Kitabı oku: «Ulla mischt sich ein»

Yazı tipi:

Anny von Panhuys

Ulla mischt sich ein

Roman

Saga

Ulla mischt sich ein

© 1953 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570289

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes Kapitel

In einer der ältesten Gassen der einstigen freien Reichsstadt Frankfurt am Main, unfern des Domes, steht ein Haus, das, von Wind und Wetter der Jahrhunderte schief geworden, sich wie scheu zwischen die vielleicht ein wenig jüngeren Nachbarn einschiebt, so, als wünsche es, nicht beachtet zu werden. Und doch fällt es in der ganzen Gasse am meisten auf, das alte „Haus zu den Lilien“.

Oft stehen Fremde, die den Stadtteil Alt-Frankfurt besuchen, vor dem Hause zu den Lilien und bewundern es, besonders, weil es sich eine eigentümliche Vornehmheit bewahrt hat aus jenen fernen Tagen, da es noch der Patrizierfamilie von der Lilie gehörte, die es um das Jahr 1600 herum erbauen liess.

Von einem Herrn von der Lilie, dem letzten dieser Linie des alten Geschlechtes, kaufte es Anfang des achtzehnten Jahrhunderts der junge Uhrmacher Gottfried Jost; und von da an blieb das Haus, über dessen Eingangstür ein schon vielfach ausgebessertes Wappen mit zwei Lilien in Stein gehauen war, Eigentum seiner Nachkommen.

Ein ganzer Stamm von Uhrmachern ging aus dem alten Hause hervor, und sie waren alle tüchtig und erfolgreich gewesen; einer davon, der Grossvater des jetzigen Besitzers, sogar berühmt. Von weit und breit kam man zu Christian Jost, Fürstlichkeiten gehörten zu seinen Kunden, und es verstand sich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ganz von selbst, dass alle vornehmen Frankfurter ihre Uhren im Hause zu den Lilien kauften oder ausbessern liessen. Angesehen war Christian Jost, und sein Geschäft, sein Heim, seine Familie umgab die Gediegenheit reicher Bürger.

Heute war davon nichts mehr zu spüren im Hause zu den Lilien. Man musste sich vielmehr sehr einrichten, um leidlich durchzukommen.

Seit langer Zeit schon arbeitete Mathias Jost ohne Freude; gutzahlende Kundschaft kaufte in den Läden der Goethestrasse und Zeil, zu ihm verliefen sich nur noch Nachbarn und Leute, die annahmen, in dieser Gegend recht billig wegzukommen, Leute, die wegen jeder grösseren Ausbesserung schimpften und quengelten.

In der langgestreckten Werkstatt hinter dem Laden sass Mathias Jost und untersuchte mit der Lupe, die er in das linke Auge geklemmt hatte, eine Damenuhr. Neben ihm arbeitete sein Gehilfe, Hans Weigand. Eine Wanduhr schlug sechsmal, andere Wanduhren folgten, der tiefe Ton einer Standuhr mischte sich ein. Alle grossen Uhren in Laden und Werkstatt beteiligten sich an dem Konzert.

Mit einem hörbaren Ruck schob Hans Weigand seinen Stuhl zurück und sang vergnügt:

„Jetzt ich heim zu Frauchen lauf,

bums vallera, ich freu mich drauf!“

Hans Weigand war seit vier Wochen verheiratet und freute sich immer auf das Heimgehen.

Als er fort war, liess Mathias Jost müde die Schultern sinken. Nun war er allein und brauchte sich nicht mehr zusammenzunehmen, sein Kopf schmerzte von dem angestrengten Sehen, die Augen brannten. Die armen Augen, vor denen es manchmal wie graue Spinnweben zitterte.

Die Augen waren durch Überanstrengung allmählich schwach geworden. Mathias Jost seufzte — und er war doch noch gar nicht besonders alt mit seinen fünfundfünfzig Jahren.

Es klopfte an der Tür, die vom Flur in die Werkstatt führte. Gleich darauf stand Ulla Utten auf der Schwelle, grüsste und fragte lächelnd: „Gibt’s viel zu tun, Uhrendoktorche?“ „Uhrendoktorche“ nannte ihn Ulla seit ihren Kindertagen. Acht Jahre war sie alt gewesen, als ihre Mutter in das kleine Hintergebäude des Hauses zu den Lilien gezogen war.

Ihr Vater war seit zwanzig Jahren verschollen, aber Frau Luise Utten hoffte immer noch, er würde eines Tages wiederkehren.

Ulla drückte die niedrige Tür ins Schloss. Niedrig waren Türen und Fenster, niedrig waren die Decken hier im Hause, aber die Wände so dick, dass alle Geräusche von draussen matt zu sein schienen.

Als Mathias Jost seine Arbeit wieder aufnehmen wollte, sagte Ulla freundlich: „Lass das, Uhrendoktorche, ich habe ein Stündchen oder zwei Zeit, Mutter ist weggegangen, abliefern, sie arbeitet in letzter Zeit Jumper, und auf dem Rückwege besucht sie immer eine alte Freundin. Nirgends kann sie so ausgiebig vom Vater reden wie dort.

Sie schob Mathias Jost einfach von seinem Arbeitsplatze weg, liess sich auf seinen Stuhl nieder und nahm die Damenuhr auf, mit der sich der Uhrmacher vor ihrem Kommen beschäftigt hatte.

„Na, das ist ja ein ziemlich schwerer Fall, Bruch der Achse!“ stellte sie nach einem Weilchen stummer Betrachtung fest und sah jetzt ganz fachmännisch aus. Ihr sehr regelmässiges, helles Gesicht neigte sich über die Tischplatte, und sie begann mit geübten Händen zu hantieren.

Mathias Jost sank in den alten Armstuhl und seufzte ein wenig traurig und auch ein wenig wohlig.

„Mädelche, wenn ich dich nicht hätte! Fremdes, liebes Mädelche, ich hab’ dich gern, als wärst du mein eigenes Kind. Immer hilfst du mir, immer stehst du mir bei. Ich könnte ja keinen zweiten Gehilfen bezahlen, soviel bringt’s Geschäft nicht ein! Es ginge wohl, wenn Christian nicht studierte. Das kostet auf die Dauer viel Geld. Er braucht Anzüge, er muss dieses und jenes mitmachen und will nicht zurückstehen, wenn sein Freund, den er sich auf der Universität angeschafft hat, sich etwas leistet.“

Ulla fuhr mit der Rechten glättend über ihr Haar, das in leicht gewellten Scheiteln die gerade Stirn umrahmte und im Licht der niedrigen, grünbeschirmten kleinen Arbeitslampe hellgolden leuchtete. Es gab in Wahrheit nichts zu glätten an dem Haar, Ulla hatte nur allerlei Gedanken wegschieben wollen, die plötzlich hinter ihrer Stirn aufgesprungen waren und Neigung zeigten, sich in Worte umzuformen und sich zu melden.

Aber Mathias Jost tat ihr leid. Christian war sein einziger Sohn, er hing mit grosser Liebe an ihm. Ab und zu sagte er dem Sohne ja auch ein wenig die Wahrheit, aber niemals so gründlich, wie er es wohl hätte tun müssen, denn Christian war auf einen falschen Weg geraten. Sie sah es, sie fühlte es, sie wusste es und litt darunter, weil sie ihn liebhatte. Das wusste sie auch, aber er wusste es nicht, und es würde ihm wahrscheinlich auch höchst gleichgültig sein, wenn er es erführe, wie ihm alles gleichgültig war, was sie anging.

Er mochte sie nicht leiden, seit sie ihm ein paarmal, wenn auch in mildester Form, erklärt hatte, es wäre besser, er gäbe sein Studium auf und würde Uhrmacher, wie sein Vater, Grossvater und deren Väter es gewesen waren.

Sie mochte jetzt nicht daran denken, und während sie mit ihren spitzkuppigen, wie für Arbeiten der Feinmechanik geschaffenen Händen an dem Ührchen arbeitete, sagte sie: „Mutter wird nicht müde, auf den Vater zu warten, aber ich meine, einer, der vor zwanzig Jahren weggegangen ist und seitdem nichts mehr von sich hat hören lassen, von dem keine Spur zurückgeblieben, der kommt nicht wieder.“

Mathias Jost sass mit geschlossenen Lidern da. Ein solches Ausruhen tat seinen Augen gut. Er lächelte traurig und stimmte ihr bei: „Nein, Kind, der kommt nicht wieder!“ Das Lächeln schwand, der schmale Gelehrtenkopf drückte sich an die hohe Sessellehne, und leise sagte Mathias Jost: „Ich weiss es noch wie heute, das, was vor zwanzig Jahren solches Aufsehen in der ganzen Stadt hervorrief. Der junge Wirt Utten, da drüben aus der Wirtschaft ‚Zum Hühnchen‘ war urplötzlich verschwunden, auf eine Weise verschwunden wie einer, dem ein Geist eine Tarnkappe aufgesetzt und ihn dann, unsichtbar für jedes menschliche Auge, entführt hat.“

Ulla arbeitete ruhig weiter. Sie hatte das schon allzuoft gehört, ihre Wimpern blieben trocken, ihre Hände zitterten nicht, aber ihr Herz tat immer wieder weh, wenn sie daran erinnert wurde, wie seltsam der Vater sich aus dem Leben der Mutter fortgestohlen, sie mit ihr, dem damals einjährigen Kinde, in einem mit Hypotheken überlasteten alten Hause dieser Gaffe zurücklassend.

Aus dem Gedanken heraus erwiderte sie: „Es gibt keine Geister, die Tarnkappen für die Menschen bereithalten und sie entführen. Vater hat nicht mehr ein noch aus gewusst in dem Schuldendurcheinander, in dem er steckte, und hat alles sorgfältig für seine Flucht vorbereitet, sein Verantwortlichkeitsgefühl aber hat er in den Main geworfen. Vielleicht gräbt er heute in einer fernen Ecke Amerikas nach Gold, vielleicht hat er es auch zu etwas gebracht und längst vergessen, dass es hier in Deutschland noch Pflichten für ihn gibt, dass er Mutter und mich im Stich gelassen, vielleicht ist er aber schon längst irgendwo gestorben. Die Welt ist ja so gross, wie kann man wissen, wo er sein Grab gefunden in der grossen Welt.“ Sie atmete bedrückt. „Mutter tut mir leid, sie glaubt nicht an seinen Tod und behauptet, er würde heimkehren und sie und mich dann mit Reichtümern überschütten.“

Mathias Jost öffnete seine Augen, stille, graue, nachdenkliche Augen.

„Ich meine, Ulla, den Glauben an die Wiederkehr deines Vaters muss mau ihr lassen, der hält sie aufrecht und macht ihr alles leichter. Sie wartet immer auf ihn, das strafft ihre Lebensgeister. Sie hat sich ein eigenes Geschichtchen über sein Verschwinden zusammenphantasiert, daraus holt sie sich ständig Mut und Frische. Sie hat deinen Vater sehr geliebt, und anscheinend er sie auch; hier in unserer Gasse nannte man die beiden nur die Turteltauben. Unfassbar und unbegreiflich bleibt deshalb deines Vaters geheimnisvolle Flucht. Aber er wusste wohl kaum, was er tat, die Schulden drückten ihn zu sehr, er hatte Grundstück und Wirtschaft tiefverschuldet vom Vater übernommen.“ Er hüstelte. „Das war in der damaligen Zeit wohl so, dass man zugrunde gehen musste, wenn man als ein Überbleibsel längst vergangener Tage in den alten Gassen hocken blieb, wo Licht und Luft sich nicht wohlfühlen. Aus Tradition hält man dann wohl am Alten, Gewohnten fest, ehrt damit die Vorfahren und wird allmählich selbst eine Art Vorfahre, verliert schliesslich Mut und Unternehmungslust. So alte Gassen haben es in sich! Die wissen festzuhalten! Mit weichen Armen, wie es scheint, und eigentlich sind sie doch eiserne Schraubstöcke. Man wühlt sich wie in behagliche Kissen hinein, in die immer dämmerige Luft der Enge unserer kleinen Häuser, ist davon immer ein wenig benommen und erschlafft. Nur Junge und zugleich Starke, Begabte, finden hier wieder heraus, aber die dürfen ruhig hierbleiben, wenn sie mögen, die verstauben auch hier nicht, die können es auch hier, oder richtiger von hier aus, zu etwas bringen. Aber Menschen wie ich werden grau und alt vor der Zeit — — — und ihr Geschäft mit ihnen, Männer wie dein Vater, die nehmen sogar Reissaus und laufen gleich so weit, dass sie nie mehr gesehen werden.“

Ullas grosse blaue Augen blickten ihn an.

„Uhrendoktorche, ich vermag mir gar nicht vorzustellen, dass du in einem anderen Heim als im Hause zu den Lilien wohnen könntest, das schräg gegenüber dem Haus mit der Wirtschaft ‚Zum Hühnchen‘ steht, in dem ich geboren worden bin.“ Sie lächelte. „Ich liebe unsere alte Gasse, in der so viele Häuser von altersher Namen führen, aber ich sehne mich zuweilen doch danach, anderswo zu wohnen.“

Sie arbeitete schon wieder eifrig weiter.

„Manchmal male ich mir aus, wie schön es sein müsste, in hohen Zimmern zu leben und einen Balkon vor den Fenstern zu haben. Die Fenster müssten auf Bäume, vielleicht auf Gärten hinausgehen, und nachts könnte ich den Himmel mit seinen Sternen sehen, von dem man hier, weil die Häuser der anderen Seite zu nahe sind, immer nur schmale Streifen erhascht. Ich male mir weiter aus, in der Wohnung wäre immer frische, gute Luft.“ Sie verstummte. „Ich schilderte als Ideal die Wohnung von Justizrat Hermann, Uhrendoktorche.“

Er nickte und fragte: „Wie bist du zufrieden beim Justizrat, Ulla?“

„Ach, zufrieden bin ich schon. Er ist sehr gerecht, der Justizrat, und verlangt nichts Unmögliches, aber arbeiten muss ich tüchtig, schenken tut er einem nichts.“ Sie liess die Finger sekundenlang ruhen. „Ein ganz prachtvoller Mensch ist Justizrat Hermann, und deshalb ist er auch so gesucht. Wenn der seine Klienten anguckt, dann wagen sie kein Beschönigen und kein Vertuschen und Schwindeln, der holt aus jedem heraus, was in ihm ist, der schaut durch die Menschen hindurch wie durch gläserne Wände. Er ist ein Fanatiker seines Berufes, kein Rechtsverdreher, der aus Recht Unrecht und aus Unrecht Recht macht. Wenn der einen Angeklagten verteidigt, dann verstummt der Staatsanwalt und sieht alles so wie er. Trotz seines stark ausgesprochenen Gerechtigkeitsgefühls besitzt der Justizrat aber unendlich viel Menschenliebe, und mit der geht er an die bösesten Dinge heran und mildert sie vom rein menschlichen Standpunkt aus. Handelt es sich jedoch um Unverzeihliches, dann wird der Verteidiger zum Ankläger.“ Ihre Augen blitzten. „So wie Justizrat Hermann muss ein guter Anwalt sein, denke ich mir. Oder richtiger, so sollte jeder Anwalt sein. Aber viele Menschen ergreifen den verantwortlichen Beruf, wie sie jeden anderen Beruf ergreifen würden. Es fehlt die Begabung dafür, und man braucht nicht nur zum Künstler Begabung, das ist eine ganz falsche Ansicht.“

Mathias Jost erwiderte langsam: „Du siehst das richtig an; aber nicht jeder sieht es so, Christian auch nicht. Meine Frau hat ihm von jeher eingeredet, er müsse Rechtsanwalt werden. In ihrer Familie gab’s einmal einen Anwalt, die ganze Familie war stolz auf den akademisch gebildeten Herrn, und als er schon längst gestorben war, schwebte sein Geist immer noch wie etwas Strahlendes über dem Namen aller, die so hiessen wie er. Christian kannte deshalb kein anderes Ziel, als auch so einer zu werden wie jener ferne Onkel, der, nebenbei bemerkt, nichts weiter gewesen ist als ein ganz kleiner Durchschnittsanwalt. Als meine Frau starb, hatte sich Christian schon vollkommen festgelegt, da konnte ich ihm nicht mehr abreden, da durfte ich ihn nicht mehr mahnen: Lass deinen Plan fallen, mein Junge, du wirst wahrscheinlich doch kein besonderer Anwalt werden, aber ganz gewiss ein ganz besonderer Uhrmacher, denn deine Begabung für alles Feinmechanische ist ungewöhnlich.“

Er faltete die Hände. Es war wie eine Gebärde der Ergebung.

„Ich habe schon oft solche Worte auf der Zunge gehabt, und es wäre vielleicht noch gar nicht zu spät, denn besser ist’s wohl, einen Fehler spät erkennen als niemals. Ich habe oft sagen wollen: Lass Universität Universität sein und werde, was ich bin und was die Jostens vor uns gewesen, du hast das Zeug dazu, den alten, einstmals so klangvollen Alt-Frankfurter Uhrmachernamen wieder voll und ganz zu Ehren zu bringen. Aber dann schluckte ich alles hinunter und schwieg.“

„Und das ist fast so etwas wie eine Schuld, die du auf dich geladen, Uhrendoktorche“, sagte Ulla sehr ernst. „Mit der Begabung soll man rechnen; ich behaupte, Christian ist geradezu für die Uhrmacherei geboren. Der hat nichts weiter fachlich gelernt, als was er dir abgeguckt hat, und er spielt förmlich mit den winzigsten Teilchen einer Uhr herum. Er spricht über Dinge der Feinmechanik wie ein alter Fachmann auf dem Gebiet und löst spielend die schwierigsten derartigen Probleme. Als Anwalt wird er einmal einer derer sein, von denen mindestens vierzehn aufs Dutzend gehen, als Uhrmacher aber könnte er einen Teil der Glanzzeit seines Vorfahren zurückerobern, der Christian hiess wie er, und zu dem alle Vornehmen Frankfurts kamen und sogar Fürstlichkeiten von Mainz und Karlsruhe.“

Mathias Jost löste die gefalteten Hände.

„Ach, Mädelche, das ist nun alles schon mal so, dagegen können wir nichts mehr tun. Und wenn es auf Begabung ankommt, dürftest du auch nicht als Tippmamsell im Anwaltsbüro sitzen, sondern müsstest einen ganz hervorragenden Platz in einer grossen Uhrmacherei einnehmen, in so einer, wie sie im Schwarzwald zu Hause sind. Hast mir ja auch bloss abgeguckt, was deine Finger nun so geschickt arbeiten, um mir in deiner knappen Freizeit zu helfen, damit ich meine immer so müden Augen schonen und die Kunden besser bedienen kann.“

Ulla Utten lachte froh und jung.

„Ein Mädel als Uhrmacherin ist immer noch etwas Seltenes, und ich wollte doch möglichst bald selbst mein Brot verdienen, um Mutter zu entlasten. Die Handelsschule forderte keine besonders lange Lehrzeit. Ich freue mich, dir helfen zu dürfen, wenn der Gehilfe gegangen ist, ich tue es herzlich gern.“

Leise sagte Mathias Jost: „Schade, dass ihr beide, Christian und du, euch so schlecht versteht in den letzten Jahren. Früher war das doch anders.“

Ulla neigte sich tief über ihre Arbeit, und erst nach einem Weilchen gab sie zurück: „Ich bin ihm nicht mehr besonders angenehm, doch das schadet nichts, damit habe ich mich abgefunden; aber du und ich, wir bleiben immer gute Freunde, Uhrendoktorche.“

Er lächelte. „Ja, wir beide bleiben immer gute Freunde.“

Ulla wurde traurig. Sie hatte sich noch längst nicht damit abgefunden, dass alles zwischen Christian und ihr anders geworden war als früher. — — —

Zweites Kapitel

Jan van Straaten lachte. Er lachte so eigen. Ganz leise war das Lachen, es klang wie vom Winde aus irgendeiner Ferne hergeweht. Auch sein Sprechen war leise, es schien immer, als sage er etwas Besonderes, was nicht jeder hören sollte, auch wenn er nur vom Wetter redete.

Christian Jost fragte: „Weshalb lachst du, Jan?“

Sie gingen beide am Main entlang, unten im „Nizza“. Das war ein tiefgelegener Promenadenteil dicht am Mainufer, den man so nannte, weil er besonders günstig zur Sonne lag und obendrein windgeschützt war. Hier hatten südliche Bäume eine Heimat gefunden, und vom Frühling bis zum Herbst blühten hier in Überfülle die herrlichsten, buntesten Blumen.

Jetzt herrschte der Vorfrühling. Man schrieb den ersten März, Krokus und Schneeglöckchen sah man schon auf den gepflegten Beeten, alle Büsche und Bäume hatten dicke Knospen, vorwitzige Blättchen zeigten sich schon hier und da, Sonne hatte sie aus der Hülle gelockt.

Jan van Straaten antwortete dem Frager nicht gleich, erst nach Minuten war seine leise Stimme da: „Ich lachte, weil du immer so geheimnisvoll mit deinem Zuhause tust, weil du mich noch niemals eingeladen hast, dich einmal zu besuchen. Ich glaube, du musst irgend etwas zu verbergen haben, was ich nicht sehen soll.“

Christian Jost antwortete mit zusammengezogenen Brauen: „Zu verbergen habe ich nichts, aber ich mag dich nicht mitschleppen in die alte Bude. Mein Vater ist nicht imstande, sich vorzustellen, dass man auch anderswo als in seiner mittelalterlichen Baracke leben kann, und ich bin von ihm abhängig.“

Jan van Straaten war klein und zierlich. Er war der Sohn eines holländischen Plantagenbesitzers aus Ostindien aus dessen Ehe mit einer dortigen Eingeborenen, einer Javanerin, und war äusserlich der Mutter nachgeschlagen. Er hatte in Heidelberg und Berlin studiert; jetzt besuchte er die Universität Frankfurt. Überall hörte er ein paar Halbjahre Rechtswissenschaft und lernte bei der Gelegenheit gleich Deutschland kennen. Auch in Holland hatte er schon studiert, nur aus Neigung, und weil er als Nachfolger seines sehr reichen Vaters etwas von Rechtsdingen der verschiedenen Länder verstehen wollte.

Wieder dauerte es geraume Zeit, bis Jan van Straaten Antwort gab.

Er lächelte, und seine etwas schräg stehenden Augen wurden dabei noch schräger.

„Christian Jost, du bist sehr töricht! Ich weiss ja, wo du wohnst, und ich habe es mir schon mehrmals angesehen, das Haus zu den Lilien. Wie erfüllt von tausend Geheimnissen ist die Luft eurer alten Gasse, und euer Haus steht besonders vornehm darin und zugleich bescheiden, als das eigenartigste Haus unter den anderen, als das geheimnisvollste. Du solltest mich einmal mit hineinnehmen, ich liebe alles Alte, liebe alles, was schon vor Jahrhunderten dagewesen. Kult müsstest du mit eurem Hause und eurer Familie treiben, statt dessen möchtest du am liebsten alles verleugnen.“

Christian Jost gab zögernd zurück: „Manchmal fühle ich so, wie du es richtig findest; aber dann schäme ich mich wieder, dann scheint mir unsere Gasse hässlich und unser Haus abscheulich, dann bedrückt mich die Luft, dann stört mich alles darin.“

„Nimm mich doch einmal mit zu dir, Christian“, bat der andere.

Christian Jost lachte ein bisschen gezwungen: „Wenn du durchaus willst, meinetwegen.“

„Lass mich gleich mit zu dir gehen“, bat Jan van Straaten weiter, „und stell mich deinem Vater vor, ich möchte doch gern den Vater meines besten deutschen Freundes kennenlernen.“

Meines besten deutschen Freundes! Das klang gut, und Christian Jost nahm es wohlgefällig auf. Es gefiel ihm, der beste Freund des interessanten Jan van Straaten zu sein.

In einer knappen Viertelstunde standen sie vor dem Haus zu den Lilien, vom Dome hatte es kurz zuvor sechs Uhr geschlagen. Eben trat Hans Weigand aus der Tür. Er grüsste und sagte zu seiner jungen Frau, die ihn an der nächsten Ecke erwartete: „Grad’ kam der junge Jost nach Hause mit einem Kerlchen, das aussah wie ein Hunne.“

Sie staunte: „Ein Hunne?“

„Na ja“, gab er zurück, „Hunnen waren ein früherer asiatischer Volksstamm. Kleine Kerle mit Schlitzaugen, breitem Maul und mit so scharfen Backenknochen, dass man sich daran verwunden konnte. Immer haben sie auf kleinen struppigen Pferden gesessen, und das rohe Fleisch, das sie vertilgen wollten, legten sie sich, um es mürbe zu reiten, als Sattel unter!“

„Aber mit so einem wird doch der Sohn deines Chefs nicht herumziehen!“ lachte die blutjunge Frau.

„Hunnen gibt’s ja wohl nicht mehr“, erklärte er, „aber irgendwie muss der kleine Kerl mit sowas noch verwandt sein.“

Jan van Straaten war inzwischen mit eingetreten in das Haus zu den Lilien, und seine braunen Augen suchten auf dem schmalen langen Flur umher, tasteten die Stufen der leicht gewundenen Treppe ab, die durch ein schön geschnitztes Geländer auffiel. Die Augen flitzten überall herum, als warteten sie auf das Erscheinen einer bestimmten Person.

Jan van Straaten war vor zwei Tagen um die gleiche Stunde zufällig an dem Hause zu den Lilien vorbeigegangen, und da hatte er ein blondes, schlankes Mädchen eintreten sehen, das seinem verwöhnten Geschmack zusagte. So sehr gefallen hatte sie ihm, dass er seitdem immer und immer an die Blonde hatte denken müssen.

Sein Interesse für das alte Haus war gleich Null, sein Interesse für die Blonde war gross.

Er wusste, Christian Jost besass keine Schwester; aber irgendwie musste die Blonde hierhergehören, denn er hatte drei Stunden auf ihr Wiedererscheinen gewartet.

Als hätte sein Wunsch, ihr zu begegnen, Kraft gehabt, tauchte eben in der vom Hofe in den Flur führenden Tür ein junges Mädchen auf. Blondes Haar schimmerte golden, flinke Füsse kamen näher, verhielten flüchtig den Schritt, als sie ganz nahe gekommen waren.

Ulla Utten grüsste, sagte kurz: „Ich möchte zu deinem Vater, Christian!“

Er nickte nur. „Ich weiss, ich weiss!“

„Willst du mich nicht vorstellen?“ mahnte Jan van Straaten.

Christian erwiderte lässig: „Selbstverständlich gern. Also Ulla: Dies ist mein Freund und Studiengenosse Jan van Straaten.“ Er legte seine Hand auf des anderen Arm. „Dich, lieber Jan, mache ich mit unserer Hausgenossin, Ulla Utten, bekannt.“ Es mischte sich leichte Ungeduld in seine Stimme. „Nun komm zuerst in mein Zimmer, Jan.“

Ulla hatte die tiefe Verbeugung des ihr Vorgestellten mit einem kurzen Neigen des Kopfes erwidert und schien nicht daran zu denken, ihm die Hand zu reichen. Sie verschwand hinter einer der Türen.

„Eine Stolze ist sie“, sagte Jan van Straaten hinter ihr her. Er sah zu Christian Jost auf. „Du liebst sie, nicht wahr?“

Christian Jost erschrak. Die Frage gefiel ihm nicht. Ja, es war schon einmal so gewesen, dass er an nichts anderes gedacht hatte als an Ulla Utten; aber jetzt hasste er sie, weil sie alles, was er tat, bemängelte, weil sie sich seinen Zukunftsplänen in den Weg zu stellen versuchte und ihn in den Beruf des Vaters hineindrängen wollte.

Drittes Kapitel

Frau Luise Utten hatte ihre Arbeit abgeliefert. Sie strickte für ein elegantes Geschäft in der Goethestrasse Wollkleider und Jumper. Sie befand sich auf dem Nachhausewege. Eigentlich hatte sie noch eine alte Freundin besuchen wollen, aber sie hatte diese nicht angetroffen.

Die Zeil, die Hauptverkehrsstrasse Frankfurts, strahlte schon im hellsten Licht, die Laternen brannten, und aus allen Schaufenstern strömte neuer Beleuchtungszufluss. Als Frau Utten in eine schmale, aber sehr belebte Seitenstrasse einbog, wurde sie von dem Glanz und Leuchten noch ein Stück des Weges begleitet; allmählich aber drängten sich Schatten vor, und nur noch ab und zu schob sich ein strahlend erleuchtetes Schaufenster ein; in dieser Gegend blieb der Abend Sieger.

Frau Utten sah den Dom vor sich, seine gewaltigen Umrisse wuchsen wie eine starke Festung des Glaubens zum Himmel auf, wie ein wunderbar ergreifendes Abendlied aus Stein.

Sie verhielt den Schritt, das Herz lag ihr heute seltsam schwer in der Brust. Mehr noch als sonst hatte sie seit dem frühen Morgen an ihren Mann denken müssen, und ihr armes Hirn wurde wundgerieben von der immer wiederkehrenden Frage: Wohin hatte sich ihr Mann gewandt, damals, vor zwanzig Jahren?

Sie seufzte und schritt weiter, bog in die Gasse ein, in der sie wohnte. Sie musste an dem Hause „Zum Hühnchen“ vorbei, und wie immer grüsste sie es mit jenem nie müde werdenden Sehnen, das sich an ein Glück anklammern wollte, das doch längst und jäh zu Ende gegangen.

Plötzlich erschrak sie bis ins Innerste, es war, als ob ihr Herzschlag aussetzte, und sie fühlte einen wilden Schrei in sich aufsteigen. Über die Lippen wollte er sich zwängen, alle Menschen wollte er zusammenrufen.

Sie presste die Rechte auf den Mund. Still musste sie sein, ganz still! Sie drängte sich mit dem Rücken gegen eine nahe Mauerecke und starrte hinüber nach dem Hause, darin sie einmal daheim gewesen. Vor dem Hause ging ein Mann auf und ab, ihre brennenden Augen verfolgten jede seiner Bewegungen. Er schien auf jemand zu warten. Und sie kannte den Mann. Er war einmal ihr Liebstes auf der Welt gewesen.

Da drüben sah sie ihren Mann, der sie vor zwanzig Jahren verlassen. Er war barhaupt und trug den gleichen alten Hausanzug, den er getragen, als er abschiedlos fortgegangen war in ein Rätseldasein hinein.

Sein Name lag auf ihren Lippen, sie wollte rufen und schwieg doch. Kein Aufsehen erregen auf der Strasse, nur nicht! Sie war doch seine Frau, konnte einfach hinübergehen zu ihm und fragen: Wo bist du so lange gewesen und auf wen wartest du hier? Ich wohne ja schon lange nicht mehr in dem alten Hause!

Es gab nicht viel Verkehr hier; aber es gingen um diese Stunde gleichwohl ständig Leute durch die Gasse.

Ein Mann zog einen Handwagen in der Richtung Domplatz; ein paar Stühle, die, übereinandergestellt, sich darauf befanden, hemmten flüchtig ihren Blick und ihren Fuss, und als der Handwagen vorüber war, war der Mann vor dem Hause „Zum Hühnchen“ verschwunden.

Luise Utten schaute nach rechts und links, doch sie sah ihn nicht mehr.

Sie dachte, er muss in das Haus hineingegangen sein, und drückte die Klinke der Eingangstür nieder. Ein enger Flur nahm sie auf, es roch muffig und staubig hier. Trübseliges Licht liess alle Ecken stockdunkel. Sie rief: „Hannes!“ Rief es einmal, rief es noch einmal. Eine nahe Tür öffnete sich, sie blickte in ein unfreundliches Männergesicht.

„Was wolle Sie denn, Frau“, fragte eine rauhe Stimme, „in dem Haus gibbt’s kaa Hannes!“ Sie antwortete nicht, rief nur noch lauter: „Hannes! Lieber Hannes!“

„Pscht, mache Sie net so e Gekreisch, sonst falle die armselig Mauere zusamme. Morge werd’ des letzt’ Gelump ausgeräumt wegen Baufälligkeit. Im Haus is deswege schon kaa Mensch mehr ausser mir, ich bin der Wächter!“

Luise Utten kannte die meisten Leute dieser Gasse und fast alle kannten sie; aber der Wächter war ein Fremder, der kannte sie nicht, und nicht die Geschichte ihres Leides und ihrer Not, der wusste nichts von Hannes Utten, ihrem Manne.

Sie erklärte: „Mein Mann ging vorhin vor dem ‚Hühnchen‘ auf und ab, er muss dann hier hineingegangen sein!“

„Was soll er denn in dem Spukkommodche, Frauche? Im Hühnche kann zeitlebens kaaner mehr e Schöppche petze.“

„Mein Mann muss hier im Hause sein“, wehrte sie ab und rief wieder, so laut sie nur konnte, „Hannes, Hannes!“

Der Wächter wurde sehr ärgerlich.

„Da soll doch gleich des Gewitter dreischlage, Sie saan narrisch, Frau!“ Sein Kopf verschwand, und eine Sekunde später trat der derbe grosse Wächter, mit einer Laterne bewaffnet, auf den Flur hinaus, dessen Steine zahlreiche Vertiefungen zeigten, die Spuren von den Tritten vieler Menschen seit drei Jahrhunderten.

Trotz seines brummigen Tones war der Wächter willig, er sagte: „Wanns net anners geht, wolle mer als mal de alt Barack durchstöbere, ob sich aaner eigeschliche hot.“

Er ging mit ihr von Raum zu Raum durch das ganze Haus, dessen Zimmer Luise Utten wohlbekannt waren. Tapetenfetzen hingen von den Wänden nieder, und ein paar kärgliche Möbelreste der letzten Bewohner standen noch umher; aber niemand hauste mehr in den Mauern, die einst ihr Glück umschlossen hatten.

Weder im unteren noch im oberen Stock fand man den Gesuchten, auch nicht im Hof oder in dem windschiefen Stalle.

Der immer wieder aufklingende Ruf „Hannes!“ verhallte überall ins Leere, nur ein paar Mäuse geisterten umher, und im Hofe zeigte sich ein auf Abenteuer ausgehender Kater.

Schliesslich stand man wieder im Eingangsflur, und der Wächter lachte verstimmt: „Unnütze Arbeit habbe Sie mir gemacht, Frau. Gehe Sie haam und warte Sie do uff Ihne Ihrn Mann, er werd schon komme!“

Sie schüttelte verwirrt und verzweifelt den Kopf.

„Ich warte doch schon so lange auf ihn, und nun habe ich ihn endlich gesehen und —“

Der Rest erstarb in Schluchzen.

Mitleidlos war der Wächter nicht, vor Frauentränen hatte er Angst.

Er klopfte Luise Utten auf die Schulter.

„Wer werd denn gleich flenne. Ihne Ihr Mann hot sicher noch ebbes zu schaffe. Vielleicht is er schon dahaam un wart’t uff Sie. Also los, Frauche, laafe Sie haam!“

Luise Uttens Schluchzen versiegte jäh. Die Worte leuchteten ihr ein.

Ihr Mann suchte sie!

Er hatte doch schon von aussen sehen können, dass in dem Hause „Zum Hühnchen“ niemand mehr wohnte. Er hatte inzwischen wahrscheinlich in der Nachbarschaft Erkundigungen nach ihr eingezogen und sass jetzt wohl längst im Hause zu den Lilien, erwartete sie voll Sehnsucht, während sie unnütz die Zeit verstreichen liess.

Sie machte kurz kehrt und eilte überhastig und ohne Dank davon.

Der Zurückgebliebene schüttelte den Kopf.

„Bei der scheint’s im Oberstübche net ganz in der Reih zu saan, mächt die e Gedäts von ihrem Hannes!“ brummte er ärgerlich, weil er kein Wort des Dankes erhalten, das er doch verdient.

Luise Utten eilte heim, das Haus zu den Lilien war ja nur wenige Schritte entfernt.

Sie ging über den Hof, und es war ihr, als sähe sie Licht hinter den Fensterläden ihrer Wohnung; aber als sie den Flur betrat, fand sie alles dunkel. Sie schaltete das Licht ein und blickte sich um wie ein Mensch, der Tagereisen hinter sich hat und nun ein Plätzchen sucht, wo er sich hinfallen lassen kann, um endlich auszuruhen.

Sie stöhnte laut auf und ihr Herz krampfte sich zusammen, ihr armer Kopf sass ihr ganz schwer auf den Schultern. Fassungslos stand sie dem Erlebten gegenüber. Sie hatte ihren Mann gesehen, war nur ein paar Meter von ihm entfernt gewesen, und nun schien doch alles zu sein wie vorher.

Sie sank auf einen Küchenstuhl nieder und atmete bedrückt. Ihre Gedanken arbeiteten ängstlich, und zugleich lauschte sie angestrengt hinaus, ob nicht ein Schritt auf den Hof käme. Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Ihr Mann konnte beim Nachfragen aufgehalten worden sein, viele in der Gasse hatten ihn doch gekannt. Man würde ihn anstaunen, mit Fragen bedrängen. Trotzdem musste er bald hier sein, bald, bald.

So sass Luise Utten und wartete auf ihren Mann; aber anders als in den vielen Jahren wartete sie heute. Es stand eine nahe Gewissheit hinter ihrem Warten, sie hatte ihn ja schon gesehen.

Sie wartete und wartete. Zuweilen lächelte sie ein wehmütiges und doch hoffnungsvolles Lächeln. Es war das Lächeln einer Frau, deren Liebe niemals sterben kann.

Plötzlich beengte sie die Stille, sie ertrug das tiefe Schweigen um sich her nicht länger, es war, als habe man viele dicke Decken über sie geworfen.

Sie erhob sich, sie wollte zu Ulla, die sich gewiss wieder im Vorderhause bei Mathias Jost befand. Da war sie in den Abendstunden von jeher mehr daheim als hier.

Sie drehte das Licht aus und schlich die Treppen hinunter, das Knacken der alten Stufen störte sie. Ihre schon seit langem streikenden Nerven befanden sich in böser Verfassung! sie fühlte, wie sie zitterte, als sie über den Hof ging, und das Zittern verstärkte sich noch, als sie wieder auf die Gasse hinaustrat. Schräg gegenüber lag das Haus „Zum Hühnchen“, aber niemand stand davor. Sie hatte im Unterbewusstsein fast gehofft, ihren Mann wieder dort zu erblicken, wo sie ihn vorhin gesehen.

Ihr Denken ging unter in einem tollen Durcheinander, und wie eine, die sich auf der Flucht befindet, lief sie ein paar Schritte, riss die Tür des Uhrmacherlädchens auf und stürmte hinein. Sie musste anderen Menschen erzählen, was sie erlebt, musste fragen, was andere von dem merkwürdigen Betragen ihres plötzlich zurückgekehrten Mannes hielten.

Sie brauchte Verständnis, Trost, Rat und Hilfe, sie wurde nicht mehr allein fertig mit dem Übergrossen, was geschehen war.

Viertes Kapitel

Ulla sass in der Uhrmacherwerkstatt hinter dem kleinen Laden. Mathias Jost arbeitete nicht, sie hatte seinen Platz eingenommen, schaffte für ihn, und er sass im Lehnstuhl und gönnte seinen Augen Ruhe; sie ermüdeten ja immer so bald in diesem Raum, der auch tagsüber künstlich erhellt werden musste.

Ulla sagte: „Jemand erzählte mir, es soll schon in allernächster Zeit mit dem Abreissen meines Geburtshauses begonnen werden.“

Mathias Jost nickte. „Ich hörte es ebenfalls, und lange darf man auch nicht mehr damit warten, der eine Giebel neigt sich schon bedenklich.“

Ulla spürte ein Brennen hinter den Lidern.

„Armes altes Haus, das man zum Sterben verurteilt hat! Als Mutter vor Wochen die Neuigkeit mit heimbrachte, das Haus, das einmal ihr gehört hat, müsse wegen Baufälligkeit niedergelegt werden, weinte sie sehr und weinte noch viele Tage danach. Sie meinte, wenn der Vater nun heimkehre, würde er traurig sein, das alte Haus nicht mehr wiederzufinden, in dem er mit ihr so glücklich gewesen.“ Bitter setzte sie hinzu: „Als ob ihm etwas an allem läge, was er hier zurückgelassen! Was gilt einem, der sich wie ein Dieb davongemacht, so ein altes kaputtes Haus! Aber Mutter ist verstört und redet immer davon. Sie sagte, das Haus hätte noch lange Jahre Widerstand geleistet.“

Er tröstete: „Sie wird auch darüber wegkommen. Solche Abbrucharbeiten gehen verhältnismässig schnell, und wenn das Haus erst verschwunden sein wird, ist’s vielleicht sogar besser für sie. Die Erinnerung an all das, was für sie mit dem Hause zusammenhängt, wird matter werden.“

„Wollen es wenigstens hoffen!“ gab Ulla fast inbrüstig zurück; denn ihre ganze Jugend hatte, wenn sie es auch schon in frühester Kindheit verlassen, doch im Schatten des Hauses da drüben gestanden.

Draussen bimmelte die Ladentürklingel, und Mathias Jost ging hinaus. Ein alter Kunde brachte eine verbesserungsbedürftige Uhr und hielt ihn lange auf. Endlich konnte er zu Ulla zurückkehren.

Sie sass wie vorhin bei der Arbeit und schaute kaum auf; aber als er jetzt mitarbeiten wollte, lächelte sie: „Faulenze nur noch ein Weilchen, du hast es verdient, Uhrendoktorche!“ Sie führte mit der Pinzette ein winziges Rad in die vor ihr liegende Herrenuhr und warf ihm zu: „Christian hat heute seinen Freund mitgebracht, mit dem er immer so wichtig tut, er hat ihn mir vorhin auf dem Flur vorgestellt.“

„So!“ machte Mathias Jost interessiert. „Wie sieht er denn aus, und vor allem, wie gefällt er dir?“

„Ach, nach einem ersten Sehen kann man eigentlich kein Urteil abgeben.“

Er liess sich in seinen geliebten Armsessel nieder.

„Du willst dich um eine gerade Antwort herumdrücken, Ulla. Du weisst über einen Menschen schon Bescheid, wenn du ihn nur flüchtig anschaust. Also offen heraus: Wie gefällt dir der Freund von Christian, der selbst restlos von ihm begeistert ist?“

Ulla nahm die Lupe vom Auge.

„Wenn du durchaus mein offenes Urteil verlangst, gut: Der Mann aus Ostindien gefällt mir gar nicht! Er sieht aus wie ein Asiate in Reinkultur, das Lächeln hat er auch, das verflixte, sich immer gleichbleibende Lächeln. Und seine Stimme ist so dünn wie Säuseln.“

Mathias Jost erwiderte: „Nach deiner Beschreibung passt er also ganz und gar nicht zu Christian.“

Er verstummte jählings, denn eben öffnete sich die Tür, und sein Sohn trat mit Jan van Straaten ein. Er konnte nun gleich feststellen, dass Ullas Beschreibung genau stimmte.

Er war sehr enttäuscht, er hatte sich den Freund Christians, der bei jeder Gelegenheit von ihm schwärmte, anders vorgestellt. Aber er reichte Jan van Straaten freundlich die Hand und bot ihm Platz an.

Christian wollte sagen: Wir wollen uns nicht aufhalten! Aber er schwieg, denn Jan van Straaten sass bereits.

Seine Augen ruhten auf Ulla Utten.

Er fragte: „Sie sind eine Gehilfin von Herrn Jost, mein gnädiges Fräulein?“

Ulla lachte laut und vergnügt.

„Ich bin kein gnädiges Fräulein und will auch keines sein; Ulla Utten heisse ich, falls Sie den Namen vorhin schlecht verstanden oder schon vergessen haben sollten, Herr van Straaten, und ich helfe Herrn Jost freiwillig mit. Abends, wenn ich Zeit dazu habe.“

Mathias Jost erklärte: „Von Kind an bezeigte Ulla grossen Eifer, mir zu helfen. Erst war’s freilich nur Spielerei, allmählich aber lernte sie mir ab, was ich konnte, und es wurde Ernst aus dem Spiel. Jetzt versteht sie fast mehr als ich, wenigstens hat sie eins viel leichtere Hand und viel bessere Augen als ich.“

Jan van Straatens Blick ruhte auf dem fesselnden Bild, den der schmale, leichtgeneigte blonde Mädchenkopf darbot. Er fand, Ulla Utten war wunderschön. Sein Herz meldete sich, er fühlte sein Blut schneller durch die Adern strömen. Er empfand es als ein Glück, dass er über Reichtum verfügte. Das Mädel war nur einfach gekleidet, und Geld ist ein mächtiger Bundesgenosse, wenn man Wünsche verspürt. Er war einem kleinen Liebesroman mit Ulla Utten nicht abgeneigt. So ein goldblondes Mädel, Teufel, das reizte! So eine Feine, die es wie ein Dunstkreis von Reinheit umgab, wäre wie ein frischer Trunk in dem Champagnergelage seiner unzähligen Liebesabenteuer, deren Schauplatz in allen möglichen Ländern lag.

In Deutschland hatte er, ausser bei ein paar sehr leichten Dämchen, noch kein Glück gehabt. Ulla Utten reizte ihn sehr.

Ulla Utten fühlte seinen Blick. Sie wandte sich um, schaute in zwei sehr schmale braune Augen, aus denen ihr etwas entgegenleuchtete, das sie nicht zu deuten wusste, das aber Widerwillen in ihr auslöste.

Sie drehte den Kopf zurück und arbeitete weiter.

Die Ladenklingel sprang grell in die augenblickliche Stille der Werkstatt; man hörte, wie die Ladentür heftig zugeschlagen wurde, und im nächsten Moment stand Ullas Mutter mit todblassem Gesicht in der Werkstatt und sank fassungslos auf den nächsten Stuhl.

Sie wollte sprechen, aber die Stimme gehorchte ihr nicht, ganz verwirrt war die Frau, die Ulla sehr ähnelte; aber ihre Züge, ihre Augen, ihr Haar waren matter und wohl schon in ihrer Jugend matt gewesen.

Alle waren unwillkürlich aufgesprungen, und Ulla legte den Arm um die Schultern der Mutter.

„Bitte, rede doch, was ist denn nur geschehen?“

Luise Utten zuckte zusammen, und die Erregung, die sie beherrschte, machte ihre Stimme zittern.

„Ich habe ihn gesehen, ich habe — —“

Sie konnte nicht weiter, sank wie bewusstlos ganz in sich zusammen.

Christian ging, um ein Glas Wasser aus der Küche zu holen, kehrte auch schnell zurück, aber die völlig verstörte Frau vermochte kaum einen kleinen Schluck zu trinken.

Ulla bat: „Komm, ich bringe dich in unsere Wohnung, Mutter.“

Sie wollte ihr beim Aufstehen behilflich sein, aber die Frau schüttelte den Kopf.

„Ich kann jetzt nicht da hinten über dem Hofe allein sein, auch nicht allein mit dir. Ich brauche Menschen in meiner Nähe, je mehr, desto besser, sonst werde ich verrückt.“

Mathias Jost sagte beruhigend: „Sie können ruhig hierbleiben, Frau Utten, solange Sie wollen.“

Christian gab van Straaten einen Wink, mit ihm das Zimmer zu verlassen. Ihm war Frau Utten schon seit längerer Zeit unheimlich. Ihr ständiges Sprechen von dem weggelaufenen Manne musste einem auf die Dauer auf die Nerven fallen.

Und jetzt handelte es sich sicherlich wieder um ihr Hirngespinst.

Jan van Straaten raunte ihm zu: „Sie sagte doch eben, sie brauche Menschen in ihrer Nähe.“

Er berauschte sich an Ullas Anblick, die erregte Frau war ihm völlig gleichgültig.

Luise Utten lachte plötzlich auf. Schrill und misstönend war das Lachen, und gleich darauf rannen dicke grosse Tränen aus ihren Augen, ein Weinkrampf schüttelte sie.

„Wir können hier nicht helfen, wir stören nur, bitte, komm!“

Der aber achtete kaum auf ihn, seine ganze Aufmerksamkeit galt Ulla, die sich um die Mutter bemühte.

Christians Augen folgten dem Blick des Freundes, und er dachte ein bisschen ärgerlich, Ulla Utten schien Jan van Straaten zu gefallen.

Eben wandte Ulla sich herum, sagte laut und klar: „Ich bitte dich, Christian, mit deinem Freunde wenigstens solange die Werkstatt zu verlassen, bis Mutter ruhiger geworden ist. Es wird nicht mehr lange dauern, die Erregung lässt schon nach. Ich möchte nicht, dass sie, wenn sie richtig zu sich kommt, gleich durch ein fremdes Gesicht gestört wird.“

Ihre Augen lagen kalt auf dem Gesicht Jan van Straatens.

Der verneigte sich tief, als wäre ihm eine hohe Auszeichnung zuteil geworden.

„Verzeihung, nur wahre Anteilnahme hielt mich hier fest, Fräulein Utten.“

Er sprach das Deutsche gut, aber doch mit dem aus dem Halse geformten H der Holländer.

Christian wandte sich zur Tür, da liess die Ladenklingel sich hören. Sein Vater bat ihn durch eine Handbewegung, ihn im Laden zu vertreten, und Christian ging, die Tür nach der Werkstatt fest und sorgfältig hinter sich ins Schloss drückend. Das Weinen der Frau klang schon matter, vom Laden aus mochte es bei geschlossener Tür kaum noch zu hören sein.

Jan van Straaten kam sich jetzt doch recht überflüssig hier vor, deshalb schlich er geräuschlos auf den Flur hinaus, auf dem eine schwachkerzige Lampe unter kleinem Glasschirm ihr kärgliches Licht spendete. Der Eindruck, den Ulla auf ihn gemacht, war stark, war so stark, dass er sie noch immer vor sich zu sehen meinte mit ihrem hellen Gesicht, den übergrossen, langbewimperten Augen, dem leuchtenden Haar und der ebenmässigen, schlanken Gestalt.

O wenn sie doch jetzt wirklich neben ihm stände auf dem dämmerigen Flur des uralten Hauses!

Leichter Modergeruch schien den Wänden zu entströmen, mahnte an die Vergänglichkeit alles Irdischen. O wenn sie jetzt neben ihm stände, seinen Händen erreichbar, dann würde er nach ihr greifen, wie man nach einem köstlichen Schmuckstück greift, voll Gier und doch voll Scheu, und dann würde er sie festhalten und ihr zuflüstern: Ich bin reich und kann dir schenken, was du begehrst, geh mit mir fort aus dem alten, verwitterten Hause, ich will dir die herrliche weite Welt zeigen! Falls ich nicht studiere und meine Zeit nur dir widme, kümmert das niemand, mein Vater hält mich nicht knapp. Komm mit mir aus der Enge deines kleinen Daseins in das grosse, freie Leben, das auf uns beide wartet, wofern du nur willst!

Dachte er es nur, oder bewegten sich seine Lippen, raunten Silbe für Silbe dessen, was er empfand, in die Dämmerstille des Hausganges?

Seine Hände hoben sich und griffen in die leere Luft, mit spöttischem Kichern liess er sie fallen. Die da drinnen, die Blonde, könnte in Wirklichkeit hier neben ihm stehen, er würde zunächst auch dann nur in die leere Luft greifen. Eine wie Ulla Utten ergab sich nicht dem ersten Schmeichelwort, man musste geduldig sein und abwarten können. Vielleicht fand sich einmal eine Gelegenheit, ihr klarzumachen, was alles er ihr zu geben vermochte. Sie hatte kluge Augen. Wenn er ihr nicht gefiel, würde sie vielleicht doch an die Vorteile denken, die er ihr bieten konnte.

Wenn er ihr nicht gefiel?

Jan van Straaten war masslos eitel und lebte immer in dem Glauben, er müsse allen Frauen gefallen, wenn er es nur darauf anlegte.

Christian hatte den Kunden, der nur wegen einer Kleinigkeit gefragt, schnell abgefertigt und beeilte sich nun, Jan van Straaten zu suchen. Als er auf den Flur hinaustrat, klang durch die geöffnete Tür das ersterbende Schluchzen der Frau.

Jan van Straaten sagte: „Ich bin zu recht ungünstiger Zeit in euer Haus gekommen, das tut mir leid. Ich hätte mich gern ein wenig mit deinem Vater angefreundet. Er ist mir ungemein sympathisch.“

„Es freut mich, dass du das findest.“ Christian fasste ihn unter und zog ihn mit sich die Treppe hinauf, betrat wieder mit ihm sein eigenes Zimmer und bot ihm Platz an.

Er entschuldigte sich: „Schade, dass du es heute so schlecht getroffen hast, Jan, aber die Frau ist krank vor lauter Sehnsucht nach ihrem Gatten, der ihr vor zwanzig Jahren weggelaufen ist, kein Mensch weiss, wohin. Immer und immer spricht sie von ihm und wartet auf ihn. Das Mädel leidet selbstverständlich auch darunter.“

Er berichtete, was er vom Verschwinden des Wirtes „Zum Hühnchen“ wusste, es war nicht mehr, als alle hier in der Gasse darüber erzählen konnten.

Jan van Straaten fragte: „Wovon leben denn Mutter und Tochter?“

Er erhielt die Antwort: „Die Mutter fertigt Handarbeiten an, sie strickt Wollkleider und dergleichen, Ulla ist Bürofräulein bei Justizrat Hermann, dem bekanntesten Anwalt Frankfurts, und beide wohnen hier in unserem Hinterhause, weil die Mutter dem Hause ‚Zum Hühnchen‘ nahe bleiben will, das dem unseren schräg gegenüber liegt. Es gehörte einmal ihrem Manne, und er betrieb darin die nach dem Hause benannte Wirtschaft ‚Zum Hühnchen‘.“

Jan van Straaten hatte still zugehört, jetzt fragte er: „Versteht sie denn wirklich so viel von der Uhrmacherei, die hübsche Ulla Utten, wie dein Vater meinte?“

Christian nickte. „Und ob sie etwas davon versteht! Ich glaube, sie könnte manchen geschickten Meister beschämen. Geradezu aussergewöhnlich begabt ist sie dafür.“ Er sah den kleinen Stutzer fragend an.

„Du scheinst grosses Interesse an Ulla Utten zu nehmen?“ Er lächelte: „Hast doch nicht etwa Feuer gefangen?“

Jan van Straaten fragte zurück: „Bist du eifersüchtig? Ich könnte es dir nicht verdenken!“

Christian hob lässig die Schultern.

„Ulla Utten kann sehr unangenehm sein.“

„Du bist also bei ihr abgeblitzt, lieber Freund!“ stellte Jan van Straaten fest.

„Unsinn! Es handelt sich nicht darum“, wehrte Christian ab, „sie hat nur die verflixte Neigung, sich in Angelegenheiten zu mischen, die sie nicht zu kümmern brauchen.“

Jan van Straaten blickte sich in dem grossen Zimmer um, das Christian Jost bewohnte. Nett und behaglich war es ausgestattet, aber sehr altmodisch. Da stand ein Schreibtisch, an dem mochte schon Christians Urgrossvater geschrieben haben, und Stühle, die sicherlich dessen Frau in ihrem Zimmer aufgestellt hatte. Da hingen Bilder vieler Josts, und alle zeigten Familienähnlichkeit.

Jan van Straaten sagte: „Dein Vater sieht wie ein Gelehrter aus, seine Züge haben etwas Durchgeistigtes.“

Christian nickte lächelnd. „Vater ist auch ein Stück Gelehrter! Ich meine in seinem Fach. In der Geschichte der Uhrmacherei weiss er fabelhaft Bescheid, und wenn er eine recht, recht alte Uhr ergattern kann, ist er geradezu kindlich glücklich und kann dir nachher erzählen, dass es eine Uhr von der Art ist, wie sie vielleicht vor zweihundert Jahren von dem oder dem Uhrmacher verfertigt wurde. Alte Wanduhren liebt er über alles, sein ganzes Zimmer hängt davon voll, aber das Handwerk selbst übt er nur handwerksmässig.

Jan van Straaten langweilte sich, er schlug den Besuch eines Weinrestaurants vor.

Christian wurde verlegen. „Nein, ja, du musst mich entschuldigen, ich —“

Jan van Straaten kicherte fast lautlos.

„Hast kein Geld mehr, Freund? Was tut das, du bist mir doch jederzeit als Gast willkommen.“

Christian war schon sehr oft van Straatens Gast gewesen, es bedrückte ihn plötzlich.

Er dankte und erklärte: „Ich möchte heute abend arbeiten, ich bummelte in letzter Zeit schon zuviel!“

„Ein bisschen Ausgehen schadet aber keinem. Komm mit in den Ratskeller, da sitzt es sich behaglich, nachher besuchen wir noch ein Kabarett.“

Wie schon oft, liess Christian sich zureden. Er schloss ein schmales, hohes Schränkchen auf und entnahm ihm ein neues Taschentuch. Dabei wurde der Blick frei auf ein kleines Gebilde aus blitzenden Rädern und Schrauben.

Schon stand Jan van Straaten neben Christian und fragte, auf das verzwickte kleine Kunstwerk weisend: „Was ist das eigentlich?“

Christian Jost zögerte, endlich antwortete er fast widerwillig: „Ich beschäftige mich in meinen Mussestunden erfinderisch. Es ist das sehr vergrösserte Modell einer Chronometerhemmung. Es gibt zwar schon verschiedene solcher Hemmungen, aber diese hier soll alles Bisherige auf dem Gebiet verdrängen; sie bietet viele Vorteile.“

Jan van Straaten sah ihn mit seinen schräggestellten Augen beinahe ein wenig neugierig an.

„Du hast also auch Uhrmacherblut in den Adern, und das will sich nicht verleugnen lassen. Ich gratuliere dir zu deiner Erfindung!“

Christian hob abwehrend beide Hände.

„So weit ist es noch nicht, und nun Schluss damit; genau betrachten darf die Hemmung niemand, ehe ich nicht das Patent darauf habe.“

Jan van Straaten fragte: „Glaubst du wirklich, eine besondere Erfindung gemacht zu haben?“

„Ja“, gab Christian zurück, „ich bin davon überzeugt. Ich sprach auch mehrmals und ausführlich darüber mit einem Sachverständigen. Mit einem alten Herrn, der Leiter einer grossen Uhrenfabrik gewesen, deren Spezialität Chronometer, auch solche für Schiffe, sind. Er starb leider vor einer Woche — aber er beteuerte mir, meine Arbeit wäre sehr wertvoll und würde bestimmt gut bezahlt werden.“

Jan van Straaten dachte an seinen Onkel Hendrik in London, dessen Uhrenfabrik sich speziell mit der Herstellung von Qualitätsherrenuhren und Schiffschronometern befasste.

Geschäftstüchtig war Jan van Straaten, er witterte ein feines Geschäft mit Onkel Hendrik in London.

Er bat: „Mir kannst du das Ding doch einmal genau erklären, es interessiert mich deinetwegen sehr.“

Christian schloss den Schrank überschnell.

„Bedaure, Jan, ich darf deinetwegen keine Ausnahme machen. Ich kann von meinem Vorsatz, das Modell vor der Patentanmeldung niemandem zu zeigen oder zu erklären, leider nicht abgehen. Selbst mein Vater hat noch keine Ahnung von meiner Erfindung.“

Jan van Straaten liess sich seinen Ärger nicht anmerken.

„Ganz wie du willst, lieber Freund. Aber es freut mich, durch dich den Beweis für die Vererbungstheorie erhalten zu haben. Ich meine den Beweis dafür, dass sich gewisse Begabungen, auch handwerkliche, durch Geschlechter vererben können. Ich bezweifelte das bisher ein wenig.“

Christian hob ruckartig den Kopf.

„Wie du handwerklich im Zusammenhang mit Begabung betonst, erscheint das Wort Handwerk fast wie etwas Minderwertiges, aber dagegen lehne ich mich auf. Die volle Bedeutung des Wortes Handwerk ist etwas sehr Gediegenes, Gründliches und Notwendiges, und nur tüchtige Menschen, die nicht dumm sind, werden gute Handwerker. Ausserdem stellt die Uhrmacherei eine Sonderklasse des Handwerks dar. Man darf wohl sagen, ein Uhrmacher, der mit Lust und Liebe bei seinem Beruf ist, hat zugleich etwas vom Techniker und vom Künstler. Sieh dir doch die feinen belebten Uhrenkörperchen einmal genau an. Ein Herz haben sie alle, das pocht ganz leise, fast unhörbar; und wenn jemand wie Vater, an alten Uhren hängt, dann wird er unter ihnen förmlich zum Dichter. Ihr Ticken ist ihre Sprache, und er versteht sie. Sie erzählen ihm, was sie erlebt haben, und alle wispern und flüstern ihm kleine Geschichten zu. Die grossen Uhren aber, die laut schlagen, rufen den Menschen zu: Nicht so eilig! oder: Schnell, schnell! Sie sind ständige Mahner! Die Hängeuhren wiederum haben sich hellschwingend aus der Vergangenheit einer gezierten Zeit in unsere klaren Tage gesungen. Sie kannten noch das puderüberstäubte Damenhaar und die Galanteriedegen der Herren; und die hohen Standuhren von jetzt, sie haben Stimmen wie die Glocken der grossen gotischen Dome; man fühlt, wenn man sie hört, förmlich das Metall mitschwingen und vernimmt den Widerhall im Kirchenschiff — oder sie spielen das Lied von Treu und Redlichkeit, das täglich von der Potsdamer Garnisonkirche herniederklingt; den Alten Fritz und seine Soldaten sieht man vorbeiziehen, wenn man ihnen lauscht.“

Er schwieg. Leichte Röte lag auf seinem Gesicht. Es war ihm mit einem Male peinlich, dass er sich vor dem sehr nüchtern eingestellten Jan van Straaten zu solcher Begeisterung hatte hinreissen lassen.

Jan van Straaten neigte den Kopf.

„Ich verstehe dich vielleicht nicht ganz, aber ich verstehe, dass du zu den Menschen gehörst, die innerlich ganz anders sind als ich. Merkwürdig, dass wir trotzdem so gute Freunde werden konnten.“

Christian Jost lachte plötzlich.

„Ach was, wir sind gar nicht so verschieden! Ich rechne ebenso nüchtern wie du aus: zweimal zwei gleich vier. Und das muss man als Anwalt können. Genau rechnen! Das ist wohl das Allerwichtigste dabei, genau mit den Paragraphen des Gesetzbuches vertraut sein und ohne jede Gefühlsaufwallung damit herumarbeiten, Recht und Unrecht damit auseinanderhalten; darauf kommt es an.“

Jan van Straaten lachte sein Lachen, das wie verklingend aus weiter Ferne zu kommen schien, und dann gingen sie zusammen aus.

Als sie auf die Strasse traten, senkte sich eben der eiserne Rolladen vor dem kleinen Schaufenster und der Ladentür im Hause zu den Lilien.

Fünftes Kapitel

Als Luise Utten sich endlich ein wenig beruhigt hatte, erzählte sie ihr Erlebnis.

Ulla stand neben dem Stuhle der Mutter und hielt deren Kopf mit zärtlichen Händen.

„Mutter, du denkst in letzter Zeit an nichts weiter als an den Vater, und da spielte die Einbildung dir einen Streich. Schiebe doch die Gedanken weit fort und denke an andere Dinge, zwinge dich gewaltsam dazu, bitte, sonst musst du ja krank werden.“ Sie streichelte das Haar der Mutter, dessen Blond an den Schläfen schon silbern schimmerte. „Solchen Einbildungen darfst du nicht nachgeben. Irgendeine Ähnlichkeit wird dich getäuscht haben, du kannst den Vater nicht vor dem Hause ‚Zum Hühnchen‘ haben stehen sehen.“

Mathias Jost, der eben den Laden geschlossen hatte, mischte sich ein.

„Bedenken Sie nur, liebe Frau Utten, Ihr Mann kann doch gar nicht mehr so aussehen wie vor zwanzig Jahren. In zwanzig Jahren verändert sich jeder Mensch. Auch ist es höchst unwahrscheinlich, dass er noch denselben Anzug tragen soll wie an dem Tage, da er von hier weggegangen ist.“

Luise Utten schwieg. Sie hätte darauf schwören mögen, ihren Mann gesehen zu haben; aber wenn sie die Vernunft einschaltete, musste sie Mathias Jost recht geben.

Sie stöhnte laut auf, alles in ihr war wirr und aufgewühlt.

„Ich weiss ja selbst nicht mehr, was ich glauben darf und was nicht. Man entscheidet sich ja stets lieber für das, was man glauben möchte, und ich möchte es doch so gern, dass er wiederkäme!“ Ihre Stimme zitterte. „Wenn er damals gestorben wäre, würde ich darüber weggekommen sein. Ich hätte dann sein Grab und könnte es pflegen, aber er ging fort, ich ahne nicht, wohin, und ich begreife nicht, warum. Er hatte mich doch lieb, mich und Ulla. Er hätte bei uns bleiben müssen, unsere Liebe wäre mit allen Sorgen fertiggeworden. Ich möchte von ihm hören, weshalb er uns das angetan. Das Geheimnisvolle, Unerklärliche, das seinen plötzlichen Weggang umschwebt, lässt mir keine Ruhe. Frieden hätte ich längst gefunden, wenn ich ihn durch den Tod verloren hätte, wie andere Frauen ihre Männer verlieren.“

Ulla lächelte traurig: „Es gibt noch viele Frauen, die ihren Mann nicht durch den Tod, sondern durch das Leben verlieren. Anders vielleicht als du, aber sie leiden auch. Vergiss doch endlich ein wenig, gib dir Mühe! Du treibst Kultus mit deinem Schicksal.“ Sie bat innig. „Tue es mir zuliebe, Mutter!“

Frau Utten schaute zu Ulla auf, und es war, als fiele es ihr heute zum ersten Male auf, dass Ulla erwachsen war.

Lag nicht um den jungen Mund schon ein Schatten von eigenem verhaltenen Schmerz, blickten die Augen nicht tief und dunkel, als wüssten sie längst um geheime Tränen eines Leides, das sie ganz allein tragen musste?

Sie erhob sich, gleich gross wie die Tochter stand sie neben dieser, und den Arm um die Schultern der Jüngeren legend, versprach sie: „Ich will mich zusammennehmen, mein Kind, deinetwegen!“

Mathias Jost atmete auf. Die Szene mit der seelisch aufs äusserste erregten Frau hatte seine Nerven schmerzhaft angespannt.

Er sagte freundlich: „Ich sah vorhin, als ich den Laden schloss, Christian mit Herrn van Straaten fortgehen, also ist er wohl kaum zum Abendbrot zu erwarten. Bleiben Sie beide heute abend hier, die Aufwärterin hat schon alles für das Nachtmahl in der Küche zurechtgestellt. Ulla bereitet uns dazu einen guten Tee.“

Ulla nickte zufrieden. Es war besser, wenn die Mutter noch ein Weilchen von ihrem Kummer abgelenkt wurde.

Sie ging in die Küche hinaus. Sie wusste darin gut Bescheid, denn es war schon öfter vorgekommen, dass sie mit Mathias Jost zusammen Abendbrot gegessen hatte, wenn Christian, was in letzter Zeit recht häufig geschah, mit seinem fremd aussehenden Freunde ausgegangen war.

Es wurde eine nette, trauliche Stunde in der Wohnstube mit den echten, ererbten Biedermeiermöbeln. Bilder vom Vorfahren Christian Jost und seiner Frau Marianne, denen einst die Möbel gehört, hingen über dem Sofa, das mit rotem Samt neu überzogen war. Frau Mariannes molliges, rosiges Gesicht sah sehr überlegen aus, Brillanten blitzten in ihren Ohrläppchen, und ihr Mann schaute so klug und würdig drein, als wüsste er genau, dass er der Stolz der alten Uhrmacherfamilie Jost war. Sein kleines Doppelkinn betonte sein Selbstbewusstsein.

Es sass sich gut und gemütlich unter den Bildern auf dem roten Samtsofa; über Frau Uttens schmales Gesicht huschte schon ab und zu ein Lächeln. — —

Christian hatte Jan van Straaten in den Ratskeller begleitet, aber der Wein schmeckte ihm heute abend nicht, er trank nur zögernd wie mit leisem Widerwillen.

Jan van Straaten fragte schliesslich: „Was ist nur mit dir, Christian, du bist heute ja gar nicht bei der Sache?“

Er zeigte auf die Flasche Rheinwein, die vor ihnen stand.

Der Gefragte druckste: „Ich weiss selbst nicht, was eigentlich mit mir ist. Vielleicht hat mich das jämmerliche Weinen der Frau verstimmt. Ich sehe heute abend den Wein trübe und die ganze Welt ebenso. Frau Utten sehnt sich nach ihrem verlorenen Manne, jeder Mensch sehnt sich nach irgend etwas — meist ist er sich wohl nicht einmal klar darüber, nach was. Ich selbst —“

Er hieb mit der Hand durch die Luft: „Unsinn! Nichts, gar nichts! Die paar Gläser haben mich schon durcheinander gebracht!“

Es hatte ihm auf der Zunge gelegen, zu sagen: Mein Lebensweg kommt mir plötzlich ganz schief und verzeichnet vor! Aber ihm fiel noch rechtzeitig ein, ihm würde doch nur das kalte, rätselhafte Lächeln antworten, das keine sonst zu lächeln verstehen als die, die asiatisches Blut in den Adern haben. Jenes Lächeln, von dem man nicht weiss, was es bedeutet. Ob Freude oder übertünchten Schmerz, ob Spott oder Anteilnahme.

Er hatte das Lächeln, das Jan van Straaten von seiner javanischen Mutter geerbt, bisher sehr interessant gefunden, heute war es ihm unangenehm, fast unheimlich. Er mochte es nicht unnütz auf das Gesicht Jan van Straatens locken.

Er empfand mit einem Male grosses Verlangen, heimzugehen in seine stille Stube in dem alten Haus zu den Lilien. Arbeitslust verspürte er, studieren wollte er — nein, nicht studieren! Das Modell der Hemmung stand plötzlich wie eine Lockung vor ihm. Nur eine Kleinigkeit gab es daran noch für ihn zu tun.

Es beengte ihn plötzlich, dass er hier sass als Gast Jan van Straatens und die Zeit verschwendete.

„Trink, Freund, und iss, wir wollen doch vergnügt sein!“ ermunterte ihn Jan van Straaten, der selbst nicht viel trank; er hatte es jedoch gern, wenn Christian in Stimmung kam.

Christian trank mechanisch noch ein Glas, aber es schmeckte ihm nicht, ihm war es, als müsse er sich danach schütteln.

Jan van Straaten fragte: „Hat Fräulein Utten noch keinen Bräutigam oder doch?“

„Soviel ich weiss, nicht, wenigstens weiss ich nichts von einer Verlobung“, gab er zurück, „aber wie kann ich das wissen. Wir sind keine so guten Freunde, dass sie mir ihre Geheimnisse anvertrauen würde.“

Fan van Straatens schmale Augen wurden noch schmaler.

„Du betontest schon mehrmals, ihr ständet euch nicht gut. Darf ich wissen, warum? Eigentlich ist das doch befremdlich! Ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, sie gefiele dir und du gefielest ihr. Hübsch seid ihr, jung seid ihr und wohnt euch so nahe.“

Christian blickte auf das weisse Tischtuch nieder, als wollte er von ihm seine Antwort ablesen. Ganz langsam sagte er: „Wir haben uns früher auch verstanden, sie ist sechs Jahre jünger als ich, und wir waren fast wie Geschwister, aber sie mischt sich zu sehr in meine persönlichen Angelegenheiten, sie mäkelt an mir herum.“

Er dachte plötzlich schroff: Was geht das alles eigentlich Jan van Straaten an, und zugleich dachte er verwundert: Einem Freunde muss man doch alles sagen können.

Sechstes Kapitel

Jan van Straaten machte Christian auf eine junge Dame aufmerksam, die eben mit einer älteren den Ratskeller betrat. Sehr eigenartig sah sie aus. Braune, tiefe Scheitel deckten Schläfen und Ohren, grosse, hellbraune Augen mit verwirrendem Blick standen in einem sehr weissen, blutleeren Gesicht, das ein wenig maskenhaft wirkte.

„Das ist Juliane ter Mer, ich kenne sie von Amsterdam her“, raunte Jan Christian zu. „Eine steinreiche Witwe von fünfundzwanzig Jahren. Man erzählt sich, sie reise überall in der Welt umher, um etwas sehr Seltenes zu finden, aber man weiss nicht, um was es sich handelt. Es soll eine fixe Idee von ihr sein. Sie besitzt in Holland riesige Ländereien und ist an vielen Grossunternehmungen beteiligt. Ihr Mann erbte das alles schon von seinem Vater. Seltsam, dass sie gerade hier auftaucht. Wahrscheinlich durchstöbert sie zur Zeit Frankfurt, um zu finden, was sie sucht.“

Als fühle die Dame, dass man irgendwo in dem grossen Gastraume von ihr sprach, wandte sie jetzt den Kopf nach der Seite, wo die beiden Herren sassen. Ein Blick, der wie hinter leichten Schleiern wach wurde, traf Christian Jost, und als sähe sie etwas ganz Besonderes, stockte ihr Fuss, und das zu weisse Gesicht färbte sich mit jäher Röte, zerstörte die starre Maske, gab den Zügen plötzlich Leben.

„Eine interessante Frau!“ sagte Christian Jost und wunderte sich, weshalb die fast zu schmale, auffallend elegante Frau auf ihren Tisch zukam, ihn dabei fest im Auge behaltend.

Schon war sie ganz nahe, da erhob sich Jan van Straaten und ging ihr ein paar Schritte entgegen. Er verneigte sich tief und sprach sie holländisch an: „Sie erinnern sich meiner von Amsterdam her, gnädige Frau, das beglückt mich. Ich studiere zur Zeit in Frankfurt. Darf ich Ihnen meinen Studienfreund vorstellen?“

Ihre Augen hatten Christian Jost nicht für den Bruchteil einer Sekunde freigegeben, sie lächelte jetzt liebenswürdig: „Ja, ich erinnere mich Ihrer, Mijnheer van Straaten, und nun, bitte, stellen Sie mir Ihren Freund vor.“

Sie sagte das letzte in deutscher Sprache, die sie nicht so geläufig beherrschte wie Jan van Straaten, aber doch genügend.

Christian Jost verbeugte sich, er fühlte sich ein wenig geschmeichelt, von der jungen Frau nicht übersehen zu werden.

Die ältere Dame trat näher und nahm nach der Vorstellung mit am Tisch Platz, an dem man nun zu vieren sass. Sie war eine entfernte Verwandte Juliane ter Mers, von der sie Tante genannt wurde und bei der sie die Stellung einer Gesellschafterin einnahm. Sie hatte ängstliche Stielaugen und ein rotwangiges Porzellangesicht, das aussah, als wäre es schon einmal zerbrochen und wieder gekittet worden.

Die Stielaugen Frau Koopers schienen sich ebenfalls an Christian Jost festsaugen zu wollen, es fiel ihm unangenehm auf.

Juliane ter Mer fragte mit einer Stimme, in der es wie ein Beiklang von Leidenschaft mitschwang: „Sind Sie in Frankfurt zu Hause, Herr Jost?“

Er bejahte, und ihm war zumute, als ob die braunen Augen unsichtbare und doch fühlbare Netze nach ihm auswürfen. Was Jan van Straaten ihm vorhin über die Frau zugeraunt, war interessant, wenn es auf Wahrheit beruhte. Und warum sollte es nicht wahr sein? Warum sollte die junge Frau nicht in der Welt umherreisen, um etwas zu suchen, wenn auch niemand wusste, was. Reiche Leute können sich auch eine Verrücktheit leisten.

Vielleicht reiste Juliane ter Mer in der Welt umher und suchte nach einem besonderen Schmuckstück oder nach einem besonderen Bild, Tier oder Buch!

Der dunkle Blick, so schmeichelhaft er zu sein schien, begann ihn zu stören, und er war froh, als der Kellner auftauchte und nach den Wünschen der neuen Gäste fragte. Im Nu war er abgefertigt. Juliane ter Mer bestellte ein paar leichte Vorspeisen und zwei Gläschen Portwein.

Sie lächelte. „Wir lieben es beide nicht, abends viel zu essen, Tante nicht und ich nicht.“

Das Lächeln verlieh ihr Reiz. Sie sprach nichts mehr, liess Jan van Straaten und ihre Begleiterin sprechen. Sie ass zierlich wenige Bissen, sie nippte von dem Wein, und ihr Blick hängte sich dabei immer wieder in den Blick Christian Josts fest, der nicht recht damit fertig wurde. Das unsichtbare Netz schien ihn fester und fester in sich hineinzuziehen.

Es war ihm, als müsse er sich dagegen auflehnen und er besässe nicht die Kraft dazu. Was wollte die schöne, elegante Frau von ihm? Betrachtete sie alle neuen Bekanntschaften so eingehend? Ein bisschen peinlich war das, aber doch nicht unangenehm. So wundervolle Frauenaugen können nicht unangenehm sein.

Sie fragte: „Wohnen Sie in der Nähe des Bahnhofes, Herr Jost? Ich bin in einem Hotel gegenüber dem Bahnhof abgestiegen.“

Sie sah Jan van Straaten an.

„Wie wäre es, Herr van Straaten, wenn Sie und Herr Jost, falls Sie nicht allzu entfernt wohnen, in meinem Hotel noch eine Tasse Kaffee mit uns nähmen? Die Kapelle des Hotels spielt ausgezeichnet, ich hörte sie schon gestern abend nach meiner Ankunft. Ich war zuletzt in Strassburg und Köln.“

Christian Jost erklärte: „Ich wohne in der Altstadt, gnädige Frau.“

Sie schien über die Mitteilung erfreut.

„Oh, wie interessant! Da wissen Sie sicherlich in der Altstadt gut Bescheid und könnten mein Führer sein. Ich hörte, man dürfe sich einen Besuch der Altstadt nicht entgehen lassen, wollte man Frankfurt am Main richtig kennenlernen. Ausser dem Goethehause und dem Römer habe ich noch nicht viel von Frankfurt gesehen.“

Jan van Straaten lächelte. „Die Einladung zu einem Tässchen Kaffee in Ihrem Hotel nehmen wir gern an, ich glaube, da auch gleich für meinen Freund zusagen zu dürfen; und als Führer durch Alt-Frankfurt ist er ganz besonders zu empfehlen. Er ist in einem sehr alten Hause in einer sehr alten Gasse geboren, und das Haus gehörte schon viele Generationen vor ihm seiner Familie, es heisst das Haus zu den Lilien und befindet sich in der Nähe des Domplatzes.“

„Das ist wirklich herrlich, romantisch!“ begeisterte sich Juliane ter Mer, „bitte, Herr Jost, sagen Sie ja, zeigen Sie mir Alt-Frankfurt, und zeigen Sie mir auch das Haus zu den Lilien. Morgen schon, bitte!“

Christian Jost war es sehr unangenehm, dass Jan van Straaten so selbstherrlich über ihn verfügte. Er konnte doch die überelegante und sicher masslos verwöhnte Frau nicht in das Haus zu den Lilien bringen, in dem es stockig roch und in dem sein Vater mit Filzschuhen umherschlich, in dem der Gehilfe Hans Weigand in seiner dreisten Art, unbekümmert um andere, seine im Augenblick gedichteten Knittelverslieder sang oder Ulla Utten vielleicht gerade in der Werkstatt sass und dem Vater half.

In das Haus passte keine Juliane ter Mer.

Wenn Juliane ter Mer darauf bestand, sein Vaterhaus kennenzulernen, würde er ihr ein Briefchen ins Hotel senden und sich entschuldigen. Ausreden gab es ja genug. Vorläufig wollte er sich nicht ausschliessen, die Tasse Kaffee würde er also nicht ausschlagen.

Als man aufstand, fügte es sich wie von selbst, dass Juliane ter Mer an Christian Josts Seite blieb und das andere Paar folgte. Man machte den Weg zu Fuss, der Vorfrühlingsabend war so lind, als wäre man schon mitten im Mai. Über den Römerberg schritten sie in der Richtung, wo er nach dem Main zu abfällt, und dann gingen sie am Wasser entlang dem Hauptbahnhofe zu.

Christian fühlte sich befangen; die junge Frau an seiner Seite plauderte. Es war nichts Besonderes, was sie redete, und es genügte, wenn er ab und zu ein Wort einwarf, das seine Aufmerksamkeit bezeugte, aber von der schmalen Gestalt neben ihm kam der sanfte Duft eines fremden Parfüms, der ihn verwirrte. Plötzlich blieb Juliane ter Mer stehen, und ihre Stimme klang weich und lockend, als sie vorschlug: „Es ist noch früh, wollen Sie uns nicht gleich ein wenig Alt-Frankfurt zeigen, Herr Jost? Ich glaube, es wäre jetzt die rechte Stunde dafür.“

Der Mond spiegelte sich in dem dunklen Wasser, streute mattes Silberblinken darüber hin, und von irgendwoher hörte man Uhrenschlag.

Jan van Straaten half der Landsmännin. Er legte Christian Jost die Hand auf den Arm.

„Eine wundervolle Idee ist das. Eben ist es erst zehn Uhr, und wir können noch gut ein Stündchen durch die Hauptgassen zwischen Römer und Dom spazierengehen. Auch an deinem Hause vorbei.“

„Auch an Ihrem Hause vorbei!“ wiederholte Juliane ter Mer.

Christian Jost überlegte flüchtig und erklärte dann sein Einverständnis. Es war wohl klüger, nachzugeben, damit würde er ein für allemal davon frei sein, der Holländerin Alt-Frankfurt zeigen zu müssen.

Man machte kehrt und erreichte bald wieder den Römerberg, den die alten Häuser umstanden, die schon viele Jahrhunderte gesehen.

Mit kurzen Worten erzählte Christian Jost hier von fernen Tagen, und was der alte Platz schon alles erlebt, aber ihm war es, als höre Juliane ter Mer kaum zu, als blicke sie sich auch nicht richtig um, als sähe sie nur immer ihn an. Seine Rede wurde stockend, er fühlte seine Befangenheit und ärgerte sich darüber, er hätte am liebsten völlig geschwiegen.

Er war in ihrer Nähe verwirrt; der sanfte, fremde Wohlgeruch, der ihren Kleidern entströmte, die Augen, die sich zuviel mit seinem Gesicht beschäftigten, verwirrten ihn.

Er ging dann weiter neben ihr her, wies zuweilen auf ein Haus, an dem sie vorbeikamen, und nannte die Namen der Strassen und Gassen. Es war nicht besonders hell in der Gegend, und ein paarmal drängte sie sich ganz nahe an ihn heran, als fürchte sie, es könne aus einer der überschmalen Seitengassen, die hier einmündeten, eine jener mittelalterlichen Rotten hervorstürmen, die einstens die Kaufmannswagen samt Geleit vor den Toren der alten Mainstadt überfallen und von denen Christian Jost vorhin auf dem Römerberg erzählt hatte.

Ihre Nähe störte Christian, und zugleich schmeichelte es ihm, dass die schöne, reiche Frau ihm deutlich zeigte, dass er ihr gefiel.

Wie still es ringsum war! Ein Brunnen, auf dem eine Heiligenfigur stand, rauschte leise, eine Gasse endete, ein Platz öffnete sich vor ihnen, der Domplatz. Auch hier hatte Christian Jost das Gefühl, als höre Juliane ter Mer kaum zu, was er von dem Dome erzählte, als lausche sie nur seiner Stimme und nicht dem Sinn der Worte.

Sie gingen weiter und betraten die Gasse, in der er wohnte.

Jan van Straaten sagte wichtig: „Hier ist mein Freund daheim, gleich werden wir das Haus zu den Lilien erreicht haben.“

Am Nebenhause befand sich ein eiserner Arm mit einer Laterne, ihr Schein umschmeichelte Christian Josts Vaterhaus, zog es in Helle und Klarheit; kein anderes Haus hüben und drüben hob sich so deutlich aus dem schon nächtlichen Dunkel der Gasse hervor. Man konnte deutlich die Lilien in dem alten Wappen erkennen.

Juliane ter Mer zeigte hinauf.

„Führt Ihre Familie das Wappen, Herr Jost?“ fragte sie.

Er schüttelte den Kopf und erzählte, was er von der Geschichte des Wappens und des Hauses wusste, in dem er geboren war.

Sie hörte jetzt aufmerksam zu, er wunderte sich darüber; sein Vaterhaus schien sie mehr zu interessieren als der Römer und der Dom.

Plötzlich sagte sie wie zu sich selbst, und doch hörten es alle: „Es ist ein Wunder!“ Und dabei sah sie Christian Jost an, als befände sie sich allein mit ihm.

In der nächsten Sekunde lächelte sie. „Jetzt wollen wir in mein Hotel, aber nicht zu Fuss; suchen wir uns lieber ein Auto.“

Es ist ein Wunder! klang es in Christian Jost nach, und er grübelte: Was bedeuteten die vier Worte? Hatte Juliane ter Mer das alte Haus zu den Lilien damit gemeint? Oder vielleicht die nächtliche Stimmung in der stillen Gasse? Als sie es gesagt, hatte ihr Blick auf seinem Gesicht gelegen wie heute schon oftmals.

Eine seltsame Frau war die junge Holländerin, von der man sagte, sie reise in der Welt umher, weil sie etwas suche, wie sie selbst erzählt haben sollte, ohne aber zugleich das Rätsel zu lösen, was sie eigentlich suche.

Jedenfalls schien sie Lust zu einem kleinen Flirt mit ihm zu verspüren. Wahrscheinlich reichte die Lust aber nur für die paar Abendstunden von heute, und morgen würde sie dann plötzlich weiterreisen. Mochte sie vorhaben, was sie wollte, er war kein Spielzeug für eine kokette, durch die Welt abenteuernde, reiche Ausländerin.

Im Hotel fand man schöne Eckplätze in dem Seitenraum der Diele, in dem abgrundtiefe, weiche Sessel die Gäste aufnahmen; im grösseren Hauptraume, dem Speisesaale, spielte ein Orchester, das in ganz Deutschland bekannt und beliebt war.

Die Damen entschuldigten sich für kurze Zeit, sie wollten oben in ihren Zimmern ablegen.

Nun befanden sich Jan van Straaten und Christian Jost allein. Sie sassen nebeneinander und sahen sich an. Jan van Straaten sagte mit seiner leisen Stimme: „Du hast eine schnelle Eroberung gemacht, Christian; deutlicher als Frau ter Mer kann dir keine Frau zeigen, dass du ihr gefällst.“

Christian Jost fühlte sich jetzt frei von dem Netz, das die dunklen Augen über ihn geworfen. Er sah jetzt alles, was ihn noch kurz zuvor befremdet, ganz harmlos an.

Er schnippte mit den Fingern.

„Unsinn, Jan, solch eine Dame interessiert sich für keinen kleinen Uhrmachersohn aus Frankfurts Altstadt.“

Im Frankfurter Dialekt setzte er hinzu: „Sie hot e bissi mit dene Aagedeckel geklappert, hot an e dumm Oos probiert, ob sie gut klappere kann!“

Dazu reichte Jan van Straatens tadelloses Deutsch nicht aus, er erklärte, nicht verstanden zu haben.

Christian lachte. „Frau ter Mer hat, um nicht aus der Übung zu kommen und in Ermangelung eines anderen Partners, mit mir geliebäugelt. Manche Damen, die zu wenig oder gar nichts zu tun haben, finden an solcher Beschäftigung Vergnügen.“

Jan van Straaten hob abwehrend beide Hände.

„Ich kenne Frau ter Mer selbst nicht gründlich, bewahre! Aber für gefallsüchtig halte ich sie nicht. Im Gegenteil, ich habe in Amsterdam von Bekannten gehört, seit ihr Mann vor vier Jahren gestorben, spräche sie kaum mit Männern. Ich freute mich deshalb ganz besonders, dass sie im Ratskeller auf uns zukam und sich meiner erinnerte. Jetzt glaube ich aber, selbst wenn ich von ihr erkannt worden wäre, hätte sie mich wahrscheinlich doch nicht beachtet, hättest du nicht mit mir am gleichen Tisch gesessen. Ihre Aufmerksamkeit galt dir und gilt dir! Und darauf darfst du dir etwas einbilden, es gibt nicht viele Frauen ihrer Art!“

Christian Jost hob leicht die Schultern, er nahm sich vor, nach einem halben Stündchen Unterhaltung aufzubrechen, sich nicht allzulange von dem Glanz der dunklen Frauenaugen bedrängen zu lassen, falls Juliane ter Mer ihr seltsames Wesen von vorhin nach ihrer Rückkehr beibehalten sollte.

Eben traten die beiden Damen wieder ein, und Christian, der sich noch vor einer Sekunde frei und überlegen gefühlt, erschrak fast vor der blendenden Erscheinung der jungen Witwe.

Juliane ter Mer hatte sich mit Hilfe ihrer alten Verwandten blitzgeschwind umgezogen. Sie trug jetzt ein Kleid aus schwarz-weissem Samt, dessen schmale Streifen ihre Gestalt noch schlanker erscheinen liessen. Das Kleid war sehr lang und berührte mit seinem Saum den rotgemusterten Riesenteppich, der den ganzen Raum ausfüllte. Das Kleid war hoch am Halse geschlossen und hatte enge Ärmel. Wie in einer Haut steckte die schöne Frau darin, wie in einer schimmernden Haut, die nur Kopf, Hände und Fussspitzen freigab.

Die Blicke aller, die hier sassen, folgten ihr.

Bescheiden, im grauen Seidenkleide, ging Frau Kooper einen grossen Schritt hinter ihr, als fürchte sie, ihr auf das Kleid zu treten, das ein wenig nachschleifte.

Juliane ter Mer lächelte schon von weitem, lächelte unzweideutig nur Christian Jost zu.

Beide Herren erhoben sich, und die Damen nahmen Platz.

„So, jetzt wollen wir ein hübsches Plauderstündchen halten“, sagte Juliane ter Mer, und der Blick ihrer Augen, der voll auf Christian Josts Gesicht ruhte, schien zu verbessern: Nun wollen wir beide, du und ich, ein hübsches Plauderstündchen halten.

Juliane sass neben Jost in einen der Riesensessel gelehnt und lächelte ihn an. Der Kellner brachte Kaffee, kleine Kuchen, Liköre und Zigaretten.

Der Panzer, mit dem Christian Jost sich während der Abwesenheit der schönen Witwe gewappnet hatte, schmolz bald; dem von ihr ausgehenden Reiz zu widerstehen war sehr schwer, war zu schwer. Es war, als täte sich in dieser Plauderstunde eine neue Welt vor Christian Jost auf. Juliane ter Mer hatte auf ihren Reisen viel gesehen und wusste ungemein anregend darüber zu reden, Jan van Straaten ging dadurch mehr als sonst aus sich heraus, und es war, als ob beide farbenfrohe Bilder aus anderen Ländern malten, die zu betrachten Anregung und Zeitvertreib zugleich war.

Heisse Sehnsucht wurde in Christian Jost wach, die fremde, bunte Welt gleichfalls kennenzulernen, um nicht nur so mitzureden wie einer, der sich sein Wissen aus Büchern zusammengelesen.

Und immer wieder traf ihn unter halbgeschlossenen Lidern ein Blick aus wunderschönen Frauenaugen, der ihn mehr und mehr verwirrte. Wenn das noch Spiel war, dann war es ein sehr gefährliches Spiel!

Christian Jost trank ein paar Liköre, und ihm wurde danach leicht und beschwingt zumute. Die Augen störten und verwirrten ihn jetzt nicht mehr, er gab die Blicke zurück und dachte: Mag’s gehen, wie es will, ich bin gespannt!

Das kleine Orchester spielte sehr gut, es verdiente seinen Ruf. Ein Walzer von Strauss erwachte, verzauberte den Raum, ein Paar konnte der melodischen Lockung nicht widerstehen, es begann zu tanzen.

Juliane ter Mer fragte lächelnd: „Wollen wir auch tanzen, Herr Jost?“

Er erhob sich sofort. Tanzen konnte er, und sein dunkelblauer Anzug sass gut, das wusste er. Ihre Hände berührten sich, ihre Körper kamen sich nahe, der Walzer, in dem Alt-Wiener Glanz und Herrlichkeit tönend widerklang, zog sie in ihren Bann. Sie tanzten leicht und angeregt. Sie fielen auf als schönes Paar.

Frau Kooper sass ganz still da, sie schien müde, und Jan van Straaten sah den Tanzenden zu, die inzwischen schon auf fünf Paare angewachsen waren. Aus dem Speisesaale fand sich ein sechstes Paar dazu.

Christian Jost und Juliane ter Mer wechselten kein Wort, während sie tanzten, und als der letzte Geigenstrich verhallte, befanden sie sich ganz nahe bei ihrem Tisch.

Juliane ter Mer nickte ihrer Anstandsdame zu.

„Herr Jost tanzt ausgezeichnet, und ich brauche einen guten Tänzer, ich habe schon lange nicht mehr getanzt.“

„Davon merkt man wirklich nichts“, meinte Christian Jost, „Sie tanzen so weich und selbstverständlich, als tanzten Sie sehr oft.“

Ihre schmalen Hände mit den glänzenden Nägeln nahmen eine Zigarette.

„Als ganz junges Mädchen wünschte ich, Tänzerin zu werden, aber meine Eltern wollten nichts davon wissen, sie wehrten sich energisch dagegen. Trotzdem erreichte ich, dass ich bei einer sehr bekannten Tanzlehrerin im Haag Unterricht nehmen durfte, und ich war schon ein paarmal aufgetreten, als ich meinen Mann kennenlernte.“

„Sie tanzen wundervoll, Frau ter Mer, und es ist ein Genuss, Ihnen zuzuschauen“, sagte Jan van Straaten.

Die Musik begann einen Tango zu spielen. Er hiess: In einer Frühlingsnacht! Zwei Augenpaare trafen sich, sie fragten einander etwas und beantworteten zugleich die Frage. Schon tanzte Juliane ter Mer wieder mit Christian Jost. Der sanfte und doch bewegte Rhythmus der Tangoweise lenkte die Bewegungen der Tanzenden. Es tanzten schon sieben Paare, sie tanzten gut und schön, aber keine Dame tanzte so wie Juliane ter Mer, alle Aufmerksamkeit richtete sich auf sie. In der Tür zum Speisesaals standen viele Zuschauer.

Das schwarz-weiss gestreifte, schimmernde Samtkleid schien sich straffer um den schlanken Frauenkörper zu spannen, der biegsam hinglitt in weitem Kreise.

Einmal sagte Juliane ter Mer etwas, Christian Jost war es, als hätte er verstanden: „Es ist ein Wunder!“ — Er erinnerte sich. Die vier Worte hatte er heute abend schon einmal von ihr gehört, vor dem Hause zu den Lilien. Alle mussten sie dort gehört haben. Als habe sie zu sich selbst gesprochen, so war es gewesen, und dennoch, als wenn es auch andere hören sollten. Sie hatte es deutsch gesagt. Was mochte sie mit den Worten: „Es ist ein Wunder!“ meinen?

Das erstemal hatte er es schliesslich so aufgefasst, dass sie vielleicht den Zauber der alten Gasse gemeint habe. Oder hatte sie die Gewohnheit, zu sagen: Es ist ein Wunder! wenn ihr etwas gefiel, wie vorhin sein altes Vaterhaus und jetzt wohl der Tanz.

Aber weshalb tat sie es dann nicht in ihrer Muttersprache?

Nachdem der Tanz zu Ende war, bat Juliane ter Mer: „Führen Sie mich morgen, bitte, in Alt-Frankfurt umher, Herr Jost; am frühen Nachmittag, damit ich Ihnen keine Vormittagsstunde des Studiums wegnehme.“

Er dachte nicht mehr an ein Widerstreben und erklärte: „Ich stehe Ihnen gern zur Verfügung, wann Sie es wünschen, gnädige Frau.“

Er hatte noch nie einer Frau die Hand geküsst, heute tat er es zum ersten Male, als er sich verabschiedete von Juliane ter Mer.

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