Kitabı oku: «Wirren um Liebe»
Anny von Panhuys
Wirren um Liebe
Frauenroman
Saga
Wirren um LiebeCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1953, 2020 Anny von Panhuys und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629460
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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– a part of Egmont www.egmont.com
1.
Regina Ißberg erwachte zu früherer Morgenstunde als sonst. Ihr war es, als hätte irgendein lautes Geräusch sie aus dem Schlaf gerissen.
Sie setzte sich im Bett auf und lauschte angespannt hinaus. Und nun hörte sie ganz deutlich etwas, das einem plumpen Fall glich.
Sie befand sich allein in der Wohnung. Die Eltern waren für ein paar Tage nach Klein-Demsdorf zu Verwandten gefahren; sie wollten erst heute nacht zurückkehren, und die Aufwärterin pflegte morgens nie vor sieben Uhr zu kommen. Eben schlug die Standuhr im Wohnzimmer die fünfte Stunde. Doch es war Juni und draußen längst völlig hell.
Durch die nicht fest geschlossenen Läden schoben sich hellgoldene Stäbe, die nicht greifbar und doch fest umrissen waren. Frau Sonne hatte ausgesandt.
Regina Ißberg war kein feiges Mädel, und møt dem Wort „Furcht“ stand sie nicht auf de und du Mit ihren zwanzig Jahren wußte sie, was Sport bedeutete. Im Rudern, Fechten, Turnen, Schwimmen und sogar im Boxen war sie geübt, und ihr schlanker, doch kräftiger und gesunder Körper hätte sich keine kleinliche Schwäche verziehen.
Also aus dem Bett heraus und die Läden aufgestoßen!
Das Licht der hellen, frohen Morgensonne drang jetzt mit aller Macht ein. Regina warf den Bademantel über den blauweißen Schlafanzug, und während sie mit der Rechten glättend über das einfach gescheitelte Haar fuhr, trat sie auf die Diele hinaus.
Von jenseits der Korridortür vernahm sie ganz eigentümliche Laute, die sie nicht recht unterbringen konnte. War es Stöhnen, Grunzen oder gar Schnarchen? Es klang häßlich und mißtönend.
Regina zog nachdenklich die schmalen goldbraunen Haarbögen hoch, die sich wie kleine Brücken über die hellgrauen Augen spannten, und legte ein Ohr an die Spalte der Tür, die nach dem Flur hinausführte. Die befremdenden Laute schienen sich jetzt in ein Stöhnen verwandelt zu haben.
Jedenfalls hielt Regina für nötig, sofort die Flurtür zu öffnen und sich zu überzeugen, was eigentlich in aller Herrgottsfrühe in dem sonst so ruhigen Westendhause los war, in dem es nur drei Wohnungen gab. Im Erdgeschoß wohnte Chemiker Doktor Ißberg, ihr Vater, dem das Haus gehörte, im ersten Stock Frau Lindner, die Witwe eines Arztes, mit ihrem jüngsten Sohn, dem Ingenieur, und den zweiten Stock hatten Gerhards mit ihrer halberwachsenen Tochter inne. Der Mann war ein gutgestellter Versicherungsagent.
Vielleicht war einem der Mieter ein Unfall zugestoßen?
Der Schlüssel drehte sich herum; die Sicherheitskette klirrte leicht, als sie entfernt wurde. Regina drückte die Klinke nieder und erschrak vor dem, was sie sah.
Dicht vor ihrer Flurtür, mit dem Kopf auf der untersten Treppenstufe, lag Dieter Lindner vor ihr, der Student aus dem ersten Stock. Der Hausflur war völlig hell, und in der scharfen Beleuchtung der Morgenfrühe sah das regelmäßige Gesicht des jungen Menschen seltsam fahl und schlaff aus. Seine Hautfarbe spielte ins Graue hinüber.
Unschlüssig, was sie tun sollte, verharrte Regina Ißberg abwartend, als glaube sie, der regungslos Daliegende müsse in der nächsten Sekunde die Augen aufschlagen und ihr erklären, was eigentlich los wäre. Aber er regte sich nicht. Die sonderbaren Töne setzten wieder ein und entpuppten sich als Schnarchen. Auch machte sich ein Geruch von Alkohol deutlich bemerkbar, und Regina begriff mit einemmal, um was es sich hier handelte — um keinen Unfall, sondern um einen Menschen, der zuviel getrunken hatte und einfach umgefallen war vor lauter Alkohol und jetzt vor ihrer Tür lag, ohne eine Ahnung davon zu haben, wo er sich befand.
Pfui Teufel! drängte es sich unwillkürlich über Reginas Lippen. Sie bückte sich und schüttelte den Schlafenden derb an der Schulter. Der schien nichts zu fühlen; er bewegte sich gar nicht, nur das laute Schnarchen ließ vorübergehend nach.
In Reginas Kopf ballten sich die Gedanken wirr zusammen und wurden zu einem Schmerz, den sie spürte — bis dort, wo das kleine pochende Etwas saß, das man Herz nannte.
Dieter Lindner, dem sie sich heimlich zugeneigt, dessen Gruß sie immer wie eine Liebkosung berührt hatte, lag betrunken vor ihr, war so jählings umgerissen worden vom Alkoholteufel, daß ihm nicht mehr Zeit genug geblieben war, an seine Menschenwürde zu denken.
Die Tränen traten ihr in die Augen und ließen für die Dauer von Sekunden alles um sie herum verschwinden, den stillen Hausflur mit den etwas plump gemalten Landschaften an den Wänden, die Treppe und den Mann, der sich so hart gebettet, weil die Treppe, die er vordem oft mit ein paar Sprüngen genommen hatte, heute ein unüberwindliches Hindernis für ihn gewesen war.
Regina schrak zusammen. War nicht eben ganz oben im Hause eine Tür gegangen? Vielleicht würde nun gleich Herr Gerhards die Treppe herunterkommen, der irgendeinen Frühzug benutzen wollte. Heiße Scham überflutete sie bei dem Gedanken, es könne außer ihr noch jemand Dieter Lindner in dem häßlichen Zustand vollständiger Trunkenheit sehen. Auch an seine Mutter dachte sie, die gute liebe Frau, die so stolz auf ihren Jüngsten war. Ihre anderen Kinder waren verheiratet, und sie hatte einmal gesagt, wie sich Regina erinnerte: Wenn mein Dieter heiratet, muß es eine ganz Besondere sein. Er ist so ein Prachtmensch! Und da lag der „Prachtmensch“, sah grau und alt aus und schlief seinen Bombenrausch auf dem Hausflur aus, hatte sich als Kopfkissen die unterste Treppenstufe gewählt.
Regina hatte noch den Nachhall einer im zweiten Stock einschnappenden Tür im Ohr, und alles, was sie dachte, schloß sich so rasend schnell dem an, daß sie schon einen Entschluß faßte, ehe sie von oben noch einen Schritt vernahm. Sie wollte nicht, daß jemand Dieter Lindner in seinem jetzigen Zustand sähe. Es war genug, daß für sie ein Ideal ins Wanken geraten war. Niemand durfte über Dieter Lindner lachen oder spotten. Das Recht dazu mochte sie keinem zugestehen. Sie wußte auch sofort, was sie tun mußte, um es zu verhüten.
Sie hielt sich nicht eine einzige Sekunde mehr mit Überlegen auf, sondern tat, was ihr geboten erschien.
Regina Ißberg war kräftig, aber Dieter Lindner konnte sie natürlich nicht tragen. Sie könnte ihn nur hineinziehen in die Wohnung, ruckweise, Zentimeter um Zentimeter, das müßte gehen, wenn sie sich anstrengte.
Sie bückte sich, packte den vor ihr Liegenden unter den Armen und schleifte ihn, der nur ein paar unverständliche Laute von sich gab, mit kurzen Rucken, wie einen schweren Koffer, hinein in die Diele. Dann holte sie den Hut, der neben Dieter Lindner gelegen hatte, und drückte die Wohnungstür leise ins Schloß. Ihr Herz pochte heftig infolge des Kraftaufwandes, aber ihr Vorhaben war gelungen, Dieter Lindner würde keinem anderen Hausbewohner mehr das häßliche Schauspiel bieten, das er ihr geboten hatte, und darauf allein kam es an.
Sie reckte sich; der Rücken schmerzte ihr, aber was machte das schon?
Sie wandte sich von der Tür ab und blickte gerade hinein in Dieter Lindners weitaufgesperrte Augen, diese Augen, die ihr immer so besonders gefallen in ihrem tiefen satten Blau. Jetzt blickten sie etwas stier; aber selbst da blieben sie schön.
Dieter Lindner saß jetzt auf dem Fußboden, und sein Gesichtsausdruck war unbeschreiblich. Er starrte Regina unverwandt an und mühte sich krampfhaft, herauszufinden, wo er sich befand und wie Regina Ißberg zu ihm gekommen sein könnte. Ein Büschel seiner blonden Haare hing ihm strähnig in die Stirn.
Er wollte sprechen, wahrscheinlich eine Frage tun, aber Regina hörte jetzt die Schritte, vor denen sie sich vorhin gefürchtet, die Treppe herunterkommen und bedeutete ihm, zu schweigen. Verwundert schüttelte er den Kopf, hielt aber den Mund, bis die Person draußen vorbei war.
Etwas heiser fragte er: „Wie komme ich denn hierher? Mir scheint, ich befinde mich in Ihrer Wohnung.“
Er erhob sich ungeschickt und versuchte krampfhaft, Haltung zu bewahren, aber ihm war verflixt flau zumute. Die Diele mit den hellen Eichenmöbeln schien sich mitsamt der hübschen Regina Ißberg um ihn zu drehen wie ein Karussell.
Er brummte: „Stehen Sie doch endlich mal still, wenn ich mit Ihnen spreche!“
Hellauf lachte das Mädel. War es Übermut, Spott, Zorn oder alles zusammen? Es genügte jedenfalls, ihn ziemlich stark zu ernüchtern, erreichte ungefähr die gleiche Wirkung, als hätte man ihm eine Kanne eiskaltes Wasser über den wirren Kopf geschüttet.
Er stand plötzlich viel gerader, fuhr sich mit der Rechten über das Haar, das sich, durch tägliches Bürsten an eine bestimmte Lage gewöhnt, sofort fügte.
„Warum lachen Sie mich aus?“ fuhr er Regina an.
Sie warnte: „Seien Sie vorsichtig und sprechen Sie nicht zu laut, es könnte draußen gehört werden. Und damit Sie Bescheid wissen, ich habe Sie hier zu uns hereingeschleift, weil Sie draußen schlafend auf dem Flur vor unserer Tür lagen. Ich wollte nicht, daß irgendwer Sie in dem abscheulichen Zustand sähe.“
„Sie wollten das nicht?“ wiederholte er und schüttelte verständnislos den Kopf. „Es kann Ihnen doch gleichgültig sein, in welchem Zustand jemand mich sieht.“
Er wollte zur Tür. Da entdeckte sie, daß er neben dem rechten Ohr blutete. Sie stellte sich ihm in den Weg.
„So, wie Sie jetzt aussehen, sollten Sie nicht hinauf zu Ihrer Mutter gehen. Waschen Sie sich lieber erst. Sie bluten an einem Ohr und sehen außerdem so aus, daß Ihre Mutter, falls sie schon auf sein sollte, sehr erschrecken würde. Das müssen Sie ihr ersparen. Gehen Sie in unsere Badestube und machen Sie sich dort zurecht. Unsere Aufwärterin kommt erst gegen sieben Uhr. Jetzt befindet sich niemand außer uns beiden in der Wohnung. Meine Eltern sind verreist, also kann keiner von Ihrer jetzigen Verfassung etwas erfahren.“
Er machte eine Bewegung, als wollte er sich auflehnen gegen ihre nüchterne, ruhige Anordnung, aber er biß sich auf die Lippen und schwieg. Da drüben der schmale Gang führte in die Badestube, die Wohnungseinteilung war ja im ersten Stock bei seiner Mutter die gleiche wie hier. Ohne noch eine Silbe zu äußern, setzte er sich in Bewegung, und Regina hörte gleich darauf, wie der Riegel vor die Tür der Badestube geschoben wurde.
Sie kehrte in ihr Schlafzimmer zurück und trat vor den Spiegel. Erst jetzt wurde sie sich wieder dessen bewußt, daß sie Dieter Lindner im Bademantel und mit offenen Zöpfen gegenübergestanden hatte. Trotzdem nickte sie sich zufrieden zu. Ganz ordentlich sah sie aus, aber nun wollte sie sich doch lieber rasch waschen und anziehen.
Das tat sie denn auch, und zehn Minuten später war sie tadellos angekleidet, trug nun einen einfachen dunkelgrauen Rock und eine weiße dünne Bluse mit viereckigem Ausschnitt. Ein goldenes Kettchen mit einem Glückskleeblatt aus grünem Email lag um den schlanken Hals und ihr glattgescheiteltes Braunhaar war im Nacken zum Knoten zusammengenommen. Ein rosiges, frisches und kräftiges Jungmädel war sie. Sie warf nur einen sehr flüchtigen Blick in den Spiegel und ging dann hinüber ins Wohnzimmer, dessen Tür weit hinter sich offen lassend, so daß man sie von der Diele aus sehen konnte, und wartete, bis sich durch den schmalen Gang von der Badestube her Schritte dem Wohnzimmer näherten.
Dieter Lindner trat bei ihr ein.
Er sah sehr sauber aus und duftete nicht mehr nach Alkohol. Sein Kragen war freilich noch verknittert, die Augen waren verschwommen und der Haltung mangelte die natürliche Straffheit, die Regina immer so besonders an Dieter Lindner gefallen hatte.
„Ich danke Ihnen für Ihre Güte, Fräulein Ißberg, und bitte um Verzeihung für die Umstände, die ich Ihnen bereitet habe“, sagte er.
Es klang kalt und gleichgültig, als hätte er sich den Satz, während er sich im Badezimmer befand, immer wieder vorgesprochen, bis er ihn auswendig konnte.
Ein bißchen mehr Freundlichkeit und Wärme hätte ich doch wohl verdient, dachte Regina. Sie sah ihn an.
„Sie brauchen mir gar nicht zu danken. Mir lag eben daran, meines Vaters Haus sauber zu halten. Wenn jemand Sie so, wie Sie draußen lagen, gefunden, hätte man vielleicht gesagt: Schöne Mieter hat Doktor Ißberg.“
Nicht im mindesten hatte sie gedacht, was sie eben behauptet, aber sie hatte sich geärgert über seinen allzu gleichgültigen Dank.
Er aber war schon nüchtern genug, um sich gekränkt zu fühlen. Mit einer sehr förmlichen Verbeugung sagte er:
„Ich darf aus demselben Grund — ich meine, weil Sie Ihres Vaters Haus sauber zu halten wünschen — wohl auch hoffen, daß Sie das Abenteuer von heute früh gegen jedermann verschweigen werden.“
Sie neigte den Kopf.
„Damit dürfen Sie natürlich rechnen, ich verspreche es Ihnen fest; selbst meine Eltern sollen nichts davon erfahren.“
Den Hut in der Hand, erwiderte er: „Ich danke Ihnen für das Versprechen und will jetzt gehen.“ Er grüßte, und sie begleitete ihn bis zur Tür.
Da — gerade, als sie diese öffnete und oeide zusammen im Türrahmen standen, sahen sie sich Frau Gerhard aus dem zweiten Stock gegenüber, die soeben fortgegangen war und eben das Haus wieder betreten hatte. Sie pflegte seit kurzem täglich mit der Schäferhündin Diana einen kurzen Frühausgang zu machen.
Regina war, als müsse sie sich vor den immer etwas dreisten Augen Frau Else Gerhards in ein Mauseloch verkriechen.
Sie wurde rot bis zu den Schläfen — vor diesen Augen und vor dem niederträchtigen Lächeln, das um den schmalen Frauenmund lag.
Frau Gerhard grüßte und meinte: „Oh, sind Ihre Eltern schon von der Reise zurück, Fräulein Regina?“
Sie besann sich keinen Augenblick. Heute würden Vater und Mutter ja wiederkommen, aber erst nach Mitternacht. Mochte die so abscheulich Lächelnde ruhig glauben, sie wären schon hier.
Sie nickte also: „Gerade sind sie angekommen, und Herr Lindner, der schon heute morgen zum Baden gegangen war, kam gerade zurecht, um den Koffer vom Auto reintragen zu helfen.“
Wie auf ein scharfes Kommando versch wand das Lächeln, das Regina so sehr beleidigte, und freundlich sagte der schmallippige Mund: „Wir scheinen das Haus der Frühaufsteher zu sein. Ihre Frau Mutter, Herr Lindner, sah ich von der Straße aus auch schon zum Fenster hinausschauen.“
Dieter Lindner nahm mit ein paar Sätzen die Treppe. Er war jetzt vollkommen nüchtern und begriff, in welche peinliche Lage Regina Ißberg durch ihn hätte kommen können. Zum Glück renkte sich, wie es schien, noch alles ein.
Frau Gerhard nickte Regina zu und schnalzte mit der Zunge: „Komm, Diana! Komm, mein gutes Hundchen!“
Regina schloß die Wohnungstür und blieb in der Diele stehen mit fest verschlungenen Händen.
Die unvermutete Begegnung war noch leidlich gut abgegangen, aber seit dem abscheulichen Lächeln Frau Gerhards war es, als läge ein Alpdruck auf ihrer Brust.
Der Tag hatte nicht gut begonnen.
2.
Drei Stunden später traf Frau Gerhard, als sie in der Nachbarschaft einkaufte, die Aufwärterin von Ißbergs bei einer Gemüsehändlerin und meinte: „Jetzt muß gleich wieder mehr eingekauft werden für die Mahlzeiten, nicht wahr, weil Herr und Frau Doktor Ißberg zurückgekommen sind?“
Die Schwemmert schüttelte den Kopf.
„Die sinn noch janich zurück, Herr und Frau Doktor kommen erst heute nacht wieder.“
Else Gerhard stutzte und fragte schnell: „Wissen Sie genau, daß sie noch nicht wieder da sind? Mir war es doch so, als wären sie heute früh vorgefahren.“
„Ausgeschlossen! Ick war ja heute früh schon in alle Zimmer bei Doktors un hab sie nich jesehn, und Fräul’n Rejina hat jesagt, heut nacht sind se erst widder hier. Die muß et doch wissen.“
„Natürlich, die muß es wissen“, gab Frau Gerhard in so sonderbarem Ton, zu, daß Frau Schwemmert dachte: Eine ganz komische Frau, die Frau Gerhard. Machte die sich lustig über sie? Sie mochte die Gerhard mit ihrer Neugierde überhaupt nicht.
Also Doktor Ißberg und Frau waren noch nicht von ihrer kleinen Reise zurück; Dieter Lindner aber war morgens gegen sechs Uhr aus der Wohnung gekommen. Daß die Schwemmert erst um sieben Uhr anzutreten brauchte, wußte Frau Gerhard ja.
Regina Ißberg hatte demnach gelogen, als sie behauptete, die Eltern wären heute früh zurückgekehrt und der zufällig vom Baden kommende Dieter Lindner hätte den Koffer aus dem Auto in die Wohnung gebracht. Alles war Lüge. Die Schwemmert wußte nichts von der Rückkehr der Eltern Ißberg, und das genügte vollkommen.
Hm, eine sonderbare Geschichte! Man fand sich da nicht gleich zurecht.
Regina Ißberg und Dieter Lindner!!
Frau Gerhard brachte ihre Neuigkeit zuerst bei ihrem Mann an. Dieser, ein stattlicher Vierziger, mit gutmütigem Gesicht machte eine heftig abwehrende Bewegung.
„Else, ich bitte dich, brocke dir und uns kein ungenießbares Süppchen ein. Der Himmel mag wissen, wie sich das alles verhält, jedenfalls geht es uns nichts an. Rede nur niemand gegenüber davon. Sowas kann gefährlich werden, und man lädt sich leicht eine Ehrenbeleidigungsklage auf den Hals. Ich habe viel übrig für Regina Ißberg, und wer sie richtig anguckt, weiß, an dem Mädel ist alles goldecht.“
Die Frau fragte gereizt: „Bei unserer Hansi ist das wohl anders, was? Bei der hält man wohl nicht gleich alles für goldecht, nicht wahr?“
Er lachte: „Hansi ist ein lieber Kerl, aber an Regina Ißberg kann das Küken natürlich noch nicht ran.“ Er wurde ernst: „Du gibst dir freilich alle Mühe, Talmi aus ihr zu machen. Zum Glück entwickelt sie sich in der Beziehung nicht so, wie du es gern möchtest. Taube Nüsse mag ich nicht.“
Sie fuhr gereizt auf ihn los: „Ich bin also in deinen Augen eine taube Nuß, nicht wahr? Ist ja recht nett, was du mir da schon am Vormittag sagst.“ Sie spottete: „Und du bist doch der tauben Nuß nachgelaufen, warst verzweifelt, als sie nicht gleich deine Frau werden wollte.“
Er lächelte versöhnlich: „Laß doch, Else! Wozu die Aufregung? Wir zwei sind vor unserem Ehewägelchen längst gründlich eingefahren. Ich werde nur manchmal widerborstig, wenn ich an Hansi denke. Das Mädel hat Werte, aber du möchtest durchaus ein Püppchen aus ihr machen, und ich will so ’n kerniges Geschöpf zur Tochter haben, wie Regina Ißberg eins ist.“
Sie nickte heftig. „Natürlich, gerade so eine wie die Komödiantin gefällt dir.“
Bums! schlug eine Tür zu, und die junge Hausgehilfin in der Küche zuckte zusammen. Wenn Frau Gerhard eine Wohnungstür zuwarf, war sie nachher immer ziemlich schimpffreudig aufgelegt und ließ ihren Ärger an ihr aus. Richtig, es ging schon los!
Frau Gerhard fegte in die Küche hinein und schrie: „Warum sind noch keine Kartoffeln geschält? Warten Sie vielleicht auf die Unterstützung der Heinzelmännchen? Die gibt’s bloß im Märchen, meine Liebe, die kommen längst nicht mehr, um die Faulheit zu unterstützen.“
Ursel Stolp spürte, wie es unter ihren Lidern brannte. Sie war nicht faul, sie rackerte sich brav ab vom Morgen bis zum Abend, aber nie ward ihr dafür auch nur ein einziges Wort des Lobes zuteil. Und das braucht ab und zu jeder, der sich alle Mühe gibt, seine Arbeit möglichst gut zu machen.
„Sie möchten mir wohl jetzt was vorheulen?“ schalt Else Gerhard. „Das verbitte ich mir. Ich bin nervös und vertrage keine Heulerei. Nehmen Sie sich zusammen und arbeiten Sie.“
Ursels frisches Gesicht war ein bißchen blaß geworden, aber sie weinte nicht. Hart sein muß man! mahnte sie sich selbst. Es lohnte sich nicht, solche Dinge schwer zu nehmen. Sie hatte Pech gehabt mit ihrer ersten Stellung; allzu schlimm war es schließlich nicht. Manchmal war Frau Gerhard ganz nett, und dafür mußte man ab und zu mal einen ungerechten Vorwurf einstecken können.
Frau Schwemmert, die schon seit zehn Jahren die Aufwartung bei Doktor Ißberg besorgte, kam mit ihren Einkäufen nach Hause. Regina trat zu ihr in die Küche, und während die Frau ihre Einkäufe auspackte, fragte Regina leichthin: „Nun, Schwemmerten, gibt’s etwas Neues?“
Sie trug noch immer den Alpdruck von der Begegnung mit Frau Gerhard mit sich herum und hoffte, sich durch oberflächliche Unterhaltung davon befreien zu können.
Sie erhielt von der grauhaarigen Liese Schwemmert die Antwort: „Ach, ville Neuet weiß ick och nich, Fräulein Rejina. Bei’s Einkaufen habe ick die Gerhardsche von oben jetroffen, die hat jefragt, ob Ihre Eltern schon hier sinn.“
Reginas Alpdruck verstärkte sich. Ihr Herz klopfte plötzlich stark und schmerzhaft.
Sie fragte: „Und was haben Sie ihr geantwortet, Schwemmerten?“
Die Frau sah sie etwas erstaunt an.
„Wat sollte ick denn anders antworten, als dett Ihre Eltern erst heute nacht kommen?“
„Ja, was sollten Sie anders antworten!“ echote Regina und sah dabei aus, als wäre es etwas ganz Fürchterliches, was sie bestätigen mußte.
Sie nahm mechanisch die Kohlrabis auf und legte sie wieder hin.
„Sehr schön ist das Gemüse, ich esse es gern, und die Eltern mögen es auch.“
Frau Schwemmert fragte: „Wat is denn mit Sie los, Fräulein Rejina? Sie sehen janz verkwast aus, als wäre Sie nich jut.“
„Mir ist auch wirklich nicht gut“, quälte Regina hervor, ließ die Frau stehen, lief hinüber in ihr Schlafzimmer und grübelte: Was für dummer Schnack konnte aus der Geschichte von heute morgen entstehen, wenn Frau Gerhard nicht den Mund hielt!
Sie wußte, sie könnte es den Eltern nicht erzählen, daß Dieter Lindner so häßlich betrunken gewesen war, und daß sie ihn in die Wohnung geschleift hatte, damit nur niemand ihn so verkommen sehen sollte. Sie würden mit Recht fragen: Was ging denn dich der Mensch an? Und könnte sie antworten: Ich mag ihn so gern und wollte ihm beistehen? Auch seine Mutter tat mir leid!
Nein, sie könnte das nicht antworten.
Sie überlegte und beschloß, Frau Gerhard die Wahrheit zu sagen und sie um Schweigen zu bitten. Auf diese Weise würde sich wahrscheinlich alles am besten aus der Welt schaffen lassen. Ihr blieb auch kein anderer Weg übrig.
Aber hatte sie Dieter Lindner nicht Schweigen versprochen? Durfte sie das Versprechen brechen?
Nein, das durfte sie nicht, ohne durch ihn von ihrem Versprechen entbunden zu sein.
Sie faßte sich an die Stirn. Ihr war, als spüre sie dahinter deutlich das aufgeregte Hin- und Herflattern ihrer Gedanken. Plötzlich mußte sie lachen. Ein kurzes, befreiendes Lachen war es. Mit was für Gedanken plagte sie sich eigentlich herum? Was war denn groß geschehen? Frau Gerhard dachte sicher nicht daran, weiterzuerzählen, was sie gesehen hatte, und wenn sie es doch tun würde, würde Dieter Lindner nicht zögern, jedermann zu erklären, wie er zu seinem Frühbesuch bei ihr gekommen war. Von jetzt an wollte sie nicht mehr daran denken. Sie war von Natur ein so frohgemutes Menschenskind, daß sie nicht leicht über Schwierigkeiten stolperte, und allzu viele waren auch noch nicht auf ihrem jungen Lebensweg gewesen.
Sie freute sich sehr, daß sie Dieter Lindner einen Dienst hatte erweisen können. Und so widerlich ihr Betrunkene auch waren, sie suchte nach Entschuldigungsgründen für ihn. Es wäre traurig gewesen, wenn man im Hause über ihn gelacht hätte.
Weshalb soll ein Mann nicht mal gelegentlich ein paar Glas mehr trinken, als gerade nötig ist? Wahrscheinlich hatte er mit Freunden gefeiert. Und einmal ist keinmal.
Sie entschuldigte das, was sie im ersten Augenblick maßlos erschreckt hatte, und reinigte auf diese Weise ihre Erinnerung von dem abscheulichen Bild, das sich ihr geboten, als sie heute früh auf den Flur hinausgetreten war.
Kurz nach Mitternacht fuhr eine Autotaxe mit den Eltern vor. Sie hatten der Tochter geschrieben, sie möge sie nicht mehr so spät im eigenen Wagen abholen.
Oben im zweiten Stock stand Else Gerhard in einem der dunklen Zimmer und beobachtete die Ankunft von Doktor Ißberg und seiner Frau. Sie freute sich, Regina bei einer so offenkundigen Lüge ertappt zu haben.
Sie mochte Regina nicht leiden, obwohl die ihr niemals etwas getan hatte. Das Frische, Kraftvolle an dem Mädchen störte sie, weil sie selbst es niemals besessen hatte. Sie fühlte sich in einer erkünstelten Atmosphäre am wohlsten und versuchte, ihre Tochter auch dahineinzudrängen.
Nur leistete diese ihr nicht immer Gefolgschaft. Es kam deshalb oft zu kleinen Zusammenstößen. Für moderne Kleidung gab Else Gerhard ein Heidengeld aus, und eitel war sie bis zur Dummheit. Ihrem Braunhaar hatte der Friseur einen goldenen Ton aufzwingen müssen; ihre Brauen waren schmal rasiert und kohlschwarz, und die Lippen brannten immer in korallenroter Lackglut.
Sie schloß leise das Fenster und dachte: Also es spielt wirklich etwas zwischen Regina Ißberg und Dieter Lindner! Beweis: Er kam morgens in aller Frühe aus der Wohnung, in der sich das Mädel allein befunden hatte.
Am nächsten Tage fing sie bei ihrem Mann wieder davon an; er aber gab verärgert zurück: „Ich wiederhole dir, laß die Finger davon, Else! Wir wohnen hier gut und bequem, und ich verspüre keine Lust, umzuziehen. Laß das Mädel da unten in Ruhe. Sie hat ein reines Kleid an.“
Frau Gerhard lachte spöttisch. Sie zupfte die goldüberflimmerten Stirnlöckchen zurecht.
„Ich werde den Mund halten, aber es macht mir Spaß, zufällig Einblick in dieses Verhältnis genommen zu haben. Eine lustige Geschichte ist’s auf jeden Fall, mein Lieber.“
Er zuckte die Achseln. Er hatte seine Geschäfte im Kopf; die kleinlichen Dinge, die seiner Frau „Spaß machten“, störten ihn nur in seinen Gedanken.
3.
Frau Magda Lindner war eine feine schlanke Frau mit blondem krausem Haar, in das die Jahre schon viele Silberfäden eingesponnen hatten. Sie besaß die tiefblauen Augen, die sie auch ihrem jüngsten Sohn vererbt hatte, und war meist guter Laune.
Sie hatte den Sohn mit ängstlichem Gesichtsausdruck empfangen; es war noch nie vorgekommen, daß er die ganze Nacht von Hause fortgeblieben war. Aber dank der gründlichen Behandlung in der Ißbergschen Badestube sah er leidlich aus, und sie ward gleich ruhig, weil alle ihre Ängste, was mit dem Sohn geschehen sein könnte, sich als überflüssig herausstellten. Er hatte die Ausrede gebraucht, er habe mit Freunden zusammengesessen, und weil er seinen Hausschlüssel vergessen, wäre er erst gar nicht heimgekommen, sondern hätte bei einem der Freunde die Nacht verbracht.
Er wußte, seine Mutter haßte unmäßiges Trinken. Wozu nun noch die Wahrheit sagen und ihr wehe tun, wo doch alles in schönster Ordnung war?
In schönster Ordnung? Die verschminkte Frau Gerhard von oben hatte ihn aus der Ißbergschen Wohnung kommen sehen, und Regina Ißberg hatte seinetwegen gelogen, ihre Eltern wären schon da. Regina Ißberg! Ihm schien fast unglaublich, daß es ihr gelungen war, ihn vom Flur in die Wohnung zu schaffen. Eine Kleinigkeit war das bestimmt nicht.
Er lächelte die Mutter an: „Weißt du, ich möchte mich noch ein paar Stunden hinlegen, Mutter. Ich habe auf dem fremden Sofa nur schlechte Nachtruhe gefunden.“
Frau Lindner nickte: „Natürlich, tu das, mein Junge, und schlafe noch. Bis halb acht hast du ja Zeit.“
Sie war froh, daß ihr Sohn gesund vor ihr stand. Sie hatte sich heute früh mit allzuviel Angstgedanken herumschlagen müssen, als sie sein Bett unberührt fand.
Nach der reichlichen Stunde Schlaf aber und ein paar Tassen starken Kaffee ward Dieter Lindner erst das Peinliche des Geschehnisses vom frühen Morgen klar. Ob er sich nochmals bei Regina Ißberg bedanken mußte?
Ach, das hatte er ja getan, daran erinnerte er sich deutlich genug, und ihm wäre verdammt unangenehm gewesen, ihr wieder gegenüberzustehen. Er wollte Regina Ißberg fortan lieber in weitem Bogen aus dem Wege gehen. Allmählich kam er dann wohl über die dumme Geschichte weg.
Anständig hatte das Mädchen ja gehandelt, aber sie hätte sich nicht mit ihm zu befassen brauchen.
Warum hatte er sich denn eigentlich zum erstenmal in seinem Leben so sinnlos betrunken? Wegen eines Mädels, wegen Marlene Staufen, der Nichte vom Konditor Staufen, bei dem er zuweilen gern einen Kaffee getrunken hatte. Sie hatte ihm schöne Augen gemacht und sich sogar von ihm küssen lassen, sich aber plötzlich für einen vor kurzem in der Stadt aufgetauchten sehr eleganten Herrn entschieden.
Da war er in einem Zustand von Trotz und Verzweiflung in eine Kneipe gegangen, in die er zuvor noch nie einen Fuß hineingesetzt hatte. Dort hatte er dann getrunken, wußte nicht mehr, wie er aus der Kneipe bis in das Haus, in dem er wohnte, gekommen war.
Er wusch sich zum zweiten Male sehr ausgiebig und dachte an Marlene Staufen, die ihm verlorengegangen und die in seinen Augen auch jetzt noch das schönste und begehrenswerteste Mädchen weit und breit war. So bald würde er nicht über ihre Treulosigkeit hinwegkommen.
Und derweil sich seine Gedanken auch am Nachmittag noch mit einer Art grimmiger Sehnsucht mit Marlene Staufen beschäftigten, ging die, an die er dachte, durch den dichtgrünen Juniwald neben einem schlanken Herrn her, der vertraulich einen Arm unter den ihren geschoben hatte und ihr erzählte, wie bequem und sorglos sie bald in einem reichen Heim mit ihm leben sollte.
Er erzählte: „Ich muß, wie ich dir schon andeutete, um mein Erbe kämpfen, mein Lieb, aber ich werde den Prozeß gewinnen. Mein Anwalt ist seiner Sache völlig sicher. Zwar werden noch einige Monate vergehen, aber dafür lohnt es sich auch nachher.“ Seine dunklen Augen konnten so zärtlich blicken. „Denke doch, Marlene, ein Schloß am Rhein, in der Nähe von Bonn, wird unser werden, mit herrlichen alten Möbeln! Und ein Bankkonto bekommen wir noch dazu. Ich habe mir mein Brot als Künstler verdienen müssen. Was blieb mir weiter übrig? Ich ließ meine Stimme ausbilden. Aber es liegt uns Buttenheims nicht, auf solche Art unser Leben zu gewinnen. Ein Ahne von mir kämpfte im Dreißigjährigen Krieg unter Tilly als einer der tapfersten Generäle und erwarb riesige Landgüter. Er heiratete eine italienische Fürstin, von der wir die dunklen Augen erbten, und ich denke, ihr Bild, das in dem alten Schloß am Rhein hängt, wird dir gefallen. Sie war sehr schön, du aber bist viel, viel schöner als sie.“
Wie betäubt schaute Marlene Staufen den Mann an, der sie so sorgsam über die grasbewachsenen Waldwege geleitete. Sie dachte: Es gibt also wirklich noch Märchen.
Wie ein Märchen war nun das große Glück zu ihr gekommen.
Er küßte sie, und sie grübelte verwirrt: War da nicht einer gewesen, der sie inniger geküßt hatte? Einer, der ihr den Himmel auf Erden versprochen und dem sie kurz und ohne viele Umstände den Laufpaß gegeben hatte, weil sie geblendet worden war von der goldenen Zukunft, die an der Seite Malte Buttenheims ihrer wartete. Sie fand sein Äußeres und sein Auftreten so vornehm und begriff noch kaum, daß sie, gerade sie, von ihm auserwählt worden war unter so vielen Mädchen, die ihm sicher alle gern gefolgt wären, wohin er sie geführt hätte, auch ohne daß als Ziel ein Schloß am Rhein gewinkt hätte.
Seit Malte Buttenheim sie hier in der Konditorei entdeckt, kam er, wie er ihr erzählt hatte, alle paar Tage aus Stettin, um sie zu sehen und sprechen. Er hatte sie gebeten, ihrem Onkel, bei dem sie lebte, noch nichts von der heimlichen Verlobung zu erzählen. Sie müßten erst das günstige Ergebnis des Prozesses abwarten. Dann könne er sich ganz offen um sie bewerben und brauche nicht mit leeren Händen vor ihren Vater hinzutreten.
Sie hatte ein süßes Gesicht, so ein richtiges liebreizendes Oval, lange Wimpern, hellblaue Augen, eine kurze schmale Nase und dichte lichtblonde Haarwellen über einer sehr geraden Stirn. Zwei sanft angedeutete Grübchen in beiden Wangen vertieften sich reizvoll beim Sprechen und Lächeln.
Dieter Lindner schien plötzlich neben ihr her zu gehen und sie anzusehen mit zornigem Blick. Mit so zornigem Blick wie gestern, als sie ihm erklärte, sie liebe einen anderen Mann.
Sekundenlang schnürte ihr unbehagliches Erinnern die Brust zusammen, das Atmen wurde ihr schwer.
Ihr Begleiter fragte: „Was ist dir, Marlenelein? Du siehst mit einemmal so nachdenklich aus.“
Sie schüttelte den Bann ab und lächelte: „Mir ist gar nichts.“
Er küßte ihre Hand, und sie errötete. So ein Handkuß war etwas, woran man sich erst gewöhnen mußte.
Sie wanderten weiter in den sich schier endlos dehnenden grünen Wald hinein, der die Mark Brandenburg so wundersam verschönt. Der Mann malte herrliche Zukunftsbilder, das Mädel an seiner Seite vergaß darüber alles um sich her. Irgendeine Fremdheit war noch zwischen ihm und ihr, das spürte sie deutlich, eine Fremdheit, die sie bei Dieter Lindner nie empfunden hatte. Aber das mochte wohl daran liegen, daß er ein Graf war — ein richtiger Graf!
Er küßte sie und sagte: „Ich bin so glücklich, dich gefunden zu haben; ’s ist unser zweites Alleinsein. Es war ja so wenig, wenn ich dich bisher nur sprechen konnte beim Besuch in der Konditorei. Aber du warst mir gleich so vertraut, als gehörtest du schon lange zu mir.“
Sie lächelte ein wenig eitel. Schön war es, nun bald eine große Rolle im Leben spielen zu dürfen. Aber auch ohne Titel und Schloß gefiel er ihr, nahm sie seine Liebe beglückt entgegen.
Er faßte ihre Linke und küßte sie, dann holte er aus der Westentasche einen Ring, der von hellgrünen und weißen Steinen funkelte und wollte ihn ihr anstecken. Doch noch zauderte er.
„Du sollst meinen Ring tragen, den ich für dich kaufte, Marlenelein, aber du trägst schon einen. Gib ihn her! Du mußt ihn mir verpfänden bis zum Hochzeitstage!“
Ehe sie noch etwas erwidern konnte, hatte er ihr den Ring abgezogen, der sich schon seit Generationen in ihrer Familie vererbt hatte. Ein antiker eigenartiger Ring war es und der Stein darin sehr kostbar.
Er schob ihr den flimmernden schmalen Reif an den nun leeren Finger und die Steine funkelten in der Nachmittagssonne grün und weiß in farbigem Durcheinander.
Er sagte: „Jetzt stecke ich mir deinen Ring an, mein Lieb. Siehst du, er paßt an meinen kleinen Finger, und von diesem Augenblick an sind wir richtig verlobt, wenn auch noch nicht öffentlich.“
Er küßte sie: „Ich fordere Treue von dir, Marlene! Och du, wie habe ich dich lieb!“
Marlene schwebte es auf der Zunge, zu bitten: Laß mir meinen Ring! Ich darf ihn nicht fortgeben, auch nicht an dich. Onkel würde schelten, wenn er merkt, daß ich ihn nicht mehr habe. Er schilt schon oft, weil ich ihn fast täglich trage.
Aber sie wagte nicht, ihm das zu sagen, denn sie trug doch ein so kostbares Geschenk von Malte Buttenheim am Finger. Sie würde allerdings den neuen Ring zu Hause nicht sehen lassen dürfen. Malte wollte doch nicht, daß sie von ihrer Liebe zu ihm erzählte, ehe er den Prozeß gewonnen hatte. Es war auch gut so. Mit dem Onkel war in manchen Dingen keine Verständigung möglich. Er war so solide und gründlich. Dinge, die noch in der Schwebe waren, entsprachen nicht seinem Geschmack. Alles, was er nicht sah oder was ihm nicht schwarz auf weiß bewiesen wurde, zweifelte er an.
Malte Buttenheim lächelte. „Jetzt wollen wir aber kehrt machen, mein Mädelchen. Ich habe am Spätnachmittag eine Besprechung mit meinem Stettiner Anwalt verabredet.“
Sie nickte: „Ich muß auch nach Hause. Ich habe nämlich geschwindelt, ich müßte zum Zahnarzt.“
Er drückte ihren Arm fester an sich.
Als die ersten Häuser der Stadt in Sicht kamen, trennten sie sich mit einem Händedruck und verabredeten sich: In acht Tagen an derselben Stelle.
Marlene ging langsam weiter und sah oft der straffen, schlanken Männergestalt nach, die sich immer rascher von ihr entfernte. Jetzt bog sie um eine Straßenecke und Marlene empfand ein leichtes Mißbehagen, weil Malte Buttenheim sich nicht ein einziges Mal nach ihr zurückgewandt hatte.
Nicht ein einziges Mal —
4.
Marlene kam nach Hause. In der Konditorei waren alle Tische besetzt. Sie sah es, als sie durch den Laden ging. Im Hinterzimmer, der allgemeinen Wohnstube, saß Konditor Otto Staufen auf dem Sofa. Seine graugesprenkelten dicken Augenbrauen zuckten. Das bedeutete bei ihm schlechtes Wetter.
Er fuhr die Eintretende an: „Wo bist du eigentlich gewesen? Die Lüge mit dem Zahnarzt brauchst du mir gar nicht erst aufzubinden. Ich habe mich schon fernmündlich mit Doktor Zelle unterhalten. Bei ihm bist du bis vor fünf Minuten nicht gewesen.“
Marlene entschloß sich zur teilweisen Wahrheit.
„Ich hatte so große Lust, ein bißchen ins Freie zu kommen, in den Wald und da habe ich den Zahnarzt vorgeschoben.“
In ihrer Stimme war etwas wie Aufsässigkeit. Er lachte kurz und böse.
„Ich habe immer gedacht, das Töchterchen meines Bruders, das bei uns lebt, als wäre es hier geboren, sei wahr und aufrichtig. Aber leider erkenne ich, du bist nicht mehr wert als alle, die einem fremden Mann zuliebe zur Lügnerin werden. Mit solchen verdammten Heimlichkeiten fängt es bei euch Mädels immer an und mit Ach und Weh hört’s auf.“
Sie erglühte bis zu den Schläfen und ihr Blick irrte ab.
Otto Staufen ließ sie nicht lange im Ungewissen über das, was er wußte. Er raunzte:
„Bist gesehen worden vom alten Kessin, der alle Tage nach einem ausgiebigen Spaziergang seinen Kaffee hier trinkt. Er erzählte mir: Einen schneidigen Freund hat sich Ihre Nichte angeschafft; sie geht in der Oberheide mit ihm Arm in Arm! — Ich habe mich darüber geärgert, daß es mir die Stimme verschlagen hat, als mir der alte Mann die Neuigkeit versetzte.“
Er fragte barsch: „Wer ist der Kerl, mit dem du gesehen wurdest? Ich will den Namen wissen.“
Marlene dachte daran, daß Malte noch nicht wünschte, daß ihr Onkel von ihrer Liebe erfuhr. Sie erwiderte deshalb so ruhig, wie sie es fertigbrachte: „Es handelt sich um eine Sache, über die der Herr, nach dem du mich fragst, schon zur rechten Zeit mit dir reden wird.“
Oh, wie jetzt die buschigen Brauen zuckten! Solche Antworten liebte der gerade, aufrichtige Staufen nicht. Er fand die Antwort hinterhältig und erregte sich:
„Was für einen Ton schlägst du eigentlich an, Mädel? Du, sieh dich vor! Bei mir mußt du Farbe bekennen, wenn ich es von dir verlange. Und ich verlange es! Auf der Stelle will ich wissen, mit wem du im Wald gewesen bist!“
Er sprach etwas zu laut und sehr schroff. Wäre sein Ton etwas milder gewesen, hätte Marlene wohl jetzt von dem Grafen Buttenheim erzählt; aber die rauhe Art weckte ihren Trotz. Sie beharrte darauf:
„Du erfährst alles, sobald es an der Zeit ist, darüber zu reden.“
Frau Staufen trat ein. Klein und dick war sie und immer in Hast. Sie mahnte:
„Nehmt doch Rücksicht darauf, daß wir ein offenes Geschäft haben! Warum hast du denn so laut geschrien, Otto? Ich konnte es ja bis in den Laden hinein hören.“
Sie blickte starr auf Marlenes linke Hand: „Was für einen Ring hast du denn da? Das Ding sieht ja ganz auffallend aus.“
Jetzt gewahrte auch Otto Staufen den Ring mit den grün und weißen Steinen, den Marlene abzuziehen vergessen hatte, ehe sie das Wohnzimmer betrat.
Er sah Marlene zornig an: „Der Ring hängt natürlich mit dem Spaziergang in der Oberheide zusammen. Also raus mit einer Erklärung! Wer ist der Mensch, mit dem du da rumgebummelt bist, und von dem du sicher das Glitzerding erhalten hast?“
Er stellte gleich eine weitere Frage, die ihm eben eingefallen war und die ihm noch wichtiger schien als die andere. Er forschte: „Wo ist dein Ring? Heute mittag hattest du ihn anstecken, und ich ärgerte mich darüber wie gewöhnlich, weil in der Beziehung ja kein Verstand in dich reinzubringen ist, weil du nicht begreifen willst, daß man so ein seltenes Wertstück nicht alltags im Geschäft trägt.“
Marlene entschloß sich zu reden, denn etwas mußte sie jetzt wohl bekennen, und wenn’s nur ein Bruchteil ihres Erlebens wäre. Sie ärgerte sich. Hätte sie vor dem Eintreten in die Wohnstube doch den neuen Ring abgezogen, den Malte Buttenheim ihr gegeben, dann wäre jetzt alles gut, hätte der Onkel wohl kaum an ihren Ring gedacht.
„Na, wird’s bald?“ drängte Otto Staufen. „Aber, bitte, tische uns keine Lüge auf.“
Seine Frau bat: „Sei nicht so laut, Otto! Denke an die Gäste in der Konditorei.“
Marlene tat noch immer ruhig, aber ihr war gar nicht wohl zumute, als sie antwortete: „Der Ring, den ich trage, ist mein Verlobungsring, und ich gab meinen Ring dafür, wenigstens solange, bis er und ich glatte Verlobungsringe tragen können.“
Das Ehepaar wechselte erschrockene Blicke. Endlich sagte die Frau: „Und warum muß dein Onkel, der Vaterstelle an dir vertritt, das erst durch Anschnauzen aus dir herausholen? Sind er und ich in deinen Augen so fremde Menschen, daß wir nichts zu wissen brauchen davon?“
Die Stimme der Frau bebte vor Erregung, weil sie hatte feststellen müssen: Da nimmt man ein blutsverwandtes Kind ins Haus, betreut es wie eine eigene Tochter, die man durch und durch zu kennen glaubt, und plötzlich hat sie ein großes Geheimnis, von dem man ausgeschlossen bleibt.
Man glaubt, ihr Vertrauen zu besitzen und man besitzt es doch nicht. Sie verbirgt etwas und lügt uns an.
Sie fuhr fort: „Wenn du jemand gefunden hast, den du gern magst, dann kannst du es uns doch sagen. Und wenn’s ein anständiger Mann ist, der sein leidliches Brot hat, brauchst du kein Schloß vor deinen Mund zu legen. Dann kann er sich uns vorstellen, und wenn nichts an ihm auszusetzen ist — lieber Himmel, dein Onkel und ich, wir waren auch einmal ein Liebespaar! Wir sind doch keine Unmenschen.“ Sie schalt: „Du solltest dich schämen, hinter unserem Rücken Heimlichkeiten zu haben, die gar nicht nötig sind.“
Marlene erkannte die Richtigkeit des Vorwurfs an. Sie entschuldigte sich: „Ich hätte euch ja auch schon gern etwas gesagt, aber er will es nicht. Er hält für gut, damit zu warten, bis er seinen großen Prozeß gewonnen hat und seine Existenz gesichert ist.“
Sie hatte das nicht sagen wollen, es aber nun doch nicht für sich behalten können.
Otto Staufen fragte hastig: „Wer ist dieser er? Darauf kommt es vor allem an.“
Sie wehrte ab: „Laß das, bitte, Onkel, bis er dich besuchen kann, bis er seinen Prozeß gewonnen hat. Dann sollt ihr es sofort erfahren.“
Er wurde heftig: „Ein anständiger Mensch braucht nicht mit mir Versteck zu spielen, der kann ganz offen mit mir reden, auch ohne den Hintergrund von ’nem gewonnenen Prozeß. Ich müßte sonst annehmen, wenn er den Prozeß nicht gewinnt, läßt er dich sitzen und verschwindet.“
Er fragte etwas ruhiger als bisher: „Um was geht es denn in dem Prozeß?“
Wenn er den Prozeß nicht gewinnt, läßt er dich sitzen und verschwindet. Diese Worte trafen Marlene wie spitze Steinchen, die man ihr ins Gesicht geworfen. Ihre Wangen brannten davon.
Sie vergaß, daß Malte Verschwiegenheit von ihr gefordert hatte, und antwortete sehr überlegen: „Der Prozeß dreht sich um ein großes Schloß im Rheinland und um eine bedeutende Barsumme.“
Otto Staufen sah seine Frau an und sie ihn. Dann sagte er fast belustigt: „Marlene, ich mache mir nichts aus dem Wiedererzählen von Filmstücken. Damit komm mir nicht.“
Sie hatte angenommen, ihre Mitteilung würde einschlagen wie eine Bombe; aber Onkel und Tante lächelten nur ungläubig — sehr ungläubig sogar — so ungläubig, daß ihr jetzt alles gleich war.
Lächeln sollte man nicht über Malte Buttenheim und über sie. Das mußte sie verhüten, und deshalb sprudelte sie die volle Wahrheit heraus. Mochten die beiden alles wissen. Sie sah selbst nicht mehr ein, warum sie eigentlich schweigen sollte. Malte mußte sich eben damit abfinden, daß sie ihn verteidigt hatte.
Cnkel und Tante würden ja nicht daran denken, ihnen Hindernisse zu bereiten, wenn ihr Liebster ein anständiger Mensch war. Und daran bestand kein Zweifel.
So erfuhr das Ehepaar von der Existenz eines Grafen Buttenheim aus Stettin, der hier in der Konditorei mehrmals Kaffee getrunken und sich auf den ersten Blick in sie verliebt hatte — es erfuhr auch, wie schnell er sich mit ihr gründlich ausgesprochen und daß er ihr heute den schönen Ring mitgebracht hatte. Den Ring aus Smaragden und Brillanten.
Otto Staufen setzte sich wieder, sagte kopfschüttelnd: „Die Neuigkeit kann ich beim Stehen nicht unterkriegen. Ein Graf hat sich in dich verliebt, und er prozessiert um ein Schloß am Rhein, in das du später als Gräfin einziehen sollst? Die Sache will mir noch nicht recht einleuchten! Ausgerechnet auf dich hat der Graf gewartet!“
Seine Frau warf lebhaft ein: „Otto, so etwas ist doch schon öfter vorgekommen, und Marlene ist sehr hübsch. Auch hübsch genug für einen Grafen.“
Otto Staufen mußte das im stillen zugeben. Ja, hübsch war das Mädel, sogar sehr hübsch, davon biß keine Maus ein Fädchen ab. Schließlich, wenn es sich wirklich um Liebe handelte, durfte man ihr wohl das anscheinend große Glück von Herzen gönnen.
Er wurde wieder freundlich. „Meinetwegen. Aber mit der Heimlichkeit muß es ein für allemal aus sein. Dafür habe ich nix übrig, Marlene. Dein Graf soll sich uns ruhig vorstellen. Und irgendeine Beschäftigung hat er ja. Wenn er Sänger ist, na, da ist er eben Sänger. Es gibt Menschen, die das sehr hoch einschätzen. Ich bin allerdings mehr für den Konditorberuf.“ Er lächelte: „An deinem Onkel und deiner Tante soll es nicht liegen, wenn dir nicht alles nach Wunsch geht. Du bist doch so gut wie unsere Tochter. Wir haben keine eigene — und Jungens, das ist ganz was anderes. Aber unsere fünfe sind wie deine Brüder. Wenn da der Graf Geschichten machen würde, fielen sie alle fünfe über ihn her.“
Marlene war mit einemmal leicht zumute. Sie war keine Freundin vom Heimlichtun und vom Lügen. Von Malte war es töricht gewesen, daß er das überhaupt von ihr verlangt hatte.
Frau Staufen klopfte ihr auf die Schulter:
„Ich bin ja so überrascht, daß ein Graf dich heiraten will.“
„Setze bloß Marlene keine Raupen in den Kopf!“ mahnte der breitschultrige Konditor Staufen. „Graf hin, Graf her! Der Titel sagt gar nichts. Heutzutage kommt’s bloß darauf an, daß einer ein richtiger Kerl ist. Mit dem Grafentitel allein kann man keinem vernünftigen Menschen mehr Respekt einflößen. Mensch ist Mensch. Bloß auf das und das kommt es an.“ Er zeigte auf Kopf und Herz. Er schmunzelte: „Aber ehrlich gestanden, freuen tut’s mich, wenn meine Nichte ’nen Grafen mit einem richtigen Schloß heiratet.“
Er nickte Marlene zu: „Die Hauptsache ist, daß du glücklich wirst, Mädel, alles andere ist nebensächlich.“
Marlene konnte nicht anders, sie fiel erst der dicken, kleinen Tante, dann dem großen Onkel um den Hals; und in ihren Augen standen Tränen.
Sie versprach: „Wenn ich Malte in acht Tagen wiedertreffe, erzähle ich ihm, daß ihr alles wißt, und bringe ihn hierher.“
Frau Staufen wehrte ab: „Aber nicht in die Wohnstube, führe ihn gleich oben ins Herrenzimmer. Da stehen doch unsere besten Möbel.“
Ihr Mann schlug sich belustigt auf die Knie.
„Hast also doch einen Fimmel, Muttchen, was? Wenn der Graf ein natürlicher, netter Kerl ist, gefällt es ihm hier in der Stube sicher ganz gut, die an Gemütlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Aber schließlich, wozu hat man ein Herrenzimmer? Das ganze Jahr über komme ich nicht hinein, wenn nicht mal bei ganz besonderen Gelegenheiten. Dann kann Mutter mit den geschnitzten Möbeln dicke tun, und die Tür nach der Eßstube, die wir sonst nicht benutzen, steht offen und man schnabuliert vornehm. Die Geschichte kann ja wieder mal aufgezogen werden, wenn dein Graf kommt. Also in acht Tagen rede ich mit ihm. Dann bringst du ihn uns, Mädel.“
5.
Frau Gerhard befand sich bei Fräulein Marrholz und unterhielt sich mit ihr, der besten und teuersten Schneiderin der Stadt, über eine kleine Änderung an einem erst vor kurzem angefertigten Kleid.
Fräulein Marrholz, sehr schlank und elegant, versprach, die gewünschte Änderung ausführen zu lassen. Dann erzählte sie von einem Kleid, das sie für eine Dame der Stadt gearbeitet, die gerade Trauer bekommen hatte, als es abgeliefert werden sollte, und die es nun durch ihre Vermittlung verhältnismäßig billig abgeben würde. Sie sagte geschäftstüchtig:
„Ich schlage Ihnen vor, das Kleid einmal anzuprobieren. Die Maße stimmen nämlich gerade mit den Ihren überein, Frau Gerhard. Man findet das selten! Und das Kleid ist bildschön und billig. Die Dame behielt es gern selbst, aber sie fürchtet, bis ihre Trauerzeit herum ist, wechselt inzwischen die Mode. Der Stoff war schon viel teurer, als sich jetzt für die Käuferin das fertige Kleid stellen würde.“
Sie öffnete einen Schrank und entnahm ihm ein über einen Bügel hängendes wirklich schönes Kleid, bei dessen Anblick Else Gerhards eitles Herz sofort rasch schlug. In ihren Augen irrlichterten Flämmchen auf.
Es handelte sich um ein Jackenkleid aus moosgrüner dünner Seide mit schmalen, weißen Samtaufschlägen. Gar nicht rasch genug ging es Frau Gerhard mit dem Anziehen.
Dann stand sie vor dem Spiegel, und die Schneiderin schritt um sie herum und bewunderte:
„Ganz großartig sitzt die Jacke! Und das Kleid erst! Wie für Sie geschaffen. Oh, wie die Farbe den Goldglanz Ihres Haares hebt. Einfach fabelhaft! Ein Kleid wie für Ihren Typ von Haller-Tann entworfen. Haben Sie schon von dem gehört? Natürlich, welche Dame kennt den Namen nicht!“
Frau Gerhard hatte keine Ahnung, wer Haller-Tann war, der Kleider entwerfen sollte.
Fräulein Marrholz lächelte süßlich: „Ich hatte das große Glück, Hans Haller-Tann in Berlin kennenzulernen. Bei Steenkopp, wo ich mich um ein Modellkleid bemühte. Er ist ein noch junger Mensch mit gebräuntem Gesicht und natürlichen Wellen im dunklen Haar. Er guckt eine Dame nur an und dann zeichnet er auf, was sie tragen soll, was sie kleidet. Und so einfach und nett ist er, trotz seiner Berühmtheit! Das Jackenkleid hier würde ihm gefallen, er würde sofort zu Ihnen sagen: ,Gnädige Frau, das müssen Sie nehmen. Wenn Sie es nicht tun, wäre es eine grobe Unterlassungssünde gegen Ihren nicht alltäglichen Reiz.‘“
Fräulein Marrholz kannte ihre Kundinnen und daher auch Else Gerhard.
Zu gern hätte die eitle Frau sofort das Kleid gekauft, aber sie war gerade äußerst knapp bei Gelde und ihr Mann hatte in letzter Zeit mehrmals schon gesagt, sie gäbe zu viel aus für Modenfirlefanz. Ja, wenn nicht morgen die Miete fällig gewesen wäre! Die hätte eben gereicht für das Kleid, das ihr über die Maßen gefiel. Am Mittwoch hätte sie dann damit nach dem Tanneneck gehen können, wo während des Sommers die Damen der Stadt ihren Nachmittagskaffee tranken, während die ausgezeichnete Kapelle des beliebten Geigers Udo Bering dazu weichwogende Walzer und feurige Tangos spielte. Fein wäre es, wenn sie den vielen aufmerksamen Frauenaugen das geschmackvolle und kleidsame Kostüm vorführen könnte. Sie zitterte bei dem Gedanken an den Triumph.
Ihr eng umgrenztes Hirn malte sich ihren Einzug im Tanneneck aus, wie sich ein großer Künstler vielleicht nicht einmal seinen schönsten Erfolgstag vor großem Publikum vorzustellen wagt.
Aber das Geld für den Einkauf würde sie nicht aufbringen. Ihr Mann genehmigte ihr sicher vorläufig kein Kleid mehr, und Kredit wollte sie nicht in Anspruch nehmen. Sie hatte da ein paarmal Erfahrungen gemacht, die jetzt als Warnungen vor ihr standen. Wenn dann die Mahnungen kamen und man sich nicht mehr an den Geschäften vorbeiwagte — —
Nein, wenn sie das Kleid nähme, wollte sie es auch sofort bezahlen.
Fräulein Marrholz blinzelte schlau.
„Eine Dame wie Sie sollte sich doch nicht erst den Kopf zu zerbrechen brauchen eines Kleides wegen, das ihr hinreißend steht. Kein junges Mädchen könnte neben Ihnen bestehen, wenn Sie das Kleid tragen. Ein weißer Hut, Seidenfilz mit ein paar weichen, wie zufällig wirkenden Kniffen paßt dazu. Die Pritzack hat ein paar derartige Modelle im Fenster. Wenn es Ihnen recht ist, lasse ich sie holen, und Sie überzeugen sich gleich, wie ausgezeichnet ich Sie beraten habe.“
Sie klingelte. Ein Lehrmädchen mußte fortgehen, die weißen Filzhüte mit den „Zufallskniffen“ holen. Nach einer Stunde verließ Else Gerhard mit „hochgeschwellter Brust“ über den Erwerb des schicken Kostüms mit passendem Hut Fräulein Marrholz, die Bezahlung hatte sie für die nächsten Tage versprochen.
Als Kleid und Hut geschickt wurden, war gerade ihr Mann im Wohnzimmer. Er schalt:
„Hast du dir vielleicht schon wieder solchen Modeplunder für eine dreistellige Zahl zugelegt? Ich wiederhole, ich bezahle nichts mehr.“
Sie lachte etwas gezwungen.
„Reg’ dich nicht auf, verehrter Otto, dein Körperumfang könnte darunter leiden, und das möchte ich nicht auf mein Gewissen laden. Ich habe mir das Geld für das neue Kleid zusammengespart, mein Lieber. Nicht wahr, da guckst du? Aber ich habe krampfhaft die Groschen zusammengehalten, weil ich wußte, im Sommer brauche ich noch ein Extrakleid.“
Sie packte es aus.
„Es muß dir ja gefallen. Ich werde jedenfalls viel darum beneidet werden.“
Er beguckte das moosgrüne Kleid und schüttelte den Kopf.
„Wie eine Spinatwachtel wirst du darin aussehen!“ sagte er nicht gerade höflich.
Sie warf ihm einen Blick voller Empörung zu. „So kannst nur du dich ausdrücken. Jetzt hast du mir die ganze Freude verdorben! Aber daran liegt dir natürlich nichts.“
Er zuckte die Achseln. „Du hast schon so viele Kleider, und ich finde, eins sieht aus wie das andere. Kümmere dich lieber mehr um Hansis Kleider. Sie ist ein junges Mädel und normale Eitelkeit schadet ihr nichts. Sie ist leider zu gleichgültig in den Dingen, die du zu wichtig nimmst. Du aber willst nicht, daß sie besonders hübsch wirkt, weil du Angst hast, dann abzufallen. Jedes Mädel und jede Frau mag sich so hübsch wie möglich machen, deshalb braucht sie noch kein Modeaffe zu sein.“
Er wandte sich ab. „Ich habe einen wichtigen Gang vor und keine Zeit mehr.“
Schon war er zur Tür hinaus, und sie lächelte ärgerlich hinter ihm her. Ihr war mit einemmal gar nicht mehr so froh zumute wie vorhin, als sie Fräulein Marrholz verlassen hatte.
Sie ging in ihr Schlafzimmer und zog das neue Kleid an, drehte sich darin langsam vor dem Spiegel hin und her. Abermals stellte sie fest, daß en wirklich äußerst schick und eigenartig war. Auch den Hut setzte sie auf und rückte ihn etwar ver wegen zur Seite.
Ihre Tochter war nicht zu Hause, da rief sie nach dem Mädchen.
Ursel erschien sofort, und Frau Gerhard fragte:
„Ist das nicht ein ganz wundervolles Kleid? Es ist ein Modell und steht mir besonders gut, nicht wahr?“
Ursel war ein einfaches und natürliches Geschöpf. Sie lobte nichts, was ihr nicht gefiel. Deshalb stand sie äußerst befangen da und bekam einen roten Kopf, aber sie blieb stumm.
„Frau Gerhard fragte scharf: „Gefällt Ihnen das Kleid vielleicht nicht?“
Da murmelte das Mädel verlegen: „Gefallen tut mir’s schon. Fräulein Hansi müßte sehr hübsch darin aussehen!“
Kleines, dummes Mädelchen, das aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, eben hast du eine sehr eitle Frau tief verwundet!
Else Gerhard befahl hart: „Gehen Sie an Ihre Arbeit. Was wissen Sie von Schick und Mode!“
Ursel verschwand eilig und dachte: in dem grünen Kleid hatte Frau Gerhard viel zu alt ausgesehen, die Farbe paßte nicht zu ihr. Hansis helles Blond und das Grün aber hätten sich wahrscheinlich bestens vertragen.
Hansi kam gerade heim. Sie lernte tanzen bei Fräulein Ritsch-Ratsch. Das war der Spitzname für die bewegliche kleine Tanz- und Gymnastiklehrerin. In Wirklichkeit hieß sie Antonie Nowotny. Ihre Vorfahren stammten aus Böhmen, und Großtante Nowotny war ein sehr bekannter Wiener Tanzstern gewesen. Das „Tonerl“ hatte man sie nur genannt. Sie war lange tot, aber wenn ein Bekannter der Tanzlehrerin, die das Geschick in eine märkische Stadt verschlagen hatte, eine Freude machen wollte, nannte er sie „Tonerl“.
Das tat ihr gut, dann dachte sie an die gefeierte Wiener Vorfahrin, und ihr war, als schwänden hundert Jahre, und sie wäre selbst das „Tonerl“, dem einst die Wiener Stadt gehuldigt hatte.
Den Spitznamen Ritsch-Ratsch hatte man ihr beigelegt, weil sie, wenn ihr etwas nicht schnell genug schien, zu sagen pflegte: Das muß ritschratsch gehen!
Hansi Gerhard, beinahe weißblond, mit blaugrauen Augen, hatte Ähnlichkeit mit ihrem Vater, mit dem sie durch dick und dünn zusammenhielt. Sie sah gutmütig aus und war es auch.
Staunend sah sie die Mutter an.
„Schon wieder ein neues Kleid? Na, ist denn Vati damit einverstanden?“
Ihre Mutter verwies sie ärgerlich: „Man könnte meinen, ich stände unter Kuratel, Hansi! Ich werde mir doch gelegentlich ein Kleid kaufen können ohne Genehmigung von Vati.“
Hansis großer, aber schön geschnittener Mund zeigte die glänzenden Zähne.
„Natürlich, Mutti, bloß ich meine, Vati verdient doch das Geld für uns, er arbeitet den ganzen Tag; wir aber geben nur aus. Du hast doch auch schon so viele Kleider.“
Es klang nicht dreist und unverschämt, war nur eine Feststellung. Aber die Frau war empört. Erst stellte der Mann sie des Kleides wegen zur Rede, dann wagte die rotbäckige Ursel zu tun, als hätte sie ein allzu jugendliches Kleid gewählt, und nun erinnerte sie noch das Kiekindiewelt daran, daß sie Kleider genug besäße. Gut, daß übermorgen Mittwoch war. Draußen unter den Bäumen von Tanneneck, wo die Springbrunnen die einförmige Begleitung zu Udo Berings singender Geige rauschten, würde sie schon Erfolg einheimsen. Sie antwortete spöttisch:
„Das Talent, Blech zu reden, hast du von deinem Vater geerbt.“
Hansi lächelte. „Und die hübsche, schlanke Linie habe ich von meiner Mutti. Du, ich glaube, das Kleid paßt mir auch. Es könnte mir gefallen.“
Ihre Mutter schnippte wegwerfend mit den Fingern.
„Wie ein Laubfrosch, dem man Futter zu geben vergessen hat, würdest du darin aussehen.“
Hansi zog leicht die Schulter hoch.
„Könnte schon möglich sein, daher will ich es lieber nicht anproben.“ Etwas lebhafter sagte sie: „Ritsch-Ratsch möchte dich bald mal sprechen. Ich soll fragen, wann sie kommen darf.“
„Was will sie denn?“ kam es in einem Gemisch von Unfreundlichkeit und Neugier zurück.
„Keine Ahnung, Mutti“, war die Antwort.
Frau Gerhard zuckte stumm die Achseln, und es war, als hätte sie laut geäußert: Mir ist im Grunde riesig gleichgültig, was sie will. Dann aber sagte sie: „Ich stehe Fräulein Nowotny jederzeit zur Verfügung, wenn sie sich vorher fernmündlich anmeldet.“
Das klang ganz nebensächlich, und schon betrachtete sie sich wieder ausgiebig im Spiegel. Hansi dachte, was sie — leider — schon so oft hatte denken müssen: Ihre Mutter tat manchmal, als gingen die Dinge, die sie nicht persönlich berührten, sie gar nichts an. Und das schmerzte.
Sie verließ das Schlafzimmer der Mutter, die das kaum bemerkte, weil sie unaufhörlich darüber nachgrübelte, ob sie den Plan ausführen sollte, den sie ersonnen hatte, um sich zunächst das Geld für das Kleid zu verschaffen.
Ja! entschied sie. Irgendwie mußte sie sich doch Geld beschaffen, und so, wie sie es sich ausgedacht hatte, war es verhältnismäßig einfach.
Sie zog das Kleid aus und sann nach, wie sie Regina Ißberg wohl am besten und ungestört sprechen könne.
Zufällig ans Fenster tretend, sah sie das junge Mädchen über den Damm kommen. Sie war noch ein Stückchen vom Haus entfernt und schaute eben zu ihr herauf.
Else Gerhard winkte lebhaft hinunter und erreichte ein Kopfneigen Reginas.
Das junge Mädchen war verblüfft. Was wollte die unsympathische Frau von ihr? In Verbindung mit dem Geschehnis von letzthin war es ihr unangenehm, die Wohnung im zweiten Stock zu betreten. Aber sie mußte es tun in einem Gefühl von Abhängigkeit, von dem sie sich vergebens freizumachen suchte.
Ein paar Minuten später — sie wollte eben oben an der Wohnungstür klingeln — öffnete sich die Tür bereits lautlos vor ihr, und Frau Gerhard bat sehr freundlich:
„Treten Sie ein, Fräulein Regina. Ich möchte nur eine Kleinigkeit mit Ihnen besprechen.“ Sie zeigte auf ihr Schlafzimmer und trat mit dort ein. Liebenswürdig lächelnd meinte sie: „Mein Mann und meine Tochter brauchen nicht zu wissen, um was ich Sie bitten möchte, Fräulein Regina.“
„Wenn ich Ihnen einen Wunsch erfüllen kann, werde ich es natürlich gern tun“, war Reginas Antwort.
„Bitte, setzen Sie sich“, forderte sie die Herrin des zweiten Stockwerkes auf.
Nur widerwillig nahm Regina Platz. Ihr war sehr unbehaglich zumute. Was wollte Frau Gerhard von ihr?
Diese behielt den gedämpften Ton bei, als sie sagte:
„Wir Frauen müssen, wenn es nötig ist, gegen die Männer zusammenhalten, nicht wahr?“
Sie erwartete keine Antwort darauf und lächelte nur betont. „Ich habe mir etwas gekauft, und denken Sie, mein Mann verweigert mir einfach das Geld dafür. Ich habe ihm nun erzählt, ich hätte mir das Geld bereits zusammengespart.“
Sie schob eine kleine Pause ein, ehe sie fortfuhr:
„Wenn nicht gerade die Miete fällig wäre, hätte ich natürlich keine Schwierigkeiten.“
Regina begriff nicht, worauf die andere hinsteuerte. Sie sollte aber darüber nicht lange im Zweifel bleiben.
Frau Gerhard redete schon weiter: „Mir fiel nun ein, ich könnte mich wohl an Sie wenden, Sie würden mir sicher gefällig sein. So etwas fühlt man. Also, Fräulein Regina, ich bitte Sie, auf irgendeine Weise Ihren Herrn Vater zu überreden, daß er mir die diesmalige Miete stundet und ich sie gelegentlich — sagen wir — vielleicht erst im Oktober — nachzuzahlen brauche. Bis dahin werde ich den Betrag zusammengespart haben, hoffe ich. Es wird Ihnen ja leicht möglich sein, mir den Gefallen zu erweisen.“
Regina erwiderte befangen: „Ich will’s versuchen, aber versprechen kann ich nichts. Vater wird mir antworten: Herr Gerhard verdient doch gut, und erst muß man seinen Verpflichtungen nachkommen, ehe man sich Überflüssiges anschafft. Sie wissen, Vater und Mutter sind selbst sehr anspruchslos.“
Von Else Gerhards Gesicht verschwand das Lächeln.
„Besonders entgegenkommend sind Sie gerade nicht. Ich bedaure das sehr, weil ich es nicht von Ihnen erwartet habe. Ich stehe nämlich auf dem Standpunkt, daß eine Hand die andere wäscht!“ Das war deutlich.
Unangenehm starkes Herzklopfen setzte Regina plötzlich zu; sie spürte es bis zum Hals hinauf.
Frau Gerhard lächelte schon wieder.
„Ich befinde mich in einer Notlage, aus der Sie mir helfen können, wenn Sie wollen, und ich rechne bestimmt mit Ihrem Wollen. Bestimmt!“ wiederholte sie noch einmal, und es klang trotz leisen Sprechens, als sei das Wort dick unterstrichen worden.
Regina war vollkommen im Bilde. Frau Gerhard dachte, sie hätte Regina einen Gefallen getan, weil sie ihren Eltern nichts von dem Vorkommnis mit dem Studenten erzählt hatte. Sollte sie doch den Eltern erzählen, was sie neulich morgens gesehen hatte. Dann brauchte sie wegen dieser Frau nicht mit dem Vater zu reden. Mochte die ihre Eitelkeit eindämmen und ihren Verpflichtungen pünktlich nachkommen.
Dann aber dachte Regina an Dieter Lindner.
In welchem Licht würde er ihren Eltern erscheinen? Nein, das durfte nicht sein! Es gab keinen Ausweg, sie konnte die Gefälligkeit nicht verweigern.
Deshalb erklärte sie:
„Ich will ja mit meinem Vater sprechen, aber ich habe wirklich keinen Einfluß auf seine Entscheidung.“
„Den Einfluß müssen Sie sich eben sichern“, kam es zurück. „Zugleich mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich nicht wünsche, Ihr Vater oder Ihre Eltern erfahren durch Sie, aus welchem Grund ich die fällige Miete jetzt nicht zahlen möchte. Das teile ich Ihnen nur ganz im Vertrauen mit.“
Da faßte Regina einen Entschluß. Sie besaß ein paar hundert Mark Erspartes von Geburtstagsund Weihnachtsgeschenken der Eltern. Gut, sie würde sich soviel holen, wie die Gerhardsche Monatsmiete betrug, und das Geld der Frau aushändigen.
Sie machte den Vorschlag.
Frau Gerhard nickte. „Ein guter Gedanke, Fräulein Regina, ein sehr guter Gedanke! Ich werde zum Herbst das Geld an Sie zurückzahlen.“
Regina erhob sich. Ein Gefühl von Widerwillen gegen diese eitle Frau überkam sie. Hastig sagte sie:
„Ich muß gehen. Das Geld werde ich Ihnen morgen vormittag bringen.“
Frau Gerhard geleitete sie bis zur Tür. Niemand in der Wohnung hatte etwas von dem Besuch gemerkt. Das war angenehm, da wurden überflüssige Fragen vermieden.
Else Gerhard kehrte sehr vergnügt in ihr Schlafzimmer zurück und betrachtete noch einmal das grüne Jackenkleid. Wie glatt alles gegangen war! Viel glatter, als sie erwartet hatte.
Am nächsten Vormittag löste Regina ihr Versprechen ein. Eine Stunde später brachte Frau Gerhard die Miete zu Doktor Ißberg hinunter.
„Ich bin immer froh, wenn ich das Geld los bin, damit ich nicht in Versuchung gerate, etwas davon auszugeben“, meinte sie.
Regina hörte es nebenan und schämte sich für die Heuchlerin.
Dieter Lindner traf sie gar nicht mehr; er ging ihr sichtlich aus dem Weg. Sie begriff das, aber es tat ihr weh. Sie teilte doch nun ein Geheimnis mit ihm — ach nein, auch Frau Gerhard wußte darum — aber die kannte das Geheimnis nicht richtig, sie sah alles, was sie davon wußte, entstellt und falsch.
Und Regina durfte ihr nicht die Wahrheit sagen, damit hätte sie nicht nur Dieter Lindner geschadet, sie würde wohl auch kaum Glauben gefunden haben. Dazu kam noch ihr Schweigeversprechen.
Die junge, bisher so lebensfreudige Regina Ißberg konnte nicht mehr so harmlos froh sein wie bisher, ein Schatten lag nun über ihrem Weg, der kurz zuvor noch heiter und besonnt gewesen war.
6.
Ritsch-Ratsch traf Frau Gerhard zufällig im Tanneneck.
Sie steckte in einem schneeweißen durchsichtig dünnen Kleid mit unzähligen schmalen Säumchen am Rock. Er glich einem verlängerten Ballettröckchen. Die Tanz- und Gymnastiklehrerin Antonie Nowotny hatte rotes Haar und ein sehr unregelmäßiges Jungengesicht.
Frau Gerhard trug das moosgrüne Seidenkleid mit weißen Samtaufschlägen und ließ sich anstaunen. Sie war glücklich, es hier vorführen zu dürfen. Hansi saß neben ihr in einem gelblichen Kleid, das ihre blasse Haut und die sehr hellen blonden Haare noch farbloser zu machen schien.
Antonie Nowotny fragte lächelnd: „Vielleicht darf ich hier mit Ihnen das besprechen, was mir sehr am Herzen liegt, Frau Gerhard, dann brauche ich Sie nicht erst in Ihrem Heim zu behelligen.“
„Aber gern!“ gab die Gefragte zurück. „Bitte, nehmen Sie ein Weilchen bei uns Platz.“
Gleich darauf saß die Kleine in dem duftigen zarten Kleid wie hingeweht neben Frau Gerhard, die trotz aller künstlich erzwungenen Magerkeit plump wirkte.
Toni Nowotny dankte für den angebotenen Kaffee und begann ohne Umschweife: „Sie haben mir vor einem Jahre Hansi geschickt, weil ihre Haltung sehr zu wünschen übrig ließ, und haben Hansi bis jetzt meine Stunden besuchen lassen. Nun aber meinen Sie, es wäre genug. Hansi deutete es mir an. Sie wünschen also, daß sie nicht mehr zu mir kommt, nicht wahr?“
Else Gerhard entgegnete: „Der Zweck ist ja schon seit langem erreicht. Hansi hält sich kerzengerade, und wenn sie das Alter haben wird, um Bälle besuchen zu können, dürfte sie sich auch wohl als leidlich gute Tänzerin bewähren, denn auf diesem Gebiet scheint sie sich ebenfalls allerlei bei Ihnen angeeignet zu haben.“
Warum sah die Ritsch-Ratsch nur mit einemmal so sonderbar aus, fast möchte sie ihr am liebsten ins Gesicht lachen?
Statt etwas zu erwidern, sagte die Tänzerin: „Bitte, Hansi, hole mir doch aus dem Automaten am Haus eine Schachtel Zigaretten, gleichviel, was für eine Marke. Aber eile dich nicht. Kannst dir mindestens eine Viertelstunde Zeit zu dem Weg lassen.“
Sie schob dem Mädchen das Geld in die Hand, und Hansi verstand. Deutlicher konnte man ihr wohl kaum noch klarmachen, daß ihre Gegenwart augenblicklich unerwünscht war. Sie erhob sich sofort und schlenderte davon.
Toni Nowotny aber sagte leise: „Ich habe sie weggeschickt, weil ich sie nicht eitel machen möchte, denn ich muß sie jetzt viel loben, und das kann manchmal mehr schaden als ungerechter Tadel.“
Der dünne Taft des moosgrünen Jackenkleides raschelte ein wenig. Frau Gerhard hatte eine lebhafte Bewegung gemacht und sah die neben ihr Sitzende gespannt an.
Die seufzte. „Ich wünschte, ich hätte so viel Tanztalent ins Leben mitbekommen wie Hansi. Bei mir hat’s gerade so weit gereicht, um eine leidlich gute Lehrerin zu werden und zu erkennen, daß überall um mich Grenzen gezogen sind, über die ich weder mit festem Tritt noch mit federndem Tanzbein hinüberkommen kann. Für Hansi aber gibt’s keine Grenzen, die hat das, was mir fehlt.“
Frau Gerhard wehrte ab: „Sie haben doch nicht etwa die Absicht, mir klarzumachen, Hansi hätte Begabung zur — Tänzerin?“
„Ja, eben das möchte ich Ihnen klarmachen“, antwortete die kleine Dame, die durch ihre zierliche Figur noch so jugendlich wirkte, daß niemand ihr ihre vierunddreißig Jahre ansah. Sie betonte: „Ich habe Hansi noch nie merken lassen, wie wundervoll begabt sie ist, und sie wagt gar nicht daran zu denken, daß sie es sein könnte. Aber jetzt, wo sie von mir weg soll, halte ich für meine Pflicht, mich einzumischen. Lange genug habe ich mich dagegen gewehrt, weil es leicht ist, Hoffnungen zu erwecken, und schwer, sie wieder einzusargen.“
Frau Gerhard blickte etwas betroffen drein. Ihre sorgfältig getuschten Brauen hatten sich zusammengezogen.
„Verehrtes Fräulein Nowotny, es erübrigt sich, das Thema weiter zu behandeln. Niemals dulde ich, daß Hansi Tänzerin wird. Seit Ostern ist sie aus der Schule, und wenn sie ihr Landjahr hinter sich hat, soll sie die Handelsschule besuchen. Mein Mann will sie in sein Büro stecken. Na, und später wird sie einen Mann finden. Ein Glück also, daß Sie ihr noch keine Raupen in den Kopf gesetzt haben.“
„Ich glaubte, Ihnen eine frohe Nachricht gebracht zu haben, Frau Gerhard“, verwunderte sich Toni Nowotny. „Ich dachte, Sie würden stolz auf Hansi sein. Statt dessen sehen Sie beinahe gekränkt aus. Der Beruf einer Tänzerin, den ich Ihnen für Hansi vorschlagen möchte, ist genau so ehrenwert wie jeder andere Beruf, und man soll seine Kinder werden lassen, wozu sie besondere Begabung besitzen. Hansi ist unzweifelhaft ganz besonders für den Tanz geeignet. Jammerschade, daß sie nicht schon vor ein paar Jahren angefangen hat mit dem Unterricht.“
„Vielleicht gar schon als Schulkind?“ höhnte Frau Gerhard.
„Genau so meine ich es“, gab Antonie Nowotny zurück.
„Ich bedaure, daß ich anderer Meinung bin“, entgegnete Frau Gerhard ärgerlich. Die Ritsch-Ratsch sollte sie mit solchen Plänen zufrieden lassen. Hansi eine Tänzerin! Mit dem Gedanken würde sie sich nie und nimmer befreunden.
„Warum gefällt Ihnen nicht, wozu ich Ihnen rate?“ fragte Toni Nowotny.
„Das läßt sich nicht so rasch erklären. Ich möchte es nicht, und mein Mann wäre sicher auch dagegen; das kann ich Ihnen schon im voraus sagen.“ Sie wurde liebenswürdiger. „Ich bitte Sie dringend, Fräulein Nowotny, nicht zu meinem Mann über Ihren Vorschlag zu reden. Er rechnet mit Hansis späterer Hilfe in seinem Büro. Sie würden ihm nur die Laune verderben. Er hat zu viel im Kopf und kann sich mit solchen Dingen nicht befassen.“
Die puppenzierliche Tanzmeisterin wandte ein: „Ich denke, es gibt für Eltern nichts Wichtigeres als die Zukunft ihrer Kinder.“
„Darin haben Sie vollkommen recht, und gerade deshalb soll Hansi keine Hoffnungen nähren, die sich nie erfüllen werden.“ Sie sagte fast schroff: „Sie sind ja auch keine große Tänzerin geworden, was Sie doch sicher einmal hofften, und ich hatte eine Jugendfreundin, die wollte es ebenfalls erzwingen. Sie tanzte sich fast die Seele aus dem Leib, und schließlich wurde sie ausgelacht, weil sich das Lampenfieber an ihre Beine hängte wie Bleigewichte. Lassen Sie mich in Ruhe mit der Idee. Ich bleibe bei meinem Nein.“
Antonie Nowotny machte ihrem Spitznamen Ehre. Mit zwei heftigen, ruckartigen Bewegungen hatte sie sich erhoben. Es war, als sagte sie ritschratsch dabei.
„Ich bedaure, daß ich Sie nicht für den Plan gewinnen konnte, Frau Gerhard“, erklärte sie traurig.
Eben kehrte Hansi zurück. Sie hielt Toni Nowotny ein Schächtelchen Zigaretten entgegen und machte große, neugierige Augen. Das süßsaure Lächeln ihrer Mutter gefiel ihr gar nicht, und um Toni Nowotnys Mund lief so ein sonderbares Zucken. Man konnte fast glauben, sie hätte sich schwer geärgert.
Ein bißchen verdattert guckte sie von einer zur anderen. Aber ehe sie noch etwas äußern konnte, war ihre zierliche, weißgekleidete Tanzlehrerin schon davongegangen.
Sie fragte hastig: „Habt Ihr euch gezankt, Mutti? Ihr seht so aus.“
Frau Gerhard lachte. „Ich wüßte nicht, weshalb! Was die Ritsch-Ratsch eigentlich von mir wollte, habe ich überhaupt nicht erfahren. Sie kam vom Hundertsten ins Tausendste.“
Sie winkte eine Bekannte an ihren Tisch heran. Es gab eine lebhafte Begrüßung.
Udo Bering spielte Volkslieder; Cello und Harfe begleiteten.
„Ach, wie ist’s möglich dann, daß ich dich lassen kann!“ sang die Geige. Der Schall wurde nicht weit getragen, aber die hier im Tanneneck saßen, hörten jeden Ton, und es war, als spielte Udo Bering für jede Frau, für jedes junge Mädchen allein. Er war ein hübscher, schlanker Mensch mit braunem Haar, das sich leicht lockte, und Augen, in denen Lebensfreude sprühte. Dieser Blick nahm stets seine Zuhörer gefangen; sie lauschten seinen Weisen aufmerksam, und die Melodien fanden den Weg zu aller Herzen. Die alten und die jungen Damen, die im Sommer jeden Mittwochnachmittag hier ihren Kaffee tranken, verehrten ihn.
Über eine kleine Akkordbrücke spielte sich der Geiger hinüber in das neckische Volkslied: „Du, du liegst mir im Herzen!“ Dem folgte: „In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad!“
Lotte Staufen, die stadtbekannte Frau des Konditors, hatte mit Marlene etwas abseits Platz genommen. Sie waren erst vor kurzem gekommen, und der Kellner stellte soeben den Kaffee vor sie hin. Kuchen hatte Frau Staufen selbst mitgebracht. Die kleine, lebhafte Frau lachte. „Ich bin immer froh, wenn ich mit dem Kopfnicken nach allen Seiten fertig geworden bin. Wie eine Potentatin komme ich mir manchmal hier vor.“ Sie unterbrach sich: „Nanu, was ist denn mit dir los, Marlene? Du hast ja die Augen voll Wasser. Mach um des Himmels willen keine Überschwemmung. Rede doch! Was hast du denn?“
„Mir ist was ins Auge geflogen“, kam es prompt zurück.
„Das habe ich mir gedacht“, klang es belustigt. „Aber weißt du, Marlene, genau dasselbe habe ich schon meiner Mutter geantwortet, wenn mich die Liebe so gepackt hat, daß es mir die Tränen hochtrieb. Und meine Mutter hat wahrscheinlich das gleiche schon ihrer Großmutter geantwortet und die wieder ihrer Mutter. Es sollte eine endlich mal nach einer anderen Ausrede suchen. Ihr Mädels von heute seid doch sonst so gescheit. Der Geiger müßte spielen: ,Liebe, Liebe, laß mich los!‘“
Marlene lachte mit überströmenden Augen. „Ach, bist du drollig, Tante!“ Sie wischte die Tränen verstohlen weg, es brauchte nicht gleich das ganze Tanneneck zu merken, wie nahe sie in letzter Zeit ans Wasser gebaut hatte. Sie goß den Kaffee ein.
„Sei nicht böse, Tante, mir ist manchmal so sonderbar ums Herz, und ich habe dann so angstvolle Gedanken.“
Frau Staufen nickte verständnisvoll. „Natürlich, ich erinnere mich noch sehr gut an meine eigene Jugend.“ Sie tröstete: „Du bist eben verliebt, Kind, aber wenn dein Schatz erst zu uns ins Haus kommt, dürfte es mit der Heulbereitschaft aus sein.“
Sie betrachtete die Nichte sehr zufrieden.
„Hübsch siehst du heute aus, hübscher als Regina Ißberg bist du, die da drüben links von der Kapelle sitzt, und uneben ist die ja bekanntlich nicht.“
Marlene blickte auf ihren Ring nieder und freute sich an dem Anblick des hübschen schmalen Reifs, der fast zu auffällig war. Grün und weiß zogen sich die Steine über die Fläche hin.
Marlene begann Kaffee zu trinken und meinte nachdenklich: „Malte Buttenheim könnte sein, was er wollte, und jeder Name wäre mir recht an ihm, er würde mir gefallen.“
Bekannte fanden sich am Tisch ein. Marlenes Ring fiel auf. Neugierige Fragen wagten sich hervor, wurden aber nur mit geheimnisvollem, verhaltenem Lächeln beantwortet.
„Ihr anderer Ring gefiel mir eigentlich noch besser“, sagte Frau Bauer, die Gattin eines Gärtnereibesitzers. „Ich würde beide Ringe zusammen tragen, einen an der rechten, den anderen an der linken Hand.“
„Ein junges Mädchen kann nicht gleich zwei solche auffallende Ringe tragen, das sähe nicht gut aus“, erklärte Frau Staufen.
Frau Bauer fragte: „Zu dem anderen Ring, den ich immer so sehr an Fräulein Marlene bewundere, gehört doch eine ganze Geschichte, nicht wahr? Sie machten einmal Andeutungen, liebe Frau Staufen. Wie wäre es, wenn Sie uns die mal erzählen würden? Alte Schmuckstücke, die eine Geschichte haben, sind doch selten.“
Während Frau Staufen den Wunsch erfüllte, hatten sich zwei Damen zu Else Gerhard gesellt. Das neue Kleid wurde gebührend bewundert, und die eitle Frau strahlte vor Genugtuung.
Hansi stahl sich heimlich fort. Sie wollte Ritsch-Ratsch suchen, um herauszubringen, warum sie vorhin so überaus verstimmt war.
Eine der Damen sagte zu Frau Gerhard: „Drüben in der Nähe der Musiklaube sitzt auch Ihre Hauswirtin mit ihrer Tochter. Eigentlich ist Regina Ißberg doch ein reizendes Mädchen. Man sagt, sie sei ihrem Vater schon eine gute Laboratoriumshilfe, der sie praktisch angelernt haben soll. Sie hat ja ihr Abitur gemacht und will nun noch Chemie studieren, hörte ich.“ Sie lächelte. „So ein Mädchen sollte lieber heiraten.“
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