Kitabı oku: «Wenn das nicht geschehen wäre»
Anny von Panhuys
Wenn das nicht geschehen wäre
Originalroman
Saga
Wenn das nicht geschehen wäre
© 1950 Anny von Panhuys
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711592304
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1.
O du kleines, stilles Ackerstädtchen! Ist es nicht, als hättest du den Frieden gepachtet für alle Zeiten? Doch an Markttagen merkt man, du liebst auch das laute Leben. Dann lockst du die Menschen an, die ringsum auf kleinen Gehöften, auf gediegenen Erbhöfen und grossen Gütern wohnen. Sie kommen dich besuchen, und du hältst dann selbstbewusst und ganz von deiner Wichtigkeit durchdrungen Hof. O du kleines, sonst stilles Ackerstädtchen, du bist auch an solchen lauten Tagen reizvoll, wenn Autos und Pferdewagen aller Art — vom altmodischsten Vehikel bis zur sanft federnden Equipage, auf die Grossmama noch mächtig stolz gewesen — durch deine Strassen fahren.
Die Klosterkirche, der alte, noch immer kraftvolle Bau aus frühem Mittelalter, steht feierlich backsteingotisch, als riesiger Hintergrund vor dem Markttreiben, und die Landleute kaufen und verkaufen, sie wandern durch die Strassen und treten in die Läden ein. Markttag ist der grosse Tag der Besorgungen. Und Jahrmarkt ist der allerwichtigste Tag der Besorgungen und zugleich Vergnügungen. Da gibt’s allerlei Spass auf dem Rummel, und die Börse sitzt allen etwas lockerer in der Tasche als sonst.
Herbstjahrmarkt! Vom Rummel dudelte die Karusselmusik, und ab und zu wehten abgerissene Tonfetzen in ein Haus am Wall. Es war ein einstöckiges, älteres, aber sehr solide gebautes Haus mit einem Laden, zu dem eine Stufe hinaufführte. In einem grossen, geschmackvoll zurechtgemachten Schaufenster sah man Funkgeräte, Lautsprecher und Lampen. Über der Tür stand:
Paul Harnisch
Ingenieur und Elektromeister
Installation und Radio
Kraftanlagen und Ankerwicklung
Das Geschäft war heute sehr besucht. Paul Harnisch hatte alle Hände voll zu tun. Seine Mutter und Elisabeth Römer, seine Schreibhilfe und seit kurzem seine Verlobte, unterstützen ihn beim Verkauf. Radio war längst kein Vorrecht mehr für einzelne. Jeder, auch der kleinste Kossäte, wollte darüber unterrichtet werden, was in Deutschland und in der Welt vorging, und bei Paul Harnisch kaufte man gut, wurde fachmännisch von ihm beraten. Als es zu dunkeln begann, wurde der Laden leer und es war, als ob mit den letzten Kunden auch die Spannkraft der drei, die den ganzen Tag über so eifrig bedient hatten, verschwunden wäre.
Paul Harnisch war gross und schlank, doch dabei breitschultrig. Sein Haar war hellbraun und lag sehr straff zurückgekämmt über einem Gesicht, dessen scharfer Schnitt durch die dunklen Brauen noch stärker betont wurde. Hellgraue Augen hatte er und die Linien seines Mundes waren ein wenig weich geschwungen.
Er verliess zuerst den Laden, und seine Mutter, die ihm sofort folgte, fand ihn in der Wohnstube am offenen Fenster.
Sie schalt gutmütig:
„Wir haben Anfang Oktober, Paul, und es ist gegen Abend draussen schon kühl, da sollte man ein warmes Zimmer eigentlich zu schätzen wissen.“
Er schloss das Fenster, das er eben geöffnet hatte, sehr geräuschvoll. So wie jemand, der inneren Zorn, den er mühsam verbeissen muss, an einem Gegenstand auslässt.
Frau Harnisch war mittelgross und mollig. Ihr Haar lag in graublonden Zöpfen um den Kopf. Sie hatte seit den Mädchentagen ihre Frisur niemals geändert. Nun zupfte sie den Sohn am Rockausschlag.
„Jungchen, Jungchen, das kann und darf nicht so weitergehen mit dir. Den ganzen Tag und mindestens noch die halbe Nacht quälst du dich mit der unglückseligen Geschichte herum.“ Sie sah zu ihm auf. „Da stehst du vor mir, guckst ’runter auf mich, und ich muss dir immer wieder zureden, wie ’nem Hosenmatz.“ Sie drückte ihn auf einen Stuhl. „Ich finde, wenn man von unten nach oben ’rauf reden muss, geht dabei eine Menge von der Autorität verloren! Und die brauche ich, wenn ich dich zur Vernunft bringen will. Das muss ich aber, denn ich mag’s nicht mehr mit ansehen, wie du dich kaputt machst — und Elisabeth sieht auch schon ganz trübselig aus.“ Sie legte ihm beide Hände auf die Schultern. „Wir haben Pech gehabt, Paul, aber uns selbst ist wenigstens nichts geschehen. Wir sind gesund, und mit dem Pech müssen wir fertig werden. Ich predige dir das immer wieder und hoffe, du bringst endlich die Kraft auf, dich aus dem ewigen Drandenken herauszureissen. Die Kundschaft ist dir doch nicht weggelaufen, und das ist schliesslich das Allerwichtigste.“
Er lachte kurz auf. Es klang bitter.
„Ach, Mutter, du meinst es ja gut mit mir und ich erkenne das gewiss an. Ich bin dir auch dankbar für jedes liebe Wort, aber so einfach, wie sich das mit dem, was die Kundschaft betrifft, anhört, ist es leider nicht.“ Er presste zwischen den Zähnen hervor: „Verdammt schwer ist es sogar. Natürlich, Funkgeräte sind genügend da, und ich kann auch jederzeit nachbestellen. Aber die Werkstatt ist zum Teufel, und ein paar der Arbeiter sind zunächst brotlos geworden durch meinen sträflichen Leichtsinn. Alles Material ist verbrannt, und die Feuerversicherung kann mir nicht helfen, ich trage allzu klar die Schuld an dem Unglück. Das weiss ich natürlich und habe es auch sofort erklärt —“
„Ja, so überklug bist du gewesen!“ kam es von der Tür her. Elisabeth Römer stand dort, und die sehr hohe Stimme, die einem Kinde anzugehören schien, kippte vor Erregung über.
„Du brauchst ihm das, was Paul selbst am besten weiss, nicht immer noch von neuem zu bestätigen, Elisabeth. Du hilfst ihm dadurch bestimmt nicht.“ Frau Harnisch sagte es verweisend.
Elisabeth trat langsam näher. Sie hatte einen eigentümlichen Gang. Sie wippte beim Gehen abwechselnd immer ein wenig nach rechts und nach links. ‚Schmetterlingsgang’ nannte es Paul in zärtlichen Augenblicken. Elisabeth fand die Bezeichnung verdreht, aber sie behielt das für sich. Sie wandte sich an Frau Harnisch:
„Ach, Schwiegermutter, du tust, als ob Paul ein armer Pechvogel wäre, den man nur bedauern müsste oder mit Trostworten füttern. Ich denke etwas anders darüber. Schuld hat er nun mal an dem Unglück, aber es hat nicht bloss ihn getroffen. Dich und mich auch. Mich nicht mal zu knapp. Mit dem Heiraten im Januar ist’s doch nun wahrscheinlich Essig geworden, und es war vorher alles so schön und glatt in Ordnung.“
Ein paar Tränen drängten sich aus ihren hellbraunen Augen, die nicht besonders gross waren, aber jenen eigenen, sanften Ausdruck hatten, weshalb man sie allgemein mit ‚Rehaugen’ bezeichnet. Rehaugen bei Menschen sind nicht immer der Spiegel der Seele. Aber wer das nicht am eigenen Leibe erfahren hat, glaubt es nicht.
Elisabeths Gesicht war klein und sehr ebenmässig, das Haar dunkelbraun und gelockt. Sie war sehr stolz darauf, dass ihr die Natur Dauerwellen geschenkt hatte. Und noch einen Vorzug besass die kleine, zierliche Elisabeth Römer. Ihr Lächeln war von ganz besonderem Reiz. Sie verzog nur ein klein wenig den Mund, und dann bildeten sich sofort zwei tiefe Grübchen in den Wangen.
Diese Grübchen hatten es dem grossen, breitschultrigen Paul Harnisch sehr bald angetan.
„In die Grübchen habe ich mich vergafft. Mutter,“ hatte er gesagt, als er ihr erklärte, er liebe Elisabeth Römer und würde sie heiraten, auch wenn sie kein einziges Stückchen Wäsche mit in die Ehe brächte. Frau Harnisch hatte darauf erwidert: Viel brächte Elisabeth Römer auch kaum mit, denn was sie verdiene, gehe für neue Kleider und hochhackige Schuhe drauf! Er dagegen lachte: „Ein junges hübsches Mädel muss eitel sein. Ich liebe Elisabeth gerade so, wie sie ist!“ Frau Harnisch hörte aus jedem Wort heraus, dass es keinen Zweck mehr hatte, dem Sohn abzuraten, wie sie es gern getan hätte. Sie würde dabei nur einen Teil seiner Liebe und seines Vertrauens aufs Spiel setzen, und so antwortete sie denn: „Du bist neunundzwanzig Jahre, also alt genug, dir deine Lebensgefährtin selbst zu wählen. Ich habe keine besonderen Gründe, dass du Elisabeth nicht nehmen sollst.“
Eigentlich hatte sie doch besondere Gründe, aber die genügten nicht, denn er würde sie nicht beachten. Er hatte es ja nicht getan, als sie flüchtig darauf hingewiesen: Was Elisabeth verdiene, gehe für neue Kleider und hochhackige Schuhe drauf!
Also hatte sich Paul Harnisch mit Elisabeth Römer verlobt, deren Eltern lange tot waren, und die bei einer Tante lebte, die in den Häusern der Bürger und daheim Wäsche ausbesserte und manchmal auch neue anfertigte.
Als Elisabeth mit tränenfeuchten Augen vor dem Manne stand und ihn anklagend anschaute, kam er sich ganz erbärmlich vor.
Er bat: „Hilf mir doch mit Güte und Zureden, wie es Mutter tut, Elisabeth.“ Dann fuhr er erregt fort: „Ich habe das Schlimme doch nicht mit Absicht getan, nicht wahr? Ich bin ja schon beinahe irrsinnig vor lauter Selbstvorwürfen, und das ist wahrhaftig Strafe genug.“ Er erhob sich mit einem Ruck. „Du lieber Gott, die Tatsachen ändern sich nicht, und wenn ich sie auch noch tausendmal von neuem erzähle. Ich war an dem Abend wie verblödet vor Übermüdung. Es hatte soviel zu tun gegeben, dazu ist mir vielleicht sogar die Freude etwas zu Kopf gestiegen, weil ein Tag hinter mir lag, den ich als einen besonders erfolgreichen für mein junges Geschäft buchen durfte. Vater war ein kleiner Klempnermeister und sein Lädchen nur winzig, und nun zeigte sich allmählich — an dem bewussten Tag aber ausnahmsweise deutlich — für mich die Aussicht, dass unser Name zu einer grossen Firma werden könnte.“
Er lief quer durch das grosse, etwas altmodisch eingerichtete Zimmer.
„Himmel, musste ich als letzter, der hinten die Werkstatt verliess, duselig und ermüdet, wie ich war, vergessen, den Stecker aus der Steckdose zu nehmen, so dass der verflixte kaputte Wärmestrahler sich noch immer betätigen konnte und den frisch gewickelten Anker weiter trocknete. Und der Sack, den ich über den Krimskrams gelegt hatte, damit keine Wärme fürs Trocknen verloren gehen sollte, ist dann verrutscht...“
Elisabeth vollendete ungeduldig: „ ... und schliesslich hat die Heizspirale den verrutschten Sack berührt und entzündet. So entstand das Feuer. Aber das wissen wir ja alles, und du erzählst es ausserdem jedem, der’s hören will. Kein Mensch hätte vielleicht daran gedacht, wenn du dich nicht selbst angeklagt hättest — und mit der Feuerversicherung war’s natürlich nichts.“
Frau Harnisch mischte sich ein:
„Du sollst nicht so reden, Elisabeth, du beleidigst Paul damit. Er hat leichtsinnig und fahrlässig gehandelt und deshalb kein Anrecht auf eine Versicherung. Du darfst seine Ehrlichkeit aber nicht als Dummheit hinstellen.“
„Mutter, Elisabeth meint es nicht so,“ entschuldigte der Sohn das zierliche Wesen, über dessen Gesicht ein Hauch von rosigem Puder lag, der verbarg, wie blass es darunter geworden war.
Elisabeth tupfte ein paar Zornestränen fort.
„Deine Mutter verkennt mich leider, Paul. Ich habe dich doch so lieb.“
Die Rehaugen blickten zärtlich und scheu, die Grübchen waren plötzlich auch da, und ein verliebter Mann war trotz allem Pech — wenigstens ein paar Minuten lang — glücklich.
Frau Harnisch entfernte sich, um in der Küche das Abendbrot vorzubereiten, und drinnen im Wohnzimmer drängte sich Elisabeth an Paul heran und liess sich von ihm wie ein Kind in die Arme nehmen. Er flüsterte ihr dabei ins Ohr:
„Es wird ja alles, alles wieder gut werden. Wollen aber jetzt nicht mehr davon reden, ich möchte gar nichts denken ... als nur an dich.“
Die Ladenklingel meldete Kundschaft an. Es fehlten nur noch ein paar Minuten an sieben Uhr.
Elisabeth machte sich aus den Männerarmen frei, zupfte flüchtig und gewohnheitsmässig an ihrer Frisur herum und ging in den Laden. Sie kehrte gleich darauf zurück.
„Die Wirtschafterin von Frau Gregorius war da. Du sollst, wenn’s dir irgend möglich ist, heute noch zu ihr kommen. Vor halb neun wäre es ihr am angenehmsten. Um neun pflegt sie schlafen zu gehen.“ Sie spöttelte: „Wahrscheinlich will sie etwas am elektrischen Licht in Ordnung gebracht haben, das darfst du umsonst und nebenbei tun. Dafür ist sie deine Patin, bloss fürs Berappen ist die Ollsche nicht.“
Er schüttelte den Kopf.
„Die ‚Ollsche’ ist eine liebe, alte Frau, und dass sie nicht viel Geld hat, dafür kann sie nichts. Wenn ich ihr einen Gefallen erweisen kann, tue ich’s sehr gern. Früher hat sie meinen Eltern oft ausgeholfen, und mir hat sie, als sie es noch konnte, auch manche Mark zugesteckt.“
Elisabeth erwiderte nichts, und da es eben sieben Uhr schlug, meinte sie, dass sie jetzt wohl nach Hause gehen könne, sie wäre sehr müde vom vielen Bedienen.
Er nickte und brachte sie bis vor die Tür. Das Gutenachtsagen bei Frau Harnisch vergass Elisabeth nicht nur heute, das hatte sie schon öfter vergessen.
* * *
2.
Kurz nach acht Uhr — er hatte sehr schnell zur Nacht gegessen — sass Paul Harnisch seiner Patin gegenüber. Fünfundachtzig Jahre zählte die alte Dame, und ihr Gesicht war verschrumpelt wie ein Borsdorfer Apfel.
Sie nahm seine Hand und begann zu reden. Ein bisschen heiser und brüchig. Sie sprach von seinem Pech, von dem man ihr erzählt, und wie sie nachgedacht hätte, um ihm beizustehen; denn die Werkstatt müsse allerschnellstens wieder aufgebaut werden. Ob sie ihm in allem helfen könne, wisse sie zwar nicht, aber etwas für ihn tun könne sie bestimmt.
Sie lächelte, und dabei spielten zahllose Fältchen um Augen und Mund.
„Weisst ja, Paulemann, dass die alte Gregorius, ehe sie den Pfarrer Gregorius heiratete, eine von der Bühne gewesen ist ... und keine ganz Unbekannte. Ein seltsames Paar, nicht wahr — der Gottesmann und die Schauspielerin. Ja, wo die Liebe hinfällt. Es war ein Roman, den ich nie bereute erlebt zu haben. Du weisst, ich besitze kein Vermögen, das Sparen lag mir früher ganz und gar nicht, und wenn ich nicht die Pension bekäme ...“ Sie brach ab. „Das heisst, — von Wert habe ich noch etwas, — ich wollte es aufheben bis zu meinem letzten Tag, weil ich mich so schwer davon trenne. Aber ich sehe nun ein, ich muss dir helfen. Meine drei Jungen sind tot, kein Verwandter von mir bleibt zurück, wenn ich für immer gehen werde. Und du hättest das, was ich meine, später doch bekommen.“
Paul Harnisch, dessen Hände die alte Frau noch immer hielt, wehrte ab:
„Sie sollen sich meinetwegen keine Sorgen machen, liebe Frau Gregorius. Ich möchte wirklich nicht, dass Sie sich deshalb auch nur mit einem einzigen schweren Gedanken belasten.“
„So schlimm ist’s ja gar nicht, Paul. Lass gut sein, wir wollen das, was ich eben gesagt habe, und was sich vielleicht etwas feierlich anhörte, nicht so tragisch nehmen.“ Sie liess seine Hände los. „Jetzt hör zu, Paulemann, du ganz grosser Bengel. Weisst du, ich habe dich immer sehr gern gemocht, und so ein Altchen wie ich darf dir ja ruhig eine Liebeserklärung machen. Also, ich habe noch aus meiner Glanzzeit einen Brillantring mit einem reinen, dreikarätigen Solitär, und ausserdem einen losen Stein, einen Smaragd, der ziemlich wertvoll ist. Ein Maharadscha hat mich mal spielen sehen an einem kleinen Hoftheater, wo ich gastierte. Ein alter Herr war’s; wie der Gandhi hat er fast ausgesehen. Kein einziges Haar mehr hatte er, wie man sagte, auf dem Kopf. Aber der Turban tat da gute Dienste. Er war zu Besuch bei dem Landesfürsten und hat mir den Stein in einem Strauss Rosen geschickt. An dünner Goldkette hing er. Mein Mann konnte das Schmuckstück aber nicht leiden und ärgerte sich, wenn ich es trug. Er behauptete, es wäre Unheil damit verbunden. In Wirklichkeit schien ihm der Anhänger wohl zu prunkvoll für seine Pfarrersfrau.“
Sie kicherte. So leise und fern klang das Kichern, als käme es hinter dem Rollschreibtisch hervor oder hinter dem Eckschrank mit dem sorgsam gepflegten Porzellan.
Sie tat plötzlich geheimnisvoll.
„Die Inder haben allerdings eine Menge los mit sonderbaren und unerklärlichen Dingen, und eigentlich stimmte es, was mein Mann vorgebracht hatte, um mir den Smaragd zu verleiden ... Immer, wenn ich ihn trug, geschah nämlich irgend etwas sehr Unangenehmes oder Schlimmes in der Familie. Mir graute schliesslich auch davor. Ich hätte den Stein später öfter verkaufen können, aber ich mochte mich trotz meines Mannes und meiner eigenen Abneigung dagegen nicht davon trennen, weil er so schön war. Jetzt aber soll es geschehen. Von heute an gehört dir der Smaragd und der Ring, und du sollst beides verkaufen. Wenn du willst, und der Smaragd genug bringt, brauchst du den Ring nicht zu veräussern und kannst ihn zum Andenken behalten. Ich möchte dir auch angeben, wo du beides wahrscheinlich loswerden wirst. Vor einigen Jahren zeigte ich nämlich den Stein gelegentlich einem Goldschmiedemeister, der ihn sofort für mich unterbringen wollte. Mit ein paar Zeilen von mir, die ich schon schrieb, fährst du zu ihm — er wohnt knapp eine Stunde Bahnfahrt von hier entfernt — und danach wird alles für dich wenigstens leidlich in Ordnung kommen.“
Sie seufzte zufrieden.
„So, nun habe ich meine Litanei angebracht und bitte dich, mir mit keinem Wenn und Aber zu kommen, die darf es zwischen uns beiden nicht geben. Ich bin auch immer sehr müde, wenn’s auf die neunte Stunde zugeht, und es ist schon neun Uhr vorüber.“
Sie langte von einem kleinen Tisch neben sich eine Schmuckschachtel und reichte sie Paul Harnisch.
Er nahm die Gabe zögernd entgegen, doch die Verlockung, sich vielleicht dadurch bald aus seiner bedrängten Lage retten zu können, war fast überstark. Dennoch stammelte er verlegen: „Liebe, gute Frau Gregorius, aber ...“
Sie kicherte wieder: „Hör auf, mein Junge, es lohnt nicht, dass du mehr sagst, wenn du schon mit dem dummen ‚Aber’ anfängst.“ Sie erklärte: „Im Kästchen liegt die Adresse des Goldschmieds, geh zu ihm, er ist ein netter Mensch. Und jetzt klingele, bitte.“
Mechanisch drückte Paul Harnisch auf die Tischglocke, und sofort trat Frau Wolle ein, die dem Altfrauchen die Wirtschaft führte.
Frau Gregorius sagte mit ihrer wie zersprungen klingenden Stimme:
„Frau Wolle, Sie sollen für alle Fälle Zeuge sein, dass ich meinem Patenjungen, den Sie ja kennen, heute einen Brillantring und einen Smaragd, das ist ein grüner Edelstein, geschenkt habe. Ich meine, es ist gut, für diese Schenkung eine Zeugin zu haben, falls es Kuddelmuddel gäbe, wenn ich nicht mehr selbst da sein sollte.“
Die Haushälterin nickte ein paarmal langsam und feierlich.
„Ich werde es nicht vergessen, Frau Gregorius.“
Sie wusste, wenn Altfrauchen einmal für immer die Augen schloss, blieb ihr das schöne, warme Heim als Dank, weil sie getreu hier ausgehalten.
Frau Wolle verliess das Zimmer, und Paul Harnisch öffnete das Kästchen. Da lagen auf rotsamtenem Futter ein Ring mit einem klaren, funkelnden Brillanten und ein ziemlich grosser grüner Stein, der ihm eigentlich noch viel besser gefiel, weil von ihm ein Leuchten und Strahlen ausging, das etwas Phantastisches an sich hatte und ihn förmlich hypnotisierte.
„Jetzt geh, Paulemann,“ bat die alte Dame, „ich bin sehr, sehr schläfrig.“
Altfrauchen war so müde, dass sie, nachdem Paul Harnisch kaum gegangen war, sich gleich von Frau Wolle zur Ruhe bringen liess ... So müde war sie, dass sie am nächsten Morgen gar nicht mehr aufwachte. Ihr Körper lag im Bett, die Augen waren fest geschlossen, ihre Seele aber hatte sich in der Nacht auf die Wanderung nach dem Jenseits gemacht.
Drei Tage später schritt Paul Harnisch hinter ihrem Sarge her.
Und auch seine Mutter fand sich auf dem Friedhof ein. Sie war der alten Dame unendlich dankbar für die Hilfe, die sie ihrem Sohn hatte zuteil werden lassen.
Im Laden am Wall aber lächelte die zierliche Elisabeth Römer sehr zufrieden vor sich hin. Die Schwierigkeiten, die ihre Ehe mit Paul Harnisch wahrscheinlich für längere Zeit hinausgeschoben hätten, schienen beseitigt. Ihr lag daran, recht bald zu heiraten. Sie hatte das Wohnen bei der Tante satt, und da sie noch minderjährig war, musste sie noch ein ganzes Jahr bei ihr aushalten, falls sie nicht heiratete.
Schon am nächsten Tage fuhr Paul Harnisch nach der Stadt, wo der Goldschmiedemeister wohnte.
Sein Auto, mit dem er oft Motoren, Arbeitsmaterial und Rundfunkgeräte befördert hatte, war bei dem Brand, der das Werkstatthaus bis auf die Grundmauern zerstört hatte, ebenfalls vernichtet worden. Also, benutzte er die Eisenbahn — einen der Frühzüge. Um halb acht hatte er schon seinen Bestimmungsort erreicht.
Der Herbstmorgen war sonnig aber etwas frisch. Paul Harnisch entschloss sich daher, ein Stündchen spazierenzugehen. In einer Stunde konnte er dann wohl schon den Goldschmiedemeister besuchen; jetzt waren die meisten Geschäfte noch nicht geöffnet.
Fachmännisch prüfte er die Schaufenster der Radio- und Installationsgeschäfte der Stadt, die viermal so gross war wie das Städtchen, aus dem er kam, und während er die Auslagen anschaute, überlegte er, ob er wohl einige Tausender aus dem Verkauf des Smaragds lösen würde.
Ihm war so hoffnungsvoll zumute und so leicht. Er dachte auch an Elisabeth und wie lieb sie gestern abend zu ihm gewesen war, als sie gesagt hatte: ‚Wenn nur alles halbwegs klappt, werden wir Januar doch noch heiraten, nicht wahr?’ Er hatte es darauf nicht fertiggebracht, nein zu sagen, oder dass man lieber noch etwas warten wolle, wie es ihm der Verstand angeraten. Bewahre! Geküsst hatte er sie dafür — lange und selbstvergessen geküsst. Herrgott! War er närrisch verliebt in das Püppchen.
Er mochte keine Schaufenster mehr betrachten und bog nun in einen schmalen, sehr kurzen Verbindungsweg zwischen Hauptstrasse und Promenade ein. Er war schon öfter in dieser hübschen Stadt gewesen und wusste ein wenig Bescheid, ohne dass er hier andere als nur ein paar geschäftliche Bekanntschaften besass.
Nachdem er den Verbindungsweg durchschritten, begann die Promenade, löste sich aus einem kleinen, noch sommerlich grünen Platz. Er betrat den Platz, von dem aus ein schöner Blick auf einen Teil der pietätvoll gepflegten Altstadt frei wurde. Rings von Wald umgeben, war die Stadt anmutig wie kaum eine andere der Kurmark. Paul wandte den Schritt nach links, wäre er nach rechts gegangen, würde er seinem Schicksal begegnet sein.
* * *
3.
An der Promenade lag das Haus, das vielleicht eine grosse Villa, vielleicht aber auch ein kleines Schloss genannt werden konnte. Es stand in einem weiten Garten, und im Spätherbst und Winter, wenn man vollen Durchblick auf das Gebäude hatte, schien es, als wäre der umfangreiche Platz davor eigens nur dazu angelegt worden, damit sich recht viele Menschen darauf versammeln sollten, die dem vornehmsten Haus der Stadt Bewunderung schuldig wären.
Über dem ersten Stockwerk las man das Wort: ‚Princesita’. Nur wenige wussten, wenn sie die durch Wind und Wetter verwischten Buchstaben, die einstmals golden glänzten, entziffert hatten, damit etwas anzufangen. Und es lag doch der Klang des gleichen deutschen Wortes darin und drängte sich hervor. ‚Princesita’ war spanisch und hiess auf deutsch: ‚Prinzesschen’.
Eigentlich passte der Name nicht recht für das dunkelgraue Haus, das allerdings dereinst schneeweiss gewesen war. Der Himmel mochte wissen, wie lange schon kein Maurergerüst hier mehr aufgebaut worden war, um fleissigen Arbeitern als Stützpunkt zu dienen beim Säubern und Anstreichen. Aber schön und vornehm war Villa Princesita trotzdem. Die Städter nannten den Bau ‚Schloss’, und weil sie mit dem spanischen Wort so schwer fertig wurden, betitelten sie ihn kurz ‚Unkenschloss’. Das sprach sich glatt und einfach aus, und es klang auch ein wenig geheimnisvoll, so dem Geschmack der meisten entsprechend. Es hörte sich so angenehm gruselig an, und dafür haben viele Menschen nun einmal eine ganze Menge übrig.
Im Park, der sich hinter dem Haus bis an die Waldberge heranschob, gab es einen Teich, in dem der Wassergott aus Sandstein, mit dem Dreizack bewaffnet, im Schmuck seines mächtigen Haares und Bartes, sich mit seinen nackten, sandsteinernen Wasserweiblein allerlei von der Zeit erzählte, als sie hierhergebracht wurden. Beinahe anderthalb hundert Jahre waren seitdem vergangen. Wie waren sie damals bestaunt worden von den Menschen, die in der Villa Princesita ein und ausgingen.
Oberst a. D. Johann von Hahnendorf hatte das Haus erbaut für seine junge Frau, eine Prinzessin Juanita Torres y de Oviedo, die er zufällig auf einer Reise kennengelernt hatte, und die ihn dann nach wenigen Ehejahren plötzlich verliess und nicht mehr aufzufinden gewesen war. Niemand war ihr je wieder begegnet, niemand wusste, wo sie geblieben war, und das Gerücht ging damals um, sie wäre mit einem anderen Mann in die weite Welt gegangen. Mit einem Manne ihrer Heimat, der sie besser verstand als der rauhbeinige, derbe deutsche Soldat, der viel älter als sie gewesen. Andere hatten sogar geäussert, Johann von Hahnendorf hätte seine schöne Frau aus Eifersucht umgebracht.
Von alledem redete Herr Wassergott mit seinen nackten Nixen, und sie lächelten dann zusammen seltsam wissend. Wenn sich der Mond hoch oben über den Waldbergen zeigte, dort, wo die vielen Wege in die Oberheide führen, konnte man das Lächeln deutlich erkennen, und die Unken konzertierten dazu in einförmiger Unermüdlichkeit.
Wenn um diese Zeit noch Spaziergänger an der Villa vorbeigingen, lächelten sie wohl auch, und es sagte einer zum anderen: „Hörst du das Gequake und Geunke? Unheimlich ist das, ich möchte hier nicht wohnen.“
Die aber hier wohnten, hörten es wahrscheinlich kaum noch.
Von jenem Oberst a. D. Johann von Hahnendorf, der das Haus seinem Neffen vermacht hatte, stammte der jetzige Besitzer ab, und er musste ums liebe tägliche Brot arbeiten. Das Haus war längst eingeteilt in Mietswohnungen. Vier Parteien lebten darin: Der Hausbesitzer und Buchhalter Erich von Hahnendorf, die Schriftstellerin Walborg, Studienrat Treller und der frühere Zirkusdirektor Michael. Er hatte sich ins Privatleben zurückgezogen, und sein Sohn führte das Manegenzepter über Artisten und Tiere und all das Drum und Dran eines grossen Wanderzirkus.
Das Laub an den Bäumen leuchtete hier und dort noch sommerlich grün durch die gelben und bräunlichen Herbstblätter, die ein Malerpinsel rot und golden betupft zu haben schien. Hinter dem kleinen Park stieg der Wald bergan, und wenn man zu den rückseitigen Fenstern der Villa hinausschaute, war der Anblick des Waldes, der sich terrassenförmig aufbaute, immer wieder schön. Das fanden alle Mieter, die im Unkenschloss ihr Heim aufgeschlagen hatten. Wer einmal darin wohnte, würde es kaum leichten Herzens verlassen. Die Räume waren hoch und gross, es war Platz darin für viele Möbel, und man wohnte hier still wie auf einer abgeschiedenen Insel.
Die Sonne sah nicht mehr so liebenswürdig sommerwarm aus, sie blinzelte nicht mehr so lebhaft mit ihren Strahlenaugen. Kühler, zurückhaltender war ihr volles, leuchtendes Antlitz, aber dennoch reizvoll wie nur jemals. Frau Sonne kann nie reizlos sein. —
Frau Kulkow fegte mit einem derben Besen die schmale Steintreppe ab, die seitlich ins Haus führte und zehn Stufen zählte. Die Parterreräume lagen ziemlich hoch. An der Vorderseite befand sich eine Freitreppe, aber sie wurde niemals benutzt. Sie verharrte in bequemer Untätigkeit, und die zwei Fabeltiere, die rechts und links von ihr auf niedrigen Sockeln lagerten, schienen aufzupassen, dass sich kein unberusener Fuss hier heranwagte. Sphinxe waren es, mit grausamen, hart geschnittenen Frauenköpfen und kräftig herausmodellierten Löwenleibern.
Witwe Emma Kulkow bewohnte zwei Zimmer und Küche im Kellergeschoss, das aber nicht sehr in die Tiefe ging. Vom rückseitigen Eingang führten einige Stufen nach unten. Die Fenster versteckten sich nur etwa zu einem Drittel unter der Erde. Frau Kulkow hatte freie Wohnung und kümmerte sich dafür um alle Hausarbeiten.
Zum Haus gehörten noch Harras, der Schäferhund mit dem goldbraunen und schwarzen Fell und der gelben Halskrause, der Hahnendorfs getreuer Vasall war, dann der Dackel Waldi, der bei Fräulein Walborg daheim war, die Katze Minka, die Studienrats gehörte, und der Papagei des Zirkusdirektors. Frau Kulkow besass nur eine Schildkröte, und die rührte sich tagelang nicht vom Fleck. Frau Kulkow hing an dem Tier, das ihr seliger Mann ihr einmal mitgebracht hatte, aber die Ruhe des kleinen, langsamen Freundes brachte ihre quecksilbrige Beweglichkeit — sie war fünfzig Jahre — oft in Harnisch, und dann schimpfte sie: „Biest, komm doch mal endlich aus die Ecke raus — oder soll ick dir vielleicht ’nen Motor insetzen lassen?“ Die Schildkröte hiess Pluto. Wie ihr Mann auf den Namen verfallen war, mit dem man nur sehr grosse Hunde zu benennen pflegte, wusste sie nicht, und die Schildkröte wusste es auch nicht, aber sie war nun mal so getauft, und es störte sie nicht.
Es gab oft erstaunte Gesichter, wenn Frau Kulkow Besucher ermahnen musste, vorsichtig aufzutreten, weil Pluto gerade dort schlief, wohin sie den Fuss setzen wollten.
Das waren die Bewohner der Villa Princesita oder des Unkenschlosses.
Frau Kulkow fegte also die seitlich gelegene zehnstufige Treppe und säuberte sie von den rötlichen Blättern des wilden Weins, der über das Dach und die Säulen des Treppenvorbaus rankte.
Sie sang dabei:
„Im Unkenschloss, da geht es um,
Da schleicht es über die Treppe,
Und in der bösen Geisterstund’,
Da rauscht eine seidene Schleppe.
Die Spanierin kommt in ihr Haus,
Um ein Uhr muss sie wieder hinaus:
In den Garten, in den Wald, in die weite Welt,
Irgendwo in ein Grab unterm Himmelszelt!“
Es war etwas vor drei Viertel acht, und Erich von Hahnendorf trat eben mit seiner Tochter Brigitte aus der Haustür. Er sagte ein wenig ärgerlich:
„Ich habe Sie doch schon zum soundsovielten Male gebeten, den Blödsinn nicht mehr zu singen, Frau Kulkow. Jedesmal versprechen Sie es mir, und ein paar Tage darauf höre ich den Quatsch von neuem.“
Frau Kulkow konnte ganz grossartig treuherzig dreinschauen mit ihren schwarzbraunen Kulleraugen.
Sie antwortete: „Ick nehme mir ja ooch immer vor, det Lied nich mehr zu singen, aber et is so jeheimnisvoll un traurig. So jefühlvoll. Un sowat jefällt mir. Et singt sich immer wie von janz alleene.“
Er zuckte die Achseln: „Wenn ich bloss herausbekäme, wer den Unsinn verbrochen hat, dem Kerl haute ich eine runter, nach der ihm solch Dichten ein für allemal verginge.“
Brigitte machte ein scheinheiliges Gesicht.
„Nach dem Versprechen wird sich der Dichter sicher nicht bei dir melden, Vati.“
Die Frau griente. Herrn von Hahnendorfs zweite Tochter Bianka hatte ihr das Lied beigebracht, und Emma Kulkow vermutete auch in ihr die Dichterin. Aber klatschig war die Kulkown nicht, wenn es sich um ihren Liebling Bianka handelte. Bewahre, für die wäre sie im wahren Sinn des Wortes durchs Feuer gegangen. Das junge Mädchen hatte ihr die Wohnung vermittelt beim Vater. Nein, auf Bianka liess sie nichts kommen.
Kaum waren die beiden ausser Sicht, sang Emma Kulkow vergnügt weiter:
„Im Unkenschloss, da geht es um,
Da klopft’s nachts an die Türen.
Prinzesschen bittet: Macht mir auf,
Lass euer Herz doch rühren!
Macht ihr nicht auf im alten Haus,
Muss ich um ein Uhr wieder hinaus:
In den Garten, in den Wald, in die weite Welt,
Irgendwo in mein Grab unterm Himmelszelt.
Im Unkenschloss, da geht es um,
Da bleibt jede Tür verriegelt.
Es raunt durchs Haus: Du brachst die Treu,
Dein Schicksal ist besiegelt.
Komm täglich um Mitternacht nur ins Haus!
Um ein Uhr musst du doch wieder hinaus:
In den Garten, in den Wald, in die weite Welt,
Irgendwo in dein Grab unterm Himmelszelt.“
„Bravo!“ lobte eine lachende Stimme. Die Schriftstellerin, Fräulein Walborg, klein wie ein Gnomenweibchen mit grossem Kopf und kurzen Beinen, stand hinter Frau Kulkow und strahlte über das ganze liebe und immer freundliche Gesicht.
„Hat’s Ihnen so jut jefall’n, Fräulein Walborg? Sie vastehn ja wat von Poesie,“ fragte Emma Kulkow und sah fast stolz aus.
„Ich hab’ das Ding schon öfter von Ihnen gehört, Kulkown,“ lächelte die jämmerlich kleine Sechzigerin. „Ich finde es ulkig. Woher stammt es eigentlich?“
Emma Kulkow dachte: ‚Das werde ich dir gerade auf die Nase binden, damit du’s gelegentlich an Biankas Vater weitergeben kannst!’ Sie zog die Schultern hoch.
„Wie kann ick det wissen, ick hab et mal wo aufjeschnappt. Aber wo, det hab’ ick vajessen!“
„Es scheint schon alt zu sein,“ stellte die Walborg fest und ging weiter die Treppe hinunter. Ihr Dackel Waldi trollte hinterher. Schwarz war er, krummbeinig, und sein zu langer Leib erinnerte an eine auseinander gezogene Handharmonika. Fräulein Jutta Walborg und ihr Dackel waren stadtbekannt.
Brigitte von Hahnendorf war indessen mit ihrem Vater die Promenade hinuntergegangen, und dort, wo sich ein Flüsschen über sorgsam geschichtete kleine Kunstfelsen schäumend drei Meter tief ‚niederstürzte’ und eine schmale Brücke aus Baumstämmen hinüberführte in den belebtesten Stadtteil, nahmen beide Abschied voneinander. Erich von Hahnendorf betätigte sich als Buchhalter in der Stadtmühle, und Brigitte, obwohl sie erst zweiundzwanzig Jahre alt war, als Direktrice bei Frau Zinn, deren Schneiderstube als teuerste und gediegenste der Stadt galt.
Erich von Hahnendorf blickte der Davonschreitenden nach und richtete sich unwillkürlich straffer auf. ‚Ein seines und liebes Mädel ist meine Tochter!’ dachte er stolz. Um ihre Zukunft brauchte ihm kaum bange zu sein. Sie hätte ihr Abitur machen und studieren sollen. Ärztin hatte sie werden wollen, aber eines Tages, als Fünfzehnjährige schon, war sie zu ihm gekommen und hatte sehr vernünftig zu ihm gesagt: „Nimm mich von der Schule fort, Vati. Bis ich Ärztin geworden bin, kostet es euch zuviel Geld, und vielleicht bin ich gar nicht mal besonders dafür begabt. Ich habe auch Freude an hübschen Kleidern und kann dergleichen gut aufzeichnen. Ich helfe Mutti, aus alten Fummeln Neues machen, also ist’s gescheiter, du lässt mich bei der Zinn lernen. Wen die annimmt und behält, der muss Geschick haben. Wollen’s ausprobieren. Auf die Weise werde ich am raschesten zu etwas Geld kommen, und das brauchen wir Hahnendorfs, weil wir arme Luder sind, wenn uns auch das Unkenschloss gehört. Ich möchte helfen, es festzuhalten.“
Brigitte hatte recht gehabt. Ihr Werdegang gestaltete sich sehr zufriedenstellend. Sie hatte im vorigen Jahr ihr Examen mit ‚sehr gut’ bestanden und war nun schon erste Direktrice bei der Zinn. Das bedeutete hier im Städtchen schon etwas.
Gerade als sie durch eine kurze Querstrasse gehen wollte, sah sie vor sich eine lederne Brieftasche liegen. Niemand befand sich in ihrer Nähe. Sie sah sich aufmerksam nach allen Seiten um, doch war kein Mensch zu erblicken, der die Brieftasche verloren haben konnte.
‚Auf die Polizei tragen, gar nicht erst ’reingucken!’ entschloss sie sich. Es ging sie nicht das mindeste an, wie es in der Brieftasche aussah.
Eine Uhr schlug acht. Unwillkürlich setzte sie sich in Trab. Um acht Uhr sollte sie pünktlich bei Frau Zinn antreten. Die Brieftasche musste eben bis zum Mittag warten, eher hatte sie keine Zeit.
Brigitte steckte den Fund in ihre ziemlich grosse Handtasche, in der auch ihr Frühstück seinen Platz zu finden pflegte. In kaum zwei Minuten befand sie sich am Ziele.
* * *
4.
Oh, war das heute ein Arbeitstag! Frau Zinn, sehr schlank, etwas bräunlich gepudert und das kurze Haar glatt an den Kopf gebürstet, dass es einer silbergrauen Kappe glich, war schon ganz nervös von dem Gehetze. Ruhig und immer freundlich lächelnd hielt Brigitte allem stand, aber es war so viel Arbeit, dass ihr mittags keine Zeit blieb, nach Hause zu gehen. Sie musste ihrer Mutter telefonisch mitteilen, sie käme erst am Abend heim. Sie ass bei Frau Zinn, und da sie auch das Frühstücken in dem Durcheinander der Arbeit vergessen hatte, war sie gar nicht an ihre grosse Handtasche gegangen, wurde nicht mehr daran erinnert, dass sich darin eine fremde Brieftasche befand, die sie heute mittag im Polizei-Fundbüro hatte abgeben wollen.
Erst abends beim Nachhausegehen, gerade als Brigitte die Gartentür aufschloss und sich auf das Ausruhen freute, fiel ihr ihre Vergesslichkeit ein.
Sollte sie noch einmal umkehren? Bewahre! Dem Verlierer geschah es ganz recht, wenn er sich ein paar Stunden länger ängstigen musste. Dadurch lernte er es vielleicht, in Zukunft besser auf seine Wertsachen achtzugeben. Eine Brieftasche gehört doch zu den Wertsachen, selbst wenn kein Geld darin ist und sie nur Personalpapiere oder sonstige wichtige Dokumente enthält.
Das junge Mädchen durchschritt den Vorgarten, und als sie den Flur betrat, freute sie sich wie so oft, wenn sie heimkam, wie wunderhübsch sie wohnte. Wirklich, wie in einem Schloss. Die Wände der Gänge waren bemalt mit Landschaftsbildern, die wahrscheinlich von keinem besonderen Künstler geschaffen worden waren, aber doch warm und lebendig wirkten. Bilder aus der näheren Umgebung des Städtchens waren es. Ein Stück Landschaft am Finow-Kanal. An seinem Rand ein Hammerwerk mit hellem, rotem Ziegeldach. Friedrich der Grosse hatte es erbauen lassen. Hier sah es noch betriebsam und arbeitsfroh aus — und das war auch so vor hundertfünfzig Jahren gewesen, und so blieb es auch auf die Wand gebannt. In Wirklichkeit war das Hammerwerk längst müde und vergreist wie der Kanal, den jetzt der junge, breite Grossschifffahrtsweg ersetzte. Auf einer anderen Wand erkannte man den Werbellin-See, auf einer dritten Kloster Chorin. Und die Landschaftsbilder bedeckten alle Gangwände und gaben Zeugnis davon, dass der Erbauer der Villa seine Heimat, die Kurmark, sehr liebgehabt hatte, dass er ihre Eigenheiten und Schönheiten in seinem Heim immer hatte um sich haben wollen und gewünscht hatte, ständig daran erinnert zu werden.
Die einzelnen Wohnungen waren durch Korridortüren abgeschlossen. Der Vater des Hausherrn hatte diese nicht gern machen lassen, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, wenn er Mieter aufnehmen wollte. Die Korridortüren störten den Gesamteindruck des Innenhauses.
Als Brigitte das Wohnzimmer betrat, war der Abendbrottisch schon gedeckt und das Rundfunkgerät angeknipst. Irgendeine beliebte Kapelle spielte ‚An der schönen blauen Donau’ von Johann Strauss.
Brigitte, die sich vor wenigen Minuten noch sehr müde gefühlt hatte und am liebsten ohne Essen ins Bett gekrochen wäre, wurde wieder munter und froh beim Eintritt in das Zimmer. So gross und hoch war es und so angenehm warm. Die Deckenbeleuchtung war voll eingeschaltet und der Tisch geschmackvoll gedeckt. Das liess sich Frau von Hahnendorf nicht nehmen. Selbst wenn es Sonnabendmittag nur Kartoffelsuppe mit Würstchen gab, durfte eine Schale oder eine Vase mit Blumen nicht fehlen. Die gehörte wie von selbst zu dem blendend weissen Tischtuch.
Brigittes Schwester Bianka rief ihr entgegen:
„Ich habe schon mächtigen Kohldampf. Menschenskind, wo bist du bloss heute geblieben?“
Brigitte lächelte. Die weichen, wiegenden Melodien des Wiener Walzers erfüllten sie mit leiser Sehnsucht, die sie nicht zu deuten wusste. Vielleicht war es jähes Fernweh, vielleicht auch nur Lust, sich in einem hellen, strahlenden Saal im Tanz zu wiegen. Sie wusste sich die Sehnsucht nicht zu erklären und dachte auch weiter nicht darüber nach. Zweiundzwanzig Jahre gehen noch nicht jeder Sehnsucht auf den Grund.
Sie beantwortete die Frage der Schwester:
„Wir haben seit heute riesig viel zu tun. Erika Lorenz heiratet bald und wir haben den Auftrag, die ganze Ausstattung zu liefern. Andere gute Kunden wollen sich natürlich auch nicht beiseiteschieben lassen, sonst springen sie ab. Erika Lorenz kriegt ’ne Ausstattung wie früher ’ne Fürstenbraut.“
„Die können’s ja auch,“ erwiderte Bianka ein bisschen, aber wirklich nur ein ganz klein bisschen von flüchtigem Neid gequält.
Bianka und Brigitte ähnelten sich. Bianka war drei Jahre jünger. Die Haare beider Mädchen waren mattblond, aber Brigittes Augen waren blau wie die der Mutter, die Biankas braun wie die des Vaters. Ihre Figuren waren schlank und kräftig, ihre Haut rosig und gesund. Schöne kräftige Zähne fielen sofort an ihnen auf. Bianka war Fotografin bei der Firma Ellert. Sie schwärmte oft davon, später ein eigenes Atelier zu haben und fotografierte privat alles, was nicht ganz energisch dagegen Verwahrung einlegte.
„Kennst du den Verlobten von Erika Lorenz?“ fragte Bianka.
„Nö!“ kam es zurück.
Knapper konnte Brigitte nicht mehr antworten. Sie verspürte plötzlich Riesenhunger, alles andere schien ihr zunächst unwichtig.
Eben trat die Mutter ein und rief Bianka zu, ihr beim Auftragen zu helfen. Es war soweit mit dem Essen. Der Vater kam aus dem Nebenzimmer, und sie sassen dann zu viert um den Tisch, hatten alle guten Appetit und das Gespräch war nur einsilbig.
Frau Steffi Pflegte zu sagen: ‚Wenn beim Essen nicht soviel geschwatzt wird, schadet es nichts. Die Hauptsache ist, dass wir alle beisammen sind!’ Harras lag seitlich vom Tisch, er hatte sein Nachtmahl schon in der Küche eingenommen und verschmähte Brosamen. Sein kluger, grosser Kopf ruckte manchmal nach rechts und links, als müsse er sich überzeugen, ob auch alle, die er verehrte, versammelt wären.
Frau Steffi erzählte: „Vorhin habe ich in der Zeitung gelesen, es hat einer seine Brieftasche verloren. Er setzt für den Finder eine Belohnung von zweihundert Mark aus. Ganz nett, wer sich die verdienen kann.“
„Schade, dass ich sie nicht gesunden habe, dann könnte ich mir endlich ein Motorrad kaufen,“ seufzte Bianka. Sie sah befremdet zu der Schwester hinüber: „Was ist denn mit dir los, Brigitte? Du siehst ja aus, als ob dir flau wäre oder als ob du die Brieftasche gefunden hättest.“
Die letzten Worte klangen neckisch und spöttisch.
Brigitte legte Messer und Gabel hin und sagte langsam und betont:
„Ich habe tatsächlich eine Brieftasche gefunden. Ich wollte sie heute mittag aufs Fundbüro tragen, aber weil ich bei Frau Zinn ass, habe ich’s vergessen. Und heute abend habe ich auch nicht daran gedacht.“
Ihr Vater fragte: „Ist das wirklich wahr oder machst du nur Scherz?“
„Es ist wahrhaftig wahr, Vati, dass ich heute morgen, gleich nachdem wir uns getrennt, eine Brieftasche gefunden habe. Ich steckte sie in meine Handtasche und da muss sie sich natürlich noch befinden.“
„Bist du aber ein Glückskind!“ staunte Bianka. „Verdienst also dadurch, dass du dich heute morgen einmal gebückt hast, gleich zweihundert Mark.“
Brigitte antwortete nicht. Es leuchtete ihr noch nicht ein, dass sie von irgendeinem fremden Mann zweihundert Mark erhalten sollte. Nur dafür, dass sie getan, was jeder Vorübergehende beim Anblick einer herrenlos auf der Strasse liegenden Brieftasche auch getan hätte. Sie war sogar pflichtvergessen gewesen, der Fund müsste längst auf der Polizei sein. Aber das liess sich nicht mehr ändern, und sie wollte dem Verlierer ihre Erklärung für ihre Unterlassungssünde geben. Gleich morgen früh sollte die Angelegenheit in Ordnung gebracht werden.
„Wie steht es denn mit dem Inhalt der Brieftasche?“ fragte Bianka und ihre braunen Augen funkelten nur so vor Neugier.
Die Ältere zog die Schultern hoch. „Keine Ahnung, und das geht mich auch nichts an. Ich wollte sie auf die Polizei tragen, ohne den Inhalt zu beschnüffeln.“
„Also können wir die Untersuchung gemeinsam gleich nachher vornehmen,“ entschied Bianka und ihr Lächeln trug ebenfalls den Stempel der Neugier.
Brigitte sah sie gross an.
„Ich wiederhole: Ich wollte die Brieftasche auf die Polizei tragen, ohne den Inhalt zu beschnüffeln. Du scheinst mich nicht richtig verstanden zu haben.“
Die Schwester machte eine ärgerliche Handbewegung.
„Hast wohl moralische Hemmungen, was? Menschenskind, gib doch nicht so an. Du musst doch nachgucken, was in der Brieftasche ist und rauskriegen, wem sie gehört.“
Ihr Vater enthob seine Älteste einer Antwort und erwiderte ganz in Brigittes Sinn: „Da schon ein Inserat wegen des Verlustes in der Zeitung steht, erübrigt sich ein Nachforschen in der Brieftasche nach dem Eigentümer von selbst. Ebensowenig war das nötig, wenn Brigitte den Fund auf der Polizei abgeben wollte. Und jetzt Schluss damit, der Inhalt der Brieftasche geht uns nichts an!“
Bianka murmelte etwas Unverständliches, aber niemand nahm Notiz davon. Dann räumte sie den Tisch ab und Frau Steffi holte die Zeitung, zeigte den Aufruf.
Der Unbekannte hatte ihn also gleich heute vormittag, nachdem er den Verlust bemerkte, aufgegeben. Das betreffende Inserat fiel sofort auf. Es war doppelt umrandet und in grossen Buchstaben gehalten. Es lautete:
Brieftasche aus braunem Leder, mit Inhalt, auf dem Weg von der Oststrasse nach dem Promenadenplatz verlorengegangen gegen 8 Uhr morgens. Der ehrliche Finder erhält eine Belohnung von RM. 200.—
Meldung erbeten im ‚Hotel Schütz’.
„Du musst hingehen, Brigitte,“ meinte Frau Steffi, „du kannst dich dann selbst glaubwürdig entschuldigen, weil du die Brieftasche nicht gleich auf die Polizei gebracht hast.“
Ihr Mann schüttelte den Kopf. „Das einfachste ist es, die Geschichte auf der Stelle, wenigstens telefonisch, einzuleiten. Der Verlierer muss vor allem schnellstens erfahren, dass die Brieftasche gefunden wurde. Wir sind übrigens eine etwas zu langsame Familie, sonst wäre schon längst einer von uns mit dem Fundstück unterwegs.“
Seine Frau lachte: „Wir wollen doch nichts unterschlagen, und Brigitte sollte vor allem erst essen. Doch mit dem Telefonieren hast du recht. Übrigens wo hast du denn deinen Fund aufgehoben?“ fragte sie ihre Älteste.
Brigitte gab zurück: „Ich habe meine Handtasche mit der Brieftasche darin in mein Zimmer getragen.“
‚Mein Zimmer’, das war auch gleichzeitig Biankas Zimmer. Die Schwestern schliefen in demselben Raum, und die jüngere befand sich soeben dort, um etwas zu holen.
Ihre Augen forschten umher und entdeckten bald Brigittes Handtasche. Die Neugier erwachte sofort wieder in Bianka und meldete sich gleich überaus heftig und quälend.
Eine Brieftasche, auf die ein Finderlohn von zweihundert Mark ausgesetzt war, konnte ihr nicht gleichgültig sein. Das war für sie viel Geld. Wenigstens von aussen wollte sie das Ding einmal betrachten. Und zwar rasch, ehe vielleicht Brigitte käme.
Schon hatte sie die Handtasche geöffnet und gleich darauf hielt sie den Fund in ihren Fingern. Gediegenes braunes Leder, stellte sie fest, mindestens zwanzig Mark mochte die Brieftasche gekostet haben. Ob man wohl so ein ganz klein wenig ausspionieren sollte, was sich darin befände? Ob man das wagen durfte?
Was wäre denn schon Besonderes dabei! Brigitte hatte manchmal verdrehte Ideen, aber darum brauchte man sich schliesslich nicht zu kümmern. Von hundert Findern hätten wahrscheinlich neunzig nachgeguckt, was in der Brieftasche wäre.
Das junge Mädchen war mit zwei Sprüngen bei der Tür und schob den Riegel vor — für alle Fälle. Brigitte würde gerade jetzt kaum kommen, aber überraschen möchte sie sich auch nicht lassen. Brigitte konnte manchmal recht eklig und patzig sein, und im Boxen war sie ihr auch bedeutend überlegen.
Schon war sie beim Öffnen der Brieftasche. Papiere sah sie zunächst. Briefe und Rechnungen. Sie las einen Namen, der sich immer wiederholte. Ein Männername war es, der kraftvoll und stark im Rhythmus seiner Silben klang: Paul Harnisch!
Bianka verzog den Mund. Ein Name sagt gar nichts, die Erfahrung hatte sie in ihrem jungen Leben auch schon gemacht. Sie kannte jemand, der hiess Roland Stossdegen und war ein schmaler, blasser Geselle, dem Himbeerwasser statt Blut in den Adern zu fliessen schien.
Das fiel ihr flüchtig so nebenbei ein.
Also Briefe und Rechnungen waren in der kleinen Lederbehausung, kein Geld, aber es fand sich noch ein sehr flaches Blechkästchen. Anscheinend eigens sehr flach gewählt, damit es nicht auftragen sollte. Ob sie aufmachen durfte, ob sie sich überzeugen durfte, was drinnen war? Ob der Inhalt die hohe Belohnung erklären konnte? Sie wollte einen Blick wagen.
Aber das Blechkästchen klemmte sich, doch die Neugierige liess sich dadurch nicht stören. Aufgehen sollte und musste das kleine widerspenstige Ding.
Endlich! murmelte Bianka unwillkürlich, als sich der Deckel jetzt bewegte und zurückbog, nachdem sie zuletzt mit kräftigem Ruck ihr Heil versucht hatte.
Aber bei der jähen Bewegung, mit der die ziemlich gewalttätige Öffnung zustande gekommen war, schien es Bianka, als ob etwas aus dem flachen Blechbehälter spränge. Doch sie hörte keinen Aufschlag auf den Dielen und dachte, es handelte sich nur um Einbildung. Es war nichts herausgesprungen und nichts gefallen. Sie war nur ein bisschen nervös, weil sie eine fremde Brieftasche untersuchte, was Brigitte und ihr Vater nicht wissen durften.
Ein schmaler Goldreif mit hellem Stein lag in dem einfachen Blechkästchen. Sie steckte ihn spielerisch an und drehte ihre geschmückte Hand hin und her. Wie herrlich das blitzte und funkelte. Sicher war der ziemlich grosse, à jour gefasste Stein des Ringes, ein Brillant. Im Licht des Lüsters brach es wie winziges Feuerwerk aus seiner kristallenen Klarheit und versprühte in zarten Regenbogenfarben.
Mit einem langgedehnten Seufzer, dessen Übersetzung lautete: Ach, wärst du mein! zog Bianka den Ring wieder vom Finger und legte ihn an seinen Platz zurück, schob alles in der Brieftasche zurecht, wie es vorher gewesen war, und brachte den ledernen Gegenstand ihrer Neugier wieder in Brigittes Handtasche unter. Dann huschte sie aus dem Zimmer und vorerst in die Küche. Sie hörte, wie der Vater in seinem Zimmer dem Fernsprechamt eine Nummer nannte und kehrte in die Wohnstube zurück. Ihre kurze Abwesenheit, die noch dazu durch das Abräumen des Tisches begründet war, konnte gar nicht aufgefallen sein.
Da kam ihr Vater auch schon zurück und berichtete:
„Ein Herr Paul Harnisch aus der Nachbarstadt ist der Verlierer der Brieftasche, wie mir der Hotelportier sagte, aber der Herr wäre augenblicklich nicht im Hotel. Ich habe ihm deshalb aufgetragen, wir würden Herrn Harnisch morgen früh, kurz vor acht Uhr, sein Eigentum wiederbringen. Man soll das dem Herrn ausrichten, sobald er zurückkommt.“ Er wandte sich an die älteste Tochter: „Wir gehen also morgen vor Geschäftsanfang zusammen nach dem Hotel Schütz.“
Sie erwiderte etwas bedrückt:
„Das mit der Belohnung ist mir aber schrecklich peinlich.“
Bianka lachte laut: „Du bist wohl rein närrisch! Wie kann dir denn das peinlich sein. Dieser Herr Harnisch wird seine Brieftasche schon richtig einschätzen. Du weisst doch gar nicht, was drin ist. Vielleicht sogar Brillanten!“
Oh, war ihr das rasch hinausgeschlüpft! Warum konnte sie die unüberlegte Äusserung nicht mehr zurücknehmen. Aber die Bemerkung war keinem aufgefallen. Bianka fing rasch von anderen Dingen zu reden an — vom Fotografieren. Das Thema war bei ihr unerschöpflich.
Sie sagte stolz: „Einen schöneren Beruf könnte ich mir wirklich nicht vorstellen. Überlegt das doch nur einmal richtig: Alles, was es auf der Welt gibt, Menschen und Tiere, Landstrassen und Bauwerke und tausend andere Dinge, die geschehen, kann man mit der Kamera festhalten und allen vor Augen führen. Das Wunder aller Wunder ist der Fotoapparat. Nächsten Sommer in meinen Ferien wandere ich damit los quer durch Deutschland und fange alle Schönheit des Vaterlandes damit ein.“
Ihre Augen strahlten in Gedanken an den Plan.
Brigitte seufzte und sagte: „Ich bin jetzt sehr müde und möchte schlafen gehen.“
„Tue es doch, Mädel“, riet die Mutter.
Aus dem Lautsprecher klang gerade ein sanftes Wiegenlied, von einer Meisterhand wundervoll auf der Geige gespielt.
Einen Augenblick lauschte Brigitte noch, dann ging sie, nachdem sie den Eltern und der Schwester gute Nacht gewünscht hatte.
„Ich werde auch bald in den Kahn steigen“, rief ihr Bianka nach. Aber sie wartete noch eine volle Stunde, ehe sie der Schwester folgte. Es war wohl besser, wenn sie beide heute nicht mehr von der Brieftasche redeten, denn das Gespräch würde doch sicher wieder dort landen. Sie fürchtete, durch eine rasche Bemerkung zu verraten, dass sie ‚geschnüffelt’ hatte. Ein Glück, dass die Bemerkung vorhin unbeachtet geblieben war. Als die das Schlafzimmer betrat, lag Brigitte wach im Bett. Sie seufzte: „Die Belohnung stört mich, Bianka, ich käme mir wie ein Schnorrer vor, wenn ich sie annehmen würde.“
Die Schwester lachte: „So’n Quatsch! Die Belohnung steht dir rechtlich zu, du Prinzessin auf der Erbse. Mach nur keinen Unfug, etwa wie: Nein, mein Herr, ich danke sehr! Wenn dich dein zartes Gewissen aber zu sehr plagt, dann gib den — na sagen wir mal — vierten Teil davon für einen guten Zweck, und von dem, was bleibt, sei zu Weihnachten nobel gegen die Eltern und deine arme Schwester. Du weisst doch, in meiner Börse ist schon am fünften des Monats immer ultimo. Und schliesslich ... von ’nem ganz alten Herrn nimmt sich eine Belohnung leicht an.“
Brigitte fragte erstaunt: „Woher weisst du denn, dass dieser Paul Harnisch ein alter Herr ist?“
„Ich denke es mir, weil er tappig genug gewesen ist, so’ne grosse Brieftasche überhaupt zu verlieren!“
„Woher ist dir denn bekannt, dass diese gross ist?“ fragte Brigitte etwas lebhafter.
Wieder kam die Antwort zurück: „Ich denke es mir!“ Und nach winziger Pause setzte Bianka hinzu: „Herrenbrieftaschen sind doch meistens oder immer gross!“
Brigitte machte gedehnt: „Ach so ..“, und meinte: „Ich glaubte schon, du hättest vorhin in meiner Handtasche herumgestöbert. Du warst nämlich ’ne ganze Weile nicht im Wohnzimmer.“
„Da habe ich doch Geschirr in die Küche getragen,“ erklärte Bianka, „ .. und ganz ehrlich heraus: Abgesehen von der Belohnung, von der ich hoffentlich auch einen netten Vorteil haben werde, ist mir die Chose höchst schnuppe. Ob ich die olle Brieftasche sehe oder nicht!“
Sie war wütend auf sich. Da wäre sie beinahe wieder reingeschlittert. Ein bisschen patzig fügte sie hinzu: „Reden wir doch nicht weiter von dem Dreck!“
Brigitte musste lachen. „Meine Hochachtung, du bist eine sehr feine junge Dame, — man merkt dir die höhere Bildung sofort an.“
Nun lachten sie beide. Inzwischen hatte sich Bianka ausgekleidet und schlüpfte in ihr Bett, kuschelte sich darin recht behaglich zurecht. Sie begann in summendem Ton, doch Wort für Wort verständlich:
„Im Unkenschloss, da geht es um,
Da schleicht es über die Treppe ..“
„Sei still,“ mahnte Brigitte, „ich möchte endlich einschlafen.“
Bianka flüsterte kichernd: „Das herrliche Machwerk stammt doch von mir, warum soll ich mich nicht daran erfreuen, ich heimliche Poetin. Aber weisst du, ich denke es mir grossartig, wenn ich mal so gegen Mitternacht wach würde, und die Schleppe der Spanierin rauschte draussen durch den Gang, die Schleppe der Princesita, die unserm Urgrossvater davongelaufen sein soll. Hanebüchen steinern sieht er auf dem Bild aus, das in Vatis Stube hängt, und ich glaube, ich wäre auch abgehauen, wenn ich seine Frau gewesen wäre.“
Brigitte schalt ärgerlich: „Jetzt halt doch endlich den Mund, ich muss schlafen! Morgen wartet wieder viel Arbeit auf mich.“
Doch Bianka antwortete vergnügt: „Gestatte wenigstens, dass ich den ersten Vers zu Ende bringe.“ Sie summte weiter, wo sie vorhin aufgehört hatte:
„Die Spanierin kommt in ihr Haus,
Um ein Uhr muss sie wieder hinaus:
In den Park, in den Wald, in die weite Welt,
Irgendwo in ein Grab unterm Himmelszelt.“
Sie sagte plötzlich weich und warm: „Schlaf wohl. Gittalein.“
Die Schwester erwiderte ebenso: „Schlaf auch wohl, Anka.“
* * *
5.
Etwas vor drei Viertel acht betraten Herr von Hahnendorf und Brigitte das Hotel Schütz. Der Portier, ein gewiegter junger Mensch, berichtete strahlend, Herr Harnisch hätte sich gestern abend riesig gefreut über die gute Nachricht, er sitze schon im Lesezimmer und warte. Die Herrschaften möchten die Güte haben, ihm dorthin zu folgen.
Herr von Hahnendorf schien vorerst besonders das Wort Lesezimmer wichtig. Das war ein Ausweg, der ihm gefiel. Denn er dachte an seine Arbeit, dass ihm voraussichtlicher Zeitverlust nicht angenehm wäre, und in einem Lesezimmer konnte Brigitte auch Gott sei Dank einen fremden Herrn aufsuchen.
Er wandte sich erleichtert an seine Tochter:
„Mach du, bitte, alles mit dem Herrn allein ab. Ich möchte nicht gern zu spät kommen, und du brauchst mich ja eigentlich gar nicht. Auch kommt es bei dir im Geschäft nicht so auf die Minute an wie bei mir.“
Er wartete erst gar keine Antwort ab und entfernte sich mit kurzem Gruss.
Brigitte war etwas verblüfft. Sie hatte den Vater bitten wollen zu bleiben, aber es war ihr peinlich gewesen, in Gegenwart des Portiers das ängstliche Küken zu spielen, das sie im Grunde auch gar nicht war. Unangenehm war ihr nur der Punkt der Belohnung. Doch es blieb ihr jetzt nichts weiter übrig, als dem Portier zu folgen.
Er öffnete eine breite Glastür, und beide betraten einen Raum mit sechs Schreibtischen und einem grossen Regal, in dem viele Zeitungen lagen. Nur ein Herr befand sich hier und kam Brigitte schon entgegen.
Sie stellte überrascht fest, dass sich Bianka aber gründlich geirrt hatte. Der Verlierer der Brieftasche war kein vom Alter tappig gewordener Herr, sondern noch jung. Sie schätzte ihn auf allerhöchstens dreissig Jahre.
Der Portier zog sich mit einer Verbeugung zurück; er war hier überflüssig.
Paul Harnisch hatte sich bisher noch keine Gedanken darüber gemacht, wer ihm wohl seine Brieftasche wiederbrächte. Es genügte ihm, dass sie gefunden worden war. Aber jetzt, da er einer so besonders hübschen, und vor allem wie das blühende Leben selbst aussehenden jungen Dame gegenüberstand, legte er etwas Gewicht auf den Umstand, dass die Finderin auch ein vorteilhaftes Äussere besass.
„Mein Name ist Paul Harnisch, mein gnädiges Fräulein,“ stellte er sich vor.
Sie nickte kurz: „Ich bin Brigitte Hahnendorf und fand gestern früh eine braune Brieftasche. Ich nehme an, sie gehört Ihnen, hineingeguckt habe ich nicht. Ich hielt das für überflüssig, weil ich meinen Fund im Laufe des gestrigen Tages auf die Polizei tragen wollte, wo man die Brieftasche ja sowieso untersucht hätte.“ Sie lächelte. „Ich hatte aber gestern den ganzen Tag viel zu tun, dass ich meinen Fund glatt vergass. Abends machte uns dann meine Mutter auf das Zeitungsinserat aufmerksam. So fiel mir erst meine Sünde wieder ein.“
Er bat: „Setzen Sie sich doch wenigstens ein paar Minuten, gnädiges Fräulein,“ und schob ihr einen Stuhl zurecht.
Sie liess sich nieder, und er folgte ihrem Beispiel.
Brigitte wollte den Fund schon aus der Handtasche hervorholen, als er scherzend vorschlug:
„Ein paar Fundbürofragen sollten Sie aber doch stellen, damit ich Sie nicht etwa dadurch reinlege, dass ich Ihnen eine Sache abluchse, die vielleicht einen ganz anderen Besitzer hat. Es könnten doch zufällig an einem Tage zwei Brieftaschen verlorengegangen sein.“
„Das stimmt“, gab sie zu, und sie begriff nicht, warum ihr mit einem Male so richtig vergnügt zumute war. Sie zuckte die Achseln. „Ich habe die Brieftasche auch von aussen nicht allzu genau betrachtet. Es wäre also am einfachsten, wenn Sie mir den verlorenen Gegenstand beschreiben würden. Vielleicht hat er irgend etwas an sich, was besonders bemerkenswert ist.“
Er schaute sie an und dachte unwillkürlich dabei, dass er bisher gar nicht gewusst hatte, dass blaue Augen so wunderschön sein könnten wie die der jungen Dame. Sonderbar, er hatte auch bisher geglaubt, Elisabeths Rehaugen dürften den Vergleich mit jedem Augenpaar aushalten, aber diese blauen Augen waren schöner.
Er schalt sich selbst, solche Dinge zu denken. Das Mädel war wirklich nicht hierhergekommen, damit er sich mit Augenstudien besassen sollte. Paul riss sich zusammen:
„Meine Brieftasche ist dunkelbraun und noch ziemlich neu. Über die Rückseite aber läuft ein breiter, hässlicher Kratzer wie ein heller Strich und — —“
„Schon gut,“ unterbrach ihn Brigitte, „der Kratzer ist mir sofort aufgefallen. Also ... Sie haben den Beweis geführt, dass Sie der Besitzer sind.“
Sie öffnete ihre Handtasche und überreichte ihm den verlorenen Gegenstand, um den er, seit er ihn vermisst, so sehr gebangt. Den ganzen Tag war er deswegen herumgelaufen. Allein dreimal zur Polizei. Und abends hatte er sich dann in eine Wirtschaft gesetzt und ein paar Gläser mehr als nötig getrunken, weil ihm gar zu flau zumute gewesen war. Als er danach ins Hotel zurückkehrte, meldete ihm der Portier ein Herr von Hahnendorf hätte telefonisch mitgeteilt, seine Tochter habe eine braune Brieftasche gefunden.
Er war nun überfroh, sein Eigentum wiederbekommen zu haben. Allerdings, zweihundert Mark kostete seine Nachlässigkeit, mit der er die Brieftasche neben, statt in die Futtertasche seines Mantels gesteckt hatte, den er nicht zuknöpfte. Zum Glück hatte er gestern früh bei der Abreise sein ganzes derzeitiges Vermögen, das dreihundert Mark betrug, mitgenommen.
Er schob einen Briefumschlag in Brigittes Handtasche, und die junge Dame, der es auf den Lippen lag abzuwehren: ‚Bitte, behalten Sie das Geld!’ dachte an Bianka und glaubte zu hören, wie sie gestern abend gesagt hatte: ‚So’n Quatsch, die Belohnung steht dir zu, du Prinzessin auf der Erbse!“
Recht hatte Bianka, das sah Brigitte ein. Und so bestätigte sie den Empfang der Belohnung mit einem halblauten Dank.
„Ich habe Ihnen zu danken, gnädiges Fräulein.“
So voll Wärme war seine Stimme, dass Brigitte heimliches Bedauern spürte, weil sie einander wahrscheinlich niemals wiedersehen würden. Und gerade da fiel ihr auch der einfache Goldreif auf, den er an der linken Hand trug. Also war der Träger des Ringes verlobt. Wie leichte Traurigkeit legte es sich über ihre Gedanken, und sie erhob sich etwas hastig.
„Ich muss mich jetzt verabschieden. Wir fangen im Geschäft um acht Uhr an, wenn viel zu tun ist, und es ist schon eine Viertelstunde darüber.“
Er hätte gern gewusst, um was für ein Geschäft es sich handelte, in dem das frische blonde Mädel tätig war, aber er wagte keine Frage, sondern bat nur:
„Geben Sie mir die Hand und lassen Sie mich nochmals meinen herzlichen Dank aussprechen. Sie konnten mir einen wichtigen und grossen Dienst leisten. Ich will Ihnen eingestehen, wenn die Brieftasche in die Hände eines unehrlichen Menschen gefallen wäre, sähe meine nächste Zukunft jetzt sehr trübe aus.“ Er lächelte. „Ich bewundere besonders, dass Sie Ihren Fund gar nicht näher untersuchten, ich hielt bisher alle Frauen für neugierig, gnädiges Fräulein.“
Sie schüttelte den Kopf: „Ich bin im allgemeinen nicht neugierig, und ... bitte, aus der Anrede ‚gnädiges Fräulein’ mache ich mir nicht das mindeste. Ich höre mich lieber beim Namen nennen.“
Sein Mantel und Hut hingen im Lesezimmer. Er bat: „Gestatten Sie mir, Sie ein Stück zu begleiten, Fräulein von Hahnendorf.“
„Gern“, erwiderte sie einfach. Dann schritten sie nebeneinander her, und Brigitte plauderte von ihrem Zuhause, von der Villa Princesita.
So erreichten sie das Haus, in dem Frau Zinn wohnte, und Brigitte gab Paul Harnisch nochmals die Hand. Es war fast, als wolle ihr der Mann ins Gebäude nachlaufen, als hätte er vergessen, ihr noch irgend etwas zu sagen, was ihm wichtig dünkte, aber dann machte er kehrt. Nein, er wandte sich doch noch einmal zurück und las, was auf dem grossen Kupferschild eingraviert war, das ihm seitlich der Eingangstür aufgefallen war. Da stand:
Kleider, Kostüme, Mäntel
Betty Zinn
Schneidermeisterin
Ob Brigitte von Hahnendorf bei dieser Frau Zinn beschäftigt war?
Er lächelte. Möglich. Aber eigentlich sah sie eher so aus, wie er sich die Mädel und Frauen vorstellte, die nach Rekorden im Reiten und Fliegen strebten, oder die mit Schlittschuhen auf der Eisbahn so sicher tanzten wie vielleicht frühere Solodamen des russischen Hofballetts auf leichten Sandaletten.
Paul Harnisch steckte sich eine Zigarette an. Jetzt hatte er sich wahrhaftig genug mit der hübschen Blonden beschäftigt, und es war Zeit, dass seine Gedanken zu seinem dunkelhaarigen Mädchen zurückkehrten. Am wichtigsten aber war es, an den Juwelier zu denken und an den Smaragd und daran, dass er durch den Stein recht bald zu genügend Geld käme, um sich geschäftlich helfen zu können.
Aus tiefster Verzweiflung hatte ihn das hochherzige Geschenk der alten Frau Gregorius gerissen. Sein Lebenshimmel war nun wieder hell und klar, schnell vorübergezogen waren die finsteren Wolken.
Er pfiff leise vor sich hin und stellte dabei fest, dass er tüchtigen Hunger verspürte. Also wollte er lieber erst frühstücken, ehe er den Juwelier aufsuchte, zu dem er schon gestern um die gleiche Zeit hatte gehen wollen. Gestern hatte er das Essen vor Aufregung über seinen Verlust vollkommen vergessen.
Er sass dann im Frühstückszimmer des Hotels Schütz, und nachdem der Kellner Kaffee, Brötchen, Butter und zwei Eier vor ihn hingesetzt hatte, konnte er es nicht unterlassen, seine wiedererhaltene Brieftasche hervorzuziehen. Ihm fiel ein, dass er bisher noch keinen Blick hineingeworfen hatte, und eigentlich hätte er sich doch in Gegenwart der Finderin überzeugen müssen, ob nichts von dem Inhalt fehlte. Aber auf die Idee war er überhaupt nicht verfallen. Es kommt natürlich immer darauf an, wer der Finder ist. Eine Brigitte von Hahnendorf war glasklar, dachte Paul Harnisch. Sie hatte so etwas, das gab einem den Gedanken ein, alles, was mit ihr zusammenhing, konnte nicht anders als sauber und ehrlich und gut sein. Ein wundervolles Menschenkind! Ihr Inneres musste ihrem Äusseren entsprechen. Er glaubte den Blick der grossen blauen Augen ganz nahe vor sich zu sehen, die reinen Linien des etwas grosszügigen Gesichts, und er glaubte sogar ihre weiche, ein wenig tiefe Stimme zu hören. Seltsam, dass ihm auch Elisabeths hohes Organ dabei einfiel und er unwillkürlich Vergleiche anstellte.
Zum Teufel! Er musste sich wahrhaftig zur Ordnung aufrufen. Solche Vergleiche durfte er nicht anstellen.
Elisabeth war äusserlich völlig verschieden von Brigitte Hahnendorf und besass wohl auch einen ganz anderen Charakter. Aber niedlich und süss war das kleine Weibsbild, und wenn er es in den Armen hielt, dünkte es ihm ein reizvolles Spielzeug.
Ein Spielzeug! Oft hatte er das schon gedacht, aber in diesem Augenblick störte ihn dieses — wenn auch nur gedachte — Wort. Auf das Mädchen, das man heiraten will, darf man das Wort nicht anwenden. Bei Brigitte Hahnendorf wäre er nie auf so etwas verfallen.
Er musste sich zum zweitenmal zur Ordnung rufen, denn er war ja im Begriff, die niedliche Elisabeth in den Hintergrund zu befördern, und eine Fremde, von der er herzlich wenig, richtiger — fast gar nichts wusste, in den Vordergrund seines Denkens zu schieben.
Paul Harnisch öffnete die Brieftasche und ein flüchtiger Blick überzeugte ihn, dass alles darin unberührt war.
Beinahe zärtlich ruhte sein Blick auf dem kleinen flachen Blechkästchen, darin er die beiden Geschenke der alten Frau Gregorius verwahrt hatte, weil das Schmucketui zu breit und hoch für die Brieftasche gewesen war. Er machte es auf, um sich zu freuen an dem Strahlen des Solitärs und an dem tiefgründigen Funkeln des Smaragds.
Die wenigen Frühstücksgäste und der Kellner, der sich eben in Pauls Nähe befand, schauten erstaunt auf den grossen Herrn, der etwas abseits Platz genommen hatte. Er hatte aufgeschrien. Nicht laut, bewahre, nur unterdrückt, so im letzten Moment beherrscht, aber einen Schrei hatte er ausgestossen, das stand fest. Und Paul Harnisch hatte auch Grund dazu, denn in dem kleinen Behälter lag einsam und allein der schmale Brillantring, der viel wertvollere Smaragd leistete ihm keine Gesellschaft mehr.
Der Kellner trat an den Tisch, fragte höflich: „Kann ich Ihnen irgendwie dienen, mein Herr?“
Ein verwirrter Blick traf den Frager, und sofort riss sich Paul Harnisch zusammen, brachte sogar ein Lächeln zustande.
„Danke, ich brauche gar nichts, ich habe mich nur gestossen.“
Er sah dem Kellner an, dass der dachte: ‚Netter Schwachmatikus, dieser grosse Kerl!’
Paul mochte nicht mehr weiter essen; der Appetit war ihm gründlich vergangen. Er steckte die Brieftasche ein, verliess den Frühstücksraum und begab sich nach oben.
Das Mädchen war gerade mit dem Ordnen des Zimmers fertig geworden und stellte verwundert fest, wie erschreckend fahl der Gast von Nr. 28 im Gesicht aussah. So, als hätte er eine ganz schlimme Nachricht bekommen, und der Portier hatte ihr doch vorhin erzählt, der Herr hätte Glück gehabt. Seine Brieftasche, für deren Wiederbringung er zweihundert Mark Belohnung aussetzte, wäre gefunden worden. Froh und zufrieden aber schien er darüber nicht zu sein.
Als sich Paul Harnisch allein im Zimmer befand, musste er sich setzen. Seine Knie waren seltsam weich und kraftlos. Es war ein widerliches Gefühl. Auf dem Tisch leerte er die ganze Brieftasche vor sich aus, öffnete auch das Blechkästchen wieder. Doch so gründlich er alles untersuchte, der Smaragd war nirgends zu finden. Paul sagte sich, dass weiteres Suchen zwecklos wäre, aber er sagte sich auch, wenn Brigitte von Hahnendorf die Brieftasche überhaupt nicht geöffnet hatte, wie sie mehrmals versicherte, könnte der Smaragd nicht fort sein. Wie sie mehrmals versicherte! Wie sie beinah zu betont versichert hatte! drängte es sich ihm mit einem Male förmlich auf.
„Pfui!“ sagte er laut, und das Pfui galt seinem jäh erwachten Misstrauen.
Er erhob sich und lief durch das Zimmer. Hin und zurück, immer wieder hin und zurück. In das Chaos, das jetzt in seinem Kopf herrschte, musste er vor allem erst ein kleines bisschen Ordnung zu bringen versuchen. Das war dringend notwendig, damit er einen Entschluss zu fassen vermochte, was er tun sollte. Sein Gefühl wollte an keine Schuld des blonden Mädels glauben, aber sein Verstand hatte sich von dem Pfui nicht beirren lassen. Der sah die Dinge so: Brigitte Hahnendorf hatte die Brieftasche mit dem Smaragd gefunden, da sie diese aber ohne den Stein abgeliefert hatte, musste sie ihn also behalten haben.
Dem Grübelnden schien die Sachlage jetzt beinah noch schlimmer als sie gestern gewesen war, nachdem er den Verlust der Brieftasche entdeckt hatte.
Brigitte Hahnendorf hatte ihm im Hinblick auf die Brieftasche versichert, sie hätte nicht hineingeschaut, und sie wäre nicht neugierig! Seine Hände ballten sich, es tat weh, wenn man den Glauben an so ein blondes Mädel verlor, das aussah wie die verkörperte Wahrhaftigkeit.
Was sollte er tun? Seine Fahrt hierher hatte unter einem schlechten Stern gestanden. Er erinnerte sich, dass die alte Frau Gregorius erzählt hatte, ihr Mann hätte behauptet, der Stein brächte kein Glück. Beinah konnte er glauben, es wäre etwas Wahres daran.
Aber was nun? Auf die Polizei gehen! riet ihm kurz und grob der Verstand, aber gegen die Stimme der kühlen, nüchternen Vernunft wehrte er sich heftig. Er wollte lieber erst mit Brigitte Hahnendorf reden und sie befragen.
Er überlegte, wie er sie möglichst bald sprechen könnte. Er wusste ja nicht, ob sie bei dieser Schneidermeisterin angestellt war, deren Schild ihm vorhin auffiel. In dem betreffenden Haus aber musste sie tätig sein, das stand ausser Frage. Also würde er sie wohl finden.
Paul Harnisch stürmte los. Der Boden hier im Zimmer brannte ihm unter den Füssen. Gewissheit wollte er sich verschaffen, ob so ein blondes Mädel gemein lügen konnte. Bald befand er sich vor dem Haus, wo er sich vor einer knappen Stunde von Brigitte Hahnendorf verabschiedet hatte. Er wollte zuerst bei der Schneidermeisterin nach ihr fragen.
Die öffnende Hausgehilfin erklärte auf seine Frage: „Unsere Direktrice heisst Fräulein von Hahnendorf.“
„Ich möchte sie in einer dringenden Angelegenheit sofort sprechen, bitten Sie Fräulein von Hahnendorf heraus,“ bat er hastig.
Sie schüttelte verwundert den Kopf.
„Das muss ich erst Frau Zinn melden.“ Sie belehrte den Besucher wichtig: „Die Chefin hat es nicht gern, wenn die Arbeit durch private Angelegenheiten der Angestellten aufgehalten wird.“ Frau Zinn pflegte öfter darauf hinzuweisen, und die Hausgehilfin handelte in ihrem Sinne.
„Bitte, ich muss Fräulein von Hahnendorf aber sofort sprechen!“ beharrte er.
„Warten Sie ein paar Augenblicke,“ gab die ältliche Hausgehilfin zurück und machte ihm die Korridortür des ersten Stockwerkes vor der Nase zu.
Die Inhaberin des Schneiderateliers, die an ihrem Schreibtisch sass und mit der Post beschäftigt war, nahm die Mitteilung der Hausgehilfin entgegen. Sie stellte dann die Frage: „Was ist’s denn für ein Mensch?“
„Gross ist er und sehr anständig angezogen und noch jung, so Ende der Zwanzig, aber er hat etwas Aufgeregtes an sich, wie — wie —“ die Brave suchte nach einem Vergleich, und es schoss ihr schliesslich über die Lippen: „Er sieht aus wie einer, der aus Eifersucht ’nen Mord begehen will.“
Frau Zinn fiel vor Schreck der Federhalter aus der Hand.
„Du lieber Himmel, Sofie, so schlimm wird es doch nicht gleich sein!“
Sofie wiegte den Kopf hin und her.
„Ich kann mir nicht helfen, er kommt mir gefährlich vor.“
„Aber Fräulein Brigitte hat doch gar kein Liebesverhältnis,“ wandte die Dame ein und drückte mechanisch ihr glattes, graues Haar an den Schläfen noch fester.
„Das können Sie nicht wissen, Frau Zinn,“ widersprach Sofie. „Eine, die so hübsch ist wie Fräulein Brigitte hat sicher auch ’nen Schatz. Aber einer wie der draussen, der sieht so unheimlich aus, dem traue ich einen Revolver in der Tasche zu ... vor dem hätte ich Manschetten.“
Die Chefin entschied: „Lassen Sie ihn hier eintreten. Ich will ihn mir ansehen.“ Sie war etwas ängstlich geworden, Sofie hatte sie bange gemacht. Sie widerrief deshalb sofort ihre Anordnung: „Nein, lassen Sie ihn nicht herein! Ich werde mich durch das Guckloch in der Korridortür erst selbst überzeugen, zu welcher Sorte von Menschen er gehört.“
Beide schlichen auf den Zehenspitzen hinaus und Frau Zinn hielt Ausschau nach dem Herrn, der ihr als gefährlich aussehend geschildert worden war. Sie musste Sofie recht geben. Einen ganz harmlosen Eindruck machte allerdings der draussen Wartende nicht. Er schien vor allem äusserst ungeduldig zu sein, und zwischen seinen starken Brauen stand eine steile böse Falte.
Frau Zinn öffnete selbst und grüsste kühl und kurz.
„Darf ich fragen, in welcher Angelegenheit Sie Fräulein von Hahnendorf zu sprechen wünschen?“
Das lange Warten hatte Paul Harnisch reizbar gemacht, und er antwortete ebenso kühl und kurz: „In einer Angelegenheit, die nur die Dame und mich angeht.“
„Dann erledigen Sie das am besten ausserhalb meiner Wohnung,“ gab Frau Zinn in eisigem Ton zurück.
Er nahm sich zusammen: „Es eilt aber und lässt sich nicht aufschieben.“ Dann bat er: „Zehn Minuten würden genügen, ich will Fräulein von Hahnendorf nur um eine Aufklärung ersuchen.“
In diesem Augenblick trat Brigitte aus einer der Türen, die im Korridor einmündeten, und erkannte den vor der Tür Stehenden. Unwillkürlich stutzte sie einen Herzschlag lang, aber dann kam sie sofort näher, fragte langsam: „Sind Sie etwa meinetwegen hier, Herr Harnisch?“
So selbstverständlich klang das Sie und die förmliche Anrede, dass Frau Zinn erleichtert feststellte, einen Revolver, um Brigitte Hahnendorf damit zu bedrohen, trug der Fremde sicher nicht in der Tasche. Ehe Paul Harnisch Brigitte noch Antwort zu geben vermochte, mischte sich die Chefin ein: „Der Herr möchte Sie dringend sprechen, Brigitte. Ich stelle Ihnen zu dem Zweck mein Arbeitszimmer zur Verfügung.“
Sie machte eine einladende Handbewegung nach draussen und Paul Harnisch trat ein. Endlich! Er fühlte vor Ungeduld schon ein Zittern in allen Gliedern.
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