Kitabı oku: «Gesternland», sayfa 4

Yazı tipi:

„Ist Hayat zu Hause?“

„Nein, sie ist bei ihrer Koranlehrerin.“

„Wann ist sie denn zurück?“

„Ich hole sie nach dem Mahgrib-Gebet.“

„Also, so gegen halb sechs?“

„Genau. Sehr gut.“

„Ich dachte, vielleicht könnte ich sie heute Abend noch treffen, damit wir an unserem Referat für nächste Woche arbeiten.“

„Ich sag ihr Bescheid, dass sie Dich anrufen soll.“

Svea nickt. „Danke.“ Sie bückt sich zu ihrer Umhängetasche und geht in dem Handtuch-Wickelkleid zum Dusch- und Umkleidehäuschen. Zaina schaut ihr hinterher und lässt gleich darauf den Blick schweifen. Jetzt nimmt sie Mohamad ins Visier. Das Du schwitzt, liegt nicht an der Außentemperatur.

Batul reißt sie aus ihren Beobachtungen. „Ich hatte Dir neulich von einem Buch erzählt. Erinnerst Du Dich?“

Zaina dreht sich zu ihr. „Ein Buch?“

„Ja. Ich wollte es Dir bringen, aber wollte es nicht unkommentiert bei deiner Maid abgeben. Sie sagte, dass ich Dich hier finden würde.“

„Meine Maid hat die Tür aufgemacht?“

„Darf sie das nicht?“

„Sie hat strikte Anweisung, die Tür nicht zu öffnen.“ Zaina schüttelt den Kopf. „Ich glaube, ich muss zukünftig abschließen.“

Rebecca zupft Fusseln von ihrem Handtuch. „Du willst deine Maid im Haus einschließen?“

„Das ist nun wirklich nichts Ungewöhnliches, Rebecca.“

Rebecca blickt sie durchdringend aber schweigend an.

Batul schaut abwechselnd von Rebecca zu Zaina und wartet. Schließlich sagt sie, „ich bin mir sicher, dass Dir das Buch gefallen wird.“ Etwas zögerlich zieht sie aus ihrem Korb ein Buch.

Nadja streckt den Hals und starrt neugierig auf den Titel. „Don’t be sad!“, ruft sie aus, „das kenn ich!“ Sie guckt Batul an. „Das ist wirklich großartig. Hat mir auch schon einige Relationen wieder gerade gerückt.“

Batul lächelt. „Das freut mich sehr, zu hören.“

Zaina beginnt im Buch zu blättern. „Gott belastet keinen Menschen mit mehr als er gut zu tragen vermag. Das ist aus der zweiten Sure, Al Baqara. Meine Lieblingssure.“

Batuls Augen glänzen. Sie nickt Nadja zu. Nadja lächelt und murmelt, „heute Abend werde ich darin eine passende Stelle suchen, um das Unrecht von heute Nachmittag verdauen zu können.“

Zaina vertieft sich in das Buch. Dann blickt sie Batul an. „Batul, Du bist für mich ein Muslima-Role-Model!“

„Role-Model für Muslima? Weil ich Dir das Buch gegeben habe?“

„Ja, auch. Du möchtest anderen den Weg zeigen, weil Du deine Religion streng und selbstbewusst lebst. Als würde es Dich keine Opfer kosten, sondern Spaß machen.“

„Spaß machen?“

„Zum Beispiel Dein Kleidungstil. Man könnte Dich als modernes Beispiel für einen islamischen Dress-Code nehmen.“

Batul zieht die Stirn hoch, atmet kurz kraftvoll aus und wiederholt, „islamischer Dress-Code“.

Svea kommt unauffällig und umgezogen zurück, schnappt hektisch ihre Sonnenbrille und raunt ihrer Mutter zu, „ich geh nach Hause.“ Sie lächelt Batul kurz an und geht. Bevor sie die schwere Tür öffnet, dreht sie sich noch einmal zu Mohamad und winkt. Unbeholfen hebt er die Hand und nickt.

6.Kochkurs

7.Expat-Alltag

Rebecca parkt auf dem frisch gewalzten Sand des Parkplatzes vor der Deutschen Schule. Sie lässt ihren Blick über die großen Autos schweifen. Mal sehen, wen ich gleich treffe. Sie grüßt den Pförtner am Schultor. Er nickt ihr zu, scheint sie zuordnen zu können und gewährt ihr Eintritt auf das Schulgelände. Sie hält sich dicht an der Hauswand des Gebäudes und schlendert im Schatten zum Eingang. Die ersten gelben Schulbusse rollen über den Schulhof auf das Tor zu. Und Rebecca beobachtet, wie Frau Hutschenreuther, eine Deutschlehrerin, den Assistentinnen auf den Bussen die Listen der mitfahrenden Kinder überreicht. Die indischen Busfahrer starren sie an, ihre blond-glänzenden, glatten Haare, die stark geschminkten Augen mit unnatürlich langen Wimpern und ihre wohlgeformten Waden in ihrem sommerlich-knappen Outfit. Sie stöckelt zum Schuleingang zurück und grüßt Rebecca mit einer winkenden Geste.

Nina holt Rebecca im Laufschritt ein, gemeinsam steuern sie auf Nadja zu, die bereits vor dem Eingang wartet. „Nina, bevor ich es wieder vergesse, wer war eigentlich der Geschäftsfreund von Jochen mit seiner auffälligen Frau auf unserer Einweihungsfeier?“

Nina bückt sich, schlägt die Hände auf die Oberschenkel und bricht in Gelächter aus. „Das wüssten wir auch gern!“

Nadja verzieht das Gesicht. „Ihr wisst nicht, wer das war?“

Nina japst nach Luft. „Nein, wirklich nicht. Der Typ hat Jochen angerufen und wollte sich mit ihm treffen. Und Jochen hat gesagt – immerhin war es Freitag – dass er keine Zeit hätte. Und Michael, so hieß er, meine ich, hat irgendwie nicht locker gelassen.“

Rebecca prustet. „Wie gewieft! Das machen wir zukünftig auch: wir suchen Firmen, googlen die Nummern der Verantwortlichen im Internet und prüfen mal, wo die freitags so eingeladen sind.“

Nadjas Augen werden immer größer. „Ich bin sprachlos!“

Nina wischt mit dem Handrücken Lachtränen aus dem Gesicht. „Wir suchen uns aber westliche Firmen, sonst wird auf den Partys am Ende kein Alkohol ausgeschenkt. Und alles war umsonst.“

Die Schulglocke ertönt. Rebecca dreht sich zu Nadja und sucht um sie herum. „Wo hast Du denn Fred gelassen?“

„Du wirst es kaum glauben: der verbringt den Vormittag bei Inja.“

„Die etwas spezielle Schwedin aus eurem Compound? Die jetzt zu Hause hockt, weil sie in der Firma alles besser wusste?“

„Genau die. Fred ist heute Morgen rüber gedampft und hat sich zum Frühstück bei denen eingeklinkt. Inja war nicht da, hat heute Behördengänge auf dem Plan. Aber ihr AuPair, Emily, war ganz begeistert, dass er vor der Terrassentür stand und hatte den gemeinsamen Spielvormittag sofort von sich aus angeboten.“

„Hat sie ein bisschen Luft für sich, wahrscheinlich. Hoffentlich weiß sie, dass sich so eine Spielstimmung von jetzt auf gleich dramatisch ändern kann. Und dann ist es schlimmer als mit einem Kind.“

„Wird sie dann erleben. Wichtige Erfahrungen für ein AuPair, oder?“ Nadja lacht. „Mir war das heute Morgen alles nur Recht. Außerdem verstärkt es die nachbarschaftlichen Beziehungen.“

Die Schultür öffnet sich und die Schülerinnen und Schüler in ihren Uniformen stürmen heraus, quetschen sich durch die doppelflügelige Tür wie durch ein Nadelöhr. Teilweise zu Dritt gleichzeitig. Einige der herausströmenden Polohemden mit Schulemblem haben den Vormittag nicht im persil-frischen Weiß überstanden. Dafür strahlen Frau Hutschenreuthers Zähne umso weißer in ihrem überschminkten Gesicht, als sie die ersten Kinder zu den Bussen begleitet.

„Kommst Du nachher zu uns an den Pool?“ Nina schaut Nadja durchdringend an.

„Ich wohne jetzt woanders!“

„Vielleicht packst Du deine Brut trotzdem ein und kommst vorbei. Die Jungs würden sich freuen.“

„Und ich mich auch“, ergänzt Rebecca.

„Ich weiß noch nicht. Mal gucken, wie lange die Hausaufgaben heute so dauern.“

„Komm schon.“ Nina schubst sie freundschaftlich an.

Ein Seufzer von Nadja. „Mal sehen.“ Sie sieht Hennys Gesicht vor sich.

In kurzen, knittrigen Hosen und mit frisch gebügeltem, hellblauem Business-Hemd steht Henny in kunstledernen Flipflops auf dem Sandstreifen vor dem Haus. „Eileen war hier.“ Er geht in die Hocke und schließt Alexander in die Arme. „War die Schule wieder mal extrem gut heute?“ Er lächelt ihn an, richtet sich aus der Hocke auf und streicht Alexander über den Kopf. „Du Glücklicher, mit Spaß am Unterricht. Das war bei mir oft anders.“

Nadja greift sich an den Kopf, Eileen! „Was wollte Eileen? Hat sie etwas gesagt?“

Henny schüttelt den Kopf.

„Und war Emily schon da?“

„Wer ist das?“

„Das AuPair-Mädchen von Inja und Jasper.“

„Ach die. Nein, warum sollte sie?“

„Um Fred zu bringen. Ist Dir noch gar nicht aufgefallen, dass der gerade fehlt?“

„Wäre ja nicht das erste Mal, dass er auf dem Rücksitz eingeschlafen ist.“

Die Luft steht zwischen den hohen Mauern. Das Weiß der Wände blendet. Nadja schaut auf den Pool, schön ist was anderes. Ich muss das mit Abigail besprechen oder am besten in Injas Designer-Hände legen. Zeit hat sie ja jetzt.

In der Villa springt die Terrassentür auf und Fred stürmt hinaus. „Mama!“, tönt es quer über den Hof. Emily stolpert hinterher. „Fred, wolltest Du das Bild nicht für deine Mama mitnehmen?“ Sie trägt ihm einen großen Fotokarton hinterher. Fred dreht sich um, kommt ihr entgegen und nimmt ihr lächelnd den Bogen aus der Hand. Sie lächelt zurück. Hübsch ist sie, denkt Nadja, und ganz offensichtlich mag sie Fred. „Na, lief alles gut?“

„Ja, war klasse. Die haben richtig gut und ausdauernd zusammen gespielt. Ich konnte mich tatsächlich einmal anderen Dingen widmen.“ Sie grinst.

„Und Carl schläft jetzt?“

„Den habe ich vor einer halben Stunde hingelegt. Der schafft das noch nicht ohne Mittagsschlaf.“

„Um diese Uhrzeit versäumen wir ja alle nicht viel.“ Nadja wischt mit dem Handrücken über die Stirn. „Ich könnte mich jetzt auch gut und gerne hinlegen.“

Emily rollt mit den Augen. „Frag mich mal, ich war gestern erst um drei Uhr zu Hause.“

„Nachts?“

Emily grinst. „Ich hatte gestern Abend frei.“

„Hut ab. Du hast ja Party-Kondition.“

„Ich warte nur das Inja zurückkommt und dann hätte ich eigentlich wieder frei“, und schiebt leise hinterher, „mal sehen, ob es dabei bleibt oder wie sie sich jetzt alles so vorstellt.“ Emiliys Blick geht ins Leere.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass sie in ihrer Einsatzplanung nicht mit spontanen Überraschungen geizt.“

Emily richtet sich auf, fokussiert ihren Blick, blinzelt und schaut Fred hinterher, wie er mit der großen Pappe in der Hand die Terrassentür aufschiebt und im Haus verschwindet. Dann schaut sie Nadja in die Augen, seufzt und senkt den Blick auf ihre makellos pedikürten Füße.

„Wir können das auch gerne einmal umdrehen, dann kommt Carl morgens zu uns und Du hast ein bisschen frei.“

Langsam wandert Emilys Blick an Nadja hoch zurück in ihr Gesicht. Sie räuspert sich. „Braucht ihr vielleicht ein Au-Pair?“

Reflexhaft streckt Nadja die Hand nach Emily aus und senkt sie wieder. „So schlimm?“

Emilys Augen füllen sich mit Tränen. „Ich wurde heute Morgen gefeuert.“

„Was? Aber nicht weil Du Fred zu Carl eingeladen hattest, hoffe ich?“

Emily schüttelt den Kopf. „Davon weiß Inja gar nichts. Muss sie auch nicht.“ Sie versucht mit ihrem Flipflop eine Ameise in der Fuge der Steinplatten gefangen zu halten und schaut auf. „Wenn ich nicht bis zum Monatsende eine neue Anstellung gefunden habe, läuft mein Visum aus und ich muss zurück nach Deutschland.“

„Hat Inja Dir einen Grund genannt?“

Die Frage scheint sie nicht zu erreichen. Tränen laufen jetzt über Gesicht. „Ich will hier nicht weg!“

Nadja geht einen Schritt auf sie zu und nimmt sie in den Arm. Aus ihrem Haus dringen laute Geräusche heraus. Hektisch dreht sich Nadja um, löst die Umarmung und schaut Emily an.

„Emily, willst Du heute Nachmittag mal rüberkommen?“

„Geht auch heute Abend?“

„Geht genauso gut. Bis später dann.“ Im Eilschritt läuft Nadja zur Terrasse. Wieder nicht die Terrassentür hinter sich zugemacht – trotz laufender AirCon. Wann lernt er es? Was gibt es jetzt schnell zum Mittagessen? Was haben wir überhaupt noch zu Essen im Haus? Hat Inja sie rausgeschmissen, weil man eine Maid besser kommandieren kann?

Nadja verlangsamt ihren Schritt. Oder braucht sie Eileen einfach nur nicht mehr, weil sie jetzt arbeitslos ist?“

„Was gibt’s heute zu essen?“ Alexander, Fred und Henny stehen aufgereiht nebeneinander im Wohnzimmer.

„Wir haben alle sehr starken Hunger.“ Henny lächelt.

Nadja fängt an zu lachen. Du hast mich lange nicht mehr angelächelt, Henny. „Das weiß ich gerade auch noch nicht so hundertprozentig genau.“

Henny seufzt. „Jetzt habt ihr doch diesen Kochkurs gemacht. Und noch immer ist nichts von dem Gelernten bei uns auf dem Tisch gelandet!“

Nadja verdreht die Augen. „Dafür braucht es auch Vorbereitungszeit.“ Sie zieht das Wort in die Länge. So schnell ist ein Lächeln wieder neutralisiert. Und was ist eigentlich im Gefrierschrank?

„Papa, Fred und ich hatten eine richtig gute Idee!“

„Na, dann lasst mal hören.“

„Wir gehen in den FoodCourt in Uptown-Mirdif!“

„Super Idee!“

Laut dröhnt das Motorengeräusch ihres eigenen Autos als sie den Zugang in die dunkle, staubige Tiefgarage von Uptown Mirdif hinunter fahren. Henny parkt das Auto dicht am Aufgang. Ein kleiner vollständig verglaster Raum mit Leuchtstoffröhren, von dem eine Rolltreppe nach Oben führt. Abgase schlagen ihnen beim Aussteigen entgegen. Nadja hält sich ihr Tuch vor Mund und Nase.

„Carwash?“ Dunkle Augen schauen Nadja an.

„How much?“

„Fifteen Dirhams.“

„I‘ll give you twelve.“

Der Autowäscher nickt und streckt eine Hand entgegen. Najda schüttelt den Kopf. „I pay you when we’re back.“

Henny nimmt Alexander und Fred an die Hände und sie eilen zur Rolltreppe. Kaum treten sie ins Freie, holt Henny tief Luft. „Das ist einzigartig in Dubai.“

„Die abgasverseuchte Parkgarage?“

„Diese Einkaufsstraße unter freiem Himmel. Eine Fußgängerzone, wenn Du so willst. Eine Open-Roof-Mall ohne Aircon.“

Nadja blinzelt und streckt das Gesicht zum Himmel. „Stimmt. Und obwohl es immer noch heiß ist, lässt es sich hier ganz gut aushalten.“

Nadjas Handy klingelt. Sie wirft einen schnellen Blick darauf. Eine Nachricht von Batul:

Hallo Nadja, hast Du Zeit und Lust, Dich mit mir einmal zu treffen? Magst Du zum Beispiel morgen zum Frühstück zu mir kommen? Liebe Grüße von Batul

Der Foodcourt liegt etwas abseits. Fred und Alexander sind vorausgeeilt und geben der Drehtür Schwung. Ein Security-Mitarbeiter in Uniform versucht immer wieder vorsichtig die Tür anzuhalten. So behutsam wie es möglich ist, eine zum Karussell umfunktionierte Tür zu stoppen. Ruhig spricht er die Jungs an. Hilfesuchend blickt er sich um und sieht Nadja und Henny in weiter Distanz auf sich zukommen. Zaghaft versucht er Fred von der Tür fernzuhalten und zeigt auf Freds Finger und den schmalen Spalt, wenn die Abtrennung der Tür ihre Einfassung erreicht. Fred guckt erst auf die Tür und dann dem Mann in die Augen. Und dann nimmt er Reißaus. „Fred. Komm zurück. Wir sollen nur nicht mit der Tür spielen! Weil wir uns die Finger klemmen könnten. Fred!“ Alexander läuft ihm hinterher. Fred hat sein Ziel fixiert: große Sitzsäcke und Sitzkissen auf der Terrasse der Shisha-Bar nebenan. Der Eingang ist durch zwei Abtrennpoller mit roter Kordel markiert. Fred huscht hindurch und steuert zielgerichtet auf ein Paar zu, dass es sich auf zwei rotgemusterten Sitzkissen gemütlich gemacht hat. Die Frau schaut auf. „Fred!“

Lachend fällt er in ihre Arme.

Nadja und Henny schieben sich durch die Drehtür in den FoodCourt.

„Wo sind die zwei denn?“

„Bestimmt am Subway-Stand.“

„Da sehe ich sie aber nicht.“ Nadja lässt ihren Blick durch die gefühlte Schul-Mensa schweifen und bleibt an der Eingangstür haften. Alexander hat brav den Arm um Fred gelegt, und führt ihn behutsam hinein. Nadja stößt Henny in die Seite. „Guck mal.“

Fred läuft auf seine Mutter zu und schlittert die letzten Meter auf dem spiegelglatten Boden. „Mama, da draußen sitzt Emily.“

„Ach, ehrlich? Dann ist sie aber auch schnell unterwegs gewesen. Wollt ihr etwas von Subway?“

Mit zusammengekniffenen Augen versucht Henny die Anzeigetafeln der verschiedenen Imbiss-Ketten zu inspizieren. Bunte, meist schlechte Fotografien von Salaten, Burgern, Pommes und anderem FastFood prangen auf den Tafeln neben sehr kleiner Schrift und den dazugehörigen Preisen.

„Ich nehme etwas von Arz Lebanon. Soll ich Dir eine Falafel mitbringen, Nadja?“

„Ja, das wäre klasse. Mit Pommes bitte.“ Nadja schluckt und grinst. „Jetzt merke ich erst meinen Hunger.“

Fred schaut angestrengt aus dem Fenster und spricht zu sich selbst, „Emily und dieser Mann.“

„Welcher Mann, Fred?“ Mit einer Serviette wischt sie über den Plastiktisch.

„Der in der Dishdasha. Und ich weiß nämlich, wie man das Tuch auf dem Kopf rollen muss.“ Freds Augen leuchten. Er klettert auf einen der Plastikstühle.

Nadja legt die Serviette an das äußerste Ende des Tisches. „Emily sitzt dort mit einem Mann, der ein arabisches Gewand trägt?“

Fred springt auf und läuft seinem Papa entgegen, der im Schneckentempo vorsichtig zwei zu voll gestellte Tabletts balanciert. Fred streckt die kurzen Arme vor und nickt Henny zu.

„Danke Fred, aber lass mal, hab das gerade einigermaßen im Griff.“ Etwas unbeholfen schiebt er die Tabletts schließlich seitwärts auf den Tisch. Schwarzer Tee kleckert aus einem Styroporbecher. Der Stapel Papierservietten schwimmt in der Lache. Alexander verteilt die Plastik- und Styrophorboxen und legt jeweils Plastikbesteck dazu.

Nadja behält kauend die halbrunde Fensterfront im Blick, ein Araber.

Alexander folgt ihrem Blick. „Ich habe Fred dort herausgeholt. Der Kellner wollte nicht, dass wir da drin toben und hat uns raus gescheucht.“

„Rausscheuchen – der hat Nerven!“ Henny lacht. Er räuspert sich. „Wenn ihr gleich noch hier bleiben wollt, geh ich zu Fuß nach Hause. Hab um drei die nächste Telefonkonferenz.“

Nadja wendet den Blick vom Fenster ab. „Und wir gehen dann noch kurz einkaufen. Oder Jungs? Vielleicht erst noch einen kleinen Abstecher zu Baskin-Robbins für einen Nachtisch?“

„Ja!“ Alexander und Fred schlagen mit den Handflächen auf die Tischplatte. „Hokey Pokey, Hokey Pokey!“

Als Nadja mit ihren Jungs und dem Kofferraum voller gelber Spinneys-Tüten aus Uptown Mirdif zurückkommt, steht Abigail vor dem Compound, „hätten wir uns ja beinahe getroffen. Ich war auch gerade einkaufen.“

„Dann hätte ich Dir bei Baskin-Robbins auch ein Hokey-Pokey-Eis spendiert.“ Sie dreht sich zu ihren Söhnen. „Nehmt ihr bitte gleich die Tüten aus dem Kofferraum mit?“

„Jack und ich haben uns Gedanken über unseren Wüstenausflug gemacht. Hättet ihr am kommenden Wochenende Zeit und Lust?“

„Total gerne.“

„Wir hatten an die Rub al-Khali gedacht. Die riesige Wüste entlang der saudischen Landesgrenze. Die größte Sandwüste der Welt übrigens. Kennt ihr die schon?“

„Wow. Da wollten wir immer schon einmal hin. Aber ganz schön weit weg, oder?“ Nadja reißt die Augen auf. „Ach, mit Übernachtung meinst Du?! Wie cool. Das wird ja ein richtiges Erlebnis!“

„Als Tagesausflug lohnt sich das überhaupt nicht. Und selbst mit Übernachtung, sollten wir am Freitag zeitig aufbrechen.“

Nadja hält einen ausgestreckten Daumen in die Luft. „Wir sind dabei.“

Alexander öffnet den Kofferraum und drückt seinem Bruder eine Tüte in jede Hand als sie von einem dumpf röhrenden Autosound ablenkt werden. Ein maigrüner Maserati fährt an ihnen vorbei und kommt am Ende des Compounds zum Stehen. Nachdem Emily ausgestiegen ist, fährt der Wagen mit blubbernden Motorengeräuschen an und beschleunigt geräuschvoll in der ruhigen Wohnstraße.

Emily verschwindet durch das Tor zur Auffahrt der Villa. Abigail und Nadja wechseln Blicke. Nadja schaut dem Sportwagen hinterher. „Nur ein Local kauft so einen Wagen, oder?“

„Ach, nein, das würde ich nicht sagen.“

„In diesem Fall ist es aber so. Treffen wir uns später am Pool, Abigail? Weiterer Wüsten- und allgemeiner Austausch über PKW-Vorlieben?“

„Unbedingt!“

Fred ist mittlerweile in den Kofferraum gekrabbelt und prüft die Inhalte der noch verbliebenen Tüten.

Er zieht ein Paket eingeschweißtes Gemüse heraus, „was ist das?“

Nadja schaut in den Kofferraum und seufzt. „Fred, hilf mir, alles wieder zurück in die Tüten zu packen. Ich möchte rein und die Lebensmittel müssen in den Kühlschrank. Und ich am liebsten auch.“

„Was ist das, Mama?“

„Okra. Gemüse. Leckeres, wohlschmeckendes Gemüse.“

„Esse ich nicht.“

„Hast Du doch noch nie probiert.“

„Weiß ich aber trotzdem, dass ich das nicht mag.“

Fred schaut in eine weitere Tüte. „Mama, hier ist nur ein Becher Labneh drin!“

„Ich weiß. Irgendjemandem ist mal ein Paket Labneh ausgelaufen und dann hat er sich ganz gehörig beschwert, weil er zu blöd war, seine Einkäufe zu transportieren. Und seitdem wird möglichst alles Verpackte noch einmal einzeln verpackt.“

Nadja greift ein Paket Toilettenpapier, hält es Fred hin. „Ich konnte gerade noch dem Einpacker hinter der Kasse zeigen, dass das Klopapier hier einen Henkel hat.“ Nadja hält das Paket hoch. „Und damit ist es eine Tüte.“

Alexander schaut sich das in der Luft baumelnde Toilettenpapier an. „Mama, warum beschwerst Du Dich? Warum nehmen wir nicht unsere Taschen mit zum Einkaufen?“

Nadja hält Inne, guckt ihren Sohn an. „Alexander, Du hast vollkommen Recht.“ Sie schüttelt den Kopf und murmelt, „sind nicht immer einfach ‚die anderen‘.“ Sie klemmt sich eine Packung Cornflakes unter den Arm. „Ihr erinnert mich bitte das nächste Mal an die Einkaufstaschen im Kofferraum.“

Fred stapelt das abgewogene Obst an den Rand des Kofferraums und schlägt verschmitzt seine Hand auf den Mund, als die erste Mango aus dem Kofferraum auf den staubigen festgetretenen Sand- und Bauschuttboden plumpst.

Alexander sitzt am Esstisch über den Hausaufgaben, Fred ist auf dem Sofa eingeschlafen und Nadja reibt die Hände. Sie flüstert: „Meine Gelegenheit!“ Schnell tippt sie noch eine Nachricht ins Telefon:

Komme morgen gern zu Dir. Wann?

Und legt sich dann auf das andere Sofa. Sie denkt an Batul, sieht sie vor sich, ihr lächelndes, ebenmäßiges Gesicht, schaut in ihre großen dunklen Augen. Ihre Gedanken beginnen eine Eigendynamik zu entwickeln. Sie hört Batuls warme, ruhige Stimme mit diesem typischen Akzent und sieht sie am Pool stehen. In der Hand eine Papiertüte mit dem Logo einer deutschen Bäckerei.

Henny schlurft die Treppe hinunter. Auf dem unteren Absatz reckt er sich in voller Länge. „Warum ist es denn so ruhig hier?“

Alexander macht eine Drehbewegung mit dem Kopf zu den Sofas.

„Ach, und ich dachte, ich könnte einen Kaffee abstauben.“ Nadja öffnet ein Auge und holt tief Luft. „Herrlich so ein Nickerchen“. Sie streckt sich, kommt zum Sitzen und nickt Henny zu. „Ich mache uns einen Kaffee.“

Sie bohrt die Spitze des großen scharfen Schneidemessers in eine Wassermelone, die mit einem dumpfen Geräusch aufspringt und über die gesamte Länge einen Riss zieht. Der rote Saft läuft über die Hand als sie ein Viertel abtrennt und dieses in Scheiben schneidet. Danach schlitzt sie eine Mango in Igelhälften, schneidet die entstandenen Klötze ab und lässt sie in eine weitere Schüssel fallen. Die Kaffeemaschine läuft und die geschäumte Milch wartet in einer Stahlkanne auf dem Gasherd. Sie leckt den Fruchtsaft vom Handgelenk ab. „Ich treffe mich gleich mit Abigail am Pool. Sie fragt, ob wir am kommenden Wochenende mit in die Wüste wollen. Mit Übernachtung.“

„Bestimmt spaßig. Wer kommt denn alles mit? Inja und Jasper auch?“

Nadja bläst die Wangen auf. „Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Inja zeltet.“

„Wer weiß.“

„Jamie hingegen ist bestimmt ein Camper, oder? Und vielleicht findet Inja Zelten dann plötzlich doch ganz gut…Ob Jasper überhaupt einem Ausflug in die Wüste zustimmt, ist allerdings fraglich. Vor allem, wenn Jamie mitkommt.“

„Was hast Du eigentlich gegen die beiden?“

„Gegen Jasper nichts. Aber ihre affektierte Art kann ich nicht ertragen. Dieses Selbstherrliche. Vielleicht sollten wir für eine gute Wüstenstimmung normale Menschen einladen? Unsere alte Nachbarschaft zum Beispiel: Rebecca, Stefan, Nina und Jochen. Auch wegen der Jungs.“

Henny zuckt mit den Schultern. „Warum nicht.“

„Würde eine große Truppe.“ Nadja lacht. „Allzu oft sollten wir nicht mehr umziehen.“

„Der nächste Umzug geht sowieso nach Deutschland.“

Nadja erstarren die Gesichtszüge. „Wieso? Was ist denn jetzt wieder los?“

„Nichts, ich meine nur. Es wird mit Sicherheit nicht zu meiner Freizeitbeschäftigung, in Dubai umzuziehen.“

„Es war doch dein ausdrücklicher Wunsch, dass wir die Ranches verlassen!“ Geräuschvoll lehrt sie den Espressobehälter über dem Mülleimer aus. „Damit ich weniger ‚Ablenkung‘ habe.

Henny verlässt die Küche.

Mach Dir deinen Kaffee doch selbst, denkt sie und legt Servietten auf das Tablett neben die Schalen mit Obst.

Sie blickt durch die Durchreiche zum Esstisch. „Brauchst Du noch lange für deine Hausaufgaben?“

Gequält schaut Alexander hoch. „Ich habe solche Kopfschmerzen.“

Nadja stellt das Tablett auf dem Esstisch ab und legt die Hand auf seine Stirn. „Du glühst ja. Komm, mach Pause, leg Dich hin.“

Oben zieht sie die dunkelblauen Vorhänge vor dem großen runden Fenster zu. Sie setzt den großen Bären vom Bett auf den Schreibtischstuhl und schlägt die Bettdecke auf. Alexander steht hinter ihr und fasst sich an den Kopf. Er sinkt auf sein Bett und lässt sich bereitwillig die Hose der Schuluniform ausziehen.

„Hast Du in der Schule etwas getrunken?“

„Hm“, bringt Alexander hervor und rollt sich zur Wand. Er nuschelt, „aber jetzt ist die Trinkflasche weg.“ Nadja seufzt, deckt ihren Großen zu und dreht die Klimaanlage am Regler neben dem Lichtschalter herunter. Das ist die dritte Trinkflasche in diesem noch jungen Schuljahr, denkt sie und schleicht leise hinaus.

„Mama!“

Nadja geht hinunter ins Wohnzimmer und setzt sich auf die Sofakante. Behutsam streicht sie Fred über die Stirn. „Bist Du von deinem Nachmittagsschläfchen erwacht?“

„Mama, kann ich Kakao?“

„Ja, mein Schatz. Du kannst einen Kakao bekommen oder einen Kakao trinken oder einen Kakao haben. Am Pool. Einverstanden?“

Fred nickt, nimmt seine Mutter in den Arm und lehnt sich an ihre Brust. „So hat sich Emily an den Mann gelehnt.“

Nadja schaut ihren Sohn groß an. „In dem Café heute?“

„Nein, in Carls Haus. Und dann hat er uns gezeigt, wie man das Tuch zur Mütze macht.“

„Heute Morgen? Als Du bei Carl gespielt hast? Der Gleiche aus dem Café“

Fred nickt.

Nadja starrt ins Wohnzimmer, Kindermund tut Wahrheit kund, ob Carl davon auch seinen Eltern berichten wird?

Die Sonne hat den Zenit ihrer Bahn bereits überschritten. Ein leichter Wind verteilt die warme, staubige Luft innerhalb der Mauern. Abigail döst auf einer Liege. Nadja stellt das Tablett leise auf einen der Plastikhocker und deckt das Obst mit einem Insektensieb ab. Die Fliegen nerven.

Abigail rafft sich zum Sitzen auf, die Haare angedrückt am Kopf.

Nadja schenkt Kaffee in Becher und überlegt, Alexander hat oft Kopfschmerzen. Jedenfalls häufiger als früher…in Deutschland.

Abigail angelt eine Keksdose aus ihrem Korb, öffnet den Deckel und hält sie Fred hin. Fred macht konzentriert Knoten in die Kordel seiner Badehose, blickt auf, greift sich einen Keks aus der Dose und stopft ihn in den Mund.

Nadja nippt am Kaffee. Sie setzt sich, lehnt sich zurück und schließt für einen Moment die Augen. Früher in Deutschland….Was meinte Henny mit ‚der nächsten Umzug‘? Gibt es irgendwelche Überlegungen der Firma, die er mir vorenthält? Ich will nicht zurück – niemals. Der Geschmack weichen Milchkaffees mit einer Spur Kardamom füllt ihre Mundhöhle. Abigail hält ihr die Keksdose unter die Nase. Sie schnuppert feines Kakao-Aroma und schnappt sich einen Keks. „Hmmm. Abigail. Mögen deine Hände nicht schmerzen.“

Abigail lacht. „Wusste gar nicht, dass Dir die Redewendung vertraut ist.“

„Ist aber im Original Farsi und nicht Arabisch, glaube ich.“

Sie hört Wasser platschen. Laut, als wäre jemand hineingesprungen. Sie richtet sich kerzengerade auf und sieht Fred vollständig unterhalb der Wasseroberfläche an der tiefen Seite des Pools. Sie springt auf. Während sie rennt, zieht sie das Kleid über den Kopf. Fred erreicht prustend die Wasseroberfläche und schwimmt souverän in ausgefeilter Schwimmtechnik auf die gegenüberliegende Seite des Beckens. Nadjas Schultern fallen herunter, sie lächelt und bückt sich nach ihrem Kleid ohne Fred aus den Augen zu lassen. „Super, mein kleiner Großer“, murmelt sie.

„Seit wann kann er denn schwimmen?“ Abigail hält die Handfläche an die Stirn.

„Seit heute“, Nadja dreht sich um, „ob er das schon realisiert hat, ist allerdings die zweite Frage.“ Sie lacht, geht zur Liege zurück und hebt ihren Kaffeebecher vom Boden und trinkt im Stehen. Ohne den Blick vom Pool abzuwenden fragt sie, „wer kommt eigentlich mit in die Wüste?“

„Im Moment weiß ich von Inja, Jasper und Jamie.“

Nadja dreht sich ruckartig zu Abigail. „Tatsächlich? Die drei zusammen!“

„Hat mich auch gewundert. Aber ist doch schön.“

Nadja geht mit ihrem Becher zurück an den Pool und hockt sich an den Beckenrand. „Fred, weißt Du eigentlich, dass Du gar keine Schwimmflügel anhast?“

Fred hält sich am Beckenrand fest. Er strahlt über das ganze Gesicht. „Ich kann jetzt schwimmen!“

„Du bist super.“

„Holst Du Alexander und Papa raus, Mama?“

„Alexander darf heute nicht raus. Aber Papa sage ich Bescheid, dass hier eine Überraschung auf ihn wartet.“

Oben, in der Häuserwand, geht ein Fenster auf und Henny beugt sich heraus. „Fred, Du schwimmst ja! Das ist der Hammer! Ich komme gleich dazu.“

Fred winkt seinem Papa zu, gluckert dabei unter, kommt wieder hoch und lacht.

Abigail setzt sich zu Nadja und lässt die Beine in den Pool baumeln. „Du bist eine geborene Wasserratte, Fred.“

„Kommt Emily mit in die Wüste oder kann sich mit dem Maserati-Typ treffen?“

Abigail lächelt verschmitzt. „Sturmfreie Bude würde ich sagen.“

Gedankenversunken schaut Nadja auf die Front der Villa von Inja und Jasper, so lange ihr diese Luxus-Bude noch zur Verfügung steht.

Barfuß und in kleinen, aber schnellen Schritten kommt Henny zum Pool. Der gepflasterte Boden hat die Tageshitze gespeichert. Er reißt die Pforte zum Poolgehege auf, schmeißt sie zu und springt mit dem Kopf voran ins Wasser. Lachend taucht er neben Fred auf, nimmt ihn in den Arm und wirft ihn hoch in die Luft. Er fängt das jauchzende Kind vor dem Eintauchen in den Pool ab. Nadja lässt sich am Beckenrand in den Pool gleiten und schwimmt auf beide zu. Henny gibt ihr einen Kuss. „Habe mir einen sehr leckeren Kaffee selbst gekocht.“ Er grinst. Nadja springt auf seinen Schultern in den Stütz und presst ihn mit aller Kraft herunter. Henny schießt aus dem Wasser wieder hoch, schüttelt die Haare und lacht. Er holt Luft. „Ach, kannst Du mal nach Alexander schauen? Der hat eben gespuckt.“

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