Kitabı oku: «Verloren und gefunden»

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Anny von Panhuys

Verloren und gefunden

Roman

Verloren und gefunden

© 1922 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570104

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I

Franziska Mühsam kam von der Königsberger Straße her und ging über den Küstriner Platz. Die Junisonne meinte es schon allzu gut, und die Menschen schlichen müde ihren Weg.

Es war um die vierte Nachmittagsstunde, und Franziska Mühsam ging heim. Sie war froh, heute einmal etwas früher nach Hause zu kommen, da Frau Lademann mit Mann und Kind nach Tegel zu ihrer Schwester fuhr, um dort Geburtstag zu feiern; so bedurfte man ihrer heute nicht mehr.

Franziska lächelte ein wenig vor sich hin. Fast hatte sie ein Feriengefühl, wie früher, als sie noch zur Schule gegangen.

„Fränze, kleine Fränze, wo kommst du um diese Zeit her?“

Ein schlanker, junger Mann war plötzlich an ihrer Seite, neigte sich leicht zu ihr nieder, sah sie aus braunen Augen verliebt an.

Franziska Mühsam hob das runde Köpfchen mit einem Ruck, ihre blauen Augen blitzten den Frager an.

„Fritz, großer Fritz, und wo kommst du denn um diese Zeit her?“ stellte sie die Gegenfrage.

Er rückte seinen Strohhut etwas kecker.

„Ich bin Lebemann geworden, habe keine Lust, bei der Hitze zu arbeiten.“

„Ach, du Spießer, wer dir das glaubt!“ Sie hob in neckischer Drohung den Zeigefinger der Rechten. „Du machst doch nicht etwa blau, Freund Fritz?“

Sie hatte einmal an einer Litfaßsäule gelesen, daß eine Oper „Freund Fritz“ hieß. Deshalb nannte sie den Jugendfreund und Hausgenossen so, wenn sie in guter Laune war.

„Ich mache nie blau, Fränze, das weißt du doch.“ Er sprach leiser: „Dazu bin ich zu strebsam. Will doch voran, damit ich dem Mädel, das ich gern zu meiner Frau machen möchte, sagen kann: Sollst keine Not und Sorge bei mir haben, sollst hübsche Kleider tragen und nette Schuhe, weil du so ein liebes, süßes Ding bist, für das ich gern arbeite. Sollst in einem hübschen Hause wohnen, ein bißchen weiter draußen, wo die Straßen nicht mehr so staubig sind, wo du auf einem Balkon sitzen darfst, und wo man, wenn auch nur von weitem, ein paar grüne Bäume sieht.“

Franziska Mühsam zupfte den neben ihr Gehenden am Ärmel.

„Du, Fritz, das alles mußt du an der richtigen Stelle anbringen. Mich interessiert es gar nicht, was du deiner Zukünftigen alles zu geben gedenkst.“

Fritz Bernhardus zog die ein wenig düster gezeichneten Brauen hoch, wie erschreckt. Wie einer, der jäh aus schöner Illusion gerissen wird.

„Ich weiß, Fränze, du magst nicht hören, wenn ich Zukunftspläne schmiede, und ich tue es doch so gern, so gern, ich …“

Sie unterbrach ihn.

„Du bist ja längst vom Thema abgekommen, wolltest mir doch erklären, weshalb du so früh nach Hause gehst.“

Er lächelte schon wieder.

„Na ja, du neugierige Katze, sollst es gleich erfahren. Also, ich habe in unserer Bank seit einer Woche freiwillig Überstunden gemacht. Die meisten Angestellten hatten keine Lust dazu, weil es sich in diesem Falle um eine etwas langwierige und besondere Aufmerksamkeit erfordernde Arbeit handelte. Heute wurden wir fertig damit, und da bekamen wir außer unserer Extravergütung den Rest des Arbeitstages geschenkt.“ Er schlug leicht an seine Brusttasche. „Fränze, willst du heute abend mit mir ausgehen? Wir haben es wohl beide verdient, uns ein bißchen zu amüsieren. Ich weiß ja allerdings nicht, ob du heute schon frei bist?“

Sie nickte eifrig.

„Gott sei Dank, heute bin ich Freifräulein, morgen früh wieder besseres Kindermädchen bei Frau Photograph Lademann.“

Sie waren inzwischen schon ein Stück im Grünen Weg, waren nun zu Hause.

Franziska wohnte im linkën Seitenflügel bei ihrer Mutter, während Fritz Bernhardus, dessen Eltern tot waren, im Vorderhaus wohnte, im ersten Stock, bei dem Bruder seines Vaters, dem Malermeister Bernhardus.

Fritz ging neben Franziska durch den breiten Torweg, begleitete sie bis zur Tür, die in den Hof führte, diesen traurigen, öden Hof, der rings von hohen, grauen Häusern eingefaßt war.

„Also, wie ist’s, Fränze, wollen wir nachher bummeln? Sei lieb, sage ja! Wir gehen bald und kommen dann nicht so spät zurück. Ich sage Onkel und Tante, ich hätte noch eine Verabredung mit einem Kollegen; du darfst wohl deiner Mutter die Wahrheit sagen, denn sie ist ja vernünftig. Um sechs wollen wir uns treffen, drüben an der Ecke. Von da fahren wir hinaus und genießen ein paar schöne Stunden. Nach der Hitze heute muß der kühle Abend gut tun.“ Er blickte sie zärtlich an.

„Wie ist es, kleine Fränze?“

Sie sah seine guten, hübschen Jungenaugen bittend auf sich gerichtet und nickte.

„Ich werde kommen, Freund Fritz, bin selbst froh, mal aus dem elenden Viertel hier ’rauszukommen.“ Sie verzog den Mund. „Weshalb muß ich hier herein geboren sein, in soviel Ärmlichkeit und Elend! Wohin man hier guckt, niemand lacht froh und zufrieden. Gebrochene Menschen rings um einen herum, man wird alt von den vielen Sorgen der anderen, ohne richtig jung gewesen zu sein. Ach du, Fritz …“ Sie brach ab.

Eine polternde Männerstimme rief über die Parterretreppe des Vorderhauses: „Det Herumstehen an die Haustüren is verboten!“

Aha, Vizewirt Lüdicke zeigte wieder einmal, welch ein mächtiger Mann er war.

Franziska brummte: „Altes Ekel!“

Fritz aber lachte: „Also um sechs Uhr, Fränze, und mach dich recht hübsch, bitte, recht hübsch für mich.“

Ihre Blauaugen glänzten übermütig.

„Das sollte mir gerade einfallen! Da müßte ein anderer kommen — für einen kleinen Bankbeamten strenge ich mich nicht an.“

Die polternde Männerstimme schimpfte wieder: „Wer quasselt denn da unten wie’n Wasserfall?“

Der Mann schlurfte die Treppe hinunter. Husch, war Fränze über den Hof und im Seitenflügel verschwunden, während Fritz Bernhardus ein paar Schritte zurückmachte und anscheinend erst jetzt von der Straße her den Hausgang betrat.

Mitten auf der Parterretreppe stand der Vizewirt Lüdicke, seines Zeichens Schneidermeister.

„’n Dag, Fritze, haste hier kee’n mehr jesehn? Da haben sich zwee seit ’ne Stunde uff’n Flur unterhalten, und det soll doch nu mal nich sin. Det stört de Hausbewohner, und ick halte uff Ordnung.“

„Ich bin eben erst gekommen, Herr Lüdicke, und habe niemand gesehen“, log Fritz sehr ernst.

Der dicke Vertreter des Hausbesitzers schlurfte brummend in seine Parterrewohnung zurück, und Fritz Bernhardus hörte ihn drinnen zu seiner Frau grollen:

„Mir reibt det uff, hier Vizewirt zu spielen. Unsereens zu schade for det Volk, det keen Plie hat. Ach Jott, mir macht det janz nervös!“

Kopfschüttelnd und leise vor sich hinlachend, stieg Fritz Bernhardus die nächste Treppe empor. Wilhelm Lüdicke trug ja schon längst den Spottnamen „Mosjö Nervös“.

Im linken Seitenflügel, vier Treppen hoch, wohnte Frau Mühsam, zu der dieser Name paßte, als hätte sie ihn sich selbst ausgesucht. Dürftig und klein, mit graugelbem Gesicht und verblaßten, großen Augen, öffnete sie auf Franziskas Klingeln die Tür. Wich vor ihrem eigenen Kinde zurück wie vor einem Geist.

„Fränzeken, du? Was ist denn los, hat dich Frau Lademann …?“

Ihre Stimme versagte vor Bangen.

„Du meinst, ob sie mich ’rausgeschmissen hat?“ lachte Franziska und trat ein, die Tür hinter sich mit energischem Ruck schließend.

Nun stand sie in der schmalen Küche, denn vom Treppenhaus kam man direkt in die Küche. Ein Korridor, selbst der allerkleinste, erschien in diesen Mietskasernen als Luxus.

Fränze schob die Mutter sanft vor sich her in die sogenannte „gute Stube“.

Aber wie dürftig war das Zimmer! Ein Schränk aus Nußbaumholz, eine niedrige Kommode mit Spiegel, ein Vertiko und ein mit dunkelgrünem Wollrips bezogenes Sofa bildeten die Haupteinrichtung. Dazu kamen ein, Tisch mit roter Plüschdecke, sowie mehrere Rohrstühle und ein paar bunte Öldrucke an den Wänden. Am wichtigsten tat eine Nähmaschine.

Franziska drückte die Mutter in einen Stuhl.

„Frau Lademann ist heute mit ihrem Mann und dem kleinen Karl nach Tegel zum Geburtstag ihrer Schwester, und da durfte ich eher fortgehen. Weiter hat mein Kommen keinen Grund“, erklärte sie.

Die kleine, vergrämt aussehende Frau atmete sichtlich auf.

„Gott sei Dank! Es wäre auch zu furchtbar gewesen, wenn …“ Sie preßte die Handflächen fest gegeneinander. „Du hast es gut, kriegst pünktlich dein Geld und brauchst dich nicht so abzurackern, wie ich es in deinem Alter mußte.“

Wie heimliches Weinen ging es durch die letzten Worte, wie heimliches Weinen um verlorene Jugend.

Franziska sah die Mutter mitleidig an.

„Du bist immer viel zu geduldig gewesen, Mutter hast dir aufpacken lassen wie einem Lastesel.“ Sie strich ihr über das graue Haar, das überreich das abgemagerte Gesicht umgab. „Hättest dich wehren müssen. Erst gegen deine Eltern, die dich ausnützten, dann gegen deinen Mann.“ Sie stieß einen unfrohen Laut aus. „Ich müßte ja eigentlich sagen, gegen den Vater! Alle haben dich ausgesogen, dir Kraft und Lebensfreude genommen, bis du zerbrochen bist an ihnen. Deine Eltern sind lange tot. Vater verschollen, irgendwo am Wegrand umgekommen, wie es manchmal Trinkerschicksal ist, und keiner von ihnen hat je danke zu dir gesagt im Leben.“

Sie strich immer hastiger über das Haar der geduckt dasitzenden Frau.

„Mütterchen, jetzt aber sei gescheit, quäle dich nicht so weiter. Ich verdiene doch ganz nett, und ob du wöchentlich ein paar Blusen mehr ablieferst oder weniger, ist doch egal. Wozu denn so wahnsinnig drauflosnähen, daß dir von Tag zu Tag die Brust immer weher tut! Wir kommen doch aus. Mußt du denn jede Woche noch ein paar Mark beiseitelegen?“

Frau Mühsam blickte zu der vor ihr Stehenden empor mit ihren müden, müden Augen.

„Fränze, ich freue mich doch, was zusammenzusparen. Wirst heiraten, und eine kleine Ausstattung sollst du deinem Mann doch wenigstens mitbringen.“ Sie lächelte ein schattenhaft auftauchendes und ebenso verrinnendes Lächeln. „Ich glaube, der Fritz aus dem Vorderhaus wird mal dein Mann, der Junge hängt ja wie ’ne Klette an dir. Gut wäre der zu dir, und eine feine Frau würdest du durch ihn. Bankbeamter ist doch was.“ Sie faltete die mageren Hände. „Kind, es muß schön sein, einen Mann zu haben, der einen liebhat! Fränzchen, es gibt so viele andere, die haben ’n schlechten Charakter, meinen aber noch wunder wie gut gegen eine arme Frau zu sein, weil…“, sie stockte, „na ja, weil’s eben nur ’ne Frau is. Fränzchen, du sollst es gut haben in der Ehe, dich soll keiner piesacken und kaputt machen. Der Fritz ist ein anständiger Mensch, seine Liebe geht nicht in den ersten paar Wochen entzwei, die hält durch ein ganzes Leben, glaube ich.“

Franziska nickte.

„Ja, Mütterchen, hast recht, aber sieh mal, er ist doch noch so jung, kaum zweiundzwanzig, und ich bin siebzehn. Wir müssen beide noch lange warten. Er hat nichts, und ich habe noch viel weniger, wenn das möglich wäre. Sein Onkel, der bis zum vorigen Jahr sein Vormund gewesen, gibt doch überhaupt nicht zu, daß Fritz mich heiratet. Der Herr Malermeister will doch hoch hinaus mit ihm, weil Fritz doch auf dem Gymnasium gewesen ist. Und seine Tante guckt mich immer, wenn sie mir im Torweg begegnet, so hochmütig, nein, verächtlich an, daß ich ordentlich Angst vor ihr habe.“ Sie machte eine heftige Abwehrbewegung. „Nein, Mutterchen, das gäbe nur Kämpfe, gäbe endlosen Ärger.“

Frau Martha Mühsam schüttelte den Kopf.

„Die jungen Leute von heute sind so nüchtern, überlegen alles so gründlich. Ich glaube, sie lieben nur mit dem Kopf, statt, wie man es früher tat, mit dem Herzen.“

„Möglich, Mütterchen, möglich“, gab Franziska zu, und sie dachte, hätte ihre Mutter in ihrer Jugend auch ein bißchen mehr mit dem Kopf anstatt mit dem Herzen geliebt, dann brauchte sie jetzt nicht vom frühen Morgen bis zum späten Abend an der Nähmaschine zu sitzen und Heimarbeit zu machen.

Ach, leid tat ihr die alternde, vergrämte und zermürbte Mutter, so bitterleid, daß sie ihr alle Schätze der Welt zu Füßen hätte legen mögen, und konnte doch so wenig für sie tun. Sie wünschte nur sehnlichst, irgendwie vorwärtszukommen, damit sie die Mutter von der Heimarbeit befreien konnte.

Frau Mühsam erhob sich.

„Willst du Kaffee haben, Fränzeken?“

„Nein, ich habe schon bei Frau Lademann getrunken, Mutter; doch wenn es dir recht ist, gehe ich später noch ein paar Stunden weg. Bin dem Fritz vorhin am Küstriner Platz begegnet, er hat mich eingeladen.“

„Natürlich, Fränzeken, natürlich! Fritz ist ein guter Mensch, mit dem kannst du überall hingehen.“ Das vergrämte Gesicht War von dem Schein einer frohen Hoffnung überhaucht. „Aus euch beiden wird doch noch ein Paar. Denke daran, daß ich dir das gesagt habe, Fränzeken, wenn ich es nicht mehr erleben sollte. Ach, Fränzeken, besser könnte ich dich gar nicht aufgehoben wissen.“

Das Mädchen widersprach nicht mehr. Wenn sich die Mutter in der Hoffnung, daß aus Fritz Bernhardus und ihr ein Paar wurde, glücklich fühlte, gönnte sie ihr das Glück von ganzem Herzen.

Frau Mühsam ging an ihre Nähmaschine, und während sich Franziska nebenan in der kleinen Kammer für den Ausgang vorbereitete, klang in all ihr Denken das Schnurren und Surren der Maschine. Ein ihr seit frühesten Kindertagen verhaßtes, einförmiges Geräusch.

Sie kannte die Mutter kaum anders, als hinter der abscheulichen Maschine sitzend. Nie hatte sie Zeit gehabt, mit ihr einen Spaziergang zu machen wie andere Mütter mit ihren Kindern. Immer hatte die Mutter die Maschine treten müssen, und wenn sie in kindlichem Zorn auf die Maschine losgeschlagen und sie ein böses, böses Tier genannt hatte, dann war sie von der Mutter ermahnt worden, das nicht mehr zu tun. Die Nähmaschine sei gut und willig. Ohne die gute Nähmaschine würden sie beide verhungern müssen.

Erst allmählich hatte Fränze die mütterlichen Worte begriffen, hatte auch erst allmählich erfahren, daß es Männer gab, die ohne jedes Pflicht- und Verantwortungsgefühl von Frau und Kind fortlaufen, irgendwo in die Welt hinein, die den Alkohol mehr lieben als alles andere. Hatte erst allmählich begriffen, daß so einer ihr Vater gewesen, der seit fünfzehn Jahren verschollen war.

Ihr graute vor diesem Manne, dessen sie sich nicht mehr zu entsinnen vermochte. Die Mutter besaß ein Bild von ihm; darauf war er ein schlanker, beinahe vornehm aussehender Mensch, dem sie ähnelte.

Auf dem Bilde hielt er eine Geige unter dem Arm. Er war Musiker gewesen, hatte des Abends im Zirkus gespielt und am Tage Unterricht gegeben. Hatte auch in dem Hause, darin die Eltern der Mutter wohnten, Musikunterricht gegeben, dabei die Mutter kennengelernt und rasch, nur zu rasch ihr Herz gewonnen. Die Eltern der Mutter starben bald, hinterließen ihr nicht mehr als ein paar anständige Möbel und ein winziges Sparguthaben. Die Möbel, das Spargeld, alles brachte Xaver Mühsam in kurzer Zeit durch, und dann verschwand er, ward ein paarmal von der Polizei in vollständig betrunkenem Zustande heimgebracht, bis er wieder fortblieb, nie mehr wiederkam.

Franziskas Gesichtsausdruck war düster. Sie haßte den Mann, der die Mutter und sie in Not und Elend gelassen hatte.

Sie riß das Kamerfenster auf. Es war stickig heiß hier in diesem schmalen Zimmerchen. Zwei Betten standen hier, ein Tisch und ein Reisekorb. ln dem Kämmerchen schlief sie mit der Mutter.

Franziska schüttelte sich. In der Nachbarschaft rüstete man zum Abendbrot. Alle möglichen Gerüche strömten durchs Fenster in den engen Raum. Ach, und sie sehnte sich doch so sehr nach frischer Luft.

Sie freute sich jetzt auf den Ausgang mit Fritz Bernhardus und begann ihr Haar zu lösen. Sie sollte sich ja heute recht hübsch für ihn machen. Das hätte er ihr gar nicht zu sagen brauchen, das war doch selbstverständlich.

Sie stand vor dem kleinen, trüben Spiegel und bürstete ihr langes Haar. Wie dunkles Gold war es, mit matten, rötlichen Reflexen. „Eine ganz, ganz seltene Farbe“, hatte einmal die Tochter des Geschäftsmannes, für den die Mutter nähte, zu ihr gesagt; „ein sehr geschickter Friseur könnte diese Schattierung möglicherweise mit einer Hennafarbe fertigbringen, jedenfalls sind Sie beneidenswert, so köstliches Haar zu besitzen.“ Auch sie selbst fand ihr Haar hübsch. Fritz hatte schon als Junge gesagt, sie sei durch das Haar sehr auffallend, man würde lange suchen müssen, um das gleiche zu finden.

Sie scheitelte die weichen, leicht gewellten Strähnen, steckte sich eine eigene, kleidsame Frisur zurecht.

Die großen, blauen Augen lachten sie im Spiegel an, und die feine, kurze Nase stand selbstbewußt mit leise bebenden Flügeln über dem leicht geöffneten Mund, hinter dessen Lippen die schneeigsten Zähne blitzten. Dunkel waren Brauen und Wimpern, zart und schmal der Hals und von demselben rosigen Ton wie Gesicht und Arme.

Über ihrem weißen Bett lag ihr weißes Sommerkleidchen, es war einfach gemacht, nur ein wenig Waschspitze umgab den Hals und die kurzen Ärmel, aber es wand sich so schmiegsam um ihre herbe, noch nicht völlig entwickelte Schlankheit, daß es elegant wirkte.

Sie sah auf ihr bescheidenes Silberührchen, das sie Weihnachten von Frau Lademann geschenkt bekommen. Schon einhalb sechs. Also noch eine halbe Stunde bis zum Treffen mit Fritz.

Sie drückte langsam den einfachen Strohhut auf das üppige Haar, zupfte ein paar weiche Wellen lose daraus hervor und nahm dann ihr kleines, schon etwas schäbiges Handtäschchen.

Frau Mühsam freute sich immer, wenn sie ihr Töchterchen so hübsch und adrett wie jetzt vor sich sah.

„Sei recht vergnügt, Fränzeken“, rief sie ihr noch nach und kehrte dann an ihre Nähmaschine zurück.

Aber nähen konnte sie doch nicht. Ein paar Minuten wollte sie still, ganz still sitzen.

Eben hatte Franziska sie wieder mehr als je an den Mann erinnert, der doch eigentlich kein Erinnern wert war, wie ihr Franziska, wie sie sich selbst sagte. Und zu dem ihr Gedenken doch noch immer flog. Niemals hatte sie ihn vergessen können, der auf- und davongegangen war für alle Zeit, ohne ihr auch nur das kleinste Abschiedswort zu gönnen. Dennoch verzehrte sie sich in Sehnsucht, zu wissen, wo er geendet. Trotz aller Erkundigungen hatte sie nichts über sein Schicksal erfahren können, nichts.

Ob fern, ob nah, wo lag sein unbekanntes Grab, wo ruhte er aus von seinem verfehlten Leben — wo?

Das war wie eine endlose, immer wiederkehrende Frage, die an ihr zehrte, ihr Herz und Kopf müde machte, ihren armen Körper zerquälte und zu frühem Altern verurteilte.

Sie barg das Gesicht in den Händen und schluchzte laut auf vor grenzenlosem Jammer.

Vor ihrem Kinde ließ sie niemals merken, daß ihre Liebe standgehalten trotz Enttäuschung und Not, trotz Verachtung und trotz Verlockung, die ihr als junge, hübsche Frau auch genaht war, daß ihre Liebe standgehalten wie ein hoher, starker Deich, den kein Wogenprall zu brechen vermag, daß ihre Liebe standgehalten, weil sie eben die wahre Liebe gewesen, von der es in der Bibel heißt, daß sie alles duldet, alles trägt.

O, wüßte sie sein Grab, um ein paar Blumen daraufzulegen, um über sein letztes Bett ein Gebet zu sprechen und ihm zu sagen: Schlafe in Frieden, ich zürne dir nicht, denn Liebe und Vergebung sollen eins sein!

Ein leichtsinniger, genialer Mensch, war er an ihr vorbeigeschritten, hatte kurze Rast bei ihr gemacht, und nun sehnte sie sich nach ihm ihr ganzes Leben hindurch.

In ihren matten Augen leuchtete es auf: Auch die Sehnsucht war schön. War wie ein süßes, fernes Lied, das eine weiche, dunkle Geigenstimme sang. Wie ein Lied von denen, die er ihr einst gespielt in jener Zeit ihres kurzen, allzu kurzen Glücks.

*

Franziska Mühsam und Fritz Bernhardus bestiegen eine Elektrische und fuhren nach dem Potsdamer Platz. Von dort wanderten sie zum Tiergarten und suchten sich eine Bank, wo das Leben an ihnen vorbeiflutete.

Franziska blickte sehr interessiert den Trägerinnen eleganter, teurer Kleider nach.

„Nicht wahr, es würde dir auch Vergnügen machen, dich so nobel anzuziehen, Fränze?“ fragte Fritz.

„Natürlich, das macht doch jedem Mädchen Vergnügen“, gab sie mit aufleuchtenden Augen zurück.

Er blickte auf ihr weißes Waschkleid.

„Aber dein Kleid steht dir entzückend, Fränze; von allen Mädels, die hier bis jetzt vorbeigingen, bist du die Allerhübscheste, und so dumm es dir auch klingen mag, auch die Eleganteste in meinen Augen. Nun, das kommt von deiner schlanken, reizenden Figur. Wirklich, bis jetzt sah ich hier noch keine, die auch nur annähernd so hübsch war wie du.“

Die beiden hatten gar nicht darauf geachtet, daß eine sehr vornehm gekleidete Dame in mittleren Jahren auf ihrer Bank Platz genommen hatte und Fränze Mühsam mit großer Aufmerksamkeit beobachtete. Allerdings in völlig unauffälliger Weise.

Erst als die Dame, die nicht lange Rast gemacht, aufstand, wurden die beiden aufmerksam. Doch sahen sie nur noch den Rücken der Dame, die ziemlich stark war, ein schwarzseidenes Mantelkleid trug und einen hypermodernen Hut. Eine kleine, volle Hand nestelte an der Haarspange herum, und dabei blitzte ein seltsamer Ring auf, wie eine Spinne aus Brillanten und Smaragden. Weißes und grünes Geflimmer in herrlicher, eigenartiger Zusammenstellung. So einen Ring hatte Franziska noch nie gesehen, und sie blieb doch so oft vor den Juwelierläden stehen.

„Komisch, mir ist’s gar nicht aufgefallen, daß wir Nachbarschaft hatten“, lachte Fritz. „Aber die Hauptsache ist, daß wir wieder allein sind! Fränze, ich bin ja so glücklich, so ruhig neben dir sitzen zu dürfen. Wie schön muß es sein, wenn wir erst für immer zusammenbleiben dürfen. Für immer.“ Er preßte den schmalen Mädchenarm in überquellendem Glück. „Weißt du, Fränze, ich habe dich schon liebgehabt, als du noch ein ganz kleiner Balg warst. Du warst sechs, ich elf Jahre, als wir uns zum ersten Male unterhielten, wir kamen beide mit den Mappen aus der Schule. Ich dachte damals: Solche Haarfarbe wie du könnten nur Märchenprinzessinnen haben, ich ahnte nicht …“

„Daß du statt einer Märchenprinzessin die Tochter einer armen Näherin vor dir hattest“, vollendete sie mit bitterem Auflachen.

„O Fränze, bitte, sprich nicht so!“ flehte er ganz erschrocken. „An so etwas habe ich noch nie gedacht.“

Franziska lächelte seitlich zu ihm hin, ohne völlig den Kopf zu wenden.

„Fritz, du bist ein guter Mensch, aber sieh doch ein, wir dürfen uns nicht in Zukunftshoffnungen verrennen, die nie in Erfüllung gehen werden. Ich fürchte mich vor traurigen Enttäuschungen; aus uns beiden wird ja doch kein Paar. Das geben deine Verwandten gar nicht zu.“

Er konnte ihr darin nicht unrecht geben, konnte ihre Bedenken nicht mit ein paar Worten, einem Lachen verscheuchen, wie er es so gern getan hätte. Er kannte Onkel und Tante zu gut, hatte sich schon oft gegen spöttische, auf Franziska gemünzte Bemerkungen der beiden wehren müssen.

„Liebe Fränze“, begann er sanft, „es geht ja im Leben bekanntlich nicht alles so glatt, wie man gern möchte. Onkel und Tante haben mich zu sich genommen, haben mich armen Waisenjungen anständig erzogen und sehen in mir einen Sohn. Ich glaube, sie haben mich auch lieb in ihrer Weise. Jedenfalls habe ich es immer gut bei ihnen gehabt. Ich bin überzeugt, du bist keine Frau für mich nach ihrem Herzen. Sie würden mir ein reiches Mädchen aussuchen, das gut kochen kann, das mit Tante über den lieben Nächsten klatscht, mit ihr Kaffeekränzchen besucht, im übrigen sehr stolz auf ihre Tugenden und ihr Geld ist und mit mir schimpft, wenn ich in einem Zimmer mit weißen Gardinen rauche. Die dann allmählich immer dicker wird, mich zu Tode langweilt und, wenn sie das besorgt hat, als untröstliche Witwe hinter meinem Sarge hergeht.“

Franziska mußte laut lachen.

„Du redest zu komisches Zeug, Freund Fritz!“

„Ich möchte natürlich keinen Streit mit Onkel und Tante, wenn es sich irgendwie vermeiden läßt, aber wenn sie sehen, ich lasse nicht ab von dir, werden sie sich ja auch wohl fügen und dich allmählich sogar liebgewinnen. Ich meine, alle Menschen müßten dich liebgewinnen, kleine, süße Fränze.“

Er sah sie zärtlich an.

„Wir sind ja noch jung, und ich will fleißig sein und mich hocharbeiten. Ich beherrsche Französisch und Englisch und jetzt nehme ich spanischen Unterricht. Sprachkenntnisse helfen einem immer schnell weiter, wenn man sonst nicht gerade dumm ist. In zwei bis drei Jahren heiraten wir dann, kleine Fränze, dann bist du erst neunzehn oder zwanzig, also noch immer sehr jung. Deine Mutter kommt dann zu uns, und wir leben sehr, sehr glücklich zusammen.“

Wie schön und rein der Ton war, den Fritz Bernhardus mit seinem Herzen anschlug!

Franziskas aufstrahlender Blick traf den seinen.

„Meine Mutter kommt dann zu uns“, lächelte sie. „Ja, das wäre gut, Freund Fritz, Mutter hätte ein paar friedliche und sorglose Jahre verdient.“

„Hast du mich lieb, kleine Fränze?“ fragte er dringend. Die blauen Augen wurden ganz dunkel.

„Ach, Fritz, das weiß ich selbst nicht. Du gehörst in mein Leben, ich kann mir nicht vorstellen, daß du einmal nicht mehr darin bist. Das ist so wie mit Mutters Nähmaschine und wie mit dem Haus, in dem wir wohnen. Soweit meine Erinnerung reicht, war das alles da, und du auch. Ob das nun Liebe ist, Fritz, das weiß ich wirklich nicht.“

„Aber ich weiß es, Fränze, ganz sicher weiß ich es, denn auf so viel Liebe, wie ich für dich empfinde, kann nicht, wenn ich das Wort Liebe zu dir hinüberrufe, das Wort ‚Gewohnheit‘ als Echo zurückkommen.“

Franziska Mühsam war es, als striche eine sanfte Hand über ihr Herz. Sie neigte das hübsche Köpfchen.

„Du sagtest vorhin, noch zwei oder drei Jahre müßten wir warten, da habe ich ja noch Zeit, dir Antwort zu geben, Freund Fritz.“

Er lächelte heimlich.

„Nein, süße, kleine Fränze, so lange warte ich nicht auf deine Antwort. Will ja auch gar keine, ich weiß ja, du hast mich genau so lieb wie ich dich, und weil ich davon überzeugt bin, will ich arbeiten und streben, damit ich dir bald ein eigenes Heim bieten kann.“ Er zog sie sanft empor, stand mit ihr zugleich auf. „Nun wollen wir gehen und Abendbrot essen.“

Er schritt neben Fränze her und freute sich ihres schlanken Liebreizes, als wäre sie längst sein eigen.

Auf einer etwas entfernten Bank saß die Dame, die vorhin ein paar Minuten neben ihnen gesessen. Sie zog den dicht punktierten Schleier vor die blassen, vollen Züge und folgte den beiden in kurzer Entfernung. Sie folgte ihnen auch in das Gartenlokal, nahm an einem Tisch, einige Reihen zurück, Platz, beobachtete sie und wartete geduldig, bis sie fortgingen. Dann folgte sie ihnen wieder unbemerkt, als sie langsam, jetzt Arm in Arm, durch die immer dunkler werdenden Tiergartenwege schritten. Sie folgte ihnen sogar bis zum Autohalteplatz am Brandenburger Tor.

„Ach, Fritz, das ist doch Verschwendung“, wehrte sich Franziska dagegen, „im Auto heimzufahren.“

Sie war noch niemals Auto gefahren, und es reizte sie sehr, dieses Vergnügen kennenzulernen.

Er lachte.

„Kleine Fränze, dein Abendbrot hat mich nicht viel gekostet, komm, steige ein. Wir fahren bis zum Schlesischen Bahnhof, von dort ab geht jeder allein nach Hause.“

Fränze besann sich nicht mehr. Heute war nun einmal ein besonderer Tag, sie hatte Ferien, und die mußten schön enden. Eine Autofahrt war sogar etwas Wunderschönes.

Hei, wie man dahinglitt, wie eine ganz vornehme Dame kam sie sich vor.

Sie fuhren jetzt durch dunklere Straßen, Fritz Bernhardus haschte nach Franziskas Hand.

„Mädelchen, süßes, sage mir, ob du Geduld haben willst, bis ich dir ein Nestchen bieten kann, wie du es verdienst.“

Sie lachte leise und girrend, mit einer Beimischung von natürlicher Koketterie. Es war auch zu hübsch, wenn Fritz ihr von solchen Dingen redete.

Er zog ihre Hand an die Lippen.

„Ich habe dich unsagbar lieb von je.“ Er legte seinen rechten Arm um ihre Hüfte. „Fränze, warte auf mich, die Hoffnung auf deinen Besitz wird mich immer mehr zur Arbeit anspornen.“

Er neigte sich näher und küßte den Jungmädchenmund. Küßte ihn wieder und wieder, und Fränze ließ sich küssen und dachte dabei, daß sie Fritz Bernhardus wohl auch sehr liebhabe.

Viel zu schnell war die Fahrt zurückgelegt, als sie vor dem Portal des Schlesischen Bahnhofs vorfuhren. Sie standen, während Fritz bezahlte, noch einen Augenblick zusammen, dann trennte sie sich.

„Gute Nacht, Fränze, meine Fränze.“ Fritz Bernhardus hielt die kleine Mädchenhand, als wollte er sie nie mehr lassen.

Franziska Mühsam lachte. „Au! Du tust mir weh! Gute Nacht, auf Wiedersehen!“ Sie entzog ihm die Hand und eilte fort.

Beide hatten nicht bemerkt, daß ihrem Auto ein anderes gefolgt, daß am Schlesischen Bahnhof eine üppige, tief verschleierte Dame in schwarzem Mantelkleid ausgestiegen war und nun Franziska in einer Entfernung von wenigen Schritten bis vor die Haustür folgte.

Auch durch den matt beleuchteten Torweg des Vorderhauses folgte ihr die Dame, beobachtete, daß sie über den Hof schritt und im linken Seitenflügel verschwand.

Eine Frau kam von oben. Die verschleierte Dame blieb stehen, wünschte guten Abend, fragte, ob hier im Hause ein Fräulein Gregor wohne, eine berühmte Tänzerin.

Die Frau musterte die vor ihr Stehende mißtrauisch.

„Berühmte Tänzerinnen wohnen nicht in unsere Jejend, da müssen Se mal uffn Kurfürstendamm fragen.“

Sie wollte weitergehen.

Die Verschleierte sagte sehr höflich: „Aber eben vor mir ging doch eine junge Dame in einem weißen Kleide die Treppe hinauf. Sie müssen ihr doch begegnet sein. Ich meine, das wäre Fräulein Gregor gewesen? Ich konnte sie leider nicht mehr einholen und weiß nun nicht, an welcher Tür ich klingeln soll.“

„Det Klingeln könn’ Se sich überhaupt sparen, det spillerische Ding mit de weiße Kleedasche war de olle Mühsam ihre Dochter Franziska. Die is Kinderjärtnerin zweeter Jüte. Zu de Ausbildung erster Jüte hat et nich jelangt. Det, wat de olle Mühsam ihr Mann war, det is en Musika jewesen, is er wechgeloofen, und nu is er vascholl’n.“

Sie setzte plötzlich ihre in Filzpantoffeln steckenden Beine wieder in Bewegung.

Die Fremde lachte kurz auf. Dieses Klatschweib hatte ihr ein guter Zufall in den Weg geschickt, sie war nun genau unterrichtet über alles, was sie zu wissen gewünscht, ja sogar über mehr.

Langsam stieg die Dame die Treppe wieder abwärts und verließ schnellen Schrittes das Haus. An der nächsten Straßenecke begegnete ihr ein leeres Auto. Sie rief den Chauffeur an, nannte als Ziel „Hotel Exzelsior“.

Im Wagen zog sie den Schleier wieder bis über den Hutrand hoch. Es war so heiß gewesen hinter dem dichten Gewebe. An ihrer Linken blitzte der seltsame Ring, der Franziska Mühsam vorhin im Tiergarten aufgefallen, dieser Ring, der geformt war wie eine Spinne aus Brillanten und Smaragden. Weißes und grünes Geflimmer in herrlicher, eigenartiger Zusammenstellung.

II

Franziska Mühsam hatte der Mutter erzählt, wo sie mit Fritz gewesen, auch daß sie ein paar sehr hübsche Stunden mit ihm verlebt hatte, aber von allem, was Fritz Bernhardus von der Zukunft zu ihr gesprochen, erwähnte sie kein Wort.

Sie wußte wohl, die Mutter würde sich darüber gefreut haben, sie hatte aber das Gefühl, es sei klüger zu schweigen.

Lange fand sie keinen Schlummer und dachte an die vergangenen Stunden zurück.

Dabei fragte sie sich, weshalb sie sich eigentlich nicht so richtig freuen könnte, und hatte doch so ein wundervolles Gefühl von Ruhe und Geborgenheit empfunden, als Fritz sie küßte. Sie hätte die Arme um seinen Hals schlingen mögen und ihn bitten: Sage deinen Verwandten schon heute, wie wir miteinander stehen, beginne schon heute den Kampf, der dir ja doch nicht erspart bleibt!

Aber sie hatte den Mut dazu nicht aufgebracht.

Nun grübelte sie und sann. Sollte sie Fritz bei der nächsten Gelegenheit Zureden, Onkel und Tante schon jetzt alles zu sagen, oder war das unklug?

Wenn sich nun seine Verwandten, was ihr sicher schien, gegen die Aufnahme ihrer Person in die Familie wehrten, dann trieb sie Fritz sofort in endlose Unannehmlichkeiten hinein oder führte gar einen Bruch mit seinen Verwandten herbei und schadete dadurch ihm.

Ein paar Jahre mußten sie ja doch noch warten, sie war ja eigentlich auch noch viel zu jung zum Heiraten. Aber eine andere Stellung wollte sie sich suchen; doch auch das war ja so schwer, so schwer! Das Angebot in allen Berufen überwog bei weitem die Nachfrage, und nur ganz besondere Leistungen hatten noch Aussicht, bevorzugt zu werden.

Was aber konnte sie? Sie war Kindergärtnerin zweiter Klasse. Sie hatte ja keine höhere Schule besucht. Wohl besaß sie ein gewisses Talent, mit Kindern umzugehen, das hatte man ihr im Kindergärtnerinnenkursus oft gesagt, auch ihr Abgangszeugnis ließ nichts zu wünschen übrig. Und doch hatte sie keinen besonderen Erfolg damit zu verzeichnen. Anstatt von einer vornehmen Dame aus dem Berliner Westen engagiert zu werden, war sie froh gewesen, nach langem Warten bei Photograph Lademann unterschlüpfen zu können.

Sie mußte dann an Adele Toll denken. Die war die Tochter vom Vizewirt nebenan und vier Jahre älter als sie. Als Tippfräulein war sie vor zwei Jahren nach Amerika gefahren. Sie hatte dort eine Tante, die war Haushälterin bei einem reichen, alten Fabrikbesitzer. Vor kurzem war sie nun hier gewesen. Die ganze Straße hatte gestaunt und Adele Toll bewundert wie einen seltenen, fremdländischen Vogel. Kleider, Hüte und Wäsche besaß sie, wie sie eine Fürstin nicht besser haben konnte. Steine blitzten in ihren Ohren, die waren wie Haselnüsse groß gewesen, und an ihren Fingern glitzerte und sprühte es. Sie war inzwischen die Verlobte des reichen, alten Herrn geworden, dem ihre Tante den Haushalt führte, und sie erzählte, sie würde bald heiraten und sei dann so reich, daß sie sich ganz Berlin kaufen könne, wenn es ihr Vergnügen mache.

Franziska Mühsam dachte, lieb konnte Adele Toll den alten Amerikaner kaum haben, aber weil er so gut zu ihr war, hatte sie ihn wohl wenigstens sehr gern.

Franziska dachte an Fritz. Ob sie ihn wohl auch für einen reichen, doch alten Mann eintauschen würde?

Die Idee erschien ihr häßlich und komisch.

Nein, sie wollte gern ein paar Jahre auf Fritz warten, aber sich vorerst nach einer anderen Stellung umschauen. Mehr verdienen mußte sie, dadurch die Mutter entlasten. Dann sah sie sich wieder auf der Bank im Tiergarten sitzen, sah eine Dame, die sie vorher gar nicht bemerkt hatte, von der Bank aufstehen und fortgehen. Sah eine Hand, an der ein wundervoller Ring steckte. In Form einer Spinne aus Brillanten und Smaragden. Weißes und grünes Geflimmer in herrlicher, eigenartiger Zusammenstellung.

Und dann schlief Franziska Mühsam ein, schlief, bis sie bald nach Mitternacht plötzlich emporschreckte.

Sie hatte so häßlich geträumt, von einer riesigen Spinne, die auf sie zukam, ein dicht geflochtenes Netz über ihren Kopf warf und es dann mit ihren starken, eklen Beinen zuzog, bis sie beinahe erstickt wäre.

Sie meinte, das scharfe Schnüren noch um den Hals zu spüren und fühlte ihr Herz wild und erregt klopfen.

Wie seltsam war der Traum gewesen: In der Luft losgelöst, schwebte eine sehr weiße, sorgfältig gepflegte Frauenhand, an deren einem Finger der Spinnenring in förmlich wildem Feuer funkelte und strahlte, und dann hatte sich der Ring, zusammen mit der Hand, in die abscheuliche, abschreckende Riesenspinne verwandelt.

Sie schüttelte sich und trank von dem Wasser, das nachts immer neben ihrem Bett stand. Danach aber schlief sie fest und traumlos bis zum Morgen.

Um sieben Uhr ging sie nach der Königsberger Straße zu Frau Lademann wie alle Tage, half wie alle Tage beim Staubwischen und nahm um acht Uhr den fünfjährigen Karl aus seinem Bettchen. Wusch ihn, kleidete ihn an und frühstückte um halb neun mit ihm. Dann machte sie sein Bett und ging mit dem Kleinen für den Haushalt einholen.

Wie von einem Uhrwerk getrieben, haspelte sich das jeden Tag in der gleichen. Reihenfolge ab.

Manchmal ging sie auch mit dem Jungen ins Atelier, und Herr Lademann machte väterliche Spässe mit dem Kleinen. Sie staubte inzwischen die Säulen und Tischchen, die gebogenen Sessel und all die anderen Requisiten ab, die zu einem Photographenatelier gehören, um damit den Kunden einen wirksamen Hintergrund zu bieten.

Heute half Herr Kleinschmidt, der Gehilfe, beim Abstauben. Der Chef mit dem Kleinen war im Nebenraum. Albert Kleinschmidt war sehr eifrig, ihr heute Arbeit zu ersparen, merkte Franziska, und sagte endlich: „Sie müssen doch sicher retuschieren, Herr Kleinschmidt, gehen Sie nur, ich werde schon allein fertig.“

Er lächelte. „Habe nichts Wichtiges zu tun. Auf ein paar Minuten kommt es nicht an. Ich wollte Ihnen bloß was anvertrauen, Fräulein Fränze, aber Sie müssen reinen Mund halten!“

„Wenn es mich nicht selbst betrifft, mache ich mir nichts aus Geheimnissen“, gab sie kühl zurück.

Manchmal gefiel ihr die Art und Weise, wie der Gehilfe mit ihr sprach, gar nicht. Er kam ihr oft dreist und aufdringlich vor.

Ihre kühle Antwort verletzte ihn sichtlich.

„Fräulein Fränze, warum sind Sie denn so schroff? Ich will Ihnen doch nichts Böses tun! Aber unsereins sehnt sich auch manchmal nach einem Menschen, zu dem man offen sein, zu dem man Vertrauen haben kann.“

Er dämpfte seine Stimme bis aufs äußerste.

„Der Alte soll nichts wissen, ich gehe fort, habe ihm gar nicht gekündigt. Ich wandere aus! Nach Buenos Aires reise ich.“ Er warf sich in die Brust. „Was glauben Sie, wie unsereiner da drüben hochkommt! ln ein paar Jahren bin ich wieder zurück, habe die Taschen voll Gold und eröffne ‚Unter den Linden‘ ein Atelier für künstlerische Photographie.“ Er lächelte selbstbewußt. „Und nun wollte ich Sie fragen, Fräulein Fränze, darf ich Ihnen einmal schreiben? Sie gefallen mir ausnehmend, und vielleicht kann ich Sie nachkommen lassen und …“

Er stotterte unter ihrem ernsten Blick, sagte: „Ich dachte, wir könnten uns später drüben vielleicht heiraten, oder wenn ich zurückkomme. Ich dachte …“

Franziska zog fröstelnd die Schultern hoch und dachte an Fritz Bernhardus, dachte mit weichem, glücklichem Gefühl an ihn, trotzdem sie eigentlich nicht einmal wußte, ob sie ihn liebte. „Nein, Herr Kleinschmidt, schreiben Sie mir lieber nicht. Ich bin nämlich heimlich verlobt. Nun wissen Sie Bescheid.“

Er blickte sie mit offenem Munde an.

„Das ist wirklich wahr?“

Sie nickte. — Er sah sie böse an.

„Na, denn nich, liebe Tante! Albert Kleinschmidt hat die Auswahl. Jedenfalls halten Sie reinen Mund über meine Auswanderung, bis ich den Berliner Boden verlassen habe.“

Zwei Tage später erschien der Gehilfe nicht mehr im photographischen Atelier von Wilhelm Lademann, und Franziska Mühsam dachte, nun saß er wohl im Zuge nach Hamburg, wenn er nicht schon dort war.

Fast wie Neid war das Gefühl, das sie empfand.

Sie hatte Fritz in diesen Tagen nicht wiedergesehen und wunderte sich, daß er anscheinend gar keinen Versuch machte, sie zu treffen.

Sie hörte dann ganz zufällig, er liege an starker Erkältung zu Bett. Wahrscheinlich hatte er sich an jenem Abend erkältet.

Armer Junge, dächte sie mitleidig, denn sicher sehnte er sich nach einem Wiedersehen mit ihr, konnte ihr aber keine Nachricht geben. Hoffentlich war er recht bald gesund.

Sie kaufte sich die gelesensten Tageszeitungen, durchsuchte sie nach Stellungen, und wenn sie mit dem kleinen Karl irgendwo draußen auf einer der Bänke im Friedrichshain saß, warf sie ab und zu einen Blick in die Zeitung, hoffte, daß eine Stellung darin stände, die ihr Verbesserung verspräche. Karlchen Lademann ließ ihr nicht viel Zeit dazu, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Heute aber hatte er Spielgesellschaft gefunden, die ihm besonders zuzusagen schien. Ein kleines, drolliges Mädel mit blonden, steifen Haarschnecken über den Ohren.

Eine alte Frau saß mit dem Kinde auf einer Nachbarbank, und Karlchen hatte sich vor einem Weilchen zu der Kleinen hinübergepirscht.

Franziska blickte ein paarmal zu der alten Frau hinüber. Die strickte, sann und lächelte ab und zu über die zwei Kinder.

Franziska dachte, wie traurig es doch sei, daß sie nichts Genaues über das Befinden von Fritz Bernhardus erfahren könnte. Aber er durfte ihr kein Briefchen senden. Alles schien in grau heute.

Aus einem Seitenweg kam eine einfach, aber vornehm gekleidete Dame, machte vor ihr halt.

„Gestatten Sie, mein Fräulein, daß ich mich hier einen Augenblick ausruhe?“

Franziska nickte und rückte zur Seite. Sie dachte, wie schön, wenn vornehme Damen so höflich sind!

Die Dame lächelte ein wenig.

„Ich möchte Sie aber durchaus nicht stören, denn ich weiß, daß es Stunden gibt, wo man am liebsten mit sich allein ist. Mir geht es oft nicht viel besser.“ Sie sah die Zeitung in Franziskas Hand. „Verzeihen Sie, Fräulein, darf ich das Blatt ein paar Minuten haben?“

Franziska reichte es ihr mit liebenswürdigem „Bitte sehr!“

Die Fremde mußte Ausländerin sein, sie sprach ziemlich geläufig deutsch, aber mit hartem Akzent. Eine interessante Frau, dachte Franziska, und beobachtete die Dame, während diese in der mehrseitigen Zeitung etwas ratlos blätterte.

Das Gesicht war zu voll, fand Franziska Mühsam, die Lippen zu üppig und rot, aber die Augen waren schön, von tiefdunkler Farbe, und auch das Haar, von dem der breitrandige Hut allerdings wenig sehen ließ. Die Figur schien ihr zu stark, doch das braune Kostüm war so vollendet gearbeitet, daß die Üppigkeit nicht unästhetisch wirkte.

Die Fremde schien mit der Zeitung nicht viel anfangen zu können. Sie faltete sie bald sorgfältig zusammen und reichte sie Franziska zurück.

„Verzeihen Sie, mein Fräulein, wenn ich Sie mit einer Frage belästige. Ich möchte nämlich gern die Adresse von jemand, der Stellungen vermittelt. Ich suche eine, wie man in Deutschland sagt, Kindergärtnerin für meine kleine Enkelin. Meine Tochter wünscht ein deutsches Fräulein, wir sind Spanier. Ich habe eine Kur in der Nähe von Dresden durchgemacht und halte mich ein paar Tage in Berlin auf, um mich hier für meine Tochter, auf ihren ausdrücklichen Wunsch, nach einer Kindergärtnerin umzusehen. Meine Tochter zahlt sehr gut. Hier in Deutschland sind die Menschen ja alle so schrecklich bescheiden, und ein Stückchen Welt bekäme das junge Mädchen auch zu sehen. Ich hoffe, bald jemanden zu finden, da ich die Betreffende gleich mitnehmen möchte.“

Sie sprach ganz oberflächlich und leicht, beobachtete die neben ihr Sitzende kaum und verfolgte doch scharf, was für einen Eindruck ihre Worte auf das junge Mädchen machten.

Franziska Mühsam war verwirrt. Welch ein Zufall! Da suchte sie seit Tagen in den Anzeigen nach einer besseren Stellung, und nun saß da eine vornehme Dame neben ihr und hatte eine wunderbar lockende Stellung zu vergeben.

Sie fragte mit ein wenig zitternder Stimme: „Muß die Kindergärtnerin, die Sie, gnädige Frau, suchen, höhere TöchterSchulbildung besitzen?“

Die spanische Dame lachte lustig.

„No, no, mein Fräulein, das ist so ein Kleinkram hier in Deutschland. Für jüngere Kinder ist das gleich, ob eine Kindergärtnerin auch Englisch oder Französisch kann. Liebe zu Kindern muß sie haben und ein nettes, gutes Geschöpf sein.“

Sie blickte Franziska freundlich an.

„Mein liebes Fräulein, wüßten Sie vielleicht so ein junges Mädchen, wie ich es suche? Ihre Frage läßt mich das beinahe hoffen. Ach, dann bitte ich Sie sehr, mir Auskunft zu geben, meine Dankbarkeit ist Ihnen gewiß.“

Franziska zögerte noch einen Augenblick, erklärte dann schüchtern: „Ich selbst bin Kindergärtnerin und in Stellung, doch möchte ich mich gern verändern.“ Sie zeigte auf Karlchen, der sich noch immer mit der Kleinen beschäftigte. „Der Junge ist mir anvertraut, ich wäre aber lieber bei einem Mädelchen.“

Die Dame schlug die behandschuhten Hände zusammen,

„Ist es wahr? Sie sind selbst Kindergärtnerin? Aber, liebes Fräulein, das ist ja großartig! Sie engagiere ich sofort, denn Sie gefallen mir ganz ausgezeichnet und werden auch meiner Tochter gefallen, das weiß ich.“ Sie schüttelte den Kopf. „Kaum glaubhaft, dieser Zufall. Eigentlich sollte ich sagen, dieses Glück! Wissen Sie, Kindchen, unter uns, ich bin ein wenig bequem, und der Auftrag meiner Tochter war mir gar nicht recht. Man muß so herumsuchen in einer fremden Stadt, muß sich deswegen aufhalten. Und nun brauche ich mich gar nicht mehr zu kümmern, finde auf einem Spaziergang, was ich suchte.“

Franziska war wie benommen. Nein, nein, so schnell ging das doch nicht! Sie hatte ja noch gar nicht gesagt, daß sie die Stellung annehmen wollte. — Zuerst mußte sie doch mit der Mutter reden und auch mit Fritz.

Sie konnte doch nicht verschwinden, während er krank war.

Ferner mußte sie Frau Lademann kündigen, und wenn man ihr auch weitgehend entgegenkam, durfte sie vor dem Letzten dieses Monats nicht fort von Karchen. Das aber war erst in zwölf Tagen.

Sie brachte alle ihre Bedenken vor, nur von Fritz Bernhardus erwähnte sie nichts.

Die Dame lachte leichthin.

„Sie sind eine kleine umständliche Person, liebes Fräulein. Die von Ihnen genannten Gründe bedeuten keine Schwierigkeiten. Mit Ihrer Mutter spreche ich selbst und mit der Frau, bei der Sie in Stellung sind, auch. Sie sollen sehen, wie rasch ich mit beiden einig werde. In zwei Tagen reisen wir ab.“

„Nein“, wehrte sich Franziska, „es geht wirklich nicht. Ich habe ja keine Reisegarderobe, keinen Koffer, ich …“ Sie stotterte.

„Aber, liebes Fräulein, das ist wieder kein stichhaltiger Grund! Ich gebe Ihnen Vorschuß auf Ihr Gehalt, meine Tochter zieht es Ihnen dann monatlich so allmählich ab, daß Sie es gar nicht merken. Ich weiß ja nicht, in welchen Verhältnissen Ihre Mutter lebt, jedenfalls können Sie ihr, wenn sie es nötig hat, einen hübschen monatlichen Zuschuß geben. Soviel ich weiß, will meine Tochter monatlich zweihundert Pesetas zahlen. Dazu alles frei, Reise, Wohnung und Essen.“

Franziska fragte, wieviel zweihundert Pesetas wären.

Die Dame zuckte die Achseln.

Franziska nannte die Summe, die sie monatlich bei Frau Lademann erhielt.

Die Spanierin lächelte ein wenig spöttisch.

„Ich rechne eben um. Meine Tochter zahlt genau das Fünffache.“

„Es geht nicht, gnädige Frau, so gern ich auf der einen Seite auch möchte. Ich darf nicht fort.“

Die Ältere nickte. „Kann mir schon denken, das Herz hat Feuer gefangen, nicht wahr?“ Sie fuhr in mütterlichem Tone fort: „Sie sind ja noch jung, Kindchen, allzu frühe Ehe bringt kein Glück.“

Franziska dachte daran, daß Fritz gesagt, zwei oder drei Jahre müßten sie beide noch warten. Wenn sie davon ein Jahr ins Ausland gehen könnte! Wie gut vermochte sie dann die Mutter zu unterstützen, wie gut konnte sie außerdem noch sparen.

Die Spanierin sagt freundlich: „Ich möchte Ihnen, da Sie mir gefallen, noch weiter entgegenkommen. Ich verspreche Ihnen, daß Sie freie Rückfahrt haben sollen, falls es Ihnen nach einem Vierteljahr nicht bei uns gefällt. Da riskieren Sie doch wirklich nicht viel.“

„Nein, nein, es geht nicht“, beharrte Franziska, und kam sich dabei dieser liebenswürdigen Dame gegenüber sehr albern und ungebildet vor.

Die Spanierin machte eine Bewegung des Bedauerns.

„Ich habe mich nun mal auf Sie kapriziert, Kindchen, und bin deshalb hartnäckig. Vielleicht darf ich aber mit Ihrer lieben Mutter reden? Da Sie im Grunde ganz gern mitmöchten, wie Sie vorhin selbst sagten, müssen wir die Hindernisse eben beseitigen. Wann darf ich Ihre Frau Mutter sprechen?“

Die Frage klang sehr bestimmt, schien mit gar keiner Abweisung zu rechnen.

Fanziska war viel zu ungewandt, um mit Bestimmtheit zu erwidern, daß es keinen Zweck hätte, die Mutter mit in die Angelegenheit hineinzuziehen. Sie war von den verschiedensten Gedanken verwirrt. Dachte an das fremde, schöne Land, nach dem so manches Deutschen Sehnsucht flog, dachte an das viele Geld, das ihr geboten worden, und zugleich dachte sie an Fritz Bernhardus und auch an ihr überaus einfaches Heim, in das diese vornehme Frau gar nicht hineinpaßte.

Sie stammelte ein paar zusammenhanglose Worte — stieß wieder auf ein Lächeln.

„O, liebes Fräulein, seien Sie doch nicht so umständlich. Ich möchte Sie gern mitnehmen in mein Sonnenland. Wie es bei Ihnen daheim in der Wohnung aussieht, hat damit gar nichts zu tun.“

Da hatte sie allerdings recht. Franziska zupfte an ihrem geblümten Kattunkleid herum.

„Wenn Sie morgen nachmittag zu meiner Mutter kommen wollen, werde ich ihr heute abend von Ihnen erzählen.“

„Schön, also morgen. Um welche Zeit?“

Franziska erwiderte: „Um vier Uhr dürfte es am besten passen, weil ich um diese Zeit Karlchen spazieren führe und für ein halbes Stündchen mit ihm in unsere Wohnung gehen könnte.“

Die Dame entnahm einer sehr eleganten Ledertasche ein kleines Notizbuch, schrieb nach Franziskas Diktat die Adresse im Grünen Weg ein, die sie schon vor Tagen auf einer anderen Seite notiert hatte, und verabschiedete sich.

Sie reichte Franziska die Hand.

„Sie werden es gut bei meiner Tochter haben, liebes Fräulein, und auch ich werde gut zu Ihnen sein, denn Sie gefallen mir wirklich ausnehmend, meine Tochter wird eifersüchtig auf Sie werden.“

Langsamen Schrittes entfernte sie sich, und Franziska blickte ihr nach. Plötzlich stutzte sie. An wen erinnerte sie nur dieser wiegende, gleitende Gang? Wer ging so eigentümlich wie diese ihr doch völlig fremde Dame?

So sehr sie aber auch ihr Gedächtnis anstrengte, es fiel ihr nicht ein, wer diesen weichen, rhythmischen Gang besaß.

Franziska betrat den Torweg und überlegte, daß sie der Mutter nun von ihrer heutigen Bekanntschaft erzählen, ihr aber auch zugleich sagen wollte, daß sie nicht daran denke, mit nach Spanien zu reisen. Es würde sich hier auch für sie eine bessere Stellung finden. Allerdings so viel Gehalt, wie ihr die Spanierin in Aussicht gestellt, gab ihr hier niemand.

Als Franziska ungefähr in der Mitte des Ganges war, der durch das Vorderhaus nach dem Hofe führte, tauchte an der Treppe Frau Malwine Bernhardus auf, kam ihr entgegen.

Franziska sagte höflich: „Guten Abend!“ und wollte weitergehen, als sich Frau Bernhardus mit empörten Blicken nach ihr umwandte.

„Frauenzimmer brauchen mir, einer anständigen Frau, nicht guten Abend zu wünschen!“ rief sie mit gut gespielter Empörung.

Franziska war totenblaß geworden. Sie stand zitternd an die Wand gelehnt und blickte mit großen, entsetzten Augen auf die Beleidigerin.

„Ich bitte Sie, Frau Bernhardus, was habe ich Ihnen denn getan?“ stieß sie hervor. Sie begriff nicht, wie die Frau es wagen durfte, sie so zu behandeln.

Malwine Bernhardus lachte voll Hohn.

„Was du mir getan hast? Das fragt das freche Geschöpf noch, statt sich die Augen aus dem Kopf zu schämen! Hast du denn kein Ehrgefühl, keine Scham? Jungen Leuten das Geld abzunehmen, das verstehst du, aber Mut, dich zu verantworten, hast du nicht.“

Vizewirt Lüdicke schlurfte heran.

„Wat is denn los, Frau Bernhardus, wat woll’n Se denn von det Mächen?“

Hinter ihm wurde seine Frau sichtbar, die größte Klatschbase des ganzen Hauses, die sich voll Neugier langsam näherschob.

Franziska kam sich vor wie ein gejagtes Wild.

„Seien Sie doch nicht so beleidigend, Frau Bernhardus, ich weiß wirklich nicht, weshalb Sie mich so bitter kränken, ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich habe doch keinem Menschen Geld abgenommen … ich … ich gehe jetzt! Wenn Sie etwas von mir wünschen, kennen Sie ja meine Adresse.“

Frau Bernhardus hob drohend die Rechte und schrie wütend: „Wage nicht noch einmal, unserm Jungen in die Quere zu laufen, sonst kannst du was erleben! Woher soll so ’n Frauenzimmer wie du auch Anstand haben! Wer weiß, was deine Mutter alles hinter sich hat, warum dein Vater zum Säufer wurde!“

Jetzt war es mit der Geduld Franziskas zu Ende. Mit einem wilden Schrei der Empörung sprang sie auf die Beleidigerin los und schlug ihr in das zorngerötete Gesicht.

Da griff Vizewirt Lüdicke ein.

„Jetzt is es jenug, überjenug! Wir hab’n doch hier keene Zirkusvorstellung oder Filmuffnahme. Ick jebiete Ruhe, dafor bin ick hier in det Haus, det is mein Dienst.“

Er schob die laut aufweinende, ganz fassungslose Franziska mühsam durch die Hintertür.

Frau Bernhardus kreischte: „Geschlagen hat sie mich, ich habe Zeugen, ich geh auf die Polizei, das soll sie mir büßen!“

Franziska hörte es noch, und heiße Schauer rasten über ihren Körper hin.

Sie hatte die Frau tatsächlich geschlagen, das ließ sich nicht aus der Welt schaffen, und wenn die es anzeigen würde, mußte sie sich auf manche Unannehmlichkeit gefaßt machen.

Sie eilte über den Hof, jagte förmlich die vier Treppen hinauf und riß in ihrer Erregung fast die Türschelle ab, diese altmodische, gellende Zugschelle.

Martha Mühsam flog von der Maschine, an der sie gesessen, hoch, öffnete auf das heftige Läuten, so schnell es ihr möglich war.

Franziska stürzte an ihr vorbei ins Zimmer und brach neben der Nähmaschine in einem Weinkrampf zusammen.

Die arme, immer müde Frau war ratlos und bemühte sich um ihr am Boden liegendes Kind, kühlte ihr die Stirn, öffnete ihre Bluse, sprach weich und liebevoll auf sie ein.

Es klingelte schon wieder.

Schnell huschte Frau Mühsam zur Tür, öffnete nur um einen Spalt breit. Das blasse Gesicht ihrer Nachbarin, einer Witwe, die Heimarbeit nähte wie sie selbst, zeigte sich.

Martha Mühsam sagte: „Ein anderes Mal, Frau Schneidereit, ich habe jetzt keine Zeit, meine Fränze ist nicht wohl.“

Sie wollte schnell die Tür schließen. Frau Schneidereit stemmte sich dagegen.

„Lassen Sie mich nur ’rein, Frau Mühsam, ich weiß ja, was Fränze fehlt, ich war ja dabei, wie die Bernhardus aus dem Vorderhaus sie so gemein beschimpft hat.“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Frau Schneidereit“, flüsterte Martha Mühsam, „aber kommen Sie nur ’rein, Fränzchen hat einen Weinkrampf.“

„Das hört man ja bis auf die Treppe“, flüsterte die Nachbarin zurück und ging schnell an der anderen vorüber in die große Stube.

Sie neigte sich über die jetzt schon leiser Weinende, brachte sie mit Hilfe von Kissen in eine bequemere Lage, mühte sich verständnisvoll um sie und erzählte dabei Martha Mühsam mit leiser Stimme, was sich vorhin im Hausgang zugetragen hatte.

„Ich kam erst zuletzt dazu, Frau Mühsam, aber ich hörte nachher von ein paar anderen Leuten, wie alles gewesen ist. Daß Fränze die Frau Bernhardus geschlagen hat, das ist ja nun sehr dumm, und man kann nicht wissen, wie die Geschichte bei einer Anzeige verläuft. Ich habe mir für alle Fälle ein paar Zeugen gemerkt, die aussagen können, daß die aus dem Vorderhaus Ihre Fränze in ganz gemeiner Weise beschimpft hat.“

Eben kam Franziska zu sich, sie hatte noch die letzten Worte der Nachbarin gehört, das Häßliche, das sie erlebt hatte, trat sofort wieder mit erschütternder Deutlichkeit vor sie hin.

Martha Mühsam strich mit zitternder Hand über das wunderschöne Haar des Mädchens.

„Sei ganz ruhig, Fränzeken, ganz ruhig, es wird ja alles wieder gut werden.“

Frau Schneidereit schüttelte den Kopf.

„Es ist und bleibt eine dumme Geschichte. Fränze soll der Bernhardus jedenfalls, soviel sie kann, aus dem Wege gehen. Im übrigen wird die Frau auch wohl kaum Anzeige machen, weil sie sich sehr gemein benommen hat.“

Franziska sagte leise: „Liebe Frau Schneidereit, wir wollen jetzt gar nicht mehr von dem Geschehenen reden, ich möchte schlafen gehen. Wenn Sie so gut sein wollen, kochen Sie mir was Beruhigendes, Sie verstehen das, weil Sie doch Krankenpflegerin gewesen sind. Mutter setzt sich derweil zu mir ans Bett, dann werde ich ganz still. Morgen sieht alles schon wieder anders aus.“

Die gutmütige, blasse Frau Schneidereit ging in ihre Wohnung hinüber und kochte einen Tee.

Inzwischen legte sich Franziska nieder, sagte zur Mutter: „Ich wollte sie ein Weilchen los sein, weil ich dir etwas anderes erzählen will, etwas Wichtiges für meine Zukunft.“

Martha Mühsam breitete sorgfältig die Decke über Fränze, setzte sich auf den Stuhl neben dem Lager, und Franziska erzählte nun von ihrer Bekanntschaft mit der Spanierin, schloß mit zitternder Stimme: „Ich wollte nicht mit ihr fahren, darüber war ich mir schließlich vollkommen klar, trotz der großen Versuchung. Aber jetzt, Mutter, will ich fort, du wirst einsehen, daß es für Fritz und mich das beste ist, wenn ich vorläufig so weit wie möglich fortgehe. Begegnungen mit der abscheulichen Frau lassen sich durch das nahe Zusammenwohnen auf die Dauer nicht vermeiden, und ich bin überzeugt, sie beschimpft mich bei nächster Gelegenheit wieder, reizt mich bis aufs äußerste. Vielleicht bringt sie auch den heutigen Zusammenstoß zur Anzeige, dann habe ich endlose Scherereien. Deshalb ist es das beste und einfachste, ich verschwinde so schnell wie möglich. Ich brauche nur deine Einwilligung, daß ich ins Ausland gehen darf, und alles übrige dürfte sich dann schnell erledigen lassen.“

Martha Mühsam war ganz wirr, ihr Kind wollte fort von ihr, wollte so grenzenlos weit fort von ihr?

Spanien! Du li ber Himmel, wo suchte man das eigentlich? Spanien war ihr bisher genau dasselbe gewesen wie irgendein Land, von dem es in den Märchen hieß, es läge weit, weit hinter dem Monde.

Und dah’n wollte nun ihr Fränzeken?

Ihr armer, müder Kopf faßt das nicht, faßte nicht die Zahlen, die ihr die Tochter nannte, um ihr dadurch zu beweisen, wieviel Geld sie in jenem märchenfernen Lande verdienen sollte.

Als ob das eine Mutter locken könnte, ihr einziges, über alles geliebte Kind so weit fortgehen zu lassen.

Sie streichelte ratlos Franziskas auf der Bettdecke ruhenden Hände. Ihr fiel ein altes Sprichwort ein: Bleibe im Lande und nähre dich redlich!

Franziska lachte bitter.

„Ich kann jetzt nicht hierbleiben, ich fürchte mich vor der Tante von Fritz, fürchte, sie macht Anzeige“, schrie sie leise auf. „Mutter, wenn die Polizei deshalb zu uns käme, wenn ich vor Gericht müßte, ich ginge schnurstracks in die Spree!“

„Fränzeken, mein Fränzeken!“ Martha Mühsam bebte am ganzen Leibe, warf sich laut aufstöhnend über das Bett. „Das darfst du mir nicht antun, wegrennen von mir, aus dem Leben wegrennen ins kalte Wasser wegen des bösen Weibes. Nein, nein, Kind, dann fahre mit nach Spanien, dann will ich lieber das zugeben, weil ich doch dann weiß, wenn du auch weit von mir weg bist, daß du lebst, und daß ich hoffen darf, dich wiederzusehen.“ Sie griff sich an den schmerzenden, wirren Kopf, richtete sich langsam auf. „Ja aber, Fränzeken, warum redest du denn eigentlich kein einziges Wort von Fritz Bernhardus? Der kann doch nichts dafür, daß seine Tante so häßlich zu dir war. Der liegt doch noch immer an seiner Erkältung, und wer weiß, ob sie dem armen Jungen eine Silbe davon sagt, wie gemein sie zu dir gewesen ist.“

„Das wird sie ihm natürlich nicht erzählen“, sagte Franziska und dachte an die wunderhübschen Stunden im Tiergarten und in dem Restaurant, dachte an die von lieber, weicher Stimmung umhüllte Heimfahrt, und wie die Erinnerung an die wenigen Glücksstunden in ihrem einförmigen Leben nun so garstig, so verzerrt war seit der gräßlichen Szene im halbdunklen, hallenden Hausgang.

Sie war froh, der Mutter nichts erzählt zu haben von den Zukunftsplänen, die Fritz gemacht, nichts von seinen Versprechungen.

Malwine Bernhardus würde niemals einwilligen, daß Fritz sie heiratete. Tat er es aber gegen den Willen dieser Frau, dann gab es Ärger auf Ärger.

Nein, nein, sie wollte fort, weit fort. Fritz mußte sie vergessen.

Sie sagte mit zuckenden Lippen: „Fritz ist arm wie ich. Außer seinem Gehalt ist er auf die Güte seiner Verwandten angewiesen. Überwirft er sich meinetwegen mit ihnen, so muß er von seinem Gehalt vollständig seinen Lebensunterhalt bestreiten, und verliert er einmal seine Stellung, findet er nicht gleich eine neue, so kommt er in Not. Daran möchte ich nicht die Schuld tragen.“ Sie lächelte ein ganz klein wenig. „Laß mich in Frieden in die Fremde gehen, Mutter, ich sehne mich nach all dem Neuen und Schönen, das mir die Fremde geben wird. Ich werde es gut haben, werde viel sehen und viel lernen und dir Geld schicken können, damit du dir ab und zu eine Annehmlichkeit gönnen kannst, nicht mehr so viel zu nähen brauchst. Ich hoff von ganzem Herzen, die Dame kommt morgen nachmittag. Glaube mir, Mutter, es ist am besten so.“

Martha Mühsam sah unschlüssig aus.

„Kind, du kennst ja die Dame gar nicht.“

Franziska fiel ihr ins Wort.

„Sie ist eine wirklich vornehme Dame, es gehört nicht viel Menschenkenntnis dazu, das auf den ersten Blick zu erkennen.“

Die Mutter mußte ihre weiteren Bedenken für sich behalten.

Frau Schneidereit klopfte, brachte den Tee. Sie hielt sich nicht auf. Ihre beiden Mieterinnen, die Verkäuferinnen, waren nach Hause gekommen, sie mußte ihnen das Abendbrot auftischen.

Franziska sagte leise: Nun möchte ich schlafen, Mutter, ich bin so furchtbar müde.“

Sie trank den Tee und sprach nur noch wenig, schlief wirklich bald ein.

Martha Mühsam aber hockte sich vor ihre Maschine, murmelte ein altes, halb vergessenes Kindergebet, das plötzlich wieder in ihr auferstand. Es fiel ihr kein anderes ein. Dabei wurden ihr die Wimpern feucht.

Ihre harte Kinderzeit kam mit dem alten Gebet aus verschütteten Tiefen herauf und sah sie traurig an. Kinderzeit, Mädchenzeit und Ehe, die drei Abschnitte ihres Lebens, reihten sich zu einem einzigen, langen grauen Weg aneinander.

Arm war sie immer gewesen, ihr größter Kummer bisher aber doch, daß sie nicht wußte, wo er seinen letzten Schlaf schlief, der Mann ihrer Liebe, der arme, verkommene Musikant.

Ihr größter Kummer bisher. Nun aber schrumpfte er zusammen, ward klein und kleiner, riesengroß wuchs ein neuer, herzzerreißender Kummer vor ihr empor; ihr einziges Kind, ihr geliebtes Fränzeken, wollte von ihr fort in die fremde Welt, so weit fort, daß man sich gar keine Vorstellung davon machen konnte.

Sie vergrub das Gesicht in die Hände.

Sie würde wohl ja sagen müssen. Nach diesem Auftritt mit Frau Bernhardus war es für ihr Kind das beste, aus dem Hause zu kommen, und da sich im rechten Augenblick eine so überaus günstige Gelegenheit bot, wäre es töricht gewesen, sie nicht zu ergreifen. Das sah sie ein, trotz ihrem Mutterschmerze.

III

Am nächsten Morgen ging Martha Mühsam zu Frau Lademann, bat, Franziska für den einen Tag zu entschuldigen, da sie starke Migräne und auch etwas Fieber habe.

Frau Lademann schüttelte den Kopf.

„Geben Sie sich keine Mühe, Frau Mühsam, ich weiß, was Ihrer Tochter fehlt. Gestern abend war Frau Bernhardus bei mir, die hat mir ein Licht aufgesteckt über das feine Fräulein. Na, ich danke für Backobst, da habe ich ja was Schönes in meinem Hause gehabt! Ja, ja, auf ein gutes Kindergärtnerinnenzeugnis allein hätte ich nicht ’reinfallen dürfen. Ich hatte nicht geglaubt, daß man sich bei so einem jungen Ding auch bei der Nachbarschaft nach dem Leumund erkundigen muß. Und so einer vertraut man seinen Jungen an! Nein, Frau Mühsam, so was darf mir nicht mehr über die Schwelle.“ Sie langte nach dem Tisch. „Hier habe ich mir das Geld zurechtgelegt, genau abgezählt, das Gehalt für drei Tage mehr als einen halben Monat.“

Martha Mühsam aber schwankte. Also auch diese Frau wagte es, ihr Kind zu beschimpfen. Malwine Bernhardus hatte gut gearbeitet. Wozu widersprechen? Dieser robusten Frau Lademann war sie doch nicht gewachsen.

„Wenn Sie Franziska ohne Grund plötzlich entlassen, müssen Sie den Monat voll zahlen“, wehrte sie sich nur.

„Was denn noch außerdem?“ spottete jene. „Nein, Verehrteste, ich bezahle bis gestern abend und nicht eine Stunde mehr. Verklagen Sie mich, wenn Sie wollen, dann werde ich eben erzählen, welch eine gemeingefährliche Person ihre Tochter ist, und daß mir, nachdem ich darüber unterrichtet bin, kein Mensch zumuten kann, sie zu behalten.“

Martha Mühsam erwiderte erregt: „Meine Tochter ist keine gemeingefährliche Person, und Frau Bernhardus hat mein armes Kind ohne triftigen Grund beschimpft. Sie kennen nicht den richtigen Sachverhalt.“

Frau Lademann zuckte mit den Achseln.

„Frau Bernhardus machte einen durchaus glaubwürdigen Eindruck. Im übrigen habe ich wenig Zeit.“

Sie machte eine nicht mißzuverstehende Bewegung nach der Tür.

Da ging Martha Mühsam mit schweren Füßen und schweigendem Munde. Es hatte wirklich keinen Zweck, mit Leuten wie Frau Lademann offen und ehrlich zu sprechen.

Jetzt, nach der Erfahrung in der Königsberger Straße, war sie selbst so weit, es am besten zu finden, wenn ihre Tochter ein Weilchen hier fortkam; sie fing an sich mit dem Gedanken einer weiten räumlichen Trennung von ihrem Fränzeken auszusöhnen. Es kommt ja doch alles, wie es soll! Damit tröstete sie sich und verscheuchte das Bangen, das ihr die Brust zusammenschnürte.

Wie sie nach Hause gekommen, sie hätte es selbst nicht sagen können. In ihrem Kopf war — neben aller Aussöhnung mit Franziskas Zukunftsplänèn — der marternde Gedanke, daß man ihr Fränzeken, das bravste und anständigste Menschenkind, aus der Stellung entlassen hatte wie eine schlechte, gemeine Person.

Sie sann, wie sie diesen neuen Schicksalsschlag ihrer Tochter beibringen sollte, brauchte dann aber gar nicht viel zu sagen, denn Franziska sah es dem Gesicht der Heimkehrenden schon an, daß neues Unheil heraufgezogen war.

Es bedurfte nur weniger Fragen, und sie war vollkommen unterrichtet. Sie sah die Ermattete gerührt an.

„Armes Mütterchen, es tut mir leid, daß du den schweren Weg für mich machen mußtest. Hätte ich das geahnt, wäre ich selbst gegangen trotz meines Kopfweh.“

Die kleine, magere Frau blickte erschreckt auf.

„Dann hätte es vielleicht wieder einen Zusammenstoß gegeben. Nein, nein, Kind, solchen Menschen wie Frau Bernhardus und Frau Lademann geht man am besten aus dem Wege.“ Sie saß am Fenster, faltete die Hände im Schoß. „Wir müssen nun abwarten, ob die Dame dich ohne Stellungszeugnis mitnehmen will, müssen abwarten, ob sie heute überhaupt kommen wird.“

Punkt vier Uhr erklang die Schelle. Franziska atmete auf, das mußte die Erwartete sein.

In einem schick gearbeiteten grauen Voilekleid und grauem Reiherhütchen trat die Spanierin ein.

Sie verstand es, ausnehmend liebenswürdig zu lächeln. Martha Mühsam hatte sofort Zutrauen zu ihr, hatte das Gefühl, dieser freundlichen, vornehmen Dame dürfte man ganz offen die Wahrheit sagen. Sie sah aus, als wenn sie Verständnis für alles besäße.

Und sie faßte sich ein Herz und erzählte, was gestern abend noch geschehen, erzählte auch von Frau Lademanns Auffasung der unangenehmen Angelegenheit.

Die Spanierin saß auf dem Sofa und hörte mit ihrem gleichmäßig liebenswürdigem Lächeln zu, nickte kurz.

„Fräulein Franziska begleitet mich nach Spanien, je eher, desto besser, denn es ist nach meiner Ansicht gefährlich, wenn sie dieser Frau von gestern abend noch einmal begegnet. Man kann sich auf solche Weise unglücklich machen fürs Leben.“

Bei sich dachte sie, daß sie Glück gehabt, weil ihr ein eigenartiger Zufall geholfen hatte, dieses wunderschöne Mädchen mit der so köstlich seltenen Haarfarbe mitnehmen zu können.

Sie hielt das Lächeln fest.

„Liebe Frau Mühsam, Ihr Töchterchen ist bei mir in den besten Händen. Meine Tochter hat ein Töchterchen von vier Jahren, für das sie durchaus eine deutsche Kindergärtnerin wünscht. Ich bin ja so froh, nicht erst lange herumsuchen zu müssen, um den Wunsch meiner Tochter zu erfüllen, jetzt ist mir aber auch jeder Tag kostbar.“ Sie wippte graziös mit der Fußspitze. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, meine Damen, wie wäre es, wenn ich mit Fräulein Franziska jetzt gleich in ein großes Konfektionsgeschäft fahre, und dort alles Nötige mit ihr zusammen einkaufe? Wir lassen dann alles Alte hier, bis auf ein paar ihrer Lieblingsstücke. Ich sagte Ihnen ja schon gestern, Fräulein, ich gebe Ihnen Vorschuß.“

In Franziska erwachte eine schwache Freude. Es mußte hübsch sein, in einem besseren Geschäft Kleidungsstücke einkaufen zu können, bisher hatte sie sich die Kleider und Wäsche mit Hilfe ihrer Mutter selbst zusammengeschneidert.

Die Spanierin nickte ihr zu.

„Kommen Sie, Kindchen, wir fahren Einkäufe machen, das tue ich nämlich fürs Leben gern.“

Martha Mühsam dachte, daß es doch ein großes Glück für Franziska sei, dieser vornehmen gütigen Frau begegnet zu sein.

Die Spanierin lächelte.

„Kommen Sie, Kindchen, die Abwechslung verjagt auch Ihr Kopfweh!“

„Geh nur, Fränzeken, und denke nicht immer an das Häßliche“, redete auch die Mutter zu.

Die Dame klatschte in die Hände, an denen zwei sehr geschmackvolle Ringe funkelten.

„Also gehen wir einkaufen!“

Franziska schoß es durch den Kopf: Wenn eine dieser Hände einen Ring in Gestalt einer Spinne aus Brillanten und Smaragden trüge, daß sie nicht mit nach Spanien hätte reisen mögen, selbst für die glänzendsten Versprechungen nicht. Denn den bösen Traum konnte und konnte sie nicht vergessen.

Die Dame erklärte eben Frau Martha Mühsam, sie habe die deutsche Sprache so gut von ihrem Manne gelernt, der sich viel Mühe mit ihr gegeben, nannte dabei ihren Namen Juanita Carreras.

Martha Mühsam sah die Spanierin förmlich verblüfft an. Den Namen würde sie in ihrem ganzen Leben nicht aussprechen können. Aber hübsch klang er. Wie Musik. Ganz anders als der Name Martha Mühsam.

In dem weißen Kleid mit dem weißen Hut, genau so gekleidet wie neulich beim Ausgang mit Fritz, verließ Franziska neben der Spanierin das Haus. Ein paar Mieter, die neulich der Szene im Hausgang beigewohnt, begegneten ihnen, wandten neugierig die Köpfe. Franziska zeigte eine abweisende Miene, sie grollte ihnen, weil ihr niemand beigestanden hatte.

Im Auto fuhr die Spanierin mit ihr nach der Tauentzienstraße vor einem Geschäft vor, wo sie für sich selbst letzthin auch Einkäufe gemacht hatte, wie sie Franziska erzählte. Eine sehr freundliche Verkäuferin erkannte Frau Carreras sofort wieder und brachte wunderhübsche Modellkleider, stapelte entzückende Wäsche auf und probierte Franziska ein paar überaus kleidsame Hüte auf.

Sie schlug entzückt die Hände zusammen.

„Oh, gnädiges Fräulein, was haben Sie für prachtvolles Haar! Diese Farbe ist unvergleichlich!“

Franziska zuckte unter der Anrede „gnädiges Fräulein“ zusammen.

Die Spanierin bemerkte es. Als die Verkäuferin sich ein Stückchen entfernte, um einem der breiten Spiegelschränke ein Kleidungsstück zu entnehmen, flüsterte sie Franziska zu: „Lassen Sie sich von ihr ruhig ‚gnädiges Fräulein‘ nennen, sie hält Sie sicher für eine Verwandte von mir, und das schmeichelt mir, weil Sie ein so süßes Mädchen sind.“

Franziska errötete vor Glück. Oh, hatte sie es gut getroffen, und fast zaghaft folgte sie, als die Verkäuferin bat, ihr in den Probiersalon zu folgen.

Franziska Mühsam kannte sich in dem entzückenden Reisekleid von blaugrünem, weichem Tuch und dem leichten Seitenhütchen ähnlicher Farbenschattierung im Spiegel kaum wieder.

Diese elegante junge Dame sollte sie sein? Kleider machen Leute! Das war wirklich so, fand sie.

Die Verkäuferin zupfte an dem Rocke herum.

„Eine Kleinigkeit kürzer!“ stellte sie mit fachmännischem Blick fest. Sie fügte hinzu: „Das kann sofort gemacht werden. Bis die Herrschaften Ihre weitere Auswahl getroffen haben, ist es schon erledigt.“

Als die Verkäuferin sich mit dem Kostüm entfernte, sagte Franziska zaghaft: „Bitte, gnädige Frau, wir wollen nicht mehr so viel kaufen, sonst geht das Gehalt dafür schon drauf, und ich kann meiner Mutter in den ersten Monaten kein Geld schicken.“

Juanita Carreras ergriff ihre Rechte.

„Kindchen, was sind Sie für ein ängstlicher kleiner Hase. Damit Sie aber beruhigt sind, erlaube ich mir, Ihnen unsere heutigen Einkäufe zu schenken, außerdem wollen wir Ihrer Mutter gleich das Geld hierlassen, denn ein Vierteljahr bleiben Sie ja mindestens bei uns. Übrigens bin ich sicher, Sie halten ein paar Jahre aus, bis meine Enkelin eine Lehrerin braucht.“

Franziska empfand jähe, überquellende Dankbarkeit für diese ihr doch eigentlich noch so fremde Dame.

Wie gut sie war, wie wundergut!

In ihre Augen traten Tränen, glitten langsam über ihre rosigen Wangen.

Juanita Carreras machte ein fast erschrockenes Gesicht, dann schüttelte sie den Kopf.

„Nicht grundlos weinen, Kind, es verdirbt die Augen. Freuen Sie sich, es tut Ihnen niemand etwas Böses.“

Eben kehrte die Verkäuferin zurück, mehrere entzükkende, leichte Kleidchen über dem Arm. Ein lichtblaues mit weißem Spitzenschal und ein weißes mit schwarzer Stickerei fanden vor den Augen der Spanierin Gnade, dazu ein paar schicke Blusen zu dem Kostüm.

So elegante Wäsche und Strümpfe suchte ihre Beschützerin aus, daß Franziska wie benommen dabeistand.

Das blaugrüne Kostüm mußte sie gleich anziehen. Auch den passenden Hut aufbehalten. Die alten Sachen ließ die Dame einpacken, davon sollte Franziska nichts mitnehmen nach Spanien.

„Neu, ganz neu fangen Sie drüben bei uns an, Kindchen“, lächelte ihr Juanita Carreras zu, „alles, was häßlich gewesen in Ihrem jungen Leben, vergessen Sie dann bei uns, ebenso wie die alten Kleider.“

Franziska dachte an Frau Malwine Bernhardus. Scham und Empörung jagten ihr dunkles Rot über die Wangen.

Ja, sie wollte vergessen, mußte es. Zu widerlich war alles noch in der Erinnerung. Sie würde auch Fritz vergessen, wollte ihn vergessen! Und es waren doch so selige, wunschlose Augenblicke, als er sie umschlungen und geküßt. So glücklich war sie gewesen. In den Augenblicken hatte sie fest an ihre Liebe zu ihm geglaubt. Jetzt nicht mehr, nein. Eine Kinderfreundschaft verband sie beide, nichts anderes. Bald würde sie über alles lächeln, was ihr heute noch wehe tat, weil sie ein törichtes, sentimentales Ding war.

Juanita Carreras hatte das Mienenspiel Franziskas scharf beobachtet.

„Seien Sie doch vergnügt, Kind, und werfen Sie mit den Kleidern alles, was Sie bedrückt, hinter sich“, ermunterte sie mit dem immer gleich liebenswürdigen Lächeln.

Es folgten noch Schuheinkäufe, dann fuhr man vor ein Koffergeschäft, in dem Frau Carreras einen großen Koffer sowie ein reizendes Handtäschchen für Franziska aussuchte.

Die sträubte sich gegen gar nichts mehr. Sie nahm jetzt alles mit der Selbstverständlichkeit entgegen, mit der man sich im Traum in die verblüffendsten Situationen hineinfindet. Juanita Carreras war so etwas wie eine Traumfigur für sie. War eine Schenktante aus dem Märchenbuche, so eine, wie es sie in Wirklichkeit selten gab. Und wenn, dann gehörte sie immer anderen Menschen.

Im Auto wurden die Sachen nach dem Grünen Weg geschafft, und dort ging die Spanierin gleich ans Packen. Nichts fehlte für die reichliche Reisetoilette einer jungen Dame von Welt, und Mutter Mühsam schüttelte nur immer wieder den Kopf.

Sie gönnte ihrem Kinde all den eleganten Firlefanz von ganzem Herzen, konnte aber nicht begreifen, daß im Handumdrehen aus ihrem Fränzeken eine so elegante Dame geworden war.

Dann ging es an die Erledigung der Formalitäten, die für Franziskas Auslandsreise notwendig waren und die sich mit Hilfe der gewandten Frau Carreras glatt abwikkelten. Ein paar Tage nach der häßlichen Szene mit Malwine Bernhardus war es so weit: die Abreise nach Barcelona, wo Frau Carreras wohnte, stand unmittelbar bevor.

Es war am Abend vorher, und Martha Mühsam saß mit ihrer Tochter zusammen am Tisch. Sie tranken Tee und aßen belegte Brötchen dazu. Die Spanierin hatte der blassen, kleinen Frau zweihundert Mark aufgedrängt.

„Vorschuß von Ihrem Töchterchen, liebe Frau Mühsam“, hatte sie dazu gesagt, „dann braucht Franziska während der ersten Monate nichts zu schicken.“

Nun hatte Martha Mühsam die beste Wurst, den besten Schinken eingekauft, es sollte ihrem Fränzeken noch einmal recht, recht gut schmecken in der engen, kleinen Wohnung der Mutter. Sie würde bald anderes gewöhnt werden, und sie würde sich, wenn sie einmal wiederkam, vielleicht gar nicht mehr wohlfühlen in den überaus einfachen Verhältnissen, aus denen sie stammte.

Ob es gut war, daß ihr Kind so verwöhnt wurde?

Sie blieb ja doch nur die Kindergärtnerin, die entlassen wurde, wenn sie der Herrschaft nicht mehr gefiel.

Die Mutter konnte nicht anders, sie mußte ihre Bedenken äußern. Franziska nickte ihr beipflichtend zu.

„Eigentlich hast du recht, Mütterchen, vollkommen recht. Aber ich verspreche dir, daß die feinen Kleider und die feine Wäsche ebensowenig eine andere aus mir machen werden wie die feine Stube, die ich wohl in Barcelona bewohnen werde. Ich bleibe dein Fränzeken, das nur so weit von dir fortgeht, weil es sich so jämmerlich vor einem abscheulichen Weib fürchtet.“

„Nur deshalb?“ Martha Mühsam fragte es betont.

„Nein, nicht allein deshalb, Mutter. Auch die viel höhere Bezahlung lockt mich. Aber weshalb noch über die Gründe sprechen? Ich habe großes Glück gehabt.“

Martha Mühsam mußte das zugeben, im übrigen aber verstand sie nicht, wie man so weit von der Heimat fortgehen konnte.

Doch sie sagte nichts mehr darüber. Sagte auch nichts mehr von der heißen, jagenden Angst, die sie heute schon den ganzen Tag so ruhelos gemacht. Ihr Fränzeken ging so weit von ihr fort. Was erwartete sie in dem fremden Lande?

War dort für Fränzeken wirklich alles so rosig und schön, wie es die Spanierin in Aussicht gestellt hatte?

Oder hatte die Stellung auch ihre Schattenseiten?

Ihre Bedenken, ihre Angst kamen zu spät, denn Frau Carreras hatte um Franziskas willen schon große Ausgaben gehabt. Sie schalt sich selbst schwerfällig und töricht. Nur dem Kinde nicht mehr das Herz belasten, nur das nicht tun!

„Fritz soll Lungenentzündung haben“, erzählte sie. „Frau Schneidereit sagte es mir vorhin. Er sei sehr krank gewesen, ein paar Tage lang, nun sei er auf dem Wege zur Besserung.“ Sie setzte hinzu: „Kannst du es denn fertigbringen, ohne Abschied von ihm fortzugehen?“

„Ja, Mutter, das kann ich, weil ich weiß, es ist zu seinem und meinem Besten.“

Franziska sagte es mit niedergeschlagenen Wimpern, weil sie plötzlich ein Brennen in den Augen spürte, das von jäh aufsteigenden Tränen kam.

Martha Mühsam achtete nicht auf Franziska, sondern sagte nur kopfschüttelnd: „Ich war so sicher, daß aus euch beiden später mal ein Paar werden würde!“

Franziska tupfte unauffällig die Tränen fort und lächelte bitter.

„Wenn es keine Frau Malwine Bernhardus auf der Welt gäbe, wäre es möglich, daß Fritz und ich später geheiratet hätten. Aber er wird mich und ich ihn vergessen. Man darf sich in so was gar nicht erst hineinreden.“

„Wenn Fritz gesund ist, wird er kommen und nach dir fragen“, setzte die Mutter das Thema fort, „ich werde ihm dann erzählen, was dir seine Tante angetan hat, und daß du hauptsächlich deshalb das Angebot der spanischen Dame angenommen hast.“

„Nein, Mutter, tue das, bitte, nicht; wir sprachen doch schon darüber. Fritz soll sich mit seiner Tante nicht überwerfen, èr darf meinetwegen keine Unannehmlichkeiten haben. Wenn er es von anderer Seite hört, kann ich es nicht ändern, aber durch unsere Schuld sollen ihm keine Nachteile erwachsen.“ Sie hatte ganz heiße Wangen vor Erregung. „Lieber mag er glauben, ich wäre davongefahren, ohne noch besonders an ihn zu denken. Sage ihm einen Gruß und weiter nichts. Ich weiß, die Verwandten von Fritz haben Vermögen; wenn er sich gut mit ihnen steht, erbt er alles. Meinetwegen soll er es nicht verlieren, was ihm jetzt sicher ist. Er braucht es vielleicht einmal sehr nötig. Was sollen wir zwei armen Kirchenmäuse auch zusammen?“ Sie schob der Mutter die Rechte hin. „Versprich mir, Mutter, zu Fritz nichts davon zu erwähnen, was seine Tante mir angetan!“

„Du bist zu gut“, sagte Martha Mühsam etwas mißbilligend. „Sieh, Fränzeken, ich gehe doch gewiß allem, was mit Zank und Klatsch zusammenhängt, aus dem Wege, aber ich ärgere mich darüber, daß du nun abreisen willst, ohne dem Fritz zu sagen, welcher Hauptgrund dich wegtreibt, und daß ich auch schweigen soll. Irgendeine böse Zunge erzählt ihm dann später die Sache und verdreht alles, und der Abwesende hat immer unrecht.“

„Das ist mir ganz gleich, Mutter. Wenn Fritz mich wirklich liebhat, wie du immer behauptest, dann glaubt er nichts Häßliches von mir. Tut er es aber doch, dann hat er mich eben nie liebgehabt, und mir kann nichts mehr an seiner Meinung liegen.“ Sie lächelte die Mutter an. „Erfülle meinen Wunsch, Mutter! Morgen um diese Zeit bin ich schon weit, fast schon in Frankfurt am Main. Da möchte ich nicht während der Fahrt und nachher, wenn es weitergeht, immer denken, eben setzt das Ehepaar Bernhardus vielleicht gerade dem armen Fritz den Stuhl vor die Tür. Er, der streben und sparen und vorwärtskommen wollte, muß sich fortan nach der Decke strecken, um für sein Leben zu sorgen. Wer weiß, ob er allmählich nicht sogar unlustig wird, seine Sprachstudien zu betreiben. Er ist ein bißchen verwöhnt, seine Tante soll, trotz ihrer rauhen Schale, aufs äußerste um ihn besorgt sein.“

Martha Mühsam seufzte: „Wenn du es durchaus willst, Fränzeken, wäre es ja schlecht von mir, dir das Versprechen nicht zu geben. Also ich verrate keine Silbe von der Gemeinheit seiner Tante. Aber was soll ich ihm selbst sagen, wenn er mir begegnet oder zu mir heraufkommt und mich nach dir fragt? Ich weiß, das tut er ganz sicher.“

Franziska schob ihren Teller beiseite.

„Brauchst ihm nichts weiter zu sagen als die Wahrheit. Ich hätte eine Dame kennengelernt, die mich als Kindergärtnerin für ihre Enkelin mit nach Spanien genommen hat. Sage ihm einen Gruß dazu, weiter nichts.“

„Aber, Fränzeken, deine Adresse darf er doch wissen, nicht wahr?“

„Meinetwegen, das heißt, wenn er sie haben will.“

Franziska fühlte, während sie so antwortete, einen feinen, stechenden Schmerz in der Gegend des Herzens. Was war das nur? Tat es ihr doch leid, so abschiedslos von Fritz fortzugehen, so ohne ein liebes Wort, ohne einen Händedruck? Hatte sie sich nicht vor wenigen Tagen erst von ihm küssen lassen, seinen Zukunftsplänen nur allzu gern gelauscht?

Ach, weg mit den Gedanken, das Leben war noch lang, und draußen wartete die große, bunte Welt auf die kleine Fränze Mühsam aus dem Osten Berlins. Hier aber lauerte böse und giftspeiend Malwine Bernhardus auf sie.

*

Am nächsten Morgen gab es einen kurzen, aber um so innigeren Abschied zwischen Mutter und Tochter.

„Wenn es dir in der Fremde nicht gefällt, mein Fränzeken, dann komm wieder, es gibt auch in der Heimat Brot genug für Menschen, die wirklich arbeiten wollen“, sagte Martha Mühsam, und zwang tapfer ihre Tränen zurück.

Es war in aller Herrgottsfrühe, aber pünktlich, wie verabredet, stand schon das Auto vor dem Hause, und drinnen saß Frau Carreras und begrüßte Franziska mit festem Händedruck. Klein und gebückt stand Martha Mühsam neben dem Auto. Noch ein Gruß, ein Händereichen, dann fuhr der Wagen an und entschwand bald den Blicken der schmalen, blassen Frau, mit deren grauem, krausem Haar der Morgenwind spielte.

Es war, als streiche sanft, ganz sanft eine tröstende Hand darüber hin. Gebeugt, wie ein ganz, ganz altes Mütterchen, schlich Martha Mühsam ins Haus zurück.

*

Die Reise war herrlich. Franziska, die in ihrem Leben noch nie über die Vororte Berlins hinausgekommen, fuhr jetzt im D-Zug in die Welt hinein. Ortsnamen, die ihr aus der Geographiestunde im Gedächtnis hängengeblieben, wurden plötzlich zu etwas Wirklichem.

Aber nirgend ward lange Rast gemacht. Weiter! Weiter! Monoton sangen es die Räder, sangen es mit Dröhnen. Weiter! Weiter!

Durch Deutschland und das Elsaß ging die Fahrt. Eine kurze Nacht in Paris reihte sich an. Doch Franziska sah wenig von Frankreichs Hauptstadt. Sah einen Bahnhof, auf dem sie ankam, einen anderen, von dem sie wieder abfuhr, dazwischen lagen zwei Autofahrten und ein paar Stunden Aufenthalt im Hotel.

Sie saß dann wieder im Zug, schlief eine Nacht in Narbonne. Frau Carreras sprach französisch so fließend wie deutsch. Franziska schämte sich, weil sie keine Silbe Französisch verstand. Und sie fragte sich, weshalb sich die reiche Spanierin nicht für das viele Geld, das sie schon für sie verausgabt, eine gebildete Kindergärtnerin mitgenommen habe. Sie hatte eigentlich ein geradezu fabelhaftes Glück gehabt. Sie gab sich die größte Mühe, sich der immer gleichmäßig liebenswürdigen Dame dienstwillig zu erweisen, fand aber nicht viel Gelegenheit dazu. Frau Carreras war so gewandt in jeder Beziehung, daß sie eigentlich immer von ihr bedient wurde.

In Narbonne schlief sie mit der Dame in einem gemeinsamen Raum. Das eine Bett stand neben der Balkontür, das andere in einem vorhanglosen Alkoven. Franziska schlief bald ein, sie hatte zwei Gläser Wein getrunken und war sehr müde davon geworden. Sie hörte nicht, wie Juanita Carreras sich wieder leise erhob und zu ihr in den Alkoven schlich. Sie atmete ruhig und tief weiter, merkte nicht, daß der Schein einer Taschenlampe über ihr Gesicht glitt, und sah nicht das zufriedene Nicken der an ihrem Lager Stehenden, die nach einem Weilchen wieder in ihr Bett zurückhuschte.

Franziska hatte nicht bemerkt, daß sie nächtlichen Besuch gehabt, aber ein häßlicher Traum hatte sie gequält um die Morgenstunde. Sie sah wieder im Traum die weiße Frauenhand mit dem seltsam geformten Ring in Gestalt einer Spinne aus Smaragden und Brillanten und sah dann wieder die ekelhafte Riesenspinne, die ihr ein starkes Netz über den Kopf warf. Laut aufgeschrien hatte sie, und auf den Schrei stürzte Frau Carreras an ihr Bett. Sie war bereits. angekleidet und fragte erschreckt, was geschehen wäre.

„Ich habe etwas sehr Böses geträumt.“

Frau Carreras sah sie forschend an.

„Sind Sie nervös, liebes Kind?“

„Nein!“ Franziska schüttelte den Kopf. „Aber im Traum weiß man doch nicht, was man tut. Ich entsetzte mich im Traum so sehr, da schrie ich wohl. Ich bin ja vor meiner eigenen Stimme hochgefahren.“

Die Spanierin lächelte. „Stehen Sie auf, Kind. Bei gutem Milchkaffee und Butterbrötchen vergessen Sie Ihren Traum.“

Sie hatte recht. Bei Milchkaffee und Butterbrötchen dachte Franziska nicht mehr an ihren Traum. Dann saß man wieder im Zuge, und wie im Fluge verging Franziska die Weiterreise durch Südfrankreich.

Die Pyrenäen wuchsen auf, kamen näher und näher. Das blaue Meer zeigte sich. Weiße, stille Häuser mit flachen Dächern grüßten stumm und fremd, während die Räder des Zuges wieder mit montoner Stimme ihr: Weiter! Weiter! sangen.

Ja, weiter, weiter!

*

Franziska saß mit klopfendem Herzen und ließ sich von ihrer Begleiterin gern alles genau erklären und dachte nicht mehr an die kleine Berliner Hofwohnung im vierten Stock, wo eben, um diese gleiche Zeit, ihre Mutter von der Nähmaschine aufstand, um nachzusehen, wer an der schmalen Flurtür geklingelt hatte.

Es war bald drei Uhr, wie Martha Mühsam kurz vorher festgestellt hatte.

Erschreckt trat sie zurück. Fritz Bernhardus stand vor ihr, fragte erregt: „Wo ist Fränze? Ich war krank, lag zu Bett und hörte vorhin zufällig meine Tante im Nebenzimmer mit jemand sprechen. Man glaubte, ich schliefe, und sprach etwas laut. Ich verstand jedenfalls alles. Sagen Sie, Frau Mühsam, ist’s wahr, daß Fränze fort ist?“

Er stieß das letztere wie im Fieber hervor, und seine braunen Augen blickten sie flackernd an.

„Komm ’rein, Fritz, hier auf dem Flur zieht es, du scheinst noch krank zu sein.“

Er folgte ihr ins Zimmer, wo die Nähmaschine stand.

„Möglich, daß ich noch krank bin“, sagte er hastig, „ich bin ja auch heimlich aufgestanden, weil ich Gewißheit haben mußte. Schnell, Frau Mühsam, schnell! Wo ist Fränze?“

Hektische Fieberflecke brannten auf seinen Wangen, und seine Augen glänzten zu sehr.

Martha Mühsam sah, ein Kranker stand vor ihr, ein noch sehr Kranker. Durfte sie ihm die Wahrheit sagen, ohne ihm zu schaden? Durfte sie ihn belügen, ohne ihm durch spätere Wahrheit vielleicht noch mehr zu schaden?

Sie sann erschreckt darüber nach.

Er ergriff ihre Rechte, sie fühlte die Glut seiner Hand.

„Die Wahrheit, Frau Mühsam, bitte, die Wahrheit! Ist Fränze fort, weit fort, wie man sagt? Ist sie nach Spanien mit einer reichen Dame?“

Martha Mühsam hatte kein Talent zu Lügen. Sie neigte stumm den Kopf.

Fritz Bernhardus stand wie an den Gliedern gelähmt. Fränze, seine einzig liebe, blonde Fränze war so weit von ihm fortgegangen, ohne ihm ein Wort davon zu sagen?

Er raffte sich zusammen.

„Fränze hat für mich natürlich einen Brief hinterlassen. Geben Sie ihn mir schnell, liebe Frau Mühsam!“

Er schwankte etwas. Die kleine, dürftige Frau schob ihm einen Stuhl zu, drückte ihn mit mütterlich sorgender Hand darauf nieder.

„Fränze hinterließ keinen Brief für dich, Fritzeken.“

Sie nannte ihn unwillkürlich wieder so wie in seiner Kinderzeit.

„Fränze ist nach Spanien und hat keinen Brief hinterlassen für mich?“

Es klang ungläubig im höchsten Grade. Das war doch wirklich eine Unmöglichkeit! Ohne Wort und ohne Nachricht konnte sie ihn doch nicht verlassen haben. Das glaubte er einfach nicht.

Das war ja alles so völlig unverständlich und zugleich so traurig, so herzzerreißend traurig.

Verzweifelt fragte er: „Hat Fränze Ihnen wenigstens etwas für mich bestellt?“

Seine Lippen zuckten, während er auf Antwort wartete. Martha Mühsam kam sich wie ein Henker vor. Was aber blieb ihr übrig? Sie erzählte leise, daß eine reiche Dame Fränze kennengelernt und als Kindergärtnerin für ihre Enkelin nach Spanien mitgenommen hatte.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

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Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
240 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711570104
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