Kitabı oku: «Phänomenologischer Materialismus»

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Anton Reutlinger

Phänomenologischer Materialismus

Ideenskizzen zur Welterzeugung

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Natur, Erkenntnis, Wissenschaft

Realität und empirische Relativität

Phänomenologie und Bewusstseinsphilosophie

Gehirn-Geist-Dilemma

Formen und Gestalten

Phänomen, Natur, Technik

Erklärungslücke der Begriffe

Phänomenales Bewusstsein und Kausalität

Bewusstsein und Information

Mit Leib und Seele

Vom Materialismus zum Humanismus

Schlussbetrachtung

Impressum neobooks

Natur, Erkenntnis, Wissenschaft

Phänomenologischer Materialismus

Ideenskizzen zur Welterzeugung

Die Wirklichkeit ist immer eine Vorstellung von der Wirklichkeit.

Das Bestreben der Naturwissenschaft, insbesondere der Physik, ist es, objektive und universelle Gesetzmäßigkeiten, im Sinne von Regelmäßigkeiten, in den Erscheinungen der Natur zu erkennen. Als nomothetische Wissenschaft werden den Beobachtungen der Natur Gesetzmäßigkeiten unterstellt und mit den Methoden der Mathematik formuliert. Im Gegenzug wird der Natur selbst eine inhärente Gesetzmäßigkeit unterstellt, die nomologisch erforscht werden kann. Gesetzmäßigkeiten sind die Formen nichtzufälliger Beziehungen zwischen Phänomenen, allgemein zwischen Wirkungen und ihren Ursachen als Kausalität. Die Phänomene selber werden als wahrnehmbare oder spürbare Gegebenheiten, wie Bewegungen und Farben von Gegenständen, Formen und Gestalten, Helligkeit und Dunkelheit oder Wärme und Kälte, als natürlich hingenommen. Die Besonderheit des Menschen ist die Bewusstheit der Erscheinungen als Wahrnehmungen und Empfindungen und ihrer Bedeutungen für die Bewältigung und Gestaltung des Lebens. Zu den sinnlichen Wahrnehmungen gesellt sich die Erfahrung durch gleichzeitige Wahrnehmung von Ereignissen mit verschiedenen Sinnen, sowie durch Vergleich mit früheren Wahrnehmungen derselben oder ähnlicher Dinge. Wiederholte Erfahrungen verfestigen sich in der Bildung und Tradierung von Ideen, sprachlichen Begriffen, Theorien und Handlungsmodellen über Generationen hinweg als Institutionen und schließlich als Gesellschaftsordnung und Kultur. Da Erfahrungen immer wieder neu und anders gemacht werden können, sind viele verschiedene Varianten möglich und können koexistieren.

Für die Tätigkeit des Bewusstseins sind verschiedene Begriffe in Gebrauch, abgesehen von den Deutungen im philosophischen Dickicht: Erscheinungen, Phänomene, Wahrnehmungen, Empfindungen, Erfahrungen und Erlebnisse. Da es dafür keine allgemein gültigen Definitionen der Bedeutung gibt, soll für diese Arbeit eine Regelung gelten: Phänomene zeigen Zustände und Ereignisse in der Außenwelt für ein individuelles oder subjektives Bewusstsein, abhängig von der Situation und Perspektive des Subjekts, aber unabhängig von Wahrheit oder Richtigkeit. Erscheinungen seien hier objektivierte, intersubjektive oder konsensfähige Repräsentationen und Beschreibungen wiederholbarer Wahrnehmungen, die unter definierten oder sogar standardisierten Bedingungen beobachtet und vielleicht gemessen werden. Wahrnehmungen beschreiben Sinnesreize und ihre Deutung, eingeschränkt auf die auf Abstand wirkenden visuellen, akustischen und olfaktorischen Sinnesreize. Empfindungen sind die den Körper direkt betreffenden oder von ihm selber ausgelösten Sinnesreize einschließlich der Gefühle. Zu unterscheiden ist zwischen dem Akt und dem Inhalt der bewussten Wahrnehmung, während bei Empfindungen meist beide zusammenfallen. Erfahrungen beziehen sich auf Wahrnehmungen von wiederholbaren Ereignisfolgen, aus denen eine Bedeutung für die Wirkungen sowie Konsequenzen für das eigene Handeln erkannt werden können. Herausragende oder seltenere Wahrnehmungen, meist mit starken Empfindungen verknüpft, gelten als Erlebnisse. Im Unterschied zum reinen, passiven Erleben umfasst Erfahrung die Folgen eigenen oder fremden Handelns, somit auch das Erkennen vernünftigen und unvernünftigen, nützlichen und schädlichen oder irrtümlichen Handelns.

Nicht immer sind die Grenzen zwischen den Begriffen jedoch klar und eindeutig. Die Wärme eines Gegenstandes wird wahrgenommen, die Wärme des Sommerwetters wird empfunden. Subjektive, situationsabhängige, unregelmäßige Wahrnehmungen von Erscheinungen gelten als Phänomene, wobei Subjektivität nicht auf Individuen beschränkt sein muss, sondern oftmals auch Gruppen umfassen kann. Der Mond erscheint als veränderliche Scheibe regelmäßig am Himmel, eine Mondfinsternis dagegen ist ein Phänomen, das nur temporär und lokal unter bestimmten Bedingungen und daher nicht von allen Menschen gleichzeitig beobachtbar ist. Phänomene entstehen oftmals auf Grund des Zusammentreffens mehrerer Einzelereignisse, treten deshalb unerwartet, selten oder scheinbar zufällig auf. Manchmal schwingt darin Erstaunen oder Verwunderung mit. Logisch denkbar wäre, dass es Erscheinungen gibt, die prinzipiell nicht mit menschlichen Sinnen oder für keinen der biologischen Organismen wahrnehmbar wären. Andererseits ist diese Annahme wieder unlogisch, zumindest unwahrscheinlich, weil jeder Organismus aus derselben Materie wie das Universum besteht und mit derselben Materie interagieren kann. Evident ist wiederum, dass die menschlichen Sinne in ihren Vermögen sehr beschränkt sind.

Das Anschieben des Autos braucht eine größere Kraftanstrengung als das Schieben des Kinderwagens. Das Heben eines Steines braucht eine größere Kraftanstrengung als das Heben eines gleich großen Gummiballes. Die Kraftanstrengung ist offenbar nicht ausschließlich von der Form und Größe des Gegenstandes abhängig. Es gibt also eine Eigenschaft der Gegenstände, die nicht sichtbar ist, aber beim Umgang mit den Gegenständen spürbar wird, wie die Schwere. Durch Experimente, die von Galilei und später von Newton durchgeführt wurden, hat sich gezeigt, dass es nicht verschiedene Eigenschaften sind, sondern nur eine einzige, die über die Kraftanstrengung bestimmt. Es ist die Masse eines Gegenstandes. Die Forscher haben sodann zwischen der Masse und der notwendigen Kraftanstrengung eine zuverlässige Gesetzmäßigkeit festgestellt. Dies ermöglichte den Menschen, die nötige Kraftanstrengung vorauszusagen und entsprechend den Einsatz von Menschen und Werkzeugen im voraus zu planen. Die Kenntnis der gesetzmäßigen Zusammenhänge zwischen Eigenschaften und Erscheinungen der Gegenstände ermöglichte den Bau riesiger und großartiger Paläste und Kathedralen und später die Konstruktion von Maschinen als Ersatz und zur Verstärkung der menschlichen Kraft. Bedingung und Nachweis für gesetzmäßige Kausalität ist die Notwendigkeit in der Relation von Ursache und Wirkung, die ihrerseits nur aus Natur- oder Denkgesetzen logisch abgeleitet werden und nicht empirisch bestimmt werden kann, da der Mensch nie das gesamte Universum überblickt, um begründete Allaussagen machen zu können und nie die Letztursachen kennt, aus denen Notwendigkeit erschlossen werden könnte. Notwendigkeit darf nicht mit Determiniertheit verwechselt werden, denn beide sind voneinander unabhängig. Determiniertheit bedeutet, dass eine Ursache eine oder mehrere eindeutige Wirkungen hat, d.h. jede einzelne Wirkung muss eindeutig sein. Notwendigkeit bedeutet, dass eine Wirkung immer dann eintritt, wenn die Ursache dafür gegeben ist. Sie ist integraler Teil jeder erklärenden Theorie und jedes Naturgesetzes.

Die Sinneseindrücke und Erfahrungen in der Urzeit des Menschen haben sich als Vorstellungen, Denkgesetze und Sprache kristallisiert und wurden immer wieder an nachfolgende Generationen weitergegeben. Die Welt und die Natur wurde als Gegenstände und Bewegungen, als Raum und Zeit, als Gleichartigkeiten, Ähnlichkeiten und Unterschiedlichkeiten erfahren und erkannt. Es sind ursprüngliche Annahmen und regelhafte Denkprozesse zur Ordnung der chaotischen Lebenswelt, ohne die ein Leben in unterschiedlichen und vielfältigen Umwelten, als Bedingung einer globalen Verbreitung, nicht möglich wäre. Es sind die Grundlagen aller Naturerkenntnis und Naturwissenschaft von heute. Die Vielheiten der Gegenstände werden zu Kategorien oder zu Mengen verallgemeinert, Unterschiedlichkeiten werden angenähert oder weggelassen zu Abstraktionen, Relationen von vorher und nachher werden zur Kausalität, Gleichzeitigkeit oder Nebeneinander wird zu Koinzidenzen und Korrelationen, Zusammenhalt wird zu Aggregationen. Es ist das von der Gemeinschaft überkommene Wissen a priori, eine „tacit knowledge“ oder „stilles Wissen“ in der Bezeichnung des Wissenschaftsphilosophen Michael Polanyi (1891-1976), das jede eigene Erkenntnis und jede Wissenschaft erst möglich macht.

Die selbstständige Bewegung von Gegenständen oder Körpern ohne menschliches Zutun wird unter anderem mit der Existenz der Schwerkraft als Ursache begründet. Umgekehrt wird die Existenz der Schwerkraft mit der Evidenz ihrer Wirkungen begründet. Das ist offensichtlich eine zirkuläre oder rekursive Begründung von Naturwissenschaft. Schon der Begriff der Natur selber kann nur zirkulär oder tautologisch definiert werden, denn Natur kann nur sein, was den Erkenntnisvermögen des Menschen als Naturwissenschaft zugänglich ist, das was im engeren Sinn also als Natur schon erkannt ist. Das Erkennen und Bezeichnen von Gegenständen als solche beruht bereits auf bestimmten regelmäßigen Sinneseindrücken, Erfahrungen und daraus folgenden Annahmen über die Natur. Die Schwerkraft ist ein gedankliches und sprachliches Konzept und Modell zur Erklärung verschiedener Phänomene wie das Fallen und Stürzen von Gegenständen, das Fließen des Wassers aus den Bergen ins Meer, das Gewicht von Körpern und Gegenständen. Es gibt keine wahrnehmbare, räumliche Existenz der Schwerkraft selbst, sondern nur ihrer Wirkung. Woher die Schwerkraft - allgemeiner die Natur - letztlich kommt, ist nicht bekannt und empirisch nicht erkennbar. Am CERN in Genf versucht man ihr auf die Spur zu kommen, indem im LHC, der größten Maschine der Welt, die kleinsten Teilchen der Welt untersucht werden. Falls dort die Fundamente der Schwerkraft gefunden werden, speziell das sogenannte Higgs-Boson, dann stellt sich sofort wiederum die Frage nach der Herkunft ihrer Fundamente, ad infinitum. Der Sprachphilosoph A.B.Johnson (1786-1867) schrieb dazu:

"Das Wort Schwerkraft benennt viele interessante und wichtige Phänomene; aber wenn wir zusätzlich zu diesen nach der Schwerkraft an sich Ausschau halten, handeln wir ebenso ahnungslos wie das Kind, das, nachdem es in der Oper mit Ungeduld dem Orchester und den Gesängen zugehört und den Tänzen zugeschaut hatte, den Ausspruch tat: Jetzt hab ich genug davon, jetzt soll die Oper kommen."

Aus erkenntnistheoretischen Gründen gibt es zur Zirkularität der Naturwissenschaft keine Alternative und keine Möglichkeit des Entkommens. Im Geist des Menschen interpretiert die Natur sich selbst. Diese Zirkularität kommt bereits in der wechselseitigen Beziehung von Erscheinung und Wahrnehmung zum Ausdruck. Selbst manche Naturwissenschaftler sind sich dessen nicht bewusst oder leugnen es sogar. Aus der Zirkularität folgt zwingend die Theoriebeladenheit naturwissenschaftlicher Beobachtung und Erfahrung, denn wenn nicht die Natur das Fundament und den Maßstab für Naturwissenschaft liefern kann, dann muss es der Mensch selber sein. Vorhersagen über die Natur werden aus menschgemachten Theorien abgeleitet und anhand menschlicher Wahrnehmungen geprüft. Schon in der Erfahrung steckt die Rekursivität, indem die Erfahrung als Erkennen von Handlungsfolgen und somit als Erkennen von Kausalität eine Grundlage künftigen Handelns bildet. Theorien werden mit Hilfe von Messinstrumenten geprüft und bestätigt und die Messinstrumente werden auf der Basis von Theorien konstruiert. Die ersten Maßeinheiten waren die menschlichen Körpermaße, die ersten Messinstrumente der Körper selber. Das Urkilogramm als Norm für die Bestimmung materieller Masse ist nicht in der Natur, sondern seit 1889 in einem Gebäude in Paris zu finden und wie es scheint, muss es hin und wieder korrigiert und neueren Messungen angepasst werden. Zudem können wir nie wissen, inwieweit wir die Welt vollständig wahrnehmen können, ob es nicht Dinge oder Eigenschaften von Dingen gibt, die nicht wahrnehmbar sind. Wir wissen aus Vergleichen mit der Tierwelt, dass unsere Sinne sehr begrenzt und unvollständig sind. Das darf andererseits wiederum kein Grund sein, willkürlich Existenzen oder spekulative Erklärungen anzunehmen ohne empirische Indizien.

Einen bedingten, pragmatischen Ausweg aus diesem Dilemma bietet nur die konsistente Redundanz von Information über die Natur und den Kosmos. Man stelle sich vor, bei einem Puzzlespiel fehlen einzelne Teile. Man kann die Lücken füllen, wenn man mehrere Puzzlespiele mit demselben Motiv besorgt und aus allen Spielen zusammen das Bild vervollständigt. Wenn das Motiv schon bekannt ist, weil es die Repräsentation eines wirklichen Gegenstandes ist, dann lässt sich vorhersagen, wie die fehlenden Teile aussehen müssen. Damit sind die Lücken des Puzzles aber noch nicht gefüllt, sondern nur identifiziert. So wurden gegen Ende des vergangenen Jahrtausends bei der Beobachtung von Galaxien Lücken im bisherigen Weltbild der Astrophysik entdeckt. Man hat diese Lücken des Wissens dann als "Dunkle Materie" und als "Dunkle Energie" bezeichnet. Genauer müsste es dunkle Masse sein, denn Masse muss nicht notwendig Materie in Form von Atomen und Molekülen sein. Es kommt also jetzt darauf an, auf anderen Wegen der Forschung die fehlenden und passenden Puzzlestücke zu finden, wobei die mehrfach vorhandenen, redundanten Teile in ihren gemeinsamen Gültigkeitsbereichen dann passgenau oder konsistent übereinstimmen müssen. Das heißt, Theorien können mit verschiedenen Messmethoden geprüft und Phänomene können mit konkurrierenden Theorien erklärt werden. Dadurch wird ein immer komplexer und vollständiger werdendes, gegenseitig prüfendes und bestätigendes, widerspruchsfreies und konsistentes Netzwerk von Theorien gebildet. Das ist möglich und berechtigt, weil das Weltgeschehen keine Abfolge zufälliger und voneinander unabhängiger Ereignisse ist, sondern ein Kontinuum von Vorgängen mit empirischer Kausalität, allen voran das Leben selbst. In der Philosophie ist diese Einstellung zur Rechtfertigung von Überzeugungen oder Wissen als Kohärentismus bekannt. Einen völlig neuen Weg dazu eröffnen die Computersimulationen, indem sie künstliche Welten als Alternativen oder als künftige Zustände möglich machen, so dass deren zu Grunde liegenden Theorien auf Konsequenzen und Widersprüche untersucht werden können.

Der nahe Vorbeiflug eines Asteroiden an der Erde ist für den Normalbürger eine eher langweilige Nachricht. Für viele Astronomen ist es eine seltene und daher aufregende Erscheinung, die sie mit Hilfe ihrer Instrumente beobachten und auf wenige nüchterne Zahlen reduzieren. Dagegen ist der Eintritt eines Meteoriten in die Erdatmosphäre eine Erscheinung und für die anwesenden Beobachter ein Erlebnis mit vielen Facetten, wie es Anfang 2012 fast gleichzeitig mit einem nahen Asteroidenvorbeiflug geschah. Dank der Videokameras in vielen russischen Autos, Fernsehen und Internet konnte die ganze Welt innerhalb weniger Stunden daran teilhaben. Leuchtspuren von Nebel am Himmel und ein Explosionsblitz waren die auch für die Kameras sichtbaren Teile, eine Druckwelle mit zersplitterten Fensterscheiben und beschädigten Gebäuden, verletzte Menschen mit Schmerzen und ein Loch in der Eisdecke eines Sees waren weitere wahrnehmbare Erscheinungen für die lokal Anwesenden. Jeder Mensch vor Ort oder am Bildschirm bekam eine phänomenale Repräsentation und einen Eindruck des Geschehens in seinem Bewusstsein und seinem Gedächtnis, obwohl das Geschehen selber weit entfernt war. Wäre das Ereignis während des Kalten Krieges eingetreten, dann könnten bei manchen Menschen auf Grund vorhandenen Wissens zusätzlich Assoziationen und latente Ängste vor einem Nuklearkrieg zum Vorschein gekommen sein.

Alles was der Mensch mittels der Sinnesorgane wahrnehmen und erkennen kann, das sind die Erscheinungen der materiellen Welt. Die Materie selbst in Form von Gegenständen und Körpern ist bereits sinnliche und leibliche Erscheinung ab­strakter und strukturierter Energien und Kräfte. Die subjektiv bewusst erfahrbare Lebenswelt steht in einem Kontrast zur objektivierten, idealisierten und abstrahierten Welt der Naturwissenschaft. Die "Dinge-an-sich" hinter den Erscheinungen, wie Immanuel Kant (1724-1804) es ausdrückte, oder die “wahre Natur“ der Dinge bleiben der Menschheit für immer verborgen. Er schrieb „Was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann.“ Ihre Existenz wird jedoch nicht bestritten. Weil wiederholt die gleichen Beobachtungen gemacht werden können, muss ihre Existenz unabhängig von jeder Beobachtung sein. Das ist eine unüberbrückbare Erklärungslücke für die Ursachen oder Quellen von Erscheinungen. Gemeint sind damit originäre Eigenschaften der Dinge hinter ihren Erscheinungen, sofern es welche gibt. Die Konstruktivisten um Ernst von Glasersfeld (1917-2010) unterscheiden ähnlich, mit Bezug auch auf Kant, eine von Wahrnehmung, Erfahrung, Sprache und Vernunft konstruktiv selbstbestimmte und selbstreferentielle Wirklichkeit im Bewusstsein von einer fiktiven physikalischen Realität. Daher kann man sogar die Existenz einer gegebenen Realität außerhalb des Bewusstseins infrage stellen wie manche Idealisten und Antirealisten es tun. Das bedeutet keinesfalls, dass die reale Welt nur eine Phantasie, ein Kunstwerk oder eine Erfindung wäre, sondern dass eine Vorstellung oder Repräsentation dieser Welt im Bewusstsein nicht ihr Abbild oder ihre Spiegelung ist, sondern eine Transformation, Interpretation, Simulation und Deskription nach konstruktiven Regeln, die ihre Quellen in der biologischen Phylogenese und Ontogenese haben. Auf der semantischen Ebene, also der Interpretation, Vorstellung und Bewertung des Weltgeschehens gibt es keine Regeln, hier wirken gesellschaftliche Prozesse und individuelles Erleben, sowie Interessen und Intentionen als „soziale Konstruktion von Wirklichkeit“ (Berger/Luckmann 1966). Das Wissen über den Menschen, die Welt und die Natur als Wirklichkeit ist ein hypothetisches Wissen, das nicht mit der Wirklichkeit selber verwechselt werden darf und ihr nicht aufgezwungen werden kann. Besonders deutlich kommt diese Diskrepanz in der Quantenphysik zum Ausdruck.

Das Ziel der Naturwissenschaft ist es, die Vielgestaltigkeit der Wirklichkeit auf universell gültige, mathematische Objekte und Relationen als Strukturen zu projizieren, sowie Ereignisse und Vorgänge als gesetzmäßige Kausalitäten zu erklären und zu beschreiben. Unverzichtbare Bedingung dafür ist die Isolation, Zerlegung und Reduktion der komplexen Phänomene in idealisierte Einzelelemente, die auch in anderen Phänomenen enthalten sein können. Das Charakteristikum und die Bedeutung der Physik als Basiswissenschaft ist weniger ihre Nähe zur objektiven Realität als vielmehr die schichtweise Reduktion oder Segregation der aggregierten, komplexen Objekte menschlicher Anschauung in ihre elementaren, universalen Bestandteile und ihre strukturellen Relationen zueinander. Der Begriff der Struktur beschreibt eine abstrakte Ordnungskategorie des menschlichen Denkens, indem er Unterschiedliches trennt und Gleichartiges verbindet. Die Struktur des Farbspektrums unterscheidet die Einzelfarben und verbindet sie als gleichartige Objekte zur Gesamtheit wahrnehmbarer Farben. Die Relationen zwischen den Objekten können gleichwertig sein oder einer Ordnung unterliegen. Strukturen werden häufig als Graphen dargestellt, mit Kreisen oder Rechtecken als Objekte und verbindenden Kanten als Relationen.

In Kontrast zur strikten Zufälligkeit von Ereignissen bedingen sich Kausalität und Gesetzmäßigkeit gegenseitig. Das Kausalprinzip ist ein gedankliches Konzept, eine aus der Lebenserfahrung gewonnene nützliche Annahme, um das Naturgeschehen zu ordnen und zu beschreiben. Auch hier lauert die Zirkularität der Erklärung, wenn die Materie und die Gegenstände der Welt sowohl als Explanandum wie auch als Explanans für die Phänomene der Wirklichkeit fungieren. Protonen und Elektronen sind Bezeichnungen sowohl für instrumentell beobachtbare Phänomene anhand ihrer Wirkungen auf Messinstrumente als auch hypothetische Gegenstände in der Form materieller Teilchen, Träger von Eigenschaften und Urheber der Phänomene. Raum und Zeit haben an sich keine physikalischen Eigenschaften, als gedankliche Konzepte oder regulative Ideen strukturieren sie die Wirklichkeit, drücken ihr eine Ordnung auf, die aus den Erscheinungen der Welt selber und ihren Beziehungen zueinander abgeleitet ist. Physikalische Kraftfelder variabler Intensität, die Ausbreitung des Lichtes sowie die Existenz der Hintergrundstrahlung im Kosmos ziehen die Existenz eines Raumes nach sich. Modulationen oder Inhomogenitäten dieser Größen oder Strahlungen liefern ein erkennbares und messbares Strukturierungs- und Ordnungskriterium. Zeit ist der Abstand zwischen Ereignissen oder Zustandsübergängen. Dagegen wäre ein System im statischen, ereignislosen Zustand oder Gleichgewicht, z.B. das wahre Vakuum, nicht als solches und nicht als Raum und Zeit erkennbar. Es wäre im metaphysischen Sinn das Ewige. Eine Wissenschaft der Physik ohne Raum und Zeit wäre denkbar möglich, denn sie sind theoretisch nicht notwendig, wohl aber empirisch hilfreich.

Wichtige Hinweise dazu liefert das Theorem der Mathematikerin Emmy Noether von 1918. Es verbindet in der Physik die Symmetrien von Raum und Zeit mit den Erhaltungssätzen. Hätte das Universum einen festen Hintergrund, der nicht mit dem Urknall entstanden wäre, so wie er früher als Äther postuliert wurde, dann wären diese Symmetrien gebrochen und die Erhaltungssätze wären ungültig. Es gibt keine Wechselwirkungen von Objekten des Universums mit Objekten außerhalb desselben. Daher sind Raum und Zeit homogen und lückenlos, somit mathematisch differenzierbar und integrierbar, und die Physik kann als kausal, in sich geschlossen und gesetzmäßig angenommen werden. Symmetrien haben in der physikalischen Natur eine fundamentale Bedeutung, aber bisher unbekannte Ursprünge. Sinnvollerweise sollten sich die Symmetrien in den Naturgesetzen wiederfinden lassen, weshalb die Symmetrie bewegter Bezugssysteme zur Relativitätstheorie führte.

Da der Mensch in der Natur und mit der Natur leben muss, kann er auf Erkenntnis und auf eine verlässliche Ordnung oder Struktur in der Welt nicht einfach verzichten. Also muss sich der Mensch damit arrangieren, indem er sich behilft mit den Erfahrungen und mit fiktiven Erklärungen des Naturgeschehens als Kausalitäten und Korrelationen, die für die Bewältigung des Lebens geeignet sind, indem sie Erwartungen und eindeutige, zuverlässige Vorhersagen aus Beobachtungen erlauben. David Hume (1711-1776) deutete die Kausalitäten als gedankliche Assoziation und Schlussfolgerung aus der wiederholten Beobachtung der räumlichen Nachbarschaft von Objekten und ihrer Beziehung in Form gleichartiger Ereignisse in bestimmter zeitlicher Folge als Regularität und Gewohnheit. Da passive Naturbeobachtung allein dazu nicht ausreichend ist, greift der Forscher selber aktiv in die Natur ein und beobachtet in wiederholbaren Experimenten - wiederum nicht ohne Zirkularität - die Reaktionen oder Wirkungen auf seine gezielten Interventionen auf Ursachenseite. Ein wichtiges Kriterium ist der kontrafaktische Ausschluss, d.h. die Wirkung darf nicht eintreten, oder ist ausgeschlossen, wenn die zugehörige Ursache fehlt. Diese Bedingung ergibt sich aus der Notwendigkeit der bestimmten Ursache und der Ausschließlichkeit einer Ursache zu einem Ereignis. Das heißt, eine Erscheinung hat genau eine einzige Ursache. Bei komplexeren Vorgängen verliert das Kausalitätsprinzip durch Überlagerung von Ursachen und Wirkungen an Eindeutigkeit und umgekehrt an Ausschließlichkeit, so dass gezielte Experimente zum Nachweis notwendig werden. Überdies darf qualitative Kausalität nicht mit quantitativer Determiniertheit, sowie Zufälligkeit nicht mit Akausalität verwechselt werden.

Zudem muss Kausalität, wie jedes fundamentale Naturgesetz, unabhängig sein von absoluter Zeit und absolutem Raum, was äquivalent ist zur Gleichförmigkeit des Naturgeschehens in Raum und Zeit. Die Gleichförmigkeit ist wie die Erhaltungssätze der Physik eine berechtigte Annahme, die sich als Rückschluss aus der erfolgreichen Anwendbarkeit der Naturgesetze ergibt, beispielsweise in der Raumfahrt. Man kann diese Annahmen als „Schlussfolgerung auf die beste Erklärung“ oder Abduktion deuten. Darauf beruht das Prinzip der positivistischen Induktion, indem beobachtete Eigenschaften von Elementen einer ausgewählten Teilmenge allen Elementen zugeordnet, oder auf die gesamte Menge projiziert werden. Aus gleichartigen Eigenschaften folgt die Erwartung gleichartigen Verhaltens der Elemente. Das Erkennen von Wiederholungen setzt das Erkennen von Ähnlichkeiten voraus und dieses beinhaltet objektive Deutungen vergangener Beobachtungen wie auch Deutungen auf Grund zukunftsbezogener Erwartungen, so dass auch im Induktionsprinzip eine Zirkularität gegeben ist. Somit kann empirische Gewohnheit oder Regularität das Induktionsprinzip zwar logisch nicht begründen, andererseits ist der Mensch zur Bewältigung des Lebens mit Bedürfnisbefriedigung auf die regelmäßige Wiederholung gleichartiger oder ähnlicher Ereignisse angewiesen. Deshalb ist die Annahme des Induktionsprinzips unausweichlich, bedarf jedoch immer wieder der skeptischen Prüfung und empirischen Bestätigung.

Wenn ein Meteorit aus den Tiefen des Weltalls in den Schwerkraftbereich der Erde gerät, dann wird er beschleunigt. Die Schwerkraft der Erde ist also die Ursache für die Änderung von Bahn und Geschwindigkeit. Umgekehrt wirkt der Meteorit auch auf die Bahn der Erde, allerdings ist der Effekt so gering, dass er vernachlässigt wird. Wenn der Meteorit in die Atmosphäre eindringt und auf der Erdoberfläche einschlägt, dann ist er seinerseits Ursache für allerlei Erscheinungen und möglicherweise Schäden. Untersuchungen haben ergeben, dass der Meteorit von Tscheljabinsk Anfang 2012 immense Schäden angerichtet hätte, wenn sein Bahnwinkel durch die Atmosphäre einige Grade steiler gewesen wäre. Offensichtlich liegt es am Beobachter, bzw. seinem aktuellen Interesse, was als Phänomen und als Wirkung gedeutet wird und was als zugehörige Ursache untersucht wird. In der Natur müssen häufig mehrere Bedingungen gleichzeitig gegeben sein, um ein Ereignis auszulösen, wobei das Eintreten der letzten Bedingung die auslösende Ursache bildet. Der Apfel fällt erst vom Baum, wenn er schwerer geworden ist als die Haltekraft des Astes, wobei das Schütteln des Astes die auslösende Ursache bilden kann. Kausalität ist immer nur lokal gültig, als räumlicher, zeitlicher und empirischer Ausschnitt eines umfassenderen Geschehens, denn jede Ursache ist selber wieder Wirkung und Phänomen einer anderen Ursache, bis zurück zum Urknall. Das Universum hat keine statischen Anfangszustände als Ur-Sachen, die eindeutig als alleinige Ursache infrage kämen. So aber kann man jedes Ereignis kausal beliebig weit zurückverfolgen.

Das Überleben der Menschheit über Jahrmillionen zeigt den evidenten Erfolg der Forschung und Wissenschaft. Andererseits deuten die gegenwärtigen Probleme der Umweltzerstörung auf die mit der Unkenntnis zusammenhängender, räumlich und zeitlich global verteilter Kausalketten sowie die mit der disziplinär beschränkten Perspektive und den ökonomischen Erkenntniszielen der Wissenschaft verbundenen Defizite hin. Naturwissenschaft ist nicht ein Produkt der Natur, sondern der Menschen in ihrer jeweiligen Lebenswelt. Der Naturforscher und Naturphilosoph Ernst Mach (1838-1916) schrieb dazu:

Wenn wir Tatsachen in Gedanken nachbilden, so bilden wir nie die Tatsachen "überhaupt" nach, sondern nur nach jener Seite, die für uns "wichtig" ist; wir haben hierbei ein Ziel, das unmittelbar oder mittelbar aus einem praktischen Interesse hervorgewachsen ist.

Die moderne Wissenschaftstheorie hat dafür den Ausdruck "empirische Adäquatheit" erfunden, der von dem kanadischen Philosophen Bas van Fraassen (*1941) im Rahmen des Konstruktiven Empirismus geprägt wurde, als Erkenntnisziel der Wirklichkeit und als Ersatz für einen Wahrheitsanspruch in den Naturwissenschaften. Empirische Adäquatheit bedeutet, dass die Theorie mit einer Klasse von Beobachtungen und Erfahrungen unter definierten Bedingungen übereinstimmt. Sie ist als pragmatisch notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für wissenschaftliche Theorien zu verstehen und liefert der Naturwissenschaft einen Ermessensspielraum, um Forschung effektiver und flexibler zu gestalten, ohne Abstriche an Zuverlässigkeit hinzunehmen. Das ist nicht als willkürlicher Relativismus zu verstehen, sondern als System historisch oder retrospektiv bewährter Konstruktionsregeln. Jede Theorie muss kohärent in den Sprachkanon und in das Netzwerk der Theorien zumindest der Fachdisziplin zusammenhängend eingebettet sein. Die Tragweite der empirischen Adäquatheit für die Praxis der Naturwissenschaft kommt in der Erkenntnis zur Geltung, dass sogar wahre Theorien nicht notwendig empirisch adäquat sind, weil beispielsweise die Instrumente fehlen, um die Theorie empirisch prüfen und bestätigen zu können.

Der Physiologe Johannes Müller schrieb bereits 1826:

"Wir mögen uns die Mahnung gelten lassen, daß Licht, Dunkel, Farbe, Ton, Wärme, Kälte, und die verschiedenen Geschmäcke, mit einem Worte, was Alles uns die fünf Sinne an allgemeinen Eindrücken bieten, nicht die Wahrheiten der äußeren Dinge, sondern die realen Qualitäten unserer Sinne sind, daß die thierische Sensibilität allein in diesen rein subjectiven Zweigen ausgebildet ist, wodurch das Nervenmark hier nur sich selbst leuchtet, dort sich selbst riecht und schmeckt [..] Die Wesenheit der äußeren Dinge und dessen,was wir äußeres Licht nennen, kennen wir nicht; wir kennen nur die Wesenheiten unserer Sinne."

Realität und empirische Relativität

Das reale Universum ist vergleichbar einem Computerbildschirm. Die Hardwarestruktur dahinter, die für den Betrachter unzugänglich ist, bestimmt die Möglichkeiten der Darstellungen. Die Software stellt die Naturgesetze dar und steuert die Strukturen der Hardware, so dass sichtbare und flüchtige Muster auf dem Bildschirm erscheinen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob dieser Bildschirm im individuellen Bewusstsein als Innenwelt oder in der Außenwelt gedacht wird. Der Betrachter kann allein aus der Fülle der Darstellungen Vermutungen über die Substanzen, Strukturen und die Funktionsweise der Hardware anstellen, genau so wie der Naturwissenschaftler es tut, z.B. der Physiker anhand der Spuren im Detektor des Teilchenbeschleunigers über das Higgsboson. Eine Menge von Betrachtern kann sich mittels der Sprache verständigen, welche Darstellungen von allen Betrachtern gleichermaßen beobachtet werden und daher mit allgemein geltenden Begriffen belegt werden können. Die Begriffe repräsentieren bereits konstruktive Deutungen der gemeinsamen und vorgängigen Beobachtungen und Erkenntnisse. Kein Beobachter kann wissen, was genau die übrigen Beobachter sehen, sondern kann nur die eigenen Beobachtungen mit den für ihn bereits verfügbaren Begriffen vergleichen und die Deutungen anpassen, denn die Konfiguration für die Hardware und Software der Beobachter selber als deutendes Bewusstsein ist nicht vollständig gleich. Die empirische Adäquatheit zeigt sich in den gemeinsamen Begriffen, Vorstellungen, Deutungen und Überzeugungen der Beobachter.

Zwischen den Objekten, die mit den natürlichen Sinnen beobachtbar sind und den Objekten, die nur mit technischen Instrumenten beobachtbar sind, besteht kein prinzipieller Unterschied bezüglich ihrer ontologischen Existenz. Alle Objekte sind Deutungen des Verstandes, in der Form sprachlicher Begriffe, sei es aus unmittelbarer, sinnlicher Erfahrung oder aus wissenschaftlicher Untersuchung mit raffinierten Instrumenten. Die ontologische Existenz kann nur aus ihrer epistemischen, temporären Existenz hypothetisch gefolgert werden. Die epistemische Existenz gründet auf den raum-zeitlich gebundenen Wechselwirkungen der Objekte mit der Umwelt und letztlich mit den Detektoren der Wissenschaft und über geeignete Transformationen, wie über Bildschirme, mit den Sinnen der Wissenschaftler. Je vielfältiger die Wechselwirkungen der Objekte sind, desto zuverlässiger wird die Annahme und Bestimmung ihrer Existenz und ihrer Eigenschaften. Die visuelle Wahrnehmung in Verbindung mit taktiler Empfindung liefert die höchste Überzeugungskraft, besonders bei einer Vielzahl von Beobachtern oder Beobachtungen ohne gegenteilige Erfahrungen. Je komplexer die Objekte auf Grund ihrer Begriffsbestimmung sind, je höher also auch der Aggregationsgrad, desto wandelbarer und desto unbestimmter wird ihre aktuelle Zusammensetzung und ihr Verhalten als Darstellungen auf dem Bildschirm der Welt, desto vielseitiger sind auch die Wechselbeziehungen mit unterschiedlichen Beobachtern als subjektive Phänomene. Auch hierbei ist Zirkularität inkauf zu nehmen, denn die Komplexität kann erst retrospektiv aus den vielfältigen Wechselbeziehungen erschlossen werden.

Der fiktive Bildschirm zeigt alle Objekte, die ohne Intervention eines Beobachters als Erscheinungen dargestellt und wahrnehmbar sind. Die klassische Naturwissenschaft geht stillschweigend von der Erfahrung aus, dass die Objekte unabhängig von der Beobachtung existieren und durch die Beobachtung nicht verändert oder beeinflusst werden. Wie Niels Bohr (1885-1962) zeigen konnte, gilt diese Bedingung nicht für die Welt der Quanten. Er schrieb:

Der Hauptunterschied zwischen der Untersuchung von Phänomenen in der klassischen Physik und in der Quantenphysik ist [. . . ], daß in der ersteren die Wechselwirkung zwischen den Objekten und den Meßgeräten außer acht gelassen oder kompensiert werden kann, während in der letzteren diese Wechselwirkung einen integrierenden Bestandteil der Phänomene bildet.

Diskontinuität, Ganzheitlichkeit, Indeterminiertheit, Superposition, Interferenz, Nichtlokalität, Verschränkung, Komplementarität und Unbestimmtheit kennzeichnen die Quantenphysik. Sie erfordert Instrumentarien, um die Quanten zu gezielt beobachtbarem und messbarem Verhalten anzuregen, da ihre Existenz sich ausschließlich in den zu beobachtenden, zueinander jeweils komplementären Zustandsattributen offenbart, also beispielsweise Ort und Impuls. Quanten geben erst in Interaktion mit dem spezifischen Instrumentarium die spezifische Information preis, die der Beobachter anstrebt. Die Grenze zwischen Objekt und Beobachter wird verschoben, indem das Objekt nun das zur Beobachtung notwendige Instrumentarium einschließt, weil gewissermaßen verschiedene Spezialbildschirme für komplementäre Attribute zur Auswahl verfügbar sind. Das Instrumentarium bestimmt, ob beim Doppelspaltexperiment ein Streifenmuster oder ein Leuchtfleck beobachtet wird, ob Wellen- oder Teilchenphänomene beobachtet werden, je nachdem, welcher Bildschirm gewählt wurde. Dabei wird nichts über die Realität der Objekte selber ausgesagt, sondern nur über die Erscheinungen der Wechselwirkung, denn sie sind weder Teilchen noch Welle. Deshalb ist in der Quantenphysik das Instrumentarium als Teil des Phänomens zu sehen. Keine Versuchsanordnung kann in einem Schritt den vollständigen Zustand eines Quantensystems erfassen. Die reine Objektivität der klassischen Physik wird ersetzt durch die instrumentelle Objektivität in ihrer Ganzheitlichkeit von Subjekt und Objekt. Es ist jedoch keine Subjektivität im üblichen Sinn, die auch die Situation und Motivation des Beobachters sowie seine Deutungen umfassen würde, wie hin und wieder irrtümlich angenommen wird. Insbesondere wirkt der Beobachter mittels des Bewusstseins nicht auf das Verhalten der Quanten, sondern auf das objektive Design und Resultat des Experiments.

Zurück zur gewöhnlichen Erfahrungswelt. Man kann also die subjektiv beobachteten Darstellungen auf dem Bildschirm nur einander gegenseitig verständlich machen, d.h. objektivieren und bei späteren Beobachtungen bestätigen oder modifizieren und veränderten Bedingungen anpassen. Im Gedächtnis bleiben Wahrnehmungen und Empfindungen als gedankliche Vorstellungen, verknüpft mit den zugehörigen Begriffen. Das heißt, die Begriffe symbolisieren die bewussten Vorstellungen von den Dingen der Außenwelt. Man kann sich rote Tomaten vorstellen, wobei das Rot der vorgestellten Tomaten viel weniger differenziert ist als die fein abgestuften Rottöne der tatsächlich sichtbaren Tomaten. Der Dualismus besteht folglich nicht zwischen Realismus und Relativismus der Erscheinungen, sondern ausschließlich zwischen Objektivismus kollektiver Wahrnehmungen und Subjektivismus individueller Vorstellungen. Kein Beobachter kann jemals hinter den Bildschirm schauen, um die essenziellen Eigenschaften der Hardware, die "Dinge-an-sich" zu prüfen, sondern nur von der Gesamtheit der Erscheinungen hypothetisch auf Strukturen und Mechanismen einer fiktiven Hardware schließen, den physikalischen Teilchen und den Naturgesetzen.

Einen solchen "Strukturenrealismus", eine Variante des wissenschaftlichen Realismus, vertritt der britische Wissenschaftstheoretiker John Worrall (*1946). Strukturen sind Elemente einer Menge sowie Relationen zwischen den Elementen, oder in der Physik Objekte und ihre gegenseitigen Wirkungen als Beziehungen. Die Welt wird als Gesamtheit der Strukturen selbst nicht erkennbarer Objekte und ihren erkennbaren Beziehungen zueinander gedeutet und als real angenommen. Das tatsächliche, substanzielle Sein und Wesen des Bildschirms selber und seiner funktionalen Hardware und Software dahinter bleiben spekulative Metaphysik.

Man kann (oder muss) also drei Welten voneinander unterscheiden:

- die Welt der elementaren und fiktiven, nicht erkennbaren Dinge-an-sich,

- die von den Objekten ausgehenden Erscheinungen der Welt und

- die von den Subjekten wahrgenommene Welt der Phänomene.

Da die Welt der Phänomene eine Teilmenge der Welt der Erscheinungen ist, weil die Menge der wahrnehmenden Subjekte und ihrer Sinnesvermögen sehr begrenzt ist, kann die Welt der Phänomene aus der Sicht der Subjekte kausal nicht geschlossen sein. Das heißt, es sind wahrnehmbare Erscheinungen als Phänomene möglich, deren Kausalität nicht vollständig erkennbar ist. Ein beliebtes Beispiel dafür sind die sogenannten Nahtoderfahrungen mit einem Jenseits, aber auch das Bewusstsein selbst. Es sind aber keine Wahrnehmungen möglich, die nicht als Erscheinungen von Materie oder Energie existent sind. Folglich wäre es sinnlos, danach zu suchen oder deren Existenz zu behaupten, zumal eine Existenz ohne erkennbare Eigenschaften ohne Bedeutung wäre.

Die modernen Deutungen der Materie sind nicht mehr mit dem Verständnis von Materie im 19.Jhdt. vergleichbar. Die Kräfte der Physik haben unterschiedliche Reichweiten und unterschiedliche Stärken. Die anziehende Gravitation ist eine schwache Kraft mit großer Reichweite, die schwache und starke Kernkraft, die sowohl anziehend als auch abstoßend wirken, sind sehr starke Kräfte mit sehr kurzer Reichweite. Kumulative Überlagerungen der symmetrisch wechselwirkenden Kräfte erzeugen dadurch eine riesige Vielfalt an Aggregaten als Objekte und Strukturen der Physik mit entsprechend unterschiedlichen Eigenschaften, Effekten und Erscheinungsformen. Die Überlagerung und konträre Wirkung von Anziehung und Abstoßung bringt durch die Bildung von Gleichgewichtszuständen stabile, persistente und trotzdem variable Strukturen hervor, auf unterschiedlichen Ebenen von Komplexität, so dass dadurch die makroskopischen, langlebigen und wahrnehmbaren Objekte und die Phänomene der Welt entstehen können. Komplexität bedeutet hohe Diversität, Variabilität und Relationalität von Elementen und Strukturen. Kompliziertheit im Unterschied dazu bezieht sich auf Prozesse oder Vorgänge mit einer Vielzahl von Variablen, nichtlinearen Abhängigkeiten und Rückwirkungen.

Da das Universum nicht statisch ist, als wenn es sich in einem ausgeschalteten Zustand befände, sondern dynamisch sich unentwegt ausdehnt und die Teile gemäß den vom Beobachter erkannten Naturgesetzen der Entropie folgen, so wie auch der Beobachter selber, werden ständig Darstellungen mit kürzerer oder längerer Dauer auf dem Bildschirm erscheinen. Aus diesen dynamischen Darstellungen, aus den invarianten, wiederholbaren Formen, Figuren, Gestalten, Mustern und ihren Relationen und Verhaltensweisen zueinander müssen die Naturwissenschaftler mittels Abstraktion, Aggregation und Approximation die Erkenntnisse als universalisierte und idealisierte Naturgesetze erraten, erschließen oder ableiten. Dabei muss bereits das Erkennen der elementaren Formen auf tiefere Erkenntnisleistungen der Sinnesorgane rückgeführt werden, auf das Vergleichen von Sinneseindrücken mit inneren Repräsentationen oder Vorstellungen. Deutlich zu unterscheiden ist zwischen dem funktionalen Verstehen und dem phänomenalen Verstehen von Beobachtungen oder Gegebenheiten. Die Sinnesorgane selber stellen bereits Formen bereit, oder sind durch Formen vorgeprägt, die kybernetisch als repräsentierende Schablonen und selektierende Filter für Wahrnehmungen dienen und allen bewussten Erfahrungen voraus gehen. Ebenso bilden Raum und Zeit elementare Ordnungskategorien des bewussten Erlebens, entstanden aus frühen, unbewussten Empfindungen und Erfahrungen mit der eigenen Leiblichkeit.

Es versteht sich fast von selbst, dass aus bloßen Erscheinungen keine realen Kausalitäten abgeleitet werden können. Die logische Schlussfolgerung daraus ist, dass ultimative Ursachen des Weltgeschehens unerkennbar sind und es immer bleiben. Kausalität ist somit eine hypothetische Annahme, eine regulative Idee oder ein gedankliches Hilfskonstrukt, wie Hume und Kant schrieben. Auch andere Forscher haben darüber sinniert, wie Ernst Mach, der die Ursache-Wirkungs-Relation als Funktionalität im mathematischen Sinn verstand. In der mathematischen Funktion oder Gleichung steht die Wirkung auf der linken Seite und die Ursachen als Variable auf der rechten Seite. Auch Raum und Zeit können darin als Variable auftreten, weil die Funktionalität über die strukturelle Kausalität hinaus die dynamische Kausalität beschreibt. Der Physiologe Max Verworn (1863-1921) hat Ursachen als erfüllbare Bedingungen ihrer Wirkung verstanden, die Kausalität als Konditionalität. Bemerkenswert dabei ist, dass viele Ursachen in der realen und komplexen Welt latent immer vorhanden sind, wie die erwähnte Schwerkraft, aber einen Auslöser benötigen, um tatsächlich wirksam oder wahrnehmbar zu werden. Ein Gebäude bricht zusammen, wenn ein Erdbeben als auslösende Bedingung die Schwerkraft zur Wirkung kommen lässt. Bedingungen allein sind jedoch nicht hinreichend, weil sie nur die Möglichkeit eines Ereignisses bestimmen können. In der Gesamtheit aller Bedingungen steckt die universelle Multikausalität allen Weltgeschehens, wie im Zusammenwirken aller physikalischen Kräfte, die durch antagonistische Wirkungen scheinbar und temporär stabile Gleichgewichtszustände entstehen lassen. Die Konditionalität ist charakteristisch für die biologische Welt.

Eine Erscheinung kann als physikalisch oder als natürlich gedeutet werden, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

 Die Erscheinung muss von mehreren Personen wiederholt, regelmäßig oder auf Abruf in ähnlicher oder gleicher Form wahrgenommen werden.

 Die Erscheinung muss prinzipiell für alle gesunden Menschen wahrnehmbar sein.

 Die Erscheinung tritt nicht spontan und zufällig, sondern nur in bestimmten Situationen, unter bestimmten Bedingungen oder als Folge eines bestimmten Ereignisses auf.

 Die Erscheinung muss mit bekannten Gegenständen, Ereignissen und Gesetzen der Natur vergleichbar oder verträglich sein.

Ob die Erscheinung mit den Sinnen direkt oder über technische Hilfsmittel wahrgenommen werden kann, ist dabei unerheblich. Neuartige Phänomene, insbesondere in der Folge neuartiger technischer Hilfsmittel, können die Naturwissenschaft zu neuen Erkenntnissen bringen, oder können bisherige Erkenntnisse korrigieren. Über der gesamten Naturwissenschaft schweben die Erhaltungssätze der Physik, ohne deren fundamentale Gültigkeit die Erscheinungen der Natur nur Zufallscharakter und das Weltgeschehen keine Menschen und kein Bewusstsein hervorgebracht hätte. Ohne die Erhaltungssätze hätten mathematische Gleichungen zur Beschreibung der Natur keine Aussagekraft und wären gar nicht erst entstanden.

Weißes Licht ist ein alltägliches und universell bekanntes Phänomen. Das phänomenale Verstehen von Farben gehört zu den ersten Erfahrungen des Lebens und die zugehörigen Begriffe zu den ersten Wörtern im Verlauf des kindlichen Spracherwerbs. In der Schule lernt man, dass weißes Licht durch Mischung aller Regenbogenfarben entsteht. Licht wird von den Sinnesnerven der Augen aufgenommen und im Nervensystem verarbeitet. Farben existieren als irreduzibles Phänomen allein in unserer Innenwelt. Sie sind entscheidend für das Erkennen von Objekten anhand von unterschiedlich farbigen Konturen und Flächen. Sicher kann man herausfinden, welche Areale des Gehirns aktiv sind, welche Vorgänge sich abspielen im Verlauf der Wahrnehmung einer roten Tomate, bzw. Licht eines bestimmten Spektralbereichs. Im orbitofrontalen Kortex des Gehirns über den Augenhöhlen laufen alle Sinnesmodalitäten aus vorgeschalteten Sinnesarealen sowie aus der Amygdala, dem emotionalen Zentrum, zusammen. Somit ist der orbitofrontale Kortex der erste Kandidat für den Sitz von Bewusstseinsfunktionen. Warum das Licht eines Gegenstandes aber als spezifische Farbe empfunden wird, das zeigt sich nicht in elektrischen, chemischen oder physikalischen Objekten, Signalen oder Messwerten, sondern ist das ungelöste Rätsel des Bewusstseins.

Im Gegensatz zu Farben ist ein Auto ein Objekt in der Außenwelt, das aus Einzelteilen oder Bauelementen zusammengesetzt ist und entsprechend wieder in die Einzelteile zerlegt und darauf reduziert werden kann, indem das Auto nicht als aggregiertes, komplexes Objekt, sondern als Struktur der Einzelteile mit geringerer Komplexität beschrieben wird. Als menschgemachtes Objekt sollen die Einzelteile bestimmte Funktionen erfüllen, so dass die Zweckmäßigkeit des Gesamtobjektes erreicht wird. Natürliche Objekte dagegen unterliegen keiner Zwecksetzung, ihre Einzelteile gehorchen allein den physikalischen Kausalitäten. Das gilt auch für lebende Organismen einschließlich des menschlichen Gehirns als Träger des Bewusstseins. Die Segregation und die Reduktion auf Einzelteile oder Bauelemente kann beliebig fortgeführt werden, über mehrere Aggregationsstufen, jedoch ist die Reduktion einer Metallschraube auf ihre ununterscheidbaren Moleküle oder Atome nicht mehr sinnvoll, weil sie zum funktionalen Verstehen der Schraube und des Autos nichts mehr beiträgt. Spezifische Form und Verhalten des Bauelements verschwinden bzw. entstehen als Emergenz auf dieser Ebene der Komplexität. Natürlich könnte die Wahl eines anderen Metalls, eventuell einer Legierung, bei gleicher Funktion die Verhaltenseigenschaften verändern. Das wäre für die Synthese oder Konstruktion verbesserter Objekte von Bedeutung.

Gegen eine rein reduktionistische und nomothetische Naturwissenschaft, die jedem funktionalen Verstehen vorausgeht, wendet sich auch die Wissenschaftstheoretikerin Nancy Cartwright (*1943), eine Vertreterin des Entitätenrealismus. Ihrer Meinung nach gibt es keine absoluten oder starren Ordnungsstrukturen, wie sie in Naturgesetzen angenommen und beschrieben werden. Vielmehr sei die Welt "gefleckt", also vielfältig in ihren kausalen Beziehungen und ihren Phänomenen. Naturgesetze sind immer ceteris-paribus-Gesetze, gelten nur unter Beachtung bestimmter "Reinheitsbedingungen", auch in der Physik, wo das gerne unterschlagen wird. Der wesentliche Aspekt dabei ist, dass Naturgesetze schon unter ceteris-paribus-Bedingungen zustande kommen, weil die zu Grunde liegenden Beobachtungstatsachen nur unter solchen Bedingungen gewonnen werden können.

Beispielsweise ist die Uhr als Zeitmesser selbst ein technisch-physikalisches System, das nicht über der Physik schwebt, sondern als Generator von Referenzereignissen – das Uhrwerk - rekursiv in sie eingebunden ist und nur sich selbst messen kann. Cartwright unterscheidet fundamentale Gesetze mit Erklärungswert, aber zu ungunsten empirischer Adäquatheit, von phänomenologischen, beschreibenden Gesetzen ohne Erklärungsinhalt. Fundamentale Gesetze haben annähernd Gültigkeit für Modelle von Laborphänomenen oder extremen Phänomenen, wie sie in der Sonne singulär vorkommen, aber nicht in der Lebenswelt. Die phänomenale Realität ist immer eine Überlagerung verschiedener fundamentaler Naturgesetze, die sich in ihren Wirkungen verstärken oder auch neutralisieren können. Schwerkraft und Trägheitskraft können ein dynamisches Gleichgewicht bilden und somit andere Phänomene hervorbringen als bei Einzelbetrachtung. Deshalb haben phänomenologische Gesetze den Charakter von Naturregeln, die auch Abweichungen und Ausnahmen zulassen. Die fundamentalen Naturgesetze können also weder die phänomenale Realität noch die Realität als „wahre Natur“ beschreiben, denn die Natur dieser Naturgesetze existiert einfach nicht. Dennoch haben Naturgesetze die unverzichtbare Eigenschaft, innerhalb ihres Gültigkeitsbereiches gegenüber Raum und Zeit, oder besser der Raumzeit, invariant zu sein.

Das Gedankenexperiment „Gehirn im Tank“ fällt bei näherer Betrachtung in sich zusammen. Der Simulationscomputer müsste nicht nur über unendliches Wissen verfügen, er müsste obendrein von einem Gehirn gebaut sein. Es gäbe also noch ein zweites Gehirn, das seinerseits nicht im Tank ist und mit dem Gehirn im Tank kommunizieren könnte. Es könnte dem Gehirn im Tank mitteilen „du bist ein Gehirn im Tank“. Gäbe es außerhalb des Tanks kein Gehirn, dann könnte das Gehirn im Tank nicht erkennen, dass es im Tank wäre, bzw. es wäre völlig irrelevant, weil es keinen Vergleich hätte. Erst seit Astronauten im Weltraum denkbar und möglich sind, macht es Sinn, zwischen Menschen auf der Erde und Menschen im Weltraum zu unterscheiden.

Das Gedankenexperiment zeigt einerseits, dass der Skeptizismus, wie er in der beschriebenen Zirkularität der Naturwissenschaft zum Ausdruck kommt, prinzipiell nicht zu widerlegen ist, wenn das Experiment wie gedacht ausgeführt werden könnte, andererseits aber, dass er durch pragmatische Argumente zu neutralisieren ist. Der Mensch kann guten Gewissens sagen: „ich weiß, dass da draußen eine Welt ist, die ich wahrnehmen kann, mit der ich kommunizieren und in Interaktion treten kann“. Diese Welt ist keine existenzielle Täuschung und keine Illusion, weil sie nach aller Voraussicht auch morgen noch vorhanden sein wird, weil sie nicht plötzlich verschwinden oder in anderer Form erscheinen wird. Diese Welt ist ohne Lücken, sowohl räumlich als auch zeitlich; es gibt eine synchrone und eine diachrone Kontinuität der Erscheinungen. Was mich täuschen kann, das sind meine Sinneseindrücke, meine Deutungen der Sinneseindrücke, die Bedeutungen meiner Begriffe, meine Schlussfolgerungen und Vorhersagen. Die Konsistenz der bekannten Naturgesetze über Zeit und Raum, ihre Widerspruchsfreiheit und Kohärenz untereinander, die Funktionalität des Gehirns in Verbindung mit dem Leib als erfahrendes Subjekt, die Vielfalt und Redundanz der Wahrnehmungen, die Bestätigung durch wiederholte Erfahrungen über Jahrtausende, sowie die Kommunikation mit anderen Subjekten über gemeinsame Wahrnehmungen können die subjektiven Täuschungen oder Irrtümer auf ein unbedeutendes Maß minimieren, so dass Vorstellungen und Überzeugungen als Wissen über diese Welt pragmatisch gerechtfertigt werden können. Es besteht also kein Anlass zu einer pessimistischen Skepsis. Insbesondere die kreative Gestaltung und Herstellung zweckmäßiger Gegenstände und von Kunstobjekten bestätigt die Gemeinsamkeit und die Zuverlässigkeit, die empirische Adäquatheit der menschlichen Sinnesvermögen und der Vorstellungen im Bewusstsein.

Damit kann auch die Existenz von fiktiven Dingen-an-sich außerhalb des Subjekts, im Sinne von Kants transzendentalem Idealismus, ontologisch und epistemologisch gerechtfertigt werden. Die Signale, die von unseren Sinnen empfangen werden, sind nicht die Dinge selbst, sogar dann, wenn wir sie anfassen können. Die Dinge-an-sich können mit Aussendung von Signalen an erkennende Subjekte ihre variablen Eigenschaften als Zustand, nicht aber ihre wesenhaften, existenziellen Eigenschaften ändern, ohne ihr Sein oder ihre Wesenheit zu ändern. Durch Absorption oder Emission eines Photons kann ein Elektron-an-sich seinen energetischen Zustand ändern, aber nicht seine Ruhemasse und elektrische Ladung als identifizierende Eigenschaften und damit nicht seine Existenz. Das Elektron kann als Erscheinungsform beliebig oft beobachtet werden, an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Zuständen, abgesehen von den Eigenheiten der Quantenphysik. Ein Elektron kann aber nicht aus dem Nichts erscheinen, oder im Nichts verschwinden, außer virtuell durch Paarbildung. Von der Erscheinung, also von den empfangenen Signalen, kann weder empirisch noch epistemisch auf wesenhafte Eigenschaften der Dinge-an-sich rückgeschlossen werden. Die Signale von den Objekten erlauben nur eine unvollständige Erkenntnis, denn sie bilden keine reale Repräsentation des Objekts und übertragen keine Bedeutung; diese wird ihnen erst vom Forscher im Rahmen von Modellen und Theorien zugewiesen. Analoge Beispiele dafür aus der Lebenswirklichkeit sind spiegelnde Oberflächen, die ihre wahren Eigenschaften verhüllen. Ein Teilchen, das sich wie ein Elektron verhalten würde, aber eine zusätzliche Eigenschaft hätte, wäre vom Elektron nicht unterscheidbar. Die moderne Naturwissenschaft ist ein Behaviorismus der Natur und bestätigt Kants Sicht der Dinge-an-sich, oder der „Masse ohne Materie“, der Wirkungen ohne Wesen. Letzteres bleibt der Spekulation oder der Metaphysik vorbehalten, wie z.B. das Wesen und das Geschehen in schwarzen Löchern.

Phänomenologie und Bewusstseinsphilosophie

Die Phänomenologie ist eine Strömung in der Philosophie, die sich mit den Erscheinungen der Welt und des Lebens gegenüber dem Bewusstsein befasst. Am bekanntesten ist wohl die Phänomenologie des Geistes von Hegel, der einen universalen, idealistischen Weltgeist am Werk sieht und die geschichtliche Entwicklung der Welt diesem unterordnet. In der Reaktion auf den metaphysischen, quasi theologischen Idealismus und Rationalismus Hegels begründete Ludwig Feuerbach (1804-1872) als Gegensatz den anthropologischen Materialismus, der nicht nur wie Descartes den menschlichen Leib, sondern auch Geist und Psyche als Seele mit den Gegebenheiten und Mechanismen der Natur mittels der Sinnlichkeit in Verbindung brachte und somit einer modernen Psychologie und Philosophie des Geistes einen naturalistischen Rahmen gab und den Weg ebnete: „Schaut die Natur an, schaut den Menschen an! Hier habt ihr die Mysterien der Philosophie vor euern Augen.“

Die modernere Phänomenologie wurde von Edmund Husserl (1859-1938) mit dem Ziel begründet, die Philosophie auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen und zur Grundlage für Wissenschaft überhaupt zu machen. Nachdem er die Logik von psychologistischem Ballast befreit hatte, wollte er auch die sinnkonstituierenden, subjektneutralen Fundamente der Bewusstseinsinhalte in den Wechselbeziehungen mit den Phänomenen untersuchen. Im Mittelpunkt dieser Phänomenologie steht die Intentionalität, das ist die Gerichtetheit des Geistes auf Dinge des Lebens: man sieht etwas, man denkt etwas, man weiß etwas, man liebt etwas, man tut etwas, man fühlt etwas. Das "etwas" muss nicht notwendig gegenständlich und nicht notwendig existent sein, Weil es sich nur auf mentale Repräsentationen bezieht, deshalb wird von "intentionaler Inexistenz" gesprochen. Die zentrale Aussage ist, dass das Bewusstsein durch die Intentionalität konstituiert wird. Die Beispiele zeigen, dass Intentionalität mit sinnvollem Handeln verbunden ist, so dass die Phänomenologie einen wechselseitigen Zusammenhang herstellt zwischen Wahrnehmen, Erleben, Denken und Handeln des Ich mit der Welt als Phänomen gegenüber dem Ich. Dabei wird nicht unterschieden zwischen der Funktion und den Inhalten des Bewusstseins, d.h. die neurologische Funktionsweise des Bewusstseins ist nicht Gegenstand der Phänomenologie. Vielmehr geht es um die Analyse der Konstitution von Bewusstseinsinhalten ohne Vorurteile und ohne Vorwissen, das sogenannte „reine Bewusstsein“, durch die Instanz einer transzendentalen Subjektivität. Die Phänomenologie ist insgesamt eine Kritik des kollektiven Erkenntnisbestandes und der herkömmlichen Wissenschaften und eine Aufforderung zur Besinnung auf Evidenzen des Seins als ideale Grundlagen, ohne jedoch fertige Lösungen oder Werkzeuge anzubieten. Das Vorbild Husserls war der methodische und radikale Zweifel bei Descartes zur Begründung von Erkenntnis.

Die Intentionalität, deren Konzept vom Philosophen und Psychologen Franz Brentano (1838-1917) stammt, mit Ansätzen schon bei Feuerbach, spielt ohne Zweifel eine zentrale Rolle für das Bewusstsein und wird deshalb als ein Charakteristikum des Mentalen gedeutet. Andererseits gibt es Grundstimmungen wie Schmerzen, die nicht auf etwas gerichtet zu sein scheinen, aber Schmerzen hat man nicht einfach, sondern man hat sie im Bauch, im Kopf, oder an der Hand. Wie die Beispiele oben auch zeigen, stimmt ihre Ausdrucksform offensichtlich mit der grammatischen Ausdrucksform sprachlicher Sätze überein und auch mit den Formen logischer Aussagen, mit Propositionen und mit Informationen. Das ist nicht verwunderlich, denn die Sprache ist ein Reflektor allen menschlichen Erlebens. Die Ausdrucksformen haben sogar in der Physik Gültigkeit, weil jedes Ding der Natur erst durch seine Relationen und Wechselwirkungen mit anderen Dingen, insbesondere dem Beobachter selber, zur Erscheinung und als identifizierende Eigenschaften zur Existenz kommt. Das kognitiv bewusste System ist der Urheber all dieser Formen, die sowohl Zustände als auch Vorgänge des Mentalen beschreiben, also Funktionalitäten des Bewusstseins. Die Intentionalität beschreibt die Sinnverhältnisse zwischen dem Subjekt oder Ich und der Welt einschließlich dem Selbst. Im Gegensatz zur erklärenden Objektivierung der Phänomene in der Naturwissenschaft und der wertenden Subjektivierung in der Philosophie und Ethik untersucht Husserl die Bildung des Sinnbewusstseins als verstehende Kollektivierung intentionaler Akte. Die methodische, transzendentale Fundierung des "reinen Bewusstseins" durch radikale Entledigung von Vorurteilen oder Vorwissen über die Welt (epoché) zum Sein-an-sich bildet die Motivation zur Phänomenologie. Sie enthält sich in der phänomenologischen Reduktion jeder Assoziation von Bedeutung und Erklärung zum Phänomen, will dagegen das Konstituierende des Bewusstseins, das Wesenhafte (Eidos), Allgemeingültige des Objektes und des intentionalen Aktes als Phänomen erhalten und untersuchen. Das Bewusstsein soll aus elementaren Anschauungen als apodiktische Evidenzen schrittweise rekonstituiert werden. Das Bewusstsein für Zeit und Raum wären solche ersten Schritte.

Intentionalität ist somit als triadische Relation zwischen Ichbewusstsein, Objekt und Akt eine fundamentale Eigenschaft der Erkenntnis, der Seele und des Lebens überhaupt, nicht nur des Mentalen, weil jeder Organismus im Zustand der Wachheit mit sich selbst und mit der Welt interagieren und zu ihr in Beziehung treten muss, aus Gründen der Selbsterhaltung. Schon die Berührung als eine der ersten Empfindungen des Lebens ist eine solche Relation. Im weiteren Sinn wären die Funktionen der Sinne, der Sprache und der Motorik zu berücksichtigen, ohne die das Bewusstsein nicht existieren und funktionieren würde. Im Bewusstsein des Menschen kommt die Intentionalität zu reflektivem Selbstbewusstsein. Sprachlich tritt sie oftmals in den Hintergrund, weil die sprachliche Praxis sehr häufig verkürzt und evidente Anteile unausgesprochen oder indexikalisch bleiben. Man sagt "es regnet" und meint damit "ich sehe gerade jetzt, dass es hier am Ort regnet", also eine vollständige Relation von Beobachter oder Sprecher, Ort, Zeit, Objekt und Vorgang ausgedrückt wird. Das bewusste Subjekt trägt Gegenwart als Zeit und den aktuellen Ort als implizite Relation und Information immer mit sich.

Die Intentionalität bildet den nüchternen Rahmen für eine Fülle an Zuständen des Bewusstseins und für das bewusste Leben. Sinnliche Wahrnehmungen und Empfindungen sind wesenhaft für jedes Leben und erzeugen beim Menschen als intentionale Akte phänomenale und mentale Zustände mit Erlebnisqualitäten. Die meisten dieser Zustände, besonders die häufig, gleichmäßig und routinemäßig eintretenden, bleiben flüchtig und werden von den unentwegt fließenden Sinneseindrücken schnell wieder verdrängt. Manche davon bleiben in den Bereichen des Unterbewussten und des Unbewussten dauerhaft erhalten. Das Bewusste ist nur ein winziger Teil dessen, was laufend an Information über die Sinne aufgenommen wird. Intentionalität ist daher nicht monolithisch zu deuten.

Die Phänomenologie beschränkt sich auf die subjektive und bewusste Erkenntnis. Das ist insofern berechtigt, als jeder Mensch nur sein eigenes Bewusstsein erforschen und erleben kann. Am Bewusstsein anderer Menschen kann man nur über die Sprache teilhaben und sich darüber verständigen, um eine Intersubjektivität und ein gemeinsames Vokabular über die jeweilige Lebenswelt herzustellen. Dabei gehen die privaten und individuellen Erlebnisse der wahrgenommenen Objekte und damit bewusstseins- und sinnbildende Qualitäten weitgehend verloren. Eine konsequente und vollständige Objektivierung und Atomisierung des Bewusstseins analog der Naturwissenschaft, ohne Bezug zum erlebenden Menschen, ist nicht möglich und ist ein falsch verstandener Rationalismus, wie der spätere Husserl feststellte. Naturwissenschaft ist selbst eine Tätigkeit und ein Produkt des kollektiv vorgeformten und intersubjektiv sich formenden Bewusstseins.

Die Sprache kann die Fülle, Vielfältigkeit und Qualitäten bewusster Zustände nur unzureichend und skelettartig widergeben. Kennzeichnend für alle Zustände ist, dass sie nur dem Subjekt selber als Erfahrung und Erleben zugänglich sind und nur durch Introspektion, Reflexion und Befragung erforscht werden können. Zwar sind emotionale Zustände auch an typischen Ausdrucksformen zu erkennen, aber sie unterliegen der Deutung der Mitmenschen und werden oftmals falsch gedeutet, oder auch absichtlich täuschend eingesetzt. Mentale Zustände kommen sprachlich als behaupten, meinen, glauben, vermuten, befürchten, erwarten, hoffen zum Ausdruck. Schon die bewusste Wahrnehmung ist unwillkürlich mit der Zuordnung von Begriffen und Sprache verbunden. Die Lückenhaftigkeit und Vieldeutigkeit der Sprache als Medium der Mitteilung trägt ihrerseits zu gegenseitigen Missverständnissen bei. Zudem ist sie sehr zufallsgeprägt, unvollständig und redundant. Andererseits ermöglicht die Begrifflichkeit, Symbolik und unbegrenzte Strukturalität der Sprache die sinnliche Wirklichkeit zu ergänzen hinsichtlich vielfältiger Relationen zwischen den wahrgenommenen Gegenständen der Welt. Im Verbund von Denken und Sprache wird es erst möglich, ein zusammenhängendes und konsistentes Gesamtbild der Welt oder Weltmodell zu erzeugen, über Zeiten und Räume, über Ursachen und Wirkungen, über Verwandtschaften und Ordnungen, über Werte und Bewertungen, über gut und böse und vieles mehr. Damit gelangt der Mensch zur scheinbar kontinuierlichen Ganzheit und Einheit des Bewusstseins.

Die Sprache setzt aber nicht nur ein Bewusstsein voraus, sondern bereits gemeinsame Vorstellungen und begriffliche Konventionen über das Bewusstsein. Die Sprache schließt so auch das Sprechen über Sprache selber ein; über Wörter kann man nur mit Wörtern reden. Man kann aus Sprache nicht aussteigen, so wie man aus dem Universum oder der Welt nicht aussteigen kann. Das heißt, der Mensch wird immer wieder auf sich selber zurückgeworfen als Selbstbezüglichkeit. Damit verbunden sind logische und erkenntnistheoretische Probleme, die wie das Lügnerparadoxon schon in der Antike bekannt waren, aber erstmals von Bertrand Russell (1872-1970) in der Mengentheorie und Logik explizit identifiziert und behandelt wurden. Gödels Unvollständigkeitssatz von 1931 lieferte einen logischen Beweis für die unauflösbare Problematik selbstbezüglicher Systeme. Ein Beispiel für die Selbstbezüglichkeit in der Sprache ist auch die Grelling-Nelson-Antinomie, eine Selbstbezeichnung von Wortarten.

Hier ist also ein Henne-Ei-Problem oder ein hermeneutischer Zirkel vorhanden, so wie im bekannten Gehirnparadoxon von Schopenhauer. In der Linguistik wird dieser Zirkel durch die disjunkte Unterscheidung von Objektsprache und Metasprache scheinbar aufgelöst. Die Deutung von Bewusstsein setzt also bereits eine transzendentale Reflexion sowie Erkenntnisse über das Bewusstsein voraus, gewissermaßen ein Metabewusstsein. Das ist der Kern der Husserlschen Phänomenologie, in seinen Worten aus "Philosophie als Wissenschaft":

Beschreibend verwenden wir die Worte Wahrnehmung, Erinnerung, Phantasievorstellung, Aussage usw. Welche Fülle von immanenten Komponenten zeigt solch ein einziges Wort an, Komponenten, die wir dem Beschriebenen es "auffassend" einlegen, ohne sie in ihm analytisch gefunden zu haben. Genügt es, diese Worte im populären Sinn, in dem vagen, völlig chaotischen zu gebrauchen, den sie sich, wir wissen nicht wie, in der "Geschichte" des Bewußtseins zugeeignet haben? Und würden wir es auch wissen, was sollte diese Geschichte uns nützen, was sollte sie daran ändern, daß die vagen Begriffe eben vage und vermöge dieses ihnen eigenen Charakters offenbar unwissenschaftlich sind. Solange wir keine besseren haben, mögen wir sie gebrauchen, darauf vertrauend, daß für die praktischen Zwecke des Lebens zureichende grobe Unterschiede mit ihnen getroffen seien. Aber hat eine Psychologie Anspruch auf "Exaktheit", welche die ihre Objekte bestimmenden Begriffe ohne wissenschaftliche Fixierung, ohne methodische Bearbeitung läßt?

Letztlich dient das eigene Bewusstsein als Schablone zum Verständnis fremden Bewusstseins. Die Mitmenschen dienen als Spiegelung des Selbst und das Selbst wird fortwährend mit den Anderen verglichen, um sich in die Gesellschaft zu integrieren, um die eigene Position in der Gesellschaft zu bestimmen, um eigene Interessen und Neigungen zu entwickeln und durchzusetzen. Dass dies oft nicht reibungslos funktioniert, das zeigen die vielen zwischenmenschlichen Konflikte, wenn die Wahrnehmung und das Erleben des jeweils Anderen gegenseitig nicht zutreffend gedeutet und verstanden wird, wenn die Ausdrucksformen des fremden Bewusstseins falsch gedeutet werden. Verstärkt werden solche Konflikte durch Konkurrenz um knappe, begrenzte oder teure Ressourcen und die damit verbundenen Aktivitäten, Erwartungen und Ängste.

Schon der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) hat versucht, das Denken zu objektivieren und es zuverlässiger zu machen, um Wahrheit mit Sicherheit erkennen zu können. Dafür hat er bereits eine formale Sprache vorgeschlagen auf der Basis eines binären Zeichensystems, genau so wie es heute im Computer Anwendung findet. Sein Ziel war ein Kalkül des Denkens, der erst lange Zeit nach ihm im 19.Jhdt. von Gottlob Frege (1848-1925) als formale Logik verwirklicht wurde. Die Logik beruht auf der Struktur der Sprache und den Bedeutungen der verwendeten Begriffe. Wahr und falsch schließen sich per Definition der Begriffe gegenseitig immer aus. Dazu gilt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Objekte, die zu einer Menge gehören, sind logisch ebenso in der Obermenge dieser Menge enthalten. Durch die Gesetzmäßigkeit der Sprache ermöglicht die Logik Schlussfolgerungen aus Aussagen, die neue Aussagen hervorbringen und auf diese Weise Experten- und Diagnosesysteme sowie maschinelles Beweisen ermöglichen. Die Sprache wiederum ist das Resultat der gesetzmäßigen Leistungen der Sinnesorgane und des Erinnerungsvermögens, dem Erkennen von Ähnlichkeiten und Gleichheiten als Bedingung des Identifizierens und Klassifizierens von Formen und Figuren. Die Wahrnehmung einer Figur als Kreis bleibt ein Kreis, heute und morgen und ebenso für alle Menschen. Ohne logisches Denken wären nie Pyramiden gebaut worden, hätte letztlich das menschlich-geistige Leben nicht dauerhaft bestehen können.

Während sich die formale Logik allein auf die festgelegte, objektve Bedeutung von Begriffen und Symbolen bezieht, wird der Bezug zur wirklichen Welt in der materialen Logik hergestellt. In der wirklichen, komplexen Welt gibt es nicht nur die reinen Werte wie schwarz und weiß, sondern alle Schattierungen dazwischen. Es gibt Perspektiven der Ansicht, es gibt zeitliche und räumliche Variationen, es gibt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, es gibt Tatsachen und bloße Ideen. Zur Intentionalität des Bewusstseins gehört untrennbar das Unbekannte und Ungewisse, das den Menschen oftmals Angst macht und deshalb durch Fiktionen oder Mythen ersetzt wird. Die Bedeutung von Begriffen ist nicht mehr so klar und unveränderlich, sondern muss erst explizit gemacht oder intersubjektiv redefiniert werden.

Die Menschen glauben und gehen davon aus, dass alle Menschen ziemlich gleichartig sind, dass sie grundsätzlich und im Normalfall dieselben Vermögen sinnlicher Wahrnehmung und Empfindung und dieselben Vermögen des Verstandes und der Vernunft haben. Hier fangen die Irrtümer bereits an und enden oft genug in kleinen oder größeren Katastrophen, weil die subjektiv wahrgenommenen Erscheinungen Unterschiede aufweisen, beispielsweise beim Farbensehen, und nicht nur deswegen zu unterschiedlichen Deutungen, Bewertungen und Handlungen führen. Beispiele finden sich zuhauf in der Kindererziehung, in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis und natürlich in der Politik. Der Philosoph Ernst Cassirer (1874-1945) schrieb in seinem Hauptwerk "Die Philosophie der symbolischen Formen", dass Dinge und Zustände der Welt nicht gegebene Inhalte des Bewusstseins, sondern Weisen und Richtungen seiner Formung seien.

Die Wirklichkeit ist also eine Vorstellung von der Wirklichkeit, die im Verlauf von kollektiver Phylogenese, individueller Ontogenese und subjektiver Ratiogenese, im Wechselspiel mit der Welt infolge natürlicher Selektion, individueller Erfahrung und subjektiven Erlebens, hervorgebracht und beständig geformt wird.

So ist die Anzahl und Verteilung der farbempfindlichen Zapfen in der Netzhaut sehr ungleichmäßig und hat sich an die optischen Bedingungen der Augenlinse angepasst. Sowohl Phylogenese als auch Ontogenese akkumulieren die Erfahrungen und Entwicklungen der Vergangenheit und bauen darauf auf. Was als Gegenstand wahrgenommen und gedeutet wird, ist ein unbewusstes Konstrukt der visuellen Sinnesvermögen und der Erfahrungen der ersten Lebensjahre, einschließlich der Embryogenese. Beim Menschen dauert die Entwicklungsphase des Gehirns sechs Jahre ab Geburt, währenddessen ein über längere Zeit geschlossenes Auge entsprechende, dauerhafte Deformationen im visuellen Kortex zur Folge hat. Die Entwicklung der Individuen bestimmt die Variabilität der Art und darauf kann die natürliche Selektion angreifen und die am besten zum jeweiligen Habitat passenden Individuen oder Populationen für die weitere Vererbung ihrer Eigenschaften und Vermögen bestimmen. Das bedeutet, dass das Verhältnis von Wirklichkeit und Vorstellung, oder Außenwelt und Innenwelt, nicht apriorischen, deterministischen und gesetzmäßigen, sondern vielfältigen naturhistorischen Bestimmungsgründen mit vielen Zufälligkeiten unterliegt und nicht eindeutig festgelegt ist.

Die Intentionalität der Phänomenologie kommt insbesondere im Verhältnis zu den Mitmenschen zum Ausdruck, zu denen vielfältige intentionale Beziehungen bestehen. Andererseits kann sich eine solche Beziehung spontan verändern, weil Menschen sich unterschiedlich verhalten, weil sie sich im Lebenslauf entwickeln, weil man nicht alles weiß über den Mitmenschen und eine neue Nachricht das Bild drastisch verändern kann. Ohne dass sich der jeweilige Mensch als Gegenstand der Intentionalität ändert, kann sich das Wissen und das Bewusstsein über ihn verändern – besonders auch durch Gerüchte als falsche Informationen, neuerdings als Fakenews bezeichnet und in aller Munde. Einen Menschen, den man gestern noch geliebt hat, kann man heute hassen. Was zu einer scheinbar objektiven Betrachtung und Deutung der transzendenten (äußeren) Gegenstände im Bewusstsein beiträgt, das ist die vergleichende und beständige Erinnerung der Vergangenheit als letztlich neurobiologische Wirkursache.

Die Phänomene der visuellen Sinnesmodalität sind Farben und Formen, Kanten und Linien, Perspektiven und Blickwinkel, Nahes und Fernes, Lichtintensitäten und Schattenwürfe, Transparenz und Verdeckungen, Durchsichtiges und Undurchsichtiges, Muster und Ornamente, Buntes und Einfarbiges, Bewegtes und Unbewegtes, Veränderliches und Unveränderliches, Bekanntes und Unbekanntes, Natürliches und Künstliches. Man muss hier zusätzlich eine in jüngerer Zeit zunehmend wichtiger werdende Unterscheidung einbringen zwischen medialen oder virtuellen Wirklichkeiten und der physischen Wirklichkeit. Ein markantes Beispiel dafür ist die mediale Wirklichkeit von Sexualität. Die bewusste Lebenswelt wird immer stärker von vielfältigen und schnell veränderlichen medialen Wirklichkeiten geprägt, weil sie anders als die physische Wirklichkeit omnipräsent sind, welche sich wesentlich auf den jeweiligen Aufenthaltsort und die aktuelle Situation beschränkt. Dabei werden die Menschen immer wieder mit unvertrauten Situationen konfrontiert. Das heißt, Vorstellungen, Meinungen und Überzeugungen, die aus medialen Darstellungen abgeleitet werden, beruhen oftmals nicht auf eigenen Wahrnehmungen oder Erfahrungen und entbehren daher einer empirisch begründeten Sinngebung. Es ist augenfällig, dass die medialen Wirklichkeiten immer stärker auf die Lebensgestaltung Einfluss nehmen oder sie gar bestimmen. Ohne Zweifel hat die präsente mediale Wirklichkeit wieder Rückwirkungen auf die physische Wirklichkeit. Dies kommt deutlich zum Ausdruck in der Anbahnung von physischen Kontakten über das Internet, sei es zum Austausch von Gütern, zur Organisation von Veranstaltungen, oder gerade auch im Umfeld und mit der Absicht von Sexualität.

Die Kontingenz der subjektiven Wahrnehmungen und Empfindungen bildet einen Ausgangspunkt für die Freiheit des Menschen. Das Individuum kann in jeder Situation nur einen kleinen, zufällig oder willkürlich bestimmten Ausschnitt der dynamischen Welt wahrnehmen, erkennen, erfahren, erleben und im Bewusstsein verarbeiten und vorstellen. Insofern liegen Willensfreiheit, Entscheidungsfreiheit und Handlungsfreiheit schon in den Sinnesvermögen und -aktivitäten begründet, kommen aber hauptsächlich in den Vermögen des Geistes zur Abstraktion, Assoziation, Begriffsbildung und Urteilsbildung zur Geltung, weil die Transformationen der Sinnesreize und die Zuordnungen von Bedeutung nicht determiniert sind, sondern von den Situationen selber, von der individuellen Lebensgeschichte und der Lebenseinstellung als Persönlichkeit abhängig sind. Dass Lebensgeschichte und Lebenseinstellung selber wiederum rückwirkend von der Summe der Erfahrungen in der Lebenswelt und zunehmend von den mittelbaren Erfahrungen der medialen Wirklichkeit geprägt sind und fortlaufend geprägt werden, ist evident. Das dynamische Erleben der alltäglichen Lebenswelt, die operative Auseinandersetzung damit, die sprachliche Kodierung und Komprimierung und die Übernahme in die bewusste Lebenseinstellung mit Überzeugungen, Vorstellungen, Erwartungen und Zielsetzungen sind die wesentlichen Kriterien für die persönlichen Freiheitsräume.

Der griechische Philosoph Aristipp (ca. 435-355 v.Null) schrieb in phänomenologischer Voraussicht über die Subjektivität von Wahrnehmungen und Empfindungen:

„Weiß und süß benennen alle gemeinsam, aber ein gemeinsames Weiß und Süß haben sie nicht. Denn jeder nennt seine eigene Empfindung wahr, ob aber diese Empfindung ihm und einer anderen Person von dem Weißen widerfährt, kann weder er selbst sagen, der die Empfindung der anderen Person nicht hat, noch die andere Person, die seine Empfindung nicht hat. “

In seiner "Phänomenologie der Wahrnehmung" hat der Husserl-Schüler Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) aufgezeigt, dass der Mensch nicht nur aus Sinnesorganen und Verstand besteht, sondern auch einen materiellen und individuellen Körper hat, mit dem er selber ein Teil der Welt ist und an der Welt teilhat. Der Mensch steht also nicht der Welt gegenüber, als Subjekt isoliert oder entfremdet vom Objekt, sondern er bildet mit seiner Leiblichkeit eine Ganzheit von Subjekt und Objekt. Mensch und Welt sind aus derselben Materie geschaffen. Zu den physikalischen Eigenschaften des Körpers treten die biologischen Funktionen hinzu, die den lebenden Leib ausmachen. Der Leib steht somit mittels der Kinästhetik in direkter Interaktion mit der Umwelt, er wohnt in der näheren Welt, und er stößt an Widerstände und an Grenzen seiner Freiheiten und Möglichkeiten. Mittels der Leiblichkeit erlebt und erfährt der Mensch die Welt und das Selbst als subjektive Erscheinungen und Empfindungen, beginnend schon vor der Geburt. Die umfassende und ständige Wahrnehmung und Bewusstheit der eigenen körperlichen Positionen und Zustände als mentale und psychische Befindlichkeiten erzeugt die Unterscheidung von Ich und Welt und unterscheidet den Menschen von der fiktiven intelligenten Maschine.

Aus den Empfindungen und Erfahrungen der eigenen Leiblichkeit und der phänomenalen Welt ist die Sprache mit ihren Begriffen und ihrer Grammatik entstanden. Es gibt unveränderliche Formen in der Welt als persistente Gegenstände, veränderliche Formen wie Lebewesen, es gibt Eigenschaften der Gegenstände, es gibt Zustände und flüchtige Vorgänge oder Ereignisse. Dazu kommen die Deutungen und Assoziationen des denkenden Menschen mit Ursachen, Wirkungen, Beziehungen und Folgen der beobachteten Gegenstände und Vorgänge. Die Sinnesvermögen mit dem Leib bilden Schablonen, durch die der Mensch die Welt erkennt, ordnet, strukturiert. Die Welt der Phänomene ist äußerst vielgestaltig und dynamisch und unterliegt willkürlichen, kulturell und traditionell begründeten, kollektiven oder individuellen Deutungen. Die Struktur der Sprache ist an den Klassen von Phänomenen orientiert in Substantive und Verben und ermöglicht eine imaginierte Repräsentation oder Vorstellung der erlebbaren Welt. Die Sprachentstehung ist ein dialektischer Prozess, indem die kollektive Sprache das Denken des Kindes prägt und das individuelle Denken die kollektive Anwendung der Sprache prägt, während der kreative Künstler, Entdecker und Erfinder die kollektive Sprache erweitert und der Eroberer sie verändert.

Die gemeinsame Ausdrucksmöglichkeit mentaler Zustände mittels der Sprache über die Erzeugung und Wahrnehmung von Schallwellen hat Lernprozesse an die Stelle eigener, oftmals lebensbedrohender Erfahrung gesetzt und dadurch für die Menschen einen enormen Schub an kognitiven Fähigkeiten und an Überlebensfähigkeit gebracht. Das Hören von Sprache - wie auch Musik - ist folglich selbst schon ein Phänomen, das nur auf der materiellen Basis des Schalls mittels des Erkennens von Luftdruckschwingungen und der Transformation in kybernetische Signale im Nervensystem möglich ist. Die elektrischen Nervensignale des Hörens unterscheiden sich nicht von den Nervensignalen des Sehens und der übrigen Sinne, so dass sie miteinander verknüpft werden können und sogar untereinander austauschbar sind. Im komplexen Netzwerk der Nerven finden kybernetische Verschaltungen der Signale statt, mit Speicherungs-, Vergleichs-, Auswahl-, Filterungs- und Schalter- oder Entscheidungseffekten. Die wahrgenommenen Erscheinungen der Außenwelt mittels der Sinnesreize sind die Erzeugnisse der Signaltransformationen im komplexen, koevolutionär entstandenen Nervensystem.

So wie die Luft die Sprache mit Luftdruckwellen überträgt, so übertragen Moleküle und Ionen Signale innerhalb der Zellen und zwischen den Zellen des Organismus. Die Sprache ist den Luftdruckwellen als Schallwellen nicht anzusehen, würde man sie sichtbar machen. Genauso ist den Nervensignalen und allen andern biologischen Vorgängen des Nervensystems nicht anzusehen, welche Phänomene sie hervorbringen, oder zur Emergenz bringen. Dabei ist unbestreitbar, dass die gigantische Komplexität des Nervensystems an unterschiedlichen Substanzen und Verschaltungen ein riesiges Reservoir an Koeffektivitäten und möglichen Phänomenen bietet. Die von den Wahrnehmungen über die Sinnesreize erzeugten Zustände interagieren laufend mit den Zuständen des Denkens, der Emotionen und der Motorik in einem vermaschten Netzwerk und bilden so ein dynamisches, plastisches System, das sich selbst strukturell beständig verändert als Selbstorganisation gegenüber der Welt, als individuelle Ontogenese und Ratiogenese.

Alle gesunden Menschen sehen Farben, nehmen Helligkeit und Dunkelheit wahr, empfinden Wärme und Kälte, hören Töne und Geräusche, riechen Düfte, haben Gedanken und Vorstellungen und haben Gefühle wie Liebe und Hass, oder Freude und Trauer. Weder die Wissenschaft noch die Philosophie haben es bis heute geschafft, für diese Formen des Erlebens, das sogenannte phänomenale Bewusstsein, eine kausal-nomologische Erklärung zu finden. Düfte und Gerüche gibt es nicht in der Natur, sie entstehen erst im Bewusstsein, auf unerklärliche Weise. Auch die grundlegendste aller Fragen, warum das Licht leuchtet und dadurch die Welt erst sichtbar und bewusst macht, lässt sich nicht erklären. Der Physiologe Emil DuBois-Reymond hat 1872 in einem berühmten Vortrag erklärt, dass es nie möglich sein werde, eine solche Erklärung für das Bewusstsein und die Phänomene der Welt zu finden. Dabei machte er eine bemerkenswerte Unterscheidung zwischen Erklären oder Begreifen der Natur und hypothetischer Erkenntnis der Natur: ohne die Emergenz des Geistes aus der Materie funktional vollständig erklären zu können, ist es möglich zu behaupten, dass der Geist der Materie entstammt.

„Ob wir die geistigen Vorgänge aus materiellen Bedingungen je begreifen werden, ist eine Frage ganz verschieden von der, ob diese Vorgänge das Erzeugnis materieller Bedingungen sind. Jene Frage kann verneint werden, ohne daß über diese etwas ausgemacht, geschweige auch sie verneint würde.“

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