Kitabı oku: «Die Namenlose. Schicksal eines vertauschten Kindes Bd.2»

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Anny von Panhuys

Die Namenlose
Schicksal eines vertauschten Kindes Bd.2

Roman

Saga

Die Namenlose - Schicksale eines vertauschten Kindes Bd.2

© 1927 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570531

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Zweiter Teil.

34. Kapitel.

Karola Overmans ging langsam durch ihr hübsches Damenzimmer, zupfte hier ein Kissen zurecht, schob dort ein Bild gerader.

Und sie wusste eigentlich gar nicht, was sie tat, denn ihre Gedanken waren nicht bei dem Herumhantieren, das nur der Ausfluss grosser Nervosität war.

Ihr Mann trat ein und blieb, weil sie sein Eintreten gar nicht bemerkt zu haben schien, zunächst nahe der Tür stehen, beobachtete die zierliche Frau, die er noch immer liebte, wie an jenem Tage, da er sie zum Altar geführt.

Plötzlich klang ein wehes Schluchzen an sein Ohr und da stürzte der Mann sofort vor, zog die geliebte Frau sanft in seine Arme.

„Ich musste nach dir sehen, Karolachen, ich hatte heute vormittag keine Ruhe im Bureau, du warst so blass, als ich diesen Morgen fortging. Ich sagte zum Vater, du hättest dich beim Frühstück nicht wohl befunden und da meinte er, ich solle nur schleunigst machen, dass ich nach Hause käme. Vater ist ja immer gleich so besorgt um dich.“

Ihre dunkelblauen Augen füllten sich mit Tränen.

„Er ist immer sehr besorgt um mich seit unserer grossen Lüge!“ stöhnte sie.

Er liess die Rechte zärtlich über ihr hellblondes Haar gleiten und flüsterte beruhigend: „Brauchst dir doch keine Gewissensbisse machen, mein Liebes, du trägst ja keine Schuld an dem, was wir hinnehmen und als unser tiefstes, heiligstes Geheimnis wahren mussten. Es blieb uns doch nichts anderes übrig, wenn wir nicht unsere Existenz zerbrechen lassen wollten. Und unser Kind hätten wir dadurch doch nicht wiederbekommen, es wäre nicht mehr zum Leben erwacht, wenn wir die Wahrheit noch so laut vor aller Welt bekannt hätten. Und bedenke, wenn Vater die Wahrheit gehört hätte, würde die weite Gotteserde nicht gross genug gewesen sein, vor seinem Zorn zu fliehen.“

Sie schmiegte sich eng an ihn, wie haltsuchend.

„Ich bin ja auch im allgemeinen ruhig, Günter, du weisst es. Ich habe mich unter dem Druck des Müssens viel schneller in alles gefügt, als ich es für möglich gehalten, aber heute nacht hatte ich wieder die seltsame Erscheinung, nach langer Zeit wieder zum ersten Male. Ich wollte dir gar nicht davon sprechen, doch es ist so schwer, schweigend damit fertig zu werden. Du bist auch der einzige Mensch, zu dem ich davon reden darf, der einzige Mensch, dem gegenüber ich mein Herz erleichtern kann.“

Er blickte sie mit inniger Liebe an, schlang seine Arme fester um sie, als fürchtete er, man könne sie ihm entreissen.

Wie jugendlich und schlank die geliebte Frau noch war, wie zart und fein noch das Antlitz.

Nur um die Lippen lag ein leiser weher Zug.

Er führte die Lebensgefährtin zu einem bequemen Sessel, drückte sie behutsam, wie etwas Zerbrechliches hinein, und zog für sich selbst dann einen Stuhl herbei.

Ueber das blasse Gesicht der Frau rannen grosse Tränen.

„Günter, lieber Günter, es ist alles so eigen, wenn ich die Erscheinung sehe. Unirdisch und zugleich lebendig, so, als wäre das, was ich sehe, wahr. Einen Traum kann man vergessen. Oft weiss man schon nach dem Erwachen nichts mehr davon. Und wenn man einen Traum im Gedächtnis behält, so geht ihm doch bald die Frische verloren. Es gleiten Schatten darüber hin, machen ihn stumpf. Nein, die Erscheinung gehört nicht zu den Träumen und sie ist auch keine Ausgeburt meiner Phantasie. Sie hat Bedeutung, muss Bedeutung haben.“

Günter Overmans zog die Hände seiner Frau sanft zwischen die seinen.

„Lange hast du nicht mehr von der Erscheinung gesprochen und ich hoffte zuversichtlich, du wärest endgültig von diesem Besuch freigeworden, der dich immer tagelang traurig stimmt und die Wunde wieder aufreisst, die sonst längst vernarbt scheint.“

Sie wollte ein Lächeln um ihre Lippen zwingen, aber es reichte nur zu einem unendlich müden Verziehen des Mundes.

„Ganz vernarben wird die Wunde nie, Günter, aber dass sie immer wieder zu bluten anfängt, dafür sorgt die Erscheinung.“

In Karolas Augen leuchtete es auf, als bräche ein helles Licht aus Herzenstiefen.

Die Tränen versiegten jäh.

Und leise raunte die Frauenstimme: „Es war um Mitternacht, als ich erwachte von einem wunderbaren, blendenden Schein. Aber ich erschrak gar nicht, weil ich sofort wusste, ehe ich die Augen noch völlig geöffnet hatte, nach langer Zeit würde ich wieder die Erscheinung sehen, wie zum ersten Male vor zwölf Jahren, am Wegekreuz bei St. Blasien im Schwarzwald und zum zweiten Male im Münster zu Freiburg, wie dann später in längeren Zeitabständen hier in unserem Hause. Es war bisher immer dieselbe Erscheinung, wenn ich auch meine, sie sei die letzten Male grösser gewesen, aber es fiel mir gar nicht besonders auf, eigentlich war sie immer unserem toten Kinde ähnlich, so wie ich es im Gedächtnis trage. Vier Jahre ungefähr ist’s her, seit sie sich mir nicht mehr zeigte, und seitdem hat sie sich sehr verändert. In dieser Nacht, Günter, stand kein Kind mehr in dem hellen Schein, der um das seltsame Wesen wie zugehörend herum ist, sondern ein Mädchen, gross und schlank wie unser Trautchen, so gross wie unser eigenes Fleisch und Blut jetzt sein müsste, wenn wir es hätten behalten dürfen, wenn es am Leben geblieben wäre.“

Ihr Blick war geradeaus gerichtet, als sähe er, was der Mund schilderte.

„Viel zarter und schmaler war die Erscheinung wie das Trautchen, das für unser Kind gilt, genau so wie die Erscheinung, meine ich, müsste das Kind unseres Herzens jetzt aussehen, wenn es bei uns geblieben wäre. Und sie spielte wieder auf einer Geige. Aber auch die Geige sah anders aus als die von früher. Sie war grösser und wenn mein Ohr auch keinen Ton vernahm, so war es mir doch, als ob ich ein ganz wunderbares Spiel mit dem Herzen hören konnte. Wilde Sehnsucht ergriff mich nach unserem Liebling, eine so gewaltige Sehnsucht, wie ich sie selbst damals nicht empfunden, als das Schreckliche geschah, damals vor zwölf Jahren. Ganz plötzlich war dann alles verschwunden, der Glanz und die Helle erloschen, ich lag im Dunkeln. Aber ich blieb noch lange wach und die Erinnerung sass bei mir am Lager und ihr: Weisst du noch? tat weh, jammervoll weh.“

Sie hob ein wenig den Kopf, wandte ihm voll das Gesicht zu.

„Ich begreife nur nicht, weshalb ich die Tote so ganz anders sah diesmal? Ich meine, sie hätte auch in ihrer Verklärtheit das Mädchen von einst bleiben müssen, das vierjährige Kind. Ich finde aber, so viel ich darüber schon nachsann, keine Erklärung dafür.“ Ihre Stimme schwankte. „Nur das eine ist mir längst klar und wird mir immer klarer, das arme Geschöpf findet keine Ruhe im Grabe, weil es im fremden Lande liegen muss, es möchte gerne in der Heimat ruhen.“

Günter Overmans dachte, nun war die geliebte Frau seit langem im allgemeinen so ergeben gewesen, sie liebte das Kind, das seit zwölf Jahren den Platz des eigenen einnahm, weshalb musste diese Ruhe wieder gestört werden durch einen Traum.

Denn nur um einen Traum handelte es sich, um einen Traum, der seine arme Frau geschreckt, der jäh ihr altes Mutterleid wieder aufgejagt hatte.

Er widersprach ihr.

„Weshalb soll Klein-Trautchen keine Ruhe in ihrem Grabe finden? Es ist doch nur der entseelte Körper, der in dem Grabe fern in England liegt! Die Seele, die unsterbliche Seele unseres Kindes ist hinaufgeflogen wie ein freier starkbeschwingter Vogel, in die Heimat, die sich hoch und fern über alle Länder hinzieht.“

Karola wollte eben etwas erwidern, doch in diesem Augenblick klopfte es so energisch an, dass sie nervös zusammenfuhr.

In der nächsten Sekunde, ehe noch ein „Herein“ laut geworden, sprang die Tür auf und eine reizende Sechzehnjährige stürzte ins Zimmer, als müsse sie eine Festung erstürmen.

Es war Trautchen Overmans, die einmal Babette Kempen geheissen und ein dralles bäuerisches Schwarzwaldmaidli gewesen.

Aber von der romantischen Geschichte, deren eine kleine Hauptheldin sie gewesen vor zwölf Jahren, davon ahnte das junge Mädchen nichts.

Es wusste nicht anders, als dass die beiden, bei denen sie lebte, ihre richtigen Eltern waren. Keine Erinnerung war in dem hübschen Dinge haften geblieben.

Günter Overmans schalt: „Du sollst doch nicht so wild und rücksichtslos eintreten, Mädel! Immer wieder muss man dir dasselbe sagen.“

Der rote Mund in dem weichen, aber dennoch energischen Gesichtchen lachte, und das Köpfchen, um das sich dunkles Strudelhaar bauschte, als hätte es ein geschickter Friseur zurechtgelegt, wiegte sich bedauernd hin und her.

„Ich bin leider unverbesserlich, Vati, das müsstest du doch eigentlich längst wissen. Und von heute ab wird das noch schlimmer mit mir. Denn von heute ab wird mein Selbstgefühl mit rasender Geschwindigkeit wachsen. Grosspapa hat mir doch versprochen, wenn ich heute ein gutes Zeugnis aus der Handelsschule heimbringe, ernennt er mich zum dritten Chef all seiner Unternehmen. Er selbst ist der erste, du, Vati, bist der zweite und ich werde der dritte sein. Und darauf kann ich mir doch etwas einbilden, nicht wahr? Sechzehn Jahre und schon den Cheftitel!“

Günter Overmans musste lachen und Traute versicherte vergnügt: „Jawohl, jetzt werde ich bald eine Respektsperson, mein Zeugnis ist erstklassig, alle in der Schule beneiden mich darum.“

Sie unterbrach sich und starrte die zierliche Frau, die sich tief in den Sessel hineindrückte, erschrocken an.

„Hast ja geweint, Mutti! Weshalb denn? Wer hat dir denn etwas getan?“ Sie kniete vor der Frau nieder, die sie für ihre Mutter hielt und wie eine Mutter verehrte und liebte. „Bitte sage es mir doch, warum du hast weinen müssen?“

Günter Overmans half seiner Frau.

„Mutter hat vorhin mit mir von ihrer Jugend gesprochen. Du weisst, ihre Eltern starben früh und die Tante, die sie erzog, hatte wenig Verständnis für sie. Die Erinnerung stimmte sie traurig.“

Das junge Mädchen bezweifelte die Erklärung natürlich nicht.

„Armes Mutti,“ kam es zärtlich über die jungen Lippen, „es muss schrecklich wehe tun, wenn einem die lieben Eltern so früh sterben. Ich bin ja auch froh, dass ich euch habe, denn Vater und Mutter sind doch das allerbeste auf der Welt.“

Die beiden wechselten einen schnellen Blick.

Sie verstanden sich und dachten wohl beide genau dasselbe, gelobten sich wohl gleichzeitig: Das Mädelchen sollte niemals erfahren, dass auch seine Eltern schon frühzeitig starben.

Traute lächelte: „Ja, Vater und Mutter sind das beste auf der Welt und ein Grosspapa ist auch etwas Wundervolles. Aber ich habe sicher den liebsten und liebenswertesten Grosspapa erwischt bei der Grosspapaverteilung.“ Sie nahm die Rechte der Frau im Sessel, drückte ihr rosiges Gesicht darauf. „Weine nicht, Mutti, denke an nichts Trauriges. Freue dich, dass wir uns alle so lieb haben und beisammen sein dürfen.“ Sie sprang auf. „Ich kann es gar nicht abwarten, bis Grosspapa heute mittag nach Hause kommt, um ihm mein gutes Zeugnis zu zeigen.“

Günter Overmans neckte: „Dürfen wir vielleicht ergebenst bitten, es auch sehen zu dürfen?“

Traute holte ein sauber zusammengefaltetes Papier aus der Tasche, die sie aus praktischen Gründen entgegen der Mode in fast allen Kleidern anbringen liess, und hielt es ihm entgegen.

Er warf einen langen Blick darauf, dann schmunzelte er: „Alle Wetter, du hast ja lauter gute Noten! Ja, sage mal, Mädel, von wem hast du nur das Kaufmannsblut?“

Traute machte ein sehr ernstes Gesicht.

„Nun vom Grosspapa, das ist doch klar.“ Gönnerhaft setzte sie hinzu: „Ganz unbegabt bist du ja schliesslich auch nicht.“

Er verneigte sich ein wenig im Sitzen.

„Meinen besten Dank für die gute Meinung, ich bin tiefgerührt!“

Und während er dabei lächelte, war ihm doch bitterernst zumute, als er sann, wie eigen es doch war, dass dieses Mädelchen aus fremdem Bauernstamm tatsächlich das Kaufmannsblut seines Vaters in den Adern zu haben schien.

Traute rannte ungeduldig durch das Zimmer.

„Biel zu lange dauert es noch, bis Grosspapa heimkommt, ich halte es nicht mehr aus, ich muss ihm wenigstens telephonieren.“

Sie stürmte genau so wild und plötzlich aus dem Zimmer, wie sie es betreten.

Günter Overmans blickte ihr nach, sagte, nachdem die Tür etwas zu laut ins Schloss geflogen: „Sei nicht mehr traurig, mein Lieb, freue dich über das ein wenig derbe, wohltuend gesunde Geschöpf, das dir meines Vaters Liebe und Achtung verschaffte und uns bisher nur Freude bereitete.“

Sie nickte ihm stumm zu und dachte dabei doch an ein kleines Grab fern von der Heimat.

35. Kapitel.

Ein paar Tage danach sass die junge Traute neben Lamprecht Overmans im Auto und sie fuhren zusammen ins Bureau der Overmansschen Brauerei, wo das junge Mädchen seine erste praktische Lehrzeit durchmachen sollte.

Traute ging sofort mit so grossem Feuereifer und so grosser Begeisterung an die Aufgabe heran, dass der noch immer kraftvolle alte Herr zu seinem Sohne meinte: „Es ist doch zuweilen etwas Prachtvolles um die Vererbung. In dem Mädel rumort all das, was in mir in jungen Jahren herumrumorte. Ich habe aber schon öfter gehört, dass einem die Enkel in Veranlagung und Begabung oft ähnlicher sind wie die Söhne. Ich meine damit nicht, dass du ein schlechter Kaufmann bist, Günter, bitte, fasse es nicht so auf, aber soviel weiss ich heute schon, deine Tochter wird dich geschäftlich überflügeln. Ich tauschte das Mädel für keinen Jungen ein, denn Traute ersetzt später einmal vollkommen einen männlichen Overmans.“

Günter wiederholte die Worte seiner Frau und setzte nachdenklich hinzu: „Mir ist es tatsächlich, als wäre Trautchen unser eigenes Kind. Sie ist ein so blutwarmes liebes Geschöpf, so ohne alle bösen Fehler, dass man ihr einfach gut sein muss. So, wie wir uns unser Mädel nur wünschen konnten, ist es geworden und darüber müssen wir uns freuen. Das gewagte Experiment, das eine Nelly Brown machte, hätte auch schlimm ausfallen und sich an der Heranwachsenden irgendwelche schlechten Eigenschaften zeigen können, die uns Sorge bereitet hätten.“

Karola blickte nachdenklich.

„Du hast recht, Günter, und meine Natur, die wohl überhaupt keiner ganz grossen Leidenschaft fähig ist, die sich ducken und kneten lässt und sich fügt, ist ja auch mucksstill gewesen, plätscherte im gemütlichen Wohlleben hin, bis ich kürzlich nachts unser Trautchen sah, unser wirkliches Trautchen so sah, wie es wahrscheinlich jetzt aussehen würde, wenn es am Leben und bei uns geblieben wäre. Das hat mich wieder so sehr verstört, nur das.“

Ihre Augenlider zuckten.

„Es ist ja nun alles schon so lange her, und zuweilen meine ich, das, was wir damals in Freiburg erlebt, wäre gar nicht wahr gewesen, ich hätte es nur einmal gelesen und tief mitempfunden. Und es sei in mir hängen geblieben, so wie der Inhalt guter Bücher in uns hängen bleibt, die uns grossen Eindruck hinterlassen.“

Und nach und nach ward auch die Erinnerung an die Erscheinung wieder matter, Karola Overmans lebte ruhig und glücklich in dem schönen Haus am Herdweg in Stuttgart, dessen nächster Nachbar ihr Schwiegervater war, der es an Aufmerksamkeiten gegen sie niemals fehlen liess, seit aus seiner Enkelin, dem matten Menschenpflänzchen, ein kräftiges, gesundes Geschöpf geworden.

Und es ward winterlich.

Der Kranz von Bergen, der Stuttgart umgibt wie ein erhabener Rahmen, überzog sich weiss. Seit Tagen fiel Schnee und blieb liegen, schuf ein verzaubertes Märchenreich.

Trautchen arbeitete sich jetzt, nachdem sie ein Vierteljahr in der grossväterlichen Brauerei Bureauarbeiten getan, in der Pianofabrik ein, deren klangvolle Fabrikate während der Kriegsjahre automatischen Drehbänken hatten Platz machen müssen.

Aber die Zeit der Granaten war lange vorbei, man durfte diese Weihnachten die himmlische Botschaft: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden! schon mit ruhigerem Atem anhören wie in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren.

Lamprecht Overmans sass an seinem Schreibtisch und ihm gegenüber Traute, den dunklen Lockenkopf tief über einen Brief geneigt, den sie aufsetzen sollte.

Der alte Herr warf ab und zu einen heimlichen Blick über den Tisch, und jedesmal nach so einem Blick glitt über sein kühles, ausdrucksvolles Gesicht ein weicher Zug.

Nach einem Weilchen reichte ihm Traute den fertigen Brief.

„Guck einmal, Grosspapa, bitte, ob ich die Geschichte richtig gemacht habe?“

Es handelte sich um einen ziemlich schwierigen Geschäftsbrief und Lamprecht Overmans nickte nach aufmerksamem Durchlesen zufrieden vor sich hin. Ganz famos war der Stil, kein Mensch, dem der Inhalt des Schreibens vor die Augen kam, würde es für möglich halten, dass ihn ein so blutjunges Mädchen abgefasst.

Er schmunzelte: „Der Brief kann so bleiben, schreibe ihn nur gleich mit der Maschine ab, und dann, Trautchen, zur Belohnung für den Brief, hören wir heute nachmittag früher auf, schwänzen die Arbeit und gehen Weihnachtseinkäufe für die Eltern machen. Das liegt dir ja doch besonders am Herzen.“

Trautchen strahlte ihn an.

„Grosspapa, ich muss mich immer wieder wundern, wie klug du bist!“

Er lachte vergnügt.

„Beinahe so klug wie du, mein Liebling, nicht wahr?“

Nachdem der Brief dann abgeschrieben war, fuhren die beiden zusammen in der Stadt herum, kauften hier etwas ein und dort etwas, und schliesslich hielt das Auto vor einer Kunsthandlung, die sich dadurch hervortat, dass sie nur ganz ungewöhnlich gute Arbeiten moderner Maler ausstellte und verkaufte.

Lamprecht Overmans fand, ein künstlerisches Bild war immer ein willkommenes Geschenk, namentlich für jemand, der es, wie seine Schwiegertochter, liebte, die Wände überreich mit Bilderschmuck zu dekorieren.

Der Inhaber der Kunsthandlung, der noch eben im eifrigen Gespräch mit einem Herrn gestanden, stelzte auf hageren Beinen heran, klappte zu tiefer Verbeugung wie ein Taschenmesser zusammen.

Der stadtbekannte reiche Lamprecht Overmans war ein Kunde, der nur das Beste und Teuerste kaufte.

Auch die junge Dame, die ihn begleitete, ward mit tiefer Verbeugung begrüsst.

Lamprecht Overmans sagte: „Wir wollen uns einmal bei Ihnen umschauen, verehrter Herr Meifinger, ich suche nämlich ein hübsches Bild für meine Schwiegertochter.“

Alois Meifinger nickte eifrig.

„Es sind allerdings schon ein paar sehr schöne Stücke als Weihnachtsgeschenke verkauft worden, aber es ist auch noch viel Schönes vorhanden! Vielleicht darf ich die Herrschaften in den Nebensaal bitten, da gibt es ein paar ganz besondere Prachtstücke.“

Er hob eine schwere Tuchportiere und liess die beiden Besucher vorangehen, folgte ihnen und meinte dann: „Ich möchte auf keinen Fall durch meine Gegenwart auch nur im geringsten stören. Allein, in aller Ruhe, sagen Ihnen die Bilder vielleicht mehr, als wenn ich nebenher gehe und schwatze.“

Mehr offen und ehrlich als höflich, liess Traute ein lautes: „Ja, Sie haben vollkommen recht!“ hören.

Alois Meifinger blickte ein bisschen verblüfft, aber dann zog er sich mit einem kleinen Lächeln zurück.

Die junge Dame musste die Enkelin Lamprecht Overmans sein, er hatte gelegentlich einmal gehört, sie wäre ziemlich geradezu und schlüge darin dem Grossvater nach, der aus seinem Herzen auch keine Mördergrube zu machen pflegte.

Langsam schritten Lamprecht Overmans und das junge Mädchen durch den schmalen Saal, dessen an den Wänden hängende und auf Staffeleien stehende Bilder vermittels geschickter Beleuchtung zu bester Wirkung gebracht wurden.

Es war hier wohl für jeden Geschmack etwas zu finden.

Landschaften gab es, die Frieden und Ruhe aushauchten, kleine Häuschen in dörflicher Stille, in die man sich hineinsehnte, und tanzende Paare, betende Madonnen, kämpfende Soldaten, sowie spielende Kinder. Tiere aller Arten und bunte Blumen und noch vieles andere.

Tolle, übermoderne Bilder drängten sich manchmal vor, aber sie gefielen Lamprecht Overmans nicht, er wollte solide, klare, reine Malerei, brummte er Traute zu, bunte Kleckserei wünsche er nicht zu kaufen.

Plötzlich blieb Traute, die jetzt ein paar Schritte vorangegangen war, mit einem lauten Entzückungsrufe stehen.

„Grosspapa, hier ist etwas ganz Köstliches! Ich kann mir gar nichts Lieberes und Süsseres denken.“

Trautes von der frischen Winterluft draussen noch rosig gefärbtes Gesicht drückte helle Begeisterung aus und der alte Herr war fast neugierig, das Bild zu sehen, das seinen Liebling auf den ersten Blick gefesselt hatte, wie ihr Enthusiasmus verriet.

Und dann stand auch er davor. Aber er war unfähig, sofort eine Meinung darüber zu äussern, so sehr schlug ihn das Bild in Bande.

Ihm war es, als dürfe er gar nicht laut atmen, denn auf dem Bilde sah er Trautchen als kleines Mädchen in einem grossen sauberen Bett hocken, rund und mollig, mit den wundervollen Grauaugen den Betrachter anschauend.

Genau so hatte Trautchen ausgesehen nach ihrer Genesung, als er sie und ihre Mutter aus Davos abgeholt.

Er verharrte ganz benommen vor dem Bilde und sann, wie seltsam es doch war, welche Aehnlichkeit das Kind auf dem Gemälde mit Traute hatte, als sie ein ungefähr fünfjähriges Mädelchen gewesen.

Die neben ihm Stehende zupfte ihn am Aermel.

„Ist das kleine Ding nicht wirklich entzückend, Grosspapa? Wenn es nicht zu teuer ist, solltest du es Mutti schenken! Ich glaube, sie würde sich sehr darüber freuen.“

„Das glaube ich auch, das glaube ich sogar bestimmt,“ gab er zurück, „denn denke nur, Trautchen, genau wie das Kind auf diesem Bild, hast du einmal ausgesehen. Man könnte meinen, du hättest dem Maler damals als Modell gedient.“

Er ging an die Portiere, rief den Kunsthändler und führte ihn dorthin, wo Trautchen inzwischen wieder in neues Schauen versunken war.

Lamprecht Overmans fragte den Kunsthändler: „Wer hat das Bild mit dem Titel: Erwachendes Kind! gemalt? Es trägt keinen Namen, ist nur mit drei Buchstaben signiert und die Jahreszahl ist undeutlich.“

Die Jahreszahl interessierte ihn besonders.

Alois Meifingers Pergamentgesicht verzog sich zu beifälligem Lächeln.

„Die Herrschaften haben das hübscheste Bild von allen sehr schnell herausgefunden! Es ist von einem jungen Berliner Maler, der zurzeit nicht weit von hier wohnt, nämlich in Ludwigsburg. Seine Bilder tragen die drei Buchstaben A. v. B., das heisst Alfred von Bassing, und ist das Bild „Erwachendes Kind“ erst in diesem Jahre gemalt worden.“

Lamprecht Overmans sann, das Bild konnte also in gar keinem Zusammenhange mit Traute stehen, wenn es erst in diesem Jahre gemalt worden war.

Aber um eine wundersame Aehnlichkeit handelte es sich, um die denkbar wundersamste. Lamprecht Overmans begriff nicht, dass es solche Aehnlichkeiten geben konnte.

Aber das Bild bewies es.

Am nächsten Tage hing es schon in seinem Schlafzimmer. Hier sollte es bleiben bis zum Weihnachtsabend, wo es hinübergeschafft werden würde in das Nachbarhaus, um sich den anderen Geschenken für die Schwiegertochter beizugesellen.

Trautchen durfte den Eltern nichts von dem Bild verraten, damit die Ueberraschung vollkommen würde.

Er aber erfreute sich morgens und abends an dem Anblick des grossen Gemäldes, erfreute sich an dem im weissbezogenen Bettzeug hockenden molligen Mädelchen mit dem verwirrten dunklen Haar und dem halb offenen Mäulchen. Das Hemdchen war über die runden Schultern gerutscht und die niedlichen, grübchenbestickten Hände lagen gleich rosigen Blüten auf der schneeigen Decke.

Der alte Lamprecht Overmans hielt wahre Andachtsstunden vor dem Bilde ab und noch oft sann er darüber nach. Wie war es nur möglich, dass dieses Kind, das der Maler so lebenswarm auf die Leinwand gebannt, dem Trautchen von einst so fabelhaft glich?

Er schmunzelte auch oft in sich hinein in der Vorfreude, wie Karola die Augen aufreissen würde vor Staunen, was er für sie gefunden.

Er schenkte ihr gern, war stets dazu bereit, sie war ihm lieb und wert geworden, seit er sich nicht mehr darüber aufregen und grämen brauchte, dass seine einzige Enkelin ein so jämmerliches Angstpflänzchen war.

Und das von so vielen, vielen Menschen heissersehnte Christfest kam heran.

Weiches, winterliches Dämmern setzte früh ein, breitete dunkle Teppiche aus, über die der Abend heranschritt.

Der schönste Abend des Jahres!

Der Abend, an dem die Ruhelosesten im Heim bleiben, wo die Bösen gütig werden und die Harten milde.

Und die Sterne zogen herauf, standen wie herrlich geformte Silberlichter droben am Abendhimmel und Glockengrüsse flogen über die in tiefem Schnee gebettete Stadt.

Von hier und dort klang Gesang.

Alte Weihnachtslieder wurden wach, in den Häuschen der Armen und in den bequemen Wohnstätten der Reichen.

Der Geburtstag des überragendsten Sohnes, den je eine Mutter geboren, ward gefeiert von Alt und Jung, von Gross und Klein, und die ihn nicht mitfeierten, das waren die Aermsten der Armen.

Die Sterne schimmerten und gleissten geheimnisvoll, wie sie dereinst schimmerten und gleissten vor mehr als zweitausend Jahren über der Hütte, in der mit dem Jesuskind die wundervollste, selbstloseste Menschenliebe geboren wurde.

Die Liebe, die alles duldet, leidet und trägt, die niemals unwillig und müde wird.

Eine Liebe unirdischer Art.

Wie Sphärenmusik schien es durch das All hinzuströmen, in himmlischen Chören schien es zusammenzufliessen, beseligend und herzerschütternd:

Stille Nacht, heilige Nacht!

Ohne die Worte zu hören, fühlte und empfand man es inbrünstig, die stillste und heiligste Nacht lag über dem dunklen sternendurchflimmerten Land und die Liebe lächelte ihr heiliges, versöhnendes Lächeln, die grosse schöne Menschenliebe, die so oft, so traurig oft, achtlos überrannt wird von Selbstsucht und Kaltherzigkeit.

36. Kapitel.

„Ich freue mich

ganz fürchterlich!“

sang Traute Overmans nach einer selbstkomponierten Weise und zog sich dabei in ihrem reizenden Mädchenstübchen um.

Grosspapa hatte es gern, wenn sie recht hübsch aussah, und so wählte sie aus ihrer reichhaltigen Garderobe ein weisses Tuchkleid, das ihr besonders gut stand, und lächelte sich vergnügt im Spiegel an, während sie sich immer wieder von neuem ihre Komposition mit dem selbstverfassten Text vortrug, der kurz und bündig über ihre Stimmung Aufschluss gab.

Wenn man sechzehn Jahre und gesund ist, und ausserdem von seiner Umgebung geliebt und verwöhnt wird, so ist das wohl allein schon Grund genug, immer wieder zu verkünden:

Ich freue mich

ganz fürchterlich!

Wenn aber noch die Heiligabendfreude dazukommt und die Vorfreude auf einen reich besetzten Gabentisch, dann ist man sogar berechtigt, sich „fürchterlich“ zu freuen.

Ein Stündchen später, nachdem die Dienerschaft der beiden Häuser beschenkt worden war und man gegessen hatte, baute man sich gegenseitig auf und Lamprecht Overmans bedeckte alles, was die Jüngeren von ihm erhielten, mit Tüchern.

Nachdem der grosse Baum angezündet war in Günters Wohnzimmer, setzte sich Karola an das Piano und begann das uralte Marienlied zu spielen:

Es ist ein Ros’ entsprungen aus einer Wurzel zart — —

Ihre helle Stimme sang das Lied mit und Lamprecht Overmans sann, wie heimatlich warm war doch dieses Haus, darin seine Kinder lebten.

Alle drei waren sie seine Kinder: Günter, Karola und Trautchen.

Früher hatte er die weichen Gefühle, wie er sie jetzt oft empfand, gar nicht gekannt, Aber er, dem früher nur das Geschäft und das Geldverdienen Befriedigung gaben, stellte jetzt das Familienleben über alles.

Konnte es denn zum Beispiel etwas Schöneres und Wünschenswerteres auf der Welt geben, als im sorglosen Heim mit geliebten Menschen das Christfest zu feiern?

Wer ihm früher gesagt, er würde einmal so denken, den hätte er ausgelacht.

Sein Blick suchte das junge Mädchen, das neben dem Piano stand und seine Zärtlichkeit legte sich wie ein weicher, schützender Mantel um die schlanke, aber nicht schmale Gestalt.

Sein Blick suchte die grauen Augensterne in dem rosigen Gesicht.

Und da hoben sich die Lider mit den unwahrscheinlich langen schwarzen Wimpern und Trautchen erwiderte den Blick mit Wärme.

Sie tat dem jungen Herzen immer von neuem wohl, die Güte des alten Mannes, die stets bereit war.

Langsam, wie magnetisch von seinem Blick angezogen, ging Trautchen auf ihn zu, flüsterte verhalten dicht an seinem Ohr: „Ich habe dich über alles lieb, Grosspapa!“

Günter Overmans sah, wie sein Vater Trautchen küsste und Karola sah es, flüchtig aufblickend, auch.

Sie waren es beide gewöhnt, dass der alte Mann und das junge Mädchen manchmal wie Verliebte taten, aber heute fiel es ihnen doch wieder besonders auf.

Beide empfanden es überzeugend stark von neuem, was sie ja eigentlich längst wussten: Das Glück, den Frieden ihres Heims, ja ihre ganze Existenz hielt das junge Geschöpf in seinen kleinen kraftvollen Händen, das fremde Reis auf ihrem Stamm, das fremde Schwarzwaldmaidle, das eine echte Overmans schien.

Das Weihnachtslied, das einst vor vielen Jahrhunderten zu Ehren der Mutter des Heilands entstanden, war verklungen, Tücher wurden von den bis jetzt dahinter versteckten Geschenken gezogen und jeder ging an seinen Gabentisch.

Behaglich beschaute sich Günter Overmans, was ihm seine Lieben beschert, behaglich betrachtete auch sein Vater, was man für ihn zusammengekauft, und Freudenschreie, die ein paarmal die Grenze zum Indianergeheul überschreiten wollten, ertönten aus der Richtung, wo sich Trautes Tisch befand. Karola aber stand sehr blass vor ihrem Tische.

Sie war keines Wortes fähig.

Sie starrte regungslos dorthin, wo gewissermassen als Hintergrund vieler anderer Geschenke ein grosses Bild aufgebaut war.

Sie starrte das dralle Mädelchen auf dem Bilde an und ihr Denken verwirrte sich.

So hatte doch die kleine Babette Kempen ausgesehen, als man sie ihr an Stelle ihres eigenen Kindes in das Freiburger Hotelbett gelegt! Genau so hatte die derbe Niedlichkeit damals ausgesehen, als sie erwachte, an jenem unglückseligen Tage, da sie selbst leichtsinnig genug war, ihr eigenes Kind für kurze Zeit unter der Obhut der alten Tänzerin Nelly Brown zurückzulassen. Um mit Günter das alte Freiburg zu durchwandern.

Sie versuchte zu überlegen, wie es nur möglich war, dass es jetzt, viele Jahre später, ein Menschenkindchen gab, das ganz genau so aussah wie Babette damals. Und war es nicht ein sonderbarer Zufall, dass es einem Maler einfiel, dieses kleine Mädel in ein so grosses Bett hineinzumalen, und ging es nicht über jeden Zufall hinaus, dass auf der Bettdecke, achtlos hingeworfen oder von müden Kinderhändchen beiseite geschoben, eine kleine Puppe lag und ein Wollbär?

Diese beiden Spielsachen, eine Puppe und ein Wollbär, die beide ihrem Kinde gehörten, lagen damals, als Nelly Browns rücksichtslose Energie sich schicksalswendend in ihr Leben einmischte, auf der Decke des Hotelbetts, darin man an Stelle Trautchens das fremde Kind fand.

Ihr Blick hob sich wie mühsam von dem Bild, das ihr ein gefährliches, unlösbares Rätsel schien, das grausam alte Erinnerungen mit unheimlicher Deutlichkeit heraufbeschwor.

Sie dachte, das eine der beiden Kinder, die man vertauschte wie Gegenstände oder wie arme hilflose Tiere, war lange, lange tot, das andere aber war inzwischen ein grosses Mädchen geworden und ihr ans Herz gewachsen.

So sehr, dass sie es liebte wie ein eigenes Kind.

Nein, vielleicht doch nicht ganz so!

Es war da immer noch ein Etwas in ihr, das sich nicht ausgab, das aber in einer unnennbar starken, in einer unbeschreiblich beseligenden Liebe hingeströmt wäre über das Kind, das sie einst unter dem Herzen getragen.

Wie einen geheimen Schatz trug sie das Gefühl ständig mit sich herum, wenn sie auch wusste, sie würde den geheimen Schatz ihrer Mutterliebe niemals verschwenden können.

Drüben in England lag irgendwo ein kleines Grab, das sie nie gesehen und nie sehen würde, von dem man wahrscheinlich überhaupt nichts mehr sah, und darin ruhte das Kind ihrer Schmerzen und wehen Erinnerungen.

Das Kind, das den Platz der Toten einnahm, war gesund und lebenskräftig wie ein derber Junge.

Ihr Auge suchte das junge Mädchen, das eben Kusshände zu Lamprecht Overmans hinüberwarf und ihm zurief: „Grosspapa, wie reich hast du mich beschenkt! Du bist der liebste und beste Mann auf der ganzen Welt, glaube es mir. Dumm eingerichtet ist es nur, dass wir so nahe miteinander verwandt sind!“

Lamprecht Overmans schüttelte verständnislos den Kopf.

„Ich meine, das wäre doch gerade das Gescheiteste.“

Der rote Mund lachte sein berückendes Lachen, zeigte ein wenig die wundervollen Zähne.

„Grosspapa, überlege nur, wenn wir nicht so nahe miteinander verwandt wären, könnten wir uns doch heiraten!“

So komisch es klang und obwohl alle lachten, taten die drolligen Worte Karola weh. Ihr fiel eine kleine Szene ein von damals, ehe sie vor zwölf Jahren mit ihrem kränkelnden Kinde nach St. Blasien abgereist. Da hatte es auf dem Schosse Lamprecht Overmans’ gesessen und gepiepst: „Opapa, ich habe dich lieb, und wenn ich wiederkomme, huste ich gar nicht mehr, und wenn du willst, heirate ich dich!“

Die Nurse, Hedwig Ritter, musste das damals dem Kind einstudiert haben.

Die Szene war ihr ganz entfallen, nun, durch die Worte des jungen Mädchens, erinnerte sie sich plötzlich daran.

Karola unterdrückte einen Seufzer, es kam in der letzten Zeit auch alles zusammen, um die Vergangenheit wieder grausam lebendig zu machen.

Ihr Mann trat jetzt zu ihr.

„Ich wollte vorhin deine Andacht vor dem Bild nicht stören, jetzt muss ich mich aber doch überzeugen, was dich bisher so fesselte, dass du deine ganze Umgebung darüber vergassest.“

Er erblickte das Bild zum ersten Male, da es bis vor wenigen Minuten noch völlig verhängt dagestanden, und auch er schrak zusammen, denn auch er sah sofort, das war Trautchen an jenem Tage, da sie zum letztenmal Babette Kempen hiess.

Sie musste es sein, eine solche Aehnlichkeit schien ihm unglaublich, unmöglich.

In seinem Kopf entstand ein wirres Durcheinander und Furcht drängte sich an ihn heran, unheimliche, seltsame Furcht.

Welche Absicht barg sich hinter diesem Geschenk? Was bezweckte sein Vater damit?

Es war doch keine harmlose Weihnachtsgabe, es musste sich irgendein grausamer Sinn dahinter verstecken! Ein Sinn, der allerdings unverständlich ward, wenn man beobachtete, wie innig der alte Mann eben wieder das Mädelchen ans Herz drückte, das vor Weihnachtsfreude ganz aus dem Häuschen war.

Die Augen des Ehepaares fanden sich in banger Frage und sie kamen sich vor, wie zwei Menschen, die ein geheimes Verbrechen einte, die sich seit langem in Sicherheit gewiegt und nun plötzlich merkten, die Sicherheit war trügerisch.

Arm in Arm tauchten der Aelteste und die Jüngste der Familie hinter ihnen auf und Lamprecht Overmans lachte: „Nun, Karolachen, ist die Ueberraschung gelungen? Aber was braucht man dich erst noch zu fragen, ich habe ja beobachtet, du hast dich förmlich in das Bild hineingekniet. Komisch und verblüffend ist die Aehnlichkeit mit unserm Herzenskind von einst, nicht wahr? Ich habe es unserem Trautchen, die das Bild übrigens zuerst bei Meifinger entdeckte, gleich erklärt, so hätte sie einmal ausgesehen, genau so. Und es ist schnurrig zu denken, irgendwo existiert jetzt ein wildfremder, molliger Balg und sieht so aus, wie unser dickes Strampelchen damals aussah, als ich es mit dir aus Davos abholte. Weisst du noch, Karolachen, wie ich mich damals freute über unseren gesund gewordenen Liebling? Und hauptsächlich wegen der Aehnlichkeit kaufte ich das Bild und dachte mir gleich, es müsste dir gefallen und dir Eindruck machen.“

Karola war es, als gleite eine grosse Bürde, die man ihr aufgepackt, von ihren Schultern, eine Bürde, viel zu schwer für sie.

Wie harmlos und einfach die Erklärung war, an deren Stelle sie ein schweres, unlösbares Rätsel gewittert.

Sie bemerkte, auch ihr Lebensgefährte atmete erleichtert auf, aber als sie sich später beide allein befanden, begannen sie darüber nachzugrübeln, welch ein Zufall es doch war, dass der Maler nicht allein ein Modell gefunden, das der einstigen kleinen Babette Kempen auf ein Haar glich, sondern dass auch das gesamte Drumherum dem Milieu ähnelte, in dem der Umtausch der Kinder geschah.

„Die Puppe und den Wollbären von damals habe ich sogar aufgehoben,“ sagte Karola leise, ganz leise zu ihrem Manne, als fürchte sie, jemand könne sie hören, obwohl schon alle im Hause schliefen.

Ihr Mann zuckte die Achseln.

„Es ist alles sehr eigentümlich und sonderbar, mein Lieb, aber wir müssen uns schliesslich wohl doch an die Erklärung vom Zufall halten. Man hört gelegentlich immer wieder von Zufällen, die unglaubhaft klingen, die in Romanen und Theaterstücken gesucht erscheinen würden. Ich meine, wenn man es genau überlegt, so ist das Merkwürdigste bei allem nur die Aehnlichkeit des Kindes auf dem Bilde mit —“ Er zögerte flüchtig und vollendete dann: „Mit dem unseren! Weshalb soll ein Maler zum Beispiel so ein Püppchen, statt in ein kleines, nicht einmal in ein grosses Bett stopfen, in dem es malerisch vielleicht viel mehr zur Geltung kommt? Und die Spielsachen? Puppe und Wollbär sind ein paar so landläufige, beliebte Spielsachen, dass sie das am wenigsten Auffallende sind. Zum kleinen Mädel gehört die Puppe und sowohl Mädel wie Jungen schwärmen für Wollbären.“

Karola liess sich beruhigen. Sie sah alles ein, was ihr Mann erklärte.

Als dann das Bild in ihrem sogenannten Damenzimmer hing, wo sie sich gern aufhielt, stand sie oft davor und ihre Gedanken flogen, wie gescheucht von gebietender Hand, in die Vergangenheit zurück.

Lamprecht Overmans meinte, das Kind auf dem Bilde sähe dem gesundeten Trautchen ähnlich, das er in Davos wiedergefunden. Aber er hatte ja vorher nur ein kränkliches Blassgesicht gekannt. Sie wusste dagegen genau, das Kind auf dem Bilde sah der kleinen Babette Kempen ähnlich, zum Verwechseln ähnlich, aber ein volles Jahr früher.

Heisse Tränen tropften oft aus ihren Augen vor dem Bilde nieder, und durch das Bild ward so vieles in ihr wieder aufgewühlt, was am besten in dem Grabe bei ihrem Kinde mitaufgehoben wäre.

Bei ihrem Kind, das erst hatte sterben müssen, damit sie von Lamprecht Overmans als Frau und Mutter geachtet wurde.

37. Kapitel.

Lamprecht Overmans hatte eine Tapetenfabrik übernommen oder richtiger übernehmen müssen, um nicht zuviel zu verlieren, denn der bisherige Inhaber der Fabrik war sein Schuldner gewesen.

Anfangs beabsichtigte Lamprecht Overmans die Fabrik zu verkaufen oder nach und nach aufzulösen, um möglichst viel von seinem Gelde herauszuziehen, aber Trautchen mischte sich energisch ein und veränderte seine Entschliessungen.

„Wir wollen die Fabrik behalten, Grosspapa,“ schlug sie vor und machte dabei ihre ernsthaftesten und nachdenklichsten Augen, „denn ich bin der Meinung, dass die Fabrik nicht mehr ging, war nur Schuld ihres Besitzers. Wir wollen Leben in die tote Sache bringen, ich bin überzeugt, es gelingt uns. Der bisherige Inhaber war rückständig, war ein Mann aus dem vorigen Jahrhundert. Er konnte sich nicht auf die neue Zeit umstellen, er trug dem modernen Geschmack keine Rechnung, sondern arbeitete mit lauter altfränkischen Mustern, wie sie heutzutage nicht einmal mehr die Leute in den abgelegenen Provinznestern in ihren Wohnungen sehen möchten. Glaube mir, lieber Grosspapa, wenn wir die alten Vorräte billig abstossen und mit einem Teil davon, der ganz unmöglich ist, Feuer anmachen, dann ist der Weg zum Erfolg schon frei. Sind wir soweit, dann suchen wir uns schleunigst einen oder mehrere Musterzeichner, die Schwung und Schmiss haben. Moderne Menschen mit dem richtigen Blick für das, was die Leute von heute wollen. Sie dürfen uns keine Rosenkränzchen vorlegen und keine steifen Schablonenmuster, keine Dreiecke und Bälle in Blätterranken und keine Schmetterlinge auf Riesenblumen. Es gibt so viele Tapetenfabriken und es dürfte schon ziemlich schwierig sein, mit ihnen Schritt zu halten. Wir aber müssen sie noch überflügeln, sonst lohnt es für uns gar nicht erst anzufangen. Ich bin kein Zeichner und kein Maler, aber mir schweben allerlei Motive vor, die apart sind und die gefallen würden, bilde ich mir ein. Ich habe das Gefühl, einem Zeichner Winke geben zu können und Ratschläge, wie er es machen müsste. Kitschdurchschnittszeichner können wir nicht brauchen, sondern nur hochintelligente Menschen. Künstler, besondere, die wir gut bezahlen müssen, damit sie merken, sie werden für ihre Kunst bezahlt. Dafür wagen sie es dann auch gar nicht, uns Handwerksmässiges zu bringen. Am besten wäre es, junge Maler heranzuziehen, die über Phantasie verfügen.“

Lamprecht Overmans hatte aufmerksam zugehört, hatte danach verschiedene Fragen gestellt und schliesslich gesagt: „Topp, Mädel, dein Vorschlag ist angenommen, weil er mir durchaus einleuchtet. Ich überlasse dir einen Teil der Vorarbeiten, der Organisation, denn du bist ein grundgescheites Dingelchen. Du hast eben die natürliche Veranlagung für das Kaufmännische, den richtigen kaufmännischen Blick.“

Da hatte Traute in jäh aufwallender Freude die Hand des alten Herrn fest, ganz fest gedrückt und ihn strahlend angelächelt: „Ich freue mich sehr, bei der Gründung deines neuen Unternehmens mitschaffen zu dürfen. Ich denke mir ausserdem die Tapetenfabrik noch interessanter als die Brauerei und die Pianofortefabrik.“

Ende Januar erschien in verschiedenen Stuttgarter Zeitungen eine Annonce, durch die eine junge künstlerische Persönlichkeit gesucht wurde für das Entwerfen von modernen Tapetenmustern bei sehr guter Honorierung.

Es liefen verschiedene Offertbriefe ein und Lamprecht Overmans übergab sie uneröffnet dem jungen Mädchen, mochte Traute sie prüfen. Er wollte sie ziemlich selbständig handeln lassen, solange er das Gefühl hatte, sie handelte richtig.

Und dachte sie über manches anders wie er, so bedeutete das noch nicht, sie handelte falsch.

Er war ja reich genug, um sich schliesslich auch einmal ein Experiment leisten zu können.

Er wollte einmal sehen, was das junge Geschöpf fertig brachte, das doch noch über keine wertvollen praktischen Erfahrungen verfügte, das nur eine Art Instinkt und ein heller Kopf leitete.

Wenn er irgendeinem Geschäftsfreunde erzählt hätte, er überlasse jetzt seiner sechzehnjährigen Enkelin die Reformierung und Oberleitung einer Tapetenfabrik, würde man ihm sicher erklärt haben, er sei reif für eine Kaltwasserheilanstalt. Und deshalb verriet er lieber niemand etwas davon, das hatte Zeit bis nach dem Erfolg. Dass sein Sohn und Karola die Köpfe schüttelten, störte ihn weiter nicht.

Traute begann damit, den bisherigen Angestellten der Fabrik ihre Pläne zu erzählen, und sie fand sofort bei allen ein begeistertes Echo. Erstens freute man sich, in Lohn und Brot zu bleiben und zweitens freute man sich darauf, einmal etwas anderes aus den Maschinen hervorgehen zu sehen wie die alten Muster.

Es waren übrigens schon seit langen Jahren keine neuen Muster mehr entworfen worden und kein Zeichner ward brotlos dadurch, dass der Betrieb nicht im alten Stile weitertrottete, gleich einem verbrauchten, müden Karrengaul.

Drittens war man begeistert von dem reizenden, blutjungen weiblichen Chef.

Durchs Feuer wären Arbeiter und Bureauangestellte für die dunkellockige Traute Overmans gegangen.

Am Abend lief Traute zu Lamprecht Overmans hinüber in das Nachbarhaus. Sie benützte die kleine Verbindungstür in der Mauer, die beide Gärten trennte.

Sie fand den alten Herrn in seinem, mit geschnitzten dunklen Möbeln eingerichteten Wohnzimmer im bequemen Lehnstuhl, die Stummelpfeife rauchend und die Zeitung lesend.

Sie zog sich einen Stuhl dicht neben den seinen, nahm ihm sacht die Zeitung fort.

„So, Grosspapa, nun habe ich die Offertbriefe genau geprüft. Eigentlich kommt nur einer davon besonders in Frage. Und denke dir, Grosspapa, welch ein Zufall, der Absender dieses Briefes ist der Maler, der das entzückende Bild gemalt hat, das du Mutti zum Weihnachtsfest schenktest. Ich nehme wenigstens nicht an, es gibt zwei Maler ganz gleichen Namens. Alfred von Bassing heisst er und wohnt zurzeit in Ludwigsburg.“

„Natürlich muss er es sein,“ bestätigte der alte Herr, „denn der Kunsthändler Meifinger erzählte ja, als wir das Bild kauften, der Maler wohne zurzeit in Ludwigsburg.“

Traute reichte dem alten Herrn einen Brief, der eine klare, charakteristische Handschrift zeigte.

Er las:

„Auf Ihre Annonce erlaube ich mir, Ihnen meine Dienste anzubieten.

Ich bin Maler, fünfundzwanzig Jahre alt, verheiratet, und habe als Maler schon einige Erfolge zu verzeichnen. Im vorigen Jahre entwarf ich für eine grosse norddeutsche Tapetenfabrik einige Zeit Muster zur vollsten Zufriedenheit, und glaube ich, die an mich gestellten Erwartungen erfüllen zu können. Ich bin stets zur persönlichen Vorstellung bereit.“

Es folgten die üblichen Höflichkeitsfloskeln, und dann der Name Alfred von Bassing.

Lamprecht Overmans gab den Brief zurück.

„Man kann sich den Malersmann ja einmal angucken, das verpflichtet ja noch nicht. Uebrigens empfinde ich grosses Interesse für ihn, schon des Bildes wegen.“

Noch am gleichen Abend schrieb Traute ein paar Zeilen an Alfred von Bassing, er möge sich in der Tapetenfabrik von Lamprecht Overmans vorstellen.

38. Kapitel.

In einem der alten kleinen Häuschen am Marktplatz von Ludwigsburg hatte Alfred von Bassing mit seiner Frau zwei möblierte Zimmer inne.

Er malte zurzeit für eine private Bildersammlung auf Bestellung, die der Stuttgarter Kunsthändler Meifinger vermittelt hatte, ein Bild der Geliebten des Herzogs Eberhard Ludwigs von Württemberg, ein Bild der Wilhelmine von Grävenitz, der das durch sie schwer geschädigte Volk den Spitznamen „Die Landverderberin“ gegeben. Der eine Schlosseingang sollte den Hintergrund zu dem Porträt bilden, denn in dem Schlosse von Ludwigsburg, das nach ihren Angaben und Wünschen erbaut war, hatte sie einst Hof gehalten als mächtigste Frau des Landes, während die Herzogin von Württemberg unglückliche, einsame Tage in Stuttgart verbrachte.

Der Brief, den Traute Overmans geschrieben, kam in Ludwigsburg an, und Lilli von Bassing, die sich allein zu Hause befand, öffnete ihn sofort.

Sie nickte zufrieden vor sich hin.

Vielleicht erhielt ihr Mann Aufträge von der Tapetenfabrik. Wenn ihm die Sache auch keine besondere Freude bereitete, so würde er dabei doch wahrscheinlich gute Einnahmen haben. Und man brauchte Geld.

Sie schob das Frühstücksgeschirr nachlässig beiseite, achtete gar nicht darauf, dass sie dabei eine noch halbgefüllte Kaffeetasse umstiess und sich das bräunliche Nass über das weisse Tischtuch ergoss. Sie brauchte das Tuch, das die Wirtin erst heute aufgedeckt, ja nicht zu waschen.

Lilli von Bassing regte sich grundsätzlich nur über Dinge auf, die sie selbst angingen. Dann aber tat sie es auch mit Kraft und Ausdauer.

Sie begann gelangweilt Toilette zu machen.

Wozu machte man hier in dem Nest überhaupt Toilette?

Nur um die Kleinstädter ein bisschen zu ärgern, sonst lohnte es sich eigentlich wirklich nicht.

Ihr Mann kümmerte sich kaum noch darum, was sie anzog und schalt nur, wenn sie sich etwas Neues kaufte.

Und dabei war sie doch schon so bescheiden, fand sie.

Sie seufzte. Sie hätte so gern einen Pelzmantel gehabt und ein paar neue Kleider, auch war ein Hut nötig und ein Paar Schuhe.

Man trug sich doch die alten Kleidungsstücke über.

Sie seufzte abermals.

Der blödeste Streich ihres ganzen Lebens war diese Heirat gewesen.

Aber ihre Freundin Steffi hatte sie gewarnt: Wie kann man nur gleich einen Maler heiraten, weil man ihm einmal grossherzig ohne Kleider Modell gestanden hat. Du bist eine altmodische Pute und wirst schon noch einsehen, wie dumm du gewesen bist!

So hatte Steffi gesagt und der Beweis, wie recht sie gehabt, war längst erbracht.

O sässe sie doch noch im Bureau von Werner und Glau am Hausvoigteiplatz in Berlin, o sässe sie doch noch im Bureau der grossen Mäntelfirma!

Ihr alternder, verwitweter Chef würde sich, wenn es ihr auf ein bisschen Augenklappern nicht angekommen wäre, vielleicht auch entschlossen haben, mit ihr den Gang zum Altar zu machen.

Wie so ganz, ganz anders stände sie dann heute da.

Jetzt aber zog sie mit ihrem Manne herum ohne festes Heim, ihm gefiel das so, und wenn er eines Tages mit ihr nach Berlin zurückgehen würde, gab es im günstigsten Falle eine kleine Wohnung hoch oben im Dachstock oder in der weiteren Umgebung der Millionenstadt, deren bewegtes Leben ihr fehlte.

Die Tür vom Flur öffnete sich und Alfred von Bassing trat ein.

Er war ein Weilchen im Freien herumgelaufen und brachte winterliche Frische an den Kleidern mit in das von einem kleinen Füllofen erwärmte Zimmer.

Lillis sehr schön und regelmässig geschnittenes Gesicht verzog sich unwillig.

„Huh! Welche grässliche Luft ist um dich herum, man fröstelt in deiner Nähe.“

Er hatte es auf der Zunge zu antworten: Ich fröstele schon lange in deiner Nähe, auch wenn du nicht in der winterlichen Natur gewesen bist!

Aber er schluckte die Bemerkung hinunter, wie er so vieles hinunterschlucken musste in dieser übereilten Ehe.

Auf ein schönes Lärvchen und ein bisschen Komödienspiel war er hineingefallen.

Nun musste er sein Leben lang die Folgen seiner Torheit tragen.

Eine liebende, alles für ihn opfernde Frau glaubte er zu gewinnen, und hatte doch nur ein eitles, selbstsüchtiges Weib an sich gekettet, das ihm bei jeder Gelegenheit immer wieder vorwarf, er wäre ihrer nicht wert.

Sie hielt ihm den Brief entgegen und ihre tiefblauen Augen mit dem fast violetten Schimmer nahmen einen gönnerhaften Ausdruck an.

„Die Firma, die einen Tapetenzeichner sucht, hat geschrieben, du sollst dich vorstellen.“

Er nahm ihr den Brief nachlässig ab, las ihn ebenso nachlässig und über sein junges, ein wenig scharfzügiges Gesicht legte sich ein verdrossener Ausdruck.

„Wenn du nicht immer so viele überflüssige Wünsche hättest, Lilli, und dich auch nur ein ganz klein wenig nach der Decke strecken würdest, kämen wir mit dem Geld, das mir meine Bilder einbringen, bestimmt leidlich glatt und sauber aus.“

Sie zupfte an den rotbraunen Locken herum, die neben den Ohren weit über die Wangen fielen und lachte spöttisch.

„Natürlich, nur ich trage die Schuld, dass wir ständig im Dalles sind! Warum haben deine Eltern nicht besser zu rechnen verstanden, und warum bist du so blöd, noch jetzt Schulden deines Vaters zu bezahlen? Er ist doch seit zwei Jahren tot und du hast nicht die geringste Verpflichtung etwas zu bezahlen, was du gar nicht gepumpt hast.“

Er unterbrach sie: „Du weisst, ich halte nichts von Erörterungen mit dir über das Thema, weil wir beide über derartige Ehrenfragen zu verschieden denken.“

Sie höhnte: „Du denkst wie ein Narr darüber und ich wie eine vernünftige Frau. Da hast du zum Beispiel dicht vor Weihnachten die verhältnismässig grosse Summe von Meifinger in Stuttgart für das Bild „Erwachendes Kind“ bekommen, weil er es noch zum Feste verkaufte. Und was tatest du? Schicktest sofort mehr als die Hälfte davon an einen Gläubiger deines Vaters, anstatt mir dafür einen schicken Pelzmantel zu kaufen, den ich schon lange brauche.“

Er seufzte: „Fange doch, bitte, nicht immer wieder davon an. Ich musste tun, was ich getan, ich musste so handeln. Mein Sohnesgefühl gebietet mir, es darf kein Makel an der Person meines Vaters haften. Es bleibt ja nun auch nicht mehr viel zu bezahlen, bald habe ich alles geordnet, dann kann aber niemals ein Mensch sagen, mein Vater hätte ihn geschädigt.“

Sie kräuselte verächtlich die Lippen.

„Das ist ein Getue, dass einem schon flau wird, wenn man zuhört! Lass doch mir gegenüber die Pose. Dein Vater hat ein bisschen zu gut gelebt und unsereins, der nichts davon gehabt hat, der den alten fidelen Herrn nicht mal kannte, soll die Zeche bezahlen helfen. O ich weiss, du sprichst nicht gern davon, weil dich meine Wahrheit stört. Die kannst du nicht vertragen.“ Sie stampfte mit dem Fusse auf. „Jedenfalls ist es Zeit, dass wir zu etwas mehr Geld kommen, dieses Sichdurchdrückenmüssen ist grässlich und dieses Herumvagabundieren im Lande ebenfalls.“

„Hast du nicht vor unserer Heirat behauptet, du könntest dir nichts Herrlicheres denken, als mit mir herumzuziehen und bald hier, bald dort ein Weilchen zu leben?“ hielt er ihr entgegen. „Ich brauche als Künstler den Reiz der Abwechslung, und ich finde es prachtvoll, auf die Weise wie jetzt durch Deutschland zu ziehen, einmal ein paar Wochen sesshaft zu sein, dann wieder nur wenige Tage, und wenn es hoch kommt, einige Monate. Immer Neues kennen zu lernen, immer andere Menschen zu sehen und andere Landschaften.“

Sein Blick suchte ernst und traurig den ihren.

„Du bist so völlig anders, Lilli, wie ich eigentlich erwarten durfte! Ich komme aus den Enttäuschungen bei dir gar nicht heraus. Manchmal tut das noch tüchtig weh und ich überlege dann, mit etwas gutem Willen von beiden Seiten müssten wir uns verstehen und innerlich wieder zueinanderfinden. Bedenke, Lilli, bedenke es richtig: Noch sind wir jung, wenn wir lange am Leben bleiben und der Unfriede zwischen uns nistet sich fest ein, so wäre das doch zum Weinen traurig.“

Sie nickte energisch.

„Die Chose mit uns beiden ist auch zum Weinen traurig! Ich heule schon übergenug. Ganz anders habe ich es mir vorgestellt, eine junge Frau zu sein.“

Er sagte mit einem Beiklang von Güte in der Stimme: „Du hast zuviel Langweile, Lilli. Sieh, ich bringe dir oft inhaltsreiche Bücher mit, aber die guckst du kaum an.“

„Weil man dabei einschläft,“ gab sie zurück. „Da beschreibt so ein Dummkopf, weil ihm eben nichts weiter einfällt, irgendeine Harmlosigkeit so breit, dass man nervös davon wird. Ich begreife nur nicht, wie man solche Schlafpulver drucken kann, die gehören doch in die Apotheke als Mittel gegen Schlaflosigkeit.“

Er zuckte die Achseln.

„Für literarische Bücher fehlt dir jedes Verständnis. Sie langweilen dich, ich weiss es, aber nach Schauerromanen und pikantem Schund langst du gierig. Du aber müsstest gerade bessere Lektüre bevorzugen, weil du auf diese Weise die Lücken deiner Bildung bequem ein wenig ausfüllen könntest, weil —“

Schon wieder bearbeitete ihr rechter Fuss den Boden.

„Ich verbitte mir deine Beleidigungen! Wenn dir meine Bildung nicht genügt, hättest du mich in Ruhe lassen und nicht behaupten sollen, meine Figur wäre für die Seenymphe geradezu ideal geeignet. Hättest dir ein bezahltes Modell dazu holen sollen. Aber mich nackt malen lassen von dir, dazu reichte meine Bildung, nicht wahr?“ Sie hob ihm die geballte Rechte entgegen. „Satt, nein übersatt habe ich das Herumzotteln mit dir und das Wohnen in kleinen Hotels und möblierten Zimmern und das Einrichten, Sparen und Nachderdeckestrecken, und deine langweilige Gegenwart und deine unausstehlichen Ermahnungen. Ich bin genau so alt wie du und brauche keinen Lehrer mehr! Und satt habe ich es ebenfalls, dass du für deinen leichtsinnigen toten Vater Schulden bezahlst, während ich immer in denselben Lappen herumlaufen muss.“

Er fasste sie hart bei den Händen.

„Wage es nicht noch einmal zu wiederholen, was du eben über meinen seligen Vater gesagt hast. Er war nicht leichtsinnig, aber er war ein Künstler. Sogar ein grosser Künstler. Und weil ihm seine Bildhauerei viel einbrachte, glaubte er auch viel ausgeben zu dürfen. Er war kein grosser Rechner, nein, das war er nicht, und er starb zu früh, konnte nichts mehr ordnen.“

Er liess die schmalen Frauenhände los.

„Du wirst das ja doch niemals verstehen, aber das von eben, über meinen Vater, wünsche ich nie mehr zu hören. Und jetzt fahre ich nach Stuttgart, um mich in der Tapetenfabrik vorzustellen. Gegen Abend werde ich zurück sein. Bis dahin bist du auch vielleicht ein bisschen vernünftiger geworden.“

Sie wiegte sich kokett in den Hüften.

„Ich werde, während du weg bist, in meinem besten Staat spazieren gehen und damit die Spiessbürger aufregen. Das ist ja doch der einzige leidlich angenehme Zeitvertreib hier. Und an meine Freundin Steffi werde ich schreiben, sie soll um des Himmels willen keinen sogenannten Künstler heiraten, denn das wäre schlimmer als lebende Kröten zu schlucken.“

Sie fauchte ihm ins Gesicht: „Hätte ich dich nur niemals gesehen!“

Er nahm, ohne noch ein Wort zu verlieren, Paletot und Hut und verliess grusslos das Zimmer.

Von wenig frohen Gedanken erfüllt, ging er zum Bahnhof und sann unterwegs, wie so völlig anders hatte er sich einmal seine Ehe vorgestellt.

Aber nun musste er sich damit abfinden, dass man ohne Liebe nebeneinander herschlich, wie es freudlose Menschen tun, die nur eine schwere Pflicht erfüllen.

Hätte ich dich nur niemals gesehen! Wie oft hatte er das schon hören müssen.

Und er dachte genau so.

Hätte ich Lilli nur nie gesehen!

Sie, in deren schönes Gesicht und sanfttuendes Wesen er sich so überschnell verliebt, die er für eine gute Gefährtin für die Wanderschaft durchs Leben gehalten, war ein seichtes oberflächliches Geschöpf, dem hübsche moderne Kleider und Vergnügungen über alles gingen.

Sie hatte sich, weil er damals, ehe sie heirateten, ziemlich gute Einnahmen gehabt, wohl ein üppiges Leben an seiner Seite vorgestellt, das Leben einer Künstlerfrau, die zwischen Gesellschaften, Bällen und Atelierfesten hin- und herpendelt und deren grösste Sorge es ist, neue Toiletten zu ersinnen.

Die Enttäuschung, die er ihr bereitet hatte, verzieh sie ihm niemals.

Darüber war er sich längst vollkommen klar geworden.

Er fuhr ungern nach Stuttgart, aber wenn man ihn zum Entwerfen von Tapetenmustern annahm und leidlich dafür bezahlte, so bedeutete das für seine knappen Finanzen sehr viel.

Kaum hatte ihr Mann das Haus verlassen, machte sich Lilli zum Ausgang bereit.

Zum Weihnachtsfeste hatte sie sich von dem Geld, das sie von ihrem Manne erhalten, einen schwarzen Tuchmantel mit breiter hellgrauer Pelzverbrämung gekauft. Er war sehr kurz und die schlanken Beine zeigten sich darunter bis weit über dem Knie. Dazu trug sie hellgraue Halbschuhe mit fast zu grossen Silberschnallen und einen äusserst modernen Hut. Ohrgehänge aus geschliffenen Stahlplättchen und Korallen, die fast die Schultern berührten, vollendeten das Aeussere einer sehr modernen jungen Dame, der die Einwohner der kleinen Stadt nachblickten, wo sie vorüberging, so auffallend wirkte sie.

In der Nähe des Schlosses kam ihr ein Herr entgegen.

Er war ihr schon mehrmals begegnet, aber sie hatte sich dann immer in Begleitung ihres Mannes befunden.

Er war ihr aufgefallen, weil er sich sehr elegant kleidete und weil auf seinem tiefbrünetten Gesicht Leidenschaft und Melancholie zu wohnen schienen.

Als sie nun gerade an dem Herrn vorbeischreiten wollte, zog er den Hut, blieb vor ihr stehen.

„Verzeihung, Allergnädigste, dass ich es wage, Sie anzusprechen. Aber ich treffe Sie endlich einmal allein, worauf ich schon so lange warte, um Ihnen sagen zu können, wie wunderschön Sie sind. Es drückte mir schon fast das Herz ab, so lange schweigen zu müssen.“

Lilli fand diese Art, eine Dame anzusprechen, höchst originell, und wenn sie auch nicht antwortete, wenn sie auch nur ganz flüchtig den Schritt verhalten, lächelte sie doch voll Koketterie und ging so langsam weiter, dass es fast einem Stehenbleiben glich.

Sie war ja so zornig auf ihren Mann und es bereitete ihr Freude, die Bekanntschaft dieses anscheinend sehr vornehmen Herrn zu machen, dem man die Begeisterung für sie an den Augen ablas.

Eine Art Genugtuung bereitete ihr das verzückte Anschauen des Fremden, der jetzt seinen Namen nannte: Baron Westernhagen!

Er wies in einer bestimmten Richtung, wo am Rande weiter Felder ein Gutshof sichtbar ward.

„Dort wohne ich, Allergnädigste. Leider fehlt meinem Heim die Herrin! Wenn die schönste Frau auf Erden frei wäre, würde ich ihr meinen Reichtum zu Füssen legen und ihr alle Wünsche erfüllen.“

Dabei traf die Eitle ein so flammender Blick, dass ihr fast ein wenig bange vor ihrem Begleiter ward.

In dieser Gegend begegnete man niemand, nur ein paar Kinder spielten vor einem kleinen Hause und hatten winterfrische rote Bäckchen.

Lilli dachte, es sei wohl nun an ihr die Reihe, auch einmal irgend etwas zu sagen.

Vor allem schnitt sie ein kühles, zurückhaltendes Gesicht.

„Sie dürfen nicht in solchem Tone zu mir sprechen, Herr Baron, eben weil ich nicht mehr frei bin.“

Er lächelte sie an.

„Machen Sie sich frei, damit ich Ihnen durch meinen Reichtum ein Leben bieten kann, wie Sie es führen müssten. Die Sterne würde ich für Sie vom Himmel herunterholen, wenn Sie danach Begehr trügen. Nichts wäre mir zu teuer für Sie und jeden Ihrer Wünsche würde ich erfüllen, ehe Sie ihn noch ausgesprochen hätten.“

Sie sann: Weshalb lernte sie nur diesen draufgängerischen Baron erst jetzt kennen, wo sie gebunden war?

Du lieber Himmel, das wäre eine andere Ehe, wie die mit ihrem Toren!

Sie sagte: „Ich muss Sie bitten, sich zu verabschieden, denn ich möchte umkehren.“

Sie redete es so hin und wünschte doch gar nicht, dass sich der originelle Anbeter entfernen sollte.

Das fiel dem aber auch gar nicht ein.

Er erwiderte fast trotzig: „Endlich, nach langem verzweifelten Hoffen bin ich Ihnen allein begegnet. Das möchte ich ausnützen. Schicken Sie mich nicht weg und kehren Sie noch nicht um. Ich kann Sie überhaupt nicht gehen lassen, ohne dass Sie mir ein Wiedersehensversprechen geben.“

Sie schwankte. Was sollte sie tun?

Die Person des Barons interessierte sie sehr, und wenn es möglich gewesen wäre, hätte sie ihren Mann ohne Ueberlegen gegen ihn ausgetauscht.

Der Titel „Baronin“ reizte sie vor allem.

Und dann überlegte sie wieder: Durfte man jemand vertrauen, der so zu einer Frau sprach, die er gar nicht kennt und von der er weiss, sie ist verheiratet, wie es dieser Baron tat?

Der Zorn auf ihren Mann meldete sich wieder und sie lachte heimlich in sich hinein. Ihre gewöhnliche Natur fand, es war so eine Art von Rache, dass sie mit einem fremden Herrn herumspazierte und sich von ihm Dinge sagen liess, die sie eigentlich nicht anhören durfte.

Als sich Lilli dann später von ihrem scheinbar sehr heissblütig veranlagten Bewunderer trennte, hatte sie dem Manne, den sie hochinteressant fand, ein baldiges Wiedersehen bewilligt.

Hätte sie auch nur im entferntesten die Folgen ihres Tuns geahnt, sie wäre vor diesem Anbeter geflohen, so weit sie die Füsse nur tragen mochten.

39. Kapitel.

Im Bureau der Tapetenfabrik sassen Lamprecht Overmans und Traute beisammen.

Beide machten eifrig Geschäftspläne und das junge Mädchen begeisterte sich: „Wie der Phönix aus der Asche, so soll sich die neue Fabrik jetzt aus der alten erheben.“

„Da du das nur bildlich meinst,“ lachte der alte Herr, „ist es ja weiter nicht so schlimm. Sonst käme uns die Feuerversicherung auf den Kopf.“

Ein Bureauangestellter brachte eine Besuchskarte und Traute lächelte erwartungsvoll. Auf die persönliche Bekanntschaft des Malers Alfred von Bassing war sie ein wenig neugierig.

Auf der Besuchskarte stand sein Name.

Wer ein so wunderschönes Bild malen konnte, dachte sie, der war sicher kein Durchschnittsmensch.

Der Angemeldete trat ein.

Er war sehr gross, blond und seine Züge zeigten leichte Schärfe.

Er verneigte sich vor dem alten Herrn, dann etwas flüchtiger vor dem jungen Mädchen, und war ein wenig verblüfft, als ihn das junge Mädchen ansprach: „Ich habe Sie auf Ihre Offerte hin um Ihren Besuch gebeten und es würde mich vor allem interessieren, für welche Tapetenfabrik Sie tätig waren. Auch will ich vorausschicken, es soll bei uns nur im allermodernsten Sinne gearbeitet werden. Selbst Muster, die sich an irgendwelche alten Stile halten, müssen gewissermassen wie ins Moderne übertragen wirken. Ich weiss nicht, ob Sie mich verstehen?“

Alfred von Bassing konnte seine Verblüffung nicht verbergen. Er sah den rüstigen alten Herrn an und meinte etwas verlegen: „Ich darf wohl annehmen, die junge Dame sprach in Ihrem Sinne, Herr Overmans?“

Ein Blitz aus wundervollem grauen Augenpaar traf ihn, und während er sann, woher kannte er nur diese Augen schon, sagte der Jungmädchenmund betont: „Ich sprach nicht für meinen Grosspapa, Herr von Bassing, sondern erklärte Ihnen, wie ich über die Entwürfe neuer Muster denke. Mein Grosspapa hat mir gestattet, die Fabrik so zu reformieren, wie ich es für gut halte. Sie ist im ganzen Betrieb unter ihrem früheren Besitzer veraltet gewesen und ich möchte nun versuchen, sie jung und lebenskräftig zu machen.“

Alfred von Bassing horchte auf.

Eine junge Dame dieser Art war ihm bisher noch nie in den Weg gekommen.

Ihm war fast ein wenig nach Lachen zumute, aber diesen blitzenden Augen gegenüber wagte er es nicht einmal nur die Lippen zu verziehen.

Auch durfte es ihm wohl schliesslich gleich sein, ob ihn der alte Herr engagierte oder der ebenso hübsche wie energisch scheinende Backfisch.

Heutzutage hörte man ja aus dem Lager der Frauen im Erwerbsleben die merkwürdigsten Dinge. Man brauchte sich über gar nichts mehr zu wundern!

Er gab also auf jede Frage des jungen Mädchens Antwort und empfing zum Schluss die Versicherung, man wolle es mit ihm versuchen. Gefielen seine ersten Entwürfe, gäbe es sehr viel für die Fabrik zu arbeiten.

Alfred von Bassing verneigte sich dankend und sann dabei, woher kannte er nur diese grossen grauen Augen im Kranz der dichten dunklen Wimpern?

Der alte Herr besass ähnliche Augen, aber es waren Altmänneraugen, wenn sie auch noch so scharf und klar schienen.

Die jungen Augen aber waren erfüllt von kindlich reinem Glanz.

Es war eine Freude hineinsehen zu dürfen.

Ihm ging es durch den Sinn, er kannte diese Augen ganz genau, aber Nebel flatterten, die Erinnerung verdunkelnd, über sein Gedächtnis hin. Es fiel ihm nicht ein, woher er die grauen Sterne kannte.

Es klopfte und im nächsten Moment traten Günter Overmans und seine Frau ein.

Alfred von Bassing blickte die zierliche Dame, die eben gekommen, prüfend an.

Sie kannte er doch auch!

Sie musste ihm schon einmal im Leben begegnet sein, und diese Begegnung hing irgendwie mit den kindlich reinen Augen des jungen Mädchens zusammen.

Und jetzt hoben sich die Nebelschleier, die ihm das Nachdenken erschwerten.

Nun war er im reinen mit sich.

Die schönen, klaren, grauen Augen hatte das Mädelchen auf seinem Bilde, das der Kunsthändler Meifinger letzthin an einen reichen Stuttgarter Herrn verkauft hatte.

Er konnte nicht begreifen, dass er das nicht sofort gewusst hatte.

Der alte Herr unterbrach seinen Gedankengang.

„Das sind mein Sohn und meine Schwiegertochter, Herr von Bassing. Beide freuen sich sicher, Sie kennen zu lernen. Ich habe meiner Schwiegertochter nämlich zu Weihnachten ein Bild geschenkt, das Sie gemalt haben. Es heisst „Erwachendes Kind“ und die Kleine ähnelt auffallend unserem Liebling in ihren Kinderjahren.“

Er wies bei dem Worte „Liebling“ auf das junge Mädchen, das jetzt zu Alfred von Bassing hinüberlächelte.

Lamprecht Overmans stellte nun den Maler vor und Karolas Blick musterte den Mann fast angstvoll, der das Bild gemalt, das wie ein Gespenst aus der Vergangenheit plötzlich unter ihrem friedlichen Dache aufgetaucht und sie nicht mehr in ihre frühere Ruhe zurückfinden liess.

Alfred von Bassing fand, es drang da plötzlich viel Neues auf ihn ein.

Lamprecht Overmans lächelte: „Setzen wir uns doch alle recht gemütlich in diesem neuen, noch ein wenig nach Anstrich duftenden Bureau, und unterhalten uns über das Bild.“

Karola zuckte zusammen.

Sie scheute vor einer Unterhaltung über das Bild zurück, wiederum aber sagte sie sich, vielleicht würde sie nach einer Unterhaltung über den Gegenstand ihrer ständigen Erregung ruhiger. Vielleicht hörte sie nun eine sehr harmlose Entstehungsgeschichte des Bildes und konnte die seltsame Furcht, die sie jetzt wieder quälte, für immer verscheuchen.

Lamprecht Overmans rieb sich die Hände.

„Ja, denken Sie, Herr von Bassing, genau so, wie das drollige Strampelchen auf Ihrem Bilde, sah meine Enkelin aus, als sie noch so ein winziges Gnomenweibchen war. Es interessiert uns alle natürlich ausserordentlich, wer Ihr Modell gewesen, da die Aehnlichkeit frappant ist.“

Alfred von Bassing erwiderte versonnen: „Das Modell zu meinem Bilde habe ich in der Schatzkammer meiner Erinnerungen aufgestöbert und zwar in Gestalt einer Postkarte aus Knabenjahren.“ Er sah das junge Mädchen an. „Vor zwölf Jahren wohnte mein Vater vorübergehend mit mir in Freiburg, in einem kleinen Hotel. Wir kamen aus der Schweiz und wollten nach Berlin. In Freiburg machten wir Rast. Es war kurz vor dem Ausbruch des grossen Weltkriegs und alle Menschen waren durcheinander und kopflos.“

Karola war froh, jetzt zu sitzen, sie war überzeugt, wenn sie jetzt nicht sässe, würde sie den Halt unter den Füssen verlieren.

Ihr war es, als strecke sich eine drohende Faust gegen sie aus und sie fühlte die Angst wie ein feuchtes ekles Gewürm über ihren Körper gleiten.

Was würde dieser Mensch, den sie wissentlich vor dieser Stunde noch niemals im Leben gesehen, dessen Namen sie erst seit dem Weihnachtsabend von dem Bild her kannte, jetzt erzählen?

Es musste irgend etwas sein, was mit jenem furchtbarsten Tag ihres Lebens zusammenhing. Soviel wusste sie bereits, ahnte es mit vollkommener Sicherheit.

Wahrscheinlich standen sie alle nun schon dicht vor der Katastrophe, die sie eigentlich nie mehr gefürchtet und die jetzt plötzlich gefährlich nahe gerückt war, die drei Existenzen bedrohte. Die ihres Mannes, die eigene und die des Kindes, das im Mittelpunkt einer Handlung stand, die man wohl in die Abteilung Verbrechen einreihte.

Wie entsetzlich schuldig kam sie sich wieder vor, wie grausam deutlich erhob sich jetzt alles wieder vor ihren Augen, was sie einst durchgemacht.

Günter Overmans sah seine Frau bittend und warnend an.

Sie schien ihm jetzt fähig, ohne angeklagt zu sein, ein Geständnis hinauszuschreien.

Karola blickte vor sich nieder.

Sie war nicht fähig, dem Manne ins Angesicht zu schauen, der ihr das verkörperte Schicksal schien und der jetzt fortfuhr:

„Also vor zwölf Jahren befand ich mich ein Weilchen allein in dem kleinen Hotel in Freiburg. Mein Vater besuchte einen Freund und ich stand am Fenster unseres Zimmers — es dämmerte schon ein wenig — und unterhielt mich damit, die gegenüberliegende Strassenseite zu mustern. Plötzlich vernahm ich von nebenan Kinderweinen, und weil ich ein mitleidiger Junge war, ging ich kurzentschlossen in das Nebenzimmer, dessen Schlüssel steckte und nicht einmal im Schloss herumgedreht war, und fand dort ein niedliches Mädchen, das nach der Mutter weinte. Es erzählte mir eine verworrene Geschichte vom Mutti, und ich tröstete das drollige Ding, ersann schleunigst ein Märchen, um es abzulenken. Und bei dem Märchen schlief es ein. Nun kehrte ich in das andere Zimmer zurück und zeichnete, bis mein Vater kam, auf eine Postkarte das Bild der Kleinen, wie sie mir im Gedächtnis haften geblieben. Mein Vater kehrte dann zurück und als er und sein Freund mit mir fortgingen, sah ich eine Dame und zwei Herren mit dem Hotelportier sprechen.“ Er liess seine Augen auf Karola ruhen. „Wenn mich nicht alles täuscht, waren Sie jene Dame, gnädige Frau.“

Günter Overmans atmete ein wenig auf. Alfred von Bassings Erzählung barg bisher nicht die geringste Gefahr.

Karola erwiderte bedrückt: „Der eine der Herren war mein Mann, der andere unser Hausarzt.“

Alfred von Bassing nickte.

„Ich dachte es mir damals, als ich an Ihnen vorbeiging, dass Sie die Mutter der Kleinen sein müssten, nach der sie geweint. Das Kindchen nannte mir auf meine Frage auch seinen Namen.“

Karola fühlte ihren Herzschlag stocken vor toller, wirbelnder Angst.

Allbarmherziger, die Gefahr, die sie vorübergewähnt, war ja noch gar nicht vorüber. Sie begann wohl erst.

Fiel der Name Babette Kempen, dann war der Stein ins Rollen gebracht, der das Glück der ganzen Familie Overmans zerschmettern würde.

Sie hob sich ein wenig im Stuhl, von dem Gefühl getrieben, ganz einfach fortzulaufen, sobald der Name fiel, aber trotzdem fragte sie lächelnd: „Konnte denn meine kleine Traute ihren Namen gut und deutlich sagen? Sie war damals so ein Dummerchen Fremden gegenüber.“

Alfred von Bassing fuhr sich über die Stirn.

„Verzeihung, gnädige Frau, seinen Namen nannte das Kind, aber ob deutlich oder undeutlich, das weiss ich nicht, denn den Namen habe ich längst vergessen.“

Das junge Mädchen warf vergnügt ein: „Ich bin fest überzeugt, ich habe mich Ihnen damals deutlich als Trautchen Overmans vorgestellt.“

Der Maler nickte lächelnd.

„Davon bin ich ebenfalls überzeugt. Aber mein Gedächtnis lässt mich leider im Stiche. Es sind eben schon mehr als zwölf Jahre her. Ich war damals ein Dreizehnjähriger, und wenn ich mich auch zuweilen an das kleine Mädchen erinnerte, so vergass ich doch den Namen und vieles von dem Drumherum der niedlichen Episode. Manchmal aber fiel mir wieder die Postkarte in die Hände, auf die ich die Kleine hingestrichelt. Eine Karte mit der Ansicht des kleinen Freiburger Hotels und dem Datum des achtundzwanzigsten Juli 1914. Eines Tages reizte es mich dann, nach der Skizze ein Bild zu malen, das ein fast unglaublicher Zufall nun in das Haus meines Modells gebracht.“

Lamprecht Overmans hatte eine Falte auf der Stirn, aber er unterhielt sich in freundlichem Tone mit dem Maler weiter, der sich dann aber bald verabschiedete.

Auch in Gegenwart des jungen Mädchens blieb der alte Herr sehr ruhig, doch als er sich später, am Abend, im Zimmer des Sohnes mit dem Ehepaar allein befand, machte er seinem Grolle Luft.

„Wie durftet ihr damals das Kind auch nur eine einzige Minute allein lassen! Unverantwortlich war das von euch und ich zittere noch nachträglich vor Angst, was alles hätte geschehen können.“

Günter zwang sich ein Lachen ab.

„Die Hauptsache, Vater, ist doch, es geschah dem Kinde gar nichts. Damals kamen wir von St. Blasien und machten in Freiburg Station, ehe wir nach Davos weiterfuhren. Und die Alarmgerüchte, die dem schon sicheren Kriegsausbruch vorangingen, trieben uns kurze Zeit aus dem Hotel. Es war so eine erregte Stimmung damals um einen herum, man konnte es in den vier Wänden nicht mehr ertragen. Da blieb das Kind ein wenig allein. Nicht lange, gar nicht lange! Die Nurse hatten wir doch ihrer Unverschämtheit wegen in St. Blasien entlassen müssen.“

„Das sind alles keine Entschuldigungen,“ zürnte der alte Herr, „recht ist es jedenfalls nicht von euch gewesen, das arme Wurm mutterseelenallein im Hotelzimmer seinem Schicksal zu überlassen und aus Sensationslust auf die Strasse zu laufen. Doktor Frank soll sich schämen, dass er nicht wenigstens bei der Kleinen geblieben ist.“

Günter erwiderte, um den Doktor nicht wieder in das traurige Spiel mit hineinzuziehen, daran er ja auch beteiligt gewesen: „Der Doktor war schon vor uns ausgegangen, er wusste nichts von unserem Ausgang. Unterwegs in Freiburg trafen wir ihn dann zufällig.“

„Dann ist er wenigstens leidlich entlastet,“ brummte Lamprecht Overmans.

Um Karolas Kinn zuckte es verdächtig.

O wenn der Vater wüsste, wie sich alles in Wirklichkeit verhalten hatte!

Ihr Herz schlug schmerzhaft vor toller Angst.

Geringfügig und nebensächlich war das Poltern des alten Herrn, wüsste er die Wahrheit, dann ginge wohl ein Sturm durch das Haus, erschütterte es in seinen Grundmauern, risse alles um, was fest und standhaft geschienen, wirbelte Glück und Frieden für immer in alle vier Himmelsrichtungen.

Sie liessen beide den alten Herrn schimpfen, hielten still.

Und schliesslich ward er ruhiger.

„Seht ihr,“ sagte er, noch immer erregt atmend, „auf so sonderbare Weise kommt noch nach langen Jahren etwas heraus, an das ihr sicher überhaupt nicht mehr gedacht habt.“

Der Satz klang für die beiden doppelsinnig, obwohl sie genau wussten, es barg sich nichts dahinter.

Ganz ruhig aber schloss er dann: „Sonderbar ist’s, dass dieser Bassing unser Trautchen auf dem Bilde als so ein molliges, gesundheitsstrotzendes Ding wiedergegeben hat. So erholte sie sich doch erst in Davos! Aber Maler verbessern gern die Natur. Sie haben auch wohl noch ein paar heimliche Augen, diese Künstler, die gewöhnliche Sterbliche nicht haben, und mit den heimlichen Augen ahnte er schon damals in unserem blassen Püppchen die spätere, die genesene Traute. Die Traute, die uns der Aufenthalt in Davos schenkte, die Traute, an der sich das Wunder vollzog.“

Das Wunder! klang es in Karola nach.

Das Wunder!

Sie empfand noch einmal im Geiste all die entsetzlichen Schmerzen, die sie schon erlitten um des „Wunders“ willen.

Sie hätte laut aufschreien mögen, wenn sie des Wunders gedachte, so wie sie es kannte.

40. Kapitel.

Alfred von Bassing legte Traute Overmans bald die ersten Entwürfe vor.

Sie zog erst ein kritisches Gesicht, nickte dann wohlwollend: „Ich sehe, Sie haben verstanden, wie ich in unserem Fall das Wort „modern“ meinte, Herr von Bassing. Die Proben gefallen mir und ich bin überzeugt, meinem Grosspapa werden sie auch gefallen.“

Ja, die Proben gefielen auch Lamprecht Overmans, und so erhielt denn Alfred von Bassing gute Aufträge und die erste Honorarzahlung, die eine viel höhere Summe ergab, als er zu hoffen gewagt.

Als er mit dem Geld nach Ludwigsburg kam und es in einem Anflug von selten guter Laune auf den Tisch der Wohnstube aufbaute, in der Art von Kartenhäusern, schnippte Lilli die Geldscheine verächtlich mit den Fingern um.

„Du liebe Güte, was machst du für einen Kram von den paar Tapetengroschen! Wenn ich mir nur das Allernotwendigste anschaffe, bleibt schon nichts mehr davon übrig.“

„Was verstehst du unter dem Allernotwendigsten?“ fragte er.

Seine gute Laune war sofort zerronnen, als sie das, worüber er Freude empfunden, so überaus geringschätzend abtat.

Sie gab ihm prompt Antwort.

„Das Allernotwendigste sind für mich erstens mindestens sechs Paar anständige Seidenstrümpfe, so billige, wie du mir letzthin brachtest, will und kann ich nicht tragen. Zehn Mark muss ich wenigstens für das Paar anlegen.“

Er warf ihr ärgerlich entgegen: „Bist du verrückt geworden, Lilli! Meinst du etwa, ich arbeite nebenbei für eine Tapetenfabrik, damit du dir von dem Gelde Strümpfe kaufst wie eine Millionärin oder ein verwöhnter Filmstar? Wenn du zwei bis drei Mark für ein Paar ausgibst, so ist das für unsere Verhältnisse schon zu viel.“

Sie dachte an ein paar heimliche Zusammenkünfte mit einem leidenschaftlichen Manne, der ihr immer wieder erklärte, sie wäre die schönste der Frauen, und es sprang ihr höhnend über die Lippen: „Hättest damals die Scheuerfrau heiraten sollen, die dein Atelier in Ordnung hielt, anstatt mich unglücklich zu machen. Die wäre vielleicht — ganz sicher ist das natürlich auch nicht — mit solchen billigen Strümpfen zufrieden gewesen.“

„Weshalb bist du nur immer gleich so ausfallend und bissig?“ rief er ärgerlich. „Meine Schuld ist es jedenfalls nicht, wenn es keinen Frieden zwischen uns gibt. Schliesslich habe ich dich doch nicht zum Altar geschleift! Eher hast du mich dorthingezogen.“ Er seufzte. „Ich habe mich gefreut über die ansehnliche Extraeinnahme und hoffte, du würdest dich mitfreuen. Aber du benimmst dich immer anders wie man denkt.“

Ihre Augen forderten ihn förmlich heraus mit spöttischem Gefunkel.

„Lass dich von mir scheiden, Freundchen, ich meine, es wäre für uns beide das Gescheiteste.“

Er war verblüfft.

Noch vor wenigen Wochen hatte er ihr sehr ernsthaft und vernünftig den Vorschlag gemacht, man wolle sich doch einmal in aller Ruhe eine endgültige Trennung überlegen, und hatte darauf die Antwort erhalten, sie liesse sich auf keinen Fall scheiden.

„Nie!“ hatte sie aufgetrumpft, „nie wirst du von mir frei werden! Ich bleibe allerdings nicht aus Liebe bei dir, sondern aus Hass. Das Leben will ich dir schwer machen, dich quälen mit allen Mitteln, die mir nur einfallen.“

Und jetzt begann sie selbst von der Scheidung zu sprechen.

Was mochte sie beeinflusst und ihren Sinn so verändert haben?

Aber schliesslich war das ja gleich, die Hauptsache war, sie zeigte sich der Scheidung nicht mehr abgeneigt.

Er schloss flüchtig die Augen, als blende ihn ein greller Schein.

Wie schön musste es sein, frei zu werden von dieser Frau!

Erst zwei Jahre war er mit ihr verheiratet, aber ihm schien es oft mehr als zwanzig Jahre her zu sein.

Wie war das alles so widerwärtig und quälend: Die kleinlichen Zänkereien, der beissende Spott, die bösen Ausfälle gegen seinen Vater, an dem sein Herz noch immer hing.

Sie beobachtete ihn scharf.

„Mein lieber Alfred, versenke dich nicht in Zukunftsträume, kehre in die Wirklichkeit zurück. Noch sind wir verheiratet, noch mache ich also auch Ansprüche. Deshalb, verehrter Gatte, Kunstmaler und Tapetenmusterklexer, ich brauche anständige Strümpfe, Handschuhe und einige sonstige Kleinigkeiten, und vor allem muss ich endlich einen Pelzmantel haben, es braucht ja nicht gerade der teuerste zu sein. Kannst ihn wohl schliesslich in mehreren Raten bezahlen, wenn es mit einmal nicht geht. Schmiere doch für den ollen Tapetenfritzen rasch noch ein paar so blödsinnige Verzwicktheiten zusammen, wie du ihm heute abgeliefert hast. Dann reicht es nicht nur zum Pelz, dann springt auch noch allerlei anderes dabei heraus, was ich ebenfalls brauche, wenn auch nicht ganz so wichtig.“

Er blickte sie sprachlos an und dachte, eben hatte das etwas zu rot gefärbte Lippenpaar noch von der Scheidung gesprochen, jetzt baute es ihm schon wieder eitle Wünsche auf.

O welch ein Tor war er gewesen, die Worte von der Scheidung auch nur eine einzige Sekunde lang ernst zu nehmen.

Diese oberflächliche Frau redete viel zusammen und es bereitete ihr Freude, ihn ordentlich durcheinanderzubringen.

Sie nickte ihm aufmunternd zu.

„Also pfusche nochmal ein paar Muster hin, damit der olle Tapetenfritze rausrückt mit den Moneten für Lillichens Pelzmantel.“

Alfred von Bassing dachte, es war gut, dass er der Frau nicht erzählt hatte, dass der „olle Tapetenfritze“, wie sie sich so geschmackvoll ausdrückte, eigentlich eine blutjunge Dame war, das einstige Original seines Bildes „Erwachendes Kind“.

Er war froh, ihr nichts von allem erzählt zu haben, was damit zusammenhing.

Er meinte, die wunderbar reinen grauen Augen Traute Overmans vor sich zu sehen und es dünkte ihm Heiligtumsschändung, zu Lilli von diesem Mädchen zu sprechen.

Sie riss ihn aus seinen Gedanken.

„Fange doch gleich heute an,“ drängte sie, „der Abend ist noch lang.“

Er erhob sich hastig und stiess seinen Stuhl zurück.

„Nein, heute fange ich nicht mehr an und morgen wahrscheinlich auch nicht, in den nächsten Tagen muss ich mein Bild der „Landverderberin“ fertigmalen. Und einen Pelz brauchst du nicht! Hast dir ja erst den eleganten, teuren und reich mit Pelz besetzten Tuchmantel anfertigen lassen. Also Schluss der Debatte! Ich gehe jetzt noch ein Stündchen hinaus, unsere Unterhaltung hat mir Verlangen nach frischer Luft gemacht.“

Sie lachte das klirrend helle Spottlachen, das ihn stets aufs neue erregte.

„Ja, laufe nur in deiner beliebten Manier noch Strasse auf, Strasse ab. Vielleicht triffst du unterwegs eine Bauernliese, die mit deiner Liebe und Baumwollstrümpfen zufrieden ist. Die heiratest du, wenn wir geschieden sind. So eine hätte das tragische Schicksal verdient, deine Frau zu sein.“

Er sah sie ernst an.

„Lilli, du benimmst dich in letzter Zeit so ganz besonders unausstehlich, dass es kaum noch zu ertragen ist. Aber sage: Ist es dir denn wirklich ernst mit der Scheidung?“

Sie nickte: „Jawohl, es ist mein voller Ernst. Ich mag nicht mehr. Das Zusammenleben mit dir ist das reinste Trauerspiel.“

Er wanderte im Zimmer auf und ab, hatte völlig vergessen, dass er noch ausgehen wollte.

„Also reden wir einmal vernünftig, Lilli, nicht wahr?“ bat er. „Du weisst ja, wie sehr ich für eine Scheidung bin.“

Sie wehrte lebhaft ab.

„Darüber zu reden habe ich jetzt gar keine Lust, das hat noch Zeit.“

Sie hatte überlegt, es ging ihr, trotz ihrer Unzufriedenheit mit allem, nicht schlecht bei ihrem Manne, und ob es dem anderen wirklich Ernst war mit der Heirat, das musste sie erst sicher wissen, ehe sie ihn aufgab, der ihr immerhin ein bequemes Faulenzerleben ermöglichte.

Er sagte scharf und zornig:

„Man kommt mit dir nicht weiter! Eigentlich bist du aber alt genug, zu wissen, was du willst.“

Sie lachte nur, gab ihm keine Antwort und sann, wie so ganz anders wäre alles, wenn sie genau wüsste, wie sie mit dem Baron daran war.

Man traf sich heimlich draussen vor dem Städtchen und immer leidenschaftlicher ward der Verehrer. Manchmal sah sie sich schon als Baronin in Reichtum und Behaglichkeit schwimmend, dann aber gab es Augenblicke, wo sie stutzte.

Der Baron führte oftmals so sonderbare Reden, und wenn sie ihn dann bat, deutlicher zu sprechen, brach er ab und meinte geheimnisvoll, alles würde ihr eines Tages klar werden.

Sie hatte für morgen nachmittag wieder eine Zusammenkunft verabredet, und dachte, es war gar nicht gut, dass ihr Mann in nächster Zeit wieder mehr an dem Bilde malen wollte.

Er malte in einem der Schlosseingänge, dessen Decke das Bild der Grävenitz, der sogenannten „Landverderberin“ trug.

Er malte dort mit offizieller Erlaubnis der Schlossverwaltung und ein kleiner Petroleumofen wärmte sein merkwürdiges Atelier.

Nur musste sie immer fürchten, er machte nach seiner Arbeit einmal einen Spaziergang ins Freie und traf sie dann — mit dem anderen.

Wenn er, wie letzthin, oft in Stuttgart gewesen, fühlte sie sich sicherer.

Sie musste jedenfalls sehr vorsichtig sein, denn wenn es zur Scheidung kam, wollte sie nicht der schuldige Teil sein.

Sie wusste ja zu genau, wie sehr ihr Mann die Scheidung wünschte, und deshalb gedachte sie ihn zu beeinflussen, er sollte der Schuldige sein.

Als Alfred von Bassing einsah, seine Frau würde vorläufig doch keine Notiz mehr von seiner Gegenwart nehmen, verliess er die Wohnung, lief dann kreuz und quer durch die Strassen, um schliesslich in einer einfachen Wirtschaft zu landen, wo er sich ein Nachtessen bestellte.

Und während er ohne besonderen Genuss ass, dachte er müde, wie quälte ihn die Frau, deren Schönheit ihn einmal berauscht, doch Tag für Tag. Wie ein Bleigewicht hängte sie sich an die Flügel seiner Künstlerschaft, riss ihn, wenn er sich aufschwingen wollte, immer wieder herab.

So manchen Sehnsuchtstraum, den er geträumt, hatte er im Bilde festhalten wollen, aber ihre ewige Unzufriedenheit, ihr Nörgeln und Spotten beraubte ihn immer mehr seiner besten Schaffenskraft.

Er starrte in sein Weinglas und sann, wenn zwei reine graue Augen, wie die dieses halben Kindes in Stuttgart, ihm auf seinem Weg geleuchtet, dann besässe er inneren Frieden.

Glücklich der Mann, dem sich Traute Overmans einmal zu eigen geben würde!

Sie war ja noch so jung, so blutjung, und wusste noch nicht, was die Liebe war.

Eines Tages aber würde auch ihre Stunde schlagen.

Glühend zu beneiden war der Mann, dem diese Augen einst in Liebe leuchten würden!

Er zahlte. Er wollte doch lieber wieder heimgehen, sich zur Ruhe begeben, alle törichten und alle traurigen Gedanken verschlafen.

Denn törichter gab es wohl nichts, als dass er schon jetzt den Mann beneidete, den sich Traute Overmans einmal zum Lebensgefährten erwählen würde.

Er wanderte dann wieder langsam heim durch die stillen Strassen und dachte dabei, obwohl er sich innerlich selbst verspottete, nur an das junge Mädchen, das von einem reichen alten Mann, der sich solche Versuche erlauben durfte, an einen Platz gestellt worden war, den eigentlich nur ein erprobter, gewiegter Kaufmann hätte ausfüllen müssen. Den die Sechzehnjährige aber mit solcher Begeisterung und angeborener Geschäftstüchtigkeit ausfüllte, dass es staunenswert war. Und der ihre Vorzugsstellung nichts von der frischen Natürlichkeit zu nehmen vermocht hatte, die sie so entzückend kleidete, dass sie jedermann lieb haben musste.

Er erschrak vor sich selbst.

War der Gedanke nicht wie ein heimliches Geständnis gewesen?

In der nächsten Sekunde ertappte er sich dabei, dass er mit leiser Sehnsucht und einem ganz eigenen Frohgefühl an das nächste Wiedersehn mit Traute Overmans dachte.

Jetzt riss er sich aber gewaltsam zusammen. Was durfte ihn das reiche, verwöhnte Mädchen kümmern, ihn, den fast unbekannten Maler, der verheiratet war und im Joch dieser in toller Verblendung geschlossenen Ehe seines Weges trottete, wie ein armes, müdes Zugtier, das zu schwere Last hinter sich herziehen muss.

Er erreichte den Marktplatz, der äusserlich fast derselbe geblieben ist, wie zur Zeit der Landverderberin, der stolzen Grävenitz, vor ungefähr zweihundert Jahren. Die niedrigen Häuschen mit den Arkaden, der plätschernde Brunnen, die alte Kirche, von der es eben wie ein halbverwehter Gruss aus verschollenen Tagen zehn Uhr schlug.

Es war Mondschein und das fahlbläuliche Licht des himmlischen Nachtwächters fiel schräg über den Platz, umspielte die steinerne Gestalt des einstigen Herrschers von Württemberg, der seinem Land das Geld entzogen, um seine ehrgeizige Geliebte zu schmücken und zu feiern.

Alfred von Bassings Augen suchten das Haus, in dem er wohnte.

Romantisch wirkte der altertümlich erhaltene Platz am lichten Tage, doch noch romantischer wirkte er, wenn ihn, wie jetzt, der Mondschein aus nächtlichem Schatten in bleiches spukhaftes Leben riss, fand der Maler.

Seine Künstlerseele genoss.

Kein Mensch war zu sehen.

Die Bewohner der kleinen Städte gehen im Winter früh zur Ruhe, und die wenigen Wirtshausbesucher pflegen so still und unauffällig heimzuschleichen, dass man sie gar nicht bemerkt.

Und wieder blickte Alfred von Bassing nach dem Haus hinüber, in dem er wohnte. Dort drüben herrschte Dunkelheit vor, aber ihm war es, als klinge eben leise das Schliessen eines Fensterflügels von dort herüber, als sähe er vor dem Hause, da, wo der Mondscheinstreif zu enden schien, eine dunkle Gestalt stehen.

Er schritt weiter, kam dem Hause näher und erkannte deutlich oben am dunklen Fenster des Wohnzimmers die Umrisse einer Frau. Aus dem Nebenzimmer der nach hinten gelegenen Schlafstube drang matter Lichtschein, sonst hätte er die Umrisse der Frau nicht erkennen können.

Also stand Lilli am Fenster des Wohnzimmers. Und die Gestalt, die er vorhin bemerkt, befand sich jetzt direkt unter dem Fenster und hielt etwas Weisses in der Hand.

Dicht vor seiner Haustür stiess er mit einem Herrn zusammen und stellte fest, das Weisse war Papier. Vielleicht ein Brief?

Es durchzuckte ihn, dieser Mann hing irgendwie mit Lilli und ihm zusammen, und es gab da irgendein Geheimnis, das ihn sehr anging und um das er sich kümmern musste.

Seine Vernunft warnte ihn, eine Uebereilung zu begehen.

Er durfte doch einen Herrn, den er zufällig vor der Tür des Hauses traf, darin er selbst wohnte, nicht festhalten und befragen, was er hier zu suchen habe.

Der Marktplatz war ja nicht sein persönliches Eigentum.

Der Fremde ging vorbei, aber Alfred von Bassing fiel ein starker Juchtengeruch auf, der den Kleidern des anderen entströmte.

Während er den Schlüssel ins Schloss steckte, dachte er, parfümierte Männer mochte er nicht leiden.

Juchten war spezielles Herrenparfüm, Sportsleute liebten es. Aber er fand es komisch, dass da jemand zu später Abendstunde auf dem Marktplatz herumstand und nach Juchten roch, als hätte er eine ganze Flasche davon über sich ausgeleert.

Nachdem er die Haustür aufgeschlossen, verharrte er noch minutenlang davor und gab sich seinen beunruhigten Gedanken hin.

Ueber den Mann dachte er nach, der vorhin gerade unter dem Fenster seines Wohnzimmers gestanden hatte.

Er meinte wieder das dünne Klingen eines Fensterflügels zu hören, der geschlossen wurde, und dann ein weisses Papier in der Hand des Fremden zu sehen, dessen Gesicht er, auch bei dem nahen Vorbeistreifen, nicht hatte erkennen können.

Eben wurde irgendwo in der Nähe ein Motor angekurbelt, und gleich darauf drängte sich aus einer nahen schmalen Strasse ein Auto heraus, das dort mit abgeblendeten Scheinwerfern gestanden haben musste.

Wahrscheinlich auf den Mann, der nach Juchten roch wie ein grosser Reisekoffer aus solchem Leder.

Wie ein dunkles, nächtliches Untier mit riesigen, feurigen Glotzaugen brummte das Auto fort und Alfred von Bassing betrat kopfschüttelnd das kleine Haus.

Seltsam war die Geschichte doch, sehr seltsam!

Irgend etwas stimmte nicht dabei!

Er fand seine Frau in tiefem Schlaf versunken, gar nicht zu erwecken war sie.

„Und als es ihm endlich gelang, schalt sie fast weinend: „Weshalb hast du mich denn mit Gewalt munter gemacht? Ich habe so tief und wundervoll geschlafen, seit du fortgegangen bist.“

Es klang überzeugend, aber er glaubte ihr doch nicht und sagte erregt: „Das ist ja nicht wahr, Lilli, du lügst! Du hast noch vor knapp zehn Minuten am Fenster des Wohnzimmers gestanden. Im Schlafzimmer hier brannte Licht, davon drang ein wenig Helle nach vorn und so vermochte ich dich zu erkennen.“

Sie setzte sich mit energischem Ruck im Bett auf, aber ihre Augenlider schienen vor Müdigkeit mit Gewalt zuklappen zu wollen.

„Rede doch, bitte, nicht so unheimliches Zeug zusammen,“ schalt sie, „dabei graut mir vor mir selbst. Ich kann doch unmöglich am Fenster stehen, wenn ich gleichzeitig im Bett liege und schlafe!“ Ihre Stimme ward schärfer. „Oder bist du etwa gar betrunken? Natürlich! Pfui Teufel, schäme dich! Und deshalb reisst du mich aus dem besten Schlaf, deshalb?“ Sie steckte den Kopf unter die Decke und erstickt klang es darunter hervor: „Roh bist du, grenzenlos roh! Wie durftest du dich nur soweit vergessen, eine arme müde Frau zu wecken, weil du im Suff Dinge gesehen hast, die unmöglich sind!“

Er ging hinüber in das Wohnzimmer und sann nach, ob ihm seine Phantasie nicht vielleicht wirklich durchgegangen war.

Dann brauchte es ihn natürlich nicht zu kümmern, wer der fremde Herr gewesen und wo ein Fenster geklirrt hatte.

Es mochte sich um eine heimliche Liebschaft in einem der Nachbarhäuser handeln.

Direkt nebenan waren zurzeit ein paar hübsche Berlinerinnen auf Besuch.

Vielleicht spielte eine davon in einer kleinen Liebeskomödie mit.

Er begab sich auch zur Ruhe, aber bis in seinen Traum hinein verfolgte ihn, was er kurz zuvor gesehen zu haben meinte.

Aber klarer sah er es, schärfer umrissen.

Als zöge es wie ein Filmband an ihm vorüber.

Er erblickte Lillis Gestalt am Fenster, vernahm deutlich, wie sie es öffnete, sah, wie sie etwas Weisses hinunterwarf, das der Mann aufnahm, der unter dem Fenster gestanden und auf den ein Auto so geheimnisvoll gewartet.

Am nächsten Morgen befand sich Lilli in allerbösester Laune.

Sie schalt, er benehme sich wie ein Rohling so unverantlich gemein, und er floh förmlich vor dem Gezeter, das sie anstimmte und das niemand dem schönen, gepflegten Geschöpf zugetraut hätte.

Er floh an seine Arbeit ins Schloss.

Lilli aber ward nicht ruhiger, nachdem ihr Mann gegangen, im Gegenteil, ihre Unruhe stieg noch.

Ihre Nerven revoltierten stark.

Sie überlegte: Dieses eine Mal hatte sie die Entdeckung noch abgewandt, wenn der Baron aber nochmals auf die Kateridee verfiel, ihr zu so später Stunde Botschaft zu geben, konnte das zu einem bösen Skandal führen.

Nicht nur ihr Mann bedeutete eine Gefahr, sondern die gesamte Nachbarschaft.

Mit ein paar flüchtig hingeworfenen Zeilen hatte sie den Stürmischen bewegen können, das Feld zu räumen, aber wiederholen sollte sich Aehnliches nicht.

Wie durfte er sich überhaupt in die Nähe des Hauses wagen.

Schon das war zuviel. Aber ihm hatte das nicht einmal genügt.

Sie liebte dergleichen nicht. Für Romantik in diesem Sinne fehlte ihr jedes Verständnis. Und das würde sie dem Baron auch klarmachen!

Sie verspürte gar kein Verlangen, sich in der kleinen Stadt bis auf die Knochen zu blamieren und ihrem Manne einen guten Scheidungsgrund zu geben.

Da hatte sie gegen ein Viertel vor zehn Uhr im Schlafzimmer vor dem Spiegel gestanden und ihr Haar gebürstet, als sie hörte, es fiel nebenan im Wohnzimmer etwas mit scharfem Aufschlagen zu Boden.

Sie erschrak natürlich, weil sie doch wusste, nebenan befand sich niemand, glaubte aber im ersten Moment, ihr Mann wäre zurückgekommen und hätte irgend etwas hingeworfen oder umgestossen. Als sie dann die Tür nach der Vorderstube öffnete, sah sie auf den ersten Blick, es lag da etwas Weisses am Boden.

Sie hatte kurz zuvor das eine Fenster im Wohnzimmer aufgemacht, damit die Stube etwas durchlüften sollte, und was da mitten auf dem dünnen Teppich lag, war ein ziemlich grosser Stein, um den ein weisser Briefbogen gewickelt war.

Sie las die durch das Fenster erhaltene Botschaft im Schlafzimmer.

Auf dem Briefbogen stand:

„Dein Wächter sitzt im Wirtshause, schönste Frau, er stört also nicht. Ich muss Dich sehen, weil ich toll vor Sehnsucht nach Dir bin! Komm wenigstens herunter zu einem einzigen Kuss. Ich kann nicht bis morgen nachmittag darauf warten. Oder noch besser, komm gleich mit mir, in meinem Heim ist viel Platz für die schönste Frau. Mein Auto wartet!“

Mit rasender Geschwindigkeit hatte sie auf denselben Bogen Papier gekritzelt: Fühle mich nicht wohl, morgen alles Weitere!

Und um den Stein gewickelt, hatte sie ihre Antwort hinuntergeworfen und das Fenster geschlossen, sich um nichts mehr gekümmert, wenn sie auch vor Angst bebte, der Stein könne noch einmal zurückgeflogen kommen. Diesmal müsste er durch die Scheiben.

Rasch schlüpfte sie ins Bett und atmete auf, als sie ein Auto fortfahren hörte.

Sie überdachte so das Erlebnis des gestrigen Abends noch einmal, und kam zu dem Ergebnis, das Stelldichein heute nachmittag musste sie auf jeden Fall einhalten, um dem Verliebten Vernunft zu predigen.

Sie wollte keine Torheit begehen, das musste der Baron einsehen, sie wollte nicht als schuldiger Teil aus der Scheidung hervorgehen.

Auch musste sie endlich genaue Erkundigungen nach den Verhältnissen des Barons einziehen.

Ihr war es zuweilen, als sei die heimliche Liebschaft viel zu rasch vorangegangen, als habe sie sich in ein Netz verstrickt.

Aber wenn sie dann wieder mit dem Baron zusammentraf, schienen ihr alle Bedenken lächerlich.

Man brauchte ihn ja nur anzusehen, um zu wissen, er gehörte zu den Vornehmen und Reichen.

Sie würde am besten tun, wenn sie so bald als möglich ihren Mann verliess und nach Berlin reiste. Bei ihrer Freundin Steffi konnte sie die Scheidung abwarten. Und dann war sie auch wohl bald so weit, dass der Weg zu Titel und Reichtum für sie frei ward.

Sie lachte schon wieder bei dem Gedanken, der ihr gefiel, und sann, dass sie so einem verliebten Menschen, wie dem Baron Westernhagen, noch niemals begegnet war im Leben.

Originell war er!

Hoffentlich hatte niemand aus der Nachbarschaft gestern abend die doch immerhin auffallende Szene beobachtet!

Ihre Wirtin schlief im Erdgeschoss nach hinten hinaus und kroch früh ins Bett, auch sonst mochte wohl niemand aus dem Fenster geguckt haben, weil es sehr kalt war.

Ihr Mann war ein bisschen zu früh nach Hause gekommen.

Aber ihn hatte sie dumm gemacht.

Darüber lohnte es sich gar nicht weiter nachzudenken.

Sie dachte, alles würde schon gut gehen, und fuhr zunächst nach Stuttgart, um Einkäufe zu machen.

Das Geld, das ihr Mann gestern heimgebracht, juckte sie zu sehr

41. Kapitel.

Ganz weit draussen vor dem Städtchen traf sich Lilli von Bassing mit dem Baron.

Er verneigte sich vor ihr wie vor einer Königin und ihre Eitelkeit plusterte sich auf.

Ihr Wesen ward selbstbewusster.

Des Barons dunkle Augen brannten in die ihren.

„Endlich! Ich hätte die Sehnsucht nach dir nicht mehr aushalten können. Gestern wurde sie so stark, gestern war ich so entsetzlich ruhelos nach dir, dass ich schon den ganzen Nachmittag umherirrte. Hier draussen war ich und auch im Städtchen. Mir war es, als müsste ich dich überall suchen. Als der Abend kam, konnte ich es nicht mehr ertragen und wenn ich dann spät auch nur flüchtig und verwischt deine Gestalt sah, so bedeutete es für mich doch schon einen, wenn auch noch so kleinen Trost.“

Sie beobachtete mit einer Art Neugierde, wie sich sein hageres, bräunliches Gesicht straffte vor innerer Erregung, der er Herr zu werden versuchte.

Wenn der Baronstitel nicht gewesen wäre und das Gut und der Reichtum, fand sie solche Liebe eigentlich ein bisschen strapaziös.

Schmeichelhaft für sie mochte ja diese grosse Leidenschaft sein, die sie dem Baron eingeflösst, aber viel übrig hatte sie nicht dafür.

Nun, sie war mit ihrem Manne auch fertig geworden, dieser hier musste ebenfalls so werden, wie sie ihn haben wollte.

Sie sagte: „Du hättest das gestern abend nicht tun dürfen, lieber Fred. Mit Müh und Not habe ich meinen Mann von seinem Verdacht abgelenkt. Er hat mich am Fenster gesehen und muss dich auch gesehen haben. Ich kam seinen Anschuldigungen zuvor, erklärte ihn für betrunken, so dass er gar nicht viel zu sagen wagte. Aber ich bitte dich dringend, tue so etwas nicht wieder! Denn du wirst doch nicht wünschen, dass mein guter Ruf geschädigt wird. Es wohnen viele Leute am Marktplatz, und wenn niemand etwas von dem Vorfall gestern abend beobachtet hat, wollen wir froh sein, dann haben wir Glück gehabt.“

Er schob das Kinn etwas vor, kniff die Lippen ein. Das Kinn war eckig und das Gesicht des ungefähr Dreissigjährigen erhielt dadurch einen so brutalen Zug, dass es Lilli kalt überlief.

Wie eine heimliche Warnung war das.

Sie musste denken, Baron Fred Westernhagen würde bestimmt kein so bequemer Ehemann werden, wie Alfred von Bassing, der um des lieben Friedens willen schliesslich immer wieder nachgab.

Sie überlegte, ob es nicht klüger wäre, alle ihre ehrgeizigen Pläne fallen zu lassen.

Aber nein, die Verwirklichung der Pläne lockte, sie durfte ihr Glück nicht verschmähen.

Nie wieder würde es sich ihr so bieten.

Der Mann sah sie an und in seinen Augen glimmte es seltsam.

„Was gehen uns beide denn die Leute an, die um den Marktplatz von Ludwigsburg herum wohnen! Sollte dieser oder jener Spiesser etwas bemerkt haben, so schadet das gar nichts. Du wirst meine Frau und wehe dem, der es dann wagt, ein Wörtchen über dich zu sagen, was du oder ich nicht hören dürften.“

Sie schüttelte den Kopf.

Seine Antwort war nicht nach ihrem Geschmack.

„Es ist besser, wenn du mich nicht in die Gefahr bringst, dass man über mich klatscht. Und dann bitte ich dich vor allem, gönne mir zunächst ein paar Tage, das, was uns angeht, gründlich zu überlegen. In einer Woche von heute an treffen wir uns um diese Zeit hier und besprechen unsere Zukunft.“

Sie wollte sich bis dahin genau über die Person des Barons erkundigen, und danach mit ihrem Manne die Scheidungsfrage erörtern. Sobald das geschehen, würde sie nach Berlin zu ihrer Freundin Steffi reisen, die dort Direktrice eines der elegantesten Hutsalons war.

In Berlin konnte sie der Baron auch ab und zu besuchen.

Er war bis jetzt langsam neben ihr hergegangen durch die tiefverschneite Winterwelt, die sie beide in Gummischuhen durchstapften.

Nun aber verhielt er den Schritt.

„Eine ganze Woche soll ich dich nicht sehen? Aber, Liebste, das ist doch wohl nur ein grausamer Scherz von dir? Ich wüsste wahrhaftig gar nicht, wie ich durch die Woche kommen sollte! Nein, nein, spätestens übermorgen wollen wir uns wiedersehen, allerspätestens übermorgen! Und weshalb laufen wir eigentlich hier im Schnee herum? Du kannst dich dabei erkälten, mein schönes Lieb. Und das dulde ich nicht. Das nächstemal, also übermorgen, erwarte ich dich mit dem Auto, und dann fahren wir zusammen nach Urach oder Hohen-Asperg oder sonst wo hin, wohin du magst.“

Sie widersprach: „Nein, nein, da mache ich nicht mit. Damit würden wir das Geklatsch ja geradezu herausfordern. Wenn wir dann zusammen gesehen würden, wäre ich für die Scheidung ja gleich von Anfang an zum schuldigen Teil gestempelt. Träfe uns jemand hier draussen, so wäre das natürlich nicht gerade angenehm, aber es könnte immerhin ein Zufall sein, der uns zusammengeführt. Und ich will nicht blamiert werden vor meinem Manne, hörst du, ich will es nicht!“

Er wiederholte: „Ich will! Liebste, schönste Frau, das klingt nicht gut aus deinem Munde. Schöne Frauen dürfen so nicht sprechen, es kleidet sie nicht.“ Er fasste nach ihrem Arm. „Sieh, mein Lieb, die Königin von Saba, die gewiss sehr verwöhnt war, hat nie zu mir gesagt: Ich will! Sie sagte stets: Ich bitte! Und als Lucrezia Borgia in meinen Armen geruht, vergass sie all ihren starken, herrischen Willen. Ich kannte viele schöne Frauen in allen Jahrhunderten. Die schönsten, die je gelebt, haben mich geküsst. Die stolze Königin Elisabeth von England und ihre schöne Stiefschwester Maria Stuart. Durch Schottland ritt ich neben ihr und das Pferd unter ihrem schlanken Körper ging weich und federnd, sich wohl fühlend in der Atmosphäre von Sanftmut, die des Landes Herrscherin umgab in meiner Nähe. Ich war Gutfreund im Schlosse von Versailles, und die Pompadour, die Frankreich und den fünfzehnten Ludwig beherrschte, kannte die zwei Wörtchen: Ich will! nicht mehr, wenn ich durch eine geheime Tür bei ihr eintrat.“

Er lachte eigentümlich. „Du siehst, mein schönes Lieb, du darfst sie auch nicht mehr sagen, die zwei Wörtchen, weil ich sie nicht leiden kann.“

Lilli hatte ihn sprachlos und erschreckt angesehen, während er redete und siedend heisse Angst erfüllte sie.

Schon mehrmals waren ihr sonderbare Reden an ihm aufgefallen, die er auf ihr Befragen damit abtat, später würde er ihr Erklärungen dafür geben. Aber so wirr und befremdend wie heute hatte noch nichts geklungen.

So etwas redete doch kein vernünftiger Mensch.

Er konnte doch die Frauen gar nicht kennen, die er eben genannt, deren Namen man im Buch der Weltgeschichte verzeichnet fand und die in früheren Jahrhunderten gelebt.

Und zugleich, um sich selbst ein bisschen zu ermutigen, dachte sie, der Baron machte wohl nur einen, allerdings etwas sehr merkwürdigen Scherz.

War das aber nicht der Fall, dann — — — Ihr Herzschlag setzte fast aus und sie wagte es nicht zu Ende zu denken, was sich ihr aufdrängen wollte.

Ihre Augen forschten in dem hageren, rassigen Männergesicht.

Abermals klang ein Lachen an ihr Ohr.

„Du glaubst nicht an alle diese hochnoblen Freundinnen, mein Lieb, nicht wahr? Ich auch nicht!“

Sie atmete hörbar auf und fand, der Scherz war geschmacklos gewesen.

Wie hatte sie sich noch eben gefürchtet, hatte schon gemeint, ein Wahnsinniger spreche zu ihr.

Er lachte immer noch.

„Nein, ich glaube auch nicht daran!“ Sein Lachen schwand. „Und doch, manchmal denke ich anders. Ich muss sie alle kennen, von denen ich dir sprach.“ Sein Gesicht verlor alle Vornehmheit. „Die Frauen von Heinrich dem Achten von England kannte ich auch, und ich war sogar dabei, als Anna Boleyn den Weg zum Schafott antrat. Es war ein Maientag im Jahre 1536. Ich sah ihr rotes Blut fliessen.“

Die alte Angst erfüllte Lilli wieder und sie stiess hastig hervor: „Wir können uns sehr bald wiedersehen, morgen schon, mir ist alles recht, aber jetzt muss ich fort, es ist die höchste Zeit.“

Die Knie zitterten unter ihr und sie war nur von dem einen Gedanken beherrscht: „Fort, fort von diesem Manne, dem der Wahnsinn aus den dunkelglühenden Augen schaute.

Jede Minute schien ihr eine furchtbare Gefahr zu bedeuten.

Eine Oase in der Wüste, eine Zuflucht vor grosser Gefahr schienen ihr die beiden spiessig möblierten Zimmer am Marktplatz.

O nur fort aus der Nähe dieses Mannes, vor dem ihr entsetzlich graute.

Und nie, niemals würde sie wieder in seine Nähe gehen.

Sie musste es fertig bringen, morgen früh nach Berlin abzureisen, damit sie kein Zusammentreffen mehr mit ihm zu fürchten brauchte.

Und damit sie ihre Ruhe wieder gewann.

Er hatte ihren Arm noch nicht freigelassen.

„Du brauchst keine Eile zu haben, mein Lieb, ich leide es nicht, dass du wieder zu deinem Manne zurückgehst, ich wünsche es nicht, also wirst du bei mir bleiben.“

Sie war grenzenlos aufgeregt und stiess wild hervor: „Ich will nicht, ich will nicht!“

Die Augen traten ihm fast aus den Höhlen und er schrie sie an: „Du sollst doch nicht sagen: Ich will! Ich verbot es dir noch eben. Die berühmten schönen Frauen, deren Namen jeder Gebildete kennt und die jeder Dummkopf im Konversationslexikon nachschlagen kann, haben sich stets meinen Wünschen gefügt, du Unbekannte bist dagegen aufsässig. Ich verurteile dich, wie Heinrich der Achte seine Frau Anna Boleyn verurteilte: Zum Tode!“

Lilli von Bassing schoss es durch den Kopf, dass ihr ehrgeiziger Zukunftstraum nun zu einem unheimlichen Gespenst geworden war, das sie erschreckte bis ins Innerste.

Und wie weit ab von der Stadt befand sie sich mit dem entsetzlichen Menschen!

Kein lebendes Wesen war weit und breit zu erblicken, und dazu sank schon die Dämmerung nieder und die Fernen verschwanden wie in grauem Dunst.

Sie riss sich schroff los, begann zu laufen und die Angst verlieh ihr Riesenkräfte.

Atemlos erreichte sie die ersten Häuser und da wagte sie es, sich umzusehen.

Weit hinten erblickte sie die Gestalt des unheimlichen Verehrers und immer noch von dem schnellen Dauerlauf keuchend, ging sie nun langsamer.

Morgen früh musste sie abreisen, hier blieb sie auf keinen Fall länger. Sie musste aus der Nähe des Gefährlichen, sie durfte ihm nicht mehr begegnen, nie mehr.

Sie begriff nur nicht, wie sie nicht schon eher bemerkt hatte, dass sie es mit einem Wahnsinnigen zu tun gehabt.

Gütiger Himmel, in was für einer furchtbaren Gefahr hatte sie sich befunden! Und ohne etwas davon zu ahnen!

Zitternd erreichte sie die kleine Wohnung am Marktplatz und war froh, dass ihr Mann noch nicht zu Hause war.

42. Kapitel.

Lilli von Bassing fand, ihr Mann malte heute lange im Schlosse. Aber es war ihr sehr angenehm.

Bis er kam, würde sie wenigstens leidlich ihre Selbstbeherrschung wiedergefunden haben, die sie jetzt ganz verloren hatte.

Sie hörte unten ihr ältliche Wirtin ein altes Volkslied singen.

Mehr laut als melodisch schallte es durch das Haus:

Morgenrot, Morgenrot,

Leuchtest mir zum frühen Tod —

Lilli dachte, das Geplärr war scheusslich. Sonst lachte sie über den Singsang, heute ärgerte und störte er sie.

Sie warf Mantel und Hut achtlos auf das Bett, nahm sich vor, ihrem Mann nachher zu sagen, sie wolle vorerst nach Berlin zu ihrer Freundin reisen und sie willige in die Scheidung.

Sie wollte froh sein, wenn sie diesen Ort hier erst weit hinter sich hatte, denn sie musste fortan jeden Augenblick fürchten, dem grässlichen Menschen wieder zu begegnen, dem sie allen Ernstes zutraute, dass er ihr etwas Böses antat.

Wie verblendet war sie denn nur gewesen, dass sie auf einen Wahnsinnigen hatte hineinfallen können.

Ein Schauer lief ihr über den Körper und sie meinte die ein wenig heisere Männerstimme wieder sagen zu hören: Ich verurteile dich, wie Heinrich der Achte seine Frau Anna Boleyn verurteilte: Zum Tode!

Sie wollte, nun sie sich vor der Gefahr gerettet und in Sicherheit wähnte, mit einem Lachen die Erinnerung an die unheimliche Situation vorhin verscheuchen, aber es gelang ihr nicht. Sie fühlte nur ein krampfiges Verzerren des Mundes und sah es auch im Spiegel, vor den sie gewohnheitsmässig hingetreten.

Unten sang jetzt die laute kreischende Stimme der Wirtin, die ein anderes Lied angestimmt hatte, mit lebhaftem Tremolieren und viel überflüssigem Gefühl:

Auf meinem Grabe soll’n rote Rosen, Rosen stehn,

Die roten Rosen und die sind schön!

Lilli von Bassing hielt sich einen Augenblick die Ohren zu.

Unerträglich war das ja heute! Das widerwärtige, überlaute Organ schien heute gar nicht mehr schweigen zu wollen.

Ihre Nerven schwangen immer noch in toller Unruhe. Die beängstigende, phantastische Szene, die sie vorhin weit draussen vor dem Städtchen durchlebt, liess sich nicht auf Kommando aus dem Gedächtnis fortschieben.

Mechanisch blickte sie noch immer in den Spiegel.

Sie fand sich entsetzlich bleich.

Sie wollte ein wenig Rot auflegen, was sie sehr selten tat.

Ihr Herz schlug noch immer wie ein Schmiedehammer.

Fast sehnte sie die Gegenwart ihres Mannes herbei.

Sie hatte beim Eintreten in das Schlafzimmer das elektrische Licht angeknipst, und wie sie so in den Spiegel schaute und wieder dachte, morgen früh musste sie abreisen, keine Minute länger als unbedingt nötig blieb sie in diesem Ort, hörte sie plötzlich hinter sich ein paar sprunghafte Schritte und sah in der nächsten Sekunde ein bräunliches, von Wut verzerrtes Männergesicht hinter sich, ganz nahe von ihrer Schulter.

Sie wollte um Hilfe schreien, wollte fliehen.

Doch Todesangst band ihr die Zunge, lähmte ihre Beine.

Als wäre sie stumm, so starrte sie in das Glas, starrte darin den Mann an, vor dem sie hierher geflohen war.

Im Spiegel tauchte Blick in Blick.

Die Augen des Mannes hatten einen wilden Ausdruck.

Er sieht aus wie ein Raubtier, das einem an die Kehle springen will! dachte Lilli von Bassing trotz aller Angst ganz klar.

Ihr fiel ein, gehört zu haben, man müsse stets auf die fixen Ideen Verrückter eingehen. Und so schwer es ihr wurde, versuchte sie zunächst den Mann im Spiegel anzulächeln.

Da sprach es dumpf über ihre Schulter her: „Ich habe dich zum Tode verurteilt, und deinem schönsten Sirenenlächeln wird es nicht gelingen, mein gerechtes Urteil zu beeinflussen. Ich nehme das Todesurteil nicht zurück!“

Ehe die Frau auch nur einer einzigen Bewegung fähig gewesen, hatte er die Rechte ausgestreckt und riss nun von einem nahen Tischchen einen länglichen, mit bunten Steinen besetzten orientalischen Dolch, stiess ihn, sie mit der linken Hand festhaltend, mit voller Wucht seitlich in ihren Hals.

Ihre Arme fuhren jäh hoch und mit dumpfem Röcheln sank der Körper zur Seite. Langsam liess er ihn zu Boden gleiten.

„Ich habe Gericht gehalten,“ murmelte der seltsame Mörder und dann verliess er, ohne die Verblutende auch nur noch mit einem Blick zu streifen, das Haus auf demselben Wege, wie er es betreten.

Die Haustür war vorhin offen gewesen, und die Wohnzimmertür im ersten Stock ebenfalls.

So war er in das Schlafzimmer gelangt, ohne von der Wirtin bemerkt zu werden.

Unbemerkt schlich er wieder fort, tauchte draussen in das abendliche Dunkel, das im Winter schon so früh niedersinkt.

Eine Viertelstunde später kam Alfred von Bassing heim.

Er hatte ziemlich lange gemalt und war dann, wie er es liebte, noch ein Stündchen durch die frische Winterluft gelaufen.

Es trieb ihn ja keine Sehnsucht heim, es trieb ihn längst keine Sehnsucht mehr schneller als nötig zu der Frau zurück, die ihn so bitter enttäuscht.

Er hörte, als er die Treppe hinaufschritt, die Wirtin in ihrer Küche singen.

Er achtete kaum darauf, um diese Zeit liess sie immer kräftig die Stimme erschallen.

Er wunderte sich aber, dass oben die Wohnzimmertür weit offen stand. Bei der Kälte war das doch leichtsinnig von Lilli, die Tür so weit aufzulassen.

Er sah, im Schlafzimmer brannte das Licht und ging dorthin.

Aber auf der Schwelle blieb er wie angewurzelt stehen, denn dicht vor dem Spiegel lag Lilli in schräger, fast ein wenig zusammengekauerter Haltung, und über die helle, wollene Russenbluse, die am Hals leicht ausgeschnitten war, breitete es sich wie ein kleiner roter Blutsee aus.

Er dachte erschreckt: War seine Frau gefallen, hatte sie sich dabei verletzt?

Schon war er dicht bei ihr.

Ihre Augen waren geschlossen und ihre Hände eiskalt.

Und das Gesicht schien wie aus Wachs geformt, so starr.

Gütiger Himmel, was war nur geschehen? Sein Atem ging schwer vor Entsetzen.

Als er den leblosen Körper aufrichten wollte, klirrte etwas auf den Fussboden nieder.

Aber er achtete nicht darauf.

Starker Juchtengeruch irritierte ihn. Aber er war über das Schreckliche, das er nicht begriff, so verwirrt, dass ihm nicht einfiel, wie ihm dieser starke Geruch gestern abend aufgefallen war an dem Fremden, den er vor seiner Haustür getroffen, dessen Gesicht er aber nicht hatte erkennen können.

Er war grenzenlos bestürzt und ratlos.

Was war geschehen? War Lilli tot?

Ihr starres Gesicht war das einer Leiche, aber es schien ihm unmöglich, dass die Frau, die ihn heute früh noch mit bitterbösen, höhnischen Reden aufs äusserste gereizt, tot sein sollte.

Hatte sie etwa gar Selbstmord begangen?

Aber das passte doch nicht zu ihr und ihrer oberflächlichen Lebensauffassung. Sie hing am Leben. Nein, ein Selbstmord war völlig ausgeschlossen.

Er liess den Körper sanft zurückfallen und lief zur Treppe, rief laut nach der Wirtin.

Frau Stäble kam langsam angeschlurft auf den Flursteinen. In ihren grossen Filzschuhen konnte sie sich nicht so schnell fortbewegen.

„Was gibt es denn, Herr von Bassing? Soll ich Abendessen richten oder essen Sie heute mit der Frau in der Wirtschaft?“

Er schrie sie an: „Heraufkommen sollen Sie, rasch, sehr rasch. Es ist etwas mit meiner Frau geschehen!“

Frau Stäble machte ein neugierig wichtiges Gesicht.

Nichtsdestoweniger schlurfte sie aber sehr gemütlich die Treppe hinauf.

„So schlimm wird es ja wohl nicht sein, dass man sich so zu hetzen braucht,“ brummte sie kopfschüttelnd, als sie oben vor ihm stand und rückte gemächlich ihren angesteckten fuchsigen Haarknoten gerade, den sie schon in ferner Jugendzeit getragen, denn ihr angewachsenes Haar war eisgrau.

„Sie zittern ja wie Espenlaub!“ stellte sie mit hochgezogenen Brauen fest.

Er antwortete nicht und schob sie bis zur Schlafzimmertür.

Als sie den starren Körper und das Blut sah, schrie sie laut auf und stürzte, ehe sie Alfred von Bassing noch daran verhindern konnte, die Treppe hinunter und aus dem Hause. Die Riesenfilzschuhe störten sie nicht mehr, so mächtig war die Aufregung, die sie so fix machte, wie sie in ihren jungen Jahren gewesen.

„Mord! Mord!“ gellte ihre Stimme über den kleinen altertümlichen Platz und immer wieder schrie sie das schreckliche Wort hinaus in den frühen Winterabend.

Schon eilten die ersten Neugierigen herbei, auch ein Polizist war plötzlich da.

Sie führte den Trupp ins Haus, erzählte dabei alarmierend laut: „Die Malersfrau liegt in ihrem Blut, schaurig sieht sie aus. Aber kein anderer hat sie ermordet, wie der eigene Mann. Die zwei zankten sich ja auch so oft sie zusammen waren. Sie schien keine besonders Gute gewesen zu sein, aber das, nein, das hätte er doch nicht tun dürfen, er muss sich in der Wut soweit vergessen haben!“

43. Kapitel.

Alfred von Bassing verbrachte die Nacht nicht mehr in dem kleinen Hause am Marktplatz, sondern im Gefängnis.

Man hatte ihn als Mörder seiner Frau verhaftet.

In der Nähe der Toten hatte man einen mit bunten Steinen besetzten, sehr scharfen orientalischen Dolch gefunden, den Frau Stäble sofort als Eigentum ihres Mieters feststellte.

Alfred von Bassing neigte zu der Ansicht, Lilli müsse doch Selbstmord begangen haben, trotzdem es so gar nicht ihrer Natur entsprach.

Aber der Stuttgarter Gerichtsarzt verneinte den Selbstmord, redete nur immer wieder von einem Mord.

Und Alfred von Bassing konnte und konnte es nicht fassen, dass man ihn für den Mörder hielt.

Lamprecht Overmans las in der Zeitung von dem Morde in Ludwigsburg und war aufrichtig entsetzt.

Er sprach in der Familie davon und meinte, eine solche Tat hätte er dem talentvollen jungen Künstler nicht zugetraut.

Traute lauschte mit bang pochendem Herzen auf die schreckliche Neuigkeit.

Schliesslich sagte sie, und ihre Stimme war schwankend von mühsam unterdrückten Tränen: „Grosspapa, das weiss ich genau, Herr von Bassing beging den Mord nicht. Wenn es sich wirklich um keinen Selbstmord handelt, ist irgendein anderer Mensch schuldig. Er bestimmt nicht. Ein Gesicht wie das seine kann nicht so sehr täuschen.“

Der alte Herr machte eine leicht abwehrende Handbewegung.

„Es fällt mir ja auch sehr schwer, es zu glauben, aber ich meine, die Beweise sind erdrückend! Wer ausser ihm hätte denn Interesse an dem Tod seiner Frau haben können? Die Wirtin sagt aus, das Ehepaar hätte keinen Tag Frieden gehalten, woran allerdings die Frau die Schuld getragen haben soll. Sie nimmt an, die sehr schöne Frau hat ihren Mann einmal wieder allzu stark gereizt und da habe er, seiner nicht mehr mächtig, mit dem Dolch auf sie losgestochen, der auf einem kleinen Tisch im Mordzimmer zu liegen pflegte.“

Traute vermochte kaum ihre Tränen zurückzudrängen.

„Der Schein trügt oft, Grosspapa. In diesem Fall sogar bestimmt. Ich glaube nicht an Alfred von Bassings Schuld. Es ist einfach unmöglich. Ein Mensch wie er begeht keinen Mord, auch nicht in der Erregung!“

Niemand widersprach ihr, denn Lamprecht Overmans dachte, genau wie sein Sohn und seine Schwiegertochter, mochte das junge Ding nur solange wie möglich das Beste von den Mitmenschen glauben. Das rauhe Leben würde schon ganz von selbst dafür sorgen, dass ihr der Glaube allmählich genommen wurde.

Von jetzt an durchsuchte Traute Overmans alle Zeitungen, um zu erfahren, ob sich die Unschuld Alfred von Bassings noch immer nicht herausgestellt hatte.

Sie musste sich doch herausstellen.

Sie war felsenfest davon überzeugt, er hatte die böse Tat nicht auf dem Gewissen.

Aber anscheinend hatte sich alles gegen ihn verschworen.

Trotzdem er immer aufs neue seine Unschuld beteuerte, fanden sich verschiedene Beweise, die für seine Schuld sprachen.

Traute hatte gar kein Interesse mehr für die Tapetenfabrik, die schon zu arbeiten begonnen. Im Bureau sass sie oft und starrte lange Zeit regungslos vor sich hin und ihre Gedanken liefen, sobald sie sich nur freimachen konnten, davon zu dem Manne, den sie kaum kannte, und für den sie Sympathie fühlte, über die sie weiter nicht nachsann, die sie aber zugleich wohltuend und schmerzlich empfand.

Er tat ihr so leid, o so bitterleid.

Wie mochte er, dieser furchtbaren Tat angeklagt, jetzt leiden.

Welche Seelenqualen musste er durchmachen!

Sie fand nachts keinen Schlaf und glaubte ihn dann vor sich zu sehen, fast zusammenbrechend unter dem schweren Schicksalsschlag.

Und eines Abends fasste sie den Mut zu einem Vorhaben, das Lamprecht Overmans bestimmt verhindert hätte, wenn er darum gewusst.

Nachdem sie ihr Zimmer zum Schlafengehen betreten, schloss und riegelte sie sich ein und setzte sich an ihren kleinen Schreibtisch. Sie schrieb impulsiv, und nur dem warmen Mitleidsempfinden gehorchend, das sie beseelte, einen Brief an Alfred von Bassing.

Sie adressierte: An den Untersuchungsgefangenen Alfred von Bassing in Ludwigsburg.

Der Brief würde schon sein Ziel erreichen, dachte sie.

Scheu und heimlich steckte sie ihn am nächsten Morgen in den Briefkasten nahe dem Hause.

Und der Brief erreichte sein Ziel zur selben Stunde, als sich für den schwergeprüften Mann die Pforten des Gefängnisses wieder öffneten.

Denn kurz zuvor hatte man den Gutsbesitzer Baron Westernhagen in die nächste Irrenanstalt eingeliefert.

Er war seiner Umgebung, seiner Frau und Schwester, schon seit längerer Zeit zuweilen etwas seltsam vorgekommen, aber man hatte seine sonderbaren Reden immer wieder darauf zurückgeführt, dass er gern ein Glas über den Durst trank.

Nun war ganz plötzlich der Wahnsinn ausgebrochen, in unverkennbarer Gestalt, und in dem tollen Anfall, in dem ihn sechs starke Gutsknechte kaum festhalten konnten, schrie er triumphierend heraus, wie er an der schönen Malersgattin das Todesurteil vollstreckt.

Alfred von Bassing vernahm auf diese Weise, dass die Tote eine Liebelei mit dem Baron unterhalten. Er dachte an die abendliche Begegnung mit dem Fremden vor der Tür des kleinen Hauses.

Er wusste jetzt bestimmt, Lilli hatte an jenem Abend gelogen.

Nun wusste er aber auch mit einem Male, weshalb ihm der starke Juchtengeruch aufgefallen, der um die tote Frau herumgewesen, als er sie gefunden.

Es war der Geruch, der den Kleidern des Fremden entströmt.

Er begriff jetzt ebenfalls, weshalb Lilli in letzter Zeit noch launischer und selbstbewusster geworden als vordem.

Sie hatte Frau Baronin werden wollen und nicht geahnt, dass der Mann, mit dem sie sich heimlich traf, längst verheiratet war, und dass der Wahnsinn schon seine Krallen nach ihm ausgestreckt, als sie sich in bunten, schillernden Zukunftsträumen gewiegt.

Als man ihn entliess, nachdem er die nötigen Erklärungen angehört, überreichte man ihm einen Brief, der gerade eingegangen für ihn.

Da er kein Untersuchungsgefangener mehr war, interessierte der Inhalt des Briefes hier niemand.

Er aber sah den Umschlag kaum an.

Alles dünkte ihm nebensächlich dem grossen Ereignis gegenüber, dass man ihn tagelang als Mörder festgehalten und dass seine Frau von einem Wahnsinnigen ermordet worden war, mit dem sie sich in eine Liebschaft verstrickt.

Er kam sich tief gedemütigt vor und in ihm brannte der Wunsch wie ein starkes, weithinleuchtendes Licht: Er wollte nicht nur den Ort, er wollte auch so bald wie möglich Deutschland verlassen.

Ihm dünkte, jeder Mensch in Deutschland müsse wissen, was geschehen war, jeder müsse ihn daraufhin neugierig ansehen.

Er eilte, es war Spätnachmittag und schon dunkel, nach dem kleinen Hause am Marktplatz. Er wollte seine Sachen dort abholen und heute noch nach Stuttgart fahren. Aber dann sann er wieder, das ging nicht, ohne das Bild, an dem er im Schloss gemalt, mochte er nicht abreisen.

Es war so gut wie fertig, die Kleinigkeiten, die noch fehlten, konnte er überall vollenden.

Die Besitzerin des Häuschens am Marktplatz, Frau Stäble, schrie gell auf, als sie den Mann erkannte, der an der Haustür geklingelt, dann aber rief sie laut und es schallte über den ganzen Platz: „Ich habe es doch gleich gesagt, Sie hängen nicht mit dem Mord zusammen. So ein Herr wie Sie macht sich die Hände nicht blutig!“

Er lachte spöttisch.

„Lassen Sie es gut sein, Frau Stäble, strengen Sie sich nicht an! Sie gerade haben ja mit Ihrem törichten Geschrei zuerst diesen unseligen Verdacht auf mich gelenkt. Aber ich nehme es Ihnen gar nicht übel, der Schein war gegen mich.“

Sie fühlte sich schuldig, war deshalb sehr dienstbeflissen und lief ihm eilfertig voraus, öffnete oben die Tür, machte Licht.

Sämtliche Möbel waren umgestellt, und es tat dem Manne wohl, dass dort, wo die Tote gelegen, jetzt ein breiter Schrank stand.

Er sagte: „Ich bleibe, wenn es Ihnen recht ist, heute nacht hier und morgen reise ich dann ab.“

Frau Stäble nickte: „Natürlich ist es mir recht. Ich habe jetzt einen Neffen bei mir wohnen unten, weil ich mich so allein in dem Hause gegrault habe.“

Er befand sich dann allein.

Er wusste genau, schlafen konnte er in diesen Räumen doch nicht, darüber noch der Odem des furchtbaren Geschehens wie zitternder, blutiger Dunst lag, aber er war doch wenigstens unter Dach.

Und morgen früh würde er das Bild aus dem Schlosse abholen und danach abreisen.

Er ging ins Wohnzimmer, setzte sich auf das Sofa.

Er hatte den Paletot nicht ausgezogen und da es in den ungeheizten Räumen kalt war, steckte er seine Hände in die Taschen des Paletots, den er noch trug.

Dabei fühlte er den Brief, der ihm vorhin bei der Entlassung ausgehändigt worden war.

Er sah die Adresse aufmerksam an und schüttelte den Kopf. Wer hatte Interesse daran, ihm ins Gefängnis zu schreiben.

Die Handschrift musste er kennen.

Wenn er sich nicht sehr irrte, schrieb Traute Overmans so.

Er verzog in bitterem Selbstspott die Lippen. Eine Traute Overmans würde wohl kaum an jemand schreiben, den man des Mordes beschuldigt hatte.

Er riss den Umschlag auf und suchte zuerst die Unterschrift.

Wahrhaftig, da stand klar und deutlich: Traute Overmans.

Nein, da stand: Ihre Sie herzlich grüssende Traute Overmans.

Wie ein warmer, inniger Händedruck war das, und er überlegte, als die junge Traute Overmans den Brief in Stuttgart abgesandt, hatte sie noch nichts gewusst von der Wendung in seinem Schicksal.

Es würde erst morgen früh in den Zeitungen stehen, wer der wirkliche Mörder gewesen. Allerfrühestens konnte man es heute abend lesen.

Und der Brief war schon morgens von Stuttgart abgegangen.

Er las:

„Lieber Herr von Bassing!

Vielleicht tut es Ihnen, in dieser für Sie sicher furchtbar schweren Zeit, gut, zu wissen, es glaubt jemand an Sie. Und deshalb möchte ich Ihnen sagen, ich habe nicht einen einzigen Augenblick an Ihrer Unschuld gezweifelt.

Ich kenne Sie zwar noch nicht lange, aber es gibt Menschen, die meint man sofort zu kennen. An denen kann man gar nicht zweifeln. Und so ein Mensch sind Sie!

Bitte, verlieren Sie den Mut nicht, die Wahrheit muss sich ja doch herausstellen.

Ich fühle es, Sie werden sehr bald wieder frei sein und ich bete indessen für Sie, damit sich alles zum Guten fügen möge.“

Alfred von Bassing liess seine Rechte sanft über das Papier gleiten, es war, als streichele er es und er dachte dabei: Niemals würde er es der jungen Traute Overmans vergessen, dass sie an ihn geglaubt hatte.

Mit fast scheuer Bewegung hob er den Brief an die Lippen.

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05 mayıs 2025
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