Kitabı oku: «Die stummen Gäste von Zweitlinden»

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Anny von Panhuys

Die stummen Gäste von Zweitlinden

Roman

Die stummen Gäste von Zweitlinden

© 1955 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592205

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1. Kapitel

Im Park von Zweilinden feierte der Frühling eins seiner wunderbarsten Nachtfeste. Durch die frischbelaubten alten Bäume zog ein leises, geheimnisvolles Rauschen, und der Duft der frühlingsgrünen Pflanzen erfüllte die Luft mit jenem eigenen süßen Geruch, der erschöpft und belebt zu gleicher Zeit. Dicht am hinteren Ausgang des Parkes lag ein kleiner, alter Pavillon; seine Läden waren geschlossen, aber durch ein winziges Spältchen drang Licht daraus hervor.

In dem Pavillon, der nur mit einigen altmodischen Korbstühlen möbliert war, standen zwei Menschen in inniger Umarmung. Der Mann war sehr groß und schlank, hatte blondes Haar und graue Augen, seine Züge waren rassig, aber es lag darüber ein Hauch von Verlebtheit. Das Mädchen, das er im Arme hielt, hatte ein unregelmäßiges Gesicht, in dem die großen Blauaugen wohl das Schönste waren. Ihr braunes Haar war weich gelockt und zu einfachem Knoten tief im Nacken zusammengesteckt.

Der Mann ließ die Arme langsam sinken.

„Ich danke dir, Bettina, daß du mir die heutige Zusammenkunft gewährt hast, damit wir uns einmal gründlich aussprechen konnten.“ Er holte seine Uhr aus der Tasche. „Es fehlen noch dreißig Minuten bis Mitternacht, und es ist also reichlich spät für ein geheimes Stelldichein.“ Er lächelte. „Dein Pflegevater dürfte nichts davon erfahren, denn in seiner Korrektheit wäre er fähig, mir schon aus dem Grunde deine Hand zu verweigern, weil ich dich zu dem nächtlichen Treffen überredet habe.“ Er küßte Bettina Claudius lange. „O du, mein süßes Mädel, ich bin ja so unsagbar glücklich darüber, daß du mir gehören willst! Morgen vormittag komme ich zu deinem Pflegevater und spreche mit ihm von meiner Liebe zu dir, und dann heiraten wir bald. So bald wie möglich, denn ich sehne mich ganz toll nach dem ständigen Beisammensein mit dir, du Schönste. Nun pirsche dich nur sacht ins Haus. Für alle Fälle bleibt dir ja die Ausrede, du hättest noch einen kleinen Parkspaziergang gemacht, weil du Kopfweh hast.“

Bettina wehrte ab: „Nein, Wulf, den Vater zu beschwindeln, das ist eine schwere Sache, ich möchte es gar nicht erst versuchen. Besser ist’s schon, er merkt nichts von meinem kleinen Ausflug.“ Sie atmete tief auf. „Ich bin froh, daß ich nun bald das Geheimnis unserer Liebe nicht mehr vor ihm zu verbergen brauche. Es bedrückt mich schon.“

„Närrchen!“ lachte er nur, und sie sagte weich: „Der Vater ist so gut zu mir, so übergut. Ich darf schon deshalb keine Heimlichkeiten vor ihm haben. Du weißt, er behandelt mich wie seine eigene Tochter, und ich bin doch nur die eines armen Dorfschullehrers. Als meine Eltern so plötzlich kurz nacheinander starben, nahm mich Frau von Zweilinden zu sich, und seit sie starb, habe ich alle Rechte hier, als wäre ich wirklich die leibliche Tochter.“

„Die sieht auch jedermann in dir“, gab er zurück, „und es fehlt dir nichts dazu, als daß du adoptiert wirst.“

Sie nickte. „Vater hätte das auch wohl getan, aber weil er einen Sohn hat, kann er mich nicht an Kindes Statt annehmen.“

Um die Lippen des Mannes zog Hohn.

„Nun, Ottfried Zweilindens Name läuft nur noch wie eine alte Sage in unserer Gegend um. Er ist seit zehn Jahren verschollen und wohl auch tot, sonst hätte er längst von sich hören lassen.“

Bettina knipste das kleine elektrische Licht aus, das aus einer tiefhängenden Ampel Helle gespendet, und dicht aneinandergeschmiegt traten die beiden aus dem Pavillon, gingen zu der kleinen Hinterpforte der Parkmauer. Sie wechselten nur noch einen stummen Händedruck, dann schloß sich das Türchen mit leichtem Knarren hinter Graf Wulf von Speerau.

Bettina zog den Schlüssel ab und huschte auf leichten Füßen durch die Parkwege? Tief sog sie die reine, milde Nachtluft ein, und ein übèrströmendes Glück war in ihrem Herzen. Hoch oben glitzerten die Sterne wie Juwelen von unerhörter Pracht, und das bewegte Mädchen hätte in die Knie sinken und inbrünstigen, heißen Dank zum Himmel emporstammeln mögen, weil Wulf Speerau sie liebte. Denn das war doch das Herrlichste, was ihr vom Schicksal geschenkt worden war. Und morgen, morgen würde er zu ihrem Vater kommen, um von ihm ihre Hand zu erbitten. Dann wurde sie Wulfs Frau, Wulf Speeraus Frau!

Gab es denn auf Erden noch etwas Köstlicheres? Gab es denn auf Erden noch ein größeres Glück als das?

Und sie sank wirklich in die Knie, flüsterte im Überschwang ihrer Gefühle zum Himmel auf: „Ich danke dir, du guter Gott, daß du mein Leben so schön gemacht hast! Ich danke dir für die Liebe des besten und edelsten Mannes.“

Sie erhob sich und lief nun sehr schnell weiter durch den ausgedehnten Park, erreichte das Herrenhaus, aus dem sie sich wie ein Dieb gestohlen hatte. Ein Fenster zur ebenen Erde war nur angelehnt. Sie kletterte dort ein, stand dann in einem langen Raum, den man den Bankettsaal nannte, wohl noch von der Zeit her, als das Haus erbaut worden war. Und darüber mochten schon reichlich zweihundert Jahre vergangen sein.

Vorsichtig schloß Bettina die Läden und das Fenster, tastete sich dann nach dem Lichtschalter, und gleich darauf war der Raum in Helle getaucht.

Bettina blickte sich um. So, nun war das Schwerste geschafft, sie befand sich wieder im Haus. Durch einen schmalen Gang und über eine Treppe würde sie schnellstens ihr Zimmer erreichen. Sie wußte zu genau, ihr Pflegevater würde sehr böse sein, wenn er erfuhr, daß sie sich zu so später Stunde mit Wulf Speerau draußen im Park getroffen, und es war besser, er merkte nichts davon. Er urteilte über manche Dinge sehr hart.

Die hohe Standuhr draußen in der Halle meldete mit etwas heiserer Stimme die Mitternachtsstunde.

Bettina schaltete das Licht aus und holte dann eine kleine elektrische Taschenlampe aus ihrem Mantel. Eben wollte sie die Linke auf die Türklinke legen, als sie erschreckt aufhorchte und dann, wie von einem Blitzstrahl getroffen, förmlich erstarrte. Sie hörte ganz nahe vor sich die Schritte mehrerer Menschen, hörte kurze Zeit danach Stühle rücken, als ob mehrere Menschen Platz nehmen, und gleich darauf das Zusammenklingen feingeschliffener Weinkelche.

Sie bebte am ganzen Leibe. Gütiger Himmel, eben war der Saal doch noch leer gewesen, außer ihr hatte sich kein einziger Mensch darin aufgehalten!

Mit zitternder Hand schaltete sie das Licht wieder ein und blickte sich mit verstörten Augen um.

Niemand war hier, sie befand sich ganz allein, und doch hörte sie zum zweiten Male das Aneinanderklingen von Gläsern.

Eisige Schauer überrannen die regungslos Dastehende. Es ging ihr durch den Kopf: Was sie hörte, war keine greifbare Wirklichkeit. Was war das?

Es waren keine Menschen von Fleisch und Blut, die sich hier damit vergnügten, zu zechen. Was sie vernommen, war der Spuk von Zweilinden, von dem man sich im Dorfe und auf dem Gutshof zuweilen erzählte, es war der Spuk, an den sie nicht geglaubt, den sie bisher verlacht. Und nun hatte sie mit ihren eigenen Ohren gehört, was sie noch vorhin als Aberglauben und Unsinn bestritten hätte.

Sie hatte die stummen Gäste von Zweilinden gehört, von denen in der Kirchenchronik von Zweilinden mehrfach die Rede war und deren Besuch den Familienmitgliedern stets Unheil verkünden sollte. In der Kirchenchronik waren ein paar Belege dafür angeführt.

Bettina öffnete die Tür, knipste das Licht aus und verließ, den Strahl der Taschenlampe aufspringen lassend, fluchtartig den Raum.

Sie vergaß völlig, sich besonders leise zu bewegen; aber sie gelangte doch unbemerkt in ihr Zimmer, das sie hastig hinter sich verschloß, als würde sie verfolgt. Dem Himmel sei Dank, daß sie sich in den vertrauten vier Wänden ihres Schlafzimmers befand!

Sie riegelte auch noch die Tür ab, die nach ihrer Wohnstube führte, denn sie war ganz außer sich vor Grauen, obwohl sie bisher dem Aberglauben noch niemals die geringsten Zugeständnisse gemacht hatte.

Sie ließ sich erschöpft, als hätte sie einen weiten, weiten Weg hinter sich, auf das kleine Sofa fallen.

„Ich bin ja verrückt“, sagte sie ganz laut in die Stille des Zimmers hinein, und es tat ihr gut, ihre eigene Stimme zu hören. Sie fuhr sich über die Stirn, hinter der sich die Gedanken allmählich wieder zur Ordnung fügten.

Es war ja toll, wie sie sich von irgendein paar harmlosen Geräuschen hatte einschüchtern lassen. Die Geschichte von den stummen Gästen von Zweilinden war weiter nichts als eine jener Sagen, die in alten Schlössern und Herrensitzen herumgeistern und den Dienstboten mit angenehmem Gruseln die Zeit vertreiben.

Das späte heimliche Beisammensein mit Wulf Speerau hatte sie erregt, und ihre Nerven hatten ihr einen Streich gespielt.

Sie waren im allgemeinen nicht überempfindlich, aber das Glück und die Mitternachtsstunde hatten sie schwach gemacht.

Sie erhob sich und stellte sich vor den großen Pfeilerspiegel, blickte sich prüfend in dem Glase an. So sieht ein Furchtbündel aus, verspottete sie sich selbst, und dann lachte sie sich an. Nein, so sah eine Glückliche aus, eine ganz unsagbar Glückliche! Morgen kam ja Wulf Speerau zum Vater, und der Vater würde ihrer Liebe sicher keine Schwierigkeiten in den Weg legen.

Trauer beschattete ihre Züge. In ihrem siebenten Jahre war sie elternlos geworden; aber sie erinnerte sich deutlich an Mutter und Vater, die so jäh aus dem Leben gerissen wurden. Der Typhus ging damals im Dorfe um und riß sie beide mit so vielen anderen Dorfbewohnern ins Grab.

Bettina wandte sich vom Spiegel ab und trat vor ein Bild in glattem, schwarzem Rahmen: Vater und Mutter im Brautstaat. Einfache schlichte Menschen waren es, mit einfachen, schlichten Gesichtern.

Bettina sagte leise und zärtlich: „Ihr durftet nicht erleben, wie glücklich euer Kind geworden ist!“ Und sie sann, was die Eltern wohl sagen würden, wenn sie wüßten, aus ihrem kleinen Mädel würde nun bald eine Gräfin Speerau werden. Sie faltete die Hände und flüsterte bewegt: „Segnet mich, Vater und Mutter, segnet euer Kind!“

Mit tränenfeuchten Augen blickte sie auf das Bild.

Drunten in dem alten Bankettsaal hatte sich aber keine Katze eingeschlichen, denn wenn Bettina unten geblieben wäre, würde sie noch einmal das Gläserklingen gehört haben, bald danach auch wieder das Stühlerücken und die Schritte. Sie würde dann gewußt haben, die unsichtbaren Besucher, die stummen Gäste von Zweilinden, hatten sich nach kurzer Rast entfernt; der Bankettsaal war wieder frei von den Unheimlichen.

2. Kapitel

Graf Wulf Speerau auf Schloß Wiesenthal! Das klang sehr melodisch und gewichtig. Aber es stand hinter dem Titel und Namen nicht mehr allzuviel Bedeutung.

Die Herren von Speerau hatten nicht verstanden, so zu wirtschaften wie die Zweilindens, und je mehr sich deren Besitz vergrößerte, um so mehr verkleinerte sich der ihre. Der letzte Graf Speerau war wie seine Vorfahren. Er liebte Wein, Weib und Kartenspiel, doch er beherrschte die Kunst, seine Leidenschaft zu verbergen. Frankfurt am Main war nicht allzu weit, und in der großen Stadt fand er die Sorte Frauen, die seinem Geschmacke entsprach, dort gab es ein paar Kumpane, die mit ihm tranken und lumpten, und dort gab es auch einen geheimen Klub, in dem er bis zum Morgengrauen spielen konnte, so lange, bis er sich die Taschen leer oder voll gespielt, je nachdem ihm das Glück günstig war oder nicht.

Daheim galt er als guter, solider Landwirt, der nach ein paar flotten Jugendjahren den Wert der Arbeit erkannt und begriffen hatte, daß er fleißig sein und solide leben mußte, um sein Gütchen auf leidlicher Höhe zu halten.

Er hatte einen alten Inspektor, der schon von seinem Vater her auf Wiesenthal in Diensten stand, ein treuer, ehrlicher Alter, der zuweilen wagte, dem Grafen Wulf, wie man so zu sagen pflegt, die Leviten zu lesen. Aber niemals hätte der treue alte Ludwig West ein schlechtes oder nachteiliges Wort über seinen Herrn gesprochen. Er war Witwer und kinderlos und hing sehr an Wiesenthal.

Es war ein sonniger Vormittag, als Wulf von Speerau das Schloß verließ, das nur zwei Stockwerke hoch war, über die sich ein rotes Ziegeldach schob. Es stammte mit seinen zwei kurzen, von Türmen flankierten Seitenflügeln aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Der Gutshof schloß sich dicht an das Schloß an. Er setzte sich zusammen aus einer Kette von Schuppen und Ställen, und dazwischen zwängte sich das kleine Inspektorhaus ein. Knechte und Mägde gab es im Winter hier nur ein paar; erst im Frühjahr wurden einige Landarbeiter eingestellt, die bis zum Herbst blieben.

Wulf von Speerau verließ seinen Besitz mit einem kecken Gassenhauer auf den Lippen.

Er wollte zu Fuß nach Zweilinden hinüber, um sich dort Bettinas Hand zu sichern und damit die Gewißheit, recht bald ein bißchen besser leben zu können, als es jetzt möglich war. Es reizte ihn, die Welt kennenzulernen, weit zu reisen, mit eleganten Frauen Feste zu feiern und nicht immer gleich in der Klemme zu sitzen, wenn einmal die Karten nicht günstig fielen.

Bettina Claudius war der Goldfisch, den er sich eingefangen hatte, um ein Dasein nach seinem Geschmack zu führen. Nun brauchte er nur noch den Segen ihres Pflegevaters, dessen Reichtum seine leere Kasse mühelos füllen sollte.

Er ging zu Fuß, weil er im Kopf einen leichten Druck spürte. Er hatte gestern abend noch ein halbes Dutzend Kognaks gekippt, in der Freude, jetzt so dicht vor dem ersehnten Ziel zu stehen.

Bettina war nicht sein Geschmack. Ihre ganze Art war ihm zu einfach und harmlos. Er liebte die Frauen, denen ein ordentlicher Schuß Leichtsinn im Blute saß, Frauen mit kokettem Wesen und launenhaftem Charakter, der sprunghaft immer Abwechslung suchte und Abwechslung schuf.

Es war nicht weit von Wiesenthal nach Zweilinden. Ein Waldweg von einer halben Stunde lag zwischen beiden Gütern.

Wulf Speerau rauchte eine Zigarette und legte sich unterwegs zurecht, was er Konrad von Zweilinden sagen wollte, um ihn schnellstens von seiner großen Liebe zu Bettina zu überzeugen.

Wulf Speerau warf seine Zigarette weg. Es war wohl gut, wenn er nicht rauchte, denn sein Kopfschmerz war schlimmer geworden anstatt besser.

Seine Augen hingen am Boden, den hier am Waldrand dünnes Frühlingsgras deckte, da sah er plötzlich etwas, was ihn haltmachen ließ. Dicht vor ihm auf dem lichtgrünen Grasteppich lag ein Revolver – ein fast neuer Revolver.

Wulf Speerau blickte sich nach allen Seiten um, seine Augen suchten den Boden gründlich ab, denn unwillkürlich dachte er sofort an einen Selbstmord; aber er sah nichts, weder einen toten noch einen lebendigen Menschen.

Rechts von ihm lief die Waldchaussee, und da das niedrige Strauchwerk noch nicht üppig belaubt war, konnte man ziemlich weit in den Wald hineinschauen.

Der Revolver war gesichert. Drei Patronen befanden sich noch im Magazin.

Er betrachtete die Waffe interessiert von allen Seiten. Sie gefiel ihm, war modern, von hübscher Form, und er entdeckte daran ein Messingschildchen mit der Firma einer Waffenhandlung in London. Also in der Hauptstadt Englands war das Dingelchen gekauft worden. Er kannte niemand hier in der weiteren Umgebung, der in den letzten Jahren aus England gekommen war.

Er steckte den Revolver in die hintere Hosentasche. Wenn er hörte, daß die Waffe von jemand gesucht wurde, konnte er sie ja immer noch zurückgeben, sonst behielt er sie einfach. Wulf Speerau hatte eine Vorliebe für Gegenstände, die er nicht zu bezahlen brauchte.

Er schritt etwas schneller aus als vorher. Als er Zweilinden vor sich liegen sah, schlug es vom Dorfe gerade elf Uhr. Er blieb stehen, betrachtete das Bild vor sich mit den Augen des künftigen Besitzers und – schmunzelte. Das stattlichste Gut weit und breit war Zweilinden, hatte das größte Herrenhaus und den prächtigsten Park. Und den Riesenbesitz würde Bettina einmal nach dem Ableben ihres Pflegevaters erben. Der alte Herr hatte ja die Mitte der Sechzig schon überschritten.

Eine feine Sache war es, dachte Wulf Speerau, daß Ottfried Zweilinden nach einem bösen Krach mit seinem Vater davongelaufen war in die weite Welt, wahrscheinlich so weit, daß er sich nicht mehr zurückfand in die Heimat. Seine Mutter war darüber gestorben, und sein Vater hatte zu seinen Freunden gesagt: „Rede mir niemand mehr von dem schlechten Bengel! Ich will nichts mehr von ihm hören. Für mich ist er tot, und er wird, falls er noch irgendwo aus einer Versenkung aufsteigt, keinen Heller von mir erhalten.“

Die Herren von Zweilinden hatten alle zwei besondere Fehler: ihren Jähzorn und ihren Trotz. Wegen einer Bagatelle waren Vater und Sohn vor zehn Jahren aneinandergeraten und hatten sich deswegen für immer getrennt.

Wulf Speerau schmunzelte. Vor allem sollte Schwiegerpapachen erst einmal sein Scheckbuch öffnen und seiner Bettina, an der er sehr hing, eine gute Mitgift geben, damit er seine Verhältnisse ordnen konnte. Er hatte dieses langsame Weiterkrebsen bis zum Halse hinauf satt.

Vor dem langgestreckten, einförmig weißen Herrenhause standen zwei mächtige alte Linden, die schon an ihrem Platz gewesen, ehe noch der Grundstein zu dem Herrenhaus gelegt wurde, und die dem Gut den Namen gegeben hatten. Zwischen ihnen gab es einen Platz mit hübsch gehaltenen Anlagen. Der junge Rasen war eben vom Gärtner besprengt worden, auf den feinen Halmen glitzerten die Wassertröpfchen wie kleine Brillanten.

Ein Diener in grauer Livree öffnete dem Besucher, ließ ihn in die Eingangshalle treten und bat ihn, zu warten. Er kehrte bald zurück, sagte höflich: „Herr von Zweilinden läßt Herrn Graf Speerau bitten!“

Er nahm ihm Mantel und Hut ab und führte ihn in das Arbeitszimmer des Gutsherrn.

Konrad von Zweilinden saß am Schreibtisch, der so groß war, daß er das ganze Zimmer beherrschte, und legte eben eine Zahlenaufstellung fort, als der Graf eintrat. Er erhob sich, ging dem Besucher ein paar Schritte entgegen und reichte ihm die Hand. „Nun, Graf, was haben Sie auf dem Herzen? Fassen Sie sich bitte ein bißchen kurz, denn ich muß in einer halben Stunde in die Kreisstadt fahren. Da ist ’ne Gerichtssitzung, und ich bin als Sachverständiger vorgeladen. Wissen Sie, so ’ne blöde Kartoffelgeschichte. Ein Händler hat faulendes Zeug geliefert. Aber ich will uns mit dem Kram nicht aufhalten. Bitte, nehmen Sie Platz.“

Er ließ sich wieder in seinen Schreibtischstuhl fallen, nachdem sich Graf Speerau gesetzt hatte.

Wulf von Speerau wurde plötzlich angesichts des ruhig forschenden Blickes unsicher. Aber in der nächsten Sekunde hatte er sich schon wieder klargemacht, daß er ja kein beliebiger Mann war, der Bettina zur Frau begehrte, sondern der Graf Speerau. Schließlich hieß Bettina nur Claudius und stammte aus dem Dorfschulhaus.

Konrad von Zweilinden würde ihm das Mädel mit Kußhand geben.

Also los! Sein Zögern war töricht.

Er schnellte von seinem Stuhl hoch, nahm Haltung an, sagte mit Ernst und Wichtigkeit: „Herr von Zweilinden, ich bin heute mit einer großen Bitte hierher zu Ihnen gekommen, und ich hoffe, Sie werden sie mir erfüllen. Ich liebe Ihre Pflegetochter Bettina und bitte Sie um deren Hand. Ich möchte gleich noch hinzufügen, auch Bettina liebt mich.“ Er blieb stehen, sah den Gutsherrn von Zweilinden erwartungsvoll und doch sicher an.

Dieser schwieg zunächst, strich ein paarmal über sein Kinn, als überzeuge er sich, ob es auch gut rasiert war, und erwiderte dann: „Setzen Sie sich nur wieder, Herr Graf. Machen wir die Angelegenheit in Ruhe und Gemütlichkeit ab.“

Wulf Speerau lächelte. Na also, das ging ja ganz gut! Er war auch für Ruhe und Gemütlichkeit.

Er nahm wieder Platz und glaubte nicht recht zu hören, als Konrad Zweilinden in festem Tone fortfuhr: „Wir sind Gutsnachbarn, und mit Ihrem Vater war ich angenehm befreundet; deshalb wollen wir uns nicht veruneinigen; aber Bettina kann ich Ihnen leider nicht zur Frau geben.“

„Und warum nicht?“ fragte der andere.

Sein Gesicht sah plötzlich sehr fahl und scharfzügig aus.

„Wollen Sie mir in Ihrem Interesse die Antwort nicht lieber erlassen?“

„Nein, es wäre beleidigend für mich, Herr von Zweilinden, wenn Sie mir die Antwort auf meine Frage verweigern würden.“

In der Stimme des Grafen schwang Erregung.

Konrad von Zweilinden brummte: „Sie täten klüger, nicht so neugierig zu sein, aber ganz, wie Sie wollen. Also, mein bester Graf, Sie führen ein zu unsolides Leben.“

Der andere wollte eine heftige Erwiderung geben, doch eine Handbewegung gebot ihm Schweigen.

„Lassen Sie mich ausreden. Erst waren Sie neugierig; nun dürfen Sie mich auch nicht gleich unterbrechen. Ich wiederhole Ihnen, Sie führen ein zu unsolides Leben. Nicht auf Schloß Wiesenthal, bewahre, das halten Sie rein, so klug sind Sie, aber in Frankfurt toben Sie sich aus und versuchen sich immer noch die Hörner abzurennen, die Sie sich nach meiner Ansicht längst abgerannt haben müßten.“

Jetzt konnte Wulf Speerau doch nicht mehr schweigen.

„Wer hat mich so infam bei Ihnen angeschwärzt und verleumdet? Nennen Sie mir den Namen des Schuftes, Herr von Zweilinden, damit ich mich mit ihm auf meine Art auseinandersetzen kann.“

Der Gutsherr lächelte ein wenig.

„Niemand hat Sie verleumdet und angeschwärzt. Niemand. Ich habe nur bemerkt, daß Sie sich seit einiger Zeit bemühten, Bettina Raupen in den Kopf zu setzen, und anfangs ließ ich auch alles gehen, denn ich hatte nichts Ernstliches gegen Sie einzuwenden. Dann fiel mir einmal auf, daß sich da um Ihre Lippen die kleinen Fältchen schärfer ausprägten, als es eigentlich zu Ihren dreißig Jahren paßt, und eines Tages sah ich Sie in Frankfurt mit einem sehr angemalten Dämchen ein Haus betreten in etwas anrüchiger Gegend. Ich fuhr mit dem Auto durch diese Straße. Da wurde ich mißtrauisch und ließ Sie ein Weilchen überwachen, gut überwachen, denn das liebe Geschöpf, die Bettina, soll keinen Menschen heiraten, der nicht ganz koscher ist. Und so kam heraus, was mich jetzt veranlaßt, Ihnen mit einem glatten Nein zu antworten. Sie führen eine Art Doppelleben, verehrter Herr Graf, was ja für Sie seine Reize haben mag, mir aber an einem Schwiegersohn nicht gefallen würde. Auf Wiesenthal mimen Sie den braven Landjunker, und in Frankfurt erholen Sie sich von den Strapazen der Bravheit in den Armen diverser Lulus, Lilis und Mimis. An einem Abend haben Sie zum Beispiel fünfzehntausend Mark verloren, und am nächsten Tag haben Sie bei ’nem Wucherer in Frankfurt, im Gäßchengewirr unten am Main, noch ’ne Hypothek auf den letzten Schornstein von Wiesenthal ’raufgewuchtet.

So, jetzt wissen Sie Bescheid. Gegen mein Nein gibt es keinen Einspruch. Ich helfe nicht dazu, das Mädel ins Unglück zu stoßen. Bettina tut mir leid, wenn sie sich wirklich in Sie verliebt hat, wie Sie vorhin sagten; aber sie ist jung, sie wird vergessen.“

Wulf Speerau wäre am liebsten mit den Fäusten auf den Mann losgegangen, der alle seine Zukunftspläne mit ein paar Sätzen umwarf, doch er nahm sich zusammen und bat fast demütig: „Gut, Herr von Zweilinden, ich habe ein bißchen leichtsinnig gelebt, ich gebe es zu, ich liebe indes Bettina sehr und werde ihretwegen ein völlig anderer Mensch werden. Ich verspreche Ihnen, genau so zu leben, wie Sie es haben wollen.“

Der Gutsherr schüttelte den Kopf.

„In Ihrem Alter kriecht man nicht mehr so ganz aus seiner Haut heraus, dazu ist sie schon zu fest gewachsen. Nein, nein, zu Experimenten habe ich kein Vertrauen. Um Wiesenthal steht es sehr schlecht, und Sie rechnen damit, daß Bettina eine reiche Erbin ist und ihre Mitgift nicht zu knapp ausfallen dürfte.“

Wulf von Speerau erhob sich.

„Sie beleidigen mich, Herr von Zweilinden.“

„Ich stelle nur Dinge fest, die naheliegen“, war die ruhige Antwort. „Bettina werde ich den Grund mitteilen, der mich veranlaßt hat, Ihnen meine Zustimmung zur Ehe mit ihr zu verweigern. Sie ist vernünftig und wird sich freiwillig fügen.“

Der Graf nahm sich mit aller Kraft zusammen; aber die Wut, daß dieser Besuch so geendet, erstickte ihn fast. Er konnte kein Wort mehr sprechen, verneigte sich nur stumm und verließ hastig das Zimmer.

Ins Freie wollte er, allein sein, um nachzudenken, wie er den Entschluß des Pflegevaters Bettinas ändern konnte. Er mußte ein Mittel dazu finden.

Er brachte es noch fertig, dem Diener, der ihm Hut und Mantel aushändigte und den er seit Jahren kannte, ein paar freundliche Worte zu sagen.

3. Kapitel

Nachdem sich Wulf Speerau ein Stückchen vom Herrenhause entfernt hatte, tat er sich keinen Zwang mehr an. Er schimpfte halblaut vor sich hin, er konnte einfach nicht anders.

„Verdammter Moralfatzke, blöder Sittenrichter, alter Spießer!“ betitelte er den Pflegevater Bettinas, dem die Tochter zu schade war für ihn. Durch seinen Kopf tanzten die Gedanken einen wilden Reigen und verwirrten ihn. Er sann verzweifelt: Wie fing er es nur an, den Unnachgiebigen umzustimmen?

Er wanderte erst ein Stück auf dem Waldwege dicht an der Chaussee entlang, dann ging er wardein und lief in die Kreuz und Quere. Seine Füße gebärdeten sich so wie sein Kopf – beide hielten keine bestimmte Richtung inne. In Wulf Speerau hallten noch die Sätze nach, die ihn am meisten geärgert, weil er sich durchschaut sah. Konrad Zweilinden hatte ihm auf den Kopf zugesagt: „Um Wiesenthal steht es schlecht, und Sie rechnen damit, daß Bettina eine reiche Erbin ist und ihre Mitgift nicht zu knapp ausfallen dürfte!“

So durchschaut zu werden, war natürlich das Fatalste, was ihm hatte passieren können.

Er dachte, so unangenehm der Satz gewesen, lag doch in ihm das Zugeständnis, daß Bettina eine reiche Erbin war. Man nahm ja auch allgemein an, Bettina war Konrad Zweilindens Universalerbin; aber schließlich wäre immerhin möglich gewesen, ihr Pflegevater würde ihr nur einen Teil seines Reichtums geben.

Sein Sohn Ottfried war verschollen, wahrscheinlich sogar tot, indes selbst wenn er lebte, zählte er für den Vater nicht mehr mit. Über sein Pflichtteil hinaus bekäme er sicher nichts, falls der Herr von Zweilinden stürbe und sein Sohn noch einmal auftauchen würde.

Ein häßlicher Gedanke drängte sich vor. Wenn Konrad Zweilinden stürbe, ehe er mit Bettina über ihn redete und ihr mitteilte, warum er ihn abgewiesen, dann wäre alles gut. Er seufzte laut. Aber erstens würde der alte Herr wahrscheinlich sofort mit Bettina sprechen, und zweitens, auch mit der größten Kraft seines Wunsches und Willens allein konnte er ihn nicht töten.

Bei einer Gehbewegung spürte er den Revolver in seiner Tasche. Mechanisch holte er ihn hervor und dachte, wer ihn wohl fortgeworfen oder verloren haben mochte. Eine hübsche, gediegene Waffe war es. Er steckte sie wieder ein.

Plötzlich hörte er dumpfes Räderrollen. Er hatte ein vorzügliches Gehör und stellte sofort fest, obwohl er sich ziemlich weit von der Chaussee entfernt hatte, das Räderrollen kam aus der Richtung von Zweilinden.

Ein unklarer Gedanke zwang ihn, in rasender Hast quer durch den Wald zu laufen, um die Chaussee wieder zu erreichen und dorthin zu gelangen, wo sie sich mit der Chaussee nach der Kreisstadt kreuzte. Es war anzunehmen, der Wagen, dessen Räder er hörte, war der Konrad Zweilindens, der jetzt als Sachverständiger zum Termin in die Stadt fuhr.

Daß er dorthin mußte, hatte er ja vorhin erklärt.

Wulf Speerau wollte noch einmal sein Heil versuchen. Der Gutsherr von Zweilinden fuhr meist ohne Kutscher. Möglicherweise konnte man hier draußen noch ein vernünftiges Wort mit ihm reden.

Während er die Stelle, wo sich die Chaussee kreuzte, im Schnellaufe zu gewinnen suchte, schoß ihm durch den Kopf, daß Konrad Zweilinden wahrscheinlich noch gar nicht mit Bettina über ihn geredet hatte, sonst würde er wohl nicht so schnell von zu Hause fortgekommen sein, und das bedeutete schon einen Vorteil.

Der Graf erreichte sein Ziel, und richtig, da kam der kleine Jagdwagen, den Zweilinden meist für seine Fahrten benutzte, von rechts mit mäßiger Geschwindigkeit heran.

Kein Mensch war zu sehen weit und breit. Außer ihm selbst und Zweilinden befand niemand sich in der Nähe. Die Chaussee war selten belebt um diese Zeit. Die Milchwagen fuhren ganz früh, und zu Waldspaziergängen hatten die Bauern der Umgebung keine Zeit. Sie befanden sich jetzt in der Wirtschaft und auf den Feldern, die bei Zweilinden begannen, wo der Wald seitlich zog, oder da drüben hinter ihm auf der anderen Seite. –

Ein schneller Rundblick überzeugte Wulf Speerau, es gab keinen Menschen in seiner Nähe, und wenn er geschickt war, dann wäre es gar nicht so schwer. –

Er tastete nach dem Revolver, trat hinter einen starkstämmigen Baum.

Der Wagen des Gutsherrn von Zweilinden näherte sich, nahm langsam die Kurve, um in die Chaussee nach der Kreisstadt einzubiegen. Im gleichen Augenblick krachte ein Schuß. Das Pferd bäumte sich und raste wie toll davon, in der Richtung auf die Kreisstadt zu. Wulf Speerau aber sah noch, wie der Körper Konrad Zweilindens langsam hintenüberfiel und halb über dem Fahrsitz hing.

Er ließ den Revolver fallen. Mochte man ihn hier finden. Er aber stürmte, wie von Furien verfolgt, waldein, und erst nachdem er ein großes Stück zwischen sich und den Ort seiner Tat gelegt hatte, ging er wieder langsamer. Nun hieß es, zunächst sich zu beruhigen. Das war die Hauptsache.

Der Graf holte einen Taschenspiegel hervor und betrachtete sich. Sein Hut saß ein wenig schief, aber sein Gesicht sah aus wie immer, fand er. Den Hut rückte er gerade, und dann zwang er ein Lächeln um seine Lippen, begann überlaut zu pfeifen – eine Marschmelodie. Er wollte nicht hören, wie ein Wagen auf der Chaussee nach der Kreisstadt dahinjagte.

Viele Fragen bedrängten ihn. War Konrad Zweilinden tot, oder hatte er schlecht getroffen, hatte er ihn nur verwundet? Und wenn er ihn nur verwundete, war er von ihm gesehen worden? Ihm war flau zumute, aber er pfiff weiter. Falls ihm jemand begegnete, sollte er den Eindruck gewinnen, er befände sich in guter Stimmung.

Er erreichte Schloß Wiesenthal, ging pfeifend in sein Zimmer, machte allerlei Arbeiten, die höchst unwichtig waren. Aber die Unruhe trieb ihn dazu. Mit irgend etwas mußte er die Zeit ausfüllen, denn bald würde er ja hören, ob ihm geglückt war, den Störenfried auszuschalten, der seine Pläne über den Haufen geworfen. Vor allem: für immer.

Er aß zu Mittag wie sonst, machte der alten Köchin, die schon bei seinen Eltern in Diensten gestanden und die selbst die Speisen auftrug, Komplimente, wie gut sie koche, und tat äußerst vergnügt.

Gegen zwei Uhr, als er, eine Zigarre rauchend, am offenen Fenster seines Arbeitszimmers saß, kam Ludwig West, sein Inspektor, zu ihm. Er war sichtlich aufgeregt und strich vor Aufregung seinen langen grauen Vollbart.

„Herr Graf, denken Sie doch nur, es heißt, Herr von Zweilinden wäre erschossen worden. Sein Pferd soll mit dem Jagdwagen in toller Fahrt in die Kreisstadt gerast gekommen sein und vor dem Hotel ‚Eichkatz‘, wo Zweilinden immer haltzumachen pflegt und manchmal ausspannt, stillgestanden haben. Im Wagen aber, ganz zusammengefallen, hätte Zweilinden gelegen. Tot! Von einer Kugel mitten ins Herz getroffen! Du lieber, guter Gott, ist das nicht furchtbar? Die Polizei ist schon auf den Beinen, heißt es, und die Mordkommission aus Frankfurt wird erwartet.“

Wulf Speerau hatte nun die Gewißheit, auf die er so fieberhaft gewartet. Halb lag sie ihm wie ein Alpdruck auf der Brust, halb empfand er ein Siegergefühl.

Jetzt war der Weg zu Bettina und ihrem Reichtum frei! Die Erbin von Zweilinden war das reichste Mädchen weit und breit.

Er warf seine Zigarre zum offenen Fenster hinaus, sagte in unwilligem Ton: „Das ist doch alles Unsinn, ich war ja heute vormittag in Zweilinden, und Herr von Zweilinden war vergnügt und gesund!“ Er schlug sich vor die Stirn. „Aber er erzählte mir, er müsse als Sachverständiger zu einem Termin in die Kreisstadt fahren.“ Er schüttelte sich. „Sollte es also doch wahr sein? Oh, das wäre ja entsetzlich!“ Wie von Mitleid überwältigt, murmelte er vor sich hin: „Die arme Bettina Claudius tut mir in der Seele leid!“ Er ging ans Telefon. „Warten Sie einen Augenblick, lieber West. Ich telefoniere gleich mal mit dem Hotel ‚Eichkatz‘.“

Seine Hand, die den Hörer abnahm, schien ruhig, aber sein Herz schlug wie ein Schmiedehammer.

Das Gespräch war nur kurz. Wulf Speerau wandte sich wieder dem alten Inspektor zu, sagte in dumpfem Ton: „Es ist alles wahr. Alles, was man Ihnen erzählt hat, stimmt.“ Er ging zu seinem Stuhl, ließ sich darauf niederfallen. „Wie furchtbar, wie furchtbar! Daß so etwas in unserer bisher so sicheren und harmlosen Gegend geschehen konnte!“ Er ballte die Hände. „Wenn man nur den Schuft faßte, der das getan hat!“

Der Inspektor nickte. „Herr von Zweilinden war manchmal etwas kurz und rauh, ich glaube, er hatte manchen Feind unter seinen früheren Knechten.“

Schon am späten Nachmittag wurde Wulf Speerau nach Zweilinden gerufen. Die Mordkommission war bereits bei der Arbeit, und da er kurz vor der Fahrt des Gutsherrn in Zweilinden gewesen, zog man auch ihn in den Kreis der Zeugen ein.

Als Wulf in die Halle trat, stürzte Bettina ihm ganz aufgelöst in Tränen entgegen. Unbekümmert um ihre Umgebung drängte sie sich an ihn, schluchzte verzweifelt: „Der arme, liebe Vater!“

Wulf streichelte ihr Haar. Er hatte nun die Gewißheit, Konrad Zweilinden hatte vor seiner Fahrt nach der Kreisstadt nicht mehr über ihn zu Bettina gesprochen, und damit fiel wieder eine Schwierigkeit fort.

Als er dann von dem Kriminalkommissar gefragt wurde, aus welchem Grunde er am Vormittag in Zweilinden gewesen, antwortete er ruhig: „Um ihn um die Hand seiner Pflegetochter Bettina zu bitten, die er mir, wie Bettina und ich nicht anders erwarteten, auch gewährte. Er sagte schließlich scherzhaft zu mir: Nun aber ’raus, Sie Verliebter, und nach Hause! Ich muß als Sachverständiger in die Kreisstadt. Kommen Sie heute abend wieder, dann halten wir ’ne kleine Vorfeier. Und jetzt nicht etwa Bettina aufsuchen. Ich will sie Ihnen mit einem richtigen Vatersegen in die Arme legen!“ Weiter könne er nichts aussagen. Er sei dann mitten durch den Wald langsam und vergnügt nach Hause gegangen.

Der Kommissar hatte nicht den geringsten Grund, die Aussage anzuzweifeln. Alles klang so überzeugend, ganz glaubhaft.

Man hatte den Revolver gefunden mit dem kleinen Messingschild, in dem die Adresse einer Londoner Waffenhandlung eingraviert war. Aber da solche Waffen jahrein, jahraus verkauft wurden, hatte eine Nachfrage bei der Firma kaum einen Zweck.

Nach seiner Aussage suchte Wulf Speerau Bettina auf. Er fand sie in der Bibliothek. Wie vernichtet saß sie in einem der Sessel; aber über ihr Gesicht glitt doch ein heller Schein, als der Geliebte eintrat.

Wulf näherte sich ihr, strich über ihr dunkelbraunes Haar.

„Meine arme, arme Bettina, es ist furchtbar, was geschehen ist. Glaube mir, ich fühle mit dir. Ich war doch heute vormittag hier, und dein Vater gab so freudig seine Zustimmung zu unserer Ehe, daß ich unendlich glücklich war. Heute abend erst solltest du das erfahren, wünschte er; heute abend wollte er Verlobung mit uns feiern.“

Bettinas Hände verkrampften sich.

„Wie schön wäre das gewesen, wie wunderschön! Und nun liegt er irgendwo in der Kreisstadt, kalt und tot, und man rät mir, nicht darauf zu bestehen, ihn sehen zu wollen, obwohl ich es möchte. Denke nur, Wulf, ich soll ihn kein einziges Mal mehr sehen, ehe man ihn in den Sarg legt und begräbt. Kein einziges Mal mehr! Das ist doch unmöglich! Heute morgen war er noch so gut und lieb zu mir, und jetzt ist er schon tot!“ Sie hob den Blick. „Aber er hat dir noch erlaubt, mich zu heiraten. Das ist wie ein Trost. Nicht wahr, Wulf?“

Er wiederholte: „Ja, das ist wie ein Trost, meine geliebte Bettina!“

Er versprach, am nächsten Tage wiederzukommen, und ging, nachdem er die Weinende noch, so gut es ihm möglich war, beruhigt hatte.

Bettina verließ die Bibliothek und suchte ihr Zimmer auf. Die frohen Farben darin taten ihr heute weh, wie einem Trauernden wohl ein helles Lachen weh tut, das an sein Ohr dringt. Sie blickte in den Park hinaus und sann: Gestern nacht glaubte sie die stummen Gäste von Zweilinden zechen gehört zu haben. Ihr Besuch sollte Unheil bedeuten, und nun war das Unheil schon da. Ein schreckliches Unglück war geschehen, das Schlimmste, was sie sich zu denken vermochte.

Ihr graute plötzlich wieder vor dem, was sie verlacht – vor den stummen Gästen von Zweilinden.

4. Kapitel

Die Mordkommission hatte festgestellt, daß der tödliche Schuß vom Waldweg aus, von der Stelle, wo der Revolver gelegen, auf den Gutsherrn abgegeben worden war, gerade als der Wagen die Kurve nahm und er langsamer gefahren wurde. Aber man fand keinen Anlaß, irgend jemand des Mordes zu verdächtigen. Man glaubte allgemein, ein früherer Knecht von Zweilinden habe aus Rachsucht die Tat begangen. Zur Erntezeit gab es alljährlich so viele fremde Hilfskräfte auf dem Gute, daß es schwer war, da eine Spur zu finden.

Die Leiche Konrad von Zweilindens wurde freigegeben und in dem Erbbegräbnis der Familie auf dem nahen Dorffriedhof zur letzten Ruhe gebracht.

Bettina stand, in düstere Trauergewänder gehüllt, am Grabe und weinte haltlos. Eine Schwester des toten Gutsherrn war mit ihrem Mann, der sich mit dem Verstorbenen sehr schlecht gestanden, aus Berlin gekommen, wo er als Privatgelehrter von dem Vermögen lebte, das seine Frau ihm mit in die Ehe gebracht. Das Paar war äußerst besorgt um Bettina, und das harmlose Mädchen war dankbar dafür. Sie ahnte nicht, daß man ihr nur schöntat, weil sie die Erbin von Zweilinden war.

Die beiden waren einen Tag vor dem Begräbnis angelangt, und Frau Justine von Welten fühlte sich sofort äußerst wohl im Herrenhause, in dem sie so lange gelebt, bis sie sich, sehr gegen den Willen ihres Bruders, mit Dieter von Welten verheiratete, den sie bei Bekannten in Frankfurt am Main kennengelernt. Jetzt aber war der Bruder, der von ihrem Manne nur eben Notiz genommen, nicht mehr da; ein junges Mädchen lebte hier als Herrin.

Es war also Gelegenheit gegeben, sich wenigstens bis zum Winter in ein nettes, behagliches Nest zu kuscheln. Ihr Mann konnte seine Studien machen, wo er wollte, er war an keinen Ort gebunden.

Sie tat mütterlich besorgt um Bettina und war sehr liebenswürdig zu Wulf von Speerau, weil sie in ihm nach dem, was sie gehört, den zukünftigen Herrn von Zweilinden sah.

Nach der Beerdigung führte das Ehepaar Bettina zwischen sich zum Auto.

Die ganze Nachbarschaft hatte sich eingefunden, um Konrad von Zweilinden, der auf so plötzliche, tragische Weise ums Leben gekommen, die letzte Ehre zu erweisen. Man raunte sich zu, Wulf Speerau sei heimlich mit Bettina Claudius verlobt und nun bald einer der reichsten Grundbesitzer weit und breit. Auch von Ottfried Zweilinden redete man; aber der war nicht mehr wichtig. Einer, der zehn Jahre lang geschwiegen, würde auch weiter schweigen, und zu holen war ja hier nicht mehr viel für ihn.

Bettina stieg in das Auto. Ihre Augen brannten von den vielen Tränen, und das Herz lag ihr so schwer in der Brust, so schwer von dem Schmerz um den Vater.

Kaum war man zu Hause angelangt, ließ sich Justizrat Eisen melden, der Rechtsbeistand und Berater des Verstorbenen.

Dieter von Welten, ein sehr eleganter Herr Mitte der Fünfziger, mit schlauen Augen, seine etwas derbknochige Frau und Bettina hatten sich in das Arbeitszimmer des Verstorbenen begeben. Man empfing nun dort den Justizrat, der auch an der Beerdigung teilgenommen hatte. Er grüßte die drei erst durch eine Verneigung und reichte Bettina dann teilnehmend die Hand.

„Ich komme gewissermaßen privat, Fräulein Claudius. Eigentlich ist es Sache des Amtsgerichts, Sie über den rechtlichen Stand der Erbfolge zu unterrichten, und das dürfte auch in allernächster Zeit geschehen. Aber als Freund des Toten, der Sie wie eine Tochter geliebt hat, fühle ich mich verpflichtet, Sie über einiges Wichtige aufzuklären.“

Bettina bot ihm Platz an, erwiderte matt: „Alles, was mit der Erbschaft zusammenhängt, interessiert mich gar nicht. Ich bin noch viel zu durcheinander, um schon jetzt an dergleichen zu denken.“

Justine von Welten neigte den sehr glatt gescheitelten Kopf.

„Ich verstehe unsere Bettina nur zu gut. Sie hat eben ihren Pflegevater sehr liebgehabt, und es ist schmerzlich für sie, sich mit dem Nüchternen zu befassen, das so ein Todesfall im Gefolge hat.“ Sie strich sanft über die Hand Bettinas. „Du solltest aber doch hören, mein Kind, was dir der Herr Justizrat glaubt mitteilen zu müssen. Es ist sehr freundlich von ihm, daß er sich privat bemüht.“

Bettina sah den Justizrat mit großen, verweinten Augen an.

„Ich will zuhören, Herr Justizrat“, sagte sie leise. „Sprechen Sie nur.“

Das Ehepaar wechselte einen verständnisvollen Blick. Es schien ihnen beiden auch wichtig, zu hören, was der Justizrat Bettina mitteilen würde.

Karl Eisen war klein und ein wenig dick. Seine hellbraunen Augen funkelten immer sehr lebhaft hinter dem goldumrandeten Kneifer. Er holte tief Atem. Es schien ihm keine leichte Aufgabe, die er hier erfüllen wollte – nein, mußte! Er hielt sich für verpflichtet dazu.

Er begann: „Sie wurden von Herrn von Zweilinden wie eine leibliche Tochter gehalten, Fräulein Claudius, und ich weiß genau, Sie waren seinem Herzen teuer. Um so mehr, da er keine Kinder besaß; denn sein Sohn lief im Jähzorn und Trotz eines Tages fort und blieb weg. Der Grund dazu war nicht besonders wichtig, wie wir alle wissen, und es paßt wohl in diesem Falle das Sprichwort: Kleine Ursachen, große Wirkungen! Doch zur Sache: Es ist mir sehr, sehr unangenehm, was ich Ihnen jetzt erklären muß, Fräulein Claudius; aber, wie gesagt, ich halte es für meine Pflicht. Ungefähr vierzehn Tage vor seinem jähen Tode war Ihr Pflegevater bei mir, und seltsamerweise sprach er, was er eigentlich nie tat, von seinem Sohn. Er meinte, er wäre damals wohl zu hart zu ihm gewesen, und meinte auch, in nächster Zeit möchte er sein Testament machen. Er würde sich einmal gründlich überlegen, wie er sein Hab und Gut zwischen seinem Sohn und Ihnen teilen sollte. Auch möchte er nach Ottfried suchen lassen. Wenn man ihn nicht fände, deutete er an, bekämen Sie alles. Aber, Fräulein Claudius, das ist nicht die Hauptsache, das Wesentliche ist, Ihr Pflegevater wollte ein Testament machen. Doch er tat es nicht, und da Sie in keiner Weise irgendwie in verwandtschaftlichen Beziehungen zu ihm standen, werden jetzt der Erbschaft wegen vor allem Aufrufe nach Ottfried von Zweilinden erlassen werden.“

Frau Justine hatte hektische Flecke auf den gelblichen Wangen, als sie fragte: „Und wenn mein Neffe Ottfried sich nicht meldet oder gar sein Tod nachgewiesen werden könnte, wie wäre die Erbfolge dann?“ Sie fügte betont hinzu: „Ich bin doch Konrad von Zweilindens Schwester.“

„Leider!“ erwiderte der etwas temperamentvolle Jurist, der Justine von Welten nicht ausstehen konnte.

„Leider? Wie meinen Sie das?“ stellte Welten ihn sofort zur Rede.

Justizrat Eisen machte ein harmloses Gesicht.

„Ausreden lassen, meine Herrschaften!“ erwiderte er ruhig. „Ich wollte sagen: Leider gibt es wahrscheinlich für die Erben eine lange Wartezeit, aber wenn sich der Sohn des Verstorbenen nicht meldet, dürften wahrlich Sie, Frau von Welten, als nächste Blutsverwandte Herrn von Zweilindens die Haupterbin sein. Sie, Fräulein Claudius, sind auf die Großmut der Erben angewiesen. Vielleicht wäre Ihnen später ein Prozeß anzuraten. Da Sie wie eine Tochter des Verblichenen erzogen wurden und bestimmt glauben mußten, daß Ihre Zukunft von ihm sichergestellt werden würde, haben Sie immerhin gewisse moralische Ansprüche, Gründe, die zu Ihren Gunsten ausgelegt werden würden.“

Bettina hatte kaum richtig zugehört. In Gedanken war sie noch am Grabe des Pflegevaters, und ihr erschien nebensächlich und belanglos, was der Justizrat mit Wichtigkeit erklärte.

Sie erwiderte mit tränenerstickter Stimme: „Ich möchte ja gar nichts erben und will mich mit niemand deshalb herumstreiten. Ich verstehe, daß mein lieber Vater es gar nicht so eilig damit hatte, sein Testament zu machen. Er war ja so gesund, so sprühend von Leben und Kraft. Und er lebte ja auch noch und wäre noch viele Jahre am Leben geblieben, wenn es keine hinterhältigen, feigen Mörder gäbe.“ Ihr Gesicht färbte sich, und die blauen Augen schienen vor heißer Erregung fast schwarz. „Ich bin nicht rachsüchtig. Noch nie habe ich einem Mitmenschen etwas Böses gewünscht; aber dem elenden Mörder wünsche ich, falls er nicht noch entdeckt wird und die wohlverdiente Strafe erhält, daß sein Dasein in Armut und Elend führt. Daß es ihm schlecht gehen soll bis ans Ende seiner Tage.“

Der Justizrat nickte. „Ich verstehe Ihren Zorn, Fräulein Claudius. Wir wollen indes hoffen, die Polizei findet den Mörder noch, obwohl es aussieht, als habe die Erde ihn verschluckt. Und jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten. Mir lag nur daran, Sie vorzubereiten.“

„Ich danke Ihnen, Herr Justizrat“, gab Bettina mit mühsam erzwungener Ruhe zurück. „Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen. Ich verzichte gern auf die Erbschaft.“

Sie dachte an Wulf Speerau, der sie liebte und sie nun wohl so rasch wie möglich heiraten würde, damit sie immer bei ihm bleiben durfte. Er liebte sie ja so sehr. Daran mußte sie glauben und sich über den Tod des Vaters damit zu trösten suchen, daß Gottes Wege unerforschlich waren.

Der Justizrat schüttelte den Kopf.

„Sie sehen alles anders, als ich es sehe, Fräulein Claudius. Ich bitte Sie jedenfalls, wenn Sie irgendeinen Rat brauchen oder eine Hilfe, sich an mich zu wenden. Ich stehe sofort zu Ihrer Verfügung.“

Als er fort war, entschuldigte sich Bettina bei dem Ehepaar und suchte ihr Schlafzimmer auf.

Sie sehnte sich nach einem Stündchen des Alleinseins, um sich zu sammeln.

Das Bild ließ sie nicht los, wie man den Sarg des Pflegevaters in die kahle Erdgrube gesenkt hatte, unter den steinernen Baldachin, der das Erbbegräbnis überdachte.

Nachdem sie gegangen war, blickte sich das Ehepaar lange an, und Dieter von Welten schmunzelte: „Wenn sich der Bengel, der Ottfried, nicht meldet, dann erbst du den ganzen Krempel, Weib meines Herzens. Das wäre wirklich eine feine Sache. Ich male mir das schon aus, ich hier als Herr von Zweilinden und du als Herrin. Donnerwetter, sollte das ein Leben werden!“

„Was würde aber aus Bettina?“ fragte seine Frau.

„Sie wird den Grafen Speerau heiraten“, antwortete er. „Man gibt ihr dann eine nette Aussteuer. Das sieht nobel aus und kostet nicht viel.“

Beide lachten sich an und stellten sich vor, wie sie hier leben würden, wenn ihnen das Erbe zufiele, wozu sie doch alle Aussicht hatten.

Ein Mädchen kam und suchte das gnädige Fräulein, sie müsse sie etwas fragen. Die Dienstboten sahen jetzt alle in Bettina die Herrin.

Justine von Welten sagte scharf: „Sie meinen mit dem gnädigen Fräulein doch Fräulein Claudius, nicht wahr? Vielleicht kann ich Ihre Frage auch beantworten. Vergessen Sie, bitte, nicht, ich bin die Schwester des Verstorbenen und hier groß geworden.“

Es klang hochmütig.

Das Mädchen antwortete eingeschüchtert: „Die Köchin schickt mich. Ich möchte das gnädige Fräulein nur fragen, ob das Essen heute lieber unten im Bankettsaal angerichtet werden soll? Damit sich das gnädige Fräulein im Eßzimmer nicht zu sehr daran erinnert, daß sie dort immer ihrem Vater gegenübergesessen hat.“

Seit dem Tode Konrad von Zweilindens hatte man Bettina die Speisen in ihrem Wohnzimmer serviert. Sie hatte allerdings herzlich wenig davon genossen.

Frau Justine plusterte sich ein wenig auf. Sie fühlte sich schon ganz als Herrin hier.

„Es ist ziemlich warm, und es wäre, abgesehen von jeder Rücksicht, überhaupt ganz nett, wenn wir im Bankettsaal speisen würden. Also soll dort aufgetragen werden.“

Das Mädchen ging, und Justine von Welten meinte zu ihrem Mann: „Ich werde den Dienstboten bald beibringen, daß ich jetzt hier die Hauptperson bin und nicht mehr das Schullehrermädel.“ Sie lächelte. „Erinnerst du dich an die alte Sage, die ich dir früher einmal erzählte, Dieter, die im Bankettsaal spielt? Wir standen mit Konrad immer schlecht. Ich glaube, außer bei unserer Hochzeit hast du den Bankettsaal gar nicht gesehen. Schau ihn dir heute nur ordentlich an.“

„Ich erinnere mich wirklich an keine alte Sage, die du mir erzählt hättest, Justi“, erklärt er, und seine Augen lächelten sie an. Was tut man nicht dem Mammon zuliebe!

Dieter von Welten lebte von dem Vermögen seiner Frau sorglos, aber nicht wie ein reicher Mann. Doch jetzt bestand die Aussicht, es bald zu können. Und solch einer Frau muß man ein bißchen schöntun.

Frau Justines hellblaue Augen, die von spärlichen Wimpern umrahmt waren, blickten verträumt.

„Du weißt, vor ungefähr zweihundert Jahren ist Zweilinden erbaut worden, und unter dem Sohn des Erbauers, Kraft Erdmann von Zweilinden, der ein großer Sonderling gewesen sein soll, zeigte sich der Spuk zum ersten Male. Ich drücke mich falsch aus“, verbesserte sie sich, „es ist merkwürdigerweise kein Spuk wie üblich. Ich meine, man hört ihn nicht sprechen, und doch müssen es Geister sein, die sich bewegen. Man vernimmt ihre Schritte, hört, wie sie sich Stühle zurechtrücken und wie sie Glaskelche aneinanderklingen lassen. Man nennt den Spuk: Die stummen Gäste von Zweilinden!“

„Nun, gar so stumm scheinen sie doch eigentlich gar nicht zu sein, die seltsamen Herrschaften, Justi“, spöttelte der Mann. „Übrigens erinnere ich mich jetzt, du hast mir früher mehrmals davon gesprochen. Aber man vergißt solche Dinge. Also gehören die stummen und körperlosen Gäste von Zweilinden zur Klasse der Poltergeister, scheint mir.“

Seine Frau lachte. „So ist es! Allzu oft machen sie sich hier ja gerade nicht mausig. Zwischen ihren verschiedenen Debüts vergeht immer geraume Zeit. Aber es heißt, sie treten stets dann auf, wenn Zweilinden ein Unglück droht. Dann hört man vorher im Bankettsaal Schritte mehrerer Menschen, obwohl man niemand sieht. Danach werden Stühle gerückt, ohne daß sich ein Stuhl bewegt, und schließlich klingen feine Gläser aneinander, so, wie wenn man vor dem Trinken eine Gesundheit ausbringt und mit den Gläsern anstößt. Damals, zur Zeit Kraft Erdmann von Zweilindens, soll man die unsichtbaren Gäste oft gehört haben, und kein Besuch hätte sich schließlich mehr hier sehen lassen, steht in der alten Kirchenchronik, in der es auch heißt, er sei ein eigentümlicher, sonderbarer Mann gewesen, der Kraft Erdmann, der bessere Freundschaft mit den Sternen und dem Getier gehalten als mit den Menschen. Verschiedentlich im Laufe der langen Zeit wollen Glaubwürdige den sonderbaren Spuk vernommen haben; ich aber habe ihn, so sehr ich mich als Kind und auch später dafür interessierte, niemals gespürt.“

Dieter von Welten lachte.

„Ein origineller Spuk. Er fällt völlig aus dem Rahmen der weißen Frauen und grauen Nonnen und ollen Ritter. Ich würde mich freuen, wenn die sogenannten stummen Gäste von Zweilinden, die ja eigentlich genug Radau machen, uns einmal das Vergnügen bereiten würden. Mir wären sie hoch willkommen!“

Dann rückte das Paar zusammen und begann eine eifrige Flüsterunterhaltung. Sie drehte sich um die Erbschaft. In den Augen der beiden brannte die Gier nach dem Reichtum, den Konrad von Zweilinden hinterlassen.

Wenn sie dieses Geld erst hätten! Das war ihr einziger Wunsch, diese Gier nach der reichen ErbSchaft.

Dann konnte ihnen doch alles andere ganz gleichgültig sein.

5. Kapitel

Als zum Essen gerufen wurde, benachrichtigte man auch Bettina. Sie entriß sich gewaltsam ihrem Gram. Sie wollte stark sein, Wulf zuliebe. Vielleicht erschien er noch gegen Abend, und sie durfte ihn nicht mit dick verweinten Augen begrüßen. Ihr Schmerz war der seine, tat ihm so weh wie ihr, weil er sie liebte.

Sie wollte auch etwas essen; sie mußte doch einmal in die Gewohnheiten des Alltags zurück.

Sie betrat den Bankettsaal ein wenig zögernd. Lieber hätte sie im Speisezimmer gegessen als hier, obwohl ihr weh tat, den Platz des Vaters leer zu sehen. Aber hier unten überfiel sie die Erinnerung an den Spuk der Mitternachtsstunde, als sie aus den Armen des Liebsten gekommen. Wenn sie auch wollte, sie konnte nicht mehr mit ein paar beliebigen Erklärungen über das Erlebnis hinwegkommen, denn am nächsten Mittag war ihr Vater ermordet worden. Sie glaubte jetzt an die stummen Gäste von Zweilinden und daß sie Unheil verkündeten.

Sie nahm Platz. Der Diener servierte lautlos. Man sprach nicht viel während des Essens. Bettina würgte von allem ein paar Bissen hinunter und hörte still zu, wenn Justine von Welten und ihr Mann ein paar Worte über das herrliche Wetter oder über die Speisen wechselten. Da der Diener anwesend war, fiel es Justine von Welten nicht ein, das Thema zu berühren, das ihr jetzt das wichtigste und interessanteste schien: das schöne Thema der Erbfolge.

„Warum sind die Läden halb zu?“ wandte sich Herr von Welten an den Diener.

Dieser erwiderte höflich: „Ich glaubte, die Sonne würde die Herrschaften vielleicht belästigen. Sie scheint gerade auf die Tafel hier.“

„Unsinn!“ erwiderte Dieter von Welten. „Machen Sie die Läden weit auf. Sonne und Luft sollen voll herein.“

Es fiel ihm nicht ein, Bettina zu fragen, ob ihr diese Anordnung recht war.

Gestern, ja, sogar heute vormittag hätte er es noch getan; aber nun er wußte, sie war nicht die Erbin, die er bisher in ihr gesehen, hielt er jede besondere Rücksicht für überflüssig. Das einzige, was ihm noch an Bettina imponierte, war, daß sie die Frau des Grafen Speerau werden würde.

Der Diener erfüllte sofort den gegebenen Befehl; aber er beugte sich ein bißchen ungeschickt aus dem Fenster, um die Läden ganz zu öffnen, und stieß sich dabei ziemlich stark an den Ellbogen.

Tölpel, dachte Frau Justine; aber ihr tat der energische Stoß, den der Diener erhalten, ja nicht weh. Sie ließ sich noch einmal den Kalbsbraten reichen, es schmeckte ihr ausgezeichnet. Infolge der Aussicht, bald eine sehr reiche Frau und die Herrin hier zu werden, schmeckte ihr alles gleich noch einmal so gut.

Der Diener hielt die Schüssel, und Frau Christine legte ein paar Scheiben des Bratens auf den Teller. Bettina dachte unwillkürlich, wie konnte nur eine Frau, deren Bruder man heute zu Grabe getragen, so großen Appetit entwickeln!

In diesem Augenblick erklangen plötzlich Schritte, tappten durcheinander über den Fußboden.

Die drei am Tische vergaßen das Weiteressen und starrten sich an. Die Schüssel, die der Diener hielt, fing an, sich zu bewegen, so sehr zitterten die Hände des Mannes, weil nun Stühle gerückt wurden, ganz nahe, als schöbe man ein paar der leeren Stühle hier an der Tafel zurecht. Und jetzt klangen feine Kelche aneinander, obwohl weder Herr von Welten noch seine Frau oder Bettina Claudius ihre Gläser berührten.

Der Diener Anton trat zurück und stellte die Schüssel auf die Kredenz. Er sah kreidebleich aus, und Frau Justine fragte ärgerlich: „Was ist Ihnen denn nur?“

Er stotterte: „Gnädige Frau müssen es doch eben auch gehört haben – ich meine die Geräusche – und gnädige Frau kennen doch sicher die Sage von den stummen Gästen von Zweilinden.“

Frau Justine wechselte einen Blick des Einverständnisses mit ihrem Manne, sah Bettina warnend an und erwiderte: „Sie müssen geträumt haben, mein Lieber. Ich habe gar nichts gehört. Ich war nur verblüfft über Ihr Benehmen, und ebenso ist es meinem Mann und Fräulein Claudius ergangen.“

Man durfte vor den Dienstboten nicht zugeben, daß doch etwas an dem Spuk war. Sie wollte noch einen Satz hinzufügen, aber schon bei der ersten Silbe stockte sie, denn wieder vernahm man das helle Gläserklingen.

Frau Justine hatte graufahle Wangen, und Bettina sagte mit zitternder Stimme: „Anton hat ganz recht, es ist zum Erschrecken. Warum wollen wir uns denn etwas vormachen, wenn wir doch alle dasselbe gehört haben?“ Sie erhob sich. „Ich bitte um Verzeihung, aber ich bin seelisch durch den Tod meines Vaters schon so sehr herunter, daß ich mich davor fürchte, den Spuk vielleicht noch einmal hören zu müssen.“

Dieter von Welten lachte so laut, daß es scharf von den Wänden widerhallte.

Oh, wie häßlich war das laute Spottlachen in einem Trauerhause!

Bettina drückte ihr Taschentuch vor die Augen und entfernte sich so hastig, als sei sie auf der Flucht

„Gehen Sie auch gleich“, rief Justine dem Diener zu, „sonst werfen Sie vor Angst noch das ganze Geschirr hin! Wir bedienen uns allein weiter. Aber eins bitte ich mir aus: Machen Sie durch den Mumpitz nicht das ganze Personal konfus. Erfahre ich, daß Sie Ihre Einbildungen als Wahrheit weitererzählen, werden Sie nicht mehr lange in diesem Hause sein. Und jetzt gehen Sie!“

Anton ließ sich das nicht zweimal sagen; er verschwand schleunigst. Wenn er über den gräßlichen Spuk nicht reden sollte, auch gut, er konnte schweigen.

Das Ehepaar aber sah sich an, und der Mann fragte leise: „Was hältst du von der Geschichte? Glaubst du, daß sich jemand hier einen dummen Witz mit uns erlaubt hat?“

Seine Frau zuckte die Achseln.

„Wie kann ich das wissen? Ich weiß nur, daß man diese Geräusche, die wir eben gehört haben, wenn ich nicht irre, laut Kirchenchronik schon im Jahre 1740 gehört haben will.“

„Quatsch!“ brummte Dieter von Welten etwas ungalant. Doch gleich darauf blickte er betroffen seine Frau an, denn schon wieder stießen feingeschliffene Gläser mit hellem Klang aneinander; dann wurden Stühle gerückt.

Frau Justine erhob sich überstürzt.

„Ich muß bekennen, ich habe jetzt auch genug. Es ist verdammt ungemütlich in der Gegenwart dieser Gäste, die man nicht sieht, die kein Wort sprechen und doch so deutlich ihr Vorhandensein kundtun.“

Ihr Mann schob ebenfalls seinen Stuhl zurück. Obwohl er noch kurz vor dem Essen zu seiner Frau geäußert, er möchte die stummen Gäste von Zweilinden gern kennenlernen und sie wären ihm hoch willkommen, war ihm jetzt nicht ganz wohl zumute. Er brummte: „Ich werde die Geschichte gründlich untersuchen und dem Unfug schon auf die Spur kommen.“

Seine Frau wollte antworten, doch sie schwieg entsetzt. Schritte wurden laut. Es war, als gingen mehrere Personen an ihr vorbei, obwohl kein Mensch zu sehen war. Dann verstummten die Schritte. Die seltsamen, spukhaften Gäste hatten den Bankettsaal verlassen.

Schleunigst folgte ihnen das Ehepaar; beide fürchteten, der Spuk könne wiederkehren.

In ihrem Zimmer aber lag Bettina auf dem Bett und weinte bittere Tränen. Ihre Nerven waren völlig überreizt.

Sie sann, das vorige Mal hatten die stummen Gäste von Zweilinden wirklich Unglück angekündigt; wer weiß, was für ein neues Unglück sie meldeten. Ihr Herz schlug ganz matt, von einer dumpfen Angst gequält, und sie empfand zum erstenmal, was sie bisher noch nie gekannt, Furcht vor dem Leben.

Sie war froh, daß Wulf Speerau nicht kam, und sie verließ ihre Zimmer nicht mehr.

6. Kapitel

Am nächsten Vormittag erschienen auf dem Gute zwei Herren vom Amtsgericht der Kreisstadt in Begleitung des Bürgermeisters des Dorfes Zweilinden und legten vor alle Räume Siegel, damit sie nicht mehr betreten werden konnten.

Bettina durfte ihre Zimmer zunächst behalten; auch den Weltens ließ man ihr Logierzimmer, und die Dienerschaft durfte ihre Stuben weiterbewohnen, aber außer der Küche und der Speisekammer war alles gesperrt worden. Am 1. Juli, das war in fünf Wochen, würde die Dienerschaft entlassen werden. Auch Bettina und das Ehepaar Welten mußten sich dann andere Unterkunft suchen, bis die Erbschaftsangelegenheit geklärt sein würde.

Der alte Inspektor Ernst Flügge jedoch durfte auf seinem Posten bleiben, damit der Gutsbetrieb keinen Schaden erleide. Er sollte die Verwaltung weiterführen wie zu Lebzeiten seines Herrn.

Am Spätnachmittag dieses Tages kam Wulf Speerau. Er wollte ein bißchen horchen, ob Bettina noch nicht wußte, wann die Testamentseröffnung stattfinden würde. Gewöhnlich fand sie doch bald nach der Beerdigung des Erblassers statt.

Bettina empfing ihn in der Halle. Sie erklärte ihm: „Alle Zimmer sind versiegelt vom Amtsgericht aus. Vater hat nämlich kein Testament gemacht, und nun wird Ottfried gesucht. Findet man ihn nicht, erbt Frau von Welten alles.“

Sie befanden sich beide allein in der Halle und hatten seitlich auf einem Ledersofa Platz genommen. Wulf Speerau glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Zum Teufel, er mußte sich verhört haben! Konrad Zweilinden hatte ihm doch an jenem verhängnisvollen Vormittag vorgeworfen, er spekuliere nur auf die reiche Erbin. Also hatte Zweilinden doch in der Pflegetochter seine Erbin gesehen. Trotzdem, wie oft kommt es vor, daß mancher, in kindischer Furcht, dadurch den Tod herbeizurufen, immer wieder hinausschiebt, seinen letzten Willen festzulegen, und nachher gibt es dann ein arges Durcheinander.

Aber schließlich, aus Mangel an Arbeit würden die Herren vom Amtsgericht nicht die Zimmer im Schloß unter Siegel gelegt haben.

Ganz kalt wurde dem Grafen, und ihm ging nun durch den Kopf, daß er, anstatt klug gehandelt zu haben, wie er gemeint, eine kapitale Dummheit gemacht hatte.

„In Kürze wollte Vater ein Testament zu meinen Gunsten machen, sagte Justizrat Eisen“, erzählte Bettina, „aber weißt du, Wulf, mir liegt ja gar nichts daran, ob ich reich oder arm bin. Du hast mich lieb, und ich werde deine Frau. Wenn wir unser tägliches Brot haben, wollen wir zufrieden sein, nicht wahr? Die Hauptsache ist doch, daß wir uns liebhaben.“

Wulf Speerau schwieg, der Kopf war ihm so schwer, als sei er mit Blei gefüllt, und er wußte nicht, was er antworten sollte.

Bettina blickte ihn zärtlich an.

„Die Liebe ist das Schönste und Beste im Leben, und wenn man sich keine wertvollen Kleider kaufen kann, dann kauft man sich eben einfache, und wenn Wein zu teuer ist, dann trinkt man Wasser. Ich muß am 1. Juli hier ausziehen. Ich werde mir überlegen, wo ich bis zu unserer Hochzeit unterkrieche.“

Jetzt kam Wulf Speerau endlich wieder zu sich.

„Weißt du, das ist aber doch ein tolles Stückchen, das sich dein Pflegevater mit dir geleistet hat. Erzieht dich wie eine große Dame, in einer Weise, als wärest du seine leibliche Tochter, und dann läßt er dich zurück als Bettlerin. Gemein ist das, hundsgemein.“

Bettina starrte ihn groß an, erwiderte mit zuckenden Lippen: „Ich bitte dich, Wulf, nie mehr in solchem Tone von meinem Vater zu sprechen. Er hat das, was du ihm vorwirfst, nicht absichtlich getan. Der Tod hat ihn überrascht! Nicht er trägt die Schuld, sondern sein Mörder. Dieser Mensch, den man leider noch nicht aufgespürt hat, dieser verfluchte Mensch, der keine Ruhe auf Erden finden soll.“

Wulf Speerau fuhr sich mit einer Hand über das Haar und atmete rasch und laut.

„Das ist alles Unsinn. Für dich handelt es sich nur darum, daß dein sogenannter Vater dich gründlich in den Dreck gestoßen hat. Was willst du anfangen ohne Geld? Hast ein paar Sprachen gelernt, kannst Klavier spielen, aber damit hört es auch auf. Na ja, reiten und fahren kannst du auch, doch das alles können viele.“

Sie blickte ihn mit immer starrer werdenden Augen an.

„Ich kann auch kochen und wirtschaften, und viel mehr brauche ich als deine Frau doch nicht zu können, glaube ich. Sollte aber noch etwas fehlen, dann lerne ich es rasch.“

Es klang wie eine Frage.

„Ich bin leider kein reicher Mann, der eine Ehe ohne genügenden finanziellen Rückhalt schließen kann. Ich fürchte, wir kämen dadurch beide ins Unglück.“

Bettina spürte ein krampfiges Zucken um ihren Mund.

„Wulf, das ist doch nicht dein Ernst? Das kann dein Ernst nicht sein! Du hast mir beteuert, du liebst mich.“

Ein Spottlächeln huschte über seine Lippen; er neigte sich ein wenig zu ihr nieder, als er antwortete: „Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, ein Geheimnis, das ich für mich behalten haben würde, wenn sich deine Verhältnisse nicht so vollkommen geändert hätten. Ich habe in dir das reiche Mädchen geliebt, mit dessen Hilfe ich auch mein Leben reich hätte gestalten können. Ein armes Mädchen kann ich nicht heiraten, da käme ich nicht vorwärts, nicht in die Höhe. Man lebt nur ein einziges Mal, Fräulein Claudius, und darf deshalb nicht töricht handeln. Ich bitte Sie, mich Herrn und Frau von Welten zu empfehlen.“ Zynisch setzte er hinzu: „Ich hätte lügen können und einen Bruch herbeiführen. Aber wozu so viel Umstände? So ist’s einfacher für uns beide.“

Er verneigte sich lässig und ging, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen.

Bettina lehnte wie vernichtet in der Ecke des schwarzen Ledersofas. Ihr war zumute, als säße ihr ein Raubvogel im Nacken, der seinen scharfen Schnabel in ihre Schläfen stieß.

Die Tür schnappte ins Schloß.

Bettina erhob sich mit wankenden Knien. Sie konnte nicht, klar denken. Nur die Erinnerung an die späte Mittagsmahlzeit heute drängte sich in den Vordergrund. Sie glaubte wieder die geheimnisvollen Schritte im Bankettsaal zu hören, das Stühlerücken und Gläserklingen.

Zum zweitenmal hatte der Spuk ihr Unglück gebracht.

Als sie die stummen Gäste von Zweilinden zum ersten Mal gehört, war ihr Pflegevater ermordet worden. Nun sie zum zweiten Mal die seltsamen Geräusche vernommen, verlor sie den Mann, den sie liebte.

Und auf welche häßliche Weise hatte sie ihn verloren! Es wäre weniger schmerzhaft für sie gewesen, er wäre gestorben, ohne daß sie erfahren, wie berechnend er war und daß er ihr nur Liebe gelogen, weil er sie für reich hielt.

Sie fühlte eigentlich gar keinen Schmerz; eher konnte man Erstarrung nennen, was sie empfand – Erstarrung, die sich in ungeheure Verachtung auflöste.

Sie ging mit müden Füßen durch die Halle und hinaus in den Park. Langsam schritt sie durch die Wege, ihr Ziel war der Pavillon. Sie trat ein, öffnete einen der Läden, damit es nicht ganz dunkel um sie wäre.

Draußen fing es an zu dämmern. Das verschwimmende Grau des beginnenden Abends drängte sich herein und füllte den ziemlich kahlen Raum mit mystischem Schein.

Bettina blickte sich um und schüttelte den Kopf.

War es wirklich erst so kurze Zeit her, seit sie sich hier in die Arme Wulf Speeraus geschmiegt und er sie „Du Schönste“ genannt hatte? Zum ersten Mal im Leben fing sie an zu begreifen, welche Macht doch das Geld hat. Um seinetwillen heuchelten die Männer sogar Liebe und entehrten dadurch das heilige Gefühl.

Sie ließ sich auf einem der Korbstühle nieder, und die Ellbogen auf die Knie stützend, legte sie den müden Kopf in die Hände. Sie sann, wie schnell hatte sich doch ihr Leben völlig geändert! Vor kurzem noch die umworbene Tochter eines der reichsten Grundbesitzer im ganzen Kreise, war sie jetzt plötzlich wieder die arme Waise, die sich überlegen mußte, auf welche Art sie sich ihr Brot verdienen konnte.

Es gab wohl nur einen Beruf, der für sie in Frage kam. Sie mußte als Gesellschafterin unterzukriechen versuchen. Aber es gab eine Menge arme Mädels wie sie. Es würde nicht leicht sein, da etwas zu finden.

Ein Schatten verdunkelte die offen gebliebene Tür. Inspektor Flügge stand auf der Schwelle und grüßte höflich.

„Verzeihen Sie, Fräulein Claudius. Ich sah Sie vorhin hier eintreten. Erst wagte ich nicht, Sie zu stören, aber dann sagte ich mir, es ist besser, man redet bald über die Dinge, über die schließlich gesprochen werden muß. Entschuldigen Sie vielmals, wenn Ihnen weh tut, was ich berühre. Wir auf dem Gut wissen natürlich schon alle, daß Sie nicht die Erbin von Zweilinden sind, wie wir erwartet haben, und ich meine, die ganze Situation muß für Sie jetzt peinlich sein. Ich weiß genau, der selige Herr hat nicht beabsichtigt, was nun geschehen ist. Die Testamentssache ist von ihm verzögert worden, und Sie haben jetzt den Schaden. Ich weiß nicht, ob ich mich geirrt habe; aber ich glaube, der Graf Speerau interessiert sich sehr für Sie und –“

Bettina unterbrach ihn gequält: „Wo wollen Sie denn eigentlich hinaus, Herr Flügge? Im übrigen irren Sie sich. Der Graf hat, seit er weiß, ich bin keine reiche Erbin, gar kein Interesse mehr für mich.“

Es klang unsäglich bitter.

Ernst Flügge sagte laut: „Ach so, ich verstehe! Aber ein Wunder ist das nicht. Der selige Herr meinte gerade an dem Tage, an dem er in die Kleinstadt wollte und in den Tod fuhr, zu mir, ehe er den Wagen bestieg: Flügge, heute hat Graf Speerau um Bettinas Hand bei mir angehalten. Ich habe ihm ein sehr kühles Nein erwidert und ihm klargemacht, daß er kein zuverlässiger Mensch ist. Denken Sie nur, in Wiesenthal spielt er den Anständigen, und in Frankfurt führt er ein Luderleben. Nee, für so einen Kerl ist mir mein Mädel zu schade!“

Bettina fuhr mit der Hand nach dem Herzen.

„Das hat Vater gesagt? Oh, davon ahnte ich nichts.“

Ihre Verachtung für Wulf Speerau wuchs. Er hatte doch zu ihr gesagt, ihr Vater habe ihm sofort ihre Hand bewilligt, und am Abend hätte eine kleine intime Verlobung gefeiert werden sollen. Nun durchschaute sie den Erbärmlichen vollständig.

Wäre der Vater nicht an jenem Tage erschossen worden, hätte sie wahrscheinlich abends von ihm ausführlich erfahren, was er schon zu dem Inspektor äußerte. Welch ein Lügner war der Mann, den sie so sehr geliebt und den sie jetzt verachten mußte!

Flügge drehte seinen alten Filz hin und her, ehe er sagte: „Ich habe mir gedacht, wenn nun im Herrenhause alles nur noch wie ein Notasyl für Sie ist, wäre es besser, Sie kämen zu mir herüber ins Inspektorhaus. Da brauchen Sie am 1. Juli nicht ’raus und können bleiben, solange Sie wollen. Meine alte Grete ist ein gutes Tier. Die wird gern für Sie mit sorgen, und der Zwang mit den Weltens fällt für Sie weg. Frau Justine ist nur so lange liebenswürdig und angenehm, wie sie sich irgendwelche Vorteile davon erhofft, und ihr Mann ist ein Heuchler. Der selige Herr war auf das Paar nicht gut zu sprechen. Aber das wissen Sie ja. Kommen Sie zu mir, Fräulein Claudius. Ich darf doch die Verwaltung hier vorläufig weiterführen. Sie haben dann ein Dach überm Kopf und brauchen nicht das Gefühl zu haben, nur noch kurze Zeit geduldet zu sein. Bei mir überlegen Sie dann in aller Ruhe, was Sie tun wollen für Ihre Zukunft. Ich helfe Ihnen dabei von Herzen gern.“

Bettina nahm die arbeitsfeste Rechte des Inspektors in beide Hände.

„Vielen Dank für Ihr Angebot, Sie guter Mensch! Sie erweisen mir einen sehr großen Dienst, denn ich leide unter dem Gedanken, daß alle die Zimmer, in denen ich seit Kindertagen frei ein und aus gegangen, jetzt für mich verschlossen sind, weil man fürchtet, ich könnte irgend etwas wegnehmen und beiseiteschaffen.“ Sie stöhnte laut auf. „Lieber Herr Flügge, ich habe gar nicht gewußt, wie gut ich es bisher hatte. Jetzt weiß ich es.“

Sie drängte die Tränen gewaltsam zurück, und dann wanderten sie beide zusammen durch den Park dem Hause zu.

Als sich Flügge verabschiedete, sagte er noch, dabei an seinem langen weißen Schnurrbart zupfend: „Ich lasse jetzt von meiner alten Grete ein Zimmer für Sie herrichten, Sie sind mir jederzeit willkommen.“

Bettina sah eigen reizvoll in dem schwarzen Kleide aus, und der alte Mann blickte ihr nach, als sie auf das Herrenhaus zuschritt, dachte: Wie schade, daß er kein junger Kerl mehr war! Dann hätte er es sich wahrhaftig nicht zweimal überlegt und ihr sofort seine Hand geboten, damit sie davor bewahrt bleibe, sich unter Fremden ihr Brot zu verdienen. Konrad Zweilinden hatte nicht recht gehandelt an ihr. Gewiß, der Tod hatte ihn überrascht; aber wenn er die Verantwortung für ein so junges Geschöpf übernahm, war es seine Pflicht und Schuldigkeit, daß er es nicht hilflos zurückließ.

7. Kapitel

Bettina suchte gleich nach der Unterredung mit dem Inspektor ihr Zimmer auf und begann, ihre Sachen zu packen. Dabei flossen ihr die Tränen unaufhaltsam über die Wangen. Es tat doch bitter weh, das Haus verlassen zu müssen, das sie von Kindesbeinen an beschützt hatte.

Ohne anzuklopfen, trat Justine von Welten ein. Sie lächelte: „Weine doch nicht zuviel, Bettina! Wenn dein Wulf dich so sieht, findet er dich häßlich.“

„Der Graf wird sich kaum noch hier blicken lassen“, erwiderte Bettina, und es war ein scharfer Klang in ihrer Stimme.

„Wie meinst du das?“ fragte Frau Justine.

Bettina zuckte die Achseln.

„Die Ratten verlassen das sinkende Schiff! Seine Liebe war keinen Deut wert. Er hat mich nur geliebt, solange er mich für die reiche Erbin hielt. Mit dem Verlust der Erbschaft verlor ich auch den Grafen.“

„Der Graf hat sich von dir zurückgezogen?“ fragte die Frau erschreckt. Aber als die Jüngere nickte, meinte sie leichthin: „Ich habe mir beinahe gedacht, daß es so kommen würde!“

„Weil ich kein Geld habe, nicht wahr, Tante Justine? Es stimmt! Aber wir wollen nicht davon reden, bitte.“

Die andere neigte den Kopf.

„Gut, wir wollen nicht davon reden. Doch sage mir, wie denkst du dir nun eigentlich deine Zukunft? Auch ohne Erbschaft hättest du als Gräfin Speerau etwas gegolten, denn schließlich stellt schon der Titel etwas vor, und zu leben wird der Graf wohl auch haben. Aber wie denkst du dir jetzt deine Zukunft? Bis zum 1. Juli ist nicht mehr lange hin. Mein Mann und ich werden nach Hause reisen und den Gang der Dinge von dortaus verfolgen. Du weißt, wenn Ottfried sich nicht meldet, werde ich Zweilinden erben.“

Das letzte klang so sicher, als spräche sie nicht von einer Möglichkeit, sondern von einer Gewißheit. Bettina erklärte, Inspektor Flügge habe ihr vorläufig ein Heim in seinem Hause angeboten, wo er mit seiner Wirtschafterin Grete eine hübsche und ziemlich große Wohnung innehabe.

„Ich muß gestehen, wenn du das Anerbieten annimmst, begehst du eine grenzenlose Taktlosigkeit“, erklärte Frau Justine mit hochgezogenen Augenbrauen. „Die frühere Tochter des Herrn von Zweilinden darf doch nicht bei seinem Inspektor unterschlüpfen.“

Bettina entgegnete bitter: „Wohin soll ich denn so schnell? Die paar hundert Mark, die ich mir erspart habe, reichen nicht weit, und die wenigen, allerdings sehr hübschen und vielleicht auch wertvollen Schmuckstücke, die ich vom Vater habe, gebe ich nicht her. Davon trenne ich mich nicht. Ich sehe keine Schande darin, Inspektor Flügges freundliches Angebot anzunehmen.“ Sie machte eine müde Bewegung. „Wenn du aber meinst, Tante Justine, ich sollte es lieber nicht tun, kann ich es auch lassen. Du hast mich am Tage vor Vaters Beerdigung eingeladen, wenn ich Lust hätte, könnten wir ein Weilchen zusammen in Berlin wohnen, damit ich mich zerstreue. Wenn ihr wieder nach Hause fahrt, kann ich euch ja begleiten.“

Frau Justine lächelte süßlich.

„Das geht nicht gut! Mein Mann und ich sind durch die letzten Vorgänge hier so angegriffen, daß wir, verzeihe die Offenheit, einen, wenn auch sonst lieben, Besuch als Störung empfinden würden.“

Bettinas Bitternis strömte über. Sie erwiderte mit bebender Stimme: „Sprich doch, wie du denkst, Tante Justine. Du hast mich eingeladen, solange du in mir die zukünftige Herrin von Zweilinden gesehen hast, weil du dir Vorteile davon versprachst, mit mir auf gutem Fuße zu stehen. Seit du aber weißt, ich gehöre ungefähr in die Klasse der sogenannten armen Kirchenmäuse, ist’s mit der verwandtschaftlichen Liebe aus.“

Frau Justine richtete sich gerade auf. „Ich bitte dich, nicht zu vergessen, daß für verwandtschaftliche Liebe gar kein Grund da wäre. Du bist die Tochter des Dorfschullehrers Claudius, die mein Bruder und seine Frau aus Mitleid nach dem Tode ihrer Eltern ins Haus nahmen. Da wir nun gerade bei dem Thema sind, möchte ich dich bitten, mich nicht mehr Tante Justine zu nennen, sondern Frau von Welten. Das intime Du verschwindet dadurch selbstverständlich auch.“

Bettinas schlanke Gestalt stand regungslos, als sie erwiderte: „Gut, Frau von Welten, ich werde vergessen, daß Sie mich, als Sie nach Vaters Tod hergereist kamen, darum baten, Sie Tante Justine und Du zu nennen. Sie waren früher so selten hier, daß ich ganz gut ohne die Vertraulichkeit ausgekommen wäre.“

„Du bist unverschämt!“ zischte Frau Justine von Welten.

Bettina schüttelte den Kopf. „Nur wahr bin ich. Im übrigen ersuche ich Sie, Frau von Welten, mich Fräulein Claudius zu nennen und ebenfalls nicht mehr zu duzen. Dergleichen ist mir sehr unangenehm von Fremden.“

Zorn entstellte die harten Züge Frau Justines.

„Du dreistes Geschöpf, was nimmst du dir heraus? Jetzt begreife ich meinen Bruder. Er hat schon gewußt, was er tat, als er kein Testament zu deinen Gunsten machte. Wer weiß, wieviel Ärger du ihm bereitet hast.“

„Vater und ich verstanden uns sehr gut“, rief Bettina erregt. „Es ist abscheulich und häßlich von Ihnen, so etwas zu sagen. Gehen Sie aus meinem Zimmer! Ich möchte allein sein. Ich gräme mich um den Vater und habe keine Lust zu Zänkereien.“

„Du weist mich aus dem Zimmer? Du mich?“ Frau Justine japste nach Luft. „Nun, ich werde mir das merken. In kurzer Zeit werde ich hier Herrin sein. Komm mir dann nie mit einer Bitte. Für dich ist niemals etwas da und niemals Platz auf Zweilinden.“

Bettina zwang sich zur Ruhe. Es war zu widerwärtig, wie diese Frau aus der Rolle der liebenden Tante gefallen war. Sie sagte nur leise: „Ich wiederhole, ich heiße für Sie Fräulein Claudius. Vergessen Sie es nicht, Frau von Welten.“

Die andere drehte ihr schroff den Rücken und ging, die Tür hinter sich zuknallend.

Bettinas Hände fuhren empor, deckten einen Augenblick die gemarterten Ohren. Wie rücksichtslos war diese Frau, sich so in einem Trauerhause zu benehmen!

Sie ging dann und riegelte zu, packte mit tränenschweren Augen weiter ihre Sachen zusammen.

Später klingelte sie einem der Mädchen, bat es, einen Koffer vom Boden zu holen.

Das Mädchen zuckte die Achseln.

„Die Kofferkammer ist auch zugeschlossen worden und das Schloß versiegelt.“

„Dann helfen Sie mir, bitte, Martha, meine Sachen ins Inspektorhaus hinübertragen. Ich werde vorläufig bei Herrn Flügge wohnen.“

Martha nickt. „Aber gerne helfe ich Ihnen, gnädiges Fräulein. Unsereins hat ja gar nichts mehr zu tun, alle Räume sind ja verschlossen und unter Siegel. Sie haben recht, fortzugehen vor der Zeit. Ich möchte auch am liebsten vor dem 1. Juli weg, aber ich hoffe immer noch, es geschieht ein Wunder, und Sie werden doch die Erbin von Zweilinden.“

Martha war schon seit zehn Jahren hier in Stellung und begriff nicht, daß nun alles plötzlich so gekommen war. In ihren Augen blitzten Tränen.

Bettina legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Ich danke Ihnen dafür, daß Sie so denken, Martha, aber auf das Wunder brauchen Sie nicht zu warten. Ich werde niemals die Erbin von Zweilinden werden. Entweder kommt Ottfried von Zweilinden, der als verschollen gilt, zurück – es wird gründlich nach ihm geforscht – oder Frau von Welten erhält Gut Zweilinden.“

Martha seufzte und erklärte: „Bei der bleibe ich überhaupt nicht! Der Diener Anton sagt auch, sie sei unausstehlich und quäle alle Menschen, die sie nicht für voll nimmt. Uns Dienstboten aber nimmt sie nicht für voll.“

Bettina lächelte matt. „Beruhigen Sie sich, Martha, mich nimmt sie auch nicht für voll.“

Sie schickte das Mädchen hinüber zum Inspektor und ließ bestellen, sie würde schon heute, schon in einer Stunde kommen, um von seiner Gastfreundschaft Gebrauch zu machen.

Er erschien daraufhin selbst und half mit bei dem kleinen Umzug.

Eine hübsche, helle Stube mit dem Blick auf die Felder und auf eine Waldecke war Bettinas neues Heim. Hier hängte Bettina zuerst das Bild ihrer Eltern auf, dann das ihres Pflegevaters und seiner Frau, danach räumte sie ihre Kleider und ihre Wäsche ein.

Die alte Grete, ein kleines Weiblein mit schneeweißem Scheitel und einem falschen, rostroten Zopf, half ihr dabei. Endlich war sie allein. Es war inzwisehen schon spät geworden. Grete brachte ihr Tee und belegte Brote, und zum ersten Male seit dem Tode des Pflegevaters aß sie mit Appetit. Das Herumkramen, die neue Umgebung hatten sie abgelenkt. Sie schlief tief und fest in dieser ersten Nacht im Inspektorhause, erwachte erfrischt und ausgeschlafen.

Sie erhob sich, wusch sich und kleidete sich an, stand dann ein Weilchen am geöffneten Fenster und freute sich des Sonnenmorgens. Von den Feldern kam der Geruch der Erdscholle, und vielleicht mischte sich auch ein wenig von dem herben Duft der Buchen mit hinein.

Sie sog tief den Odem der Heimat ein und versank in Sinnen.

Schwer würde es ihr werden, Zweilinden zu verlassen. Sie scheute nicht davor zurück, eine Stellung zu suchen und sich ihr Brot zu verdienen. Ihr bangte nur davor, aus der Heimat fortzumüssen. Sie hatte sie ja so lieb, die Heimat, das Stückchen gesegnete Taunuserde, mit seinem fruchtbaren Boden, seinem Wald, seinen Bergen, von deren Rücken alte Burgen ins Land schauten bis zum Main und Rhein.

Der Himmel mochte wissen, wo sie eine Stellung fand und wie weit von hier sie das Geschick verschlagen würde! – – –

Ein halbes Stündchen später saß sie beim Frühstück mit dem Inspektor. Er grüßte sie mit derselben Achtung, wie er sie begrüßt hätte, wenn sie die Erbin von Zweilinden gewesen wäre; und Bettina dachte, jetzt erst lernte sie richtig die Menschen kennen. Wulf Speerau, auf dessen Goldechtheit sie geschworen hätte, war ein jämmerlicher Selbstsüchtling, ein Lügner und Betrüger, und Frau von Welten eine Heuchlerin. Martha, das Stubenmädchen aber hatte ihretwegen Tränen in den Augen gehabt, und Inspektor Flügge war zu ihr wie ein guter Vater. Diese beiden Menschen standen hoch über den zwei Adelsträgern.

Aber der Charakter hat eben nichts mit dem Titel zu tun.

Ernst Flügge wollte sich ein Brötchen zurechtmachen. Bettina nahm es ihm aus der Hand, strich es mit Butter und legte es auf seinen Teller. Er schmunzelte, daß sich sein langer weißer Schnurrbart leise bewegte.

„Dunnerlittchen, das laß ich mir gefallen! Denken Sie, Fräulein Claudius, es ist mir altem Krauter in meinem Leben noch nicht passiert, daß mir ein paar hübsche Frauenhände das Brötchen so mundgerecht vorgelegt haben. Aber fein ist das.“

Bettina lächelte und versprach: „Solange ich hier sein werde will ich es immer tun.“

„Dann kommen Sie so bald hier nicht weg“, scherzte er. Er ward ernst. „Ich hörte vorhin von Anton, die Weltens reisen morgen vormittag ab. Es wird ihnen allmählich wohl doch zu unbehaglich werden, sich weiter nur in der Logierstube herumzudrücken, denn sie stehen ja im Herrenhause im wahrsten Sinne des Wortes überall vor verschlossenen Türen.“

Bettina erzählte ihm die gestrige Szene mit Justine von Welten.

Der Alte nickte lebhaft. „Das war so recht Justine von Welten. Nach oben sich bücken und nach unten treten. Wenn Sie die Erbin von Zweilinden geworden wären, würde sie Ihnen so schöngetan haben, daß sie sich hier ständiges Asylrecht herausgegaunert hätte, sie alle Ausgaben gespart und hier die Beschützerin und Verwandte der Herrin von Zweilinden gespielt hätte. Das Biest kenn ich gründlich.“

Er putzte sich seinen Bart mit der Serviette.

„Verzeihung, Fräulein Claudius, ich habe mich wohl ein bißchen zu drastisch ausgedrückt.“

Bettina sah ihn an. „Möglich, aber es stört mich nicht, weil es wahr ist.“

Drüben im Herrenhause packten die Weltens. Sie hatten ihre Koffer im Zimmer behalten und füllten sie nun mit allem, was sie mitgebracht hatten. Frau Justine trällerte dabei vor sich hin, unterbrach sich und meinte: „Hoffentlich dauert es nicht zu lange, bis wir endgültig hierher übersiedeln können. Das aber weiß ich schon heute, Inspektor Flügge fliegt dann ’raus, weil er die Bettina bei sich aufgenommen hat. Sie soll diese Nacht bereits drüben geschlafen haben.“

Sie besprachen das Thema noch ein Weilchen und machten sich dann zum Ausgang bereit. Sie wollten an diesem Vormittag einen längeren Spaziergang unternehmen. –

Am Nachmittag bat Herr von Welten den Inspektor Flügge für den nächsten Morgen um einen Wagen, der seine Frau und ihn ins Dorf bringen könne zur Station.

Flügge machte eine Bewegung des Bedauerns.

„Ich stehe jetzt gewissermaßen auch unter Aufsicht des Amtsrichters und darf Pferde und Wagen nur zu Zwecken benutzen, die mit der Aufrechterhaltung des Gutsbetriebes Zusammenhängen“, erklärte er.

Da flammte Zorn in dem eleganten Welten hoch. „Hol Sie der Teufel, Herr, mitsamt Ihrer Kateridee!“ erregte er sich. Er dämpfte die Stimme und fügte hämisch hinzu: „Vielleicht kommt bald eine Zeit, wo Sie bereuen werden, sich gegen meine Frau und mich so ungefällig benommen zu haben. Es gibt jüngere und leistungsfähigere Inspektoren als Sie.“

Ernst Flügge nickte. „Stimmt auffallend, Herr von Welten, und ich mache von Herzen gern und freiwillig einem jüngeren und leistungsfähigeren Inspektor Platz, wenn Ihre Frau Zweilinden bekommt.“

Welten brummte etwas, was der andere nicht verstand; aber da es bestimmt kein Segenswunsch gewesen, legte der alte Inspektor auch keinen Wert darauf, es zu erfahren.

Am Nachmittag bestellte sich Herr von Welten einen Wagen im Dorf, und am Abend ging das Ehepaar früh schlafen, um am anderen Morgen etwas früher als sonst aufzustehen.

8. Kapitel

Bettina erwachte von einem heftigen Donnerschlag, dem ein blendender Blitz und ein neuer, noch heftigerer Donnerschlag folgten.

Sie war von Kind an gewöhnt, bei schweren nächtlichen Gewittern sofort aufzustehen. So sprang sie auch jetzt mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Kleider. Gleich darauf hörte sie draußen auf dem Flur den Inspektor vorübergehen. Seine hohen Schaftstiefel verstanden nicht, vorsichtig aufzutreten.

Nach einem Weilchen klopfte es bei ihr an. Es war die alte Grete, die etwas verschlafen bestellte: „Herr Inspektor meint, Sie sollten ins Wohnzimmer kommen, Fräulein Claudius, es wäre ein starkes Gewitter, da sei man am besten gleich bereit.“

Bettina nickte und folgte der Alten.

Unten in der Wohnstube saß Ernst Flügge. Er meinte:

„Ein Teufelswetter ist losgebrochen. Wir befinden uns in den letzten Maitagen, und man meint, der Donnergott hätte noch gar keine Eile. Aber er legt schon energisch los!“

Ein Blitz erhellte das Zimmer, wandelte die Gesichter in starre Masken, und der darauffolgende Donnerschlag ließ das Haus erbeben.

Die Alte, welche furchtsam auf dem Sofa saß, zuckte zusammen.

Die Läden schlossen nicht völlig, ein paar Sprossen fehlten. Ein neuer Blitz sprang hindurch, tauchte das altmodische Zimmer in grelles, umheimliches Licht, und dann knitterte und knatterte es, als würden Tausende von Porzellanschüsseln zugleich auf harten Steinboden geworfen und zersprängen in zahllose Scherben.

„Um Himmels willen!“ Die alte Grete fiel in die Sofaecke und hielt sich die Hände vor die Augen, um nichts mehr zu sehen. Bettina empfand ein bedrückendes, lähmendes Angstgefühl, das sie zwang, neben der alten Häushälterin Platz zu nehmen, aber Insepktor Flügge stand auf und sagte laut: „Es hat hier ganz in der Nähe eingeschlagen!“

Er trat an das Fenster und riß es auf, obwohl ein Wind daherstob, daß sein Strähnenhaar hoch flog wie dünne, kurze Bänder. Schon hatte er das Fenster wieder geschlossen und griff nach seinem alten Filzhut, drückte ihn tief auf den Kopf.

„Ich will Umschau halten draußen. Der letzte Schlag war zu verdächtig.“

Nach einer Stunde kehrte er zurück, rief ins Zimmer: „Eben erst habe ich entdecken können, wo es eingeschlagen hat. Es brennt im Herrenhaus.“

Bettina wollte ihm folgen. Sie kümmerte sich nicht um das Rufen der Alten, die ihr, von Entsetzen gepackt, allein zu bleiben, nachlief und sie auf dem Flur am Kleide festhielt.

„Fräulein Claudius, ich fürchte mich so sehr“, wimmerte sie, „lassen Sie mich nicht allein! Sie können ja doch nicht beim Löschen helfen, und der Herr Inspektor wird schon alles richtig anordnen.“

Da blieb Bettina. Die alte Grete tat ihr leid, sie hatte recht, sie konnte wirklich, nicht beim Löschen helfen.

Das Toben der Elemente beruhigte sich allmählich, auch der Sturm war verstummt, und nun sahen Bettina und die alte Grete vom Fenster aus an der Seite des Herrenhauses eine Flammensäule, die sich hin und her wand wie eine überschlanke Tänzerin in leuchtenden Gewändern.

Es gab eine gute Spritze auf dem Hof, und die Knechte mußten damit oftmals regelrechte Feuerwehrübungen machen. Den Befehl führte dann der Inspektor, der in seinem schäbigen Zivil die behelmten Leute kommandierte. Schon mehrmals hatte es im Laufe der vielen Jahre, seit er auf Zweilinden war, hier gebrannt, aber immer hatte es sich um Schuppen und Scheunen gehandelt. Das war der erste Brand im Herrenhaus, solange Flügge hier lebte.

Es brannte im Arbeitszimmer des toten Gutsherrn. Weil sich das Feuer erst durch die Möbel und Fensterläden fressen mußte, hatte es so lange gedauert, bis man fand, wo der Blitz gezündet.

Dem Inspektor blieb nichts anderes übrig, als die große Flügeltür einschlagen zu lassen, vor deren Schloß das Siegel des Amtsgerichts lag. Es waren ja Zeugen genug da, die bekunden konnten, er mußte so handeln.

Die Möbel standen in hellen Flammen, die Scheiben waren gesprungen, und die Flammenzungen leckten hindurch. Sie suchten neue Nahrung und schlugen wütend zurück, weil sie draußen keine fanden.

Mit ein paar kräftigen Wasserstrahlen ließ sich die Macht des Feuers brechen, und als der Morgen graute, glimmte es noch hier und dort, aber es brannte nicht mehr. Die Möbel waren fast alle vernichtet, der große Schreibtisch war eine Ruine. Was man an Papieren daraus noch mühsam hatte retten können, lag im Seitengang unter der Hintertreppe.

Das Ehepaar Welten hatte sich während der Löscharbeiten in die Küche geflüchtet. Dort schien beiden der sicherste Aufenthalt, solange es noch brannte. Sie befanden sich dort allein, die Dienerschaft stand auf den Treppen und Gängen herum. Schließlich zogen beide doch vor, wieder ihr Zimmer aufzusuchen; sie waren müde und wollten versuchen, noch ein Stündchen zu schlafen.

Sie gingen die Hintertreppe hinauf und sahen den geretteten Haufen Papiere, auf dem ganz oben eine altmodische, mit Perlenstickerei geschmückte Schreibmappe lag.

Frau Justine kannte sie genau. Sie hatte sie als junges Mädchen für ihren Vater gearbeitet.

Unwillkürlich bückte sie sich und nahm sie auf. Dabei öffnete sich die Mappe, die mit brauner Seide gefüttert war. Diese war schon recht verschabt; man merkte, die Mappe war viel benutzt worden.

Frau Justine meinte zu ihrem Manne: „Die Schreibmappe hat ein geheimes Fach für wichtige Papiere. Als ich sie für meinen Vater stickte, war ich ganz besonders stolz darauf, ihm das Versteck in der Mappe zu zeigen.“

Vom Hauptgang her kam das Stubenmädchen Martha. Sie trug Hausschuhe, und die zwei, die ihr den Rücken wandten, hörten sie nicht. Sie aber, die beide nicht leiden konnte, dachte, eigentlich besaß doch niemand das Recht, Einblick in die Schreibmappe zu nehmen, die noch vor kurzem auf dem Schreibtisch des ausgebrannten Zimmers gelegen, zu dem der Eintritt verboten gewesen.

Eben öffnete Frau Justine die Mappe, erklärte: „Guck, Dieter, wenn man hier am Rande an der kleinen Verzierung schiebt, wie ich es jetzt tue, dann spaltet sich der linke Deckel. Siehst du, so!“

Sie verstummte und blickte starr auf ein Blatt Papier, das in dem geheimen Fach lag, wo höchstens ein paar Bogen Platz finden konnten. Auf den ersten Blick hatte sie die große Überschrift gelesen: „Mein letzter Wille.“ Sie stieß ihren Mann an, denn zu sprechen vermochte sie nicht, und wies auf das Blatt Papier.

Plötzlich fiel ihr ein, schon im nächsten Moment könnte jemand kommen, und ehe sie das Blatt nicht gelesen, durfte niemand es sehen.

Ihre Hand hob sich, nahm den Bogen aus der Mappe, und dann flüsterte sie ihrem Manne zu: „Schnell in unser Zimmer!“

Die Mappe aber ließ sie wieder auf den Papierberg fallen.

Schon hatte sie eine Stufe erstiegen, ihr Mann ging dicht neben ihr, als eine feste Hand ihren Arm umklammerte, während gleichzeitig eine Frauenstimme mehrmals grell und durchdringend um Hilfe schrie.

Es war Marthas Hand, die Frau Justine so hart verspürte, und es war Marthas Stimme, die wie toll um Hilfe schrie.

„Sind Sie wahnsinnig?“ fuhr Frau von Welten auf das Mädchen los. „Sie kneifen mich und brüllen um Hilfe, als ob ich Ihnen etwas täte! Lassen Sie mich los! Sofort!“

Herr von Welten schlug kräftig auf Marthas Hand. Doch die ließ nicht locker: „Hilfe! Hilfe!“ schrie sie laut.

Schon schoß der Inspektor heran, gefolgt von drei derben Knechten mit Feuerwehrhelmen.

Martha schrie: „Frau von Welten hat die Schreibmappe, die auf den Papieren liegt, aufgemacht, hat etwas geredet von einem geheimen Fach und dann einen beschriebenen Bogen aus der Mappe genommen. Da hat sie ihn ja, in der linken Hand. Jetzt schiebt sie ihn ihrem Manne zu!“

Hei, sprang da der alte Flügge zu! Die Knechte aber machten drohende Gesichter. Mit schnellem Ruck entriß Ernst Flügge dem feige lächelnden Dieter von Welten einen etwas zerknitterten Bogen, las laut: „Mein letzter Wille.“

Das Ehepaar warf Martha, die sich bis an die Wand zurückgezogen hatte, wütende Blicke zu, und der Inspektor rief erregt: „Mir scheint, es handelt sich hier um ein rechtsgültiges Testament unseres Herrn.“

Er las und sagte tiefbewegt: „Wenn das stimmt, was ich nicht bezweifle, da ich zufällig genau weiß, welche Anforderungen an ein solches gestellt werden, ist die Erbin von Zweilinden Fräulein Bettina Claudius.“

Martha schrie laut vor Entzücken: „Dann geschähe das Wunder, auf das ich gewartet habe!“

Das Ehepaar wandte sich stumm, um die Treppe hinaufzugehen.

Ernst Flügge rief ihnen nach: „Ich muß Sie bitten, Herr und Frau von Welten, Ihre Abreise heute noch zu verschieben. Ich fahre mit diesem Fund hier“ – er schwenkte das Papier – „gleich in die Kreisstadt auf das Amtsgericht und ersuche Sie beide, so lange hierzubleiben, bis Sie ausgesagt haben, wie Sie zu dem Testament gekommen sind und was Sie damit anzufangen beabsichtigten.“

Frau Justine blitzte ihn mit bösen Augen an.

„Genau dasselbe wollten wir damit machen, es aufs Amtsgericht tragen. Oder glauben Sie, eine Frau von Welten, geborene von Zweilinden, beschäftigte sich damit, Testamente zu unterschlagen?“

Wut machte ihr Gesicht grau.

Der Inspektor lachte: „Ich weiß nicht, ob Sie sich sonst damit beschäftigen, Testamente zu unterschlagen; in diesem Falle hätte es sich für Sie glänzend gelohnt.“

Das Ehepaar gab keine Antwort und stieg die Treppe weiter hinauf; doch beide hörten noch, wie die rauhe Stimme Ernst Flügges sagte: „Martha, das haben Sie großartig gemacht, und ich glaube, Fräulein Claudius wird es Ihnen danken.“ Dann sprach er zu den Knechten, kommandierte: „Zwei von euch Kerls bleiben hier stehen. Es muß vor den Papieren Wache gehalten werden, sonst fällt es vielleicht nochmals so einem kleinen Schäfer ein, mit einem Testament Verstecken zu spielen.“

Oben im Zimmer angelangt, fuhr das Ehepaar aufeinander los. Jeder gab dem anderen die Schuld, daß man nun um das wichtige Papier gekommen war, das man schon so sicher in der Hand gehabt.

Sie fauchte: „Jetzt kriegt das verflixte Lehrermädel doch die Hauptsache. Es ist zum Haareausreißen!“

Er brummte: „Hättest du dich ein bißchen anständiger gegen sie benommen, wäre alles gar nicht so schlimm. Da hätten wir immerhin hier noch viele Vorteile haben können.“

Frau Justine schlug sich vor den Kopf. „Natürlich, ich war einfältig! Aber das Komödienspiel liegt mir eben nicht. Ich bin eine Freundin der Wahrheit und begehe leicht den Fehler, sie den Leuten ins Gesicht zu sagen.“

„Wenn du dir Gewinn davon versprichst, schwindelst du das Blaue vom Himmel herunter“, warf er ihr entgegen. „Du bist blöd. Nun hätte man hier alljährlich vom Frühjahr bis zum Spätherbst sitzen und fein leben können. Statt dessen müssen wir weiter in unserer Berliner Etage hocken und zufrieden sein, wenn wir uns jeden Sommer vier Wochen einen mittleren Kurort genehmigen, wenn man eine dumme Gans zur Frau hat!“

Frau Justine zischte: „Sei still, Faulenzer! Du lebst ja von meinem Gelde. Unter dem gutklingenden Titel ‚Privatgelehrter‘ verbirgst du deine Faulheit. Oder habe ich unrecht?“

Er schwieg. Es hatte keinen Zweck, die Lebensgefährtin noch mehr zu reizen, sie besaß alle Talente einer Furie; er hatte auf dem Gebiete im Laufe der Jahre doch Erfahrungen gesammelt.

Martha trug die große Neuigkeit durch das Haus, und bald wußten alle menschlichen Lebewesen auf dem Gute, es war ein Testament Konrad Zweilindens gefunden worden, und darin war Bettina Claudius zur Erbin bestimmt. Alle wußten es bald, nur Bettina noch nicht.

Ernst Flügge kam erst spät ins Inspektorhaus zurück und berichtete kurz, daß man des Feuers Herr geworden; aber danach erzählte er genau von dem Funde des Testamentes.

Er meinte: „Ich halte das Testament für rechtsgültig; aber ich werde schnellstens für Gewißheit sorgen, Fräulein Claudius. Ehe ich aufs Amtsgericht fahre, rufe ich den Herrn Justizrat an. Ich kann ihm das Wichtigste telefonisch mitteilen.“

Bettina saß völlig verwirrt da. Nach allem, was sie jetzt gehört, war sie wahrscheinlich nun doch die Erbin und brauchte Zweilinden, das sie so sehr liebte, nicht zu verlassen. Nicht der Reichtum lockte sie, auch nicht das bequeme Leben, das sie sich als Besitzerin von Zweilinden gönnen konnte, sondern vor allem wohl der Gedanke, hier wohnen zu dürfen, solange sie lebte, in den Zimmern heimisch zu bleiben, die ihr lieb und vertraut waren.

Die Natur hier, die Menschen, die sie von Kindertagen her kannte, alles, alles gehörte zu ihrem Dasein; traurig und öde müßte es sein fern von hier.

Um acht rief Ernst Flügge den Justizrat Eisen an und teilte ihm mit, was sich ereignet hatte.

Ein froher Ausruf kam von der andern Seite des Telefons; dann folgten die Fragen: „Ist das Testament Herrn von Zweilindens von ihm selbst aufgesetzt und unterschrieben worden? Sind außerdem Ort und Tag angegeben?“

Flügge konnte diese Fragen bejahen, worauf Eisen glucksend lachte: „Na, dann ist ja alles in bester Ordnung! Ach, wissen Sie, lieber Inspektor, mir fällt eine Bergeslast von der Seele. Es wäre ja auch eine Affenschande gewesen, wenn das liebe Mädel wie ein Habenichts Zweilinden hätte verlassen müssen.“

Nun fuhr Ernst Flügge mit Bettina zum Amtsgericht. Er erzählte dort von dem Feuer, von dem überraschenden Funde und zeigte das Testament vor.

Der alte Amtsrichter, ein Stammtischfreund des Verstorbenen, reichte Bettina beide Hände und sagte zu ihr:

„Meinen herzlichsten Glückwunsch, Fräulein Claudius! Nun wollen wir die Sache aber schleunigst regeln. Man meint fast, der Selige hätte sich da vom Jenseits aus ein bißchen eingemischt. Wer weiß, ob das Testament ohne das Gewitter jemals in die richtigen Hände gekommen wäre.“

Am Nachmittag wurden die Weltens aufs Amtsgericht zitiert. Frau Justine erklärte, sie hätte zufällig die Schreibmappe liegen sehen, und weil sie selbst die Stickerei dazu angefertigt, habe sie sich überzeugen wollen, ob das Geheimfach noch existiere, und dabei das Testament entdeckt.

Der Amtsrichter nahm alles zu Protokoll; dann stand der Arbreise des Ehepaares nichts mehr im Wege. Es verschwand lautlos aus Zweilinden; und acht Tage später zog Bettina ins Herrenhaus als Besitzerin von Zweilinden ein.

Martha erhielt eine ansehnliche Summe von ihr geschenkt, weil sie so resolut verhütet hatte, daß Frau Justine das Testament um die Ecke bringen konnte, und weil sie recht gehabt, als sie noch immer auf ein Wunder gehofft, durch das Bettina doch die Herrin von Zweilinden würde.

Im Testament war Bettina zur Haupterbin eingesetzt, und es hieß weiter darin:

„Sollte mein Sohn Ottfried noch am Leben sein und sich noch einmal zurückfinden, dann mag Bettina Claudius ihm das Vorwerk Jägerhaus abtreten und dazu eine Barsumme von hunderttausend Mark auszahlen. Auch wünsche ich, daß Bettina, wenn er draußen nicht ein Rohling geworden ist, ihn wie einen guten Freund oder Verwandten behandelt, damit er sich daheim nicht gar zu verlassen vorkommt. An unserem bösen Streit trage ich gleichfalls mein gutes Teil Schuld, und wenn man ein Testament macht, denkt man auch an den Tod. Ich vergebe ihm, mag er mir dafür vergeben.“

Weil man anfangs Ottfried von Zweilinden für den Universalerben hielt, hatten die Nachforschungen nach ihm schon sehr tatkräftig eingesetzt. Bettina sorgte dafür, daß sie in jeder Weise gründlich und nachdrücklich weiterbetrieben wurden.

Als Wulf von Speerau von der jähen Wandlung in Bettinas Geschickt hörte, hätte er sich selbst ohrfeigen mögen. Er war einfältig gewesen, sich so überstürzt von ihr loszumachen. Ein paar Tage Geduld hätten sich reicht gelohnt.

Anton hatte, nachdem Justine von Welten mit ihrem Manne von der Bildfläche verschwunden, allen, die es hören wollten, wichtig erzählt, daß er den Spuk gehört im Bankettsaale; und er behauptete nun, die stummen Gäste von Zweilinden hätten das Feuer angekündigt.

Bettina ließ den Bankettsaal gründlich untersuchen. Sie vermutete eine geheime Kammer, in der sich jemand von den Dienstboten letzthin damit belustigte, alle, die sich in den Bankettsaal verirrten, mit dem alten Spuk zu necken. Aber es fand sich kein Anhaltspunkt, woher die Geräusche stammten.

Bettina lebte still und zurückgezogen. Erstens, weil sie sich in tiefer Trauer befand, und dann spürte sie auch gar kein Verlangen nach Gesellschaft. Ihr bitteres Erleben mit Wulf Speerau war noch lange nicht überwunden. Ihre Liebe zu ihm war tot; aber die Verachtung und der Ekel quälten sie oft. Und manchmal dachte sie auch an Frau Justine und empfand Scham für sie, die ihre Falschheit und Schlechtigkeit so offen gezeigt.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
270 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711592205
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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