Kitabı oku: «Schritte in der Nacht»

Yazı tipi:

Anny von Panhuys

Schritte in der Nacht

Roman

Saga

Schritte in der Nacht

© 1952 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570272

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1.

Die alte Komtesse Franziska von Wergenheim pflegte sich früh zur Ruhe zu begeben. Um Mitternacht wachte sie meist schon aus dem ersten Schlafe auf. Die Klosterkirche schlug zwölfmal. Es klang wie ein heiseres misslauniges Belfern.

Nachdem der letzte Ton nörgelnd verklungen, war alles wieder totenstill. Die Häuschen in der Liliengasse brauchten sich nie über Unruhe zu beklagen, weder bei Tag noch bei Nacht, es herrschte in ihr immer Schweigen. Ein lauter Kinderruf am Tag fiel auf, und wenn ein Auto hindurchfuhr, wirkte es wie Anachronismus. Ein Auto mit seinen modernen Geräuschen passte nicht in die Liliengasse, die hinter dem alten Kloster lag, und in der es nur ein- und zweistöckige Villen gab, von denen keine jünger war als hundert Jahre.

Die kleine Stadt Wernersruhe im Odenwald war Anno dazumal Residenz gewesen, und in der Liliengasse hatten die Hofschranzen gewohnt. Es roch noch heute hier nach Vornehmheit.

Unweit der Liliengasse befand sich das alte herzogliche Schloss, das letzthin von der Stadt an einen Autofabrikanten verkauft worden war, und es hiess, er unterhandle weiter mit der Stadt, weil er auch das Kloster anzukaufen beabsichtige. Es sollte Autofabrik werden.

Ueber diese Neuigkeit war die ganze Liliengasse in Aufregung geraten. Alle die alten Beamten und Militärs, alle die alten Damen mit vornehmen Namen und Auftreten, alle, in deren Adern noch Blut von denen war, die hier einmal zum Hofe gehört hatten.

Am meisten hatte die Nachricht auf die alte Komtesse von Wergenheim gewirkt. Sie dachte tagsüber kaum noch an etwas anderes, und der Gedanke, in dem Kloster von Sankta Anna würde nun in kurzem vielleicht das Gelärme einer grossen Fabrik laut werden, schien ihr schrecklicher als der Weltuntergang. Wenn sie nachts aufwachte, war das ihr erster Gedanke.

Sie hob sich ein wenig in den Kissen und horchte. Draussen über das alte Katzenkopfpflaster ging es: klapp! klapp! Schnelle Frauenfüsse schienen durch die Liliengasse zu eilen.

Klapp! Klapp! klang es immer lauter, und die alte Komtesse flüsterte: Man meint, sie wäre es wirklich! Ein Schauer glitt über ihren kleinen schmalen Körper. Sie fror plötzlich und zog die Bettdecke bis über die Augen.

Sie wollte das Klapp! Klapp! nicht mehr hören, es hatte etwas Unheimliches, etwas Beängstigendes für sie.

Sie schlief mit Herzklopfen ein.

Punkt acht Uhr im Sommer und Winter wurde in der Villa Wergenheim gefrühstückt. Gisela von Wergenheim, im einfachen blau und weiss gestreiften Kattunkleid, stand am Frühstückstisch und legte die Löffelchen zurecht, schob die silberne Gebäckschale ein wenig anders und blickte nach der Tür. Es war eben acht, und mit dem letzten Glockenschlage trat Tante Franziska gewöhnlich ein. Heute aber verstrichen noch zehn Minuten, ehe die Erwartete kam.

Gisela, die ihre Bekannten Gisa nannten, wollte schon nach der Erwarteten sehen, als die Tür aufging und die alte Dame eintrat. Sie nahm Gisas allmorgendlichen Handkuss entgegen und setzte sich. Wie ein Gnomenweibchen sah die Komtesse aus, und das lange graue Kleid erhöhte noch die Aehnlichkeit. Sie hatte ein schmales, vornehmes Gesicht und lebhafte dunkle Augen; aber das sehr dünne Haar unter dem Häubchen hatte schon einen leicht grünlichen Schimmer. Die seltene Patina, die weisses Haar bei ganz alten Menschen manchmal annimmt.

Franziska Wergenheim war zweiundneunzig Jahre alt und die Urgrosstante von Gisa, die weiter keinen Menschen mehr auf der Welt besass. Aber das Gnomenweibchen hatte noch ein gutes Gehör, konnte gut sehen und besass ein ausgezeichnetes Gedächtnis.

Gisa schenkte der alten Dame den Kaffee ein, fügte Milch hinzu und Zucker, legte ihr das weiche Gebäck zurecht und sagte zärtlich:

„Du hast dich heute ein wenig verspätet, Tantchen. Hoffentlich hast du gut geschlafen?“

Franziska Wergenheim zuckte die Achseln.

„Nicht so besonders, Kind, ich habe unserer Lina erst um ein Viertel vor acht geklingelt, dass sie mir beim Ankleiden helfen sollte.“ Sie trank einen Schluck Kaffee. „Ach, Gisa, nachts sieht man alles anders an als am Tage, und ich habe mich heute nacht ein wenig gefürchtet. Ich wachte um Mitternacht auf, und bald darauf vernahm ich laute Schritte in unserer Gasse. Es war, als wenn hochhackige Schuhchen über das Pflaster liefen. Und da musste ich an die alte Geschichte denken, die an der Liliengasse hängt, und ich redete mir tatsächlich ein, die Schritte in der Nacht ständen im Zusammenhang mit der Mörderin des Erbprinzen Otto, die ihn erwürgte und dafür durch Henkershand sterben musste. Sie soll doch oft nächtlich hier geistern, und immer wieder wird von Zeit zu Zeit behauptet, sie liefe nach Mitternacht durch die Gasse; man höre ihre hohen Holzhacken aufklappern, und viele wollen die Unselige auch schon gesehen haben. Ich glaube natürlich am hellen lichten Tag nicht an dergleichen; aber nachts erscheint einem alles möglich.“ Sie lächelte ein wenig. „Sagen und Spuk und Geister gewinnen um die Mitternachtsstunde herum sehr an Glaubwürdigkeit.“

Gisas feines Gesicht war ernst.

„Es war ein Mädchen aus dem Volke, die Tochter eines Schlossdieners, mit der Erbprinz Otto eine Liebschaft unterhielt, und die er dann rücksichtslos beiseite schob, als er ihrer überdrüssig geworden und sich einer anderen zuwandte; nicht wahr, Tantchen?“

Die alte Dame nickte.

„Ja, Gisa, aber das Mädel hätte sich doch sagen müssen, dass der Erbprinz ihr nicht treu bleiben konnte, ganz abgesehen davon, dass es seiner Natur nicht lag. Meine Grossmutter hat ihn noch gekannt, und gerade vor unserem Hause ist das Grässliche passiert. Das Mädchen hiess Magdalene Karsten und soll sehr schön gewesen sein.“ Sie hüstelte. „Aber lassen wir das Thema. Viel mehr interessiert es mich, darüber zu reden, ob sich das Gerücht wirklich bewahrheitet, dass Sankta Anna eine Autofabrik werden soll.“

Gisa nickte: „Soviel ich hörte, ist es sicher, Tantchen.“

„Es wäre entsetzlich! Es wäre katastrophal!“ erregte sich die alte Dame.

Gisa erwiderte leise und beruhigend: „Wir werden uns daran gewöhnen, und dann, Tantchen, stört es vielleicht auch gar nicht so sehr, wie du fürchtest. Die sehr hohe Mauer des Klosterhofes verhütet ja, dass wir etwas von dem Fabrikbetrieb sehen werden.“

„Das ist auch der einzige Trost“, gab Franziska Wergenheim zurück.

Gisa nickte; aber sie dachte ganz anders als die alte Dame. Sie freute sich fast darauf, dass die verschlafene Liliengasse ein bisschen aufgerüttelt würde. Gisas zwanzig Jahre wehrten sich gegen die Totenstille der kleinen Strasse. Sie musste oft denken, es sei, als lebe man auf einem Friedhof. Sie sehnte sich nach dem Leben, das es fernab von diesem weltvergessenen Städtchen gab, und hätte ihr die alte Dame nicht leid getan, hätte sie sie längst gebeten: Lass mich ein Weilchen von hier fort. Ich bin jung und möchte wissen, wie es dort aussieht, wo es keine Liliengasse und kein altes Kloster gibt, wo der Odem des Lebens stärker ist und man sich das Leisesprechen wieder abgewöhnt!

Aber die Urgrosstante war zweiundneunzig Jahre und brauchte sie. Das durfte sie nicht vergessen. Und ihr Alter war keinem neuen Gedanken mehr zugänglich.

Gisa hätte so gern irgendeine Bürostelle angenommen; aber sie wagte sich mit der Bitte nicht heraus, obwohl man so nötig Geld hätte brauchen können. Das sehr zusammengeschrumpfte Vermögen der alten Dame trug nur wenige Zinsen, und letzthin hatte man schon das kleine Kapital angreifen müssen. Gisa hatte sich, um die Oede ihrer Tage auszufüllen, viel mit Sprachen beschäftigt, hatte ihre Schulbildung durch Unterricht noch vervollständigt und beherrschte das Französische, das Englische und das Italienische gründlich. Auch hatte sie heimlich Schreibmaschinenunterricht genommen und Buchführung gelernt. Ihr Vormund, Justizrat Völkert, hatte sie in ihren Wünschen hinter dem Rücken der Komtesse Franziska unterstützt. Er und Gisa waren der Meinung, es sei gut, man sorgte vor. Wenn die alte Dame einmal für immer fortgehen musste, dann könnte Gisa sich wenigstens helfen.

Nach dem Frühstück trippelte die alte Dame, wie jeden Tag, am Arm der letzten Wergenheim in den Salon, wo sie sich ans Fenster setzte und auf Vorübergehende wartete. Alle halben Stunden einmal ging jemand durch die Liliengasse; aber ihr genügte das zur Unterhaltung. Die Vorübergehenden vom Fenster aus zu sehen, schien ihr Sensation genug.

Lina, das alte Faktotum des Hauses, war in der Küche beschäftigt, und Gisa machte sich daran, das Zimmer zu säubern. Es war heute Freitag; da war das Wohnzimmer an der Reihe. Sie trug das Geschirr hinaus und rollte den Teppich zusammen. Ehe sie sich an das Klopfen des Persers machte, band sie ein altes braunes Tuch eng um den Kopf. Ein kleines goldblondes Löckchen aber liess sich nicht mit einfangen, es lag wie ein Stückchen gekräuselter Goldfranse über der reinen Stirn.

Es war fast elf Uhr geworden, ehe Gisa fertig war. Draussen klingelte es. Gisa, die gerade aus der Wohnstube trat, öffnete. Um diese Zeit brachte der Briefträger immer die Heidelberger Abendzeitung, aus der sie nun der alten Dame vorlesen musste.

Es war auch der Briefträger, der vor der Tür stand und ihr die Zeitung reichte; aber in dem Augenblick, als er es tat, ging ein Herr vorüber, den Gisa nicht kannte. Er sah sie an, und sie las Bewunderung in seinem Blick.

Im nächsten Moment flog dem Briefträger die Tür ein bisschen zu schroff vor der Nase zu.

Der leichte Knall erschreckte Gisa selbst, und sie dachte: Wie durfte ich mich nur so gehen lassen! Wenig damenhaft hatte sie sich benommen. Sie erblickte ihr Bild im Flurspiegel und musste lachen. Sie sah aus wie ein Stubenmädchen, das sich mit Reinmachen beschäftigt hatte; der Fremde hatte sie sicher für keine Komtesse gehalten.

Abermals klingelte es draussen. Lina war beschäftigt, und so blieb Gisa nichts übrig, als wieder zu öffnen. Sie riss aber erst das Tuch vom Haar und warf die grosse, verhüllende Schürze ab, ehe sie zur Tür ging.

Da stand der Herr von vorhin und rückte leicht an seinem Hut.

„Schönes Kind, melden Sie mich der Komtesse Wergenheim. Uebrigens einen Augenblick, ehe Sie mich anmelden!“ Er trat wie ganz selbstverständlich ein. „Sagen Sie, Mäuschen, was für eine Dame ist die Komtesse?“

Gisa fragte, heimlich belustigt:

„Welche Komtesse, die Tante oder die Nichte? Die Tante hat nämlich die Neunzig schon überschritten, und deshalb wird ihr von der Nichte alles, was sie auch nur ein bisschen aufregen könnte, ferngehalten.“

„Ich glaubte, es gäbe nur eine Komtesse Wergenheim“, meinte er. „Aber nach Ihrem Hinweis ist es besser, Sie melden mich, bitte, der Nichte. Die Dame ist vermutlich auch schon um die Siebzig herum?“

Gisa nickte ernsthaft. „So alt dürfte sie ungefähr sein.“

Er fragte vertraulich: „Kann man mit der jüngeren alten Dame vernünftig reden? Ich komme nämlich wegen der alten Bude. Ich möchte das Häuschen hier ankaufen.“

Gisa erwiderte ernst: „Damit dürften Sie kein Glück haben, Tante Wergenheim verkauft das Haus bestimmt nicht.“

„Geld lockt, mein schönes Kind. Melden Sie mich jedenfalls! Hier ist meine Karte.“

Gisa nahm diese und verschwand damit. Sie dachte nicht daran, den fremden Herrn zu melden. Wozu sollte sich die alte Dame darüber aufregen, dass jemand ihr Häuschen kaufen wollte, an dem sie so sehr hing? Mochte sich der Fremde, wenn die Liliengasse es ihm angetan hatte, anderswo in der Nachbarschaft umschauen.

Sie las drinnen im Wohnzimmer den Namen auf der Karte. „Herbert Willmann“ stand darauf, nichts weiter. Keine Strasse, kein Ortsnamen. Wer war Herbert Willmann, und was war er? Aeusserlich wirkte er vornehm. Er war gross, dunkelblond und schlank und hatte gutgeschnittene Züge. Vielleicht störte in seinem Gesicht ein leichter Spottzug um den Mund.

Nach einem Weilchen kehrte Gisa zu dem Besucher zurück.

„Die Komtesse Wergenheim bedauert, den Herrn nicht empfangen zu können. Ich erklärte ihr den Grund, weshalb Sie gekommen sind, mein Herr, und sie erwiderte, das Haus sei unverkäuflich.“ Sie lächelte. „Unter uns, mein Herr, es hat keinen Zweck, sich in der Sache weiter zu bemühen. Glauben Sie mir nur, für noch so viel Geld gibt die ältere Komtesse das Haus nicht her.“

Herbert Willmann schien die Auskunft wenig zu gefallen. Aber was sollte er anders tun als sich fügen?

„Na, wenn die alten Damen nicht wollen, kann man nichts machen“, lächelte er endlich. „Sie aber, Mädelchen, sind viel zu jung und zu schön, um in dem muffigen Spielzeughaus zu wohnen. Können wir uns nicht mal treffen, um darüber zu reden? Ich —“

Sie fiel ihm scharf ins Wort, während ihre Augen ihn hochmütig ansahen:

„Mir gefällt es in dem muffigen Spielzeughaus sehr gut, und nun halten Sie mich nicht länger auf, mein Herr.“

Sie öffnete die Haustür ziemlich weit, und der Abgeblitzte verbarg seinen Aerger hinter einem Lachen.

„Eine Art und Weise haben Sie, kleine Schönheit, als wenn Sie selbst ein Recht auf die neunzackige Krone hätten! Das haben Sie Ihren Herrinnen gut abgeguckt.“

Er ging; es blieb ihm nichts weiter übrig. Er dachte, auf das Haus könnte er verzichten, so praktisch es auch für ihn gewesen wäre, hier hinter der Klostermauer sein Privatkontor einzurichten. Dann wäre er der Fabrik nahe und sässe doch nicht direkt drin in dem Lärm.

Die Idee war ihm eigentlich erst vorhin im Vorbeigehen gekommen, als er das wunderschöne Hausmädchen gesehen. Er hatte dann jemand draussen gefragt, wem die Villa gehöre.

Das Mädel reizte ihn mehr als das Haus. Er musste sich einmal gründlich überlegen, auf welche Weise er an sie, die ein bisschen sehr spröde zu sein schien, herankam. Er reckte sich. Du lieber Himmel, vor ihm hatte schon so manche kapituliert! Das blonde Mädelchen würde wohl auch schwache Seiten haben.

Keine Silbe erwähnte Gisa der Grosstante gegenüber von dem Besucher. Wozu die alte Dame mit unnützen Dingen behelligen! Sie las ihr dann aus der Heidelberger Zeitung vor und stiess dabei auf die Annonce:

„Gesucht als Sekretärin einer Autofabrik junge Schreibmaschinendame, die französisch und englisch korrespondieren kann und etwas von der Buchführung versteht. Angebote an Schloss Wernersruhe.“

Gisa nahm die Zeitung mit in ihr Zimmer und las die Annonce immer wieder. Als hätte jemand sie eigens für sie aufgesetzt, so klang sie. Wenn Tante Franziska doch nur mit sich reden liesse, dann würde sie die vorteilhafte Gelegenheit ergreifen und sich bei dem Autofabrikanten im Schloss melden. Es wäre doch wunderschön, wenn sie die erworbenen Kenntnisse verwerten und Geld dafür eintauschen könnte.

Sie ging nachmittags zum Justizrat Völkert und fragte ihn um Rat.

Der Justizrat, den Gisa in seinem Büro aufgesucht hatte, schüttelte den Kopf.

„Ich war sehr dafür, dass Sie etwas lernten, um sich im Notfall Ihr Brot verdienen zu können; aber die alte Komtesse dürfen Sie nicht mit Ihrem Wunsch erschrecken. Sie verstände Sie nicht. Eine Wergenheim, die sich Geld verdienen möchte wie ein beliebiges bürgerliches Fräulein, das wäre geradezu ein Skandal in ihren Augen, und eine Zweiundneunzigjährige lernt nicht mehr um. Solange Ihre Urgrosstante lebt, ist es für Sie eine vollkommene Unmöglichkeit, sich ausserhalb des Hauses zu betätigen.“ Sein schmales Gelehrtengesicht lächelte ernst, als er wiederholte: „Eine vollkommene Unmöglichkeit! Uebrigens kenne ich den Herrn, der die Autofabrik hier gründen will; er hat meine Hilfe auch schon in Anspruch genommen. Er wohnte früher in Mannheim, ehe er Schloss Wernersruhe kaufte.“

Gisa sagte traurig: „Es ist schade, dass ich die Gelegenheit, etwas zum Haushalt beitragen zu können, nicht ergreifen darf.“

Dem Justizrat tat Gisa leid, die so völlig an allem, was ein bisschen Freude brachte, vorbeilebte. Er hätte ihr ab und zu gern ein harmloses Vergnügen gegönnt, aber die alte Urgrosstante und einzige Verwandte Gisas behauptete, es genüge vollkommen, wenn sie allabendlich mit ihr „Schwarzer Peter“ oder Domino spielte oder zum Geburtstag einer ehemaligen Schulfreundin ging.

„Ich kenne, wie gesagt, den jetzigen Herrn vom Schloss“, fuhr er fort. „Vor acht Tagen zog er ein. Er heisst Herbert Willmann.“

Gisa erschrak. Also der neue Schlossbesitzer war heute vormittag bei ihr gewesen und hatte sich so dreist gegen sie benommen.

Sie verschwieg, dass auch sie den Schlossherrn kannte, und verabschiedete sich ein bisschen überstürzt. Als sie nach Hause kam, öffnete ihr Lina.

„Ihre Tante hat Besuch, Komtesschen. Ein Herr ist bei ihr. Wie heisst er doch gleich? Ach so, ja! Herbert Willmann.“

Gisa erschrak abermals. Also hatte er ihre Worte in den Wind geschlagen und die alte Dame doch belästigt! Sie war sehr ärgerlich auf den Zudringlichen. Sie wusste ja nun, er war der Industrielle, der das Städtchen in Aufregung gebracht und sich heute vormittag den kecken Ton gegen sie erlaubt hatte.

Sie schob Lina den Hut in die Hand und eilte hastig in den Salon. Als sie eintrat, hörte sie ihre Tante sagen:

„Meine Nichte kommt. Das ist gut. Da können wir uns zu dritt weiter über das Thema unterhalten.“

Ein schlanker Herr war bei ihrem Eintreten von seinem Stuhl aufgesprungen und blickte sie nun gross und erstaunt an. Dann glitt ein verstehendes Lächeln über sein Gesicht — ein ganz mattes, kaum wahrnehmbares Lächeln.

Die alte Komtesse sagte:

„Das ist Herr Willmann, der Schloss Wernersruhe gekauft hat, Gisa, und, wie er mir erzählte, auch das Klostergrundstück Sankta Anna. Er ist gekommen, weil er sich für unser Haus interessiert; aber ich erklärte ihm ich hänge an dem Besitz und gäbe ihn nicht her. Und Sie, Herr Willmann, lernen meine Urgrossnichte kennen. Der sprachlichen Bequemlichkeit wegen nennen wir uns aber nur Tante und Nichte.“

Herbert Willmann verneigte sich tief vor Gisa.

„Ja, gnädigste Komtesse, ich erlaubte mir diesen Besuch, weil mich das Häuschen, in dem Sie wohnen, besonders reizt. Es liegt direkt in der Mitte hinter der Klostermauer. Ich machte schon Pläne, beabsichtigte, mir hier ein stilles Büro einzurichten. In der Mauer gerade gegenüber gibt es ein winziges Pförtchen, das hätte ich benützen können, wenn ich in die Fabrik wollte.“ Er seufzte. „Man macht Pläne; aber sie gelingen eben nicht immer.“

Gisa war zornig. Der Mensch tat, als sähe er sie eben zum ersten Male. Sie überlegte. Da sie der Tante nichts von seinem ersten Besuch gesagt hatte, war es auch wohl besser so.

Ihre Miene war sehr kühl, als sie den feinen Kopf neigte und sich dabei erinnerte, dass er am Vormittag zu ihr gesagt: Eine Art und Weise haben Sie, kleine Schönheit, als wenn Sie selbst ein Recht auf die neunzackige Krone hätten. Das haben Sie Ihren Herrinnen gut abgeguckt!

Die alte Dame lächelte mit hundert Falten und Fältchen: „Setze dich doch, Gisa, damit Herr Willmann auch wieder Platz nehmen kann; er erzählt nämlich sehr interessant von Dingen, von denen man hier hinter der Klostermauer nichts hört.“

Gisa liess sich auf einen Stuhl nieder und begriff nicht, wie es Herbert Willmann so rasch gelungen war, die Tante dazu zu bringen, so zu denken. Sie hatte doch immer streng abgelehnt, sich für das zu interessieren, was es jenseits der sehr hohen Klostermauer gab.

Herbert Willmann sass nun ebenfalls wieder, und Gisa fand, der sehr elegant — wohl nach der letzten Mode — Gekleidete wirkte, als gehöre er nicht in die Umgebung der Möbel aus Urgrosstantes Zeit, in das viele Drumherum von Deckchen und Vorhängen und Kleinkram der frühen Biedermeierzeit.

„Sie sehen mich so forschend an, Komtesse“, sagte er — und in seiner Stimme schien geheime Zärtlichkeit verfangen. „Darf ich wissen, was Sie denken?“

Seine Stimme irritierte sie. Der Ton, in dem er sprach, war ihr fremd. Er hatte für sie etwas Lockendes und Abstossendes zu gleicher Zeit.

Sie zuckte leicht die Achseln.

„Wenn Sie die Wahrheit interessiert, können Sie wissen, dass ich soeben dachte, Ihre moderne Erscheinung passt nicht in das trauliche Zimmer einer längst verklungenen Epoche, sie wirkt hier fast aufreizend störend. Sie haben ein Klubsesseläusseres.“

Herbert Willmann lachte laut und ungeniert.

„Sie haben sich vorzüglich ausgedrückt, Komtesse, aber ich hätte hier, in dem traulichen Zimmer einer längst verklungenen Epoche, wie Sie sich eben ausdrückten, keine so scharfe, modern klingende Kritik meiner bescheidenen Persönlichkeit erwartet.“

Die alte Dame sah von dem Besucher auf Gisa, sagte leise: „Vielleicht hat meine Nichte recht, Herr Willmann, Sie dürfen ihre Worte nicht falsch auffassen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Eigentlich passen ja auch nur noch wenige Menschen in das Milieu des Zimmers hier, in das des ganzen Hauses. Fast hundert Jahre sind es her, seit ich hier in dem Häuschen geboren wurde. Meine Kindheit, meine Mädchenjahre habe ich hier verlebt; die alte Gasse, das alte Haus halten die Gestalten meiner Vergangenheit mit rührender Treue fest, weil alles so unverändert geblieben, hier drinnen und da draussen.“

Ihre kleine Hand, über der die Haut wie stark zerknitterte, gelblich gewordene Seide lag, wies nach der Liliengasse.

„Sie können sich denken, wie alarmierend die Nachricht hier einschlug, da drüben in Sankta Anna, in dem so wundervoll und malerisch leicht verfallenen Kloster, solle eine Automobilfabrik erstehen.“ Sie sah ihn freundlich an. „Sie haben mir aber vorhin so vernünftig klar gemacht, auch eine Automobilfabrik könne Poesie haben, dass mich der Gedanke daran gar nicht mehr stört.“

Gisa staunte wieder. Wie hatte es dieser Mensch nur fertig gebracht, in so unbegreiflich kurzer Zeit eine solche Gesinnungsänderung bei der alten Dame zu erreichen? Wenn sie der modernen Zeit auch nur die kleinsten Zugeständnisse zu machen wagte, war die alte Dame doch gleich mit den Worten da: Die moderne Zeit wäre ein Kreis, in dem sich nur halb Verrückte bewegten, aber Menschen mit Herz und Pietät, Menschen mit Verstand und Geschmack blieben möglichst ausserhalb dieses Kreises.

Herbert Willmann lächelte: „Sind Sie schon einmal in so einem ganz modernen Auto ausgefahren, gnädigste Gräfin?“

Er gab der alten Dame den Frauentitel, weil ihm schien, seit Gisa hier im Zimmer war, die drei Silben Komtesse passten nicht für das verhutzelte Gnomenweibchen, das so klein und zerbrechlich im altmodischen Lehnstuhl sass und, wenn man ihre Eltern mitrechnete, nun schon die fünfte Generation kannte.

Franziska Wergenheim hob abwehrend ein wenig die Rechte.

„Der Himmel bewahre mich davor. Ich habe noch nie in einem Auto gesessen.“ Ueber ihr Faltengesicht warf Erinnerung einen hellen Schein. „Als Kind bin ich oft im Kutschwagen der Eltern ausgefahren und später, als ich Hofdame wurde, in den herzoglichen Equipagen. Danach mag es ein recht zweifelhafter Genuss sein, in so einem Kasten ohne Pferde Platz zu nehmen.“

Das kleine, festeingeprägte Spottlächeln um Herbert Willmanns Mund vertiefte sich noch ein wenig.

„Ich wäre glücklich, Frau Gräfin, wenn ich Ihnen einmal mein Auto zur Verfügung stellen dürfte, damit Sie selbst ausproben, wie unrecht Sie dem braven Kasten ohne Pferde tun.“

Franziska Wergenheim stiess einen kleinen Schrei aus. Wie das Zirpen einer Grille klang es.

„In so ein lebensgefährliches Vehikel ginge ich nicht. Autounfälle sind an der Tagesordnung. Chauffeure fahren immer gegen Bäume und Mauern.“

Er wehrte ab.

„Das kommt, im Verhältnis zu der Unmenge von Autos, die es gibt, nur sehr selten vor. Früher gingen die Pferde mit dem Wagen durch; heute geht der unzuverlässige Chauffeur, der immer seltener wird, mit dem Auto durch. Mein Privatchauffeur ist vollständig zuverlässig. Ausserdem würde ich, wenn Sie mir die Ehre gäben, meinen Wagen zu benützen, diesen selbst steuern. Ich will mich nicht loben; aber ich verstehe mit den Autos umzugehen wie mit guten, willigen Tieren. Ueberlegen Sie sich meinen Vorschlag, Frau Gräfin. Ich werde mir erlauben, Ihnen morgen meinen Wagen zu zeigen. Vielleicht bekommen Sie dann Lust, ein Stündchen in den Wald zu fahren oder durch den Ort oder wohin Sie wünschen.“ Er erhob sich. „Ich bin als nüchterner Käufer gekommen und wählte eine beliebige Zeit. Wann darf ich meinen offiziellen Besuch machen?“

Die alte Dame lächelte: „Ich erlasse Ihnen den offiziellen Besuch, Herr Willmann; aber Ihren Wagen dürfen Sie mir zeigen. Ich habe mir so ein Auto noch niemals genau betrachtet.“

Gisa verwunderte sich immer mehr. Was für ein neuer Geist war nur in die Tante gefahren! Der Mann, der so aufreizend modern wirkte, und dessen kleines Spottlächeln sie störte, schien eine Art Hexenmeister zu sein. Unglaublich war es, dass sich die alte Dame, die das Wort „modern“ bisher schon fast als Beleidigung empfunden, ein Auto ansehen wollte.

Er lächelte: „Um welche Zeit darf ich morgen vorfahren? Ich bin immer zu Ihrer Verfügung. Vielleicht darf ich Sie dann morgen gleich fahren. Glauben Sie mir, Frau Gräfin, Sie werden entzückt sein. Ich darf wohl annehmen, Sie, Komtesse, sind schon öfter im Auto gefahren?“ wandte er sich an Gisa.

Sie sah ihn kühl an.

„Nein, ich bin genau so rückständig wie meine Tante, und ich verspüre so wenig Verlangen, wie sie, nach diesem zweifelhaften Vergnügen.“

Er lachte: „Wenn Sie erst einmal ein Stündchen gefahren sind, wollen Sie das Auto gar nicht mehr verlassen.“

Ihre Lippen zuckten, und er dachte: Kleine hochmütige Kanaille, Geld hat sie wahrscheinlich gar keins; aber der Hochmut steift ihr den Nacken!

Er neigte sich zu der alten Dame nieder.

„Darf ich Ihnen mein Auto morgen vormittag vorführen? Vielleicht um zehn Uhr oder um elf oder lieber am Nachmittag um drei oder vier?“

Franziska Wergenheim brummelte in sich hinein: „Aber mitfahren werde ich bestimmt nicht.“

„Nein, nein“, beruhigte er, „es steht Ihnen frei, nach Ihrem Willen zu handeln. Ich freue mich ja schon. Ihnen mein hübsches Auto vorführen zu dürfen. Es ist ein Meller-Wagen. Wundervoll komfortabel ist er; aber die Firma ist kaputt gegangen; sie hat ihre Autos zu teuer gebaut. Ich war Kompagnon von Meller und werde hier auch Luxuswagen bauen. Aber ich hoffe zuversichtlich, dabei ein gutes Geschäft zu machen.“

Die alte Dame hatte kaum zugehört.

Sie sagte jetzt: „Kommen Sie morgen um drei Uhr. Ich sehe mir Ihren Wagen hier vom Fenster aus an.“

Er ergriff die Rechte der alten Dame und küsste sie mit so viel Wichtigkeit und Zeremoniell, dass es Franziska Wergenheim war, als wären die schönen Tage ihrer Hofdamenzeit wieder erwacht. Damals hatte ihr Louis von Starke, des Herzogs erster Adjutant, so oft die Hand geküsst, so oft in süsser Heimlichkeit; aber ehe es so weit war, dass er ihr den Mund küssen konnte, starb er ganz plötzlich an einer ganz poesielosen Lungenentzündung. Sie hatte ihm ihre Liebe bewahrt, und Herbert Willmann hatte die freundliche Aufnahme bei ihr nur dem Umstande zu danken, dass er in Figur und Haltung ein wenig Aehnlichkeit mit jenem vor siebzig Jahren verstorbenen Offizier hatte. Wie ein heimlicher Gruss aus einem Grabe, das sie nicht kannte, mutete sie die Aehnlichkeit an. Louis von Starke war nach seinem Tode in die Gruft seiner Familie überführt worden, und sie war noch nicht seine offizielle Verlobte gewesen. Damals aber nahm man es mit solchen Dingen noch sehr genau, was die Form betraf.

Nachdem Herbert Willmann mit tiefen Verneigungen gegen beide Damen gegangen war, sagte das Gnomenweibchen:

„Schade, dass er bürgerlich ist. Ich glaube, das ist aber auch sein einziger Fehler! Ich finde diesen Autofabrikanten reizend. Ich habe mich lange nicht mehr so gut unterhalten wie heute.“

Gisa hätte am liebsten widersprochen; aber sie musste immer Rücksicht auf das Alter der Urgrosstante nehmen. Widerspruch konnte sie erregen, und der Hausarzt hatte ihr eingeschärft: Keinen Widerspruch, wenn es nicht dringend notwendig ist. In diesem Alter kann die kleinste seelische Erregung wie ein rauher Lufthauch wirken und gesundheitlichen Schaden bringen.

Die alte Dame sah Gisa an.

„Eigentlich sollte ich mich doch ruhig einmal in sein Auto setzen, nicht wahr? Was könnte denn gross geschehen? Meine Tage sind sowieso gezählt, und wenn er selbst fährt, wie er versprochen hat, brauche ich auch sicher keine Angst zu haben. Ich bin schon lange nicht mehr weiter gekommen als hinaus in unseren kleinen Garten, und es muss schön im Walde sein jetzt im Frühling.“ Ganz langsam sprach sie weiter: „Ich habe unseren Buchenwald so lieb, und ich habe schon manchmal gedacht: Wenn ich doch noch einmal ein Stückchen hindurchlaufen könnte!“

Gisa erwiderte rasch: „Wollen Kutscher Hahn mit seiner Droschke bestellen, Tantchen.“

Die alte Komtesse blickte sie förmlich entsetzt an.

„Um des Himmelswillen nicht! Nach der Fahrt in der alten Droschke ist man für lange Tage kaputt. Wie darfst du meinen alten Knochen das zumuten!“ Sie lächelte. „Ich bin neugierig aus das Auto morgen.“

Sie dachte an die Aehnlichkeit der Gestalt, die Herbert Willmann mit dem jungen herzoglichen Adjutanten hatte, der nun schon seit siebzig Jahren der Ewigkeit entgegenträumte, und Gisa sann: Was war es nur, das sie zu gleicher Zeit an Herbert Willmann abstiess und anlockte? Es war ein ganz eigenartiges Empfinden, aus dem sie nicht klug wurde.

2.

Am nächsten Tage klangen kurz vor drei Uhr laute Hupensignale durch die stille Liliengasse. Die alte Komtesse Wergenheim sass am Fenster und sah das Auto vorfahren. Das musste sie zugeben: hochelegant sah es aus, und sie dachte, so ein vornehmes, teures Auto ist noch niemals durch die Liliengasse gefahren. Gleich darauf klingelte es, und Gisa machte dem Erwarteten auf. Lina war beim Abwaschen und hatte das Klingeln wieder einmal überhört.

Herbert Willmann verneigte sich.

„Gnädigste Komtesse, mein Wagen wartet. Ich hoffe Ihre Tante doch noch zu überreden. Was meinen Sie?“

Gisa erwiderte kurz: „Ich halte es für möglich, obwohl es mir unfassbar ist.“

Er lächelte. „Mir gelingt alles, was ich will. Nehmen Sie sich in acht vor mir, schönste Komtesse, denn ich will Sie.“

Zorniges Rot bedeckte ihre Wangen.

„Ich glaube, Sie vergessen, mit wem Sie sprechen, Herr Willmann.“

Er lächelte ruhig weiter. „Bewahre, wie könnte ich das? Ich hoffe zuversichtlich, ich spreche mit einer jungen Dame, die nicht nein sagt, wenn ich sie bitte, meine Gattin zu werden, weil sie mir besser gefällt als alle jungen Mädchen, die ich bisher kannte. Und da ich zweiunddreissig bin, ist’s bald Zeit für mich, zu heiraten.“

„Sie sind unverschämt!“ warf sie ihm empört entgegen.

„Verzeihung, Komtesse, ich bin nur aufrichtig“, gab er zurück. Er blickte sie fast übermütig an. „Was wollen Sie, Komtesse, es gibt doch nun mal Männer und Frauen in der Welt, und die finden sich zu legitimen und illegitimen Pärchen zusammen. Wären Sie das Dienstmädchen der Komtesse Wergenheim gewesen, wie ich annahm, hätte ich versucht, Sie ohne Priestersegen zu küssen: da Sie aber selbst eine Komtesse Wergenheim sind, finde ich, Sie passen ausgezeichnet zur Herrin von Schloss Wernersruhe.“

Gisa war wie erstarrt. War das, was dieser Mann, den sie kaum kannte, zu ihr sagte, nun eigentlich der Gipfelpunkt der Dreistigkeit oder war es nur Selbstbewusstsein? Und war seine Art die der modernen Männer von heute, die draussen in der grossen Welt lebten, und die sie nicht kannte? Die Herren, die hier ins Haus kamen, waren ohne Ausnahme ältlich oder alt; ihre Liebenswürdigkeit gegen Damen hatte etwas Altfränkisches, Verstaubtes.

Sie gab darauf keine Antwort, sagte nur kühl: „Tante hat Sie vorfahren sehen und wird sich wundern, dass es so lange dauert, bis Sie bei ihr eintreten.“

Er lächelte nur; aber sein Blick hing bewundernd an ihrem feinen, rassigen Gesicht mit den übergrossen Braunaugen und dem leuchtenden seltenen Goldhaar, das in einem Knoten im Nacken aufgesteckt war.

Zu gern hätte sich Gisa längst das Haar kurz schneiden lassen; aber die Tante war ärgerlich geworden, als sie den Wunsch geäussert.

„Ueberlass so verrückte Moden den Neureichen und den Filmdamen oder den dummen Weibsleuten, die nicht wissen, dass der Frauen schönster Schmuck ihr Haar ist“, hatte sie gesagt.

Herbert Willmann folgte ihr über den Flur und flüsterte: „Weshalb tragen Sie keinen Pagenkopf? Die Frisur müsste Sie wundervoll kleiden, Komtesse.“

Sie antwortete ärgerlich: „Ich will ja niemandem gefallen, am allerwenigsten Ihnen.“

Er lachte wieder und zeigte zwei Reihen prachtvoller Zähne.

„Das schillernde Schlänglein hat einen Giftzahn. Soll ich versuchen, ihn auszuziehen?“

„Noch ein Wort“, empörte sie sich, „noch ein einziges Wort dieser Art, und ich erzähle meiner Tante, wie sehr Sie mich belästigen.“

Er biss sich auf die Lippen; dann blickte er sehr ernst.

„Verzeihung, Komtesse“, bat er, „ich habe mit diesem Ton bisher bei den Frauen am meisten Glück gehabt, und bei Ihnen möchte ich Glück haben.“ Seine Stimme hatte mit einem Male den wundervollen zärtlichen Klang, der Gisa gestern nachmittag schon aufgefallen war.

„Ich sagte vorhin, bei anderen Frauen habe ich mit dem Ton Glück gehabt“, betonte er, „aber Sie sind eben nicht wie andere Frauen. Sie sind eine Besondere, eine ganz Besondere!“

Gisa öffnete die Salontür, und er musste schweigen; denn am Fenster sass die alte Dame und blickte ihm freundlich entgegen.

„Ihr Wagen ist herrlich“, lobte sie mit ihrer matten, zerbrochenen Stimme. „Wenn ich so jung wäre wie meine Gisa, würde ich bestimmt einmal eine Probefahrt mit Ihnen machen, aber in meinen Jahren ist man ängstlich.“

Herbert Willmann küsste die Hand des Gnomenweibleins.

„Sie sollten es doch versuchen, Frau Gräfin. Sie werden in den Autokissen wie auf einem weichen Sofa sitzen, und das Fahren wird Ihnen vorkommen, als wenn Sie sanft vorwärtsglitten.“

Die alte Dame überlegte. Sie dachte an den Buchenwald, den sie schon so lange nicht mehr gesehen, weil ihre Füsse sie nicht mehr so weit trugen, und sie sich vor den groben Stössen in einer Droschke fürchtete. Sie erwiderte zögernd:

„Ich hätte so gern einmal wieder ein paar Schritte durch den Buchenwald gemacht. Seit beinahe zehn Jahren war ich nicht mehr da.“

Sie dachte dabei, wie seltsam es war, dass da einer vor ihr stand, dessen schlanke, vornehme Gestalt der ihres geliebten Toten glich. Das stimmte ihr ganzes Denken um.

Er wandte sich an Gisa.

„Bitte, Komtesse, sorgen Sie für die Ueberkleider Ihrer Frau Tante, und machen auch Sie sich fertig. Wir fahren in den Buchenwald.“

Gisa wollte scharf erwidern: Tante hat sich ja noch gar nicht entschieden, und ich fahre nicht mit! — Aber da traf ihr Blick den Blick der alten Dame, in dem es wie kindliche Erwartung leuchtete, und nun wagte sie keine Auflehnung und ging, um zu holen, was er angeordnet.

Als sie ihr Zimmer betrat, um den dünnen Staubmantel überzuwerfen, blieb sie flüchtig mitten im Raume stehen und drückte die Hand auf das laut pochende Herz. Was für ein eigentümliches Gefühl war das nur, das sie beherrschte und ihr das Atmen schwer machte? Sie dachte an Herbert Willmann, und der zärtliche Klang seiner Stimme lag ihr im Ohr. Aufreizend und betörend. Sie lachte sich im Spiegel an: Dumme Gisa, was geht dich der Automobilfabrikant Herbert Willmann an? Er wird, trotzdem er es wünscht, bei dir kein Glück haben!

Zehn Minuten später lehnte die alte Komtesse in den weichen Polstern des Autos und neben ihr Gisa. Vor ihnen auf dem Führersitz sass der elegante Herbert Willmann, und der Wagen fuhr sanft wie auf teppichbelegten Wegen durch die Liliengasse.

Das Auto war offen, und die warme Frühlingssonne tat dem Gnomenweibchen gut. Sie hielt sich an Gisa fest, lag halb in ihrem Arm, seufzte wohlig: „Weisst du, Kind, das ist wie eine Himmelfahrt, wie wenn man schwebt, nicht wahr? O, ich freue mich so sehr auf den Buchenwald!“

War es die Freude, den geliebten Buchenwald wiederzusehen, oder hatte das Neue sie so aufgeregt? Am nächsten Tage musste Franziska Wergenheim im Bett bleiben, und der Arzt sagte draussen auf dem Flur zu Gisa:

„Die alte Dame ist müde; das Herz mag nicht mehr mitmachen! Gehen Sie so vorsichtig mit ihr um wie mit einem kostbaren zerbrechlichen Gegenstand.“

Gisa sah ihn mit bang fragenden Augen an; zu sprechen vermochte sie nicht.

Der alte Hausarzt lächelte ernst: „Sie hat das biblische Alter weit überschritten, und der müde Körper sucht Ruhe.“

Er ging, liess Gisa in Verzweiflung zurück. Lina hatte dem Arzt die Worte von den Lippen abgelesen. Sie fuhr sich mit beiden Händen nach dem grauhaarigen Kopf.

„Wenn die alte Gnädige stirbt, ist nur der verdammte neumodische Wagen daran schuld! Was brauchte sich die alte Gnädige noch in so ’nen Deifelskarren zu setzen! Sowas rächt sich.“

Es klingelte. Herbert Willmann stand vor der Tür; er trug einen Strauss rosa Nelken.

„Sie sind an dem Unheil schuld mit Ihrem Deifelskarren“, fuhr Lina auf ihn los.

Er blickte sie verdutzt an; sein fragender Blick glitt zu Gisa, die erklärte:

„Meine Tante ist erkrankt. Der Arzt meint, ihr Herz mag nicht mehr mitmachen, und unsere treue Lina schiebt nun die Schuld auf die Autofahrt. Doch verzeihen Sie, ich muss sofort zur Tante.“

Er reichte ihr den Strauss.

„Bitte, nehmen Sie der Kranken die Blumen mit und meine aufrichtigsten Wünsche, sie möge sich recht bald erholen.“

Gisa nickte und eilte mit den Nelken in das Schlafzimmer der alten Dame. Als Komtesse Franziska die Nelken in Gisas Händen sah, glitt ein heller Schein über ihre verfallenen Züge.

„Sind die Blumen von ihm?“ fragte sie, und Gisa erschrak vor dem eigentümlich fremden Blick der Urgrosstante.

„Die Blumen sind von Herrn Willmann, liebe Tante. Er hat sie für dich gebracht und wünscht dir baldige Besserung.“

Franziska Wergenheims Blick schien nach innen zu gehen.

„Gib mir die Blumen, und sage die Wahrheit. Ich kenne keinen Herrn Willmann; er nannte sich hier nur so, weil niemand wissen soll, er ist mein lieber, alter Schatz, des Herzogs Adjutant. Es ist ja gar nicht wahr, dass er damals starb, es war eine Lüge, sonst hätte er doch nicht wiederkommen können, nicht wahr?“

Ihre umherzuckenden Hände langten nach den Nelken, umkrampften und küssten sie.

„Das ist mein Hochzeitsstrauss. Mit dem fahre ich neben ihm in die Kirche — in seinem neuen Wagen ohne Pferde. Es fährt sich so weich und schön darin.“ Sie flüsterte: „Er soll hereinkommen, ich will’s ihm sagen; ich liebe ihn.“

Gisa war vor Schreck und Angst ganz betäubt; die Tante redete irre; sie verwechselte Herbert Willmann mit jemand, den sie einmal geliebt haben musste, und der gestorben war.

Sie lief zur Tür. Lina sollte gleich nochmals den Arzt rufen.

Lina aber stand draussen auf dem Flur noch immer vor dem Besucher und schalt, er trage die Schuld an der Erkrankung ihrer Herrin.

Gisa winkte: „Lina, der Doktor soll sofort wieder herkommen!“

Ueber ihr Gesicht liefen Tränen. Sie sah Herbert Willmann an.

„Tante redet irre, sie küsst Ihre Nelken und sagt, Sie sollten zu ihr hineinkommen.“

Schon stand der schlanke, grosse Mann an ihrer Seite.

„Verfügen Sie über mich, Komtesse.“

Er betrat mit ihr das altmodische Schlafzimmer, und das winzige alte Menschenkind in den weissen Kissen löste leichtes Unbehagen in ihm aus.

Franziska Wergenheim öffnete mühsam die halbgeschlossenen Augen, und abgerissen zwängte sie hervor:

„Wie gut, dass du gekommen bist, Louis! Jetzt können wir gleich in die Kirche fahren. Wir dürfen uns nicht verspäten, damit der Herzog und die Herzogin nicht zu warten brauchen, sie sind doch unsere Trauzeugen.“ Sie streckte die Rechte aus. „Gib mir deine Hand, Louis!“

Gisa bat: „Nehmen Sie ihre Hand, bitte!“

Er fasste mit seiner nervigen Rechten die dünnen Finger, die sich entsetzlich haltlos in die Männerhand schoben, und sagte mit dem betörend-zärtlichen Klang, der Gisa so beunruhigte: „Wir fahren jetzt in die Kirche. Dort traut man uns, und wir werden sehr, sehr glücklich sein.“

Aber er sah, während er das sagte, unausgesetzt Gisa an.

In diesem Augenblick kam aus dem Mund der alten Komtesse ein Gurgeln und Röcheln, die Blumen rollten von der Decke auf den Fussboden, und dann trat beklemmende, dumpfe Stille ein.

Gisa sah die starren Augen, das wächserne, winzige Altfrauengesicht und schrie laut auf, taumelte und fiel halb bewusstlos in die Arme des Mannes, der eben erst seine Hand aus der Hand einer Toten gelöst.

Es durchzuckte Herbert Willmann, den Augenblick auszunützen und den Mund der schönen Gisa zu küssen; doch seine Klugheit hielt ihn davon zurück. Er wagte nur, ihr leicht über das Haar zu streichen und zu flüstern:

„Armes Komtesschen! Liebes, armes Komtesschen!“

Langsam machte sie sich aus seinen Armen frei, blickte ihn bestürzt an und barg das Gesicht in den Händen. Ihr wurde erst jetzt klar, sie hatte in Herbert Willmanns Armen gelegen.

Er sagte weich und zärtlich: „Der alten Dame ist wohl. Sie war müde; ihr Lebensweg war lang.“

Gisa machte ein paar Schritte vorwärts, und ihre Hände sanken herab. Vor dem Lager der Toten brach sie in die Knie.

Herbert Willmann nahm die Nelken vom Bettvorleger auf und schob sie der alten Komtesse zwischen die nahe beieinanderliegenden Hände.

Gisa beobachtete seine Bewegungen und sah, wie er der Toten den letzten Liebesdienst erwies und ihr die Augen zudrückte.

Da brach sie zusammen, wusste nicht mehr, was um sie her vorging.

Sie hörte nicht mehr das Eintreten des Arztes, wusste nicht, dass sie von den starken Armen Herbert Willmanns in ihr Zimmer getragen wurde.

Als sie aus ihrer Ohnmacht erwachte, sass Lina an ihrem Bett, und der alte Hausarzt lächelte ihr ernst entgegen:

„Gott sei Dank, dass Sie endlich wieder zu sich kommen, Komtesse! Die Ohnmacht hat beängstigend lange gedauert.“

In Gisa meldete sich die Erinnerung. Sie fragte bebend:

„Ist es wahr, dass Tante tot ist? Oder habe ich das nur geträumt?“

Linas grauhaariger Kopf zuckte, bedrängt von der Frage, nervös hin und her; aber der Arzt erwiderte leise:

„Sie dürfen sich nicht wieder so stark aufregen, Komtesse, ich bitte Sie. Ja, Ihre Tante ist tot, aber sie muss einen wundervoll leichten und schnellen Tod gehabt haben, einen beneidenswerten Tod. Um ihren Mund hat sich ein Lächeln verfangen, das von einem glückseligen Sterben zeugt.“

Gisa erinnerte sich daran; die alte Frau hatte die Schwelle des Lebens mit der Illusion überschritten, dass sie mit dem Mann, den sie einmal in ferner Jugendzeit geliebt, in die Kirche ginge — zum Traualtar, wo die Trauzeugen, der Herzog und die Herzogin, auf sie warteten.

Und Herbert Willmann verdankte sie die Illusion!

Herbert Willmann! Hatte sie selbst nicht minutenlang an seiner Brust geruht? Hatte er nicht sanft über ihr Haar gestrichen und betörend zärtlich geflüstert: Armes Komtesschen! Liebes, armes Komtesschen“

Sie drückte den Kopf tief in die Kissen.

Der alte Hausarzt riet:

„Ruhen Sie nur aus, Komtesse, und stehen Sie noch nicht gleich auf. Was jetzt notwendig ist, wird auch ohne Ihr Zutun geschehen. Herr Willmann hat sich bereiterklärt, alles zu ordnen.“

Gisa horchte auf. Sie sagte hastig:

„Herr Willmann ist uns doch ein ganz Fremder. Tante kannte ihn ja kaum, und ich weiss auch nicht viel von ihm.“

Lina erwachte aus dumpfem Vorsichhingrübeln.

„Das ist es ja gerade, man kennt so einen Menschen gar nicht, und er kommt so mir nichts, dir nichts mit seinem Deifelskarren und mordet die alte Gnädige.“

Der Arzt klopfte sie auf die Schulter.

„So dürfen Sie nicht reden, Lina. Von der Autofahrt ist die Komtesse nicht gestorben. Sie war zweiundneunzig Jahre alt, und ihre Zeit war um.“

„Ohne den Deifelskarren wäre die alte Gnädige hundert Jahre geworden!“ ereiferte sich Lina. „Ich will von dem Menschen, dem reichen Kerl, der das Schloss gekauft hat und jetzt das Kloster verschandeln will, nix wissen, partu gar nix, und wenn Sie auf mich hören, Komtesschen, lassen Sie ihn hier nicht mehr rein, er hat Unglück ins Haus gebracht.“

Der Doktor schüttelte den Kopf. „Sie sind unvernünftig, Lina.“

Gisa aber war, als höre sie eine zärtliche Männerstimme sagen: Armes Komtesschen! Liebes, armes Komtesschen!

3.

Gisa Wergenheim und Herbert Willmann sassen sich in der engen Traulichkeit des kleinen Biedermeiersalons gegenüber. Er war vor fünf Minuten gekommen und hatte ihr erklärt, nun sei alles geordnet, was irgendwie mit dem Tode der alten Dame zusammenhinge, und er stehe ihr weiter vollkommen zur Verfügung.

Gisa blickte ihn dankbar an.

„Sie haben sehr viel für mich getan, Herr Willmann. Ohne Sie wäre die Beerdigung und alles Drum und Dran bestimmt nicht so glatt gegangen. Sie haben alles sehr gut arrangiert, und Tante hat ein prachtvolles Begräbnis gehabt. Mein Vormund, Justizrat Völkert, sagt das auch. Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, und ich bitte Sie nun, die Rechnungen an Justizrat Völkert zu senden.“

Er verneigte sich im Sitzen. „Komtesse, das wird ja erledigt werden, viel wichtiger ist nach meiner Ansicht etwas anderes.“

Er blickte sie an, die in dem kreppbesetzten schwarzen Kleid geradezu hinreissend rührend und lieblich aussah. Er erhob sich.

„Komtesse, ich bitte Sie um Ihre Hand. Sie stehen jetzt ganz allein in der Welt, und ich liebe Sie. Verzeihen Sie, wenn ich schon jetzt davon spreche, aber ich meine, es wäre für Sie gut, recht bald hier herauszukommen.“

Gisa schüttelte den Kopf.

„Ich kenne Sie zu wenig, um Ihre Frau werden zu können.“

Er lächelte: „Sie haben doch schon einmal, wenn auch nur für Minuten, an meinem Herzen geruht, Komtesse, und ich kann diese Augenblicke nicht vergessen.“

Ueber ihr blasses Gesicht jagte rasches Rot.

„Wenn Sie mich nach Ablauf des Trauerjahres noch einmal fragen, ob ich Ihre Frau werden will, dann hoffe ich, Ihnen eine klare Antwort geben zu können. Heute ist es mir unmöglich. Dringen Sie, bitte, nicht in mich, ich bin ausserstande, Ihnen etwas anderes zu erwidern.“

Er hätte am liebsten die Arme ausgestreckt und die schöne Gisa Wergenheim an sich gerissen wie eine Beute: aber er bezwang sich. Bei Gisa konnte er mit einer Unüberlegtheit alles verderben.

Er setzte sich wieder und sann. Noch niemals war er vom ersten Augenblick an so über alle Begriffe verliebt gewesen wie jetzt in Gisa Wergenheim. Noch niemals hatte er vordem daran gedacht, sich zu binden; aber in Gisa sah er die Frau, die vorzüglich zu ihm passte. Sie war schön und jung und trug einen klingenden Namen. Man würde ihn um die goldblonde, graziöse Köstlichkeit beneiden. Er sagte in bedauerndem Tonfall:

„Wie schade, dass Sie eine so lange Ueberlegungsfrist brauchen! Aber vielleicht kürzen Sie sie doch etwas ab. Ich hoffe, Sie sehen schon bald ein, dass ich Ihnen ein guter Begleiter durchs Leben werden würde. Verzeihen Sie eine Frage, Komtesse, wie alt sind Sie?“

„Ich bin zwanzig Jahre“, gab sie zurück.

Er fand, sie sah aus, als sei sie kaum achtzehn. Sie hatte ihre Jugend in strengster Zurückgezogenheit verbracht, sie kannte keine von all den modernen Vergnügungen, die fast jedes junge Mädchen kennt, und um sie her war ein seltener Duft von Reinheit und Unberührtheit. Sie kannte kein modernes Theaterstück, und erst zweimal war sie im Kino gewesen. Sie war noch in vielen Dingen weit hinter ihren Altersgefährtinnen zurück, da ihre Urgrosstante sie an keinem Vergnügen der Jugend hatte teilnehmen lassen.

Vielleicht war es die weltfremde Reinheit, die Herbert Willmann so besonders an Gisa reizte? Er wusste es nicht; er wusste nur, er musste sie besitzen.

Gisa hüstelte verlegen, fand dann den Mut zum Sprechen.

„Ich hätte eine Bitte, Herr Willmann, und Sie würden mir eine grosse Freude bereiten, wenn Sie mir die Bitte erfüllen wollten.“

„Wenn die Erfüllung in meiner Macht liegt, gewähre ich sie Ihnen schon im voraus“, versprach er galant.

Ihr Blick ward warm.

„Das wäre wunderschön, Herr Willmann. Sie suchten letzthin, kurz, bevor meine Tante starb, eine Sekretärin. Wenn Sie inzwischen noch keine engagiert haben, prüfen Sie mich, ob ich die Stellung ausfüllen kann. Ich spreche Englisch, Französisch und Italienisch und habe Buchführung gelernt, sowie Maschinenschreiben.“

Er sah sie verblüfft an.

„Fast meine ich mich verhört zu haben, Komtesse. Oder wollen Sie sich einen Scherz mit mir machen? Ich kann doch unmöglich glauben, Sie möchten sich von mir Geschäftsbriefe diktieren lassen und sich mit allerlei trockenen Büroarbeiten langweilen.“

Sie nickte eifrig. „Doch, doch, es ist mein voller Ernst! Ich habe Büroarbeiten gelernt, manches heimlich, hinter dem Rücken von Tante, um etwas zu können, falls die Not an mich heranträte. Ich hätte auch gern zum Haushalt beigetragen; aber Tante würde nicht erlaubt haben, dass ich mir eine Stellung suchte. Auch gibt es ja hier kaum eine für mich. Ihre Annonce hat mich begeistert, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es mit mir versuchen würden. Ich verspreche Ihnen auch, mir die allergrösste Mühe zu geben.“ Sie brach ab und ihr feines Gesichtchen verdunkelte sich. „Aber wozu reden wir davon? Die Stellung ist sicher längst vergeben.“

Herbert Willmann durchzuckte es, dass ihm jetzt vielleicht Gelegenheit geboten war, schnell ans Ziel zu kommen. Ein häufiges Zusammensein mit Gisa würde sie ihm bald in die Arme treiben. Dieses unschuldige kleine Mädelchen verliebt in sich zu machen, konnte doch nicht so schwer sein. Er antwortete schnell:

„Die Stellung ist noch nicht vergeben; aber Sie sollten sich nicht mit so langweiligem Kram beschäftigen. Obwohl Sie nicht reich sind, ja, vielleicht nicht einmal wohlhabend, so gehört Ihnen doch das Häuschen, und vorläufig wird das Geld reichen, das Ihre Tante Ihnen hinterlassen hat. Ich hörte von Ihrem Vormund, es seien noch fünfzehntausend Mark.“

Gisa nickte: „Das stimmt. Aber es ist mir jetzt, wo ich allein in der Welt stehe, auch nicht nur um das Geldverdienen zu tun. Ich bin zu viel allein, ich denke zu viel an Tante und habe eingesehen, dass ich Arbeit brauche. Die würde mich ablenken. Bitte, versuchen Sie es doch mit mir.“

„Wäre Ihr Vormund damit einverstanden?“ fragte Herbert Willmann.

Sie antwortete mit einem schnellen Ja, und ihre schönen Braunaugen hingen bittend und fragend an seinem Gesicht.

Er neigte den Kopf.

„Gut, ich engagiere Sie, Komtesse. Doch den ganzen Tag haben Sie vorläufig noch nicht zu tun, nur des Vormittags. Dafür zahle ich Ihnen dreihundert Mark monatlich.“

Sie sah ihn fast verdutzt an.

„Eine solche Riesensumme wollen Sie ausgeben für eine Anfängerin, auf die Sie doch vielleicht Rücksicht nehmen müssten? Bewahre! Das ist viel zu viel.“

Sie bemerkte nicht, wie das Spottlächeln um seinen Mund betonter ward, als er zurückgab: „Ich habe die Summe von dreihundert Mark für den Posten ausgesetzt, und weshalb soll ich Sie, weil ich Sie zufällig kenne, benachteiligen? Also topp, es gilt! Wann können Sie Ihre Stellung antreten, Komtesse?“

Sie machte ein ganz frohes Gesicht — zum ersten Male, seit die alte Verwandte sie verlassen. Es war ein so hübscher Gedanke, sich durch ihrer Hände Arbeit Geld zu verdienen! Und gleich so viel! Da brauchte sie das kleine Vermögen, das die alte Dame ihr hinterlassen, vorläufig gar nicht anzugreifen. Der Gedanke gab eine so angenehme Sicherheit.

Doch plötzlich verflog die frohe Stimmung wieder.

„Es geht doch nicht mit der Stellung“, erklärte sie traurig, „weil Sie mir vorhin gesagt haben, Sie lieben mich.“

„Aber das ist doch kein Hinderungsgrund“, erwiderte er leicht erschreckt; denn jetzt hatte er sich mit dem Gedanken schon befreundet, jeden Vormittag die schöne Komtesse in seiner Nähe zu haben. „Vergessen Sie zunächst, was ich Ihnen gestanden; auch ich werde mir Mühe geben, es vorläufig zu vergessen.“ Er lächelte. „Vielleicht gewöhnen Sie sich als meine Sekretärin an mich und erlauben mir, Ihnen eines Tages zu wiederholen, was ich Ihnen schon heute sagte.“

Sie überlegte flüchtig.

„Ich werde mit meinem Vormund sprechen“, antwortete sie.

Er stimmte ihr bei.

„Wenn Ihr Entschluss feststeht, bitte ich Sie sofort um ein paar Zeilen. Oder noch besser! Wenn Sie sich endgültig entschlossen haben, die Stellung anzunehmen, brauchen Sie nur ins Schloss zu kommen. Morgen oder übermorgen vormittag! Ich werde Sie erwarten.“

Er gab sich Mühe, recht kühl und nüchtern zu sprechen, damit Gisa nicht kopfscheu würde.

Diese nickte: „Ich rede noch heute mit meinem Vormund.“

Herbert Willmann lächelte: „Es ist für mich eigentlich eine sehr befremdende Idee, dass ich in Ihnen meine Sekretärin sehen soll.“

Sie lächelte ebenfalls ein wenig.

„Sie sollen mich genau so behandeln, wie Sie jede beliebige Sekretärin behandeln würden. Das müssen Sie mir versprechen.“

Er verneigte sich.

„Ich verspreche es Ihnen, Komtesse.“

Und er dachte belustigt, es wäre ihm gar nicht eingefallen, einer anderen Anfängerin dreihundert Mark für ein paar Vormittagsstunden zu bieten.

Als er gegangen war, machte sich Gisa gleich auf den Weg zu Justizrat Völkert. Sie erzählte ihm, dass Herbert Willmann sie als Sekretärin engagieren wollte; aber sie erwähnte keine Silbe davon, dass er ihr von Liebe gesprochen und sie zur Frau begehrte. Sie fürchtete wohl mit Recht, der Vormund würde ihr dann abraten, die Stellung anzunehmen.

Sie reizte die Arbeit. Sie sehnte sich nach Beschäftigung, nach Ablenkung. Die Tage waren so endlos, seit sie die alte Dame nicht mehr betreuen durfte, deretwegen sie fast klösterlich einsam hatte leben müssen; aber die Sorge um die Urgrosstante war doch immerhin eine Aufgabe gewesen. Jetzt schien ihr die Stille des kleinen Hauses oft unerträglich, atembeklemmend, und sie dachte, es müsste schön sein, sich einen Pflichtenkreis zu schaffen. Auch gab es da noch ein Gefühl, über das sie sich bisher nicht klar geworden. Sie empfand manchmal starke Zuneigung für Herbert Willmann. Dann wieder war er ihr unsympathisch, stiess sie ab.

Sie ward aus ihren Empfindungen nicht klug.

Wenn sie ihn öfter sah und mit ihm zusammen arbeitete, würde sie ihn vielleicht anders beurteilen als bisher. Die allzu dreiste Art, mit der er sie am ersten Tag behandelt, hatte sich deutlich in ihr Gedächtnis eingeprägt. Sie musste das erst vergessen.

Justizrat Völkert fand die monatliche Entlohnung ebenfalls sehr hoch, aber er dachte, ein Mann, hinter dessen Namen einige Millionen standen, konnte seine Angestellten auch gut bezahlen.

Schon am nächsten Vormittag trat Gisa Wergenheim ihre Stellung an. Punkt zehn stand sie in der Eingangshalle des Schlosses, deren Wände mit grossen Gemälden aus der Rokokozeit geschmückt waren.

Der Diener ging, sie anzumelden, und sie beschaute sich inzwischen die Wandgemälde. Es fiel ihr ein, die Urgrosstante hatte ihr oft erzählt, die Bilder stellten bestimmte Personen dar.

Als Kind war sie einmal von der Urgrosstante mit ins Schloss genommen worden, und die alte Dame hatte ihr hier in der Halle erklärt, wer die Damen und Herren aus dem Rokoko gewesen, die so elegant und zierlich Menuett tanzten.

Auch Erbprinz Otto war hier auf einem Bilde zu sehen, erinnerte sich Gisa. Die alte Dame hatte sie noch besonders auf sein Bild aufmerksam gemacht.

Gisa ging langsam hinüber zur linken Wand.

Der hübsche, schlanke Kavalier im blauen Seidenrock und weissem Zöpfchen im Vordergrund war es. Seine Augen blitzten übermütig, und um seinen Mund sass das Schlänglein des Spottes.

Gisa stutzte. Der unselige Erbprinz hatte denselben Zug um die ein wenig hochmütigen Lippen, wie Herbert Willmann.

Sie war völlig in die Betrachtung des Bildes versunken und überhörte nahende Schritte. Erst als Herbert Willmann dicht neben ihr sagte: „Das ist ein sehr lebenswarmes Rokokoherrchen, nicht wahr, Komtesse?“ schreckte sie auf.

Er verneigte sich. „Ich danke Ihnen, Komtesse, dass Sie gekommen sind. Es wartet sogar schon Arbeit auf Sie.“

Gisa nickte. „Ich freue mich darauf.“

Herbert Willmann wies auf den Kavalier im blauleuchtenden Seidenrock.

„Meint man nicht, er lebt und möchte von der Wand heruntersteigen, um Sie zum Tanze aufzufordern, Komtesse?“

Sie fand, er hatte recht. Es sah wirklich aus, als wollte der schlanke Mann seinen Platz verlassen, auf sie zuzutreten und sie zum Tanze auffordern.

Sie erzählte, was sie von den Bildern in der Halle wusste, und erklärte:

„Zu diesem Bilde hier soll Erbprinz Otto Modell gestanden haben. Er war der älteste Sohn der Herzogin, bei der meine Tante Hofdame gewesen. Er wurde erwürgt.“

Herbert Willmann schüttelte den Kopf.

„Das klingt ja ganz schaurig. Wissen Sie vielleicht auch, wer den Mord begangen hat?“

„Natürlich! Tante kannte ja die Geschichte genau.“

Herbert Willmann wies auf einen der bequemen, mit Gobelinstoff überzogenen Sessel in der Halle.

„Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen, Komtesse? Es würde mich sehr interessieren, die Geschichte von dem Mord zu hören. Dies Bild“ — er wies auf den hübschen Kavalier im blauen Rock — „hat mir vom ersten Augenblick an ganz ungewöhnlich gefallen. Ich habe bisher geglaubt, es sei ein Phantasiebild, und nicht geahnt, dass es die Züge eines Menschen trägt, der einmal hier zu Hause gewesen ist. Es ist etwas an dem Bilde, das mich wie etwas längst Vertrautes anmutet, als stelle es einen Freund dar.“ Er zuckte die Achseln. „Nun werden Sie lachen, nicht wahr, Komtesse?“

Sie sah ihn ernst an.

„Ich finde an Ihren Worten nichts Lächerliches.“ Sie fuhr langsam fort: „Wenn Sie es mir nicht übelnehmen, möchte ich sagen: er hat fast denselben Mund wie Sie.“

Er blickte das Bild scharf an.

„Sie haben recht, er hat meinen Mund.“

Gisa hatte inzwischen Platz genommen, und er liess sich ihr gegenüber nieder, hielt ihr sein geöffnetes silbernes Zigarettenetui entgegen.

Sie machte eine fast erschreckte Bewegung.

„Ich bitte Sie, ich verstehe nichts vom Rauchen.“

Er lachte: „Dann sollten Sie es lernen. Eine junge schöne Dame von heute muss rauchen.“

Sie lächelte: „Ich bin eine junge Dame von gestern! In der Liliengasse hat die Zeit stillgestanden.“

Er fragte: „Gestatten Sie mir eine Zigarette?“

Sie erwiderte mit kleinem Lächeln: „Ich bin nur Ihre Angestellte, Herr Willmann. Aber Sie wollten ja die Geschichte vom Erbprinzen Otto hören. Also, es heisst, er wäre sehr lebenslustig gewesen, und die Mädchen der Stadt hätten alle ihr Herz an ihn verloren. Er soll aber jeder immer sehr schnell überdrüssig geworden sein. Auch mit der Tochter eines Schlossdieners hatte er eine Liebschaft. Doch als er dann nichts mehr von ihr wissen wollte, ging sie nicht still beiseite wie die anderen, sondern lauerte ihm auf, als er von einem neuen Stelldichein kam. Er ist wohl langsam seines Weges gegangen und hat an nichts Böses gedacht, als sie ihn ansprang und ihm die Kehle zusammenpresste. Sie muss viel Kraft gehabt und er die Besinnung verloren haben, ehe er sich noch wehren konnte. Jedenfalls hat sie ihn, als er fiel, zu Tode gewürgt. Sie hiess Magdalene Karsten und ist hingerichtet worden.“

Herbert Willmann machte eine komisch entsetzte Miene.

„Eine gruselige Geschichte. Aber ein Held scheint er gerade nicht gewesen zu sein, der hübsche Erbprinz, trotzdem er hier nicht feige aussieht. Ich meine, es gehört doch allerhand dazu, sich von einer Frau erwürgen zu lassen.“

Gisa fuhr fort: „In der Liliengasse vor unserem — nein, ich muss wohl sagen — vor meinem Haus, ist das Grässliche geschehen, und nun geht die Sage, die jeder hier kennt: zuweilen, zwischen Mitternacht und erster Morgenstunde, hört man das Aufklappern von hohen Holzhacken auf dem alten Pflaster der Liliengasse, und manche Leute wollen eine dunkelgekleidete Frauengestalt durch die Gasse haben eilen sehen. Es heisst, Magdalene Karsten muss zur Strafe für ihre Tat oft um Mitternacht denselben Weg machen wie in jener schrecklichen Nacht. Kurz ehe Tante starb, hat sie noch einmal davon gesprochen, weil sie um Mitternacht aufgewacht war und das Hackenklappern draussen gehört hat.“ Sie lächelte. „Unsere Gasse hat schon an und für sich etwas Spukhaftes. Die alte Geschichte passt dorthin, und der Schauplatz macht nachts auch den Spuk glaubhaft.“

Herbert Willmann blickte wieder auf den hübschen, eleganten Kavalier.

„Man sieht ihm jedenfalls nicht an, welch tragisches Schicksal ihm drohte.“

Gisa warf einen Blick auf die reichgeschnitzte Standuhr neben der breiten, niedrigen Marmortreppe.

„Es ist bereits eine halbe Stunde über zehn, Herr Willmann. Darf ich jetzt mit der Arbeit anfangen, die schon auf mich wartet, wie Sie sagten?“

Er nickte: „Natürlich dürfen Sie anfangen. Bitte, folgen Sie mir, Komtesse.“

Er führte sie in ein grosses, sehr hübsch eingerichtetes Zimmer, dessen Fenster in den Garten führten, und Gisa fand, sie hatte als Anfängerin eine geradezu ideale Stellung gefunden. Ein breiter Schreibtisch stand an einem der Fenster, durch das die Sonne in mächtigem Glanzstrom brach, und ihre erste Arbeit bestand darin, einen Artikel aus einer französischen Automobilzeitung ins Deutsche zu übersetzen. Herbert Willmann erklärte ihr:

„Diesen Artikel und noch verschiedene andere sollen die Ingenieure und Meister meiner Fabrik lesen und daraus lernen. Die meisten können ja nicht Französisch; ich selbst aber habe keine Geduld für Uebersetzungsarbeiten.“

Das leuchtete Gisa ein, und sie machte sich mit grossem Eifer an die Arbeit. Sie fand den Stoff nicht trocken und langweilig, obwohl sie vom Autobau doch gar nichts verstand. Jedenfalls versuchte sie in das, was sie übersetzte, Sinn hineinzubringen.

Herbert Willmann sass seitlich in einem bequemen Klubsessel und las. Sie dachte, er läse sicher irgendein neues Fachbuch, und wäre wohl ein wenig erstaunt gewesen, wenn sie gewusst hätte, dass das Buch ein moderner Roman war.

Doch interessierte er Herbert Willmann herzlich wenig.

Er blickte, sobald sich Gisas Kopf über die Schreibarbeit neigte, zu ihr hinüber. Das feine, schöne Mädelchen, dessen reine Züge ihn förmlich verhext hatten, musste ihm gehören. Seine Junggesellenfreiheit wollte er ihretwegen leichten Herzens aufgeben; aber ein langes Jahr durfte die Wartezeit nicht dauern. Sie sollte sich jetzt an ihn gewöhnen, und in einigen Wochen würde er sie wohl so weit gebracht haben, dass sie ihm gern die jungen Lippen bot.

So viele Mädchen und Frauen hatten ihn schon gereizt, aber keine so wie die blonde Komtesse.

Gisa schrieb bis um ein Uhr. Da erhob sich Herbert Willmann.

„Nun ist es genug für heute, Komtesse. Ich danke Ihnen. Morgen um zehn Uhr erwarte ich Sie zur Weiterarbeit.“

„Wenn die Uebersetzung sehr wichtig ist, kann ich ja zu Hause noch ein paar Stunden daran arbeiten“, erbot sie sich.

Er hätte ihr beinahe ins Gesicht gelacht. Die Uebersetzung flog, wenn sie fertig war, ins Feuer.

Er antwortete:

„Nein, nein, es genügt, wenn Sie hier daran arbeiten, Komtesse.“ Er sah sich die Bogen an, die sie mit der Hand vollgeschrieben, und lobte: „Sie haben eine hübsche, klare Schrift. In den nächsten Tagen erhalten Sie eine Schreibmaschine.“

Gisa verabschiedete sich kurz und höflich. Sie verspürte gesunden Hunger und eilte nach Hause, so schnell sie konnte.

Lina öffnete ihr mit verzweifelter Miene.

„Das gute Schnitzel ist schon verbraten, und die Speise ist zusammengefallen, Komtesschen. Wo bleiben Sie denn um des Himmels willen? ’s ist eine ganz verdrehte Sache, in die Sie sich eingelassen! Hat man sowas schon in der Welt gehört, dass eine Komtesse Wergenheim zu einem simplen Herrn Willmann ins Haus läuft und Schreiberdienste für ihn tut? Die alte Gnädige tät’ wiederkommen, um Ihnen den Marsch zu blasen, wenn sie ahnte, was Sie anstellen, Komtesse.“

„Das verstehst du nicht, Lina“, beruhigte sie Gisa. „Heutzutage ist so etwas vollkommen an der Tagesordnung. Für mich ist die Hauptsache, zu arbeiten und Geld zu verdienen, damit das kleine Kapital möglichst erhalten bleibt.“

Sie setzte ernst hinzu: „Man kann nie wissen, wie es im Leben noch kommt.“

Lina brummte: „Wie es kommt, ist klar. Sie werden heiraten, und dann sind Sie versorgt, und die alte Lina geht mit. Aber Bürofräulein sollten Sie nicht spielen, oder wenn es schon sein muss, nicht bei dem Fremden, der hier in unser Städtchen reingeschneit ist wie ’ne Strafe Gottes.“

„Aber, Lina!“ verwies Gisa sie. „Du gehst mit deiner Ungerechtigkeit gegen Herrn Willmann zu weit.“

„Gar nicht weit genug kann ich gehen“, erregte sich die alte Haushälterin und stemmte die Hände unternehmend auf die Hüften. „Ich sage es noch hundertmal: er ist eine Strafe Gottes. So lange haben wir gut und friedlich gelebt, bis der Mensch hier auftauchte und mit seinem Deifelskarren die arme alte Gnädige ins Verderben lockte. Ich hab’ die alte Gnädige gewarnt; aber der verflixte Mensch muss sie emailliert haben, oder wie das heisst, wenn einer einen anderen Menschen durch seine Augen zwingt, was zu tun, was er eigentlich nicht tun will.“

„Du meinst, er muss sie hypnotisiert haben“, lächelte Gisa.

Die gute Alte war in ihrem ungerechten Zorn sehr komisch.

„Ja, lachen Sie mich nur aus, Komtesse“, fuhr sie jetzt auf, „ich kann es Ihnen nicht verwehren; aber Sie werden noch einsehen, ich habe recht gehabt. Mir gefällt der Mosjöh nicht, vor dem hier alle katzbuckeln, weil er ja wohl viel Geld haben soll. Vor dem ollen schmutzigen Geld kriechen ja die meisten Menschen, bloss ich nicht. Sie kriechen auch davor, Komtesse, Sie auch, sonst würden Sie nicht für den Mann arbeiten, wo Sie es doch nicht nötig haben. Ich habe schon bemerkt, wenn er Sie anguckt, dann flimmert in seinen Augen was widerwärtig Gieriges.“

Gisa wandte sich ab.

„Wenn wir uns hier noch lange auf dem Flur unterhalten, Lina, werden die Schnitzel bestimmt nicht besser.“

Lina wackelte ein bisschen mit den sehr runden Schultern.

„Sie wollen bloss nix mehr hören. Die Wahrheit hört eben keiner gern. Ich bleibe dabei, ohne den Mosjöh ässe die alte Gnädige heute mit Ihnen am Tisch Schnitzel.“

Sie schob ab in die Küche, und Gisa ging etwas verdriesslich ins Wohnzimmer, wo der Tisch bereits gedeckt war. Sie war so frohgelaunt heimgekommen, es war ein so angenehmes Gefühl gewesen, etwas gearbeitet zu haben, wofür sie Geld verdiente, und nun hatte der Empfang sie um ihre ganze gute Stimmung gebracht.

Lina war zuweilen kindisch. Sie liess sich nicht ausreden, dass Herbert Willmann an dem Tod ihrer über alles verehrten Herrin schuld war.

Das Mittagessen schmeckte Gisa gar nicht, obwohl die Schnitzel ausgezeichnet waren; sie kämpfte mit einer bösen Verstimmung. Endlos schien ihr der Nachmittag, und sie dachte mit förmlicher Sehnsucht an das schöne, hohe Zimmer im Schloss, in dem sie heute gearbeitet. Arbeit war ein Gnadenquell, dessen Trank frisch machte und alle schweren Gedanken in den Hintergrund zwang.

Jetzt sass sie in dem Biedermeiersalonchen und kam sich grenzenlos einsam und verlassen vor. Das Haus war so klein; aber es schien ihr heute unendlich gross. Furcht vor dem Leben erwachte in ihr, und ihr Herz klopfte überschnell und schmerzhaft.

4.

Auf dem Klostergrundstück wurde in rasender Eile gearbeitet. Geld ist Macht, Geld kann Wunder schaffen. Die früheren Klostergebäude wurden zu Werkstätten und Hallen umgebaut. Wo einst die engen Zellen der frommen Schwestern gewesen, weiteten sich luftige Büroräume, die mit hellen, praktischen Möbeln ausgestattet wurden, und dort, wo der grosse Speisesaal die Nonnen zu einfacher Mahlzeit vereint, entstand die Kantine, in der derbe Arbeiter für wenig Geld eine kräftige Mahlzeit erhalten würden, aber auch gutes, schäumendes Bier oder ein Schnäpschen, damit die Arbeit besser voranginge. Im Betsaal, wo einst manch frommes Miserere zum Schöpfer emporgedrungen, sollten Drehbänke installiert werden. Eins der Gebäude wurde zur Montagehalle umgebaut, ein anderes war für den Karosseriebau vorgesehen.

Herbert Willmann hatte viel zu tun; er hielt sich ganze Stunden lang in dem Bereich des ehemaligen Klosters auf, und da er dafür gesorgt hatte, dass sein Büro zuerst fertig wurde, sass er meist dort und leitete von dort aus die Arbeiten, deren Fäden in seinen Händen zusammenliefen, obwohl die Ausführung einem Architekten des Städtchens übergeben war. Es gab da zu viel, was nur der Herr des Werkes, das hier entstand, anordnen konnte.

Gisa arbeitete nun schon seit sechs Wochen als Sekretärin Herbert Willmanns; aber sie erhielt immer noch dieselben Aufgaben. Hatte sie einen Artikel aus einer französischen Fachzeitung übersetzt, sah ihr Chef ihn flüchtig durch, lächelte: „Ausgezeichnet, Komtesse, Sie sind eine geradezu ideale Hilfe für mich!“ und gab ihr eine neue Uebersetzung — zur Abwechslung aus einer englischen oder italienischen Fachzeitung. Ihr stand jetzt eine schöne, funkelnagelneue Schreibmaschine zur Verfügung. Gisa übte auf diese Weise Englisch, Französisch, Italienisch und Schreibmaschine; auch eignete sie sich allerlei Fachkenntnisse an über den Automobilbau und alles, was damit zusammenhing, und was für sie noch vor kurzem böhmische Dörfer gewesen. Sie wunderte sich nur zuweilen ein bisschen, dass die Uebersetzungen, die sie machte, von so grosser Wichtigkeit waren, dass Herbert Willmann sie in solchen Mengen für seine Ingenieure und Meister anfertigen liess. In Deutschland wurden doch auch viele Autos gebaut und zwar, wie sie in den fremdsprachlichen Artikeln las, ausgezeichnete. Wurde denn da in den deutschen Fachzeitungen gar nichts von alledem geschrieben, was man im Ausland schrieb? Aber sie zerbrach sich nicht weiter den Kopf darüber. Grundlos würde ihr Herbert Willmann die Arbeit nicht geben, für die er sie bezahlte.

So sass sie denn jeden Wochentag von zehn bis eins an dem schönen, breiten Schreibtisch in dem luftigen, hübschen Schlosszimmer, dessen Fenster nach dem kleinen Park hinausgingen, und übersetzte. Herbert Willmann begrüsste sie stets in der Halle. Er hielt daran fest, ihr entgegenzukommen; aber er blieb jetzt selten länger als eine Viertelstunde bei ihr sitzen, wenn sie arbeitete. Dann ging er in sein Klosterbüro. Aber die Viertelstunde verbrachte er damit, sie anzusehen und ihr schönes Bild immer fester in sich aufzunehmen. Hätte er länger bei ihr gesessen, würde er dem heissen Verlangen, sie an sich zu reissen, kaum noch haben widerstehen können.

Doch er sagte sich noch immer, er dürfte nichts Unüberlegtes tun, wenn er sich nicht das Glück, Gisa Wergenheim einmal sein zu nennen, verscherzen wollte.

Sie wurde allmählich immer zutraulicher. Manchmal fragte sie ihn nach fachmännischen Dingen, die ihr bei den Uebersetzungen aufgefallen, und bat ihn um eine Erklärung.

Er dachte, es könne ja nichts schaden, wenn sie etwas von Automobilen verstand. Er würde ihr später einen extraschönen Wagen bauen, den sie selbst steuern sollte. Denn seine Frau musste Autofahren können.

Der Justizrat überzeugte sich gelegentlich, wo sein Mündel als Sekretärin untergebracht war, und fand die Stellung geradezu glänzend, in die Gisa Wergenheim hineingeschlüpft war.

Herbert Willmann aber hatte sich inzwischen nach einer zweiten Sekretärin umgesehen; denn zum Diktieren und Briefeschreiben benötigte er eine geübte Kraft, mit der er durch lange Erläuterungen keine Zeit zu vertrödeln brauchte. Er hatte ja nun sein eigenes Büro im Kloster, in dem die Dame ihren Platz finden sollte. Er hatte auf die Empfehlungen eines Bekannten in Stuttgart eine junge Dame mit ausgezeichneten Zeugnissen engagiert, und heute erwartete er sie. Sein Bekannter hatte scherzend in seinem Empfehlungsbrief geschrieben: Wenn du Betty Hartung siehst, halte dein arg eindrucksfähiges Herz fest, alter Don Juan, denn die Kleine ist bildhübsch!

Er hatte über den Satz gelächelt. Wer täglich eine Gisa Wergenheim bewundern durfte, dem konnte so leicht kein weibliches Wesen mehr gefährlich werden. Immerhin sah er dem Erscheinen der neuen Sekretärin doch mit Neugier entgegen.

Es war ein sehr heisser Tag, und seit den frühen Morgenstunden hatte es schon von ferne leise gedonnert, ohne dass das Gewitter näherkam. Der Himmel war bis vor kurzem über dem Städtchen noch blau gewesen; aber allmählich drängten sich die Wolkenbänke zusammen, schoben sich vor das lichte Blau des Julihimmels.

Im Schloss sass Gisa und übersetzte, doch sie kam heute nur langsam vorwärts. Das drohende Wetter, die schwüle Luft, die vom Park ins Zimmer drang, versetzten sie in jene eigentümliche Stimmung, die viele Menschen vor starken Gewittern überfällt.

Herbert Willmann empfand eine ähnliche Stimmung, die er aber, ärgerlich auf sich selbst, abzuschütteln suchte. Es klopfte. Er rief fast barsch herein. Karl Schneider trat ein, der Bürodiener, der seit ein paar Tagen Dienst tat. Er war ein dürftiges Männchen mit grauem Haar und wichtigem Gesichtsausdruck — ein früherer Schulpedell, der würdevoll tat wie ein alter Lehrer aus Grossmutters Tagen. Er meldete:

„Fräulein Betty Hartung wünscht, sich vorzustellen!“

„Lassen Sie das Fräulein rein“, erwiderte Willmann ein bisschen brummig, denn er kämpfte noch immer mit der seltsam beengenden Stimmung. Er hatte im Augenblick gar keine Lust, sich mit der Bürodame zu unterhalten, wollte es aber kurz machen und dann ins Schloss eilen; denn Gisa Wergenheim fürchtete sich vielleicht vor dem Gewitter. Es war eine gute Gelegenheit, sich einmal wieder ein bisschen anders mit ihr zu unterhalten als in dem trockenen Ton des Chefs, den sie ja von ihm verlangt hatte.

Eben öffnete der Bürodiener die Tür weit, um die junge Dame, die hinter ihm auftauchte, an sich vorüber ins Zimmer treten zu lassen, als ein Blitzstrahl niederfuhr, der alles in sein starres, blendendes Licht tauchte und der Eintretenden das Aussehen einer Wachsfigur gab. So standen sie sich ein paar Herzschläge lang gegenüber, der Chef der zukünftigen Willmann-Werke und die Kontoristin Betty Hartung. Ein Donner folgte dem Blitz, der wie tolles Maschinengewehrfeuer klang, und die zwei, die sich bei Blitz und Donner zum ersten Male gesehen, atmeten auf und blickten einander — vielleicht noch unter dem Eindruck des grellen Blitzes und des betäubenden Donners — unwillkürlich schärfer und forschender an, als sie es vielleicht sonst getan hätten.

Herbert Willmann reichte dem sehr schlanken, etwas mehr als mittelgrossen Mädchen die Hand.

„Sie sehen, welch einen festlichen Empfang Ihnen das Städtchen Wernersruhe bereitet, Fräulein Hartung. Sie werden hoffentlich zufrieden sein.“

Er betrachtete dabei immer noch die vor ihm Stehende, die ihre Hand flüchtig in die seine legte.

„Ja, ich wurde sehr festlich empfangen“, lächelte ein Mund, der vielleicht zu gross war, um schön zu sein, aber so blendend weisse Zähne aufwies, dass er förmlich aufreizend wirkte. Das Gesicht war pikant unregelmässig und von jener Weisse, die man oft an Rothaarigen bewundert.

Auch Betty Hartung hatte rotes Haar; ein paar Löckchen schauten unter dem schwarzen, kappenförmigen Strohhut hervor. Die Augen waren grünlich und etwas schmal, die Aussenwinkel zogen sich leicht zu den Schläfen hinauf. Schwarze, strichdünne Brauen standen darüber.

Ob Betty Hartung bildhübsch war, wie sein Bekannter geschrieben, darüber war Willmann sich noch nicht klar; jedenfalls war sie sehr apart.

Er wies auf einen Stuhl.

„Nun will ich Ihnen kurz Bescheid sagen, Fräulein Hartung. Die Gehaltsfrage ist ja bereits brieflich erledigt worden.“

Betty Hartung setzte sich, und während sie mit dem Gürtel ihres grünen Regenmantels spielte, hörte sie an, was ihr neuer Chef ihr über ihre Stellung und seine Ansprüche erklärte. Er schloss:

„Wenn Sie noch keine Unterkunft hier haben, rate ich Ihnen, sich an den Bürodiener Schneider zu wenden. Er ist ein Einheimischer und wird Ihnen gern ein passendes Zimmer besorgen.“

Blitz und Donner schienen sich von der besonderen Anstrengung vorhin ausgeruht zu haben. Es war fast zehn Minuten ganz still gewesen. Doch jetzt brach ein solcher Tumult los, und der Regen prasselte in so breiten Strömen nieder, dass Herbert Willmann nicht daran denken konnte, ins Schloss zu gehen. Er musste bleiben, wo er war. Er konnte doch Betty Hartung auch nicht in das furchtbare Wetter hinausschicken. Er sagte:

„Machen Sie es sich bequem; denn so bald scheint das Unwetter nicht aufzuhören.“

Das junge Mädchen zog den Mantel aus, und Herbert Willmann sah, sie hatte eine prachtvolle Figur; auch war sie hübsch und geschmackvoll angezogen. Sie trug ein schwarzes Kleid aus dünnem Tuch mit weissen Tüllmanschetten und um den Hals einen Tüllkragen, dessen Enden in Form eines Fischüs über die Brust fielen.

Nun nahm sie den Hut ab, und sofort sprühte das kurze, gelockte Haar hervor wie köstlicher Brand. Keine andere Haarfarbe hätte zu diesem schmalen, weissen Gesicht so gepasst wie das eigenartige Rot, das zu grell war, um Mahagoni genannt zu werden.

Ganz ungeniert lachte Betty Hartung ihren neuen Chef an.

„Gelt, ich bin ein schrecklicher Rotfuchs, Herr Direktor? Aber ich kann ja nichts dafür.“

Er musste auch lachen. Diesen blinkenden Zähnen konnte er nicht widerstehen.

Auf ein Klingelzeichen seines Herrn trat der Bürodiener ein. Er sollte der Sekretärin ein Glas Wasser bringen; sie hatte darum gebeten. Als Karl Schneider wieder draussen auf dem Flur stand, brummelte er in sich hinein:

„Brandrote Haare hat sie und grüne Augen und fletscht die Zähne wie eine Negerin.“

Er schüttelte sich, den Rothaarigen traute er nun mal nicht.

Herbert Willmann aber war mit Betty Hartung ins Plaudern gekommen. Er fand sie amüsant und ihm fiel eigentlich erst jetzt auf, er war hier in der kleinen Stadt etwas schwerfällig geworden. So ein frischer, kleiner Wind von draussen tat ihm gut. Mit Gisa musste er umgehen wie mit einem Porzellanpüppchen. Sie sollte sein werden und die Herrin seines Hauses; aber um dieses Ziel nicht in Gefahr zu bringen, durfte er keinen Augenblick vergessen, dass sie ein ganz abseits alles grossen Lebens aufgewachsenes Komtesschen war, das die Rücksichten einer Dame mit patriarchalischer Vergangenheit verlangte.

„Wann beginnt meine Arbeitszeit morgen?“ fragte Betty Hartung.

„Um neun Uhr“, gab er zurück. „Hoffentlich kann Ihnen Schneider bald ein Zimmer besorgen, sonst müssen Sie ein paar Tage im „Adler“, wo Sie abgestiegen sind, wohnen bleiben.“

Das Wetter hatte sich ausgetobt, und Herbert Willmann rief den Bürodiener, dass er sich der neuen Sekretärin annehme. Er selbst eilte nach Hause. Wenn er Gisa Wergenheim noch im Schloss antreffen wollte, war es die höchste Zeit.

Sie war gerade dabei, ihre Arbeit zusammenzulegen, als er ins Zimmer trat. Er lobte wie immer ihren Fleiss; sie aber sah ihn ernst an.

„Ich meine manchmal, Herr Willmann, die Arbeit, mit der ich jetzt schon seit Wochen beschäftigt bin, ist vorläufig gar nicht so sehr wichtig. Sie haben mir noch keinen einzigen Brief diktiert oder mir Arbeiten gegeben, die mit der Fabrik direkt zu tun haben.“

Er machte sein harmlosestes Gesicht.

„Die Artikel, die Sie übersetzen, sind, ich erklärte es Ihnen schon öfter, ungemein wichtig für mich. In einigen Wochen fängt die Fabrik an zu arbeiten, dann sind die schon längst engagierten Ingenieure und Meister hier, und ich brauche die Uebersetzungen; sie müssen dann alle bereit sein.“ Er dachte, er müsste ihr auch etwas von Betty Hartung sagen, damit sie sich nicht etwa zurückgesetzt fühlte. „Für die laufenden Arbeiten habe ich ein Bürofräulein aus Stuttgart engagiert, das ich mit dem Kleinkram belasten will.“

Gisa ward sehr rot.

„Aber ich habe doch noch die ganzen Nachmittage frei und werde überreich bezahlt!“

Er kam ein bisschen in Verlegenheit.

„Ich bezahle jeden nach seinem Können, Komtesse. Ihre Sprachkenntnisse fordern ein gutes Gehalt.“

Sie verstand viel zu wenig vom Geschäftlichen und konnte nichts darauf erwidern. Er begleitete sie durch die Halle, und als er zurückging, blieb er unwillkürlich vor dem Bilde des so lebensfroh dreinblickenden Erbprinzen Otto stehen. Er dachte an das, was Gisa gesagt hatte; der Mund des Erbprinzen hätte Aehnlichkeit mit seinem Mund. Er lächelte. Vielleicht war der Erbprinz ihm ähnlich gewesen im Charakter! Er hatte das wohl beim ersten Betrachten des Bildes empfunden, und daher rührte auch die merkwürdige Sympathie, die er für den fühlte, den das Bild darstellte.

Eigentlich fiel ihm erst jetzt so richtig auf, es war fast mehr als Sympathie, was er für den Kavalier im blauleuchtenden Rock mit dem graziösen Spitzenjabot und dem gepuderten Haar empfand.

Er lächelte, und ihm war, als hänge sich das Lächeln starr und fest um seine Lippen, als drücke sich leiser Spott in die Mundwinkel, und er sann: Wenn ein Bild etwas spüren könnte, müsste es dasselbe spüren, wie er jetzt. Ach, Unsinn! Es war ja verrückt, was er sich da einredete! Bild ist Bild und spürt nichts! Er sagte lachend: „Sicher warst du ein so genussfroher Kerl wie ich, Erbprinz!“

Herbert Willmann wich erschreckt einen Schritt zurück; er meinte deutlich gesehen zu haben, dass der im blauen Rock den Kopf neigte.

Aergerlich wandte er sich von dem Bilde ab.

Nach dem Gewitter hatte sich die Sonne wieder herausgewagt aus ihrem himmlischen Versteck, und der zitternde Lichtstreif, der über das Gesicht des Erbprinzen huschte, hatte die Illusion hervorgerufen, als habe der Rokokokavalier den Kopf geneigt.

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