Kitabı oku: «Raubvögel über dem Rauneckhof»

Yazı tipi:

Anny von Panhuys

Raubvögel über dem Rauneckhof

Frauenroman

Saga

Raubvögel über dem Rauneckhof

© 1953 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592274

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

Ilse Rauneck kniete am Bett des sterbenden Vaters.

Ein paar Schritte von ihr entfernt stand der Arzt Dr. Seydel.

Der Sterbende sah und hörte nichts mehr. Vor seinem geistigen Auge hatte sich wohl schon das Tor der Ewigkeit geöffnet, und himmlisches Licht aus den Gefilden der Seligen leuchtete ihm entgegen.

Ilse Rauneck aber konnte und wollte nicht glauben, daß der Vater von ihr gehen mußte, obwohl sie der Arzt schon seit Tagen darauf vorbereitet hatte.

Sie begriff nicht, daß der Vater, der noch vor einer Woche so vergnügt mit ihr ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, sie nun für immer verlassen sollte.

Und kein Wörtchen sprach er zu ihr, keine einzige der vielen Fragen vermochte er ihr mehr zu beantworten, die auf ihrem Herzen brannten.

Der Arzt beobachtete den tief in den Kissen liegenden Herrn des Rauneckhofes aufmerksam. Er wußte genau, nur noch Minuten würden die farblosen Hände über die Bettdecke streichen, nur noch Minuten würde das röchelnde Atmen hörbar sein.

Dr. Seydel dachte, ein guter, anständiger Mensch starb zu früh, viel zu früh. Seine einzige Tochter war eine etwas träumerische Natur, und die Verwaltung des Rauneckhofes eine große und verantwortliche Aufgabe.

Das Röcheln ward lauter, fast überlaut, hörte plötzlich schroff auf. In erhabener Starrheit lag das kräftig geschnittene Gesicht Herbert Raunecks auf dem weißen Linnen.

Ilse erhob sich, wie von einem starken Arm emporgerissen, und wandte sich dem nähertretenden Arzte zu.

„Doktor, lieber Doktor, ich bitte Sie —“

Vor Erregung brach ihr die Stimme und ihr Blick drängte sich durch einen dichten Tränenschleier.

Der Arzt sprach leise: „Ihr Vater ist verschieden, liebe Ilse, Gott gebe seiner Seele die ewige Ruhe.“

Er stand jetzt am Lager und drückte dem Toten die Augen zu.

Er betrachtete dabei das Antlitz des stillen Schläfers, und ihm war es, als läge auf der hohen, geraden Stirn und um den Mund eine letzte bange Sorge. Wahrscheinlich hatte sich, als seine Seele schon hinüberflog in das ferne Land über Wolken und Ätherhöhen, noch ein schmerzlicher Gedanke auf Erden festzuklammern versucht. Der Gedanke, seinem Kinde beistehen zu müssen, seiner über alles geliebten Tochter, die wohl reich war, aber noch so lebensunerfahren.

Ilse Rauneck sagte fast trotzig: „Doktor, lieber Doktor, es kann ja nicht möglich sein, daß Vater tot ist. Vielleicht schläft er nur? Ich meine wirklich, er schläft nur.“ Sie packte ihn am Ärmel. „Doktor, haben Sie doch Erbarmen mit mir.“

Sie neigte sich wie lauschend über den Toten, starrte in sein Gesicht, schrie dann plötzlich auf: „Kein Atemzug mehr, kein noch so schwacher Atemzug!“

Ihre Hände bedeckten die Augen und mit einsinkenden Knien kauerte sie sich vor dem Bett nieder.

Wahnwitzige Angst schüttelte sie mit einem Male. Angst vor dem Weiterleben.

Sie würde ja fortan so mutterseelenallein sein, denn sie besaß auf der weiten Herrgottserde keinen Menschen, der zu ihr gehörte.

Ein leises Wimmern, das zu ihm aufdrang, bewog den Arzt, sich niederzubeugen und Ilse Rauneck sanft die Rechte auf die Schulter zu legen.

„Liebste Ilse, fassen Sie sich. Es ist furchtbar traurig, daß Ihr Vater so früh hat sterben müssen, aber zeigen Sie sich jetzt als seine tüchtige und echte Nachfolgerin. Der Rauneckhof hat seinen Herrn verloren, jetzt sind Sie die Herrin, Pflicht und Arbeit warten auf Sie.“

Ilse Rauneck schüttelte den Kopf.

„Jetzt ist mir alles gleichgültig.“ Sie zuckte hoch, rief laut und gell: „Vater, bitte, wache doch auf, deine Ilse ruft dich!“ Sie bebte wie im Fieber und wiederholte noch lauter: „Vater, wache doch auf!“

Dr. Seydel nahm ihre Hände, legte sie zusammen.

„Beten Sie für die Seele Ihres Vaters, Ilse, aber mühen Sie sich nicht, ihn zurückzurufen. Und wenn Ihre Stimme so stark wäre wie Posaunenton, erreichte der Schall sein Ohr doch nicht mehr. Kommen Sie, bitte, ich führe Sie zu meiner Frau, die ich bat hierherzukommen, um Ihnen in Ihrem ersten herben Schmerz beizustehen.“

„Vater, du geliebter Vater, so höre mich doch!“

Herzzerreißend durchschnitt der Ruf die dumpfe Stille des Totenzimmers und flog hinaus über den breiten, niedrigen Gang, rief das Personal des Rauneckhofes zusammen.

Die alte Köchin Ulrike drückte den Zipfel ihrer blauen Küchenschürze vor die Augen, flüsterte dem Hausmädchen Martha zu: „Nun ist er wohl tot! Und er war doch ein so guter Herr. Warum hat er nur so früh weggemußt? Noch keine fünfzig Jahre ist er gewesen. Aber so eine richtige Lungenentzündung ist was Bitterböses. Gott bewahre uns davor!“ Sie schluchzte: „Und das arme Fräulein Ilse steht nun wie verloren in der Welt. Kaum zu glauben ist es, daß es Menschen ohne jede Verwandtschaft gibt. Ich kann meine gar nicht zählen.“

Dem Doktor, der Ilse schon vom ersten Tage ihres Lebens an kannte, war es gelungen, sie aus dem Sterbezimmer zu entfernen. Er führte sie, die sich wie eine Trunkene von ihm mitziehen ließ, durch mehrere Stuben in das Wohnzimmer.

Seine Frau erhob sich hier von einem Armstuhl. Seine Augen machten ihr ein Zeichen, dann ging er zurück zu dem Toten.

Hermine Seydel trat auf Ilse zu, ihre Arme umschlossen liebevoll die schlanke Gestalt.

„Armes Mädelchen, liebes Ilsekind, bitte, weinen Sie sich aus, das tut wohl.“ Sie preßte den schmalen Kopf mit dem weichwelligen Haar gegen ihre Brust. „Weinen Sie, Liebste. Tränen erleichtern nicht, wenn sie nur in den Augen glänzen. Fließen müssen die Tränen, damit sie das Herz befreien.“

Die weiche sanfte Stimme löste den starren Schmerz, der Ilse wie in einen Panzer hielt, und langsam rollten große Tränen über das schmale, blasse Gesicht.

Frau Hermine Seydel hielt das Mädchen fest umschlungen, flüsterte: „So ist es recht, so ist es gut!“

Immer lauter und verzweifelter wurde das Weinen, und die Frau, der das Scheitelhaar schon silbern über der Stirn lag, geleitete die Weinende zum Sofa, drückte sie darauf nieder, setzte sich neben sie.

Ganz still verhielt sie sich, ließ Ilse Rauneck weinen.

Herbstliches Dämmern drängte sich durch die breiten Fenster des Wohnzimmers und in den Ecken und um die alten Möbel herum, die schon mehreren Generationen treu gedient, ballten sich düstere, geheimnisvolle Schatten zusammen.

Eng aneinander geschmiegt saßen die alte Doktorsfrau und die junge Herrin des Rauneckhofes, und allmählich verklang das Weinen wie in müden Seufzern, die schmerzenden roten Lider schlossen sich über den grauen Augen Ilses und der junge Mund begehrte bitter auf: „Weshalb mußte Vater sterben? Es kommt mir so entsetzlich sinnlos und grausam vor.“

Hermine Seydel strich mit mütterlich beruhigender Bewegung über die im Schoß ruhenden Hände Ilses.

„Nichts, was der Schöpfer tut, ist sinnlos, Kind, nur unser an enge Grenzen gebundener Verstand vermag nicht zu erfassen, warum er dies oder jenes geschehen läßt. Aber seien Sie überzeugt, wir kommen immer am besten weg, wenn wir uns bei allem, was war nicht verstehen und was uns als schweres Schicksal trifft, damit trösten: Was Gott tut, das ist wohlgetan!“

Ilses Wimpern hoben sich.

„Mein Vater war der beste und gütigste Mensch, warum mußte er sterben, während so viele schlechte Menschen uralt werden? Erst habe ich die Mutter verloren und nun auch den Vater. Was tat ich, daß ich so allein bleiben muß? Ich habe doch niemand auf der weiten Herrgottserde, der auch nur ein bißchen zu mir gehört, der meines Blutes ist. Klingt das nicht grenzenlos traurig?“

„Gewiß, liebe Ilse, klingt das traurig und ist es auch. Aber Sie haben gute Freunde und Bekannte, man mag Sie überall gern. Und vor allem haben Sie das Glück, nicht hilflos dazustehen. Ihr Vater hinterläßt Ihnen den Rauneckhof und das bedeutet, Sie können sorgenfrei leben. Dafür müssen Sie ihm dankbar sein und daran denken, wie viele arme Mädchen stehen plötzlich nach dem Tod der Eltern den brutalen Alltagssorgen gegenüber, müssen, an ein gutes, bequemes Leben gewöhnt, mit einem Male den Kampf um das tägliche Brot aufnehmen und sind meist so herzlich schlecht darauf vorbereitet. Da bleibt dann oft kaum Zeit, Vater und Mutter zu beweinen.“

Ihre Stimme zitterte ein ganz klein wenig, weil Hermine Seydel eines weit zurückliegenden Tages gedachte, der ihr nach der Mutter auch den Vater genommen, und aus einer verzärtelten und verwöhnten jungen Dame ein ganz armes Mädel gemacht, das von einer verbitterten und launischen alten Verwandten in ein Arbeitsjoch eingespannt wurde, in das sie keinen Fremden zu zwängen gewagt.

Sie erhob sich, machte ein paar Schritte. Die Erinnerung hatte sie überfallen wie ein Alpdruck.

„Liebe Ilse“, begann sie nach einem Weilchen, „wollen Sie die Nacht im Doktorhause verbringen oder darf ich bei Ihnen bleiben, damit Sie nicht so allein sind?“

Ilses Tränen strömten schon wieder.

„Nein, nein“, zwängte sie hervor, „ich möchte keins von beiden. Bitte, halten Sie mich nicht für undankbar, aber am liebsten möchte ich mit meinem Vater allein sein. Ich will diese Nacht bei ihm wachen.“

Frau Hermine stand neben ihr, berührte leicht ihre Schulter.

„Nicht doch, Kind, das dürfen Sie nicht tun. So eine Nacht der Totenwacht ist endlos. Die Phantasie arbeitet dann mit den traurigsten Bildern, die sich in den langen Stunden zu Schrecknissen verdichten, und Sie sollten Ihre Nerven nicht noch gewaltsam aufreizen.“

Ilse machte eine fast heftige Bewegung der Abwehr.

„Liebe Frau Doktor, bitte raten Sie mir nicht ab, es hat doch keinen Zweck.“ Sie hob das tränenüberströmte Gesicht. „Weshalb soll ich aus dem Hause laufen und meinen Vater allein lassen, und weshalb soll jemand bei mir bleiben? Ich fürchte mich ja nicht. Habe mich mein ganzes Leben lang nicht vor dem Vater fürchten brauchen, da brauche ich es doch auch jetzt nicht tun. Vater und ich haben uns immer so lieb gehabt, Vater und ich haben uns immer so gut verstanden. Ich muß bei ihm bleiben, ich kann einfach nicht anders.“

Frau Hermine unterdrückte eine Antwort. Sie erkannte, es hatte wirklich keinen Zweck, weiter zu versuchen, Ilse Rauneck ihren Entschluß auszureden.

So sagte sie denn nur leise: „Sie wissen, mein Mann und ich stehen Ihnen gern in allem zur Verfügung.“

Ilse neigte ein wenig den Kopf.

„Ich weiß es und bin Ihnen herzlichst dankbar.“

Tiefer drückte sie sich danach in die Sofaecke, und ihr Weinen klang wieder auf, matt und eintönig, unaufhaltsam und gleichmäßig.

Frau Hermine trat an eines der Fenster, wollte die Läden schließen und Licht machen. Doch sie unterließ es, denn das Weinen verstummte plötzlich, ruhiges Atmen drang an ihr Ohr.

Sie schlich sich auf den Zehenspitzen zurück, und ein weiches Lächeln glitt über ihr volles, gutmütiges Gesicht, als sie erkannte, Ilse Rauneck war eingeschlafen.

Kein Wunder, dachte sie, denn das arme Ding hatte ja seit drei Tagen kein Auge geschlossen. Jetzt hatte sich Ilse in den Schlaf geweint.

Leise verließ Hermine Seydel das Zimmer, gab draußen Anordnung, daß jetzt niemand die Wohnstube betreten dürfe und ging dann ihrem Manne entgegen, der eben mit Inspektor Werdenberg den Gang entlang kam und sich mit ihm besprach, was zunächst zu tun war.

Ulrich Werdenberg war von hoher, breiter Gestalt und stand im Anfang der Dreißiger. Sein Haar war dunkelblond und seitlich glatt gescheitelt, sein vielleicht etwas derb geschnittenes Gesicht trug unverkennbar den Ausdruck ehrlichen Schmerzes.

Frau Hermine gesellte sich zu den beiden Herren.

Sie erzählte, was Ilse beabsichtigt und daß sie jetzt, völlig übermüdet, mit einem Male eingeschlafen sei.

„Ich wünschte, sie schliefe bis zum Morgen durch“, sagte Dr. Seydel und rückte an seiner goldenen Brille. „Sie hat sich am Krankenbett völlig aufgerieben. Hoffentlich wacht sie nicht noch vorher auf und führt ihren Vorsatz, die Nacht bei dem Toten zuzubringen, aus.“

Ulrich Werdenberg wiederholte das Wort „hoffentlich“, setzte hinzu: „Den Dienst, bei ihm Wache zu halten, werde ich meinem Herrn leisten. Als junges Kerlchen von dreiundzwanzig Jahren bin ich zu ihm nach Rauneck gekommen, zehn Jahre bin ich nun schon hier und mir ist‘s, als sei mir ein älterer Herzensfreund gestorben. Denn nicht anders behandelte mich Herbert Rauneck.“

Man zog sich gemeinsam in eines der Zimmer im Parterre zurück und später schlich sich Hermine Seydel wieder zu Ilse, fand sie immer noch schlafend.

Wie gut das war. Sie wagte keine Lampe einzuschalten, ließ sich an dem Licht genügen, das durch die Fenster eindrang.

Im Hof stand eine Laterne mit zwei Armen, sie sandte einen Ausläufer ihrer Helle in das Wohnzimmer.

Gern hätte Hermine Seydel die Schlafende bequemer gebettet, ihr wenigstens ein weiches Kissen unter den Kopf geschoben, aber sie fürchtete, sie dadurch zu wecken.

Sie selbst nahm im Armstuhl Platz und sann vor sich hin.

Zwei Stunden später schlief Ilse Rauneck noch immer und die Doktorsfrau schlüpfte abermals hinaus, ließ sich in der Küche eine Kleinigkeit zu essen geben und machte es sich dann wieder im Armstuhl bequem.

Ihr Mann hatte fort gemußt zu einem Schwerkranken.

Und so saß sie lange. Von Zeit zu Zeit nickte sie ein wenig ein und freute sich, wenn sie, sich ermunternd, Ilses ruhige Atemzüge vernahm.

Schließlich aber ward ihr eigener Schlaf immer fester, und so hörte sie denn nicht, wie Ilse sich leise erhob und sich in dem von der Hoflaterne matt erleuchteten Zimmer zur Tür tappte.

Die Hoflaterne sollte heute die ganze Nacht brennen, und draußen der niedrige Gang war ebenfalls erhellt.

Aber kein Mensch war hier zu sehen.

Eben begann die alte Kastenuhr am Fuß der Treppe zum Schlage auszuholen. Sie vollführte dabei immer ein rasselndes, schnaufendes Geräusch. Sie war vor Altersschwäche längst kurzatmig geworden.

Ilse verhielt den Schritt und zählte die Schläge. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es sein mochte.

Zwölfmal klang die alte Glocke auf mit tiefem, heiserem Laut.

Ilse Rauneck strich sich über die Stirn. Also hatte sie fast sechs Stunden geschlafen!

Sie schämte sich. Wie hatte sie nur jetzt schlafen können nach dem furchtbaren Leid.

Sie stieg die Treppe hinauf, drückte die Klinke zum Schlafzimmer ihres Vaters nieder und prallte erschrocken zurück, denn da lag ja der Vater schon aufgebahrt im schwarzen Anzug, und um sein Lager schlang sich eine Girlande von bunten Astern. Wachskerzen standen zu seinen Häupten und zu seinen Füßen, und ihr Flackern gab dem Antlitz des regungslos Ruhenden einen warmen Hauch, nahm ihm die Starrheit des Todes.

Benommen von diesem völlig unerwarteten Anblick verharrte Ilse minutenlang auf der Schwelle, ehe sie langsam näher trat.

Sie bemerkte nicht seitab den Mann, der sich bei ihrem Eintritt von einem der Stühle erhoben hatte und nun keinen Laut von sich zu geben wagte, weil er fürchtete, die ganz in Schauen Versunkene zu erschrecken.

Langsam, fast gleitend, war sie bis dicht an den Toten herangekommen und blickte wie gebannt in das geliebte Vatergesicht, auf dem ein fremder, erhabener Ausdruck lag, den Ilse noch niemals auf dem Antlitz eines Lebenden gesehen.

Lange stand Ilse Rauneck so und Ulrich Werdenberg wagte kaum zu atmen, um die rührende, stumme Zwiesprache nicht zu stören zwischen der jungen Herrin des Rauneckhofes und ihrem toten Vater.

Und dann hörte er ganz deutlich Ilse die Frage stellen: „Vater, liebstes, bestes Väterchen, warum hast du mir das nur angetan? Ich fürchte mich doch so sehr vor der einsamen Zukunft!“

Aber keine Antwort kam zurück. Die Lippen Herbert Raunecks blieben streng verschlossen.

Wie gern wäre Ulrich Werdenberg jetzt vorgetreten und hätte ihr zugerufen: Brauchst dich vor nichts auf der Welt zu fürchten, so lange ich auf dem Rauneckhofe bin. Ich will dir alle Sorgen und alles Schwere abnehmen und Wache halten, daß sich nichts Böses an dich heranwagt!

Aber so zu sprechen fehlte ihm doch der Mut.

Trotzdem Ilse unter seinen Augen herangewachsen war, gab es da eine Hemmung, die ihm verbot, so zu ihr zu reden.

Er liebte sie, aber sie sollte es niemals erfahren. Ihr Reichtum trennte sie von ihm. Fest mußte er sein Herz in beide Hände nehmen und sich mit dem Glück bescheiden, in ihrer Nähe zu leben, ihr dienen zu dürfen.

Und war das denn überhaupt noch ein Bescheiden zu nennen, war das nicht schon etwas Wundervolles?

Ilse zog sich einen breiten Sessel herbei und ließ sich wie ermattet darin nieder.

„So, Väterchen, nun bleibe ich bei dir, du sollst nicht so allein sein“, sagte sie halblaut.

Sie stützte die Ellbogen auf die Knie und drückte das Kinn auf die gefalteten Hände, während ihre Augen unablässig auf dem Gesicht des Toten ruhten.

Ulrich Werdenberg überlegte, was er jetzt tun sollte. Vortreten durfte er jetzt nicht mehr, denn Ilse Rauneck wähnte sich allein und würde sicher maßlos erschrecken. Ob er jedoch, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, das Zimmer zu verlassen vermochte, war äußerst zweifelhaft.

So leise wie möglich ließ er sich wieder auf seinem Stuhl nieder und beobachtete das gradlinige Profil, das ihm zugewandt war.

Er sah, wie die Kerzen langsam niederbrannten und wie Ilse die Augen schloß.

Er bog sich ein wenig vor und es schien ihm fast, das junge Mädchen schlief.

Aber er irrte sich. Ein zweites Mal wollte sich Ilse nicht vom Schlaf überrumpeln lassen, so wie vorhin im Wohnzimmer. Sie mußte doch dem geliebten Vater die Totenwacht halten.

Sie sann, wie gut sie sich stets mit dem Vater gestanden und daß sie nie ein böses Wort von ihm gehört. Niemals hatte er wohl daran gedacht, so bald sterben zu müssen, sonst hätte er sie doch ein wenig härter fürs Leben erzogen. Wie oft hatte er gesagt: Den liebsten und besten Mann in ganz Deutschland, den suche ich mir zum Schwiegersohn. Einen, der mein Herzensmädel liebt und den es wieder liebt, der es vor jedem harten Schicksalsstoß bewahrt und mir meinen Liebling behütet. Und dann, wenn meine Ilse glücklich verheiratet ist, werden wir drei sehr wunschlos und zufrieden miteinander auf dem Rauneckhofe leben!

So hatte er geredet und so ähnlich hatte er sich die Zukunft auch vorgestellt.

Vor acht Tagen noch, an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, hatte er ihr eine weite Reise versprochen und gelacht: Vorläufig lasse ich meine Ilse gar nicht heiraten. Ein paar Jahre mag der Glückliche, den wir noch nicht kennen, fein geduldig abwarten. In den paar Jahren schauen wir uns ab und zu die bunte Welt an, damit wir später desto lieber in unserem Heim bleiben. Werdenberg ist ja ein guter, zuverlässiger Verwalter, wenn wir fort sein werden.

Ilse Rauneck dachte nun an Ulrich Werdenberg. Ja, er war zuverlässig, und solange er auf dem Rauneckhof Inspektor sein würde, brauchte sie überhaupt keine Angst haben.

Der Vater hatte sehr große Stücke auf ihn gehalten und sie mochte ihn auch gern leiden, den sympathischen, ruhigen und zielbewußten Mann.

Es war ihr förmlich ein Trost, jetzt an ihn zu denken.

Elf Jahre war sie damals, als er auf dem Rauneckhofe seine Stellung angetreten, und er hatte sie reiten und kutschieren gelehrt. Gut Freund war sie immer mit ihm gewesen, wie mit einem älteren Bruder, bis sie dann vor vier Jahren in die Pension nach Wiesbaden kam, wo sie ein Jahr geblieben. Als sie von dort zurückgekehrt, schien ihr sein Benehmen, sein Ton, nicht mehr so vertraut wie früher, ihr war es von da an, als hätte sich irgend etwas Fremdes zwischen ihn und sie geschoben, das sie beide störte, noch so kameradschaftlich offen miteinander zu verkehren wie vorher.

Es ging ihr durch den Kopf, es war eigentlich sehr schade, daß sich Ulrich Werdenberg damals so verändert hatte während ihrer kurzen Abwesenheit.

Sie hatte sich damals sogar bei dem Vater beklagt. Der aber hatte ihr geantwortet: Als du fortgingst, sah Werdenberg in dir eben noch das Kind, doch nun du als junge Dame heimgekommen, bist du für ihn eine erwachsene Person und er behandelt dich so respektvoll, wie es sich gehört.

Ulrich Werdenbergs Respekt hatte sie seither immer etwas gestört, aber schließlich hatte der Vater recht. Sie veränderte ein wenig ihre Haltung, lehnte sich tiefer in den Sessel zurück. Es hatte sie wunderbar beruhigt, an Ulrich Werdenberg zu denken. Sie ahnte nicht, wie nahe er ihr war.

Immer tiefer brannten die Kerzen nieder.

Ilse Rauneck schien es gar nicht zu bemerken, dünkte es dem Manne. Wie hätte er darauf verfallen können, daß sie jetzt an ihn dachte.

Und dann sann Ilse, bis ihr Hirn müde ward, wieder der Frage nach: Warum hatte ihr geliebter Vater so früh sterben müssen?

Und allmählich war es ihr, als ob alle Gedanken auslöschten und nach einem Weilchen, als ob sich die Lippen ihres Vaters leise bewegten, als ob sie Worte höre, die sie aber nicht verstehen konnte, weil sie viel zu leise gesprochen waren.

Ulrich Werdenberg beobachtete, wie sie den Kopf gleich einer aufmerksam Lauschenden vorneigte und sagte: „Sprich, bitte, etwas lauter, Väterchen, sonst verstehe ich dich nicht.“

Sein Herz begann wie ein Schmiedehammer zu klopfen. Gütiger Himmel, der Sterbefall schien Ilse Raunecks Sinne verwirrt zu haben, denn was sie eben zu dem toten Manne gesagt, ließ doch keine andere Deutung zu.

Wenn sie noch einmal etwas Ähnliches redete, war es seine Pflicht, vor sie hinzutreten und die Geister des Wahnsinns zu scheuchen, die sich an sie heranwagten.

Es war ja auch eine schreckliche Idee von Ilse, hier ganz allein am Totenlager die Nacht verbringen zu wollen. Das vermochte wohl den armen, zerquälten Kopf völlig zu verwirren.

Ilse aber hielt ihren Blick starr auf die Lippen des Vaters geheftet und plötzlich glitt es wie ein flüchtiges Lächeln über ihre Züge.

„Ich danke dir, Herzensvater, für die Warnung, ich werde sie nicht vergessen!“

Ulrich Werdenberg dachte in diesem Moment nicht daran, daß der Schreck über sein plötzliches Erscheinen Ilse vielleicht mehr schaden könnte als eine kurze Überreizung der Nerven, die ihr Gehörhalluzinationen vortäuschte.

Er war entsetzt darüber, daß Ilse glaubte, der Tote habe zu ihr gesprochen und er vergaß darüber alle Klugheit. Er stand, ehe er noch recht wußte wie er dahingekommen, schon neben ihr und seine Züge spiegelten deutlich die Angst wieder um die heimlich Geliebte.

Ilse Rauneck erschrak jedoch nicht im mindesten, als sie Ulrich Werdenberg so unvermutet vor sich erblickte. Ihr fiel es gar nicht auf, daß sie kein Türöffnen auf sein Eintreten aufmerksam gemacht.

Er erklärte hastig und wahrheitsgemäß seine Gegenwart und schloß: „Ich wollte bei meinem guten und verehrten Herrn die Wache halten, es war mir ein Herzensbedürfnis. Doch der Tochter mußte ich den Vorrang lassen. Still hockte ich dort drüben in der Ecke und wartete auf eine Gelegenheit, mich heimlich entfernen zu können. Aber jetzt mußte ich mich melden. Ich darf nicht dulden, daß Sie sich in eine fixe Idee verrennen. Ihr Vater hat nicht zu Ihnen gesprochen, der Tod hat seine Lippen für immer versiegelt.“

Ilse hatte ganz still gesessen. Aber ihre Augen hingen an seinem Gesicht.

Und als er nun schwieg, wurde ihr Blick wärmer.

„Ich freue mich sehr, weil Sie so besorgt um mich sind, aber ich meine, weil Sie doch im Zimmer waren, Sie hätten ebenfalls hören müssen, was Vater zu mir gesagt hat.“ Sie schüttelte den Kopf, wie in Abwehr gegen etwas, was er noch nicht geäußert. „Nein, Sie brauchen nicht zu fürchten, ich rede irre.“ Ihr Organ klang entsetzlich müde. „Vaters Sterben tut mir sehr, sehr weh, es fehlen mir die Worte, es zu schildern. Aber meinen Verstand habe ich wohl noch, und so wenig ich sonst glauben würde, daß Tote reden können zu den Lebenden, so glaube ich doch an Wunder, wenn auch noch keins geschah in meiner Gegenwart vor der heutigen Nacht. Es geschah aber vorhin ein großes Wunder, mein toter Vater hat zu mir gesprochen und Wort für Wort habe ich ihn verstanden. Gewarnt hat er mich, doch so seltsam umschrieben, so dunkel im Sinn.“

Ulrich Werdenbergs Mitleid quoll über. Die armen Nerven des geliebten Mädchens bedurften der Ruhe, und die Stimmung hier im Sterbezimmer war wohl ganz besonders dazu angetan, so ein zartes Geschöpf in übersinnliche Phantasien hineinzutreiben.

Behutsam mußte man sie anfassen, ihr vorsichtig den Glauben an das Wunder nehmen.

Er fragte: „Darf ich wissen, wovor Ihr Vater Sie warnte, Fräulein Rauneck?“

Sie saß mit gefalteten Händen vor ihm und schloß leicht die Augen, als horche sie in sich hinein, suche den Nachhall verwehter Worte.

Nach einem kurzen Schweigen, in das sich fast aufdringlich laut das letzte Aufflackern einer verlöschenden Kerze drängte, gab Ilse zur Antwort:

„Mein Vater sagte: Nimm dich in acht vor einem Habichtspaar. Ich sehe es schon heranfliegen, bald wird es um den Rauneckhof kreisen, um auf dich, meine geliebte Taube, niederzustoßen. Hüte dich vor ihnen, mein Kind, hüte dich vor den Raubvögeln!“

Ilse holte tief Atem.

„Ist das nicht eine eigenartige Warnung?“

Ulrich Werdenberg blickte in die großen grauen Augensterne, die jetzt voll zu ihm aufschauten.

Ihm war es, als streiche eine eisigkalte Hand über seine Glieder, machte ihn erschauern.

Er dachte, Tote können nicht mehr reden, aber seltsam und unheimlich dünkte ihm die Warnung, die Ilse Rauneck eben so klar vorgebracht, als habe sie dieselbe wirklich erst vor kurzem gehört.

Ilse erhob sich langsam.

„Ich darf die Warnung nicht vergessen, und muß fortan allen Menschen gegenüber vorsichtig sein.“

„Ein bißchen Vorsicht schadet auf keinen Fall“, nickte Ulrich Werdenberg, „namentlich, wenn man eine so reiche Erbin ist wie Sie. Aber lassen Sie sich nicht zum Mißtrauen verleiten. Im übrigen werde ich meine Vorsicht mit der Ihren vereinen. Wenn ich Raubvögel über dem Rauneckhof sichte, dann bin ich bereit, Sie mit aller Kraft zu schützen.“

Seine Augen ruhten selbstvergessen auf dem bleichen, ebenmäßigen Gesicht, das tiefer Schmerz gezeichnet.

Ilse reichte ihm impulsiv die Hand.

„Sie werden auf dem Rauneckhof bleiben und ihn betreuen, nicht wahr? Wenn Sie allem vorstehen, dann habe ich keine Furcht.“

Sein Blick ward leuchtend.

„Ich verlasse den Rauneckhof niemals, Sie selbst müßten mich denn fortweisen“, kam seine Antwort wie ein Gelöbnis.

Es war, als würde ihr blasses, verweintes Gesicht hell.

„Ich weiß, auf Sie darf ich mich verlassen, Vater nannte Sie treu wie Gold.“

Er steckte eine frische Kerze für die heruntergebrannte in den schweren Silberleuchter, sagte weich: „Gehen Sie doch lieber zur Ruhe, ich bleibe hier bis zum Morgen.“

Ilse wehrte ab.

„Ich bleibe hier, aber wenn Sie wollen, dann halten wir beide die Wacht.“

Beseligendes Glücksempfinden durchströmte ihn.

Sie erlaubte ihm, zusammen mit ihr hierzubleiben. Das bewies ihm, wieviel er ihr galt.

Die Tür öffnete sich wie zögernd um einen Spalt breit. Hermine Seydel steckte ihren graugescheitelten Kopf ins Zimmer. Sie atmete auf, als sie Ilse in Gesellschaft des Inspektors hier fand.

Ein hörbares: Dem Himmel sei Dank! entfloh ihrem Munde.

Wie sehr hatte sie sich erschreckt, als sie vorhin aus tiefem Schlafe hochfuhr und Ilse nicht mehr auf dem Sofa sah.

Inspektor Werdenberg war ein guter Beschützer, nun brauchte sie selbst wenigstens keine Angst mehr haben, Ilse Rauneck könne irgendeine Torheit begehen in der ungeheuren Aufregung, in die sie der Tod ihres Vaters versetzt.

Sie trat näher.

„Mein Mann erwartet mich nun wohl nicht mehr zu Hause, also ist es am besten, ich bleibe bis morgen früh hier.“

Ilse blickte sie abwesend an.

Ihr war es, als störe die behäbige, gutmütige Frau den Frieden dieses Raumes.

Sie sagte verhalten: „Machen Sie es sich nur irgendwo bequem für diese Nacht. Sie wissen ja im Hause Bescheid, gute, liebe Frau Doktor. Das Fremdenzimmer ist in Ordnung, und in der Küche befindet sich sicher noch eins der Mädchen.“

Hermine Seydel murmelte ein: Ja, ja! und blickte hinüber zu dem Toten, der so oft freundschaftlich ins Doktorhaus gekommen. Es stieg auch in ihr die Frage auf: Warum nur mußte er so verhältnismäßig jung aus dem Leben scheiden?

Sie schalt sich selbst und dachte daran, daß sie selbst die verzweifelte Tochter vorhin darauf hingewiesen: Was Gott tut, das ist wohlgetan!

Sie bat: „Kommen Sie doch mit mir, Ilse, und gehen Sie schlafen. Die nächsten Tage werden Ihnen noch mancherlei bringen, wozu Sie Ihre Kraft brauchen. Ihr guter Vater wäre der erste, der Sie bitten würde, sich zu schonen.“

Ilse hob abwehrend die Rechte.

„Bitte, dringen Sie nicht mehr in mich, ich bleibe hier, ich kann einfach nicht anders, und Herr Werdenberg bleibt bei mir.“

Da entfernte sich Hermine Seydel mit leisem Gutnachtgruß.

Dicht nebeneinander saßen dann die junge Herrin des Rauneckhofes und ihr Inspektor, und flüsternd wechselten sie ab und zu ein paar Worte.

Von Zeit zu Zeit kümmerte sich Ulrich Werdenberg um die Kerzen in den schweren Silberleuchtern, und durch ein weitgeöffnetes Fenster zog die frische Nachtluft herein.

Ulrich Werdenberg holte für Ilse aus dem Nebenzimmer ein Samtkissen und eine weiche Diwandecke. Sie ließ sich das Kissen unter den Kopf schieben und sich von der Decke einhüllen.

Wie sorglich und behutsam ihr die Männerhände den Dienst erwiesen.

Ilse hatte ein Gefühl von Geborgensein in Ulrich Werdenbergs Nähe, und aus diesem Empfinden heraus sagte sie: „Ich bin so froh, daß Sie bei mir sind! Nie dürfen Sie den Hof verlassen, nie!“

Er wiederholte, was er vorhin schon einmal geantwortet: „Nie, Sie müßten mich denn selbst fortweisen!“

Ilse schob ihre Linke zu ihm hinüber, suchte seine Hand.

„Ich vermag mir den Hof ohne Sie gar nicht vorzustellen.“

Sie ließ ihre Hand in der seinen. Ihr war es, als ströme von dieser nervigen Hand eine Kraft aus, die sich ihr mitteilte. Frischer fühlte sie sich und alle Zukunftsangst duckte sich zusammen wie Nebel bei Sonnenschein.

Sie saß, warm eingehüllt, ihre Hand in der seinen, und allmählich ward all ihr Grübeln und Sinnen still.

Sie schlief nicht wieder ein, doch alles um sie herum schien ihr jetzt eigen und unwirklich. Alle Wirklichkeit verwischte sich.

Es war, als wären sie dreie nur noch allein auf der Welt, der Tote, Ulrich Werdenberg und sie.

Einmal erhob sich der Mann, um eine Kerze zu ersetzen durch eine neue, und als er seinen Platz wieder einnahm, kehrte auch ihre Hand, als gehöre sie dorthin, wieder in die seine zurück, drängte sich ein wie in eine Schutzhülle.

Ulrich Werdenbergs Finger umschlossen die kleine Hand mit einer Zärtlichkeit und Innigkeit ohnegleichen.

Das Vertrauen Ilse Raunecks beglückte ihn, aber er kam nicht auf die Idee, in dieser sich freiwillig in die seine schmiegenden Hand mehr zu sehen, als das Schutzbedürfnis eines Mädchens, das er von Kinderjahren an kannte.

Er liebte Ilse, doch den Traum, sie könne ihn wiederlieben, den träumte er nicht.

Aber es war so wundervoll, die kleine Hand festzuhalten in den langen, stillen Stunden hier am Totenlager. Es war so wundervoll, der Einzige sein zu dürfen, dem Ilse Rauneck erlaubte, jetzt hier bei ihr zu bleiben.

Sie saßen beisammen, bis der Morgen graute, und mit Erschütterung sah er, wie verstört und fahl das Gesicht Ilses war, als sie sich nun erhob.

Ihm war es, als müsse er die Arme ausstrecken und sie hindern, das Zimmer zu verlassen, aber er ließ sie doch gehen.

Mit solchen Aufwallungen mußte er fertig werden.

Er war froh, daß Ilse nicht mehr auf die Warnung des toten Vaters zurückgekommen.

Seine Angst, ihr Geist könne durch den Schreck über des Vaters Tod gelitten haben, war wieder vollständig geschwunden. Aber eigenartig blieb die Warnung doch, die Ilse gehört zu haben glaubte. Fest war sie ihm im Gedächtnis geblieben und er wiederholte sie sich:

Nimm dich in acht vor einem Habichtspaar. Ich sehe es schon heranfliegen, bald wird es auf dich, meine geliebte Taube, niederstoßen. Hüte dich vor ihnen, mein Kind, hüte dich vor den Raubvögeln!

II.

Auch die leidvollsten Stunden gehen vorüber, auch die schwersten Tage können nicht verweilen, und so waren schon einige Wochen verflossen, seit Herbert Rauneck auf dem kleinen Dorffriedhof gebettet worden war.

Er schlief in der Familiengruft zwischen seiner Mutter und seiner Frau, zu Füßen seines Vaters und seiner Großeltern.

Täglich, gleichviel bei welchem Wetter, wanderte Ilse nun zum Friedhof und betete.

Sie fühlte sich oft so grenzenlos einsam, und ihre hübschesten Stunden am Tage waren es, wenn sie mit Inspektor Werdenberg eine Gutsangelegenheit besprach oder die Mittagsmahlzeit mit ihm gemeinsam einnahm.

Schon bei ihrem Vater hatte Ulrich Werdenberg stets an ihrem Mittagstisch teilgenommen, und Ilse dachte gar nicht daran, das zu ändern.

Um so mehr aber beschäftigten sich die lieben Nächsten damit.

Man klatschte und tratschte, es gehöre sich nicht, daß der Inspektor tagtäglich am Tische der jungen Herrin sitze, als sei er der Gatte.

Eines Tages hörte auch Hermine Seydel davon.

Sie ärgerte sich sehr darüber, sagte aufgebracht zu ihrem Mann: „Wie schlecht sind doch die Menschen. Es ist eine große Gemeinheit von den bösen Zungen, der armen Ilse was am Zeug flicken zu wollen, weil sie, wie sie es von jeher gewohnt, mit dem Inspektor gemeinsam zu Mittag ißt.“

Dr. Seydel machte eine unbestimmte Gebärde.

„Aber, liebe Hermine, es ist doch eine alte Geschichte, der Klatsch ist ein Wegelagerer, er stürzt sich auf jeden, der ihm nicht klug ausweicht. Und dann bin ich selbst auch der Meinung, Ilse Rauneck ist noch zu jung, um so allein zu hausen. Sie ist reich genug, sich eine Gesellschafterin leisten zu können. Es gibt so nette, liebe, ältere Damen. Wenn so eine Respektsperson auf dem Rauneckhof käme, müßten die Klatschtanten, die in diesem Fall wohl nicht alle männlichen Geschlechts sind, verstummen. Rate doch Ilse zu einer Gesellschafterin, könntest dich ja sogar in der Angelegenheit bemühen.

Frau Hermine machte sich am Nachmittag auf nach dem nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernten Gutshof und traf Ilse bei der Lektüre eines landwirtschaftlichen Werkes.

„Sie wachsen allmählich in Ihre Rolle als Gutsherrin hinein“, lobte Hermine Seydel, den langen Titel des dickleibigen Buches lesend. Sie nahm die Einladung zum Kaffee an, und als der dunkle Trank in den Tassen dampfte, brachte sie das Gespräch langsam auf das Thema, um dessentwegen sie heute hierher gekommen.

Ilse lächelte ein wenig.

„Ach, liebste Frau Doktor, ich verspüre nicht das mindeste Verlangen nach einer Gesellschafterin. Ich habe außerdem gehört, man kann dabei tüchtig reinfallen. Sehen Sie, wie unangenehm wäre es zum Beispiel, wenn so eine dame d‘honneur ihren Ehrenposten bezieht und es stellt sich nach kurzer Zeit heraus, sie ist eine unangenehme Person. Dann habe ich sie auf dem Halse und es kostet nachher allerhand Mühe und Arbeit, sie wieder los zu werden. Nein, nein, ich fühle mich allein ganz wohl. Sie besuchen mich ja öfter und Inspektor Werdenberg auch.“

„Um den handelt es sich ja gerade“, platzte Hermine Seydel heraus, undiplomatisch wie sie nun einmal war.

Ilse sah die ihr am Kaffeetisch Gegenübersitzende mit großen Augen an.

„Ich begreife wirklich nicht, was Sie meinen. Weshalb brauche ich denn gerade eine Gesellschafterin, weil Sie mich öfter besuchen und der Inspektor auch?“

Die Ältere machte ein etwas betretenes Gesicht.

„Ich falle immer gleich mit der Tür ins Haus“, klagte sie sich an, „aber das Drumherumreden liegt mir nicht. Also kurz heraus, liebstes Ilsekind, man klatscht, weil der Inspektor des Mittags an Ihrem Tische mit ißt und kein Anstandswauwau dabei sitzt.“

Ilse konnte nicht anders, sie mußte lachen.

„In welchem Jahrhundert leben wir denn eigentlich? Heutzutage, wo Männlein und Weiblein zusammen turnen, baden und wandern, ist‘s doch wohl wirklich nicht mehr nötig, daß sich eine Mündige eine Gesellschafterin nimmt.“ Sie wurde ernst. „Ulrich Werdenberg kam auf den Rauneckhof, als ich erst elf Jahre alt war, er gehört doch hierher, wie — ach, ich weiß keinen rechten Vergleich. Nein, liebe Frau Doktor, so gut Sie es mit mir meinen, ich möchte keine Gesellschafterin. Eine Verwandte, eine befreundete Dame, nun ja, so eine Gesellschaft wäre vielleicht ganz angenehm, aber eine Fremde würde nur eine Störung bedeuten. Also mögen die Leute klatschen, wenn es sie langweilt, hören sie auch wieder auf.“

„Beste Ilse, Sie haben beinahe recht, aber auch nur beinahe! Sie würden sich sicher sehr bald an eine nette Gesellschafterin gewöhnen.“ Frau Hermine zuckte die Achseln. „Es wäre ja auch nicht für immer. Eines Tages werden Sie heiraten und dann sind Sie sowieso nicht mehr allein.“

Ilse war leicht errötet.

Weshalb brauchte sie heiraten? Der Rauneckhof bedurfte keines Herrn, solange Ulrich Werdenberg hier blieb.

Und hatte er nicht gesagt, er würde den Hof nie verlassen, sie müßte ihn denn selbst fortweisen.

Sie Ulrich Werdenberg fortweisen!

Im ganzen Leben nicht, und wenn sie beide so alt würden wie Methusalem.

Hermine Seydel nahm an, Ilse schweige solange, weil sie über die Gesellschafterinfrage nachdachte. Sie drängte: „Sagen Sie ja, liebe Ilse, ich bin dann gern bereit, in Frankfurt nach einer geeigneten Dame Umschau zu halten. Ich habe morgen doch dort zu tun.“

Ilse hatte wirklich keine Lust zum Jasagen, aber ein glattes Nein wollte ihr auch nicht mehr über die Lippen, denn die freundliche Doktorsfrau meinte es nur gut mit ihr, dessen war sie sicher.

Sie wich aus: „Ich möchte mir Ihren Vorschlag noch ein bißchen überlegen, noch ein paar Tage, so von allen Seiten, wissen Sie, Frau Doktor. Da ich aber ebenfalls einiges in der Stadt besorgen möchte, können wir ja morgen zusammen fahren. Im Wagen. Wenn es Ihnen recht ist?“

„Natürlich ist es mir recht“, erwiderte Hermine Seydel lebhaft. „Ich fahre doch tausendmal lieber in Ihrem bequemen Mercedeswagen, als in dem vollgestopften Zug dritter Güte. Und im übrigen lassen Sie sich nur Zeit, meinen Vorschlag wegen einer Gesellschafterin gründlich zu überlegen.“

Sie nahm sich aber vor, Ilse Rauneck morgen während der einstündigen Autofahrt noch ordentlich zuzureden.

Doch sie hatte auch am nächsten Tage wenig Glück damit.

Ilse sagte: „Ich möchte es mir gewissenhaft überlegen, ich kann mich noch nicht entschließen.“

Man machte allerlei Besorgungen und dann besuchte Frau Hermine Bekannte, indes Ilse noch einige Einkäufe erledigte.

Um sechs Uhr wollte man sich am Hauptbahnhof wieder treffen, wo auch das Auto warten sollte.

Ilse war zuerst zur Stelle und sie spazierte in der Nähe des Autos auf und ab.

Sie dachte, Hermine Seydel würde ja wohl auch bald kommen.

Die Zeit würde ihr beim Warten kaum lang werden. Es war ganz amüsant, das bunte Leben und Treiben am Bahnhofsplatz zu beobachten.

Eine Dame kam ihr entgegen, ein paar flimmernde, rötliche Löckchen drängten sich seitlich unter dem kleinen schwarzen Samthut hervor, ein glatter Tuchmantel betonte noch die Überschlankheit der Figur.

Ilse blieb stehen, schaute der anderen wie wartend entgegen.

Und nun sahen sie sehr hellblaue Augen an, leuchtend rote Lippen öffneten sich zu einem erstaunten Ausruf.

„Ilse, wahrhaftig, das ist ja Ilse Rauneck! Wenn es auch schon fast vier Jahre her ist, seit wir bei Frau von Dorp in Wiesbaden im Pensionat zusammen waren, so hast du dich doch wenig seither verändert. Das heißt, damals sahest du eigentlich ein bißchen derber, ländlicher aus. Schmaler bist du geworden, verfeinerter.“

Sie streckten sich beide erst jetzt die Hände entgegen und Ilse fragte: „Du bist wohl auf der Durchreise hier, Jutta, wenn ich nicht irre, wohnst du doch in Berlin?“

Jutta Linden seufzte sehr betont.

„Ich wohnte dort, ja. Mit meinen Eltern. Aber sie starben vor zwei Jahren, Geld blieb keins, und ich muß mir meinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Ich bin Gesellschafterin bei einer, mit Respekt zu sagen, ganz niederträchtigen alten Baronin, die mich abscheulich schikaniert. Am liebsten möchte ich ihr davonrennen. Aber wohin soll unsereins rennen? Laufe ich dem einen Drachen weg, so laufe ich wahrscheinlich einem anderen zu. Außerdem ist es sehr schwer, eine neue Stellung zu finden.“

Ilse sah, an den langen, wie dünne goldene Fäden schimmernden Wimpern glänzten ein paar Tränen.

Sie empfand Mitleid.

Wie gut hatte sie es doch eigentlich dagegen. Materielle Sorgen kannte sie nicht und sie brauchte sich nicht schikanieren lassen in Abhängigkeit und Dienstbarkeit.

Jutta Linden fragte leise: „Um wen trägst du Trauer, Ilse?“

Ilse gab Antwort.

Jutta Linden nickte.

„Stehst also auch allein in der Welt! Hoffentlich brauchst du nun nicht auch bei des Teufels Großmutter unterzukriechen, wie ich.“ Ihre Augen überflogen wie prüfend Ilses Kleidung. „Anscheinend hast du es nicht nötig. Du stammst aus einer Gärtnerei oder so was ähnlichem, nicht wahr?“

Ilse schüttelte den Kopf.

„Ich bin die Herrin vom Rauneckhof. Vaters Vorfahren wandelten sich durch Generationen zu Gutsherren. Der Hof liegt eine gute Stunde von hier.“ Sie wies leicht auf den Wagen. „Ich bin mit dem Auto hier und warte noch auf eine Dame, die mit mir hergekommen ist.“

Jutta Lindens Augen hatten sich förmlich geweitet.

„Das ist dein eigenes Auto? O, du lieber Himmel, Herrin eines Gutshofes und Besitzerin eines prachtvollen Autos bist du! Ja, da hast du es gut. Wie armselig kommt sich unsereins dagegen vor!“

Jutta Linden war klug genug, sich das heftige Neidgefühl, das sie empfand, nicht anmerken zu lassen.

Sie hatte damals in der Pension ja keine Ahnung davon gehabt, daß Ilse Rauneck aus besonders wohlhabendem Hause stammte. Eine Art Bauernmädel, das gute Manieren lernen sollte, hatte sie in ihr gesehen, weil Ilse so überaus einfache Kleider getragen und ihr Äußeres etwas ländlich gewesen.

Sie hatte sich damals auch kaum um sie gekümmert, denn damals war sie selbst noch das verwöhnte Bankierstöchterchen gewesen.

Sie galt als tonangebend in der Pension der Frau von Dorp.

„Besuche mich doch bald einmal“, schlug Ilse vor, „ich würde mich sehr freuen.“

„Wie gerne käme ich“, gab Jutta zurück, „aber meine Brotgeberin wird es mir kaum erlauben. Keinen Schritt soll ich aus dem Hause tun, wenn es nicht in ihrem Auftrage geschieht. Heute mußte ich zu ihrer Modistin und bin auf dem Weg nach Hause. Wir wohnen am Rathenauplatz. Wenn ich Erlaubnis erhielte, wäre der Besuch bei dir ein Glück für mich. Aber es wird wohl nichts daraus werden.“

„Dann muß diese Baronin ja eine Tyrannin sein!“ rief Ilse empört. „Arme Jutta, du tust mir wirklich sehr leid, ich möchte dir gerne helfen.“

Jutta Linden stieß erregt hervor: „Wenn du das könntest, Ilse, o, wenn du das könntest! Ich wäre dir unendlich dankbar. Aber du wirst darauf vergessen und ich kann ja auch keine Hilfe von dir verlangen.“

Ilse faßte einen raschen Entschluß.

„Ich weiß nun allerdings nicht, ob du das, was ich dir anbieten möchte, als Hilfe empfinden würdest“, begann sie etwas zögernd. Fuhr schneller fort: „Ich habe keine Verwandten, stehe ganz allein, und man riet mir, eine Gesellschafterin ins Haus zu nehmen. Ich zögerte jedoch, weil ich unwillkürlich vor einer fremden xbeliebigen Dame zurückscheue. Doch wenn du dich freimachen kannst und willst, Jutta, dann kannst du auf den Rauneckhof übersiedeln unter dem Titel einer Gesellschafterin. In Wirklichkeit aber werden wir wie gute Freundinnen leben. Es wird dir auf dem Rauneckhof gefallen, glaube ich.“

Ilse hatte impulsiv und warmherzig gesprochen.

In die fast porzellanweißen Wangen Jutta Lindens stieg ein mattrosiger Schein.

Sie lächelte zwar, aber innerlich quälte sie Wut.

Also den Posten einer Gesellschafterin bot ihr die Bauernliese an. Wirklich sehr generös war sie!

Hatte diese Gans denn kein Verständnis dafür, wie ihr jetzt zumute war?

Sie, damals die Gefeiertste in der Pension, sollte nun bei der, die dort am wenigsten gegolten, als Gesellschafterin antreten.

Und sie durfte ihr nicht einmal stolz den Rücken wenden, sondern mußte das herbeigequälte Lächeln festhalten, denn sie dachte nicht daran, das Angebot auszuschlagen.

Sie murmelte: „Mein ganzes Leben hindurch würde ich dir verpflichtet sein für deine große Güte.“

Ilse bot ihr die Rechte.

„Also es gilt! Wann aber darf ich dich auf dem Rauneckhof erwarten?“

„In vierzehn Tagen“, erfolgte die schnelle Antwort. „Ich kündige meiner siebenzackigen Madame noch heute.“

Ilse langte eine Visitenkarte aus ihrem Handtäschchen und reichte sie Jutta.

„Bitte, schreibe mir vorher, wann ich dich mit dem Auto abholen lassen soll!“

In Juttas Augen blitzte es flüchtig auf. Sie sagte: „Du bist die Güte selbst, nie werde ich dir diesen Liebesdienst vergessen.“

Ilse wehrte ab.

„Unsinn, ich bin ja nur eine Egoistin, die froh ist, die Gesellschafterinfrage so praktisch lösen zu können.“

Eben kam Hermine Seydel und schaute ein wenig erstaunt, Ilse nicht allein zu finden.

Ilse stellte vor, fügte hinzu: „Jutta Linden ist Gesellschafterin, sie hat es aber schlecht getroffen. Deshalb habe ich meiner früheren Mitpensionärin vorgeschlagen, meine Gesellschafterin zu werden, und sie hat angenommen.“

Hermine Seydel war ehrlich verblüfft und ließ sich das deutlich anmerken.

„Aber nein, liebe Ilse, das geht doch nicht. Das hat doch keinen Sinn. Fräulein Linden ist viel zu jung für Sie. Sie müssen an eine ältere Dame denken.“

Juttas sehr helle Augen ruhten mit kaltem Glitzern auf dem dicklichen Gesicht Hermine Seydels, doch schon in der nächsten Sekunde wandte sich ihr Blick Ilse zu.

„Du siehst, es wäre zuviel Glück für mich gewesen. Nimm innigen Dank für deinen guten Willen.“

Mit erlöschender Stimme hatte sie es gesprochen.

Ilse nahm ihre Hand.

„Es bleibt bei unserer Abmachung, Jutta, meine gute Frau Doktor ist nur zu besorgt um mich. Wir wollen sie überzeugen, daß deine Jugend besser zu mir paßt, als irgend ein Altjüngferchen oder eine mittelalterliche Frau.“

Jutta Linden konnte hinreißend lächeln. Sie wußte das genau und erprobte es nun an Hermine Seydel.

Und für den Augenblick verfehlte das bestrickende Lächeln auch seine Wirkung nicht.

Hermine Seydel sagte: „Ich kann Sie verstehen, liebe Ilse, ich meinte eigentlich auch nur, Sie brauchen jemand, der nach außen hin gewissermaßen Mutterstelle an Ihnen vertritt.“

Jutta Linden erklärte mit ihrem reizvollen Lächeln, dazu fühle sie sich vollkommen befähigt.

„Sie werden sehen, Frau Doktor, mit welcher Sorgfalt ich Ilse Rauneck betreuen und ihr alles Unangenehme fern halten werde“, versicherte sie. „Übrigens glaube ich etwas älter zu sein wie Ilse“, fügte sie hinzu. „Ich bin im vorigen Monat zweiundzwanzig Jahre geworden, habe also die Reife einer Respektsperson.“

„Du bist also ein Jahr älter als ich“, verwunderte sich Ilse, „ich finde, du siehst jünger aus.“

Hermine Seydel fand das ebenfalls.

Ihr Blick fiel auf die Bahnhofsuhr.

„Liebe Ilse, wir wollen uns verabschieden, ich muß nach Hause. Mein Alterchen macht ein höllisch ungemütliches Gesicht, wenn der Abendbrottisch nicht pünktlich gedeckt ist.“

Ilse reichte Jutta Linden die Rechte.

„Also bald auf Wiedersehen, du weißt ja Bescheid.“

Auch Hermine Seydel reichte Jutta die Hand, und dann nahmen beide im Auto Platz, der Chauffeur im tadellosen braunen Dreß fuhr los.

Ilse hatte noch einmal zurückgewinkt. Sie sah Jutta wiederwinken und lehnte sich nun bequem in den Wagen zurück.

Ein Weilchen herrschte Schweigen im Auto, dann meinte Frau Hermine: „Wenn ich ganz ehrlich sein soll, bedrückt mich der Pakt, den Sie eben geschlossen haben. Ich rate Ihnen, machen Sie die Geschichte wieder rückgängig, denn diese Jutta Linden paßt nicht auf den Rauneckhof.“

Ilse blickte sehr verwundert.

„Aber sie schien Ihnen doch zu gefallen, Sie meinten doch, vielleicht hätte ich recht.“

Hermine Seydels Stirn umwölkte sich.

„Allerdings, das tat ich. Aber um bei der Ehrlichkeit zu bleiben, diese Linden hat ein Lächeln, das chloroformiert einen, man spricht dann wie betäubt etwas hin, worüber man sich nachher selbst wundert.“

Ilse neigte zustimmend den Kopf.

„Das stimmt, und ein bißchen ist es mir wohl auch so ergangen. In der Pension bei Frau von Dorp nannte man das ‚Juttas Sirenenlächeln‘. Aber im übrigen machen Sie sich keine Gedanken, liebe Frau Doktor, ich male es mir sehr nett aus, das ständige Zusammensein mit ihr. Die Arme wird von der alten Dame, bei der sie Gesellschafterin ist, schwer drangsaliert und müßte ohne mich doch vorläufig dort aushalten, weil sie nicht weiß wohin. Auch wollte sie heute schon ihrer Dame kündigen. Meinetwegen! Nein, es muß bei der Abmachung bleiben.“

Hermine Seydel unterdrückte jede weitere Bemerkung.

Es war ihr schon öfter aufgefallen, wenn Ilse Rauneck sich einmal irgend etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann bestand sie darauf.

Und genau betrachtet, lohnte die Angelegenheit wohl gar keine langen Erörterungen. Wenn Jutta Linden später nicht so war, wie Ilse sich jetzt dachte, nun, dann konnte sie von ihr ja wieder weggeschickt werden. In solchen Fällen war man nobel und zahlte ein Vierteljahrsgehalt extra.

Ilse aber freute sich wirklich auf das Kommen Jutta Lindens.

Sonderbar war das eigentlich, sann sie, wenn sie zuweilen an ihre Mitpensionärinnen gedacht, so war Jutta kaum dabeigewesen. Jutta dünkte ihr damals in Wiesbaden eine Weltdame, sie hatte Scheu vor ihr empfunden. Es hieß, ihr Vater sei ein steinreicher Bankier. Jutta war auch nur ein paar Monate mit ihr in Wiesbaden zusammen, sie war eines Tages nach Berlin zu den Eltern abgereist, allgemein beneidet, weil sie immer wieder erzählt hatte, welche Gesellschaften, Toiletten und Vergnügungen auf sie daheim warteten.

Und jetzt hatte sie das verwöhnte Mädchen so wiedergefunden.

Sie bereute es nicht, ihr ohne vieles Überlegen den Platz auf dem Rauneckhof angeboten zu haben. Sie erwies ihr und sich selbst einen Gefallen damit.

Nun würden ja hoffentlich die Klatschschwestern verstummen, nun würde ja bald eine dritte Person mit Ulrich Werdenberg und ihr zu Tisch sitzen.

Wenn es nicht zu komisch wäre, daß man dabei überhaupt etwas gefunden, dann wäre es wahrhaftig zum Ärgern.

Ulrich Werdenberg war ihr guter Freund, der treue Verwalter ihres Besitztums, nichts anderes.

Aber das war sehr viel, sie wußte es zu schätzen und würde es immer zu schätzen wissen.

Hermine Seydel erzählte beim Abendessen ihrem Manne von Jutta Linden.

Er nickte: „Mit ihrem etwas plötzlichen Entschluß hat ja Ilse Rauneck sozusagen den gordischen Knoten zerhauen. Also, es wird in Kürze eine Gesellschafterin auf dem Rauneckhof geben. Und weshalb soll sie nicht jung sein? Ich kann es Ilse nicht verdenken, wenn sie eine ungefähr gleichaltrige Gefährtin vorzieht. Jugend gehört nun einmal zur Jugend, und wo es sonst schon so still ist auf dem Hofe, noch dazu im Trauerjahr.“

Frau Hermine nahm einen Schluck Tee.

„Das alles ist richtig, aber Jutta Linden hat etwas, was mir nicht gefällt, ohne daß ich erklären könnte, was es eigentlich ist. Weißt du, ich möchte sie nicht immer um mich haben, aber sie ist sehr hübsch, glaube ich.“

Er lachte belustigt.

„Du glaubst? Aber Hermine, das mußt du doch wissen.“

Sie lachte herzlich mit.

„Nein, das weiß ich wirklich nicht. Sie kommt mir jetzt nachträglich vor wie etwas Schillerndes, Gleitendes, Glattes, was rasch an mir vorübergerutscht ist.“

Er lachte jetzt so sehr, daß er sich verschluckte.

„Liebste Hermine, bitte, höre auf in Bildern zu sprechen, denn das verstehst du wirklich nicht! Eine junge Dame, die dir nachträglich vorkommt wie etwas Schillerndes, Gleitendes, Glattes, das rasch an dir vorübergerutscht ist, der Vergleich ist zum Heulen komisch. Nun bin ich direkt gespannt, diese Jutta Linden kennen zu lernen. Ich möchte sie auch mal schillernd, glänzend und glatt an mir vorüberrutschen sehen. Famos denke ich mir das. Herminchen, du hast entschieden Poesie im Leibe!“

Die gutmütige Frau ließ sich gern ein bißchen von ihrem Manne necken.

Sie hatten sich beide einmal aus aufrichtiger Liebe geheiratet, und waren einander gut geblieben durch die fünfunddreißig Jahre ihrer Ehe.

Am nächsten Tage, als Ulrich Werdenberg zu Tisch kam, hörte er von Ilse Rauneck das Neueste.

Er erschrak. Wie schade war es, daß nun bald eine Fremde an dieser Mahlzeit teilnehmen würde.

Es war so wunderschön, mit Ilse allein in dem niedrigen, behaglichen Eßzimmer zu sitzen, sich einbilden zu dürfen, er gehöre zu ihr.

Das fremde Gesicht bedeutete eine Störung.

Aber Ilse war so einsam, etwas Gesellschaft war ihr wohl zu gönnen.

Er sagte irgend so etwas.

Ilse sah ihn offen an.

„Ach nein, das ist nicht der Grund, daß ich Jutta Linden gebeten, zu mir zu kommen. Es ist eigentlich nur ein Zugeständnis an den Klatsch. Mir wurde hinterbracht, man hielte sich darüber auf, daß Sie und ich allein am Mittagstische säßen! Nicht wahr, das ist sehr drollig? Als ob etwas dabei wäre, wo Sie doch schon so lange auf dem Hofe sind, und wir beide uns ganz bestimmt nicht ineinander verlieben würden. Aber die Menschen sind manchmal wirklich zu blöd, nicht wahr?“

Ulrich Werdenberg bestätigte: „Ja, die Menschen sind manchmal zu blöd.“

Um seinen scharfgezeichneten Mund setzte sich dabei ein Lächeln fest, das ihm selbst weh tat.

Er dachte, es war nur gut, daß Ilse Rauneck nichts von seiner Liebe ahnte, sonst hätte sie vielleicht darüber gelacht wie über einen guten Witz.

Die junge Herrin des Rauneckhofes aber plauderte harmlos weiter.

„Ich denke es mir sehr nett, wenn Jutta Linden hier mit mir leben wird. Aber Sie dürfen sich nicht in sie verlieben, denn dann würde ich Sie vielleicht verlieren. Inspektoren, die sich verheiraten, pachten sich dann zumindest gern einen eigenen Hof. Jutta ist nämlich sehr hübsch, oder vielleicht sogar schön. Von sehr aparter Schönheit. Es gibt nicht viele Frauen von ihrer Art. Ich jedenfalls habe noch keine gesehen, die ihr ähnelt.“

Ulrich Werdenberg dachte: Mochte diese Jutta Linden an Schönheit selbst die Konkurrenz mit Helena aufnehmen, durch deren Reize einst der Trojanische Krieg entfacht wurde, ihn würde das sehr kühl lassen. In seinen Augen war und blieb Ilse Rauneck die Liebste und Schönste auf der ganzen Welt.

Ilse sah ihn fragend an.

„Sind Sie nun nicht sehr gespannt, Jutta Linden kennen zu lernen, Herr Inspektor?“

„Ich kann das nicht gerade behaupten“, gab er zurück, „aber ich habe wohl im allgemeinen überhaupt zu wenig Interesse für Frauen.“

„Es scheint mir auch so“, lächelte Ilse, „aber deshalb bin ich doppelt neugierig, was Sie zu der neuen Hausgenossin sagen werden.“

Pünktlich erhielt Ilse Nachricht, wann und wo das Auto in Frankfurt am Main Jutta Linden abholen möge und so erwartete denn die Herrin des Rauneckhofes eines Vormittags die neue Hausgenossin.

Sie hatte ihr das eigene Schlafzimmer eingeräumt, weil es besonders hübsche Tapeten hatte und freundlich sowie groß war. Hatte allerlei Möbel hineinstellen lassen, die es besonders behaglich machten.

Jutta Linden sollte es auf dem Gutshof gefallen.

III.

Jutta Linden drückte sich bequem in die Polster des eleganten Mercedeswagens und fuhr einer neuen Etappe ihres Daseins entgegen.

Hoffentlich fand sie nun ein bißchen Ruhe. Hoffentlich spielte sich Ilse nicht allzu sehr als die Herrin, die Brotgeberin auf, wie die Baronin Wildhard und vor ihr die alte Direktorswitwe Mohr, und vor ihr die kränkliche Rentiere Buschmann, und vor ihr —

Ach was, nur nicht daran denken, wie oft sie schon ihre Stellung hatte wechseln müssen.

Sie ließ sich nicht herumkommandieren, es lag ihr nicht.

Aber Ilse Rauneck brauchte, wenn es sich umgehen ließ, gar nichts davon zu wissen, daß sie, bevor sie als Gesellschafterin nach Frankfurt kam, sich schon bei anderen Damen in anderen Städten versucht hatte.

Ilse Rauneck machte auf sie nicht den Eindruck einer besonderen Menschenkennerin.

Vielleicht boten sich ihr dadurch auf dem Hofe allerlei kleine Vorteile.

Seitdem das glänzende elterliche Heim gewissermaßen über Nacht zusammengebrochen, hatte sie gelernt, immer nach Vorteilen für sich auszuspähen. Immer stand sie auf dem Sprunge, sich in irgendeine sorglose Existenz hineinzuretten.

Jutta Linden hatte die eine Fensterscheibe heruntergelassen, die frische Luft, die von den Taunusbergen herwehte, tat ihr gut. Sie atmete sie tief in die Lungen.

So ein Auto wie dieses hatte ihr bei den Eltern auch zur Verfügung gestanden. Es war wunderschön, sich so bequem dahintragen zu lassen.

Immer näher kamen die Berge, schoben sich wie Kulissen vor, und dann erwuchs, hinter Gehöften und ein paar rasch durchfahrenen Dörfern, ein mächtiger Gebäudekomplex, überragt von einem alten runden Turm.

Eine hohe Mauer umgab das Ganze.

Jutta Linden nahm an, es müsse der Gutsbesitz irgendeines Feudalherrn sein.

Bald würde nun wohl auch der Rauneckhof auftauchen.

Aber was bedeutete denn das? Der Chauffeur steuerte das Auto direkt auf die breite Einfahrt des großen Gutes zu?

Das war doch nicht etwa der Rauneckhof, unter dem sie sich zwar ein Gut vorgestellt, weil Ilse geäußert, ihres Vaters Vorfahren waren Bauern, die sich durch Generationen zu Gutsherren wandelten, aber sie war weit entfernt davon gewesen, ein derartiges Besitztum zu erwarten.

Gallebitterer Neid erfüllte sie.

Kaum der Beachtung wert dünkte ihr Ilse Rauneck damals in der Pension.

Wie sehr sie sich doch geirrt hatte.

Das Auto hielt vor einer niedrigen Freitreppe, auf der eben Ilse erschien und Jutta herzlich willkommen hieß.

Der Chauffeur belud sich mit dem großen Kabinenkoffer der Angekommenen und trug ihn ins Haus, und Ilse geleitete die überschlanke Jutta in ihr Zimmer, ließ sie dann allein, nachdem sie ihr erklärt, in einer halben Stunde würde gegessen und sie würde sie dazu abholen.

Jetzt hatte Jutta Linden Muße, sich umzusehen.

Ein sehr hübsches Zimmer hatte ihr Ilse gegeben, sie durfte damit zufrieden sein, stellte sie fest.

Alles duftete förmlich vor Sauberkeit. Die schneeweißen Tüllgardinen vor den Fenstern und die ebenso weißen Vorhänge am Frisiertisch. Glänzend polierte Möbel aus der Biedermeierzeit gab es, dazu ein paar Porträts aus jenen Tagen.

Ein großer Teppich deckte vollständig den Boden und ein niedriger, bemalter Kachelofen strömte behagliche Wärme aus.

Das Neidgefühl in Jutta Linden war etwas zurückgedrängt worden vor dem Behagen, das die Umgebung in ihr auslöste.

Sie setzte den Hut ab und bürstete ihr rotgoldenes Haar leicht nach hinten.

Wundervoll war der Haaransatz über der niedrigen, wie aus feinstem bläulichweißem Porzellan geformten Stirn. Vor den kleinen schön geformten Ohren lagen lange eigenwillige Löckchen, und der vielleicht ein wenig zu schmale Hals trug das Köpfchen so stolz und frei, wie den einer Fürstin.

Jutta trat’ an das eine Fenster.

Sie gewann einen Blick in den Park, der um diese Jahreszeit kahl und öde schien. Durch die Baumstämme sah sie hellgraue Steinfiguren schimmern.

Sie dachte, wie schön es hier sein müßte im Frühling und Sommer.

Sie trat nun an das Fenster der anderen Wand und erblickte über ein Stückchen Hof den alten runden Turm, der ihr vorhin bei der Herfahrt besonders aufgefallen war.

Eine verrostete Wetterfahne saß hoch oben und bewegte sich leicht.

Es klopfte. Ilse stand auf der Schwelle.

„Nun, bist du schon ein bißchen heimisch hier geworden?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, meinte sie: „Aber das geht natürlich doch nicht so schnell! Komm nur, Jutta, jetzt wollen wir essen gehen, du wirst sicher Hunger haben. Und bei Tisch lernst du auch gleich Inspektor Werdenberg kennen, der meines Vaters rechte Hand gewesen.“

Sie faßte die etwas Kleinere unter und führte sie durch verschiedene lange Gänge nach dem Eßzimmer.

Sie ließ Jutta zuerst eintreten.

Ulrich Werdenberg befand sich bereits im Zimmer.

Er verbeugte sich etwas kurz vor Jutta Linden, und es fuhr ihm wie ein schmerzlicher Ruck durch die Glieder, so unangenehm und unsympathisch war sie ihm.

Er fand, diese allzu hellen Augen im Kranz der langen Wimpern unter den schmalen, dunklen Brauen, die viele wohl schön nennen würden, hatten so kaltglitzernden Glanz, der nicht zu der Jugend Jutta Lindens paßte.

Sie war nicht die richtige Gefährtin für die warmherzige Ilse Rauneck, das glaubte er jetzt schon zu wissen.

Eine Gefährtin für Ilse stellte er sich ganz anders vor.

Jutta Linden trug ein dunkelblaues Samtkleid, die milchweiße Haut, das rotgoldene Haar wurden dadurch äußerst wirkungsvoll gehoben.

Doch dem Manne gefiel Jutta Linden gar nicht, er empfand starke Abneigung gegen sie.

Ilse beobachtete ihn heimlich, aber sein Gesicht hatte jetzt etwas Verschlossenes, man konnte nicht davon ablesen, welchen Eindruck Jutta auf ihn gemacht.

Ulrich Werdenberg fühlte sich heute bei Tisch beengt. Die hellen Augen störten ihn, mehrmals begegnete er ihrem Blick. Ihm war es, als wandere der Blick zwischen Ilse und ihm hin und her wie in stummer Frage.

Er fand das dreist.

Er, der sonst nach Beendigung des Mahles so gern ein bißchen sitzen geblieben und sich unterhalten hatte, eilte sich heute fortzukommen. Unter dem Vorwande, eine wichtige Besorgung im Dorfe zu haben.

Und als er dann ins Dorf hinüberging, ärgerte er sich über sich selbst. Wie durfte man sich nur von einem ersten Eindruck so beeinflussen lassen, wie er es getan! Das war eigentlich reichlich kindisch für seine Jahre, und im Grunde war es wohl überhaupt nichts anderes als ein Ausfluß von Eifersucht auf diese Fremde, die da plötzlich so selbstverständlich mit am Tische saß.

Die schönste und liebste Stunde des Tages ward ihm dadurch zerstört, und deshalb grollte er Jutta Linden, trotzdem sie doch keinerlei Schuld traf.

Ilse hatte ihm erzählt, Jutta Linden stammte aus reichen Verhältnissen und habe sich dann mit einem Male, unvermittelt, der gemeinen brutalen Alltagsnot gegenübergesehen.

Man mußte ihr also wohl das warme Plätzchen auf dem Rauneckhofe gönnen.

Ein Selbstsüchtling war er!

Er konnte doch auch nicht immer mit Ilse Rauneck allein am Tische sitzen, sowieso mußte das ja einmal zu Ende gehen. Der Hof würde doch gewiß in absehbarer Zeit wieder einen Herrn bekommen.

Er preßte die Lippen fest aufeinander in jähem Schmerz. Ein Herr auf dem Rauneckhofe bedeutete, daß Ilse heiratete.

Er vermochte sich das gar nicht vorzustellen, und doch würde es einmal geschehen. Ilse Rauneck war jung, hübsch und reich, wenn erst das Trauerjahr herumgegangen, stellten sich sicher die Freier zu Dutzenden ein.

Er schritt hastiger aus. Wozu jetzt schon soviel daran denken, es würde ihm noch weh genug tun, wenn es erst soweit war.

Weshalb war Ilse kein armes Mädelchen, damit er es an sein Herz nehmen konnte!

Er mußte am Doktorhause vorbei, das eins der ersten Dorfhäuser war, wenn man aus der Richtung des Gutes kam.

Frau Hermine stand an einem der spiegelblanken Fenster und klopfte sehr energisch mit dem Knöchel gegen die Scheibe, winkte ihm.

Er machte halt, wartete, bis sich das Fenster öffnete.

„Die Gesellschafterin ist heute angekommen“, eröffnete sie die Unterhaltung, „ich sah das Auto vorbeifahren. Haben Sie Fräulein Linden schon kennengelernt, Herr Inspektor? Ich bin nämlich ein bißchen neugierig zu erfahren, wie sie Ihnen gefällt.“

Ulrich Werdenberg druckste herum.

„Du lieber Himmel, ich habe sie ja erst einmal gesehen, heute bei Tisch, und noch keine zehn Worte mit ihr gewechselt. Wie kann man da ein Urteil fällen.“

Hermine Seydel merkte sofort, der Inspektor wich einer direkten Antwort aus.

Sie tippte ihm mit dem Zeigefinger ihrer Rechten fest auf die Stelle, wo unter seiner grünbraunen Flauschjoppe wohl das Herz schlug.

„Ich möchte ja nicht wissen, was Sie von ihrem Charakter halten, mich interessiert es nur, wie sie Ihnen äußerlich gefällt. Denn ich meine, eine Alltagserscheinung ist Jutta Linden nicht. Und mich interessiert auch besonders das Urteil eines männlichen Wesens. Wir Frauen gucken unsere Mitschwestern doch meist anders an wie Ihr Männlichkeiten.“

Ulrich Werdenberg mußte wider Willen flüchtig lächeln.

„Na ja“, nickte Hermine Seydel, das Lächeln mißverstehend, „Sie strahlen schon bei dem Gedanken an die Linden. Also sind Sie entzückt von ihr. Ich glaube, vom Männerstandpunkt aus betrachtet, ist sie sehr schön.“

Ulrich Werdenberg schüttelte ernst den Kopf. „Nein, Frau Doktor, wenigstens was mich angeht, irren Sie sich sehr. Ich finde Fräulein Linden nicht schön. Sie ist mir zu kalt und künstlich. Ich weiß nicht recht, auf welche Weise ich Ihnen erklären soll, wie ich es meine. Vielleicht kennen Sie diese hypermodernen Figuren der verschiedensten Porzellanmanufakturen, man sieht sie auch in Frankfurt ausgestellt. Auffallend schmale weibliche Gestalten mit riesigen Augen und rötlichem Haar. Entweder sind sie Hexe betitelt oder Dämon, oder Sphinx oder Teufelin. Was weiß ich! Jedenfalls steht immer so ein Titel darunter, der einem gar keine Lust macht, dem Original einer dieser Figuren im Leben zu begegnen.“

Er hatte noch einiges hinzufügen wollen, nun aber brach er plötzlich ab. Was hatte er denn nur geredet? Vor ein paar Minuten hatte er noch behauptet, nach seiner bisher sehr flüchtigen Bekanntschaft mit Jutta Linden kein Urteil fällen zu können, und nun verurteilte er schon fest darauf los.

Frau Hermine schmunzelte: „Jetzt weiß ich Bescheid, Herr Inspektor, und da ich finde, Sie haben recht, können Sie sicher sein, ich erzähle es nicht weiter, was Sie eben gesagt haben. Es bleibt unter uns.“ Besorgt fügte sie hinzu: „Das Engagement dieser Gesellschafterin war eine Übereilung von Fräulein Ilse, ich glaube nicht, daß die beiden sich besonders gut verstehen werden bei längerem Beisammensein.“

Ulrich Werdenberg nickte und verabschiedete sich mit kräftigem Händedruck. Dennoch, wenn er auch wußte, Hermine Seydel würde seine Meinung über Jutta Linden für sich behalten, so war es ihm doch unangenehm, sie geäußert zu haben.

Hermine Seydel aber sann über das nach, was Ulrich Werdenberg gesagt.

Sie besaß die Angewohnheit, manchmal, wenn sie sich allein befand, laut zu denken. Und so brummelte sie denn vor sich hin: Zu dumm, daß Ilse sich die rothaarige Porzellanfigur herholen mußte. Es wäre so nett gewesen, wenn man hier einen gediegenen, solid aussehenden Zuwachs hergekriegt hätte. Bin nur froh, nicht der einzige Mensch zu sein, dem sie nicht gefällt. Dem Inspektor sieht man es ja an der Nase an, er kann sie nicht riechen. Und jetzt ist er schon soweit, nach der ersten flüchtigen Beschnupperung. Vielleicht ist sie aber trotzdem eine ganz gute Person. Man soll nicht so voreilig sein. Schließlich kann sie doch nichts dafür, daß sie so gläserne Augen ins Leben mitbekommen hat!

Frau Hermine mußte ihr Selbstgespräch beenden, das Mädchen rief sie in die Küche.

IV.

Nach dem Essen führte Ilse Rauneck die neue Hausgenossin durch alle Räume des Wohnhauses, und Jutta Linden hatte immer mehr Grund zu staunen über den gediegenen Reichtum, der sich überall kundgab.

Es bedeutete für sie wirklich ein großes Glück, vom Zufall mit Ilse zusammengeführt worden zu sein.

Alle Zimmer waren gediegen eingerichtet, manches Möbelstück aus längst vergangenen Tagen hätte jedem Museum zur Zierde gereicht.

Die Raunecks hatten wohl von je das Wörtchen „Pietät“ geachtet, sonst wären die ererbten Sachen nicht durch Generationen mit solcher Sorgfalt gehegt und gehütet worden.

In einem saalartigen Raume mit riesigen bemalten Truhen, in dem auch zwei Spinnräder von den verschollenen Zeiten träumten, als fleißige Hände sie noch zu eiliger Arbeit antrieben, stand eine vierschrötige alte Vitrine, in der allerlei Kleinkram der Vergangenheit aufbewahrt wurde.

Jutta Linden tat interessiert. Im Grunde aber war es ihr höchst gleichgültig, ob der plumpe Siegelring vom Urgroßvater Rauneck stammte oder vom Großvater, ob die breite Schnalle aus schwärzlich gewordenem Silber das Brusttuch der Urgroßmutter oder das einer anderen Rauneck geschmückt hatte, aber Ilse erzählte so wichtig und eifrig, und da sie sich bei ihr Lieb-Kind machen wollte, mußte sie eben geduldig zuhören.

Und dann fiel ihr sogar doch unter dem Durcheinander ein Gegenstand auf, der schon an Größe alles Sonstige in der vierschrötigen Vitrine überragte.

Es war ein blankgeputzter Hahn aus Messing, der den Schnabel wie zum Krähen geöffnet hatte und auf einer Halbkugel, im Durchmesser von ungefähr fünfzehn Zentimetern stand. Die andere Hälfte der Kugel lag abgeschraubt daneben. Der Hahn selbst mochte einen Durchmesser von fünfunddreißig Zentimetern haben.

Es war das größte Stück in der plumpen, umfangreichen Vitrine.

Jutta wies darauf hin.

„Man meint, der Hahn wäre von einem Kirchturm?“

Ilse nickte. „Beinahe stimmt die Annahme! Der Hahn stammt von unserem alten Turm, der noch die Zeit des dreißigjährigen Krieges miterlebt hat. Über der verrosteten, knarrenden Wetterfahne war sein Platz. Aber der Hahn ist wohl noch nicht so alt wie der Turm, dennoch müssen respektable Jahre hinter ihm liegen. Und er hat eine eigenartige Geschichte. Wenn du willst, erzähle ich sie dir gerne.“

Sie langte den Hahn von dem mit längst abgescheuertem, braunem Samt überzogenen Brett der Vitrine, hielt ihn Jutta entgegen.

„Schau dir das Tier genau an, man glaubte einmal, es sei ein Schatz in der Kugel, auf der es stand, deshalb ist sie geöffnet worden und es hat sich dann niemand mehr die Mühe gemacht, die andere Hälfte wieder anzufügen, der jetzigen Halbkugel wieder die ursprüngliche Vollkugelgestalt zurückzugeben.“

Sie stellte den Hahn, der ziemlich schwer war, wieder an den vorher innegehabten Platz und schlug vor, das Wohnzimmer aufzusuchen, weil es dort gemütlich warm wäre.

Jutta Linden war gern einverstanden, denn sie fror in dem großen ungeheizten Raum.

Im Wohnzimmer empfing die beiden mollige Wärme, und dort erzählte Ilse die Geschichte des Hahnes.

„Mein Urgroßvater, Traugott Rauneck, soll ein etwas sonderbarer Mann gewesen sein“, begann sie, „er hat sich oft über seine Mitmenschen lustig gemacht. Als er starb, waren nicht so viele Werte da, wie man eigentlich erwartet hatte, und ein merkwürdiges Testament erweckte den Glauben, er hätte diese Werte versteckt, um seine Erben danach suchen zu lassen. Er hatte eigenhändig zugunsten seines einzigen Sohnes testiert und folgenden Vers dabei hinterlassen:

Des Hauses Glück kommt nur bei Nacht,

Der Hahn am alten Turme wacht,

Wenn du ihn siehst im feurigen Schein

Wirst du der Reichste im Lande sein!“

Jutta Linden hörte aufmerksam zu. Die Geschichte war nach ihrem Geschmack.

Ilse lächelte: „Nicht wahr, ein höchst sonderbarer Vers?“ Sie erzählte dann weiter: „Der Erbe, mein Großvater, wußte aber mit dem Vers nicht viel anzufangen. Wie er ihn auch drehte, es kam kein Sinn heraus. Dennoch fand er keine Ruhe, grübelte immer wieder darüber nach. Bis dann eines Tages in dem alten Turm durch irgendeine Unvorsichtigkeit ein paar morsche Dachsparren in Brand gerieten und der Hahn bei den Löscharbeiten von der ursoliden Wetterfahne herunterstürzte. Weil man ihn aber kurz zuvor noch von Flammen umgeben erblickt hatte, meinte mein Großvater plötzlich, den Sinn des merkwürdigen Verschens erfaßt zu haben. Er hatte ja nun den Hahn, wie es darin hieß, ‚im feurigen Schein‘ gesehen und glaubte allen Ernstes, es müsse ein Schatz in der Kugel verborgen sein. Er öffnete sie oder ließ sie öffnen. Doch sie war leer und eigentlich war seine Annahme auch Unsinn, denn er sagte sich dann selbst, sein Vater hatte doch vorher gar nicht wissen können, ob es einmal im alten Turm brennen würde. Er fand, der Vers blieb sinnlos und beschied sich mit dem, was sein Vater hinterlassen, denn es war sowieso genug. Wenn auch nicht soviel, wie er gemeint. Und seitdem ist der Hahn unten geblieben und nicht mehr auf seinen früheren Standplatz zurückgekehrt. Mein Vater sprach wohl ein paarmal davon, ihn wieder über der Wetterfahne befestigen zu lassen, aber es unterblieb doch, und nun ruht er schon lange aus in der Vitrine, die Vater zuweilen unser Familienmuseum nannte.“

Jutta war etwas enttäuscht. Sie hatte doch mehr von der Geschichte erwartet, die durch das Verschen so spannend anfing.

Sie meinte: „Ich an deiner Stelle ließe den Hahn wieder auf den Turm hinaufschaffen, wo er hingehört, um so mehr, da das auch deines Vaters Absicht gewesen ist.“

Sie sagte es, ohne sich etwas dabei zu denken, ihr war es gleich, ob der Hahn auf der Wetterfahne stand oder in der Vitrine.

Aber Ilse war sofort von großem Eifer erfüllt.

„Wenn es Frühling wird, soll der alte Kerl wieder auf den Turm hinauf, bestimmt soll er das! Dein Interesse macht mir Freude, Jutta!“

Die andere lachte in sich hinein.

Nichts auf der Welt war ihr gleichgültiger als der alte Hahn von der Wetterfahne!

Man pflegte auf dem Rauneckhofe früh zur Ruhe zu gehen, und nachdem Jutta am ersten Tage mit ihrem süßesten Lächeln Ilse Rauneck „Gute Nacht“ gewünscht, und sich in ihrem Zimmer eingeriegelt und eingeschlossen, setzte sie sich an den kleinen Schreibtisch. Sie legte einen Bogen von dem hübschen, elfenbeinfarbenen Papier vor sich hin, von dem ihr Ilse vorsorglich einen Karton voll zurechtgestellt. Und dann nahm Jutta Linden die Feder zur Hand und schrieb:

„Mein einzig geliebter Frank!

Also nun bin ich in meiner neuen Stellung, bin der Quälerei des alten Höllenbesens, Verzeihung, Deiner Tante, glücklich entkommen, und scheine es gut getroffen zu haben. Unsereins wird ja allmählich bescheiden, wenn es mir auch immer noch schwer fällt, dieses Unterduckenmüssen. Und hier wird es mir wohl besonders schwer werden, weil Ilse Rauneck vor Jahren für mich die unwichtigste Person im Weltall gewesen und sie jetzt meine Herrin ist. Sie ist Besitzerin eines hochfeudalen Gutes und renommiert mit ihren Bauemahnen. Sie hat alles, was Menschen Begehr, aber sie versteht es nicht, ihren Reichtum zu genießen. Anscheinend klebt sie auf der Scholle ihrer bäurischen Ahnen fest. Ich will, wenn ich hier erst etwas warm geworden bin, den Versuch machen, sie für Reisen zu interessieren. Bei Tisch habe ich ihren Inspektor kennen gelernt. Brauchst nicht eifersüchtig zu sein, Liebster, er ist nicht mein Geschmack, aber ich bin ebensowenig der seine.

Er ließ sich das deutlich genug anmerken.

Er ist groß und breit und himmelt Ilse Rauneck an, die aber so dumm ist, daß es ihr gar nicht auffällt. Oder sie tut nur sol Es wäre aber auch eine Riesendummheit von ihr, wenn sie so was heiraten würde. Eine, die so reich ist, wie sie, kann Ansprüche machen und nach einem Titel Umschau halten. Wenn ich Dich nicht lieb hätte und dazu hoffte, wir beide kommen bestimmt noch mal aus der schäbigen Existenz heraus, in der wir uns jetzt herumdrücken müssen, dann würde ich Dir selbstlos auf irgendeine Weise die Bekanntschaft dieses Goldfisches vermitteln. Ein Baronskrönlein zieht auch in unserer sich demokratisch gebärdenden Zeit immer noch. Aber nichts davon. Ich bin egoistisch genug, ganz ernsthaft daran zu denken, die Frau, oder es klingt in diesem Fall wohl besser, die Gemahlin des Barons Frank Wildhard zu werden.

Deine Tante würde die Augen sicher sperrangelweit aufreißen, wenn sie etwas von meinem Ehrgeiz ahnte, daß ich damit rechne, mich auch einmal mit dem gleichen Namen zu schmücken wie sie.

Ach, weißt Du, Frank, wenn man in so etwas hineingerät, wie ich hier, dann fühlt man den Neid wie eine brennende Wunde.

Warum behandelt das Schicksal mich so nebensächlich, die ich viel schöner bin als diese Bauernliese, bei der ich noch dazu die dankbar Ergebene spielen muß, weil von ihr zurzeit mein Wohl und Wehe abhängt.

Ich werde sie dafür wohl allmählich hassen lernen, denn nichts empört mich mehr, als das Gefühl, jemand Dank zu schulden.

Ich werde, sobald es mir möglich, unter irgendeinem Vorwand nach Frankfurt kommen. Ich schreibe Dir natürlich noch vorher und wir treffen uns dann in der kleinen Konditorei im Frankfurter Osten, wo wir uns schon mehrmals trafen.

Jetzt will ich aber schließen, denn dieser Brief ist reichlich lang.

Also gute Nacht, mein Freund, ich bin mit vielen Küssen

Deine getreue Jutta.

Nachschrift: Schließe Deine Briefe hierher sorgfältig, auch schreibe nicht zu oft. Ich muß erst herausbringen, ob Ilse Rauneck nicht etwa neugierig ist, und sie braucht von unserer Liebe nichts zu wissen. Sie gehört zu der Sorte, die erst den Verlobungsring am Finger haben will, ehe sie auch nur einen Kuß bewilligt, glaube ich.“

Jutta Linden steckte die Bogen in einen Umschlag und schrieb eine postlagemde Adresse darauf. Sie wollte den Brief am nächsten Tage selbst in den Briefkasten werfen, draußen an der Mauer hatte sie einen bemerkt.

Mitten in der Nacht fuhr sie aus erregtem Traume empor.

Sie mußte sich wirklich erst besinnen, wo sie sich befand. Es war ja ihre erste Nacht in der noch fremden Umgebung.

Ein alter Volksglaube will wissen, was man in so einer ersten Nacht im neuen Heim träumt, ginge in Erfüllung.

Sie schaltete die Nachttischbeleuchtung ein und atmete erleichtert auf. So töricht der Traum gewesen, so sehr hatte er doch ihre Nerven beunruhigt.

Sie dehnte sich behaglich und konnte jetzt sogar über den Traum lächeln.

Wie war er doch noch gewesen?

Nein, an den Anfang des Traumes vermochte sie sich, trotz ernstlichem Nachdenken, nicht mehr zu erinnern, der verlor sich wie in vordrängenden Nebeln, aber der Schluß, aus dem sie so jäh aufgefahren, war deutlich in ihrem Gedächtnis haften geblieben.

Und der Schluß war so gewesen:

Sie hatte Ilse Rauneck am Arme Frank Wildhards zum Altar gehen sehen, in irgendeiner kleinen, mit vielen Menschen gefüllten Kirche. Und als die beiden an ihr vorüberschritten, fühlte sie einen unerträglichen Schmerz, aber sie preßte beide Hände fest auf das Herz, weil sie wollte, Frank Wildhard sollte die reiche Erbin des Rauneckhofes heiraten. Doch ehe das Paar noch an den Altar herangetreten, war plötzlich die hohe, breite Gestalt des Inspektors vorgestürzt und hatte Frank Wildhard von Ilse zurückgerissen und ihn gewürgt, bis er zu Boden fiel. Danach hatte er sich auf sie gestürzt und seine Hände um ihren schmalen Hals gelegt. Wie ein eiserner Reif hatten seine rücksichtlosen Hände ihren Hals zusammengepreßt, bis sie im letzten Augenblick, schon dem Ersticken nahe, sich frei zu machen vermocht. Und da war sie aufgewacht.

Sie lächelte nicht mehr über den Traum. Noch in der Erinnerung glaubte sie den schmerzhaften Druck der harten Finger zu spüren.

Sie erhob sich und trank ein Glas Wasser.

Sie wollte ein Weilchen wach bleiben, denn wenn man nach solchen Alpdruckträumen gleich wieder einschläft, spinnt das überreizte Hirn den schreckhaften Traum weiter oder wiederholt ihn.

Fast eine Stunde lang lag sie wach und sie dachte, an dem törichten Traum trug der Brief die Schuld, den sie noch vor dem Schlafengehen geschrieben.

Am nächsten Morgen hatte sie den Traum fast vergessen.

Draußen war es über Nacht sehr winterlich geworden. Der Schnee, der bisher noch nicht festgelegen, und sich nur ab und zu flüchtig gezeigt, war reichlich gefallen, Jutta Linden sah, ans Fenster tretend, in eine weiße, schimmernde Winterwelt.

Ilse Rauneck empfing sie mit strahlenden Augen am Frühstückstisch.

„Nun können wir bald Schlitten fahren, Jutta. Das ist eins der herrlichsten Vergnügen, die ich kenne.“

Vier Tage danach fuhr man schon weit in den Taunus hinein, und Jutta Linden sah ganz rosig aus von der frischen, starken Luft.

Sie war überhaupt sehr angeregt, und da sie die Gabe besaß, sehr gut über alles und nichts plaudern zu können, hörte Ilse mancherlei, was ihrem Interessenkreis bisher sehr fern gelegen.

Auf der Heimfahrt machte man noch einen kleinen Umweg über Bad Soden und dort verspürte Ilse Hunger.

Die beiden Damen kehrten in einem Hotelrestaurant ein, das im Sommer zu den besuchtesten Hotels des Bades gehörte und auch im Winter seine Pforten offenhielt.

Als Ilse und Jutta den während der Saison als Speisesaal für die Kurgäste dienenden Raum betraten, fanden sie schon verschiedene Tische mit lachenden, schwatzenden Ausflüglern besetzt.

Man trank Kaffee oder Wein. Appetitliche Kuchen standen vor den Gästen. Einige zogen derbere Kost vor, es roch auch nach Gebratenem.

Als die beiden Damen den schmalen Saal durchschritten, mußten sie zwischen neugierigen Blicken hindurch.

Ilse, in tiefer Trauer, sah unendlich reizvoll aus. Schon sie allein wäre aufgefallen. Doch ihre Begleiterin fiel noch mehr auf. Ihr weichwiegender Gang, ihr leuchtendes Haar, die porzellanene Klarheit ihrer Haut mußten überall die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Jutta war das Angestarrtwerden längst gewöhnt, sie quittierte es mit einem selbstbewußten Aufleuchten der großen hellen Augen, darüber die schmalen, dunklen Brauen sich so gerade hinzogen, als hätte ein Lineal dabei mitgeholfen.

Etwas entfernt von den anderen Gästen nahmen die beiden Platz und bestellten bei dem Kellner Kaffee und Kuchen.

Ilse hatte mit einem Male das Gefühl, sehr aufmerksam beobachtet zu werden, was man oft merkt, ohne es zu sehen.

Sie hob den Blick und schaute gerade hinein in zwei dunkle Männeraugen, die zu einem kühn geschnittenen Gesicht gehörten.

Ilse begriff nicht, weshalb sie diese ihren Blick festhaltenden Augen so verwirren konnten. Sie mußte den Blick fast gewaltsam losreißen.

Ein paar Sekunden später stand der Herr, der von schlanker, vornehmer Erscheinung war, schon an ihrem Tisch.

Er verneigte sich, murmelte das Wort „Verzeihung“ und wandte sich an Jutta.

„Welche Überraschung, Fräulein Linden, Ihnen hier zu begegnen. Ich habe mich heute dem Schlittenausflug von ein paar Freunden angeschlossen und freue mich, Sie zu treffen. Hoffentlich gefällt es Ihnen in Ihrer neuen Stellung besser als bei meiner Tante?“ Er wartete gar keine Antwort ab, sagte lebhaft: „Darf ich Sie bitten, Fräulein Linden, mich dem gnädigen Fräulein vorzustellen?“

Jutta war verblüfft über das merkwürdige Zusammentreffen, aber man merkte ihr nichts davon an.

Sie lächelte zu der einstigen Pensionsgenossin hinüber.

„Gestatte mir, liebste Ilse, dir den Herrn Baron Frank Wildhard vorzustellen, bei dessen Tante ich Gesellschafterin gewesen, ehe ich zu dir kam.“

Ilse neigte leicht den Kopf gegen den Baron und Jutta fuhr fort: „Fräulein Rauneck ist der gute Engel, der sich meiner angenommen, sie ist meine liebenswürdige neue Herrin.“

Ilse wehrte ab: „So etwas mußt du nicht sagen, ich will nicht deine Herrin, sondern deine Freundin sein.“

Jutta lächelte ihr bezauberndes Lächeln und nahm das Hütchen ab, legte es auf einen Stuhl.

Es war, als würde der kleine Saal plötzlich heller von dem rotgoldenen, leuchtenden Haar.

„Würden Sie mir erlauben, ein paar Minuten an Ihrem Tische Platz zu nehmen, gnädiges Fräulein?“ fragte Frank Wildhard, und sein Blick suchte wieder den Blick Ilse Raunecks.

Und wieder überfiel Ilse dieselbe Verwirrung von vorhin.

Sie fürchtete, man könnte ihrer Stimme die Verwirrung anmerken, und so behalf sie sich mit einer einladenden Handbewegung.

Gleich darauf saß der Baron schon auf dem Platz zwischen Jutta und ihr.

Er schwärmte von der großartigen Schneelandschaft, die der Taunus jetzt bot, ließ sich dann die Lage des Rauneckhofes beschreiben.

Jutta tat das.

Er ließ sie kaum aussprechen.

„O, ich weiß jetzt schon ganz genau, wo der Rauneckhof liegt, wir sind bei der Herfahrt daran vorbeigekommen. Hinter einer hohen Mauer findet sich ein Zusammendrängen von Baulichkeiten aller Art, durch ein breites, schmiedeeisernes Gittertor sieht man ein niedriges, langgestrecktes Herrenhaus verschiedener Stilperioden, und alles überragend, ein Wahrzeichen aus sehr alten Tagen, einen runden grauen Turm. Nicht wahr, das ist der Rauneckhof?“

Ilse lächelte fast zärtlich.

„Ja, das ist mein geliebter Rauneckhof!“

„Sie Glückliche“, sagte er betont, „es ist ja eine Art von Königreich, das Sie besitzen. Schön muß es sein, so eine ländliche Scholle sein nennen zu dürfen! Verschiedene meiner Vorfahren waren auch Gutsherren, aber allmählich modelten sie sich um in Soldaten und Kavaliere des Königs. Keiner verstand es so recht, das Geld festzuhalten. Ich habe auf Wunsch meiner Tante, bei der ich lebe, und auf eigenen Wunsch Landwirtschaft studiert, auch einige Zeit praktisch gearbeitet auf dem schlesischen Gut einer Freundin meiner Tante. Aber es ist so schwer, eine passende Stellung zu finden, ich liege meiner Tante auf der Tasche und warte auf das Glück, endlich einmal unterkriechen zu können.“

Er unterbrach: „Vergebung, ich rede viel von meiner eigenen herzlich unbedeutenden Person. Aber bei der Erinnerung an den Rauneckhof, an dem unser Schlitten vorbeiflog, ward wieder einmal die alte Sehnsucht in mir wach, ein paar Morgen Land mein zu nennen, es bebauen zu dürfen wie ein echter, rechter Bauer.“ Er lächelte Ilse an und zeigte dabei die kräftigen, gesunden Zähne. „Das Blut meiner Vorfahren wird gelegentlich förmlich rebellisch.“

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