Kitabı oku: «Apokalyptische Variationen»
Antanas Škėma
APOKALYPTISCHE
VARIATIONEN
Aus dem Litauischen
und mit einem Nachwort
von Claudia Sinnig

INHALT
ANGST
FORT
SCHWELBRÄNDE UND FUNKEN
DIE STILLE DER NACHT
DER EGOIST
DER KALENDER
DIE BIRKE UND DER MENSCH
IN DEN BERGEN
GEFANGEN
DAS KLEID
IM KRANKENHAUS
DAS LÄCHELN
HINTER DER MEMEL
DIE HEILIGE INGA
SONNENTAGE
DER GLÄSERNE MENSCH
DAS KARUSSELL
IŠA-AK
MURKSA
DIE VERDAMPFTE APRIKOSE
DER WEG ZUR STRASSE
SALTO MORTALE
ROMANTISCHES FINALE
ÜBER DIE EISENBAHN
DER WAGGON DES ZAREN
ALTER POSTWEG 16
APOKALYPTISCHE VARIATIONEN
CELESTA
HOLOFERNES
SCHRITTE UND STUFEN
HEIMWEH
DER SPAZIERGANG
ŽIIILVINAS
FREITAG
DIE FEUERWEHR KOMMT
IM ANFANG WAREN ZWEI
DIE BEGLEITER
DER GESANG
DAS MEER
DIE MADONNA
ANTANAS ŠKĖMA WIRD 40
ANHANG
EDITORISCHE NOTIZ
ANMERKUNGEN
NACHWORT DER ÜBERSETZERIN
ANGST
Zum ersten Mal bin ich ihm in einem Kaunaser Café begegnet, das ich an einem kalten, regnerischen Herbstabend aufsuchte. Die kleinen Tische waren alle besetzt. Da entdeckte ich in einer Ecke ein Tischchen, an dem ein einzelner Mann saß. Ich ging hin und fragte: »Darf ich?« Tiefe melancholische Augen sahen mich an … »Bitte.« Ich setzte mich. Bestellte eine Tasse Kaffee. Mein Blick schweifte durch den vollen Raum, blieb eine Weile bei den Musikern auf der Bühne und schließlich an meinem Tischnachbarn hängen. Ein Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren. Ebenmäßiges Gesicht mit scharfen Zügen, klassisch gerade Nase, schöne hohe Stirn mit tiefen Falten, nach hinten gekämmtes schwarzes Haar, aber seine Augen … Ich habe das Glück, viele schöne, ja sogar wunderbare Augen von Frauen gesehen zu haben, doch solche Männeraugen begegneten mir zum ersten Mal. Sie sahen ganz dunkel aus in dem trüben elektrischen Licht, obwohl sie es in Wirklichkeit vermutlich nicht waren. Ihr Blick drang gleichsam durch die Menschen in dem Café, durch das nichtssagende Bild an der Wand und auch durch die Wand hindurch. Es hatte den Anschein, als würden seine Augen sehen, was hinter der Wand vorging. Sie verströmten eine ruhige und zugleich bittere Niedergeschlagenheit. Da ich mir die Augen des Unbekannten genauer ansehen wollte, bat ich ihn um Streichhölzer für meine Papirossa. Sein an die Wand des Cafés gehefteter Blick glitt ab, er schien zu verlöschen und blieb dann an mir hängen. Jetzt sahen mich andere farblose, aber noch genauso traurige Augen an. »Verzeihen Sie, ich habe nicht gehört, was Sie gesagt haben.« Ich wiederholte meine Bitte. Er holte ohne Eile aus seiner Tasche Streichhölzer hervor, entzündete eines und gab mir Feuer. Ich bedankte mich. »Bitte«, klang es traurig. Und dann richtete sich sein Blick wieder auf die Wand des Cafés. Plötzlich, als sei ihm etwas eingefallen, schärften sich seine Gesichtszüge, auf seiner Stirn erschienen neue Falten und seine Pupillen erweiterten sich. Seine Haltung, die bis dahin ruhig, wie erstarrt, gewesen war, veränderte sich. Sein ganzer Körper spannte sich nervös an und geriet krampfartig in Bewegung. Er sprang von seinem Platz auf, rannte fast zur Theke, warf einige Münzen hin und verschwand durch die Tür des Cafés. ›Seltsamer Typ‹, dachte ich und konnte den ganzen Abend sein eindrückliches Gesicht mit den trübsinnigen Augen nicht vergessen.
Zum zweiten Mal sah ich ihn in einem Kino. Die Vorstellung hatte bereits begonnen, es war dunkel im Saal. Ich hatte mich auf den ersten besten Platz gesetzt. Als das Licht anging, schaute ich mich in dem vollen Zuschauerraum um. Da entdeckte ich links von mir im Profil sein bekanntes Gesicht. ›Das ist dieser Typ aus dem Café‹, dachte ich. Sein Blick war, wie im Café, auf gar nichts gerichtet, sondern verlor sich irgendwo in der Tiefe des Saals. Plötzlich schien er zu spüren, dass ich ihn anstarrte, er wandte sich träge zu mir um, und sein melancholischer und ein bisschen spöttischer Blick begegnete meinem. Fast unmerklich bewegten sich seine Mundwinkel. ›Wahrscheinlich hat er mich erkannt‹, dachte ich und war – ich weiß selbst nicht, warum – erfreut. Das Licht verlosch wieder, es begann der nächste Akt. Der Film war langweilig. Ein abgedroschener amerikanischer Western. Ich schaute zu ihm hinüber. Obwohl es ziemlich dunkel war, konnte ich die Konturen seiner ausgeprägten Gesichtszüge erkennen. Mitten im Film begann er, sich im Zuschauerraum umzusehen, er zuckte ähnlich wie beim letzten Mal zusammen, setzte sich mit einer schnellen Handbewegung den Hut auf und verließ gebeugt den Saal. In mir erwachte die Neugier. Ich erhob mich von meinem Platz und ging hinaus auf die glitzernde Freiheitsallee. Er lief quer über die Straße. Langsam, in einiger Entfernung, folgte ich ihm. Nachdem wir die Freiheitsallee überquert hatten, bogen wir in die Gediminasstraße ein. Er bewegte sich mit großen Schritten voran und wankte dabei leicht. Plötzlich blieb er, wie vom Blitz getroffen, stehen. Auf der Straße waren fast keine Leute. Sofort verbarg ich mich im Schatten eines Hauseingangs. Er stand etwa zwanzig Schritte von mir entfernt, und ich konnte deutlich sein bleiches Gesicht mit diesem seltsamen Ausdruck sehen, den ich im Café bemerkt hatte. Mit weit aufgerissenen Augen schaute er sich auf der Straße um. Ein Autobus kam mit hoher Geschwindigkeit angefahren. Er gab ihm kein Zeichen anzuhalten, stürzte direkt auf ihn zu und sprang auf. Kurz darauf verschwand der Bus in einer Abbiegung. Ich ging zurück zur Freiheitsallee. Lange habe ich mir den Kopf über diese beiden Begegnungen zerbrochen und das Gesicht dieses seltsamen Unbekannten mit den traurigen, ein bisschen ironischen Augen nicht vergessen können.
Einige Monate vergingen. Es war ein schöner Frühlingsabend. Die Uhr am Militärmuseum schlug acht. Das Dong, Dong, Dong, Dong … hing feierlich in der Luft. Ein Invaliden-Orchester spielte einen traurigen Walzer, die Melodie ging unter die Haut. Dong, tönte es zum letzten Mal und verging in der linden Abendluft. Die Akkorde der Musik wurden eindringlicher und strenger. Hier und da spazierten Pärchen umher, glücklich mit sich und diesem Abend. Es wurde dunkel. Ich erhob mich von meiner Bank und ging zum Ausgang des Museumsgartens. Auf der gegenüberliegenden Seite der Donelaitisstraße lief wankend ein Mann. ›Wahrscheinlich ein Betrunkener‹, dachte ich. Da fiel das Licht der elektrischen Straßenlaterne auf sein Gesicht. Er war es! Doch wie sehr er sich verändert hatte! Seine ausgeprägten Gesichtszüge waren ganz kantig geworden. Er sah aus, als hätte er eine schwere Krankheit durchgemacht. Sein Haar war nicht mehr sorgfältig nach hinten gekämmt, sondern hing wirr herunter. Seine eingesunkenen Augen blickten nicht mehr traurig und ein wenig spöttisch drein wie damals. Sie waren durch ihre Dunkelheit und ihren Ausdruck furchterregend. Ihr Blick irrte unstet und suchend umher. Der Mann stützte sich schwerfällig auf das Geländer an einem Schaufenster. Sein offener Mund schnappte gierig nach Luft. Ich weiß nicht, welches Gefühl mich trieb, über die Straße zu rennen, ihn am Arm zu packen und zu fragen: »Ist Ihnen nicht gut?« Er sah mich mit einem schweren, nachdenklichen Blick an. »Ach, Sie sind es«, sagte er ohne jedes Erstaunen. »Ja, ich fühle mich ein bisschen schwach.« Ich schaute mich um. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen Bänke für Spaziergänger. »Gehen wir dort hinüber, dort können wir uns setzen. Halten Sie sich an mir fest, ich werde Ihnen helfen.« Ich nahm ihn am Arm, führte ihn über die Straße und setzte ihn auf die Bank. »Danke«, sagte er und senkte den Kopf. Ich schwieg und überlegte, was ich sagen könnte. Plötzlich hob er den Kopf, starrte mich mit seinen großen Augen an, die jetzt seltsam funkelten, und begann hastig und unablässig mit gesenkter Stimme zu sprechen.
»Vermutlich werden Sie mich nicht verstehen und sich über das wundern, was Sie jetzt hören. Aber das ist mir egal. Ich kann es nicht länger ertragen. Ich kann mit dieser Benommenheit nicht leben. Angst, Angst und noch mal Angst. Sonst nichts.« Seine Pupillen wurden noch weiter. In ihnen stand Schrecken. »Hören Sie! Damals, in dem Café und im Kino, habe ich gesehen, dass Sie mich mit Mitgefühl betrachten. Die anderen Menschen sind so kalt, so egoistisch. Vielleicht sind Sie ja imstande, mich zu verstehen. Ich quäle mich schon seit zwei Jahren so. Früher war ich nicht anders als alle Menschen. Doch dann begann mich diese Angst zu verfolgen. Warum, das weiß ich nicht. Mir scheint, ich habe nichts Besonderes erlebt. Aber ich fühle, dass die Angst mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Sie taucht plötzlich auf, wenn ich sie überhaupt nicht erwarte. Ganz gleich, ob ich allein oder in Gesellschaft bin. Ich laufe vor ihr davon, dorthin, wo viele Menschen sind und Lärm. Anfangs ging es mir dann besser. Inzwischen findet sie mich aber auch dort. Ich fühle, wie sie sich mir nähert, ihre unbezwingbare Macht … Der Schrecken hat in meiner Seele die Oberhand gewonnen. Menschen, Häuser – alles verschwindet in einem Dunst. Und er wird immer größer, der Schrecken. Meine ganze Seele zittert vor dieser unverständlichen Angst. Ich laufe davon – ich weiß selbst nicht wohin. Ich kann ihr nicht entfliehen. Ich habe verschiedene Ärzte aufgesucht. ›Ihre Nerven sind geschwächt. Sie müssen sich erholen, ans Meer fahren …‹, sagen sie meistens. Aber ich weiß, dass ich diese Angst selbst am stillsten Ort der Welt nicht abschütteln könnte.« Er stöhnte. Er tat mir leid. »Beruhigen Sie sich, ich habe etwas Ähnliches erlebt«, sagte ich, weil ich ihn beschwichtigen wollte. »Ja? Dann werden Sie mich verstehen! Wissen Sie, ich kann niemals ruhig einschlafen. Wenn ich mich ins Bett lege, fühle ich, dass sie mich belauert. Ich verkrieche mich unter der Decke und habe Angst, ins Dunkel meines Zimmers zu schauen. Mir kommt es so vor, als würde ich, wenn ich in die Tiefe des Zimmers blickte, etwas unvorstellbar Schreckliches zu Gesicht bekommen. Es vergehen eine, zwei, drei Stunden, und ich liege da mit der Angst im Herzen, bis ich endlich einschlafe. Und so geht es jede Nacht. Jeden Tag. Wird das jemals aufhören?!« Er sprang von der Bank auf, packte mich an den Schultern und sah mir mit stechendem Blick in die Augen. Ich stand auf. Etwa zwei Sekunden lang schauten wir einander an. Dann ließ er mich los, murmelte irgendetwas in sich hinein und verschwand in der Abenddämmerung.
Ich habe ihn nie wieder gesehen.
[1929]
FORT
Heimweh ist eine chronische Krankheit. Thüringens blaue Wälder können sie nicht heilen. In Friedenszeiten würdest du vielleicht zwischen den hochstämmigen Kiefern umherwandern, sacht die rötlichen Felsbrocken berühren und mit weiten Lungen die Luft, die wunderbare Luft des atmenden Waldes einsaugen. Und dann würdest du dich im Moos ausstrecken, und aus den kleinen Gräsern würden auf einmal gewaltige märchenhafte Dschungel wachsen, in denen es keine Wege gibt, wo eine üppige, kämpfende Pflanzenwelt wächst, die Kiefernzapfen seltsam gemaserte Felsen sind und die Ameisen längst ausgestorbene, vorsintflutliche Tiere. Und wenn es ein bisschen ungemütlich, wenn es gar zu unfreundlich würde, würdest du aufspringen, auf einen rötlichen Fels klettern, und unten, dir zu Füßen, würden Thüringens Wälder flimmern in der diesigen Luft, als lägen sie hinter großen, klaren Ozeanen. In Friedenszeiten vielleicht … Aber jetzt … Ach, Heimweh – chronische Krankheit! Finster, so finster die hochstämmigen Kiefern, und die Tannen werfen kalte Schatten auf die Erde, und die steinigen Abhänge sind unüberwindliche Hürden: Und wenn du dir die Fäuste wundschlägst an den Steinen, und wenn du noch so sehr schreist, das Echo wird dir den vielfachen Schrei in den Mund stopfen und … – du wirst dich nicht durchschlagen, wirst dich nicht durchzwängen, du wirst nicht zurückkehren. Dann wird dir, wie Wasser einem Verdurstenden in der Sahara eine Fata Morgana erscheinen.
Vilnius … Türme … Türme und Kreuze. Kreuze wie warnende Zeigefinger. »Hier ist unsere Stadt. Sie gehört uns, den Türmen und Kreuzen. Rührt sie nicht an!« Die engen Gassen dort und die alten Häuserblocks, geheimnisvoll wie kleine Städtchen, sind in eine einzigartige Atmosphäre des Gestern gehüllt.
Für euch ist es das Gestern, für uns sind es unwiederbringlich verlorene Jahrhunderte. Irgendwo, in den größeren Straßen, versuchen Automobile, Radioapparate und die dreiste gehaltlose Sprache des heutigen Menschen, die Gegenwart auszurufen. Hier aber können Schreihälse und Hohlköpfe nicht hinein. Hier sind die Türme und Kreuze, hier sind die Schriftrollen auf den Reliefs, hier sind die mächtigen, kühnen, stummen Häupter der Großen mit ihren toten gemeißelten Augen – körperlose Häupter, die unter grünen Kupferdächern hängen, hier sind die muskulösen Nackten, ihre vom Regen rissigen Rücken beladen mit Steingebirgen, hier sind die vergessenen Heiligen in den dunklen, nicht mehr besuchten Kirchen, die Heiligen mit den drohenden, unerbittlichen Gesichtern, in deren tiefen Falten dieselben unauslöschlichen Worte eingeschrieben sind: »Der Tag des Zorns wird kommen. Er wird kommen. Wir wissen es. Wir warten. Dies irae, der einzige, der wichtigste Tag in deinem Leben!« Hier ist viel Elend von einst. Deshalb kommen Schreihälse und Hohlköpfe schwerlich hierher.
In den Ausläufern der labyrinthischen Gassen, in den Höfen mit mehreren Ausgängen durch gedrungene Torbögen und zwischen den von kapriziösen Architekten gebauten Häusern war es so leicht, so unausweichlich, sich mutwillig zu verirren und stundenlang herumzuwandern. Herumzuwandern und zu lauschen. Zu lauschen und versuchen zu verstehen. Vielleicht verschenkt ja dieser gebeugte Riese mit dem rissigen, bröckelnden Rücken ein vergessenes Geheimnis, vielleicht wird sich in jenen barocken Girlanden aus Blumen und Blättern eine Prophezeiung erfüllen, vielleicht wirst du in der kalten, trüben, in ihrer ewigen Stille furchterregenden Kirche nach langem Warten endlich sehen, wie der schreckliche Heilige vom Sockel steigt und mit schweren, steinernen Schritten das Gewölbe erschüttert wie der Komtur im Don Giovanni, und dir gleich einen zentnerschweren Schmetterling auf die Schultern legen und ein Wort aussprechen, ein bedrückendes Wort, das die schwarzen Gewölbe erbeben und die verrostete Orgel Töne der Vergeltung posaunen lässt. So leicht, so unvermeidlich war es, sich im alten Vilnius zu verirren.
3. Juli 1944. Die Stadt war zeitig erwacht. Die Türme und Kreuze ruderten noch schlank und ruhig in den ersten Sonnenstrahlen, aber zu ihren Füßen eilten schon die Menschen, mit Bündeln und Koffern beladen, waren Straße und Gehweg nicht mehr zu unterscheiden.
»Raus aus der Stadt, fort, nur fort …« – der einzige, drängende, treibende Gedanke in ihren Augen. Und die blitzenden Automobile, die gestern noch langsam und feierlich wie Eroberer durch die Straßen geglitten waren, zogen heute früh in scharfen Kurven davon.
»Raus, fort aus der Stadt …«
Bekannte begegneten sich und sprangen auseinander. Eilig, nicht stehenbleiben, die Zeit ist kostbar. Der Gruß rutschte tonlos oder kehlig heraus, fremd. »Gut …« – mehr nicht. Schon standen die altertümlichen Häuser fremd da, mit eingeschlagenen Fenstern. Schon ließen sich die Schriftrollen auf den Reliefs nicht mehr entziffern, und die Sphinx-Köpfe der Großen – mochte man noch so flehen – würden die gespitzten steinernen Lippen nicht öffnen. Aber wer konnte das wissen? Vielleicht waren sie so furchtbar gefasst, weil der Tod bevorstand. Vielleicht wussten sie es schon. Vielleicht würde bald eine Fliegerbombe oder ein Artilleriegeschoss ihr jahrhundertealtes Leben zerschmettern. Splitter würden auf den Gehsteigen verstreut, und mit gekreuzten Armen würden langsam, schwer und endgültig die unerbittlichen Heiligen aus ihren staubigen Nischen stürzen. Aber wer weiß, ob die in ihre tiefen Falten eingeschriebenen unauslöschlichen Worte verschwinden würden: »Der Tag des Zorns wird kommen. Er wird kommen! Wir wissen es. Dies irae, die einzige, die wichtigste Stunde deines Lebens!«
Die Luft, die Augen der Menschen, das nervöse Zucken ihrer Körper, die brummenden Automobile – alles war beherrscht von einem einzigen Wort:
Pa-nik!
Wir waren am Bahnhof. Durchgeschwitzt, atemlos. Wir sanken mit unseren Bündeln und Koffern auf die Eingangstreppe. Ein paar Schauspieler. Später fand sich ein Chirurg mit einigen Universitätsprofessoren ein. Um uns herum, in der bereits drückenden Sonne, keuchten Hunderte Niedergesunkener. Hunderte aufgesperrter Münder schnappten nach der staubigen Luft. Einige schienen zu lächeln. Lächelnde Zähne. Gesichter gequälter Tiere, die Augen unruhig, suchend. Wann werden wir auf den Bahnsteig gelassen? Wann in den Zug? Hunderte Menschen, hinter ihren Klamotten verbarrikadiert, verpackt in verschiedenfarbigen Bündeln und Koffern. Und du gehst vorüber – und mancher Blick wird dich zwingen wegzusehen, und dann wird er sich dir in Nacken und Rücken bohren.
»Hier sind meine vier Sachen. Eins, zwei, drei, vier. Ja, das ist alles, Gott sei Dank! Nicht das, das ist meins! Vier Sachen, hörst du! Eins, zwei …«
Ein Halbwüchsiger verkauft Zigaretten. Viermal so teuer wie gestern. Wir kauften Zigaretten, rauchten, bis uns schlecht wurde. Wir versuchten zu essen, nur ein bisschen, ein Stück Brot, ein Stück Speck. Es ging nicht runter. Plötzlich verbreitete sich Gelächter auf dem Platz. Siebzehnjähriges Gelächter. Ein junges Mädchen lachte aus voller Kehle. Ein Tuch um den Kopf, ein halbleeres Aktentäschchen in der Hand, ein Leberfleck auf der linken Wange. Sind die beiden jungen Männer, ihre Begleiter, so witzig? Oder genügt allein ihre Jugend, dass sich das Gelächter auf dem ganzen Platz ausbreitet? Die Leute, die sich auf die Bündel fallengelassen hatten, wandten wie auf Kommando die Köpfe, aber nur kurz. Das Gelächter war verletzend. Jetzt?! Nur kurz hatten sich die Köpfe umgewandt, und der noch ungeborene Trost verlosch wie ein Strohfeuer. Eine Sache, die wirklicher war …
»Das sind meine, hörst du! Drei, vier …«
Ein Bekannter kam. Der Bekannte hatte es gesehen. In der Chopinstraße. Am Molkereigeschäft und weiter, wie ausgestreut, fünf männliche Leichen. In eleganter Kleidung. Es hatte einen Wortwechsel gegeben und ein kurzes Feuergefecht. Die, die geschossen hatten, trugen deutsche Uniformen und hatten Maschinenpistolen. Die Pistolen der eleganten Leichen waren keine automatischen, sie schossen langsamer. Die Leichen waren stumm, wie üblich, und die Menschen konnten nur rätseln:
»Partisanen? Banditen?«
Ein Mann, an einen kleinen Eisenzaun gelehnt, sagte laut:
»Die Anarchie fängt an. Es wird noch schlimmer.«
Die Augen ringsum warteten. Was wird schlimmer? Die Augen erwarteten konkrete Kleinigkeiten. Was, wen und wie? Aber der Mann wusste es selbst nicht. Wusste nicht, was er den wartenden Augen noch sagen sollte, und schämte sich. Er wühlte in einem abgewetzten Rucksack. Doch die Nachricht verbreitete sich schnell, sie wurde gierig aufgenommen.
»In der Stadt herrscht Anarchie. Auf den Straßen liegen Tote. Es wurde aus den Fenstern geschossen. Die Partisanen wüten. Am Abend gibt es noch mehr Leichen. Es gibt keine Ordnung. Anarchie.«
Die Menschen sind nicht mehr niedergesunken. Wellen schweißüberströmter Gesichter und verschiedenfarbiger Bündel. Eine Welle sickert ins Innere des Bahnhofs, an den schmalen Türen, hinter denen die Dampfloks, die Waggons und die Felder sind. Aber an den engen Türen stehen breitschultrige Gendarmen mit eisernen Schildern auf der Brust und verwehren den Einlass. Trotzdem werden die Wellen kleiner. Sie sickern durch die Umzäunungen. Einer klettert über den Zaun. Einer geht außen herum. Auch durch die engen Türen kommen sie unbemerkt. Der Chirurg hat eine Flasche mit Spiritus und spricht gut Deutsch. Der Chirurg wagt es, mit dem eisernen Schild zu verhandeln. Das Schild schreit etwas von Ordnung, gibt aber schnell nach, und die Freiheit, hindurchgehen zu dürfen, wird eilig gegen die Flasche mit der klaren Flüssigkeit eingetauscht.
Wir saßen auf dem Bahnsteig. Es kam kein Zug. Wieder rauchten wir bis uns schlecht war, tranken warmes, graues Wasser, warteten. Die Stunden schleppten sich träge dahin. Lange, lange bewegen sich die Zeiger der Uhr vom Elektrizitätswerk nicht, bis sie plötzlich springen und sich wieder beruhigen. Fünf Minuten vergingen. Die Anspannung ließ nach. Zuerst gähnten die Menschen auf den Bündeln ein langes, erstarrtes Gähnen. Ein Gähnen wie die Reglosigkeit des Uhrzeigers. Dann schlummerten viele ein. Die anderen schwiegen. Einzelne Worte platzten heraus, blieben ohne Antwort. Sie unterstrichen die schläfrige Mittagsstille. Es war, als würde der Zug aus dem bedrohlichen Osten niemals kommen. Als würden die auf ihren Bündeln Zusammengesunkenen nie mehr aufwachen. Sie würden schlafen, eingeschnürt in die Mittagsstille wie Mumien. Und die Sonne würde hier stehenbleiben, über diesem grauen Häuschen mit den weißen Fensterläden. Und der Uhrzeiger würde auf zwanzig nach zwei zeigen, nur noch auf zwanzig nach zwei. Und dieser vierjährige Junge da zwirbelt ständig die Schnur seines Rucksacks, immer rechts herum, rechts herum …
Die Mittagsstille – ein Albtraum, der nicht weicht. Und …
Die Bündel …
Die weißen Fensterläden …
Der Uhrzeiger …
Die Schnur, immer rechts herum, rechts … – ich schlummerte.
Doch dann kam der Zug. Um fünf Uhr nachmittags. Ein Militärzug. Der Bahnsteig ruckte. Ein fernes Grollen zerstreute den Schlummer. Schwere, gerötete Lider rissen auf, und wieder übermannte der quälende, bohrende Gedanke den Bahnhof.
»Raus aus der Stadt, fort, nur fort …«
Über den Bahnsteig ergoss sich ein Trupp von Blitzmädeln. Ach, wo ist das schwungvolle Stolzieren auf den Straßen von Vilnius geblieben? Noch vor kurzem waren die Töchter des auserwählten Volkes auf den Gehwegen spaziert. Uns Parias haben sie nicht gesehen, man musste höflich zur Seite springen, die graue Kleidung ging geradeaus. Ein menschliches Hindernis hatte sich zu verziehen, die graue Kleidung glitt wie ein Panzer. Nur geradeaus. Jetzt waren uns die Blitzmädel so ähnlich. Sie schleppten Bündel wie wir, ihre Kleidung war zerknittert. Auch ihre Achseln waren genauso schweißgetränkt wie unsere, und in ihren Augen der gemeinsame quälende, bohrende Gedanke.
»Fort, nur fort …«
Am Ende des Zugs zwei Waggons für zivile Deutsche! Wir stürzten hin. Vielleicht irgendwie, irgendwo in einem Eckchen, wir brauchen nicht viel Platz, wir machen uns ganz klein, winzig! Man ließ uns nicht. Der Bahnhofskommandant erklärte betont ruhig:
»Kein Grund zur Beunruhigung. In zwei Tagen wird es Sonderzüge für die Bevölkerung geben. Das ist ein Militärzug, der ist verboten. Gehen Sie nach Hause und essen Sie in Ruhe zu Abend. Schneiden Sie sich eine Scheibe Speck und streichen Sie die Butter dick aufs Brot.«
Das Gesicht des Offiziers war intelligent. Sauber, hohe Stirn, blitzende Brille. Die letzten Sätze rochen nach Ironie. Und kaum spürbarer Panik. Da tauchte zufällig im Wortwechsel ein gemeinsamer Bekannter des Bahnhofskommandanten und eines der Professoren auf. Ein Bekannter, den beide verehrten. Und der Offizier stieg vom Podest.
»Steigen Sie ein, wo Platz ist.«
Wir waren ein paar Dutzend Erwählter. Wir stürzten zu den vollgestopften Waggons. Plötzlich hatten wir einander vergessen. Die einen drängten sich ins Innere, andere landeten im Gepäckwagen. Der Schaffner pfiff. Ich allein stand auf der Erde. Für mich war kein Platz mehr. Einige Jugendliche hatten sich auf die Puffer geschwungen und an die schmalen Brettchen zwischen den Waggons gehängt.
O wie schnell ich an das Dach kam, mit welch zirkushafter Behändigkeit ich meine Koffer festschnürte! Ich hing fast in der Luft, meine Beine baumelten über den Puffern, meine Hände krallten sich in das Dach. Endlich war ich ein Erwählter. Der Zug ruckte an. Ich fuhr. Die auf den Bündeln zurückgebliebenen Leute schauten böse, neidisch. Aber sie verschwanden sofort. Sie und der Bahnsteig, und Vilnius.
An jenem Abend wurde die Stadt bombardiert. Und danach – jeden Tag. Und keine Züge für die Einwohner mehr. Die Menschen flohen so wie wir oder erbettelten sich Plätze auf den Lastwagen [Zeile fehlt im Original] ihre Klamotten auf dem Rücken.
Damit zwischen Unbekannten Sympathie aufkommt, bedarf es eines gemeinsamen Bekannten. Unbedingt. Sonst kann es einem schlecht ergehen.
Jawohl, Herr Bahnhofskommandant!
[1945]
SCHWELBRÄNDE UND FUNKEN
DIE STILLE DER NACHT
Du öffnest die Augen, vielleicht weil sich dein Herz zusammenschnürt. Plötzlich erwacht, allein, in einer hellen Nacht, sagst du, wieder und wieder: »Wie still es ist …«
Warum bist du aufgewacht? Tiefe Ruhe erfüllt dein Zimmer, und auf deinen Armen liegt der Abglanz der Sterne. Die Sterne stehen hoch am Himmel, ihre himmlischen, suchenden Strahlen bringen Seligkeit. Aber als sie deine ohnmächtigen Arme fanden, bist du erschauert. Der winzige Muskel an deinem linken Augenlid zuckt jetzt noch. Warum? Die Sterne stehen so hoch am Himmel, und das Licht des Himmels ist so segensreich.
Weißt du es nicht? Dann schlaf wieder ein und öffne nachts die Augen nicht, wenn die Gardinen reglos an den Fenstern hängen wie die Gewänder von Statuen. Schlafe, bis der Tag heraufzieht. Am Tag wird die scharfe Sonne die Erde peitschen, in grellen Farben werden die Pflanzen und die Dinge schreien, und die Menschen werden schimpfen und lachen.
Beruhige dich, ruh dich aus, ich stehe dir bei, ich bin die Stille der Nacht. Es gelingt dir nicht? Deine Augen sind tief wie Brunnen in den Bergen, dein Blick dringt durch den Gardinenspalt, du horchst bis es schmerzt, und es kommt dir so vor, als würdest du hören. Du hast recht. Jetzt leben jene, die Er bestattet hat, und Sein Thron ist über den Sternen. Sie sind ruhlos, auch nach dem Tod.
Sie sind verflucht und wissen selbst nicht warum. Wenn du nicht schläfst, dann hör zu, achte nicht auf diesen winzigen Muskel an deinem linken Augenlid, der so hartnäckig zuckt.
Psst … Hörst du? Dort, vor dem Fenster, geht ein toter Soldat. Seine weit aufgerissenen Augen sind blind, ein Flammenwerfer hat sie ausgebrannt. Er geht mit lautlosen Schritten, dieser arme Blinde, und er sucht sein Zuhause. Täusch ihn nicht, beweg dich nicht, sonst könnte der Soldat meinen, dass die Wellen der Gardinen von schlanken kleinen Händen geteilt werden. Bleib liegen. Er weiß ja nicht, der arme Blinde, er weiß nicht, dass der Krieg sein Zuhause verweht hat. Er tastet sich mit den Händen voran, jetzt befühlt er eine Kletterrose, die an der Hauswand blüht. Die Rose ist weich, wie die Haare seines Kindes. Weißt du, warum der Soldat sein Zuhause sucht? Er möchte die Haare des Kinds betasten und sie langsam streicheln, so langsam wie diese Kletterrose hier. Der arme Blinde … poch, poch … und wieder poch, poch …
Ich frage dich, ich, die Stille der Nacht, hörst du dieses schwache Klopfen an einer Mauerwand? Fern von hier kriecht ein kleines Kind umher, das Kind des Soldaten, es wurde in einem Bunker verschüttet, es sucht nach seiner Mutter. Das Kind zittert, ihm ist kalt, es wurde ja nur im Hemdchen hinausgetragen, es bittet um den warmen Körper seiner Mutter. Poch, poch … die ganze Nacht hindurch, zu mehr ist es nicht imstande, dieses dumme Kindchen in dem schmutzigen Hemdchen. Weißt du, dass die beiden sich niemals mehr begegnen werden? Der Fluch wird aufgezeichnet für die Ewigkeit, und Er, der diesen Fluch ausspricht, ist groß und mächtig.
Pssst … Wo siehst du hin? Ah, du schaust durch den Gardinenspalt zu dem fahlen Stern. Ja, du würdest ihn gern vom Himmel holen und an die Brust drücken. Du glaubst, der fahle Stern könnte deine verblassende Hoffnung erwärmen und sie würde kühn und unsterblich brennen wie ein Feuer auf einem Berggipfel. Weißt du, dass denselben Stern ein Mensch gesehen hat, als er verhungerte? Einer von denen, die aufgelesen wurden wie Holzscheite. Weißt du, wie er sich danach gesehnt hat, dieses traurige silberne Licht nicht sehen zu müssen, aber er konnte sich nicht mehr bewegen, er hat auf dem Rücken gelegen, dieser gequälte Mensch, und gierig auf seinen Tod gewartet. Er wurde ruhig und seufzte froh, als kurz vor dem Tod bunte Kreise das weiße Silber erstickten. Doch Er, der den Fluch ausspricht, Er ist erbarmungslos. Unweit von deinem Zuhause ist ein Friedhof. Dort ist einer von denen verscharrt, die wie Holzscheite aufgelesen wurden. Und jetzt liegt er dort auf dem Rücken, und das weiße Licht des Sterns dringt unnachgiebig durch die Erde und brennt in seinen Augenhöhlen. Denn Er, der den Fluch ausspricht, Er mag die Qual.
Warum leuchten deine Augen auf? Ah, im Haus der Nachbarin ist ein fröhliches Licht angegangen. Ein angenehmes, alltägliches. Und dir ist leichter. Jetzt vertreibst du mich, die Stille der Nacht, jetzt machst du mir Vorwürfe, jetzt verstreust du Worte. Du sagst, dieses Land sei so wunderbar ruhig, es sei kaum berührt vom Krieg, die Menschen hier hätten das Lächeln nicht vergessen und würden Blumen pflanzen. Du sagst: Sie seien oft sanft wie schnurrende Katzen. Ja, im Haus deiner Nachbarin ist das Licht angegangen. An und wieder aus. Dort sind zwei Liebende vereint. Jetzt liebkosen sie einander, leidenschaftlich und glücklich. Du kennst sie, deine Nachbarin, sie grüßt dich jeden Morgen mit Gottes Namen. Ich sehe, du freust dich und erinnerst dich an das alte, eingepaukte Sprichwort – die Liebe ist stärker als der Tod. Aber siehst du denn den Mann nicht, der sich an die Mauer drückt? Es ist der Ehemann deiner Nachbarin, er beobachtet die Verliebten. Du meinst, er sieht ruhig zu, die Hände in die Taschen gesteckt. Weißt du, dass er nicht imstande wäre, sie so leidenschaftlich zu liebkosen wie der Neue?
Ich flüstere dir zu, ich – die Stille der Nacht: Der Mann deiner Nachbarin hat keine Hände mehr. Sie wurden ihm abgeschnitten, im Winter, im hohen Norden, weißt du, dass es dort im Winter furchtbar kalt ist? Dann ist er gestorben, wie viele Häftlinge, und seine unstillbare Sehnsucht hat ihn hierher geführt. Du meinst, er würde seelenruhig zusehen, die Hände in den Taschen? Ich sage dir, ich, die Stille der Nacht, was dieser ruhige Mann sich wünscht. Er wünscht, er hätte wenigstens eine Hand, denn auch die Leblosen vergießen schmerzliche Tränen, und er kann sie sich nicht abwischen. Doch Er, der den Fluch ausspricht, verzieht nur die Mundwinkel zu einem Lächeln.
Pssst … Beweg dich nicht. Besser nicht. Er ist groß und böse.
Richte deinen Blick auf diese Mauer. Du schaust nach Nordosten. Dort, im Nordosten, wachsen Kiefern und Fichten, Birken und Weiden. Dort riecht es nach Harz und nach Moos, dort würdest du gern herumtollen, wie früher, und fröhlich krakeelen. Dort ist ein Wald in deinem Land. Dort steht eine hohe, eine sehr hohe Fichte, sie ist so schlank wie ein siebzehnjähriges Mädchen, und unter der Fichte tollt dein Bruder herum. Ein Fremder hat ihn erschossen. Er tollt herum, bis er erstarrt und neben ihm eine Frau kniet, die sich aus Verzweiflung die Lippen zerbissen hat. Über ihr Kinn laufen kleine Rinnsale von Blut, sie erreichen die Delle in ihrem Kinn, und das Blut tropft auf den Gestorbenen. Du weißt, die Frau sagt immer und immer wieder dasselbe:
»Wir sind vergessen, wir sind vergessen, wir sind vergessen.«
Ihre Gedanken werden verworren, Wahnsinn ergreift sie.
Doch Er, der den Fluch ausspricht, verzieht nur die Mundwinkel zu einem Lächeln. Er sitzt oben, hoch oben, höher als die weißen Sterne, und Seine Augenhöhlen sind finster. Niemand hat je Seine Augen gesehen. Er sitzt da mit verschränkten Armen, unbarmherzig und höhnisch, und Er gestattet es nicht, für immer zu sterben.
Pssst … Beweg dich nicht. Ich weiß, du möchtest aus dem Bett springen, du möchtest Ihm drohen und laut schreien, dass Er es hört, dass Er sich regt, dort oben, über den weißen Sternen, dass Er erklärt:
Warum ist das so?
Du musst wissen, dass Er, der diesen Fluch ausspricht, ängstlich ist. Er wird mit dir nicht offen kämpfen. Er wird es dir vergelten, ohne das Geheimnis zu lüften. Er wird dich dazu bringen, deinen Menschenbruder zu vernichten, und dieser wird lachen an deinem Leichnam.
Pssst … Hör genau hin. Ich werde leise flüstern, ich – die Stille der Nacht. Ich sage dir:
Warum ist es so?
Weil … Er sich fürchtet vor dir, weil du nicht aus Ihm geboren bist, weil du ein Mensch bist und weil du in dir den Funken eines einst bezwungenen Gottes trägst. Erinnerst du dich an die alten Legenden, die heiligen Schriften? Dort gibt es immer zwei Namen. Dort gibt es immer zwei, die miteinander ringen. Osiris und Seth, Ahura Mazda und Ahriman, Gott und Satan. Erinnerst du dich an das Märchen vom Paradies, das Märchen vom Goldenen Zeitalter? Das ist sehr lange her, und Er, der den Fluch ausspricht, hat gesiegt. Und dieser zweite – Er lächelt zufrieden, sitzt über den weißen Sternen, erbarmungslos und höhnisch, und Er straft die Menschen, denn sie tragen einen Funken des besiegten Gottes in sich.
Doch … vielleicht, eines Tages … Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht – ich, die Stille der Nacht, aber wenn diese Funken den Himmel entzünden, dann geht Sein Thron über den weißen Sternen vielleicht in Flammen auf. Und vielleicht ersteht dann der Gott des Lichts wieder auf.
Pssst … Er könnte es hören. Beweg dich nicht. Schlaf besser wieder ein. Und öffne in einer hellen Nacht die Augen nicht, wenn dein Herz beklommen ist. Möge es still sein, mögen die Gardinen vor dem Fenster reglos herabhängen wie die Gewänder einer Statue.
DER EGOIST
Aus den Erzählungen eines Freunds
Sieh mal, diesem Herrn Professor bin ich einige Male in Vilnius begegnet. Zu jener Zeit fanden wir uns öfter bei einem jungen Chirurgen zusammen, einem Liebhaber von Wissenschaft und Literatur. Der Professor ist meines Wissens Litauendeutscher. Und seine Ernennung zum Professor hatte unter den Deutschen stattgefunden. Aber das Wesentliche besteht darin, dass er für mich ein Symbol ist. Ein Symbol für die heutige Denkweise, die diese egoistischen, unmenschlichen Verhältnisse hervorgebracht hat. Ich werde versuchen, mir meine letzte Begegnung mit ihm in dieser fantastischen Stadt in Erinnerung zu rufen.
Nun denn, der längliche Innenhof der Universität. Hinter der lauten Piliesstraße – die plötzliche Stille, eingezwängt in ein Rechteck aus zweigeschossigen Häusern. Das holprige, von Studentenfüßen ausgetretene Pflaster. Von Studenten, die dicke Mützen trugen, sich lange, gelockte Haare wachsen ließen, zahllose Weinfässer leerten und Tausende Worte verloren mit geröteten Gesichtern und glühenden romantischen Augen. Der Nebel aus erhabenen Worten und Träumen vermischte sich mit dem Dunst des Weins und berauschte die leidenschaftlichen Köpfe der Studenten.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit … Ein großes, mütterliches Vaterland …
Friede den Unterdrückten, Krieg den Ausbeutern …
Die hitzigen studentischen Köpfe vergammelten, die seidigen Locken verkamen, und der Nebel aus erhabenen Worten und Träumen zerstreute sich mit dem Weindunst.
Nun denn, dieser Hof im Rechteck der zweigeschossigen Häuser. Und die Stille. Und die verschlungenen orangenen Kaskaden von Kletterpflanzen, die mit dem einfachen Gras in den Ritzen der Pflastersteine verwachsen waren. Und diese niedrige Tür, bei der man den Kopf einziehen musste, und endlich ein geräumiges Zimmer, mittlerweile weiß gestrichen, mit einer Decke wie in einem Kloster. An den Wänden hingen Grafiken von Vilnius, der Besitzer der Wohnung, der junge Chirurg, mochte Grafik. In einer Ecke ein kleines Büffet. Auf dem Tisch eine Flasche Schnaps. (Oh, eine große Seltenheit im deutsch besetzten Vilnius!) Den Schnaps stellte ein Bekannter des Chirurgen her, der im Universitätslabor arbeitete. Was blieb ihm anderes übrig in dem leeren Labor? Studenten gab es keine mehr. Sie fanden den Militärdienst und den Kampf für das Neue Europa wenig verlockend. Diejenigen, die nicht Neo-Europäer werden mochten, zogen scharenweise in die sich zusehends bevölkernden litauischen Wälder. Der Laborant hatte in dem verwaisten Labor gesessen und gähnend die leeren, verstaubten Retorten, Kolben und Fläschchen angestarrt, bis ihn eines Morgens die in einer leeren Retorte spielenden Sonnenstrahlen an gelben Honigschnaps erinnerten und … in seinem Gehirn eine geniale Idee aufkeimte. Aus verschiedenen Resten (mit reichlich »O« und »H« und anderen Buchstaben der organischen Chemie) machte sich der Laborant daran, Alkohol herzustellen. Und bald glätteten sich die Falten der Langeweile auf seiner Stirn, und die Kolben, Retorten und Fläschchen blitzten wieder sorgfältig geputzt. Und der Laborant empfing wieder selbstgewiss seinen Monatslohn, sein Gewissen war beruhigt, das Labor war in Betrieb.
An jenem Abend war es ein besonderer Schnaps. Der Laborant hatte eine mit Äther angereicherte Flasche geschickt, und diese überraschende Veredelung veranlasste uns zu einem Moment der Besinnung. Wir waren zu viert. Der Chirurg und Hausherr, der Chemieprofessor, mein Kollege, so wie ich Lehrer für Literatur, und ich. Wie ein Götzenbild stand in der Mitte des Tischs die Flasche, und aller Augen starrten unverwandt auf das Wasser des Lebens. Ja, wir hatten es wahrlich nötig, dieses Wasser des Lebens. Unsere Lebensgeister waren stark geschwächt. Die Jagd nach Lebensmitteln und Tabak – und sonst fast nichts. Natürlich, wir verrichteten unsere berufliche Arbeit. Der Chirurg öffnete und untersuchte menschliche Körper, mein Kollege und ich – menschliche Seelen, doch es mangelte uns an Selbstgewissheit, in uns herrschte ein Zwiespalt, und er breitete sich wie ein Krebsgeschwür aus. Es war eine Krankheit, es war Schizophrenie.
Ich unterrichtete zu jener Zeit die Literatur des neunzehnten Jahrhunderts. In Augenblicken der intensivsten schöpferischen Ergriffenheit, wenn ich die Gehirne von Menschen des vergangenen Jahrhunderts erkundete, wenn in meiner Vorstellung ferne und doch nahe Männer mit hohen Stirnen und buschigen Schnauzbärten und Frauen mit geschnürten Taillen und kämpferisch aufgerichteten Brüsten weinten und zürnten, liebten und scherzten, wenn Ibsens oder Hauptmanns Helden an Subtilitäten starben, die die Menschheit nicht so bald wieder erreichen würde, unterbrach oft ein scharfer, perfider kleiner Hintergedanke plötzlich mein lebhaftes Schattenspiel.
›Du musst zum Abteilungsleiter gehen, mein Lieber, damit er dir Brennholz gibt. Weißt du noch, was deine Frau gestern Abend und heute Morgen zu dir gesagt hat? Sie hat mehrmals betont: Wir haben kein Brennholz mehr. Das Brennholz ist aus, verstehst du, du Genie. Ich habe gerade das letzte Stückchen verbrannt. Heute Morgen habe ich ein paar Scheite aus dem Schuppen von unserem Nachbarn genommen, aber so kann es nicht weitergehen, weil der Nachbar es bemerken könnte. Heute muss Brennholz beschafft werden.‹
Und wie auf ein Plakat druckte der kleine Hintergedanke deutlich sichtbare, nüchterne, rationale Sätze aus:
›Deine Frau hat gesagt, es ist kein Brennholz mehr im Haus. Du musst zum Abteilungsleiter gehen. Du musst sympathisch lächeln und ihn mit schuldbewusstem Gesichtsausdruck um Brennholz bitten. Es geht nicht an, dass deine Frau im Nachbarschuppen stiehlt. Der Nachbar könnte es bemerken.‹
Der letzte Satz war wenigstens erheiternd. Es war nicht wichtig, dass sie überhaupt Brennholz stahl, sondern dass es der Nachbar bemerken konnte. Und da fiel das Kartenhaus von Ibsens und Hauptmanns edler Psychologie in sich zusammen. Mein Kopf wurde leer. Wie vereinzelte Flugzeuge flogen in ihm die Trümmer von Sätzen umher …
… er lächelte, aber sie erkannte an seinem Lächeln ihre Niederlage nicht …
… wenn der Abteilungsleiter uns zwei Kubikmeter geben würde, wäre es nicht schlecht …
… ihre Ohnmacht löste bei ihm innere Freude aus …
… es gibt Brennholz aus Kiefer, Fichte, Pappel …
Und einmal, mitten in einer Unterrichtsstunde, da sickerte plötzlich still, aber aufdringlich, sehr aufdringlich, in der Klasse die Nachricht durch:
»Eine Lieferung Fleisch. Sie wird gerade verteilt. Die Ersten bekommen die besten Stücke. Eine Lieferung Fleisch, sie wird gerade verteilt.«
Nein, er, der Lehrer, war kein Betrüger, wenn er die Maske des neunzehnten Jahrhunderts trug.
Aber der Hunger nach Fleisch war ja sichtbar – in den funkelnden Blicken, und er war echt – in den Mundwinkeln.
Ja, wir waren gespalten. Der Steinzeitmensch drang grob in unser präzises Bewusstsein ein. Wir waren zu spät geboren, wir waren nicht mehr imstande zu fallen mit dem ins Chaos fallenden zwanzigsten Jahrhundert. Das neunzehnte Jahrhundert war bereits sehr weit entfernt, die Fallgeschwindigkeit war enorm, wie der Fall eines Steins in den Abgrund, und wir wollten uns mit erhobenen Armen an irgendetwas festhalten, was uns zurückversetzt in die luftigen Gefilde der edlen Psychologie. Deshalb dürsteten wir so sehr nach dem Wasser des Lebens. Deshalb starrten unsere Augen unverwandt diese Schnapsflasche an, die wie ein Götzenbild in der Mitte auf dem Tisch stand.
Die Stille wurde von der scharfen Stimme des Professors gebrochen. Er war ein noch junger Mann und Professor der Chemie. Ein erst vor kurzem berufener. Ein kräftiger, schwarzhaariger Mann, dessen kantiges Gesicht durch die Erforschung von Formeln und Flüssigkeiten intellektuelle Züge bekommen hatte.
»Fangen wir an.«
Der Geruch von echtem Bohnenkaffee breitete sich aus. Oh, das war ein besonderes Fest. Dankbare Blicke streichelten das kleine, erschöpfte, bereits verkahlende Köpfchen des Hausherrn und Chirurgen. Er tat so, als würde er die stummen Komplimente nicht bemerken. Seine etwas zu große Brille verbarg komfortabel die wohlige Verlegenheit. Wir fingen an. Die letzten Sonnenstrahlen fielen in das Rechteck des Hofs, sie glitten über die Kletterpflanzen, färbten sie grell rot und schmolzen zwischen den Steinen. Nur ein einziger, der behändeste, schlüpfte in unser Zimmer. Schlüpfte herein und breitete sich auf dem Boden aus, erschöpft und verblasst.
Der Schnaps wärmte. Der Schnaps hüllte unsere gereizten Hirne in weiches Behagen ein. Das Deckengewölbe sah jetzt leicht und gerundet aus. Und die ein wenig zu roten Kletterpflanzen dort, vor dem Fenster, versprachen ein seltenes, nicht alltägliches Abenteuer. Es könnte doch einmal im Leben etwas Außergewöhnliches geschehen, oder nicht? Vielleicht würde es plötzlich läuten und nach längerem angespanntem Warten mit beschleunigtem Herzschlag jemand hereinkommen und eine so gute, so rührende Neuigkeit überbringen, dass man den Wunsch nach einem festen Handschlag verspürt, nach völliger Hingabe mit einem freundschaftlichen Blick, vielleicht würde es einer von uns sogar wagen, seinen Nachbarn zu küssen. Ja, unsere Hirne funkelten schon, unsere menschliche Stimmung hätte Wörter erzeugen können, die wir, da wir alltäglich waren, sonst nicht auszusprechen wagten.
Ich sah die große Brille des Chirurgen funkeln, sein Blick wollte durch sie hindurchbrechen, das wäre für mich jetzt der Blick gewesen, den ich am meisten gebraucht hätte. Nun ja, und da legte er seine Hand auf die meine, und das verband uns sofort, unsere Gedanken waren im Begriff zu verschmelzen, und ich konnte deutlich erkennen, wie sich seine Lippenmuskeln anspannten, der Chirurg wollte etwas sagen …
»Ich bin ein Egoist.«
Diese Überraschung kam völlig unvermittelt. Drei Männer zuckten zusammen. Und einer bewegte sich nicht. Er starrte mit aufgerissenen Augen vor sich hin. Die Falten an seiner Nase wurden schwarz, und seine markanten Gesichtsknochen waren noch deutlicher sichtbar, als wären sie hervorgesprungen. Erst jetzt verstanden wir, dass es der Professor war, der diesen unerwarteten Satz ausgesprochen hatte. Erst jetzt erinnerte ich mich, dass er nicht ganz bei uns gewesen war, dass er sich die ganze Zeit an der Flasche zu schaffen gemacht hatte und an den Kaffeetassen und …
»Ich bin ein Egoist. Ich muss es sein.«
Seine Stimme zerriss endgültig die warme, gemütliche Blase, in der wir versunken waren. Die Zellen in unseren brennenden Hirnen spannten sich an. Die kleinen, engen Augen meines Kollegen. Sie waren verschwunden gewesen, im Nirwana. Jetzt bohrten sie sich wie zwei Nadeln in den Mund des Professors. Mein Kollege wagte es als erster:
»Warum?«
Der Professor blickte uns aufmerksam an. Unsere wie bei einem plötzlichen Angriff nach vorn gebeugten Körper amüsierten ihn. Aber er riss sich sofort zusammen und schenkte uns nach.
»Trinken wir zuerst.«
Wir tranken. Und beruhigten uns. Sein beherrschtes kleines Lächeln versetzte uns in den Alltag zurück. Die Gewölbedecke war nicht mehr gerundet und nicht mehr leicht. Und die Kletterpflanzen vor dem Fenster … Na und? Im Sommer gibt es viele rote Abende. Am nächsten Tag würde es wahrscheinlich windig. Und … es war wirklich komisch. Dieses Vilnius war romantisch. Diese Höfe, diese Häuser, umso mehr, wenn man etwas getrunken hatte … Ein ungutes Gefühl machte sich in uns breit. Wir schämten uns dafür, dass wir in unseren Herzen fest verschlossene Kostbarkeiten hatten hervorholen und einander schenken wollen. Ja, man sollte kühl denken, objektiv und logisch. Das grausame Leben, der Existenzkampf und so weiter.
»Es wäre interessant zu erfahren, warum der Herr Professor ein Egoist sein muss.«
Mein Kollege hatte diesen Satz mit ganz und gar höflicher Stimme gesprochen, sogar in einem zuvorkommenden Tonfall mit feinsten höchsten Nuancen. Der Professor lehnte sich bequem zurück. Er war ein Sieger und fühlte, dass seine Zuhörerschaft seine Gedanken gehorsam aufnehmen und sich einzuprägen versuchen würde. Wir waren jetzt vorbildliche Schüler mit gewaschenen Ohren und gekämmten Haaren.
»Erstens bin ich mir gewiss, dass ich am Leben bin. Ich möchte essen und schlafen, ich fühle Schmerz, Zufriedenheit und so weiter. Das ist für mich eine Tatsache. Weiter. Ich kommuniziere mit meiner Umgebung, sie beeinflusst mich. Auch das ist eine Tatsache. Diese beiden Tatsachen genügen mir.«
»Und wir?«
»Sie?«
Der Professor lächelte. Gute Zähne hatte der Professor. Gerade, regelmäßige, weiße. Wirklich egoistische.
»Sie … Sie sind Tatsachen unklarer Sorte. Tatsachen, die mit der Umgebung verknüpft sind. Ich würde sagen, vorübergehende. Sie existieren, solange ich mit Ihnen zu tun habe. Danach verschwinden Sie hinter den Grenzen der Umgebung. Sie sind einzelne Elemente der Umgebung, sonst nichts.«
»Aber auch wir fühlen Schmerz, Zufriedenheit, die Umgebung … Auch wir sind Tatsachen. Jeder von uns ist eine Tatsache für sich …«
Während ich diese verstreuten Sätze von mir gab, griffen meine Hände unbewusst nach der leeren Kaffeetasse und streckten sie zur Kanne aus. Meine Hände zitterten merklich. Der Professor nahm mir behutsam, wie einem Kind, die Tasse ab, goss laborantisch genau Kaffee hinein und stellte sie vor mich hin.
»Darüber brauchen wir nicht zu streiten. Sie für sich – gut möglich, aber für mich … Verzeihung. Wenn ich nach Hause komme, sind Sie nicht da. Sie sind aus der Umgebung hervorgetreten, Sie haben eine Zeit lang auf mich gewirkt, angenehm gewirkt …«
Er schenkte uns wieder ein Lächeln.
»… und dann sind Sie verschwunden. Sie sind nicht mehr da. Ich dagegen bin die ganze Zeit da, selbst im Schlaf. Und die Umgebung bleibt. Natürlich, sie ist beweglich, aber die Tatsache ist konstant, weil sie ständig da ist, diese Umgebung. Ich und sie. Diese beiden Tatsachen genügen mir. Und aus diesem Grund muss ich ein Egoist sein. Ich bin schließlich allein. Ich muss mich allein bewegen, untertauchen, an die Oberfläche zurückkehren, weiter schwimmen. Wenn ich stark bin, komme ich voran. Wie in einem dichten Wald. Äste versperren mir den Weg, knacks-knacks, und ich gehe weiter. Wenn man schwach ist, nun ja, dann mag man herumsitzen und jammern. Aber es gibt noch einen anderen Ausweg für die Schwachen. Einem Stärkeren folgen, natürlich nur, wenn es diesem recht ist. Na ja, man kann sich ja einschmeicheln. Sagen wir, einem Starken juckt der Rücken, dann kratzt ihn flink ein Schwacher – und geht ihm dann hinterher. Dem Starken ist der Schnürsenkel aufgegangen, ein Schwacher bindet ihn blitzartig zu – und geht ihm hinterher.«
Und wieder ein Lächeln. Und dann ein forschender Blick zur Zuhörerschaft. Ob der Clou gelungen ist.
»Man kann anderer Meinung sein, aber klar ist es. Und genau. Auf originelle Weise einfach.«
Mein Kollege attestiert dem Professor Weisheit. Mit einem Schluck trank ich meinen Kaffee aus. Der Schnaps war zu stark. Und meine verfluchten Hände … Ich konnte mein Gleichgewicht nicht wiederherstellen. Der Professor war ruhig. Betont ruhig. Der Schnaps zementierte seine Gehirntätigkeit. Seine grauen Augen verfolgten ganz bewusst meine unsicheren Handgriffe. Ich aber wollte mich aus dem Dunstkreis des Professors lösen, ich wollte in meine anfängliche Stimmung zurück, als die Gewölbedecke so leicht, so gerundet schien, als die allzu roten Kletterpflanzen vor dem Fenster ein seltenes, nicht alltägliches Abenteuer versprachen …
Der Hof vor dem Fenster hatte sich (so plötzlich?) in einen grauen Vorhang eingehüllt. Und die Farben und Konturen verschwanden. Alles war jetzt grau und vage. Graue, nicht alltägliche Abenteuer gibt es nicht. Graue, im Herzen verschlossene Kostbarkeiten auch nicht. Ach, diese ungestümen Studenten! Es waren vermutlich sonnige Tagen, wenn der Hof in klaren, frohen Farben erstrahlte, an denen sie unter lauten Rufen ihre dicken Mützen in die Luft geworfen haben.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit … Menschenliebe …
Und, und, und.
Der Chirurg, der in sich zusammengesunken neben mir saß, summte im Bass eine trübsinnige, endlose, vermutlich von ihm selbst erfundene Melodie. Warum im Bass? Es hatte etwas Groteskes, dieses kleine zusammengesunkene Wesen. Ich hatte den Wunsch, durch seine übergroße Brille hindurch die Blitze in seiner Seele zu beobachten …
Nein, jetzt wurde es bereits dunkel im Zimmer. Die Augen des Chirurgen gab es nicht mehr. Und sein erschöpfter, verkahlender kleiner Kopf erzeugte diese trübsinnige, endlose Melodie im Bass. Aa, aa, ooo, aa, aa, ooo … Irgendetwas ziepte an meinem Herzen, irgendetwas fehlte in meinen Hirnzellen. Mein Zorn brach aus dem Zellgewebe aus und löste sich mit Lichtgeschwindigkeit im Blut auf. Hunderte Wörter wollte ich diesem selbstgewissen Mann entgegenschleudern, der uns professorenhaft in diesen unterwürfigen Gehorsam eingesperrt hatte. Hunderte Wörter gegen eine Weltsicht, die Kriege, Hunger und Hass erzeugte. Schließlich waren solche vorübergehenden einzelnen Elemente der Umgebung unwichtig für seine Tatsachen für sich. Man konnte sie gegebenenfalls vernichten, einzeln oder en gros. Ganz gleich, ob mit langen dicken Rohren oder mit kurzen schlanken. Ganz gleich, ob durch Versetzung ins katholische, protestantische oder muslimische Paradies oder durch Fortsetzung der langen Agonie von Qualen und Schrecken. Ganz gleich … Nein. Nur nicht in diesem einschläfernden Grau. Aa, aa, ooo, aaa, ooo … Jetzt reicht es aber! Ich sprang plötzlich auf, der von mir verlassene Stuhl knarrte, und ich war mit einem Satz am Lichtschalter. Ich knipste ihn an. Weiches elektrisches Licht verbreitete sich von einer matten Kugel an der Decke. Schreibstubenlicht. Ich stand mit geballten Fäusten vor dem Professor, und mein Gesicht sah nicht besonders gemütlich aus, glaube ich.
»Ich bin sehr dankbar, dass Sie Licht gemacht haben. In der Flasche ist noch etwas übrig, in der Dunkelheit hätte ich beim Nachschenken die Gläser nicht mehr erkennen können.«
Und der Professor kümmerte sich laborantisch um mein Glas. Er hatte mich ganz einfach entwaffnet. Mit zwei banalen Sätzen, mehr nicht. Ich musste mich nur noch vorsichtig, um niemanden anzustoßen, wieder auf meinen Platz setzen und meine Rolle spielen … Dieses unvermeidliche Rollenspiel. Eines der wenigen Dinge, das uns die berühmte Evolution eingebracht hat. Wie oft ich auf der Flucht vor der Front und in Schutzräumen dieses Rollenspiel erlebt habe. Ich habe gesehen, wie unwillig, mit welch einer nervösen Angst, die sich nicht verbergen ließ, die deutschen Soldaten sich auf die Schlacht vorbereitet und vor uns eine Rolle gespielt haben. Schlecht und laienhaft, aber trotzdem haben sie die Rollen von mutigen Kriegern gespielt. Und einmal, als an unserem Schutzraum eine Bombe einschlug und das ganze Gebäude aus Stahlbeton wankte, als würde es von riesigen Händen gezogen, habe ich in den Augen eines vor mir stehenden Mannes die Todesangst gesehen, aber sein Mund hat gelächelt. Er hat die Rolle eines Mannes gespielt. Wenn es dieses Geschenk der berühmten Evolution nicht gäbe, dann hätte der Soldat vielleicht nicht auf diese wahnsinnige Tatsache für sich gehört und wäre nicht in den garantierten Tod gegangen, und der Besitzer dieses bedauernswerten Lächelns hätte vielleicht nicht in einer Tag und Nacht bombardierten Stadt herumgesessen. Es ist nicht männliche Selbstbeherrschung, dieses Rollenspiel, es ist unterwürfiger Gehorsam.
Ich versuchte noch einmal, mich aufzurichten und einen Streit anzufangen. Zugegeben, mit gespielter Höflichkeit, aber ich habe es versucht.
»Sie haben, Professor, einige von der Menschheit erschaffene Dinge vergessen. Den Humanismus, die Nächstenliebe, das Strahlen dieses kleinen, ewig schlagenden Gefäßes. Sie haben, Professor, das menschliche Herz vergessen.«
Der Professor brach in Gelächter aus. Seine großartigen glänzenden Zähne drangen durch seine fleischigen Lippen. Er lachte lautlos, wie in einem Stummfilm. Nicht verletzend, nein. Sondern als hätte ich einen komischen und sehr warmherzigen Witz erzählt. Dann ging er behutsam zwischen den anderen hindurch und setzte sich neben mich auf das Sofa. Seine große Hand, eine Hand, die man männlich nennt, drehte an einem losen Knopf meines Jackenärmels.
»Das ist das Mittel, mein Teurer, das Mittel. Der Starke hat sich ein Mittel ausgedacht, um den Schwachen abzulenken. Manchmal kann ja sogar eine Mücke schmerzhaft stechen. Und der Schwache spielt gern mit Abstraktionen. Was bleibt ihm denn auch anderes, als zu spielen. Und dann stellt er sich vor, dass er irgendeinen Wert hat, irgendeine Mission zu erfüllen hat. Er kratzt dem Starken den Rücken und denkt: ›Das tue ich aus Nächstenliebe. Zugleich stähle ich meinen Willen, ich erziehe mein inneres Ich.‹ Man wirft einem Kind einen Span hin, und die kindliche Fantasie erschafft sich daraus ein Schiff. Verzeihung.« Der Knopf meines Ärmels hatte sich gelöst. Der Professor steckte ihn mir in die Jackentasche und kehrte wieder zu dem Götzen – der Flasche – zurück:
»Trinken wir.«
Der Chirurg flüsterte mir schnell, sich verschluckend, ins Ohr:
»Ich habe vorgestern einen Menschen umgebracht. Es war eine um zwanzig Minuten verspätete Operation. Es war meine Schuld – ich hatte mich verspätet. Und ich hatte mich verspätet, weil meine Vermieterin das Mittagessen zu spät zubereitet hatte. Und die Vermieterin hatte sich mit dem Essen verspätet, weil die Verkäuferin das Geschäft später geöffnet hatte. Und auch die Verkäuferin war aus irgendeinem Grund zu spät gekommen. Was glaubst du, dieser Mensch, den ich umgebracht habe, war er einer von den Schwachen oder von den Starken?«
Endlich zeigte der Alkohol Wirkung. Alle redeten, und sie redeten über alles. Zerfetzte, paradoxe Sätze flogen umher. Die gerundete Gewölbedecke drehte sich im Dunst des Tabakqualms. Der Dunst sickerte in die Gehirne. Manchmal waren deutliche, scharfe Begriffe herauszuhören, aber ohne Anfang und Ende. Bruchstücke von Gedanken, von Meinungen, von Ereignissen verflochten sich, stießen aufeinander und prallten voneinander ab in diesem fahlen, einschläfernden Dunst. Jetzt war wirklich jeder von uns eine Tatsache für sich, jeder schrie irgendetwas Besonderes über sich heraus. Das Verdunkelungspapier in den Fenstern trennte uns von den vergangenen Jahrhunderten. Wir irrten umher in diesem abgesperrten Zimmer. Wir irrten umher in trunkener Hysterie, weil uns das alltägliche Chaos, die erschütternden Ereignisse und der Verfall unserer Persönlichkeiten quälten. Bis wir einschliefen. Ohnmächtig, schnarchend, mit offenen Mündern, zerknittert, abstoßend. Ja, dieses Wasser des Lebens war kein Wasser des Lebens. Es war ein schwer erhältlicher Betrug. Trotzdem werde ich diesen Abend nicht so bald vergessen.
Auch die Sätze des Professors, die mir noch so saftig im Ohr klingen, als hätte ich sie erst vor einigen Stunden gehört. Der Herr Professor hatte sich nichts Neues ausgedacht. Seine Weisheiten waren so alt wie die Steinzeit. Vielleicht, der Mode entsprechend, ein wenig pompöser hergerichtet. Und auch die Menschen waren wie in der Steinzeit. Nur – der Mode entsprechend pompöser hergerichtet.
DER KALENDER
Vilnius. Die Gediminasstraße. Ein großer, verwaister Platz (das rege Markttreiben von den Besatzungen hinweggefegt) und gegenüber – ein Palast. Nicht hässlich, sympathisch anzusehen. Hell gestrichen, harmonisch komponiert. Und still, als würde niemand in ihm leben, als stünde er leer. Trotzdem wird er von dem Passanten gemieden. Oder, wenn er vorübergeht, dann mit kleinen, schnellen Schritten. Vor nicht allzu langer Zeit, da hatte er hier einen kurzen Schrei gehört – oder gemeint zu hören (oh, die Doppelfenster sind fest montiert in den steinernen Mauern!), der plötzlich abbrach, und der Passant wusste nicht, ob der Schrei aus dem Keller des Palasts entwichen war oder ob der Lastwagen, der auf der Gediminasstraße anhielt, gekreischt hatte. Deshalb – so schnell wie möglich vorbeigehen … Diese schweren Eichentüren und diese breite Fahne mit diesem kabbalistischen Hakenkreuz … Ah … Der Passant atmet erleichtert auf, als der hell gestrichene Palast hinter ihm liegt. Vielleicht hatte er sich wirklich nur verhört? Vielleicht hatte der Lastwagen gekreischt? Nein, still, sehr still, als würde niemand in ihm leben, als stünde er leer, stand dieser Palast an der Gediminasstraße. Nur einmal …
Die erste Etage. Ein geräumiges Zimmer. Ein riesiges Fenster. Es ist hell. Ein glänzender Schreibtisch. Braun und poliert. Hinter dem Tisch sitzt ein Staatsanwalt von brauner Gestalt. Hinter ihm, an der Wand, hängt der braune und selbstzufriedene Führer. Vor dem Tisch steht ein junger Mann mit zerzaustem Haar. Sein Gesicht ist blass, die Muskeln angespannt. An den Mundwinkeln. An der Stirn. An den hohlen Wangen. Auf der Glasplatte des Tischs liegen litauische Untergrundzeitungen, ein Aschenbecher, eine Pistole. An der Wand gegenüber, mit der schwarzen Tür, hängt ein Kalender. 16. Februar 1944.
Der Staatsanwalt raucht. Stößt den Qualm aus. Dieser steigt dem Stehenden in die Nase, der ihn gierig einatmet und schweigt. Er ist entschlossen, nur ein einziges Wörtchen zu sagen: Nein. Der Staatsanwalt, der braune, möchte viele, viele wichtige Wörter hören. Durch wichtige Wörter würde der Braune aufsteigen, er würde dem selbstzufriedenen Führer näher kommen, vielleicht sogar einen Händedruck erhalten für den aufrichtigen Dienst. Dem Braunen passt die Stille nicht. Er zieht den Stuhl näher an den Tisch heran. Ächz … seufzt der Fußboden, und der junge Mann zuckt zusammen. Ja, seine Nerven sind nicht in Ordnung, eine Woche Verhör – das heißt schon was.
»Ich frage zum letzten Mal. Ich habe es satt. Was soll denn das Nein heißen. Zier dich nicht wie ein junges Mädchen, das von einem Mann bedrängt wird.«
Der Braune versucht zu scherzen. Wirklich, mit Fäusten auf den Tisch zu schlagen ist aufreibend. Ebenfalls zuzusehen, wie der mit gefesselten Händen am Türhaken hängende Mann mit den zerzausten Haaren von zwei schnaufenden Helfern mit Gummiknüppeln geschlagen wird. Manchmal, nach langen, verzweifelten Stunden, hilft ein warmherziges Wort, o ja, wie das hilft! Der Braune zieht sogar seine fleischigen Lippen auseinander, und es stellt sich so etwas wie ein sympathisches Lächeln ein. Das Einzige, das er noch hat und das er benutzt, um den Frauen zu gefallen. Na ja, dieses Mal muss er es diesem blassen Mann mit den zerzausten Haaren schenken. Wenn er dem ein Dutzend wichtige Wörter abringt … Oho, wer kann das wissen? Und der Braune wackelt mit dem Kopf.
»Setz dich. Reg dich nicht auf. Wir können auch freundlich reden. Rauch eine, konzentrier dich. Und dann denk ruhig nach.«
Das Wort wir klang so, als würde der große Braune, der an der Wand hängt, dem kleinen, hier sitzenden Braunen persönlich beipflichten. Der junge Mann ergreift gierig eine Zigarette. Oh, der Wunsch zu rauchen ist übermenschlich! Er nimmt einige Züge. Sein Herz pocht, die Beine werden weich, und der Kopf des vor ihm sitzenden Ermittlers verwandelt sich in eine riesige schwankende Kugel. Dies dauert ein paar Augenblicke. Er reißt sich schnell zusammen – dieser blasse Mann mit den angespannten Gesichtsmuskeln.
»Na also. Das ist ein gutes Beruhigungsmittel, oder nicht? Wir können Ihnen auch öfter welche geben. Das ist möglich, wenn Sie sich entsprechend verhalten …«
Der Braune steht auf, betrachtet eine Zeit lang aufmerksam den Rauchenden und geht, ohne den Blick abzuwenden, zum Fenster. Hier reckt es sich in die Höhe, das kleine, dickliche Männchen, und öffnet das Fenster. Ins Zimmer strömt kühle, erfrischende Luft. Der rauchende Mann weiß nicht einmal, was ihm besser schmeckt. Die Luft oder die Zigarette? Er nimmt den letzten Zug, drückt den Stummel im Aschenbecher aus und wendet sich mit dem ganzen Körper dem Fenster zu. Der Braune lächelt. Er schließt das Fenster. Lächelnd kehrt er zum Tisch zurück.
»Heute ist der Frühling zu spüren. Die Luft ist so erfrischend.«
Er schließt die Augen. Nicht ganz. Sie blitzen auf in schmalen Ritzen.
»Heute habe ich auf der Straße ein wunderbares Mädchen getroffen. Sie hat mich angelächelt.« Der Braune zieht die Wörter in die Länge, als wären sie so köstlich, dass er sie nicht aus dem Mund lassen möchte.
»Wir sind gut informiert. Wenn ich mich nicht irre, in Antakalnis … Ach, immer vergesse ich die Straßennamen … Aber hier ist das nicht so wichtig. Die kleine Straße beginnt diesseits der Peterskirche. Dort steht ein blaues eingeschossiges Häuschen. In diesem Häuschen wohnt … Ich glaube, das Mädchen, das in dem blauen Häuschen wohnt, ist noch schöner als das, das mir heute Morgen auf der Straße zugelächelt hat.«
Der Verhörte klammert sich mit beiden Händen an die Tischkante. Der Braune öffnet die Augen und beugt sich nach vorn. Die Gesichter der beiden sind sich nahe. Die folgenden Worte spricht der Braune leise, aber sehr deutlich aus:
»Das wunderbare Mädchen, das in Antakalnis wohnt, kommt immer spät nach Hause. Ja, wir wissen, dass sie abends arbeitet und gewissenhaft zur Nacht in das blaue Häuschen zurückkehrt. Allein. Sie können stolz sein – sie ist Ihnen treu. Aber … die Stadt ist verdunkelt, und auch in ihrer Straße herrscht völlige Dunkelheit. Wenn sie eines Abends Ihretwegen nicht heimkehren würde …«
Der Braune lehnt sich zurück. Er betrachtet zufrieden die Finger des jungen Mannes. Seine Fingernägel sind weißer als sein Gesicht. So stark drückt er gegen die Tischkante. Jetzt spricht der Braune, als sei er dieses Themas unglaublich überdrüssig. Sein Zuhörer muss warten, ehe die vollständige Bedeutung der Wörter ihn erreicht.
»Ich muss Ihnen ein Kompliment machen. Die Schläge haben keine allzu große Wirkung auf Sie. Trotzdem sollten Sie sich merken, dass dieser Sport« – er zeigt auf den Haken an der Tür – »nur der erste Buchstabe des Alphabets ist, das A. Wenn wir die nächsten anwenden … Gestern habe ich das Mädchen aus Antakalnis gesehen. Sie ist blond, wenn ich nicht irre. Sie schminkt sich nicht. Sie ist nicht älter als zwanzig. Sie kann noch nicht lieben, was manchmal sehr anziehend ist. Sagen wir, um der Abwechslung willen kann auch ich ein Mädchen, das nicht lieben kann, reizvoll finden …«
Die Finger des Mannes werden schwach. Er streckt die Arme aus, sein großer Körper sackt auf sie herab, und sein Kopf senkt sich, sodass eine wirre Locke seine Augen verdeckt. Der Braune steht auf. Geht vorsichtig um den Tisch herum. Nähert sich von hinten. Vor dem Mann auf dem Tisch taucht ein Blatt Papier auf. In der Hand spürt er einen Stift.
»Hier werden Sie die Adresse der Druckerei aufschreiben. Überprüfung und Formalitäten werden etwa zwei Stunden dauern. Zwei Stunden später können Sie nach Antakalnis gehen.«
Der Braune geht zum Fenster. Er wendet sich ab. Er sieht auf die Straße. Der junge Mann hebt den Kopf. Ordnet seine Haare. Blickt auf den fetten Rücken des Ermittlers. Auf den selbstzufriedenen Führer. Wendet den Stift. Möchte schon mit ihm das Papier berühren. Petras Ko… Es fällt ihm unglaublich schwer, den Buchstaben P zu schreiben. Der Schweiß tritt ihm auf die Stirn. Unbewusst wendet er den Kopf zur Tür. Dort, an der Wand, hängt der Kalender.
16. Februar 1944
Eine Zeit lang versteht er nicht, was das bedeutet. Ein sehr vertrauter Tag, der 16. Februar … Gleich, gleich … Plötzlich begreift er. Der Feiertag. Sein Nationalfeiertag. Von einem kleinen Volk, das die großen mit Füßen treten. Für das er sich aufgeopfert hat. An diesem Haken da gehangen hat, gehangen und geschwiegen hat, bis zum Wahnsinn, während die flammenden Schläge seinen Körper verbrannten.
Der noch junge, kräftig gebaute Mann möchte weinen. Lange, lange. Und er möchte, dass eine sanfte weibliche Hand seine Haare streichelt. Und ihm ein paar tröstliche Worte sagt …
Sein angespanntes Gesicht löst sich, sein Unterkiefer sinkt kraftlos herab, gedankenlos blickt er einige Male auf den Kalender und dann wieder auf den Stift in seiner Hand. Nein, nein, nein – schlägt sein Herz. An diesem Tag! … Vor dem Hintergrund des hellen Fensters wartet der fette Rücken des Ermittlers.
… An einem dunklen Abend, wenn sie an der Peterskirche vorübergeht …
… Dann die ganze Nacht …
… In der Nacht werden die Sekunden zu Jahren, die Minuten zu Jahrhunderten, wenn er sich im Karzer wälzt …
… Und in der blinden Dunkelheit werden die Haare seines Mädchens leuchten, das kleine Muttermal neben ihrer Nase, ihr schön gebogenes Ohr …
… Und neben seinem Mädchen dieser da, dieser fette Rücken da …
Der Stift hält dem nicht stand. Er knirscht und bricht. Der Braune hört es. Er wendet sich langsam vom Fenster ab. Er schafft es nicht. Es geschieht, was beide nicht geglaubt hatten.
Diesmal staunt der Passant. Der stille Palast spricht. Glasscherben fallen auf den Gehsteig. Aus der ersten Etage stürzt ein Mann auf den Gehsteig, rollt sich ab, steht auf, rennt davon. Er rennt über den leeren Platz, biegt zur Seite ab, um nicht erschossen zu werden, um dort, an der Neris, im Netz der vergessenen Fabriken und kleinen Häuser seine Rettung zu erringen. Die Schüsse hört er nicht. Ja, einige Male sieht er springende Kieselsteine, einer schlägt ihm sogar an den Arm. Macht nichts! Hier ist schon die Neris. Hier wird man ihn nicht so leicht finden. Hier, hier … naht die Rettung …
Als es dunkel ist und er den Kopf aus dem Rohr der Kanalisation steckt, taucht aus den Wolken der abnehmende Mond auf. Der junge Mann streckt sich, schüttelt die Erde ab, wendet den Kopf nach oben und blickt zu seinem himmlischen Freund. Seine Lippen beten lautlos.
»Es lebe der 16. Februar! Es lebe der 16. Februar!«
Jetzt ist er ruhig. Übertrieben ruhig. Er muss nur handeln. Vorsichtig Freunde ausfindig machen. Irgendwie sein Mädchen warnen, dass sie heute Abend nicht in das blaue Häuschen in Antakalnis zurückkehren darf. Dass sie heute Abend beide fliehen werden. Dorthin, wo schon viele sind. In die Wälder.
Der Palast an der Gediminasstraße steht noch. Er ist nicht hässlich, sympathisch anzuschauen. Und still, so still, als würde niemand in ihm leben, als stünde er leer.
DIE BIRKE UND DER MENSCH
Felder und ein trüber, verhangener Himmel. Eine schmutzige gewundene Straße. Sie endet hinter dem Horizont. Der Schmutz – ein glänzender Brei, soeben gekocht, dampfend. Dort, im Norden, wo die Wolkenblasen sich mit dem nebligen Horizont verbinden, rumst es ab und zu. Dumpf. Die Front ist träge heute. Natürlich muss geschossen werden. Es ist ja Krieg. Rums … lange Pause, und dann ist deutlich zu hören, wie eine vorüberziehende Windböe die zerknickten Zweige einer umgestürzten Birke erfasst. Ein ohnmächtiger Ton, heiser und kurz, entweicht ihr und erstirbt sofort. Der Wind ist schwach, und an ihren Zweigen sind nur noch wenige schwarze Blätter. Sie sind vom Dauerregen durchnässt. Rums … und Stille. Wenn sie anschwillt, diese unwirkliche Stille … rumst es wieder dumpf.
Die Birke am Straßenrand hat ein durchfahrender Panzer umgestoßen. Der Fahrer hatte gerade nach hinten geschaut. Er hatte mit seinem Freund gesprochen, der in seinen Taschen angestrengt nach einer Zigarette suchte. Er hatte erzählt, wie schön in seiner Heimat die Straßen im Frühling sind. Die Straßen sind von Obstbäumen gesäumt, und wenn sie blühen … Vor Begeisterung hatte der Fahrer sogar den Mund aufgerissen, seine Hände hatten das Lenkrad nur schwach gehalten, der Panzer plumpste in den Straßengraben und fuhr auf die Birke. Die Birke schrie beim Zerbrechen ein paar Mal auf. Knacks, knacks, knacks … Aber ihre Schreie gingen im Dröhnen des starken Motors unter. Der Fahrer fluchte unflätig, soldatisch und richtete das Lenkrad wieder aus, und der Panzer fuhr weiter. Einen Auftrag erfüllen. Irgendwen erschrecken, vielleicht auch umbringen. Die Birke blieb am Straßenrand zum Sterben liegen.
Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits leblos, was nutzte es, dass der schwache Wind versuchte ihr Haar, die schwarzen Blätter zu bewegen. Der Wind war schon immer der treue Freund der Straßenbirke gewesen. O wie sie im Vorfrühling immer zusammen herumgetollt sind! Arm in Arm haben sie rasend Polka getanzt, sodass die Birke sich kaum noch halten konnte in der Umarmung ihres Freundes, des Winds. Sie bog sich in alle Richtungen, wie ein zum ersten Mal aus seiner Schüchternheit gewecktes Mädchen beim Dorftanz. Und die Sommerabende … Der verliebte Wind überredete die vagabundierenden Vögelchen, sich wenigstens für ein Weilchen auf ihre silbernen Zweige zu hocken und etwas von der Liebe zu zwitschern. Von der Liebe des scheinbar ohne Sinn umherfliegenden Windes.
Nun ja, all das ist nun Vergangenheit, dachte der vom Leid geschwächte Wind und versuchte nur noch selten, an das Haar, die schwarzen Blätter, der Birke zu rühren. Doch vielleicht … Solange er nicht ganz sicher war, dass sie endgültig gestorben war …
Außerdem wollte der Wind den Menschen nicht belästigen, der zusammengekrümmt auf dem Baumstumpf saß. Das Gesicht des Menschen war traurig. Das konnte man an seinen tief eingeschnittenen Falten, der herabhängenden Unterlippe und seinen geröteten, tränenden Augen ablesen. Würde der Wind kräftiger pusten, dann würden die Augen des Mannes stärker tränen. Doch der Wind war heute schwermütig und sentimental gestimmt. Deshalb flog er fort, um seine gestorbene Freundin und den betrübten Menschen nicht mehr sehen zu müssen.
Der Mann blieb sitzen. Er war durchnässt, seine Beine beschmutzt bis zu den Knien und die Arme bis zu den Ellenbogen. Zu seinen Füßen lag ein ausgerissener Pfahl. Daneben stand ein ziemlich neuer Koffer aus gelbem Leder, auf Zweigen, gegen die Nässe geschützt. Er passte nicht zu der abgetragenen, durchweichten Kleidung des Mannes und seinem zerknitterten, gewiss zehn Jahre alten Hut. Seine geröteten Augen waren nach Süden gerichtet, wo hinter dem dunklen Horizont eine unsichtbare Mauer aufragte. Dort endete das letzte Fleckchen seiner Heimat und breitete sich das grausame, unbekannte Deutschland aus. Aber, durchaus möglich, dass er sich hier, an dieser Birke, eine Grube ausheben, sie mit Zweigen bedecken, sich aus dem Heu der auf den Feldern vergessenen Ballen ein Lager bereiten und zusammengerollt auf Rettung warten würde. Ganz in der Nähe, gar nicht weit weg, sah er einen Acker mit ungeernteten Kartoffeln, in seinem Koffer hatte er Salz und einen kleinen Topf, und in der Tasche Streichhölzer. Doch es konnte keine Rettung kommen. Schritt für Schritt kam die unausweichliche Front näher. Heute rumste sie zwar schwächer, aber gestern …
Jetzt krümmte sich der Mann noch mehr zusammen. Er versuchte seinen rechten Arm ein bisschen im feuchten Gras abzuwischen, dann rieb er ihn mit dem Mantelfutter ab. Daraufhin berührte er mit den Fingerspitzen den Griff des luxuriösen Koffers. Der Mann streichelte den Griff langsam, immer in derselben Richtung. Wie ein schlafendes Kind, als wäre der Mann ein Vater, den am Kinderbett im Vorübergehen ein Anfall väterlicher Liebe überkommt. Seine geröteten Augen blickten hinter den dunklen Horizont, wo ihn hinter einem undurchdringlichen Vorhang das Schicksal erwartete. Seine Hand streichelte den Griff des Koffers, immer in derselben Richtung, nach rechts.
Noch einmal rumste es, schon deutlich lauter. Selbst eine vorüberfliegende Krähe war beunruhigt, sie krächzte, vermutlich über die Gefahr, in ihrer schneidenden Krähensprache. Der Mann schien zu erwachen. Er richtete sich auf. Hob vorsichtig den Koffer an, stellte ihn auf seine Knie und schmiegte sich an ihn. Jetzt wiegte er sich vor und zurück, auf dem gelben Leder die ausgestreckten Finger seiner violetten Hand – wie die des Gekreuzigten, und unter seinen Füßen gluckste im Takt der schmutzige Brei. Der Mann wiegte sich lange so, die Krähe war längst davongeflogen, über die vergessenen Heuballen, und er wiegte sich … Bis er zu singen anfing. Gut, dass die Krähe es geschafft hatte fortzufliegen. Sonst hätte sie sich wahrscheinlich erschrocken und würde noch lange krächzen, wenn sie ihren Freundinnen von diesem seltsamen Ereignis berichtete.
Jawohl, in diesen von allen vergessenen Feldern, auf einer toten Birke, saß am Straßenrand ein von der Flucht zerzauster Mann mit einem ziemlich neuen gelben Lederkoffer und sang einen Marsch. In diesem Augenblick tauchte der Wind auf, den noch immer die Sehnsucht nach der Verstorbenen quälte, er traf auf den singenden Menschen und dachte, dieser würde ein Totenlied für die Birke singen – seine Freundin. Deshalb rauschte der Wind kräftiger, er beschloss einzustimmen. Das Duett aus Mensch und Wind strömte davon, bis es von den grünlichen Heuballen aufgesogen wurde.
Dennoch, der Wind hatte mehr Temperament, er überschrie oft den Menschen, deshalb konnte man nicht alle Wörter verstehen. Klar, der Mann konnte sich nur noch an die ersten beiden Verszeilen erinnern.
Am Meeresstrand, durch Küstensand
Reiten Truppen kühner Krieger …
Und wieder von vorn.
Plötzlich stieß der Mann den Koffer zu Boden, sprang von dem Baumstumpf auf und schrie so laut, dass er dieses Mal das Accompagnato des Windes niederschrie:
»Nein. Nein. Ich stim-me nicht zu!«
Er winkte einige Male mit den Armen. Als würde er ein Spiel spielen. Tra ta ta ta. Blut ist da, und da, und da. Tra ta ta ta. Ich stimme nicht zu …
Uuuu – sogen es die grünlichen Heuballen auf.
Uuuu – heulte der Wind.
Dann drehte sich der Mann um sich selbst, ließ sich auf den Birkenstumpf fallen, drückte dabei den alten Hut mit seinen violetten Handflächen zusammen und flüsterte schnell, sehr schnell:
»So geht es nicht. Ich verliere den Verstand. So geht es nicht. Ich brauche Ruhe, ich brauche Ruhe. Mein Gott, rette mich!«
Leider verstand der Wind die menschliche Sprache nicht und wurde vor Schmerz ganz wild, er heulte so stark er konnte, er blies in die Zweige seiner Freundin, der Birke, und versuchte sie ein letztes Mal von den Toten zu erwecken.
Der Mensch blickte mit aufgerissenen Augen in die Ferne, seine Hände pressten zornig den alten Hut zusammen. Der Mann sah. Er sah den gestrigen Tag. Als er nicht allein war. Als dieser gelbe Lederkoffer noch eine Besitzerin hatte. Und er sah die Besitzerin – ihr Haar von der Farbe des Koffers, ihre weißen Zähne und ihre schmächtige Mädchentaille. Und in ihren Augen konnte man viele schöne Dinge sehen, wenn sie an einem stillen Abend träumten. Jetzt lag sie dort, an der Horizontlinie, dort, wo es dumpf und laut rumste. Der Mann, der seinen Hut zusammenpresste, hatte ihren Körper nicht allzu tief vergraben, er hatte eilig fliehen müssen, und es war durchaus möglich, dass ein Geschoss sie ausgraben und ein zweites Mal verwunden würde. Vielleicht lugten irgendwo unter den Erdklumpen ihre blonden Locken hervor, die goldenen Locken, die Locken seiner Tochter.
Der Mann riss sich den Hut vom Kopf, presste ihn zusammen und schleuderte ihn fort. Der Wind erfasste das braune Bündel, beschmutzte es und versenkte es sofort im Straßengraben. Er verlor gänzlich den Verstand, der unglückliche Liebende. Doch der Mann achtete nicht auf das Wüten seines Leidensgenossen. Er lebte noch immer im gestrigen Tag, als sie zu zweit waren, zu zweit auf der Flucht. Er und seine Tochter. Seine Tochter, das schicke Mädchen, das schöne Sachen wie diesen glänzenden Koffer hier mochte. Und so mutig.
»Macht nichts, macht nichts, Paps! Wir schlagen uns durch«, als um sie herum die Geschosse explodierten und sie in einem verlassenen Bunker hockten.
»Wir liegen ein bisschen an die Erde gedrückt, und dann rennen wir weiter«, als ein Granatwerfer den gepflügten Boden rings um sie her lockerte.
Der gestrige Tag war besonders ruhig gewesen. Sie waren eilig von dem Schlachtfeld gerannt und dann auf einer Landstraße durch die Felder der Suvalkija weitergegangen. Es hatte stark und eintönig geregnet. Aber sie hatten sich glücklich gefühlt. Sie waren nicht mehr von umgestürzten Fuhrwerken und röchelnden Pferden umgeben und mussten keine fliehenden Soldaten mit grauen, erschrockenen Gesichtern mehr sehen. Da war es eine Nichtigkeit, dass ihre Füße nass waren und das Wasser in ihren Schuhen schmatzte. Eine Nichtigkeit, dass das Haar seines Mädchens an ihren geröteten Wangen schlaff herabhing.
»Jetzt siehst du aus wie Undine«, sagt er, blickt in ihre fröhlichen Augen und fängt, er weiß selbst nicht warum, zu lachen an. Er lacht, bis er sich verschluckt, bis er sich schämt, und dann singt er einen strengen Marsch. Das Mädchen stimmt ein.
Am Meeresstrand, durch Küstensand
Reiten Truppen kühner Krieger …
Sie gehen zu beiden Seiten der Landstraße, wo es etwas trockener ist, und hin und wieder sehen sie einander an, das Gehen ist viel vergnüglicher, wenn man aufmunternde Augen sieht.
Und da …
Die Wolkenblasen wälzten sich übereinander, wie heute. Außerdem, durchaus möglich, dass sie aus Vergnügen zu laut sangen und deshalb das Brummen des Flugzeugs nicht sofort hörten. Der graue Vogel tauchte plötzlich aus den Wolken auf, tra ta ta ta, unerwartet. Der Mann kann sich nicht mehr recht daran erinnern.
Das Erste, was er spürte, war der Geschmack von Wasser. Nun ja, natürlich, er hatte es geschafft, in den Graben zu springen, und war wahrscheinlich gesund und munter. Er hob den Kopf und sah den Schwanz des grauen Vogels, der in den ziehenden Wolken zerschmolz. Die Gefahr war vorüber. Verrückt, wie genau er sich an alles ab diesem Moment erinnerte! Er stand vorsichtig auf, es könnte ja sein, wer weiß, vielleicht hatte er sich irgendwie gestoßen. Nein, Arme und Beine konnte er noch beugen, der Kopf ließ sich noch drehen und seine Augen sahen noch. Jawohl, sein ganzer Körper zitterte und zuckte. Ha! Lächerlich! Schließlich hatte er sich erschrocken und noch dazu im Graben nass gemacht. Aber warum … war irgendetwas nicht in Ordnung? Er ging zwei Schritte über die Landstraße …
Hinter der Landstraße, im Gras, lag ein gelber Lederkoffer. Ihr Koffer.
Ah … Diese grenzenlosen Felder … sind so winzig. Sie enden gleich hier, hinter dem Koffer. Dunst, dunkler Dunst ringsumher. Vielleicht sind die Wolken plötzlich auf die Erde gestürzt? Verrückt, trotzdem kann er sich an alles ganz genau erinnern! Er machte einen zu großen Schritt, fiel hin, konnte aber nicht mehr aufstehen, den Blick nicht abwenden von dem glänzenden Koffer!
Da begann der Mann auf allen vieren zu kriechen, langsam, ganz langsam, wie ein Raubtier vor dem Sprung. Der Koffer wurde größer. Ja, er konnte deutlich die blitzenden Teile aus Nickel sehen und den Schmutzfleck an der linken Seite. Aber warum waren neben dem Koffer Haare? Goldene Haare, ohne Gesicht. Es gab kein Gesicht. Ein dunkelrotes Oval. Und kleine Rinnsale von Blut fließen herab, sie winden sich in kleinen Strömchen durch die Wölbungen des Ohrs und fallen in großen Tropfen auf die Erde.
Der Mann stürzte zum Graben. Vom Graben zum Gesicht. Und wieder und wieder und wieder. Mit seinen Handflächen schöpfte er Wasser und wusch das geliebte Gesicht. Wusch es ab. Erstarrte. Nun musste er nicht mehr rennen. Präzise, mit erstaunlich mathematischer Präzision, waren die Kugeln durch den Propeller des Flugzeugs geflogen. In leuchtenden Bögen waren sie geflogen. Durch das rechte Auge hinein, durch den Hinterkopf hinaus. Und ein Auge war heil geblieben. Und blau. Und erstaunt. Und mädchenhaft. Viele schöne Dinge konnte man dort sehen, wenn das Mädchen an einem stillen Abend träumte.
Eine Zeitlang hockte der Mann erstarrt da. Dann heulte er. Wie ein eingesperrter Hund. Und dann weinte er, bis er keine Tränen mehr hatte, und heulte wieder, bis er keine Luft mehr bekam. Dann begannen in der Nähe Artilleriegeschosse einzuschlagen. Der Mann zog einen Zaunpfahl aus dem Boden und wühlte die nasse Erde auf. Er wühlte eine nicht besonders tiefe Grube. Das Werkzeug war ungeeignet und seine Kräfte gering. Er zwängte den Leichnam des Mädchens in die Grube. Und zum letzten Mal küsste er das blaue Auge. Dann scharrte er die Grube zu und ging auf der Landstraße davon. An den Pfahl, mit dem er seine Tochter begraben hatte, hängte er den ziemlich neuen gelben Lederkoffer. In dem Koffer waren ein bisschen Essen, ein kleiner Topf und ihre Wäsche. Verschiedenfarbig, aus Seide. So wie es sich für ein junges und hübsches Mädchen gehört.
Endlich ermüdete der Wind. Er quiekste wehmütig, streichelte das Haar, die schwarzen Blätter der umgestürzten Birke und verschwand. Wieder begann es zu regnen. Fein, unausweichlich, hartnäckig. Der Mensch stand auf, hängte den Koffer an den Pfahl und ging auf der Landstraße davon. Dort, hinter dem dunklen Horizont, ragte eine unsichtbare Mauer auf. Dort endete das letzte Fleckchen Heimat und breitete sich das grausame, unbekannte Deutschland aus. Die gebrochene Birke blieb zum Verrotten in ihrer eigenen Erde.
IN DEN BERGEN
Ein rutschiger Fahrdamm, der sich bergauf wand. Zu beiden Seiten geschützt von dunklen Fichtensäumen. Zwei Menschen gingen ihn langsam hinauf. Am Vortag hatte es geschneit, man konnte ausgleiten. Deshalb stützte der Mann mit seiner Hand öfter den Ellenbogen der Frau. Die Frau lief gleichgültig weiter, als würde sie seinen stillen Beistand nicht bemerken. Der Fahrdamm wand und wand sich. Dort oben, hoch über den Fichtenkronen, erwarteten sie die gestreiften Gebirgskämme. Felsen, Schnee und in Wellen ziehende Wolken warteten auf sie.
Rasch wurde es dunkel, deshalb konnte der Mann den Blick der kleinen Frau nicht sehen. Ihre winzigen Schritte und ihre kleinen Schühchen mit den schiefen Hinterkappen ließen den Mann schweigen. Wie verzaubert beobachtete er ihre schlanken Füße und zählte die Schritte. Sechshundertvierundzwanzig, oder vielleicht … achthundert. Die Zahlen gerieten ihm durcheinander …
Sie hatte ihn am Bahnhof empfangen und, nach eineinhalb Jahren Trennung, nur vier Worte zu ihm gesagt: »Bist du nicht müde?« Aus irgendeinem Grund hatte sie sich nicht an seine wartende Brust geschmiegt und war nicht eingetaucht in die Seen seiner blauen Augen. Vier Worte, sonst nichts. Und der rutschige Fahrdamm, die dunklen Fichtensäume, die schiefen kleinen Schuhe, das Durcheinander der Zahlen. Warum? Diese Frage würgte ihm die Kehle ab, sie stieg unwillkürlich in ihm hoch. Nach eineinhalb Jahren …
Wo war sie gewesen? Die Bedeutung dieser drei Wörter verstand der Mann ganz genau, sie hatten sich in sein Gehirn eingebrannt. Damals, dort, in Litauen – plötzlich war die Front da – war er im Gebell der Maschinengewehre als Erster durch diesen engen Graben gekrochen. Als Erster, um sie zu beschützen. Um als Erster der Gefahr ausgesetzt zu sein. Dann endete der Graben, und ganz in der Nähe ragten die Mauern eines Gehöfts auf, aber dorthin musste man etwa einhundert Meter rennen, und die Maschinengewehre bellten zudringlich. Sie hatte Angst und beschloss zurückzubleiben. Bis die MGs verstummen würden und er sich in diesem Gehöft umgeschaut hätte. Und der Mann war mit angehaltenem Atem diese einhundert Meter gerannt. Er erreichte den verfallenen Hof. Dort warteten Menschen, Fuhrwerke und Pferde auf Ruhe. Um zu fliehen, fort. Und wirklich, eine Stunde später schwiegen die Maschinengewehre, und er traf einen guten Bekannten und erbat zwei Plätze auf einem Fuhrwerk.
Dann kehrte er zu dem Graben zurück. Der Graben war leer. Sie war weg. Was nützte es, dass der Mann auf dem Feld herumirrte und schrie, bis er heiser wurde, und dass er später weinte. Und als er das Weinen vergessen hatte, kitzelte das Salz der Tränen seine Wangen, und dieses seltsame Gefühl weckte in ihm den Wunsch, leise zu heulen. Dennoch holte ihn der Wahnsinn wieder ein; gegen Abend bellten, wie auf Verabredung, die Maschinengewehre wieder los, und der Mann ging allein weiter, fort. Ins Ungewisse.
Und eineinhalb Jahre lang …
Oh, er kannte die in sein Gehirn eingebrannten Wörter: Wo ist sie?
Deshalb suchte, deshalb fand er sie. Und jetzt, da sie zu zweit höher und höher hinaufgingen, betrachtete er furchtsam die gestreiften Gebirgskämme und zählte die Schritte ihrer schlanken Füße. Sechshundertvierundzwanzig, oder vielleicht achthundert …
Plötzlich endeten die dunklen Fichtensäume, der Fahrdamm vollzog eine jähe Wendung, und das Gebirge stand direkt vor ihnen, auf der rechten Seite. Sie fürchteten sich nicht vor der Nacht, denn auf den Gipfeln leuchtete der Schnee, vielleicht auch der Widerschein der am Himmel aufgegangenen Sterne. Hier, auf der rechten Seite des Fahrdamms, lauschte der Abgrund ihren Schritten. Unten drängten sich die Lichter des Dorfs aneinander, und die unerträgliche Stille entrang dem Gaumen des Mannes fünf Wörter:
»Wie hast du dich gerettet?«
Die Frau wandte ihm ihr Gesicht nicht zu. Er hörte zum zweiten Mal ihre geliebte Stimme. Sie war ein bisschen heiser und sehr eintönig:
»Ich habe abgewartet, bis es ruhig war, und dann wurde ich von Soldaten entdeckt. Sie waren mit einem Lastwagen unterwegs, du weißt, auf dieser Landstraße. Sie haben mich mitgenommen.«
»Warum bist du nicht in das Gehöft gekommen?«
Die Frau wandte sich noch immer nicht zu ihm um. Den folgenden Satz sprach sie ganz heiser aus:
»Sie hatten keine Zeit. Sie hatten es eilig. Sie haben mich auf die andere Seite mitgenommen.«
Jetzt verschwanden die Sterne. Die Frau und der Mann spürten den lautlosen Schnee fallen. Eine Schneeflocke taute auf den langen Wimpern der Frau. Sie schüttelte ihren Kopf, und das erinnerte den Mann an ein Spiel, das die beiden gespielt hatten, als sie jung waren. Damals war er gern überraschend an sie herangetreten und hatte ihre Nackenbeuge geküsst. Hier, ein kleines Stück unter dem Hinterkopf. Und dann hatte sie genau so ihren Kopf geschüttelt. Und sie hatten beide gelacht, wie kleine Kinder. Und dann hatten sie sich richtig geküsst. Jetzt wurde die Frau von einer Schneeflocke geküsst, und seine Berührung an ihrem Ellenbogen spürte sie nicht einmal. Der Mann schüttelte selbst seinen Kopf, und sein Blick glitt nach rechts, aber das Gebirge war nicht mehr auf der rechten Seite.
Milliarden Schneeflocken hingen zwischen dem Gebirge und den beiden, die seinen grauen Schleier erklommen. Und hinter dem Schleier, schien es, war die Unendlichkeit. Und sie schien bedrohlich, diese Unendlichkeit, es war, als lauerte hinter dem undurchsichtigen Grau ein grausamer Herrscher – das Schweigen der Berge, das sie zerschmelzen konnte wie die Schneeflocke, die sich auf den Wimpern der Frau aufgelöst hatte. Dieser Gedanke machte dem Mann Angst, seine Nerven waren in diesen eineinhalb Jahren zermürbt, das Entscheidende war die ständige Frage – wo ist sie? Deshalb drückte er, nach Rettung suchend, ihren Arm zusammen. Etwas zu hart, ein wenig über dem Ellenbogen.
Da wandte sich die Frau zu ihm um. Ihre Gesichtszüge waren undeutlich und grau, und er verstand nicht, was sie fühlte. Der Mann hielt sie fest, er zog sie mit beiden Armen an sich, wahrscheinlich zu stark, denn die Frau stöhnte auf. Und dann sog er mit dem Blick ihr geliebtes Gesicht ein. Er sehnte sich sehr danach, die blauen Seen ihrer Augen zu sehen. Aber das, was er sah, war schlimmer als diese bedrohliche Unendlichkeit. Sie lächelte, töricht, ja geradezu idiotisch. Dieses Lächeln war ihm neu und unbekannt, ein Erzeugnis der vergangenen eineinhalb Jahre. In diesem Lächeln mischte sich alles: Angst, der Wunsch zu gefallen, und ganz gewöhnliche Unterwürfigkeit. Und außerdem erinnerte ihn dieses Lächeln an andere, betrunkene, schiefe Arten von Frauen zu lächeln. Er versuchte ein letztes Mal, die Seen ihrer blauen Augen zu finden, doch ihre Augenhöhlen waren von derselben Farbe wie die wenigen Fichten, die im Schneegestöber zu sehen waren. Er spürte selbst nicht, wie er laut aufschrie, und der Abgrund gab seine Worte zehnmal zurück.
»Warum bist du nicht auf den Hof gekommen?«, schrie er und drückte heftig mit den Fingern ihre schlanken, einst so reizvollen Hände zusammen.
»Sie waren zu zehnt. Glaube ich. Sie begehrten mich. Sie flößten mir ein starkes Getränk ein. Genau erinnere ich mich nicht, wahrscheinlich waren es zehn. Und dann … war ich mal hier, mal da. Bis ich wieder hinausgeworfen wurde. Und das geht so bis jetzt. Gehst du mit mir in ein Lager? Möchtest du vielleicht die genauen Zahlen dieser eineinhalb Jahre wissen? …«
Den letzten Satz schrie die Frau mit der heiseren Stimme einer Trinkerin. Und die dunklen Fichten warteten auf ein Urteil. Die Schneeflocken fielen lautlos. Und einige schmolzen auf den Wimpern der Frau. Der Mann verstand nicht, warum die Schneeflocken, die auf ihrem Gesicht schmolzen, salzig waren. Er wusste, dass er heulen wollte, wie damals in den Feldern an dem Gehöft.
Jetzt drückte er sie sehr sanft an sich und küsste ihre Augenhöhlen. Dort hatten vor langer Zeit blaue Seen gestrahlt. Die beiden standen in einer Umarmung da und schwiegen. Bis sie von Milliarden lautlosen Schneeflocken weiß wurden. Und die versteckten Gebirgskämme und die im Dunkeln schmelzenden Fichten – warteten. Schon kam die Nacht.
Doch die beiden blieben nicht zusammen stehen. Sie lösten sich ohne Worte voneinander, und der Mann ging bergabwärts, und die Frau bergauf. In der Stille, der bedrohlichen Stille der Berge. Sie trennten sich zum letzten Mal. In einer dunklen Nacht in den Bergen, als der Krieg schon längst zu Ende war.
GEFANGEN
Endlich hängt diese stark zerstörte Stadt in Bayern Laternen in den Straßen auf.
Klar, die Lampen hängen ziemlich weit auseinander und leuchten wesentlich fahler als vor dem Krieg. Wenn ein Mensch von einer Laterne zur nächsten geht, spielen Schatten auf seinem Gesicht. Sowohl von den Ruinen der Häuser als auch von den hohen Linden auf den zahlreichen Freiflächen. Manchmal toben in der Stadt die starken Wellen des Gebirgswinds, sodass die in der Straßenmitte hängenden Lampen hin und her baumeln – und dass manchmal, plötzlich, ein Lichtstrahl direkt auf einen Passanten fällt, natürlich, sehr kurz, aber den Menschen kann man dann erkennen.
Diese Stadt zeichnet sich durch eine Vielzahl von engen und kurzen Straßen und Gassen aus. Dort hat die Stadtverwaltung nur wenige Laternen aufgehängt, sie tauchen meist unvermittelt auf, an Kreuzungen. Dunkelheit und scharfe, aus Ritzen von Fensterläden hervorbrechende Lichtstrahlen, ein flimmerndes Glänzen und … plötzlich eine dieser gehenkten Laternen, die einen magischen, klar umrissenen Lichtkreis wirft. Und dann wieder Dunkelheit und wieder scharfe Lichtstrahlen, die an den Beinen der Passanten lecken.
Otto Kranz mag die gefällige Verborgenheit der Gassen. Wenn die Stadtverwaltung diese spärlichen Belege der Friedenszeit wieder abhängen würde, wäre Otto Kranz nicht allzu sehr beunruhigt. Er würde jeden Abend spazieren gehen, ohne sich zu verirren, ganz gleich ob das Wetter gut oder schlecht wäre. Frische Luft tut der Gesundheit gut, während es in der kleinen Küche im zweiten Stock heiß und stickig ist.
Otto Kranz zeigt sich nicht in der Stadt. Tagsüber sitzt er an einem kleinen Tischchen in der Ecke der Küche, den groben Schädel mit dem kurz geschorenen Haar auf seine Pranken gestützt, und blättert in alten Ausgaben der Wehrmacht. Darin sind viele vergangene Dinge. Unzählige Züge von Stahlhelmen marschieren über die Seiten, es flimmern die Namen eroberter Länder und Städte, und der großartige Führer hebt unaufhörlich seine alles zermalmende Handfläche in die Höhe.
Zu jeder vollen Stunde knarrt die Wanduhr von der Gestalt eines Bauernhauses, das Türchen öffnet sich, ein hölzerner Kuckuck springt heraus und schreit krächzend.
Kuckuck, kuckuck!
Dann löst Otto Kranz den Blick von der alten Wehrmacht und schaut geradeaus, zur Wand. An der Wand ist nichts Besonderes. Ein kleines Bildchen aus dem vergangenen Jahrhundert. Eine Wiese an einem Hang, ein Mädchen, das Blumen pflückt, und in der Ferne schlecht gemalte Berge. Es hat den Anschein, als würden sie jeden Augenblick in die steile Wiese fallen.
Manchmal betrachtet Otto Kranz das Bild, bis eine Stunde später wieder der heisere Kuckuck ruft. Dann starrt er wieder den großartigen Führer an, der die alles zermalmende Handfläche in die Höhe hebt, und in seinen runden blauen Augen spiegelt sich eine ungelöste Frage.
Warum?
Die Besitzerin der kleinen Küche, Erna Zerfling, fürchtet sich vor diesen ungemütlichen Augenblicken. Sie kennt Otto Kranz schon lange, sie ist jetzt fünfzig, aber vor dreißig Jahren …
Dieses kleine Abenteuer, als Otto eine Fleischerei in einem Städtchen in Thüringen leitete und seine Augen noch vollkommen blau waren. Ja, was soll man machen, jungen Mädchen passiert so etwas oft. An den Sonnabenden ist im Hotel lange Tanz, das starke Bier berauscht, und die Begleitung auf dem Heimweg dauert bis zum frühen Morgen …
Später gerät das Abenteuer in Vergessenheit, sie muss einen anderen heiraten. Nur, wenn man fünfzig wird, dann wünscht man sich, wünscht man sich sehr, sich an das zu erinnern, was vor dreißig Jahren geschah. Besonders, wenn dieser Mensch unglücklich ist und Schutz und Betreuung braucht.
Frau Zerfling weiß, warum Otto den ganzen Tag lang in der Wehrmacht blättert und abends spazieren geht. Gut, dass sie eine einsame Witwe und geflüchtet ist, sodass man sie hier kaum kennt. Trotzdem bebt ihr Herz, wenn jemand an die Tür klopft und sich Otto im Flur versteckt. Doch eigentlich hat er keine schlechten Papiere, er hat sie sich kurz vor dem Kriegsende beschafft …
Nur … man liest jeden Tag in den Zeitungen, dass wieder einer geschnappt wurde.
Aber … vor dreißig Jahren hat er sie bis zum frühen Morgen begleitet, und daran kann sie sich aus irgendeinem Grund hervorragend erinnern, bis ins letzte Detail, an alles.
Und so sitzt sie auch jetzt da und strickt und wartet. Es ist später Abend, fast halb elf, Sperrstunde, und Otto ist immer noch nicht da. Sonst kommt er immer kurz vor zehn.
Heute Abend ist der Himmel bestirnt, die Sterne funkeln nicht allzu sehr; da die Spitzengardinen beiseite geschoben sind, kann man sie durch das Küchenfenster sehen. Sie findet einen ziemlich verblassten Stern und versinkt in Gedanken.
Und wenn sie nun Otto geheiratet hätte? Ein Großteil ihres Lebens wäre angenehm verlaufen und einige Jahre königlich. Wenn Otto guter Stimmung ist, dann erzählt er von der Tschechoslowakei und von Litauen. Das letztere Land ist Frau Zerfling unbekannt, aber daran erinnert sich Otto besonders gern. Essen im Überfluss, ein schickes Auto und freie Hand. Frau Zerfling wird sogar ärgerlich, während sie auf den verblassten Stern starrt. Wenn sie nur vor dreißig Jahren …
Man sollte nicht immer auf die Eltern hören. Natürlich, das Ende wäre dasselbe, diese kleine Küche, aber eine Reihe von Jahren …
Otto sagt, in Litauen habe es spezielle Geschäfte für die Deutschen gegeben, wo man nicht habe anstehen müssen, man sei im eigenen Auto angefahren gekommen und habe nur einkaufen müssen. Und das sei nur ein Teil der Annehmlichkeiten gewesen. Den Rest hätten Lastwagen aus Warenlagern herangeschafft.
Frau Zerfling schaut nicht mehr auf den Stern, sie schließt die Augen, und vor ihr breitet sich ein fantastisches Land aus. Wie im Märchen, für Kinder. »Hans im Land der Vielfraße«. Deshalb zuckt Frau Zerfling zusammen, als der hölzerne Kuckuck aus dem Türchen springt und elf Mal ruft, so als wäre sie gerade erwacht.
»Mein Gott!«, ruft sie aus, ergreift ihr Strickzeug und legt es wieder auf den Tisch. Wird es denn wirklich morgen in der Zeitung stehen?
»Otto Kranz festgenommen, ein bekannter Nazi, der sich besonders in der Tschechoslowakei und in Litauen hervorgetan hat.«
Frau Zerfling ist im Begriff, endgültig die Nerven zu verlieren. Sie stellt sich vor den Spiegel mit dem Holzrahmen und streicht mit den Handflächen über ihr glattes, ergrauendes Haar, dann greift sie wieder nach dem Strickzeug und versucht, die Maschen zu zählen. Die Zahlen geraten durcheinander. 12, 13, 8, 6, 13 …
Sie geht ans Fenster und riecht aus irgendeinem Grund an den Leberblümchen in der kleinen blauen Vase. Da zuckt sie zum zweiten Mal zusammen, es klopft an die Tür. Dreimal lang, zweimal kurz …
»Gott sei Dank! Otto!«
Sie schließt die Tür auf, hilft ihm aus dem Mantel.
»Wo bist du so lang gewesen? Es ist schon elf!«
Otto Kranz schweigt. Frau Zerfling stellt sich vor ihn hin, ihr volles, aber schon kleiner werdendes Gesicht (mit vielen kleinen Fältchen) nähert sich den Tränensäcken an seinen blauen Augen und wartet auf eine Antwort. Doch Otto Kranz wendet sich ab, geht ans Fenster und zieht plötzlich die Gardinen zu. So plötzlich, dass die blaue Vase mit den Leberblümchen vom Fensterbrett fällt. Frau Zerfling hockt sich auf den Boden und sammelt langsam die Scherben und die Erdklümpchen ein, während ihr Gesicht nach oben gerichtet ist. Ihr Gesicht wartet noch immer auf eine Antwort. Da hockt sich auch Otto Kranz nieder.
So hocken sie einander gegenüber, sammeln Scherben und Erde auf und schweigen.
Bis Ottos geschwollene Augenlider rot werden und er schnaufend Atem holt. Dann wirft er die eingesammelten Scherben Frau Zerfling in den Schoß, richtet sich, auf das Fensterbrett gestützt, wieder auf und stößt kurz hervor:
»Dieser Jude.«
Frau Zerfling versteht nicht. Sie hockt noch immer da und starrt in seine blauen Augen. Otto Kranz meint, er hätte ihr längst alles erzählt und Erna wäre die Bedeutung des Gesagten klar.
»Ich habe diesen Juden gesehen«, sagt er wieder. Und erst, als er sie sagen hört:
»Ja, hier sind viele Juden. Aus den KZs«, versteht er, dass Erna nichts weiß. Da zieht er mit seinen noch immer starken Fleischerarmen Frau Zerfling vom Boden hoch, starrt in ihr schrumpfendes Gesicht und fängt an:
»Ich habe diesen Juden gesehen, dem ich …«
Er redet nicht weiter. Er stößt sie von sich weg und setzt sich an den Tisch.
Auf ihm liegt eine aufgeschlagene Ausgabe der Wehrmacht. Die Abbildung eines Schlachtfelds. Verstreute Leichen von Soldaten, die meisten verkrümmt. Ihre Posen sind unnatürlich. Warum hält dieser Verstorbene mit beiden Händen seinen Hals umklammert und ist das Bein von jenem so unnatürlich angezogen? Selbstverständlich wurden sie von Schüssen hingestreckt. Von Schüssen?
Otto Kranz starrt die Toten an und versucht, sich so genau wie möglich, bis ins letzte Detail, zu erinnern.
Natürlich, diese litauische Stadt ähnelt den Städten seines eigenen Landes nicht allzu sehr. Enge Gassen und alte Häuser kann man auch in seinem heimatlichen Thüringen oder auch hier, in Bayern, finden. Nur diese quadratische deutsche Ordnung gibt es in Litauen nicht. Die kleinen Straßen sind gewunden, sie hüpfen nach rechts und links und schlängeln sich kapriziös. Und die Häuser … Zu viele gerundete Linien, unverständliche Reliefs, lebendige Statuen (die, scheint es, jeden Augenblick herabsteigen und umhergehen werden) und Kirchen, Kirchen, Kirchen. Die verschiedensten.
Man sagt, diese Stadt sei schön. Vielleicht. Ihm ist sie fremd. Aber es lebt sich hier gut. Lebensmittelmarken? Ha! Im Dienst des Gebietskommissars? Das Essen ist üppig und frisch. Und auch die Getränkelager wurden rechtzeitig konfisziert. Und für Essen und Getränke … konnte man auch immer eine hübsche und füllige Frau finden. Ja, sie würde nicht treu sein, nicht die Augen einer gehorsamen Hündin haben, wie eine Ehefrau, die den ganzen Tag geschäftig zwischen Blumen, Kuchen, Strickzeug und Servietten zubringt. Trotzdem, wenn man von der Fähigkeit zu lieben spricht … oh, da ist Gehorsam nicht immer das Passendste!
Aber … manchmal wird man auch Kreaturen dieser Art überdrüssig. Manchmal muss man sich an seinen Freund Müller wenden. Müller regiert ein ganzes Städtchen in der Stadt. Müller ist ein ausgezeichneter, freundschaftlicher Mann. Man muss nur abends bei einer Flasche französischen Cognacs seinen Abenteuern im Getto zuhören.
Vergnüglicher aber ist es, selbst an Abenteuern teilzunehmen. Besonders wenn der Kopf von einem edlen Getränk berauscht ist.
Und wenn er an jenem sonnigen Sommermorgen nicht hingegangen wäre? Wie sollte man denn da nicht hingehen!
Die Nacht war in rein männlicher Gesellschaft verflogen. Bis zum Morgen hatten die zwei stärksten Köpfe durchgehalten – seiner und der von Müller.
»Vielleicht wäre es nicht schlecht …«, schlägt Otto Kranz seine Kaffeetasse schwenkend vor. Müller versteht sofort. Er lächelt. In seinen Mundwinkeln blitzen Goldzähne auf. In seinen Augen blitzt ironisches Verständnis auf. Er streckt die Hand nach dem Telefon aus.
»Soll ich anrufen?«
Otto Kranz erinnert sich an etwas und verzieht ein bisschen die Stirn. Müller ist ein hilfsbereiter und freundschaftlicher Mann. Er erwartet keine Antwort. Seine Hand greift nicht zum Telefon. Müller überlegt. Dann springt er plötzlich auf, geht ans Fenster (seine Bewegungen sind präzise und angenehm anzuschauen, seine Figur ist elegant, schön und sportlich), wirft einen Blick auf die unten in einer Reihe stehenden Autos, dreht sich um und bietet ihm an:
»Ich würde vorschlagen, ein Stückchen herumzufahren. Herumzufahren und hinzufahren. Wir werden sicher etwas Neues finden.«
Müller lächelt ironisch und selbstgewiss. Seine Goldzähne blitzen, es blitzen die ausgezeichnet geputzten Schuhe, es blitzen der Brillant an seiner linken Hand und seine Schulterstücke, seine Haare blitzen und die grauen Augen. Unten blitzt das wartende Auto.
Es ist angenehm, den tollen Müller anzusehen! Man hat das Gefühl, das Leben ist prächtig!
Das Auto fährt nicht lang auf breiten Straßen. Die eleganten Plätze, Kirchen und Grünflächen verschwinden. Enge, gewundene Gassen lassen das Zweigespann nur unwillig passieren. Hier gibt es keine Bürgersteige, die Leute gehen mitten auf der Straße, sogar die Kinder spielen hier. Doch auch die Gassen verschwinden.
Ein morgendlicher, leerer, ausgestorbener Platz.
Er ist nicht leer, weil er morgendlich ist. In dieser Gegend lässt sich niemand gern sehen. Die fest verschlossenen Tore werden gemieden und die gelangweilten Wächter mit den gebogenen Mützen. Nur am Rand des Platzes, an der düsteren Kirche, bleiben zwei fromme Mütterchen stehen und wechseln Blicke, als das blitzende Auto an einem Tor anhält. Sie beobachten das Zweigespann in den braunen Uniformen aufmerksam. Das Zweigespann verschwindet hinter dem fest verschlossenen Tor, die Mütterchen in der düsteren Kirche.
Der Platz ist wieder leer.
Das Getto bereitet sich erst auf das Erwachen vor.
Vor den munter voranschreitenden Freunden liegt eine stille kleine Straße. Ein- und zweigeschossige Häuser, schmutzig, bröckelnd. Wie Schiffsflaggen, die verschiedenfarbigen Wäschestücke der Kriegszeit. Häufig ist statt fehlender Scheiben in den Fenstern Papier oder ein Fetzen Stoff angebracht.
Und was nützt es, dass die ersten Sonnenstrahlen die gespaltenen Dachziegel in Edelsteine verwandeln? Trotzdem ist es hier armselig und düster.
Die beiden Männer schreiten voran, manchmal bleibt der prächtige Müller stehen, schaut in irgendein Fenster hinein, runzelt die Stirn und geht weiter. An einem kleinen, im Erdboden eingesunkenen Häuschen (in dessen Fenster man gebeugt schauen muss) bricht Müller in scharfes, kehliges Gelächter aus. Er lacht und klopft sich auf die Schenkel. Mit dem Zeigefinger winkt er Otto Kranz heran. Dieser kommt näher.
Hinter dem Fenster steht eine Alte – ein Skelett nur im Hemd, ihre Gesichtsknochen stehen wahrscheinlich wegen der anhaltenden Unterernährung stark hervor, sodass es den Anschein hat, ihre Haut würde gleich zerreißen. Die Alte kratzt sich mit ihrer rechten Hand die Seite und sieht mit verblassten Augen die beiden Männer in den braunen Uniformen an. Dann beschließt sie, erschrocken, zu lächeln. Zwei vergilbte Zähne kommen hinter ihrer Oberlippe zum Vorschein, die Unterlippe zittert. Er kann nicht mehr an sich halten. Zu Müllers kehligem Tenor gesellt sich der heisere Bass von Kranz.
»Verlockend …«, stöhnt Müller, und das Duett tobt, von Gelächter zerrissen. Sie klopfen einander freundschaftlich auf die Schulter und an die Brust. Dann gehen sie mit Tränen in den Augen weiter.
Seltsam. Vor ihnen ist keine Menschenseele. Aber wenn man sich umdreht, dann sind aus Fenstern und Türen Köpfe zu sehen, die den beiden nachblicken.
Was werden sie wohl jetzt denken, diese Köpfe?
›Sie freuen sich, dass wir vorübergegangen sind‹, geht es Otto Kranz durch den Kopf, und in seiner Brust flackert Stolz auf.
Schließlich bleibt Müller an einer Tür mit einer Glasscheibe in Augenhöhe stehen. Irgendwann war hier einmal ein kleines Geschäft, die Haustür führt direkt ins Zimmer. Müller reckt sich, schaut ins Innere, lächelt zufrieden, zwinkert Otto Kranz zu und öffnet plötzlich die Tür.
Eine halbnackte Jüdin wäscht sich mit dem Rücken zu den Hereingekommenen. Als die Tür zuschlägt, wendet sie sich ihnen zu, bedeckt mit ihren Händen hastig die vollen Brüste und erblasst. Obwohl es blass ist, gefällt ihr Gesicht Otto Kranz.
Ja, ihre ausdrucksstarken Lippen, die gerade Nase, ihre blauschwarzen Haare, und die Augen …
Können menschliche Augen wirklich so groß und durchdringend sein? Jetzt sind sie erschrocken, aber wie wunderbar, man kann sagen, kunstvoll erschrocken sie sind. Wie viel …
Otto Kranz hat keine Ahnung, wer dort hinter diesen geweiteten Pupillen wohnt. Er wendet den Kopf langsam seinem Freund Müller zu. Dieser lächelt ironisch, er lächelt breit, er entblößt alle seine Goldzähne und erforscht Otto Kranz. Otto Kranz senkt seine geschwollenen Lider. Müller ist ein famoser und hilfsbereiter Mann. Er befiehlt mit seinem kehligen Tenor:
»Sie sind für Sonderarbeiten eingeteilt. Sie werden mit diesem Herrn mitgehen. Machen Sie sich schnell bereit.«
Die Jüdin verschwindet hinter einem Paravent.
In diesem Augenblick ist im Zimmer ein Stöhnen zu hören. Das Duo sieht sich um. Aus der Tiefe des halbdunklen Zimmers nähert sich ihnen langsam, sehr langsam, mit lautlosen Schritten ein junger Jude. Er bleibt vor ihnen stehen. Sein Gesicht ist reglos, wächsern. Solche Figuren hat Otto Kranz im Wachsfigurenkabinett gesehen. Der Jude hat seine Hände auf dem Rücken, er bewegt sich nicht, nur die Muskeln über seinen Ellenbogen zucken ein wenig. Offenbar presst der Jude seine Finger zusammen. Schmerzhaft.
»Was starrst du uns an?«
Müllers Gesichtszüge werden schärfer. Die Winkel seiner Lippen neigen sich nach unten, seine Augen schließen sich ein wenig. Dies ist sein »dienstlicher« Ausdruck, wie er selbst sagt.
»Verzeihen Sie … Sie arbeitet … Als ständige Angestellte. In der Näherei der Wehrmacht. Vielleicht …«
Dem jungen Juden fehlen die Worte. Die Muskeln über seinen Ellenbogen zucken häufiger.
»Und wer bist du?«
Müller wirft diesen Satz besonders streng hin. Die Strenge erreicht er, indem er die Konsonanten betont.
»Ich bin ihr Mann.«
Aus irgendeinem Grund ist Müller über diese vier Worte erstaunt. Er lockert die Muskeln seiner Lippen und Augen. Er wirkt freundschaftlich.
»Ach, so ist das! Und seid ihr beiden schon lange verheiratet?«
Der Jude presst seine Finger nicht mehr zusammen. In ihm keimt Hoffnung auf.
»Nein. Wir haben vor der Ankunft im Getto geheiratet.«
»Aha! Beide jung, beide schön! Das ist schwer, natürlich. Was soll man machen, das ist Schicksal.«
Oh, der famose Müller könnte ein guter Schauspieler sein. Und er spielt so, als würde er seinen besten Freund aufheitern wollen.
Jetzt denkt er sich einen neuen Scherz aus. Er winkt dem jungen Juden mit dem Finger. Er lässt ihn näherkommen. Der Jude macht vorsichtig einen Schritt. Müller legt ihm die Hand auf die Schulter, beugt sich zu seinem großen wächsernen Ohr hinunter und fragt, mit einem Auge Otto Kranz zuzwinkernd, intim:
»Sage uns in aller Freundschaft und offen: War deine Frau vor der Hochzeit unschuldig?«
Der Jude öffnet wegen der unerwarteten Frage den Mund. Sein ohnmächtiges, erstauntes Gesicht erheitert das Duo. Der kehlige Tenor und der heisere Bass hallen wider im halbdunklen Zimmer. In diesem Augenblick kommt die angekleidete Jüdin hinter dem Paravent hervor. Müller verleiht seinem Gesicht den »dienstlichen« Ausdruck. Er weist auf die Tür.
Da geschieht etwas Überraschendes für die im Gehen Begriffenen. Der Jude stürzt zu seiner Frau, drückt sie mit seinen mageren Armen an sich und brüllt. Mit hoher, sehr hoher Stimme:
»Ich gebe sie nicht her! Ich gebe sie nicht her!«
Oh, wie bleich manchmal ein Mensch werden kann! Einen derart weißen Juden hat Otto Kranz noch nie gesehen. Und wie charmant der famose Müller orientiert ist! Er wirft nur den linken Arm nach vorn, und der Jude fällt wie eine Säule zu Boden. Mit dem anderen Arm stößt er die Jüdin durch die Tür.
Sie machen sich auf den Rückweg.
»Ich benutze immer den linken Arm. Er ist besser trainiert.«
Müllers Nasenlöcher blähen sich auf, er schreitet stolz und kräftig aus mit seinen blitzenden Stiefeln. Die neugierigen und erschrockenen Köpfe verschwinden von Türen und Fenstern. Sie lassen das Trio vorübergehen und verfolgen es dann wieder von hinten. Bis die drei das verriegelte Tor erreichen.
Hier verabschiedet sich Müller:
»Ich habe noch dienstlich zu tun.«
Er schenkt Otto Kranz ein strahlendes Lächeln und verschwindet.
Das kurvende Auto verlässt den ausgestorbenen Platz und biegt in das Netz der engen Gassen ein. Aus der düsteren Kirche kommen die beiden frommen Frauen, sie begleiten das eilige Paar mit Blicken. Sie flüstern.
Schon gegen Abend wird ihm ungemütlich. Er muss mit großen Schlucken Cognac trinken. Die schweigende Frau hockt zusammengekrümmt in der Ecke.
Das Abenteuer ist einfach geschehen. Sie hat gelächelt, viel gelächelt. Sogar gelacht. Ja … ihre großen dunklen Augen … Vielleicht täuschte er sich. Aber dort, auf dem Grund dieser Pupillen-Brunnen, war Hass. Alt, jahrhundertealt. Doch vielleicht war es ihm, dem Eroberer, nur so vorgekommen?
Jetzt muss er sie loswerden.
Otto Kranz geht ins Nachbarzimmer, greift nach dem Telefonhörer. Ruft seinen Freund Müller an. Als er den fröhlichen, kehligen Tenor hört, versucht er zu lächeln.
Nein, ihm ist nicht fröhlich zumute.
»Loswerden?« Es knackt im Hörer. Müller lacht scharf.
»Schick sie nach Hause. Soll sich jetzt ihr Mann erfreuen. Hab keine Angst, sie wird nicht fliehen. Du kannst sie warnen, dass wir ihren Mann erschießen, wenn sie nicht zurückkehrt. Na, wie hat es dir gefallen?«
Otto Kranz murmelt etwas Unverständliches und legt auf.
Er geht zurück.
Noch einmal begegnen sich die blassblauen und die riesigen dunklen Augen. Jetzt kann Otto Kranz ihnen nichts mehr entnehmen. Da, auf ihrer Wange, ist ein Kratzer von seinem verbogenen vergilbten Fingernagel. Wie eine rote Träne, die auf der Wange erstarrt ist. Aus irgendeinem Grund sagt Otto Kranz leise:
»Sie können gehen.«
Sie hört es nicht. Er hustet. Er wiederholt den Satz.
Die Frau erhebt sich. Bringt sich in Ordnung. Zieht ihren schmutzigen Regenmantel an. Als sie am Fenster vorübergeht, wird sie von der Abendsonne ganz erleuchtet. Die Flecken auf ihrem Gesicht und der Regenmantel, die abgetragenen Schuhe und ihr reglos herabhängender Arm.
Die Frau bewegt sich aufrecht, sie wankt nicht. Der feine persische Teppich saugt das Geräusch auf, es ist, als würde sie davonschwimmen.
Die Tür schlägt zu.
Zuerst laut, dann immer leiser – ihre Schritte auf der Treppe. Bis sie mit dem Lärm der Straße verschmelzen.
Otto Kranz geht zum Tisch und trinkt den Cognac mit großen Schlucken.
Über die Kronen der Kiefern ziehen eilig fahle Wolken. Die Kronen werden leicht vom Wind gebogen. Die Menschen, die an der rechteckigen Grube stehen, schweigen. Viele Rücken. Schmale, breite, männliche, weibliche. Und kindliche kleine Rücken, an die Beine ihrer Eltern geschmiegt. Die in Lumpen gehüllten Rücken und entblößten Genicke warten.
Hier, auf dem Hügel, wartet eine Gruppe grün Uniformierter auf den Befehl. An ihren Kragen die Zickzacks. Diese Menschen sind bedeutend freier. Sie unterhalten sich halblaut auf Deutsch, rauchen. Sogar kurzes Gelächter ist zu hören. Viele Gesichter sind gerötet. Vom Alkohol.
In den Reihen der Rücken beginnt ein Kind zu schreien. Vor Müdigkeit, Hunger oder unverständlicher Angst – das ist nicht klar. Die Mutter verschließt mit ihrer Hand den kindlichen Mund. Wieder Stille.
Der famose Müller blickt prüfend auf die Uhr. Es wird Zeit. Er ruft die grünen Uniformen. Diese werfen die rauchenden Zigaretten ins Gras und treten an.
Otto Kranz versteht nicht, wozu er hergekommen ist. Er zählt die wartenden Genicke und murmelt nur mit den Lippen. Mann, Frau, Mann, Mann, Kind, Frau …
Natürlich, sein Freund Müller hat ihn hierher geschleppt! Er hat ihm starke Eindrücke versprochen. Doch Otto Kranz ist sogar ein wenig gelangweilt. Er gähnt, schaut zu den hellen Wolken (genau solche wie in Thüringen!) und zählt wieder die Genicke. Mann, Mann, Frau …
Stopp! Der schmutzige Regenmantel, die Flecken, die blauschwarzen Haare kommen ihm bekannt vor … Wo war das nur?
Sonnenstrahlen gegen Abend …
Das Schlagen der Tür …
Schritte auf der Treppe, vom Straßenlärm verschluckt …
Ah! Otto Kranz reckt sich sogar, so sehr wünscht er sich, die Jüdin möge sich zu ihm umdrehen. Er würde gern noch einmal in diese durchdringenden, dunklen Augen sehen. Was ist jetzt in diesen Augen? Vielleicht Schrecken? Es wäre interessant, in diesen dunklen, durchdringenden Augen Schrecken zu sehen.
Er geht ein paar Schritte nach vorn, Müller bemerkt es und ruft von dem Hügel:
»Vorsicht! Wir fangen an!«
Otto Kranz spürt Scham. Er bleibt stehen, dreht sich um, geht zurück. In diesem Augenblick legen die Maschinengewehre los. Als er sich umdreht, sind der fleckige Regenmantel und die blauschwarzen Haare bereits verschwunden. Und überhaupt ist die Zahl der Rücken und Genicke kleiner. Die Gebliebenen fallen in die Grube. Als würden sie von unsichtbaren Händen in die Tiefe gezogen.
Otto Kranz sieht nicht mehr hin. Er legt den Kopf in den Nacken. Beobachtet die hellen Wolken (genau solche wie in Thüringen!). Bis die Maschinengewehre aufgehört haben.
Schluss. Die grünen Uniformen machen sich auf den Heimweg. Einer hebt aus dem Gras eine noch immer rauchende Zigarette auf.
Als das kurvende Auto die beiden in die Stadt zurückbringt, wagt Otto Kranz es. Gleichsam im Scherz:
»Du hast heute meine Geliebte erschossen.«
Der famose Müller lacht:
»Deshalb hast du die beiden sentimentalen Schritte nach vorn gemacht.«
Otto Kranz ist es unangenehm. Er fragt trotzdem:
»Und ihr Mann?«
»Den Mann später. Er ist ein erfahrener Tischler.«
Otto Kranz öffnet die geschwollenen Lider. In der Küche ist es hell und leer. Frau Zerfling ist wohl in die Stadt gegangen. Er kann sich nicht mehr erinnern, wann er vom Tisch auf das enge Sofa umgezogen ist. Er hat die ganze Nacht angezogen geschlafen.
Er erhebt sich. Er öffnet den Hahn der Spüle, das Wasser rinnt in einem kleinen Strahl. Er benetzt seine schmerzenden Schläfen. Dann überlässt er für kurze Zeit seinen geschorenen Kopf dem Wasserstrahl. Ah, wie gut, wie wunderbar Wasser ist. Die ganze kleine Welt der Küche wird heller.
Otto Kranz nimmt das Handtuch vom Haken und wischt sich rasch den Kopf ab. Dabei versucht er, ein Lied aus der Vergangenheit zu pfeifen.
Und da … schneidet sich aus dem Hinterhalt der gestrige Tag in sein Gehirn.
Oh! Er sieht wieder den Juden mit dem reglosen wächsernen Gesicht. Und sogleich drängt sich neben dieses Gesicht der gestrige Gedanke. Ist er bemerkt worden? Nein, es ist eine unverzeihliche Dummheit, sich in den Straßen herumzutreiben. Frische Luft, ha! Es reicht, wenn er das Fenster drei Mal am Tag aufmacht. Es war völlig überflüssig von der Stadtverwaltung, diese verfluchten Laternen aufzuhängen.
Er war schon fast zu Hause gewesen, nur einmal abbiegen und die letzte Laterne lagen noch vor ihm. Aus irgendeinem Grund war er unter ihr stehen geblieben. Einen Aushang oder etwas Ähnliches hatte er lesen wollen. Ja, er hörte die Schritte, aber zu spät. Er konnte sich nirgendwo verstecken. Vielleicht hätte er davonlaufen müssen, doch er verspürte keinerlei Angst. Sein Selbsterhaltungsinstinkt hatte ihn dieses Mal getäuscht.
Und in dem klar umrissenen Lichtkegel sind die beiden sich begegnet.
Und er konnte nicht begreifen, ob ihn der Jude mit dem reglosen, wächsernen Gesicht erkannt hatte. Es geschah in einem einzigen Augenblick. Otto Kranz blieb nicht stehen. Er erkannte diesen Mann nicht einmal gleich. Aber jetzt funktionierte sein Selbsterhaltungsinstinkt. An dieses Gesicht erinnerte er sich, es war gefährlich für ihn.
Otto Kranz beschleunigte die Schritte, bog in eine dunkle Gasse ein und begann zu rennen. Er musste nicht lange rennen. Der Überrest des zweistöckigen Hauses war ganz in der Nähe. Seine Heimstatt.
Jetzt funktionierte sein Gehirn recht gut. Er sah sich um. Die Straße lag leer und dunkel da. Am Himmel hingen einige fahle Sterne. In der Ferne rumpelten Straßenbahnen. Es war still. Er wurde nicht verfolgt.
Trotzdem schlüpfte Otto Kranz nicht gleich durch die Tür. Er ging an ein paar Häusern vorüber, verschwand hinter einem Mauervorsprung. Wartete. Jetzt erinnerte er sich genau an das Gesicht, dem er begegnet war. Auf welche Weise, war schwer zu sagen. Zuerst war wohl das blitzende Lächeln des famosen Müller in ihm aufgestiegen, und dann … Dann war alles klar.
Sekunden, Minuten und Viertelstunden zogen sich in die Länge. Die Straße lag leer und dunkel da, es schienen dieselben wenigen Sterne, es rumpelten die Straßenbahnen. Nein. Er wurde nicht verfolgt. Wirklich nicht.
Nach einer guten Stunde wagte Otto Kranz es, sich durch das Eingangstor seines Hauses zu schleichen …
Es ist möglich, dass er es nicht bemerkt hat, denkt er, während er sich jetzt seinen Kopf langsam abwischt. Natürlich, heute Abend wird er aus der Stadt verschwinden müssen. So schnell wird er sich nicht ergeben. Und Otto Kranz versucht sich auf Adressen zu besinnen, wo er sich eine neue Bleibe suchen könnte.
Zufällig gleitet sein Blick über das Bild an der Wand. Hm! Die Berge … Sie sind nicht schlecht, die Berge. In Tirol gibt es eine bescheidene Berghütte, die ganz in Vergessenheit geraten ist. In dieser Hütte wohnen …
Ich muss mich an den Namen des nächstgelegenen Städtchens erinnern. Ja, ja. Es fängt mit dem Buchstaben D an – De, De, Det…
In diesem Moment schaut er unbewusst zum Fenster. In diesem Moment verspürt er den starken Wunsch, ans Fenster zu gehen und nach unten auf die Straße zu sehen. Doch er zögert, die Beine gehorchen ihm nicht, und plötzlich beginnt sein Herz zu schlagen. Er zögert nicht lang. Er geht vorsichtig hin, schiebt ein kleines bisschen die Vorhänge auseinander und blickt nach unten.
Unten stehen vier Personen und unterhalten sich. Der Jude, zwei Amerikaner und Erna Zerfling. Erna Zerfling gestikuliert wütend mit den Händen.
Otto Kranz zieht die Vorhänge zusammen und spürt, dass sein Herz erstaunlich ruhig schlägt. Er weiß, dass er zwei oder drei Minuten hat. Trotzdem bewegt er sich völlig sinnlos. Er öffnet und schließt die Türen des Lebensmittelschranks. Schaut in den »Sarg« (so heißt das fensterlose Kämmerchen, in dem Ernas Bett kaum Platz hat) und geht auf den Flur hinaus.
Hier ist zwischen dem Wasserkessel und einem Nagel in der Wand die Leine mit Ernas Wäsche gezogen. Otto Kranz zieht mit einer Bewegung die Wäsche herunter, nimmt die Leine ab und versucht, eine Schlinge zu knoten. Dies jedoch gelingt ihm nicht. Seine Hände zittern, und wieder pocht sein Herz wie wild. Er bricht in kalten Schweiß aus, vor seinen Augen drehen sich bunte Kreise. Irgendeine Schlinge bekommt er dann doch zustande, klettert auf die Bank und versucht, die Leine am Wasserkessel anzubinden.
Jetzt hört er bereits Schritte, viele Schritte, er hört Ernas kreischende Stimme.
Zu spät, zu spät, zu spät – pocht es in Herz und Schläfen. Das Seil kommt ihm zu lang vor, es verheddert sich, ihm wird schwindlig. In der Küche ruft heiser der hölzerne Kuckuck.
Kuckuck kuckuck!
Er lässt die Leine aus der Hand gleiten, steigt wieder herunter, bückt sich …
Bei diesem geschäftigen Tun wird Otto Kranz von vier Personen angetroffen. Dem Juden, zwei Amerikanern, und Erna Zerfling.
DAS KLEID
I
Es klingelte lange. Sie wartete ab. Wieder klingelte es. Der Abend warf mit Leuchtreklamen um sich. Strahlende verschiedenfarbige Buchstaben, die plötzlich aufblinkten, einer nach dem anderen, und der bestirnte Markenname eines Kaugummis leckte am blondierten Haar der Frau. Die Frau kauerte in einem Sessel. Direkt neben ihr, an der Wand, war der Lichtschalter. Zum Greifen nahe. Aber die Frau hockte reglos in dem weichen Sessel und versuchte zum ersten Mal in ihrem Leben, sich im Spiel der Schatten zu vergessen. Dämmerung, plötzlich aufscheinende Buchstaben, Leuchtreklame, die in dem Zimmer geometrische Lichter mit Schatten ausstreute, und wieder Dämmerung, die in verschiedenen Tonlagen schrie. Vor dem Fenster heulte die abendliche Stadt. Die Stadt, die den Frieden liebte. Den Lärm. Das Geld. Den plötzlichen Tod.
Genau dieses ungeklärte Problem des Todes versetzte die blondierte Frau in lang anhaltende Erstarrung, diese Frau, die eine Abneigung gegen die Dämmerung hatte. Denn sie liebte das helle Licht, die schnelle Bewegung, rote Lippen, breite männliche Schultern und das garantierte Lächeln von weißen Zähnen. Doch an diesem Abend hockte sie einsam in ihrem Zimmer und knüllte einen Stofffetzen zusammen. Dieser Fetzen hatte sich früher einmal Kleid genannt. Der Künstler, der das Muster auf dem Stoff gemalt hatte, hatte es von tropischen Pflanzen in einer Orangerie abgeschaut. Deshalb wuchsen auf dem gelben Hintergrund des ehemaligen Kleids üppige bronzefarbene Blumen, die ein wenig aussahen wie Sonnenblumen. Vor dem Krieg hatte dieses Muster Erfolg, der Künstler konnte sich einen roten Sportwagen leisten. Dieses Kleid hatte er der blondierten Frau Jack gekauft. Ein breitschultriger, garantiert lächelnder Baseballvirtuose.
»Es steht dir, Darling!« – Der Satz war auf der Straße gefallen und sofort im Lärm der Stadt untergegangen. Doch das letzte Wort, Darling, grub sich in ihr Gedächtnis ein. Jack hatte es zum ersten Mal ausgesprochen. Dann gingen die beiden ins Kino. Auf der Leinwand küssten sich schön gepflegte und frisierte Paare. Jack drückte ihre Hand, und sie spürte, wie seine starken Muskeln bebten. Im Kino haben sich die beiden nicht geküsst. Es geschah später, in einer halbdunklen Gasse, an einem Zigarettenautomaten. Und dann … Dann haben die beiden geheiratet, und einige Zeit später wurden die Straßen von der Kriegserklärung überschwemmt. Jack umarmte sie fest, blitzte mit seinen soliden Zähnen und ging fort. Den Krieg erlernen. Noch ein paar kurze, heiße Wiedersehen, und er flog fort. In den Krieg. Mit einem viermotorigen Bombenflugzeug.
Anfangs war die blonde Frau erschüttert. Tagsüber arbeitete sie in dem immer gleichen Büro einer Fabrik, tagsüber benutzte sie gewissenhaft immer den gleichen Lippenstift von ein und derselben Firma, das immer gleiche, antrainierte Lächeln (traurige Augen, wunderbare Zähne), doch die immer gleichen trüben Abende setzten ihr zu, mit dem ständigen Gedanken, der sich nicht vertreiben ließ:
»Jack ist nicht da, er fliegt, und … wer weiß …«
Später beruhigte sich die blonde Frau, oft konnte man sie im Kreis ihrer Freundinnen fröhlich krakeelen sehen, und die fett gedruckten Nachrichten in den Zeitungen schrien:
»Der Krieg ist bald zu Ende, gleich, gleich ist der lästige Krieg vorbei!«
II
Alle Instrumente des Bombenflugzeugs funktionierten ordnungsgemäß. Diese feindliche Ortschaft musste zerstört werden. Sie waren fast fertig mit dem Abwurf der Bomben. Unten erzeugten sie immer neue Feuerblumen. Jetzt blieb nur noch die allerletzte. Jack drehte sich zu seinen Freunden um. Sie lächelten wie immer:
»Gleich sind wir fertig mit der Arbeit.«
Es war toll, dass sie gleich zurückfliegen würden. Jack wollte sich bewegen. Er lehnte sich ein bisschen zurück in seinem Pilotensitz.
»Meine Frau ist um diese Zeit schon zu Hause«, erinnerte sich Jack und streichelte mit den Fingern die Oberfläche der Uhr des Flugzeugs, und weil er sich für den unerwartet herausgerutschten Satz schämte, lächelte er noch breiter.
»Sie ist blond, ich glaube, Ben, dir gefallen Blondinen?«
Ben war so wunderbar schwarz, wie eine bewölkte Herbstnacht. Ben lachte laut, ein sprudelndes, schwarzes Gelächter:
»Hast du vielleicht ein Foto von ihr?«
Jack trug das Foto in der Brusttasche. Er brauchte nur zwei Sekunden, um es herauszuholen. Jack gab das Foto nicht aus der Hand, er hielt es nur vor Bens glänzendes Gesicht. Dessen breite Lippen öffneten sich:
»Sie ist schön und so blond.«
»Und wenn sie das Kleid trägt, das ich ihr geschenkt habe, oho!«
Jack lächelte und lächelte. Nur seine weißen Zähne leuchteten im Cockpit. Er steckte das kostbare Foto wieder ein und fühlte, dass sein gesundes sportliches Herz schneller schlug, so als hätte er die Ziellinie bei einem Lauf erreicht. Er konnte nicht ruhig auf der Stelle sitzen und drehte sich noch einmal um, er zwinkerte dem begeisterten Ben zu und warf die letzte Bombe ab …
Und sofort leuchtete ein grelles Licht auf, ganz nah – rechts.
Ein Geräusch hörten sie nicht, diese Männer, die vom fernen Amerika träumten. Sie sahen, dass an dem ordentlich glänzenden Innenraum des Cockpits Flammen leckten, und sie spürten, dass sie sanken. Da klammerte Jack sich an den, der ihm am nächsten war – Ben. Das Lächeln erstarrte in seinem Gesicht, er schaffte es nicht mehr, seine Lippenmuskeln zu entspannen.
»Wir wurden angeschossen«, brüllte er, doch Ben konnte es nicht hören. In Bens Augen war nur noch Weiß, seine Pupillen waren hinter den Oberlidern verschwunden. Jetzt begannen sie, einander umklammernd, zu tanzen, mit nach oben ausgestreckten Beinen – die Gruppe der jungen Männer konnte nicht ruhig sterben. Dann fielen sie hin und wälzten sich in den Flammen. Doch diese glühende Ewigkeit endete, als das viermotorige Bombenflugzeug auf der Erde aufschlug.
III
Die letzte Bombe fiel neben ein kleines Hotel. Das kleine Hotel stand am Stadtrand, und wenn der lächelnde Jack sich nicht seine blonde Frau in Erinnerung gerufen hätte, wäre die letzte Bombe wahrscheinlich auf das Stadtzentrum gefallen. Wahrscheinlich wäre dann das zweigeschossige kleine Hotel heil geblieben, und die Familie, die in einem Winkel des engen Kellers kauerte, hätte das Siegel des Todes nicht zu spüren bekommen. Sie saß während des Fliegeralarms immer an den rechten Rand des Raums gedrängt. Hier schien ein vergittertes Lämpchen, und der Mann mit dem kahlen Hinterkopf las dann immer ein Buch. Es war das einzige Buch, das er aus Litauen mitgebracht hatte. Der zweite Band der Weltgeschichte von H. G. Wells. Warum ausgerechnet dieser im Koffer gelandet war, daran konnte sich der Mann nicht mehr erinnern. Tatsache war, dass er ihn besaß und immer im Luftschutzkeller las, weil das Lesen die Angst ein bisschen unterdrückte. Und das Anfluten der Angst hing von den nahenden Einschlägen und von dem zitternden Köpfchen des Kindes ab, das sich an die Schulter seiner Mutter schmiegte. Der emsige Leser der Weltgeschichte verbrachte diese ungemütlichen Stunden mit seiner Frau und seinem neunjährigen Sohn. Ja, das Trio saß immer in dieser Ecke, hier schien das vergitterte Lämpchen und die Gewölbedecke über ihren Köpfen war doppelt gemauert, deshalb war es gleichsam gemütlicher, gleichsam sicherer.
An diesem Abend saßen sie ruhig da. Das Stadtzentrum wurde bombardiert, und von den dumpfen Einschlägen bebten nur die feuchten Wände. Schließlich beruhigten auch sie sich. Es stand zu hoffen, dass bald Entwarnung gegeben würde. Die sechs alten Deutschen, die in der Mitte des kleinen Kellers saßen, unterhielten sich laut. Der Mann mit dem kahlen Hinterkopf löste den Blick vom Buch. Er verspürte den Wunsch, das Köpfchen seines Kindes zu streicheln. Doch das Kind schlief mit geöffnetem Mündchen, an die Brust der Mutter geklammert, und der Blick des Mannes sog das Gesicht seiner Lebensgefährtin ein. Die Lampe von fünfundzwanzig Watt erzeugte wenig Licht, das Gesicht der Frau war mit Schatten bedeckt, aber ihre dunklen Zöpfe krönten wie ein strahlender Kranz das geliebte Gesicht. Der Mann war stolz auf die Zöpfe seiner Frau. Durch sie hatte sie sich von vielen anderen unterschieden, als die beiden sich in Litauen zum ersten Mal begegneten, im bescheidenen Lehrerzimmer eines Gymnasiums in der Provinz, und diese seiner Ansicht nach wunderbare Eigenheit hatte sie bis zum heutigen Tag beibehalten.
»Was siehst du mich so an?«, fragte sie, und der Mann fand nicht gleich eine Antwort. Da lächelte sie mit geschlossenen Lippen:
»Schaust du wieder meine Zöpfe an?«
Jetzt war der Mann endgültig verwirrt. Nach elf Jahren Ehe war es für ihn noch immer wie damals, als er verstohlen ihre glänzenden Zöpfe betrachtet hatte. Deshalb legte er, um Würde zu bewahren, das Gesicht ein bisschen in Falten und steckte seine Nase übertrieben ernsthaft in das Buch. Das Lesen fiel ihm jetzt leichter – es gelang ihm nicht immer in diesem Luftschutzkeller. Und der letzte Satz lautete:
»… Die heidnischen Bulgaren schlugen unter Führung von Khan Krum (802–814) die Armeen von Kaiser Nikephoros …«
Und da fiel die letzte Bombe. Eigentlich fiel sie neben das Hotel, doch das alte Sandsteingebäude stürzte ein und verschüttete den Luftschutzkeller. Die Frau und das Kind blieben am Leben, sie wurden von der Ecke und dem doppelten Gewölbe geschützt. Das herabstürzende Gestein erschlug die drei geschwätzigen Deutschen und den Mann mit dem kahlen Hinterkopf. Er hatte einen unverzeihlichen Fehler gemacht – er war bei dem heftigen Einschlag nach vorn gesprungen, weil er zu sehr in das Buch vertieft war, kam der plötzliche Einschlag sehr unerwartet, er hatte die Gefahr vergessen. Aus seinem gespaltenen Kopf quoll die Hirnmasse und befleckte die Weltgeschichte. Es sah aus wie ein von einem ungezogenen Jungen verschütteter Teller mit Brei.
IV
Es war genau ein Jahr her, dass die Frau mit dem blondierten Haar wie ein sechsjähriges Mädchen in ihr Zimmer gestürzt war. Sie war in den Sessel gehüpft und hatte vergessen, das Licht einzuschalten. Sie hatte mit unruhigen Armen ihre runden Knie umfangen, und ihre hellen, welligen Locken hatten das vor Freude strahlende Gesicht verdeckt. An diesem Tag hatten die Zeitungen in noch fetteren Buchstaben geschrien:
»Wir siegen! Der Krieg geht zu Ende! Wir siegen!«
Sie hatte es nicht lang ausgehalten in dem Sessel. In wenigen Sekunden erledigte sie mehrere Dinge gleichzeitig. Sie machte Licht, rannte zum Kleiderschrank und suchte das Kleid heraus, das Jack ihr geschenkt hatte. Die üppigen bronzefarbenen Blumenranken auf dem gelben Hintergrund schienen ihr so lieb und vertraut. Die Frau zog sich blitzschnell ihr Arbeitskleid aus und das Verlobungskleid an. Sie lief zum Spiegel, drehte sich wie eine Tänzerin, landete am Fenster und rief der bestirnten Kaugummireklame zu:
»Hier müsste geschrieben stehen … Bald sind der Frühling und Jack zurück!«
Wie eine kleine Schlange tänzelte sie vor dem Spiegel einen modischen Swing, bis … ein Klingeln sie unterbrach. Sie hatte es nicht gleich gehört. Sie war überschwänglich fröhlich, die Stadt lärmte, erfüllt vom Swing, und sie wollte ein bisschen weinen. Doch das Klingeln war hartnäckig. Die Frau lächelte dem Spiegel zu und schwebte zur Tür. Vor der Tür stand ein Mann mit einem weißen Briefumschlag in der Hand. Wortlos steckte er ihr den Umschlag zu und verschwand im Fahrstuhl. Sehr still schloss die Frau die Tür und ging sie sehr still zurück ins Zimmer. Sie öffnete vorsichtig mit einem Finger den Umschlag und las die maschinengeschriebenen, nüchternen Wörter. Dann ergriff sie mit beiden Händen hier, am Hals, das Kleid und riss es auseinander. Sie zerriss das Kleid, weil in dem Schreiben stand, dass Jack bei einem Einsatz gegen eine feindliche Stadt umgekommen war. Der breitschultrige, ewig lächelnde Baseballvirtuose.
V
Die von Obstbäumen gesäumte Landstraße lief geradewegs auf die blauen Berge zu. Auf den Gipfeln der Berge dämmerten die ordentliche Überreste von Burgen vor sich hin, über die die frühlingshaften Strahlen der Mittagsonne wanderten. Die dunkelhaarige Frau zog einen Handwagen. In dem Handwagen lagen wackelnd ein zerschlissener Koffer und ein müder kleiner Junge. Lastwagen sausten in beiden Richtungen über die Landstraße, sodass von dem Staub die Zöpfe der Frau die Farbe von Asche angenommen hatten. Während die Frau mit gleichförmigen Schritten vor sich hin schlurfte, kaute sie an ihrer Oberlippe. Diese beständige Grimasse ihrer unteren Gesichtshälfte hatte der Tod im Keller des kleinen Hotels hervorgebracht. Weinen wollte die Frau nicht. Ihre Augen schmerzten vor Trockenheit. Nicht einmal mehr von den Sandkörnern konnten sie gereizt werden, die die Reifen der Lastwagen aufwirbelten. Der Junge hatte Angst vor dem seltsamen Gesicht seiner Mutter.
»Was kaust du so?«, hatte er gefragt, als die beiden das eingestürzte Haus, das Grab seines Vaters, verließen.
»Was?!«, schrie die Mutter auf, und der Junge fragte nicht noch einmal. Die beiden gingen nebeneinander her, und er bemühte sich, nur nach vorn zu schauen. Ihre ständig sich bewegenden Lippen weckten Neugier und Unruhe in ihm.
»Warum tut sie das, und warum ist Vater …«
Nach zwei Wegstunden war er müde, bekam einen Klaps auf den Rücken und wurde in den Handwagen geworfen. Jetzt schlummerte er, so wie jedes schlecht ernährte Kind. Die dunkelhaarige Frau zog den Handwagen auf der von Obstbäumen gesäumten Landstraße, und die ordentlichen Überreste der Burgen auf den Gipfeln kamen langsam näher.
Als die Frühlingssonne deutlich höher stand, kamen die beiden an eine Brücke über einen großen Fluss. Hier, an der massiven steinernen Brüstung, blieb die Frau stehen. Hier ließen sich die beiden in das frische grüne Gras fallen, das nach Jugend duftete, und aßen kümmerliche Brotkanten. Die Lastwagen pfiffen an ihnen vorüber, und unten floss langsam das stählerne Wasser.
Die Frau kaute noch immer an ihren Lippen. Sie wollte sich ein wenig beruhigen, sie biss schmerzhaft mit den Zähnen zu und starrte auf die Welt. Sie konnte deutlich die Sonne sehen, die Lastwagen, die blauen Berge, die Überreste der Burgen, die massive steinerne Brücke. Auf der Brücke schaukelte ein zerstörter kahler Hinterkopf. Der zerschmetterte Kopf kam näher, er verdeckte die Welt. Die blauen Berge, die Überreste der Burgen, die Lastwagen und die Sonne verschwanden. Dieser Kopf war riesig, und neben ihm flatterten die Seiten der Weltgeschichte. Die Buchseiten wirbelten in sich nähernden Kreisen umher, und die dunkelhaarige Frau stand auf und begann über die Brücke zu rennen. Sie rannte schnell, so schnell, dass der Junge »Mama« schrie und sie nicht einholen konnte.
Die Frau und das Kind rannten über die Brücke, und die Lastwagen pfiffen an ihnen vorüber, und hoch oben schien froh die Sonne, und in der Ferne standen verträumt die ordentlichen Überreste der Burgen. »Mama«, hallte es in den Feldern, »Mama, warte!« Seine Beinchen wackelten schnell, sehr schnell …
VI
Genau ein Jahr später saß die Frau mit dem gefärbten Haar in ihrem weichen Sessel, knüllte im Schattenspiel der bestirnten Kaugummireklame den Stofffetzen zusammen, der sich früher einmal Kleid genannt hatte, und dachte über das ungeklärte Problem des Todes nach. Ihr ursprünglicher Schmerz war abgeklungen, und die Gleichgültigkeit, die ihn verdrängt hatte, war bedrückend. Genau ein Jahr – nichts als die Arbeit. Nur manchmal ein belangloses Vergnügen – Kino oder Baden, sonst nichts. Nein, dieser quälende Fetzen, der sich früher einmal …
Es klingelte, lange und hartnäckig, wie vor einem Jahr. Wie vor einem Jahr rappelte sich die Frau aus dem Sessel auf, nur dieses Mal mit ruhigen, bedachten Bewegungen, sie drückte auf den Lichtschalter und betrachtete sich im Spiegel. Ihre schlanke Figur und das gepflegte Gesicht waren schön. Ihre üppigen, verheißungsvollen Lippen waren gerötet, und das gefärbte Haar passte zu dem frisch gepuderten Oval. Die Frau ging mit festen, gleichmäßigen Schritten in den Flur. Das einzige Anzeichen ihrer Geistesabwesenheit war der Stofffetzen in ihrer linken Hand. Vor der Tür, im trüben Licht des Korridors, warfen zwei bebrillte, schmächtige Wesen mit Wörtern um sich. Sie faselten etwas von der Armut im fernen Europa, von Hilfsgütern, von Kleidung. Die Frau mit dem gepflegten Gesicht verstand nicht gleich, was man von ihr wollte. Da zeigte eines der schmächtigen Wesen auf den zerknitterten Stofffetzen in ihrer Hand und erstarrte erwartungsvoll. So standen die drei menschlichen Gestalten eine Weile herum. Dann schleuderte die eine – die mit dem gepflegten Gesicht – das ehemalige Kleid fort. Die Brillenträger fingen es geschickt auf und verschwanden wieder faselnd im Fahrstuhl. Die Zurückgebliebene klammerte sich an die Tür, ihrer Kehle entwich ein seltsames Geräusch. Plötzlich kamen ihr die Tränen, es waren so viele, dass Puder, Creme und Lippenstift zu einer bunten Masse zusammenliefen. Diese menschliche Maske im trüben Licht des Korridors war furchtbar und alt. Vor Tausenden von Jahren haben mit den gleichen furchtbaren Masken im trüben Schein der verlöschenden Feuerstellen die Urfrauen vor Schmerz geschrien, die ihre Männer – die Krieger – verloren hatten.
Und hinter den Wänden brüllte in den verschiedensten Tonlagen die Stadt. Die Stadt, die den Frieden liebte. Den Lärm. Das Geld. Den schnellen Tod.
VII
Eineinhalb Jahre später stand die Frau mit den glänzenden Zöpfen in einer Schlange an. Sie wohnte jetzt mit ihrem Jungen in einer Kaserne, in der Ecke eines riesigen Raums, die sie mit Decken abgetrennt hatte. Sie lebte so wie viele, die ihre Heimat verloren hatten. Ihr ursprünglicher Schmerz war abgeklungen, und die Gleichgültigkeit, die ihn verdrängt hatte, war bedrückend. Heute stand sie Schlange; heute wurden aus dem fernen Amerika geschickte Kleidungsstücke verteilt. Die Schlange wurde allmählich von dem dunklen Korridor der Kaserne geschluckt. Am Ende des Korridors öffnete sich hin und wieder eine Tür, und die Wartenden wurden in ein kleines Zimmer eingelassen. Dort lagen in Haufen Jacken und Kleider durcheinander. Mit einer Losnummer erhielt die dunkelhaarige Frau ein Bündel, das sich früher einmal Kleid genannt hatte.
Sie kehrte in ihre Ecke zurück, legte den geschenkten Schatz auf den Tisch und glättete ihn sorgfältig. Die dicke, schwere Seide gefiel ihr. Nur das Muster schien etwas zu prunkvoll. Und außerdem war das Kleid offenbar beim Versand, wie sie meinte, in der Mitte fast bis zur Taille auseinandergerissen. Gott sei Dank ließ sich dieser Mangel kaschieren. Die Frau suchte schnell aus einer Tabakdose Nadel und Faden heraus. Sie wunderte sich, dass sie sich heute zum ersten Mal geschickt und sorglos bewegen konnte. Das Fenster war geschlossen, sie öffnete plötzlich beide Flügel. Vor dem Fenster stand eine Linde, der würzige Geruch beschleunigte ihren Herzschlag.
Ach, dieser unablässige Wunsch zu leben. Es war Samstagnachmittag, gegen die abblätternden Wände schlug der Lärm des Lagers. Irgendjemand spielte auf dem Akkordeon eine polternde kleine Polka, irgendjemand spielte auf dem Platz mit lautem Geschrei Basketball, dort kreischte wahrscheinlich auch ihr Sohn herum, und an den Mauern der Kaserne rankten bis zum Dach hinauf die blechernen kleinen Ofenrohre der Lagerbewohner. Die Frau nähte schnell, nach nur einer Viertelstunde war von dem Riss nichts mehr zu sehen. Nun zog sie ihr abgetragenes graues Kostüm aus (das noch aus Litauen war) und schlüpfte in das neue Kleid. Am Fenster, neben dem Kruzifix, hing eine Spiegelscherbe. Die Frau drehte sich um sich selbst. Das Kleid war wie für sie genäht.
Ach, dieser unablässige Wunsch zu leben! Wahrscheinlich zum ersten Mal nach eineinhalb Jahren betrachtete sie sich aufmerksam. Das Gesicht der Frau kam ganz nah an die Scherbe heran. Ihre Zöpfe glänzten noch immer, ihre Augen funkelten leidenschaftlich! Nur diese winzigen Fältchen waren neu, aber sie waren im grellen Sonnenlicht nicht allzu sehr zu sehen. Sie versuchte sich selbst zuzulächeln und sah, dass ihre Lippen zittern. Sie sah sich auf die Lippen beißen, und von der Grimasse ihrer unteren Gesichtshälfte kamen ihr die Tränen. Die Frau ließ sich auf das Kasernenbett fallen. Die Tränen kamen ihr plötzlich, es waren viele, ihre Gesichtsmuskeln verkrampften sich zu einem unaufhaltsamen Tanz. Diese menschliche Maske im grellen Sonnenlicht war furchtbar und alt. Vor Tausenden von Jahren haben mit den gleichen furchtbaren Masken vor Schmerz die Urfrauen geschrien, die ihre Männer – die Beschützer – verloren hatten.
Auf dem armseligen Bett wand sich eine von glänzenden Zöpfen gekrönte Frau, und mit ihr wanden sich die üppigen bronzefarbenen Blumen, die ein wenig aussahen wie Sonnenblumen.
IM KRANKENHAUS
Schwester Rosa mit dem schwarzen Nonnengewand stößt den länglichen Spucknapf an:
»Spuck aus, Wolfgang!«
Wolfgang ist drei Jahre alt. Er ist schwach, seine Beinchen zittern, und er schläft nachts schlecht. Ihm fehlt Brot. Wolfgang träumt beim Schlafen oft von Brot. Riesige Brotstücken schweben von unten nach oben und verschwinden direkt vor seiner Nase. Am Anfang greift er mit seinen welken Händchen in die Luft, und wenn er endgültig erwacht ist, steht er auf, klammert sich an die Bettkante und wimmert monoton:
»Brot, Brot, Brot …«
Ungefähr fünfzig Mal. Bis er müde wird und einschläft.
Wolfgang kann nicht essen. In seiner Kehle sind Wunden. Man flößt ihm Milch mit einem kleinen Gummischlauch ein, der in seinen Magen führt. Doch dieses Essen reicht nicht aus, er kann das wunderbare Glück des Kauens nicht vergessen. Wenn zwischen den Zähnen sättigende Stücken zermalmt werden. Deshalb lungert er tagsüber auf seinen dünnen Beinchen im Krankenzimmer herum und wimmert und sucht.
Manchmal schafft er es, einen kleinen Bissen zu stehlen. Im Krankenzimmer sind sechzehn Kinder, und Schwester Rosa ist immer beschäftigt. Wolfgang ist geschickt, denn er hat nur einen Wunsch. Sein kleines Gehirn arbeitet auf Hochtouren in einer einzigen Richtung:
»Kau-en!«
Er ist schmächtig wie ein KZ-Häftling, an der Stelle seines Hinterns hängen zwei schlaffe Säckchen. Er hat noch immer schöne dunkle Augen und, wahrscheinlich von der Auszehrung, dichte Wimpern und flaumbedeckte wächserne Wangen. Seine Lippen sind nach vorn gewölbt, rund wie der Buchstabe O, aus ihnen lugt ständig die blaue Zungenspitze hervor.
Sein kleines Gehirn und die untere Gesichtshälfte arbeiten in derselben Richtung – kauen. Wolfgang lungert im Krankenzimmer herum und verschlingt, was kommt. Vergessene Suppe von einem Teller (mehr als den Löffel vergisst hier eigentlich niemand), einen zertretenen Krümel vom Fußboden und – sein wichtigster Traum – Brot. Wenn er ein Stückchen erblickt, Kinder sind manchmal ungeschickt, bleibt er stehen und versucht sich zu beruhigen. Jawohl, dieser genesende Bengel da schlägt seinen Nachbarn mit dem Löffel auf den Kopf, weil dieser ihm die Suppe weggenommen hat. Genesende Kinder sind gierig, und das Essen im Krankenhaus ist schlecht. Wolfgang steht ruhig da, er zwinkert nicht, seine Pupillen weiten sich, und der Buchstabe O ist noch runder. Neben dem Ellenbogen des Schlägers liegt ein großes Stück Brot. Wolfgang atmet nicht, er wendet den Kopf in Richtung Fenster, als sei es ihm gleichgültig, als würde er dort, vor dem Fenster, die vergilbten Kastanien betrachten. Und er geht langsam und gleichmütig an dem erregten Schläger vorüber, um sich im richtigen Moment schnell umzudrehen und zuzufassen. Er greift sich das wunderbare Stück Brot, stopft es sich in den Mund und verschlingt es gierig, auf dem Fußboden hingekauert, wie ein Verehrer von Buddha. Ihm ist es egal, dass der Schläger nun ihm mit dem Löffel auf den Kopf haut, ihm ist es egal, dass Schwester Rosa angerannt kommt, völlig egal. Er kaut das größte Wunder auf der Welt: deutsches Ersatzbrot.
Doch sein Glück währt nicht lang. Der zerkaute Leckerbissen gelangt nicht in seine Därme, er bleibt ihm in der Kehle stecken. Wolfgangs Gesicht läuft pflaumenfarben an, er krächzt wie eine Krähe, seine Augen sind rasend vor Auflehnung, doch die zerkauten Stücke plumpsen in den von Schwester Rosa rechtzeitig hingehaltenen Spucknapf.
»Spuck aus, Wolfgang!«
Oh, wie sehr er die von ihrer angenehmen Stimme gesprochenen Wörter und die längliche emaillierte Schale hasst!
Manchmal kommt ihm immer wieder aufs Neue der Gedanke: Zwei Dinge auf der Welt sind überflüssig. Schwester Rosa und der Spucknapf. Sie müssen aus dem hellen, blankgeputzten Zimmer entfernt werden. Leider ist Rosa groß gewachsen und stark. Sie kann Wolfgang mit einem Arm anheben. Wenn er mit seinen geballten Fäustchen auf ihre weiche Brust schlägt, erlahmt er sehr schnell, und Schwester Rosa lacht nur, und zusammen mit ihr kreischen alle Kinder. Schwester Rosa kann man nicht beseitigen. Aber der Spucknapf kann sich nicht wehren und er ist klein, ihn kann man aus dem Fenster werfen, wenn es keiner sieht.
Diese Tat vollbringt Wolfgang. Der schwäbische Herbst ist ruhig und warm, die Fenster stehen hier nach deutscher Sitte häufig offen, das Krankenzimmer der kindlichen Heulsusen liegt in der dritten Etage, und davor ist die goldene Krone einer Kastanie zu sehen.
Wolfgang vollbringt die kühne Tat während die genesenden Kinder gierig Mittag essen, eine wässrige Nudelsuppe, und Schwester Rosa die Bettlägerigen füttert. Er nimmt das widerliche Gefäß von dem niedrigen Tischchen und schleicht zum Fenster. Er beobachtet alle und ist für alle Fälle darauf vorbereitet, so zu tun, als müsste er erbrechen. Doch die Kinder schmatzen heftig, und Schwester Rosa hat ihren runden Hintern in die Höhe gestreckt, vornüber gebeugt füttert sie mit einem Fläschchen einen kranken Säugling von einem halben Jahr.
Wolfgang klettert auf einen Stuhl, schleudert den emaillierten Spucknapf aus dem Fenster und beobachtet mit seinem herausgestreckten wächsernen Gesicht den Fall. Das Gefäß fällt sich überschlagend in die Tiefe, schlägt auf dem Asphalt auf und scheppert ergreifend. Wolfgang öffnet zufrieden den Mund, seine Zunge fällt auf die Unterlippe. Jetzt kratzt er mit dem Finger auf dem Fensterbrett. Natürlich bemerkt Rosa den Vorfall und dreht sich zu ihm um. Doch Wolfgang verteidigt sich schon:
»Ich wollte spucken, und da ist er rausgefallen. Dahin. Der Spucknapf ist weg, der Spucknapf ist weg.«
Als Rosa zum Fenster geht, wird es Wolfgang unangenehm. Er sieht, der Spucknapf liegt unversehrt auf der Straße. Wolfgang bettelt:
»Mach das Fenster zu, mach es zu!«
Schwester Rosa schaut nach unten und streichelt sein weiches Haar. Die Schlacht ist verloren, Wolfgang weint ohnmächtig. Er weint und vergisst seine List. Er bittet wie in der Nacht:
»Brot, Brot, Brot …«
Neben Wolfgang liegt Rita, eine Litauerin. Ihre Eltern haben sie von klein auf Smilga genannt. Sie ist schmächtig und zart, und ihre Augen sind von klarem Blau. Smilga ist sechs Jahre alt. Sie kann nicht gehen. Vor zwei Tagen hatte sie eine unglücklich verlaufene Mandeloperation. Die Krankenschwestern kamen im Flüsterton überein: Der neue Chirurg war zu hastig gewesen. Die Kleine hatte starke Blutungen.
Überhaupt war der nicht mehr ganz junge Arzt an diesem Tag zerstreut und unruhig. Er war offenkundig nervös, zum ersten Mal bei einer Operation. An diesem Tag hatte der Chirurg Mahle seine Frau verloren. Frau Traudel Mahle hatte ihre morgendliche Tasse Kaffee nicht ausgetrunken. Ihre dicken, einst eleganten, heute jedoch groben Finger mit den gebrochenen Nägeln hatten gezittert. Frau Traudel hatte mühsam hervorgebracht:
»Ich gehe.«
Der Chirurg hatte seine Frau nicht gleich verstanden. Er hatte seine Pfeife zu Ende gestopft und beunruhigt mit seinem Feuerzeug hantiert. Der Stein hatte keine Funken geschlagen.
»Ich gehe«, hatte sie wederholt und die Worte deutlich und trocken ausgesprochen.
»Wohin?«, hatte er endlich gefragt und von dem plötzlich aufgeflammten Feuerzeug zu seiner Frau aufgeblickt. Erst jetzt hatte er ihre aufgerissenen Augen und ihre unruhigen Hände bemerkt. Die Hände drehten verloren die halbleere Tasse. Mahle war bereits ein bisschen erstaunt gewesen, aber gleich sollte er so sehr erstaunen, dass er sein geschätztes morgendliches Rauchen vergessen würde. Frau Mahle war plötzlich aufgestanden und hatte mit expressiver, etwas melodramatischer Stimme erklärt:
»Ich gehe aus dem Haus. Ich verlasse dich!«
Es hatte sich alles aufgeklärt. Dieser Reiber hatte ein Auto. Dieser Reiber machte dubiose Geschäfte und konnte einer Frau morgens echten Bohnenkaffee anbieten, den gleichen, den früher auch Mahle getrunken hatte. Mahle hatte früher Gamper geheißen und in der Nazizeit hervorragend gelebt. Jetzt versteckte er sich unter anderem Namen hier, wo ihn niemand kannte. Die Zeiten des Bohnenkaffees waren für immer vorbei. Sein Gehalt war niedrig, und seine Traudel wurde nicht mehr von zwei gehorsamen Hausangestellten verwöhnt. Die Haut ihrer wunderbaren Hände, dieser weißen, makellosen Hände, wurde rissig und dunkel, und ihre langen Fingernägel waren nicht mehr verlockend rot lackiert. Das kalte und das warme Wasser bei der Hausarbeit …
Herr Reiber streichelte ihre Hände, ehe er ihren ganzen Körper in den Arm nahm, Herr Reiber versprach ihr, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Auf der Straße wartete sein sauberer Opel und am anderen Ende der Stadt – ein warmes Schlafzimmer und seliger Müßiggang. Ein Liebesakt dauert nur einige Minuten, diese Unannehmlichkeit war geringer als der ständige Wechsel von warmem und kaltem Wasser. Frau Traudel gehörte zu jenen Frauen, die gleichgültig waren gegen die Freuden der Liebe, und hatte aus diesem Grund so pathetisch erklärt:
»Ich gehe aus dem Haus. Ich verlasse dich!«
Der Chirurg Mahle hatte an diesem Morgen, so wie der kleine Wolfgang, eine Schlacht verloren. Zugegeben, er hatte seiner Frau eine Ohrfeige verpasst und eine naive Porzellanfigur (die Umarmung eines Knaben und eines Mädchens in Gewändern des achtzehnten Jahrhunderts mit der Aufschrift »Als ich wiederkam«) zerschlagen, aber auf ihn wartete die Klinik, er war ohnehin schon fünfzehn Minuten zu spät. Fünfzehn Minuten sind kein Scherz in der heutigen Zeit, und der Chirurg Mahle war erbleicht und mit offenem Mantel die Treppe hinunter auf die Straße gepoltert.
In der Klinik hatte er dem von Krätze befallenen Fritz eilig die Mandeln entfernt und verzweifelt Fortsetzung gefordert.
Schwester Rosa brachte Smilga herein. Smilga lächelte freundlich. Ihr langes kleines Gesicht erwartete angenehme Worte. Die Eltern hatten sie daran gewöhnt, das Leben mit leuchtenden Augen zu sehen. Unannehmlichkeiten waren vorübergehend. Wenn man sich am Bein stieß, dann musste man ein bisschen singen und der Schmerz verging, als wäre er nie dagewesen. Weinen lohnte sich eigentlich überhaupt nicht. Es weinten nur Kinder, die nicht gut sind, und davon werden ihre Schmerzen nur noch stärker. Wenn eine Wunde sehr brannte, dann stakste ihr Vater sehr komisch im Zimmer umher, und das sollte Ballett sein. Ihre blauen Augen hatten bis dahin nur wenige Tränen verloren. Und die waren durch Lächeln und lautes Gelächter bald getrocknet. Und überhaupt kannte Smilga nur gute Menschen. Ihre Eltern behüteten sie vor den bösen und wilden Jungen in der Schule, die die kleinen Mädchen gern anrempelten … Das waren doch schließlich keine großen Menschen!
Der Chirurg Mahle drückte kräftig auf Smilgas Kehle.
»Das tut weh, das tut weh!«, schrie Smilga spitz auf. Dieser Herr (sie nannte alle erwachsenen Männer »Herr«) war nicht gut. Er fragte sie nicht nach ihrem Namen, er streichelte ihr nicht das Haar, wie es die guten Herren tun, sondern er packte sie plötzlich mit seinen großen Händen an.
»Das tut weh, das tut weh!«
»Was ist denn das für eine?«, murmelte Mahle. Und als er von Schwester Rosa hörte, »eine Ausländerin, eine Litauerin«, sah er Smilga zum ersten Mal aufmerksam an. Tja, Angst in Kinderaugen ist normal. Sie heulen alle, und alle vergessen es gleich wieder. Mahle stach mit einer scharfen, blitzenden Nadel in ihre zitternde Kehle …
Vom Schreien und von der Anspannung verwandelte sich Smilgas Gesicht in ein rotes Faltenknäuel. Ihr dünner Schrei, der jetzt dem Winseln eines geprügelten Hundes glich, bohrte sich in die Trommelfelle.
Da fiel Herrn Mahle seine Frau ein.
Ja, ja … nach der Ohrfeige hatte sie ähnlich geklungen, ähnlich, ganz ähnlich …
Noch auf der Treppe hatte Herr Mahle im Davonlaufen ihren Schrei gehört, die starke Hand des Chirurgen, Frau Traudel würde noch lange von Blutergüssen gezeichnet sein. Nur ihr Herz würde wahrscheinlich froh schlagen. Niemand würde das zeitweilig verletzte Gesicht sehen. Der saubere Opel würde Traudel ans andere Ende der Stadt fahren, und Reiber, zufrieden mit dem Leben und mit seinem Wert, feierlich das Lenkrad halten.
Der Chirurg Mahle operierte. Der Chirurg Mahle war nass, er war schweißgebadet, und er operierte schlecht, gleichgültig. Selbst die erblasste Nase von Schwester Rosa war mit Schweißperlen bedeckt. Sie hatte zum ersten Mal in ihrer langjährigen Praxis ein derart verzerrtes Chirurgengesicht gesehen.
»Herr Doktor, sie erstickt am Blut«, hatte Schwester Rosa diskret gewarnt.
Am nächsten Tag bekam Smilga Besuch von ihren Eltern. Das Mädchen lag augenscheinlich ruhig und blass da. Nur war in ihren blauen Brunnen die kindliche Naivität ertrunken. Ach, wie hell und fröhlich die Welt war! Nein, sie war nicht mehr fröhlich. Das Krankenzimmer hatte viele Fenster, es glänzte weiß, doch das Licht war wie Eis, die Welt war erstarrt und reglos, und ihre Kehle drückte wie ein gläserner Stein, bis sie es nicht mehr aushielt und salziges Blut herausquoll. Da kommt Schwester Rosa angerannt, die schwarze Hexe aus der Kinderwelt, und sie sticht zu, diesmal in Smilgas Bein, und ihr schwarzes Nonnengewand hüllt wie ein Zauberschleier die saubere eisige Welt ein, und ein heißer, schneidender Schmerz durchzuckt Smilga, und er beunruhigt niemanden. Und die genesenden Kinder singen auf Deutsch, und Wolfgang bettelt:
»Brot, Brot, Brot …«
Ihre Eltern stehen am Bett wie schuldbewusste Verbrecher.
»Du weißt nicht, du weißt nicht, was sie mir angetan haben«, sagt Smilga leise und vorwurfsvoll, und dieser Vorwurf veranlasst ihre Mutter, schnell zu sagen:
»Du wirst wieder gesund, und wir kehren nach Hause zurück. Schau mal, was Vater dir mitgebracht hat.«
Der Vater zieht ungeschickt ein Kinderbuch aus seiner Tasche.
»Sieh mal, so große Buchstaben! Das wirst du selbst lesen können.«
Smilga liest gern. Sie sieht sich das Buch an, aber die Buchstaben wanken. Das große K verschmilzt mit dem A, und ein grün gemalter Schmied fällt mit seinem erhobenen Hammer in die Tiefe.
»Lies du mir vor«, bittet Smilga ihre Mutter, und die Mutter wischt schnell ihre beschlagene Brille ab. Ihre Tränensäcke hängen traurig herab. Sie beginnt im Stehen, obwohl neben ihr ein Stuhl steht. Der schmächtige Vater mit dem Gesicht eines gealterten Papageien zieht sich an den Rand des Betts zurück. Gekrächzte, vereinzelte Wörter, wie wenn man mit einem Messer in einer Pfanne kratzt.
… Der kleine Jonas ging mit dem kleinen Simas in die Schmiede. Dort arbeitet der Schmied: tin tan, tin tan tan. Der kleine Jonas und der kleine Simas möchten schmieden. Der Schmied sagt: Könnt ihr denn schmieden? Nein, wir können nicht schmieden, antwortet Simas …
Schwester Rosa flüstert dem Vater ins Ohr:
»Für das erste Mal ist es genug. Das Mädchen ist schwach. Kommen Sie morgen wieder.«
Der Vater schaut seine Tochter an und sieht plötzlich purpurfarbene Flecke auf ihren eingefallenen Wangen. Er zupft die Mutter am Ärmel.
»Wir gehen«, versteht die Mutter. Smilga reißt die Augen auf. Ihre blutleeren Lippen zittern.
»Wir kommen morgen wieder, heute geht es nicht mehr. Du wirst schneller gesund, wenn du allein bist. Wenn wir nicht gleich gehen, lässt man uns morgen nicht herein. Bleib du nur ruhig liegen, und wenn du etwas essen möchtest … Hast du heute schon gegessen?«
Die Tränensäcke der Mutter zittern wie die blutleeren Lippen ihrer Tochter. Smilga schweigt. Sie weiß: Ihre Eltern werden gleich gehen, und der gläserne Stein wird sie völlig erdrücken. Sie schweigt, als die Mutter sie mit kleinen Küssen überschüttet, als der Vater ihre Wange wie mit dem Kreuzzeichen berührt, sie schweigt, na und – es muss so sein, die Welt ist erstarrt und reglos, und das Licht ist wie Eis, und die Tafel Schokolade auf ihrem Kissen ist völlig unnütz.
»Grüß Gott!«
»Grüß Gott!«*
Die Eltern gehen.
Und aus der Ecke schaut Wolfgang gierig auf die Schokolade. Er weiß nicht, was das für eine Speise ist. Aber man wird sie bestimmt kauen können. Die großen Menschen lassen nur Essen hier. Wolfgang steht da, versucht, sich zu beruhigen und wartet.
Die rote Sonne blickt durchs Fenster. Die Strahlen gleiten suchend umher, werden fündig und fluten die Dinge und die Kinder mit dichtem, schleimigem Licht.
Schwester Rosa hebt den Blick, sieht zur Zimmerdecke und verkündet feierlich:
»Seht ihr, Kinder, wie schön Gottes Erde ist. Seht nur, da geht schon die Sonne unter. Sie segnet uns alle, sie ist das Auge des allmächtigen Herrn und bringt das ewige Licht. Gehen wir auf den Balkon. Dort werden wir ein Abendlied singen.«
Schwester Rosa umarmt die genesenden Kinder und führt sie wie eine Prozession hinaus. Zurück bleiben die schlummernden Bettlägerigen und Wolfgang. Er hatte es geschafft, sich hinter dem Schrank zu verstecken. Er starrt begierig auf die Schokolade, die ganz in der Nähe auf Smilgas Kopfkissen liegt.
Und Smilga versucht sich an das zu erinnern, was ihr ihre Mutter vorgelesen hat.
… Der kleine Simas und der kleine Jonas … In der Schmiede – der Schmied. Tin tan, hämmert der Schmied, tin tan, tin tan tan …
Tin tan, tönt es in ihren Ohren. Tin tan, kitzelt es angenehm in ihrer Kehle. Tin tan, schlägt ihr Herz. Wie schnell! So hat es noch nie geschlagen.
Mein Vater war ein Schmied,
Tik taku, tik taku, war ein Schmied …
Die letzte Erinnerung steigt in ihr auf. Dieses Gedicht brachte ihr bei … Ihre Stirn legt sich in Falten. Und weiter?
Es war einmal ein Schmied … ein Schmied …
Das Krankenzimmer weitet sich, die hellen, blank geputzten Wände stürzen in sich zusammen. Smilga stützt sich mit den Händen auf die Bettkante, sie erhebt sich und fällt. Aus ihrer Kehle dringt dickes Blut. Es ähnelt den Strahlen der Abendsonne. Dann dreht sich Smilga um und bewegt sich nicht mehr.
Wolfgang kommt. Leise, vorsichtig. Er streckt die Hand aus und ergreift blitzschnell die Schokolade. Ratsch … zerreißt das gewachste Papier. Wolfgang kaut. Zum ersten Mal so viel er nur will. Er kaut hastig, er verschluckt sich, seine Augen schließen sich vor heftiger Befriedigung. Er kaut, bis sein Gesicht pflaumenfarben anläuft. Seine Lider öffnen sich, jetzt sind seine Augen rasend vor Auflehnung, doch die zerkauten Bissen quillen auf den Boden. Neben Smilgas Bett.
Auf dem Balkon singen Schwester Rosa und die Kinder das Abendlied.
* deutsch im Original
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