Kitabı oku: «Schwere Zeiten»

Yazı tipi:

Anny von Panhuys

Schwere Zeiten

Saga

Schwere Zeiten

© 1932 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570517

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1. Kapitel.

Hochsommersonne droben am tiefblauen Himmel und ein goldenes Schimmern über dem Rhein. Reifende Trauben an den Hängen und buntbeflaggte Schiffe drunten auf den Wellen. Lachende Menschen und das Zusammenklingen feingeschliffener Römer, gefüllt mit edlem bernsteinfarbenem Nass. — Rheinlandszauber, wie jauchzeselig umstrickst du alle, die in deinen Bannkreis geraten.

Auf der kleinen Terrasse des Hotels Rheinfels in St. Goar waren sämtliche Tische besetzt und ein Abglanz des frohen sonnigen Lebens da draussen lag auf allen Gesichtern. Am letzten Tisch links schien man besonders fröhlich zu sein, denn von dort her schallte oft ein helles tönendes Mädchenlachen auf. Das klang so zündend und fortreissend, dass es förmlich ansteckend wirkte.

Just von Dehnow, der fast durch die ganze Länge der Terrasse von jenem Tisch geschieden war, hatte schon mehrmals durch ein Verrenken des Körpers versucht, der Lacherin ansichtig zu werden, aber immer vergebens; nichts erblickte er von ihr als einen blonden Haarschopf in der Farbe überreifen Korns. Das war viel und doch wenig. Just von Dehnows gebräuntes herbes Gesicht überflog ein Lächeln. Ein niedlicher Backfisch war sie wahrscheinlich, die blonde Lacherin, eine, wie sie dutzendweise herumalberten, und es lohnte sich wohl kaum, ihretwegen aufzuschauen. —

Eben kehrte das Lachen wieder und unwillkürlich hob er aufs neue den Kopf wie lauschend, es klang auch gar so bestrickend, war wie Vogelgezwitscher und wie süsses Lerchengetriller, war wie eine Kette von harmonischen aufeinanderfolgenden Tönen. Es war ein Lachen, das einem so recht alle Not und Qual vom Herzen zu lachen verstand. Wie ein wundertätiger Zauber war dies Lachen.

Just Dehnow griff nach seinem Glase, in dem der Assmannshäuser Rote wie dunkles Blut glühte und trank es bis zur Neige leer: Auf das Wohl eines reinen kristallklaren Mädchenlachens, das nur die haben können, die reinen Herzens sind!

Er stellte das Glas auf den Tisch zurück und um seine Mundwinkel hockte plötzlich wie hergeweht ein scharfer, fast höhnischer Zug, wie ihn die haben, denen durch ein böses Erleben eine bittere Wahrheit kund geworden. Und Just Dehnow dachte an eine schöne schlanke Frau, deren Augen wie dunkle Juwelen waren und deren Haar wie schwarze glänzende Seidenfäden, und die so falsch, so falsch gewesen. — — —

Ach, nicht jetzt an sie denken, hier, inmitten der reichen Sommerpracht, weiss Gott, dass er sie überhaupt noch immer nicht vergessen konnte, dass er noch immer nicht fertig zu werden vermochte mit dem Gespenst der Vergangenheit, trotz aller Mühe, die er sich gegeben, trotz aller, aller Mühe, und war doch so weit, so weit gegangen, um sie zu vergessen, zu deren Füssen er seine heisse junge Liebe niedergelegt wie vor einem Altar, zu der er gebetet wie zu einer Heiligen.

O, nicht mehr daran denken, dass da irgendwo in deutschen Landen eine lebte, vor deren Falschheit er geflohen war bis hinüber in den fremden Erdteil. — Jahrelang war er nun drüben in Ostafrika gewesen, hatte in der Schutztruppe so manchen Zug gegen die Hereros mitgemacht — aber vergessen hatte er Herma von Olfers nicht, zu tief sass die Liebe und der Schmerz, zu tief sass das Glück, das sie ihm gegeben und das Leid, das bittere, bittere Leid, das sie ihm zugefügt. Sie selbst erinnerte sich wohl seiner kaum, war längst verheiratet mit dem millionenreichen Rittergutsbesitzer, dem dicken breitschultrigen Grafen Kerrwitz, dessen Gold ihr mehr gegolten als seine Liebe, dessen Rittergut sie höher bewertet als sein warmes Herz. — Nein, nicht mehr daran denken, nicht mehr daran denken. — — —

Vielleicht hatte das Glück in seinem Füllhorn noch irgend so ein kleines Geschenk für ihn bereit. Sich zu bescheiden, das hatte er ja gelernt, seit ihm Herma von Olfers offen erklärt, sie könne das Versprechen, das sie ihm gegeben, nicht halten, seit der reiche Freier auf dem Plan erschienen, und das Wort Liebe sei ein albernes Märchen für dumme Menschen. Im Leben eine grosse Rolle zu spielen, reich zu sein, das sei mehr wert als alle Liebe der Welt, und er solle klug sein wie sie und sich nach einer Geldheirat umsehen. — Ach, nicht daran denken, nicht daran denken. —

Jahre lagen ja zwischen jener Szene, da ihm ein wunderschöner roter Mund so entsetzlich harte Weisheit verkündet. Eine Weisheit, die sich wie ein Gift in ihn hineingefressen und ihn, den einst so übermütigen, daseinsbejahenden, frohen Just von Dehnow zu einem einseitigen Menschen geformt, zu einem, für den es nichts auf der Welt gab als seinen Beruf. Drüben in Ostafrika hatte er sich mehrfach ausgezeichnet, und er war verhältnismässig jung Hauptmann geworden — und jetzt, seit er vor einem Monat nach Deutschland zurückgekehrt und in ein Frankfurter Regiment eingetreten, waren sich seine Vorgesetzten über seine Befähigung und sein ernstes Streben vollkommen einig. Mit heimlicher Scheu und leisem Neid blickten seine gleichalterigen Kameraden, die alle noch Oberleutnant hiessen, auf ihn, und das Wort „Streber“ schien ihnen die geeignetste Bezeichnung für ihn.

Heute, den klaren köstlichen Sonntag, hatte er zu einem Ausflug an den Rhein benützt, er liebte den Rhein und hatte sich manches liebe Mal dort drüben in der fernen heissen Zone nach seinen Rebenhügeln und seinen trutzigen alten Burgen gesehnt. Heimatluft wehte ja am Rhein und hier in St. Goar, in einer der gekrümmten Bergstrassen, die in holprigen Biegungen zum Rhein hinabführten, stand das einstöckige, schneeweiss gestrichene Häuschen, in dem sein Vater, der Doktor Martin von Dehnow gewohnt. —

Just Dehnow blickte versonnen auf den im Sonnenlicht glitzernden Fluss hinab. Wieviel und oft hatte er hier am Ufer gespielt mit Nachbarskindern und welche glückselige Kindheit hatte er genossen. Vater und Mutter waren nun schon lange, lange tot und ob das weisse Häuschen, darin sie gelebt, noch stand, davon wollte er sich nun überzeugen. Vom Dampfer aus war er zuerst zum Essen eingekehrt, denn kräftiger Hunger hatte sich plötzlich gemeldet und ihn Sehnsucht verspüren lassen nach Rheinsalm und rotem Assmannshäuser.

Er goss sich den Rest aus der Flasche ein und dann winkte er dem Kellner. Er wollte zahlen.

Von der entgegengesetzten Seite der Terrasse flatterte wie ein tönendes Gespinst das süsse Lachen her und Just Dehnow bemerkte, dass man sich dort hinten erhob. Schnell schob er dem harrenden Kellner das Geld zu, er musste die Blondine genau sehen, die so prachtvoll lachen konnte. Und da war sie, hinter einem mageren Herrn und einer grauhaarigen, sehr eleganten Dame ging sie. Nein, sie ging eigentlich nicht, es war etwas schwebendes, allzuleichtes in der Art, in der sie sich vorwärtsbewegte, es war, als berühre ihr Fuss gar nicht vollständig den Boden.

Zart und zierlich wie ein Elfenkind war sie von Gestalt und das schmale Gesichtchen zeigte die durchsichtige Haut, die man eigentlich nur bei den Frauen mit rotem Haar findet. Augen von goldenem Braun schauten keck und übermütig in die Welt und das Haar beschwerte in flimmernden breiten Scheiteln den zierlichen Kopf.

Ob die junge Dame einen Anspruch auf das Eigenschaftswort „schön“ zu erheben hatte, darüber war sich Just Dehnow nicht klar — aber dass sie das entzückendste weibliche Wesen war, das er jemals gesehen, darüber gab er sich keinen Augenblick einem Zweifel hin. Wie ein Prinzesschen aus einem Märchen ist sie, dachte er, und wer sie wohl sein mag, dachte er weiter.

Ihre Kleidung sprach bei aller, vielleicht sogar betonten Einfachheit von Geschmack und einem guten Schneider. Im Vorbeigehen schaute sie flüchtig zu ihm hinüber und Just Dehnow war es, als verweile ihr Auge sekundenlang wie in leichtem Erstaunen auf ihm, als husche ein schnelles Erschrecken in dunkler Blutwelle über ihre Wangen.

Doch sie war schon vorüber, und er hatte sich wohl geirrt. Was sollte ihr auch an ihm aufgefallen sein!

Ein feiner Veilchenduft wehte zu ihm her, er musste aus ihren Kleidern kommen. — Veilchengeruch liebte er — um Herma von Olfers war immer der schwere betäubende Duft der Tuberosen gewesen — und zu ihrer dunklen Schönheit hatte er gepasst.

Just Dehnow wandte ein wenig den Kopf, er sah, dass die drei Menschen im Innern des Hotels verschwanden. — Sie wohnten also hier, verbrachten wahrscheinlich ein paar Sommerwochen hier. Er erhob sich. Was kümmerte es ihn, wer sie waren, und was kümmerte ihn die graziöse Blondine. — Ihr Lachen war verhallt. —

Sonderbar überhaupt, dass er an ein Mädchen dachte, dass ihm ein Mädchenlachen das Herz weit gemacht — daran trug wohl der rote Assmannshäuser die Schuld und der sonnige Tag am geliebten heimatlichen Rhein. — — —

2. Kapitel.

Nach einer kleinen Wanderung am Ufer entlang bog Just Dehnow in eine der bergigen Gassen ein, auf deren unregelmässigem Steinpflaster man jeden Schritt spürte. — Dabei erinnerte er sich der dicksohligen, nägelbeschlagenen Schuhe, die er als Junge getragen, ein Lächeln rann über sein gebräuntes Gesicht. —

Und nun stand er vor dem Vaterhaus, sah es wieder nach vielen Jahren. — Grau war es geworden, und die Mauern wiesen unzählige Sprünge auf, wie ein altes, verfälteltes Greisenantlitz wirkte die Vorderseite des Häuschens. — Ein Name war an der Tür befestigt, den er nie gehört, und ihn überfiel mit einem Male ein grenzenlos ödes Gefühl. — Hatte er nicht wahrhaftig geglaubt, das weisse schmucke Häuschen von einstens wiederzufinden, mit dem kupfernen, blitzeblank geputzten Schellenknopf? — Hatte er nicht gemeint, schneeige Gardinen würden ihm wie helle Grüsse hinter den kleinen Scheiben winken und rotprangende Geranien entgegenleuchten, wie damals in seiner Knabenzeit?

Seit fast fünfzehn Jahren waren die Eltern tot und einfache Leute wohnten jetzt in dem Hause, in dem schon Gross- und Urgrossvater als Medikus treu ihres Amtes gewaltet. Heute bauten sich die Aerzte eine Villa am Rheinufer oder an irgend einer Bergwand auf, es war nicht mehr fein, nicht mehr standesgemäss, in solch einer Gasse zu Hausen.

Wehmut überschlich Just Dehnow und wie bedauernd streiften seine Augen noch einmal das Häuschen. Ihm war’s, als sähen ihn die grauen regenverwaschenen Mauern traurig an, und die Madonna mit dem Jesuskindchen im Arme nickte ihm müde zu: Ja, ja, man wird älter, wir alle müssen der Zeit unseren Zins entrichten — und du siehst aus, als sei man in der Welt draussen nicht allzu glimpflich mit dir umgegangen.

Er wandte sich, und einer weichen Stimmung nachgebend, nickte er dem Muttergottesbilde, dem er dereinst als Kind alle seine Sorgen geklagt, zu.

Ein helles und doch gedämpftes Lachen erwachte hinter ihm, und da er sich hastig, überhastig umdrehte, blickte er in zwei goldbraune Schelmenaugen unter blondflimmerndem Scheitelhaar. Ein holdes, fröhliches Gesichtchen, sprühend vor Lebenslust, befand sich nahe dem seinen und ein blassrosiger Mund begann zu sprechen: „Verzeihen Sie mein Lachen, aber es wirkte so komisch, einen richtigen ausgewachsenen Offizier einer alten verwitterten Madonna zunicken zu sehen.“

Er musste auch lachen, ihr frischer natürlicher Ton riss ihn hin.

„Sie Haben entschieden recht, mein gnädiges Fräulein, aber,“ setzte er, wieder ernster werdend, hinzu, „in diesem Hause bin ich geboren, und die alte verwitterte Madonna aus Stein machte ich oft zur Fürsprecherin meiner Jugendgebete. Wenn ich mir einen Ball oder sonst irgend ein Spielzeug wünschte, so trug ich meinen Wunsch immer erst der Madonna vor.“

„Und sorgte sie auch für die Erfüllung der Wünsche?“ fragte der rosige Mund neckend.

„O ja, im allgemeinen konnte ich mich auf sie verlassen,“ gab er lustig zurück, und dann flog es ihm mit einem Male durch den Sinn, woher wusste sie eigentlich, dass er Offizier war, er trug doch Zivil, und er fragte gerade und offen heraus.

Das rosige Gesicht nahm einen Ausdruck von Geheimnistuerei an.

„Ach, Herr von Dehnow, das sagt mir mein kleiner Finger.“

Er stutzte.

„Meinen Namen wissen Sie auch?“

Sie nickte.

„Ja — den hat mir nämlich auch mein kleiner Finger verraten, Sie können überzeugt sein, mein kleiner Finger ist sehr, sehr klug.“

„Nach der Probe, die Sie mir soeben von seiner Klugheit gaben, zweifle ich natürlich keine Sekunde daran, und ich wünschte, ich besässe einen gleich klugen kleinen Finger, um zu erfahren, wer Sie sind, gnädiges Fräulein.“

Sie kicherte verhalten.

„Hm — alle kleinen Finger sind nicht so gescheit wie der meine.“

Sie befanden sich beide ganz allein in der kurzen holperigen Gasse vor dem alten Hause.

„Ich muss nun weiter,“ sprach der hübsche Jungmädchenmund und zwei Reihen weisser glänzender Zähne wurden sichtbar und mit raschem „Guten Tag, Herr von Dehnow!“ wollte die schmale, wunderzierliche Gestalt die Gasse hinaufeilen.

„Ich habe denselben Weg, vielleicht gestatten Sie mir, Sie noch ein Stückchen zu begleiten,“ sagte er und wunderte sich über sich selbst, dass er es tat. Aber er stand völlig im Banne dieser braunen Augensterne, völlig im Banne des quellfrischen Lachens dieser Fremden.

„Gut, wir können zusammengehen,“ willigte sie ein, „aber auf den Friedhof begleite ich Sie nicht, ich vermeide es, Friedhöfe aufzusuchen,“ — sie zog die schmalen Schultern hoch, „es würgt mich dort immer etwas, wenn ich auf die Hügel schaue und mir ausmale, unter so einem Hügel werde ich auch einmal liegen, und tagelang danach kann ich nicht mehr lachen.“ Sie blinzelte drollig zu ihm auf. „Ich will Ihnen gestehen, Herr von Dehnow, ich lache nämlich gar zu gern.“

Er liess das Letzte unbeachtet, sah sie nur scharf an und fragte: „Woher wissen Sie, dass ich den Friedhof zu besuchen gedenke?“

In seiner Stimme war Verblüffung. Dieses Mädchen ward ihm immer rätselhafter. Er wusste doch genau, er war ihr noch niemals im Leben begegnet — dennoch kannte sie seinen Namen, seinen Stand — und nun vermochte sie ihm sogar zu sagen, wohin er seine Schritte zu lenken beabsichtigte. Und er hatte doch zu keinem Menschen darüber gesprochen. —

Die Blonde lächelte ein bischen nachdenklich und ihre Augen blickten an ihm vorbei.

„Sie erzählten mir, Sie seien hier geboren und da mir mein kleiner Finger dazu noch erzählte, Ihre Eltern seien vor Jahren in irgend einem rheinischen Städtchen gestorben, so nehme ich an, es handelt sich hier um St. Goar und Ihre Eltern ruhen droben auf dem Friedhof, dessen Kreuze über die Mauer da drüben auf die alte Kirche herniederschauen. Und von soviel Wissen ist’s nicht mehr weit, zu erraten, wohin Sie wollen.“

Just von Dehnow schüttelte den Kopf.

„Ich bin zwar nicht allzu beschlagen in Zitaten, aber eins, das mir einfällt, will mir für das, was Sie mir zu erklären suchen, sehr passend erscheinen.“

Sie strich ein widerspenstiges Härchen über das Ohr zurück und lugte leicht zu ihm empor. „Nun?“

„Wenn man’s so hört,

Möcht’s glaublich scheinen,

Steht aber immer doch

Schief darum.“ — — —

Sie lachte schon wieder.

„Sie bezweifeln also die Weisheit meines kleinen Fingers?“

Er nickte amüsiert.

„Ja, ich glaube nicht an seine besonderen Fähigkeiten.“

„Schade, das wird meinen kleinen Finger sehr kränken.“

So plaudernd waren sie bis in die Nähe des Friedhofs gelangt. Just von Dehnow war allmählich in ein ganz langsames Schlendertempo verfallen — dieses Beisammensein mit der über seine Person so gut unterrichteten Fremden übte einen seltsamen Zauber auf ihn aus. Und ihm war es, als gehöre dieses holde blonde Mädchen hierher in die Heimat, als gehöre sie dazu wie der Rhein und der rote Assmannshäuser und all die sonnige, wonnige Pracht ringsum.

Er, der seit Jahren einen Bogen gemacht um alle hübschen weiblichen Wesen, sass plötzlich wie in einem Netz von Wohlbehagen und Glück und wie in eine Versenkung verschwand jegliches Denken an die falsche Herma von Olfers, die einmal durch seine jungen Tage gegangen wie eine dunkelhaarige Herrscherin. —

3. Kapitel.

Vor der Tür zum Gottesacker blieben beide stehen. Eine schlanke weisse Hand schob sich Just entgegen.

„Leben Sie wohl, Herr von Dehnow, und zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber, wer ich bin. Meine Mutter meint, ich sei ein übermütiges Ding, das niemand ernst nehmen könne und wenn Sie mögen, können Sie sich ja dieser Ansicht anschliessen.“

Husch, husch, waren die niedlichen Füsse in den Schuhen von stumpfem, weissem Leder schon davongegangen.

Just von Dehnow blickte der weissgekleideten Gestalt nach, er wollte ihr noch etwas sagen, wollte sie noch etwas fragen — aber er brachte nichts hervor. Stumm folgte ihr sein Auge, bis sie da unten in einem grossen alten Bau rechts von der Kirche verschwand.

„Ich will wissen, wie sie heisst, will wissen, wer sie ist,“ nahm er sich vor und folgte ihr.

In dem alten Bau, der eine grosse Ausdehnung zeigte, trat ihm eine kleine magere Frau entgegen.

Er fasste höflich grüssend an den Hut.

„Bitte, können Sie mir nicht sagen, zu wem im Hause die weissgekleidete junge Dame gegangen ist, die vorhin, vor einigen Minuten, hier eingetreten ist?“

Die Frau wachte eine verneinende Bewegung.

„Vor einigen Minuten kann hier keine Dame eingetreten sein, denn seit einer halben Stunde schon halte ich mich hier im Gange an der Türe auf.“ Sie wies auf einen in der Ecke lehnenden Besen. „Ich habe den Flur gekehrt, und wenn hier jemand ins Haus gekommen wäre, hätte ich ihn sicher bemerken müssen.“

Sie griff nach dem Besen, als wollte sie die Beschäftigung, von der sie eben gesprochen, wieder aufnehmen.

Just Dehnows Gesicht war von leichter Ungeduld überschattet. „Aber liebe Frau, ich sah doch die Dame mit meinen eigenen Augen.“

Die Frau zuckte die Achseln.

„Unmöglich, oder es müsste gerade die Nonne gewesen sein, die hier manchmal am hellen lichten Tage umgehen soll, man sagt, sie fände keine Ruhe drüben in ihrem Grabe unten in der Kirche, und weil das Haus früher ein Kloster gewesen ist ...“

„Ein Mönchskloster, wenn ich nicht irre,“ warf er ärgerlich, durch diesen Schnickschnack hingehalten zu werden, ein.

Die Frau liess sich nicht aus der Fassung bringen.

„Möglich! Aber warum soll denn eine tote Nonne nicht in einem alten Mönchskloster spuken?“

Da ging Just Dehnow, er wusste nun, aus der Frau war nichts herauszubekommen.

Als er die Stufen der kleinen Treppen hinunterstieg, war es ihm, als vernehme er deutlich wieder das klingende Lachen des blonden Mädchens. Er drehte sich schnell herum, aber öde lag der weite Gang, der deutlich noch den einstigen klösterlichen Charakter erkennen liess, und die Frau fuhr mit dem Besen über den Steinfussboden in so emsiger Geschäftigkeit, als gäbe es für sie nichts Wichtigeres auf der ganzen Welt. —

Langsam wunderte nun Just Dehnow den Weg zurück, den er eben gekommen. Und er trat vor die Gräber der Eltern hin, die in einen festen Mantel von Efeu eingehüllt lagen und freute sich, wie gut sie gepflegt waren. Seit er von der Schutztruppe zurück, hatte er die Obhut über die Hügel einem St. Goarer Gärtner übergeben, hatte ihm geschrieben und Geld gesandt und konnte sich nun freuen, wie schön die Stätten erhalten, in denen Elternliebe zum letzten Schlummer gebettet war. — —

Als er den Friedhof verlassen, überlegte er flüchtig, was er nun anfing. Es gab hier wohl ein paar Menschen, die sich seiner noch erinnern mochten, wenn er den in St. Goar altbekannten Namen nannte, aber er verspürte keine Lust, jemanden aufzusuchen, er war ihnen und ihrem gleichmässigen friedlichen Leben doch längst fremd geworden. Es lagen weite Wege zwischen seiner Knabenzeit und den Jahren drüben in Afrika, Wege, welche die gemütlichen Kleinstadtmenschen gar nicht in ihrer ganzen Länge abzuschätzen wussten. —

So unternahm er denn noch eine kleine Wanderung zur Burg hinauf und fuhr dann am späten Nachmittag mit dem Düsseldorfer Dampfer, dessen Anlegestelle sich just vor dem Hotel Rheinfels befindet, den Rhein hinauf. Ehe das Schiff sich noch in Bewegung setzte, stieg er die Stufen zum oberen Verdeck hinauf und über das Gitter gelehnt, schaute er zum Hotel hinüber.

Ob sie wohl daheim war, seine Fremde, und in welchem Stock sie wohnen mochte. Wie sie wohl hiess und woher sie war. Viele Fragen, die er sich selbst vorlegte, und von denen er sich auch nicht eine einzige beantworten konnte. Der Klang des silbernen Lachens lag ihm noch immer im Ohre, und er grübelte eifrig über die hübsche kleine Persönlichkeit nach, der sein Namen und Stand nichts Fremdes waren. Starr ruhten seine Augen auf dem Hotel, und da sah er, wie sich im ersten Stock eine Balkontüre öffnete und die blonde liebliche Zierlichkeit auf den gemauerten Hausvorsprung heraustrat.

Sie war’s, wirklich, es gab keinen Zweifel, sie war’s, und während die Schiffsräder jetzt anfingen, in schnellere Bewegungen überzugehen, riss er sein Taschentuch heraus und winkte hinüber. Unaufhörlich und auffällig.

Er konnte einfach nicht anders und da — da kam wahrhaftig von drüben ein Zeichen zurück, ein weisses Tüchlein wehte windgebläht hoch auf und ein Lachen schwang sich herüber, das war wie ein Gruss, ein letzter wunderschöner Gruss.

Just von Dehnow neigte den Kopf, das Lachen tat weh, seltsam weh — weil er es aller Voraussicht nach wohl nie mehr hören würde. — O, es tat so gut, dieses reine junge Lachen, von dessen Vorhandensein er bis heute früh noch gar nichts gewusst, und das ihm fortan doch fehlen würde, immer und immer fehlen. Wie eigen das war, dass man etwas vermissen konnte, von dem man kurz vorher noch nicht das geringste geahnt.

Der Dampfer steuerte auf die Loreley zu und von ein paar kräftigen Männerstimmen schallte es in getragenem Rhythmus auf: „Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.“

Der alte Sang ergriff Just Dehnow mit starker Gewalt und gedankenvoll schaute er in die Wellen hinunter, die nun schon einen grauschwarzen Glanz aufwiesen. Alles goldene Leuchten, das wie breite Sonnenstrassen über dem Strome gelegen, war untergegangen, aber dem Manne war es, als schaue ihn aus dem Wasser ein süsses Gesichtchen an, als leuchteten braune Schelmenaugen und über die schwerfälligen Wellen schien ihm ein jubelndes Mädchenlachen hinzutanzen, wie das lockende Lachen einer Rheinnixe.

4. Kapitel.

In einem Abteil erster Klasse des von Köln kommenden Zuges sassen Graf Werner Kerrwitz und seine Frau. Er lehnte breit und behaglich in einer Ecke und sein rundes Mopsgesicht drückte deutlich aus, dass er sich sehr wohl fühlte.

Es wurde zwischen dem Ehepaar nicht viel gesprochen, nur ab und zu fielen ein paar Worte, die kurz und wie versprengt in die Stille des Abteils hineinklangen.

Mit müdem, gelangweiltem Gesicht blickte Gräfin Herma durch das Fenster in die Landschaft hinaus. Ihr Auge liess teilnahmlos all die Schönheit da draussen, die wie ein wandelndes Panorama vorbeizog, an sich vorübergleiten. Ihr Sinn war abgestumpft gegen Naturschönheiten. Vielleicht, weil sie schon zu viel in der Welt herumgefahren, weil sie schon kreuz und quer durch Italien und durch Spanien und Portugal gereist, weil sie Aegypten kannte, und ihr Fuss gegangen, wo die Nordlandsonne scheint. Viel, allzuviel, und wie gejagt, hatte die Gräfin die Schönheiten der Welt genossen, nirgends Halt machend, nur weiter, immer weiter, das war ihr Leitmotiv geworden, seit sie den Ehering trug.

Unruhe war in ihr, die sie vorwärts trieb, Unruhe, die sich nicht beschwichtigen lassen wollte, und zuweilen stieg es wie brennende Sehnsucht in ihr auf nach den Mädchentagen und nach einem schlanken Manne, dem sie sich heimlich angelobt, dessen Braut sie gewesen.

Niemand hatte darum gewusst, sie waren ja beide arm. Er besass nur ein winziges Vermögen, sie hing von der Gnade reicher Verwandten ab.

„Wenn ich Hauptmann bin, dann heiraten wir,“ hatte Just von Dehnow oftmals zu ihr gesagt. Und „wenn du Hauptmann bist, dann heiraten wir,“ hatte sie glückselig erwidert, und sie freute sich darauf, freute sich auf die Zeit, da der Geliebte Hauptmann werden würde. Sie sehnte sich nach dem Tage, sehnte sich — bis der Andere, der Reiche, der Millionenreiche, plötzlich in ihr Leben trat.

Da besann sie sich nicht lange.

Wie herrlich musste es sein, immer elegante, teure Kleider tragen zu können und wertvollen Schmuck. Wie herrlich musste es sein, grosse Reisen zu machen und kostspielige Gesellschaften zu geben! —

Liebe? Du guter Himmel, man kam wohl auch mit einem Surrogat aus, das überdies noch schmackhafter wurde durch die neunzackige Krone, mit der es gewürzt war. —

Heute dachte sie allerdings ein wenig anders — aber wenn solche Gedanken nahen wollten, dann schlug sie dieselben immer mit irgend einem neuen Vorhaben in die Flucht. Eine Reise, ein aussergewöhnlich teures Kleid mussten dazu herhalten, unbequemes Nachdenken im Keime zu ersticken. Unbequemes Nachdenken und schmerzliches.

Denn zuweilen empfand sie die Erinnerung an Just von Dehnow wie einen körperlichen Schmerz. Neben dem dicken breiten Gatten tauchte vor ihrem geistigen Auge gar zu oft seine schlanke Gestalt auf und vor das gutmütige Mopsgesicht schob sich gar zu oft ein schmales, markantes Männerantlitz mit kühlen Grauaugen, und sie meinte dann, den Blick dieser Augen auf sich ruhen zu sehen, so wie damals, da sie ihm erklärte, sie könne nicht die Seine werden, und das Wort Liebe sei ein albernes Märchen für dumme Menschen.

Wie unsagbar verächtlich hatte er sie damals angeschaut. Wie ein Brandmal, das sich ihr aufgedrückt, fühlte sie den Blick, den verächtlichen Blick noch immer.

Auch heute, auch jetzt.

Sie richtete sich straffer auf, und nachdem sie sich auf ihrer winzigen goldenen Armbanduhr davon überzeugt, wie spät es war, meinte sie zu ihrem Gatten, es sei Zeit, sich zurechtzumachen, St. Goar sei gleich erreicht.

„Schade,“ brummte es aus der Ecke heraus, „es sass sich so famos hier, und ich machte am liebsten jetzt ein kleines Nickerchen, das Räderrollen wirkt so angenehm einschläfernd.“

„Ich möchte wissen, was auf dich nicht angenehm einschläfernd wirkt,“ gab sie etwas spöttisch zurück und stand auf, um sich vor dem ovalen Spiegel des Abteils den Schleier über den weichen seidenen Reisehut zu legen.

Graf Kerrwitz lächelte, als habe ihm seine Frau soeben ein Kompliment gesagt.

„Ja, es ist sonderbar, aber gewissermassen hast du recht, Herma, auf mich wirkt so ziemlich alles einschläfernd.“ Und mit hochgezogenen Augenbrauen, die borstig, wie fahlblonde dünne Strohhalme standen, fügte er hinzu: „Glaube mir, Herma, das ist eine Gabe, über die nicht viele verfügen, eine beneidenswerte Gabe ist das.“

Ein spöttisches Funkeln war in den grossen, schwarzen Augen der überaus schlanken Frau, aber sie erwiderte nichts, sondern prüfte eingehend, ob ihre Kleidung vollkommen in Ordnung sei. Sie strich an dem dünnen grauen Mantel herunter und überzeugte sich, ob auch die Knöpfe der gleichfarbenen dänischen Handschuhe geschlossen waren, dann griff sie nach dem stockdünngerollten Regenschirm. Darauf nahm sie wieder Platz. Jetzt erhob sich auch der Graf und ohne einen einzigen Blick in den Spiegel zu werfen, machte er sich fertig. Seine Kravatte war etwas verrutscht und sein Hut hätte auch ein wenig gerader sitzen können, aber über solche Kleinigkeiten war Graf Kerrwitz erhaben, zum steten Aerger seiner Frau.

Heute aber äusserte sie nichts, ihr Kopf schien mit anderen Dingen beschäftigt zu sein.

In die Türöffnung des Abteils trat eine hübsche üppige Person mit auffallend dickem, kastanienbraunem Haar. Das Gesicht war blass, ein wenig verblüht, trug aber einen sehr geweckten Ausdruck. Es war die Jungfer der Gräfin, die nebenan in der zweiten Klasse gesessen und die sie sich aus Brüssel mitgebracht, wo sie einige Tage nach ihrer Rückkehr von Ostende verweilt. Ihre deutsche Jungfer war plötzlich dort krank geworden und sie hatte sie in ihre Heimat, irgend ein kleines Schwarzwaldnest, zurückschicken müssen.

Claire Pichon, die sich auf ein diesbezügliches Inserat bei Herma von Kerrwitz vorgestellt, hatte dieser sofort gefallen, da sie erstens ein paar vorzügliche Zeugnisse vorzeigen konnte und ausserdem die französische Sprache genau so gut beherrschte wie die deutsche. — Sie war froh, so guten Ersatz gefunden zu haben.

„Haben Frau Gräfin irgend welche Befehle?“ fragte es von der Türe her.

„Nein, Claire, Sie brauchen sich nur meiner Tasche anzunehmen.“

Claire Pichon nahm die elegante krokodillederne Tasche der Gräfin aus dem Gepäcknetz und ging damit auf den Gang hinaus. Der Zug begann bereits langsamer zu fahren und dann ward das Schnauben seiner Lokomotive immer schwerfälliger und nach mehrfachem Ruck stand er.

5. Kapitel.

Der Graf stieg als Erster aus und streckte seiner Frau die Hand zum Daraufstützen entgegen. Sie machte keinen Gebrauch davon, ihre Augen musterten nur spöttisch seine schiefsitzende Kravatte.

Eine blonde, hellgekleidete Dame von ungefähr achtzehn Jahren eilte herbei.

„Grüss Gott, Herma, du wunderschöne junge Tante Herma.“

Sie umhalste die Gräfin ungestüm — und dann kam der Graf daran. Ein fester Händedruck begrüsste ihn.

„Na Onkelchen, Weltreisender, wie geht’s, gute Reise gehabt?“ Sie wartete gar keine Antwort ab, ihre Aufmerksamkeit war der Jungfer zugewandt, die in einiger Entfernung stand und das Ende der Begrüssung abwartete. „Uijeh!“ rief sie laut, „ist das dein neues Zöflein, Herma, von der du schriebst? Die sieht wahrhaftig nobel aus, weisst du, etwa wie eine verkleidete grosse Tragödin oder dergleichen.“

„Nicht so laut. Traute, sie spricht das Deutsche genau so gut wie ihre Muttersprache,“ mahnte die Gräfin und langsam verliess man, von Claire Pichon gefolgt, den Bahnhof.

Traute hatte ihren Arm unter den der schönen Gräfin geschoben und plauderte wie ein Starmatz.

„Die Eltern lassen sich entschuldigen, dass sie nicht zur Begrüssung an die Bahn gekommen sind, doch Papa meinte, er käme ja doch nicht zu Wort, wenn ich dabei wäre.“

Aber als man in die Lindenpromenade am Rhein einbog, da kamen ihnen Trautes Eltern doch bereits entgegen. Herzlich drückte der Geheime Medizinalrat Dr. Stein, nachdem er Herma begrüsst, seinem gräflichen Schwager die Hand.

„Wie nett von euch, uns hier für ein paar Tage zu besuchen. Weiss Gott, es lebt sich paradiesisch schön hier, und ich bin meiner Frau äusserst dankbar, dass sie sich diesmal, statt für irgend ein Seebad, für einen Aufenthalt am Rhein entschied.“

Inzwischen hatten sich die zwei Frauen die Rechte gegeben und nun sagten sich Bruder und Schwester „Guten Tag!“ —

Graf Kerrwitz und die Frau Geheimrat Dr. Stein hätte wohl niemand für Geschwister gehalten, so verschieden waren sie im Aeusseren voneinander; der Graf blond, breit, dick, gemütlich und seine Schwester Gisela schlank, rassig, lebhaft. — Vor Jahren, als sich Komtesse Gisela von Kerrwitz in den damals in den ersten Anfängen seiner Praxis stehenden jungen Dr. Stein verliebte, hatte sie mit den Eltern schwere Kämpfe auszufechten gehabt, aber ihre Liebe liess sich nicht beirren, sie setzte die Verbindung mit dem bürgerlichen unbekannten Arzt durch. Heute war Geheimrat Stein ein anerkannter Chirurg und viele Kranke suchten seine Klinik in Wiesbaden auf.

Die Geheimrätin kleidete sich immer sehr elegant, sie liebte Luxus und trug ihn gern zur Schau. Mit ihrer einzigen Tochter Gertraud, von allen, die sie kannten, Traute genannt, verstand sie sich darin schlecht. Traute hatte eine Vorliebe für Einfachheit und kleidete sich am liebsten in weisse Stoffe.

Die Jungfer Claire Pichon folgte den vorangehenden Herrschaften in respektvoller, fast zu respektvoller Entfernung, und man hätte meinen können, sie gehöre gar nicht dazu. Jedenfalls nahm das auch der entgegendienernde Oberkellner an, denn er fragte die mit dem Reisetäschchen etwas später als die anderen in den Hotel-Vorraum Eintretende, ob sie ein Zimmer im ersten Stock wünsche, und ob die gnädige Frau längere Zeit hier zu bleiben beabsichtige.

Die Gräfin, die sich bereits an der Treppe befand, lachte ein wenig ärgerlich auf.

„Frau Geheimrat war doch so liebenswürdig, auch für meine Jungfer ein Zimmer voraus zu bestellen, kommen Sie, bitte, Claire, und halten Sie sich nicht gar so weit zurück.“

Der Oberkellner murmelte eine Entschuldigung. Sonderbar, wie vornehm die Kammerjungfer aussah. Auch Gisela Stein machte dieselbe Bemerkung, nur äusserte sie sich darüber zu ihrer Schwägerin.

Herma Kerrwitz wiegte den Kopf.

„Nun ja, sie ist kein Durchschnittstyp ihres Standes, aber sie zieht sich doch riesig schlicht an, es muss wohl an ihrer Figur, ihrer Haltung liegen, dass sie etwas Besonders vorstellt. Trotzdem versteht sie ihr Fach, und bin ich äusserst zufrieden mit ihr.“ — —

Nachdem sich Gräfin Herma mit Hilfe ihrer Zofe ein wenig zurechtgemacht, liess man sich unten auf der Terrasse zum Abendessen nieder. Die Zofe ass oben in ihrem Zimmer. Man hatte sich viel zu erzählen, und die Hauptsache in der Unterhaltung spielte das Ultimatum, das Oesterreich wegen der Ermordung des Thronfolgers und seiner Gemahlin den Serben gestellt hatte.

„Die Sache balanziert auf des Messers Schneide,“ meinte der Geheimrat, „und der Krieg zwischen den beiden Mächten ist sicher. Russland deckt ja Serbien den Rücken.“

„Nun, dann zieht auch Deutschland sein Schwert, es weiss das Wort Brüderlichkeit richtig zu verwenden.“

„Ach, das sind Möglichkeiten,“ warf die Gräfin ein, „es wird ja nichts daraus werden, vor einem grossen folgenschweren Krieg scheut sich jeder.“

Der Graf hob die Schultern.

„Weisst du, Herma, um Politik kümmertest du dich bisher viel zu wenig, um derartiges, wie es sich jetzt allem Anschein nach vorbereitet, richtig einzuschätzen und zu beurteilen. Aber ich muss dir ganz ehrlich sagen, ich drängte in Belgien so sehr zur Abreise, weil es immer besser ist, man befindet sich in solchen Tagen, wie wir sie jetzt vielleicht erwarten müssen, daheim im Vaterland.“

Herma Kerrwitz machte eine unmutige Bewegung.

„Unsinn, Phantasiegebilde. — Nun und wenn Deutschland für einen Krieg wirklich in Frage käme, in Belgien wären wir doch sicher aufgehoben gewesen.“

„Wie kann man das wissen?“ Der Graf begann mit gutem Appetit das Pastetchen zu verspeisen, das er vor sich auf dem Teller hatte.

„Nein, erlaube mal,“ seine Frau gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden, „wenn du auch meine politische Kenntnisse anzweifelst, so kann es sich doch für Deutschland nur um einen Krieg mit Russland handeln.“

„So ganz verbürgt ist das nicht,“ gab er zurück, „denn man munkelt, auch Frankreich warte nur auf den Moment, um loszuschlagen, und man kann noch nicht wissen, wer sich vielleicht noch anschliesst — aber, Kindchen, reden wir doch von anderen Dingen, denn: Politisch Lied, ein garstig Lied.“

„Meinetwegen,“ die Gräfin wandte sich Traute zu.

6. Kapitel.

Nach dem Mahl zog Traute die schöne junge Tante mit sich.

„Komm mit hinauf, Herma, wir wollen uns auf den Balkon meines Zimmers setzen, der Blick auf den abendlichen Rhein ist wundervoll.“

Herma erhob sich sogleich, das Gespräch war auf medizinisches Gebiet geraten und das langweilte sie wie fast alles, was nicht mit dem Kultus ihrer eigenen schönen Person zusammenhing. Trautes an Anbetung streifende Schwärmerei für sie aber gefiel ihr. Es übte einen eigenen Reiz auf sie aus, sich von diesem selbst wunderhübschen Mädchen immer und immer wieder erzählen zu lassen, welche herrlichen Augen sie besass und welchen prachtvollen Schimmer ihr Haar habe. Herma sog gern und begierig den Duft des Weihrauchs ein, den man zu Ehren ihrer Schönheit verbrannte.

Herma von Kerrwitz war mit ihren achtundzwanzig vierzehn Jahre jünger als ihr Gatte, der in seiner trägen Behäbigkeit einen bedeutend älteren Eindruck machte als er war. Namentlich die letzten Jahre waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Diese immerwährende Untätigkeit während der Reisen hatte seine phlegmatische Veranlagung ausserordentlich begünstigt.

Früher, als er das riesige Rittergut Kerrwitzhof noch selbst bewirtschaftete, war immer noch etwas Forsches in seinen Bewegungen gewesen, weite Ritte über die Felder hatten allzugrosse Fettmassen ferngehalten, aber nun hielt da auf Hermas Wunsch ein Oberinspektor die Leitung des Gutes ganz selbständig in Händen, und man liess sich dort nur noch flüchtig sehen. Meist verbrachte das Ehepaar die Reisepausen in irgend einer Grossstadt, meistens Berlin.

Für diesen Winter stand das Programm noch nicht fest.

Herma sprach zu Traute davon. Die meinte: „Kommt doch nach Wiesbaden. Es ist im Winter zwar ziemlich still, aber wir haben sehr liebe Bekannte, die euch alle in unserem Kreise willkommen heissen würden.“

Herma erwiderte: „Wollen sehen, Traute.“

Ein kleines Spottlächeln bog ihren Mund bei dem Gedanken an den netten Wiesbadener Kreis. Sie konnte sich den lebhaft vorstellen! Bestand jedenfalls aus ähnlichen Menschen wie der spiessige Geheimrat Stein. Nein, dafür dankte sie. Menschen, die mit würdigen Mienen nicht einmal wagten, ein keckes hübsches Scherzchen gegen sie hinzusprühen, denen ihre Frauenwürde etwas so ehrfurchtgebietendes schien, dass sie sich nicht die kleinste Kurmacherei gestatteten, langweilten sie bodenlos.

Sie kannte den prickelnden Ton, der in der grossen internationalen Welt herrschte, sie war auf ihren Reisen und in Berlin mit Menschen aller Nationen und der verschiedensten Stellungen zusammengetroffen, sie war grosse Dame im kosmopolitischen Sinne, sie hatte keine Sehnsucht, sich in der behaglichen Spiessbürgerlichkeit solchen Umganges zu verlieren, wie ihn sicher Trautes Eltern pflegten, und ein paar Kostproben bei gelegentlichen Besuchen in Wiesbaden liessen keinen Zweifel daran auftauchen.

Auf dem kleinen Balkon von Trautes Zimmer stand ein Tisch und zwei Stühle, da nahmen die Damen Platz.

Traute hatte recht, es war von hier aus ein wundervoller Blick auf den Rhein. Namentlich jetzt zu dieser Zeit. Es war keine volle Tagesbeleuchtung mehr, aber auch noch keine abendliche. Ein graues Dämmern lag über allem, hing über dem Rhein und umspann die Berge, und geisterhaft drang von drüben irgendwoher ein Glockenläuten. Die Glocke eines alten Kirchleins, denn blechern und heiser war das Stimmchen.

Auf den Dampfern, die den Strom hinauf- und hinunterfuhren, brannten schon die Lichter und spiegelten sich in kleinen, runden, leuchtenden Schemen im Wasser, und es sah aus, als schwammen güldene Kugeln neben den Schiffen her.

Und nun flammten auch an dieser Seite und drüben in St. Goarshausen die Uferlaternen auf. Gleich einer Schnur entzündeter Lampions zogen sie sich an den Ufern hin. Traute blickte, den einen Arm leicht auf die niedrige Brüstung gelehnt, verträumt hinaus.

„Weisst du, Herma, du wunderschöne junge Tante, wen ich gestern gesehen habe? Jemanden, den du kennst. Nun denke mal ein bischen nach, verlege dich aufs Raten.“

Herma Kerrwitz spielte mit ihren Ringen, versuchte den Brillanten darin hier in dem Halbdunkel ein Funkeln zu entlocken.

„Wie kann ich das raten, ich kenne so viele Menschen hier.“

Es war keine Spur von Neugier in ihrer Stimme.

„Es war ein Mann, noch dazu ein sehr hübscher,“ versetzte die Jüngere in leichter Schelmerei.

Herma unterbrach ihr Spiel mit den Ringen nicht.

„Ich bin etwas sehr schwerfällig im Raten.“

„Nun, dann will ich es dir sagen, Herma, Just von Dehnow habe ich gesehen.“

Die Dämmerung verbarg das Erschrecken der schönen Frau. Einen Moment lang sass sie völlig bewegungslos, doch dann rang sich ein kurzes Lachen über ihre Lippen.

„Aber Traute, du irrst dich, wie soll der hierherkommen, ich hörte einmal, er diene in der Schutztruppe.“

Das blonde Mädchen schüttelte den Kopf.

„Ich irre mich nicht, ganz und gar nicht. Du musst nämlich wissen, er sieht noch genau so aus wie auf dem Bilde, das ich einmal bei dir gefunden. Weisst du’s noch? In deiner Schmuckschatulle lag es, und du machtest ein so ärgerliches Gesicht, als ich danach griff, als wenn du mich fressen wolltest.“

„Dessen erinnere ich mich wirklich nicht mehr,“ sagte die schöne Frau leichthin.

Nicht umsonst war sie, wenn es nötig, eine Meisterin in der Verstellungskunst, und hier war es nötig. Hatte Traute ihr doch im vorigen Jahre einen mordsmässigen Schreck dadurch eingejagt, dass sie Just’s Bild in der zufällig offenstehenden Schmuckkassette aufstöberte und ihr plötzlich vor die Augen hielt. Sie hatte ihr da erzählt, Just von Dehnow habe ihr einen Heiratsantrag gemacht, aber sie hätte ihm, weil sie Werner Kerrwitz geliebt, einen Korb geben müssen. —

„Nein, Traute, des Bildes wegen habe ich dich sicher nicht angesehen, als wenn ich dich fressen wollte,“ sprach sie überzeugend, „das wird dann wohl irgend einen anderen Grund gehabt haben. Denn ich hatte niemals Interesse für Just von Dehnow.“

Mit seinem Namen tauchte jählings die Vergangenheit wieder empor und zeigte ihr lockende Bilder von Liebe und Glück, die sie sich aus Gier nach Reichtum und Stellung verscherzte.

„Sonderbar ist das eigentlich, Herma, ganz sonderbar und mir unbegreiflich, wie du gehandelt,“ meinte das junge Mädchen nachdenklich. „Du vertrautest mir damals an, du hättest Just Dehnow abgewiesen, weil du Onkel Kerrwitz liebtest. Schau, das will mir nicht in den Kopf, und seit ich Just Dehnow gesehen, schon gar nicht. Alle Achtung vor Onkel Werner, er ist ja ein lieber guter Mensch, aber was meinen Geschmack anbetrifft, ich hätte entschieden den Anderen vorgezogen.“ Jedes Wort des harmlos plaudernden Mundes traf die schöne Frau wie ein Schlag.

Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte gerufen: Schweige, um Gotteswillen schweige, wühle und reisse nicht in der Wunde herum, die ich Törin mir selbst beigebracht!

Aber sie musste äusserlich ruhig bleiben. Sie würde sich hüten, diesen halben Backfisch einzuweihen in das Denken und Fühlen, das sie erfüllte.

Und der junge Mund plauderte weiter.

„Ueber den Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten, und so will ich natürlich nichts mehr über meine Meinung äussern, aber vielleicht macht es dir doch ein bischen Spass, wenn ich dir von meiner Begegnung mit Herrn von Dehnow erzähle.“

Sie wartete gar keine Entgegnung ab, sondern berichtete ausführlich. Und dann schloss sie:

„Gleich habe ich ihn erkannt, Herma, wie ich da unten an seinem Tisch auf der Terrasse vorbeiging — seltsam ist’s doch, dass sich mir das nur einmal gesehene Bild so eingeprägt. Nur viel ernster als auf dem Bilde sieht er jetzt aus, aber man kann sich riesig lieb und angenehm mit ihm unterhalten, und er wird wohl noch lange vergebens darüber nachsinnen, woher ich seinen Namen und Stand wusste.“ Sie lachte silbern auf.

Aber ganz plötzlich brach das Lachen ab, unten von der Terrasse drang es wie erregtes Durcheinandersprechen herauf.

Die beiden horchten auf.

„Was mag hier nur geschehen sein?“

Traute hatte sich bereits erhoben.

„Sieh doch nach, Kleine,“ riet die Gräfin, froh, das Gespräch abbrechen zu können, „ich bleibe so lange hier sitzen.“

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
130 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711570517
Yayıncı:
Telif hakkı:
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