Kitabı oku: «In der Sommerfrische»
ANTON PAWLOWITSCH TSCHECHOW (1860–1904) wurde in Taganrog geboren und wuchs dort in ärmlichen Verhältnissen auf. Aufgrund eines Stipendiums konnte er 1879 ein Medizinstudium in Moskau aufnehmen, das er 1884 abschloss. Mit Beginn seines Medizinstudiums widmete er sich auch intensiv seiner schriftstellerischen Tätigkeit und veröffentlichte Humoresken, Kurzgeschichten und Miniaturen in diversen Zeitschriften – zunächst meist unter dem Pseudonym »Antoscha Tschechonté«. Trotz seines Studiums war er als Arzt fast ausschließlich ehrenamtlich tätig – seine Haupteinnahmequelle war die Schriftstellerei. Weltweites Ansehen erlangte er neben seinen zahlreichen Kurzgeschichten vor allem durch seine Bühnenstücke wie Der Kirschgarten, Onkel Wanja, Die Möwe und Die Drei Schwestern. Er starb 1904 im Schwarzwald-Kurort Badenweiler an den Folgen seiner langjährigen Tuberkuloseerkrankung.
Zum Buch
In seinen Kurzgeschichten vermag Tschechow Momentaufnahmen aus dem Leben zu skizzieren und so eindrücklich und lebhaft zu vermitteln, dass der Leser sich in die verschiedensten Lebenssituationen und Menschen im Russland des späten 19. Jahrhunderts versetzt sieht. Bei Tschechow kommen Charaktere jeder sozialen Schicht und Berufsgruppe, jeden Alters und jeder Lebenslage zu Wort – der studierte Arzt schöpft dabei aus seinem Umgang mit Patienten und seinen zahlreichen Reisen. Neben einer Auswahl an Humoresken der frühen 1880er Jahre, in denen man den typisch scherzhaften Ton Tschechows antrifft, sind auch tragische und dramatische Erzählungen seiner späteren Schaffensphase vertreten und geben einen Einblick in die Facetten seines literarischen Werkes.
Anton Tschechow schrieb nicht einen großen russischen Roman à la Tolstoi oder Dostojewski – er schrieb über 250 kleine Erzählungen und beherrschte die Kunst der Kurzgeschichte wie kaum ein anderer. Er gilt damit zu Recht als Meister der russischen Short Story. Dem scherzhaft-ironischen, elegant-klaren Stil seiner Miniaturen, Anekdoten und Alltagsbeobachtungen, dem typischen »Tschechow-Ton«, liegt die unterhaltsame und doch bedeutungsreiche Leichtigkeit besonders seines frühen Erzählwerks zugrunde. Hauptberuflich tätig als Arzt, nutzte er die Erfahrungen im Umgang mit seinen Patienten für seinen zweiten Beruf, den er nicht minder leidenschaftlich ausübte: »Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur – meine Geliebte. Wenn mir die eine auf die Nerven fällt, nächtige ich bei der anderen. Das ist meinetwegen unanständig, aber dafür nicht langweilig.«
»Einer der wenigen Schriftsteller, die man, ähnlich wie Dickens oder Puschkin, immer wieder von neuem Leben kann.« Lew Tolstoi
Anton Tschechow
In der Sommerfrische
Anton Tschechow
In der Sommerfrische
Meistererzählungen
Aus dem Russischen übersetzt
von Alexander Eliasberg und Wladimir Czumikow

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© by marixverlag in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2014
Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2014
Der Text wurde behutsam revidiert nach den Ausgaben München 1920, Leipzig 1901 und 1910
Redaktion: Anna Schloss, marixverlag
Covergestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH Hamburg Berlin
Bildnachweis: © Heidrun Gellrich/fotolia
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0466-0
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»Keine Literatur kann in puncto Zynismus das wirkliche Leben übertreffen.«
Anton Pawlowitsch Tschechow
INHALT
IN SEINEM KLEINEN KOPF IST EINE EIGENE WELT
Eine Bagatelle
Grischa
Zu Hause
Die Jungens
EIN SCHÖNES LEBEN HABEN WIR!
In der Sommerfrische
Der Redner
Ein Glücklicher
Eine schreckliche Nacht
Der Gast
Der Dicke und der Dünne
Aus dem Regen in die Traufe
Das Drama
Mnemotechnik
GEDANKEN AN GLÜCK, GESPRÄCHE ÜBER LIEBE
Die Dame mit dem Hündchen
Agafja
Ohne Auslagen
Was Fräulein N.N. erzählt
DAS INDIVIDUUM NIMMT PLATZ
Plappertasche
Ein bekannter Herr
Der Dramatiker
Die letzte Mohikanerin
Eine Schutzlose
GESCHICHTEN IN GRAU
Wolodja
Der Typhus
Gram
DER MENSCH DENKT UND GOTT LENKT
Die Verleumdung
In den Chambregarnies
Der böse Knabe
Ein Chamäleon
Der Orden
Die Rache
Misslungen
IN SEINEM KLEINEN KOPF IST
EINE EIGENE WELT
Eine Bagatelle
Nikolai Iljitsch Beljajew, ein Petersburger Hausbesitzer und Turfbesucher*, ein wohlgenährter, rosiger junger Mann von etwa zweiunddreißig Jahren, kam eines Spätnachmittags zu Frau Olga Iwanowna Irnina, mit der er ein Verhältnis, oder, wie er es zu nennen pflegte, einen langen und langweiligen Roman hatte. Und in der Tat: die ersten interessanten und begeisterten Kapitel dieses Romans waren durchgelesen; und die Seiten, die nun folgten, zogen sich in die Länge, ohne etwas Neues oder Interessantes zu bieten.
Olga Iwanowna war nicht zu Hause, und unser Held legte sich in Erwartung aufs Sofa im Salon.
»Guten Abend, Nikolai Iljitsch!«, erklang eine Kinderstimme. »Die Mama kommt gleich. Sie ist mit der Sonja zur Schneiderin gegangen.«
Im gleichen Salon lag auf einem anderen Sofa der Sohn Olga Iwanownas, Aljoscha, ein etwa achtjähriger, schlanker, wohlgepflegter Junge, wie nach einem Modebilde mit einer Samtbluse und langen schwarzen Strümpfen bekleidet. Er lag auf einem Atlaskissen und reckte, offenbar einen Akrobaten, den er neulich im Zirkus gesehen hatte, nachahmend, bald den einen und bald den anderen Fuß in die Höhe. Wenn seine schönen Beine ermüdeten, machte er dasselbe mit den Armen, oder sprang hastig auf, stellte sich auf alle Viere und versuchte, sich auf den Kopf zu stellen. Das alles machte er mit dem ernstesten Gesicht, keuchend vor Qual, als wäre er selbst nicht froh, dass der liebe Gott ihm einen so unruhigen Körper gegeben hatte.
»Ach, guten Abend, mein Freund!«, sagte Beljajew. »Bist du da? Ich hatte dich gar nicht bemerkt. Geht es der Mama gut?«
Aljoscha, der mit der rechten Hand die linke Fußspitze ergriffen und die unnatürlichste Pose angenommen hatte, drehte sich um, sprang auf und blickte hinter dem großen, üppigen Lampenschirm Beljajew an.
»Was soll ich Ihnen sagen?«, begann er achselzuckend. »Der Mama geht es eigentlich niemals gut. Sie ist eine Frau, und den Frauen tut doch immer etwas weh.«
Beljajew begann, um sich die Zeit zu vertreiben, Aljoschas Gesicht zu betrachten. Solange er bei Olga Iwanowna verkehrte, hatte er dem Jungen niemals Beachtung geschenkt und seine Existenz förmlich übersehen: da steht so ein Junge herum, doch wozu er da ist und welche Rolle er hier spielt, – daran wollte er nicht einmal denken.
Das in der Abenddämmerung ungewöhnlich bleiche Gesicht Aljoschas mit den schwarzen Augen, die niemals zu zwinkern schienen, erinnerte Beljajew an Olga Iwanowna, wie sie auf den ersten Seiten des Romans gewesen war. Und er fühlte das Verlangen, lieb zu dem Jungen zu sein.
»Komm mal her, Kleiner!«, sagte er ihm. »Ich will dich mal näher anschauen.«
Der Junge sprang vom Sofa und lief zu Beljajew heran.
»Nun?«, begann Nikolai Iljitsch, die Hand auf seine schmächtige Schulter legend. »Wie geht’s?«
»Was soll ich Ihnen sagen? Früher ging es viel besser.«
»Wieso?«
»Sehr einfach! Früher bekamen wir, ich und Sonja, nur Lesen und Klavierübungen auf, und jetzt müssen wir auch noch französische Gedichte auswendig lernen. Sie waren aber neulich beim Friseur!«
»Ja, dieser Tage.«
»Das sehe ich eben. Ihr Bärtchen ist etwas kürzer geworden. Darf ich es anrühren … Es tut doch nicht weh?«
»Nein, es tut nicht weh.«
»Warum tut es weh, wenn man an einem einzigen Härchen zupft, und wenn man an vielen Haaren zugleich zupft, – nicht? Ha – ha! Schade, dass Sie keinen Backenbart tragen. Hier müsste man ausrasieren, und an den Seiten … hier die Haare stehen lassen …«
Der Junge schmiegte sich an Beljajew und begann mit seiner Uhrkette zu spielen.
»Wenn ich aufs Gymnasium komme«, sagte er, »wird mir Mama eine Uhr kaufen. Ich werde sie bitten, dass sie mir auch so eine Uhrkette schenkt … Was für ein Me-dail-lon! Papa hat auch so ein Medaillon, doch auf dem Ihrigen sind hier Streifen, und auf seinem – Buchstaben … Und innen hat er Mamas Bild. Papa hat jetzt eine andere Uhrkette, nicht aus Ringen, sondern wie ein Band …«
»Woher weißt du das? Kommst du denn mit dem Papa zusammen?«
»Ich? N-nein … Ich …«
Aljoscha errötete und begann, auf einer Lüge ertappt, vor lauter Verlegenheit das Medaillon mit dem Fingernagel zu kratzen. Beljajew sah ihn unverwandt an und fragte:
»Siehst du manchmal den Papa?«
»N-ein! …«
»Sprich die Wahrheit, sei aufrichtig … Ich sehe es doch deinem Gesicht an, dass du lügst. Wenn du dich schon einmal verschnappt hast, so mach keine Finten. Sag: siehst du ihn manchmal? Ich frage dich wie ein Freund!«
Aljoscha wurde nachdenklich.
»Sie werden es doch nicht der Mama sagen?«, fragte er.
»Was dir nicht einfällt!«
»Ihr Ehrenwort?«
»Mein Ehrenwort.«
»Schwören Sie!«
»Du bist unerträglich! Für wen hältst du mich denn?«
»Um Gottes willen, sagen Sie es nur nicht der Mama … Erzählen Sie es überhaupt keinem Menschen, denn es ist ein Geheimnis. Wenn es, Gott behüte, die Mama erfährt, so werden wir alle – ich und Sonja und Pelageja was erleben … Hören Sie also. Den Papa sehen wir, ich und Sonja, jeden Dienstag und Freitag. Wenn wir am Vormittag mit der Pelageja spazieren gehen, führt sie uns in die Apfelsche Konditorei, und der Papa erwartet uns schon da … Er sitzt immer in dem kleinen Extrazimmer, Sie wissen, mit dem Marmortisch und der Aschenschale in Form einer Gans ohne Rücken …«
»Was macht ihr denn da?«
»Gar nichts! Zuerst begrüßen wir uns, dann setzen wir uns alle an den Tisch, und Papa lässt uns Kaffee und Pastetchen bringen. Wissen Sie, die Sonja isst Pastetchen mit Fleisch, und ich kann die mit Fleisch nicht ausstehen! Ich liebe die mit Kohl und Eiern. Wir essen uns so voll, dass wir uns später beim Mittagessen bemühen, damit es die Mama nicht merkt, möglichst viel zu essen.«
»Worüber sprecht ihr denn da?«
»Mit dem Papa? Über alles. Er küsst und umarmt uns und erzählt uns verschiedene komische Witze. Wissen Sie, er sagt, dass, wenn wir groß werden, er uns ganz zu sich nehmen wird. Sonja will nicht, aber ich bin einverstanden. Ohne die Mama wird es natürlich langweilig sein, aber ich werde ihr Briefe schreiben! Ich versteh’ es nicht: wir werden sie doch an Feiertagen besuchen können, nicht wahr? Dann hat Papa gesagt, dass er mir ein Pferd kaufen wird. Ein furchtbar guter Mensch! Ich weiß gar nicht, warum ihn die Mama nicht kommen lässt, damit er bei ihr wohnt, und warum sie es nicht haben will, dass wir mit ihm zusammenkommen. Er liebt doch die Mama sehr. Er fragt uns immer aus, wie es der Mama geht und was sie treibt. Als sie krank war, da griff er sich an den Kopf … so! … und lief immer auf und ab. Er bittet uns immer, dass wir ihr folgen und sie ehren. Hören Sie, ist es wahr, dass wir unglücklich sind?«
»Hm … Warum?«
»Der Papa sagt es. Ihr seid, sagt er, unglückliche Kinder. Es ist doch wirklich merkwürdig! Betet, sagt er, zu Gott für euch und für sie.«
Aljoscha heftete seinen Blick auf einen ausgestopften Vogel und wurde nachdenklich.
»So, so«, brummte Beljajew. »So treibt ihr es. Haltet in Konditoreien Versammlungen ab. Und die Mama weiß nichts davon?«
»N–nein … Woher soll sie es wissen. Die Pelageja wird es ihr doch niemals sagen. Vorgestern brachte uns Papa Birnen mit. So süß wie Marmelade! Ich habe zwei Stück gegessen.«
»Hm … Hör einmal … Hat der Papa nichts über mich gesagt?«
»Über Sie? Was soll ich Ihnen sagen …« Aljoscha blickte Beljajew prüfend an und zuckte die Achseln.
»Nein, er hat nichts Besonderes gesagt.«
»Was hat er zum Beispiel gesagt?«
»Werden Sie auch nicht böse sein?«
»Was dir nicht einfällt! Hat er denn auf mich geschimpft?«
»Geschimpft hat er nicht, aber … wissen Sie, er ist Ihnen böse. Er sagt, dass die Mama durch Sie unglücklich geworden ist und dass Sie Mama zugrunde gerichtet haben. Er ist doch so merkwürdig! Ich erkläre ihm, dass Sie gut sind und die Mama niemals anschreien, und er schüttelt nur den Kopf.«
»Hat er das gesagt: dass ich sie zugrunde gerichtet habe?«
»Ja. Seien Sie nur nicht böse, Nikolai Iljitsch!«
Beljajew erhob sich vom Sofa, stand eine Weile da und fing dann an, auf- und abzugehen.
»Es ist sonderbar und … lächerlich!«, brummte er, die Achseln zuckend und höhnisch lächelnd. »Er ist an allem schuld, und ich habe sie zugrunde gerichtet. Wie? Dieses Unschuldslamm! Hat er das wörtlich so gesagt, dass ich die Mama zugrunde gerichtet habe?«
»Ja, aber … Sie haben eben gesagt, dass Sie nicht böse sein werden.«
»Ich bin gar nicht böse und … es ist auch nicht deine Sache! Ich bin der Hereingefallene, und da soll ich auch noch der Schuldige sein!«
Draußen ging die Klingel. Der Junge rannte hinaus. Nach einer Weile trat ins Zimmer eine Dame mit einem kleinen Mädchen: es war Olga Iwanowna, Aljoschas Mutter. Ihr folgte hüpfend, mit den Armen schlenkernd und laut trällernd Aljoscha. Beljajew nickte ihr zu und fuhr fort, auf- und abzugehen.
»Natürlich, wen soll man auch anklagen, wenn nicht mich?«, murmelte er schnaubend. »Er hat recht! Er ist der gekränkte Gatte!«
»Was meinst du eigentlich?«, fragte Olga Iwanowna.
»Was ich meine? Hör’ einmal, was für Dinge dein Herr Gemahl predigt! Ich bin nämlich der Schuft und der Verbrecher. Ich habe dich und die Kinder zugrunde gerichtet. Ihr seid alle unglücklich, und nur ich allein bin so furchtbar glücklich! Furchtbar, furchtbar glücklich!«
»Nikolai, ich verstehe nichts! Was ist los?«
»Hör’ nur, was dieser junge Herr erzählt!«, sagte Beljajew, auf Aljoscha weisend.
Aljoscha wurde erst rot, dann blass, und sein Gesicht verzerrte sich vor Entsetzen.
»Nikolai Iljitsch!«, flüsterte er laut. »Psst!«
Olga Iwanowna blickte erstaunt auf Aljoscha, dann auf Beljajew und dann wieder auf Aljoscha.
»Frag’ ihn nur!«, fuhr Beljajew fort. »Deine Pelageja, diese dumme Gans, geht mit den Kindern in Konditoreien und richtet ihnen Zusammenkünfte mit dem Herrn Papa ein. Es handelt sich aber nicht darum, sondern darum, dass der Herr Papa leidet und ich ein Verbrecher und Schurke bin, der euer Leben zerstört hat!«
»Nikolai Iljitsch!«, stöhnte Aljoscha. »Sie haben doch Ihr Ehrenwort gegeben!«
»Ach, lass mich in Ruh!«, sagte Beljajew, mit der Hand abwehrend. »Hier handelt es sich um etwas Wichtigeres als alle Ehrenworte. Mich empört hier die Heuchelei, die Lüge!«
»Ich verstehe gar nichts!«, versetzte Olga Iwanowna, und in ihren Augen erglänzten Tränen. »Hör’ einmal, Aljoscha«, wandte sie sich an den Sohn: »Kommst du mal mit deinem Vater zusammen?«
Aljoscha hörte nicht auf sie und blickte entsetzt Beljajew an.
»Es kann nicht sein!«, sagte die Mutter. »Ich will mal die Pelageja ins Gebet nehmen.«
Olga Iwanowna ging hinaus.
»Hören Sie, Sie haben doch Ihr Ehrenwort gegeben!«, sagte Aljoscha, am ganzen Leibe zitternd.
Beljajew winkte nur mit der Hand und fuhr fort, auf- und abzugehen. Er dachte nur an die ihm zugefügte Kränkung und merkte nicht mehr die Anwesenheit des Jungen. Er, der erwachsene und ernste Mann hatte ganz andere Sorgen. Aljoscha setzte sich aber in eine Ecke und erzählte mit Entsetzen Sonja, wie man ihn betrogen hatte. Er zitterte, stotterte und weinte; zum ersten Mal in seinem Leben war er so roh mit der Lüge zusammengestoßen; bisher hatte er aber nicht gewusst, dass es in dieser Welt, außer den süßen Birnen, Pasteten und teuren Uhren auch noch vieles andere gibt, wofür seine kindliche Sprache keinen Namen hat.
Grischa
Grischa, ein kleiner dicker, zwei Jahre und acht Monate alter Junge, spaziert mit seiner Wärterin auf der Promenade. Er hat einen langen wattierten Mantel und warme Galoschen an, um seinen Hals ist ein großes Cachenez gebunden und auf dem Kopf sitzt eine große Mütze mit einer zottigen Troddel. Ihm ist sowieso schon heiß, und nun scheint ihm noch die freundliche Aprilsonne gerade in die Augen und kitzelt ihm die Lider.
Seine ganze, unsicher und schüchtern einherschreitende, plumpe Figur drückt äußerste Ratlosigkeit aus.
Bis jetzt hat Grischa nur eine einzige, viereckige Welt gekannt, in deren einer Ecke sein Bett, in der anderen die Lade der Wärterin, in der dritten ein Stuhl steht und in der vierten das Lämpchen vor dem Heiligenbilde glüht. Wirft man einen Blick unter das Bett, so findet man dort eine Puppe mit abgebrochenem Arm und eine Trommel, während hinter der Lade der Wärterin eine ganze Menge verschiedenartiger Dinge liegen: Zwirnrollen, Papierschnitzel, eine Schachtel ohne Deckel und ein invalider Hampelmann. In dieser Welt kann man, außer der Wärterin und Grischa, auch sehr häufig Mama und die Katze sehen. Mama sieht wie eine Puppe aus, und die Katze wie Papas Pelz, nur dass der Pelz keine Augen und keinen Schwanz hat. Aus der Welt, die die Kinderstube genannt wird, führt eine Tür in einen Raum, wo zu Mittag gegessen und Tee getrunken wird. Dort steht der hochbeinige Stuhl Grischas und hängt eine Uhr, die nur dazu da ist, um mit dem Pendel zu schlenkern und zu klingeln. Aus dem Speisezimmer kann man in ein anderes Zimmer treten, in welchem rote Sessel stehen. Dort auf dem Teppich sieht man einen dunklen Fleck, der noch immer die Veranlassung dazu gibt, dass man Grischa mit dem Finger droht. Hinter diesem Zimmer liegt noch ein anderes, in welches Grischa nicht hineingelassen wird und wo ab und zu Papa sich zu schaffen macht. Dieser Papa ist eine außerordentlich rätselhafte Persönlichkeit! Die Wärterin und Mama sind verständlich: sie kleiden Grischa an, füttern ihn und legen ihn zu Bett, aber wozu Papa existiert – das ist unklar. Es gibt noch eine andere rätselhafte Persönlichkeit – die Tante, die Grischa die Trommel geschenkt hat. Bald taucht sie auf, bald verschwindet sie wieder. Wohin verschwindet sie? Grischa hat mehr als einmal unter sein Bett geguckt, hinter die Lade und unter den Diwan, aber dort war sie nicht …
In dieser neuen Welt dagegen, wo die Sonne in die Augen sticht, gibt es so viel Papas, Mamas und Tanten, dass man gar nicht weiß, zu wem man heranlaufen soll. Das Komischste aber und Albernste, das sind – die Pferde. Grischa sieht zu, wie sie ihre Beine bewegen, und kann nichts begreifen. Er sieht die Wärterin an, damit diese ihm das Rätsel löse, aber die Wärterin schweigt.
Plötzlich hört er ein furchtbares Getrampel … Auf der Promenade bewegt sich gerade auf ihn zu in gleichmäßigem Schritt eine Truppe aus dem Schwitzbade zurückkehrender Soldaten mit roten Gesichtern und Birkenquasten unterm Arm. Grischa läuft es vor Schreck kalt über den Rücken und er sieht die Wärterin fragend an: ist das schrecklich? Aber die Wärterin läuft nicht weg und weint nicht, es ist also nicht schrecklich. Grischa begleitet die Soldaten mit den Augen und beginnt selbst im Takt zu schreiten.
Über die Promenade laufen zwei große Katzen mit langen Schnauzen, ausgestreckten Zungen und aufrecht stehenden Schwänzen. Grischa glaubt, dass auch er laufen müsse und läuft den Katzen nach.
»Halt!«, schreit ihm die Wärterin zu, ihn rüde an der Schulter fassend. »Wohin? Wirst Du wohl artig sein!«
Dort sitzt eine Wärterin und hält einen kleinen Trog mit Apfelsinen. Grischa geht an ihr vorbei und nimmt sich, ohne ein Wort zu sagen, eine Apfelsine.
»Was machst Du denn da?«, schreit seine Begleiterin, ihm einen Klaps auf die Hand gebend und die Apfelsine wieder entreißend. »Dummer Jung!«
Jetzt würde Grischa mit Vergnügen ein Glasstückchen aufheben, das ihm unter den Füßen liegt und in der Sonne wie das Lämpchen vor dem Heiligenbilde strahlt. Aber er fürchtet, dass man ihm wieder eins auf die Hand gibt.
»Ich habe die Ehre!«, vernimmt Grischa plötzlich über seinem Ohr eine laute, tiefe Stimme und erblickt einen großen Mann mit glänzenden Knöpfen.
Zu seinem größten Vergnügen reicht dieser Mann der Wärterin die Hand, bleibt mit ihr stehen und beginnt ein Gespräch. Das Leuchten der Sonne, der Lärm der Wagen, die Pferde, die glänzenden Knöpfe, alles das ist so außerordentlich neu und so gar nicht schrecklich, dass Grischas Herz sich mit Wonne erfüllt und er zu lachen beginnt.
»Wollme gehn! Wollme gehn!«, ruft er dem Mann mit den glänzenden Knöpfen zu und zupft ihn am Rock.
»Wohin denn?«, fragt der Mann.
»Wollme gehn!«, beharrt Grischa.
Er möchte sagen, dass es nicht schlecht wäre, auch Papa, Mama und die Katze mitzunehmen, aber seine Zunge sagt etwas ganz anderes, als was sie soll.
Nach einiger Zeit biegt die Wärterin von der Promenade ab und führt Grischa in einen großen Hof, wo noch Schnee liegt. Auch der Mann mit den glänzenden Knöpfen folgt ihnen. Sie gehen den Schneehaufen und Pfützen vorsichtig aus dem Wege, steigen dann eine schmutzige, dunkle Treppe hinauf und treten in ein Zimmer. Dort gibt es viel Rauch, es riecht nach Braten und eine Frau steht am Herd und brät Koteletts. Die Köchin und die Wärterin küssen sich, setzen sich zusammen mit dem Mann auf die Bank und beginnen leise zu sprechen.
Grischa, der warm eingepackt ist, wird es unerträglich heiß und schwül.
»Woher kommt das?«, denkt er, sich umsehend.
Er sieht eine dunkle Lage, Küchengeräte und den Ofen, der wie eine große schwarze Höhle starrt …
»Ma–ma!«, beginnt Grischa zu greinen.
»Nu, nu, nu!«, schreit die Wärterin. »Kannst schon warten!«
Die Köchin stellt eine Flasche auf den Tisch, drei Gläser und einen Kuchen.
Die beiden Frauen und der Mann mit den glänzenden Knöpfen stoßen an, trinken mehrere Mal, und der Mann umarmt bald die Köchin, bald die Wärterin. Dann beginnen sie alle drei leise zu singen.
Grischa streckt die Hände nach dem Kuchen und man gibt ihm ein Stückchen. Er isst und sieht zu, wie die Wärterin trinkt … Er möchte auch trinken.
»Gib! Gib!«, bittet er die Wärterin.
Die Köchin gibt ihm aus ihrem Glase zu nippen. Die Augen treten ihm heraus, er verzieht das Gesicht, hustet und wehrt sich noch lange mit den Armen, während die Köchin ihn betrachtet und lacht.
Nach Hause zurückgekehrt, beginnt Grischa der Mutter, den Wänden und dem Bett zu erzählen, wo er gewesen sei und was er gesehen habe. Er erzählt nicht so sehr mit der Zunge, als mit dem Gesicht und den Händen. Er zeigt, wie die Sonne leuchtet, wie die Pferde laufen, wie der schreckliche Ofen aussieht und wie die Köchin trinkt …
Am Abend kann er nicht einschlafen. Die Soldaten mit den Birkenquasten, die großen Katzen, die Pferde, das Glasstückchen, der Trog mit den Apfelsinen, die glänzenden Knöpfe – alles das drängt sich zusammen und lastet ihm auf dem Gehirn. Er wälzt sich von einer Seite auf die andere, schwatzt und kann seiner Erregung nicht Herr werden, bis er endlich zu weinen anfängt.
»Du fieberst ja!«, sagt die Mama, ihm die flache Hand auf die Stirn legend. »Woher kann denn das kommen?«
»Der Ofen!«, weint Grischa. »Geh weg von hier, Ofen!«
»Er hat wohl zu viel gegessen …«, meint die Mama.
Und Grischa, bewältigt von den Eindrücken des neuen Lebens, das er eben kennen gelernt, erhält von der Mama einen Löffel Rizinusöl.
Zu Hause
»Man ist von den Grigorjews dagewesen, um irgendein Buch zu holen, und ich sagte, Sie seien nicht zu Hause. Der Briefträger brachte die Zeitungen und zwei Briefe. Übrigens möchte ich Sie, Jewgenij Petrowitsch, auf Serjoscha aufmerksam machen. Heute und vorgestern sah ich ihn rauchen. Als ich ihm Vorwürfe machte, hielt er sich, wie immer, die Ohren zu und begann laut zu singen, um meine Stimme zu übertönen.«
Jewgenij Petrowitsch Bykowskij, Staatsanwalt am Kreisgericht, der soeben aus einer Verhandlung heimgekommen war und sich in seinem Kabinett die Handschuhe auszog, blickte die Gouvernante, die ihm dieses meldete, an und lachte.
»Serjoscha raucht …«, sagte er achselzuckend. »Wie mag wohl dieser Knirps mit einer Zigarette im Munde aussehen. Wie alt ist er denn jetzt?«
»Sieben Jahre. Ihnen erscheint es unwichtig, doch in seinem Alter ist das Rauchen eine schlechte und schädliche Angewohnheit, schlechte Angewohnheiten soll man aber gleich am Anfang bekämpfen.«
»Sehr richtig. Und wo nimmt er den Tabak her?«
»Aus Ihrem Schreibtisch.«
»So? In diesem Falle schicken Sie ihn mir einmal her.«
Als die Gouvernante gegangen war, setzte sich Bykowskij in den Sessel vor dem Schreibtisch, schloss die Augen und versank in seine Gedanken. Er stellte sich seinen Serjoscha mit einer riesengroßen, ellenlangen Zigarette im Munde, in ganze Wolken von Tabakrauch gehüllt vor, und diese Karikatur ließ ihn lächeln; zugleich hatte aber das ernste, besorgte Gesicht der Gouvernante in ihm Erinnerungen an die längst vergangene, halb vergessene Zeit wachgerufen, wo das Rauchen in der Schule und im Kinderzimmer den Pädagogen und den Eltern ein eigentümliches, nicht ganz verständliches Grauen einflößte. Es war ein richtiges Grauen. Man züchtigte die Kinder erbarmungslos mit Ruten, relegierte sie von den Schulen und verdarb ihnen das ganze Leben, obwohl keiner der Pädagogen und Väter zu sagen wusste, warum eigentlich das Rauchen so verbrecherisch und schädlich sei. Selbst sehr kluge Menschen unterließen es nicht, gegen ein Laster anzukämpfen, das sie im Grunde gar nicht verstanden. Jewgenij Petrowitsch erinnerte sich seines Gymnasiumdirektors, eines sehr gebildeten und gutmütigen alten Herrn, der beim Anblick eines rauchenden Gymnasiasten immer so furchtbar erschrak, dass er erbleichte, sofort eine außerordentliche Sitzung des Lehrerkollegiums einberief und den Schuldigen zur Dimission verurteilte. Das ist wohl ein Gesetz der menschlichen Gemeinschaft: je unverständlicher ein Übel ist, umso hartnäckiger und roher kämpft man dagegen.
Der Staatsanwalt erinnerte sich auch einiger relegierten Schüler und ihres ferneren Lebenslaufs und musste sich sagen, dass die Strafe oft viel mehr Böses bewirkt, als das Verbrechen selbst. Der lebendige Organismus hat die Fähigkeit, sich schnell an jede Atmosphäre anzupassen und zu gewöhnen, sonst müsste ja der Mensch jeden Augenblick fühlen, welch unvernünftige Grundlage oft die vernünftigste Tätigkeit hat und wie wenig bewusste Wahrheit und Sicherheit in so verantwortungsvollen und in ihren Resultaten schrecklichen Tätigkeiten noch steckt, wie denen eines Pädagogen, eines Richters, eines Literaten …
Derartige verschwommene und leichte Gedanken, wie sie nur in einem ermüdeten, ausruhenden Hirne entstehen können, zogen Jewgenij Petrowitsch durch den Sinn; man weiß nicht, woher und wozu sie kommen, sie verweilen nur kurze Zeit und scheinen sich nur an der Oberfläche des Gehirns zu regen, ohne in seine Tiefe einzudringen. Für Menschen, die verpflichtet sind, ganze Stunden und sogar Tage amtlich und nur in einer bestimmten Richtung zu denken, sind solche freie häusliche Gedanken ein Komfort, eine angenehme Bequemlichkeit.
Es war gegen neun Uhr abends. Oben im ersten Stock ging jemand unaufhörlich auf und ab, und noch höher, im zweiten Stock spielte man vierhändig Tonleitern. Das Auf- und Abgehen des Menschen, der, nach der nervösen Gangart zu schließen, qualvoll an etwas dachte oder Zahnschmerzen hatte, und die eintönigen Tonleitern verliehen der Stille des Abends etwas Einschläferndes und stimmten zu trägen Gedanken. Zwei Zimmer weiter, im Kinderzimmer sprachen die Gouvernante und Serjoscha.
»Der Pa–pa ist gekommen!«, sang der Junge. »Der Papa ist ge–kom–men! Pa! Pa! Pa!«
»Votre père vous appelle, allez vite!«, kreischte die Gouvernante wie ein erschrockener Vogel. »Hören Sie es nicht?«
– Was soll ich ihm aber sagen? – fragte sich Jewgenij Petrowitsch.
Doch ehe er sich etwas zurechtlegen konnte, trat ins Kabinett sein Sohn, der siebenjährige Serjoscha. Es war ein schmächtiges, blasses, gebrechliches Kind, dessen Geschlecht man nur an der Kleidung erkennen konnte. Er war körperlich zart wie eine im Treibhaus gezogene Gemüsepflanze, und alles an ihm schien ungewöhnlich zart und weich: die Bewegungen, das lockige Haar, der Blick, die Samtbluse.
»Guten Abend, Papa!«, sagte er mit weicher Stimme, dem Vater auf den Schoß kletternd und seinen Hals küssend. »Hast du mich gerufen?«
»Bitte, bitte, Sergej Jewgenjewitsch«, erwiderte der Staatsanwalt, ihn leicht zurückstoßend. »Bevor wir uns küssen, müssen wir einmal ernst sprechen … Ich bin dir böse und liebe dich nicht mehr. Merk es dir: ich liebe dich nicht, und du bist mir kein Sohn mehr … Jawohl.«
Serjoscha sah den Vater aufmerksam an, lenkte dann den Blick auf den Tisch und zuckte die Achseln.
»Was hab’ ich dir denn getan?«, fragte er verständnislos, mit den Augen zwinkernd. »Ich war heute kein einziges Mal in deinem Zimmer und habe nichts angerührt.«
»Natalja Semjonowna hat sich soeben beschwert, dass du rauchst … Ist es wahr? Rauchst du wirklich?«
»Ja, ich habe einmal geraucht … Das ist wahr! …«
»Nun siehst du, jetzt lügst du noch obendrein«, sagte der Staatsanwalt, die Stirn runzelnd, um sein Lächeln zu maskieren. »Natalja Semjonowna sah dich zweimal rauchen. Du hast dir also drei Vergehen zuschulden kommen lassen: du rauchst, du nimmst aus der Schublade fremden Tabak und du lügst. Drei Vergehen!«
»Ach, ja–a!«, erinnerte sich Serjoscha und lächelte mit den Augen. »Es ist wahr, es ist wahr! Ich habe zweimal geraucht: heute und früher.«
»Nun siehst du: also nicht einmal, sondern zweimal … Ich bin mit dir sehr, sehr unzufrieden! Früher warst du ein guter Junge, jetzt bist du aber, wie ich sehe, schlecht geworden.«
Jewgenij Petrowitsch zupfte Serjoscha den Kragen zurecht und dachte sich:
– Was soll ich ihm noch sagen? –
»Ja, es ist nicht schön«, fuhr er fort. »Ich hatte es von dir nicht erwartet. Erstens hast du nicht das Recht, fremden Tabak zu nehmen, der dir nicht gehört. Jeder Mensch darf nur über sein eigenes Gut verfügen; wenn er aber fremdes nimmt, so ist er … kein guter Mensch! (– Es ist nicht das Richtige, was ich ihm da sage! – dachte sich Jewgenij Petrowitsch.) Natalja Semjonowna hat zum Beispiel einen Koffer mit Kleidern. Dieser Koffer gehört ihr, und wir, d. h. ich und du, haben nicht das Recht, diesen Koffer anzurühren, denn er gehört nicht uns. Das stimmt doch? Du hast deine Pferdchen und Bildchen … Ich nehme sie doch nicht? Vielleicht möchte ich sie auch nehmen, aber sie gehören nicht mir, sondern dir!«
»Nimm sie, wenn du willst!«, sagte Serjoscha, die Brauen hebend. »Bitte, Papa, genier’ dich nicht, nimm! Das gelbe Hündchen auf deinem Tisch gehört ja auch mir, und doch sage ich nichts … soll es nur hier stehen!«
»Du verstehst mich nicht«, versetzte Bykowskij. »Das Hündchen hast du mir geschenkt, es gehört jetzt mir, und ich darf damit alles tun, was ich will; den Tabak habe ich dir aber nicht geschenkt! Der Tabak gehört mir! (– Ich erkläre es ihm ganz falsch! – dachte sich der Staatsanwalt. – Es ist nicht das Richtige! –) Wenn ich fremden Tabak rauchen will, so muss ich vor allen Dingen um Erlaubnis bitten …« Bykowskij begann, träge einen Satz an den andern hängend und sich der Kindersprache anpassend, seinem Sohne zu erklären, was Eigentum bedeutet. Serjoscha starrte ihm auf die Brust und hörte aufmerksam zu (er liebte es, sich in den Abendstunden mit dem Vater zu unterhalten); dann lehnte er sich gegen den Tisch und fing an, seine kurzsichtigen Augen zusammenkneifend, die Papiere und das Tintenfass zu betrachten. Sein Blick schweifte über den Tisch und blieb am Fläschchen Gummiarabikum hängen.
»Papa, woraus macht man Leim?«, fragte er plötzlich, das Fläschchen zu seinen Augen hebend.
Bykowskij nahm ihm das Fläschchen aus der Hand, stellte es auf seinen Platz und fuhr fort:
»Zweitens rauchst du … Das ist sehr schlimm! Wenn ich rauche, so folgt daraus noch nicht, dass man rauchen darf. Ich rauche und weiß dabei, dass es nicht gut ist, ich mache mir deswegen Vorwürfe und liebe mich nicht … (– Ein guter Pädagog bin ich! – dachte sich der Staatsanwalt.) Der Tabak ist für die Gesundheit sehr schädlich, und jeder, der raucht, stirbt früher, als er sonst hätte sterben sollen. Besonders schädlich ist es aber für so kleine Kinder wie du. Du hast eine schwache Brust und bist noch nicht kräftig genug; bei schwachen Menschen ruft aber der Tabakrauch Schwindsucht und andere Krankheiten hervor. So ist auch Onkel Ignatij an der Schwindsucht gestorben. Hätte er nicht geraucht, so wäre er vielleicht auch heute noch am Leben.«
Serjoscha sah nachdenklich auf die Lampe, berührte mit den Fingern den Lampenschirm und seufzte.
»Onkel Ignatij spielte gut Geige!«, sagte er. »Seine Geige ist jetzt bei den Grigorjews!«
Serjoscha lehnte sich wieder gegen den Tischrand und wurde nachdenklich. Auf seinem blassen Gesicht war ein Ausdruck erstarrt, als lausche er oder verfolge die Entwicklung seiner eigenen Gedanken; Trauer und etwas wie Schreck zeigten sich in seinen großen, unbeweglichen Augen. Wahrscheinlich dachte er jetzt an den Tod, der vor so kurzer Zeit seine Mutter und den Onkel Ignatij geholt hatte. Der Tod bringt die Mutter und die Onkels ins Jenseits, ihre Kinder und Geigen bleiben aber auf der Erde zurück. Die Toten wohnen im Himmel, irgendwo bei den Sternen und blicken von dort auf die Erde herab. Ob sie die Trennung ertragen können?
– Was soll ich ihm sagen? – dachte sich Jewgenij Petrowitsch. – Er hört mir gar nicht zu. Offenbar hält er weder seine Vergehen, noch meine Gründe für wichtig. Wie soll ich es ihm klar machen? –
Der Staatsanwalt erhob sich und fing an, auf- und abzugehen.
– Früher, zu meiner Zeit, wurden solche Fragen höchst einfach gelöst, – dachte er sich. – Jeder Junge, den man beim Rauchen erwischte, bekam seine Tracht Prügel. Die Kleinmütigen und Feigen gaben dann das Rauchen wirklich auf, die Klügeren und Tapferen fingen aber nach der Strafe an, den Tabak im Stiefelschaft zu verwahren und in der Scheune zu rauchen. Und wenn man so einen in der Scheune erwischte und wieder bestrafte, so rauchte er von nun an am Fluss … und so ging es, bis der Junge heranwuchs. Meine Mutter beschenkte mich, um mich vom Rauchen abzuhalten, mit Geld und Süßigkeiten. Heute erscheinen aber alle diese Mittel als nichtig und unmoralisch. Der moderne Pädagoge stellt sich auf den Boden der Logik und bemüht sich, dass das Kind sich die guten Prinzipien nicht aus Angst, nicht aus dem Bestreben, sich auszuzeichnen oder belohnt zu werden, sondern bewusst zu eigen mache. –
Während er auf- und abging und dachte, war Serjoscha mit den Beinen auf den Stuhl gestiegen und hatte zu zeichnen angefangen. Damit er die Geschäftspapiere nicht beschmiere und das Tintenfass nicht anrühre, lagen für ihn ein Stoß eigens für ihn zurechtgeschnittenes Papier und ein Blaustift bereit.
»Die Köchin hackte heute Kraut und schnitt sich dabei in den Finger«, sagte er, ein Häuschen zeichnend und die Brauen bewegend. »Sie schrie dabei so, dass wir alle erschraken und in die Küche liefen. Wie dumm sie ist! Natalja Semjonowna sagt ihr, dass sie den Finger in kaltes Wasser stecken soll, aber sie nimmt ihn in den Mund und saugt … Wie kann man nur den schmutzigen Finger in den Mund nehmen! Papa, das ist doch unanständig!«
Dann erzählte er, dass während des Mittagessens ein Leierkastenmann mit einem kleinen Mädchen in den Hof gekommen war und das Mädchen zu seiner Musik gesungen und getanzt hatte.
– Er hat seine eigenen Gedankengänge! – sagte sich der Staatsanwalt. – In seinem kleinen Kopf ist eine eigene Welt, und er hat seine eigene Anschauung darüber, was wichtig und was unwichtig ist. Um seine Aufmerksamkeit und sein Bewusstsein zu fesseln, genügt es noch nicht, seine kindliche Sprache nachzuahmen; man muss auch auf seine Weise zu denken verstehen. Er verstünde mich sehr gut, wenn der Tabak mir wirklich leid täte, wenn ich mich gekränkt fühlte und weinte. Darum sind auch die Mütter als Erzieherinnen so unersetzlich, weil sie es verstehen, mit den Kindern zu fühlen, zu weinen, zu lachen … Mit der Logik und der Moral kann man aber nichts ausrichten. Was soll ich ihm noch sagen? Was? –
Jewgenij Petrowitsch erschien es sonderbar und komisch, dass er, der gewiegte Jurist, der sich sein halbes Leben lang in allerlei Vorbeugungs- und Strafmaßregeln geübt hatte, auf einmal ratlos war und nicht wusste, was diesem Jungen zu sagen.
»Hör’ mal, gib mir dein Ehrenwort, dass du nicht mehr rauchen wirst«, sagte er.
»Mein Ehrenwort!«, sang Serjoscha, stark auf den Blaustift drückend und sich über die Zeichnung beugend. »Mein E – eh – renwo – ort! Ja! Ja!«
– Weiß er denn auch, was das Ehrenwort bedeutet? – fragte sich Bykowskij. – Nein, ich bin ein schlechter Lehrer! Wenn jetzt irgendein Pädagoge oder Jurist in meinen Kopf hineinblickte, so würde er mich einen Waschlappen nennen und mir übermäßiges Klügeln vorwerfen … Aber in der Schule und vor Gericht werden alle diese verdammten Fragen viel einfacher gelöst als zu Hause: zu Hause hat man es mit Menschen zu tun, die man wahnsinnig liebt, die Liebe ist aber anspruchsvoll und macht die Sache kompliziert. Wäre dieser Junge nicht mein Sohn, sondern mein Schüler oder Angeklagter, so wäre ich nicht so feig und hielte meine Gedanken zusammen! … –
Jewgenij Petrowitsch setzte sich wieder vor den Tisch und nahm eine der Zeichnungen Serjoschas in die Hand. Die Zeichnung stellte ein Haus mit schiefem Dach und mit Rauch dar, der aus den Schornsteinen im Zickzack wie ein Blitz bis an den Rand des Blattes ging; neben dem Hause stand ein Soldat mit Punkten statt Augen und einem Bajonett, das an die Zahl 4 erinnerte.
»Der Mann kann doch nicht größer sein als das Haus«, sagte der Staatsanwalt. »Schau nur: dein Dach reicht dem Soldaten gerade bis an die Schulter.«
Serjoscha kletterte ihm wieder auf den Schoß und rückte lange hin und her, bis er endlich eine bequeme Lage fand.
»Nein, Papa!«, sagte er, nachdem er seine Zeichnung betrachtet. »Wenn du den Soldaten klein zeichnest, wird man seine Augen nicht sehen können.«
Sollte er dem widersprechen? Der Staatsanwalt hatte aus täglichen Beobachtungen an seinem Sohne die Überzeugung gewonnen, dass die Kinder ebenso wie die Wilden ihre eigenen künstlerischen Ansichten und Forderungen haben, die dem Verständnis der Erwachsenen verschlossen sind. Bei aufmerksamer Beobachtung hätte Serjoscha unnormal erscheinen können. Er hielt es für möglich und vernünftig, die Menschen höher als die Häuser zu zeichnen und mit dem Stift außer den Gegenständen auch seine eigenen Empfindungen wiederzugeben. So stellte er die Töne eines Orchesters als sphärische Nebelflecke und das Pfeifen – als einen Spiralfaden dar. In seiner Vorstellung standen die Töne in engen Beziehungen zu den Formen und Farben, und so pflegte er das L immer gelb, das M rot, das A schwarz usw. anzumalen.
Serjoscha gab das Zeichnen auf, rückte noch einmal hin und her, fand eine bequeme Pose und widmete sich dem Barte seines Vaters, zuerst glättete er ihn sorgfältig, dann zerteilte er ihn und versuchte aus ihm einen Backenbart zu machen.
»Jetzt siehst du dem Iwan Stepanowitsch ähnlich«, murmelte er: »und gleich wirst du unserm Portier ähnlich sehen. Papa, warum stehen die Portiers vor den Türen? Um die Diebe nicht hereinzulassen?«
Der Staatsanwalt fühlte auf seinem Gesicht Serjoschas Atem, er berührte mit der Wange jeden Augenblick seine Haare, und es war ihm dabei so warm und weich ums Herz, als ruhte nicht nur seine Hand, sondern auch seine Seele auf Serjoschas Samtbluse. Er sah ihm in die großen dunklen Augen, und es war ihm, als blickten ihn aus diesen Augen auch seine Mutter und seine Frau an und alle, die er je geliebt hatte.
– Nun geh hin und schlage ihn … – dachte er sich. – Denk’ dir für ihn eine Strafe aus! Nein, was bin ich für ein Erzieher! Früher waren die Menschen einfacher, sie grübelten weniger und lösten darum solche Fragen tapfer. Wir aber grübeln zu viel, die Logik hat uns vergiftet … Je intelligenter ein Mensch ist, je mehr er grübelt und ins Detail geht, um so unentschlossener und befangener ist er und umso ängstlicher macht er sich an die Sache. Und in der Tat, wenn man es so bedenkt, wie viel Mut und Selbstvertrauen muss man haben, um es zu unternehmen, einen Menschen zu belehren und zu richten oder ein dickes Buch zu schreiben … –
Es schlug zehn.
»Nun, Kind, es ist Zeit für dich«, sagte der Staatsanwalt. »Sag’ gute Nacht und geh’ zu Bett.«
»Nein, Papa«, erwiderte Serjoscha mit einer Grimasse, »ich bleib’ noch ein wenig bei dir. Erzähl’ mir etwas! Erzähl’ mir ein Märchen.«
»Gut, aber gleich nach dem Märchen gehst du zu Bett.«
Jewgenij Petrowitsch pflegte Serjoscha an seinen freien Abenden Märchen zu erzählen. Wie die meisten vielbeschäftigten Menschen, hatte er kein einziges Gedicht im Kopf und kannte kein einziges Märchen, so dass er immer improvisieren musste. Gewöhnlich fing er ganz nach der Schablone an: »In einem gewissen Königreiche …« Und weiter häufte er allerlei harmlosen Unsinn an und wusste zu Beginn der Geschichte nie, wie die Mitte und der Schluss ausfallen würden. Er nahm die Bilder, Personen und Situationen aufs Geratewohl, und die Handlung und die Moral ergaben sich irgendwie ganz von selbst, ganz ohne Zutun des Erzählers. Serjoscha liebte solche Improvisationen, und der Staatsanwalt merkte, dass je anspruchsloser und einfacher die Handlung war, sie auf den Jungen einen umso stärkeren Eindruck machte.
»Also hör’ zu«, begann er, die Augen zur Decke hebend. »In einem gewissen Königreiche lebte einmal ein alter, uralter König mit einem langen grauen Bart und … einem so langen Schnurrbart. Er lebte also in einem gläsernen Schlosse, das in der Sonne wie ein großes Stück Eis glänzte und funkelte. Das Schloss aber, mein Lieber, stand in einem riesengroßen Garten, und im Garten wuchsen, weißt du, Apfelsinen, Bergamottbirnen … Kirschen … blühten Tulpen, Rosen, Maiglöckchen und sangen bunte Vögel … Ja … An den Bäumen hingen gläserne Glöckchen, die im Winde so wunderbar tönten, dass es eine Wonne war, zuzuhören … Glas klingt nämlich viel sanfter und zarter als Metall … Nun, und was gab’s da noch? Im Garten sprangen Fontänen … Weißt du noch? du hast auf dem Lande bei Tante Sonja eine Fontäne gesehen? Also solche Fontänen sprangen im Garten des Königs, aber sie waren noch viel größer, und die Wasserstrahlen reichten bis zu den Wipfeln der höchsten Pappeln hinauf.«
Jewgenij Petrowitsch dachte eine Weile nach und fuhr fort:
»Der alte König hatte einen einzigen Sohn und Thronerben, einen ebenso kleinen Jungen wie du. Er war niemals unartig, ging immer früh zu Bett, rührte nichts auf dem Tische an und … und war überhaupt ein kluger Junge. Er hatte aber einen Fehler: – er rauchte …«
Serjoscha hörte gespannt zu und blickte dem Vater, ohne zu zwinkern, in die Augen. Der Staatsanwalt fuhr fort und fragte sich: – Was weiter? – Er zog die Geschichte sehr in die Länge, trat alles breit und endete so:
»Der Prinz wurde vom Rauchen schwindsüchtig und starb, als er erst zwanzig Jahre alt war. Der kranke, alte Vater blieb ohne jede Hilfe. Es war niemand da, um das Königreich zu regieren und das Schloss zu verteidigen. Da kamen die Feinde, töteten den Alten, zerstörten das Schloss, und jetzt gibt es im Garten weder die Kirschbäume, noch die Vögel, noch die Glasglocken. Ja, so ist’s, mein Lieber …«
Dieser Schluss kam Jewgenij Petrowitsch selbst lächerlich und naiv vor, aber auf Serjoscha machte das Märchen einen starken Eindruck. Seine Augen waren wieder von Trauer und etwas wie Entsetzen verschleiert; er blickte eine Weile auf das dunkle Fenster, fuhr dann zusammen und sagte mit verzagter Stimme:
»Ich werde nicht mehr rauchen …«
Als er sich verabschiedet hatte und gegangen war, ging sein Vater langsam auf und ab und lächelte.
– Man wird sagen, dass es die schöne künstlerische Form war, was auf ihn diesen Eindruck machte, – dachte er sich: – meinetwegen, aber das ist kein Trost. Das ist trotz allem nicht das richtige Mittel … Warum müssen die Wahrheit und die Moral nicht in ihrer rohen Form, sondern unbedingt mit Beimischungen, wie die Pillen verzuckert und vergoldet, dargereicht werden? Das ist nicht normal … Fälschung, Betrug … Kunststücke … –
Er dachte an die Geschworenen, denen man unbedingt eine »Rede« halten muss, an das große Publikum, das die Weltgeschichte nur aus Heldengesängen und historischen Romanen kennt, und an sich selbst, der er seine ganze Lebensauffassung nicht aus Predigten und Gesetzen, sondern aus Fabeln, Romanen und Gedichten geschöpft hatte …
– Die Arznei muss süß sein, und die Wahrheit schön … Und das hat sich der Mensch seit Adams Zeiten eingeredet … Übrigens … vielleicht ist das auch natürlich und muss so sein … Gibt es denn in der Natur wenig zweckmäßige Täuschungen und Illusionen?
Er machte sich an die Arbeit, aber die trägen, häuslichen Gedanken regten sich noch lange in seinem Kopfe. Die Tonleitern im zweiten Stock waren nicht mehr zu hören, doch der Bewohner des ersten Stocks ging noch immer auf und ab …
Die Jungens
»Wolodja ist gekommen!«, rief jemand auf dem Hofe. »Woloditschka ist gekommen!«, schrie Natalja, ins Esszimmer hereinlaufend.
Die ganze Familie Koroljow, die ihren Wolodja von Stunde zu Stunde erwartete, stürzte zu den Fenstern. Vor der Haustür hielt ein breiter Schlitten, und vom weißen Dreigespann stieg dichter Nebel auf. Der Schlitten war leer, weil Wolodja schon im Flur stand und mit seinen roten, erfrorenen Fingern den Baschlyk aufband. Sein Gymnasiastenmantel, die Mütze, die Galoschen und die Haare auf seinen Schläfen waren mit Reif bedeckt, und er selbst duftete vom Kopf bis zu den Füßen so appetitlich nach Kälte, dass man, wenn man ihn ansah, den Wunsch hatte, einmal durchzufrieren und »brr!« zu rufen. Die Mutter und die Tante fielen über ihn her und fingen an, ihn zu küssen. Natalja kniete vor ihm nieder und zog ihm die Filzstiefel von den Füßen, die Schwestern kreischten, die Türen knarrten und klopften, und Wolodjas Vater lief in Hemdsärmeln, eine Schere in der Hand, in den Flur und rief erschrocken:
»Wir hatten dich aber schon gestern erwartet! Bist du gut angekommen? Wohlbehalten? Du lieber Gott, lasst ihn doch den Vater begrüßen! Oder bin ich nicht sein Vater?«
»Wau! Wau!«, brüllte im Bass Mylord, ein riesengroßer schwarzer Hund, mit dem Schwanz an die Wände und Möbel klopfend.
Alles vermischte sich zu einem einzigen freudigen Laut, der an die zwei Minuten anhielt. Als der erste Freudenausbruch vorbei war, merkten die Koroljows, dass sich im Flur außer Wolodja noch ein anderer in Tücher, Schals und Baschlyks eingewickelter, mit Reif bedeckter kleiner Mann befand. Er stand unbeweglich in einer Ecke, im Schatten, den ein großer Fuchspelz warf.
»Woloditschka, wer ist denn das?«, fragte die Mutter im Flüsterton.
»Ach!«, erinnerte sich plötzlich Wolodja. »Ich habe die Ehre vorzustellen, es ist mein Freund Tschetschewizyn, Schüler der zweiten Klasse … Ich habe ihn als Gast mitgebracht.«
»Sehr angenehm, ich heiße Sie willkommen!«, sagte der Vater erfreut. »Entschuldigen Sie, ich bin nicht angezogen, ohne Rock. Treten Sie doch näher! Natalja, hilf dem Herrn Tschetschewizyn aus dem Mantel! Mein Gott, jagt doch diesen Hund hinaus! Es ist eine Strafe Gottes!«
Eine Weile später saßen Wolodja und sein Freund Tschetschewizyn, durch den stürmischen Empfang betäubt und noch immer rosig vor Kälte, am Tisch und tranken Tee. Die Wintersonne schien durch den Schnee und die Eisblumen an den Fenstern herein, zitterte auf dem Samowar und badete ihre reinen Strahlen im Spülnapf. Im Zimmer war es warm, und die Jungen fühlten, wie in ihren durchfrorenen Körpern, ohne einander nachzugeben, sich kitzelnd die Wärme und die Kälte regten.
»Nun, bald haben wir Weihnachten!«, sagte in singendem Tonfalle der Vater, sich aus dunkelgelbem Tabak eine Zigarette drehend. »Und ist es lange her, dass wir Sommer hatten und die Mutter beim Abschied von dir weinte? Und jetzt bist du wieder da … Schnell vergeht die Zeit, mein Bester. Eh’ du dich versiehst, ist schon das Alter da. Herr Tschibissow, greifen Sie doch bitte zu, seien Sie ganz ungeniert! Bei uns geht es einfach zu.«
Die drei Schwestern Wolodjas, Katja, Sonja und Mascha, – die älteste von ihnen war erst elf – saßen am Tisch und blickten unverwandt den neuen Bekannten an. Tschetschewizyn war ebenso alt und groß wie Wolodja, doch weniger voll und weiß; er war sehr schmächtig und hatte ein dunkles, sommersprossenbedecktes Gesicht. Seine Haare waren struppig, die Augen enggeschlitzt, die Lippen dick; er war überhaupt nicht schön, und wenn er nicht die Gymnasiastenuniform anhätte, könnte man ihn für den Sohn einer Köchin halten. Er blickte finster drein, schwieg die ganze Zeit und lächelte kein einziges Mal. Die Mädchen sagten sich gleich auf den ersten Blick, dass er ein sehr kluger und gelehrter Mann sein müsse. Er dachte die ganze Zeit über etwas nach und war so in seine Gedanken vertieft, dass er, wenn man an ihn irgendeine Frage richtete, zusammenfuhr, den Kopf schüttelte und um Wiederholung der Frage ersuchte.
Die Mädchen merkten, dass auch Wolodja, der sonst immer so lustig und gesprächig gewesen war, diesmal sehr wenig sprach, gar nicht lächelte und gar nicht froh darüber zu sein schien, dass er nach Hause zurückgekehrt war. Während des Teetrinkens wandte er sich an die Schwestern nur ein einziges Mal, und zwar mit sehr seltsamen Worten. Er zeigte mit dem Finger auf den Samowar und sagte:
»In Kalifornien trinkt man aber statt Tee – Gin.«
Auch er schien mit irgendwelchen Gedanken beschäftigt, und nach den Blicken, die er zuweilen mit seinem Freunde Tschetschewizyn wechselte, zu schließen, hatten beide Jungen die gleichen Gedanken.
Nach dem Tee gingen alle ins Kinderzimmer. Der Vater und die Mädchen setzten sich an den Tisch und machten sich wieder an die Arbeit, die durch die Ankunft der Jungen unterbrochen worden war. Sie fertigten aus Buntpapier Blumen und Fransen für den Weihnachtsbaum an. Die Arbeit war interessant, und es ging dabei recht laut zu. Die Mädchen begrüßten jede neu angefertigte Blume mit begeisterten Schreien, selbst mit Rufen des Entsetzens, als wäre die Blume vom Himmel gefallen; auch der Herr Papa geriet oft in Begeisterung und warf mitunter seine Schere zu Boden aus Ärger, dass sie stumpf sei. Die Mama stürzte ab und zu mit besorgtem Gesicht ins Kinderzimmer und fragte:
»Wer hat meine Schere genommen? Iwan Nikolajitsch, hast du wieder meine Schere genommen?«
»Du lieber Gott, selbst die Schere gönnt man einem nicht!«, antwortete Iwan Nikolajitsch mit weinerlicher Stimme. Er warf sich in die Stuhllehne zurück und nahm die Pose eines schwer gekränkten Menschen an; aber nach einer Minute war er schon wieder in heller Begeisterung.
Bei seinen früheren Besuchen pflegte sich Wolodja an allen diesen Vorbereitungen zu beteiligen oder in den Hof zu laufen, um zuzusehen, wie der Kutscher und der Hirt den Schneeberg zum Rodeln machten; jetzt aber schenkte er, ebenso wie Tschetschewizyn dem Buntpapier nicht die geringste Beachtung; sie gingen sogar kein einziges Mal in den Pferdestall, sondern setzten sich gleich ans Fenster und begannen zu tuscheln. Dann schlugen sie einen Geographieatlas auf und vertieften sich in die Betrachtung einer Karte.
»Zuerst nach Perm …«, sagte leise Tschetschewizyn: »Von dort nach Tjumen … dann nach Tomsk … dann … dann … nach Kamtschatka … Von dort bringen uns die Samojeden mit Booten über die Beringstraße … Und dann sind wir gleich in Amerika. Dort gibt es viele Pelztiere.«
»Und Kalifornien?«, fragte Wolodja.
»Kalifornien ist weiter unten … Wenn wir einmal in Amerika sind, so ist’s auch nach Kalifornien nicht mehr weit. Und den Unterhalt erwerben wir uns durch Jagd und Raub.«
Tschetschewizyn ging den Mädchen den ganzen Tag aus dem Wege und blickte sie unfreundlich an. Nach dem Abendtee blieb er aber zufällig an die fünf Minuten mit ihnen allein. Da er sich schämte, noch länger zu schweigen, hüstelte er streng, rieb sich mit der rechten Hand den linken Arm, blickte Katja finster an und fragte:
»Haben Sie den Main-Reed gelesen?«
»Nein … Hören Sie, können Sie Schlittschuh laufen?«
Tschetschewizyn war aber schon wieder in seine Gedanken vertieft und gab keine Antwort. Er blähte nur die Backen auf und gab einen solchen Laut von sich, als ob er es sehr heiß hätte. Er blickte Katja noch einmal an und sagte:
»Wenn die Büffelherde durch die Pampas rennt, so zittert die Erde, und die erschrockenen Mustangs schlagen aus und wiehern.«
Tschetschewizyn lächelte wehmütig und fügte hinzu:
»Und die Indianer überfallen die Züge. Am schlimmsten sind aber die Moskitos und die Termiten.«
»Was ist denn das?«
»Eine Art Ameisen, doch mit Flügeln. Die beißen furchtbar. Wissen Sie, wer ich bin?«
»Herr Tschetschewizyn.«
»Nein. Montigomo, die Habichtkralle, der Häuptling der Unbesiegbaren.«
Mascha, die Jüngste, sah ihn erst an, blickte dann auf das Fenster, hinter dem es schon dunkelte, und sagte nachdenklich:
»Und wir haben gestern Linsen gehabt.«
Die absolut unverständlichen Worte Tschetschewizyns, und dass er immer mit Wolodja tuschelte, und dass Wolodja nicht mehr spielte, sondern über etwas nachdachte, – all das war rätselhaft und seltsam. Die beiden älteren Mädchen, Katja und Sonja fingen nun an, die Jungens aufmerksam zu beobachten. Wenn die Jungens abends zu Bett gingen, schlichen die beiden Mädchen zur Tür und horchten. Ach, was sie da hören mussten! Die Jungens wollten irgendwohin nach Amerika, um Gold zu graben und hatten schon alles für die Reise fertig: eine Pistole, zwei Messer, Zwieback, ein Vergrößerungsglas, um Feuer zu machen, einen Kompass und vier Rubel bar. Sie erfuhren, dass die Jungens einige tausend Werst zu Fuß zu gehen hatten; unterwegs mussten sie mit Tigern und mit Wilden kämpfen, dann Gold graben, Elfenbein erbeuten, Feinde töten, Seeräuber sein, Gin trinken und schließlich schöne Frauen heiraten und Pflanzungen bearbeiten. Wolodja und Tschetschewizyn unterbrachen einander immer vor lauter Begeisterung. Tschetschewizyn nannte sich dabei »Montigomo, die Habichtsklaue« und seinen Freund Wolodja – »Bruder Blassgesicht«.
»Pass auf, erzähl’ nichts der Mama«, sagte Katja zu Sonja vor dem Zubettgehen. »Wolodja bringt uns aus Amerika Gold und Elfenbein mit; wenn du es aber der Mama sagst, lässt man ihn nicht gehen.«
Einen Tag vor dem Christabend studierte Tschetschewizyn den ganzen Tag die Karte von Asien und schrieb sich etwas auf; Wolodja aber ging matt und mit aufgeschwollenem Gesicht, wie von einer Biene gestochen, von Zimmer zu Zimmer, blickte finster drein und wollte nichts essen. Einmal blieb er im Kinderzimmer vor dem Heiligenbilde stehen, bekreuzigte sich und sagte:
»Herr, vergib mir die Sünde! Herr, beschütze meine arme, unglückliche Mama!«
Gegen Abend fing er zu weinen an. Vor dem Schlafengehen umarmte er den Vater, die Mutter und die Schwestern ungewöhnlich lange. Katja und Sonja wussten gut, warum er so war, aber die Jüngste, Mascha, verstand gar nichts, absolut nichts; nur als sie den Tschetschewizyn ansah, wurde sie nachdenklich und sagte aufseufzend:
»An Fasttagen, sagt die Kinderfrau, muss man Erbsen und Linsen essen.«
Am nächsten Morgen standen Katja und Sonja früh auf und schlichen leise zur Tür, um zu sehen, wie die Jungens nach Amerika durchbrennen.
»Du fährst also nicht mit?«, fragte Tschetschewizyn böse: »Sag: du fährst nicht mit?«
»Mein Gott!«, wimmerte Wolodja leise. »Wie soll ich fahren? Die Mama tut mir leid.«
»Bruder Blassgesicht, ich bitte dich, komm mit! Du hast doch selbst beteuert, dass du hingehst, hast mich überredet, und jetzt, wo man aufbrechen muss, hast du plötzlich Angst bekommen.«
»Ich … ich hab’ keine Angst … mir tut nur die Mama leid.«
»Sag: kommst du mit oder nicht?«
»Ja, ich komm schon mit … aber nicht gleich. Ich will noch ein wenig zu Hause bleiben.«
»In diesem Falle fahre ich allein!«, sagte Tschetschewizyn entschieden. »Werde auch ohne dich auskommen. Und du wolltest noch Tiger jagen und kämpfen! Gib mir meine Zündblättchen zurück!«
Wolodja weinte so laut, dass seine Schwestern sich nicht länger beherrschen konnten und gleichfalls in Tränen ausbrachen. Dann wurde alles still.
»Du kommst also nicht mit?«, fragte Tschetschewizyn wieder.
»Ich … ich komme mit.«
»Dann zieh dich an!«
Um Wolodja endgültig zu überreden, lobte Tschetschewizyn Amerika, brüllte wie ein Tiger, mimte ein Dampfschiff, fluchte und versprach Wolodja das ganze Elfenbein und alle Tiger- und Löwenfelle.
Dieser schmächtige Junge mit dem dunklen Gesicht, mit den struppigen Haaren und Sommersprossen erschien den Mädchen als ein ungewöhnlicher, hervorragender Mensch. Er war ein Held, ein entschlossener, furchtloser Mann und verstand so zu brüllen, dass man, hinter der Tür stehend, wirklich glauben konnte, es sei ein Löwe oder ein Tiger.
Als die Mädchen wieder in ihrem Zimmer waren und sich ankleideten, sagte Katja mit Tränen in den Augen:
»Ach, ich habe solche Angst!«
Bis zwei Uhr, als man sich zu Tisch setzte, war alles ruhig, doch da zeigte es sich, dass die Jungens verschwunden waren. Man schickte ins Dienstbotenzimmer, nach dem Pferdestall, zum Gutsverwalter – sie waren nirgends zu finden. Man schickte aufs Dorf – auch dort waren sie nicht. Auch den Tee trank man ohne sie, und als man sich zum Abendessen setzte, war die Mama sehr unruhig und weinte. Nachts suchte man wieder im Dorfe und ging mit Laternen zum Fluss. Mein Gott, das war eine Unruhe!
Am andern Tag kam der Polizeiwachtmeister gefahren, und im Esszimmer wurde irgendein Papier aufgesetzt. Die Mama weinte.
Da hielt aber schon vor der Haustür ein breiter Schlitten, und vom weißen Dreigespann stieg dichter Nebel auf.
»Wolodja ist gekommen!«, rief jemand auf dem Hofe.
»Woloditschka ist gekommen!«, schrie Natalja, ins Esszimmer stürzend.
Auch Mylord brüllte »Wau! wau!« Es stellte sich heraus, dass man die Jungens in der Stadt, im Kaufhause angehalten hatte (sie gingen von Laden zu Laden und fragten überall, wo man Schießpulver kaufen könne). Als Wolodja in den Flur trat, fiel er der Mutter um den Hals und brach in Tränen aus. Die Mädchen zitterten und dachten mit Schrecken, was jetzt wohl kommen würde. Sie hörten, wie der Papa sich mit Wolodja und Tschetschewizyn auf sein Zimmer zurückzog und mit ihnen lange sprach; auch die Mama redete und weinte.
»Darf man denn das?«, ermahnte der Papa. »Wenn man es, Gott behüte, im Gymnasium erfährt, relegiert man euch beide. Sie sollten sich schämen, Herr Tschetschewizyn! Es ist nicht schön! Sie sind der Rädelsführer, und ich hoffe, dass Ihre Eltern Sie bestrafen werden. Darf man denn das? Wo habt ihr übernachtet?«
»Auf dem Bahnhofe!«, erwiderte Tschetschewizyn stolz.
Wolodja musste liegen und bekam Essigkompressen um den Kopf. Man telegraphierte irgendwohin, und am nächsten Tag erschien eine Dame, die Mutter Tschetschewizyns, und holte ihren Sohn ab.
Tschetschewizyn zeigte vor der Abreise eine strenge, hochmütige Miene und sagte beim Abschied zu den Mädchen kein Wort; er ließ sich nur von Katja ihr Heft geben und schrieb ihr zum Andenken hinein:
»Montigomo, die Habichtskralle.«
EIN SCHÖNES LEBEN HABEN WIR!
In der Sommerfrische
Aus dem Eisenbahnperron einer Sommerfrische spazierte ein jungverheiratetes Pärchen. Er fasste sie um die Taille, sie drückte sich fest an ihn, und beide waren glücklich. Hinter den Wolkenfetzen hervor blickte der Mond auf sie herab und machte ein finsteres Gesicht: wahrscheinlich war er neidisch und ärgerlich über seine langweilige, unnütze Junggesellenexistenz. Die regungslose Luft war von dem Duft des Flieders und Faulbaums gesättigt. Irgendwo jenseits der Schienen rief eine Schnarrwachtel …
»Wie schön, Sascha, wie schön es ist!«, sprach die Frau. »Man könnte wirklich glauben, dass das alles ein Traum ist. Sieh nur, wie gemütlich und freundlich dieses Wäldchen dreinschaut! Wie lieb sind diese soliden, schweigsamen Telegraphenpfosten! Sie beleben die Landschaft, Sascha, und sagen uns, dass es dort, irgendwo in der Ferne, Menschen gibt … Zivilisation … Und ist es nicht schön, wenn der Wind uns leise das Geräusch des nahenden Zuges zuträgt?«
»Ja … Was Du übrigens für heiße Hände hast! Das kommt, weil Du Dich aufregst, Warja … Was haben wir heute zum Abendessen?«
»Vinegrette und Hühnchen … Für uns zwei langt ein Hühnchen. Für Dich sind aus der Stadt noch Sardinen und Störrücken geholt.«
Der Mond versteckte sich hinter einer Wolke, als hätte er Tabak geschnupft. Das Glück der Menschen erinnerte ihn an seine Einsamkeit, an sein einsames Bett hinter Wäldern und Tälern …
»Der Zug kommt!«, sagte Warja. »Wie schön!«
In der Ferne zeigten sich drei feurige Augen. Auf den Bahnsteig kam der Vorsteher der Halbstation heraus. Auf den Schienen blinkten hier und dort die Signallichter.
»Wir wollen den Zug abwarten und dann nach Hause gehen«, sagte Sascha und gähnte. »Ein schönes Leben haben wir beide, Warja, so schön, dass es beinahe unwahrscheinlich ist!«
Das finstere Scheusal kroch lautlos an den Bahnsteig heran und hielt. In den halberleuchteten Fenstern der Waggons zeigten sich verschlafene Gesichter, Schultern, Hüte …
»Ach! Ach!«, schallte es aus einem Waggon, »Warja und ihr Mann holen uns ab! Da sind sie! Warenjka! … Warenjka! Ach!«
Aus dem Waggon sprangen zwei kleine Mädchen und blieben an Warjas Halse hängen. Hinter ihnen erschienen eine beleibte reifere Dame, ein hoher, magerer Herr mit grauem Backenbart, dann zwei mit Gepäck beladene Gymnasiasten, hinter den Gymnasiasten die Gouvernante, hinter der Gouvernante die Großmutter.
»Da sind wir, da sind wir, mein Lieber!«, begann der Herr mit dem Backenbart, Sascha die Hand drückend. »Habt wohl lange gewartet! Über den Onkel geschimpft, dass er nicht kommt! – Kolja, Kostja, Nina, Fisa … Kinder! Gebt Vetter Sascha einen Kuss! – Kommen alle zu Dir, mit Kind und Kegel, und zwar gleich auf drei – vier Tage. Wir genieren Dich doch hoffentlich nicht? Bitte, nur keine Umstände.«
Als das Ehepaar den Onkel mit seiner Familie erblickte, fuhr ihm der Schreck in die Glieder.
Während der Onkel sprach und sich küsste, erstand in Saschas Phantasie folgendes Bild: er und seine Frau überlassen den Gästen ihre drei Zimmer, ihre Bettdecken, ihre Kissen; der Störrücken, die Sardinen und das Vinegrette werden in einer Sekunde verspeist; die Vetter reißen die Blumen ab, gießen Tinte über, lärmen; die Tante spricht den ganzen Tag von ihrer Krankheit – Bandwurm und Schmerzen unter der Herzgrube – und davon, dass sie eine geborene Baronesse von Fintich sei …
Und Sascha blickte bereits voll Hass auf seine junge Frau und flüsterte ihr zu:
»Sie sind zu Dir gekommen … dass sie der Teufel hole!«
»Nein zu Dir!«, antwortete sie, blass und ebenfalls voll Hass und Bitterkeit. »Das sind nicht meine, sondern Deine Verwandten!«
Und sich zu den Gästen wendend, sagte sie mit liebenswürdigem Lächeln:
»Bitte schön! Willkommen!«
Hinter der Wolke hervor zeigte sich wieder der Mond. Er schien zu lächeln. Er schien vergnügt, dass er keine Verwandten hatte.
Sascha aber wandte sich ab, um vor den Gästen sein böses, verzweifeltes Gesicht zu verbergen und sagte mit forciert-freudiger, gut gelaunter Stimme:
»Wir bitten sehr! Seid willkommen, als unsere lieben Gäste!«
Der Redner
Eines schönen Morgens beerdigte man den Kollegienassessor Kirill Iwanowitsch Wawilonow, der an zwei Krankheiten, die in unserem Vaterlande besonders verbreitet sind, gestorben war: an einer bösen Frau und am Alkoholismus. Als der Leichenzug sich von der Kirche zum Friedhofe in Bewegung setzte, nahm einer der Kollegen des Verstorbenen, ein gewisser Poplawskij eine Droschke und fuhr zu seinem Freund Grigorij Petrowitsch Sapojkin, einem noch jungen, aber schon recht populären Herrn. Sapojkin hat, wie es vielen meiner Leser schon bekannt ist, die seltene Gabe, Hochzeits-, Jubiläums- und Grabreden aus dem Stegreif zu halten. Er kann in jedem Zustande reden: wenn man ihn aus dem Schlafe weckt, auf den nüchternen Magen, besoffen und im Fieber. Seine Reden fließen ebenso gleichmäßig und reichlich dahin wie das Wasser aus einer Regentraufe; in seinem Vokabular gibt es viel mehr rührende Worte als in einem beliebigen Wirtshause Kakerlaken. Er spricht immer geschraubt und so lang, dass man zuweilen, besonders bei Hochzeiten in Kaufmannsfamilien die Hilfe der Polizei anrufen muss, um ihn zum Schweigen zu bringen.
»Ich komme zu dir mit einer Bitte, Bruder!«, begann Poplawskij, als er ihn zu Hause angetroffen hatte. »Zieh dich augenblicklich an und komme mit mir. Einer von den Unsrigen ist gestorben, wir geben ihm eben das letzte Geleite, also muss man zum Abschied irgendein Blech zusammenreden … Du bist unsere einzige Hoffnung. Wenn einer von den kleineren Beamten gestorben wäre, hätte ich dich nicht belästigt; es ist aber der Sekretär, sozusagen der Grundpfeiler der ganzen Kanzlei. So einen Kerl kann man doch wirklich nicht ohne eine Rede beerdigen.«
»Ach so, der Sekretär!«, versetzte Sapojkin gähnend. »Der Trunkenbold?«
»Ja, der Trunkenbold. Es wird Pfannkuchen geben und noch mancherlei … die Droschke kriegst du bezahlt. Komm mit, Liebster! Du wirst am Grabe etwas im Stile Ciceros vorquatschen, und der Dank wird nicht ausbleiben!«
Sapojkin ging darauf gerne ein. Er zerzauste sich das Haar, nahm einen melancholischen Gesichtsausdruck an und trat mit Poplawskij auf die Straße.
»Ich kenne euren Sekretär«, sagte er, in die Droschke steigend. »Ein Spitzbube und eine Bestie war er, Gott hab’ ihn selig, wie man nicht so bald einen zweiten findet.«
»Grischa, auf einen Toten schimpft man doch nicht!«
»Ja, gewiss, aut mortuis nihil bene, aber er war doch ein Gauner.«
Die beiden Freunde holten den Leichenzug ein und gesellten sich zur Prozession. Diese bewegte sich so langsam, dass Poplawskij und Sapojkin unterwegs Zeit hatten, dreimal in Wirtshäuser einzukehren und für das Seelenheil des Verstorbenen je ein Glas Schnaps zu trinken.
Auf dem Friedhofe wurde eine Messe gelesen. Die Schwiegermutter, die Witwe und die Schwägerin vergossen der Sitte gemäß viele Tränen. Als der Sarg ins Grab versenkt wurde, schrie die Witwe sogar auf: »Lasst mich zu ihm!« Sie folgte ihm aber doch nicht ins Grab, wahrscheinlich, weil sie sich der Pension erinnerte. Als alles still geworden war, trat Sapojkin vor, ließ seine Blicke im Kreise schweifen und begann:
»Soll ich meinen Augen und Ohren trauen? Ist nicht dieser Sarg, sind nicht diese verweinten Gesichter, diese Seufzer und Klagerufe nur ein schrecklicher Traum? Doch ach, es ist kein Traum, und unsere Augen täuschen uns nicht! Der, den wir vor kurzem so rüstig, so jugendlich und so frisch gesehen haben, der vor unseren Augen, der emsigen Biene gleich, den Honig in den Bienenstock der staatlichen Ordnung trug, der, welcher … dieser selbe ist nun Staub geworden, eine körperliche Fata Morgana. Der unerbittliche Tod hat ihn mit seiner erstarrenden Hand zu einer Zeit berührt, wo er, trotz seines gebeugten Alters, noch voller blühender Kräfte und strahlender Hoffnungen war. Dieser unersetzliche Verlust! Wer kann seine Stelle ausfüllen? Gute Beamte haben wir genug, doch Prokofij Ossipytsch war der einzige. Er war bis in die Tiefe seiner Seele seiner ehrlichen Pflicht ergeben, er schonte seine Kräfte nicht, er durchwachte manche Nacht und war uneigennützig und unbestechlich … Wie verachtete er diejenigen, die sich bemühten, ihn zum Schaden der Allgemeinheit zu bestechen, die es versuchten, ihn durch die Anerbietung der verlockenden irdischen Güter zu verführen, seiner Pflicht untreu zu werden! Ja, wir alle sahen es, wie Prokofij Ossipytsch sein kleines Gehalt unter seinen ärmeren Kollegen verteilte, und wir hörten eben die Klagen der Witwen und Waisen, die von seinen Gaben lebten. Seinen Pflichten und den guten Werken ergeben, kannte er keine Lebensfreuden und entsagte selbst dem Glücke des Familienlebens: es ist Ihnen allen bekannt, dass er bis ans Ende seiner Tage Junggeselle blieb! Und wer wird ihn uns als Kollegen ersetzen? Ich sehe sein bartloses, herzinniges Gesicht mit dem gutmütigen Lächeln wie lebendig vor mir und höre seine sanfte, zärtliche, freundschaftliche Stimme. Friede deiner Asche, Prokofij Ossipytsch! Ruhe sanft, du edler Held der Pflicht!«
Sapojkin redete weiter, doch die Zuhörer begannen zu tuscheln. Die Rede gefiel allen sehr gut, weckte auch einige Tränen, erschien aber in mancher Beziehung etwas sonderbar. Erstens war es unverständlich, warum der Redner den Verstorbenen Prokofij Ossipytsch nannte, während er in Wirklichkeit Kirill Iwanowitsch hieß. Zweitens war es allen bekannt, dass der Verstorbene sein Leben lang mit seiner legitimen Gattin gekämpft hatte und folglich nicht als Junggeselle angesehen werden durfte; drittens hatte er einen üppigen roten Vollbart, und es war unverständlich, warum der Redner von seiner Bartlosigkeit sprach. Die Zuhörer staunten, wechselten Blicke und zuckten die Achseln.
»Prokofij Ossipytsch!«, fuhr der Redner fort, begeistert auf das Grab blickend. »Dein Gesicht war unschön, sogar hässlich, du warst mürrisch und unfreundlich, doch wir wussten alle, dass in dieser sichtbaren Hülle ein ehrliches Freundesherz schlug!«
Die Zuhörer merkten nun, dass auch mit dem Redner etwas Sonderbares vorging. Er starrte auf einen Punkt, rückte unruhig hin und her und zuckte auch selbst die Achseln. Plötzlich verstummte er, riss erstaunt den Mund auf und wandte sich zu Poplawskij um.
»Hör einmal, er lebt doch!«, sagte er entsetzt.
»Wer lebt?«
»Prokofij Ossipytsch! Da steht er ja neben dem Grabdenkmal!«
»Er ist ja auch gar nicht gestorben! Gestorben ist Kirill Iwanowitsch!«
»Du hast mir doch selbst gesagt, euer Sekretär sei gestorben!«
»Kirill Iwanowitsch war auch unser Sekretär. Du hast es verwechselt! Prokofij Ossipytsch war allerdings bei uns einmal Sekretär, aber man hat ihn schon vor zwei Jahren als Amtsvorstand in die zweite Abteilung versetzt.«
»Da soll sich der Teufel auskennen!«
»Warum bist du aber mitten drin stecken geblieben? Fahre fort, es passt ja nicht!«
Sapojkin wandte sich zum Grabe und setzte mit früherer Begeisterung die unterbrochene Rede fort. An einem Grabdenkmal stand tatsächlich Prokofij Ossipytsch, ein alter Beamter mit glattrasiertem Gesicht. Er blickte den Redner an und machte ein unzufriedenes Gesicht.
»Was ist dir nur eingefallen!«, lachten die Beamten, als sie mit Sapojkin vom Friedhofe heimgingen. »Einen lebendigen Menschen wolltest du beerdigen!«
»Es ist nicht schön, junger Mann!«, brummte Prokofij Ossipytsch. »Ihre Rede taugt vielleicht für einen Toten, doch in Bezug auf einen Lebenden klingt sie wie Hohn! Erlauben Sie einmal, was haben Sie gesagt? Uneigennützig, unbestechlich! Von einem lebenden Menschen kann man doch sowas nur zum Spott sagen. Auch hat Sie niemand gebeten, sich so über mein Gesicht zu verbreiten. Gut, ich bin unschön und hässlich, aber warum soll man mein Gesicht so der Öffentlichkeit zeigen? Das ist doch kränkend.«
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