Kitabı oku: «Marietje singt»
Anny von Panhuys
Marietje singt
Roman
Saga
Marietje singt
© 1919 Anny von Panhuys
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711570418
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
I.
„Still, Marietje singt!“ Die Leute von Marken legten den Finger an die Lippen, sich damit gegenseitig zum Schweigen ermahnend, wenn die helle Mädchenstimme aufklang und klar und süss uralte Heimatslieder wach wurden.
„Still, Marietje singt!“ flüsterten sich schon die Kleinsten zu, wenn Marietjes Singen gleich perlendem Lerchengetriller aufstieg und über das kleine Eiland hinzog, vorbei an allen den einfachen Holzhäusern bis hinab zum Strande, wo die goldbraunen, von weissem Flockenschaum gekrönten Wellen der Zuidersee anschlugen mit gleichmässigem Rauschen.
„Still, Marietje singt!“ Heiko Barends dämpfte unwillkürlich seine plumpen Fischertritte, wenn er Sonnabends, vom Fischfang heimkehrend, an dem Hause der Witwe van Daalen vorüberging und aus einem der offenen Fenster ein Lied herauswehte, das wie bitteres Klagen und frohes Jauchzen war.
Heimlich spähte er dann wohl hinauf, ob sich nicht ein Mädchenkopf am Fenster zeigte, ob ihm nicht aus rosigem Gesicht Marietje van Daalens blaue Augen lachten. Er hatte sie ja so lieb, und sie musste das auch merken, die schlanke Marietje, ohne Worte, denn für vieles Sprechen war Heiko Barends ebensowenig wie die übrigen Bewohner der Insel Marken. Aber Heiko dachte, mit dem richtigen Verspruch könne man gut noch ein Jährlein warten, denn Marietje zählte erst knapp siebzehn.
Heiko schien es manchmal, als suche Marietje seine Gegenwart, und er freute sich darüber, und wenn er sich während der ganzen Woche mit seinem Boote draussen auf dem Fischfang befand, dachte er an Marietje van Daalen und meinte, über die ruhelose See ihre jauchzende Stimme zu hören, die zu singen vermochte wie keine andere auf Marken. Dann packte heimliche Sehnsucht den breitschulterigen Heiko Barends nach der blonden Marietje van Daalen.
Und eines Sonnabends, als Heiko wieder an dem Hause der Witwe van Daalen vorüberschritt, seinem eigenen Heim zu, klang Marietjes Singen heller, jubelnder denn je.
Aber Marietje van Daalen dachte just an diesem lauen Sommerabend, da ihr Gesang schöner erklang denn je, wenig an Heiko Barends, sie hatte viel zu viel damit zu tun, dem eleganten fremden Paar, das heute hier vorübergegangen und das ihr Gesang zu ihr heraufgelockt, alle Fragen zu beantworten.
Deutsche waren die beiden, aber die Frau sprach gut holländisch. —
Immer von neuem musste Marietje den zweien etwas vorsingen. Endlich aber wusste sie fast kein Liedchen mehr und meinte bescheiden, dass es nun wohl genug sein dürfte.
Die üppige, dunkelhaarige Dame, deren Finger ständig mit einer goldenen Lorgnette spielten, lächelte ihren neben ihr sitzenden dicken Vater an und sagte etwas auf deutsch zu ihm, dann drehte sie sich auf ihrem Stuhle herum, der rundlichen Witwe van Daalen zu.
„Hören Sie, liebe Frau, möchten Sie viel Geld verdienen?“
In den matten Augen der Witwe leuchtete ein kleines Gierfünkchen auf.
„O Mevrouw, ich besitze nichts an Wert. Vor sechs Monaten ist mein Mann in einer Sturmnacht draussen auf dem See ertrunken, und Geld können zwei arme Frauen wie wir, gut gebrauchen, nicht wahr, Marietje?“
Marietje nickte, und die beiden dicken, goldroten Korkzieherlocken, die sich aus der sauberen Haube hervorstahlen und ihr rechts und links vom Gesicht herniederhingen, pendelten hin und her.
„Nun also, gut.“ Die schwarzhaarige, beinahe auffallend gekleidete Dame lächelte behaglicher. „Ich denke, wir werden uns schon einigen.“ Und dann, ihrem Ton etwas Gewichtiges gebend, setzte sie hinzu: „Wissen Sie, wer ich bin?“
Die Witwe machte eine verneinende Bewegung. „Ich glaube, Sie wohnen seit ein paar Tagen im Gasthof am Strande, Mevrouw,“ erwiderte sie einfach.
„Ja.“ Die Dame richtete sich sehr gerade auf ihrem Stuhle auf. „Aber darum handelt es sich nicht,“ und langsam, mit scharfer Betonung fuhr sie fort: „Ich bin Gertrud Frenzau.“
Der dicke Graukopf neben ihr bestätigte mit schnalzenden Lippen laut: „Gertrud Frenzau.“
Es war, als kaue er die Silben vor lauter Wichtigkeit.
Die Witwe erwiderte nichts; der Name schien ihr keinen Eindruck zu machen, und ruhig blickten ihre matten Augen auf die Fremde, ruhig und abwartend, und Marietje stand neben der Mutter und schaute interessiert auf die glänzenden Ringe, die an den Händen der Fremden sassen.
„Ich bin Gertrud Frenzau,“ wiederholte die Frau, „und ich bin bekannt und berühmt in allen Ländern der Erde. Eine Sängerin bin ich und verdiene viel, viel Geld mit meiner Stimme.“
Die Witwe lachte dumm. „Mit Singen kann man kein Geld verdienen wie mit Fischfangen, nein.“
Die Dame tauschte einen raschen Blick mit dem Herrn, der deutlich ausdrückte: Wie kann man nur so weltfremd sein!
Dann lächelte sie: „Das verstehen Sie nicht, liebe Frau, weil Sie hier so abgeschieden von der Welt leben. Ich sage Ihnen, wer heutzutage eine schöne Stimme besitzt, kann Gold über Gold damit verdienen. Die Stimme Ihrer Tochter vermag Sie reich zu machen, liebe Frau.“
Die Witwe verzog nur den Mund ein wenig.
„Ich weiss, da drüben über der See ist das Leben anders wie bei uns; grosse Maschinen gibt es da, die alles schaffen, wozu wir unsere Hände brauchen, und merkwürdige Dinge gibt es dort, womit die Menschen Geld verdienen; aber dass man fürs Singen, womit man sich doch nur selbst vergnügt, noch Geld erhalten sollte — nein, das kann ich nicht glauben.“
„Liebe Frau, ich gebe Ihnen die Versicherung, es ist so. Ich verdiene damit Tausende von Gulden.“
„Ist das wahr?“
Das Gierfünkchen in den Augen der Witwe van Daalen leuchtete stärker denn vordem.
„Gewiss ist das wahr! Aber um so viel Geld zu verdienen, muss man auch eine Menge lernen. So singen, wie die Töne sich aus der Kehle herausdrängen wollen, das darf man nicht. Da muss geübt werden, fleissig geübt und studiert. Die Stimme bilden, nennt man das.“ Und Gertrud Frenzau begann lebhaft auf die Witwe einzureden.
„Sehen Sie, liebe Frau, deshalb bin ich ja heute zu Ihnen heraufgestiegen, ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen. Wie ich Ihnen vorhin bei meinem Kommen sagte, hörten wir Ihre Tochter ein paarmal singen und staunten über die herrliche Stimme. Es wäre schade, wenn diese Stimme hier in Marken bleiben sollte, ohne von der Welt gehört zu werden.“
Marietje hob den Kopf und sagte stolz: „Alle Markener haben Freude daran, wenn ich singe.“
Die Dame neigte nachsichtig den Kopf.
„Das glaube ich, Kind. Aber was ist die Freude der Insulaner im Vergleich zu der Freude, die Sie einer ganzen Welt bereiten können.“
Marietje begriff nicht und schwieg. Ihre Mutter aber fragte langsam: „Meinen Sie, Mevrouw, Marietje könne auch Tausende von Gulden im Jahr verdienen?“
Ihre breiten Arbeitshände rieben sich aneinander.
„Gewiss meine ich das, liebe Frau. Vielleicht auch noch mehr, wenn sie fleissig ist, Ihre Tochter, kann sie vielleicht schon im nächsten Herbst mit dem Geldverdienen beginnen.“
„Hast du’s gehört, Marietje?“ Die Witwe sah ihr Mädchen an. — „Ja, Mutter.“
„Um aber richtig singen zu lernen, müsste Ihre Tochter mit mir gehen, liebe Frau, müsste mich nach Berlin begleiten.“ Gertrud Frenzau liess ihre Lorgnette wieder in den Schoss sinken.
Sie wollte nicht weitersprechen, doch Marietje, sonst Fremden gegenüber schüchtern wie alle Markener Mädchen, ward plötzlich beredt.
„Fort von Marken soll ich?“ Sie schüttelte den Kopf, dass die Locken nur so flogen. „Hier fort, wo ich geboren bin, wo unser Häuschen steht, wo die Mutter wohnt, wo —“, sie brach jäh ab. „Wo Heiko Barends lebt,“ hatte sie sagen wollen, aber zur rechten Zeit fiel ihr noch ein, dass Heiko Barends diese Fremden nichts anging, ja, dass sie ihn nicht einmal kannten.
„O, sie hat sogar Temperament, die Kleine,“ warf Gertrud Frenzau ihrem Begleiter auf deutsch zu, und zur Witwe van Daalen gewandt: „Bei uns würde es Ihr Kind sehr gut haben.“
Die Witwe nickte: „Wenn’s nur nicht so weit wäre nach Berlin, ich weiss, das ist eine riesengrosse Stadt in Deutschland.“ Sie blickte sinnend vor sich hin und murmelte: „Aber wir sind arm, und Gold ist etwas sehr Schönes.“
„Wer auf Marken geboren ist, verlässt die Heimat nicht,“ sagte Marietje; aber ihre Augen hafteten wieder an den glänzenden Ringen der Dame, und ein leises Verlangen nach dem Schmuck beschlich ihre Brust.
„Kommen Sie nur erst einmal hinaus in die Welt, in die grosse Welt, dann werden Sie anders denken und sprechen,“ kam es überzeugend aus dem Munde der Dame. „Sie werden kaum Sehnsucht nach der Heimat verspüren. Auf Marken ist’s ja wie in einem verwunschenen Märchenreiche. Hier scheint die Zeit stillzustehen und es passiert niemals etwas Besonderes.“
Die Witwe zeigte ein wehleidiges Gesicht. „Vor sechs Monaten ertrank mein Mann.“
„Ich weiss.“ Die Dame wehrte ab. „Ich meine das auch ganz anders mit dem ‚passieren‘. Doch wir wollten ja von Ihrer Tochter sprechen. Also, liebe Frau, Sie handeln unverantwortlich, wenn Sie die wundervolle Stimme nicht der ganzen Welt schenken.“
Und dann begann Gertrud Frenzau den beiden eifrig Lauschenden redegewandt klarzumachen, was man von einer grossen Sängerin verlange und welche Aussichten Marietje winkten.
Als die dunkelhaarige Dame geendet, nickte die Witwe bedächtig. „Das klingt alles sehr schön und gut, aber ich möchte mir das, was Sie uns vorschlagen, noch ein paar Tage überlegen.“
In Marietjes Augen war bei der Erzählung Gertruds ein stilles Leuchten erglommen. Es musste schön sein in der Welt da drüben, jenseits der Zuidersee. Sie sah sich im Geiste schon auf so einer Bühne stehen, von der die Dame gesprochen, und ihr war’s, als schlüge schon jetzt tosender Beifall an ihr Ohr.
„Wenn sich alles so verhält, wie Sie eben sagten, Mevrouw,“ sprach sie laut, „dann möchte ich wohl mit Ihnen gehen.“
Ein traumseliges Lächeln spielte um den schönen, herbe geschnittenen Mädchenmund. Marietje dachte daran, wieviel Gutes sie zu tun vermochte mit dem Gelde, das sie mit ihrer Stimme drüben in der Welt, die jenseits der See lag, verdienen würde. Der Mutter Haus konnte sie auffrischen lassen, den gichtkranken Onkel Peter konnte sie unterstützen, und eine Menge Gulden blieben ihr noch übrig, wenn sie einmal heiratete.
Breitschulterig, ein junger, blonder Riese, trat die Gestalt Heiko Barends’ vor ihr geistiges Auge. Ein neues Schiff konnte Heiko gut gebrauchen — und ein paar feste, neue Netze. —
Marietjes Antlitz war wie von innen heraus durchsonnt. „Ja, ich möchte wohl Sängerin werden!“ sagte sie bestimmt.
Die Fremde lächelte: „Morgen reden wir mehr davon, doch heute, ehe wir gehen, singen Sie uns bitte noch ein kleines Lied.“
Marietje nickte. Sie trat einen Schritt zurück. Ihre Wimpern senkten sich und lagen wie breite Schatten unter den Lidern.
Eine alte holländische Weise hub Marietje van Daalen an zu singen, eine Weise, die der Vater sie gelehrt, als er sie vor Jahren ein paarmal mit hinausgenommen auf die See.
„Die See geht hoch, mein Schifflein schwankt,
Ich fahr’ voll Mut hinaus.
Ich fürcht mich nicht vor Regen und Wind,
Vor Sturm und Wogenbraus!“
Kräftig und voll klang der erste Vers; ein bisschen gedämpfter begann der zweite:
„Und hinter mir versinkt im Dunst
Die Inselheimat grau:
Gott schütze Marken, schütz’ mein Heim
Und schütz’ die liebste Frau.“
Und halblaut, wie in banger Ahnung eines herannahenden Unheils, schwebte es auf:
„Und kehrt mein Schiff nie mehr zum Land,
Zieht mich hinab die See.
Ade, o Marken, ade, o Heim,
Du liebste Frau, ade.“
Weich und verhallend erlosch der letzte Ton.
Die Witwe hatte die Hände vor das Gesicht gelegt, ein würgendes Schluchzen stieg ihr im Halse auf. Auch in den Augen Gertrud Frenzaus schimmerte es verdächtig, und der alte Herr sagte: „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein einfaches Lied so tief wirken kann.“
„Singen Sie den letzten Vers noch einmal,“ bat die Dame.
„Und kehrt mein Schiff nie mehr zum Land,
Zieht mich hinab die See,
Ade, o Marken, ade, o Heim,
Du liebste Frau, ade — — — — —“
klang es von neuem.
Zwei Markener mit schweren Holzschuhen gingen an dem Hause der Witwe van Daalen vorbei.
Sie blieben stehen, um zu lauschen. Und die beiden alten Fischer erschauerten vor der tiefen Innigkeit, die Marietjes süsse Stimme in die schlichten Worte legte:
„Ade, o Marken, ade, o Heim,
Du liebste Frau, ade.“
II.
Eine scharfe Brise strich von der See her.
Gertrud Frenzau stieg die wenigen Stufen des kleinen Gasthofs hinunter. Ihr grauer, offener Seidenmantel flatterte im Winde lustig hoch. Die Sängerin wandte sich lachend nach dem ihr bedächtig folgenden Herrn zurück.
„Der Wind ist heute ein ordentliches Rauhbein,“ rief sie, „und nicht ein bisschen galant gegen eine berühmte Frau, Papa.“
„Hast du deinen Schal umgetan, Trudeken?“
Der alte Herr machte ein ganz entsetztes Gesicht, als er bemerkte, dass Trudeken ihren Schal nicht umgetan.
„Du bist ein ganz leichtsinniges Ding,“ schalt er gutmütig ernst, „bei solchem Winde so hinauszulaufen.“
Er kehrte um und kam sogleich mit einem mattblauen Schal zurück, den er der Tochter um den Hals wandt. Er setzte dazu eine Miene auf wie ein Minister, der irgendeine wichtige Staatsaktion unterzeichnet.
Gertrud Frenzau liess sich mit leisem Lächeln diese väterliche Bevormundung gefallen; sie wusste ja, wie besorgt der Vater um ihre schöne Stimme war. Hatte er sich’s doch dereinst nicht träumen lassen, der kleine Kapellmeister, der sich im Osten Berlins jahrelang recht und schlecht durchgeschlagen, dass aus seinem Trudeken eine gefeierte Sängerin werden würde, die den Namen Frenzau mit Lorbeer umkränzen sollte.
„Wir wollen jetzt gleich zu der Frau van Daalen gehen, was, Papa?“ meinte Gertrud und schob ihren Arm unter den des Vaters.
Der Alte nickte. „Gotteken, wenn du dir’s nu mal partuh in den Kopf gesetzt hast, das Fischermädchen mit heimzunehmen, ich will dir das Vergnügen nicht verderben.“
Langsam wanderten die beiden den holperigen Weg entlang, der zu dem dunkelgeteerten Holzhause der Witwe führte.
„Weisst du, Papa, den ersten Unterricht gibst du ihr,“ schlug Gertrud vor.
Der alte Kapellmeister, der es nie über das Dirigentenpult eines Vorstadttheaters und einiger Arbeitervereine hinausgebracht, schmunzelte: „Meinst du, Trudeken? Ob das aber mit der holländischen Seejungfer, von deren Sprache ich kein Wort verstehe, gerade ein Genuss sein wird — —“
Gertrud lachte.
„Dann spiele ich Dolmetscher, das denke ich mir riesig amüsant. Es ist ja auch nur für den Anfang. Weisst du, Papa, nur für ein paar Wochen oder Monate, dann bringe ich die holländische Seejungfrau, wie du sie nennst, zu Frau Stessa Duschek, der ich mein Können verdanke.“
„Trudeken, das war nicht hübsch von dir, was du eben sagtest,“ klang es vorwurfsvoll.
Gertrud Frenzau drückte sanft den Arm des alten Herrn.
„Du hast recht, Papa, den Grundstein zu meinem Können verdanke ich dir.“
Der Alte machte wieder ein zufriedenes Gesicht.
„Wenn du’s nur einsiehst, Trudeken.“
Und von einem Gedanken erfasst, meinte er: „Ist’s aber nicht vielleicht ein Unrecht gegen das Mädchen, wenn wir es hier herausreissen aus seiner gewohnten Umgebung? Lass dir die Sache doch lieber noch einmal durch den Kopf gehen, Trudeken.“
„Was ist dabei zu überlegen, Papa, wenn die Geschichte aus dem einen oder anderen Grunde nicht klappt, nun gut, dann expedieren wir das grosse, blonde Fischermeisje wieder nach der Zuidersee zurück. Ich habe mir’s nun mal vorgenommen, der Welt in Marietje van Daalen eine Sängerin zu schenken. Ich will der Welt gewissermassen einen Ersatz für mich geben, denn du weisst, lieber Papa, Erich will durchaus nicht mehr mit dem Heiraten warten, und dann muss ich doch den Konzertsaal verlassen.“
„Trudeken, nimm mir’s nicht übel, aber wenn ich mich nun auch allmählich an den Gedanken gewöhnt habe, dass du als Baronin Hillenbach nicht mehr öffentlich auftrittst, verstehen kann ich das, offen gestanden, trotzdem nicht.“
Gertrud Frenzau zuckte die Achseln, und ihre vollen Lippen schürzten sich: „Erich wünscht doch nicht, dass seine Frau für Geld singt.“
„Aber das Geld, das sich seine Frau ersungen, das darf sie mit in die Ehe bringen.“
Der Ton des Alten war jetzt entschieden etwas streitsüchtig.
„Ach, lass doch, Papa,“ wehrte die Sängerin ab und ihre schwarzen Augen schlossen sich halb, „über diesen Punkt werden wir beide uns doch niemals einigen.“
Der alte Kapellmeister unterdrückte einen kleinen Seufzer und zog es vor zu schweigen.
Aber seine Gedanken vermochte er nicht so rasch von dem eben gehabten Gespräche loszureissen.
Zweiunddreissig Jahre war Gertrud geworden, ohne sich mit dem Gedanken an Verlobung und Heirat zu beschäftigen, und Korb über Korb hatte sie ausgeteilt, bis jetzt vor drei Monaten der Baron dahermarschiert kam und eins, zwei, drei, die Festung im Sturm nahm. Jetzt, wo Gertrud auf der Höhe ihres Ruhmes stand, wo man überall glücklich war, ihren Namen auf das Programm setzen zu dürfen, da wollte sie diesen Namen hergeben, um ihn mit dem einer Baronin Hillenbach zu vertauschen. Aber als Baronin Hillenbach sollte sie nicht mehr singen, der eingebildete Herr gestattete das nicht. Und dabei war der alte Kapellmeister fest überzeugt, Erich Hillenbach wusste genau, dass hinter Gertrud Frenzaus Namen fast ein ersungenes rundes Milliönchen hing. Ob seine Liebe ebenso gross wäre ohne dieses Milliönchen?
Der Alte bezweifelte es.
Nur eine Wintersaison hindurch wollte Gertrud noch singen, im Frühling sollte bereits die Hochzeit stattfinden. Wie lange hätte Gertrud mit ihrer prachtvollen, kräftigen Stimme noch Triumphe feiern können, wie lange noch!
Es war ja nicht allein des Geldverdienens wegen, o nein, aber Gertrud hing mit ganzer Seele an ihrem Künstlerberuf, das wusste Max Frenzau, und der überelegante Baron bot ihr als Ersatz dafür, dass sie den geliebten Beruf aufgab, nichts als seine Person. Ein trauriger Tausch, ging es dem einstigen Kapellmeister durch den Kopf, und die Furche über seiner Nasenwurzel vertiefte sich. Wie oft schon hatte er im Laufe der letzten Monate den Baron verwünscht.
Auch Gertrud Frenzaus Gedanken beschäftigten sich, während sie neben dem still gewordenen Vater herging, mit Erich Hillenbach — aber in völlig anderer Weise.
In zärtlicher Sehnsucht zog ihr Denken zu dem schlanken Manne, nach dem ihr Herz und ihre Sinne verlangten. Wie ruhig und kühl, ja berechnend war sie durch ihr Leben geschritten, ehe er ihr entgegentrat und sie mit seinem stolzen, unterjochenden Herrenlächeln unfrei machte. Aber eine glückselige Unfreie machte sein zwingendes Lächeln aus ihr.
Dass er ihrem Vater unsympathisch war, der rassige, vornehme Herrenmensch, schmerzte sie; aber um des Vaters willen den Geliebten aufzugeben, dazu hätte sie sich nicht entschliessen können.
Sie liebte ihn ja mit jeder Fiber ihres Seins, den schlanken Erich von Hillenbach. — —
Hinter einem niedrigen Haselgebüsch tauchte eine weisst Mütze auf, unter der zwei dicke rotgoldene Lockenspiralen wie goldene Quellchen hervorsprangen, ein blauer Rock bauschte sich im Winde.
„Ah, sieh da, Marietje!“
Gertrud Frenzau liess den Arm des Vaters los und streckte dem ihr befangen gegenüberstehenden Mädchen die schöne, gepflegte Hand entgegen.
„Guten Tag, Mevrouw.“
Marietje zeigte sich heute schüchterner als gestern in Gegenwart der Mutter. Ihre Finger strichen verlegen über den buntblumigen Brustlatz.
„Nun, Marietje, haben Sie es sich überlegt? Werden Sie mit uns nach Berlin kommen?“
Marietje hob die Wimpern, und ihre grossen blauen Augen sahen Gertrud Frenzau an.
„Ja, Mevrouw, die Mutter meint, weil wir arm sind, wäre es gut, wenn ich mit Ihnen ginge. Wenn ich dann ein paar tausend Gulden beisammen hätte, solle ich wiederkommen. Und die Mutter meint auch, es wäre gut, wenn der Herr Lehrer einmal mit den Herrschaften über alles spräche und sich genau aufschriebe, wo Mevrouw und Mynheer wohnten, damit man mir Mitteilung machen könne, wenn etwas Wichtiges vorfalle.“
Und während sie das sagte, dachte sie nur an Heiko Barends, an das neue Boot, das er brauchen konnte, und an die festen, neuen Netze, über die er sich selber freuen würde, wenn sie ihn nach der Hochzeit damit überraschte. —
Schon am Donnerstag wollten Vater und Tochter Marken verlassen; sie hatten ja bereits ihren Reisplan durcheinandergebracht, weil sie länger, als anfänglich beabsichtigt, auf der Insel geblieben waren.
Während der letzten Jahre pflegte Gertrud jeden Sommer einige Wochen in Scheveningen zuzubringen. Diesen Aufenthalt hatte die Sängerin auch immer benutzt, um holländischen Unterricht zu nehmen und sich durch fleissigen Gebrauch des Erlernten in der Sprache zu üben. Sie wusste, wie vorteilhaft es für eine Künstlerin, die überall herumkommt, war, sprachkundig zu sein.
Auf der Rückfahrt von Scheveningen nach Berlin hatte sie mit ihrem Vater den Abstecher nach Marken eingeschoben.
Eine helle Mädchenstimme war hier an ihr Ohr geschlagen, eine helle Mädchenstimme hatte sie beide zurückgehalten. Nun würde die helle Mädchenstimme mit ihnen Marken verlassen, weil Gertrud Frenzau, die berühmte Sängerin, wollte, dass die grosse Welt da draussen jenseits der goldbraunen Wasser sich an der herrlichen Mädchenstimme freuen sollte.
Die kleine Insel in der Zuidersee aber würde trauern und keine Lippe würde jetzt mehr flüstern:
„Still, Marietje singt!“
III.
Marietje war nicht zu bewegen gewesen, schon am Donnerstag mit der Sängerin und deren Vater von Marken abzureisen.
„Am Sonnabend erst kommt Heiko Barends heim,“ wiederholte sie auf jede Frage, „und ohne Abschied kann ich nicht von ihm gehen.“
Die Witwe erklärte dazu lächelnd, die beiden hätten sich gern, das wüsste jedes Kind auf Marken.
Als der alte Kapellmeister das hörte, versuchte er noch einmal, seine Tochter zu bestimmen, auf ihren Wunsch zu verzichten.
„Lass das Mädchen in seiner Heimat, lass sie bei ihrem Fischerburschen; so ein weltfremdes Ding gehört nicht in das verlogene Treiben unseres modernen Lebens. Hier wurzelt ihr Fühlen und Denken, reiss’ sie nicht heraus aus ihrem Erdreich.“
Gertrud lachte.
„Wie amüsant du bist, Papa. Sprichst gar nicht wie ein richtiger lustiger Berliner. Wenn Marietje erst mal in das Erdreich verpflanzt ist, in das sie ihrer Stimme wegen gehört, vergisst sie den Fischerburschen rasch genug.“
„Aber ob der Fischerbursche sie vergisst?“
„Aber, Papa, sei doch nicht so entsetzlich schwerfällig. Der Fischerbursche kann uns doch völlig gleich sein. Ich finde es nett genug von uns, unsere Abreise noch aufzuschieben, damit Marietje von ihm Abschied nehmen kann.“
Aber wenn auch der alte Mann seiner vergötterten Tochter nicht mehr laut widersprach, innerlich vermochte er sich jedoch nicht mit ihrem Vorhaben, die blonde Markenerin nach Berlin mitzunehmen, zu befreunden. Wenigstens jetzt nicht mehr, jetzt, da er wusste, dass es da einen jungen Fischerburschen gab, den Marietje lieb hatte. Hätte Gertrud nicht verstanden, die Habsucht der Witwe zu erwecken, wer weiss, ob Marietje sich jemals dazu bereit erklärt hätte, mitzukommen. Aber das „Vielgeldverdienen“ war der Köder gewesen, darauf die armen Weiber angebissen hatten.
Max Frenzau lächelte ein bisschen gerührt. Wenn aus dem Fischermädel erst einmal eine Dame geworden, die durch ihren Gesang imstande war, ein paar tausend Gulden zu verdienen, dann würde sie wahrscheinlich die Heimat einmal flüchtig besuchen, aber völlig dahin zurückkehren, um da zu leben wie vordem und vielleicht eine einfache Fischersfrau zu werden wie die Mutter und alle anderen ringsum — nein, dazu war die blonde Marietje dann wohl verdorben.
Schade um das hübsche Naturkind, dachte der Alte und beschloss, ein Auge darauf zu haben, dass Lüge und Heuchelei, die Marietje nicht kannte, sich nicht allzu dicht an sie heranwagten.
Gertrud Frenzau liess den Lehrer von Marken zu sich bitten.
Sie hielt den Wunsch der Witwe, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, für völlig gerechtfertigt und fand das heimliche Misstrauen, das hinter diesem Wunsche stand, ebenfalls begreiflich. Was wussten die weltabgeschiedenen Leute von Marken auch von ihrem Vater, dem einstigen kleinen unbekannten Kapellmeister, und von ihr, der berühmten Sängerin! Ihr Name war ihnen ein leerer Schall, der an ihrem Ohre vorüberschwebte, der ihnen nichts zu sagen hatte, gar nichts.
Und der Lehrer fand sich auf Gertrud Frenzaus Bitte in dem kleinen Gasthof am Strande ein. Er hatte schon mit der Witwe über alles gesprochen, das merkte Gertrud sofort, und wusste vollkommen, um was es sich handelte.
Er war auch ein Sohn des kleinen Inselreichs, und sein Wesen war bescheiden und zurückhaltend wie das der Markener. Er war ein noch junger Mensch, und seine breitschulterige Blondheit sass der weltgewandten schwarzäugigen Sängerin etwas befangen gegenüber. Aber trotzdem hatte er den Mut, seine Meinung zu äussern.
„Sehen Sie, Mevrouw,“ sagte er, „es ist etwas ganz Eigenes, dass ein Mädchen von Marken so weit fortgehen will. Das ist noch nicht dagewesen, und keiner der Markener wird Verstehen dafür finden. Offen heraus, Mevrouw, es liegt etwas Unnatürliches in solchem Tun, und es kann kein Segen daran hängen.“
In seinen blauen Augen, die vordem so versonnen dareinblickten, leuchtete es warm, heimatbegeistert auf.
„Wer auf Marken geboren ist, soll auf Marken bleiben, das ist ein altes, ungeschriebenes Gesetz, das mehr Gültigkeit besitzt als viele der geschriebenen Gesetze, die sich die Menschen da draussen gemacht haben.“
„Starre, ungeschriebene Gesetze sind dazu da, einmal von einem Mutigen gebrochen zu werden, einer muss doch den Anfang machen, sonst werden solche Gesetze zu Tyrannen, werden zu einem Zwang,“ widersprach die Sängerin.
„Ich denke anders darüber, Mevrouw.“ Der junge Lehrer ging jetzt mehr aus sich heraus. „Ohne solche ungeschriebenen Gesetze, die nur auf Äberlieferung beruhen und im Wesen und Charakter der Markener begründet sind, wäre die Bevölkerung der Insel wohl nicht mehr der alte, wetterfeste, seetüchtige Menschenschlag von einst, der sich durch Jahrhunderte rein und kraftvoll erhalten hat. Wie schwer und einförmig auch die Tage über Marken hinwegschweifen, Heimatluft lässt sie erträglich sein. Ewig ist unsere Inselheimat vom Meer bedroht, aber die unaufhörliche Angst um unseren, in den Augen der Fremden armseligen Besitz lässt sie uns teurer werden nach jedem Nordost, der unsere Deiche durchbrechen will. Mit trotzigem Fleiss verteidigt der Markener die Insel gegen das immer auf der Lauer liegende feindliche Meer. Immer müssen wir wach sein vor Gefahr. Die stete Gefahr hat uns schweigsam werden lassen, aber wenn wir es auch nicht so in Worte kleiden können, unser Herz, das hängt an der Heimat und hält daran fest. Und ich denke mir, eine richtige Markener Brust kann da draussen in der Fremde gar nicht atmen vor unsäglicher Sehnsucht nach unserer kleinen Insel. Ich habe das am eigenen Leibe erfahren, als ich ein paar Jahre in Amsterdam zubringen musste, wo ich lernte, um lehren zu dürfen. — Deshalb, Mevrouw,“ er schluckte ein paarmal, ehe er weitersprach, und der Ton ward schwerfälliger, „ist es besser, Marietje van Daalen bleibt hier, wo sie hingehört.“
Gertrud Frenzau errötete vor Ärger. Auf Widerstand von dieser Seite war sie nicht gefasst. Sie hatte gemeint, mit dem blonden tappigen Kerl würde sie rasch einig werden und unter ihren Glutblicken würde er kein Wort des Widerspruchs finden. Statt dessen hielt er ihr eine lange Rede von Heimatliebe und dergleichen.
„Sie haben mich vollkommen überzeugt, Herr Lehrer, das heisst, im allgemeinen überzeugt. Im besonderen ist’s aber doch etwas anderes. Marietje van Daalen besitzt eine herrliche Stimme, und es wäre sündhaft, wenn diese Stimme ungehört von aller Welt hier langsam alt und brüchig würde.“
„Wir freuen uns auf Marken alle, wenn Marietje singt,“ versetzte der Lehrer schlicht.
Gertrud lächelte. „Ach, Sie wollen mich nicht verstehen. Ich möchte, dass auch die grosse Welt den köstlichen Schatz kennenlernt, den Marietje van Daalen ihr eigen nennt.“
„Ich begreife das, Mevrouw,“ die Augen des Lehrers bekamen einen verlorenen, ins Weite schweifenden Blick, „aber Marietje passt nicht in die Welt, für die Sie sie fordern.“ Ein Lächeln huschte um seinen Mund: „Ich glaube, Mevrouw, der liebe Herrgott hat Marietje die schöne Stimme geschenkt, um seinen Markenern eine Freude zu bereiten, weil sie sonst so wenig Freude haben. Lassen Sie uns deshalb Marietje, Mevrouw, Marietje und ihre Mutter sind zwar fest entschlossen, weil sie die Aussicht auf das Geld blendet, aber ich denke, ich rede die beiden wieder zur Vernunft.“
Herrgott, war das ein halsstarriger Bursche! Gertrud ärgerte sich ernstlich.
„So kommen wir nicht weiter, Herr Lehrer,“ fing sie an, und ihre Hand fingerte nervös an der goldenen Lorgnette. „Ich bin mit Marietje und ihrer Mutter einig, es handelt sich ja nur noch darum, dass ich Ihnen einige Auskünfte über meinen Vater und mich erteile und Ihnen unsere Legitimationspapiere zeige, damit Sie wissen, dass Sie es mit anständigen Menschen zu tun haben — denn deshalb wünschte doch die Witwe van Daalen hauptsächlich, dass Sie sich mit mir besprechen,“ setzte sie mit leisem Lächeln hinzu.
„Jawohl, Mevrouw.“ Sehr kurz sagte es der Lehrer. Alle Redefreudigkeit schien wieder so plötzlich von ihm gewichen, wie sie gekommen.
Gertrud lächelte siegesgewiss. Also so musste man den Menschen behandeln. Sie erhob sich und holte ein Täschchen herbei, aus dem sie verschiedene Papiere nahm, die sie vor dem Lehrer ausbreitete.
Der betrachtete eingehend den Stempel des Passes, vertiefte sich darauf in einen Berliner Steuerzettel, den er wie eine seltene Kuriosität hin und her drehte, und meinte dann: „Soviel ich davon verstehe, stimmt wohl alles.“
Und mit wärmerem Klang in der Stimme: „Ich glaube ja auch nicht, dass Marietje bei Ihnen, in Ihrem Heim, irgend etwas Böses droht, aber ich bleibe dabei, wer auf Marken geboren ist, soll Marken nicht verlassen.“
Gertrud achtete gar nicht mehr darauf, was der blonde, breite Mensch sprach. Sie schrieb ihre Adresse auf und reichte sie dem Manne.
„Ich werde auch Marietjes Mutter eine Adresse dalassen,“ sagte sie, „für alle Fälle.“
„Marietjes Mutter kann nicht schreiben. Das verlernt sich wieder, wenn man nie Gelegenheit hat, die Finger zu üben.“
Der grosse Mensch erhob sich.
„Es genügt, wenn ich die Adresse besitze. Ich will sie mir zu Hause noch einmal in mein Merkbuch schreiben, damit ich sie nicht verliere.“
„Ich danke Ihnen, Herr Lehrer, dass Sie so gütig waren, zu kommen.“
Gertrud Frenzau neigte graziös den dunklen Kopf und zeigte ihr liebenswürdigstes Lächeln.
Unbeholfen verneigte sich der junge Recke, und während er sich zum Gehen wandte, sagte er treuherzig: „Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie recht viel Freude an Marietje erleben mögen.“ Jedoch vor der Tür murmelte er vor sich hin: „Es kann keinen Segen bringen, wenn eine von Marken in die Fremde geht und die Heimat verlässt um des Geldes willen.“
Als Heiko Barends an diesem Sonnabend in den Hafen eingefahren war, stand Marietje am Strande und wartete auf ihn.
Ganz selbstverständlich stand sie da, und ohne Worte wusste Heiko, Marietje hatte ihm etwas zu sagen. Als wäre es vorher so verabredet, schlugen sie einen Seitenpfad ein, der mit einem Umwege zu dem Hause der Witwe van Daalen führte.
„Ich möchte was reden mit dir,“ begann Marietje, nachdem sie sich hatte erzählen lassen, dass Heiko einen guten Fang gemacht.
Heiko nickte. Das hiess: Sprich nur.
„Ich will dir Lebewohl sagen, Heiko Barends, weil ich morgen mit der deutschen Herrschaft, die drunten am Strande wohnt, fortgehe.“
Der Fischer lachte leise. „Auf was für Witze du kommst, Marietje! Bist du so lustig gestimmt?“
„Es ist mein Ernst, Heiko,“ nickte sie. „Die Fremden haben mich singen hören, und die Dame sagt, mit solch einer Stimme, wie ich sie habe, könne man viel Geld verdienen. Tausende von Gulden.“
Heiko Barends spuckte kunstgerecht aus und schob den Tabak, den er kaute, in die andere Mundfeite. „Dummes Zeug, dafür bezahlt doch keiner was.“
„Doch, Heiko, doch!“ Marietje wiederholte, was Gertrud Frenzau darüber gesagt, und erzählte auch, dass der Herr Lehrer gemeint, es schienen sehr feine, reputierliche Leute zu sein, die Fremden, und er habe ihre Papiere gesehen und alles sei darin in Ordnung.“
„Wenn ich ein paar tausend Gulden beisammen habe, komme ich wieder,“ brachte sie ihr Sprüchlein an.
Der grosse Bursche zog ein verblüfftes Gesicht.
Ein paar tausend Gulden! Wie sicher Marietje die ihm riesenhaft dünkende Summe aussprach.
„Dass man für Singen so viel Geld bekommen soll!“ kopfschüttelte er wieder und wieder.
Leiser setzte er hinzu: „Es wäre aber trotzdem besser, die bliebest hier, Marietje, weil ich doch dachte“ — er warf einen halben Seitenblick auf das Mädchen — „nun, weil ich dachte, — weil ich meinte — —“ Er vollendete nicht.
Aber Marietje erglühte, als hätte ihr Heiko soeben eine feurige Liebeserklärung gemacht.
„Ja, Heiko, aber ich finde, auf ein paar Jahre kann’s doch nicht ankommen, ich bleibe doch nicht fort. Und wenn ich zurückkehre, bringe ich viel Geld mit und davon kannst du dir ein neues Boot kaufen und — — —“ Sie brach plötzlich ab, beinahe hätte sie auch von den neuen Netzen gesprochen, und die sollten doch eine Überraschung sein.
Heiko Barends rollte seinen Tabak von einem Mundwinkel in den anderen. „Das wäre fein!“ stiess er endlich hervor. Die Aussicht auf das später zu erwartende neue Boot erstickte alle Wenn und Aber.
„Der Herr Lehrer hat meine Adresse,“ Marietje lächelte, „und wenn du willst, kannst du mir öfters schreiben.“
„Ach, Marietje, allzu häufig wird daraus nichts werden.“ Und dann blieb Heiko stehen und zwang das Mädchen durch festen Druck auf den Arm, gleichfalls die Schritte anzuhalten.
„Aber eins möchte ich dir noch sagen, Marietje, ehe du gehst.“ Er sah ihr mit einem Blick voll unendlicher Liebe in die Augen. „Wenn einmal in der Fremde Sorge und Kummer an dich herantreten, und du dir nicht allein zu helfen weisst, dann schreibe mir, dann hole ich dich in die Heimat zurück.“
„Ja, Heiko, das verspreche ich dir,“ ernst und feierlich gelobte sie es.
„Dann will ich dir Lebewohl sagen, Marietje.“
Der Fischer streckte der vor ihm Stehenden die Rechte entgegen, und plötzlich legte sich ein heisser Männermund auf ihre kühlen, unberührten Lippen.
„Lebe wohl, meine Marietje.“ —
Heiko setzte sich in Trab, er wollte nicht weich werden, das Heulen war Weibersache.
Marietje erwachte wie aus wehmütig süssem Traume und fand sich allein. Gar zu schwer dünkte es ihr mit einem Male, Marken zu verlassen. Aber sie dachte an das neue Boot, an die neuen Netze — langsam schritt sie heimwärts.
IV.
Von Haus zu Haus verbreitete es sich wie ein Lauffeuer: Marietje geht weit fort, um mit ihrem Singen viel Geld zu verdienen! Und die meisten Leute von Marken wollten die Neuigkeit nicht glauben, weil sie die Neuigkeit nicht zu begreifen vermochten.
Sonntag nachmittag mit dem Havenstoomboot fährt Marietje fort, hiess es, und ganz Marken wanderte hinunter an den Strand, wo das Havenstoomboot lag, das Fremde von Amsterdam gebracht hatte, die die Insel besichtigen wollten und auf deren Rückkehr es wartete.
Und dann kam sie in Begleitung ihrer Mutter, und neben ihr ging eine vornehme, stolze Dame und ein alter Herr. Da wagte sich keiner mehr an sie heran, und sie standen alle unbeweglich. Die Männer mit der Pfeife im Mundwinkel, die Hände in den Taschen ihrer bauschigen Hosen vergraben und die Frauen steif und unfrei.
Marietje umarmte die Mutter und wandte sich dann, den Steg zu betreten, der zum Boote führte.
Im selben Augenblicke drängte sich Heiko Barends vor und Gertrud Frenzau, die hinter Marietje schritt, beiseite schiebend, ergriff er rasch des Mädchens Hand.
„Vergiss es nicht, Marietje! Wenn du mich einmal nötig haben solltest, dann rufe mich, ich hole dich heim, wo du auch bist!“
Noch ein schneller Blick, dann trat der junge Fischer zurück.
Gertrud Frenzaus Lippen zuckten spöttisch, aber der alte Kapellmeister meinte halblaut: „Er scheint sie sehr zu lieben.“
Die Sängerin lachte: „In ein paar Monaten macht sie sich lustig über ihn.“
Eben erschienen die Fremden, die das Schiff gebracht und die ihren Rundgang um die Insel beendet hatten, wieder unter der Führung des Stewards. Sie stiegen ein. Der schmale Steg, der den Dampfer mit dem Lande verband, ward von kräftigen Schifferhänden zurückgezogen, und mit langsamer Schwenkung begann das Boot hinauszufahren in die Zuidersee.
Marietje, in ihrer kleidsamen bunten Tracht, lehnte neben dem Gitter am hinteren Teil des Schiffes und blickte mit grossen Augen auf die Heimat, die sie verliess. Eine Angst befiel sie plötzlich und sie begriff nicht mehr, dass sie sich dazu hatte verstehen können, von der Heimat fortzugehen.
Ein paar Hände winkten und Marietje zog ein weisses Tüchlein hervor. Lustig wie ein kleines weisses Fähnlein wehte es hin und her.
„Ein Lied zum Abschied, Marietje!“ rief eine Stimme, und Marietje fing den Zuruf auf. Sie vergass völlig die vielen Fremden auf dem Dampfer, sie sah nur alle die lieben Bekannten, die so oft ihrem Gesange gelauscht.
Ohne zu zögern, begann sie das Lied, das sie als Kind vom Vater gelernt hatte, und hinüber zum Ufer zog es:
„Die See geht hoch, mein Schifflein schwankt,
Ich fahr’ voll Mut hinaus — — —“
Die Schiffspassagiere horchten beim ersten Ton dieser goldklaren Stimme auf, wechselten erstaunte Blicke, doch niemand sprach ein Wort.
Drüben am Ufer flüsterte es: „Still, Marietje singt!“
Und Marietje sang, und sie wusste es wohl selbst kaum, dass dabei Träne auf Träne langsam über ihre Wangen rann.
Gertrud Frenzau legte mit zärtlicher Bewegung ihren Arm um die Weinende. Sie fand, solche Stellung kleidete sie gut, und dann hatte sie auch vorhin beim Einsteigen zufällig aufgefangen, wie ein Herr zu seiner Begleiterin sagte: „Du, die interessante Dame da ist die berühmte Frenzau.“
Mit tränenverdunkeltem Blick schaute Marietje noch einmal zurück auf die mehr und mehr verschwindende Insel.
Nur noch ein paar Dächer der Holzhäuser waren zu sehen und drüben rechts im Vordergrunde Schiff an Schiff. Sonntäglich-feierlich streckten sie ihre Masten gegen den Himmel, ruhten im Hafen aus nach den schweren Arbeitstagen draussen auf der See.
Und in schneller, sicherer Fahrt glitt der Dampfer über das goldene Netzwerk, das die Sonne über dem Wasser spann, und da hinten, fern am Horizont, tauchte die Insel Marken unter wie ein dunkler Nebelstreif.
V.
Marietjes bisher weiteste Fahrt in die Welt war Monnikendam gewesen, das man bei klarem Wetter von Marken aus deutlich sehen konnte. Einige ihrer Bekannten fuhren zuweilen nach Amsterdam, Einkäufe zu besorgen, und die erzählten nach ihrer Heimkehr Wunderdinge von der grossen Stadt. Aber so mächtig, so verwirrend wie das Treiben der Hauptstadt Hollands sich nun ihren eigenen Augen bot, so hatte sich Marietje das nicht vorgestellt.
Anfangs richtete sie mutig einige Fragen an Gertrud Frenzau, was dies und jenes sei, doch allmählich verstummte sie, nur ihre Blicke wanderten ruhelos umher, um immer wieder Neues zu umfassen.
Man nahm in einem Hotel nahe dem Bahnhof Zimmer, in dem die Frenzaus schon mehrmals gewohnt hatten, wenn die Sängerin in Amsterdam, wo man sie sehr schätzte, ein Konzert gegeben.
Der Hotelbesitzer dienerte in eigener Person herbei, als er erfuhr, wer angekommen sei, und begrüsste die berühmte Künstlerin.
Ein wenig neugierig schauten seine Schlauaugen auf Marietje, die mit tief gesenkten Wimpern neben dem alten Kapellmeister stand, zu dem sie während der Fahrt von Marken hierher ein merkwürdiges Zutrauen gefasst hatte.
Er kannte nur ein paar holländische Worte, die er mühsam zum Satz zusammenformte, sie verstand keine Silbe Deutsch, und doch empfand Marietje instinktiv: Dieser alte Mann meint es gut mit dir, halte dich an ihn.
Gertrud Frenzau bemerkte die Neugier des Hotelbesitzers, der ein Deutscher war, und sagte, sich der deutschen Sprache bedienend, lächelnd:
„Die junge Insulanerin nehme ich mit nach Berlin, um eine Sängerin aus ihr zu machen, sie besitzt nämlich eine wundervolle Stimme.“
„Ah!“
„In diesem Kostüm kann ich sie natürlich nicht lassen, sonst erregen wir in Deutschland Aufsehen,“ meinte Gertrud, „deshalb will ich ein paar Tage in Amsterdam bleiben, um sie hier in moderne Kleidung zu stecken.“ —
Marietje hob kaum die Wimpern, während sie mit den anderen die Treppe hinaufstieg zu den Hotelzimmern, die gaffenden Augen der vorbeigehenden Fremden und Kellner peinigten sie.
Gertrud hatte für sie ein Gemach neben dem ihren genommen, und als sie nach einiger Zeit bei Marietje eintrat, fand sie das junge Mädchen noch in derselben Stellung, in der sie es verlassen hatte, am Fenster lehnend. Die ganze Haltung trug den Stempel wehmütigen Sichfügens.
„Aber, Marietje, wer wird Trübsal blasen!“ Die Sängerin liess ein perlendes Lachen hören. „Lustig müssen Sie sein, weil Sie eine so herrliche Stimme haben, die Sie sehr, sehr reich machen kann.“
Gertrud wusste genau, an welcher Stelle sie das Mädchen vorläufig anfassen musste. Marietjes Gesicht ward hell: „Sie haben recht, Mevrouw, es kommt mir nur alles so furchtbar fremd vor und das viele Neue erdrückt mich beinahe.“
„Morgen werden Sie noch mehr Neues erleben, aber Sie dürfen auch Freude daran haben.“ Gertrud machte, um die Spannung anzuregen, eine kleine, geheimnisvolle Pause, dann fuhr sie mit Betonung fort: „Denn morgen ziehen Sie Ihre Kleidung aus und solche Kleider an, wie ich sie trage.“
„Nein, Mevrouw.“ Fast ängstlich war die Abwehr.
„Warten Sie’s nur erst ab, Marietje,“ gab Gertrud Frenzau überlegen zurück, „wenn Sie die hübschen Sachen sehen werden, die ich Ihnen besorge, dann sagen Sie nicht mehr: Nein, Mevrouw.“
Und die Sängerin behielt recht. — — —
Am Montag vormittag fuhr Gertrud bei verschiedenen eleganten Geschäften vor und machte Bestellungen, die ihr ins Hotel gesandt werden mussten.
Fortwähernd klopfte es nun an ihre Zimmertür, und nebenan stand Marietje und sah verwundert in den Spiegel, ob sie denn das wirklich war, die ihr daraus entgegenguckte. — Feine Wäsche, das war das erste, was ihr Gertrud gebracht, und ein Korsett, in dem sie sich herzlich unbehaglich fühlte. Aber es machte ihr Spass, dass sie nun dadurch so dünn um die Hüften herum geworden wie die eleganten Damen, die auf Ausflügen Marken besuchten. Aber der seidene Unterrock, dessen Falten leise und geheimnisvoll rauschten, wenn sie sich bewegte, der war noch schöner als Korsett und Wäsche, noch schöner als die seidenen Strümpfe, die sie kaum anzuziehen gewagt hatte. Auch die halben Schnallenschuhe fand sie köstlich, trotzdem sie feststellte, dass man in Holzschuhen bequemer ginge.
Gertrud hatte auch einen Friseur bestellt. Der kam jetzt, und Marietje hielt geduldig still wie ein Lamm bei dem ungewohnten Vorgang.
„Die Farbe ist äusserst selten,“ erklärte er der zuschauenden Sängerin. „Viele Damen können das Fräulein darum beneiden.“
Gertrud entgegnete nichts auf diese Bemerkung, aber ohne es eigentlich zu wollen, ärgerte sie sich ein wenig über das Lob, das dem Haar Marietjes zuteil ward. Doch sie musste sich zugestehen, unberechtigt war dieses Lob nicht, und während sie das Tun des Mannes, der das Haar breitscheitelig aufstechte, ausmerksam verfolgte, fiel es ihr eigentlich zum ersten Male auf, wie schön und apart das Gesicht ihres Schützlings war in seinen geraden, nordisch herben Linien. Breitschulterig, blauäugig und goldlockig.
Wie ein dichtes Goldtuch legte sich das weiche Gespinst um die weisse Stirn, über der ein zartes Gekräusel spielte. Die Brennschere des Friseurs hatte es aus den glatten, auf Marken üblichen Stirnfransen gewandelt. Ein einfacher, dicker Knoten hielt das Haar im Nacken zusammen.
Der Friseur betrachtete sein Werk mit sichtlicher Befriedigung.
„Sie können morgen um dieselbe Zeit wiederkommen,“ damit verabschiedete Gertrud den Mann. Morgen sollte Marietje ein bisschen aufpassen, damit sie selbst lernte, ihr Haar modisch aufzustecken.
Inzwischen stellte sich der Bursche eines Modewarengeschäfts mit mehreren Kartons ein, mit ihm erschien zugleich eine Schneiderin, die von der Firma etwa notwendiger kleiner Änderungen wegen gesandt war.
Marietje stand unter den Händen, die ihr Röcke und Mäntel und Blusen anprobierten, wie eine Puppe. Sie drehte sich automatisch nach rechts, drehte sich nach links, hob dann die Arme, ganz wie es gewünscht wurde, und blickte dann nach Verlauf einer Stunde völlig verblüfft in den Spiegel.
Die schöne, grosse, elegante Dame darin, das war sie? Sie, Marietje van Daalen? — Der Gedanke sprang in ihr auf, was wohl Heiko Barends sagen möchte, wenn er sie so sehen könnte.
Sie musste plötzlich laut auflachen, und ihre gesunden, festen Zähne blitzten schneeig unter den Lippen hervor. Ganz starr würde Heiko sein vor Staunen und es kaum wagen, ihr die Hand zu reichen. Sie malte sich das aus und fand es überwältigend komisch.
„Weshalb lachen Sie denn so sehr, Marietje?“
Gertrud hätte es nicht für möglich gehalten, dass dieses scheue Mädchen so quellfrisch und lustig zu lachen vermochte.
Marietje zeigte noch immer ihre blendend weissen Zähne und erzählte, woran sie hatte denken müssen. Es war, als sei mit der modernen Kleidung auch ein anderer Geist über Marietje van Daalen gekommen. Sie sprach dreister, ohne die ängstliche Zurückhaltung von vordem.
Die Sängerin lächelte ein bisschen hochmütig beim Zuhören und meinte später zu ihrem Vater, mit dem sie, nach Marietjes Zurruhegehen, in dessen Zimmer noch plaudernd beisammen sass: „Wenn sie erst ordentlich warm in ihren neuen Gewändern geworden ist, vergisst sie den plumpen Fischer sicher.“
Aber der alte Kapellmeister schüttelte nachdenklich den grauen Kopf. „Das lässt sich wohl nicht mit Bestimmtheit voraussagen, aber etwas anderes um so sicherer.“ — Er sprach nicht weiter.
„Nun?“
Max Frenzau schlug ein paar Takte auf die Platte des vor ihm stehenden Tisches. „Dass Marietje unglücklich werden muss.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Weil Zwiespalt in ihr Leben gekommen ist.“ Er lehnte sich etwas in seinen Stuhl zurück und verschränkte bequem die Arme. „Sieh, Trudeken, ich redete dir ab, das Mädchen aus seinen gewohnten Verhältnissen herauszureissen, und ich sage dir jetzt noch: Wir wollen Marietje dorthin zurückbringen, von wo wir sie fortgenommen. Denn nun ich sie in den modischen Kleidern gesehen, wird es mir so recht klar, was wir getan haben und nicht hätten tun dürfen. Das Mädchen war in seiner Markener Tracht ein hübsches frisches Ding, unterschied sich aber nicht besonders von seinen Altersgenossinnen! Jetzt dagegen! Abgesehen von ihren, durch die ungewohnte Kleidung verursachten befangenen, ungeschickten Bewegungen, die sie bald ablegen wird, ist aus dem hübschen Mädel eine auffallend schöne Dame geworden, die mit ihrem Aussehen einfach nicht wie jede beliebige andere durchs Leben gehen kann. Sie wird viel Bewunderung finden, Trudeken, und weil sie innerlich ein so harmloses, gläubiges Menschenkind ist, wie es in unseren Tagen wohl nur wenige gibt, wird sie jede schmeichelnde Lüge für lautere Wahrheit halten, und wenn sie dann erkennt, dass sie Falsches für Echtes genommen, wird ihr Kummer nicht erspart bleiben.“
„Aber, liebster Papa, denke doch nicht gar zu weit. Ohne Kummer kommt schliesslich keiner von uns durchs Leben, und Marietje wird bald lernen, dass man nicht jedes Wort für bare Münze nehmen darf. Weisst du, lieber Papa, es kann keine Rede davon sein, Marietje zurückzubringen, denn ich gefalle mir nun mal in der Rolle einer Gönnerin.“
Der alte Kapellmeister liess das Thema fallen, Gertrud war doch nicht zu seiner Ansicht zu bekehren.
VI.
Als man das Hotel verliess, um nach Berlin abzureisen, ging Marietje schon sichereren Schrittes die Treppe hinunter, als sie sie vor ein paar Tagen hinaufgestiegen war.
Während der langen Fahrt gab es so viel Neues zu sehen, dass Marietje kaum merkte, wie die Zeit verging.
Spät in der Nacht lief der Amsterdamer D-Zug in Berlin ein. Marietje befand sich in einer riesengrossen Halle, irgendein Mann mit einem blanken Schild an der Mütze und in einer grünen Jacke nahm ihr das Ledertäschchen aus der Hand, das ihr Gertrud Frenzau in Amsterdam gekauft hatte, und als sie sich dagegen wehren wollte, lachte man. Dann stand sie plötzlich neben Gertrud Frenzau und deren Vater auf einem grossen Platze, auf dem viele Laternen brannten. Wagen mit und ohne Pferde standen dort, und dann schob sie der alte Herr in so einen Wagen hinein, und nach einer Fahrt, die ihr wie ein Fliegen dünkte, hielt das Gefährt vor einem grossen Hause.
Viel mehr wusste Marietje am anderen Morgen nicht mehr, als sie, erwachend, sich den Schlaf aus den Augen rieb und verwundert um sich sah, wo sie sich denn überhaupt befand.
Dann fiel ihr allmählich ein, bass sie nun wohl in Berlin sei.
Sie sprang mit raschem Entschlusse aus dem Bett, warf einen Unterrock über und trat an das Fenster, dessen Scheiden ein Spitzenvorhang deckte, über den sich grossblumige, bunte Satingardinen breitfarbig bauschten.
O welch schöne, elegante Häuser und die vielen, vielen Wagen und Menschen! — Es war hier in Berlin augenscheinlich noch lebhafter als in Amsterdam.
Es klopfte an die Tür.
Gertrud Frenzau in schleppendem Morgengewande und lose aufgestecktem Haar stand auf der Schwelle.
„Guten Morgen, Marietje.“
Die Sängerin reichte ihr die Hand. Sie befand sich in prachtvoller Stimmung und wie warm pulsierende mitteilsame Freude ging es von ihr aus. Sie trug eine grosse Rose am Spitzenausschnitt und ihre Finger liebkosten die Blume. Erich Hillenbach hatte als Willkommen in aller Frühe einen Korb köstlicher Rosen geschickt und durch einige beigefügte zärtliche Zellen seinen Besuch angemeldet.
Gertrud hatte ihn seit Wochen nicht gesehen, nun war sie glückselig, ihm bald wieder gegenüberzustehen.
„Machen Sie sich fertig, Marietje,“ sagte sie, „mein Bräutigam wird bald kommen, und ich möchte doch, dass er Sie gleich kennenlernt. In meinen Briefen habe ich ihm bereits von Ihnen geschrieben.“
„Ja, Mevrouw.“ Wie ein gehorsames Kind bejahte Marietje.
So gern sie es getan, hätte sie doch um keinen Preis gewagt, Gertrud Frenzau zu bitten, sich diesem fremden Manne, von dem sie eben zum ersten Male hörte, nicht zeigen zu müssen. Am liebsten hätte sie ein paar Tage lang überhaupt kein fremdes Gesicht mehr sehen mögen, bis sie sich erst ein bisschen eingewöhnt haben würde.
„Also ziehen Sie sich an, Marietje, ich will auch gehen, mich schön machen, sonst überrascht mich mein Liebster im Morgengewande. Den Morgenimbiss schicke ich Ihnen gleich, durch unser später Aufstehen nach der langen Reise von gestern konnte heute keine Frühstückszeit eingehalten werden.“
Sie ging singend hinaus, ihre helle Schleppe fegte in weicher Schlangenwindung hinter ihr her.
Sie freut sich, dass ihr Bräutigam kommt, dachte Marietje und überlegte sehr ernsthaft, ob sie sich wohl auch so freuen würde, wenn sie Heiko Barends erwartete. Und im Spitzenhemd und schimmernden Seidenrauschrock spazierte sie vor den Spiegelschrank.
Während sie sich betrachtete, fiel ihr ein, als Heikos Frau durfte sie solche Sachen nicht tragen, selbst wenn sie ein paar tausend Gulden mit in die Ehe brachte. — Da würde sich Heiko nicht an sie heranwagen, um sie zu küssen, und die Markener würden sie hochmütig schelten und eingebildet.
Ein dralles, sauberes Mädchen erschien mit einem Brett, auf dem Kaffee, Brötchen und Butter standen. „Guten Morgen, Fräulein.“ Sie deckte mit flinken Händen auf dem Tische auf.
Marietje murmelte einen befangenen holländischen Gruss.
Das Mädchen entfernte sich lächelnd und mit einem letzten neugierigen Blick.
Marietje liess es sich schmecken, an gesundem Appetit fehlte es ihr niemals, dann beeilte sie sich, so gut sie nur konnte, mit dem Anziehen. Sie zog den grauen leichten Rock wieder über, den sie gestern während der Reise unter dem Mantel getragen, und die dazu passende graue Seidenbluse mit dem kleinen herzförmigen Ausschnitt, den ein schmales Spitzchen abschloss.
Mit echt weiblicher Auffassungsgabe für dergleichen wusste sie mit all den verschiedenen Kleidungsstücken, die zu einer modernen Damentoilette gehören und deren Anwendung ihr noch vor kurzem völlig unbekannt gewesen, schon gut und sicher umzugehen.
Gross, schlank und blond stand sie inmitten des Zimmers, das ihr fortan als Wohnraum dienen sollte, und wartete darauf, geholt zu werden. Denn ohne direkte Aufforderung hätte sie ja nicht gewagt, das Zimmer zu verlassen.
Marietje wartete lange darauf, geholt zu werden, aber niemand kam. Draussen hörte sie klingeln, hörte Schritte gehen. Dann hörte sie nebenan sprechen. Gertrud Frenzaus Stimme und die Stimme eines Mannes.
Das mochte wohl der Bräutigam sein.
Marietje stand ganz mucksstill. Vielleicht vergass man sie vorläufig. Das wäre schon das beste, ging es ihr durch den Sinn. Marietje fürchtete sich vor den neugierigen Augen des fremden Mannes.
Nebenan wurde sehr lebhaft gesprochen und laut, doch da Marietje deutsch nicht verstand, ahnte sie nicht, dass man sich gerade über sie unterhielt.
Und dann klopfte Gertrud Frenzau an ihre Tür, und Marietje erschrak fast, so prachtvoll war sie gekleidet.
Ein rubinrotes Kleid, dessen fliessende Falten die üppige Gestalt der Sängerin aufs vorteilhafteste zur Geltung brachte, stand ihrem brünetten Gesicht ausgezeichnet. Ein rosiger Hauch drang sieghaft durch den elfenbeinfarbenen Puder, der ihr Gesicht überhauchte, und ihre Lippen brannten glühend.
„Kommen Sie, Marietje, mein Bräutigam möchte jetzt Ihre Bekanntschaft machen,“ und sie zog Marietje, die willig wie ein kleines Mädchen folgte, an der Hand hinter sich her in den Salon.
Ein Herr erhob sich aus einem der umherstehenden Sessel. Gross, überschlank, ein wenig nach vorn geneigt, stand er da und sah den beiden entgegen.
Das kleine Lächeln um seinen scharfen Mund wich.
Donnerwetter!
Er gab sich einen innerlichen Ruck. Was hatte sich denn seine zukünftige Gemahlin da ins Haus geschleppt? Das war ja, bei Gott, das war eine Schönheit ersten Ranges. Allerhand Achtung! Erich Hillenbach verstand etwas von schönen Frauen.
Eigentlich unüberlegt von Gertrud, sich ein so schönes Gegenstück zu schaffen. Sie war immerhin schon die Dreissigerin, die gleich auf der ganzen Linie geschlagen war, wenn die neben ihr stehende blonde Fischermaid nur die Lider hob. — Und wie matt erschien Gertruds pikantes überpudertes Gesicht gegen den milchweissen, pfirsichzarten Blondinenteint des grossen, prächtig gewachsenen Mädchens.
Erich Hillenbach schob der vor Schüchternheit gänzlich Befangenen lächelnd die Hand entgegen. „Goeden Morgen, Mejuffrouw!“
Marietjes Augen wurden gross vor Staunen, in heimatlichen Lauten begrüsst zu werden.
„Goeden Morgen, Mynheer,“ grüsste sie zurück, und ihre Schüchternheit begann schon etwas zurückzudämmern.
Gertrud, der das Erstaunen ihres Verlobten bei Marietjes Anblick nicht entgangen war, lachte.
Es klang scharf, dieses Lachen.
„Lassen Sie sich nicht von ihm täuschen, Marietje, sein ganzer holländischer Sprachschatz besteht in den Worten: „Goeden Morgen, Mejuffrouw!“
Sie lehnte sich zärtlich an ihren Verlobten.
Marietje stand wie eine Kleiderpuppe. Sie wusste nichts zu sagen. Am liebsten wäre sie wieder in ihr hübsches Zimmer zurückgekehrt, aber sie blieb in stocksteifer Haltung stehen und wusste nicht, was sie nun tun sollte.
Der kleine Kapellmeister erschien. Trippelnd, hastig. — Er begrüsste den Baron. Freundlich, aber mit etwas gequälter Freundlichkeit, die er sich Erich Hillenbach gegenüber wirklich immer erst abringen musste.
„Nun, gut geschlafen, in der neuen Heimat?“ radebrechte er in schrecklichstem Holländisch und holte sich Marietjes Rechte, die er mit festem Drucke umspannte.
Marietje verstand ihn aber doch. Sie nickte. Ihr junges, herbes Nordlandantlitz war wärmer geworden, seit der Alte ins Zimmer getreten war.
Wenn dieses kühle Geschöpf auftaut, muss es entzückend schön sein!, grübelte Erich Hillenbach, und während man sich setzte und ein Gespräch in Gang kam, in das Gertrud durch eine ab und zu verdolmetschte Frage auch Marietje hineinzuziehen suchte, beobachtete er die blonde Schönheit.
Der alte Frenzau meinte zu Gertrud, er wolle nachher einmal versuchen, Marietje zu einem ihrer Lieder zu begleiten und irgendeine heimliche passende Begleitung zu ihrem Gesang auf dem Flügel zu finden.
Gertrud erhob sich. „Wir wollen das gleich tun, Papa. Ich freue mich schon, Erich meine Entdeckung vorzuführen.“
Das Gönnertum war in der berühmten Sängerin wieder erwacht.
Mit ängstlichem Gesichtsausdruck folgte Marietje den Weisungen, die ihr Gertrud Frenzau gab. Sie stellte sich, wie diese es wünschte, neben dem Ebenholzflügel auf, der schräg ins Zimmer gerückt war, und mit Aufmerksamkeit beobachtete sie jede Bewegung des alten Kapellmeisters, der vor dem Instrument Platz nahm und ein paar tiefe Akkorde anschlug.
O, wie zaubervoll das klang! Ganz, ganz anders, als wenn der Lehrer auf Marken dünne Liedchen herunterhämmerte und dazwischen manchmal ein blecherner Ton aufgellte.
„Singen Sie das alte Fischerlied, das Sie sangen, als wir Marken verliessen,“ sagte Gertrud, „und lassen Sie sich nicht stören, wenn mein Vater dazu spielt.“
Die ersten Töne kamen gedrückt und matt aus Marietjes Kehle, dann aber vergass sie völlig, wo sie sich befand. Sie musste an den toten Vater denken, der sie dieses Lied gelehrt, und sah sich mit ihm auf seinem Boote draussen auf der Zuidersee. Langsam trieb das Boot mit dem Winde und über die Wellen hin schmetterte seine kräftige Stimme das Lied. Sie sang es mit dünner Kinderstimme nach, und der Wind zupfte ihr die Worte vom Munde und warf sie in die rauschenden Wasser, aber fest und stark trotzte das tiefe Männerorgan dem bösen Winde, liess sich von ihm nicht unterkriegen.
Deutlich meinte Marietje den Vater vor sich zu sehen.
Und der Tag stieg wieder vor ihr auf, da die Wellen den Vater antrieben und die Mutter an seiner Leiche zusammenbrach.
Marietje empfand, was sie sang.
Und der Alte am Flügel suchte weiche Akkorde zusammen, die sich wie hergewehtes Glockenläuten mit der hellen Mädchenstimme vereinten.
„Du liebste Frau ade.“
Wehmütig brach das letzte „Ade“ durch das Rauschen von Meereswogen, die des alten Musikers Hand aus den Tasten zauberte.
Mit leuchtenden Augen blickte Marietje auf den alten Mann, der ihr zunickte.
Lächelnd, zufrieden.
Der erste Versuch war glänzend gelungen, das Mädchen hatte sich durch sein Spiel nicht im geringsten beirren lassen, also war sie musikalisch.
VII.
„Das ist ja ein weiblicher Caruso,“ rief Erich Hillenbach, „solches Naturwunder muss man doch wirklich genau betrachten.“
„Nun, habe ich übertrieben, vorhin?“ fragte Gertrud und lehnte sich leicht an seinen Stuhl.
„Im Gegenteil, Liebste. Ich äusserte ja deshalb eben: ein weiblicher Caruso. Du hast wirklich in ihr eine famose Entdeckung gemacht,“ setzte er hinzu.
Sie lohnte ihm das Kompliment mit einem Glutblick und fing an, Pläne zu schmieden, wie das mit Marietjes Unterricht gehalten werden sollte.
„Erst nimmt sich der Papa ihrer an,“ erklärte sie dem Baron, „dann Steffa Duschek, die ich nächstens herbitten werde, um ihr meine Entdeckung gleichfalls vorzuführen.“ —
Der Baron blieb zu Tisch, und Marietje, die neben dem alten Frenzau ihm gegenübersass, fühlte die kühlen Grauaugen des schlanken, grossen Mannes gleichsam fragend auf ihrem Gesicht ruhen.
Sie wagte nicht mehr aufzuschauen.
Und er belustigte sich innerlich an den kleinen Verstössen, die sich das weltfremde schöne Geschöpf beim Essen zuschulden kommen liess. Im allgemeinen aber benahm sie sich ganz leidlich, stellte er fest.
Nun, die verfeinerte Kultur, die um Gertrud herum war, würde sie bald genug glätten, und ihr den Schliff der Dame geben. Und er dachte, dass diese Jugend und Unberührtheit doch sicher in jede ihr gestellte Falle laufen würde. Schade um dieses schöne Naturkind.
Immer wieder musste er heimlich Marietje van Daalen anschauen, während er dabei mit der verliebten Gertrud Frenzau plauderte. —
Wenn sie gar so verliebt tat, erinnerte er sich immer, dass ihm die berühmte Sängerin ihr Herz eigentlich beinahe zu leicht geschenkt hatte. Aber schliesslich, sie war kein unerfahrenes, junges Mädchen mehr, und das Zieren und Wehren hätte der gereiften Künstlerin schlecht angestanden. Und ihn hatte es geschmeichelt, dass die reizvolle, reiche und vielumworbene Gertrud Frenzau gerade ihn wählte, ihn, den kleinen Gutsherrn, dem der Vater einen völlig heruntergewirtschafteten Grundbesitz hinterlassen hatte, auf dem er sich nur mit äusserster Kraftanstrengung zu halten vermochte.
Gertrud kannte seine Verhältnisse, er hatte ihr gegenüber nicht mit der Wahrheit hinter dem Berge gehalten, und sie hatten wie zwei vernünftige, klardenkende Menschen über alles gesprochen, und Gertrud freute sich schon darauf, dass der geliebte Mann mit dem von ihr erworbenen Gelde den alten Familienbesitz der Hillenbachs wieder hochbringen und vergrössern würde.
Gleich nach des Vaters Tode hatte Erich Hillenbach dem Offizierstande Lebewohl sagen müssen. Er war Gardekürassier gewesen. Die paar Familienmitglieder, die ihm noch lebten, kümmerten sich wenig um ihn. Man fürchtete wohl, er könne einmal mit Ansprüchen kommen. Die Verlobung mit Gertrud hatte man vollkommen unbeachtet gelassen.
Sein Gut lag nur eine halbe Bahnstunde von Berlin entfernt, und er hielt sich oft in der Hauptstadt auf, wo er sich ein Zimmer gemietet hatte, das immer zu seiner Verfügung stand.
Erich Hillenbach war ein Jahr jünger als Gertrud, sah aber bedeutend jünger aus. Sein rasiertes, scharfes Gesicht hatte etwas von einem grossen harmlosen Jungen. Und das war er auch in vielen Dingen. Sein grösster Fehler war seine Spielleidenschaft, doch in letzter Zeit hatte er sich allem ferngehalten, das ihn fürchten liess, den Karten zu begegnen. Gertrud hatte eine schwere drängende Spielschuld für ihn bezahlt, und er gab ihr dafür das Versprechen, sich niemals wieder verlocken zu lassen.
Anfangs hatte er das Geld von Gertrud nicht annehmen wollen, aber endlich, als sie ihn bat, doch das Gut nicht in Gefahr zu bringen, gab er nach.
„Wir heiraten ja bald, und was mir gehört, das ist doch auch dein,“ sagte sie und war glücklich, bei dem Gedanken, dass der geliebte Mann durch sein ihr gegebenes Versprechen fortan gegen den Spielteufel gefeit sei.
Gertruds Konzertreisen begannen Ende September. Da man sich erst in den letzten Tagen des Juli befand, hatte sie also Zeit, sich viel mit Marietje zu beschäftigen. Sie nahm das sehr ernst und sass immer dabei, wenn ihr Vater Marietje unterrichtete.
Anfänglich liess er Marietje wahllos ihre Lieder singen, begleitete sie und freute sich, wie das schöne Zusammenklingen ihren Eifer anspornte, ihre Freude an der eigenen Jubelstimme verstärkte.
Dann begannen systematische Übungen, um den Ton zu festigen und alle Schwankungen daraus zu entfernen. Marietje lernte dabei die ersten deutschen Worte.
„Das Mädel ist musikalisch durch und durch,“ äusserte sich der alte Musiker erfreut zu seiner Tochter, und die Stunden mit Marietje wurden ihm zu Erholungsstunden. Fast feierlich ernst nahm er sein Lehramt.
Eines Tages erschien dann Frau Steffa Duschek.
Sie war vor einem halben Jahrhundert eine berühmte Operndiva gewesen, hatte früh ihre Stimme verloren, aber ihr Unterricht wurde hoch bezahlt, weil sie eine sogenannte „glänzende Methode“ besass. Weit aus dem Auslande suchten die Schülerinnen Frau Duschek auf, um dieser kostbaren Unterrichtsmethode teilhaftig zu werden. Doch Steffa Duschek war sehr wählerisch.
Frau Duschek nannte sich nach ihrem ersten Gatten, einem Böhmen. Ihre Wiege hatte gleichfalls in Böhmen gestanden, aber Steffa Duschek lebte und unterrichtete bereits seit dreissig Jahren in Berlin.
Man behauptete, sie sei mehrmals verheiratet gewesen und eigentlich hiesse sie, nach ihrem letzten Manne, Ebenschütz. Ein dunkles Gerücht flüsterte, dass der Herr Ebenschütz den medizinischen Doktortitel getragen habe und irgendwo verschollen sei. Die Künstlerlaunen der Gattin hätten ihn nach kurzer Ehe zum Hause hinausgetrieben.
Frau Steffa Duschek sass zierlich und überschlank in einem Sessel, den Gertrud noch mit einem seidenen Rückenkissen gepolstert. Das schmale, von grauen Löckchen umrahmte, schneeweiss gepuderte Faltengesicht, darin der Mund rotgeschminkt, sah sie mit leicht zusammengekniffenen Augen auf Marietje, die in abwartender Haltung neben dem Flügel lehnte.
Steffa Duschek gab Gertrud ein Zeichen mit der kleinen runzeligen Adernhand. Das bedeutete Anfangen!
Gertrud wechselte ein paar Worte mit dem Vater und Marietje. Und Marietje van Daalen sang ein kleines holländisches Volkslied. Einfach in ruhigen, klaren Bogen spann sich die Begleitung des alten Musikers um die tönende Stimme wie ein alter stilvoller Rahmen um ein Pastellbild mit zarten verblichenen Farben. —
Steffa Duschek sass da, als lauschte sie in sich hinein, als lausche sie irgendeinem fernen verlorenen Klange, der durch das Lied in ihr erweckt ward. Sie sass wirklichkeitsentrückt, und ihre braunen Augen hatten einen Blick, der wie durch Schleier kam. Matt und versunken.
Mit kurzem Dreiklang umschmeichelte der alte Musiker den letzten Gesangston.
Steffa Duschek sprach nicht. Sie sass immer noch unverändert.
Gertrud, der der grosse Respekt vor der einstigen Lehrerin noch im Blute lag, wagte keine Frage nach Gefallen oder Nichtgefallen, und ein paar Minuten lang war alles still.
Marietje wusste, weshalb sie heute vor dieser alten Dame hatte singen müssen, und sie fühlte unbewusst, dass diese lange Pause einem Urteilsspruch voranging.
Plötzlich sprang Frau Steffa Duschek auf.
Impulsiv, überhastig, dass sie beinahe über das herabgefallene Rückenkissen stolperte, stürzte sie auf Marietje zu, sie mit einem Schwall von Worten überströmend, die an dem verdutzten Mädchen niederrannen wie unzählige Bächlein.
„Du bist eine Gottesbegnadete, eine Auserwählte,“ sie dachte nicht daran, Marietje mit „Sie“ anzureden, das lag ihr völlig fern in diesem Augenblicke glühendsten Begeisterungstaumels. Sie zog Marietjes Kopf kräftig zu sich hernieder und küsste sie theatralisch auf beide Wangen.
„Mädel, du hast eine Engelsstimme,“ rief sie und rieb ihr gepudertes Gesicht heftig an Marietjes blauer Bluse. Weisse Flecken blieben zurück, aber dafür war Steffa Duscheks Antlitz gelber, ursprünglicher geworden.
„Du, Mädel, ich hätte nicht gedacht, dass es noch einmal auf der weiten Herrgottswelt so eine Stimme geben könnte, wie ich sie besessen.“ Sie richtete sich auf und ein Leuchten machte ihre Augen wieder jung.
Sie wandte sich Gertrud zu und dem alten Frenzau.
„Solche Stimme habe ich besessen, solch eine seligmachende Glücksstimme, und ich zwang die Menschen damit wie mit einem Zaubermittel. Ich sang ihnen die Herzen froh und die Herzen wund, bannte sie mit der allmächtigen Gewalt meiner Stimme, dass sie fühlen und empfinden mussten, wie ich es wollte.“ — Die kleine Gestalt schien zu wachsen. „O, der Macht meiner Stimme entging keiner!“ Mit einem Male fiel die gebrechliche Figur der Meisterin wieder ganz in sich zusammen. „Doch zu früh, viel zu früh verlor ich meine Macht, meine Stimme starb.“
Ein Unterton von heimlichem, bitterem Weinen schwang sich durch die letzten Worte.
Eine müde alte Frau ging Steffa Duschek mit kleinen Schritten zu ihrem Platz zurück.
Frau Steffa Duschek blickte lange auf Marietje, die rot und erschrocken versuchte, ein Wort zu verstehen. Sie begriff nur, dass das Gebaren der alten Frau ein grosses Lob für sie bedeutete, und freute sich dessen.
Sicherer wurde das Boot für Heiko Barends. —
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