Kitabı oku: «Resi Trautners Lebensroman»

Yazı tipi:

Anny von Panhuys

Resi Trautners Lebensroman

Roman

Saga

Resi Trautners Lebensroman

© 1924 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570319

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

Frau Doris Faber beweinte ihr totes Kindchen, ihr blondes, süsses, zweijähriges Mädelchen. Ihr feines Gesichtchen hob sich von Tag zu Tag schmaler und blasser aus dem schwarzen Tüllgefältel der Halsrüsche, den stumpfen Kreppschleiern, die schwer und lastend von dem kleinen Hut niederfielen.

Doch reizvoll war die blutjunge Doris Faber auch in ihrer Trauer, unendlich reizvoll. Aber ihrem Manne schnitt der Anblick der immer bleicher werdenden geliebten Frau ins Herz, und er sann auf Mittel und Wege, Doris zu zerstreuen, ihre trüben Gedanken abzulenken, ihren Wangen die Rosenfarbe zurückzugeben.

Er besprach sich mit dem Arzt.

Der schlug eine Reise vor, eine weite Reise in eine Natur die anders, ganz anders war als die der Mark Brandenburg.

„Gehen Sie an den Bodensee, in den Schwarzwald, reisen Sie ein paar Wochen herum, lieber Freund,“ riet er, „Ihr Frauchen ist, wie Sie sagen, aus dem Flachland noch nicht herausgekommen, zeigen Sie ihr ein Stückchen unserer schönsten deutschen Heimat. Am Bodensee grüssen die schimmernden Alpen aus der Schweiz herüber, gewichtig und ernst grüssen dort die Vorarlsberge Oesterreichs, die Schwarzwaldtannen wollen den Himmel stürmen, und von den Bergen jagen Wildbäche in schäumendem, rasenden Lauf zu Tal.“

Die Züge Dr. Ernstmanns strahlten. „Hab’ vor dreissig Jahren meine Hochzeitsreise dorthin gemacht. Herrlich war es, göttlich schön.“ Er seufzte. „Seither hat’s nicht mehr gelangt, das liebe Geld, so weit fortzugehen. Söhne kosten zuviel.“ Sein Gesicht hellte sich auf. „Aber die Erinnerung, die haftet und steigt empor, wenn der graue Alltag in unserem lieben, engen märkischen Städtchen mich wie dichter Nebel einzwängt, dass ich gleich vielen meiner lieben Mitbürger nicht weiter vor mich sehen kann, als meine Nase lang ist. Ja, dann steigt sie empor, die Erinnerung, und zieht in farbenprächtigen Bildern an mir vorüber und“ — er lachte plötzlich — „und ich sehe alles, alles wieder so lebendig vor mir wie damals auf meiner Hochzeitsreise. Ich bin vielleicht zu bescheiden, dass ich mit der Erinnerung im Herzen noch heute glücklich bin, aber ich bin’s.“

Er legte Gustav Faber die Hand auf die Schulter. „Sehen Sie, Verehrtester, wenn ich manchmal des Abends ein ruhiges Stündchen mit meiner Frau zusammensitze, und sie redet mir zuviel von den teuren Fleischpreisen und der Dienstbotennot, dann brauche ich nur ein paar Worte zu sagen, nur den leisen Anschlag bringen: Weisst du noch? Dann wird aus meiner behäbigen, grauhaarigen Frau ein junges, dunkellockiges Weibchen, Reisezauber umspinnt uns beide, und wir wandern über Berg und Tal oder fahren über den gleissenden, tiefen Bodensee, sehen Firnen glühen und vergessen unsre Alltagsnot. Und deshalb, lieber Faber, folgen Sie meinem Rat, ziehen Sie mit Ihrem trauernden Frauchen in die wundervolle Gotteswelt hinaus, gönnen Sie ihr und sich die Reise, ich denke und hoffe, draussen wird die kleine Frau gesund.“

Gustav Faber blickte nachdenklich vor sich hin. „Ich bin durchaus kein reicher Mann, Herr Doktor, wenn wir auch ein paar tausend Mark liegen haben, ein Maschineningenieur —“

Er konnte nicht weitersprechen, denn der Doktor unterbrach ihn ziemlich schroff: „Haben Sie Ihre Frau lieb oder nicht?“

Der andere nickte bestürzt. „Aber gewiss, Herr Doktor, sehr, sehr lieb sogar.“

Dr. Ernstmann putzte seinen Kneifer, setzte ihn energisch auf und blitzte den Ingenieur durch die scharfen Gläser an. „Na also, was wollen Sie weiter? Können Sie dann überhaupt noch zögern, wenn Ihnen die Möglichkeit winkt, Ihre Frau aus dem Schmerz herauszureissen, dem ihre zarte Gesundheit auf die Dauer nicht gewachsen ist?“ Er schnippte mit den Fingern. „Meinetwegen reisen Sie wo anders hin. Thüringen und Harz sind näher, auch die Sächsische Schweiz, ich kann Ihnen keine Vorschriften machen. Ich aber an Ihrer Stelle wäre leichtsinnig, es sollte mir in diesem Falle auf etwas mehr oder weniger Geld nicht ankommen. Ich verspreche mir etwas von der Reise, die ich Ihnen vorgeschlagen, für Ihre Frau. Jedenfalls Medikamente helfen nichts, das Gemüt ist krank, da nützen weder Pillen noch Salben.“

Gustav Faber war plötzlich mit sich im Reinen, der behäbige Doktor hatte recht, er wollte seinem Rat folgen. Herzlich drückte er dem Aelteren die Hand.

Der Doktor hielt die Hand einen Augenblick fest. „Ich werde Ihnen die Reise, wie sie am vorteilhaftesten für Sie ist, aufschreiben, dafür müssen Sie mir aber unterwegs einen Gruss ausrichten.“

Faber verneigte sich. „Gerne, Herr Doktor, wen darf ich von Ihnen grüssen?“

Der Aeltere lächelte versonnen. „Es ist keine Person, der mein Gruss gilt, sondern es ist eine kleine Weinkneipe, tief drinnen im Gewinkel von Konstanz’ alten Gassen. Der Zufall führte mich mit meinem jungen Frauchen damals dorthin, und wir tranken uns einen seligsüssen Rausch an Dürkheimer Feuerberg.“ Sein Lächeln vertiefte sich. „Auch mein Frauchen hatte einen Schwips, und als wir Arm in Arm die kleine Schenke verliessen, da winkten wir zurück: Auf Wiedersehen!“ Er unterdrückte ein tiefes Atemholen. „Aus dem Wiedersehen wird nichts, bestellen Sie deshalb meinen Gruss. Das Wirtshausschild trug die Aufschrift: ‚Weinstube zum Paradiesgarten‘. Grüssen Sie das Häuschen und trinken Sie dort Dürkheimer Feuerberg.“

Faber lächelte. „Ich werde Ihre Grüsse ausrichten, Herr Doktor, ganz bestimmt werde ich es tun.“

Frau Doris wollte anfangs nichts von einer Reise wissen, aber allmählich liess sie sich umstimmen, und nachdem ihr Mann Urlaub erhalten, wurde die Fahrt angetreten. Unterwegs bezeigte Frau Doris wenig Interesse, wohl wurden ihre Augen heller, zeigten Staunen und Bewunderung, als sie neben dem Gatten mit der Höllentalbahn durch den sich eben herbstlich färbenden Schwarzwald fuhr, aber dann versank sie wieder in ihre alte düstere Schwermut.

Faber jedoch genoss bis ins tiefste Herz, was die Gotteswelt hier in verschwenderischer Fülle bot. Er war ein Kind der Mark, wie seine Frau, und die enge Heimat hatte ihm bisher ebenso wie ihr genügen müssen. Als Sohn einfacher Leute wusste er den Wert des Geldes zu schätzen, und Reisen war teuer.

Seine Blicke nahmen innig in sich auf, was da draussen an ihm an Naturschönheit vorüberzog, und er versuchte immer wieder aufs neue, Doris zu begeistern.

Hoch oben fuhr der Zug, und tief drunten lagen die einsamen Gehöfte. Stille, verträumte Schwarzwaldhäuser, niedrig und breit, fast erdrückt von dem weit heruntergehenden Dach. Eine Mühle, um deren Rad weissschäumend die Wasser sprangen, tauchte auf, und noch im leuchtendsten Sommergrün prangende Wiesen, darauf saubere Kühe weideten. Das Läuten ihrer abgestimmten Glocken klang melodisch und traut durch die offenen Fenster des Eisenbahnwagens.

„Ist es nicht schön hier, Liebste?“

Faber nahm sanft die Hand seiner jungen Frau, die durchsichtig weiss auf dem kreppumrandeten Kleiderrock lag.

Sie lächelte traurig. „Ich möchte dir so gern ein frohes Gesicht zeigen, aber ich kann es nicht, unaufhörlich muss ich an Klein-Lisi denken, die in der dunklen Erde liegt. Ich sehne mich nach ihrem Grab.“

Den Mann durchschauerte es. Immer und immer Klein-Lisi, überall drängte sich das tote Mädelchen vor, hemmte ihm jedes freie Aufatmen und machte seine junge, früher so lustige Frau zur Sklavin.

War auch diese Reise umsonst, hatte sich Dr. Ernstmann mit seiner Hoffnung doch getäuscht?

Still und gedrückt reisten beide weiter.

Sie machten öfter Rast und waren doch ruhelos überall. Wohin sie auch kamen, die tote Klein-Lisi war stets in ihrer Mitte. Wenn Doris ein kleines Mädelchen umherspringen sah, dann wurden ihre Augen wehmutsgetrübt.

Sie standen beide Arm in Arm auf dem Hohentwiel, und ihnen zu Füssen lag die Welt des Hegaus. Der Mann beschwor alte Zeiten herauf, erzählte von der jungen Schwabenherzogin Hadwig, die einst hier gelebt, und der Zauber der Vergangenheit, der den Hohentwiel umwehte, ward lebendiger mit jedem Wort.

Aber Doris hörte kaum, was der Mann sprach, ihre Sehnsucht wollte nicht geschichtliche Vergangenheit, ihre Sehnsucht suchte ihr totes Kind, dessen Geist sie überall umschwebte. Ein Gräblein auf einem engen märkischen Friedhof, gekrönt von einem Zypressenbäumchen, war das Ziel ihres ständigen Denkens.

Der Mann drang mit zärtlichen Bitten in sie, das höchste, was ihm dafür ward, war ein verlorenes, müdes Lächeln, das zerquält verflatterte, ein kurzer Satz, der wie wehes Weinen klang und verhauchte wie leiser Geigenton.

Da stöhnte der Mann heimlich und haderte mit dem Geschick. Wie glücklich war er gewesen, ehe Klein-Lisi starb, nun aber trug er schwere Bürde; der Gedanke, seine Doris, sein geliebtes, blutjunges Weib könne dem Kinde vielleicht eines Tages in das Land nachfolgen, daraus es keine Heimkehr mehr gab, lastete immer drückender auf ihm.

So erreichten die beiden Konstanz, die alle Stadt am Bodensee.

Doris sah blasser als je aus, und eines Morgens bat sie bewegt: „Lass uns heimreisen, Liebster, ich finde ja doch nirgends Frieden. In der Nacht habe ich von Lisi geträumt, und sie blickte mich mit gefalteten Händchen an und sagte: Böse Mutti, weshalb gingst du so weit weg von deinem Kind, ich warte immer und immer auf dich in meinem Grabe.“

Gustav Faber umschlang die Frau eng und zärtlich. „Doris, du darfst dich nicht zu weit verlieren, sonst werden wir beide unglücklich, und das würde unser Kindchen sicher nicht wollen. Denke daran, was dir der Pfarrer gesagt.“

Doris lachte gequält. „Ich weiss, ich weiss: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Es klingt gut, aber mein Herz ist davon nicht leichter geworden.“

Der Mann strich über die weichen, blonden Frauenhaare: „Sei verständig, Doris, füge dich dem Schicksal, tausend Mütter müssen es tragen.“

Sie antwortete nicht, aber in ihren Augen stand die stumme Bitte: „Schweige, ich leide schwerer als tausend Mütter, schweige!“

Er schlug eine Wanderung durch Konstanz vor, die alten Gassen mit ihren krummen Häusern, das Münster und das alte Kaufhaus am See lockten ihn. Und dann ging er mit der schwarzgekleideten Frau durch das Gewirr der Gässchen. Er suchte die Schenke „Zum Paradiesgarten“, um ihr des alten Doktors Gruss zu bringen.

Plötzlich blieb er stehen, ein altes Wirtschaftsbild hatte seine Aufmerksamkeit erregt. „Zum Paradiesgarten“ stand darauf.

Die Buchstaben waren vom Regen verwaschen, von der Sonne gebleicht, kaum noch lesbar, aber Faber hatte sie doch entziffert. Hier also sollte er den Gruss bestellen, dem alten, schmutzigen, windschiefen Häuschen einen Gruss bestellen von einem, der in einem märkischen Städtchen ein braver Bierphilister geworden und sich hier einmal einen seligen, unvergessenen Rausch auf der Hochzeitsreise angetrunken. Ein närrischer Wunsch des alten Doktors.

Er lächelte und erzählte ihn Doris.

Auch ihre Lippen umspielte ein Lächeln. „Wahrlich, ein närrischer Wunsch.“

„Wollen wir ein Glas Wein dadrinnen trinken?“ fragte der Mann.

Doris verneinte hastig. „Es ist eine elende Spelunke, wir passen nicht dahinein.“

Faber musste ihr recht geben.

Vor langen Jahren mochte die Wirtschaft „Zum Paradiesgarten“ sich wohl gefälliger präsentiert haben als heute. Eben wollte er den Schritt wenden, da schrie Doris auf, ein grosser, brutal aussehender Mensch war im Rahmen der Wirtschaftstür erschienen und stiess ein kleines Mädchen roh hinaus.

„Elendes Wurm, such’ dir Brot auf der Gasse und friss mir nicht das beste weg!“

Das Kind stürzte zu Boden, und Doris eilte auf das weinende Geschöpfchen zu, das sich ganz in sich zusammenduckte.

Der rohe Mensch war verschwunden, und Doris nahm das Kind unendlich zart und vorsichtig empor.

„Sieh doch, Liebster, es hat Augen wie Klein-Lisi hatte, und so blonde Löckchen wie sie.“

Wahrhaftig, das Kind sah Klein-Lisi ähnlich, schien es Faber, nur war es schmutzig angezogen, und das tränenüberströmte Gesichtchen zeigte sich nicht gerade vorteilhaft.

Ein junges, ärmlich gekleidetes, sehr schlankes Weib mit schönem, aber verhärmtem Gesicht trat bescheiden heran.

„Ich danke Ihnen, gnädige Frau, dass Sie so gut zu meiner Kleinen sind. Mein Mann ist wieder einmal betrunken, und dann darf sich das Kind nicht vor ihm sehen lassen —“ sie zögerte, „sonst ist er aber seelensgut.“

Faber sah Doris an. Das arme junge Weib log wohl aus Liebe, denn seelensgut war der brutale Mensch von vorhin sicherlich niemals.

Aber das ging sie beide auch nichts an.

Er sagte: „Sie dürfen keinesfalls dulden, dass Ihr Mann so entsetzlich roh zu der Kleinen ist.“

Die Frau zuckte hilflos die Achseln, und langsam zogen ein paar Tränen über früh verblühte Wangen.

Doris lachte mit dem Kind und streichelte es mit sanften mütterlichen Händen. Plötzlich sagte sie kurz: „Geben Sie mir ihr Kind, Frau, mein eigenes ist mir gestorben, und ich würde sehr gut zu Ihrer Kleinen sein, niemand dürfte ihr mehr wehe tun.“

Die Frau hob die etwas schweren Lider über wundervollen Augen.

„Mein Kind soll ich Ihnen geben, mein Kind?“ Sie streckte die Arme aus. „Komm, Resl, komm, du darfst nicht länger belästigen.“

Das Kind schob sich noch enger an Doris heran, und die runde, weiche Wange ruhte dicht an Doris’ Gesicht. „Komm doch, komm!“ lockte die Mutter.

Das Kind rührte sich nicht.

„Gib das Kind der Mutter zurück,“ sagte Gustav Faber und wollte das Kind anrühren.

Da schmiegte sich die Kleine noch enger an und krampfte die Händchen in Doris’ Gewand.

„Du siehst, Resl will bei mir bleiben,“ lächelte Doris, „also lass mir das Kind und sprich mit der Frau, wieviel sie dafür haben will.“

„Ich verkaufe doch mein Fleisch und Blut nicht,“ schrie das vergrämte Weib auf.

„Ihr Kind soll es gut bei mir haben,“ beteuerte Doris eifrig, und zum erstenmal nach langer Zeit sah Faber ihre Wangen sich färben.

Doris fuhr dringlicher fort: „Wenn sich nun das Kind den Kopf eingeschlagen hätte bei dem Sturz? Ihr Mann quält das Würmchen, und wenn Sie Ihr Kind lieben, ist es Ihre Pflicht, es dem Elend zu entreissen, wenn sich Gelegenheit dazu bietet, ehe es zu spät ist.“

Ein paar Leute aus der Nachbarschaft umstanden die Gruppe und starrten neugierig.

„Kommen Sie mit in die Wohnung, schlug die junge Frau vor, „drinnen können wir weiterreden.“

Faber folgte den anderen kopfschüttelnd. Was tat Doris, was wollte sie tun? Ein fremdes Kind wollte sie aufnehmen, ein Kind, das aus Schmutz und Elend kam?

Er flüsterte eifrig auf sie ein, stellte ihr vor, sie könne doch selbst noch Mutter werden; doch alle Einwände wurden von ihr zurückgewiesen. Erkaufe mir meinen Frieden, schenke mir Klein-Lisis Ebenbild.“

Dabei blieb sie, und die vergrämte Wirtin vom Paradiesgarten fand schliesslich den Gedanken, das Kind fortzugeben, gar nicht mehr so wehtuend wie im Anfang, hatte sie doch schon gar so viel Angst um das kleine Geschöpf erlitten.

Ueberaus einfach und armselig war der Raum, in dem man verhandelte, und Gustav Faber konnte den Bitten und Tränen seiner Frau nicht allzu lange widerstehen. Er bat ebenfalls: Ueberlassen Sie uns Ihr Kind als Pflegetöchterchen, es soll bei uns gut behütet werden und eine Heimat finden.“

Plötzlich stand der grosse, brutale Mann im Zimmer. Er begriff schnell und rief dröhnend: „Wenn Sie tausend Mark auf den Tisch legen, ist das Wurm Ihr Eigentum.“

Die Frau schrie auf. „Das wäre Sündengeld. Wenn ich Resl hergebe, will ich keinen Pfennig, dann geschieht es nur, damit das Kind aus dem ewigen Jammer hier herauskommt.“

Er lachte. „Sei froh, wenn du den Balg los wirft und noch Geld dafür siehst.“ Er streckte die Hand aus. „Tausend Mark für den Grasaff, dann können Sie mit ihm glücklich werden.“

„Ich gebe Ihnen zunächst zweihundert Mark, und erst, wenn wir zusammen beim Notar gewesen und Sie beide notariell auf das Kind Verzicht geleistet haben, erhalten Sie die grössere Restsumme.“

Doris lächelte verklärt. Wunderschön, wie eine gnadenspendende Madonna sah sie aus mit dem Kinde im Arm.

Am nächsten Tage schon führte Doris ein hübsches, kleines Mädelchen an der Hand, das in guten neuen Kleidern einem blonden Püppchen glich.

Gustav Faber war sich nicht ganz klar, ob es klug gewesen, dieses fremde Kind dem gewohnten Boden zu entreissen, aber eigentlich war es zu spät, darüber nachzudenken, Resl Trautner war jetzt sein Pflegetöchterchen.

Auf der Heimfahrt befand sich Doris in strahlendster Stimmung, sie liess das Kind nicht aus den Augen, und so war diese Reise, wenn auch in anderem Sinne als gedacht, für sie von Erfolg gewesen, sie ward wieder zu der heiteren jungen Frau von früher, und ihr Mann atmete wieder ruhig und froh, denn Doris legte bald die düsteren Trauergewänder ab.

Die Leute in der Kleinstadt schüttelten die weisen Häupter: Ein so junges Ehepaar darf kein fremdes Kind annehmen, das gibt nur böses Blut, wenn eigene Kinder kommen.

Der alte Doktor aber lächelte, als ihm Faber alles erzählte: „Ein Mädelchen aus dem Paradiesgarten in Konstanz, wo es einstens so guten Dürkheimer Feuerberg gab? Eigen ist’s. Sehen Sie, Verehrtester, wenn ich Ihnen den Gruss nicht aufgetragen hätte, würde Sie Ihr Weg vielleicht niemals dort vorbeigeführt haben. Wollen an eine Vorsehung glauben, an eine Vorherbestimmung.“ —

Ein Jahr später ward Doris Mutter eines gesunden Töchterchens, und von dem Augenblick an musste Resl zurückstehen. Da glaubte Faber nicht mehr an Vorsehung und Vorausbestimmung, wie es der gute, dicke Doktor tat, und wünschte zuweilen, er hätte dem sentimentalen Wunsch des Doktors lieber nicht Folge geleistet und niemals den Paradiesgarten in der schmutzigen engen Gasse von Konstanz gesehen.

II.

Als Therese Trautner zehn Jahre alt war, fragte sie zum ersten Male: „Sage, Mutti, weshalb heisse ich nicht Faber wie du, der Vater und wie Schwester Erna?“

Frau Doris nahm das Köpfchen der Fragerin sanft zwischen beide Hände. „Du bist nicht Vaters Kind, nicht das meine, wenn wir dich auch genau so lieb haben, als wärest du es.“

Thereses Augen wurden starr und dunkel. „Du und Vater, ihr seid nicht meine Eltern, aber weshalb bin ich denn bei euch, weshalb bin ich denn nicht da, wo ich geboren bin?“ Der kleine, schmale Körper zitterte, und das Mündchen stand leicht offen, fieberte der Antwort entgegen.

Doris Faber war längst auf solche Fragen gefasst gewesen und hatte längst die Antwort bereit. „Meine liebe Resi, du bist weit von hier geboren, auf einer Reise führte uns ein Zufall dorthin. Deine Eltern waren eben gestorben, und weil ich kurz zuvor mein Töchterchen verlor, nahm ich dich mit mir, so wurdest du unser Kind, ein Jahr vor Ernas Geburt.“

Resis Gesicht war wie von einer Wolke verhängt. „Ich kann kaum begreifen, dass ihr eigentlich nicht richtig zu mir gehört oder ich nicht zu euch.“

Doris Faber sagt ein bisschen streng: „Was ist dabei zu begreifen, du gehörst doch zu uns.“

Resi wagte an dem Tage keine weitere Frage mehr, so viele ihr plötzlich auch noch im Herzen brannten.

Ein paar Jahre später fragte sie, worüber sie schon Stunden und Tage gegrübelt: „Wer waren meine Eltern, und wie sahen sie aus, habt ihr kein Bild von ihnen?“

Doris kam ihrem Manne, der ausweichend antworten wollte, zuvor. „Deine Eltern waren Bauern im Schwarzwald, arme Bauern, die Haus und Hof verloren und jung starben. Bilder von ihnen fanden sich nicht vor.“

Gustav Faber begriff seine Frau nicht. Weshalb sollte Resi nicht die Wahrheit erfahren? Man konnte doch nie wissen, ob nicht der Zufall eines Tages die Wahrheit enthüllte. Aber vor den warnenden Augen seiner Frau schwieg er.

Er war bequem geworden und scheute jede unnütze Gemütserregung. Schliesslich war die Geschichte auch wohl lediglich Frauensache Er ging lieber in seinen Kegelklub.

Ein anderes Mal sagte Resi: „Seit ich weiss, ich bin nicht euer Kind, möchte ich gern die Gräber der Eltern sehen, dort beten, ihnen Blumen bringen.“

Frau Doris lächelte wie über eine Kinderei. „Sei froh, dass es dir gut geht, du gehörst zu uns, und wenn du uns deinen Dank beweisen willst, dann sprichst du nie mehr von den Toten und denkst auch nicht mehr daran. Da du sie nicht kanntest, müssen sie dir doch Fremde sein.“

Resi presste die Lippen fest aufeinander. Wie einfach und selbstverständlich die Mutter das sagte. Ihr aber war gar nicht so einfach und selbstverständlich zumute, sie hätte wer weiss was dafür gegeben, wenn sie gewusst hätte, wie ihre Eltern ausgesehen.

Sie wuchs zu einem ernsten, stillen Mädchen heran, und wenn die junge Schwester draussen umherflitzte, mit Mädeln und Buben tollte, sass sie über irgendein ernstes Buch gebeugt und las und lernte.

Gustav Faber war Oberingenieur der Maschinenfabrik geworden, und da er Tüchtiges leistete, erhielt er gutes Gehalt. Aber allmählich mit dem Heranwachsen der Töchter wurde der Hausstand immer teurer, denn Frau Doris war eitel wie die Jüngste, und Erna durfte nur das Schönste und Kleidsamste tragen. Sie war ein blondes, süsses Geschöpf, ward der Mutter immer ähnlicher, und wenn Gustav Faber auch zuweilen über die Verschwendung seiner Damen zankte, im Grunde zürnte er ihnen niemals ernstlich. Der kleine Hausstand wurde auf grossem Fusse geführt und Gäste waren stets willkommen.

Der Weltkrieg, der so vielen, so unzähligen Familien das heilige Kreuzeszeichen des Schmerzes in die Herzen gebrannt, bereitete in der kleinen Villa niemandem persönliches Weh. Oberingenieur Faber war unabkömmlich, und nahe Verwandte, die hinausgezogen waren in Not und Tod, besass weder er noch Doris. So floss die grosse Blutwelle, die beinahe ganz Europa überflutete, an ihrem Heim vorbei.

Gustav Faber hatte den alten Doktor einmal gebeten, niemals ein Wort an Resi über ihre Herkunft zu verlieren, und er hatte es gelobt. Resi war viel im Doktorhause. Die wissenschaftlichen ärztlichen Bücher lockten sie, und ihre Sehnsucht war es, Aerztin zu werden.

Frau Doris lachte, als sie davon hörte, laut hinaus. „Bist du verrückt, Therese, wie kommst du nur auf so eine ausgefallene Idee? Junge Mädchen sind zum Heiraten da und nicht zum Quacksalbern. Du wirst an dem neuen Tanzkursus von Fräulein Rettenhof teilnehmen mit Erna zusammen, damit dir schwerblütigen Grillen etwas vergehen. Der Krieg ist aus, die Jugend darf sich wieder ihrer Jugend freuen.“

„Therese schüttelte den Kopf. „Lass das, Mutter, ich mag nicht tanzen, es ist nicht die Zeit dazu.“

Frau Doris erwiderte unmutig: „Du bist bereits neunzehn Jahre, und es ist nötig, dass du ein anderes Wesen annimmst, sonst würdest du ein Altjüngferchen werden. Erna ist nicht so schwerfällig wie du, um die braucht mir nicht bange sein.“

Mutterstolz leuchtete in ihren Augen.

Therese schwieg und dachte, dass Mutterliebe doch fast immer blind ist, sonst hätte es der Mutter nicht verborgen bleiben können, dass Erna tausend kleine Heimlichkeiten trieb und immer neue Ausreden ersann, um von Haus wegzuwitschen. Verstohlene Rendezvous, postlagernde Briefchen gehörten zu Ernas Lebensbedarf. Einmal fand sie so einen Brief bei Erna und sagte ernst: „Auf solche Korrespondenz darfst du dich nicht einlassen, das schadet deiner Ehre!“

Da schalt die Jüngere die Aeltere: „Aufpasserin, Spionin, Scheinheilige,“ und fing an sie zu quälen und bösartig zu necken, denn in Erna war etwas Böses, das manchmal durchdrang und sich Luft machen musste.

Therese aber blieb gleich freundlich und lieb zu der Schwester, mit der sie keine Blutsbande verknüpften, und die sie dennoch liebte und bewunderte, weil sie so feingliedrig und sonnig zart war, während ihr früher blondes Haar längst dunkelbraun geworden war und ihre tiefblauen Augen jetzt fast schwärzlich schienen. Auch besass sie nicht Ernas lichte Haut, ihr schmales, etwas scharfes Gesicht war wie aus nachgedunkeltem Elfenbein.

Frau Doris lachte manchmal, wenn sie nicht immer und immer Resi um sich gehabt hätte, würde sie glauben, das Kind sei ihr vertauscht worden. Wie eine Südländerin sah Resi aus, und ihr Name passte schlecht zu ihr.

„Dolores müsstest du heissen, Kind,“ sagte Dr. Ernstmann, der nun seit langem Witwer war und schon Mitte der Achtzig stand. Seine Söhne waren ausserhalb verheiratet, der jüngste verwitwet wie er. Er lebte ein stilles Einsiedlerleben und kurierte zuweilen noch ein bisschen an den Menschen herum, wenn er gerade gewünscht wurde. Er nannte Resi, wenn er mit ihr allein war, ‚Dolores‘, und sie hörte sich gern so nennen. Es klang sanft und dennoch voll. Dolores, die Schmerzenreiche. Sie musste lächeln. Schmerzen, wirkliche, grosse Schmerzen, nein, die kannte sie nicht, die waren ihr bisher fremd geblieben. Dass sie ihre wahren Eltern nie gekannt, war wohl der einzige Schmerz in ihrem Leben.

Als Kind hatte sie darunter gelitten, heute war sie darüber hinweg, nur zuweilen in stillen Nächten, wenn sie plötzlich erwachte und die Stille wie ein heimliches Raunen und Atmen war, dann sann sie: wie wohl die Mutter gewesen, und ein leises Sehnen zog über ihr Herz, dass es erbebte, und ihr war, als höre sie fernes, verlorenes Weinen.

III.

Nun hatten Resi und Erna tanzen gelernt, und Frau Doris wollte eine kleine, ganz kleine Gesellschaft geben, später sollte getanzt werden.

Ihr Mann widersprach zum erstenmal ganz heftig: „Wir sind keine reichen Leute, in dieser teuren Zeit gibt man keine Gesellschaften.“

„Sollen deine Töchter Vestalinnen werden?“ sagte Frau Doris, die sich noch jung gehalten und mit ihrem Lächeln ihren Mann noch heute wie einst gefügig machte.

„Resi liegt an dem albernen Herumgehüpfe gar nicht,“ wehrte er ab.

Sie zuckte die Achseln. „Sie muss doch heiraten, denn immer kann sie nicht hier herumhocken oder gar drüben beim alten Ernstmann, mit dem sie allerlei ärztlichen Humbug treibt. Erna beschwerte sich, neulich habe sie einen Armknochen zum Präparieren mit ins Haus gebracht, sie hätte sich furchtbar geekelt.“

„Wollen sie doch studieren lassen,“ meinte er nachdenklich.

Sie wehrte heftig ab. „Ausgeschlossen, ich will keine Emanzipierte, und dann kostet das Studium auch viel Geld, und unsere rechte Tochter darf in keiner Weise benachteiligt werden.“ Sie seufzte. „Hätte ich geahnt, dass ich noch ein eigenes Kind haben würde, hätte ich natürlich niemals die Dummheit gemacht —“

„Halt ein!“ unterbrach er schroff, „du gehst zu weit, dergleichen darfst du niemals sagen, auch nicht vor mir, denn ich warnte dich damals. Jetzt ist Resi unser Kind, genau wie Erna, wir müssen unser Gut und unsere Liebe zwischen beide gerecht und ehrlich verteilen.“

Frau Doris lächelte überlegen. „Die Stimme des Blutes fragte nicht nach Gerechtigkeit. Dass ich Erna tausendmal mehr liebe als Resi, wer will mir einen Vorwurf daraus machen?“

Resi stand plötzlich wie dem Boden entstiegen zwischen den Vorhängen, die zwei Zimmer trennten. Ihr Antlitz war fahl, aber die tiefblauen Augen dunkler denn je, als sie sagte: „Frau Direktor Messner ist eben gekommen, Mutter.“

Frau Doris’ rosige Wangen waren auch erblasst. Sie fragte unsicher: „Hast du gehört, was wir hier eben gesprochen haben?“

Resi war zu stolz zum Lügen. So bekannte sie ehrlich: „Ja, ich hörte zufällig den letzten Satz von dir, musste ihn hören. Aber sei ruhig, Mutter, ich wäre die letzte, die dir einen Vorwurf machen würde, weil du Erna tausendmal mehr liebst als mich. Ich bin zufrieden und dankbar für das, was du mir gibst.“ Ihre dichten Wimpern senkten sich, und still huschte sie hinaus.

Frau Doris biss sich zornig auf die Lippen. „Abscheulich ist es, dass sie gerade hören musste, was am wenigsten für sie bestimmt war. Im übrigen klang ihre Antwort seltsam — ich werde manchmal nicht klug aus dem Mädel.“

„Sie empfindet, dass sie gegen Erna zurückgesetzt wird,“ meinte der Mann, „sie tut mir zuweilen leid.“

„Zurückgesetzt?“ fuhr Frau Doris auf. „Aber ich bitte dich, Gustav, davon kann doch gar keine Rede sein, sie erhält alles, was Erna erhält, alles!“

Er lächelte nachgiebig. Wozu Streit? Aendern würde er doch nichts. Also weshalb jetzt antworten, dass Resi zwar genau so viel an Kleidung und anderen Dingen erhielt wie Erna, dass aber alles, was sie bekam, von minderer Güte war. Und Resi besass ausgesprochenen Schönheitssinn, der mochte oft darunter leiden

Frau Doris ging, und ihr Mann blickte ihr sinnend nach. Wie ganz anders hatte sich seine Frau entwickelt, als er früher geglaubt, wie so ganz, ganz anders. Vor dem Tode Klein-Lisis lustig und sanft, gefügig und einfach, nach ihrem Tode abgestumpft, für nichts empfindlich; froh und lieb und einfach wieder, als Resi ins Haus kam, und nach Ernas Geburt eine selbstbewusste, eitle Frau, die es mit der Gerechtigkeit nicht so genau nahm. Sonst hätte sie sich immer und immer sagen müssen, sie hatte Resi ihren Verhältnissen entrissen, ihr Tochterrechte gegeben, sie durfte ihr die eigene Tochter nicht vorziehen.

Gustav Faber brannte sich eine Zigarre an. Gut wäre es, wenn sich für Resi bald ein Mann fand, er fürchtete allerlei Reibereien innerhalb der häuslichen vier Wände, und seine Ruhe und Bequemlichkeit ging ihm über alles. —

Frau Doris begann mit den Vorbereitungen für den Gesellschaftsabend. Neue Kleider sollten die Mädchen haben. Erna sass im behaglichen Wohnzimmer neben der Mutter, und beider Augen ruhten auf einem Modeblatt. Ernas Gesicht lächelte verträumt, während ihr rechter Zeigefinger eine Modefigur nachzeichnete.

„Sieh, Mutti, wie reizend dieses Kleid ist, sieh nur den Faltenwurf und die entzückende Stickerei. Ich denke mir, es müsste für mich in hellgrüner Seide gearbeitet und die kleinen Ranken auf Schultern und Brust in zartestem Rosa oder Weiss hineingestickt werden. Dazu eine matte, ganz matte Rose im Haar.“ Sie blickte mit leuchtenden Augen die Aeltere an. „Mutter, sage ja, ich bitte dich darum. Nicht wahr, das Kleid lässt du mir arbeiten?“

Frau Doris nickte. „Natürlich, Liebling, natürlich. Aber ich weiss nicht, was wir mit Resi machen? Ob ihr mattgrün steht und dann — für euch beide kommen solche Kleider doch vielleicht etwas zu teuer.“

Ernas hellblaue Augen hatten plötzlich einen kalten Glitzerschein. „Ach, Resi,“ sagte sie in leicht wegwerfendem Tone, „wozu muss die denn dasselbe tragen wie ich? Ihr Weisses vom Tanzstundenball ist doch noch tadellos, während meines den hässlichen Riss hat. Sie soll es anziehen, das ist doch ganz einfach.“

Frau Doris zog ein wenig die Brauen hoch und überlegte. Ernas Rat war eigentlich gar nicht schlecht. Auf diese Weise wurde eine hübsche Summe Geld gespart. Resi mochte vielleicht nicht einmal viel an einem neuen Ballkleid liegen, sie tanzte ja nicht besonders gern.

Eben trat Resi ein, und unwillkürlich glitt ein feines Lächeln über ihr Gesicht, als sie Mutter und Schwester über der Modezeitung fand. „Nun, sucht ihr etwas Hübsches für uns zum Anziehen aus? Was meint denn das Schwesterchen, was wir für den grossen Abend wählen sollen?“

Das stumpfe Schweigen der beiden fiel ihr nicht weiter auf. Sie war in froher Jungmädchenstimmung und plauderte unbekümmert weiter.

„Ich alte, pedantische Resi freue mich jetzt doch auf unseren Abend und denke, es wird recht hübsch werden.“ Ihre Augen fielen auf dieselbe Kostümzeichnung, die noch vor Minuten Erna so begeistert hatte. Sie liess sich nieder und wies darauf hin. „Entzückend ist das Kleid, schlicht und doch vornehm, es gefällt mir sehr und — —“ sie blickte von der einen zur anderen, „wenn ich nicht irre, ist es auch euer Geschmack?“ Ihr Blick streichelte Erna beinahe. „Unser Blondchen müsste hinreissend süss in dem Kleide aussehen, ich dächte, hellgrün wäre die rechte Farbe.“

Erna nickte. „Ja, das haben Mutti und ich eben auch besprochen.“

„Fein,“ lächelte Resi, „diese Uebereinstimmung unseres Geschmacks, ich denke, auch meine Zigeunerart darf helles Grün tragen.“

Frau Doris und Erna wechselten einen schnellen, verständnisvollen Blick.

Eine kleine Pause entstand.

Resi lächelte unbefangen weiter. „Meint ihr, dass mich hellgrün auch kleidet? So gut wie Erna allerdings wohl kaum.“

Die Blonde sagte rasch: „Nein, hellgrün steht dir sicher gar nicht, und ich habe auch bereits mit Mutti darüber gesprochen. Es ist am besten, du ziehst das weisse Kleid an, das du zum Tanzstundenball trugst.“

Resis Lächeln löste sich ganz langsam von den schmalen Zügen, und ein seltsames Fragen dämmerte in ihren Augen auf. Erna erklärte mit dem naivsten Gesicht von der Welt: „Sieh, Resi, es ist doch jetzt alles so bodenlos teuer, man muss sparen, es ist klug, wenn du dein weisses Kleid nimmst. Meins hat einen hässlichen Riss — —“

Resi lächelte schon wieder.

„So, meint ihr es! Ja, das sehe ich ein, ihr habt völlig recht, mein weisses Kleid genügt natürlich. Aber dein Riss, Erna, ist auch nicht so schlimm, ich verspreche dir, den Schaden so tadellos auszubessern, dass niemand etwas davon merkt.“ Sie sah Doris an. „Dann kannst du das Geld für zwei neue Kleider sparen, Mutter.“

Frau Doris murmelte etwas vor sich hin. Sie schämte sich ein wenig, hatte das Gefühl, in eine selbstgelegte Schlinge gegangen zu sein.

Erna aber sprang auf, das Modeblatt fiel zu Boden. „Lass doch den blöden Gouvernantenton! Ich trage keine gestopften Kleider, merke dir das, und schliesslich habe ich es nicht so nötig zu sparen wie du.“

Frau Doris erhob sich. „Was fällt dir ein, Erna, in welchem Ton redest du mit deiner Schwester?“

Ernas Augen hatten wieder den alten Glitzerschein. „Lass doch, Mutti, einmal muss man ihr gegenüber doch ein bisschen deutlich werden, denn sie meint immer mit grösster Selbstverständlichkeit, sie hätte genau die Rechte hier wie ich.“

„Erna, ich bitte dich, sei still,“ unterbrach Frau Doris, „gewiss hat Resi dieselben Rechte und deshalb wird sie auch dasselbe Kleid erhalten wie du. Wenn es auch teuer kommt, es muss sich eben machen lassen.

Nun stand auch Resi auf. Gross und schlank stand sie vor den beiden kleineren Frauen. In ihren Zügen zuckte es wie heimliches Wetterleuchten, aber ihre Stimme war ruhig, als sie sagte:

„Liebe Mutter, wenn du auch Erna hindern kannst, allzu deutlich zu werden, so konntest du doch nicht hindern, dass ich längst begriffen habe, was sie meint. Sie sprach wahr, ich habe hier nicht dieselben Rechte wie sie, die dein leibliches Kind ist, während ich nur ein angenommenes bin. Sie ist hier daheim, während du mir nur aus Mitleid hier eine Heimat gegeben hast. Ich habe keine Eltern mehr und muss dem Himmel dankbar sein, der gute Menschen aussandte, die sich meiner erbarmten.“ Sie lächelte wehmütig. „Habe jahrelang nicht so recht daran gedacht, aber in letzter Zeit wurde ich doch öfter erinnert, und es ist gut so, sonst würde ich vielleicht völlig vergessen haben, dass dies hier nicht mein Elternheim ist, sondern Heim der Gnade.“

Frau Doris, die sich schuldig fühlte, es aber nimmermehr eingestanden hätte, ward zornesrot.

„Dein Ton ist nicht der rechte, hinter deiner scheinbaren Demut verbirgt sich Hochmut.“

Resis Augen blickten fast schwarz. „Verzeih, wenn ich den rechten Ton nicht fand, doch glaube mir, nichts liegt mir ferner als Hochmut.“ Ganz traurig setzte sie hinzu: „Ich hätte doch gar keinen Grund dazu.“

„Das meine ich auch,“ sagte Frau Doris scharf. Schärfer, als es in ihrer Absicht lag. Aber sie konnte nichts dafür, Resis Auftreten reizte sie immer wieder.

Ein grosses Schweigen setzte ein, und nach einem Weilchen ging Resi still zum Zimmer hinaus.

Erna machte ein etwas unsicheres Gesicht, dann aber grollte sie: „Es schadet ihr gar nichts, wenn sie einmal etwas geduckt wird.“

Frau Doris streichelte ihr blondes Kind. „Du bist tausenmal schöner als sie, man muss dich ja lieber haben, mein Süsses.“

Erna lächelte taubenhaft. „Mutti, du bist so gut, so gut. Resi hat gar kein Verständnis dafür. Bedenke, sie ist doch nur das Kind armer Schwarzwaldbauern, und wer weiss, was aus ihr geworden wäre, wenn du dich nicht der Elternlosen erbarmt hättest.“

Frau Doris war gerührt über ihre eigene Güte. Sie hatte das Gefühl, sich anzuvertrauen, zu zeigen, dass ihr Herz noch edler gehandelt, als es schien. Wozu brauchte der eigenen Tochter ein Märchen aufgebunden werden? Sie war wohl berechtigt, die volle Wahrheit zu hören.

Sie legte den rechten Arm um Ernas Schultern und ging so mit ihr zum Sofa, wo sich beide dicht nebeneinander niederliessen.

Die Aeltere lächelte: „Du bist nun schon über sechzehn Jahre, mein Liebling, und ich denke, es braucht für dich kein Geheimnis mehr aus der Herkunft Resis gemacht zu werden; denn die Geschichte von den toten Schwarzwaldbauern, die ihr Kind arm und hilflos in der Welt zurückliessen, ist nur ersonnen, um Resi die Wahrheit zu verbergen.“

Ueber Ernas Lippen zitterte ein Laut des Staunens, äusserste Spannung malte sich auf ihrem Gesicht. „Aber woher stammt denn Resi sonst, Mutti?“ und von eigner romantischer Stimmung erfasst, fragte sie hastig: „Resi ist wohl von vornehmer, hoher Herkunft, sie hat manchmal so etwas Stolzes, Unnahbares.“

Frau Doris schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil, Liebling, ganz im Gegenteil. Resi stammt aus Niedrigkeit und Armut.“

Ihr tauchten plötzlich Bedenken auf, ob sie nicht doch vielleicht unklug handelte, die allzu junge Erna einzuweihen. Aber nun war es zu spät. Ernas Neugier drängte und drängte.

Da nahm Frau Doris Ernas Rechte. „Versprich mir, mein Kind, gegen jedermann, auch gegen Resi, über das zu schweigen, was ich dir jetzt sagen werde.“

Erna lächelte obenhin. „Natürlich, Mutti, natürlich, ich werde doch ein Geheimnis zu wahren wissen.“ Doppelt gespannt war sie jetzt auf das, was sie erfahren würde.

Und nun erzählte Frau Doris ihrer jungen Tochter von der kleinen, schmutzigen Wirtschaft „Zum Paradiesgarten“ in Konstanz, und Erna lauschte, als würde ihr ein spannender Roman erzählt.

Als die Mutter geendet, richtete sie sich mit tiefem Atemholen auf. Jetzt wusste sie, woher Resi stammte, jetzt wusste sie es anders, als sie es bisher gewusst. Das war eine von der ersten völlig verschiedene Lesart. So sahen in Wirklichkeit Resis Eltern aus, ihre Eltern, die vielleicht noch lebten. Die Mutter war eine arme, müde Frau, der Vater ein Trunkenbold und Rohling, und mit einem Tausendmarkschein liessen sich beide ihr Kind bezahlen.

„Das ist ja Gesindel gewesen,“ sagte sie hart und verächtlich, „stolz kann Resi auf ihre Eltern wahrlich nicht sein.“

Frau Doris nickte. Nein, stolz konnte Resi darauf nicht sein, die bäuerischen Eltern aus dem Schwarzwald, die allzu früh starben, wirkten dagegen gediegen.

„Wenn Resi wüsste, was ich nun weiss, ich glaube, das dämpfte ihren Stolz,“ sagte Erna, und in ihren Augen stand wieder der kalte Glanz.

Frau Doris erhob sich. „Um Gotteswillen, Kind, niemals soll sie davon erfahren, niemals.“

Erna lächelte. „Von mir erfährt sie nichts.“ Leise Verachtung umspielte ihre Lippen. Was doch die Einbildung tut! Sie sah die Pflegeschwester, nun sie über deren Herkunft aufgeklärt war, plötzlich in ganz anderem, schärferen Licht. Bisher war immer noch ein matter Schein sanfter Romantik um sie herum gewesen, jetzt aber schien ihr das, was kurz zuvor noch ein zart abgetöntes Pastellbild, eine groteske Zeichnung aus einem Schundroman. Leichter Widerwillen quoll in ihr auf.

Sie sagte erregt: „Du warst engelhaft gut damals, Mutti, als du das fremde Kind annahmst. Im ganzen Leben kann Resi dir nicht danken, was sie dir schuldet.“

Frau Doris streichelte Erna. „Wir wollen hoffen, dass sie, auch ohne die volle Wahrheit zu wissen, die Dankbarkeit niemals vergisst.“

IV.

In der kleinen Faberschen Villa brannten alle Lüster. Taghell erleuchtet waren die Räume, darin sich beinahe dreissig Personen zusammengefunden hatten. Man hatte längst gegessen und stand nun in plaudernden Gruppen herum.

Es sollte gleich getanzt werden. Das grösste Zimmer war zu diesem Zweck ausgeräumt, und die jungen Mädchen wippten schon ungeduldig mit den Füssen.

Erna sah bildhübsch aus in dem neuen, lichtgrünen Seidenkleid, das Haar in hohem Scheitelknoten wob goldene Gloriole um das süsse Gesicht mit den meist sanft blickenden hellblauen Augen. Frau Doris hatte sich ein rehfarbenes neues Seidenkleid geleistet. Fast schlicht erschien zwischen den beiden Resi in dem schneeigen Tüllgewand. Schlicht und doch unendlich vornehm.

Wie eine junge exotische Fürstin, die inkognito hier weilt! dachte Professor Martin Ernstmann, der jüngste Sohn des alten Doktors, der, einer Bitte seines Vaters folgend, die Einladung Frau Fabers angenommen hatte. Er weilte für kurze Zeit auf Besuch bei seinem Vater und liebte dergleichen Vergnügungen eigentlich wenig. Sein Auge folgte Resi, aber zuweilen musste er auch Erna bewundern. Zwei bildschöne Mädchen waren die Schwestern, jede in ihrer Art schön. Er war nach kurzer, kinderloser Ehe Witwer geworden und hatte bisher niemals daran gedacht, wieder zu heiraten. Wenn er jetzt aber Erna anblickte, empfand er so eine warme, innige Zärtlichkeit, die sich mitteilen wollte. Lieb musste es sein, so ein zierliches Elfenbeinpüppchen in den Arm nehmen zu dürfen, ihm tausend kosende Worte ins kleine Ohr zu flüstern. Er lächelte über seine Gedanken. Narr, der er war! Das blonde Dingelchen war sechzehn Jahre, er zweiundvierzig, also zu alt für sie, viel zu alt, so zarte, junge Blümchen waren nicht für ihn erblüht — und dann, er wollte einsam bleiben, seine Arbeit nahm ihn völlig in Anspruch. Er hatte seine Studenten, die hingen an ihm, er hatte seine Bücher und sein Werk, daran er arbeitete. Die Wissenschaft musste ihm völlig ersetzen, was er einmal nur kurz besessen: Weib und Liebesglück!

Seine schlanke Gestalt machte einen äusserst vorteilhaften, jugendlichen Eindruck, und sein ein wenig eckiges Gesicht mit den klugen dunklen Augen übersah man nicht so leicht. Professor Martin Ernstmann war schon in verhältnismässig jungen Jahren eine Kapazität geworden, und die Medizinstudierenden kamen von weither, um bei ihm zu hören. Er zählte zugleich zu den bedeutendsten Chirurgen Deutschlands.

Erna hatte wohl bemerkt, dass ihr die Männerblicke häufig folgten, und plötzlich musste sie denken, dass „Frau Professor“ eigentlich ein klangvoller Titel war. Drollig, wenn ihre Jugend sich schon mit solchem Titel hätte schmücken dürfen.

Sie konnte hinreissend kindlich und süss lächeln, und zog damit den Mann an sich, als hätte sie ein grelles Flackerlicht aufgestellt, um eine Motte anzulocken. Was er nicht für möglich gehalten, geschah, er, der seit langen Jahren nicht mehr getanzt hatte, forderte sie zum Walzer auf.

„Von den modernen Tänzen verstehe ich natürlich nichts, Fräulein Faber,“ lächelte er, „aber einen Walzer will ich immerhin noch wagen.“

Erna schlug schwer und langsam die Lider hoch. Es war das eine besondere Spezialität von ihr, die sie lange und oft vor dem Spiegel im verschlossenen Zimmer geübt hatte.

„Ich mache mir nicht viel aus den neuen Tänzen, aber es gehört nun einmal mit dazu, sie zu lernen, und man tut das, ohne sich viel dabei zu denken.“ Sie sah ihn verschämt an. „Ich freue mich jetzt auf den Walzer mit Ihnen, Herr Professor.“

Herrgott, war das ein süsses Weiberexemplarchen!

Professor Martin Ernstmann stieg das Blut zu Kopf. Er tanzte ziemlich schwerfällig, aber mit dem blonden Mädelchen im Arm schien es ihm ein Schweben hoch im Aether.

Resi stand abseits und sah die beiden tanzen. Ein ungleiches Paar. Wie ein luftiges, loses Flöckchen hing Erna im Arm des hochgewachsenen Mannes, dessen Körper nur schwer dem ungewohnten Tanzschritt nachgab. Weich und schwärmerisch sang ein Wiener Walzer den wiegenden Dreivierteltakt, nach dem sich die Paare drehten.

Der Professor lächelte vor sich hin, sein ernstes, eckiges Gesicht war förmlich verschönt von dem Lächeln.

In Resi erwachte ein eigenes, ihr völlig unverständliches Gefühl. Es war, als ob sie die Schwester um den Tänzer beneidete, und sie begriff doch nicht, weshalb sie neidisch hätte sein sollen. Sie machte sich doch gar nichts aus dem Tanzen, und ausserdem waren Tänzer genug für sie da. Sie hatte den Walzer überschlagen, wie sie am liebsten jeden ferneren Tanz auch überschlagen hätte, denn in ihr war Traurigkeit, seit ihr Erna neulich vorgeworfen, sie habe hier nicht die gleichen Rechte wie sie.

Weh hatte das getan, unsagbar weh!

Die blonde, süsse Schwester, die sie vergöttert hatte, war roh gewesen, hatte ihr mit grob zupackender Hand weh getan. Fast weher als die Mutter kurz vorher, die gesagt, sie habe Erna tausendmal lieber als sie.

Waren beide deshalb so lange gut und still gewesen, um sie nun, wo ihr Herz hier wurzelte, wo sie in den Pflegeeltern Vater und Mutter, in der Pflegeschwester die Schwester liebte, hundertfach damit zu quälen, dass sie es sie fühlen liessen, du gehörst nicht zu uns?

Resi litt und hatte doch niemanden, dem sie ihr Leid hätte klagen können. Dem alten Doktor? Nein, dazu war sie zu stolz, niemand sollte wissen, mit was für Gedanken sie sich herumschlug.

Ihre Augen folgten wieder dem Professor, der gewichtig und langsam den lockenden Walzerklängen gehorchte. Neben ihm glitt in weit verträumtem Spiel der Glieder ein Elfenprinzesschen, eine junge Märchenkönigin, dahin. Blondlockig, im grünen, schillernden Kleide. An Undine musste Resi denken, Undine, die Seelenlose, konnte man sich so vorstellen wie die Schwester.

Der Tanz war zu Ende. Der Professor wollte mit einer Verneigung zurücktreten.

Erna lächelte ihn an. „Wollen ein bisschen plaudern, am Tanzen liegt mir nicht viel.“

„Erzählen Sie mir von Ihrem Beruf, Herr Professor, er interessiert mich. Denken Sie, ich hatte schon zuweilen den Wunsch, Medizin zu studieren.“

Er blickte erstaunt in das feine Mädchengesicht. „Sie, Medizin, aber nein, das wäre dann wohl nur, um modern zu scheinen. Die jungen Mädchen von heutzutage meinen ja alle, ohne Universitätsstudium ginge es nicht.“

Erna schritt an seinem Arm ins Nebenzimmer, wo bequeme Sitze zum Ausruhen einluden. Beide nahmen Platz.

Erna schüttelte mit drollig wichtiger Ernsthaftigkeit den Kopf. Sie wusste genau, welche Bewegungen sie kleideten.

„Nein, Herr Professor, die Medizin zieht mich an, weil ich es mir wunderschön denke, Aerztin zu sein, um arme Kranke gesund zu machen. Namentlich würde ich mich um die Kinder kümmern. Kinderärztin zu werden, reizt mich. Den armen Kleinen zu helfen, das ist doch eine hohe und schöne Aufgabe.“

Er blickte sie erstaunt und bewundernd an und ahnte nicht, dass ihm in dem noch so jungen Mädchen eine schon äusserst geschickte Komödiantin gegenübersass, die kluge, warme Worte nachsprach, die sie einmal von Resi gehört und belacht hatte.

Mit Freude bemerkte sie, welche Wirkung ihr geschickter kleiner Schwindel erzielte. Sie konnte wahrlich ausserordentlich mit sich zufrieden sein, der berühmte Professor zappelte schon in ihrem Netz. Es war doch ein wohltuendes Gefühl, wenn man es mit sechzehn Jahren verstand, solch eine Respektsperson an die Strippe zu legen.

Sie wollte einmal sehen, ob sie ihn weiter festhielt. Jung heiraten war gar nicht so übel, noch dazu einen Mann mit Titel und Einfluss. Einer jungen Frau stand die Welt ganz anders offen wie einem jungen Mädchen. All die vielen „Das darf man nicht“ fielen weg.

Ernas sechzehn Jahre hatten schon heimlich zu viel übermoderne Romane verschlungen, in denen vom Ausleben der Individualität die Rede war, als dass ihr die Gelegenheit, einen Mann zu finden, der sie aus der Enge und Bravheit der Kleinstadt hinausführte, nicht erwünscht gewesen wäre. Der Professor war ja gerade kein Adonis, ein wenig jünger hätte er allenfalls auch sein dürfen, aber schliesslich, alles Gute war nie beisammen.

So zog sie denn ihr reines, süsses Lächeln über das Gesicht, dies Lächeln, das wie ein klarer, durchsichtiger Schleier war, und redete allerlei Dinge, die klug und töricht zugleich schienen und sich um den Mann gleich einem unsichtbaren und doch festen Netz legten.

Resi tanzte und tanzte wie ein Mensch, der irgend etwas in sich betäuben muss. Warum, sie wusste es nicht. Sie wusste auch nicht, weshalb es ihr Enttäuschung und Schmerz bereitet, dass sich der Professor so auffallend Erna widmete.

Wie gerne hätte auch sie sich mit ihm unterhalten! So manches hätte sie ihn fragen mögen, es musste schön sein, sich von ihm, dem berühmten Mediziner, Fachfragen beantworten zu lassen.

Doch gleich schüttelte sie den Gedanken wieder ab. Martin Ernstmann stand zu hoch, war zu klug, um mit einer in der Medizin herumpfuschenden Dilettantin Fachfragen zu beantworten. Zudem schien er, heute abend wenigstens, an alles andere eher zu denken als an seine Wissenschaft.. Ernas Liebreiz hatte ihn in Bande geschlagen, ihre süsse, bestrickende Blondheit hatte es ihm angetan. Es war ja nicht zu verwundern, gar nicht zu verwundern, denn so schön wie Erna gab es keine Zweite.

In Resis Augen war die Schwester äusserlich der Inbegriff alles Reinen und Holden; dass ihr Innerstes nicht auch so rein und hold war, das hatte sie ja leider neulich bei der Kleiderfrage bewiesen. Resi fühlte Schmerz, sobald sie daran dachte. Und während ihr all diese Gedanken in bunter Unordnung durch den Kopf zogen, tanzte sie, tanzte, ohne recht zu wissen, was sie tat.

Sie bemerkte nicht, dass ihr mancher verwunderte Blick folgte, bemerkte nicht, dass auch Erna wieder tanzte und der Professor, etwas abseits stehend, dem Spiel der Tanzenden folgte. Er sah Resi mit geröteten Wangen und flimmernden Augen, und unwillkürlich sann er, weshalb gerade dieses Mädchen, das ihm vorher so hoheitsvoll und stolz gedünkt, fast bacchantisch der Tanzlust frönte. Ein Aufhören, eine Pause schien es für sie gar nicht zu geben.

Wie sehr vermochte das Aeussere eines Menschen zu täuschen! Die blonde Sechzehnjährige, die er für einen übermütigen, leichtsinnigen Backfisch gehalten, besass dagegen den Ernst und das Streben eines gereiften Weibes. Wie lieb sie das gesagt hatte: „Namentlich würde ich mich um die Kinder kümmern, und deshalb am liebsten Kinderärztin werden, reizt mich. Den armen Kleinen zu helfen, das ist doch eine hohe und schöne Aufgabe!“

Der Satz klang in ihm nach und liess ihn nicht mehr frei. Aber er mochte sich das süsse Lockenköpfchen gar nicht über dicke Buchfolianten gebeugt vorstellen. Es passte nicht zu ihr, und ihre feinen, kleinen Händchen konnte er sich wohl schmeichelnd und streichelnd denken, aber nicht bei einer Sektion.

Er verabschiedete sich früh, sonst vergass er über Erna Fabers Lieblichkeit, dass er ein würdiger Professor war, der über anderes nachzugrübeln hatte als über junge Mädchen.

V.

In ihrem gemeinsamen Schlafzimmer waren Resi und Erna damit beschäftigt, sich zur Ruhe zu begeben.

Die Aeltere half der Jüngeren, deren Kleid sehr umständlich zu öffnen war. Sie fragte dabei: „Wie gefiel es dir heute abend, warst du zufrieden?“

Erna lachte. Ein kleines, halb verstohlenes Silberlachen. „Natürlich war ich zufrieden und habe auch allen Grund dazu. Hast doch sicher ebenso wie alle anderen bemerkt, wie mich der Professor auszeichnete.“

„Ja, das hat Professor Ernstmann getan,“ erwiderte Resi langsam und begriff nicht, weshalb sie schon wieder Neidgefühl auf die Jüngere empfand.

In Erna waren noch die Geister des Schaumweins wach, und übermütig sagte sie: „Wenn ich es darauf anlege, kann ich Frau Professor werden, der Professor hat sich vollständig in mich vergafft.“

„Aber Erna, was sind das für Ausdrücke, und in welchem Ton sprichst du von dem berühmten Mann?“ wehrte Resi entsetzt.

Die Jüngere bog sich vor Lachen. „Ach, spiele doch nicht den Tugendbolzen, hast ja getanzt wie eine Mänade. Im übrigen lockt es mich vielleicht, schon mit sechzehn Jahren Braut zu heissen, alle Freundinnen würden sich giften.“

Resi löste den letzten Haken an Ernas Kleid und wandte sich dann ab.

Ueber die Schulter hin sprach sie: „Du solltest dich schämen, so oberflächlich über den Professor zu reden. Du bist ja noch unreif bis in Mark, und so ein Mann, der Ansprüche machen kann, steht viel zu hoch, ist viel zu schade, um von deiner törichten Backfischlaune zum Spielball benützt zu werden.“

Nun hatte sie aber in ein Wespennest gestochen. Das zarte Gesichtchen Ernas färbte sich purpurrot, die sanft scheinenden Augen funkelten katzentückisch.

„Hast wohl selbst Absichten, Mamsellchen, he? Nun, die lass dir nur vergehen. Ich mache mir im Grunde meines Herzens zwar gar nichts aus dem alten Langweiler, aber sein Titel gefällt mir, und sehr reich soll Professor Ernstmann auch sein, von seiner verstorbenen Frau her. Ich werde dir beweisen, dass ich imstande bin, meiner Backfischlaune Erfüllung zu verschaffen. Dachtest du vielleicht, weil du bei seinem Vater, dem Doktor Ernstmann, jetzt ein- und ausgehst, du könntest dir den feinen Freier kapern? Lass nur, deine Mätzchen verfangen nicht, ich habe dem Professor schon alle deine Lebensziele und Lebensträume als mein Eigentum serviert.“

Sie stellte sich in Positur, himmelte zur Decke: „Die Medizin zieht mich an, Kinderärztin möchte ich werden, den armen Kleinen zu helfen, ist eine hohe und schöne Aufgabe.“

Die andere hatte sich ihr wieder voll zugewandt. „Hast du es gewagt, dem Professor eine solche Komödie vorzuspielen?“ fragte sie bebend.

Erna nickte lächelnd: „Jawohl, habe ich das gewagt, und meine Worte haben auf ihn einen sehr guten Eindruck gemacht, davon kannst du überzeugt sein.“

Resi war sehr blass geworden. „Schäme dich, Erna, pfui, schäme dich! Der arme Mann darf kein Opfer deiner Intrige werden. Wie kann man in deinem Alter schon so berechnend sein.“ Sie streckte plötzlich beide Arme aus, als wollte sie die Jüngere an sich ziehen. „Verzeih’, Schwester, verzeih’ mir. Nein, du bist nicht berechnend, du machst nur törichte Scherze, willst Neckerei treiben, oder du liebst den Professor. Dein Herz hat sich beim ersten Blick für ihn entschieden, dann stände natürlich alles, alles in einer ganz anderen Beleuchtung da.“

Fast angstvoll hafteten ihre fragenden Augen auf dem Antlitz der Schwester.

Die blickte anfangs verblüfft, dann aber machte sie eine ungeduldige Bewegung. „Scheinst ja reichlich sentimental, meine liebe Resi, heutzutage müssen junge Mädchen praktisch denken, mache dir die Weisheit auch zunutze.“

Ohne noch eine Silbe zu verlieren, kleidete sich Resi aus und legte sich nieder. Sobald auch Erna im Bett lag, drehte sie das elektrische Licht ab. „Gute Nacht!“ sagte sie leise und gewohnheitsmässig.

Erna kicherte. „Dachtest wohl, der Professor wäre was für dich? Ehrlich zugegeben, würde er vielleicht auch besser zu dir als zu mir passen, aber eigentlich wärest du durch deine Geburt auch nicht standesgemäss für ihn.“

Resi fuhr im Dunkeln mit der Hand über die Augen, die plötzlich schmerzten, als sässen brennende Tränen dahinter.

„Ich kenne den Professor kaum und pflege nicht an die Person jeden Mannes, der mir begegnet, gleich Heiratspläne zu knüpfen.“ Sie schluckte ein paarmal. „Weshalb du mir aber meine Geburt vorwirfst, begreife ich nicht. Deine Eltern haben mich aufgenommen, ohne sich daran zu stossen, und ich dächte, es wäre keine Schande, das Kind armer Bauern zu sein.“

Erna antwortete nur durch unterdrücktes Kichern. Sie musste ja schweigen, hatte es der Mutter gelobt — aber das Schweigen fiel ihr schwer.

Resi lag noch lange wach. Sie wusste nicht recht, was sie gar so sehr bedrückte. War es die Kluft, die sich seit kurzem immer weiter zwischen ihr und der jungen Pflegeschwester auftat, oder war es Bedauern mit dem Professor, den Erna zum Zielpunkt eines Ränkespiels ausersehen?

Resi hätte weinen mögen, unaufhaltsam weinen — und unterdrückte doch die Tränen. Was ging sie der Professor an, der fremde Mann? Uebermüdet fand sie erst gegen Morgen den ersehnten Schlummer.

Sie schlief noch, da sassen der alte Doktor Ernstmann und sein jüngster Sohn sich schon am Frühstückstisch gegenüber.

Der alte Herr fragte: „Nun, Martin, wie hat es dir denn bei den Fabers gefallen?“ Und ohne Antwort abzuwarten: „Nicht wahr, ganz liebe, aber ein bisschen oberflächliche Menschen, nach meiner Ansicht hat nur die älteste Tochter einen gediegenen Fundus in sich.“

Martin Ernstmann wiegte zweifelnd den Kopf hin und her. „Mir machte die Jüngere einen gediegeneren Eindruck, die Aeltere tanzte unablässig.“ Er lächelte sinnend. „Weisst du, Vater, als ich sie so tanzen sah, musste ich an die sagenhaften Willis denken.“

Der alte Herr rückte mit den Schultern. „Sagenhaften Willis? Mein lieber Junge, davon habe ich noch niemals etwas gehört.“

Der Professor strich sich ein Brot und erklärte: „Willis sind die Geister junger toter Mädchen, die auf Erden allzugern tanzten und selbst im Grabe keine Ruhe finden können. Tanzwut treibt sie des Nachts aus der kühlen Erde, lässt sie in wildem, verzücktem Taze über den Friedhof hinschweben. Heidi! Lustig dahin über Gräber und Leichensteine.“

„An diese Ruhelosen musstest du denken, als du Dolores tanzen sahest?“ sagte der alte Herr langsam und kopfschüttelnd.

Der andere blickte fragend. „Heisst die junge Dame nicht Therese und wird im Hause Resi genannt?“

„Ja,“ der alte Herr nickte, „aber ich nenne sie Dolores, den Namen gab ich ihr, er scheint mir so passend für sie. Ihre stolze, dunkle Schönheit, von einem Hauch leiser Wehmut umzittert, darf nicht Resi heissen.“

„Hast nicht so unrecht, Vater,“ stimmte der Jüngere bei, und lächelnd schloss er: „Nur die Tanzwut passt schlecht zu Dolores.“

Der Aeltere sagte nichts mehr, aber er musste immerfort denken, dass ihm Dolores, wie er sie auch bei sich nannte, doch mehr als einmal versichert hatte, sie habe gar keine besondere Vorliebe für den Tanz.

Der Professor sagte: „Die jüngere Faber ist ein liebliches Geschöpf und voll ernsten Strebens.“ Er erzählte von ihrem Wunsch, Aerztin zu werden, Kinderärztin.

Der alte Herr schüttelte den Kopf. „Der Irrwisch, die Prinzess Putzmücke, Aerztin? Ja, weisst du denn, mein Sohn, mit dem, was du mir heute erzählst, wirfst du meine bisherige Einschätzung vollständig über den Haufen. Da müsste ich ja jahrelang gar keine Augen im Kopf gehabt haben.“ Er machte eine wegwerfende Bewegung. „Der Laubfrosch Aerztin? Es ist einfach lachhaft. Du hast dir von dem grünen Ding einen schönen Bären aufbinden lassen.“

Martin Ernstmann spürte Aerger in sich aufsteigen. Weshalb sprach der Vater so obenhin, so spöttisch von dem herzigsten Mädelchen, das die Erde trug, an das er immer und immer seit gestern abend denken musste. Wenn er nicht schon so ein alter Krauter wäre, weiss der Himmel, die blonde Erna Faber hätte ihm sehr, sehr gefährlich werden können, darüber war er sich völlig klar.

Heimliches Sehnen fasste ihn an.

Er wollte bald abreisen, aber vorher musste er das herzige, liebenswürdige Mädchen noch einmal sehen und sprechen. Morgen würde er einen formellen Dankbesuch für die Einladung machen und sich dabei auch zugleich verabschieden.

Es war ein schöner, klarer Wintervormittag, sonnig und angenehm; da ging Professor Ernstmann durch die stillen Strassen der kleinen Heimatstadt. In der vergangenen Nacht hatte es zum erstenmal geschneit, und hie und da lagen noch weisse Schneeinselchen, darin sich Sonnenstrahlen zu fröhlichem Glitzerspiel verfingen. Doktor Ernstmann besass ein Häuschen oben am Kirchplatz, und der Professor dachte an seine Kinderzeit. Im Winter, wenn es tüchtig geschneit hatte, war er mit den älteren Brüdern auf einem kleinen Schlitten den Kirchberg hinunter gefahren. Hei, war das immer eine Lust gewesen, der Inbegriff aller Lust und allen Vergnügens. Keine spätere Rodelfahrt mit seiner hübschen, lebenslustigen Frau in St. Moritz war ihm so schön erschienen.

Er ging über die Promenade und dachte plötzlich wieder an Erna Faber. Seine Frau war auch blond gewesen, aber nicht von so schimmerndem Goldblond wie Erna, und er dachte an sein stilles, grosses Heim in Frankfurt am Main, darin noch alles so stand wie zu Lebzeiten seiner Frau.

Wie schön das sein musste, wenn in den Räumen wieder ein junges Weib schalten und walten würde! Sonderbar, er, der seit Jahren nicht mehr daran gedacht hatte, verbiss sich mit einem Male an ein blutjunges Ding, dessen Vater er hätte sein können. Und neben der zarten Blonden tauchte eine schlanke Brünette auf, und manchmal schien es ihm, auch sie gefiel ihm allzusehr. Er lächelte ärgerlich. War er denn eine Don-Juan-Natur, dass seine Gedanken plötzlich auf solchen Seitenwegen spazierten?

Er stand dann vor dem kleinen Faberschen Hause. Das öffnende Dienstmädchen liess ihn gleich ein. Die Damen würden sofort erscheinen.

Er befand sich in einem nett und geschmackvoll eingerichteten Zimmer und vertrieb sich die Wartezeit damit, ein auf dem Tisch liegendes Photoalbum zu durchblättern. Die beiden Töchter des Hauses waren mehrfach vertreten. Die ältere sah rassig und fremdartig aus, das fiel ihm wieder besonders auf, die Jüngere licht und hold, fast unirdisch sanft.

Die Tür öffnete sich. Resi trat ein. „Verzeihung, Herr Professor, Mutter und Schwester folgen mir gleich, sie haben gerade eine Beratung mit der Schneiderin, die nun natürlich sofort abgekürzt wird.“

Resi war etwas gedrückt, die Unterhaltung, die sie am Tanzabend mit der Schwester gehabt, machte sie dem Manne gegenüber unfrei.

Er hatte auf ihre Einladung wieder Platz genommen und fragte nun: „Wie ist Ihnen das viele Tanzen letzthin bekommen, mein gnädiges Fräulein?“

War wirklich ein kleiner spöttischer Unterton in seiner Frage gewesen, oder bildete sie sich das nur ein?

Sie antwortete ziemlich kurz: „Wundervoll ist mir der Tanz bekommen.“

Sie hat etwas Hochmütiges, stellte Professor Ernstmann fest, und empfand das Alleinsein mit dem feierlich ernsten Mädchen peinlich und unbequem.

Eben öffnete sich wieder die Tür. Frau Doris und Erna traten ein. Morgenfrisch, lächelnd, angeregt von der Unterhaltung mit der Schneiderin. Der Professor wurde warm begrüsst, ordentlich wohltuend stach die Begrüssung von der Resis ab.

Resi ging sofort, schützte Hausarbeit vor, und der Professor atmete auf. Ihre dunklen, ernsten Augen, in denen ein seltsamer Ausdruck, fast wie eine Warnung, gelegen, ehe sie ging, verstimmte ihn. Eine Warnung? Wovor hätte Resi ihn warnen sollen?

Erna plauderte mit geröteten Wangen und holdseligem Lächeln, und dann fragte Frau Doris, wie lange der Herr Professor seinen Besuch beim Vater auszudehnen gedenke.

Er antwortete, er würde schon in den nächsten Tagen die Heimatstadt wieder verlassen. Irrte er sich oder hatte er in Ernas Augen wirklich ein Erschrecken gesehen?

Frau Faber wurde ans Telephon gerufen. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, sagte Erna leise: „Weshalb wollen Sie denn schon so schnell wieder fort, Herr Professor, muss das denn sein?“

Er zuckte zusammen, denn aus dem süssen Antlitz vor ihm sprachen allzu deutlich Trauer und Schmerz. Tat es ihr leid, dass er schon wieder ging? Aber sie kannte ihn doch kaum, er war ihr fast ein Fremder.

Er lächelte. „Ja, ich muss wieder heim, Fräulein Faber, Pflichten rufen, mein Vater ist gewohnt, allein zu sein, und sonst lasse ich niemand hier zurück, dem mein Weggehen leid tut.“

Wie kam er nur dazu, so deutlich zu sein? Er wusste es nicht, wusste nur, dass in ihm plötzlich eine Unruhe brannte wie in einem Primaner, der auf das Gegengeständnis seiner Verehrten, Angeschwärmten wartet.

Ernas Köpfchen erfasste klug die Sachlage. Sie dachte, es könne wohl nichts schaden, alles auf eine Karte zu setzen.

Leise, gleich einem Hauch, drang es an sein Ohr: „Ich wünschte, Sie blieben noch hier, ich wünschte es so aus ganzem Herzen.“

Er blickte sie an. Ihre dunklen, dichten Wimpern lagen auf den Wangen, sie sass wie starr.

Martin Ernstmann erhob sich. „Fräulein Faber, Sie wissen so wenig von mir, wir lernten uns erst kennen, was kann Ihnen an meiner Person liegen?“ Erregung wehte durch seine Stimme.

Erna lächelte, und langsam, ganz langsam schoben sich ihre Lider hoch. Mit gefalteten Händen, gleich einem Kinde, das betet, sagte sie: „Ich habe Sie so schrecklich gern, so gern, wie ich noch nie einen Menschen gehabt, und darum —“ Sie brach ab und sass wieder mit niedergeschlagenen Augen da.

Der Mann verblieb noch sekundenlang in seiner ruhig zurückhaltenden Stellung, dann aber war kein Halten mehr. Vor ihm sass das Glück, das leibhaftige Glück. Ein Tor wäre er, wenn er nicht zugreifen würde, es an sein Herz zu nehmen.

Er bedachte nicht mehr, dass er Erna Faber kaum kannte, er bedachte nicht mehr, dass er doch eigentlich viel zu alt für ihre frische Jugend war, er gehorchte nur dem seligen Augenblick, in dem er sich jung fühlte und glücklich und masslos verliebt.

Diese blütenjunge, zarte Schönheit trug ihm ihr Herz, ihre ganze sieghafte, blonde Knospenschönheit auf den Händen entgegen, wie hätte er da widerstehen können?

Seine Arme umschlangen das zierliche Persönchen, seine Lippen suchten und fanden den rosigen Mund.

Frau Doris, die eben wiederkehrte, verharrte wie erstarrt im Türrahmen. Ja, träumte sie denn? Wahrheit konnte es doch nicht sein, was ihre Augen sahen.

„Erna!“ rief sie erschrocken, und ihre Stimme schlug über. Da löste sich das Mädchen in holdester Verwirrung aus den Armen des Mannes und eilte auf die Mutter zu.

„Wir haben uns lieb, Mutti, und haben das sehr rasch erkannt. Nicht wahr, du bist nicht böse, du Liebe, Gute?“

Schmeichelnd und rührend sanft klang das Bitten.

Martin Ernstmann empfand mit fast heiligem Schauer, welch ein glückseliger Mann er doch war, dass dieses süsse, unschuldsvolle Wesen sich ihm zu eigen geben wollte. Er trat einen Schritt vor.

„Verehrte Frau Faber, es ist wohl an mir, um Vergebung zu bitten, weil ich mich hinreissen liess —“ seine Augen leuchteten dabei jung und froh, „aber,“ er wies auf Erna, „so viel Lieblichkeit gegenüber ruhig zu bleiben, dazu wollte die Beherrschung nicht langen. Ich liebte Ihr Kind vom ersten Sehen, und Erna geht es mit mir ebenso, ziehen Sie das in Betracht und seien Sie milde.“

Frau Doris hatte, nachdem die erste Ueberraschung vorüber, blitzgeschwind alle Für und Wider überlegt. Alles in allem bedeutete Professor Ernstmann eine glänzende Partie für Erna, nur der Altersunterschied zwischen den beiden stimmte nachdenklich. „Wollen uns setzen und uns ruhig besprechen,“ sagte sie, Erna sanft von sich fortschiebend.

Erna dachte: Um des Himmels willen, keine langen und langweiligen Auseinandersetzungen mehr, das Eisen schmieden, solange es warm ist. Mit weicher, geschmeidiger Bewegung eilte sie von der Mutter auf den Mann zu, und sich an ihn klammernd, bat sie: „Es gibt keine Gründe, uns zu trennen, bleibe standhaft, ich sterbe, wenn ich dich verlieren müsste.“

Der sonst so kühle, ernste Gelehrte war wie benommen. Ernas Worte stiegen ihm zu Kopf gleich starkem Wein, er hätte in diesem Augenblick einer ganzen Welt Trotz geboten, Erna zu erringen.

Aber so schwer ward es ihm gar nicht gemacht, Frau Doris’ Einwand, die Bekanntschaft sei zu kurz, Erna sei noch viel zu jung zum Heiraten, und man müsse vielleicht auch den Unterschied der Jahre bedenken, schlug er mit frohem Lächeln zurück. Erna liebte ihn, das gab ihm jede Sicherheit für eine glückliche Ehe.

Frau Doris liess sich schnell überzeugen, ihr strahlendes Gesicht bewies, wie froh sie über das Ereignis war. Sie sonnte sich schon in dem Gedanken, wie sehr man sie um den berühmten Schwiegersohn beneiden würde.

Sie liess ihren Mann telephonisch „in höchster wichtiger Angelegenheit“ bitten, nach Hause zu kommen, und Oberingenieur Faber kam sofort. Stutzte sehr bei der Neuigkeit, sagte kopfschüttelnd: „Resi hätte eigentlich besser für Sie gepasst,“ gab aber sofort seine Zustimmung. Was hätte er auch gegen Frau und Tochter ausgerichtet?

„Resi hätte besser für Sie gepasst!“ Diese Bemerkung trug ihm später eine Extra-Gardinenpredigt von seiten seiner Frau ein.

Er verteidigte sich. „Ich kann mir nicht helfen, ich bin nun mal der Meinung. Resi ist ein Charakter, hat mehr Bildungsinteresse wie Erna, kurz, ich kann mir sie als Frau Professor ganz gut vorstellen, während mir das blonde Quecksilber in der Rolle ganz unmöglich erscheint. Ich wünsche natürlich von Herzen, dass alles gut klappt, kann dir aber nicht verhehlen, liebe Doris, dass ich nicht daran glaube. Ernas Liebe zu dem Professor steht auf keinen festen Füssen und ist nichts anderes, als eine bunte Einbildungsseifenblase.“

Frau Doris sagte beleidigt, dass Männer im allgemeinen von der Tiefe eines Frauengemüts keine Ahnung hätten und er im besonderen schon gar keine Ahnung hätte, dass sie als Mutter bessere seelische Fühlung mit ihrem einzigen Kinde habe. Da schwieg Gustav Faber. Wenn seine Frau von ihrem „einzigen Kinde“ sprach, war es am besten, man streckte die Waffen.

Resi war einkaufen gewesen, und so erfuhr sie die Neuigkeit erst bei Tisch.

Ahnungslos betrat sie das Wohnzimmer und wunderte sich über das seltsam verhaltene Siegeslächeln Ernas. Was hatte denn die Schwester, hatte der schwache Vater vielleicht wieder ein teures Kleidungsstück bewilligt? Ein Mantel mit Marderpelz war ja Ernas Ziel der Sehnsucht.

Aber auch die Mutter lächelte so seltsam stolz und zufrieden, und der Vater sah ernst und nachdenklich aus. Irgend etwas hatten die drei, irgend etwas, davon sie nichts wusste, und es schien sich doch um mehr als ein Kleidungsstück zu handeln.

Sie blickte auf die Uhr. „Essen wir heute später?“ fragte sie die Mutter.

Frau Doris lächelte. „Jawohl, Resi, wir essen ein wenig später, wir erwarten Professor Ernstmann zu Tisch. Er ist nur schnell zu seinem Vater, um auch ihn zu bitten, heute mittag unser Gast zu sein.“

Resi wollte sagen: Heute mittag waren doch gar keine Tischgäste vorgesehen! Aber sie schwieg, eine Ahnung stieg in ihr auf, eine Ahnung, was sich hinter Ernas siegesbewusstem Lächeln barg.

„Geh, hilf dem Mädchen bei der Nachspeise,“ sagte Frau Doris, und Resi ging in die Küche und half, wie sie oft tat. Aber ihre Hände waren ungeschickt wie nie. Sollte ihre Ahnung Wahrheit sein, sollte Erna es gewagt haben, den hochgeachteten, berühmten Mann zum Spiel ihrer Laune zu benützen? Das konnte und durfte doch nicht sein. Er würde ja unglücklich, über alles unglücklich an der Seite der oberflächlichen, eitlen Erna werden. Du lieber, guter Gott, nur das nicht, nur das nicht! betete sie innerlich.

Martin Ernstmann war im Eilmarsch in das väterliche Heim zurückgekehrt. Tolle, jugendliche Begeisterung war in ihm ob des Glückes, das ihm geworden. Klein und gering dünkte ihm plötzlich all seine Wissenschaft gegenüber dem rosigen blonden Mädelchen, das er nun seine Braut nannte.

Der alte Doktor blickte fragend, erstaunt. „Junge, wie siehst du aus, hast du den Stein der Weisen entdeckt, das Geheimnis des Perpetuum mobile?“

Der Professor setzte sich dem Vater in dessen behaglichem Arbeitszimmer gegenüber. Plötzliche Verlegenheit sprang ihn an. Es dünkte ihm schwer, seinem alten Herrn von seiner Liebe zu einer Sechzehnjährigen zu sprechen. Jedenfalls war es gar nicht so leicht, wie er es sich noch vorhin vorgestellt hatte. Trotz aller Unabhängigkeit vom Vater hatte er plötzlich ein befangenes Gefühl.

„Nun, rede doch, Martin, wirst Loch keinen Studentenstreich einzugestehen haben?“ lächelte der Doktor.

Der Professor druckste noch sekundenlang herum, ehe er endlich kühn hinwarf: „Ich habe mich soeben mit der Tochter von Herrn Faber verlobt und hoffe, dass auch du dich darüber freust, lieber Vater.“

Der alte Herr sprang von seinem Armstuhl auf. „Donnerwetter, das nenne ich Eilpost, aber nicht wahr, du meinst, Dolores, die schöne, dunkeläugige Dolores?“

Martin Ernstmann lächelte. „Vater, wer sieht denn Resi, wenn die goldblonde Erna in der Nähe ist? Natürlich meine ich Erna, die rechte Tochter des Hauses. Ich habe sie lieb, Vater, unendlich lieb, und denke nur, dem schönen, zarten Mädelchen geht es ebenso, Erna trug mir ihr jungjunges Herz auf offenen Händen entgegen.“ Er strahlte. „Du siehst, Vater, die Liebe auf den ersten Blick ist kein Märchen.“

Der alte Herr hatte sich still wieder in seinen Stuhl zurückgesetzt.

„Ich hätte es mir doch beinahe denken können, nachdem du mir gestern von dem Backfisch vorgeschwärmt. Ach, Martin, Martin, abraten kann ich dir nicht, du würdest ja doch nicht auf mich hören, höchstens würde unser gutes gegenseitiges Verhältnis getrübt, aber das eine ist gewiss: Ihr beide passt nicht zusammen, wenn der Rausch vorbei ist, bleibt dir ein schaler Rest. Schade, die andere, Dolores, die wäre recht für dich gewesen, du und sie — ich glaube, das wäre eine ideale Ehe geworden.“

Martin Ernstmann empfand Verstimmung. Er dachte daran, dass Oberingenieur Faber in der ersten Ueberraschung hervorgestossen: „Resi hätte eigentlich besser für Sie gepasst.“ Was wollten sie nur alle mit der anderen Schwester, die ihm plötzlich förmlich unsympathisch war?

Er sagte so ruhig als möglich: „Finde dich mit meinem Geschmack ab, Vater, ich erhoffe mir an Ernas Seite das reichste Zukunftsglück. Wozu eine pessimistische Note in den Wohlklang meines Glückes bringen und ihn dadurch disharmonisch machen? Es kommt ja doch alles, wie es soll. Jedenfalls ist meine Gegenwart klar und wolkenlos, wozu Wolken heraufbeschwören?“

Der alte Herr nickte langsam, er sah, ein jedes Gegenwort war verschwendet, er tat sich nur selbst damit weh. So reichte er denn dem Sohne die Hand.

„Meine herzlichsten Wünsche, lieber Junge, mögen alle Hoffnungen, die du hegst, in Erfüllung gehen.“

„Dank, lieber Vater, Dank.“ Der Jüngere drückte warm die alte, welke Hand, die ein wenig müde in der seinen ruhte.

„Wir wollen zunächst im engsten Kreis Verlobung feiern,“ erklärte der Professor, „und deshalb bittet dich Frau Faber heute mit mir zu Tisch.“

Doktor Ernstmann erhob sich schon. „Also will ich mich in den Bratenrock werfen, Martin, sage inzwischen der Haushälterin, dass wir heute nicht daheim essen.“

Er verliess das Zimmer und Martin Ernstmann konnte trotz aller Freude, die in ihm war, über eine leise Verstimmung nicht hinwegkommen. Des Vaters Worte waren noch in ihm wach und wollten sich nicht einschläfern lassen. — —

Gleich einem beengenden Druck lag es auf Resi. Sie dachte an das heimliche Lächeln von Mutter und Schwester, ahnte die Wahrheit und bangte doch davor, ihre Ahnung bestätigt zu sehen.

Es klingelte draussen. Sie befand sich noch in der Küche und schickte das Mädchen öffnen. Es waren die Ernstmanns, Vater und Sohn.

In wenigen Minuten würde sie wissen, ob sich wirklich etwas Besonderes hinter der plötzlichen Einladung verbarg. Sie eilte noch einmal in ihr Zimmer und wusch sich die Hände, band ein frisches Spitzenkräglein um und ging dann zu den anderen ins Wohnzimmer.

Erna stürzte ihr entgegen. „Wünsche mir Glück, Schwesterchen, ich bin Braut.“

Resi atmete tief auf. Also doch! Ihre Ahnung hatte sie nicht getäuscht. Erna hatte den Professor schnell, allzuschnell eingefangen, trieb nun mit dem Heiligsten, was es auf Erden gab, mit Liebe und Ehe, ein frevelhaftes Spiel. Sie stand mit lässig hängendem Arm und vermochte keine Silbe hervorzubringen.

Durfte sie denn überhaupt einen Glückwunsch aussprechen, war das nicht Sünde, trug sie, wenn sie es tat, nicht die Mitschuld an dem Frevel? Hatte ihr nicht Erna neulich abends mit zynischer Offenheit erklärt, sie mache sich im Grunde ihres Herzens zwar gar nichts aus dem alten Langweiler, aber sein Titel und Geld gefielen ihr. Und von solchen Gedanken getrieben, hatte es das junge Ding gewagt, seine begehrlichen Hände nach diesem Manne auszustrecken.

Erna sagte süss: „Was ist dir nur, Resi, findest du kein freundliches Wort für deine Schwester? Habe ich dich so sehr erschreckt?“

Sie schlang die Arme um ihren Hals und schmiegte sich eng an die Grössere an. Für die Abseitsstehenden bot dieser Anblick ein entzückendes Bild. Die Abseitsstehenden vernahmen aber nicht, dass Erna der Aelteren ins Ohr flüstert: „Du siehst, meine Backfischlaune ist erfüllt, die Geschichte war höchst einfach.“

In Resi wallte heisser Zorn auf. Am liebsten hätte sie das junge, verdorbene Geschöpf grob zurückgestossen, ihm ihre Verachtung vor allen ins Gesicht geschrien. Statt dessen musste sie ruhig bleiben, ganz ruhig. Aber es gelang ihr nicht völlig. Ihr Gesicht war keiner besonderen Verstellung fähig.

Erna machte sich von ihr frei, indem sie laut und fröhlich rief: „Schwesterchen ärgert sich, dass ich zuerst Braut werde, trotzdem ich drei Jahre jünger bin.“ Sie lächelte dem Professor zu. „Wir beide haben uns aber auch schrecklich lieb, nicht wahr?“

Der alte Doktor trat zu Resi. „Was sagst du zu der Ueberraschung, Dolores?“

Sie zuckte mit bitterem Lächeln die Achseln und er meinte leise, ganz leise: „Ich glaube, wir empfinden beide dasselbe, Dolores, mein Sohn tut uns beiden leid.“

Resi sah ihn ernst und traurig an, mehr durfte sie nicht wagen, jede Silbe wäre zuviel gewesen.

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9788711570319
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