Kitabı oku: «Du bist das Glück»

Yazı tipi:

Anny von Panhuys

Du bist das Glück

Frauenroman

Du bist das Glück

© 1951 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570494

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I

Eine kleine Seitenpforte öffnete sich in der breiten und hohen Mauer, die das Zuchthaus umgab. Ein Auto wartete davor. Eine schlanke Dame, nach der Mode gekleidet, die man vor einigen Jahren getragen, trat zögernden Schrittes aus der kleinen Pforte, und der Beamte, der sie bisher geleitet, sagte im Dienstton, den die Jahre der Gewohnheit zu glatter Kühle poliert: „Das Auto dort wartet auf Sie.“

Er grüßte kurz, und hinter ihm schloß sich das Türlein mit leichtem Quietschen.

Der Führer des Autos stieg aus, kam auf sie zu, schüttelte den Kopf, als er die Frau willenlos mit geschlossenen Augen vor sich sah. Nicht einmal sein Näherkommen schien sie bemerkt zu haben.

Er blickte sich um; er hatte gar nicht aussteigen wollen und geglaubt, die Freigelassene würde ihm die Peinlichkeit der Situation durch schnelles Einsteigen in das Auto erleichtern.

Er rief ein wenig scharf: „Susanne, ich bitte dich, komm hier fort! Ich fühle mich hier wenig wohl. Steige ein!“

Die Augen der Frau öffneten sich, und ein müder, fremder Blick traf den vor ihr Stehenden, der groß und breit gewachsen war.

Sie atmete schwer. „Du bist selbst gekommen, mich abzuholen, Ewald! Ich danke dir.“

Sie schritt an seiner Seite auf das Auto zu, und es war, als ob sich ihr schmales Gesicht ein wenig erhellt hätte. Er zuckte die Achseln.

„Was blieb mir weiter übrig! Ich konnte doch den Schofför damit nicht betrauen, meine Schwägerin an der Zuchthaustür zu erwarten, nicht wahr? Wir kommen zum Glück erst bei vollkommener Dunkelheit daheim an.“

Susanne von Bergeners Gesicht war maskenstarr, als sie mechanisch sagte: „Du hast hoffentlich auch dafür gesorgt, daß mich niemand sieht, wenn ich dein Haus betrete.“

Er nickte. „Natürlich. Wir gehen durch den Gemüsegarten und das Treibhaus, wo uns Wanda erwartet. Wir werden dann in meinem Zimmer heute nacht Entschlüsse fassen, wie sich deine Zukunft gestalten soll.“

Ewald Förster drängte.

„Steig ein, Susanne, damit wir aus der zum mindesten unangenehmen Gegend kommen.“

Die schlanke, mittelgroße Frau antwortete nicht, aber sie folgte der Aufforderung wie einem Befehl. Kaum hatte sie im Innern des Autos Platz genommen, schoß der Wagen schon mit ihr davon. Sie bückte sich ein wenig und schaute durch die halb niedergelassene Scheibe hinaus. Sie sah nur einen Teil der Riesenmauer, aber nach einem Weilchen wurden die massigen Konturen der Zuchthausgebäude über der Mauer sichtbar.

Susanne von Bergener wandte den Blick und lehnte den verwirrten Kopf, von dem sie den Hut genommen, fest gegen die Polster. Sie war frei! Wie hatte sie seit sechs Jahren auf diesen Augenblick gewartet, wie hatte sie ihm entgegengebebt in ruheloser Ungeduld, und jetzt, wo es so weit war, empfand sie nichts als das Verlangen, wieder zurück zu dürfen in das große Haus.

Warum hatte Schwager Ewald ihr nicht die Hände entgegengestreckt, als sie so jämmerlich kaputt und müde am Pförtchen gestanden, warum hatte er nicht gesagt: „Gottlob, Susanne, daß wir dich wiederhaben! Nun wollen wir alles aufbieten, um deine Unschuld zu beweisen. Alles wollen wir daransetzen, um zu beweisen, was dir, du armes Weib, nicht gelungen ist!“

Statt dessen scheuchte er sie schnell in den Wagen, erzählte ihr, daß er sie bei vollkommener Dunkelheit in sein Heim bringen wollte.

Sie preßte die Lippen fest aufeinander. Auch ihr Kind, ihr Mädelchen, befand sich in dem Hause, das sie wie eine Diebin betreten sollte. Ein Beben ging durch ihren Körper. Sechs Jahre lang hatte sie ihr Kind nicht gesehen, drei Jahre war es damals gewesen, als man sie als Mörderin ihres Gatten zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilte und dazu noch behauptete, sie wäre nur so milde davongekommen, weil ihr Mann durch seinen leichtsinnigen Lebenswandel Grund zu höchster Erbitterung gegeben.

„Ich bin unschuldig!“ hatte sie bis zuletzt beteuert, aber niemand glaubte ihr. Sechs Jahre unschuldig im Zuchthaus! Hätte Ewald Förster eine Ahnung, was das bedeutete; vielleicht hätte er doch vorhin ein wenn auch noch so kleines, warmes Wort für sie gefunden.

Susanne Bergener blinzelte hinaus in die Landschaft, die Augen taten ihr weh. Sie hatte in den letzten Tagen und Nächten zuviel geweint. Sie sann, was nun werden sollte.

Als sich der Abend senkte, war man am Ziel. Weit draußen auf der Chaussee, abseits der kleinen Stadt, lag die Förstersche Tuchfabrik, ziemlich nahe davon das Wohnhaus im modernen Villenstil.

Das Auto hielt. Ewald Förster öffnete die Gartentür vor der schlanken Frau, flüsterte: „Geradeaus, du erinnerst dich natürlich noch des Weges.“

Es war nicht so vollkommen dunkel, daß man nichts hätte unterscheiden können. Susanne Bergener sah deutlich die Treppe, die hinauf in das Treibhaus führte. Man durchschritt es, dann öffnete sich eine Tür vor ihr, Lichtschein strömte ihr entgegen. Man war jetzt in einem kleinen Wintergarten. Susanne begrüßte die Helle wie etwas Angenehmes, Wohltuendes.

Eine kleine, üppige Frau von vielleicht dreißig Jahren stand inmitten der Helle und blickte ihr mit befangenem Gesicht entgegen. Es war, als wollte sie auf sie zustürzen, und ließ es dann doch. Vielleicht zwangen sie die warnenden Augen ihres Mannes, auf dem Platz zu verharren, wo sie stand.

Susanne aber bemerkte das Zögern der anderen gar nicht, mit leichten Schritten näherte sie sich ihr. Sie dachte jetzt an nichts weiter als an das Glück, die Schwester vor sich zu sehen.

„Wanda!“ Wie ein Schrei löste es sich von ihren Lippen, und sie breitete die Arme aus und zog die um einen halben Kopf kleinere an ihr Herz.

Wanda Förster schluchzte laut auf.

„O, Susanne, liebe, liebe Susanne, daß es so kommen mußte! Du tust mir schrecklich leid! Aber wir alle sind bemitleidenswert, denn, wie, um des lieben Himmels willen, soll jetzt deine Zukunft werden?“

Susanne konnte sogar lächeln. Ihr war ein wenig wohler und leichter geworden, seit sie die um ein Jahr jüngere Schwester im Arme hielt.

„Ach, Wandachen, das wird sich alles finden, vorerst bin ich froh, hier gelandet zu sein, und jetzt wollen wir keine Zeit verlieren, bitte, führe mich zu meinem Kinde! Jede Minute ist kostbar.“

Wanda Förster sah ihren Mann stumm fragend an, und Ewald Förster sagte ausweichend: „Du mußt dich noch etwas gedulden, Susanne. Das Mädel schläft jetzt, und es ist nicht gut für Kinder, wenn man sie aus dem Schlaf reißt.“

Susanne Bergener sah ihn groß an.

„Nicht einmal, wenn die Mutter heimkehrt ins Leben nach sechs langen Jahren? Wenn Marlene wüßte, ihre Mutter ist hier, um sie zu küssen, würde sie gerne ein bißchen Müdigkeit dafür in Kauf nehmen.“ Sie faßte den Arm der Schwester. „Hast du es ihr denn nicht mitgeteilt? Weiß sie denn nicht, daß ich heute komme?“

Die kleine, mollige Frau antwortete nicht, und langes Schweigen senkte sich auf die drei Menschen herab.

Ewald Förster unterbrach es: „Wir wollen nebenan in mein Zimmer gehen, da legst du erst einmal ab, und dann essen wir eine Kleinigkeit und reden über alles.“

Susanne Bergener folgte den beiden stumm.

Sie blickte sich in Ewalds Zimmer um. Es sah hier noch genau so aus wie vor sechs Jahren, nichts hatte sich verändert. Der Tisch in der Mitte des Zimmers war gedeckt. Aber es stand nur kalter Aufschnitt darauf, Brot und Butter, dazu eine Flasche Rotwein. Susanne Bergener dachte bitter, es war alles so arrangiert, damit niemand von den Dienstboten ins Zimmer zu treten brauchte. Warme Speisen hätten erst aufgetragen werden müssen.

Ewald Förster rückte an einem Stuhle.

„Setze dich, Susanne, du wirst hungrig sein.“ Diese wehrte fast heftig ab.

„Ich habe gar keinen Hunger. Mir liegt jetzt nur daran, sobald wie möglich mein Kind zu sehen. Das ist für mich das Wichtigste auf der ganzen Welt. Und das müßt ihr doch begreifen. Meinetwegen mag Marlene weiterschlafen; aber sehen möchte ich sie wenigstens — und gleich sehen!“

„Könnte man nicht …“ begann Wanda Förster und warf ihren Mann einen bittenden Blick zu.

Er fiel ihr schroff ins Wort: „Wir dürfen keine Experimente machen, es wäre ein zu gewagtes Spiel.“ Er hüstelte.

„Setze dich, Susanne, beim Herumstehen kann man sich nicht richtig unterhalten.“

Die schlanke Frau mit dem schmalen, scharfzügigen Gesicht und den großen, braunen Augen ließ sich auf den für sie zurechtgerückten Stuhl nieder, fragte mit erregter Stimme: „Warum nennst du es ein Experiment, wenn ich mein Kind sehen möchte?“

Ewald Förster strich fast verlegen über das kurze, dunkle Bärtchen.

„Ich habe kein Talent zum Versteckspielen und zum Diplomaten, also kurz heraus, ich und auch Wanda halten es für das beste, wenn du Marlene weder heute noch in nächster Zeit wiedersiehst. Das Kind weiß gar nichts mehr von dir. Oder nur wenig. Ich hielt es für besser, Marlene zu erklären, du seiest weit fort gereist; denn die Wahrheit wäre doch fürchterlich für das kleine Ding gewesen. Bis jetzt hat noch niemand gewagt, ihr von dir zu reden, und ich dachte daran, sie jetzt für ein paar Jahre in ein Pensionat zu tun, damit die Gefahr, sie könnte etwas von dem Schrecklichen erfahren, wenigstens zunächst beseitigt wird, bis sie erwachsen ist. Deine Vergangenheit bedeutet eine Gefahr für Marlene. Darüber wollte ich mit dir sprechen. Du tätest Marlene den größten Gefallen, bewiesest ihr deine Mutterliebe am besten, wenn du vielleicht ins Ausland übersiedeln würdest.“

Susanne würgte ein furchtbarer Schrei in der Kehle.

„Du bist wahnsinnig, Ewald, du verlangst Unmögliches von mir! Wenn ich aber ins Ausland ginge, würde ich Marlene mit mir nehmen. Das Kind gehört an die Seite seiner Mutter.“

Der Mann sagte hart: „An die Seite einer Mutter, die aus dem Zuchthaus entlassen worden ist!“

Susanne Bergener warf trotzig den Kopf zurück, das kurze, rotbraune Haar glänzte wie poliertes Kupfer.

„Du weißt doch genau, ich bin unschuldig!“

Niemand antwortete ihr.

Sie preßte die Handflächen fest gegeneinander.

„Warum glaubt ihr mir denn nicht? Und wie kann ich Glauben von Fremden verlangen, wenn ihr meine Beteuerung anzweifelt?“ Sie preßte mit heißem Atem hervor: „Ich bin wahrhaftig unschuldig! Als ich vor meinem Manne stand, als ich ihm erklärte, auf diese Weise wie bisher könnten wir nicht weiterleben, drängte sich ein unbekannter Herr an mir vorbei, stieß mich mit harter Faust zurück und schoß. Den Revolver warf er an die Erde, dorthin, wo ihn die Polizei fand. Er schoß, der Fremde, nicht ich.“

Frau Wanda begann leise zu weinen. Ewald Förster aber zog die Brauen hoch.

„Es klingt zu gesucht, Susanne, an das Märchen hat niemand geglaubt. Weder die Richter noch sonstwer. Deshalb hat man deine Berufung verworfen.“

Susanne Bergeners Augen wurden dunkler.

„Auch ihr glaubt mir nicht, noch immer nicht?“

Wanda Förster antwortete nicht, sie wich dem angstvoll fragenden Blick der Schwester aus, ihr Mann aber antwortete ohne Zögern: „Nein, Susanne, wir glauben dir nicht und können dir nicht gauben. Das einzige, was wir dir glauben, ist, daß du, als du die Waffe gegen Urban erhoben, vollständig unzurechnungsfähig warst und eigentlich, statt ins Zuchthaus, ins Irrenhaus hättest gebracht werden müssen.“ Er seufzte. „Tausendmal besser wäre das gewesen. Für dich und für uns alle! Auch besser für Marlene! Eine Mutter, die ihr im Wahnsinn den Vater tötet, für die könnte und müßte sie später Verzeihung haben. Wärest du heute aus der Irrenanstalt als geheilt entlassen worden, würde ich Marlene auf deinen Wunsch vorhin sofort geweckt haben. Ich hätte dich auch offen vor aller Welt ins Haus gebraucht. Allgemeines Bedauern wäre das einzige gewesen, was man für dich gehabt hätte. Du wärest bemitleidet worden von allen, die dich kennen, und hättest in unserer Stadt mit Marlene ruhig und friedlich leben können. Jeder Mensch würde fernerhin nur „Mitleid und Wohlwoen für dich haben, aber“, seine Stimme wurde nicht lauter, doch schärfer sprang jedes Wort in das gemarterte Ohr der blassen Frau, „aber leider bot dir nicht die Irrenanstalt sechs Jahre lang Asyl. Der Aufenthalt dort würde dich zur Märtyrerin mit einem kleinen, interessanten Stich ins Mondäne gestempelt haben; doch die sechs Jahre im Zuchthaus machen dich zur ….“

Er brach ab, und über sein ein wenig eckiges Gesicht zuckte es, die Muskeln um seinen Mund waren voll Unruhe.

Susannes Augen blitzten ihn an.

„Habe nun auch noch den Mut, das Wort auszusprechen, das ich noch brauche, um meine Lage klar und nüchtern von deinem Standpunkt und dem der großen Menge aus zu betrachten. Mir fängt schon an aufzudämmern, ich habe bisher alles zu einseitig angesehen.“

Er straffte sich unwillkürlich ein wenig höher, öffnete die Lippen; doch seine Frau sprang auf ihn zu, legte ihre Rechte auf seinen Mund.

„Schweige, Ewald! Sie hat schon zuviel durchgemacht, und man muß ihr Zeit lassen, sich zu erholen, zu besinnen. Bedenke, sie ist meine Schwester.“

Er schob die Hand fort.

„Wenn ich das nicht bedächte, ginge uns die ganze Geschichte ja überhaupt nichts an. Misch dich nicht ein. Susanne ist kein Püppchen, die nichts vertragen kann.“

Susanne von Bergener rief fast schroff: „Du hältst uns nur auf, Wanda. Ich bitte dich, laß Ewald den Satz von vorhin aussprechen. Ich brauche das Wort, das er hinunterschluckte. Ich will, nein, ich verlange es zu hören.“

Wanda Förster trat beiseite und drückte ihr Taschentuch vor die Augen.

Ihr Mann richtete seinen Blick auf die blasse Frau, deren Hände sich ineinander verkrampften wie in gehässigem Kampf, und er vollendete langsam, jede Silbe leicht unterstreichend, den Satz von vorhin: „Doch die sechs Jahre im Zuchthause machen dich zur Verfemten!“

Wanda Förster schluchzte jetzt laut, Susannes schlanker Körper aber war emporgeschnellt, und zitternd vor Erregung, stand sie vor dem großen, breitschulterigen Manne.

„Ich habe dich zwar um das Wort gebeten, aber du hättest es mir doch vorenthalten müssen, wenn du noch einen Funken von Gefühl im Leibe hast“, fuhr sie ihn an. „Du bist hart und nüchtern, Wanda hast du geknebelt mit deiner Härte und Nüchternheit, deine ganze Umgebung hast du nach deinem Bilde umgeformt. Du bist ein Selbstsüchtling, ein Streber, aber Empfinden und Mitempfinden kennst du nicht.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich bin nicht empfindungslos, Susanne, und am wenigstens ungerechtem Urteil gegenüber. Hart bin ich nicht, vielleicht nüchtern und objektiv. Ich wiederhole dir, du bist in den Augen deiner alten Umgebung jetzt eine Verfemte. Versuche es lieber nicht, hier zu wohnen! Kein Mensch unserer Stadt wird noch mit dir verkehren, deine Freundinnen von früher würden, wenn du an ihnen vorüber gehst, den Kopf abwenden, die Herren, die der hübschen, interessanten Frau des ein wenig willkürlich und leichtsinnig lebenden Bildhauers Bergener wie toll den Hof gemacht, würden nicht einmal mehr an die Hutkrempe fassen bei deinem Anblick. Selbst die, denen du noch gefällst, die ein heimlicher Flirt noch reizen könnte, die das ‚Zuchthaus‘ nicht stört, werden dir ausweichen, weil ihnen vor dir grauen müßte. Was Urban von Bergener geschah, könnte auch ihnen geschehen. Die leidenschaftliche Hand, die einmal den Revolver erhoben, könnte ihn zum zweiten Male erheben.“ Seine Stimme ward ein wenig weicher. „Marlene würde an deiner Seite als Tochter einer Verfemten heranwachsen. Sie würde bald merken, daß du in der Stadt eine Ausnahmestellung einnimmst. Nicht nur du, sondern auch sie. Denn du könntest sie nicht davor bewahren, daß sie allzu früh die volle Wahrheit auf vielleicht grausame und rücksichtslose Weise erfährt. Sie hat Mitschülerinnen, auch die Dientsboten bedeuten eine Gefahr. Marlene wird von den Mitschülerinnen gemieden werden, sie wird darunter leiden und, was das Gefährlichste ist, wird vielleicht anfangen, ihre Mutter zu hassen. Sie wird vor der Hand zurückscheuen, an der das Blut des Vaters klebt.“

„Höre auf, um des Himmels willen, höre auf! Du weißt ja nicht, was du tust. Du bist ja schlimmer als der ungerechteste Richter.“

Die schlanke Gestalt der Frau schien zu schwanken, war in Gefahr zu fallen. Die kräftigen Hände Ewald Försters packten sie bei den Schultern.

„Reiß dich zusammen, Susanne, mit Wehleidigkeiten und Ohnmachten kannst du nichts ausrichten. Eine Frau, die das getan hat, was du tatest, muß nun auch die Folgen ihrer Tat zu tragen wissen.“

Susanne von Bergener schrie auf: „Ich bin unschuldig, glaube mir doch, Ewald!“ Sie hielt ihm die Hände mit flehender Gebärde entgegen. „Ich habe Urban nicht erschossen, der andere war es, der Fremde. Er war plötzlich da. Ich glaube, er war schon im Zimmer bei meinem Mann; aber ich, mit Vorwürfen bis obenhin vollgepackt, stürmte in das Zimmer, ohne nach rechts oder nach links zu blicken. Das Zimmer war sehr groß. Der Fremde mag am Fenster gestanden oder auf einem der seitlichen Stühle gesessen haben. Ich schrie Urban an, er wäre ein Erbärmlicher, der schlechteste Gatte auf der Welt. Ich liebte ihn doch und hatte, wie schon öfter, einen Brief von einer anderen bei ihm gefunden. Ich stand vor ihm mit geballten Fäusten, meiner selbst nicht mehr mächtig, weil er mir in seiner überlegenen Art ins Gesicht lachte. Meine Rechte schob sich vor, um ihm ins Gesicht zu schlagen, da wurde ich zurückgestoßen, sah einen fremden Herrn, ein Revolver blitzte auf, und ehe ich auch nur einen Schrei ausstoßen konnte, krachte der Schuß. Urban stürzte zusammen, ich sank in die Knie. Der rauchende Revolver lag neben ihm, neben mir, was weiß ich, der Fremde aber war verschwunden. Das nur wenig über dem Erdboden befindliche Fenster nach dem Garten zu stand offen.“ Sie stöhnte laut. „Es verhält sich alles so, wie ich wieder und wieder beteuerte, der Fremde erschoß Urban, nicht ich.“

Ewald Förster hob die Schultern.

„Niemand glaubte dir, niemand wird dir glauben.“

Sie bebte am ganzen Leibe.

„Marlene ist meines Blutes, sie wird mich verstehen, sie wird mir glauben.“

Er hob wieder die Schultern.

„Ich bezweifle es. Die sechs Jahre Zuchthaus sprechen eine zu harte, böse Sprache. Das Kind wird todunglücklich werden bei dir. Im Augenblick, wo du das Kind an deine Seite nimmst, um mit ihm zusammen zu leben, wird erst dein wahres Unglück beginnen, dein Unglück und das Marlenes. Sie ist klug, sie wird deshalb viel nachdenken und leiden bei dir.“

Er drängte Susanne wieder zu ihrem Stuhl zurück. „Ich sagte dir, als ich dich hierherbrachte, wir wollen in dieser Nacht über deine Zukunft reden, ich meinte ganz selbstverständlich auch über Marlenes Zukunft.“

Susanne rief hastig: „Ich will alle Kräfte anspannen, die Zukunft Marlenes so sorglos wie nur möglich zu gestalten, und mich bis aufs äußerste dafür einsetzen, meine Unschuld zu beweisen.“

„Man hat deine Schuld bewiesen, deine Unschuld zu beweisen, dürfte dir schwer werden. Selbst wenn du, was dir niemand glaubt, unschuldig wärst, selbst wenn das wahr wäre, was so märchenhaft nud erlogen klingt. Und dann, willst du das junge Ding in eine Atmosphäre von ständigen Aufregungen hineinreißen, die Jugend Marlenes vergiften? Sie glaubt dich auf einer weiten, langen Reise, sie war noch zu klein und töricht, als du aus ihrem Leben gegangen bist. Ich bitte dich und rate dir, bleibe auf der Reise für sie. Es ist die einzige Möglichkeit, das Kind nicht unglücklich zu machen. Geh ins Ausland, du hast ja Geld und kannst dir damit irgendwo, weit von hier, eine Zukunft zimmern, laß nie mehr von dir hören! Später wird Marlene vielleicht die Wahrheit erfahren müssen, sie wird dann weinen über ihre Mutter, sie aber nicht anklagen. Ich habe viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluß gekommen: Marlene wächst als unsere Tochter auf, sie bleibt, wenn sie auch ihren Namen behält, eine Art ältere Schwester unserer kleinen Elinor, und du verschwindest für immer aus ihrem Gesichtskreis. Ich verspreche dir, sie zu halten wie mein eigenes Töchterchen. Wenn sie erwachsen ist, wird sie sich verheiraten und glücklich werden, während, wenn sie bei dir bleibt, wahrscheinlich jeder Mann davor zurückbebt, die Tochter der Mörderin heimzuführen. Ich will dir nicht immer wieder weh tun, aber ich muß so scharf und deutlich reden, damit du dir voll und ganz bewußt wirst, um was es geht. Um nichts mehr und nichts weniger als um das Glück deines einzigen Kindes. Beweise jetzt deine Mutterliebe! Wenn du fort bist, darfst du nichts mehr von dir hören lassen, und ich werde dich von Zeit zu Zeit durch Aufrufe suchen. Melde dich dann nicht, melde dich dann nie! Wenn zehn Jahre um sind, wirst du, als Verschollene, für tot erklärt.“

Susanne hatte wie betäubt dagesessen, die Rede Ewald Försters war auf sie niedergefallen wie ein scharfer Hagel. Weh hatte sie ihr getan, so weh, daß es gar nicht auszudrücken war. Sie rang die Hände.

„Ewald! du bist grausamer als ein mittelalterlicher Folterknecht, und dabei sprichst du wie ein Advokat, der einen wichtigen Fall behandelt.“

Er gab, obwohl auch er große Erregung verspürte, äußerlich ruhig zurück: „Es handelt sich auch um einen wichtigen Fall, um den wichtigsten für dich und dein Kind. Ich stehe hier und spreche für die unmündige Kleine, ich fordere für sie von dir ihre zukünftige Ruhe, ihr Lebensglück. Du hältst ihr Schicksal in der Hand! Verläßt du sie für immer, dann bist du eine gute Mutter, doch reißt du sie in Schande und Schmach hinein, bist du die schlechteste Mutter der Welt. Wanda denkt genau so wie ich.“

Susanne preßte die Hände auf das Herz, das sich mit einem Male ganz wild und toll gebärdete, das rasend rasch klopfte und sich nach oben zu schieben schien, als wollte es verzweifelt die körperliche Hülle durchstoßen, in die es gebannt war.

Heiser und abgerissen stieß Susanne hervor: „Laß mir Zeit, mich zu entscheiden, ich brauche Tage, brauche Wochen dazu.“

Ihre Schwester näherte sich ihr, auf ihrem vollen, hübschen Gesicht lag Mitleid.

„Ja, natürlich, Susanne, so schnell darf Ewald keinen Entschluß von dir fordern. Wenn ich nur wüßte, wo du so lange bleiben könntest!“

Susannes Augen blitzten auf.

„Ah, jetzt verstehe ich noch mehr; ich kann nicht vorerst, wie ich annahm, bei euch bleiben.“

Frau Wandas Mund bebte weinerlich.

„Nein, Susanne, liebe Susanne, das geht nicht. Denke nur an das Geklatsch, und Ewald gehört zu den angesehensten Männern der Stadt, er ist Stadtverordneter, man muß tausend Rücksichten nehmen. Außerdem soll dich doch Marlene gar nicht sehen, falls du Ewalds Vorschlag einsiehst.“

„Also so verfemt bin ich“, nickte die blasse Frau bitter, „so jämmerlich verfemt, daß ihr nicht einmal den Mut habt, nur ganz kurze Zeit mit meiner Nähe fertig zu werden. Ich fange an zu begreifen, Ewalds Vorschlag ist wahrscheinlich wirklich das einzig Richtige in meiner Lage.“ Sie holte tief Atem. „Wie wäre es, wenn ich mich in ein Hotel einquartierte?“

„Wenn dir daran liegt, Sensation zu erregen“, gab Ewald Förster zurück, „kann ich dir nur dazu raten; aber du darfst dich auch nicht wundern, wenn dich die Hotelbesitzer, mit Rücksicht auf ihre anderen Gäste, bitten, dich anderswo einzumieten. Wir leben in einer Kleinstadt.“

Susanne lachte böse und hart.

„Erbarmungsloses Gesindel seid ihr alle miteinander, die ganze Stadt, und ihr beide besonders. Geh weg mit deinen Händen, Wanda, berühre mich nicht, es sind Bazillen an mir, die ansteckend wirken, wasch dir lieber die Umarmung vorhin mit Lysoform oder einem anderen desinfizierenden Mittel ab! Ich verstehe immer besser, ich bin vogelfrei, bin Gelichter, das sich nur während der Dunkelheit bei euch einschleichen darf, und da will ich auch nicht lange überlegen.“ Das Blut schoß ihr ins Gesicht und färbte es. „Ich nehme deinen Vorschlag an, Ewald; ich lasse euch Marlene und verschwinde für immer aus ihrem Leben. Ich reise so weit wie möglich fort und lasse nie mehr von mir hören. Nach zehn Jahren des Verschollenseins besorge dir meine Todeserklärung, dann bin ich endgültig ausgelöscht aus Marlenes Leben und auch aus dem euren. Ich werde mit dem Nachtzug nach Berlin fahren, dorthin überweise das Geld, das ich noch besitze.“

Ewald Förster war die Kehle rauh. Es war doch ein verteufeltes Handwerk, so einem armen Weib das Letzte und Beste wegzunehmen, ihr Kind; aber wie er gehandelt, war es seine Pflicht gewesen. Er war der Vormund Marlenes und mußte an ihre Zukunft denken. Daß er zugleich daran gedacht, die Schwägerin mit der Zuchthausvergangenheit ein für allemal abzuschütteln, nahm ihm wohl niemand übel, der wußte, wie sehr er darauf hielt, von jedermann geachtet zu werden.

In seiner Familie und in seinem Leben gab es nicht den kleinsten dunklen Punkt. Die Körper der Familie Förster hätten seit Urvätertagen aus Glas sein können, durchsichtig durch und durch; und nun mußte er gerade das Pech haben, so ein schwarzes Schaf in die Familie zu bekommen.

Seine Frau hatte sich angestellt und geweint, als wollte man sie zerstückeln, als er ihr zuerst davon gesprochen, wie man sich von Susannes Familienzusammengehörigkeit befreien könnte; aber allmählich hatte sie eingesehen, so wie er es sich zurechtgelegt, war es am besten für Marlene und für sie alle. Auch sie glaubte nicht an die Unschuld der Schwester.

„Iß doch nun aber endlich eine Kleinigkeit, Susanne“, forderte er die Schwägerin auf, „vor allem trinke ein Gläschen Wein, es wird dir gut tun!“

Susanne schüttelte sich. „Im Zuchthaus habe ich keinen Wein getrunken, man zieht dort Wasser vor, und ich fürchte, wenn ich Wein trinke, könnte mein armer, jetzt so bescheiden geduckter Verstand rebellisch werden und alles, was ich eben zugesagt habe, wieder umstoßen. Und Hunger habe ich nicht, gar keinen. Ich schlage vor, du bringst mich mit dem Auto bis zur nächsten Station, von dort fahre ich nach Berlin. Morgen depeschiere ich dir, wo ich dort wohne, und du überweist mir dann mein Geld. Es müssen noch fünfzehntausend Mark sein.“

Er nickte. „Und was soll aus deinen Möbeln werden? Sie stehen hier bei uns in einem Schuppen unter.“

Sie machte eine nachlässige Gebärde. „Verkaufe sie oder hebe sie für Marlene auf! Mach damit, was du willst! Auch mit meinen Kleidern. Ich kaufe mir das Nötigste in Berlin zusammen.“

Er erwiderte: „Es ist gut. Schreibe mir ein paar Zeilen für deine hiesige Bank, daß ich berechtigt bin, dein Geld abzulösen.“

Sie neigte nur den Kopf, und er schob ihr ein Tischchen mit Papier und Tinte vor ihren Stuhl.

Sie schrieb hastig, und ihre Züge lagen wie in Schattenrücher eingehüllt. Als sie den Federhalter fortlegte, sagte sie: „Nun will ich Marlene sehen, wenn auch nur von weitem. Ich verspreche euch, sie nicht zu wecken. Aber einmal muß ich mein Kind noch sehen.“

Ewald Förster hatte ein Nein auf den Lippen; aber er antwortete doch: „Ja, du sollst sie sehen!“

Er schloß sich den beiden Frauen an, die durch eine Reihe von Zimmern vor der Schlafstube der beiden Kinder haltmachten. In einer Ecke des mit weißen Möbeln ausgestatteten Raumes verbreitete ein Wandleuchter gedämpftes Licht.

Susanne sah die Tochter der Schwester zum erstenmal. Schon zwei Jahre hatte sie hinter Zuchthausmauern verbracht, als Elinor zur Welt gekommen. Sie bemerkte Wandas stolzes Mutterlächeln, und es gab ihr einen Stich durch das Herz.

Sie schlich auf den Zehenspitzen hinüber an das andere Bett, das auf der rechten Seite des Zimmers stand. Die Knie drohten ihr zu versagen. Das also war ihre Marlene, das war aus dem schmalen, dünnen Püppchen geworden, das sie vor sechs Jahren hatte verlassen müssen.

Ein kräftig, hübsches Mädel lag vor ihr in den weißen Kissen mit leicht geöffneten roten Lippen, durch die das blendende Weiß zwei ebenmäßiger Zahnreihen blitzte. Die Schlafende hatte die eine Hand unter den Kopf geschoben, um den das kupferfarbene Haar wie eine lose Welle von dunklem Gold spielte. Bildhübsch und gesund sah Marlene aus, sorglos war der Ausdruck des reinen Gesichtchens.

Susanne war zumute, als müsse sie den straffen, kleinen Körper, dessen Konturen sich deutlich unter der Decke abzeichneten, aus dem Bett reißen und ihn an sich drücken. Schon erhob sie sich von ihrem Stuhl, schon streckten sich ihre Arme aus, als ihr plötzlich einfiel, was ihr Ewald Förster vorhin klargemacht. Nein, sie durfte das Kind nicht berühren, sie durfte es nicht mütterlich zärtlich an sich pressen, den kleinen, roten Mund voll Innigkeit küssen. Sie war ja eine Verfemte, sie war in den Augen der Mitmenschen eine Mörderin, und würde an ihrer Seite das Kind in Qual und Sorge reißen. Das durfte sie aber nicht, das wollte sie auch nicht. Sie mußte für immer aus Marlenes Dasein gehen, wie sie es vorhin Ewald Förster versprochen.

Es blieb ihr keine Wahl.

Sie neigte sich über das Bett und betrachtete die kleine Schläferin mit einer Rührung, die aus grenzenlosem Schmerz geboren war. Sie wollte nicht weinen, aber sie vermochte es doch nicht zu hindern, daß ein paar heiße Tränen niederfielen auf das Gesichtchen, auf das sie niederblickte.

Das Kind fühlte die Tränen im Schlaf, instinktiv hob es die Hand und fuhr sich über die Wangen, als jage es eine Fliege fort.

Schon hatte sich Susanne gewandt. Sie floh förmlich aus dem Zimmer und befand sich schon im nächsten Raum, als ihr die beiden anderen erst nachkamen.

Nur noch ein knappes Viertelstündchen blieb man in Ewald Försters Stube zusammen, dann verließ Susanne das Haus auf demselben Wege, auf dem sie es betreten.

Sie hatte der Schwester keine Hand mehr gereicht und die Weinende von sich geschoben.

„Ich müßte es euch danken, weil ihr euch meines Kindes erbarmt, aber ich kann es nicht“, hatte sie gesagt, „eure Wohlanständigikeit, die so weit von mir fortrückt, frißt mir das Herz entzwei. Ich bin keine Schuldige sondern nur eine Unglückliche.“

Sie war in das Auto gestiegen und von Ewald Förster bis zur nächsten Station gebracht worden.

Nach Berlin hatte er ihr ein paar Tage später ihr kleines Vermögen überweisen lassen, und dann war die blasse, schlanke Frau abgereist. Niemand wußte, wohin, niemand hatte Interesse, danach zu fragen.

Susanne von Bergener hatte nichts weiter von ihrem einzigen Kinde mit hinausgenommen in die weite Welt als die Erinnerung an ein hübsches, schlafendes Mädchen mit dunkelgoldener Haarwelle über der reinen, fest gezeichneten Stirn und blitzenden Zähnen unter leicht geöffneten Lippen. Dazu ein Bildchen, das Marlene im dritten Jahr zeigte. Das Bild hatte sie auch im Zuchthause immer bei sich getragen.

Die Jahre vergingen. In der ersten Zeit sprach Wanda Förster manchmal zu ihrem Manne: „Wo mag Susanne gelandet sein? Mich drückt unsere Härte oft wie eine große, große Schuld.“

Er schüttelte den Kopf.

„Weiß der Himmel! Wäre sie wirklich unschuldig, dann wäre etwas daran an der großen Schuld, so aber taten wir nur, was unsere Pflicht gegen Marlene von uns forderte. Und du siehst, sie erwähnt die Mutter wenig. Sie hat sich an den Gedanken gewöhnt, daß sie weithin verreist ist. Sieh du in ihr eine Verschollene!“

Frau Wanda war eine willensschwache Frau, gemessen an der Energie ihres Mannes. Sie fügte sich ihm und sah in der Schwester eine Verschollene.

Die zehn Jahre des Verschollenseins gingen vorüber, und da sich auf keinen Anruf Ewald Försters Susanne von Bergener gemeldet, spielte sich alles glatt ab, so wie es vorgesehen war; Susanne Maria Leonore von Bergener, geborene Kirchner, die Witwe des Bildhauers Urban von Bergener, wurde für tot erklärt.

II

Es war ein herrlicher Frühherbsttag. Marlene von Bergener stand am Fenster ihres Zimmers, das sie allein bewohnte, und blickte hinaus. Marlene war vor kurzem einundzwanzig Jahre alt geworden.

Eben schlug es sieben Uhr. In einer halben Stunde wurde gefrühstückt. Sie wollte Elinor wecken, die schlief immer gern lange, und der Onkel ärgerte sich darüber. Sie öffnete leise die Tür zum Nebenzimmer und betrat auf den Zehenspitzen das hübsche Nest aus Hellblau und Weiß, das Elinor ihr Zimmer nannte. Im Bett lag das entzückendste Mädel der Welt und blinzelte verschlafen, als ihr Marlene über das dunkellockige Haar strich.

„Ach, du!“ kam es verstimmt aus dem hübschen Munde, und der schmale Körper drehte sich mit einem energischen Ruck auf die andere Seite. „Laß mich weiterschlafen, Marlene, ich bin noch so schrecklich müde.“ Verhaltenes Lachen folgte plötzlich, und mit einem neuen Ruck saß Elinor im Bette aufrecht. „Es war gestern abend großartig bei Käthe Klein. Die Kleins sind viel modernere Menschen als Vater und Mutter. Käthe hat getanzt, ach, du, hat die Talent! Vielleicht könnte man es auch wie sie, aber unsereins darf so was ja gar nicht riskieren. Ich glaube, Vater würde mich in eine Kaltwasserheilanstalt stecken, wenn ich mich vor unseren Gästen so zeigte, wie sich Käthe Klein gestern vor ihren Gästen gezeigt hat. Erst als Spanierin, na, das ging ja noch, da hatte sie einen weiten Rock an und einen andalusischen Hut auf, danach kam sie als Jockey in hohen Lackstiefeln, mit gelb und weiß gestreifter Jockeymütze, die hintenweg auf dem weißblonden Haar saß.“ Sie kicherte vergnügt. „Ich sage dir, entzückend sah sie aus, und getanzt hat sie — getanzt!“ Sie nickte Marlene zu. „Du bist ja für so was nicht und hockst lieber zu Hause, wenn du auch gerade kein Spielverderber bist. Übrigens, Gert Wendemann war auch da. Aber ich glaube, der ist ’n bißchen so wie du. Nach Käthes Tanzen hat er einen Flunsch gezogen und mich gefragt, ob mir so was gefalle. Ich habe auch einen Flunsch gezogen und versichert, so was gefiele mir gar nicht.“ Sie machte ein spitzbübisches Gesicht. „Ich mußte das doch tun, weil es möglich ist, er redet zum Vater vom gestrigen Abend.“ Sie seufzte. „Hoffentlich hält er den Schnabel, sonst verbietet mir Vater vielleicht gar, mit Käthe so viel zu verkehren, und sie ist doch die amüsanteste und schickste von all meinen Freundinnen.“

Marlene hatte still zugehört. Ihre braunen Augen blickten zärtlich auf die Jüngere.

„Steh jetzt vor allem gleich auf, Liebling, sonst kommst du unpünktlich an den Frühstückstisch, und du weißt, das kann dein Vater nicht ausstehen, das verstimmt ihn. Du bist doch sein Sonnenschein.“

„Na, denn man los!“ seufzte Elinor etwas burschikos und schob sich aus dem Bett. „Wie lange habe ich noch Zeit?“ Sie warf einen Blick auf die schmale, weiße Kastenuhr, die zu der Möbeleinrichtung des Zimmers paßte. „Uijeh, bloß zwanzig Minuten. Komm, Marlene, hilf mir rasch, sonst schaffe ich es doch nicht mehr.“

Sie ließ sich dann von Marlene in die Kleider helfen und das Haar bürsten.

Sie nahm alles hin ohne besonderen Dank. Elinor war es seit frühester Kindheit eine Selbstverständlichkeit, von der Älteren verwöhnt zu werden. Wie eine gute Kammerzofe bediente Marlene die junge Kusine.

Sie waren wie Schwestern zusammen aufgewachsen, aber Marlene neigte ein wenig dazu, die Jüngere zu bemuttern. Sie war fünf Jahre älter und um zehn Jahre reifer als der Irrwisch Elinor.

Ewald Förster betrat gleich nach den beiden jungen Mädchen das Eßzimmer. Frau Wanda waltete am Tisch schon ihres Amtes als Hausfrau.

Ewald Förster begrüßte die Mädchen mit einem Wangenkuß, Elinor gab er noch einen zärtlichen Schulterklaps. „Na, Elinor, wie ist es, hast du dich gestern bei Kleins gut unterhalten?“

Sie nickte. „Ach ja, es war ganz nett, Vati.“

Es klang so obenhin, als hätte sie sich beinahe gelangweilt. Marlene mußte daran denken, wie begeistert Elinor noch vorhin von dem Fest bei ihrer Freundin geschwärmt. Sie wunderte sich immer wieder darüber, wie es Elinor verstand, jedem das zu sagen, was ihr für die betreffende Person am richtigsten schien.

„Am schönsten ist es bei uns, Vati“, schwärmte die kleine Komödiantin, „so hübsch wie bei uns finde ich es nirgends. Die anderen verstehen keine Feste zu feiern.“

Ewald Förster strich über seinen graugesprenkelten Scheitel.

„Hast Beobachtungsgabe, Mäuschen; aber ich meine auch bei uns geht es, wenn wir Gäste haben, am lustigsten und nettesten zu.“

Die beiden Mädchen begleiteten Ewald Förster nach dem Frühstück bis hinüber zur Fabrik. Auf halbem Wege begegnete den drei Gert Wendemann, der Prokurist der Fabrik. Er grüßte respektvoll, und man ging gemeinsam weiter. Gert war dreißig Jahre und Ewald Försters rechte Hand. Er war so groß wie sein Chef, aber schmaler. Sein Gesicht war dunkelgetönt und ziemlich scharf, die hochgesattelte Nase sprang ein wenig vor.

Elinor schritt mit dem Vater voran, Marlene folgte an der Seite Gerts.

Gert Wendemann war als Neuzehnjähriger, nach bestandenem Abiturium und dem Besuch einer Handelsschule, als Lehrling in die Fabrik Försters eingetreten und hatte sich hier bis zum Posten eines Prokuristen emporgearbeitet. Er kannte die beiden Mädel seit elf Jahren. Er hatte sie beide noch als Kinderchen draußen auf dem Fabrikgelände herumspielen sehen mit Reifen und Ball und hatte ihnen geholfen, im Herbst große Drachen steigen zu lassen, obwohl das eigentlich mehr ein Jungenspiel war. Jetzt aber tanzte er mit ihnen, wenn er sie zuweilen in Gesellschaft traf, oder wenn er von seinem Chef eingeladen wurde. Offiziell sollte Elinor noch keine Bälle mitmachen, aber bei kleinen Hausfestlichkeiten, bei Geburtstags- und Hochzeitsfeiern nahm man es nicht so genau mit dem wunderhübschen, lebhaften Geschöpf. Jedermann war in das Püppchen mit dem glänzenden, dunklen Haar und den reinen, tiefblauen Augen vernarrt. Sie hatte so eine eigene Art, die langen, dunklen Wimpern aufzuschlagen und zu lächeln, daß man sofort in ihrem Bann war.

Sie lachte eben laut. Eine Reihe klingender Töne, die einem Musikinstrument entlockt zu sein schienen, ließ das zweite Paar aufhorchen, und unwillkürlich sahen sich Marlene von Bergener und Gert Wendemann mit einem Lächeln an.

Gert sagte leise: „Elinors Lachen ist so harmonisch, wie ich noch nie ein Lachen gehört habe.“

Marlene erwiderte mit Zärtlichkeit: „Elinor versteht es, mit so einem Lachen ihrem Vater die böseste Stimmung zu verscheuchen. Worüber der klügste Mann mit meinem Onkel nicht fertig würde, das regelt meine kleine Elinor mit einer Reihe von melodischen Tönen, die sie sieghaft hinauslacht.“

Gert Wendemann nickte. Sein Gesicht war sehr ernst, als er sagte: „Verzeihen Sie, Marlene, wenn ich die Gelegenheit ergreife, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Elinor, die mit Fräulein Klein sehr befreundet ist, an der jungen Dame keine Freundin besitzt, deren Umgang vorteilhaft für sie ist. Ich war gestern von Herrn Klein eingeladen worden zu seinem Geburtstag, und ich muß bekennen, der Ton im Hause ist reichlich frei. Wie man dort Feste feiert, das mag modern sein, höchstwahrscheinlich ist es sogar sehr modern; aber schön ist es nicht. Ich verstehe die Eltern nicht, die ihrer Tochter erlauben, den Gästen solche Art Tanz vorzuführen, und die junge Dame, die Vergnügen daran findet, sich vielen jüngeren und älteren Herren unseres lieben Städtchens so zu präsentieren, verstehe ich noch viel weniger.“

Marlene dachte genau so wie Gert Wendemann; aber sie machte doch einen Versuch zur Ehrenrettung der von ihm verurteilten Freundin Elinors.

Er sah sie an. „Aber, Marlene, das ist doch etwas anderes. Ich bin kein Tanzkunstverständiger und kann Ihnen nicht richtig klarmachen, wie ich es meine, aber ich habe schon mehrmals berühmte Tänzerinnen in Berlin auftreten sehen, und war begeistert. Aber mir scheint es etwas ganz anderes, wenn eine junge Dame unseres Städtchens da vor allen ihren guten Freunden auf ein Podium hüpft und die unmöglichsten Gliederverrenkungen zu machen beginnt. Ich kann es nicht so erklären, aber auf mich wirkte es abstoßend. Ich hatte das Gefühl, das junge Ding von dem Podium herunterreißen zu müssen und aus dem Saal zu jagen.“ Er zuckte die Achseln. „Vielleicht denke ich altmodisch, aber ich möchte kein Mädchen heiraten wie diese Käthe Klein. Und ich habe die Idee, sie ist kein guter Verkehr. Sie sollten Elinor etwas von der Freundin abzubringen suchen.“

In Marlenes Ohr saß der Satz fest: Ich möchte kein Mädchen heiraten wie diese Käthe Klein! Und daran fügte Gert Wendemann noch einmal seinen Rat. Ihm schien viel daran gelegen, Elinor vor einer Freundin zu bewahren, die einen schlechten Einfluß auf sie haben konnte. Er lag im Bann des reizenden Geschöpfes wie alle, die Elinor kannten. Vielleicht liebte er sie? Warum tat ihr der Gedanke nur so bitter weh? Noch niemals hatte sie bisher daran gedacht, und jetzt plötzlich drängte er sich ihr gebieterisch auf.

Sie erwiderte leise: „Ich danke Ihnen für Ihren Rat, Gert, und werde versuchen, Elinor zu beeinflussen.“

Ewald Förster war stehengeblieben, rief: „Nun mal ein bißchen schneller, die Herrschaften da hinten!“

Marlene ging rascher und ward, als sie die Vorangehenden erreicht hatte, ein wenig rot, sie wußte selbst nicht, warum, sie spürte nur, daß ihre Wangen heiß wurden.

Auf dem Rückweg fragte Elinor lachend: „Nun, hat Gert Wendemann etwas über den gestrigen Abend geredet?“

Marlene wiederholte ihr, was er gesagt hatte.

Elinor lachte vergnügt: „Na, ich erzählte dir ja schon, er hat gestern abend ’n Flunsch gezogen, als Käthe tanzte. Weißt du, Marlene, Gert Wendemann ist nicht mehr richtig jung, darum hat er so altmodische Begriffe. Aber er stellt was vor. Ich finde ihn, wie soll ich mich ausdrücken, feudal aussehend. Wenn ich zum Beispiel nicht ganz genau wüßte, er heißt Gert Wendemann und ist Prokurist in Vaters Tuchfabrik, würde ich ihn für einen unwahrscheinlich hochgeborenen Aristokraten halten. Wirklich! So einen von der Sorte, die Waldemar, Justinian, Erdmann, Kraft Prinz von Moorburg — Kuckuckbaum — Haidedorf — Löwenhals heißen. Schade, wenn er so ’ne Titulatur mit sich ’rumschleifte, würde ich mich mordmäßig in ihn verlieben und ihn heiraten. Vielleicht täte ich es auch so. Aber Elinor Wendemann, geborene Förster, ist mir zu spießig.“ Sie faßte die Ältere unter. „Marlene, Gert Wendemann wäre was für dich! Manchmal meine ich, er hat was für dich übrig. Als er neulich bei uns abends gegessen hatte, schielte er immer so komisch nach dir rüber, und Verliebte schielen so, weißt du.“

Marlene war sich mit einem Male darüber klar, warum ihr vorhin der Gedanke so weh getan. Gert Wendemann könnte Elinor lieben. Sie liebte ihn selbst. Sie empfand eine starke Erschütterung, und ihre Gedanken verwirrten sich. Seligkeit und Angst erfüllten sie, kein Wörtlein brachte sie über die Lippen.

Elinor drängte sich dichter an sie heran. „Du, Marlene, vorhin hast du ganz rot ausgesehen, und jetzt sieht dein Gesicht aus wie das vom Geist im Hamlet. Liebst du Gert Wendemann? Mir kannst du’s ruhig anvertrauen, ich kann Geheimnisse bewahren.“

Marlene wußte ja erst seit Minuten, sie liebte den Mann; aber sie hätte es Elinor nicht anvertrauen können. Elinor war imstande, eine ihrer Bemerkungen, die ihr immer auf der Zunge lagen, zu machen, und das hätte sie nicht ertragen.

Sie zwang ein Lächeln um ihren Mund. „Kleine, du redest viel Blech zusammen, wenn der Tag lang ist. Gert Wendemann ist unser guter Freund, anders habe ich noch nicht an ihn gedacht.“

Elinor zog die wundervoll gezeichneten Brauen hoch. „Schade, Marlene, ich meine, ihr zwei müßtet ein schönes Paar sein. Du siehst nämlich auch aus, als wenn du einen Namen mit einem Titel spazieren führst, du hast auch so was Feudales. Ausgesprochen schön bist du nicht; aber vor allem hochinteressant. Käthe Klein meinte neulich, du sähest mit deinem Kupferhaar und deinem matten Teint hübsch aus. Außerdem hättest du ein Lächeln wie eine Undine, aber brav wärest du wie ein Schaf!“

Marlene mußte wider Willen lachen. „Sage deiner Freundin meinen ergebensten Dank für ihre Kritik.“ Sie wurde ernst. „Im übrigen rate ich dir, dich wirklich etwas von Käthe zurückzuziehen, sie gefällt mir nicht als deine intimste Freundin.“

„Mir gefällt sie aber, Marlene, und darauf kommt es doch nur an“, erwiderte Elinor ein wenig schnippisch und ließ Marlenes Arm los. „Jetzt hat dir Gert Wendemann einen Floh ins Ohr gesetzt, und nun krabbelt der darin herum und macht dich aufsässig. Nein, Marlene, Käthe lasse ich mir nicht wegnehmen, damit habt ihr kein Glück. Und falls du vorhaben solltest, die Eltern in deinem Sinn zu beeinflussen, dann ist’s mit uns beiden aus.“

„Elinor, Mädelchen, so etwas darfst du nicht sagen, du. weißt, ich will nur dein Bestes.“ Marlenes Stimme bebte ein wenig.

Elinor wußte genau, wie sehr die Ältere an ihr hing. Sie lächelte ihr süßes, herzbezwingendes Lächeln. „Ist ja schon gut, mein Altchen, ich meine es nicht so schlimm. Was sollte denn aus mir werden ohne dich!“ Ihr Arm schob sich wieder unter den Marlenes. „Glaube mir, Liebste, Käthe ist so’n harmloses Viehchen wie ich. Wir sind wie junge Katzen, liegen gern in der Sonne und räkeln uns. Sind ein bißchen falsch, aber bloß ein ganz klein bißchen, dazu ein bißchen faul und machen uns schön. Viele junge Mädels von heute sind so. Den geistreichen Ausspruch hat Käthes Anbeter, Harry Raumer, gemacht, der sie heimlich unheimlich liebt. Aber er hat nix und ist nix, und sie will einen reichen Mann.“

Marlene schüttelte den Kopf. „Elinor, du solltest an andere Dinge denken, und Käthe hat auch noch Zeit mit der Liebe.“

„Sie ist zwei Jahre älter als ich“, trumpfte Elinor auf. „Und jetzt wollen wir das Thema lassen, sonst raufen wir uns doch noch wegen Käthe. Ich muß nachher zu ihr, ich habe ihr versprochen, sie um elf Uhr zu wecken.“

Marlene erwiderte nichts mehr, ihr war es, als wäre sie doch nicht ganz bei dem, was sie sprach. Sie sehnte sich nach ein paar Augenblicken des Alleinseins, um wenigstens leidlich innerlich zur Ruhe zu kommen; denn ihr war es, als müsse es ihr jedermann vom Gesicht ablesen, was ihr Herz fühlte.

Endlich befand sie sich allein in ihrer Stube. Elinor war zu Käthe Klein gegangen, und sie brauchte nicht zu fürchten, der Irrwisch würde sie stören. Sie setze sich an den breiten Schreibtisch, der noch von ihren Eltern stammte, stützte den Kopf in die Hand und dachte darüber nach, daß sie Gert Wendemann liebte. War diese Erkenntnis nicht das Schwerste und zugleich Schönste, was es auf Erden gab? Konnte sich noch irgendetwas anderes daneben behaupten?

Er liebte sie nicht, sein Herz gehörte vielleicht Elinor. Es gehörte ihr wohl sicher, denn Elinor war doch das reizvollste Wesen, das man sich denken konnte, und vielleicht hätte er sich seine Liebe auch schon deutlicher anmerken lassen, wenn Elinor nicht noch so blutjung wäre. In ein paar Monaten wurde sie siebzehn Jahre.

Marlenes Augen feuchteten sich. Es war ein so schmerzlicher Gedanke, daß sie sich ihrer Liebe bewußt geworden, sich aber auch gleichzeitig darüber klar war, es gab keine Gegenliebe für sie.

Sie erhob sich und ging durch das Zimmer. Die Möbel, die hier standen, stammten alle noch aus dem Elternhause. Sie konnte sich nicht mehr an die Eltern erinnern. Beide waren tot. Onkel und Tante hatten ihr die Eltern treu ersetzt. Sie hatte es hier immer gut gehabt; aber heute erwachte mit einem Mal eine unbändige Sehnsucht nach der Mutter in ihr. Es müßte schön sein, sich am Mutterherzen ausweinen zu dürfen, sich von zärtlichem Mutterverständnis beruhigen und trösten zu lassen.

Marlene preßte die schmalen Hände gegen die Schläfen, hinter denen ein rastloses, feines Pochen war. Sie sann, was sie schon so oft gesonnen. Warum war ihre Mutter nur so weit fortgereist, irgendwo ins Blaue hinein, scheinbar zielund zwecklos? Es mußte da ein Geheimnis geben, das man vor ihr verborgen hatte.

Es war ihr im Laufe der Jahre mehrmals aufgefallen, daß Bekannte, wenn sie ihre Mutter erwähnte, ein verlegenes und betretenes Gesicht machten. Sie fragte, seit sie das gemerkt, nie mehr jemand, ob man ihre Mutter gekannt, und ähnliches. Sie wollte gar nichts hören, denn schließlich kam es doch wohl darauf hinaus, daß ihre Mutter um irgendeines Mannes willen die kleine Stadt verlassen hatte. Und darüber mochte sie nichts wissen.

Sie blieb vor einem Spiegel stehen, der auf einem wundervoll geschweiften Untersatz ruhte. Es war ein echtes Empirestück, und sie hatte eine besondere Vorliebe dafür. Sie betrachtete sich scharf prüfend im Glas und stellte sich daneben Elinor vor. Ein müdes Lächeln zog um ihren Mund. Wie konnte sie nur Vergleiche ziehen zwischen Elinor und sich! Gewiß, sie war nicht häßlich, aber neben der sieghaften Lieblichkeit Elinors fiel es der Hübschesten schwer, sich zu behaupten, neben Elinor verblaßte jede.

Sie wußte nicht, wie reizvoll ihr Äußeres war, sonst wäre sie sich nicht so unscheinbar vorgekommen neben Elinor. Vielleicht trug auch das die Schuld daran, daß mit Elinor von je zu viel Kult im Haus getrieben worden war.

Es klopfte. Marlene fuhr sich blitzgeschwind mit dem Taschentuch über die Augen, ehe sie „herein!“ rief.

Eins der Mädchen trat ein. „Fräulein von Bergener, Herr Förster ist am Telefon.“

Marlene eilte hinüber in das Privatarbeitszimmer des Onkels, nahm den Hörer auf, meldete sich.

„Marlene, wie weit bist du mit der Zeichnung für Katalog B? Er muß jetzt in Druck gegeben werden.“

Marlene gab Antwort: „Sie ist fertig, Onkel, nur ein bißchen überholen möchte ich sie noch, es ist die Arbeit einer Stunde.“

„Gut, mach dich gleich daran, Mädel, und bringe die Zeichnung dann in mein Büro, damit wir sie nochmals kritisch betrachten. Herr Wendemann brennt geradezu darauf, dein neuestes Werk kennenzulernen.“ Ein gutmütiges Lachen folgte den Worten.

Marlene versprach: „In ungefähr einer Stunde bringe ich die Zeichnung, Onkel.“

Sie stand noch ein Weilchen regungslos, starrte vor sich nieder, dachte, wie sonderbar das war. Seit so vielen, vielen Jahren, von Kind an, war sie mit Gert Wendemann zusammengetroffen, oft hatte sie mit ihm getanzt, oft hatte sie sich eingehend und kameradschaftlich mit ihm unterhalten, und jetzt, mit einem Male, empfand sie Scheu, ihn wiederzusehen.

Sie atmete gepreßt. Herrgott, warum hatte sie auch entdecken müssen, daß sie ihn liebte! Alle Ruhe und Sicherheit hatte ihr das genommen. Aber ausweichen konnte sie ihm nicht. Der Onkel würde sie pünktlich erwarten.

Die Tür ging leise auf, Frau Wanda sah die wie erstarrt Dastehende und weckte sie aus ihrer Versunkenheit. „Marlene, du schläfst wohl im Stehen?“ schalt sie gutmütig. „Denkst du über ein so wichtiges Problem nach, daß du nichts hörst und siehst?“

Marlene war zusammengefahren und stotterte etwas verwirrt: „Onkel will die Umschlagezeichnung für Katalog B, und … und … ich dachte darüber nach, ob sie wohl leidlich gelungen sei.“

Die kleine, in den letzten Jahren sehr dick gewordene Frau Wanda schüttelte den Kopf. „Wie kannst du denn daran noch zweifeln? Du heimst doch wirklich Lob genug ein für alles, was deine geschickten Hände entwerfen.“ Sie nickte ihr zu. „Famos ist das eigentlich, so ein Talent zu besitzen wie du!“

Marlene verbesserte: „Talentchen, liebe Tante; denn wenn es ein Talent wäre, würde es ausreichen zur Malerin; so aber bannt es mich in die Grenzen des Plakatzeichnens. Und für wen entwerfe ich Plakate? Für Onkels Tuchfabrik, für ein paar seiner Bekannten, außerdem durfte ich Werbekarten für ein Wohltätigkeitsfest zeichnen. Ob man mein Können in einem weiteren Kreise anerkennen würde, ist noch höchst zweifelhaft.“

„Doch, Marlene, doch; dein Zeichenlehrer, Herr Bürger, den ich neulich traf, hat mir wieder mal versichert, du wärst als Reklamezeichnerin geradezu genial, und es sei ein Jammer, daß du dich nur so nebenher damit befaßt. Er meinte, wenn du darauf angewiesen wärest, davon zu leben, könntest du die Aufträge gar nicht bewältigen, die man dir geben würde, du hättest Einnahmen über Einnahmen.“

Marlene lächelte ein wenig. „Es wird viel Schmeichelei an Dilettanten verschenkt, und nachher, wenn so ein Dilettant in die Notlage kommt, Geld verdienen zu müssen, dann sieht er erst ein, daß sein Können nirgends langt.“

Frau Wandas Gesicht war weich und zärtlich. „Mag es sein, wie es will, voraussichtlich hast du es nicht nötig, deine Begabung zu verwerten, um dein tägliches Brot damit zu verdienen, Mädchen.“

Marlene befand sich dann wieder allein in ihrem Zimmer, saß am Schreibtisch und überprüfte mit kritischem Auge eine vor ihr liegende kolorierte Zeichnung.

Marlene strichelte hier noch etwas nach und dort noch etwas nach, dann erhob sie sich. Nun konnte sie gehen. Sie gehörte nicht zu den Eitlen ihres Geschlechtes, aber es zog sie jetzt doch wieder vor den Spiegel. Sie trug ein dunkelblaues Kleid mit weißem Kragen. Sie dachte, es ist ja gleich, wenn Gert Wendemann sie auch nicht liebte, ein wenig hübscher durfte sie sich doch machen. So schnell wie möglich zog sie das graue Tuchkleid an mit der etwas dunkleren Samtjacke und dem schmalen Hermelinkragen. Es stand ihr am besten.

Die Tante begegnete ihr auf dem Gang. „Aber, Marlene, warum hast du dich denn für deinen Besuch im Fabrikbüro so in Gala geworfen? Das ist doch dein neuestes Kleid!“

Marlene lächelte unsicher. „An meinem blauen Kleid ist. eine Ärmelnaht aufgegangen, und um nicht zu viel Zeit zu vertrödeln, langte ich mir das erstbeste Kleid.“

Frau Wanda blickte der Davoneilenden sinnend nach. Was Marlene eben gesagt, trug den Stempel der Ausrede nur zu deutlich an der Stirn. Warum zieht sich ein junges Mädchen plötzlich, eigentlich grundlos hübscher an? dachte sie und beantwortete sich ihre eigene Frage schlau: Um irgend jemand besonders zu gefallen. Es war nicht schwer, denn weder die grünen Jüngelchen noch die alten, bebrillten Krauter, die es sonst noch in den Büros der Fabrik gab, würden Marlene zum Wechseln des Kleides bestimmt haben. Sie nickte vor sich hin. Also Gert Wendemann gefiel Marlene. Das war eine interessante Neuigkeit!

Sie begab sich in die Küche, half, wie es ihre Art war, dort tüchtig mit; aber ihre Gedanken waren noch immer bei Marlene. Sie malte sich schon die Hochzeitsfeier aus. Die beiden würden gut zueinander passen. Sehr gut sogar.

Gert Wendemann war der beste und geeignetste Mann für Marlene, die ihr lieb geworden wie eine Tochter, lieb wie Elinor. Nein, nicht völlig so, einen ganz kleinen Unterschied gab es doch zwischen ihrer Liebe zu den beiden Mädchen. Aber nur einen geringen. Und das war natürlich und begreiflich.

Marlene aber befand sich um die gleiche Zeit in der Fabrik im Privatbüro ihres Onkels, der ihre neue Zeichnung noch einmal eingehend prüfte. Er hatte dazu seinen Kneifer aufgesetzt und meinte anerkennend: „Ich bin wieder äußerst zufrieden mit dir, Marlene, die Schose hast du los! Ich zahle dir aber diesmal auch freiwillig mehr.“

Hinter ihm stand Gert Wendemann und betrachtete ebenfalls die Zeichnung.

„Mein Kompliment, Marlene, Sie haben eine Künstlerhand. Ich glaube, Sie könnten viel Geld mit Ihrer Phantasie und Geschicklichkeit verdienen.“

Sie saß auf einem der Klubsessel, und als sie zu ihm aufblickte und seine Augen sie voll ansahen, schlug ihr Glut vom Herzen hoch bis zu den Schläfen. Ihr Antlitz brannte.

Ihr jähes Erröten machte ihn stutzig, erweckte einen Gedanken in ihm, an den er eigentlich noch nie gedacht. Er hatte immer in der Art eines älteren Kameraden mit Marlene verkehrt, jetzt war es ihm mit einem Male, als sähe er sie mit anderen Augen.

Marlene war reizvoll und konnte einem Manne schon gefallen. Von allen jungen Damen seiner Bekanntschaft gefiel sie ihm eigentlich am besten. Elinor ausgenommen; aber die war ja noch ein Kind. Er hatte noch nicht daran gedacht zu heiraten. In diesem Augenblick lockte ihn der Gedanke, wenn er sich Marlene als seine Frau vorstellte und Elinor als seine Schwägerin.

Alt genug war er wirklich dazu, sich ein Heim zu gründen. Er saß gut und warm im Elternhaus, aber ein eigenes Heim hatte wohl auch seine Reize. Er machte die Feststellung, das Kleid stand Marlene ganz ausgezeichnet.

Sie erhob sich.

„Ich will wieder gehen, Onkel, sonst halte ich dich und Gert von der Arbeit auf.“

Ewald Förster holte sein Scheckbuch aus dem Schreibtisch.

„Nimm dein Honorar gleich mit, Marlene.“

Er füllte ein Formular aus und reichte es ihr. Marlene blickte darauf nieder.

„Aber, Onkel, so viel Geld ist doch die kleine Strichelei nicht wert! Fünfhundert Mark, ich bitte dich.“

Ewald Förster nickte ihr zu.

„Du hast das Geld verdient. Unser letzter Reklamezeichner hat seine Arbeiten tüchtig bezahlt bekommen, aber sie waren nicht so gut wie deine, und ich gebe dir nächstens wieder einen Auftrag. Übrigens hat mich der Schwanenapotheker gestern gefragt, ob du ihm nicht ein Plakat für ein Hustenmittel entwerfen würdest. Du siehst, die Kundschaft drängt sich dir förmlich auf.“

„Ich zeichne dergleichen gern“, gab Marlene zurück und knöpfte ihre Samtjacke zu.

Gert Wendemann sagte: „Ich komme gleich mit, Marlene, wenn Sie gestatten, ich muß nämlich in die Färberei hinüber.“

Als die beiden sein Kontor verlassen hatten, sann Ewald Förster flüchtig, es wäre gut, wenn aus den beiden Menschen ein Paar würde. Er dachte ähnlich wie seine Frau. War Marlene erst verheiratet, dann war die traurige Vergangenheit so gut wie völlig ausgelöscht, und Gert Wendemann paßte ausgezeichnet für Marlene. Er war immer mit seiner Arbeit zufrieden gewesen, und es wäre sehr gut, den tüchtigen und klugen Menschen durch verwandtschaftliche Bande an sich zu fesseln.

Gert Wendemann ging neben Marlene die Treppe hinunter, er sagte: „Das neue Kostüm steht Ihnen sehr gut, Marlene. Ich habe grau nie leiden mögen, seit ich Sie aber in diesem Kleid gesehen, finde ich, es ist eine hübsche und feine Farbe.“

Marlene war es, als klänge alles anders, was Gert Wendemann sprach, seit sie ihre Liebe zu ihm erkannt.

Der Satz, den sie wahrscheinlich noch gestern mit einem harmlos frohen Lächeln entgegengenommen hätte — denn welche Frau hört dergleichen nicht gern — trieb ihr wieder das Blut in die Wangen.

Gert Wendemann legte seine Hand auf ihren Arm.

„Gehen Sie doch nicht so schnell, Marlene! Ich alter, müder Mann kann mich Ihrer flinken Jugend ja gar nicht anpassen.“

Darüber mußte sie lachen, und er lachte mit.

„Sie haben wundervolle Zähne, Marlene“, stellte er fest, „jeder Filmstar könnte Sie darum beneiden.“

Marlene dachte, das war nun schon das zweite Mal, daß ihr Gert Wendemann innerhalb weniger Minuten etwas Schmeichelhaftes sagte. Und sie erinnerte sich nicht, daß es seine Art war, dergleichen zu tun. Aber sie empfand es wie Liebkosungen einer Hand, deren Streicheln unerwartet kommt.

Sie ging ganz langsam neben ihm, als man nun das Gebäude verließ. Man stand jetzt in der strahlenden Herbstsonne, und Gert Wendemann lächelte.

„Die Besorgung in der Färberei hat noch etwas Zeit, ich begleite Sie lieber ein Stückchen.“

Sie nickte stumm.

Gert Wendemann war schon oft so neben ihr hergegangen, aber heute schien es ihr etwas anderes, etwas ganz Besondere. Wie ein glückliches Hoffen war es in ihr.

Er sagte leise: „Marlene!“

Es klang wie ein Ruf. Sie hob den leichtgesenkten Kopf, und ein Fragen lag in ihren braunen Augen.

Er lächelte. „Was ich heute wegen Elinor sagte, war vielleicht etwas übertrieben, nicht wahr? Ich wollte nur warnen. Sie sind doch wie eine ältere Schwester Elinors, und ich bin der gute Freund von Ihnen beiden. Sie und ich zusammen sollten achtgeben auf die Kleine. Wenn man die Eltern warnt, wirkt das zu wichtig und anmaßend. Elinor ist noch ein Kind. Versuchen Sie ihre Freundschaft mit der übermodernen Käthe Klein etwas zu dämpfen. Wir beide, Sie und ich, wollen doch das Beste des Kindes.“

Marlenes Herz ward leicht. Wie er Elinor jetzt ein Kind nannte, fühlte sie, hinter seiner Besorgnis stand keine Liebe zu dem Kinde. Sie blickte ihn an.

„Ich will mein Möglichstes versuchen, ich tat es sogar schon, da auch mir diese Freundschaft nicht mehr gefällt, aber Elinor ist ein bißchen starrköpfig.“

Er lächelte. „Sie werden schon mit ihr fertig werden. Ich weiß, Sie haben Energie.“ Er sah ihr in die Augen. „Das ist ein Prachtwetter heute! Gar keine Lust habe ich mehr, wieder an die Arbeit zu gehen. Weit hinaus in die freie Gottesnatur müßte man wandern mit frohem Sinn und leichtem Gepäck. Wir beide müßten das tun! Sie in ihrem wunderhübschen Kleid, und ich so, wie ich bin. Einfach durchbrennen müßten wir, Marlene, und in allerlei Erleben des Sonnentages hineinlaufen.“

Er lächelte jungenhaft übermütig.

Ihr Herz schlug laut, als sie antwortete: „Wenn es ginge, würde ich mit fortlaufen, Gert, mich lockt die liebe Herrgottssonne auch.“

Er schaute zurück nach der Fabrik. „Was man wohl sagen würde, wenn wir Ernst machten mit dem Fortlaufen? Wenn wir jetzt ins Blaue hinauswanderten, ohne zu hinterlassen, wohin und wann wir wiederkommen?“

Sie erwiderte leise:

„Dann würde man jedenfalls sagen, die zwei sind verrückt oder …“

„Oder?“ drängte er, denn immer stärker ward er sich bewußt, Marlene war die Frau, die so liebenswert war, daß es ein Glück für ihn bedeutete, wenn sie die Seine würde.

Marlene empfand plötzlich ein unendliches, ein überströmendes Glücksgefühl, sie konnte nicht anders, sie mußte übermütig lachen.

„Denken Sie doch darüber nach, Gert, was man von uns sagen würde, wenn man uns nicht für verrückt hielte!“ Und dann eilte sie davon, rief zurück: „Ich habe keine Zeit mehr, Gert, nicht zum Fortlaufen, und nicht zum Weiterbummeln, Tante braucht mich im Haushalt.“

Sie winkte und verschwand so schnell in der Richtung der Villa, daß er keinen Versuch mehr machen konnte, ihr nachzueilen. Das hätte für Unbeteiligte sonst ausgesehen, als ob sie beide Haschen spielten.

Er blieb noch ein paar Sekunden nachdenklich stehen, dann wandte er seine Schritte zurück.

Er lächelte ein wenig. Wie leicht war der unvollendete Satz zu ergänzen!

Er wiederholte sich seine Frage: „Was man wohl sagen würde, wenn wir Ernst machten mit dem Fortlaufen? Wenn wir jetzt ins Blaue hinauswanderten, ohne zu hinterlassen, wohin und wann wir wiederkommen?“ Auch ihre Antwort wiederholte er sich: „Dann würde man sagen, die zwei sind entweder verrückt oder …“

Er vollendete den angefangenen Satz Marlenes: „Dann würde man sagen, die zwei sind entweder verrückt, oder verrückt ineinander verliebt! — Marlene!“ sagte er leise zärtlich.

Sonderbar, vor dem heutigen Tag war er gar nicht auf die Idee gekommen, die ihm mit einem Male schon so vertraut schien, als hätte er sie endlos überlegt.

Er schaute um sich. Eben verschwand die schlanke Gestalt in der Villa. Beim nächsten Zusammentreffen durfte ihm Marlene aber nicht weglaufen, da hielt er sie fest und wollte sie fragen: „Bist du mir gut, Marlene?“

Er begann eifrig Zukunftspläne zu entwerfen. Überlegte, ob Ewald Förster damit einverstanden sein würde, wenn er Marlene von ihm zur Frau begehrte. Er glaubte darauf mit einem sorglosen Ja antworten zu dürfen. Flüchtig sann er auch der trüben Geschichte nach, die in Marlenes Kindheit gespielt hatte. Es dachte wohl kaum noch jemand daran.

Er pfiff ein Liedchen in den sonnendurchstrahlten Herbstvormittag hinein. Ihm war so wohl, so vergnügt zumute. Er hatte heute eine wundervolle Entdeckung gemacht.

Es hatte schließlich keine allzu große Eile, Marlene davon zu sprechen, daß sie sich beide zu gemeinsamer Lebenswanderung zusammentun sollten, er traf sie so oft, und er würde die nächste Gelegenheit dazu ergreifen.

Marlene aber war in ihr Zimmer gestürmt, als würde sie verfolgt. Sie riegelte sich ein und sank auf den ersten Stuhl nieder. Ihr Atem stockte vor dem Glücksgedanken, der sie ganz und gar erfüllte. Der so stark, so überstark war, daß sie das Gefühl hatte, laut aufschreien zu müssen, um frei zu werden von einem wunderlich beseligenden Alpdruck, den sie bisher noch nicht gekannt.

Herrgott im Himmel, wie hatte sich auch seit vorhin alles geändert! Jetzt glaubte sie nicht mehr daran, daß Gert Wendemann Elinor liebte, jetzt wußte sie, er begehrte sie. Ganz nahe war er daran gewesen, es ihr zu sagen, und die süße Stunde würde bald kommen, wo er es tun würde.

Tränen trieb es ihr in die Augen, das Glück, auf das sie nicht zu hoffen gewagt, und ihre Hände falteten sich wie zum Beten. Und unwillkürlich, wie schon einmal heute, dachte sie mit Wehmut und Sehnsucht: Wie herrlich wäre es jetzt, eine Mutter zu haben, der sie alles, alles sagen könnte, was ihr Herz so stürmisch bewegte.

III

Käthe Klein war das verwöhnte, achtzehnjährige Töchterchen des sehr reichen Kalkbrennereibesitzers Gustav Klein. Er war ein Emporkömmling, hatte vor allem die Marotte, Frau und Tochter sollten zeigen: Wir können es ja, das Vermögen dazu ist da!

Er selbst war ein Mann der Arbeit, gönnte sich kaum die notwendigste Erholung, aber er freute sich, wenn Frau und Tochter Feste feierten und Luxus trieben. Er war klein, massiv, hatte ein rotes Faltengesicht mit dicken Tränenbeuteln unter den kleinen schlauen Augen, seine Frau war aus vornehmer, armer Beamtenfamilie, hellblond, überschlank, gepflegt vom Scheitel ihres stets sorgfältig gelockten Bubikopfes bis hinab zu den kleinen, stets erstklassig bekleideten Füßen. Das jüngere Abbild der eleganten, sehr kapriziösen Mutter war Käthe.

Sie lag noch im Bett, als Elinor pünktlich um elf Uhr vormittags in ihr Zimmer trat, um sie zu wecken. Zu wekken brauchte sie nicht mehr, denn Käthe hatte die großen, grüngrauen Augen weit auf, sagte gähnend: „Ich bin froh, daß du da bist, Elinor, damit wir uns ein bißchen über gestern unterhalten können. Ich habe schon meine Morgenschokolade getrunken; aber zum Aufstehen verspüre ich gar keine Lust.“

Elinor legte Hut und Mantel ab.

„Ach was, das gibt es nicht, Käthe, ’raus aus den Federn, tauch deinen faulen Korpus mal in die Badewanne und stelle dich unter die Dusche! Dann bist du gleich frisch. Ich habe das heute früh gleich nach sieben schon gemacht, als mich Marlene an den Frühstückstisch zitierte.“

Käthe schüttelte sich. „Leicht hast du es in der Beziehung nicht, armes Ding. Mein Papi frühstückt morgens um siebeneinhalb allein, der mutet Mama und mir gar nicht zu, so sinnlos früh aufzustehen. Aber höre, Kleines, ich möchte mal mit dir über was Interessantes reden.“

Elinor setzte sich auf den Stuhl am Bett, ihr Gesicht drückte Neugier aus.

Käthe lächelte verhalten.

„Du, Kleines, hier in unserem Nest geht es doch verflixt spießig zu, und man hat doch den Drang in sich, ein bißchen zu erleben, ein bißchen Farbe in die blöde Eintönigkeit zu bringen, in der sich unsere lieben Mitbürger wohl fühlen. Ich habe ja gestern als Tänzerin Triumphe gefeiert, Größenwahn könnte ich kriegen, wenn meine Zuschauer von gestern Großstädter gewesen wären.“ Ihr Lächeln ward noch selbstgefälliger. „Ich will dir was anvertrauen, Elinor, ich gefalle nicht nur hier, ich holte mir auch schon berufenere Kritiken. Ich soll morgen für Mama was in Berlin besorgen, und weil da noch ein paar Tanten von mir wohnen, gibt es Ausrede genug, einen oder zwei Züge zu versäumen bei der Rückkehr. Komm morgen mit, ich garantiere dir, du kommst auf deine Kosten.“ Sie reckte die schlanken Arme. „Mädels unserer Zeit können gar nicht genug erleben, finde ich.“

Elinors Augen blitzten.

„Du bist doch ein Biest, Käthe, daß du solche Wippchen machst, davon habe ich ja gar nichts geahnt, aber, weißt du, reizen tut mich so was auch. Wenn ich nur erst wüßte, ob ich morgen mitfahren darf nach Berlin.“

Käthe lachte laut auf.

„Wie alt bist du eigentlich, Baby? Deine Eltern machen doch im allgemeinen gar keinen tyrannischen Eindruck. Ich glaube eher, Marlene knechtet dich ein bißchen.“

Elinor dachte daran, was Marlene heute morgen zu ihr gesagt hatte. Sie sah ihren Verkehr mit Käthe nicht gern. Aber davon durfte sie natürlich nichts zu Käthe erwähnen.

Sie erwiderte nur: „Ja, Marlene bevormundet mich ein bißchen, aber sie meint es gut mit mir. Ich weiß, sie hat mich sehr lieb.“

Käthe nickte. „Ob lieb oder nicht, die Hauptsache ist, daß du mich morgen nach Berlin begleitest, Elinor. So allein macht die Schose nicht den Spaß, als wenn man noch eine verständnisvolle Seele bei sich hat. Ich fahre morgen mit dem Elf-Uhr-Zuge. Zieh dein bestes Kleid an, das rostrote mit der Silberstickerei, ja?“

„Ich werde alles daransetzen, mich zu Hause loszueisen,“ versprach Elinor.

Käthe sprang aus dem Bett. Sie trug einen hellblauen Pyjama mit weißer Verzierung, ihr sehr hellblondes Haar lag in etwas zerdrückten Wellen und Locken um den feinen Kopf. Sie hatte eine etwas zu kurze Nase und etwas zu volle Lippen, aber sie war auffallend hübsch, doch Elinor war viel, viel hübscher als sie. Elinor war aber auch das hübscheste Mädchen der Stadt.

Käthe begann zu tanzen. Leicht, wie beschwingt lösten sich die kleinen, nackten Füße vom Teppich.

Elinor sah ein Weilchen belustigt zu, dann packte sie der Ehrgeiz mitzutun, und der kleine schmale Körper wiegte sich in weichen, rhythmischen Bewegungen hin und her, drehte und wand sich wie eine Schlange.

Endlich hielten beide inne, lachten sich an. Elinor meinte, sie müsse nun gehen.

Käthe umarmte sie.

„Ich erwarte dich morgen am Elf-Uhr-Zug, Kleines, wir wollen uns abseits von unserem öden Nest hier etwas Erleben verschaffen.“

Elinor ward unterwegs ein bißchen ängstlich, ob es ihr gelingen würde, mitzufahren nach Berlin.

Als man zu Mittag gegessen hatte, schnurrte sie wie ein Kätzchen: „Hört mal, Vati und Mutti, Käthe hat mich eingeladen, morgen mit ihr nach Berlin zu fahren. Sie hat da allerlei für Mama zu besorgen und sie besucht gleich verschiedene Verwandte. Darf ich mit? Ach, bitte, bitte, es ist so nett, die hübschen Berliner Schaufenster anzusehen.“

Ewald Förster brummte: „Meinetwegen fahre mit.“

Und Frau Wanda nickte: „Wenn es dir Spaß macht. Aber komme nicht zu spät nach Hause!“

Marlene konnte sich nun nicht mehr einmischen, aber sie sagte trotzdem: „Du solltest, wenn du gern mal wieder nach Berlin willst, lieber mit mir fahren. Es ist dort gerade Reklamemittelausstellung. Die Abteilung ‚Werbeplakate‘ interessiert mich.“

Ewald Förster mischte sich ein.

„Dann fahrt doch alle drei zusammen, seht euch zusammen die Ausstellung an!“

Marlene dachte, das war eigentlich eine sehr gute Idee, sie konnte Obacht auf Elinor geben.

Elinor nahm die Mitteilung, Marlene wollte mitfahren, mit sauersüßem Gesicht entgegen und telefonierte, sobald sie ungestört war, an Käthe.

Die lachte durchs Telefon: „Ich werde sie schon von uns loseisen. Unsere Tanzdiele soll sie uns nicht vermasseln.“

Als Elinor am nächsten Tag ihr rostrotes Samtkleid mit der Silberstickerei zurechtlegte, meinte Marlene: „Das Kleid ist doch viel zu schade für die Fahrt. Du wirst ja kaum dazu kommen, den Mantel auszuziehen.“

Elinor warf das Kleid schon über.

„Bei Käthes Verwandten werde ich den Mantel doch wohl ausziehen müssen, und man braucht mir die Kleinstadt nicht anzusehen. Übrigens schiebe du in Berlin nur allein in deine Ausstellung, von der Käthe und ich doch nichts verstehen, abends können wir uns ja dann am Bahnhof treffen.“

Marlene dachte, sie könnte sich bei den Verwandtenbesuchen Käthes wirklich nicht aufdrängen. Sie erwiderte: „Ich schlage vor, wir treffen uns gegen achtzehn Uhr am Stettiner Bahnhof, um ein Viertel danach können wir zurückfahren, bis dahin habt ihr sicher alles erledigt.“

Elinor dachte an die Tanzdiele und erwiderte: „Es wird doch etwas später werden, Marlene, der nächste Zug reicht auch noch.“

Marlene nickte. „Also treffen wir uns um neunzehn Uhr, ein Viertel danach geht der nächste Zug.“

Man fuhr pünktlich ab nach Berlin, erreichte es in einer Stunde und trennte sich, dort angekommen, bald. Als Marlene ein paar Schritte allein gegangen war, überfiel sie plötzlich eine unbestimmte Angst, die ihr selbst töricht schien. Es war eine seltsame Angst, die sie drängte, Elinor zurückzurufen, sie zu bitten, bei ihr zu bleiben oder sie mitzunehmen. Aber die beiden jungen Mädchen waren schon im Gewühl untergetaucht, und sie konnte sie nicht suchen, sie wußte nicht, wo sie zuerst hingingen.

Käthe stieß einen komischen Seufzer aus, als sie sich jetzt allein mit Elinor in dem lebhaften Verkehr befand.

„Kleines, bin ich froh, daß wir endlich Marlene los sind! Das ist ja die reinste Gouvernante alten Stils. Diese Ermahnungen und guten Ratschläge! Ganz blöd ist mir davon im Kopf.“

„Sie ist zu besorgt um mich“, erwiderte Elinor.

„Aber du bist doch kein kleines Kind mehr! Am liebsten nähme sie dich an die Hand“, spöttelte Käthe. „Du mußt dich ein bißchen freier machen von ihrer Oberaufsicht. Ich könnte so etwas jedenfalls nicht ertragen.“

Elinor blickte die selbstbewußte Freundin bewundernd an.

„Na ja, du, Käthe! Du tust ja so ziemlich überhaupt alles, was du willst. Sogar deine Eltern reden dir in nichts hinein.“

Käthe lachte. „Du hast deine Umgebung schlecht erzogen. Aber jetzt nehmen wir uns ein Auto, damit wir erst rasch Mamas Auftrag im Modeatelier erledigen, ihre kosmetische Bestellung im Schönheitssalon abgeben, um dann flüchtig bei Tante Erna Pfötchen zu geben, damit wir bald nur an uns denken können.“

Programmgemäß wickelte sich alles ab, das „Pfötchengeben“ bei Frau Erna Röderstein dauerte etwas länger als vorgesehen. Erna Röderstein, die Schwester von Käthes Mutter, lud die beiden Mädchen zu Tisch, und es wurde fast fünf, bis sie endlich wieder auf der Straße standen.

„Jetzt dürfen wir aber keine Minute mehr verlieren!“ Damit schob Käthe die Jüngere in ein Auto, nannte als Adresse eine Tanzdiele und lachte, als Elinor im letzten Augenblick streiken wollte.

Käthe schien dort gut Bescheid zu wissen, sie schob sich mit graziösen Bewegungen durch die Tische, nahm an einem davon Platz. Elinor schwankte zwischen Scheu und Neugier. Das war nun also eine Tanzdiele. Hier konnte man mit all den Herren tanzen, die hier herumsaßen, von denen man keinen einzigen kannte. Eigentlich war das eine ganz amüsante Einrichtung, fand sie.

Der Kellner stellte Teekännchen, Tassen und Gebäck auf den Tisch. Käthes graugrüne Augen suchten in dem saalartigen, nicht allzu großen Raume umher. Die ersten Tanzpaare waren in der Mitte angetreten. Es waren bezahlte Paare, die Gäste wollten erst ein wenig animiert werden. Käthe trug ein stahlblaues Eoliennekleid, das ihre sehr helle Blondheit noch hob. Sie wirkte auffallend. Ein schlanker Herr, mit vornehmem, gradlinigem Gesicht, hatte sich an einem der Nachbartische erhoben. Er kam direkt auf Käthe zu, beide Mädchen sahen es deutlich. Elinor blickte ihm interessiert mit großen, naiven Augen entgegen, und sein eben noch ein wenig matter Blick leuchtete auf, sein Fuß änderte die Richtung, und er verneigte sich nicht vor Käthe, sondern vor Elinor.

Über Käthes Gesicht glitt ein flüchtiger Schatten; aber schon stand ein anderer Herr vor ihr, bat sie zum Tanz.

Elinor war mit ihrem Tänzer bereits im Tanzfeld. Er tanzte, nach ein paar Höflichkeitssätzen, schweigend mit ihr, und sie riß sich zusammen, um nur recht gut zu tanzen, sie wollte sich nicht blamieren. Wer weiß, was ihr Partner war! Er hatte irgendetwas nach der Tanzaufforderung gemurmelt. Vielleicht war es sein Name gewesen. Verstanden hatte sie es nicht. Es mußte etwas Vornehmes sein. Möglicherweise ein Gesandtschaftsattaché oder so etwas. Sie hatte immer Gert Wendemann feudal aussehend gefunden, ihr Tänzer aber wirkte noch feudaler. Wie aus einem interessanten Roman herausgeschnitten. Als der Tanz zu Ende war, sagte er leise: „Sie tanzen wundervoll leicht, gnädiges Fräulein, Sie sind die beste Tänzerin, die ich kenne. Darf ich um den übernächsten Tanz bitten?“

Elinor versuchte recht damenhaft auszusehen, als sie Gewährung nickte.

Dann saß sie wieder am Tisch neben Käthe, die sichtlich angeregt war. „Was ist das nur für ein Kavalier, den du vorhin geangelt hast?“ fragte sie. „Er sieht so fabelhaft interessant aus.“

Elinor erklärte begeistert, sie finde ihn auch fabelhaft interessant, aber sie hätte natürlich keine Ahnung, wer und was er wäre. Er tanzte dann wieder mit Elinor, tanzte noch mehrmals mit ihr und tanzte auch mit Käthe. Er erklärte: „Meine schönen Damen, hier ist es herzlich öde. Wollen Sie sich meiner Führung anvertrauen, dann bringe ich Sie in ein Lokal, wo es origineller zugeht.“

Käthe nickte. „Ein guter Vorschlag, aber wir müssen um neunzehn Uhr am Stettiner Bahnhof sein.“

Er schüttelte den Kopf. „Dann lohnt es sich nicht, das Lokal zu wechseln. Ist es wirklich ein Muß?“

Elinors Kinderblick drückte Bedauern aus, als sie erklärte, es müsse sein.

„Die Damen wohnen also nicht in Berlin?“ fragte er, aber er schien die Antwort gar nicht zu hören, sein Blick glitt seitab, und es war, als ob er vorübergehend völlig von einem Gedanken in Anspruch genommen war. Er neigte sich leicht Elinor zu, flüsterte so, daß auch Käthe es hörte: „Wenn Sie keine Unannehmlichkeiten haben wollen, rate ich Ihnen und Ihrer Freundin, sich in einigen Minuten zu entfernen. Nicht sofort, denn es würde vielleicht auffallen, nachdem ich mit Ihnen gesprochen. Es scheint eine Art Razzia hier stattfinden zu sollen. Wahrscheinlich sucht man jemand. Und wenn Sie auch harmlose Menschenkinder sind, wäre es immer möglich, man nimmt Sie, wenn Sie keine Papiere bei sich haben, mit auf die Polizei.“

Die beiden Mädchen fühlten ihre Glieder erstarren vor Schreck. Razzia, Polizei! Das waren Worte, die man wohl in der Zeitung lesen, aber nicht erleben darf.

Sie vermochten vor Schreck nicht zu antworten.

„Ich drücke mich auch“, erklärte ihr neuer Bekannter. „Wozu sich Unannehmlichkeiten aussetzen?“

Er erhob sich schon, machte den beiden eine tadellose Verneigung und war verschwunden.

Die Freundinnen folgten dem Rat, der ihnen eben gegeben worden, und begaben sich in die Garderobe. Das Weitertanzen hier war ihnen verleidet. Sie erhielten ihre Pelzmäntel und Hüte, aber als sie durch die Drehtür hinauswollten, stand da ein älterer, gutgekleideter Herr und lächelte verbindlich. „Meine Damen, bitte, gewähren Sie mir ein paar Fragen, doch nicht hier, dort drinnen sind wir ungestörter. Schon öffnete er eine Tür zur Linken. Es war eine Art unbenütztes Büro.

Die beiden Mädchen waren fast mechanisch der Aufforderung gefolgt. Jetzt aber empörte sich Käthe: „Wir haben keine Zeit, fragen Sie rasch! Im übrigen liegt gar kein Grund vor, uns von jedem Beliebigen aufhalten zu lassen, um ihm Fragen zu beantworten.“

Der ältere Herr machte eine Schweigen gebietende Bewegung. „Ich bin Kriminalbeamter und bitte Sie beide, mir zu sagen, wo sich der elegante Herr hingeflüchtet hat, der bei Ihnen am Tisch gesessen.“

Käthe erwiderte erregt: „Wie können wir das wissen? Wir kennen ihn doch gar nicht.“

Der Beamte sah Elinor an. „Sie haben sehr viel mit ihm getanzt, es ist anzunehmen, daß Sie ihn kennen. Sagen Sie die Wahrheit, wo hat er seinen Schlupfwinkel?“

Elinor war ganz verdattert. Tränen drängten sich in ihre Augen. „Ich habe ihn heute zum ersten Male im Leben gesehen.“

„Kann stimmen“, gab der Herr zurück, „kann aber auch nicht stimmen.“

„Wir müssen fort“, empörte sich Käthe, „wir müssen mit dem Zug um neunzehn Uhr fünfzehn nach Hause fahren?“

„Wohin?“ fragte er kurz, und Elinor antwortete prompt mit dem Namen ihres Vaterstädtchens.

Käthe warf ihr einen verweisenden Blick zu. Der Beamte sah ein, die zwei waren nichts weiter als zwei blutjunge Mädels aus der Kleinstadt, die in Berlin ein bißchen herumabenteuerten. Harmlos waren sie. Aber immerhin, vielleicht brauchte man sie doch.

Er sagte: „Sie können gehen, aber ich muß Sie vorher um Ihre Namen bitten.“

Käthe Klein erwiderte glatt: „Ich heiße Meta Schneider und wohne Waldstraße zehn.“

Der Beamte notierte. Nun fragte er Elinor. Sie begriff nicht, wie Käthe so im Handumdrehen einen falschen Namen und eine falsche Adresse hatte nennen können. Sie suchte in ihrem völlig verwirrten Hirn, aber sie brachte keinen Namen zusammen, und als er mahnte: „Bitte, Ihren Namen und Ihre Adresse,“ da fiel ihr nichts Besseres ein, als zu antworten: „Marlene von Bergener, Lindenchaussee einhundertsieben.“

Käthe mußte sich zusammennehmen, um ihr nicht laut ins Gesicht zu schreien: Du bist das dümmste Schaf, das auf Erden herumläuft!

Mühsam bezwang sie sich. Draußen auf der Straße rief Käthe ein Auto an. Vor Aufregung über den Vorfall am ganzen Leibe bebend, setzte sich Elinor an ihre Seite. Das Auto fuhr sofort los.

Käthe schimpfte. „Du mußt von allen guten Geistern verlassen gewesen sein, als du dir den Blödsinn leistetest, dem Kriminalmenschen deine vollständig richtige Adresse anzugeben, und dazu Marlenes Namen. Falls man irgendetwas von dir will, ist es kein Kunststück mehr, dich zu finden und mich auch. Dann habe ich noch Scherereien, weil ich einen falschen Namen genannt habe. Wie konnte ich aber auch ahnen, was für eine dumme Pute du bist!“

Elinor war ganz klein. „Es wird ja niemand nach uns fragen, wir sind doch unwichtig.“

„Das weiß man nicht, der Polizei sind wir vielleicht doch als Zeugen wichtig. Na, das kann ja dann daheim einen netten Skandal geben. Das heißt, meine Eltern denken ziemlich vernünftig, aber wie ich deinen Vater zu kennen glaube, läßt der, wenn er hört, wo du gewesen bist, ein Donnerwetter los, das man hört.“

„Warum schleppst du mich auch in Lokale, wo einem so was passieren kann!“ regte sich Elinor auf und erhielt darauf die Antwort: „Ohne deine Dummheit wäre die Geschichte harmlos geblieben und über ein drolliges Abenteuer nicht hinausgewachsen.“

Elinor seufzte laut. Stumm saßen sie nebeneinander, erreichten den Bahnhof.

„Komm morgen vormittag zu mir, damit wir Kriegsrat halten“, befahl Käthe in leisem, aber herrischem Ton beim Verlassen des Autos.

Sie sahen Marlene schon warten.

„O, kommt ihr spät!“ rief sie ihnen entgegen. „Ihr habt Rückfahrkarten, nicht wahr? Also schnell, Trab, wir werden den Zug gerade noch erwischen.“

Und sie erwischten ihn noch. Hinter ihnen wurde die Tür zugeschlagen, gleich darauf begannen die Räder ihre Umdrehung.

Marlene war von dem Ausstellungsbesuch und dem Besuch eines Museums sehr angeregt. Sie merkte nichts von der Verstimmung der beiden Jüngeren. Sie plauderte und fragte dann, was die zwei inzwischen gemacht hätten. Käthe log frisch darauflos, und Elinor sagte, sie hätte Kopfweh.

An der kleinen Station standen zwei Autos, das Kleinsche und das Ewald Försters. „Auf Wiedersehen morgen vormittag, Elinor!“ rief Käthe beim Auseinandergehen etwas betonter, als gerade nötig.

Marlene schob Elinor in das Auto.

„Anscheinend ist dir die Berlinfahrt nicht besonders gut bekommen. Aber dein Kopfweh wirst du verschlafen, Liebling. Nimm den Hut ab und lehne dich an meine Schulter, mach die Augen zu dabei, wir sind ja bald zu Hause.“

Elinor tat gehorsam alles, was ihr Marlene riet; sie war froh, schweigen zu dürfen; und doch wollte sich ein Geständnis auf ihre Lippen drängen, aber ihr fehlte der Mut zu bekennen: Ich habe deinen Namen mißbraucht. Und nicht einmal nützen würde es ihr selbst, denn wenn die Polizei Marlene als Zeugin suchte, würde sich bald genug herausstellen, sie war nicht in der Tanzdiele gesehen worden.

Beim Nachtessen kostete es ihr fast körperliche Anstrengung, sich leidlich unauffällig zu benehmen, aber als sie sich in ihrem Zimmer befand, fiel sie zusammen. Alles Erlebte kam ihr furchtbar und unheimlich vor, sie verwünschte die Fahrt mit Käthe nach Berlin. Ihr war es, als ständen plötzlich allerlei drohende Gestalten vor ihrem Zukunftswege aufgepflanzt und wollten sich nicht weitergehen lassen. Sie begann zu weinen. Sie konnte einfach nicht anders. Es schüttelte sie förmlich.

Marlene, die eben nebenan zur Ruhe gehen wollte, horchte auf. Klang das nicht wie Weinen aus Elinors Zimmer? Sie lauschte an der Tür, und im nächsten Moment trat sie auch schon hastig ein, eilte an das Bett Elinors, fand sie in Tränen aufgelöst.

Sie strich ihr über das dunkle Haar. „Mädelchen, was fehlt dir denn nur? Hat dir irgend jemand etwas getan? Hast dich wohl ein bißchen mit Käthe verzankt? Nachträglich scheint es mir, als ob zwischen euch nicht alles stimmte. Aber, weißt du, das schadet nichts, eure Freundschaft darf ruhig in die Brüche gehen, du hast an der Putzpuppe nicht viel zu verlieren.“

Elinor weinte, anstatt zu antworten, nur noch mehr. Sie weinte so verzweifelt, daß Marlene von Angst ergriffen wurde.

„Sage mir doch, was dir ist, Liebling! Vielleicht kann ich dir helfen. Verlange von mir, was du willst, ich tue alles. Aber dein Weinen kann ich nicht mehr ertragen.“

Sie streichelte Elinors Hände, legte ihre Wange an die tränennasse Wange der Jüngeren. Doch sie erhielt keine Antwort, aber das Weinen ward zum verzweifelten Schluchzen.

Ganz verzagt, sagte sie endlich: „Wenn du so weiterweinst, muß ich deine Mutter holen, Elinor; vielleicht willst du ihr lieber anvertrauen, was du mir nicht anvertrauen magst.“

Sie machte eine Bewegung, ihren Platz zu verlassen. Elinor hob den Kopf und winkte entsetzt.

„Nein, nein, die Eltern dürfen nichts erfahren.“

Sie riß sich zusammen. Sie sah den eleganten Herrn wieder vor sich, mit dem sie getanzt, sein vornehm-markantes Gesicht mit den manchmal halbgeschlossenen Lidern, hörte seine Stimme ganz deutlich sagen, wie schön sie tanzte und wie wunderhübsch sie wäre.

Wer war es und was hatte er getan, daß ihn die Polizei suchte? Er tat ihr leid. Ein gemeiner Verbrecher konnte er nicht sein. O, warum mußte das, was so schön begonnen, so häßlich enden?

Sie schluchzte schon wieder.

Marlene war von tiefem Mitleid erfüllt. Was konnte die übermütige, leichtblütige Elinor nur so aus der Fassung bringen?

Sie sagte, ihre Stimme gewaltsam zur Härte zwingend: „Elinor, sei nicht kindisch! Ohne Grund weinst du doch sicher nicht, wie du in deinem ganzen Leben noch nicht geweint hast. Entweder erkläre mir jetzt, was los ist, oder ich muß deine Eltern benachrichtigen.“

Elinor schluchzte. „Meinetwegen sollst du es wissen, schließlich muß ich es ja doch sagen, weil es wahrscheinlich doch herauskommt. Ich … ich …“

Sie stotterte und schlang dann die Arme um Marlenes Hals, schluchzte und stotterte ihr ins Ohr, was geschehen war.

Marlene schob die umklammernden Arme von ihrem Hals.

„Das ist ja unglaublich, Elinor. Warum hast du denn nicht deinen richtigen Namen genannt? So unangenehm die Sache an und für sich ist, wäre sie doch nicht so schlimm gewesen, wie sie nun werden kann durch deine Lüge.“

„Ich log, weil Käthe auch log“, verteidigte sich Elinor, „aber sie machte es geschickter, sie nannte einen ganz falschen Namen. Doch man wird sie auch finden, wenn man mich findet. Sie warf mir das schon vor.“

Marlene nickte. „Falls dich die Polizei wirklich vorlädt, was ja wohl noch sehr zweifelhaft ist, schadet es nichts, wenn Käthe Klein auch vorgeladen wird. Sie hat dich zu dem blödsinnigen Besuch dieser Tanzdiele verlockt. Ziehe du nun wenigstens eine Lehre aus dem Erlebnis! Ich rate dir, Käthe Klein fortan links liegenzulassen, alles wird ja wieder in Ordnung kommen. Ich glaube gar nicht, daß man besonderes Interesse daran hat, Käthe und dich als Zeugen vorzuladen. Schlafe jetzt, Elinor, versuche es wenigstens, sonst sehen dir die Eltern morgen früh an, daß etwas geschehen ist.“

Elinor atmete freier. Jetzt war ihr doch viel leichter ums Herz als vorhin. Sie sagte mit dem Anflug eines Lächelns:

„Glaubst du wirklich, ich werde nicht als Zeugin gerufen, und es kommt dann nicht heraus, ich habe geschwindelt.“

Marlene schüttelte den Kopf. „Du könntest ja doch nichts aussagen. Wir wollen eben das Beste hoffen, Elinor. Solche Sachen sehen wohl meist ärger aus, als sie in Wirklichkeit sind. Schlafe nur ein und nimm dir fest vor, nie wieder solche Torheiten zu begehen! Was glaubst du, wie sich dein Vater aufregen würde, wenn er hörte, womit du deinen gestrigen Nachmittag verbracht hast. Du bist erst sechzehn Jahre, und es gäbe ein böses Geklatsch im Städtchen, wenn die Geschichte durchsickerte.“

„Außer Käthe weiß ja niemand davon“, sagte Elinor mit scheuem Blick der verweinten Augen.

„Wenn also die Polizei sich nicht um euch kümmert, wird alles totgeschwiegen“, tröstete Marlene, „denn Käthe erwähnt bestimmt zu niemand etwas davon. Es liegt in ihrem eigenen Interesse.“ Sie gab Elinor einen leichten Backenstreich. „Tunichtgut du, schlafe jetzt, und den Besuch bei Käthe Klein unterläßt du morgen. Sie ist wirklich keine Freundin, bei der du etwas Gutes lernst.“

Elinor versprach alles. Sie war so kaputt vor Aufregung und Marlene so dankbar, weil sie nicht laut schimpfte und ihr Vorwürfe machte, daß sie das Blaue vom Himmel herunter versprochen haben würde, wenn es die Ältere gewünscht hätte.

Als Marlene sich wieder in ihrem Zimmer befand, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, ward finster und nachdenklich. Es war ein bodenloser Leichtsinn von Elinor gewesen, in so ein Lokal mitzugehen. Das Publikum dort schien nicht das beste zu sein, der Kriminalbeamte, der die Mädchen nach ihrem Namen gefragt, der Tänzer Elinors, der sie vor einer Razzia gewarnt, alles ließ darauf schließen, daß diese Diele von Elementen besucht wurde, die keine Gesellschaft waren für die behütete Elinor Förster.

Ach was, sie wollte sich nicht auch noch den Kopf heiß machen mit dem Nachgrübeln über die dumme Sache, sie wollte lieber daran denken, wie sehr sie Gert Wendemann liebte und daß er gestern so eigen mit ihr gesprochen. In ihrem Herzen war eine wundersame Hoffnung aufgeblüht. Sie wollte nur daran, nur allein daran denken.

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05 mayıs 2025
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9788711570494
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