalb des Schalterraumes an der weit geöffneten Eingangstür stehen.
Ein angenehmer Schreck durchzuckte sie. Wenn sie nicht alles täuschte, hatte er auf sie gewartet.
Sie hätte nichts gegen die Bekanntschaft einzuwenden, so kühl sie sich sonst auch gab. Von dieser Art Männer liefen nicht allzu viele herum.
Sie fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, und das war ihr peinlich.
Er liess sie ruhig an sich vorübergehen, aber draussen auf der Strasse war er sofort an ihrer linken Seite.
„Schönste Dame, laufen Sie mir, bitte, nicht davon, wir müssen uns kennenlernen! Ich habe schon seit dem Aufstehen gefühlt, heute würde mir das Glück begegnen. Jetzt ist’s so weit, und das Glück will ich festhalten.“
Sie wappnete sich mit Gleichmut.
„Warum reden Sie so verstiegenes Zeug?“
Aber sie musste dabei lachen, und ein Lachen ist keine Abweisung. Im Gegenteil, in solchen Fällen ermutigt es und soll wohl auch ermutigen.
Was der fremde Herr sonst noch alles gesagt hatte, wusste Monika kurz darauf kaum noch, aber sie wusste, dass er sich ihr vorgestellt hatte. Er hiess Helmut Wingern und führte den Doktortitel, und sie hatte ihm versprochen, ihn morgen abend zu treffen. Sehr geschickt hatte sie sich so von ihm verabschiedet, so dass er nichts davon merken konnte, wo sie beschäftigt war.
Sie flüsterte das alles Nesse bei der Arbeit zu. Sie musste vorsichtig sein, es sollte niemand etwas davon hören. Es sassen noch zwei Gehilfinnen und drei Lehrmädchen im Arbeitsraum.
Sie raunte der aufmerksam lauschenden Kameradin ins Ohr: „Er hat keine Ahnung, wer ich bin, ich habe über mich geschwiegen.“ Sie sah strahlend aus. „Endlich ist einmal so etwas für mich gekommen wie ein richtiger Sonnenstrahl, ein Abenteuer mit gediegenem Hintergrund. Meine bisherigen Verehrer waren arme Luder und gefielen mir auch sonst nicht. Der aber . . .“
Der Satz blieb unvollendet: Frau Schade sagte hart und laut: „Man flüstert einander nicht ganze Romane in die Ohren, wenn andere dabeisitzen. Das ist unfein.“
Monikas dunkler Blick tauchte blitzend in Frau Schades Augen, aber sie schwieg und dachte nur belustigt: Wenn die heiratslustige Witwe wüsste, was ich Nesse eben gebeichtet habe!
Ja, Frau Erna Schade war sehr heiratslustig, das wussten hier alle. Sie suchte gründlich nach einem zweiten Mann, stellte dabei aber auch allerlei Ansprüche. Es hiess, sie veröffentlichte von Zeit zu Zeit ihre Wünsche unter der Rubrik „Heiratsgesuche“.
Die lange Lene, die im Laden bediente, behauptete, es ganz genau zu wissen. Ein paarmal hatte diese oder jene Kollegin die Direktrice schon abends in Lokalen getroffen, immer in Begleitung eines anderen Herrn. Frau Schades Heiratswünsche schienen sich nicht allzu schnell zu verwirklichen.
Am folgenden Tage machte sich Monika besonders sorgfältig und hübsch zurecht. Sie erklärte der Tante: „Nesse hat mich eingeladen; ihr jüngster Bruder feiert Geburtstag. Ich werde also wahrscheinlich ziemlich spät nach Hause kommen.“
Otto Holm, der das hörte, mischte sich ein.
„Also für die Geburtstagsfeier des kleinen Bäckerlehrlings hast du dich so schick zurechtgemacht? Hoffentlich stimmt das auch, Monika! Es wäre jammerschade, wenn du dich auf Stelldicheine und Liebeleien einliessest und dich verplempertest, während ein ganz grosses Glück auf dich wartet. Ich meine, sobald meine Erfindung erst fertig sein wird. Es handelt sich nur noch um Wochen.“
„Natürlich, du möchtest, dass ich wieder daheim bleibe, Onkel, das liegt dir am Herzen“, ärgerte sie sich. „Ich soll warten und warten. Ich mache mir gar nichts aus deiner geheimnisvollen Erfindung, ich möchte darüber nicht mein Leben versäumen!“
Weg war sie, und Frau Holm sagte sanft und ruhig: „Lass sie doch gehen, wohin sie will, sie ist alt genug dazu. Unrechtes tut das Mädel bestimmt nicht. Jugend mag nun einmal nicht immer daheim hocken, und das kannst du auch wirklich nicht verlangen. Wenn deine Erfindung fertig sein wird, freut sich Monika darüber ebenso wie ich.“
Er schüttelte verstimmt den Kopf.
„Ich möchte zu gern, dass sie eine grosse Dame wird, sie hat das Zeug dazu. Wir müssten mit ihr reisen, Gesellschaften besuchen, wo wir eine Rolle spielen können. Ein schönes Mädchen hilft einem leicht in jede Gesellschaft hinein. Ich male mir das schon immer aus.“
Die Frau lächelte etwas verständnislos.
„Ich kann mir wohl vorstellen, es müsste schön sein, sobald du viel Geld verdienst, im Auto auszufahren, ins Theater zu gehen und gut zu essen. Ich zum Beispiel würde mir dann bestimmt alle Tage etwas Leckeres leisten. Aber mir liegt gar nichts daran, gesellschaftlich etwas zu bedeuten. Im Gegenteil, das scheint mir furchtbar lästig. Es läge mir nicht mehr auf meine alten Tage. Wenn ich mir vorstelle, ich würde von links und rechts beobachtet, wüsste ich wahrhaftig nicht, wie ich die Beine setzen sollte. Der Himmel mag mich davor bewahren! Ich wünsche mir vor allem, meine jetzige Ruhe und Gemütlichkeit behalten zu dürfen.“
Er lachte spöttisch. „Rege dich nicht unnütz auf, Ollsche, ich werde von dir nicht verlangen, was du nicht zu leisten bereit bist.“ Seine Züge wurden ernst. „Ich sehne mich aber nach vielen Dingen des Lebens, die ich bisher nicht haben konnte.“ Er schob die Schultern vor; es war eine Bewegung, die Menschen machen, die irgend etwas Schweres vom Platz rücken wollen. „Was habe ich denn bisher vom Leben gehabt? Nur Arbeit und Sorgen.“
Seine Frau antwortete missbilligend: „Deine Unzufriedenheit gefällt mir nicht. Es hat dir eigentlich doch gar nichts gefehlt bis jetzt. Du bist noch immer gut und reichlich satt geworden, und was uns an Sorgen zugeteilt wurde, konnten wir tragen. Sorgen, richtige Sorgen, sind bestimmt etwas ganz anderes als das, was wir kennengelernt haben. Jedenfalls, das darfst du mir glauben, wenn es mit deiner Erfindung Essig sein sollte, von mir würdest du bestimmt keine Vorwürfe zu hören bekommen. Meinetwegen kann alles hier bei uns so weitergehen wie bisher. Ich bin zufrieden.“
Statt sich über seine Frau zu freuen, sah er sie kopfschüttelnd und ärgerlich an.
„Das ist es eben, was mir an dir nicht gefällt, Suse, deine immer gleichbleibende Zufriedenheit mit allen Dingen. So wie es kommt, ist es dir recht. Wenn ich immer so zufrieden gewesen wäre wie du, hätte ich mich schon zu Tode gelangweilt. Man muss sich wenigstens von Zeit zu Zeit über etwas erbosen können und muss Wünsche haben.“ Seine tiefliegenden schmalen Augen blitzten. „Mich bringen Wünsche und Neid manchmal fast um, wenn ich sehe und höre, was sich andere Menschen leisten dürfen. Immer musste ich meine Wünsche abwürgen, doch habe ich sie nicht totgekriegt.“
Wie ein Fremder kam der alte Ehegefährte der erschrockenen Frau vor, als er sie mit verbissenem Gesichtsausdruck anfuhr: „Menschen wie du laufen mit Scheuklappen durchs Leben! Wenn sie jeden Tag ein paar Brötchen in ihren Kaffee stippen dürfen und sonntags ein Stückchen Schweinebraten in die Pfanne legen können, dazu noch ein warmes Bett haben, sind sie restlos glücklich.“ Seine Arme schoben sich vor und die Finger seiner Hände spreizten und krümmten sich, als wollten sie etwas an sich raffen. „Ich habe mich immer als Zaungast des Lebens gefühlt, habe immer von weitem stehen und zusehen müssen, wie gut es anderen ging. Das war oft unerträglich und ist es noch. Ich brauche jetzt nicht mehr zu arbeiten, darf mich ausruhen. Ach, ich habe es auch gründlich satt gehabt, von morgens bis abends zu werken und doch nie aus dem Alltag herauszukommen. Und um mich herum genossen so viele ihr Leben. Ich war niemals ohne Wünsche, ich wollte auch etwas davon haben, was manchem mühelos, allein durch die Geburt, in den Schoss gefallen ist. Ich versuchte zu Vermögen zu kommen, doch meine Anstrengungen wirkten nur lächerlich.“ Er liess die Arme sinken. „Ich bin immer der Graveur Holm geblieben, aber meine Wünsche haben mich innerlich manchmal verbrannt.“
Sie packte ihn bei den Schultern.
„Otto, um Himmels willen, was redest du nur zusammen? Ich habe es bisher nie besonders tragisch genommen, wenn du von Zeit zu Zeit derartiges geäussert hast. Manche Menschen sind eben von Natur nicht zufrieden, aber so wie heute hast du doch noch nie gesprochen. Du bist krank, Otto, du hast Fieber.“
Er lachte verhalten und böse.
„Natürlich, Suse, ein Mensch, der gelegentlich einmal aufbegehrt gegen die ungerechte Verteilung der Lebensgüter, der darüber empört ist, dass der eine Mensch alles bekommt und der andere gar nichts, der fiebert.“ Er stiess ihre Hände von seinen Schultern. „Siebenundsechzig Jahre bin ich. Ja, siebenundsechzig! Und im Alter werden die Menschen stiller und fügen sich leichter, werden bescheidener. So heisst es wenigstens. Das käme, wenn man älter würde, alles ganz von selbst, sagt man. Und ganz Kluge salbadern: Mit siebenundsechzig braucht man überhaupt keine besonderen Wünsche mehr zu haben. So ein alter Mann muss dann zufrieden sein, wenn er jeden Tag als Luxus sein Pfeifchen rauchen darf. Aber die Wünsche sind doch da, bei mir wenigstens, und wenn ich auch schon siebenundsechzig Jahre bin. Bis Siebzig sind es noch drei Jahre, und in diese nächsten drei Jahre will ich alles hineinstopfen an Freude und Genuss, was ich nur ermöglichen kann und bisher habe versäumen müssen. Das habe ich mir fest vorgenommen.“
Er schrie ihr die letzten Worte zu wie einer Schwerhörigen.
Sie zuckte zusammen und wich zurück.
„Otto, du bist ja heute völlig ausser Rand und Band! Geh, trinke ein Gläschen Malzbier und lies die Zeitung und dann schlafe ein Stündchen, du gefällst mir heute ganz und gar nicht.“
Er zischelte giftig: „Mir gefalle ich schon lange nicht!“
Sie schüttelte traurig und erschrocken den Kopf.
„Mann, was ist nur mit einemmal in dich hineingefahren? Ich finde keine andere Erklärung dafür, als dass du dir bei deiner Erfindung zu sehr dein armes Hirn zergrübelt hast. Mein Gott, strenge dich doch nicht länger an, sei vernünftig, denke vor allem an deine Gesundheit!“
Er warf ihr einen schrägen Blick unter halbverschlossenen Lidern zu.
„Ich verbitte es mir, wie ein alter Mummelgreis behandelt zu werden. Aber es hat keinen Zweck, mich noch lange mit dir zu unterhalten, dein Standpunkt ist einfach verboten, meine gute Suse.“
Er ging zur Tür und knallte sie hinter sich zu.
Sie sah auf die gewaltsam geschlossene Tür in der stillen Hoffnung, dass sie sich gleich wieder öffnen und ihr Mann irgendein freundliches Wort ihr zurufen müsste. Aber die Tür blieb geschlossen.
Frau Suse Holm hatte ein widerwärtiges Gefühl am ganzen Körper. Noch niemals in ihrer vierzigjährigen Ehe hatte ihr Mann die Tür derart zugeworfen. Wenigstens eine gewisse Höflichkeit hatte er ihr gegenüber stets bewiesen, und sie war immer besonders stolz darauf gewesen, keine von den Frauen zu sein, deren Männer manchmal grob waren und glaubten, Türenknallen gehört zum Eheleben.
Heute benahm er sich genau so. Sie schluckte lautlos ihre Empörung und ihren Kummer hinunter.
Seit beinahe zwei Jahren, seit ihr Mann nicht mehr seinen Beruf ausübte, lebte er nur noch für die Erfindung. Wenn er sich vielleicht in dieser langen Zeit vergebens abgerackert haben sollte? Er würde unter dem Schlage zusammenbrechen.
Sie begriff nicht, wie man mit solchem Fanatismus einer Idee nachgehen konnte. Wenn sie ganz ehrlich gegen sich sein sollte, war es ihr überhaupt nicht möglich, sich ihren Mann als Erfinder vorzustellen. Sie hatte letzthin einen Artikel über bekannte Erfinder gelesen. Diese Menschen mussten sehr gescheite Leute sein. Ihr Mann war freilich kein Dummkopf, bewahre, aber ihr schien es, als besässe er nur das Format eines Durchschnittsmenschen. Sie war eine harmlose, einfache Frau, doch sie hatte klare, unbestechliche Augen und machte sich nicht gern etwas vor. Sie glaubte an die Erfindung ihres Mannes, weil sie ihm zuliebe daran glauben wollte, aber sie versprach sich nichts Besonderes davon und sah deshalb der Fertigstellung mit Ruhe entgegen. Sie erhoffte nichts, und so konnte sie auch nicht enttäuscht werden. Aber ihr Mann würde ihr leid tun, wenn seine Hoffnungen zuschanden würden.
Sie trat an das Fenster und sah ihn den Hof überqueren. Sein Gang war etwas schleppend, unter der Mütze schimmerte das Haar schon beinahe weiss hervor.
Schade, dass er nicht ein Stündchen Mittagsruhe halten mochte, schade, dass er schon wieder an seine Arbeit ging, an seine geheimnisvolle Erfindung, von der sie nicht ahnte, auf welchem Gebiet sie lag. Auf dem Hof lag ein Gebäude, das aus Stall und Waschküche bestand. Der Stall war unterkellert, und in dem Keller arbeitete ihr Mann. Er hatte ihr und Monika streng verboten, jemals einen neugierigen Blick dort hineinzuwerfen oder ihm nachzuspionieren.
Er riegelte sich stets in seinem Arbeitsraum ein, und wenn er sich nicht darin aufhielt, legte er ein schweres Schloss vor die Falltür.
Frau Suse schaute ihrem Mann nach, der im Stall verschwand, und zog plötzlich wie frierend die Schultern hoch. Otto Holm hatte ein recht ungemütliches Wesen angenommen. Nein, wirklich, früher war er viel angenehmer gewesen.
Sie ging in die Küche, sie verspürte Appetit auf eine anregende Tasse Kaffee.
3.
Monikas neuer Bekannter erwartete sie um ein Viertel nach sieben Uhr abends an der verabredeten Stelle.
Er lächelte sie an.
„Famos, dass Sie zu den pünktlichen Frauen gehören, blondes schönes Fräulein“, lobte er. „Ich bin nicht gut auf unpünktliche Damen zu sprechen, aber leider gibt es davon eine ganze Menge.“
Sie wollte lachend fragen, ob er in dem Punkt schon sehr viele Erfahrungen gemacht, aber sie liess es lieber. Es kam ihr plötzlich albern vor. Natürlich hatte ein Mann von seinem Äusseren schon allerhand Erfahrungen mit Frauen hinter sich.
Er bat: „Geben Sie mir die Hand zum Gruss, wir wollen doch Freunde werden.“
Sie reichte ihm die Hand, sein Blick verwirrte sie. Er hatte seltsam zwingende Augen. Sie dachte etwas benommen, als ob man in zwei kleine Sonnen hineinblicke.
Sie fühlte, der fremde Mann hatte mit diesem Blick plötzlich Macht über sie gewonnen. Dieses Empfinden, ihr bisher fremd, legte sich wie ein Druck auf ihr Herz, wurde zu einem Bangen ganz eigener Art, einem Bangen vor allzu grossem Glück.
Er fragte, ob sie Wünsche hätte, wohin man gehen solle, sonst würde er vorschlagen, durch den Schlosspark zu spazieren und im Restaurant „Hahn“ auf der jenseits des Parkes liegenden Stadtseite Abendbrot zu essen. Danach könne man vielleicht ein Tanzcafé aufsuchen.
Sie staunte: „Sie haben aber viel vor.“ Und keck setzte sie hinzu: „Ich bin heute unternehmungslustig aufgelegt und mache gern mit.“
„Dann sind wir also einig“, freute er sich, und sein aufleuchtender Blick verwirrte sie wieder ein wenig.
Die Strasse führte gerade hinein in den alten Park. Frei konnte der Blick sich an den bis zum Spätherbst mit Blumen bepflanzten Beeten und saftgrünen dichten Rasenflächen erfreuen. Unter den alten Bäumen hatte sich schon manches junge paar gefunden.
Es war bereits dunkel, in der Hauptallee brannten die Laternen, und die hohen Bäume hielten ihre Äste breit und schützend über die Wege. Monika war in einer Stimmung grosser Erwartung, in einer Stimmung, als müssten sich heute noch Wunder ereignen.
Helmut Wingern erzählte kleine Erlebnisse aus seiner Praxis, und sie erfuhr erst dadurch, dass er Doktor der Medizin war. So ein frischfröhlicher Arzt wie er musste ein wahrer Segen für seine Patienten sein. Ihr Onkel war auf einen alten Arzt eingeschworen, der immer eine solche Leidensmiene zur Schau trug, als ob er alle Krankheiten, die es gab, am eigenen Leibe durchgemacht hätte.
Sie äusserte freimütig ihre Gedanken.
Helmut Wingern legte flüchtig vertraulich seine Hand auf ihren Arm.
„So sonderbar es Ihnen auch klingen mag, aber es gibt Menschen, die gehen gerade gern zu solchen Ärzten mit Jammermienen; die wollen und benötigen eine Atmosphäre von Wehleidigkeit um sich herum, sonst macht ihnen ihre Krankheit keinen Spass!“ Er lachte jungenhaft vergnügt. „Ich bin einigen meiner Patienten mit meiner ständig guten Laune schon auf die Nerven gefallen. Einmal wollte ich einen alten Herrn ein bisschen erheitern und gab mir alle erdenkliche Mühe. Er sollte seine Krankheit, die gar nicht besonders schlimm war, nicht so wichtig nehmen. Ich strengte mich nach besten Kräften an, und als ich schon beinah an Erfolg glaubte, erhob er sich plötzlich und sagte würdevoll zu mir: ,Ich nahm an, mich bei einem Arzt zu befinden, aber ich muss mich in der Tür geirrt haben, ich bin an einen Spassmacher geraten, der mir durchaus eine Privatvorstellung geben will. Ich verzichte! Wenn ich danach Lust verspüre, gehe ich lieber gleich in den Zirkus‘.“
Er erzählte die kleine Episode äusserst vergnügt und meinte: „Vielleicht hatte der alte Herr recht. Ich war jedenfalls einen Patienten für immer los. Kurz nach ihm kam eine alte Dame und klagte mir ihr Leiden. Und weil ich eben belehrt worden war, zog ich ein feierlich teilnehmendes Gesicht beim Zuhören und auch nachher, als ich ihr etwas verschrieb. Mir lag nichts daran, noch einen Patienten zu verscheuchen. Aber ehe die alte Dame mich verliess, sagte sie freundlich: ,Verehrter junger Herr Doktor, man hat Sie mir als tüchtigen Arzt empfohlen; aber entschuldigen Sie, ich bin etwas enttäuscht von Ihnen. Sie machen ein viel zu tristes Gesicht für einen Arzt. Ein Arzt, besonders aber ein junger, soll den Patienten Mut einflössen, Ihre Leichenbittermiene aber hat mich erheblich herabgestimmt. Glauben Sie einer alten Frau und beherzigen Sie den Rat: Zeigen Sie denen, die zu Ihnen in die Sprechstunde kommen, ein frohes, hoffnungsvolles Gesicht, lassen Sie gelegentlich geschickt ein paar Scherze einfliessen, denn Lachen schadet bestimmt nichts‘!“
Monika lachte vergnügt, und er meinte mit einem drolligen Seufzer: „Ich war also wieder hereingefallen und sah ein, wie man es macht, macht man es eben falsch!“
Monika fand alles lustig, was der Mann an ihrer Seite vorbrachte. Er erzählte noch mehr Scherzhaftes, und als sie die Wirtschaft „Zum Hahn“ erreichten, schien ihr Wingern gar kein Fremder mehr. Seine nette, liebenswürdig vertrauliche Art hatte in ihr das Gefühl ausgelöst, als ob sie mit einem alten Bekannten einem gemeinsamen Abend entgegenbummele, auf dessen Verlauf sie sich freute, weil der Partner so angenehm war.
Der „Hahn“ war eine alte Wirtschaft mit Tradition und seit zweihundert Jahren in den Händen einer Familie Hahn. Das Fachwerkhaus, allerdings gründlich instandgesetzt, sah äusserlich und, soweit es sich hatte machen lassen, auch innerlich noch so aus wie einstens. Es war die berühmteste Speisewirtschaft der Stadt, und man trank dort die besten Weine.
Ein plumper eiserner Hahn stand auf einem kleinen Vorbau am Giebel des alten Hauses, von einigen elektrischen Lampen umstrahlt. Ein Fremder brauchte nicht erst die verschlungene grosse Inschrift am Hause zu lesen, um zu wissen, dass er vor dem „Hahn“ angelangt war.
Helmut Wingern legte wieder seine Hand leicht auf Monikas Arm. „Jetzt wollen wir uns da drinnen mal erst ein bissel anfreunden, nicht wahr?“
Sie nickte. „Eigentlich haben wir das wohl schon getan.“
Er schüttelte lebhaft den Kopf. „Ich habe noch keine Ahnung, wer Sie sind; aber wenn wir erst gemütlich beisammensitzen, möchte ich versuchen, wenigstens Ihren Vornamen zu erraten. Ich denke mir das Spiel ganz unterhaltsam.“
Sie antwortete im gleichen lustigen Ton: „Sie dürften ziemlich lange zu raten haben, Herr Doktor, meinen Vornamen gibt es nicht allzu häufig.“
Sie betraten das Haus, die Hauptgaststube öffnete sich vor ihnen. Dahinter lag ein kleinerer, gemütlicherer Raum. Wingern fragte, ob Monika der Tisch in der Ecke rechts angenehm wäre, auf dem ein Strauss bunter Gartenblumen in heller Tonvase stand. Sie bejahte und zog ihr Jäckchen aus, nahm auch den Hut ab. Sie wirkte ohne Hut sehr jung. Wie höchstens achtzehn sah sie aus.
Der Kellner brachte zunächst eine Flasche Wein, und Helmut Wingern stellte eine kleine Speisenfolge zusammen, die Monika üppig fand. Sie wollte deshalb Einspruch erheben.
Er lachte: „Aber bitte, ich habe einen Mordshunger vor lauter Freude, weil Sie bei mir sind.“
Konnte sie dafür, dass ihr Gesicht sich rötete, ehe sie noch einen Schluck Wein getrunken hatte?
Es waren noch nicht viele Gäste erschienen. Die altmodische Kastenuhr im kleinen Gästezimmer, die als Aufsatz eine Nachahmung des krähenden Hahnes am Hausgiebel in Holzschnitzerei zeigte, meldete blechern klingend die achte Stunde. Gegen zehn Uhr pflegte es keinen leeren Stuhl mehr im „Hahn“ zu geben.
Helmut Wingern schenkte ein und hob Monika sein gefülltes Glas entgegen. „Auf gute Freundschaft, schöne Unbekannte!“
Sie stiessen an, aber es gab keinen hellen, reinen Zusammenklang. Monika entdeckte, dass ihr Glas einen Sprung hatte. Schade! Sie hätte es für ein gutes Omen genommen, wenn der Zusammenklang anders gewesen wäre.
Er hatte es wohl überhört und erzählte: „Ich bin in Frankfurt am Main ansässig und habe mir eine Woche Urlaub gegönnt, weil ich den ganzen Sommer über zu Hause geblieben bin. Ein Kollege vertritt mich. Ich freue mich so sehr, gerade hierhergekommen zu sein.“
Seine Augen strahlten sie an, dass sie den Blick bis ins Herz fühlte. Sie verstand ihn, er freute sich, dass er in diese Stadt gekommen, weil er sie hier kennengelernt hatte.
Nach dem zweiten Glas fragte er: „Darf ich jetzt erfahren, wer Sie sind? Ich erzähle es auch keinem weiter, sonst kommen andere und nehmen Sie mir weg.“
Sie lachte schon wieder und erinnerte ihn: „Sie wollten doch meinen Vornamen erraten. Ich glaube, es wird Ihnen gründlich vorbeigelingen.“
Er meinte: „Dann wage ich es erst gar nicht, mit dem Raten anzufangen. Doch Mut, ich will’s versuchen! Also Sie heissen . . .“ Er machte ein sehr nachdenkliches Gesicht und lächelte sie plötzlich an. „Ich glaube, Sie heissen Monika!“
Monika erschrak und sah ihn verwirrt an.
„Es stimmt, ich heisse wirklich Monika, aber ich begreife nicht, wie Sie daraufgekommen sind. Den Namen gibt es nicht allzu häufig.“
Er sagte scherzend: „Ich bin ein unheimlich gescheiter Kerl, schönste Monika, das müssen Sie mir doch, wenn auch noch so ungern, wenigstens zugeben.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich stehe vor einem Rätsel! Bitte, sind Sie durch Zufall auf meinen Namen gekommen, oder haben Sie sich erkundigt?“
Er hatte sehr scharf geschnittene Lippen, und sie musste darauf hinsehen, als er übermütig antwortete: „Ich erfuhr Ihren Vornamen, der mir, nebenbei bemerkt, sehr gut gefällt, durch Zufall, weil ich mal in meiner Jugend lesen gelernt habe. Tja, gelernt ist gelernt!“
Er langte in die Tasche, holte ein weisses Tüchlein daraus hervor und wies in dessen eine Ecke. Dort stand in zierlicher Stickerei: Monika.
„Das Tuch haben Sie vorgestern, als wir uns kennenlernten, verloren“, erklärte er. „Ich sah es erst auf der Erde liegen, als Sie schon in einem der Häuser verschwunden waren.“
Monika staunte. Wie einfach doch manchmal die Lösung für scheinbar Verblüffendes war!
„Ich heisse Monika Holm, schliesslich brauche ich meinen Vatersnamen nicht geheimzuhalten.“
Er lächelte und wiederholte so sanft, als ob er den Namen streichelte: „Monika Holm . . .“
Sie assen und plauderten, Monika trank nach und nach vier Gläser Wein und wusste es kaum. Die Welt hatte sich heute so sehr für sie verwandelt, und herrlich war sie, diese neue, verwandelte Welt. Der Mann, der ihr gegenübersass, gehörte aber da hinein, ohne ihn wäre alles wie vordem — öde, langweilig, eintönig.
Die Wirtin vom „Hahn“ kam an ihrem Tisch vorbei und grüsste. Sie pflegte alle Gäste zu begrüssen, indem sie im Vorübergehen den Kopf neigte und auf diese Weise für den Besuch zu danken schien. Manchmal blieb sie auch an einem Tisch stehen und erkundigte sich, ob es den Herrschaften geschmeckt habe und ob ihnen der Wein zusage.
Sie war Witwe und die Besitzerin des Restaurants. Ihr jüngster Sohn, der Koch des Hauses, folgte in allem den Ratschlägen seiner tüchtigen Mutter. Helene Hahn war sechsundvierzig Jahre und eine sehr gepflegte Frau. Sie trug im Hause, wie eine Uniform, stets eine Art Dirndlkleid aus stumpfer schwarzer Seide mit grossen Silberknöpfen. Ihr sehr gerade gezogener brauner Scheitel und die dicken Flechten zeigten noch kein einziges graues Haar und ihr etwas derbes Gesicht sah auffallend glatt und frisch aus. Dunkle, kluge Augen hatte sie und blendende, ziemlich grosse Zähne. Aber es kleidete sie, das Wolfsgebiss.
Nachdem die Frau grüssend an ihrem Tisch vorbeigegangen war, freute sich Monika: „Endlich habe ich doch wenigstens einmal die ,Hahnenwirtin‘, wie sie sich selbst nennt, zu Gesicht bekommen. Sie gehört nämlich zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Haben Sie sich die Frau genau angeschaut, Herr Doktor?“
Helmut Wingern nickte. „Natürlich habe ich das getan. Die Frau fällt einem doch sofort auf.“
Monika erzählte eifrig weiter: „Sie soll besser wirtschaften können als ihr verstorbener Mann. Und sie hat sechs Söhne von ihrem Schlag. Alles studierte Leute, bis auf den Jüngsten, der einmal den ,Hahn‘ erben sollte. Aber er starb plötzlich, und sofort, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, brach der Zweitjüngste sein Chemiestudium ab und lernte Koch. Jetzt steht er in Mutters Küche. Er soll sein Handwerk ausgezeichnet verstehen.“ Sie lächelte. „Man erzählt, Helene Hahn hätte gesagt, so wären ihre sämtlichen Söhne erzogen, die Tradition ginge ihnen über alles. Wenn es nötig sein sollte, sprängen auch die anderen vier aus dem Studium heraus, um im ,Hahn‘ zu arbeiten. Das alte Haus lege denen, die da hineingehörten, eben Verpflichtungen auf.“
„Der Frau sieht man es an, dass sie so denkt und handelt“, meinte Dr. Wingern und schlug vor, aufzubrechen und ein Tanzcafé aufzusuchen.
Monika war gern einverstanden.
Am Ausgang stand die Wirtin, und ihr Kleid aus schwerem teurem Taft raschelte ein wenig geheimnisvoll, als sie bat: „Wenn es Ihnen im ,Hahn‘ gefallen hat, meine Herrschaften, dann kommen Sie, bitte, recht bald wieder.“
Monika dachte, das so einfach wirkende Kleid sei sicher teurer als ein halbes Dutzend von der Sorte, die sie selber sich leisten konnte, und sie hatte gesehen, dass die Frau eine Brosche in Form eines Hahnes aus ziemlich grossen Brillanten am Halsausschnitt trug.
„Wenn das Schmuckstück echt ist, wie es doch den Anschein hat, muss es mindestens einige Tausender wert sein“, schätzte Monikas Begleiter, und dann traten sie auf die Strasse hinaus, in die wundersame laue Luft des Septemberabends.
Der Mann schob seinen Arm unter den Monikas, und sie empfand es keineswegs unangenehm. Der Wein hatte sie beschwingt und das Gefühl, sich mitten im Erleben eines schönen, glücklichen Abends zu befinden, stimmte sie froh.
Mochte es heute so spät werden, wie es wollte! Sie dachte nicht daran, auch nur eine Minute früher heimzukehren als nötig.
Sie wanderten wieder durch den Schlosspark zurück, aber Monika merkte kaum, um wie viel dunkler es jetzt beim Rückweg hier unter den alten Bäumen geworden, weil sie nicht darauf geachtet hatte, dass ihr Begleiter sie sacht vom Hauptweg, den hohe Laternen erhellten, auf einen Nebenweg führte. Gespenstisch leuchteten weife Marmorgötter aus dichtem Gesträuch, das ihre Sockel umgab, und der Mann neben ihr zog sie fester an sich, flüsternd: „Ich habe dich lieb, Monika! Und ich habe es sofort gewusst, dass ich dich einfach liebhaben muss.“
Wie sanfte, betörende Musik glitten die Worte in ihr Ohr, und sie fühlte das jähe Erglühen ihrer Wangen. Kaum zu ertragen war die Glut.
Ich habe dich lieb, Monika! . . .
Der leichte Weinrausch verflog plötzlich, aber die Worte wirkten noch berauschender: Ich habe dich lieb, Monika! . . .
Ehe sie überhaupt daran dachte, sich zu wehren, lagen seine Lippen auf den ihren, machten sie völlig willenlos.
Ob der Kuss nur Sekunden dauerte oder vielleicht gar Minuten, das wusste sie nicht, aber sie fühlte mit Inbrunst, diese Sekunden oder Minuten waren der Höhepunkt ihres ganzen bisherigen Lebens, weil sich eine Überfülle von wunschloser Seligkeit darin zusammendrängte.
Sie wusste von dem Manne, an dessen Brust sie sich schmiegte, fast gar nichts. Er war ihr fremd, und doch hätte sie sich nicht hingebender küssen lassen können, wenn sie ihn schon lange gekannt und schon lange auf das Glück dieses Zueinanderfindens gewartet hätte.
Als sich seine Lippen von den ihren lösten, taumelte sie ein wenig, aber seine Arme, die sie flüchtig freigegeben, rissen sie gleich noch einmal an sich. Endlich liess er sie wiederum frei, aber sie musste tief Atem schöpfen, wie ein Mensch, der nach einem besonders starken Erleben erst ein wenig Ruhe erzwingen möchte.
Ihr Herz hämmerte und ihr Kopf versuchte vergeblich zu begreifen, wie es denn eigentlich möglich gewesen war, dass sie sich in einen solchen Taumel der Gefühle hatte verlieren können.
Sie schämte sich plötzlich vor dem Mann. Ernüchternde Fragen setzten ihr zu. Was musste er von ihr denken? In welche Klasse von Mädchen würde er sie jetzt einreihen? Ihr war jämmerlich elend zumute.
Sie wandte sich ab und wollte fortlaufen. Unüberlegt wie ein Kind, das sich fürchtet.
Er haschte nach ihren Händen.
„Liebes, törichtes Mädelchen, weshalb willst du mit einmal nach Hause? Du hattest doch vorhin noch reichlich viel Zeit. Du hast dich willig von mir küssen lassen, also gefalle ich dir. Eine wie du nimmt das nicht von jedem beliebigen Menschen hin, und ich bilde mir etwas darauf ein. Deshalb wäre ich ein Narr, dich laufen zu lassen.“ Er umklammerte ihre Hände dabei so fest, dass es sie schmerzte. „Dich gehen zu lassen, wäre die grösste Dummheit meines Lebens, und ich gestehe dir, Monika, ich habe schon eine stattliche Anzahl von Dummheiten gemacht. Dich aber habe ich wie einen Schatz gefunden, und den gebe ich nicht so leicht her.“
Er drückte heisse Küsse auf ihr Gesicht, gleichviel wo sie hintrafen, flüsterte ihr dazwischen bebend Zärtlichkeiten, zu, die sie empfand, als ob duftender Blumenregen auf sie niedertropfte von dem dunklen Himmel, an dem die ewigen Sternenwunder vor dem Jenseits leuchtende Wacht hielten . . .
Obschon sie schon ein paar Verehrer gehabt hatte, die ihr aber nicht besonders gefielen, hatte sie bisher ein ziemlich einförmiges Leben geführt und sich, angeregt durch Filme und Romane, manchmal Erlebnisse ausgemalt, nach denen sie eine heisse Sehnsucht verspürte.
Jetzt war das Erleben plötzlich da.
Fast zu plötzlich.
Sie sagte endlich mit stockendem Atem: „Ich möchte gern alles ungeschehen machen, weil Sie nun glauben müssen, ich wäre allzu leichte Ware.“
Er lachte ihr ins Gesicht.
„Du bist das herrlichste, süsseste Geschöpf, das mir ein wohlgesinntes Schicksal in den Weg geführt.“ Er stiess zwischen zusammengepressten Lippen hervor: „Ich glaube, für dich könnte ich die Welt aus den Angeln heben.“
Ihr wurde mit einemmal wieder leicht, und neckend glitt es an sein Ohr: „Ist das nicht vielleicht ein wenig zu viel versprochen? Ich denke mir das nämlich gar nicht so leicht.“
Er zog sie wieder an sich und seine Antwort: „Ich bin leider kein Mensch, der sich an Grosses heranwagt“, schien ihr viel zu ernst auf die harmlose Bemerkung.
Sie glaubte sogar Bitternis anklingen zu hören.
Sie antwortete: „Ich bin viel zu unbedeutend, als dass ein Mensch meinetwegen Grosses zu wagen bräuchte. Ich wüsste auch nicht weshalb; es würde sicher jede Gelegenheit dazu fehlen.“
Er nahm ihren Arm und drückte ihn an sich.
„Nach Hause lasse ich dich jetzt auf keinen Fall, jetzt wollen wir erst ein paarmal zusammen tanzen. Ich fühle, es ist heute so ein Abend, wie er ähnlich vielleicht nie wieder kommt. Was weiss man denn von der Zukunft, heute ist heut, mein Lieb!“
„Heute ist heut!“ wiederholte sie leise und liess sich noch einmal küssen, dann führte er sie zurück auf den Hauptweg des Schlossparks, und eine Viertelstunde später betraten sie ein Café, in dem getanzt wurde. Es war sehr besucht, aber Monika war es, als ob sie sich beide allein dort befänden. Sie sah von den vielen Menschen um sich herum nur den Mann, den sie vor ein paar Tagen noch gar nicht gekannt und der ihr in dieser Stunde schon so unendlich viel bedeutete, dass sie am liebsten gleich bei ihm geblieben wäre für immer.
Sie tanzten dann, und es war ein seliges Aneinanderschmiegen, im weichen Rhythmus der gelösten Glieder lag Selbstvergessen. Was ging sie beide die Umwelt noch an. Und zwischen den Tänzen ruhten sie aus, tranken Erfrischendes, schauten sich selbstvergessen an und redeten verliebtes Zeug.
Helmut Wingern musste sie aber trotzdem immer wieder daran erinnern, dass sie ihn nicht mit „Sie“ und „Herr Doktor“ anreden dürfe.
Darüber lachten sie dann beide so harmlos froh wie Kinder.
Gegen zwölf Uhr fiel es Monika aber plötzlich ein, dass sie jetzt heim müsse, und er begleitete sie. Durch nachtstille Strassen gingen sie, ihre Schritte hallten auf dem Pflaster wider. Nur wenige Menschen begegneten ihnen. Er fragte, nachdem sie schon ein Weilchen gegangen: „Wo wohnst du eigentlich, Monika?“
Sie lachte und sagte ihr gewohntes Sprüchlein auf: „In der Nonnengasse, am Ende der Welt!“
„Dann werde ich, nachdem ich dich heimgebracht, kaum je zurückfinden.“
Sie tröstete lustig: „Am Ende der Welt gibt’s eine Elektrische, die bringt dich zurück.“ Sie fragte: „Wo wohnst du eigentlich, Herr Doktor?“
Darüber mussten sie wieder beide lachen, und weil die Strassen so zufriedenstellend menschenleer waren, durften sie sich auch immer wieder küssen.
Niemand konnte daran Anstoss nehmen.
Helmut Wingern beantwortete ihre Frage: „Damit du es weisst, Fräulein Monika, ich wohne im Hotel ,Baden‘. Aber jetzt wollen wir ein Wiedersehen verabreden. Wäre es dir recht, wenn wir uns übermorgen vor dem Schlosspark treffen würden? Vielleicht um die gleiche Zeit wie heute.“
Monika war alles recht. Onkel würde zwar brummen, wenn sie übermorgen schon wieder spät heimkäme, aber mochte er, die Aussicht auf seine unsichere Erfindung durfte sie nicht die schöne Gegenwart versäumen lassen.
Ungefähr dreissig Schritte vor ihrem Daheim verabschiedete Monika ihren Begleiter.
„Ich möchte nicht mit dir zusammen bis vor unser Haus gehen; Onkel könnte uns sehen, er ist manchmal noch spät auf“, erklärte sie. Das vertrauliche Du war ihr inzwischen schon ziemlich geläufig geworden.
Er fragte: „Unser Haus? Das klingt so nach eigenem Besitz. Gehört das Haus deinem Onkel?“
Sie nickte. „Ja, aber es ist nur klein und hat keinen besonderen Wert. Wer mag denn schon hier draussen wohnen, in der Nonnengasse, am Ende der Welt!“
Er blickte zu der dunklen Mauer des nahen Waldes hinüber.
„Es muss doch schön hier sein. Jeder hat nicht den Vorzug, so wohnen zu können, mancher wäre glücklich, es so zu haben. Sei froh darüber, Mädel, sei auch froh, dass du einen Onkel hast, dem es gut geht, bei dem du sorglos leben kannst.“
Er schien anzunehmen, dass sie nicht beruflich tätig war, jedenfalls hatte er bisher nicht danach gefragt.
Sie wollte ihm Erklärungen geben, aber schliesslich kamen die wohl noch beim nächsten Treffen zurecht, dachte sie. Man wusste überhaupt noch so wenig voneinander. Ihr erster Abend war bis zum Rande ausgefüllt worden von Küssen und Liebesworten.
Er nahm sie in den Arm.
„Auf Wiedersehen, Monika, süsse Monika.“ Er Flüsterte leidenschaftlich bewegt: „Behalte mich lieb! Auf Wiedersehen!“
Sie liess sich küssen und zeigte mit der Hand nach der gegenüberliegenden Strassenseite: „Wenn du dort um die erste Ecke biegst, siehst du schon die Endstation der Elektrischen.“
Sie entfernte sich, er blieb indes stehen und sah ihr nach, wie sie mit federndem, weitausholendem Schritt bis zum letzten Haus dieser etwas bergan führenden Strasse ging.
Vor Otto Holms Anwesen stand die letzte Laterne der Nonnengasse. Helmut Wingern war ihr dankbar, bei ihrem Schein konnte er Monika deutlich sehen.
Noch einmal zurückschauend, verschwand Monika. Er wartete noch ein paar Minuten auf der gleichen Stelle, ging dann an dem letzten Haus vorüber und dachte: In der Nonnengasse, am Ende der Welt, wohnt Monika Holm, die ich liebe!
Er musste lächeln. Der Gedanke hatte etwas Poetisches und Romantisches, für poetische und romantische Dinge aber war in seinem Kopf im allgemeinen kein Raum. Ihm lag Nüchternheit und sachliches Denken.
Doch man konnte dem Kopf auch einmal einen Feiertag gönnen, einen Feiertag, fern aller nüchternen, sachlichen Einstellung . . .
Da sich kein Fenster im Hause erhellte, nahm Wingern an, Monikas Zimmer liege nicht nach der Strasse, und kehrte langsam um. Aber er kümmerte sich nicht um die Strassenbahn, er fand sich in fremden Städten leicht zurecht und wusste genau, welchen Weg er mit Monika bis zur Nonnengasse genommen.
Er mochte nicht fahren, es tat gut, durch die frische Luft der stillen Nacht zu wandern mit der Feiertagsstimmung in sich. Er wusste ja, sie würde nicht lange anhalten.
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