Kitabı oku: «Die geheimnisvolle Besucherin»
Anny von Panhuys
Die geheimnisvolle Besucherin
Roman
Saga
Die geheimnisvolle Besucherin
© 1953 Ann von Panhuys
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711592168
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1.
Albin Albus hatte als Vertreter einer grossen Wäschefabrik in ein sehr angesehenes, man konnte sagen „tonangebendes“ Wäschegeschäft Berlins hineingeheiratet.
Bald starben seine Schwiegereltern, dann, vor ungefähr einem Jahr, verschied auch seine junge Frau und nun lebte er mit seinem um zehn Jahre jüngeren Bruder Günter zusammen, der auf seine Kosten in Berlin Musik studierte. Sie stammten aus einem Krähwinkelort im Schwarzwald. Wie zwei Junggesellen lebten sie, und eine Wirtschafterin sorgte für den Haushalt.
Die Brüder ähnelten sich, aber die Züge des älteren verrieten Energie, manchmal eher Dickköpfigkeit; der jüngere hatte einen frauenhaft weich geschweiften Mund. Vielleicht hätte ein Menschenkenner Günter Albus für einen nicht ganz standfesten Charakter gehalten.
Es war etwas nach sieben Uhr abends, der Stunde des Geschäftsschlusses. Die Rolläden schoben sich langsam über die Schaufenster des Wäschegeschäfts von Edlow, Nachfolger Albin Albus, entzogen den Blicken der Vorübergehenden die geschmackvollen Wäschestücke, die auch das Herz einer verwöhnten Frau höher schlagen liessen. Nachtgewänder und Schlafanzüge lagen in den Fenstern, die in Mädchen und Frauen das heisse Verlangen erwecken, dergleichen tragen zu dürfen. Tageswäsche lockte, die von Feenhänden gearbeitet schien.
Das Beste und Eleganteste, was hier zur Schau ausgestellt wurde, war in der eigenen Arbeitsstube angefertigt worden, die Karola Michael seit dem Tod der jungen Frau leitete.
Sie war erst dreiundzwanzig Jahre alt, aber es ging ihr im Beruf alles spielend leicht von der Hand, so leicht wie einer, die über die Übung von Jahrzehnten verfügt. Der Vergleich passte nicht, denn Übung kann niemals Begabung voll und ganz ersetzen, Karola schien für ihren Beruf geboren. Sie entwarf lässig und schnell immer neue und schicke Modelle von Wäschestücken, stellte Stoffe und Spitzen und Stickereien so geschmackvoll und reizvoll zusammen, dass sie zu einmaligen Wunderwerken wurden.
Albin Albus wusste, was für eine besondere Könnerin seine Direktrice war, und hatte es sich schon überlegt, dass es am klügsten wäre, wenn er diese Perle für immer an sein Geschäft fesselte, indem er sie heiratete, was ihn ausser dem praktischen Beweggrund auch sonst ein ganz angenehmes Vorhaben dünkte. Denn Karola Michael war schlank und blond und auffallend hübsch.
Schon so manches liebe Mal hatte ihn ein ungestümes Verlangen, ihren frischen Mund zu küssen, beinah überwältigt, aber immer war ihm noch rechtzeitig eingefallen, er könne sich bei ihr durch Voreiligkeit schaden. Er musste eine passende Gelegenheit abwarten, um ihr zu sagen, wie er sich ihre gemeinsame Zukunft dachte.
Ja, die erstbeste passende Gelegenheit musste er dazu benützen.
Karola wollte eben als letzte die Arbeitsstube verlassen, als sich die Tür öffnete und Günter Albus hastig eintrat. Er lächelte Karola zärtlich an, sagte halblaut: „Ich konnte nicht über mich bringen, Dich ohne Abschiedskuss gehen zu lassen.“
Er trat näher und sie lächelte ihn auch an, machte ihm aber leise den Vorwurf: „Dasselbe erzählst Du mir fast jeden Abend und Du sollst doch vorsichtig sein! Ich glaube nicht, dass es Deinem Bruder recht wäre, wenn er wüsste —“
Sie verstummte. Günter Albus hatte ihren Mund mit seinen Lippen verschlossen. Er hielt die schlanke Blondine so fest in den Armen, als dächte er nicht daran, sie je wieder freizulassen.
Sie machte ein paarmal den Versuch, sich loszuwinden, aber er hielt sie fest und küsste sie weiter.
Neben der Arbeitsstube befand sich ein Raum wie ein grosses langgestrecktes Zimmer. Hier standen ein Dutzend Gliederpuppen von grosser Menschenähnlichkeit. Zwölf stumme, starre, aber sehr reizvolle Mannequins in Schlafanzügen, Nachtgewändern oder in geschmackvoller Tageswäsche hatten hier ihr Heim. Albin Albus nannte ihren Aufenthaltsort den „Ausstellungssaal“. Besonders schicke und teure Wäsche wurde hier an den schweigsamen, immer dienstwilligen Helferinnen ausgeprobt auf Sitz und Wirkung.
Junge Bräute, die sich die Leibwäsche für ihre Ausstattung anschafften, verliessen den „Ausstellungssaal“ manchmal mit Herzklopfen, so schwer war ihnen die Wahl geworden.
Jedes Wäschestück ist ein Gedicht! hatte einmal eine verwöhnte Dame vor den zwölf leblosen Vorführdamen entzückt ausgerufen. Albin Albus liess den Satz in grossen goldenen Buchstaben auf schwarzem Glashintergrund festhalten. In breitem gekehltem Rahmen von stumpfem dunklem Holz nahmen die Worte fast die halbe Wand des „Ausstellungssaales“ ein: Jedes Wäschestück ist ein Gedicht!
Durch die Tür, die von seinem Büro ins Reich der grossen Modepuppen führte, trat der Chef, und sein heller, immer kühl wirkender Blick überflog zufrieden die zwölf Getreuen. Heute nachmittag waren sie alle neu eingekleidet worden, und morgen würden wieder entzückte Ausrufe begeisterter Kundinnen das Werk loben, das die fleissige und begabte Karola Michael geschaffen hatte.
Er blieb vor einer blonden Puppe stehen, die ein loses, lachsfarbenes Morgenkleid mit der Anmut einer jungen lebenswarmen Frau trug. Es glitt ihm durch den Kopf, Karola selbst müsse in diesem Morgenkleid bezaubernd aussehen.
Er schmunzelte unwillkürlich. Es war ein reizvoller Gedanke, sich das vorzustellen, und weiter, Karola und er würden sich heiraten. Sie wären wirklich ein Paar, wie füreinander geschaffen.
Er dachte gleichzeitig vergleichend daran, dass seine Frau nur klein und ein bisschen dicklich durch ihr kurzes Leben gegangen. „Pummelchen“ war sein Kosenamen für sie gewesen. Er hatte sie sehr gern gehabt und sie aufrichtig als zuverlässigen Arbeitskameraden geschätzt. Sie hatte die Arbeitsstube oder wie sie zu sagen pflegte, das Atelier geleitet; auch sie hatte von Zeit zu Zeit ein neues Modell entworfen, aber ihr Können beruhte auf geschickter Nachahmung, ihr hatte Karola Michaels Begabung gefehlt.
Er dachte, wie schon so manches liebe Mal, es müsste schön sein, wenn Karola Michael ihren leergewordenen Platz einnähme.
Er reckte sich ein wenig gerade, und ihm war, als raune ihm eine Stimme zu: Warte nicht zu lange, sonst kommst Du zu spät mit Deiner Werbung. Eine Karola Michael bleibt nicht unbegehrt!
Er überlegte: Wahrscheinlich hielt sich Karola jetzt noch in der Arbeitsstube auf. Sie pflegte als vorletzte seines Betriebes fortzugehen. Hinter ihr schloss dann als letzter Emil Krettke, das Faktotum der Firma, genannt „der Mann für alles“, die Türen ab, um ihm danach zu melden, dass alles in Ordnung wäre.
Albin Albus lauschte unwillkürlich nach nebenan, ob sich noch jemand in der Arbeitsstube befände, und meinte, ein mattes Geräusch zu vernehmen.
Also wenn nicht Emil Krettke noch nebenan beschäftigt war, der sich im allgemeinen etwas lauter betätigte, dürfte sich Karola Michael in der Arbeitsstube aufhalten. Ein paar Worte im Sinne seines Wunsches, wollte er heute schon vorausschicken, um zu sehen, wie das Mädel diesen aufnehmen würde. Frisch gewagt, ist halb gewonnen!
Er freute sich schon darauf, Karolas vor Staunen sicher noch grösser werdende Augen zu beobachten und ihr ungläubiges, aber wohl glückliches Lächeln. Schliesslich war er nicht der Erstbeste. Er war noch jung, erst vierunddreissig Jahre, stellte etwas vor, war ein tüchtiger, angesehener Geschäftsmann, besass ein nettes Vermögen, eine elegante Wohnung im ersten Stock des eigenen Hauses und ein schickes Auto. Für Karola Michael bedeutete seine Werbung bestimmt so viel, als ob sie das Grosse Los gewänne. Vielleicht bedeutete es für ihn dasselbe, wenn Karola, woran er keine Sekunde zweifelte, seine Werbung annehmen würde.
Er öffnete leise die Tür zur Arbeitsstube, lugte durch die Türspalte und fühlte plötzlich, wie seine Glieder unangenehm starr wurden. In der Arbeitsstube sah er ein in sein Liebesglück völlig versunkenes Paar eng aneinandergeschmiegt, das sich küsste. Der Kuss schien nicht enden zu wollen.
Sein Bruder und Karola Michael küssten sich weltvergessen.
Im ersten Augenblick war Albin Albus wie vor den Kopf geschlagen, aber schon im nächsten hatte er sich zusammengerissen. So sehr es ihn auch drängte, die beiden mit einem kräftigen Donnerwetter auseinanderzureissen, unterliess er es doch.
Er hielt nichts von übereilten Handlungen.
So leise, wie er die Tür vor ungefähr einer Minute geöffnet, schloss er sie wieder und schlich auf den Zehenspitzen über den dunkelroten Teppich, der das Reich der stummen Damen behaglich machte, die ihn alle mit ihrem gleichmässig liebenswürdigen Lächeln anstarrten.
Albin Albus kehrte so geräuschlos, als hätte er etwas getan, was niemand wissen durfte, in sein Arbeitszimmer zurück.
Jetzt erst entzog sich Karola, die schon Hut und Mantel trug, den Armen Günters. Sie musste es ein wenig gewaltsam tun.
Sie meinte mit verhaltener Stimme: „Mir war, als ob sich eben jemand nebenan bewegt hätte. Du bist wirklich schrecklich leichtsinnig, Günter.
Stelle Dir einmal vor, wenn Dein Bruder uns beim Küssen überraschen würde. Es dürfte ihm kaum recht sein, wenn Du ihm jetzt von einer Verlobung zwischen uns reden würdest. Du steckst mitten im Studium, und es kommt bei Dir jetzt darauf an, Dich nur damit zu befassen Ich habe mir schon oft Vorwürfe gemacht, dass ich Dich von Deiner Arbeit ablenke.“
Er lächelte sie vergnügt an.
„Du lenkst mich gar nicht ab, du regst mich immer nur an, und schliesslich bin ich kein Anfänger, der das A B C des Kontrapunktes ochsen muss.“ Er fasste ihre beiden Hände. „Wahre Liebe kann nicht lähmen und behindern, sie beschwingt und macht alles leicht. In unzähligen Melodien singt und klingt es in mir: ‚Ich hab’ Dich lieb!‘“
Er küsste sie schon wieder.
Karola sah ihn mit strahlenden Augen an, aber sie entzog sich ihm diesmal sofort.
„Bitte, sei endlich vernünftig, Günter, und lass mich gehen. Morgen abend treffen wir uns ja in unserem kleinen Café, dann können wir uns ungestört und ausführlich von unserer Liebe erzählen. Also freuen wir uns auf morgen!“
Von nebenan hörte man jetzt kräftige Männerschritte, und gleich darauf drang eine lustige Stimme zu den beiden in die Arbeitsstube: „Gute Nacht, Ihr feinen Wäscheweiberchen! Hoffentlich seid Ihr alle heute recht brav gewesen? Na, das seid Ihr eigentlich immer, und meine Olle könnte von Euch lernen, was es heisst: Das Maul halten!“
Günter Albus und Karola wechselten belustigte Blicke. Sie wussten sofort Bescheid. Emil Krettke verabschiedete sich für heute von dem Dutzend stummer Schönheiten im „Ausstellungssaal“.
Jeden Abend hielt er ihnen irgendeine kleine Rede, und wünschte ihnen gute Nacht. Anders tat er es nicht. Schon in der nächsten Minute konnte er hier eintreten; deshalb nickte Günter seinem Mädel noch einmal zu und verschwand nun doch in etwas beschleunigtem Tempo.
Emil Krettke brauchte ihn hier nicht allein mit Karola zu finden. Er war immer davongeschlichen, wenn Emil anrückte.
Der aber gehörte zu der Sorte von Menschen, die sich so leicht nichts vormachen lassen, er dachte: Hoffentlich haben mich die zwei Verliebten in der Arbeitsstube gehört und der Musikus verdrückt sich rechtzeitig denn ich will nichts gesehen haben!
Emil sagte für alle Fälle noch einmal ganz laut: „Also eine recht gute Nacht, meine reizenden Damen! Ich wünsche Ihnen dazu noch angenehme Träume!“
Er polterte ein wenig herum, dann erst drückte er die Klinke nieder, auf der vor wenigen Minuten Albin Albus’ Hand gelegen.
Karola sah dem Eintretenden entgegen, rief lustig: „Müssen Sie sich denn immer mit den Puppen unterhalten, Emil?“
Krettke war ein derber, untersetzter Mann von vierzig Jahren. Unter seiner leicht aufgestülpten Nase sass ein breiter Mund, der ständig zu schmunzeln schien oder auch zu grienen. Seine lebhaften kleinen Augen waren rund und wasserblau; sein Haar war fast zu dicht, dazu strähnig und strohfarben. Wenn er es nicht pünktlich schneiden liess, glich es einer Mähne.
„Ach, Fräulein Karola, am liebsten unterhielte ich mich stundenlang mit den netten Weibsbildern, den verführerischen Biesterchen. Denn Biesterchen sind sie alle zwölfe, wenn ich ihnen abends auch immer etwas von ihrer Bravheit erzähle. Man muss den Frauensleuten Honig ums Maul schmieren, das ist ’ne alte Weisheit, dann kommt man am besten mit ihnen aus.“
„Sie scheinen eine hervorragend gute Meinung von uns Frauen zu haben!“
Er hob die für seine Gestalt zu breiten Schultern.
„Anwesende sind doch immer ausgeschlossen, Fräulein Karola.“ Seine kleinen Augen zwinkerten vergnügt. „Im allgemeinen bin ich mit den Frauen ganz zufrieden. Was zum Beispiel meine eigene betrifft, allerhand Achtung! Sie quasselt manchmal ein bisschen zuviel, aber sonst ist sie ein famoser Kerl. Pferde kann man mit ihr stehlen gehen. Arbeiten kann sie wirklich grossartig. Alles in unserer Wohnung hält sie blitzsauber, immer ist aufgeräumt, und dabei hat sie für fünf Würmer zu sorgen. Jedes Jahr gibt’s bei uns frischen Zuzug. Und nie ist sie verdrossen, nie mault sie. Na ja, so ’ne rasche Wetterwolke zieht ja auch mal über ihr Gesicht, aber husch, husch! ist sie vorüber. Und von frühmorgens an hat sie immer ihre Haare gemacht, steckt adrett in Kluft. Auch zu Hause.“
Seine hellen Brauen, die wie kleine Ähren über den Augen sitzen, zogen sich missbilligend zusammen.
„Wissen Sie, Fräulein Karola, ich achte das sehr an ’ner Frau, das mit der Sauberkeit. Meine ist, wie man sich so ausdrückt, immer wie aus dem Ei gepellt. Das kleidet jede Frau am besten, finde ich, da gebe ich was drauf. Bei uns im Haus laufen vormittags so’n paar Vogelscheuchen rum, vor denen ich’s Kotzen kriegen könnte. Dreckige Schürzen, Haare wie wild gewordene Strippen, und dazu sind sie noch ungewaschen, der Hals kommt bloss sonntags dran. Latschen haben sie an die Füsse von morgens bis abends, und wenn einem so’n Muffgesicht in die Quere läuft, tut einem der Trottel von Mann leid, der sowas immer um sich hat!“
Er lachte und zeigte auf die Tür zum Ausstellungssaal. „Solche süsse Geschöpfe, wie die da drin, laufen ja auch lebendig massenweise rum, aber so was ist natürlich nicht für Krettkes Emiln gewachsen, für so was hat man bloss ’ne heimliche Liebe. Alles kann der Mensch eben nicht haben, nicht wahr? Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht! Ist es nicht so, Fräulein Karola?“
Karola nickte ihm zu: „Sie haben vollkommen recht, Emil. Doch ich muss gehen, ich verspüre schon Hunger.“
Sie grüsste und verliess die Arbeitsstube durch den Hausflur, trat hinaus auf die belebte Strasse des Berliner Westens. Sie ging bis zur nächsten Ecke und bog in eine Seitenstrasse ein. In ungefähr einer Viertelstunde hatte sie das Haus erreicht, in dem sie wohnte — vier Treppen hoch, in einem Zimmer mit Balkon, von dem man aus in einen gartenartig angelegten kleinen Hof sah, in dem sich eine wohltuende Stille förmlich aufgestapelt zu haben schien. Karola sass des Abends oder an Sonntagsvormittagen gern auf ihren Balkon. Jetzt im Spätherbst trat sie nur immer für kurze Zeit hinaus, um ein paar tiefe Atemzüge zu tun. Sie hatte von hier aus verschiedene Durchblicke, und wenn sie die Augen schloss und tief atmete, meinte sie, daheim zu sein in der kleinen Heimatstadt am Rhein, die sie schweren Herzens verlassen hatte, weil sie dort kein Zuhause mehr gehabt.
Vor fünf Jahren hatte ihr Vater wieder geheiratet und ihr eine Stiefmutter gegeben, die ältlich und von unerträglicher Herrschsucht, ihr das Leben sehr vergällte. Dann starb ihr Vater, und die Stiefmutter suchte schnell einen zweiten Gatten, den sie leicht fand, da sie ein paar Tausender geerbt. Sie hatte genau so viel geerbt, wie Bernhard Michael auch seiner Tochter Karola hinterlassen.
Kurz bevor die Stiefmutter wieder heiratete, verliess Karola ihre Heimatstadt und fuhr nach Berlin. In der Millionenstadt hoffte sie dem Glück zu begegnen. Sie sah dort beruflich die grösste Möglichkeit des Vorwärtskommens.
Sie hatte in Wiesbaden die Wäscheschneiderei erlernt und war ein Jahr auf der Kunstgewerbeschule gewesen. Sie entwarf spielend leicht Modelle, die schon in Wiesbaden während ihrer Lehrzeit Anklang gefunden und hätte als Gehilfin bleiben können, aber sie fürchtete, dort der Stiefmutter einmal in den Weg zu geraten. Wiesbaden lag nur eine halbe Stunde Bahnfahrt von dem rheinischen Städtchen entfernt, in dem sie geboren und gelebt, bis sie die Nähe der Stiefmutter und ihres Auserwählten nicht mehr hatte ertragen können.
Seit zwei Jahren lag das alles hinter ihr. Sie hatte in Berlin sofort Beschäftigung gefunden, wurde gut bezahlt und war mit ihrem Leben zufrieden. Seit sie Günter Albus liebte, schien ihr jeder neue Tag ein herrliches Gottesgnadengeschenk.
2.
Frau Sabine Bauer hörte, wie ihr „möbliertes Fräulein“ den Schlüssel ins Schloss der Korridortür steckte, und ging ihr ein paar Schritte entgegen. Die Diele war nur klein, aber behaglich und freundlich mit hellen Korbmöbeln ausgestattet, bunt geblümte Kissen und ein netter buntgewirkter Teppich gaben dem Vorraum eine frohe Note.
Frau Bauer war das Urbild einer angenehmen und gemütlichen Vermieterin. Sie war nur klein, ziemlich mollig, doch blitzsauber und meist gut gelaunt. Einen Fehler besass sie. Dieser Fehler war ihre Neigung zum Übersinnlichen. Für alles, was sich ihr nicht gleich ganz klar und scharf umrissen zeigte, half sie sich mit Erklärungen, die nichts mehr mit greifbarer Wirklichkeit zu tun hatten.
Frau Bauers gutmütig rundes Gesicht mit den drolligen Grübchen in den gutgepolsterten Wangen blickte der Eintretenden mit einer gewissen Ungeduld entgegen, wie jemand, der etwas auf dem Herzen hat und es nicht schnell genug los werden kann.
Karola Michael drückte die Korridortür hinter sich ins Schloss und sah sich ihrer Wirtin gegenüber. Sie grüsste die Frau sehr freundlich, die aber erwiderte den Gruss nur hastig, begann sofort mit merklicher Erregung: „Heute hat jemand nach Ihnen gefragt, Fräulein Michael. Eine Dame, eine alte Dame! Aber nein“, berichtete sie, „alt, was man wirklich alt nennen kann, war sie gar nicht. Möglich, dass sie es doch war, ich weiss es nicht recht. Sie hatte etwas Zeitloses, durch ihre Kleidung. Sie trug Trauer. Nein, es sollte wahrscheinlich keine Trauerkleidung sein, bloss alles, was sie anhatte, war tiefschwarz. Und deshalb wirkte es, als ob sie in Trauer wäre. Ihre Stimme war sehr merkwürdig, gar keinen Klang hatte sie, wie Stimmen ihn haben müssen —“
Karola Michael konnte ein Lachen nicht mehr zurückhalten.
„Liebe Frau Bauer, das scheint tatsächlich ein etwas spukhafter Besuch gewesen zu sein, der mich heute während meiner Abwesenheit beehrte. Ich habe schon von Ihrer Erzählung eine Gänsehaut bekommen.“
Frau Bauer lachte auch, aber es war kein leichtes, freies Lachen, das aus dem Herzen kam.
„Eine Gänsehaut habe ich nun gerade nicht gekriegt, Fräulein Michael, doch wenn ich offen sein soll, ein bisschen sonderbar, ich meine gruselig, ist mir zumute gewesen in der Nähe der Frau. Ich kann es nicht so erklären, ich finde nicht die richtigen Worte. Und wenn ich sie fände, könnten sie Ihnen übertrieben vorkommen.“
Karola Michaels Zähne waren etwas zu gross, aber herrlich gleichmässig und weiss. Sie konnte so wundervoll lachen wie die gemalten Mädchen auf den Reklamebildern für Mundwasser und Zahncreme lachen, und wenn sie es tat, wie jetzt, war sie unwiderstehlich.
„Frau Bauer, was wollte denn nun eigentlich die Dame von mir? Die Dame, die alt war und doch nicht alt, die mit Ihnen gesprochen hat und doch keine richtige Stimme hatte, die Trauer trug, die aber keine Trauer war, wenn’s auch so aussah.“
Das gutmütige Frauengesicht zeigte jetzt einen beleidigten Ausdruck.
„Ach, Fräulein Michael, Sie machen sich über mich lustig!“ Sie hob die gut gepolsterten Schultern. „Meinetwegen, tun Sie’s nur, aber um die Frau, glauben Sie mir, war etwas herum, das ist mir bei keinem Menschen aufgefallen, das —“
Karolas Lachen schwand, sie unterbrach ungeduldig: „Bitte, erklären Sie mir doch wenigstens zunächst, was die Dame überhaupt von mir gewollt hat!“
Frau Sabine Bauer hob wieder die Schultern.
„Das weiss ich leider nicht. Sie fragte nach Ihnen, und es schien ihr ordentlich nahe zu gehen, dass Sie nicht daheim waren. Mindestens hat es sie sehr verdrossen. Sie will wiederkommen. Ich erklärte ihr deshalb genau, wann Sie wahrscheinlich zu Hause sein würden. Ich riet ihr, am Sonntagvormittag zu kommen, da wären Sie voraussichtlich bestimmt anzutreffen. Ich fragte auch, ob ich Ihnen etwas von ihr bestellen solle oder ob sie mir für Sie nicht wenigstens ihren Namen nennen möchte. Sie zeigte aber weder für das eine noch für das andere die geringste Lust.“
„Na, dann dürfte sie wohl am Sonntagvormittag wiederkommen“, beendete Karola die Unterhaltung und ging, ihrer Wirtin freundlich zunickend, in ihr Zimmer, das sie seit zwei Jahren bewohnte, seit sie vom Rhein nach Berlin gekommen war.
Es war gross und gut eingerichtet. Karola blieb abends gern daheim, weil sie sich behaglich fühlte in ihren vier Wänden. Sie legte Mantel und Hut ab, reckte sich ein wenig, dachte an Günter Albus und wie lieb sie ihn hatte, den schlanken Mann mit dem weichgeschwungenen Mund und den Träumeraugen.
Dann aber fiel ihr Frau Bauers etwas befremdender Bericht ein, über die Besucherin, die nach ihr gefragt. Die Art, mit der Sabine Bauer irgendeiner harmlosen ältlichen Person den Mantel des Unheimlichen umgehängt hatte, belustigte sie. Im übrigen zerbrach sie sich nicht einen Augenblick lang den Kopf darüber, wer die Frau gewesen sein und was für eine Angelegenheit sie zu ihr geführt haben mochte.
Nachdem sie sich ein paar belegte Brote zurechtgemacht, ging sie in die Küche, um sich ein Kännchen Tee zu bereiten.
Frau Bauer sass dort und las eine Abendzeitung. Von nebenan klang Radiomusik. Bei Frau Bauer wohnte ausser Karola noch ein Techniker. Der blieb abends auch daheim, und sein Funkapparat schwieg zwischen acht Uhr abends bis Mitternacht keinen Augenblick.
In ihrem Zimmer hörte Karola die Musik nur gedämpft und angenehm. Sie bereitete sich ihren Tee, wechselte ein paar gleichgültige Worte mit der Wirtin und kehrte bald in ihr kleines Tuskulum zurück, dem sie durch verschiedene Kleinigkeiten den Stempel ihres Geschmacks aufgedrückt.
Als sie hier eingezogen war, hatte ein halbes Dutzend billiger Öldrucke in dick vergoldeten Rahmen die Stimmung des sonst netten Raumes stark in ungünstigem Sinn beeindruckt. Aber Karola hatte die Geschmacklosigkeiten längst von den Nägeln genommen und dafür über dem Sofa eine Kopie des Bildes von Rembrandt: „Der Mann im Goldhelm“ angebracht, die sie zufällig in einer Kunsthandlung preiswert erstanden.
Das ernste und ein wenig verschlossene Gesicht, über dem der Goldhelm gleisste und das Dunkel des Bildes wundersam erhellte, gab dem ganzen Zimmer etwas feierlich Vornehmes.
Nachdem sie ihr einfaches Abendessen beendet hatte, nahm sie eine Stickerei zur Hand. Ein Sofakissen für Günter war es, das sie ihm als Weihnachtsgabe zugedacht hatte! Aber die Handarbeit machte ihr heute keine Freude, sie kam gar nicht vorwärts und legte sie bald wieder in die alte geschweifte Kommode zurück. In dem Schubkasten lag ein zusammengebundenes Paket, bestehend aus alten und neuen Fotografien.
Karola verspürte Lust, die Bilder wieder einmal zu betrachten. Sie rückte die Tischlampe zurecht. Dabei fiel ein Bild auf den Teppich. Sie merkte es nicht.
Frau Bauer kam, um wie allabendlich das Geschirr zu holen. Sie sah das Foto auf dem Teppich liegen und bückte sich danach. Beim Aufheben des Bildes warf sie unwillkürlich einen Blick darauf, und von ihren Lippen löste sich ein lauter Ruf des Staunens.
Karola sah die mollige Frau betroffen an, die ihr die schon etwas vergilbte Fotografie dicht vor die Augen hielt und erklärte: „Das ist die Frau, die heute hier war und nach Ihnen gefragt hat. Sie ist auf dem Bild sehr leicht zu erkennen.“
Karola schüttelte den Kopf.
„Sie irren sich, Frau Bauer, es ist einfach unmöglich, dass die auf dem Bild Dargestellte hiergewesen sein kann.“
Sabine Bauer rief mit mühsam unterdrückter Heftigkeit: „Und wenn Sie sicher sind, dass sich die Frau augenblicklich irgendwo am Nordpol aufhält, muss ich Ihnen widersprechen. Diese Frau war heute hier. Beschwören könnte ich das! Und wenn sie noch so weit weg von Berlin wohnen sollte, sie ist doch heute hier gewesen.“
Karola Michael schüttelte wieder den Kopf.
„Liebe, gute Frau Bauer, die Frau, deren Foto Sie in Händen halten, wohnt so weit von hier, dass sie bestimmt nicht hierherkommen könnte.“
Frau Bauer widersprach: „Und wenn sie am Ende der Welt wohnt, sie war hier.“
„Betrachten Sie, bitte, die Rückseite des Bildes, dort steht etwas geschrieben.“
Die Frau drehte das Foto um und las mit immer grösser werdenden Augen laut vor: „Konstanze von Hüldecken, geboren 1828, gestorben 1898 auf Schloss Hüldeck am Rhein.“
Sie stammelte vor sich hin: „Das kann einfach nicht stimmen! Das ist unmöglich! Ich habe die Frau doch mit meinen eigenen Augen gesehen und weiss, wie sie aussieht.“ Ihre Hände bebten stark. „Das verstehe ich nicht, das regt mich auf, weil es unheimlich und rätselhaft ist. Ich, ich —“
Sie schaute Karola an als könne ihr die eine Erklärung geben.
Die einzige Erklärung, die Karola ihr zu geben vermochte, gab sie ihr auch.
Sie zog ihr vor allem das Bildchen fort, das sie krampfig zwischen den Fingern hielt, meinte dann mit dem Anflug eines Lächelns: „Sie sind nervös, Frau Bauer, und es ist eine fixe Idee von Ihnen, dass Sie sich einreden, meine längst verstorbene Urgrossmutter wäre heute hier gewesen. Eine fremde Frau war hier, wegen irgendeiner belanglosen Angelegenheit. Urgrossmutter Konstanze starb schon viele, viele Jahre, bevor ich überhaupt auf die Welt kam. Mutter hat sie noch gekannt und mir von ihr erzählt. Und jetzt schlagen Sie sich die Idee mit dem Bild aus dem Kopf. Eine Ähnlichkeit mag ja vorhanden sein, die beirrt Sie.“
Die Frau versuchte das Lächeln Karolas zu erwidern, aber sie zog nur den Mund schief. Unheimliche, unklare Gedanken strudelten hinter ihrer Stirn durcheinander.
Karola sagte beruhigend: „Wenn die Frau wiederkommt, was ja anzunehmen ist, werden wir Bescheid wissen, und ich darf Sie dann ein bisschen auslachen, falls die Frau in Wirklichkeit ganz anders aussieht als meine Urgrossmutter vom Rhein. Urgrossmutter! Das klingt schon so verschollen.“
Frau Bauer seufzte tief.
„Nein, nein, ganz so einfach löst sich das Rätsel nun doch nicht. Ich kann mir nicht helfen, wenn ich das Bild ansehe, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.“
Karola wurde ungeduldig. Mit der sonst so netten Sabine Bauer konnte man jetzt kein vernünftiges Wort reden. Die Besucherin musste wirklich etwas Ähnlichkeit mit der toten Urgrossmutter haben. Sie äusserte es noch einmal. Frau Bauer erwiderte bockig: „Sie war es selbst.“
Karola zuckte die Achseln und neckte:
„Also, Frau Bauer, wenn Sie bei Ihrer Ansicht bleiben, schlage ich vor, wir nennen die geheimnisvolle Besucherin einfach: Die Frau, die aus dem Jenseits kam! Das dürfte, bis sie sich vorgestellt hat, die passendste Bezeichnung für sie sein.“
Sabine Bauer schüttelte sich, als ob man sie mit eiskaltem Wasser übergossen hätte. Sie wiederholte mit einer Stimme, die sich vor Entsetzen überschlug: „Die Frau, die aus dem Jenseits kam!“ und danach stiess sie hervor: „Jetzt fürch — te ich mich erst rich — tig vor der Frau. Hof — fent — lich kommt sie nicht wie — der. Ich könn — te ü — ber — haupt nicht mehr mit ihr re — den.“
Karola erwiderte verstimmt: „Wenn sie zu einer Zeit kommt, in der ich zu Hause bin, dürfte das auch wohl nicht nötig sein. Sie haben ihr ja erklärt, wann ich hier bin.“
Frau Bauer nahm sich nun doch etwas zusammen.
„Sie hätten das nicht sagen sollen, Fräulein Michael, ich meine das von der Frau, die aus dem Jenseits kam. Für mich klingt das schaurig, es passt nämlich. Es passt zu dem Aussehen der Frau.“
Frau Bauer musste gehen, denn ihr anderer Mieter rief auf dem Korridor nach ihr.
Karola atmete erleichtert auf. Sie schloss ihre Tür ab. Mochte Frau Bauer, falls sie Lust verspürte, das Gespräch nachher fortzusetzen, ruhig denken, sie wäre schon schlafen gegangen.
Sie knipste das Licht aus und trat hinaus auf den Balkon. Erfrischend umspülte sie die herbstlich kühle Abendluft, die über dem Häusergewirr der Riesenstadt hinzog, und die ihr wohl tat wie ein Bad in der See in sommerlichen Ferientagen.
„So ein Blödsinn!“ murmelte sie und dachte an das Gerede Sabine Bauers.
Aber auf den nächsten Besuch der Fremden war sie jetzt wirklich gespannt. Dann glitten ihre Gedanken wie über eine freischwebende goldene Brücke zu Günter Albus, und sie grüsste ihn im Geiste herzlich. Sie hatte ihn lieb, und er gehörte wie selbstverständlich in das Bild ihrer Zukunft, das sie sich manchmal ausmalte. Seine hohe Gestalt stand mitten darin und zeigte ihr den Weg, den sie gemeinsam gehen würden, verbunden in Liebe und guter Ehekameradschaft.
Wie habe ich Dich lieb! dachte sie so inbrünstig, als ob sie aus tiefstem Herzen betete.
3.
Am gleichen Abend, als Albin Albus entdeckt hatte, wie es um seinen Bruder und Karola Michael stand, beabsichtigte Günter, in ein Konzert zu gehen — in ein Konzert, das für echte Musikliebhaber ein ganz besonderer Genuss zu werden versprach. Professor Bauer aus Antwerpen, ein geborener Deutscher, dirigierte sein eigenes Orchester, das er aus Belgien mitgebracht hatte, und das ebenso wie er und durch ihn Weltruf besass.
Er war einer der berühmtesten Dirigenten der Gegenwart, und seine Konzertreisen mit und ohne Orchester hatten ihn um mehr als den halben Erdball geführt.
Günter war schon vor Wochen eifrig um einen Platz besorgt gewesen und stand nun in seinem hell erleuchteten Schlafzimmer und machte sich für den Besuch des Konzertes zurecht, das in einem der grössten Säle Berlins stattfinden sollte.
Nach kurzem Anklopfen trat Albin ein, sagte nach einem Blick auf den Bruder etwas enttäuscht: „Eben fällt mir ein, Du gehst heute in ein Konzert. Irgend so ’n Prominenter dirigiert allerlei schweres Zeug — Beethoven und ähnliches. Ach, was weiss ich! Ich hatte Dein Vorhaben ganz und gar vergessen und kam mit der Absicht, Dir einen gemeinsamen Ausgang vorzuschlagen.“
Er hatte nicht im entferntesten an das gedacht, was er vorbrachte, sondern es hatte ihm eine ruhige Aussprache mit dem jüngeren und von ihm noch abhängigen Bruder vorgeschwebt. Im Hintergrund der beabsichtigten Aussprache glaubte er eine kleine Hoffnung zu sehen, der Stand der Dinge könnte sich vielleicht derart regeln lassen, dass Günter bei Karola freiwillig zurückträte und er selbst versuchen durfte, sich dem blonden Mädchen zu nähern.
Er hatte sich überlegt und eingeredet, wenn Günter ihm entgegenkäme, müsste sich alles nach seinen Wünschen entwickeln, denn er ähnelte Günter und schnitt bei dieser Ähnlichkeit wahrscheinlich sogar vorteilhaft ab; zweitens vermochte er Karola eine sorglose Existenz zu bieten, während Günter vielleicht noch lange nicht an eine Heirat denken konnte. Drittens würde es Karola vielleicht locken, als Gattin des Firmeninhabers ganz unbehindert ihre Neuschöpfungen herausbringen zu können.
Leider musste seine „vernünftige“ Aussprache mit Günter verschoben werden.
Der Bruder lächelte ihn harmlos freundlich an.
„Ich stände gern zu Deiner Verfügung, aber das Konzert kann ich nicht aufgeben. Das nicht!“ betonte er noch einmal und drehte sich im feierlichen schwarzen Abendanzug langsam vor dem Spiegel um sich selbst. Als eleganter, hübscher Mann stand er vor dem hohen Türspiegel des geöffneten Kleiderschrankes. Seine hellen Augen strahlten sich selbst wohlgefällig im Glas an.
„Ich freue mich unbändig auf das Konzert“, machte er seinem Herzen Luft. „Ich habe noch nie das Glück gehabt, Bauer dirigieren zu sehen. Es soll ein ästhetischer Hochgenuss sein, das Vollendetste vom Vollendeten. Wirklich, ich freue mich wie ein Kind auf Weihnachten.“ Eine Glutwelle färbte seine schmalen, herben Züge. Seltsam leuchtend standen die hellen Augen in dem bräunlichen dunkel wirkenden Gesicht. „Ich möchte wissen, wie so einem Menschen, ich denke dabei an Bauer, zumute sein muss. Sicher ist er unvorstellbar glücklich. Er braucht nur die Hände zu heben, und die wertvollsten Werke, die allergrösste Meister uns gegeben, erwachen zu einem Leben, wie es ihnen kaum ihre Schöpfer selbst haben schenken können.“ Um seinen Mund grub sich ein Zug von Fanatismus ein. „Ach Du, so ein Grosser zu werden wie Bauer, das ist ein Ziel, für das ich gern und freudig auf vieles im Leben Verzicht leisten würde.“
Albin sah ihn ernst an. „Auch auf die Liebe, die nun einmal zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört?“
„Hunger und Kälte, Sorgen aller Art ertrüge ich gern, wenn ich wüsste, ich könnte mir dadurch den Ruhm verschaffen. Ich risse mir das Herz aus der Brust mitsamt der grössten Liebe, wenn mir möglich wäre, dafür den Ruhm einzutauschen.“
In Günters Blick flackerte wildes Verlangen, und seine Lippen waren ein wenig geöffnet. Er malte sich wohl den Ruhm aus, den er so brennend begehrte.
Albin riss ihn aus seiner Versunkenheit, stellte in trockenem Ton fest: „Vergiss nicht, dass es für Dich höchste Eisenbahn ist, sonst kommst Du zu spät ins Konzert.“
Es klang fast unfreundlich.
Günter sah ihn fragend an.
„Bist Du ärgerlich auf mich, weil Du gerade heute mit mir ausgehen wolltest?“
Albin riss sich zusammen. Es hatte ihn geärgert, dass der Bruder ihm vorhin erklärt hatte, wenn es ihm möglich wäre, dafür den Ruhm einzutauschen, risse er sich das Herz mitsamt der grössten Liebe aus der Brust.
Er antwortete: „Unsinn, ich bin nicht ärgerlich auf Dich. Wir können gelegentlich mal wieder zusammen ausgehen, es hat Zeit, es braucht nicht heute oder morgen zu sein!“
Er nickte Günter zu und verliess schnell das Zimmer.
Ein paar Minuten später rief Günter vor der Haustür eine gerade leer vorbeifahrende Taxe an. Er dachte schon nicht mehr an die Unterhaltung mit dem Bruder, er dachte nur an das Konzert Bauer.
Und an das Konzert Bauer dachte auch Karola Michael.
Ihre Wirtin, Frau Sabine Bauer, hatte sie heute wieder auf dem Korridor in Empfang genommen. Sie trug ihr Schwarzseidenes, was immer bedeutete, dass entweder irgendein Feiertag für sie war oder sie etwas Besonderes vorhatte. Sie überfiel Karola mit einer Neuigkeit, die zugleich die Erklärung für das Anlegen des Schwarzseidenen war.
„Hören Sie, Fräulein Michael, wollen Sie mit mir in ein Konzert kommen? Es reicht noch mit der Zeit, Sie können vorher sogar noch ein Brötchen essen und ’ne Tasse Kaffee trinken. Ich habe schon alles für Sie zurechtgestellt und Ihr Abendkleid aufs Bett gelegt. Bitte, kommen Sie mit. Mein Vetter Karl Bauer aus Antwerpen dirigiert das Konzert.“ Sie schlug lebhaft die Hände zusammen.
„Karl soll ein schrecklich berühmter Mann sein! Die Karten hat er mir nachmittags selbst gebracht, und seine Tochter war mit ihm hier. Ein Mädel ist das, ein Mädel sage ich Ihnen, wie aus einem spannenden Film oder Roman! Aber darüber wollen wir uns ein anderes Mal unterhalten. Bitte, kommen Sie mit, ich habe zwei Eintrittskarten, und es schadet uns beiden sicher nichts, wenn wir mal etwas ganz Grosses hören dürfen.“
Karola hielt sich nicht lange mit Erwägungen auf, ob sie die Einladung annehmen sollte oder nicht. Ihr war eingefallen, dass Günter ihr vor ungefähr einer Woche erzählt hatte, wie sehr er sich auf das Konzert des Dirigenten Bauer freue. Heute abend aber hatte er nichts mehr davon erwähnt, er mochte in den wenigen Minuten ihres heutigen Zusammenseins nicht einmal daran gedacht haben. Sie stellte sich vor, dass sie Günter vielleicht zufällig im Konzert sehen würde, und erklärte: „Ich will Sie herzlich gern begleiten, Frau Bauer. Unsereins kommt sonst doch nicht zu dergleichen.“
Sie wusste genau, sie war nicht besonders musikalisch, ein flotter Marsch, ein inniges Volkslied, ein süsser Schlager deckten ihren musikalischen Bedarf vollkommen. Jetzt reizte sie auch nicht das Konzert, sondern die Aussicht, möglicherweise den Geliebten, wenngleich nur von weitem, zu sehen. Sie wollte nicht vergessen, ihr Opernglas mitzunehmen.
Sie lief in ihr Zimmer, in dem die vorsorgliche Frau Sabine schon das Licht angedreht hatte, hob den Kaffeewärmer von der Kanne, schenkte sich eine Tasse ein, ass eine der bereits zurechtgemachten Schnitten und wechselte dann die Kleidung.
Ein weinrotes Abendkleid von stumpfer, taffetartiger Seide betonte vorteilhaft die schlanken und doch kräftigen Linien ihrer Gestalt, und die weisse Ansteckblume mit dem schimmernden Kelch aus Strass gab ihm eine schicke Note.
Das Haar brauchte nur ein paar Kamm- und Bürstenstriche, es war fast immer in Ordnung, weil die Natur selbst es in Dauerwellen gelegt hatte. Kein Regen, kein Nebel, kein Waschen konnte die zerstören. Sie zupfte ein Löckchen aus dem Scheitel in die Stirn, und es lag nun als kleines goldschimmerndes Fragezeichen zwischen den dunklen, schmalen Bögen der Brauen.
Wie gehetzt liefen die beiden Konzertbesucherinnen die Treppen hinunter. Frau Bauer spendierte eine Taxe. Im Wagen erklärte sie: „Mein Vetter, richtiger mein Vetter dritten oder vierten Grades, lässt höchstens um die Weihnachtszeit von sich hören, dann aber durch ein ansehnliches Geldgeschenk. Heute hat er mir beim Weggehen hundert Mark in die Hand gedrückt. Er war bloss eine gute Viertelstunde bei mir. Na ja, so ein Berühmter kommt kaum zu sich selbst, kann sich nicht stundenlang bei mir aufhalten. Ich bin schon froh, dass er überhaupt an mich denkt, und bilde mir eine Menge darauf ein.“
„Das dürfen Sie wohl auch, Frau Bauer“, gab Karola zu.
Sie hatte gar nicht gewusst, dass Frau Bauer mit dem berühmten Musiker verwandt war. Aber sie würde auch wahrscheinlich nichts von Professor Bauers Existenz gewusst haben, wenn Günter seiner nicht gelegentlich Erwähnung getan als eines Herrschers im weiten klingenden Land der Musik.
4.
Albin Albus sass nach dem Abendessen in seinem Arbeitszimmer. Er hatte es sich in einem weitausladenden Klubsessel neben dem Rauchtischchen bequem gemacht, und während er eine besonders gute Zigarette zwischen den Lippen hielt, sann er über Karola Michael, Günter und sich selbst nach.
Was Günter zu ihm mit dem Blick und dem Tonfall eines Fanatikers geäussert, setzte ihm gehörig zu; es bewies ihm, die Liebe seines Bruders zu Karola war nicht von der Art, die um der Liebe selbst willen grosse Opfer bringt. Für die Sicherheit, berühmt zu werden, gäbe Günter seine Liebe her.
Auf dem Rauchtisch stand ein Tablett, darauf lagen mehrere Briefe, die heutige Abendpost. Alle Briefe wurden unten im Geschäft abgegeben, und Emil Krettke sonderte davon die privaten ab und legte sie auf das Tablett. Auch Briefe an Günter gelangten auf diese Weise zuerst in Albins Hände.
Nun waren Albin in letzter Zeit mehrmals an Günter gerichtete Briefe aufgefallen, weil die Umschläge aus grellem Grün, von länglichem, sehr grossem Format waren. Ein breiter Silberstreifen betonte ausserdem sehr nachdrücklich die Linie, wo sich der Umschlag schloss. Albin fand diese Briefe auffallend und unfein, und wenn er sie auch bis jetzt stets gleichgültig in Günters Zimmer gelegt, quälte ihn heute, angesichts eines neuen solchen Briefes, die Frage, wer die Absenderin sein mochte.
Diese Briefe konnten nur von einer Frau stammen. Einem Mann fiele sicher nicht ein, derartiges Papier zu benützen. Übrigens handelte es sich um eine unverkennbar weibliche Handschrift ohne besondere Eigenart.
Ob es Liebesbriefe waren, für die man die Farbe der Hoffnung etwas zu knallig grün gewählt hatte?
Aber Günter hatte Karola im Arm gehalten und sie geküsst, und wer eine Karola Michael küssen darf, macht ihr zuliebe — falls er noch irgendwie im Netz einer älteren Liebesgeschichte festhängt — bestimmt damit Schluss.
Die Versuchung trat dicht an Albin Albus heran und flüsterte ihm zu: Es sind letzthin schon so häufig Briefe von dieser Farbe mit dem Silberstreifen und der dünnen Schrift gekommen, was liegt also an einem grünen Brief mehr oder weniger? Öffne diesen letzten Brief, und Du bist im Bilde, weisst Bescheid!
Immer dichter drängte die Versuchung sich heran, flüsterte weiter: Vielleicht verhilft Dir der Inhalt des Briefes zu Deinem Glück!
Albin warf den Rest seiner Zigarette in den Ascher. Die Versuchung liess ihm keine Ruhe, und schliesslich wehrte er sich nur noch dürftig und schwach dagegen. Die Versuchung lief sogar neben ihm her, als er aufsprang und mit weitausholenden Schritten das Zimmer durchmass. Sie lief unablässig neben ihm her und lachte ihn aus: Was ist denn dabei, wenn Du den Umschlag öffnest? Es ist nicht recht von Deinem Bruder, sich Liebesbriefe schreiben zu lassen, während er in derselben Zeit Karola Michael von Liebe spricht!
Er holte sein Taschenmesser hervor und schnitt den Umschlag auf, zog einen Bogen von der Farbe des Umschlags daraus hervor, nahm wieder Platz und las, was auf dem Bogen stand:
„Geliebter und doch bitterböser Schatz!
Noch immer will ich mich zusammennehmen und Dir nur schreiben. Am liebsten aber käme ich selbst zu Dir und machte Dir eine Szene, dass kein Hund mehr ein Stück Brot von Dir nähme, dass Du Dein Leben lang daran denken müsstest. Ich bin rücksichtsvoll, weil ich fürchte, Dein Bruder könnte, falls ich bei Euch auftauche, Dir Ärger bereiten, Dir Dein Studium erschweren, und das will ich nun doch nicht.
Aber ich verlange endlich Antwort von Dir auf meine verschiedenen Briefe. Du darfst mich nicht behandeln wie einen Gegenstand, den Du satt hast. Du sagtest mir oft genug, dass Du mich liebst, ich glaube, danach berechtigt zu sein, aus Deinem Munde zu hören, wenn Du mich nicht mehr liebst. Soviel Mut muss ein Mann aufbringen.
Ich erwarte Dich am Sonnabend um halb neun Uhr abends am Untergrundbahnhof Potsdamer Platz. Ich rate Dir, komm! Sonst bin ich zu allem fähig und werde in Deiner Nähe auftauchen, wenn es Dir am allerunangenehmsten sein dürfte.
Ich will Sonnabend mein grünes Kostüm anziehen, das Du so gern hast, und den Hut, den ich mir dazu angeschafft. Ich hoffe und wünsche, ich habe Dir unrecht getan und andere Gründe als Treulosigkeit haben Dich davon abgehalten, mir eher zu antworten oder dorthin zu kommen, wo wir uns zu treffen pflegten. Wäre es so, dann würde sich freuen
Deine trostlose Muschi.“
Das Wort trostlos war dick unterstrichen.
Albin Albus lächelte ein wenig über den Schluss. Es war so ein richtiger unlogischer Brief, zusammengebraut aus Liebe, Zorn, versteckter Drohung und Versöhnungswillen.
Fast war er neugierig, diese „Muschi“ kennenzulernen, um die sich Günter wohl nicht mehr kümmerte, seit Karola ihm besser gefiel.
Allzulange schien es noch nicht her zu sein.
Aber feig war Günter, sehr feig, weil er bis jetzt nicht gewagt hatte, der Briefschreiberin zu erklären: Es muss aus sein zwischen uns beiden. Ich liebe Dich nicht mehr. Ich kann nicht anders, verzeih’ mir!
Er schloss den Brief in seinen Schreibtisch und rauchte wohl ein Dutzend Zigaretten. Der Inhalt des Briefes hatte ihn unruhiger gemacht, als er schon vorher gewesen. Er spann sich tief in allerlei Gedanken ein, und schliesslich ging er aus. Er wollte noch irgendwo ein Glas Bier trinken; er ertrug heute das Alleinsein nicht länger; seine Gedanken machten förmliche Bocksprünge.
Es war töricht von ihm gewesen, den Brief zu öffnen und sich jetzt auch noch den Kopf mit Gedanken über die Schreiberin zu zerbrechen. Was brauchte ihn die „trostlose Muschi“ zu kümmern?
Anständig hatte Günter an ihr allerdings nicht gehandelt. Man lässt doch so ein armes Wurm nicht einfach im Stich.
Er lachte sich selbst aus. Es war verdreht, was ihm alles höchst überflüssigerweise im Kopf herumspukte. Was aber konnte er dafür, dass Karola ihm immer begehrenswerter schien?
5.
Günter Albus hatte im Konzert einen Platz in der dritten Reihe inne. Neben ihm sass eine junge Dame, die tiefbraunes Haar hatte mit wundervollem Goldschimmer.
Als ob goldener Puder über das dunkle Gelock hingestreut wäre, dachte Günter, der dem Beginn des Konzertes beinahe mit Herzklopfen entgegensah.
Die Musiker hatten schon ihre Plätze eingenommen. Das leise Nachstimmen der Instrumente schuf in Verbindung mit dem vom Publikum bereits gefüllten Saal, den Logen und Rängen die richtige Atmosphäre für das bevorstehende Konzert. Professor Bauer! Der Name hatte seine volle Zugkraft bewährt; es war kein einziger Platz leer geblieben.
Und dann war es so weit. Der berühmte Mann erschien, um seinen Platz vor den Musikern einzunehmen. Unter starkem Beifallklatschen hatte er seinen kurzen Weg bis dorthin zurückgelegt. Sich mehrmals dankend verneigend, blickte er plötzlich in der Richtung, wo Günter Albus sass, liess seinen Blick sekundenlang auf ihm ruhen, schien es Günter, der den Gedanken, Karl Bauer könne seiner Person Aufmerksamkeit schenken, natürlich lächerlich fand.
Der Berühmte leitete sein Orchester ohne Taktstock. Seine langfingerigen schmalen Hände hoben sich weich und beschwingt, das Orchester setzte ein.
„Uralte Legende“ hiess die neue, zum ersten Male gespielte Tonschöpfung Bauers. Die Musik hatte den Zauber all dessen eingefangen, was mit dem hellsten, seligsten Fest der Christenheit zusammenhing, mit dem Weihnachtsfest.
Die Geigen sangen vielstimmig denselben Ton, die Celli begleiteten in verhalten dunkler Zärtlichkeit das Wunder der Menschwerdung Christi. Ein Geigensolo jubelte vom Stern, der über dem Stalle stand, und von den drei Hirten, die ihn erblickten, als sie in der weiten Feldeinsamkeit ihre Schafe hüteten.
Die „Uralte Legende“ war wie in Klang verwandelte überwältigende Menschengüte und Menschenliebe, war wie segnende Hände, die sich den Erdgeborenen aus Wolken entgegenstreckten.
Günter Albus sass so still, dass ihn dünkte, er wäre erstarrt von der bezaubernden Tonflut, die durch den Saal rauschte und ihm das Herz im Leibe umdrehte.
Es kam eine Stelle, die war wie aller Inbegriff des schönen Wortes Heiligkeit selbst. So klar war sie wie der Himmel an auserlesen schönen Frühlingstagen, so rein wie das erste Lächeln der Kinder, so zart wie weisse Lilien, die man in katholischen Kirchen der Madonna in den Arm legt.
In Professor Bauers „Uralter Legende“ atmete die Seligkeit aller Menschen mit, die gläubigen Herzens waren.
Und diese hinreissende Stelle, diese Stelle in der „Uralten Legende“ erweckte in Günter Albus eine fast scheue Ehrfurcht vor dem Genie des körperlich kleinen Mannes, der mit schmalen, langfingerigen Händen das unirdische Klingen und Tönen wie aus der Luft holte. Jämmerlich nichtig und unbedeutend fand er sich selbst. Sein Streben und Hoffen sah mit einemmal keinen Weg mehr vor sich, und ihm war, als sei er damit bisher irre gegangen.
So einen Lehrer haben dürfen wie ihn! dachte er mit so tiefer schmerzhafter Innigkeit, dass es ihn erschütterte.
Er schloss halb die Augen und hatte die Vision, Engel, die auf Wolken sassen, spielten „Uralte Legende“. Er sah die schwarzgekleideten Herren nicht mehr, die mit Künstlerschaft den Bogen führten oder die Flöte mit spitzen Lippen berührten. Der gute alte Herrgott droben dirigierte eine Schar von Engeln und schenkte den Menschen diese hehre Weihestunde.
Neben ihm sass die fremde junge Dame, und ihr Blick hatte ihn schon mehrmals gestreift, ohne dass er es bemerkte. Er war viel zu versunken, nahm diese Musik hin wie eine allerhöchste Gnade. Seine Nachbarin fühlte wohl mit, wie inbrünstig sein Ohr die herrliche Musik des Werkes aufnahm, und dass in ihm jetzt für nichts anderes mehr Raum war.
Ein Lächeln der Zufriedenheit legte sich um ihren Mund, und sie träumte neben ihm und mit ihm alles, was die „Uralte Legende“ in Klängen malte, sie träumte — vielleicht war es eher ein Erleben — von dem süssesten Geschehen, das es je auf Erden gegeben, und das sich alljährlich erneuert, das Wunder von der Geburt Jesu, das Wunder jener tausendmal gesegneten Stunde, in der die uneigennützige reine Menschenliebe in die Welt gekommen ist.
Das Finale endete in vollen, breit ausklingenden Akkorden. Es war, als spiele eine mächtige Orgel, und in dem Aufrauschen versank und verklang die „Uralte Legende“ wie in ein Meer von Frömmigkeit.
Totenstille herrschte in dem grossen Haus, und in der Stille erwachte Günter, erwachte aus dem Bann, musste tief atmen, sich in die Wirklichkeit zurückatmen.
Die Stille hielt nicht an. Ein Beifallsturm riss sie fort. Wild und ungebändigt tobte glühende Begeisterung dem kleinen Mann entgegen, der die „Uralte Legende“, diese herrliche Heiligenerzählung, so herzstockend zum Tönen gebracht und sie in einer Weise hatte spielen lassen, dass man dabei über die Grenzen alles Irdischen hatte hinwegschreiten können in ein Land, das ewig rein und schön geblieben — in das Land unseres seligsten Kinderglaubens, in das Land unserer Sehnsucht.
Günter klatschte so heftig mit, dass er seine Nachbarin mit dem Ellbogen anstiess.
Er flüsterte erschrocken: „Verzeihung!“
Die Dame lächelte seltsam weich. Er erkannte, ihr Gesicht, das sich sehr nahe von dem seinen befand, war eigen reizvoll. Über kurzer, sehr gerader Nase standen Augen, die gross und dunkel waren und so stark glänzten, dass er meinte, noch niemals desgleichen gesehen zu haben.
Sie flüsterte zurück: „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Ich freue mich, dass Sie die Tiefe dieser Musik voll verstanden haben. Denn das haben Sie, ich bin dessen sicher.“ Sie raunte: „Wollen wir uns nachher darüber unterhalten? Ich glaube, es wäre keine verlorene Zeit für Sie.“
Als er in die übergrossen leuchtenden Augen des Mädchens blickte — vielleicht war sie schon eine junge Frau — fand er, obwohl er gern gleich nach dem Konzert heimgegangen wäre, nur die Antwort: „Bestimmen Sie über meine Zeit nach dem Konzert.“
Sie nickte lächelnd, und er dachte, die Fremde mit den grossen Augen, den goldenen Lichtern über dunkelbraunem Gelock, gehört irgendwie hinein in die „Uralte Legende“ dieses Abends.
In der fünften Reihe lagen die Plätze von Frau Bauer und Karola, die Günter längst entdeckt hatte. Sie war glücklich, ihm so nahe zu sein, auch wenn er nichts davon ahnte.
Ganz anders als er hatte sie die Musik empfunden. Soviel allerdings hatte sie gefühlt, dass es etwas Grosses und Besonderes war, was sie eben gehört, aber sie stand ihm, dem Grossen und Besonderen, fast verständnislos gegenüber. Sie hatte den Weg nicht zu finden vermocht, den manche Menschen nachtwandlerisch sicher einschlagen, auf dem ihnen die Musik, Ton für Ton wie in hinreissende Bilder verwandelt, entgegenkommt.
Günter fand den Weg immer.
Karola sah ihn mit der Dame neben sich sprechen. Doch sie dachte sich nichts dabei; sie wurde erst stutzig, als sich die beiden nach dem Konzert gemeinsam erhoben, als ob sie zusammen gehörten und deshalb zusammen fortgingen. Ihr war nicht möglich, die beiden im Auge zu behalten. Es befanden sich zuviele Menschen im Saal, und man konnte sich nur langsam Schritt für Schritt hinausbegeben.
Während der ganzen Zeit, die das Programm beanspruchte, hatte sie nur an ihre Liebe zu Günter gedacht und an das Wiedersehen morgen abend in dem kleinen Café.
Auf der Strasse blickte sie sich aufmerksam nach allen Seiten um, ob sie Günter vielleicht noch erspähen könne, aber sie entdeckte ihn nirgends mehr. Und doch befand er sich noch in ihrer Nähe.
Günter war wie selbstverständlich der Fremden gefolgt, die, nachdem man die Garderobe in Empfang genommen, fragte: „Ich darf Sie also führen, wohin ich will?“
Er sah sie an. Zum ersten Male konnte er sie genau ansehen vom Kopf bis zu den Füssen. Sie war von überschlanker Gestalt, hatte ein schmales, leicht gepudertes bräunliches Gesicht und einen Mund von eigen reizvoller Form. Das über der Stirn zurückgenommene Haar lag nach neuester Mode in einem halbhohen Lockenknoten, und das Kinn war rund. Es sprang vielleicht ein klein wenig vor, was dem Gesicht einen Ausdruck von Willenskraft gab, der auch in den Augen lag, die geheimnisvoll schimmerten und gleissten.
Günter Albus antwortete: „Sie dürfen mich führen, wohin Sie wollen, meine Gnädigste. Ich freue mich darauf, mich mit Ihnen über das Gehörte zu unterhalten. Sie erboten sich dazu, Sie versprachen es mir.“
„Ich pflege Versprochenes zu halten“, lächelte sie und er glaubte um ihren Mund einen Zug von Schelmerei zu entdecken, der ihn flüchtig beirrte.
Sie traten gemeinsam ins Freie. Draussen, in der nahen, stillen Nebenstrasse, wartete ein elegantes grosses Privatauto, in das ihn die Dame einzusteigen bat.
Donnerwetter, also doch ein Abenteuer! Er zögerte, ihrer Einladung zu folgen.
Die Dame drängte: „Steigen Sie nur ein.“ Sie erinnerte ihn: „Sie haben mir erklärt, dass ich Sie führen darf, wohin ich will.“
Er musste unwillkürlich lächeln. Warum sollte er einem solchen Abenteuer aus dem Wege gehen? Er dachte: Mit dem Funkelglanz Deiner Augen kannst Du mich in die Hölle führen, ich wäre ein Narr, mich zu weigern!
Wozu überhaupt Nachdenken, ob es sich um ein Abenteuer handele oder nicht! Er stieg schnell ein. Sie blieb noch ein wenig draussen stehen, sprach mit dem Schofför, dann wandte sie sich zu ihm, der im Wagen auf ihr Einsteigen wartete, erklärte: „Ich bitte Sie, sich noch einige Minuten zu gedulden. Lange dürfte es kaum dauern. Mein Vater muss noch kommen. Ihn müssen wir mitnehmen; er war nämlich auch im Konzert.“
Jeder Gedanke, der Hintergrund von allem könne doch ein Abenteuer sein, schwand bei dieser Erklärung endgültig in Günter. Er fragte: „Warum haben Sie denn nicht mit Ihrem Herrn Vater zusammengesessen?“
Sie antwortete: „Es ging leider nicht.“
Er nickte verstehend. „Man kann zu so einem Konzertabend nicht immer nebeneinanderliegende Plätze bekommen und muss schon glücklich sein, überhaupt hinein zu dürfen.“
Sie drehte sich plötzlich um. Ein Herr, geleitet von einem jüngeren, den er unterfasste, kam auf das Auto zu. Gleich hinter den beiden schritten wohl zwanzig oder noch mehr Leute, wie eine Art Gefolge.
Der ältere Herr stieg ziemlich schnell ein, nachdem die Fremde etwas zu ihm gesagt, und nahm grusslos den Platz vor Günter ein. Neben diesen setzte sich der jüngere Herr.
Die Leute umdrängten das Auto, es wurden immer mehr. Wo sie nur mit einemmal herkommen mochten und was sie wohl wollten? Eine Stimme rief überlaut: „Hoch Karl Bauer!“
Ein Dutzend Stimmen nahm den Ruf auf.
„Dank für den Abend!“ jubelte eine Frau wie trunken vor Glückseligkeit.
Der kleine Herr vor ihm winkte mit der Rechten.
Er sagte laut, aber sehr ruhig und freundlich, als hätte er es schon viele tausend Male sagen müssen: „Auf Wiedersehen!“
Das Auto fuhr bereits an und Günter war es, als ob hinter seiner Stirn Weingeister eine tolle Wirtschaft führten, ihm jeden klaren Gedanken, noch ehe er ihn zu Ende gedacht, wie dürres Reisig zerbrachen.
Lieber Himmel, träumte er oder war es Wirklichkeit, dass er, der unbekannte Günter Albus, für den der Name des berühmten Dirigenten und Komponisten ein Etwas gewesen, vor dem er in scheuer Ehrfurcht erschauert, im selben Auto mit ihm sass, eingeladen von der Tochter Karl Bauers selbst?
War das glaubhaft? War das zu verstehen?
Der matte Duft eines ihm unbekannten Wohlgeruchs, der ihn an dunkle Rosen zur Hochsommerzeit erinnerte und den Kleidern der neben ihm Sitzenden entströmte, legte sich wie ein wohltuender Nebel um den Aufruhr seiner verwirrten Gedanken. Sprechen konnte er jetzt nicht, er hätte es auch nicht gewagt, weil niemand sprach.
Günter fühlte sein Herz wie mit knöchern hartem Finger gegen die Rippen schlagen; ihm war zumute wie einem Schuljungen, der sich auf einen Streich eingelassen, dem er nicht gewachsen war, und zugleich empfand er ein geradezu unsinnig tolles Glück. Er sass im selben Auto mit Karl Bauer, fuhr mit ihm dem gleichen Ziel zu, wohin ihn Karl Bauers Tochter mitnahm.
Die neben ihm Sitzende schien den harten, schmerzenden Schlag seines Herzens zu spüren, aber ebenso das überströmende Glücksgefühl, das ihn durchströmte. Ihre Hand legte sich leicht auf seine, und er wusste, das hiess: Sei still! Freue dich, dass du ihn kennenlernen darfst, meinen grossen Vater!
Gleich darauf war die Hand wieder fort; das Auto glitt durch die Strassen Berlins. Niemand sprach, Günter hörte seinen eigenen Atem. Und dann hielt der Wagen vor einem Haus in der Tiergartenstrasse und nicht, wie Günter Albus erwartet hatte, vor einem grossen Hotel Unter den Linden.
Der Schofför verliess zuerst seinen Platz, dann folgte der Begleiter Bauers, danach seine Tochter, und als der berühmte Mann sich erhob, war es, als ob die drei Menschen draussen sorglich auf ihn warteten, um achtzugeben, damit er keinen falschen Schritt tue.
Günter Albus hatte bis jetzt nicht gewagt, auszusteigen, nun folgte er den anderen. Zum Sprechen mit der Tochter Karl Bauers bot sich keine Gelegenheit mehr, die grosse Tür des villenähnlichen Hauses wurde von einem Diener geöffnet, der ihnen die Überkleider abnahm. Man betrat einen kleinen, hallenartigen Raum, in dem sich Günter Albus dann mit Karl Bauer und dessen Tochter allein sah.
Karl Bauer reichte ihm mit liebenswürdigem Lächeln die Rechte.
„So, Sie Mitbringsel meines etwas impulsiven Töchterchens, jetzt müssen wir uns vor allem erst einmal miteinander bekanntmachen. Mein Mädel hat Ihnen eine Freude und Überraschung bereiten wollen, weil Sie, wie sie sich ausdrückte, beim Anhören meiner ‚Legende’, das Atmen vergessen hätten. Sie hält grosse Stücke auf ihren Vater, und nach ihrer Ansicht kann man sich für mich gar nicht genug begeistern.“
Günter Albus erwiderte bebend vor Freude, dass er seine Hand in die des Meisters hatte legen dürfen: „Es ist auch meine Ansicht. Gar nicht genug kann man sich für Karl Bauer begeistern. Ich vergass, während die ‚Uralte Legende‘ gespielt wurde, die ganze Welt. Ich vergass sie allerdings auch, als Sie Beethoven und Wagner brachten. Es war das schönste Konzert meines Lebens, und ich habe schon sehr viele und bedeutende gehört.“
Jetzt erst gab Karl Bauer die Hand frei, die er mit leichter Wärme drückte.
„Sie sind danach ein grosser Musikfreund. Spielen Sie selbst irgendein Instrument?“
Günter verneigte sich tief.
„Es ist wohl an der Zeit, mich vorzustellen. Ich heisse Günter Albus und studiere Musik. Ich spiele natürlich verschiedene Instrumente. Ich möchte Dirigent werden. Ein grosses Orchester schwebt mir vor, die Oper lockt mich.“
Seine hellen Augen blickten offen in das Gesicht des vor ihm Stehenden.
Ein Schatten zog über die Züge Karl Bauers. Da hatte Gisa anscheinend eine Torheit begangen, indem sie ihren Platznachbar aus dem Konzert zu ihm brachte. Sicher war dieser Albus jemand, der mit dem Namen „Karl Bauer“ irgendwelche selbstsüchtigen Hoffnungen für die eigene Karriere verband, der Gisa gekannt und sich schlau an sie herangemacht hatte. Na, das half nichts, der Mensch war nun einmal da, mochten sich die beiden heute abend deshalb über ihn unterhalten, soviel sie Lust hatten. Damit war dann die Geschichte aber auch ein für allemal erledigt.
Die Tür öffnete sich. Ein Herr und eine Dame traten ein. Sie sahen vornehm aus und mussten wohl auch im Konzert gewesen sein. Der Herr trug einen Abendanzug, die Dame ein braunes Seidenkleid mit tiefem Ausschnitt.
Karl Bauer stellte vor: „Günter Albus, ein Bekannter von Gisa.“ Er wandte sich an Günter. „Das ist Herr Hartwig und seine Gattin, alte Freunde von mir, die mir Gastfreundschaft gewähren, wenn ich in Berlin bin.“
Gisa trat zu Günter Albus, dem peinlich war, als Gast eines Gastes hier zu sein.
Die Tür zum Nebenzimmer wurde weit geöffnet. Ein reichgedeckter Tisch lud zum Niedersetzen und zu behaglicher Mahlzeit ein.
Karl Bauer nahm zwischen dem Ehepaar Hartwig Platz, der Sekretär Karl Bauers, der vorhin neben dem Künstler im Auto gesessen, tauchte auch plötzlich auf. Er hiess Frans Hoven und war Holländer.
Während des Essens sprach man nur flüchtig über das Konzert, aber nachdem man vom Tisch aufgestanden und ins Wohnzimmer gegangen war, rief der Hausherr laut und strahlend: „Es war ein märchenhafter, ein wundervoller Abend. Die Berliner tobten förmlich vor Begeisterung. Ich bin unsagbar stolz, Dein Freund sein zu dürfen, Karl.“
Bauer lachte vergnügt: „Ach, ich weiss genau, dass ich was kann! Doch glaubt mir nur, wenn’s mal wieder vorüber ist, freue ich mich diebisch, dass alles gut gegangen ist. Jedesmal, wenn ein Konzert beginnt, habe ich richtiges Lampenfieber, und das ist geradezu eklig.“
Gisa Bauer sass mit Günter Albus in einer Zimmerecke. Sie sagte so leise, dass sie nur von Günter verstanden wurde: „Wir wollten über die Legende sprechen. Doch wir werden hier wohl nicht dazu kommen. Haben Sie vielleicht morgen abend Zeit? Wir sollten uns treffen, Vater arbeitet an freien Abenden.“
Günter Albus begriff noch immer nicht, dass ihm das Glück in den Schoss gefallen, Karl Bauer so ganz privat kennenzulernen, wie doch nur wenige den berühmten Mann kannten, und er begriff nicht, weshalb seine reizvolle Tochter sich so viele Mühe mit ihm, dem vorläufig noch lieben Niemand, gab.
Er antwortete: „Wohin befehlen Sie mich morgen abend, gnädiges Fräulein?“
Sie krauste die Stirn, und ihre Augen wurden schmal.
„Ich schlage vor, wir treffen uns um acht Uhr abends vor dem zweiten Haus von hier links an der Ecke. Merken Sie sich den Treffpunkt nur gleich, wenn Sie heute fortgehen. Man ist von mir gewöhnt, dass ich manchmal abends allein ein bisschen auf den Bummel gehe. Ich tue es sehr gern. Zuweilen lockt es mich, ein Kabarett oder Café ganz allein zu besuchen.“
Sie legte flüchtig, kaum wahrnehmbar und doch bedeutsam einen Finger auf die Lippen, rief laut: „Bitte, Vater, sagtest Du etwas zu mir?“
Karl Bauer nickte. „Ja, das tat ich. Mir fiel eben ein, Herr Albus ist doch Musiker und steuert auf meinen Beruf zu. Er hat meine ‚Uralte Legende‘ atemlos angehört, hast Du mir erzählt. Deshalb möchte ich gern wissen, ob er auch etwas davon behalten hat.“
Er dachte: Wart’ Bürschchen, Dich blamiere ich, weil Du Dich listig an mein Mädel herangepürscht hast, um Karl Bauers Bekanntschaft zu machen! Er musste sich blossstellen, der künftige Herr Kollege, wenn er ihn jetzt aufforderte, sich an den Flügel zu setzen und einige Stellen aus der „Uralten Legende“ zu wiederholen.
Er warf Günter Albus die Aufforderung wie einen Fehdehandschuh zu.
Der wildfremde junge Mensch, mit dem sich Gisa in eine trauliche Ecke zurückgezogen hatte, störte ihn, seit er wusste, dass er Musik studierte. Es war aufdringlich von diesem Herrn Albus, sich in das stille, feine Haus seines Freundes Hartwig hineinzudrängen.
Günter Albus erhob sich sofort. Seine hellen Augen waren jetzt die eines Träumers. Er schritt zum Flügel und setzte sich. Ihm war es, als höre er wieder die ersten Takte der „Uralten Legende“ im Konzertsaal aufklingen, meisterhaft gespielt von dem Orchester.
Günters Hände legten sich auf die Tasten, drückten sie nieder, spielten nach, was sich tief in seinem Herzen verankert hatte.
War es nicht, als sängen Geigen und Celli aufs neue die süsse Mär vom göttlichen Kinde?
Günter Albus spielte und vergass völlig seine Umgebung. Weil kein Laut ihn unterbrach, spielte er die „Uralte Legende“ immer weiter, so, wie sie ihm noch im Ohr lag, so, wie er sich mit seinem Herzen daran erinnerte.
Endlich aber ging sie zu Ende. Tiefe, volle Akkorde wurden zu Orgelklängen, die das Zimmer so über die Massen füllten, dass darin für nichts anderes mehr Raum zu sein schien.
Karl Bauer erhob sich und ging zu Günter Albus, gegen den kein misstrauischer Gedanke mehr in ihm war. Er legte ihm die Rechte auf die Schulter, und als Günter Albus den Kopf hob, sagte er ernst: „Das haben Sie gut gemacht, Sie können etwas, Sie haben mich sehr überrascht. Es war meine ‚Legende‘, doch Sie fügten noch etwas ein, Ihre eigenen Gedanken, die zu allem passten, als hätte ich sie miterdacht. Kommen Sie morgen vormittag um elf Uhr zu mir, bitte.“
Er sah ihn freundlich an, und in seinen dunklen Augen lag noch das Verwundern ob der Überraschung, die er keinem Menschen zugetraut.
Mit einemmal drehte sich alles um Günter Albus. Es war, als hätte der Meister ihm den Ritterschlag erteilt.
Herr Hartwig war sehr zuvorkommend; seine schicke grauhaarige Frau brachte ihm selbst ein Tässchen Mokka. Der Sekretär, von dem es vorhin wie eisige Kälte ausgegangen, gab sich freundschaftlich zuvorkommend, und Gisa Bauer suchte immer wieder seinen Blick, als hätten sie beide gemeinsam ein schönes Geheimnis.
Als Günter sich verabschiedete, legten sich ihre Finger fest um seine Hand und sie sagte lächelnd: „Auf Wiedersehen morgen!“
Er dachte verwirrt, es klang, als meine sie nicht morgen vormittag, wo ihr Vater ihn erwartete, sondern als dächte sie dabei an morgen abend.
Er blieb draussen ein paar Sekunden vor dem zweiten Hause zur Linken an der Strassenecke stehen. Hier würde Gisa Bauer ihn morgen abend erwarten.
Es war kühl, als er durch den Tiergarten ging, aber er spürte es nicht, ihm war warm von den lobenden Worten des Meisters und warm von den Blicken seiner schönen Tochter. Erst als er sich wieder zu Hause befand, fiel ihm die morgige Verabredung mit Karola ein. Er musste ihr sagen oder schreiben, dass er keine Zeit hätte.
Nebel schwebten über das Bild der blonden Karola Michael hin, ballten sich dicht und dichter zusammen. Er erkannte dahinter kaum noch ihre Züge; sie wurden undeutlich und fremd. Aber die dunklen Augen Gisas lebten und schauten ihn an von überall, wohin er sich auch wandte — von überall.
Sein Zimmer schien ihm verwandelt, seit er es verlassen; alles schien ihm verwandelt. Er lachte plötzlich laut auf vor Glück, irgendwie musste er seinem überströmenden Gefühl Luft machen. Ihm war zumute wie jemand vor der Entscheidung zu einem ganz grossen Vorwärtskommen im Leben. Die Klänge der „Uralten Legende“ umbrausten ihn mit einemmal so stark und gewaltig, dass ihn schwindelte vor lauter Singen und Klingen. Am liebsten aber hätte er die Musik, die doch nur in ihm war, übertönt, sich an den Flügel gesetzt und selbst gespielt. Aber es war mitten in der Nacht.
Sein Schlaf war sehr unruhig, der Konzertabend und das Erleben, das sich daraus ergeben hatte, hatte ihm zu viele freudige Erregung ins Blut gejagt, dass diese Nacht einer Fiebernacht ähnelte. Aber nur an sich dachten seine erregten Gedanken, nur an sich, kein einziger Gedanke verirrte sich zu Karola Michael.
6.
Manchmal frühstückten die Brüder gemeinsam, manchmal allein, wie sich das gerade so ergab, da Günter zuweilen ein Langschläfer war. Heute aber wartete er nicht einmal ab, bis die Frühstückszeit herangekommen, es dauerte ihm zu lange, er musste mit Albin über den gestrigen Abend sprechen. Und so klopfte er einfach kurz bei ihm an und fand Albin vor dem Spiegel, damit beschäftigt, sich zu rasieren. Die untere Hälfte seines Gesichts steckte in Seifenschaum wie in einem Wattebausch.
Günter grüsste strahlend. Es war, als ob mit ihm helle Sonnenstrahlen in das Zimmer eindrängen, in dem noch das elektrische Licht brannte.
Albin dagegen war sehr schlechter Laune, war auf den Bruder geladen. Erstens, weil er ihm den Weg zu Karola Michael versperrte und zweitens wegen der grünen Briefe, die den Leichtsinnigen nicht im geringsten zu stören schienen, obwohl er doch eine genügende Anzahl davon erhalten hatte.
Günter bemerkte das nicht, er nahm Platz, gestattete grossmütig: „Rasiere Dich ruhig weiter, grosser Bruder, ich muss Dir etwas Herrliches erzählen, etwas, was für mich soviel wie ein Wunder bedeutet.“
Albin Albus machte unwillkürlich eine schroffe Kopfbewegung und hätte sich deshalb beinah geschnitten. Er dachte: Jetzt würde Günter von seiner Liebe zu Karola reden wollen. Der Himmel mochte wissen, warum das aber gerade heute früh sein musste?
Günter fragte: „Bist Du denn gar nicht ein bisschen neugierig, Albin? Nein? Was knurrst Du eigentlich so bissig unter Deinem Seifenmaulkorb hervor? Es handle sich doch bloss um Weibsbilder?“ Er lachte jungenhaft vergnügt: „Nur teilweise, grosser Bruder! Das allerwichtigste ist mir immer mein Vorwärtskommen gewesen. Und wenn mir einer dabei helfen kann, dass die Geschichte richtig in Schwung kommt, bin ich dabei, mit oder ohne Weibsbilder!“
Albin horchte auf, dieser Auftakt zum eigentlichen Thema liess nicht darauf schliessen, als ob darin etwas von Karola oder den grünen Briefen vorkäme.
Er forderte kurz: „So rede doch endlich, wenn Du mich deshalb so früh überfallen musstest!“
Günter lachte wieder, lachte überaus zufrieden.
„Du wirst staunen, Albin, Mund und Nase wirst Du vor Staunen aufsperren. Also höre und bleibe Deiner Sinne Meister: Ich hatte das geradezu tolle Glück, gestern abend nach dem Bauer-Konzert den berühmten Karl Bauer persönlich kennenzulernen, mit ihm, ganz privat, bei seinem Freund zu essen und ihm vorspielen zu dürfen. Heute vormittag um elf Uhr erwartet er mich und —“
Er konnte vor Erregung nicht weitersprechen.
Albin sagte ruhig: „Nichts weiter?“
Günter sah ihn beinah entsetzt an.
„Mensch, begreifst Du denn nicht wenigstens annähernd, was für einen Menschen meiner Art die Bekanntschaft dieses überragenden Künstlers bedeutet? Du, der Du mir bisher so treulich geholfen, dass ich Musik studieren konnte, Du, der mich durchgehalten, dass ich frei und froh meiner Neigung folgen durfte, ehe ich im Büro, in das Vater mich gesteckt, zwischen nüchternen Geschäftsbriefen und dem Ausziehen von Rechnungen die Freudigkeit dazu verloren? Du, gerade Du müsstest mich doch wahrhaftig verstehen.“
Er sprang auf und stellte sich hinter dem Stuhl des Bruders auf.
„Ich weiss es natürlich nicht genau — so etwas kann man nicht wissen, weil Künstler sehr impulsiv sind — aber ich ahne, die Bekanntschaft mit Karl Bauer war eine Schicksalsstunde für mich. Vielleicht die grösste und wichtigste meines ganzen Lebens!“
Albin Albus sah im Spiegel das strahlende Gesicht des Bruders, der hinter ihm stand und auf ihn heruntersprach. Er warf sich selbst vor: Ich bin kleinlich! Was hat Günters Freude über die Bekanntschaft mit einem berühmten Mann, überhaupt mit Karola zu tun und damit, dass Günter sie liebt und ich sie ihm gönnen muss? Es war ja auch alles Blödsinn, was er sich ausgesonnen. Er hätte sich sowieso nicht mit dem Bruder aussprechen und von ihm verlangen dürfen, er solle ihm Karola überlassen wie einen Gegenstand. Schliesslich hatte das Mädchen selbst doch ein gewichtiges Wort mitzureden, sogar das gewichtigste. Und was die grünen Briefe betraf — du lieber Himmel, die Post mochte wohl viele grüne, blaue, rosa oder noch andersfarbene Briefe befördern von im Stich gelassenen Mädelchen. Das ging ihm eigentlich doch nichts an.
Er hing an dem jüngeren Bruder, sein Vorwärtskommen lag ihm sehr am Herzen. Weg mit aller Selbstsucht und Kleinlichkeit!
Er rasierte fest darauf los, schnitt sich, schimpfte und sagte polternd: „Wenn die Bekanntschaft von gestern abend soviel für Dich bedeutet, Günter, dann freue ich mich selbstverständlich ebenfalls darüber, und um elf Uhr werde ich tüchtig den Daumen drücken, damit sich Deine kühnsten Hoffnungen erfüllen, die Du an den Besuch knüpfst.“
„Endlich sprichst Du vernünftig“, lobte Günter und ging zur Tür. „Beim Frühstück können wir uns über die Angelegenheit weiter unterhalten, ich habe eingesehen, beim Rasieren bist Du ziemlich ungemütlich.“
Beim Frühstück erfuhr Albin dann noch, dass Karl Bauers Tochter auf überraschende Weise die Bekanntschaft zwischen Günter und ihrem Vater vermittelt hatte. Der Bruder schwärmte ihm vor: „Eine junge Dame ist das, Albin, wie ich bisher noch keine gekannt habe.“ Er erklärte: „Guck mal, Albin, Augen von der Grösse hat sie!“
Er legte die äussersten Spitzen von Daumen und Zeigefinger leicht zusammen, um anzudeuten, wie gross Gisa Bauers Augen wären.
Albin empfand unwillkürlich wieder Ärger. Das Mädchen mit den grossen Augen, hatte auf Günter sofort einen überaus starken Eindruck gemacht, das war unverkennbar.
Er erwiderte gereizt: „Das müssen ja wahre Stallfenster sein!“
Günter lachte. „Beinahe! Aber die Augen sind wunderschön. Dunkel und leuchtend und klug. Die ganze Person ist ausserdem von einem so unbeschreiblichen Reiz, dass ich keine junge Dame kenne, die es auch nur annähernd mit ihr aufnehmen dürfte. Und das ohne eigentlich schön zu sein, was man im allgemeinen darunter versteht.“
Ein scharfes Wort drängte sich auf Albins Zunge, aber er sprach es nicht aus. Er wollte dem Bruder nicht unrecht tun. Schliesslich durfte Günter, auch wenn er Karola liebte, die Tochter des grossen Musikers bewundern. Noch dazu, wo er ihr die Bekanntschaft des grossen Künstlers verdankte, an den er sonst wohl nie herangekommen wäre.
Pünktlich um elf Uhr klingelte Günter Albus an der Tür des Hauses im Tiergarten. Der Diener öffnete und führte ihn sofort in das Zimmer, in dem der Flügel stand. Er sagte: „Herr Professor Bauer wird gleich kommen.“
Kaum war der Diener gegangen, da trat der Professor auch schon ein, und Günter sah jetzt bei scharfem Tageslicht, wie müde und abgespannt die Züge des kaum Fünfzigjährigen waren. Arbeit, viel Arbeit lag hinter ihm und noch vor ihm, begleitete ihn überallhin und erhielt sein Ruhmesschild golden und blank.
Nach kurzer Begrüssung nahm man Platz und Professor Bauer veranlasste Günter, von seinem Werdegang zu sprechen.
Günter Albus erzählte, er sei spät ans eigentliche Musikstudium gekommen, obgleich er schon mit zwölf Jahren als tüchtiger Klavierspieler gegolten. Er hätte erst nach dem Tod des Vaters, auf Kosten seines Bruders, seiner Neigung frei folgen dürfen. Er berichtete, dass er jetzt bei Professor Sandhut studiere, und wurde gefragt, ob er selbst schon etwas komponiert hätte.
„Eine ganze Menge“, war die rasche Antwort, „aber bei Professor Sandhut wagte ich mich nicht damit heraus. Er behauptet nämlich, alle Erstlingsarbeiten, die seine Schüler ihm bisher gebracht, wären Säuglingsgeschrei. Er ist ziemlich schroff im Umgang und Urteil und hat mir geraten: Legen Sie mir nur die Komposition vor, von der Sie felsenfest überzeugt sind, sie ist wirklich etwas, was sich anzuhören lohnt. Ich lasse meine Ohren nicht gern malträtieren!“ Günter bekannte: „Deshalb habe ich nach einigen Versuchen überhaupt keinen Mut mehr aufgebracht, ihm weitere Arbeiten vorzulegen.“
Bauer lächelte. Wie ein Schatten geisterte das Lächeln über sein Gesicht.
„Wenn ich Sie bitten darf, spielen Sie mir etwas von sich vor. Haben Sie Noten mitgebracht?“
Günter verneinte und erklärte: „Was ich komponiert habe, das steht alles fest in meinem Kopf, wie mit Notenschrift eingegraben, das spiele ich auch ohne Noten.“
Bauer glaubte ihm das sofort. Der junge Mensch hatte ihm gestern bewiesen, als er die „Uralte Legende“ nachgespielt, dass er über ein beneidenswertes Gedächtnis verfügte.
Günter nahm dann am Flügel Platz und begann zu spielen. Er empfand nicht die geringste Beengung. Die einfache Liebenswürdigkeit Bauers hatte heute überhaupt gar keine Befangenheit aufkommen lassen.
Er spielte ungefähr eine halbe Stunde lang. Bruchstücke verschiedener Kompositionen reihte er aneinander, flocht geschickte Übergänge ein und warf manchmal, wo es ihm geboten schien, ein kurzes erklärendes Wort ein.
„Genug!“ unterbrach ihn der Professor plötzlich.
Günter zog erschreckt und mitten im Takt die Hände von den Tasten. Doch der Professor sah ihn freundlich an. Er lächelte. „Warum sind Sie so verdattert, Herr Albus? Weil ich Sie unterbrach? Es blieb mir nichts anderes übrig, leider, weil ich zu einer wichtigen Besprechung muss. Nur deshalb! Im übrigen haben Sie mir genügend vorgespielt, um über Ihr Können Bescheid zu wissen. Ich karge im allgemeinen ebenfalls mit meinem Lob, aber nebenbei bemerkt, glaubte ich schon gestern abend Bescheid zu wissen, als Sie mir mein neuestes, noch so gut wie unbekanntes Werk mit ein paar Ihrer eigenen Gedanken durchflochten, vorspielten.“ Er nickte ihm zu. „Bei Professor Sandhut scheinen Sie nicht ganz am richtigen Platz zu sein.“
Er strich sich über das dichte ergraute Haar. „Wir reden noch über alles. Vielleicht morgen am Sonntag, nicht wahr? Dann habe ich etwas mehr Zeit. Kommen Sie wieder um elf Uhr, Sie können dann gleich zu Tisch bleiben. Übermorgen muss ich weiter nach Leipzig und Dresden, nach Wien und Budapest. Danach kommen vielleicht die Balkanländer an die Reihe oder London und Paris.“ Er sagte hastig: „Also auf morgen, Herr Albus, nicht wahr? Vorausgesetzt, Sie wollen mehr von mir hören.“ Er wartete keine Antwort ab, drückte Günter die Hand und liess ihn einfach allein.
Gleich darauf trat der Diener ein, und geleitete ihn, half ihm in der Diele in den Überzieher, reichte ihm den Hut.
Erst auf der Strasse, als scharfer Herbstwind ihn umwehte, begriff Günter Albus, seine Ahnung hatte ihn wohl kaum betrogen, die Ahnung, dass der berühmte Mann ihm helfen würde, vorwärtszukommen.
Er grübelte flüchtig: Warum hatte sich Gisa Bauer nicht wenigstens einen Augenblick sehen lassen? Schliesslich konnte er das nicht von ihr verlangen, aber er war richtig gespannt, ob sie sich am Abend, wie verabredet, einfinden würde. Er wagte nicht recht daran zu glauben.
7.
Als Karola nach Geschäftsschluss im Arbeitsraum den Hut aufsetzte, hörte sie Emil Krettke nebenan im „Ausstellungssaal“, wie oft um diese Zeit, laut reden. Sie musste schon lächeln, ehe sie ihn überhaupt verstand.
Er konnte von seiner Gewohnheit, zu den Gliederpuppen zu sprechen, nicht lassen. Heute machte er einer von ihnen eine regelrechte Liebeserklärung, begeisterte sich dabei: „Wenn Du meine Frau wärst, solltest Du ’ne Stube für Dich allein haben, Pusselken, und mit den anderen Frauen im Haus, mit die Stufferten und die Krausen, liesse ich Dich gar nicht zusammen, das sind nämlich Klatschen und sowas passt nicht zu Deiner Wäsche, Du süsses Ding. Raus kämst Du bei mir überhaupt nicht, denn nimm’s mir nicht übel, ich trau Dir nicht so recht. Ich glaube, Du hast es faustdick hinter den niedlichen Ohren und bist ein richtiger Vamp.“
Karola machte die Tür auf und fand Krettke vor einer rothaarigen Puppe, die Märchenaugen hatte und Wimpern wie Fransenlitze so dicht und lang.
Sie riss ihn aus seliger Liebesversunkenheit.
„Emil, Sie sind aber auch in alle die Damen hier verliebt, ob sie nun dunkel, blond oder rothaarig sind.“
Emil wandte sich nach ihr um und die breiten Flügel seiner Vivatsnase bewegten sich ein wenig.
Er gestand: „Wir Männer sind treulos, Fräulein Karola, das liegt uns so im Blut. Ich warne alle Mädchen vor uns.“
Er sah sich um, begann zögernd. „Ich habe was für Sie, Fräulein Karola, ich soll Ihnen was von dem Bruder unseres Chefs abgeben.“
Er langte in die Brusttasche und reichte ihr einen Brief.
Karola stellte fest, Günter war wieder einmal recht unvorsichtig gewesen. Was musste Emil Krettke davon denken, dass er ihr einen Brief übermitteln sollte? Dergleichen mochte sie nicht leiden. Aber es passte zu Günters Gewohnheit, sich dicht vor ihrem abendlichen Fortgehen in die Arbeitsstube zu schleichen und sie nach Herzenslust abzuküssen. Wenn der Chef zufällig davon hören oder sie beide womöglich einmal überraschen würde, wäre es für sie doch schrecklich peinlich.
Es sähe so nach heimlicher Liebelei aus, Günter und sie aber wollten sich heiraten.
Sie liess sich von ihrer Verstimmung nichts anmerken und barg den Brief mit freundlichem Dank in ihrem Handtäschchen, ging mit raschem Gruss.
Sie begriff wirklich nicht, was Günter ihr zu schreiben haben könnte, man wollte sich doch heute abend in dem kleinen netten Café sehen, in dem sie sich seit einem Monat zweimal in der Woche zu treffen pflegten. Vor einem hellerleuchteten, noch offenen Schaufenster las sie den Brief, in dem ihr Günter in allerknappster Form mitteilte, er könne heute abend nicht kommen. Weshalb, würde er ihr beim nächsten Zusammensein erklären. Er erwarte sie am nächsten Treffabend wie immer.
Karola verspürte plötzlich eine ungeheure Traurigkeit. Es war das erstemal, dass Günter die Verabredung nicht einhalten konnte oder wollte.
Ihr Verstand sagte ihr, dass es für Günter sicher eine Menge Gründe für seine Absage gäbe, aber ihr Herz dachte anders.
Aus dem kurzen Brief wehte ihr eine so befremdende Kühle entgegen, dass sie nicht so schnell über die Enttäuschung wegkam. Sie hatte sich vielleicht zu sehr auf das heutige Zusammensein mit Günter gefreut. Tränen drängten sich in ihre Augen. Sie fand sich selbst reichlich kindisch, zwang die Tränen zurück und stopfte den Brief wieder in die Handtasche, eilte nach Hause. Sie würde heute abend daheim bleiben und ein gutes Buch lesen. Der Abend konnte auch so noch ganz schön werden. — — —
Nachdem Günter an diesem Abend das Haus verlassen hatte, ging auch Albin aus. Er hatte plötzlich das unwiderstehliche Verlangen verspürt, sich einmal „Muschi“ anzusehen. Laut grasgrüner Mitteilung, wollte sie ja um acht einhalb heute, Sonnabendabend, vor der am Potsdamer Platz gelegenen Untergrundbahn auf Günter warten.
Wenn man nichts Besseres vorhatte, konnte man die Gelegenheit wahrnehmen, um sich einmal das Dämchen „Muschi“ gründlich anzuschauen, die zum Glück keine Ahnung davon hatte, wer man war.
Sie wollte in einem grünen Kostüm antreten mit grünem Hut, musste also leicht erkennbar sein.
Vor der Station der Untergrundbahn herrschte lebhafter Verkehr. Ohne den Hinweis auf das Kleid und den grünen Hut, hätte Albin kaum Hoffnungen hegen dürfen, eine bestimmte „Muschi“ zu entdecken. Es schien um diese Zeit eine Menge „Muschis“ zu geben, die auf jemand warteten. Es war Sonnabend, also äusserstes Wochenend, die Mädchen freuten sich darauf, mit dem Liebsten heute abend irgendwo bei den Klängen eines Walzers oder Tangos in die erste Sonntagsstunde hinüberzutanzen.
Günters „trostlose Muschi“ würde sich gewiss auch freuen, wenn sie es dürfte. Das unbekannte Mädel „Muschi“ tat Albin ein wenig leid. Hübsch war es nicht von seinem Bruder, das verliebte Geschöpf einfach kaltzustellen, es fallen zu lassen und sich in ein grosses Schweigen zu hüllen.
Er spazierte vor der Treppe auf und ab, die nach der Station hinunterführte und nicht einen Augenblick menschenleer blieb. Seine Gedanken irrten ab, er dachte an Karola.
Er blieb stehen, so wie andere hier herumstanden und warteten, vergass aber für Sekunden das Aufpassen und erschrak, weil er plötzlich einen ziemlich derben Stoss in den Rücken erhielt und eine glücklich klingende Stimme hörte: „Du schlechter lieber Kerl bist also endlich doch wiedergekommen! Es war auch die allerhöchste Zeit.“
Er wandte sich um und stand „Muschi“ gegenüber. Es gab keinen Zweifel für ihn, es war Muschi, die er vor sich sah und die sich durch ihr grünes Kostüm und den grünen Hut sofort verriet.
Sie sahen sich beide forschend an und das schicke Dämchen, das vor dem grossgewachsenen Albin Albus stand, stotterte ziemlich betreten: „Verzeihung, ich habe mich geirrt. Ich glaubte, Sie wären ein Herr, mit dem ich mich verabredet habe.“
Albin Albus stellte fest, Muschi war äusserlich das, was man am einfachsten mit „süss“ bezeichnet. Es war hier hell genug, um sofort zu erkennen, Günter hatte sehr guten Geschmack bewiesen.
Muschis Augen waren kornblumenblau, und das Haar konnte man dunkelblond oder auch hellbraun nennen.
Muschi wandte sich ab und wollte weitergehen; er sagte leise: „Noch einen Augenblick, mein Fräulein! Ich möchte mir die Frage erlauben: Ähnele ich denn dem Herrn, den Sie erwarten? Ich muss das nach dem freundschaftlichen Schubs annehmen.“
Sie nickte. „In der Figur sogar sehr. Von hinten habe ich Sie für ihn gehalten und Sie haben merkwürdigerweise sogar im Gesicht Ähnlichkeit mit ihm. So helle Augen wie Sie hat er nämlich auch. Aber er ist jünger als Sie.“
Weg war sie, untergetaucht in dem Auf und Ab der bewegten Menschenmenge, die hier durcheinanderstrudelte. Albin Albus lächelte vor sich hin. Natürlich, Günter und er ähnelten sich, wenn auch nicht zu sehr. Immerhin, ihre Gestalten stimmten vollkommen überein und das hatte das Mädel irregeführt.
Jedenfalls konnte er wieder nach Hause gehen, er hatte „Muschi“ gesehen. Sonst sass er sonnabends um diese Zeit und arbeitete, machte gewissermassen den Schlussstrich unter die geschäftlichen Ergebnisse der Woche, aber heute verspürte er gar keine Lust dazu. Schliesslich durfte er sich auch gelegentlich einen Wochenendabend gönnen.
Zunächst wollte er Abendbrot essen gehen und dann ein Kabarett aufsuchen; er hatte sich seit langem nicht mehr um dergleichen gekümmert.
Er schlenderte langsam auf und ab, er wollte sich überzeugen, ob „Muschi“ noch immer wartete. Die Uhr zeigte schon auf fünf Minuten vor neun.
Richtig, da drüben auf der Strasse stand sie, hatte sich ein Stückchen weiter geflüchtet und beobachtete von ihrem jetzigen Standplatz aus eifrig, ob der Erwartete nicht endlich käme.
Er aber hätte ihr sagen können, dass sie vergebens wartete, dass er, für den sie das schicke grüne Kostüm angezogen, ihren grasgrünen Brief überhaupt nicht erhalten hatte und nicht kommen würde. Er hätte ihr sagen können, dass er eine andere geküsst und schon für eine dritte schwärmte.
Wie das Mädel dastand! So abseits, so verlassen und doch wie in Trotz gehüllt! Armes Ding! dachte er. Muschi tat ihm leid.
Wie lange noch, dann erkannte sie, ihr Warten war wieder einmal vergebens, und lief entweder heim, um sich auszuheulen, oder liess sich vor lauter Jammer und Trotz von dem Erstbesten ansprechen und ausführen, nur um nicht zu Hause weinen zu müssen. Man sollte ihr ein bisschen beistehen.
Er schob sich langsam an sie heran, sagte freundlich: „Der Erwartete scheint sich Zeit zu lassen. Ich begreife das nicht. Eine junge Dame wie Sie lässt man doch nicht warten. Ich täte es bestimmt nicht!“
Muschi antwortete schroff: „Mein Warten braucht Sie nicht zu kümmern. Auch nicht, wenn ich um Mitternacht noch hier stände, um weiterzuwarten.“
Der Blick, der dabei flüchtig sein Gesicht traf, war aber nicht halb so unfreundlich wie die Stimme.
Er, der nicht im entferntesten daran gedacht hatte, heute einem kleinen Abenteuer nachzugehen, fühlte sich plötzlich sehr jung und unternehmungslustig. Warum sollte er sich nach langer Zeit nicht einmal so etwas wie einen fidelen Abend gönnen? Aber allein kommt man zu keinem fidelen Abend. Ohne weibliches Wesen bleibt das eine ziemlich fragliche Angelegenheit.
Es mochte wohl eine verdrehte Idee sein, dass er heute abend mit Muschi ausgehen wollte, doch die Idee gefiel ihm.
Also liess er sich von dem kühlen Ton der hübschgewachsenen zierlichen Dame in Grün nicht gleich verscheuchen und bat: „Sie sollten mir gestatten, Ihnen heute ein fröhliches Wochenend zu bereiten, mein Fräulein. Sie täten damit zugleich ein gutes Werk. Ich nehme mir selten Zeit für ein paar vergnügte Stunden und habe heute sooo grosse Sehnsucht danach. Ich bin allein, Sie sind allein —“
Sie unterbrach ihn: „Mein Freund hat sich nur verspätet, er kommt bestimmt noch.“
Trotziger Stolz lag in der Antwort.
Er lächelte und neigte sich zu ihr nieder.
„Sie warten schon länger als eine halbe Stunde, Sie dürfen sich diese Behandlung nicht gefallen lassen, Sie sollten ihm beweisen, dass Sie das gar nicht nötig haben. Dass es eine Gnade von Ihnen ist, wenn Sie nur fünf Minuten zu warten geruhen.“
Es belustigte ihn, so mit dem Mädelchen zu reden. Am liebsten hätte er gesagt: Komm, kleine Muschi, wollen uns heute gegenseitig trösten!
Die Sache mit Karola sass ihm im Kopf, als ob sein Bruder ihm bewusst ein Unrecht zugefügt hätte.
Er bat: „Kommen Sie, Fräulein! Wollen die schöne Zeit nicht mit Herumstehen vertrödeln. Es ist schade um jede Minute und ich habe einen wunderschönen Hunger.“
„Ich auch!“ nickte sie verständnisinnig.
Beinah hätte er laut gelacht. Er fasste sie leicht am Arm und schob sie in der Richtung auf eine Taxenhaltestelle zu, redete dabei auf sie ein: „Wir fahren nach dem Westen. Da gibts nette Weinlokale. Wir wollen unseren Hunger stillen.“
Sie sah ihn gross an und antwortete plötzlich fast verblüffend vergnügt: „Es ist gut! Einverstanden!“
Sie schaute sich nicht ein einziges Mal um, schien plötzlich vollkommen davon überzeugt zu sein, der Erwartete würde nicht mehr kommen.
Als „Muschi“ in der Garderobe des Weinrestaurants ihre Jacke und auch den Hut ablegte, konnte Albin Albus erst richtig erkennen, was für ein entzückendes Mädel Günter so mir nichts dir nichts im Stich gelassen. Allerdings mit der blonden Karola Michael konnte sie es nicht aufnehmen, aber Günter hätte nicht so rücksichtslos sein dürfen gegen das Mädel Muschi.
Dafür wollte er doppelt nett gegen sie sein heute abend. Diesen einen Abend wollte er sie verwöhnen.
Muschi trug eine dünne weisse Seidenbluse mit Lochstickerei und eine winzig schmale Kette aus grünen Glaskugeln eng um den Hals. Auch die Glaskugeln kleideten sie und er taxierte, dass sie aus einem Einheitspreisgeschäft stammten und höchstens eine Mark gekostet hatten.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.