Kitabı oku: «Irenes Liebeslied»
Anny von Panhuys
Irenes Liebeslied
Frauen-Roman
Saga
Irenes LiebesliedCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1950, 2020 Anny von Panhuys und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629453
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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I
Irene von Felsen war soeben mit der Teepuppe fertig geworden, das letzte Samtschleifchen saß fest an dem breit- und steiffaltigen, roten Seidenrock, das weiße Spitzentuch kreuzte sich graziös über der Brust der Rokokodame, deren süßes Porzellangesicht unter der Puderperücke bewußt hochmütig dreinschaute.
Irene blickte kritisch auf ihr Werk nieder, das vor ihr auf dem Tisch stand, seufzte dann leise. Die Mutter, die von ihr abgewandt am Schreibtisch saß, brauchte nicht zu wissen, wie unbefriedigt sie diese Beschäftigung ließ. Die Mutter fand es großartig, daß sie sich Geld verdiente durch das Anfertigen von Teepuppen, Lampenschirmen, Kästen, und wie die verschiedenen Gegenstände noch heißen mochten, die sie auf der Kunstgewerbeschule herzustellen gelernt. Die Mutter war bescheiden geworden, freute sich über das Geld, das auf diese Weise dem engbegrenzten Haushaltungsbudget zu Hilfe kam. Und wieviel mehr hätte sie doch wahrscheinlich verdienen können, wenn die Mutter endlich zugeben wollte, daß sie ihrer Neigung folgen durfte. Wozu hatte ihr der liebe Herrgott die klare Stimme gegeben, wenn niemand sie hören sollte als die Mutter und ein paar alte Verwandte, die vor dem Wort „Theater“ drei Kreuze schlugen und die Ahnen aus ihren Gräbern heraufbeschworen ob des Wortes, sobald sie es aussprach. Lächerlich war das und rückständig!
Irene blickte fast böse auf die Puppe, die sie als Büfettschmuck für die dicke Frau Bäckermeister von nebenan geputzt hatte. Die feine, hochmütige Rokokomarquise würde sich wenig wohl in ihrer neuen Umgebung fühlen.
Sie mußte plötzlich lachen. Ein komischer Gedanke reizte sie dazu.
Die Baronin Felsen drehte sich um, die Augen in ihrem vergrämten, blassen Gesicht fragten.
Irene lachte noch immer.
„Verzeih, Mutter, aber es war so drollig, was mir eben einfiel. Ich stellte mir nämlich meine kleine Marquise hier“, sie strich zärtlich über die weißen Locken der Puppe, „auf dem Teetisch der Frau Klaußmann vor, sah zugleich eine ganze Tischrunde, denn ich kenne doch Frau Klaußmanns Freundinnen. Eine ist immer dicker und röter als die andere, und der Abstand zwischen ihnen und meiner Marquise ist zu groß. Ich weiß, sie wird von allen bewundert werden und wird sicher mehr als einmal das Kompliment hören müssen: Ach, was e schee Püppche! Aber eigentlich ist das Lästerung, denn meine Marquise war doch früher eine sehr gefeierte Dame am Hofe Augusts des Starken und hat seiner Geliebten, der Aurora von Königsmarck, sicher böse Konkurrenz gemacht. Sie ist die Hofluft gewöhnt, leises, gemäßigtes Sprechen, ist gewöhnt, bedient zu werden, und hinter ihrer glatten Stirn wohnen kluge, intrigante Pläne, sie —“
Die Baronin stand auf, trat kopfschüttelnd zu der Tochter.
„Irene, was phantasierst du denn nur alles zusammen über das kleine, starre Etwas, das unter deinen geschickten Händen allerdings ein Kunstwerk geworden ist? Unsere Zeit ist nüchtern und rauh. Es gibt keine Marquisen mehr, wie sie deine Phantasie malt. Alles ist in Geld und greifbare Werte umgewandelt, die Ideale von einst liegen auf dem Schutt oder in den Rumpelkammern. “
Sie lächelte trübe, und ihr schmales Gesicht sah dabei unendlich hochmütig aus: „Unsere Zeit ist vorbei! Glanz und Hofluft, Titel und Orden gehören der Geschichte an. Von drüben über dem Weltmeer wehte ein starker Hauch, der hat alles infiziert, nüchterne Geldmenschen modelte er, wehte fort, was uns groß und mächtig und ewig schien.“
Irene fand in diesem Augenblick eine Ähnlichkeit zwischen dem hochmütigen Gesicht der Puppe und dem der Mutter. Es war fast derselbe Ausdruck, aber auf dem Mutterantlitz störte er sie.
„Ach, weißt du, Mutter, einer toten Zeit soll man nicht nachjammern, soll sich lieber in die lebendige, neue zu finden suchen. Was ich da vorhin geredet, war ja ohne jeden tieferen Sinn, es belustigte mich nur, daß meine ,Dame der ganz großen Welt‘ ausgerechnet Frau Klaußmanns Hausgenossin wird. Im übrigen ist mir Frau Klaußmann sehr sympathisch. Sie sucht für uns immer die größten Brötchen aus dem Korb heraus, und die Torte an meinem Geburtstag war doch wirklich eine liebe Überraschung von ihr.“
„Kindskopf!“ Die Baronin nahm Irenes beide Hände, zog die hübsche, schlanke Tochter ganz nahe an sich heran. „Ist dir für eine geschenkte Torte deine Gesinnung feil? Unsereins hat doch Tradition im Blut, und wenn man auch noch so sehr bestrebt ist, der neuen Zeit Zugeständnisse zu machen, man stolpert doch immer wieder dabei. Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll, aber ich meine, Menschen wie wir sind zu spät geboren. “
Ihre Augen blickten verloren geradeaus, blieben dann auf dem breiten Wappen am Bilderrahmen eines Herrn in schwarzer Rüstung haften. „Ich muß zuweilen denken, es geht uns wie Menschen, die zu einer Vorstellung wollen und aufgehalten werden, nur noch den tragischen Schlußakt sehen, ohne das große Stück kennengelernt zu haben. Wir sind zu spät gekommen, viel zu spät. Wir durften nur mitspielen, traten ab ohne Beifall, lautlos, und sehnen uns, sehnen uns nach dem, was vor uns gewesen.“
Nun klang ein heimliches Weinen durch die Worte.
Dem Mädchen tat die Mutter leid, die sich so gar nicht in die veränderten Verhältnisse zu fügen verstand.
Sie war anders, und hätte sie ihr Leben nach ihrem eigenen Ermessen anpacken dürfen, so würde sie mit aller Kraft, Sorge und Alltagsnot von der Schwelle dieses kleinen Heims scheuchen.
Aber die Mutter verbaute ihr den Lichtblick auf eine sorgenfreie Zukunft für sie beide durch eine hohe Mauer. Wie ein grimmiger Wächter stand vor ersehnter Zukunftssorglosigkeit die „Tradition im Blute“. Ihre schöne Stimme durfte sich nicht für Geld hören lassen, damit der Name Felsen nicht auf einem Theaterprogramm stand, sich niemand mit einer Einlaßkarte das Recht erkaufen konnte, eine Baronesse von Felsen in der Operette singen zu hören.
Selbst unter einem Künstlernamen wollte es die Mutter nicht erlauben. Aber sie hatte nichts dagegen, daß Irene Teepuppen und Lampenschirme fertigte.
„Meine Tochter schafft sich ein kleines Taschengeld!“ pflegte sie zu sagen, man tat dem Namen damit keinen Abbruch, man stand dadurch über der Situation.
Irene lächelte wehmütig. Die Mutter war wirklich recht wenig lebensklug. Die lieben Bekannten und Nachbarn waren nicht so ahnungslos, die kleine Dreizimmerwohnung, die alten, vertragenen Kleider und Hüte genügten vollkommen, jedem ein richtiges Bild ihrer Lage zu geben.
Aber über dergleichen durfte sie nicht mit der Mutter sprechen, sie würde ihr wehe tun, ohne irgendetwas zu erreichen. Wie oft hatte sie es vergebens versucht, jetzt fügte sie sich, dachte nur häufig, eines Tages würde es nicht weiter so gehen, denn man war schon beim Rest des ehedem ganz netten Kapitals angelangt.
Und wie leicht hätte man die Sorge bannen können!
Frau Leipholz, bei der sie in besseren Tagen Gesangunterricht genommen und zu der sie sich noch jetzt oft heimlich fortstahl, schalt auf den Eigensinn der Mutter, die von der Vergangenheit träumte und vor der Gegenwart die Augen schloß. Einmal war Frau Leipholz selbst gekommen, hatte der Baronin erzählt, welch große Operettensängerin ihre Tochter sein würde, doch es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre die liebenswürdige Dame, die noch heute zu den Stützen der Frankfurter Oper zählte, von der adelsstolzen Mutter hinausgeworfen worden.
„Weshalb schweigst du denn, Kind? Weißt du kein armseliges Trostwort für mich?“ sagte Frau von Felsen vorwurfsvoll und zerriß damit Irenes Sinnen.
Das junge Mädchen zwang ihre aufrührerischen Gedanken nieder.
„Ja, Muttchen, ich möchte dich gerne trösten, aber womit? Vielleicht heirate ich einmal einen Inder, einen reichen Maharadscha, werde indische Fürstin, und wir wenden allem, was dich kränkt und ärgert, endgültig den Rücken. Vielleicht finden wir dann irgendwo unter Palmen eine neue Heimat. Ich will fleißig Umschau nach dem Maharadscha halten.“
Nun lächelte Frau Olga von Felsen.
„Die Maharadschas laufen bei uns nur im Film herum, Irene, und die Schattengestalten lassen sich nicht einfangen.“
Sie ging langsam an den Schreibtisch zurück, vertiefte sich in eine allzu schwere Haushaltsrechenaufgabe.
Irene packte die Teepuppe sorgfältig ein.
„Ich will nun zu Frau Klaußmann gehen, Mutter.“
Die Baronin nickte nur dazu, ließ sich nicht stören.
Irene atmete tief auf, als sie ins Freie trat. Die warme, strahlende Frühlingssonne tat ihr gut, und vergnügt betrat sie den Bäckerladen.
Ein wohlwollendes, volles Frauengesicht lächelte ihr entgegen.
„Ah, die Baronesse, und mir scheint, das Püppchen ist fertig“, klang es ihr entgegen. „Kommen Sie, bitte, mit ins Zimmer, wir wollen eben Kaffee trinken, vielleicht darf ich Ihnen ein Täßchen anbieten.“
Irene bejahte gerne. Bei der Mutter gab es nur Kaffeezusatz, hier guten, reinen Bohnenkaffee. Auch war es nicht das erstemal, daß sie am Klaußmannschen Tisch Platz nahm.
Bei Irenes Eintritt erhob sich ein schlanker Herr von einem der Stühle, sah auf die bildhübsche, junge Dame, die verwundert sagte: „Ich wußte nicht, daß Sie Besuch haben, Frau Klaußmann, und will lieber ein anderes Mal wiederkommen.“
Frau Klaußmann hielt sie einfach am Ärmel fest. „Das gibt es nicht, Baronesse, nun Sie einmal hier sind, lasse ich Sie nicht gleich wieder fort. Heute gibt’s prima Makronentörtchen und Mohrenköpfe.“
Irenes Augen lachten, und ein begeistertes: „Hm, fein!“ entschlüpfte ihren Lippen.
Der schlanke Herr verbiß ein Lächeln, sagte ernst: „Sie scheinen sehr viel für Makronentörtchen und Mohrenköpfe übrig zu haben, und deshalb rate ich Ihnen ebenfalls zu bleiben. Um so mehr, da ich kaum stören dürfte. Im übrigen gestatten Sie mir, mich Ihnen vorzustellen, ich heiße Alfred Grote und bin so eine Art fahrender Musikant, dazu ein Neffe von Frau Klaußmann.“
Irene neigte leicht den Kopf. „Irene von Felsen.“
Sie sann, weshalb sie der Name Alfred Grote so bekannt dünkte, als hätte sie ihn erst vor kurzem gehört oder gelesen.
Etwas zögernd sprach sie das aus.
Die dicke Frau Klaußmann wollte Antwort geben, doch der Mann kam ihr zuvor.
„Mein Name ist kein allzu seltener.“
Er mochte nicht erwähnen, daß morgen abend im Frankfurter Opernhaus seine erste Operette zur Aufführung kam, daß er deshalb in Frankfurt weilte und bei dieser Gelegenheit die ihm bisher fast unbekannten Verwandten aufgesucht hatte. Er war, wie alle Künstler, ein wenig abergläubisch, und man spricht am besten so wenig wie möglich vorher von erhofften Erfolgen.
Frau Klaußmann merkte die Absicht ihres Neffen und schwieg, so gern sie sich auch ein bißchen wichtig getan hätte, um so lieber, als sie wußte, die Baronesse schwärmte für gute Operetten und wäre vielleicht für einen Freiplatz nicht unempfänglich gewesen. Aber Alfred Grotes ganzes Wesen imponierte ihr. Sie bekräftigte seine Worte noch, stimmte ihm bei. „Grote ist wirklich kein allzu seltener Name. Bin ja auch eine geborene Grote, mein Bruder ist Alfreds Vater.“
Sie rief das Dienstmädchen herbei, das gewandt den Kaffeetisch deckte. Frau Klaußmann entschuldigte sich. „Die Verkäuferin ist heute beurlaubt, sonst brauchten wir ja nicht im Hinterzimmer Kaffee zu trinken, aber ich muß aufpassen, wenn Kundschaft kommt.“ Sie wandte sich an Irene. „Doch jetzt packen Sie aus, liebe Baronesse, ich bin so gespannt auf meine Puppe.“
Alfred Grote fragte verblüfft: „Willst du mit Puppen spielen? “
Frau Klaußmann erklärte: „Bewahre, aber Baronesse von Felsen ist Kunstgewerblerin und versteht entzückende Teepuppen zu machen.“
Der Mann sah plötzlich wie hergeweht einen bitteren Zug um Irenes Mund, der wenig zu ihrer Jugend paßte, und erriet, daß Geldmangel dieses hübsche, blonde Mädchen mit dem klingenden Namen dazu trieb, für Frau Bäckermeister Klaußmann eine Teepuppe zu machen, er verstand plötzlich, daß Makronentörtchen und Mohrenköpfe höchster Feiertagsschmaus für sie waren.
Eine warme Welle des Mitleids spülte über sein Herz hin, und sein Blick suchte den ihren.
Als fühlte sie, was in ihm vorging, so kalt und hochmütig sah sie ihn jetzt an. Deutlich stand auf dem feinen Antlitz geschrieben: Mitleid erträgt mein Stolz nicht.
Da ließen die Augen des Mannes das liebliche Gesicht frei, warteten, was sich aus der Papierumhüllung lösen würde.
Fast zögernd stellte Irene die Teepuppe auf einen kleinen, mit weißer Spitzendecke geschmückten Tisch, ihr Werk gefiel ihr mit einem Male gar nicht mehr.
Frau Klaußmann klatschte geräuschvoll in die molligen Hände.
„Reizend, wundervoll ist die kleine Dame, ich könnte mich beinahe vor ihr fürchten, so vornehm sieht sie aus.“
Alfred Grote nickte ihr zu.
„Stimmt, Tante, das Dämchen hat Rasse, Kultur und alten Adel in jeder Kleiderfalte.“
Frau Klaußmann legte Irene die Hand auf die Schulter.
„Ich glaube, Sie haben das, was mein Neffe eben sagte, ich meine, die Geschichte mit Kultur und Rasse sieht besonders gut aus, weil Sie selbst von altem Adel sind. Das sind Dinge, die müssen angeboren sein, denke ich mir.“
Irene erinnerte sich an die Unterhaltung mit der Mutter.
„Möglich, aber es ist zuweilen entsetzlich langweilig und beengend, von altem Adel zu sein. Wenn man jung ist, nicht allzuviel Geld hat, ist alter Adel ein Fluch.“
Ohne es selbst zu wollen, waren Irene die bitteren, anklagenden Worte entflohen.
Frau Klaußmann blickte ziemlich verständnislos, Alfred Grote aber schwebten warme, linde Worte auf den Lippen, doch vor dem Hochmutsblick, der ihn traf, schwieg er. Er empfand Zorn.
Was fiel denn dieser Baronesse, die für seine Tante, die Frau Bäckermeister Klaußmann, Handarbeiten machte, um sich etwas zu verdienen, nur ein, ihn anzusehen wie eine entthronte Königin einen zudringlichen Diener?
Er befragte seine Uhr, sagte gleichmütig: „Leider muß ich auf das Kaffeestündchen verzichten, da ich, wie mir eben einfällt, eine wichtige Verabredung habe. Du entschuldigst mich wohl, Tante, in einer Stunde bin ich wieder zurück.“
Vor Irene machte er eine knappe Verbeugung, und dann war er gegangen.
Irene warf die Lippen auf.
Sie fühlte noch immer den mitleidigen Männerblick auf sich ruhen, schämte sich, daß dieser Mann sie durchschaute. Er hatte begriffen, weshalb sie für die reiche Frau Bäckermeister die graziöse, hochmütige Marquise geputzt, und er mochte jetzt wohl lächeln über die Bettelbaronesse.
Frau Klaußmann lud zum Niedersitzen ein, goß Kaffee in die goldumrandeten Tassen.
Irene nahm Platz. Wären die Makronentörtchen und die Mohrenköpfe nicht gar so verlockend gewesen, dann wäre sie jetzt wohl auch gegangen, aber so viel Charakterstärke brachten ihre achtzehn Jahre nicht auf. Auch wußte sie von früheren Besuchen her, eine Tüte voll süßer Backwaren erhielt sie für die Mutter mit nach Hause.
In einem Umschlag überreichte ihr Frau Klaußmann das Honorar für die Teepuppe, aber als Irene heimging, brannte ihr das Geld in der Hand, und sie hatte sich doch so sehr darauf gefreut. Obwohl Frau Klaußmann keine Silbe mehr über den Neffen geäußert, hatte Irene fortwährend an ihn denken müssen, dachte noch jetzt an ihn, an seine hohe Gestalt und die scharfgezeichneten Züge. Einen fahrenden Musikanten hatte er sich genannt. Sie wußte nicht recht, was er damit meinte.
Aber es ging sie ja weiter nichts an, am besten war es, gar nicht mehr an den unsympathischen Menschen zu denken. Aber es ist eine alte Geschichte, unangenehme Dinge haften meist viel fester im Gedächtnis als angenehme. Noch in den Traum der Baronesse von Felsen schlich sich Alfred Grotes schlanke Gestalt, sein kühnes Profil und sein mitleidiger Blick.
Sie weinte morgens ein paar zornige Tränen. Was kümmerte sie dieser Mensch!
Was war das nur für ein seltsam unheimliches Gefühl? War sie krank, oder war das Angst vor der ungewissen Zukunft, in die sie mit der Mutter hineinlebte, mit der Mutter, die sich nicht dazu verstehen mochte, der neuen Zeit auch nur die kleinsten Zugeständnisse zu machen. War der Rest des Vermögens aufgebraucht, dann stand man dem Nichts gegenüber.
Irene fror, wenn sie daran dachte. Ihre Jugend sehnte sich nach Freude und Geselligkeit, nach hübschen Kleidern und ungestopften Strümpfen. Aber die Mutter hatte kein Verständnis dafür. Nach ihrer Ansicht wurde der Wert eines gestopften Taschentuchs oder Strumpfes reichlich aufgewogen durch die darin eingestickte siebenzackige Krone. Sie selbst war eine geborene Komtesse, die Wäsche, die aus ihrer Ausstattung stammte, zeigte die neunzackige Krone.
Irene dachte: Es muß schön sein, mutig in die weite Welt hinauslaufen zu dürfen, wie wohl ein Kind auf eine große Wiese hinausläuft, sich Blumen pflückt und nach bunten Schmetterlingen hascht. Draußen, irgendwo in der weiten Welt, flog das Glück umher, wie im Frühling die Schmetterlinge über die Wiesen fliegen, und man konnte es sich, wenn man flink und keck war, einfangen. Aber wenn sie hier in den drei Zimmern der leidlich eleganten Mietskaserne weiterhocken mußte, dann würde sie ein glückloses Altjüngferchen werden mit glattem Scheitel und verbittertem Herzen. Ein armes Altjüngferchen, das dazu verdammt war, am Leben vorbeizueilen.
Aber plötzlich lächelte sie wieder. Sie war erst achtzehn Jahre! Und mancher Mensch braucht überhaupt nicht hinaus auf die Glücksjagd, zu manchem Menschen kommt es von selbst, das Glück, ohne sich vorher anzumelden, und steht mit einem Male vor einem und lacht blankäugig: Hier bin ich!
II
Irene war in der Leihbibliothek gewesen, hatte ein Buch für die Mutter umgetauscht, deren Lieblingsbeschäftigung das Lesen von Romanen war. Darüber vergaß sie am besten die Gegenwartssorgen. Am Roßmarkt begegnete Irene der Opernsängerin Frau Leipholz, die lächelnd eine etwas theatralische Umarmung markierte.
„Baroneßchen, blondes, liebliches, weshalb kommen Sie denn gar nicht mehr zu mir? Sie wissen doch, Kind, wie sehr ich mich freue, wenn Sie mich besuchen!“
Sie schob ihren Arm in den Irenes.
„Ich wollte schon zu Ihnen schicken, aber ich weiß, Ihre Mutter sieht Ihren Umgang mit mir nicht gern, da unterließ ich es lieber. Wollen Sie ’ne Karte fürs Opernhaus heute abend, ja? Hab’ gerade einen feinen Platz, denken Sie, vom Komponisten selbst, und es macht Ihnen vielleicht Vergnügen, einer gediegenen Erstaufführung beizuwohnen. Wissen Sie, Mädel, die neue Operette ,Blütenzauber‘ ist etwas wert, darüber sind wir vom Fach uns alle einig. Unser Opernhaus hat lange nicht mehr solche prima Musik gehört, wie sie dieser Herr —“, sie schnippte mit den Fingern, „ach, dieser unbekannte Dingsda — ich kann keine neuen Namen behalten — bringt. Beim Deiwel, der Mensch hat was los. Man könnte meinen, die ollen seligen österreichischen Vollblutmusiker hätten ihm ein Stück ihrer durch und durch musikalischen Seelen vermacht, so jauchzt und trillert und lebt und tanzt alles in der Operette. Gestern war Generalprobe, da ist unser Star, die Mila Wischer, dem Komponisten einfach um den Hals gefallen vor Entzücken. Also nehmen Sie die Karte, Kind, und spenden Sie recht fleißig Beifall, ich habe auch keine üble Rolle zu spielen.“
Bis jetzt war es Irene noch nicht gelungen, den geringsten Einwurf anzubringen. Aber sie wußte längst, wenn Frau Leipholz sprach, dann sprach sie eben, es war schon am besten, man wartete, bis sie selbst ein Pause machte. Dieser Augenblick schien gekommen.
„Ich danke Ihnen recht herzlich, Frau Leipholz, daß Sie an mich gedacht haben, ich bin nach Ihrem Lob ganz außerordentlich auf das neue Werk gespannt!“
„Das dürfen Sie auch“, nickte die Sängerin, schritt neben Irene her. „Das Interessanteste ist aber, Liebste, niemand hat vordem etwas von dem Komponisten gehört, man sagt, er wäre auch nie vordem mit einer Arbeit hervorgetreten, und nun steht da ein Fertiger. Und Schwung hat der Mensch, Rhythmus zuckt in jedem Takt. Außerdem ein feudal aussehender Herr, nicht mehr ganz jung, sieht aus wie ein früherer Gardeoffizier oder Großgrundbesitzer. Die Komponisten, die ich bisher kennenlernte, sahen alle anders aus.“ Sie drückte Irenes Arm fest an sich. „Kommen Sie rasch auf einen Sprung mit zu mir herauf, damit ich Ihnen die Eintrittskarte gebe.“
Irene lächelte zustimmend. Ach, wie freute sie sich auf den Abend. Die Mutter gönnte ihr sicher die Erholung, obwohl sie für die eigene Person, seit sie sich keine Logenplätze mehr zu kaufen vermochte, nichts mehr für Theater und Oper übrig hatte. Sie zog einen Roman aus der Leihbibliothek vor.
Nachdem Irene ihre Karte erhalten, eilte sie heim, doch machte sie an der nächsten Litfaßsäule halt. Jetzt wollte sie sich doch unterrichten, von wem diese neue Operette eigentlich war. Die zerstreute Frau Leipholz nannte den Komponisten einfach „Herrn Dingsda“, und das klang doch ziemlich unbestimmt.
Sie ging mit suchenden Augen um die Säule herum. Da war das Opernhausprogramm. Mit auffallend dick gedruckten Lettern sprang ihr der klangvolle Titel „Blütenzauber“ förmlich entgegen, und dann las sie den Namen des Komponisten und las ihn noch einmal, schüttelte verwirrt den Kopf, als könne es nicht stimmen, was da stand.
Ihre Lippen bewegten sich, mechanisch murmelte sie vor sich hin, was sie las: Text und Musik von Alfred Grote.
Dann ging sie weiter, dachte nur immer, wie seltsam das war, daß sie den Komponisten der neuen Operette, die so hervorragend sein sollte, kannte, daß es niemand anders war als der Neffe von Frau Klaußmann, der unangenehme Mensch, der ihr mit seinem mitleidigen Blick Zorn ins Blut gejagt.
Nun ward ihr der Sinn klar, weshalb er von sich gesagt, er sei so eine Art von fahrendem Musikanten.
Ob er wirklich so viel konnte, wie Frau Leipholz meinte, oder ob die lebhafte Dame nur so begeistert war, weil ihr selbst in der neuen Operette eine hübsche, beifallssichere Rolle zuteil geworden? Dergleichen fällt bei Bühnenkünstlern sehr ins Gewicht, und sie verwechseln ihre Rolle oft mit dem ganzen Werk.
Warum wünschte sie nur plötzlich, die Operette möchte nichts Besonderes sein? Was kümmerte es sie, ob Alfred Grote Erfolg oder keinen Erfolg hatte, sie mußte den Menschen von seiner Kunst scheiden. War ihr Alfred Grote unsympathisch, konnte er doch als Komponist sympathisch sein.
Zu Ungerechtigkeiten gegen den Künstler durfte sie sich nicht verleiten lassen.
Es war ein schöner Balkonplatz, den ihr Frau Leipholz gegeben, und Irene saß in fiebernder Erwartung, als berühre sie das Schicksal der neuen Operette persönlich. Sie sah Frau Klaußmann, in feierlichem Schwarzseidenen mit großen Brillanten in den Ohren und an den Fingern, neben irgendeiner ihrer Freundinnen im Parkett, doch nirgends entdeckte sie das scharfe Profil Alfred Grotes. Plötzlich wurde der Platz neben ihr besetzt, ein Herr in tadellosem Abendanzug machte ihr, ehe er sich niederließ, eine kleine Verbeugung, und zu ihrer grenzenlosen Verwunderung erkannte sie in ihm Alfred Grote selbst.
Welch ein Zufall führte ihn in diesem großen Haus ausgerechnet auf den Platz neben ihr? Sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg und ärgerte sich gleichzeitig darüber.
Er beachtete sie weiter nicht, schien vollständig mit seinen Gedanken beschäftigt; fast dünkte es Irene, ihre Nähe sei ihm nicht besonders angenehm.
Sie erinnerte sich, daß Frau Leipholz geäußert, die Platzkarte habe sie vom Komponisten selbst erhalten. Wahrscheinlich besaß er deren zwei, wovon er die eine der Künstlerin zu beliebiger Verwendung gegeben. Der Gedanke, daß gerade sie auf diese Weise seine Nachbarin werden würde, mochte ihm weltenfern gelegen haben.
Plötzlich wandte er sich zu ihr.
„Wissen Sie, daß ich der Komponist der heutigen Operette bin?“ fragte er leise.
Sie neigte ein wenig den Kopf.
„Ich weiß es seit heute vormittag, seit ich Ihren Namen auf dem Programm las.“
Er schien kaum zuzuhören, und Irene bemerkte ein leises Beben seiner Hand, die das Spielverzeichnis hielt.
„Ich bin natürlich etwas erregt, es geht um meine Zukunft“, sagte er leise, als spräche er mit sich selbst. „Hätte unten sitzen können in der Intendantenloge, aber da wäre ich krank geworden. Bin doch ganz durcheinander. Ungekannt, gewissermaßen fremd, will ich der Aufführung beiwohnen. Und deshalb entschuldigen Sie, wenn ich jetzt unsere Bekanntschaft vergesse und mich gar nicht weiter um Sie kümmere.“
Er machte eine leichte Drehung mit seinem Stuhl, fast sah es aus, als wandte er ihr ein wenig den Rücken.
Irene erwiderte keine Silbe. Viel unhöflicher konnte Alfred Grote nicht gut sein, es genügte ihr vollkommen.
Am liebsten wäre sie aufgesprungen, um den Platz nicht zu benützen, der, wenn auch ohne sein Wissen und ohne seinen Willen, doch eigentlich aus seinen Händen kam.
Aber in diesem Moment begann die Ouvertüre, ein jubelndes Vorspiel erklang, und Geigengesang mischte sich mit Flötentrillern zu einem eigenartigen, tanzähnlichen Gebilde, in das jäh und erschreckend unvermittelt ein plumper Dudelsack hineinquengelte. Wie der Tanz von Mondfee und Hirtenknabe über waldigem Plan klang es, den ein alter, bocksbärtiger Satyr stört. Schon hob sich der Vorhang, und unter Blütenbäumen wandelten selige Paare, sangen ein weich verträumtes Sehnsuchtslied.
Irene hatte allen Groll gegen den Mann neben sich vergessen, sie lauschte der süßen, weichen Musik, die fremdartig und doch betörend bekannt schien und sich in ihr Ohr schmeichelte. Nun hob sich aus dem Chor eine Frauenstimme, schwebte klar und in perlenden Läufen auf, füllte das große, weite Haus mit bestrickendem Wohlklang.
Das war ein Lied! Irene vermeinte noch nie zuvor so beseligende Klänge vernommen zu haben, in ihrem Herzen hängte sie sich fest, die bezaubernde Weise, und sie saß atemlos lauschend. Atemlos lauschend saßen mit ihr’ die vielen, die gekommen waren, um die neue Operette zu hören. Der Akt ging zu Ende, und donnernder Beifall wirbelte hoch, wie von einem starken Sturm emporgetrieben.
Fast in sich zusammengesunken, saß Alfred Grote auf seinem Platz, und niemand ahnte, wer der regungslos vor sich hinstarrende Mann war, niemand ahnte, daß es sein Name war, der jetzt, von lauten Stimmen gerufen, durch den Saal flog wie ein Ball, der ihn treffen sollte.
Der Intendant ärgerte sich. Künstler sind doch wirklich unberechenbar, fand er. Da blieb dieser neue Stern, obwohl er ihn genügend auf Beifall vorbereitet, einfach der Vorstellung fern, denn wenn er sich irgendwo hinter den Kulissen aufhielt, hätte ihn der Spielleiter längst vor die Rampe geschleift.
Irene flüsterte eindringlich: „Zeigen Sie sich doch dem Publikum, bedanken Sie sich für den Beifall!“
Ein finsterer Blick antwortete ihr.
„Bitte, lassen Sie mich, das alles geht nur mich an!“
Irene biß sich auf die Lippen. War sie denn eine zudringliche Bettlerin, daß dieser abscheuliche Mensch sie so behandelte? Ihre Wangen brannten, sie fühlte sich gedemütigt. Sie blickte geflissentlich an dem Mann vorbei, und keine Silbe kam aus ihrem Munde, als sich nach dem zweiten Akt die Rufe nach dem Autor noch verstärkten.
Während des dritten Aktes aber war er plötzlich von ihrer Seite verschwunden, und sie sah ihn dann am Schluß auf der Bühne stehen zwischen den Hauptdarstellern. Beifall umrauschte ihn wie ein brandendes Meer. Sein Gesicht lächelte glücklich, während er sich immer und immer wieder verneigte.
„Blütenzauber“ war ein unbestrittener Erfolg. Irene aber fuhr mit der elektrischen Bahn heim, saß zwischen anderen Opernhausbesuchern, hörte viel Lob und enthusiastische Reden und mußte denken, welch ein unliebenswürdiger, unfreundlicher Mensch doch im Grunde der so plötzlich berühmt gewordene Komponist sei. Denn berühmt war Alfred Grote geworden.
Das schrieben auch die Zeitungen am nächsten Tag.
Die Operette „Blütenzauber“ bewegte sich in alten und doch völlig neuen Bahnen, hieß es. Alfred Grote war ein Eigener, an dessen Wiege die gütige Frau Musika nicht mit ihren Gaben gespart hatte.
Gegen Mittag klingelte es. Irene war allein daheim, und als sie öffnete, stand Alfred Grote vor ihr.
Sie wich zurück wie vor einem Geist. Was wollte der Unhöfliche bei ihr? Kam er, sie zu beleidigen? Genügte es ihm noch nicht, sie nun bereits zweimal unhöflich behandelt zu haben?
Er zog den Hut. „Mein gnädiges Fräulein, darf ich vielleicht einen Augenblick nähertreten? Ich möchte Sie gerne sprechen, ehe ich abreise, ich schleppe mich nämlich mit dem Gefühl herum, Sie gekränkt zu haben, und möchte das wieder gutmachen.“
Irene lächelte bitter.
„Ich kann mich nicht erinnern, Herr Grote. Im übrigen ist meine Mutter nicht daheim, ich selbst bin sehr beschäftigt und bitte Sie deshalb —“
Er unterbrach sie:
„Das heißt mit anderen Worten, ich soll machen, daß ich fortkomme, nicht wahr?“ fragte er, belustigend lachend.
Sein Lachen ärgerte sie. Sie war doch kein toter Gegenstand, den man je nach Laune behandelt. Sehr kalt gab sie Antwort.
„Ich überlasse es Ihnen, meine Worte nach Ihrer Auffassung zu deuten.“
Sein Gesicht ward ernst.
„Versetzen Sie sich doch in meine gestrige Stimmung, versuchen Sie mir ein wenig nachzufühlen!“ Er machte eine abwehrende Handbewegung! „Aber was verlange ich eigentlich? Wie können Sie sich auch nur annähernd in meine Stimmung hineinversetzen? Sie wissen ja nicht, um was ich alles kämpfte mit meinem Werk, daß ich mit meinem vollen Erfolg viel Trotz und Verurteilung überrennen mußte, damit mein Vater an mich glaubt. Sie ahnen ja nicht, welche Kämpfe bis heute hinter mir liegen.“
Irene dachte an seine kühle, abweisende Behandlung vom Abend vorher und erstickte damit die warm aufquellende Teilnahme, die seine Wort in ihr geweckt.
„Es liegt für Sie wohl kaum ein Grund vor, Herr Grote, mich in Dinge einzuweihen, für die ich als Fremde nicht das richtige Verständnis haben dürfte.“
Sein Gesicht ward kühl.
„Verzeihung, Baronesse, es ist richtig von Ihnen, mich zur Ordnung zu rufen, und ich will Sie auch nicht weiter stören. Hatte nur das bedrückende Empfinden, Ihnen gestern Unrecht getan zu haben. Sollte ich mich irren, ist es ja gut, sollte ich Sie gekränkt haben, bitte ich um Vergebung. Im übrigen glaube ich, daß Ihr blaues Blut gar kein Verständnis für heißes Künstlerblut hat.“
Er verneigte sich, grüßte und wandte sich zum Gehen.
Leise drückte Irene die Korridortür ins Schloß, stürzte ans offene Fenster und blickte hinunter. Eben trat Alfred Grotes hohe Gestalt aus dem Hause, ging langsam die Straße hinunter. Irene verließ das Fenster, zog die Vorhänge fest zusammen, die Sonne blendete sie. Sie verschränkte die Arme über der Brust, und in ihr hallte es nach, daß ihr blaues Blut kein Verständnis für Künstlerblut hätte.
War es nicht zum Lachen, daß man ihr dergleichen sagte? Ihr, in der Musik pulste bis zu den Fingerspitzen, ihr, in der es sang und klang bei jedem Schritt? Die Melodien gestern, sie hörte sie noch jetzt klar und hell, und es war, als hätten sie sich in ihr Inneres eingefangen. Ach, diese hinreißenden, wiegenden, jauchzenden, lebensbejahenden Melodien singen zu dürfen!
In impulsiver Bewegung breitete sie weit die Arme aus.
Auch in ihren Adern war Künstlerblut, auch durch ihre Adern strömte es heiß, und die Kunst dünkte sie der selige Garten Eden, in dem zu leben sie sich verzehrte und der ihr doch verschlossen blieb, weil die Mutter ihr Sehnen und Wünschen nicht verstand. Von wem war ihr nur die Sehnsucht ins Blut gekommen? Von der Mutter nicht, aber der Vater, der in seiner Jugend einer der feschesten Reiteroffiziere Wiens gewesen war, mochte das Singen und Klingen gekannt haben, das ihrem Körper zuweilen federnde Leichtigkeit gab, ihm alle Erdenschwere nahm. Der Vater starb zu früh, die Mutter verließ Österreich, denn die veränderten Zeitverhältnisse nahmen ihr die alte Sicherheit, mit der sie bis dahin in ihren Kreisen gelebt, und ein Zufall verschlug sie nach der alten Mainstadt.
Anfangs lebte man hier ja noch etwas gesellig, auch die Gesangstunden, die ihr die Mutter bewilligt hatte, halfen Irene über manches Entbehren hinweg, jetzt aber wallte ihre Neigung, vor dem Publikum singen zu dürfen, zuweilen mit elementarer Kraft in ihr auf, glich einem schäumenden Wildbach, der sich nicht in seinem engen, vorgezeichneten Weg halten lassen will.
Was wußte denn Alfred Grote von ihr? Sie ließ sich ihr Denken und Fühlen nicht von der Stirne ablesen wie er, ließ andere nicht unter sogenannten „Künstlerlaunen“ leiden. Ein ungezogener, unerzogener Mensch war er, weiter nichts, und es war schade um jeden Gedanken, den sie noch an ihn verschwendete.
Sie nahm ein Staubtuch zur Hand, rieb die Möbel blank. Man konnte sich nur eine Aufwärterin halten, die täglich ein bis zwei Stunden kam und in der kurzen Zeit natürlich nicht alle Arbeit leisten konnte.
Alfred Grote hatte das Haus, darin die Baronin Felsen wohnte, in weniger guter Stimmung verlassen, als er es betreten. Eigentlich war es diese hochfahrende Baronesse gar nicht wert, daß er sich über sie ärgerte. Aber er kam nicht so rasch über die Sache weg. Eine verdammt hübsche Person war diese blaublütige Kunstgewerblerin, die ihn von oben herab wie einen dummen Jungen behandelt hatte. Mochte er anfangs auch der Schuldige sein, jetzt waren sie beide durch ihr Benehmen gründlich quitt. Natürlich, so ein Mädel saß eingeplustert in seinem Adelsdünkel wie ein Huhn in seinen Federn, da fehlte jede Brücke des Verständnisses, über die er zu dem Mädel hätte hinüberschreiten können.
Er lächelte. Es war auch unglaublich albern von ihm gewesen, diesen Besuch heute zu machen, schließlich war er doch nicht der Erstbeste. Die Blätter trugen seinen jungen Ruhm schon durchs Land, bald würde seine Operette in Berlin aufgeführt werden, und er wußte es mit Bestimmtheit, auch dort wartete der Erfolg auf ihn.
Er ging auf die Intendanz, machte noch ein paar Besuche und kehrte dann heim zu Frau Klaußmann.
Die gute Dicke strahlte.
„Alfredche, du glaubst nicht, wie ich mich freue, daß wir verwandt sind. Ich kann es gar nicht begreifen, daß ein Grote so etwas Herrliches wie deine Musik zuwege bringen konnte.“ Sie klopfte ihm liebevoll ein Stäubchen vom Rock. „Dein Vater ist doch nicht viel über seinen Schmiedehammer hinausgewachsen, aber daß du selbst jahrelang am Amboß gestanden, sieht dir sicherlich kein Mensch an.“
Alfred Grote lachte laut.
„Ist keine Schande, Tante. Schwer war es damals all die Jahre mit dem Vater, der durchaus nicht an mich glauben wollte. Acht Jahre lang mußte ich mir mein Musikstudium förmlich erkämpfen, aber dafür bin ich nun über und über belohnt, und mit Vater wird es jetzt ein leichtes Spiel werden. Der Erfolg gibt mir recht, und den Erfolg will ich mit meinen Schmiedehänden festhalten, das darfst du mir glauben! Sieh sie dir nur mal an! Die verstehen anzupacken.“
Frau Klaußmann nickte eifrig.
„Dir glaube ich alles, Alfred, für mich bist du ein Zauberer, ein Hexenmeister.“ Sie zog die Brauen hoch. „Daß ein Grote jemals ein berühmter Komponist werden könnte, das ist erstaunlich. Ich muß fortwährend darüber nachgrübeln.“
Am Nachmittag reiste Alfred Grote wieder ab, und sein junger Ruhm war ihm vorangeflogen. Die Vaterarme öffneten sich weit, ein rauhschaliger Mann auf der Mittagshöhe des Lebens, drückte ihn an die Brust, brummte: „Junge, du hast mich besiegt, hast besser gewußt, was das Rechte für dich war, als dein Alter.“
Auch in Berlin errang „Blütenzauber“ einen vollen Erfolg.
Und Irene von Felsen las die Notizen und las auch eines Tages eine längere Abhandlung, die sich mit dem Werdegang Alfred Grotes befaßte. Sie verzog die Lippen. Also ein Schmied war er gewesen, ehe er ein Musiker geworden, deshalb war seine Art, sich zu geben, so rauh und grobschlächtig.
Frau Klaußmann erzählte ihr stolz von dem Neffen.
„Sie glauben nicht, Baroneßchen, was der Junge ausgehalten hat daheim, ehe es so weit gekommen ist. Mein Bruder ist ein Vierschröter und meint, die beste Musik sei es noch alleweil, wenn der Schmiedehammer niederfällt aufs Eisen. Seine Frau ist eine Stille, wagt nicht allzuviel gegen den Derben, und mein Bruder mag den armen Kerl manches liebe Mal bös geduckt haben. Daß er dabei noch so ein Prachtmensch geworden ist, gereicht ihm selbst zum höchsten Lob. Das zeugt für seine Seelenstärke.“
Irene hörte nur gequält zu, wenn Frau Klaußmann auf ihr Lieblingsthema kam, sie mochte Alfred Grote nicht leiden. Sie kannte ihn kaum und empfand doch etwas wie Haß gegen ihn. Dreimal erst war sie mit ihm zusammengetroffen, und dreimal hatte sie sich über ihn ärgern müssen.
Wozu sich seiner erinnern! In ihrem Herzen aber wachten und lebten seine singenden Melodien, und die eine oder andere davon sang sie bei Frau Leipholz.
Die ältliche Sängerin nahm Irene einmal derb bei den Schultern.
„Dummes Mädel, Sie sind echtes, rechtes Theaterblut, und Ihre Frau Mutter kann es nicht verantworten, was sie an Ihnen sündigt.“
Da sickerten ein paar aus tiefstem Herzen kommende Tränen aus Irenes schönen Augen, und mit krampfhaftem Lächeln um den schmerzlich verzogenen Mund sagte sie:
„Ich habe ja keinen Mut, mich gegen die Mutter aufzulehnen, meine immer, wenn es der liebe Herrgott will, daß ich singen soll, hilft er mir schon. Inzwischen mache ich Teepuppen und Kaffeewärmer, male Eierbecher und schnitze Trödelkram. Wenn ich das nur nicht mehr brauchte!“
Es lag viel Ergebung in dem Tonfall der jungen Stimme.
Und dann eines Tages brauchte Irene den Trödelkram, wie sie ihre Kunstfertigkeit nannte, nicht mehr zu machen, aber das ergab sich auf andere Weise, als sie gewünscht und geahnt. Ihre Mutter starb nach kurzer Erkältung, und Irene stand mit ein paar tausend Mark und dem Rest einer einst hochvornehmen Möbelausstattung allein in der Welt.
Irene fand sich nicht zurecht. So lautlos und schattenhaft, wie ihre Mutter in den letzten Jahren gelebt, so lautlos und schattenhaft hatte sie sich fortgestohlen aus der Welt. Und doch mußte sie sich längst mit dem Gedanken an den Tod vertraut gemacht haben, denn es fand sich ein sorgfältig niedergeschriebener letzter Wille, in dem die Baronin Olga von Felsen den Mann einer Jugendfreundin, mit der sie ab und zu Briefe gewechselt, bat, Irenes Vormund zu werden. Das war Herr von Kuffstein, ansässig auf Maxburg in der Mark Brandenburg. Irene hatte noch nie etwas von ihm gehört.
Herr von Kuffstein nahm die Vormundschaft an, kam eines Tages angereist, ließ die Möbel verpacken und setzte den Tag der Abreise mit seinem Mündel schnellstens fest. Kaum, daß sich Irene noch von Frau Klaußmann und Frau Leipholz verabschieden konnte.
Frau Leipholz umarmte sie innig.
„Baroneßchen, blondes, süßes, lassen Sie sich Ihr Lerchenseelchen nicht von harten Junkerfäusten zerdrücken. Singen Sie, singen Sie, bis Sie sich die Welt ersungen haben! Sie sind jung und schön, und Ihre Stimme ist mehr wert als Gold und Geld. Sie sind für die Operette geboren, folgen Sie Ihrer Bestimmung! Die Maxburg liegt ja nicht weit von Berlin, dort können Sie den besten Unterricht haben, machen Sie das Ihren Pflegeeltern klar.“
Irene nickte, versprach alles und wußte doch, sie würde niemals den Mut haben, dem steifen, kühlen Herrn von Kuffstein von ihren Wünschen und Träumen zu reden. Der verstand sie sicher noch viel, viel weniger, als die Mutter sie verstanden.
Tief in schwarze Trauerschleier gehüllt, reiste sie mit Herrn von Kuffstein ab, fuhr durch einen Teil des Thüringer Landes, bis sich die Berge immer tiefer duckten und allmählich ganz verloren. Die Tannen und Kiefern der Mark begannen, strömten würzigen Hauch aus, aber auch jene leise Melancholie, die dem Flachland eigen. Ein Stündchen hinter Berlin, eingeklemmt zwischen Föhren und einem dunklen See, lag die Maxburg, deren Name nicht zu der ganzen Landschaft zu passen schien, obgleich der alte, breitflügelige Bau entschieden burgähnlichen Charakter trug. Aber Irenes Empfinden nach gehörte eine Burg auf eine Höhe.
Frau Littegarde von Kuffstein war eine schmale, vornehme Frau, die noch heute schön zu nennen gewesen wäre, wenn ihr Gesicht nicht einen gar so starren Ausdruck gehabt hätte. Bei Irenes Anblick ward ihr Antlitz wärmer, und in ihrer spröden Stimme schwang eine leise Zärtlichkeit, als sie die Tochter ihrer toten Jugendfreundin begrüßte.
III
Nun weilte Irene bereits seit Wochen im Heim ihres Vormundes, und die Natur begann schon ihr Herbstgewand zu rüsten, aber bisher hatte Irene noch nicht gewagt, auch nur mit einer Silbe von der Sehnsucht und dem Traum ihres Lebens zu sprechen. Herr von Kuffstein blieb immer gleich steif und förmlich, kein warmes Wort wollte in seiner Gegenwart laut werden, und Frau Littegarde schien immer in tiefe Gedanken eingesponnen. Wenn man mit ihr sprach, nistete sich allerdings ein verbindliches Lächeln um ihre Lippen ein, doch der abwesende Ausdruck in ihren grauen Augen verriet wenig Teilnahme.
Zuweilen kam Besuch aus der Nachbarschaft, aber es waren meist ältere Herrschaften, und Irene lebte in fast klösterlicher Stille und Einsamkeit dahin. Die ganze Natur um Maxburg herum betonte die Stille noch. Irene wollte es manchmal dünken, als wären ihr die Freuden vordem in der alten Mainstadt doch nicht so karg zugemessen gewesen, wie es ihr damals geschienen.
Herr von Kuffstein schrieb Tage und halbe Nächte an irgendeinem dickleibigen, genealogischen Werk, und Frau Littegarde legte sich die Karten, starrte dann mit verträumten Augen ins Weite, lächelte ihr abwesendes Lächeln. Die Dienstboten waren meist ältere Leute, im Dienst der Herrschaft ergraut. Alles war unwirklich und verblaßt in Maxburg, das warme, lebendige Leben wohnte nicht in den düsteren Mauern, die hohe, hallende Säle und endlose Zimmer umschlossen. Irene fürchtete sich manchmal in den weiten Räumen mit den alten Möbeln im Stile vergangener Zeiten, fürchtete sich vor den Ahnenbildern, und ihr war es, wenn sie zur Dämmerstunde durch die langen, sich endlos dehnenden Gänge schritt, als liefen Herren und Damen in verschollenen Trachten neben ihr her, verfolgten ihre Bewegungen mit starren, toten Augen.
Eines Tages nahm sie am Flügel Platz, ein paar weiche, suchende Akkorde kamen unter ihren Händen aus dem Instrument. Plötzlich stürzte Frau Littegarde erregt ins Zimmer.
„Um des Himmels willen, nicht spielen, Irene, niemals spielen, mein Mann verträgt keine Musik, sie kann ihn rasend machen, wir wollen froh sein, wenn er dich nicht gehört hat!“
Irene wollte daraufhin allerlei fragen, doch mit fast befehlender Handbewegung gebot ihr die Schloßfrau Schweigen.
„Der Onkel mag keine Musik, das muß dir genügen.“ Leiser hatte sie hinzugefügt: „Auch mich stört Musik, mein Kind!“
Ihre Augen blickten schon wieder abwesend, sie schien bereits vergessen zu haben, was sie gesprochen.
Aber Irene vergaß es nicht.
Nun durfte sie also auch nicht spielen, nicht singen.
Frau Leipholz’ Mahnung fiel ihr ein. Wie hatte sie doch gesagt in der Abschiedsstunde?
„Baroneßchen, blondes, süßes, lassen Sie sich Ihr Lerchenseelchen nicht von harten Junkerfäusten zerdrücken. Singen Sie, singen Sie, bis Sie sich die Welt ersungen haben!“
Komisch, wehtuend komisch wirkte die Mahnung in dieser Umgebung, in die sie der letzte Wille der Mutter verpflanzt. Junkerfäuste erdrückten ihr Lerchenseelchen allerdings nicht, ein paar Worte aus dem Munde Frau Littegarde Kuffsteins genügten dazu.
Und hier mußte sie noch mindestens zwei Jahre leben. Vor kurzem war sie neunzehn geworden, zwei Jahre stand sie noch unter Vormundschaft. So lange durfte sie kein Instrument berühren, so lange kein helles Jubelliedchen singen. Unmöglich dünkte es sie, ganz unmöglich. Und weshalb durfte sie nicht? Wen störte es, wenn sie in einem von den Wohnräumen des Ehepaares ziemlich entfernten Zimmer ein wenig Musik trieb? War das, was Frau von Kuffstein gesagt, vielleicht nur der Ausfluß einer momentanen schlechten Laune gewesen und dachte sie ein anderes Mal kaum noch daran, wußte möglicherweise gar nicht mehr, was sie gesagt? Zuzutrauen war es der Frau mit dem immer abwesenden Blick schon.
Nein, sie durfte sich nicht gleich von ihr ins Bockshorn jagen lassen.
Es lag doch für sie kein Grund vor, sich sofort dem merkwürdigen Verbot zu fügen. Musik gehörte zu ihr, und sie fieberte förmlich danach, wieder einmal Beethoven oder Haydn zu spielen oder sich zu einem schönen Lied zu begleiten.
Der Flügel war ein prachtvolles Instrument, hatte einen viel volleren, ausgiebigeren Ton als ihr Piano, das mit ihren anderen mütterlichen Möbeln im leeren rechten Seitenbau Platz gefunden. Irene hatte zwei Zimmer im ersten Stock zugewiesen erhalten. Beide waren bequem und hübsch mit alten, wertvollen Möbeln eingerichtet, und ein schmaler Balkon vor dem Fenster gehörte noch zu den ganz besonderen Vorzügen der Zimmer.
Es war ein selten warmer Herbsttag gewesen, und auch der Abend war lau und milde. Über dem Föhrenwäldchen lag noch ein glühender Wolkensaum, schien die Spitze der hochragenden Bäume zu berühren. Irene stand auf dem Balkon, und ihr Blick umfaßte die Gegend vor ihr.
Dunkel und schwermütig breitete sich links der See, schob sich rechts das Föhrenwäldchen heran wie ein Heer von Riesen, das gegen die Burg marschiert. Zum erstenmal, seit sie hier weilte, spürte Irene den stillen, ernsten Zauber der Mark, schwang in ihr eine Seite, die noch nie erklungen, seit sie vom Main hierher verschlagen worden. Eine Art Heimatgefühl, das sie bis jetzt noch nicht einen Augenblick hier empfunden, ergriff sie. Eine Art Heimatgefühl, durchtränkt von leiser Wehmut. Sie war ja heimatlos, war nirgends zu Hause, keinen Menschen gab es auf der weiten Welt, dem sie angehörte.
Ihre Jugend in Wien lag wie ein ferner, schöner Traum hinter ihr, dünkte sie unwirklich, und wie an Unwirkliches erinnerte sie sich an den immer fröhlichen Vater. Nun war auch die Mutter gestorben wie er, und es bedeutete ein großes Glück für sie, in der Maxburg Asyl gefunden zu haben. Ihr kleines Kapital blieb unangetastet, ihre Möbel brauchten nicht verkauft zu werden, und daß die Menschen, die sie aufgenommen, ihr keine Liebe gaben, damit mußte sie sich abfinden. Es schienen Menschen zu sein, die abseits am Leben vorbeigingen, Menschen, die so sehr mit sich selbst beschäftigt waren, daß für ihre Nebenmenschen nichts mehr übrig blieb. Aber die Stimmung des lauen Herbstabends, die tiefe, weiche Schwermut, die dieser Gegend eigen, langte nach ihr mit sanften, gütigen Händen, strich über ihr junges, noch von tausend Sehnsüchten erfülltes Herz. Ein Duft schwebte von Föhren und Wasser her, der beruhigend und stark zugleich war, und in Irene flüsterte es leise: Heimat!
Ganz in sich versunken, ließ sie den eigenartigen Reiz dieser Stunde auf sich wirken. Irgendwo klangen ferne Abendglocken, füllten den Frieden, der in der Natur herrschte, mit heiliger inbrünstiger Bedeutung.
Plötzlich sah sie vom Wald her eine in einen langen Mantel gehüllte Frauengestalt daherkommen. Soviel sie erkennen konnte, war es niemand von den Dienstboten. Sie wunderte sich, wer um diese Stunde noch nach Maxburg kam. Das nächste Dorf war mehr als dreißig Minuten entfernt, und es gehörte immerhin für ein weibliches Wesen Mut dazu, jetzt allein durch die einsame Landschaft zu gehen.
Die Frau blieb stehen, Irene sah es genau, ihre Gestalt verschwand dann hinter einer der ersten Föhren, nur ein schmaler, etwas dunkler Streifen bewies Irene, die Frau war noch da. Anscheinend wartete sie auf etwas.
Irene dachte, es wird die Liebste eines der Schloßangestellten sein, die ihren Schatz erwartet. Sie mußte lächeln. Da kam sie zufällig irgendeiner kleinen Liebesgeschichte auf die Spur, die noch dazu einen romantischen Anstrich hatte. Hätte sie nicht so gute Augen, würde sie die Frauensperson wohl überhaupt nicht bemerkt haben.
Irene vermutete, es würde nun jemand aus dem Hause kommen, zu der draußen Wartenden eilen. Doch niemand erschien, und es wurde dunkler und dunkler. Irene konnte nicht mehr unterscheiden, ob die Gestalt hinter dem Baum überhaupt noch da war.
Fast schien ihr alles eine Täuschung.
Vom See her strich ein kühler Hauch. Sie fröstelte, trat ins Zimmer zurück und schloß die Vorhänge.
Gleich darauf verbreitete das elektrische Licht weißlich ruhige Helle, und Irene vergaß, was ihr noch soeben romantisch erschienen. Sie setzte sich in einen alten, hochlehnigen Sessel, sann allerlei, und da sie sich müde fühlte, suchte sie bald ihr nebenan gelegenes Schlafzimmer auf. Es machte ihr jeden Abend aufs neue Vergnügen, das auf einer zweistufigen Erhöhung stehende wunderhübsch geschnitzte Bett zu besteigen, unter dessen schwerem, purpurdamastenem Himmel es sich so angenehm ruhte. Und wie immer schlief sie auch bald ein.
In ihren Traum aber schlich sich die Frauengestalt im dunklen Mantel, sie sah sie verschwinden hinter dem Föhrenstamm. Sie selbst stand auf dem Balkon, spähte angestrengt nach den von immer dichterer Dämmerung umwobenen Bäumen hinüber. Mit einem Male klang ein leises, wehes Weinen an ihr Ohr, kam aus der Richtung, wo die Fremde sich befand. Wie eintönig klagend das Weinen an ihr Ohr schlug, so trost- und hoffnungslos, schmerzlich und aufreizend und wehetuend, man hätte helfen mögen und trösten um jeden Preis.
Irene richtete sich jäh im Bett empor, lauschte, noch halb schlafbefangen, angestrengt und atemlos hinaus. Ganz starr war ihr Körper von gespanntem Lauschen. Und dann klopfte ihr Herz mit einem Male wie rasend. Das Weinen, das sie im Traum vernommen, war Wirklichkeit. Ein jammervoll trauriges Weinen drang an ihr Ohr durch die Stille der Nacht. Irgendwo im Schlosse weinte eine Frau.
Es klang nicht laut, aber es war Wirklichkeit.
Wer aber weinte so grenzenlos schmerzvoll in der Nacht, wer?
In diesem Stockwerk schliefen Littegarde und Herr von Kuffstein, aber deren Zimmer befanden sich ganz unten im Gang, wo er die Biegung nach dem linken Flügel machte, und wenn Frau Littegarde geweint hätte, würde man es hier kaum noch hören. Die Dienstboten schliefen fast alle im zweiten Stockwerk, bis auf ein paar, die im Erdgeschoß hausten, gewissermaßen Wachtposten versahen.
Immer noch hörte Irene das Weinen, aber es ward jetzt leiser und leiser.
Irene war seltsam zumute, ein Gefühl von Furcht lähmte ihr die Glieder, dennoch schüttelte sie das Gefühl ab. Irgendein Mitmensch war in Not, denn grundlos war solch wehes Weinen nicht, und da mußte sie sich überzeugen, ob sie Hilfe bringen könnte.
So erhob sie sich denn, warf einen Mantel über ihr langes Nachtgewand, schlüpfte in die Pantöffelchen und schloß, nachdem sie Licht gemacht, ihre Tür auf. Sehr leise tat sie es.
Nahe ihrer Tür befand sich ein Schalter der Flurbeleuchtung. Sie drehte ihn an, und das Licht von der Decke erhellte nun diesen Teil des Ganges.
Noch immer hörte Irene das Weinen, wenn auch nur noch sehr, sehr leise. Irene folgte der Richtung, woher es kam, und stand vor einer Tür still, die, soviel sie wußte, zu völlig unbewohnten Zimmern führte, zu Zimmern, die immer verschlossen gehalten wurden, wie die meisten hier im ersten Stock gelegenen Räume.
Ein leichter Schauer überrann Irene, denn ganz deutlich vernahm sie hinter der Tür noch ein letztes, krampfhaftes Aufschluchzen, hörte einen langen Seufzer, dem tiefe Stille folgte.
Irene legte das Ohr an die Türspalte, doch kein Laut, nicht das allerschwächste Geräusch verriet, daß jenseits des Holzes sich Leben regte.
Irene stand von Zweifeln befangen. Sollte und durfte sie an die Tür pochen, ihre Hilfe anbieten?
Wem Hilfe anbieten? Sie wußte ja gar nicht, wer die Weinende war.
Sollte sich Frau von Kuffstein in dem Zimmer befinden? Möglicherweise tat sie ihr gar keinen Gefallen, wenn sie sich meldete. Jemand, der heimlich in stiller Nacht weint, wähnt sich sicher unbelauscht, will ungehört und ungestört sein.
Noch schwankte Irene, was sie tun sollte, da vernahm sie ein entferntes Öffnen und Schließen einer Tür, nur matt und dennoch deutlich. Mit einem förmlichen Sprung war Irene wieder am Schalter und drehte das Licht blitzgeschwind aus. Der Knipser betätigte sich zum Glück geräuschlos, und Irene verschwand, mehr einer momentanen Eingebung als irgendeinem Nachdenken folgend, hinter einem schmalen, alten Schrank, der, etwas von der Wand abgerückt, gegenüber ihren Zimmern stand.
Kaum war sie verschwunden, kamen leichte tappende Schritte den Gang entlang, und Irene erkannte zu ihrer maßlosen Verwunderung Frau Littegarde von Kuffstein, die eine kleine Taschenlampe trug. Es mochte ungefähr ein Uhr sein, aber die Dame befand sich noch in derselben Kleidung, in der sie diesen Abend bei Tisch gesessen, und sie ging schnurstracks auf die Tür zu, hinter der Irene das Weinen vernommen.
Frau von Kuffstein war es also nicht, die geweint hatte.
Aber wer dann, um Himmels willen, wer war es dann?
Mit leichtem Knöchel, kaum vernehmbar, pochte Frau Littegarde an die Tür, die sich sofort wie von selbst öffnete. Gleich einem Spuk tauchte innen, hell beleuchtet von dem Scheinwerfer der Taschenlampe, ein todblasses, schönes Frauengesicht auf, von dichtem, schwerem Goldhaar umrahmt, zwei große und gramvolle Augen sah Irene, und dann war plötzlich alles verschlossen, totenstill und finster lag der Gang, und Irene eilte zurück in ihre Räume, riegelte sich ein, fürchtete sich plötzlich.
Wem gehörte das blasse, leidüberschattete, schöne Gesicht mit dem Goldhaar? Wer war sie, zu der Frau von Kuffstein mitten in der Nacht schlich, wer war sie, die in den unbewohnten Zimmern hauste?
Fröstelnd begab sich Irene wieder ins Bett, lag dann noch lange im Dunkeln wach. Draußen pfiff der Wind durch die hohen, alten Föhren, und es klang unendlich traurig. Aber das Weinen war verstummt.
Irene schlief mit dem Gedanken ein, es sei vielleicht gestern noch später, unerwarteter Besuch angelangt, als sie sich schon in ihr Zimmer begeben hatte. Beim Frühstück würde sie die fremde Dame kennenlernen.
Am andern Morgen lachte die Sonne durchs Fenster, gebärdete sich wie im Monat August, vergaß ihre Oktoberwürde. Irene erhob sich ein bißchen verschlafen und müde, das seltsame Erlebnis der Nacht hatte ihr nicht die rechte Ruhe gegönnt. Schnell wusch sie sich, kleidete sich an, und mit einem Gefühl von Neugier begab sie sich zum Frühstück hinunter ins Eßzimmer. Gleich nach ihr trat Herr von Kuffstein ein, kurz darauf seine Frau. Beide begrüßten die junge Hausgenossin wie allmorgendlich, und dann trug ein Mädchen Kaffee, Tee und Zubrot auf, ebenfalls wie immer, doch es erschien niemand weiter, und man erwartete auch niemanden, denn das Ehepaar begann zu essen, plauderte Gleichgültiges, und Irene begriff kaum noch, was sie in der Nacht gesehen und gehört. Gleich nach dem Frühstück eilte sie wieder nach oben, und als sie an der Tür vorbeikam, hinter der sie nächtens das Weinen vernommen, drückte sie auf die Klinke, doch die Tür öffnete sich nicht.
Eben erschien oben auf der Treppe die Wirtschafterin, Frau Daube. Sie hatte Irenes Bewegung gesehen und rief ihr freundlich zu: „Wollen Sie einmal da hineinsehen, gnädiges Fräulein? Es sind hübsche Möbel drinnen, es ist schade, daß niemand drin wohnt, in den Stuben.“
Niemand drin wohnt? Irene wußte es besser, aber es war doch merkwürdig, daß auch Frau Daube keine Ahnung hatte von der goldblonden, schönen Frau.
Irene lächelte gezwungen. „Ach ja, ich möchte die Zimmer gern einmal sehen, ich kenne sie noch nicht.“
Die Frau war inzwischen nähergekommen.
„Glaube ich Ihnen, gnädiges Fräulein. Frau von Kuffstein hält alle unbenützten Räume unter Verschluß, höchstens beim Großreinemachen darf man hinein.“ Sie nestelte an dem riesigen Schlüsselbund, den sie am Gürtel trug.
„Ich besitze sämtliche Schlüssel der Maxburg, wenn ich sie auch nicht alle stets und ständig bei mir trage.“
Sie steckte einen Schlüssel in die Schloßöffnung, und eine Sekunde später stand Irene in einem weiten Gemach mit dichtverschlossenen Läden, durch deren Spalten sich das goldene Sonnenlicht drängte.
Befremdet blickte sich Irene um. Alles war vornehm und kostbar eingerichtet, erlesene alte Intarsienmöbel verkörperten große Werte, aber nicht die kleinste Spur deutete daraufhin, daß hier jemand wohnte oder vor kurzem gewohnt hatte. Ohne ein Wort zu verlieren, ging Irene in das Nebengemach. Es war ein Schlafzimmer in Weiß und Hellblau gehalten.
Aber die Steppdecke breitete sich starr und gleichgültig glatt über das breite Bett, und nicht die geringste Unordnung ließ die Deutung zu, es hätte hier noch vor Stunden jemand gewohnt. Auf den Möbeln lag eine leichte Staubschicht, und die kleine Stutzuhr neben dem Bett schien seit langem zu stehen.
Irene wandte sich an Frau Daube.
„Schade um die entzückenden Zimmer, es muß sich wunderbar darin leben, sie sind noch viel, viel schöner als meine Zimmer.“
Frau Daube nickte lebhaft mit dem vollen, geröteten Gesicht.
„Wahre Fürstenzimmer sind es, aber Frau von Kuffstein duldet niemanden darin, seit —“
Sie schwieg plötzlich, als wäre sie im Begriff gewesen, ein Thema aufzurollen, mit dem sie sich nicht befassen durfte.
Irene sah sie fragend an.
„Ach, Herrschaften haben manches Mal komische Ideen, jedenfalls, Frau von Kuffstein läßt die Zimmer lieber unbewohnt, ehe sie gelegentlich einen Gast darin aufnimmt. Voriges Jahr besuchte uns die Frau Prinzessin Solms, aber die Zimmer gab unsere Gnädige nicht her. Doch nun möchte ich wieder abschließen, Frau von Kuffstein sieht es nicht gern, wenn man hier herumstöbert.“
Da mußte Irene die Räume verlassen. Leise fragte sie: „Und wer hat denn früher diese Zimmer bewohnt?“
Frau Daube rückte mit den Schultern.
„Seitdem ich in der Maxburg bin, niemand; wer vordem, das weiß ich nicht.“
Irene hatte das Gefühl, Frau Daube sagte ihr nicht die Wahrheit. Langsam folgte sie der Voranschreitenden und verließ mit einem letzten Blick die Räume.
Wer war sie, die wunderschöne, goldblonde Frau, die in der vergangenen Nacht in diesen Zimmern so herzzerreißend geweint und zu der sich lange nach Mitternacht Frau Littegarde geschlichen hatte? Welche Rätsel bargen diese beiden so reich ausgestatteten Zimmer, und weshalb hatte Frau Daube sich mitten im Satz unterbrochen, verschwieg Dinge, die sich ihr gewaltsam auf die Zunge gedrängt hatten?
Aber es war sicher zwecklos, irgendwie mit Fragen in die Wirtschafterin zu dringen, Frau Daube sah nicht aus wie eine, die Dinge ausplauderte, über die sie nicht sprechen mochte.
Und schließlich ging es sie selbst auch eigentlich gar nichts an, was es mit der blonden, weinenden Dame für eine Bewandtnis hatte. Sie als Fremde durfte sich nicht in interne Familienangelegenheiten mischen.
Aber die Erinnerung an die Nacht blieb wach in ihr, wollte nicht verblassen. Oft meinte Irene, das eigenartige, schöne Frauenantlitz wieder vor sich zu sehen und den bangen Ausdruck der herrlichen Augensterne, endlich aber fand sie sich damit ab, das nächtliche Erlebnis nur als Traum einzuschätzen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.