Kitabı oku: «Xaverna»

Yazı tipi:


In Gedenken an Karlheinz Böhm

Vorwort

Cornelia in „Xaverna“ betrachtet wie viele andere deutsche Jugendliche Schule als lästige Nebenbeschäftigung, nicht so die vielen Kinder in Äthiopien. Sie jubeln, wenn sie eine Schule bekommen.

Auch in vielen anderen Belangen geht es uns viel besser.

Bildung ist eine Grundvoraussetzung für dauerhaft besseres Leben.

Daher startet Antonia gemeinsam mit „Menschen für Menschen“ nach bereits langjähriger erfolgreicher Zusammenarbeit nun einen weiteren Schritt: Teile des Erlöses aus dem Verkauf der Bücher werden in das Bildungsprojekt von „Menschen für Menschen“ „Generation ABC 2015“ sowie später folgende Bildungsprojekte investiert.

Somit trägt jeder einzelne mit dem Kauf dieses tollen Buches dazu bei, den Kindern in Äthiopien eine Bildung zu ermöglichen und dadurch Gutes zu tun.

An dieser Stelle möchte ich mich im Namen von „Menschen für Menschen“ ganz herzlich bei euch bedanken.

Viel Spaß beim Lesen.


Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Widmung

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Danksagung

Liebe Leserin, lieber Leser!

Impressum

Klappentext

Fußnote

Kapitel 1

Wieder eine Absage. Mutlos ließ ich den Kopf in die Hände sinken. Ich spürte, wie sich eine Träne aus meinem Auge löste. Obwohl ich es verhindern wollte, bahnte sie sich nur Sekunden später den Weg über meine Wange. Ärgerlich wischte ich den Tropfen fort.

Langsam las ich den Text ein zweites Mal. Es war die gleiche fadenscheinige Begründung wie in den vorangegangenen 17 Briefen auch: Zwar könne ich wirklich exzellent schreiben, doch leider sehe der Verlag trotzdem keine Möglichkeit zur Veröffentlichung meines Buches, da mein Name einfach inakzeptabel sei. Natürlich, Cornelia Fatjona Unke mag ungeeignet sein, aber wozu gibt es Pseudonyme? Warum bot mir kein Verlag einen Druck unter falschem Namen an, wenn dies doch das einzige Problem darstellte? Seufzend faltete ich das Papier zusammen, um es später in die dafür vorgesehene Dose zu legen, wo es auf seine 17 Artgenossen treffen würde. Dann kippte ich eine nicht zu kleine Portion Schokomüsli in eine Schüssel und schüttete Milch darüber. Frustvoll begann ich, das Essen in mich hineinzuschaufeln.

Eigentlich hätte es ein wundervoller Tag werden sollen, von den Zeugnissen einmal abgesehen. Am letzten Schultag vor den Sommerferien herrschte bisher immer eine durch und durch positive Grundstimmung. Heute jedoch hatte niemand gute Laune gehabt. Die Abschlussrede des Direktors war einfach grauenhaft gewesen, auch hatte sie deutlich länger gedauert als im letzten Jahr. Darauf folgte die Zeugnisausgabe, die ebenfalls ein kompletter Reinfall war. Erst nachdem wir einer ewigen Moralpredigt gelauscht hatten – oder eben auch nicht – erhielten wir die ungeliebten Papiere. Wenige freudige Aufschreie und viel lautes Stöhnen hallten durch den Raum. Ich war recht zufrieden, doch ich wusste auch, dass Dad es nicht sein würde.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis in der Klasse die Freude auf sechs Wochen Ferien die Oberhand gewann. Zwar würde kaum jemand in den Urlaub fahren, da fast alle Eltern in der Tourismusbranche arbeiteten – wir waren schließlich die sogenannte Inselklasse – und somit den ganzen Sommer über alle Hände voll zu tun hatten, aber inmitten der vielen Urlauber auf Usedom kam so gut wie nie Langeweile auf. Die meisten meiner Klassenkameraden hatten bereits große Strandpartys mit möglichst viel Alkohol geplant, ich hingegen fieberte ruhigen Stunden am PC zum Schreiben neuer Geschichten sowie ausgedehnten Fahrradtouren entgegen.

Als wir jedoch nach Schulschluss alle aufgeregt aus dem Gebäude gestürmt waren, hatte wie aus dem Nichts ein heftiger Regen eingesetzt. Binnen weniger Sekunden war ich bis auf die Haut durchnässt, obwohl ich meine Kapuze dicht ins Gesicht zog. Dabei hatte ich vergleichsweise noch Glück: Meine Klassenleiterin, Frau Schupanirak, die zugleich meine Nachbarin war, hielt neben mir und bot an, mich mitzunehmen.

Sie unterrichtete uns in Mathematik und Geschichte, absolut nicht meinen Lieblingsfächern, und war allgemein ziemlich unbeliebt, doch da ich sie durch die Nachbarschaft schon sehr lange kannte, hatte ich kaum Probleme mit ihr. Was allerdings nicht bedeutete, dass ich sie besonders mochte, im Gegenteil.

In ihrem Auto war es gemütlich warm. Aus dem Radio dudelte klassische Musik. Ich hatte wenig Lust auf ein Gespräch mit ihr, doch Frau Schupanirak bemerkte das nicht und begann fröhlich zu plaudern: „Na, Cornelia, fahrt ihr dieses Jahr in die Berge?“ „Nein, meine Eltern arbeiten, wie jedes Jahr in den Ferien.“ „Ach ja, ach ja. Nun, du weißt ja, wenn du dich langweilst, kannst du mich gerne besuchen, solange ich zu Hause bin. Meine Sammlung von Geschichtsbüchern ist wirklich außerordentlich interessant!“ „Danke, aber ich habe ja auch selbst Bücher, und außerdem zwei Brüder.“ „Richtig, richtig. Zwillinge, nicht wahr?“ Ich nickte langsam. „Wie alt sind sie doch gleich?“ „Dreizehn.“ „Und die Namen? Himmel, entschuldige, ich habe das schon so oft gefragt!“

Achselzuckend antwortete ich: „Janis und David.“ Dann wandte ich den Kopf ab, um aus dem Fenster zu schauen, während wir über die Brücke auf die Insel rollten. Es war erst Anfang Juli, sodass noch nicht viel Verkehr auf den Straßen herrschte. Ich war ganz froh darüber, denn so kamen wir gut voran und bogen schon bald nach Koserow ein. Auf den Gehwegen rechts und links der Hauptstraße waren bereits einige Kinder aus den Grundschulen unterwegs, während die meisten Gymnasiasten noch in den Schulbussen saßen. Kurz bevor Frau Schupanirak in die Siemensstraße kurvte, endete der Regenfall so jäh, wie er begonnen hatte. Ich bedankte mich möglichst freundlich für die Mitnahme, als ich klopfenden Herzens aus dem Auto stieg. Ohne Umschweife marschierte ich zum Briefkasten. Wenige Minuten später saß ich mit dem frustrierenden Bescheid am Küchentisch. Innerlich dankte ich David dafür, dass er immer etwas Schokomüsli in der Küche lagerte. So konnte ich mir wenigstens einige Glückshormone zuführen. Erst als ich so über Davids Frühstücksgewohnheiten sinnierte, fiel mir auf, dass wir die Jungs vielleicht auch hätten mitnehmen sollen, statt sie mit dem Bus fahren zu lassen. Seufzend stand ich auf und trat ans Fenster, um die beiden schon am Gartentor kommen zu sehen.

Sie waren eineinhalb Jahre jünger als ich und obwohl sie sich äußerlich glichen wie ein Ei dem anderen, waren ihre Charaktere grundverschieden. Janis Gunar war der ruhige Typ, der Geige spielte, schwimmen ging, fleißig war und somit die besten Noten von uns dreien hatte. Er machte allgemein nie Ärger. Zu ihm hatte ich ein exzellentes Verhältnis, denn er bewunderte mich aufrichtig – wofür auch immer – und ich liebte ihn.

David Lars hingegen hatte nur Unsinn im Kopf. Für die Schule interessierte er sich keine Spur, stattdessen ging er mehrmals in der Woche zum Fußballtraining oder Skaten, saß oft bis spät in die Nacht vor seinem PC und es geschah nicht selten, dass er trotz seines zarten Alters sonntagmorgens sturzbetrunken ins Haus stolperte. Ich bezweifelte, dass er auf diese Art noch lange alles schaffen würde. Vielleicht lag das aber auch daran, dass ich mit ihm weit weniger gut auskam als mit unserem gemeinsamen Bruder. Ein Stöhnen entfuhr mir, als ich Janis allein die Straße entlanglaufen sah. Sofort hastete ich zur Tür, um ihn hineinzulassen. Am liebsten hätte ich auf der Stelle nach David gefragt, doch ich wartete damit ungeduldig, bis wir beide am Küchentisch saßen.

„David ist mit zu einem seiner Saufkumpanen gefahren, glaube ich. Angeblich wollen sie die Ferien zusammen einläuten. Ich denke eher, er hat Angst, nach Hause zu kommen. Jedenfalls hätte ich die mit seinem Zeugnis.“ Erstaunt zog ich eine Augenbraue hoch. „Saß er nicht neben einer der Besten, extra zum Abschreiben?“, hakte ich nach. „Schon.“ Janis zuckte mit den Schultern. „Aber dabei lässt er sich ja ständig erwischen. Ehrlich, bei dem hilft alles nichts. Spätestens in zwei Jahren ist Schluss mit ihm, wenn er nicht langsam anfängt, seinen Verfall zu stoppen.“ Ich nickte langsam. Das entsprach genau meinem Eindruck von David. Bevor ich aber etwas antworten konnte, sprach Janis schon weiter: „Er macht es so doch nur schlimmer. Papa wird zuerst ausrasten, weil David einfach verschwunden ist und dann nochmal, wenn er sein Zeugnis sieht.“ Ich brachte ein schiefes Grinsen zustande. „Stimmt, eigentlich hatte ich gehofft, dass ich meines nach seinem zeigen kann.“ Janis lachte und erklärte mir zum etwa fünfmillionsten Mal, dass unser Vater zwar überehrgeizig, im Grunde aber nicht verkehrt war. Zweifellos hatte er damit Recht. Und seit Janis mir Gesellschaft leistete, gelang es mir auch, die Gedanken an die 18. Absage zu verdrängen. Selbstverständlich war es Janis‘ Vorschlag, Pizza zum Abendbrot zu backen. In der Tiefkühltruhe entdeckte ich Spinat, Broccoli und Lachs, während Janis den Teig, Tomaten und Käse hervorkramte. Ich schämte mich fast dafür, den gefrorenen Lachs zu verwenden, wo ich doch nur kurz mein Fahrrad hätte bemühen müssen, um frischen Fisch zu besorgen. Dennoch, als unsere Eltern nach Hause kamen, standen fünf dampfende Pizzen auf dem gedeckten Küchentisch. Mum umarmte uns beide, Dad reckte immerhin den Daumen nach oben. Sofort danach erkundigte er sich nach David, worauf er die gleiche Antwort erhielt wie ich auch. Ich konnte ihm ansehen, wie er seine Wut unterdrückte, während er Davids Pizza wieder in den Ofen schob, um sie warm zu halten.

Bevor er jedoch zu essen begann, verlangte er nach unseren Zeugnissen. Zuerst betrachtete er Janis‘, mit dem er offensichtlich zufrieden war, dann begutachtete er das meinige, welches ihm nicht ganz so zusagte: „Wie ist dein Durchschnitt?“, rief er entsetzt.

Ich starrte ihn entnervt an, erwiderte aber trotzig: „Die Dreien sind doch eh nur in den unwichtigen Fächern: Geschichte, Musik, Religion … “ „Kein Fach ist unwichtig!“, unterbrach Dad mich unwirsch. „Durchschnitt?“ „Weiß ich nicht … zwei Komma drei oder so.“

Dad presste rot anlaufend die Lippen aufeinander, als er sich der Beurteilung zuwandte: „Cornelia ist eine ruhige Schülerin, die über ein gut ausgeprägtes logisches Denkvermögen verfügt, was ihr speziell in den Naturwissenschaften gute und sehr gute Leistungen einbringt. Doch häufig ist Cornelia unkonzentriert und bereitet sich nicht intensiv genug auf den Unterricht vor. Des Weiteren gelingt es ihr kaum, soziale Anbindung in der Klasse zu finden.“ Natürlich war mir klar, dass diese Einschätzung nicht gerade glänzend war, aber ich musste auch zugeben, dass sie genau ins Schwarze traf. Dennoch: Meine Eltern wussten genauso gut wie ich, woraus sämtliche Kritikpunkte resultierten. Anscheinend begriff Dad einfach nicht, dass sich eine Hochbegabung nicht mal eben abstellen ließ. Weder Janis noch David waren hochbegabt, in meiner Familie litt nur ich darunter. Dabei hatte ich sogar Freunde gefunden, doch sie waren allesamt älter als ich und gingen somit nicht in meine Klasse. Ich bemühte mich ständig, trotz meines hohen IQs relativ normal zu wirken. Leider gelang mir das oft nicht. Nachdem Dad sich wieder beruhigt hatte, Mum hatte etwas nachgeholfen, machten wir uns hungrig über die Pizzen her. Garantiert hätten wir eine äußerst harmonische Mahlzeit verlebt, wäre nicht in diesem Moment David durch die Küchentür gestürzt.

Dad sprang sofort auf, um sich vor seinem Sohn aufzubauen. „Wo warst du?“, schrie er ihn an. Ein Grinsen umspielte Davids Lippen. „Schuljahresausklangparty bei Maik“, sagte er. Es war ihm sowohl anzusehen als auch anzuhören, dass auf der Party nicht zu wenig Alkohol geflossen war. Daher hatte sich auch Mum erhoben: „David, du hast getrunken! Schon wieder! Wann wirst du es endlich lassen?“ „Nie“, erwiderte David. Noch immer grinsend holte er seine Pizza aus dem Ofen und setzte sich zu uns an den Tisch. In Dads Stimme schwang ein bedrohlicher Unterton mit, als er forderte: „Zeig mir dein Zeugnis, David!“ „Das liegt noch bei Maik!“ Dad stand wortlos auf, ergriff Davids Ranzen und begann nach dem gewünschten Dokument zu suchen. Als er es endlich vor sich hatte, weiteten sich seine Augen merklich. David ignorierte ihn. Kopfschüttelnd reichte Dad das Zeugnis an Mum weiter. Ich wusste, gleich würde wieder die ewige Diskussion über Nachhilfe anfangen, deshalb stopfte ich mir hastig das letzte Stück Pizza in den Mund. „Ich geh nochmal zum Strand“, schmatzte ich, bevor ich die Küche verließ. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend sprang ich die Treppe hinauf. Aus meinem Kleiderschrank angelte ich ein altes T-Shirt, das von Dad stammte und mir viel zu groß war, sowie eine kurze Sporthose. Rasch schlüpfte ich in die Sachen, trampelte die Treppe wieder hinunter und schnappte den Schlüssel für mein Fahrradschloss. Bevor ich losradelte, schickte ich noch eine SMS an Jördis. Garantiert würde sie auch ans Wasser kommen, wenn ich dort war. Dann schwang ich mich auf mein Rad und sauste von dannen. Schneller als gewöhnlich strampelte ich die Siemensstraße in Richtung Wald entlang. Hinter den ersten Bäumen bog ich scharf links ab und holte Schwung, um den ersten Berg zu bewältigen. Ich war ziemlich außer Atem, als ich den Platz vor der Seebrücke erreichte. Wie erwartet waren noch genügend Fahrradständer frei. Nachdem ich mein Rad angeschlossen hatte, schlenderte ich gelassen über den Platz.


Sowohl der Waffelstand als auch der Backfisch King waren noch geöffnet, ebenso konnte man noch in den Salzhütten speisen, jedoch keine Fischbrötchen mehr mitnehmen. An der Seebrücke hielt ich kurz an, schwankte, wohin ich mich wenden sollte. Schließlich entschied ich mich für die Brücke.

Zum Glück war es ziemlich warm für einen Abend Anfang Juli. Außerdem war ich den Wind gewohnt, der mir in die Kleider fuhr und meine Haare zerzauste. Das Rauschen der Wellen zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht. Beschwingt gelangte ich ans Ende der Seebrücke. Ich stützte beide Arme auf das Geländer und schaute auf die Wellen, die unter mir schäumend brachen und gegen die Stützpfeiler krachten. Im Nachhinein konnte ich nicht mehr sagen, wie lange ich so dagestanden und versonnen auf das Wasser geblickt hatte, aber es waren gewiss einige Minuten verstrichen. Plötzlich spürte ich zwei Hände auf meinen Schultern. Erschrocken fuhr ich aus meiner Trance, drehte mich um. Unauffällig hatte Jördis sich von hinten herangeschlichen.

Jördis war knapp zwei Jahre älter als ich, aber das störte uns in keiner Weise: Wann immer wir uns sahen, hatten wir jede Menge Spaß miteinander! Gemeinsam konnten wir sämtliche Ärgernisse des Alltags vergessen.

Ich strahlte Jördis an. „Schön, dass du gekommen bist!“ „Klar, immer wieder gerne. Was hältst du von einer kleinen Bootsfahrt?“ Jördis‘ Vater vermietete Tretboote auf der ganzen Insel, doch sein Hauptsitz lag hier in Koserow, sodass uns an urlauberarmen Tagen stets kostenlos ein Boot zur Verfügung stand. Diesen großen Vorteil nutzten wir nicht selten, denn solche Touren wurden auch beim hundertsten Mal nicht langweilig. Ich folgte Jördis an den Strand, wo sie eins der Boote von der Sicherungskette befreite. Mit vereinten Kräften schoben wir es ins Meer. Als es auf den sanften Überbleibseln der Wellen schaukelte, wateten wir knietief ins Wasser, wobei wir das Boot vor uns hertrieben. Erst dann kletterten wir auf die Sitze.

Beim Treten schlugen wir automatisch den gleichen Rhythmus an. Dieser hatte sich nach den jahrelangen gemeinsamen Ausflügen einfach so eingepegelt. Wie immer hielt ich den Steuerknüppel, denn Jördis war seit jeher der Auffassung, dass sie im Lenken „eine Niete“ sei. Dabei war es im Grunde ganz egal, in welche Richtung wir schipperten. Meist fuhren wir außerhalb der Badezone, besonders im Sommer, wegen der Schwimmer. Angst vor dem offenen Meer hatten wir keine, schließlich begleitete es uns bereits unser ganzes Leben lang.

Irgendwann, längst hatten wir die Bojen hinter uns gelassen, fragte Jördis einfach nur: „Und?“ Ich seufzte. Mir war klar, was sie meinte: Ob ich denn endlich eine Zusage erhalten hätte. Resigniert schüttelte ich den Kopf.

„Wie viele Anfragen hast du gesendet?“ „21. Bisher sind 18 Absagen eingegangen.“ „Hast du noch Hoffnung auf eine positive Rückmeldung?“ „Ehrlich gesagt, nein. Ach Jördis, was soll ich nur tun? Ich habe alles versucht. Es muss doch irgendwie möglich sein, das Buch drucken zu lassen!“ Jördis legte mir eine Hand auf die Schulter. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie erwiderte: „Es gibt da etwas, das ist wie eine Art Verlag. Schon mal was von ‚Books Selfmade‘ gehört? Du kannst dort verschiedene Leistungen kaufen – Lektorat, Design, ISBN und solche Dinge. Dann legst du eine Exemplarzahl für den Erstdruck fest. Du zahlst einen Pauschalpreis pro Buch, den Verkaufspreis suchst du dir danach einfach selbst aus, wobei er nicht viel höher sein wird, aber Grundkosten hast du keine, abgesehen von den Leistungen, die ich aufgezählt habe.“ Ich überlegte kurz. „Okay, ein echter Verlag ist das zwar nicht, aber inzwischen ist mir jedes Mittel recht. Kann man da auch eine zweite Auflage drucken lassen?“ Jördis nickte erfreut. „Na klar, jederzeit. Du musst eben die Bücher käuflich erwerben, sooft und so viele du willst.“ „Wie erreicht man diese Firma?“

„Per Internet.“ Jördis reichte mir einen Zettel, den sie aus ihrer Tasche hervorgekramt hatte. Darauf standen die Adresse einer Website sowie eine Telefonnummer für weitere Rückfragen. Strahlend umarmte ich Jördis. Sie war eben eine echte Freundin! Ich bedankte mich auf das Herzlichste bei ihr, doch vor lauter Verlegenheit drängte sie rasch zur Umkehr. Mein Puls war gefühlt doppelt so hoch wie normal, als wir das Ufer erreichten. Obwohl ich mich bemühte, meine Aufregung zu verbergen, schien Jördis zu spüren, dass ich schleunigst nach Hause wollte. Zum Glück konnte ich sicher sein, dass sie mir deshalb nicht böse war. Sie war zu Fuß gekommen, daher trennten sich unsere Wege nach dem Verlassen des Strandes.

Ich war auf dem Hinweg schon verhältnismäßig schnell gefahren, aber nun hatte ich den Eindruck, beinahe Lichtgeschwindigkeit zu erreichen. Auf dem Weg in mein Zimmer warf ich lediglich ein knappes „Wieder da!“ in die Küche.

Sofort startete ich meinen Laptop. Noch befand er sich an seinem angestammten Platz auf dem Schreibsekretär, doch in den nächsten Tagen würde ich ihn wohl wieder mit nach draußen nehmen. Sobald der Computer fertig hochgefahren war, öffnete ich das Internet und wühlte Jördis‘ Zettel aus meiner Tasche hervor. Ohne zu zögern, tippte ich die darauf angegebene Adresse in die URL-Leiste ein. Ich wartete gespannt. Als die Seite endlich geladen war, wusste ich gar nicht, wo ich zu lesen anfangen sollte: Die Fülle an Informationen drohte mich schier zu erschlagen. Es war bereits stockdunkel, als ich den Laptop zufrieden wieder ausschaltete. Ich hatte die Hoffnung auf Zusagen endgültig aufgegeben, daher würde ich schon morgen mein Manuskript an „Books Selfmade“ schicken und ein paar erste Bücher anfordern.

09. 07. 2010, Xaver

Magisch. Dieser Plan ist einfach magisch. Ja, göttlich angehaucht, entworfen von mir. Alt ist Vater, zu alt, ein Greis, wehrlos. Mein Vorbild: Maximilien Robespierre. Es geht los.

Ja, ich werde mich an das Schema halten, jedoch wird es nach meinen Regeln gestaltet. Oh, himmlisch! Ich habe heute bereits versucht, meinen Bruder Jacob einzuschüchtern. (Mir ist bewusst, dass das Aufgabe meines Vaters gewesen wäre, da ich ihn als Ludwig XVI. betrachte, doch das war schwer realisierbar, daher sprang ich selbst ein.) Er hatte Pläne für den Umbau der Höhle.

Nach dem jetzigen Stand wäre das natürlich unausweichlich, aber so weit wird es MEIN Plan nicht kommen lassen. Ich habe ihm gedroht, ihn in Pension zu schicken. Allerdings habe ich nicht das Gefühl, dass er mir glaubt. Nun, Vater würde meine Gründe auch nie akzeptieren, zumal Jacob erst 56 Jahre alt ist. Dennoch, Jacques Necker, der französische Finanzminister, war damals ebenfalls 56 Jahre alt und ließ sich am heutigen Tage vor 221 Jahren nicht einschüchtern. Insofern ist also kein Problem aufgetreten.

In wenigen Tagen liegt die Höhle in meiner Hand. Vater wird machtlos sein, am 14. Juli setze ich seiner Herrschaft endlich ein Ende! Ganz ehrlich: Der Buchmarkt ist doch überfüllt. Wenn die Höhle erst meiner Aufsicht untersteht, werde ich gründlich ausmisten. Die großen Werke lasse ich natürlich bestehen – diejenigen, die ICH für groß halte. Bitte, Goethe oder Dante benötigt die Menschheit nicht!

Es ist so leicht, so unglaublich leicht. Nur dieses lächerliche Erstexemplar muss ich zerstören und schon ist die Welt gereinigt von der ganzen Geschichte. Jawohl, eigentlich sollte ich genau das verhindern, doch es wird mich ungeachtet dessen niemand davon abhalten können! Denn ich beherrsche Magie!

09. 07. 2010, Marek

Dies ist der Beginn meines Tagebuchs. Ich weiß, wenn jemand davon erfährt, hab ich den Stempel „uncool“ auf der Stirn. Aber ich sehe einfach keine andere Möglichkeit mehr. Irgendwo müssen meine Gefühle eben hin, ich kann sie nicht ewig in mich hineinfressen.

Es ist nämlich so: Seit einigen Wochen schon bekomme ich so ein komisches Gefühl im Bauch, wenn ich Cornelia treffe. Sie ist etwa zwei Jahre jünger als ich, kommt jetzt also in die neunte Klasse, und fährt mit dem gleichen Schulbus wie ich. Soweit ich das erkennen kann, ist sie sehr gut mit Jördis aus meiner Klasse befreundet. Na ja, jedenfalls … je länger ich sie beobachte, desto stärker wird dieses Gefühl. Es vereinnahmt mich richtig. Ich habe festgestellt, dass ich sie sehr gern habe. Sie macht oft einen verschlossenen Eindruck; ich glaube, in ihrer Klasse hat sie kaum Freunde. Das ist aber gut, denn diese Klasse ist voller Idioten.

Insgesamt scheint sie lieber mit Älteren zusammen zu sein. Das passt also auch gut. Meistens guckt sie irgendwie traurig oder ärgerlich – ich mag diesen Blick –, aber in Jördis‘ Gegenwart habe ich sie schon öfter lachen sehen. Auch das mag ich. Heute habe ich mich endlich getraut, Jördis zu fragen, warum Cornelia immer so traurig aussieht. (Woher ich den Mut nahm, weiß ich nicht, vielleicht war ich so beschwingt vom Ferienbeginn.) Sinngemäß lautete ihre Antwort etwa so: „Das merkt sie meistens gar nicht.

Aber es stimmt schon, eine gewisse soziale Störung kann man ihr nicht absprechen. Das weiß sie selbst. Hat man sich aber erst einmal mit ihr angefreundet, merkt man davon fast nichts mehr.“

Was könnte das wohl für eine Störung sein? Ein Autist ist sie jedenfalls nicht. Die verhalten sich anders, glaube ich. Depressionen scheint sie auch nicht zu haben. Theoretisch könnte eventuell sogar eine Essstörung schuld sein, ich weiß es nicht, aber das würde man doch sehen! Es nützt nichts, zu spekulieren. Ich habe keinen Schimmer, woran es liegt, und ehrlicherweise muss ich wohl gestehen, dass es mich im Grunde gar nichts angeht. Obwohl ich es irgendwie als anziehend empfinde … es ist ja doch etwas Besonderes, oder nicht? An meinen Gefühlen ändert es zumindest nichts. Na gut, vielleicht verstärkt es sie sogar. Da bin ich zugegebenermaßen etwas unentschlossen.

In einer Sache jedoch bin ich mir nun ziemlich sicher, mindestens seit ich Cornelia heute vor der Schule sah: Ich fürchte, ich habe mich verliebt.

gez. Marek

Kapitel 2

Am nächsten Morgen checkte ich erst einmal meinen Kontostand, bevor ich eine E-Mail mit einer Kostenanfrage sowie dem Manuskript an „Books Selfmade“ schickte. Danach packte ich meinen Laptop inklusive Internetstick in meinen großen Tourenrucksack. Dazu steckte ich ein wenig Geld, um mir später ein Fischbrötchen kaufen zu können. Vielleicht müsste ich ja auch einen Strandkorb mieten.

Es war gerade halb neun, als ich mich auf den Weg machte. Mir blieb keine andere Wahl, als so früh zu starten, wenn bei meiner Ankunft am Strand noch nicht alles von Urlaubern überfüllt sein sollte. Obwohl mir der Waldweg prinzipiell deutlich lieber war, entschied ich mich, auf der Hauptstraße zu fahren, da dies die schnellere Strecke war. Hochmotiviert schlug ich die Haustür hinter mir zu. Mein Fahrrad lehnte noch am Gartenzaun, wo ich es gestern abgestellt hatte. Mit großen Schritten marschierte ich darauf zu – und blickte direkt in Frau Schupaniraks strahlendes Gesicht. Mein Magen verkrampfte sich. Ich hatte weder Zeit noch Lust, irgendwelche historischen Ereignisse zu diskutieren! „Morgen“, brummte ich leise, wandte mich aber sofort meinem Rad zu. „Einen wunderschönen guten Morgen, Cornelia! Ich hoffe, dein Ferienstart war äußerst gelungen!“ Jetzt nicht mehr, dachte ich, nickte jedoch. „Oh, und weißt du, heute ist der zehnte Juli, der Tag, an dem 1821 durch den Onís-Vertrag Florida an die USA überging, 1877 die preußische Nordbahn eröffnet wurde und 1941 … “

„Ja, und 1949 wurde der DFB neu gegründet und Mario Gomez hat heute ebenso Geburtstag wie Johannes Calvin und Maximilian von Baden. Ich weiß“, stoppte ich genervt ihren Redeanfall und hoffte, mich in keinem Fakt geirrt zu haben. Da ich selbst sportinteressiert war und noch dazu David als Bruder hatte, kannte ich mich auf diesem Gebiet allerdings recht gut aus, sodass zumindest diese Daten sicher stimmten. Frau Schupanirak starrte mich entgeistert an. Ich bemühte mich, wenigstens ein kleines Lächeln zustande zu bringen, scheiterte jedoch kläglich. Damit die Situation nicht noch peinlicher wurde, stieg ich nach ein paar Sekunden des Schweigens einfach auf mein Rad und fuhr davon. Auf der Straße waren trotz der frühen Stunde bereits einige Urlauber unterwegs. Die Erwachsenen trugen Handtücher, kleine Schirme und Zelte, die Kinder hielten Schaufeln, Eimerchen, Wasserbälle, Kescher und Luftmatratzen. Ich lächelte. Es war doch jedes Jahr das Gleiche. Unsere Insel war schon wirklich ein Paradies!

Nur wenige Autos bevölkerten die Straße, die mich hätten stören können. Vor dem Bäcker standen schätzungsweise 20 Menschen. Das Geschäft lief offenbar. Geschickt schlängelte ich mich an einem Lkw vorbei, bevor ich wieder auf den Vorplatz der Seebrücke abbog. Heute waren bereits einige Fahrradständer belegt, doch trotzdem hatte ich noch genügend Auswahl. Nachdem ich mein Rad angeschlossen hatte, ging ich entschlossen auf den Strand zu. Mit großen Schritten sprang ich die sandige Treppe hinunter.

Fast hatte ich es mir ja gedacht – Jördis stand natürlich mit am Bootsverleih. Ich hätte wetten können, dass sie das Geschäft eines Tages übernehmen würde! Freudestrahlend begrüßte sie mich. Sofort danach erkundigte sie sich, ob ich mich über „Books Selfmade“ informiert hatte, und war augenscheinlich zufrieden, als ich bejahte. „Sicher suchst du wieder einen Platz zum Schreiben, oder?“, sagte sie. „Ja, besonders in euren Booten bekomme ich immer so viele geniale Inspirationen“, antwortete ich mit einem Augenzwinkern. Wie üblich lag das ramponierte Ruderboot am Dünenrand und wurde nicht benötigt. Unzählige Stunden hatte ich schon darin verbracht, tief in Gedanken versunken, den Laptop oder einen Schreibblock auf dem Schoß. In aller Ruhe angelte ich die im Fußraum versteckte Decke hervor, um sie über den harten Sitzbänken auszubreiten. Ich war so ziemlich der einzige Mensch auf der ganzen Insel, der sie jemals verwendete, doch das genügte Jördis als Grund, sie nicht zu entfernen.

Wieder war ein recht warmer Tag im Kommen, sodass ich es mir ohne Jacke im Boot bequem machen konnte. Jördis wuselte gar barfuß und in kurzer Hose durch die Gegend! Lächelnd beobachtete ich die über den Buhnen kreisenden Möwen, während der Laptop startete. Obwohl es mich in den Fingern juckte, endlich mit dem Schreiben zu beginnen, schob ich zuerst meinen Internetstick in den USB-Port, um mein E-Mail-Fach zu laden. Tatsächlich fand ich darin bereits eine Antwort von „Books Selfmade“.

Mit dem eingeschickten Manuskript sollte mich ein Buch als Paperback acht Euro kosten, der empfohlene Verkaufspreis lag dann bei 9,90 Euro. Das klang erst einmal ganz verlockend. Für die Vermarktung sei ich selbst verantwortlich. Kein Problem. ISBN: 100 Euro. Hm. Lektoratskosten: 200 Euro. Nein, danke. Coverdesign entwerfen lassen: 120 Euro. Oder bitte ein eigenes einsenden. Oh, ich hatte bereits mehrere Entwürfe gezeichnet und digitalisiert!

Ich wählte die drei besten aus und zog sie in den Anhang. Dann bestellte ich kurzerhand 50 Bücher mit ISBN. Mit Verwunderung nahm ich zur Kenntnis, dass es dafür nicht einmal einer Einverständniserklärung meiner Eltern bedurfte.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich auf den „Senden“-Button klickte. Endlich hatte ich es geschafft! Die Lust auf mein neues Projekt verstärkte sich in rasantem Tempo, stets mit dem Hintergedanken, dass auch dafür ein Druck möglich sein würde!

Innerlich jubelte ich lauthals, meine Glückshormone fuhren Achterbahn, wobei sie einen Looping nach dem anderen drehten. Schließlich konnte ich nicht mehr verhindern, dass mir ein kleiner Freudenschrei entfuhr, allerdings schien niemand ihn gehört zu haben. Vor Aufregung gesellte sich gleich noch ein Schluckauf dazu. Als nächstes durchzuckte mich ein Blitz der Erleichterung; welch großer Stein mir dabei vom Herzen fiel!

Vor lauter Glück war mein Kopf wie leergepustet. Es gelang mir mit zitternden Händen, die Word-Datei des Buchkapitels zu öffnen, an dem ich gerade schrieb. Erst kam mir keine Idee, wie mein nächster Satz aussehen sollte, doch schließlich hatte ich den richtigen Gedanken. Eifrig tippte ich los. Der Schluckauf aber ließ mich ständig abrutschen, sodass ich nach nur drei Zeilen eine Pause einlegen musste, um mich ein wenig zu beruhigen. Glücklicherweise konnte ich durch ein längeres Luftanhalten den Schluckauf in die Flucht schlagen. Am Rande nahm ich wahr, wie Jördis mir einige belustigte Blicke zuwarf. Ich versuchte mich an einem Grinsen, bevor ich mich wieder dem Text zuwandte.

Kopfschüttelnd löschte ich die letzten Zeilen. So konnte man sich doch nicht ausdrücken! Voller Tatendrang formulierte ich den Inhalt neu. Schnell füllte sich der Strand und mit ihm mein Bildschirm. Aus den spielenden Urlauberkindern konnte ich eimerweise Inspirationen schöpfen, die sich sofort oder auch später verwenden ließen. Allgemein war ich rundum zufrieden mit dem, was ich an jenem Morgen zu Papier gebracht hatte.

Gegen 13 Uhr trabte Jördis an „mein“ Boot heran. „Cornelia? Wie wäre es mit einer Mittagspause? Papa spendiert uns Fischbrötchen!“ Sofort lief mir das Wasser im Mund zusammen und ich sprang auf. Oh ja, ich liebte Fischbrötchen! Eilig verstaute ich die Decke wieder im Boot und packte meine Sachen ein. Nachdem ich den Rucksack geschultert hatte, schlenderten wir gemütlich in Richtung Salzhütten. Während Jördis wie immer auf Heilbutt setzte, entschied ich mich nach einigem Zögern für Matjes. Mit den knackigen Brötchen ließen wir uns draußen auf einer Holzbank nieder. Wir schwiegen, solange wir genüsslich unser Mittagessen verspeisten. Danach erklärte Jördis fast entschuldigend, dass sie noch einiges in ihrem Kräutergarten zu tun hätte. Ich lächelte. Der Kräutergarten war Jördis‘ große Leidenschaft; wenn man sie am Strand nicht antraf, hielt sie sich mit ziemlicher Sicherheit dort auf.

Außerdem wollte ich mich sowieso auf den Heimweg machen. In meinen Gedanken formten sich bereits die Sätze für eine erste Pressemitteilung über das Erscheinen meines Buches. Diesmal wählte ich wieder den Weg durch den Wald, was ich allerdings nach nur einem Berg bereits bereute: Ein stechender Schmerz durchzuckte meine Schultern. Trotzdem biss ich die Zähne zusammen, denn zum Umkehren hatte ich wahrlich keine Lust, daher kämpfte ich mich auch die restlichen Steigungen empor. Ein erfrischender Wind wirbelte mir durch die Haare, als ich die Siemensstraße hinab rollte. Dazu kitzelte die Sonne meine Nasenspitze, mein Schmerz verflog, ein paar Vögel zwitscherten sich etwas zu. Die Atmosphäre, die sich wie eine schützende Blase um diesen schönen Moment gewölbt hatte, zerplatzte in dem Augenblick, als ich freie Sicht auf unseren Nachbargarten bekam. Konnte ich denn nicht wenigstens einen halben Tag Ruhe vor Frau Schupanirak haben? Breit lächelnd winkte sie mir zu, ich hob die Hand, startete den Versuch, ebenfalls zu lächeln, brachte jedoch nur eine halbherzige Grimasse zustande. „Na, Cornelia, du kommst aber früh nach Hause heute! Party abgebrochen?“ Frau Schupanirak ließ ihr grässlich hohes Lachen ertönen. „Zu Ihrer Party scheint ja nicht einmal jemand gekommen zu sein, dass Sie immer noch allein hier draußen rumstehen“, erwiderte ich bissig. Aus dem Augenwinkel nahm ich ihren verdatterten Gesichtsausdruck wahr, wartete jedoch keine Antwort ab, sondern begab mich auf den schnellsten Weg ins Haus, in mein Zimmer. Die Julisonne brannte unerbittlich auf das Dach. Daher herrschte auch in meinem Zimmer drückende Hitze. Ärgerlich öffnete ich ein Fenster, damit die Luft wenigstens nicht noch stickig wurde. Dann widmete ich mich erneut meinem E-Mail-Fach. Tatsächlich befand sich bereits eine Art Vertrag darin. Ich sollte meine Adresse, Telefonnummer und die E-Mail-Adresse meiner Eltern angeben, damit auch diese informiert werden könnten. Dazu bat man mich, einen Verkaufspreis festzulegen, damit dieser auf die Bücher gedruckt werden könne, welche ich in zwei bis drei Wochen erhalten würde. Erstaunt runzelte ich die Stirn. Das war eine außerordentlich kurze Zeitspanne! Lächelnd sendete ich die geforderten Daten ab. Sofort danach machte ich mich daran, einige Versionen für eine mögliche Ankündigung meines Buches in der Zeitung zu ersinnen.

Nachdem ich die dritte fertiggestellt hatte und mir der Tatsache bewusst geworden war, dass alle in etwa dem gleichen Muster folgten, ließ ich, mich langsam entspannend, die Hände von der Tastatur sinken. Ich las die Artikel nacheinander, dann in umgekehrter Reihenfolge. Den zweiten nochmal. Doch lieber den ersten? Obwohl, der dritte war auch nicht schlecht. Allen Bemühungen zum Trotz konnte ich mich nicht entscheiden, welcher der beste war.

Damit tat sich unwillkürlich die nächste Frage auf: Wen sollte ich nach einer Meinung fragen? Janis? Jördis? Ich war unsicher. Andererseits … Janis würde sofort Mum und Dad davon erzählen, vielleicht versäumte ja „Books Selfmade“ diese Informationsweitergabe und ich könnte sie mittels der Zeitung überraschen. Also Jördis.

Ich warf einen Blick auf die Uhr. Halb fünf. Nein, da würde ich lieber bis morgen warten. Ganz so eilig war es ja nicht. Stattdessen sollte ich mal wieder eine Runde joggen! Ich wühlte meine Laufschuhe aus einem überfüllten Schrank hervor und entschied mich für die Richtung Kölpinsee. Etwa drei Kilometer eine Strecke, das sollte nach einem größtenteils entspannten Tag kein Problem darstellen. Leise schloss ich die Haustür hinter mir und warf vorsichtig einen Blick in den Nachbargarten. Frau Schupanirak sonnte sich mit geschlossenen Augen auf einer wuchtigen Holzliege. Möglichst wenig Geräusche verursachend eilte ich an ihrem Garten vorbei zum Wald hin. Ein erleichterter Atemstoß entfuhr mir, als ich eine sichere Entfernung zwischen uns gebracht hatte. Mein Herz begann höher zu schlagen, sobald ich den Waldboden unter meinen Füßen spürte. Ein bisschen Laub. Ein paar Tannennadeln. Vielleicht auch ein anderer Nadelbaum, keine Ahnung. Von Zeit zu Zeit ein Zapfen. Wurzeln. Stöckchen.

Mit jedem Schritt breitete sich die Entspannung weiter in mir aus. Mein Atem ging sehr regelmäßig. Nachdem ich schon so viele Jahre joggte, waren sechs Kilometer für mich ein Kinderspiel. Ich war nicht einmal ansatzweise aus der Puste, als ich Kölpinsee erreichte. Trotzdem machte ich kehrt, bevor ich den Ort richtig betreten hatte. Doch auch als ich den Wald in Koserow wieder verließ, keuchte ich kaum. Stattdessen signalisierte mir mein ganzer Körper, dass ihm der Lauf gutgetan hatte. Auf den Gipfel der Freude brachte ich ihn durch eine abschließende Dusche. Toast zum Abendbrot. Ein bisschen Lesen vor dem Einschlafen. Der Abschluss eines alles in allem überaus erfolgreichen Tages.

10. 07. 2010, Xaver

Ich habe mit den Listen begonnen. Pah, wenn diese abgearbeitet sind, muss sich niemand mehr Gedanken über die zu geringen Lagermöglichkeiten der Höhle machen, ein Problem, über das Vater sich aktuell den Kopf zerbricht. Überflüssig! Noch quillt alles über, aber diesem Übel werde ich schnell, sehr schnell ein Ende bereiten, das schwöre ich! Ich bin mir der heutigen Situation bewusst und weiß, dass die Lage verzwickt ist. Heute eröffnete Ludwig XVI. seinen engen Ratgebern, dass er Necker des Landes verweisen werde. Einsprüche gab es nicht, trotz des miserablen Zeitmanagements. Dennoch, für mich ist es vorteilhaft, denn wer sollte mir widersprechen? Ich habe keine engen Ratgeber. Und Vater auch nicht, seine Aufgabe wäre das ja schließlich in unserem Fall. Offen gestanden behagt es mir nicht, dass ich dauerhaft in seine Rolle schlüpfen muss, obwohl er doch der zu Stürzende ist.

Alles wäre viel komfortabler, wenn er selbst Ludwig vertreten würde. Leider wollte mir partout keine Variante einfallen, in der dies möglich wäre. Für den Abend plane ich ein kleines Fest. Die Höhle wird die Champs-Élysées würdig ersetzen, ich kann endlich einmal das Volk symbolisieren. Solange verweile ich in ehrlicher Freude.

10. 07. 2010, Marek

Lange halte ich das nicht mehr aus; wenn es so weiter geht, muss ich über kurz oder lang mit jemandem darüber sprechen. Am besten mit Cornelia selbst, falls ich mich traue. Ich habe sie heute in Koserow am Strand gesehen, wo wir, unsere Fußballmannschaft, uns auf einen Strandkick verabredet hatten. Wahrscheinlich war ich deshalb so unkonzentriert, dermaßen schlecht habe ich noch nie gespielt! Cornelia saß in einem alten Ruderboot, ihren Laptop auf dem Schoß. Sie tippte eifrig. Gott allein weiß, was sie da tat. Ich glaube nicht, dass sie mich bemerkt hat, zumindest gegrüßt hätte sie wohl. Aber sie schien sehr beschäftigt. Gegen Mittag hat sie sich zusammen mit Jördis verzogen. Trotzdem bin ich den Rest des Tages dieses Bild vor meinem geistigen Auge nicht losgeworden.

Cornelia im Boot. Ihre Haare wehten leicht im Wind, ihr Gesicht war angespannt. Manchmal glaubte ich, Aufregung darin lesen zu können. Ich kann es schlecht beschreiben, doch eines weiß ich genau: Dieser Anblick hat meine Gefühle nur noch untermauert.

gez. Marek

Kapitel 3

Am nächsten Morgen machte ich mich sofort nach dem Frühstück mit den Artikelentwürfen in der Tasche auf den Weg zu Jördis. Ich traf sie aufgrund der frühen Uhrzeit noch in ihrem Kräutergarten an. Zu meiner Überraschung zeigte sie sich von allen drei Varianten ziemlich begeistert, sodass auch ihr eine Entscheidung äußerst schwer fiel. Schließlich wählte sie Nummer zwei.

Ohne mehr Zeit als nötig dafür zu verschwenden, bedankte ich mich bei ihr, um schnell meinen Weg fortsetzen zu können. Ich wollte die Pressemitteilung persönlich nach Zinnowitz bringen, zum Redaktionsbüro des Inselkuriers. Der Himmel war etwas bedeckt, als ich mich frohen Mutes auf den Weg machte. Leider sah es trotzdem nicht nach Regen aus, sodass Scharen von Urlaubern sich zu einem Spaziergang auf dem Damm entschlossen hatten, wodurch ich Schlangenlinien um Omis mit Rollatoren und kleine Kinder mit Puppenwagen fahren musste. Nur so gelang es mir, ein halbwegs akzeptables Tempo anzuschlagen.

Ich erreichte das Büro am späten Vormittag. Der einzige anwesende Redakteur zeigte sich von meiner Geschichte begeistert und versprach, den mitgebrachten Artikel definitiv in Kürze der Öffentlichkeit zu präsentieren. Außerdem sollte ich ihn unbedingt jederzeit über weitere interessante Ereignisse in Bezug auf das Buch informieren! Nachdem ich dies versprochen hatte, schwang ich mich bester Laune wieder auf mein Fahrrad. Als ich Zempin hinter mir gelassen hatte, drosselte ich mein Tempo merklich und legte an der Biegung, die wieder auf den Damm führte, eine Pause ein. Ich ließ mein Rad einfach stehen und kletterte auf die Düne, obwohl dies natürlich verboten war. Eine Weile blickte ich einfach nur auf das offene Meer hinaus, sah den Wellen beim Brechen zu, genoss, wie der Wind unter meine Kleidung fuhr. Normalerweise ließ ich es damit gut sein, kehrte nach ein paar Minuten zum Radweg zurück. Doch etwas hielt mich heute davon ab, vielleicht ahnte ich ja in der hintersten Ecke meines Gehirns, dass etwas Außergewöhnliches bevorstand. Also wandte ich mich nach rechts und lief schräg auf die See zu. Irgendwann schwenkte ich um, um parallel zum Wasser zu gehen. Im Nachhinein war es mir nicht mehr möglich, die Gründe für mein Tun zu rekonstruieren – was auch daran liegen konnte, dass es bei einem mehr als halbherzigen Versuch blieb – derart weit war ich jedenfalls noch nie über die Düne gegangen. Ich konnte bereits den nächsten Strandzugang erkennen, da stoppte ich endlich.

Wie um mich zu beruhigen, schaute ich mich gründlich um. Strandidylle pur. Nein, Moment! Was war das? Eine Wurzel, ja. Auf den ersten Blick kaum ungewöhnlich, aber es fehlte der passende Baum. Verwirrt hielt ich inne. Bestimmt bildete ich mir das nur ein, oder? Gewiss war dort rein gar nichts Besorgniserregendes, richtig? Doch ich konnte einfach nicht widerstehen, die Wurzel etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Langsam ging ich auf das seltsam gebogene Holz zu. Aus der Nähe fiel das Fehlen des Baumes kaum auf. Kurzerhand ergriff ich die Wurzel und riss daran. Schon dass sie nur ein kleines bisschen wackelte, kostete mich einige Anstrengung. Bevor es mir gelang, größere Veränderungen zu bewirken, musste ich eine erste Verschnaufpause einlegen. Gehörte die Wurzel vielleicht doch hierher? Beinahe fing ich an, das zu glauben, aber dann besann ich mich. Sie sah einfach zu bizarr aus, wie sie da baumlos aus der Öffnung ragte. Ich umfasste das Holz an einer anderen Stelle. Meine Knöchel traten weiß hervor, so stark umklammerte ich den Wurzelast. Mit aller Kraft stemmte ich meine Füße in den Boden und zog. Sand rieselte in meinen Turnschuh und schob sich unter meinen Strumpf, wo er unangenehm in meine Fußsohle stach. Urplötzlich flog ich nach hinten. Hatte ich es geschafft? War die Wurzel gelöst? Nein. Meine Augen weiteten sich, als ich aufblickte. Alles noch an Ort und Stelle, nur der Sand … ich konnte nicht sagen, was damit passiert war, doch ich war überzeugt, dass er mich zurückgeschleudert hatte.


Fest entschlossen erhob ich mich und klopfte mir den Sand aus der Kleidung. Vielleicht war ja Gewalt gerade nicht die beste Lösung. Vielleicht sollte ich mir die Wurzel erst einmal aus der Nähe betrachten. Vielleicht würde sich dann eine ganz simple Lösung offenbaren. Vielleicht. Ich ging dicht vor dem mysteriösen Loch in die Hocke. Mit zusammengekniffenen Augen ließ ich meinen Blick über die Äste wandern. Nichts. Ich streckte die rechte Hand nach vorn und ließ meine Finger über jedes Zweigchen einzeln gleiten. Stopp! Ich fuhr den Zeigefinger wenige Millimeter zurück. Da war doch etwas, oder? Es fühlte sich an, wie … nun, Hebel war nicht ganz das richtige Wort, traf es aber noch am ehesten. Automatisch schob sich mein Finger in die Einbuchtung unter dem Hebel. Dann drückte er nach oben. Augenblicklich setzte ein lautes Rattern ein. Unwillkürlich sprang ich zurück, der Schreck stand mir wohl ins Gesicht geschrieben. Während die Lautstärke stetig anschwoll, begann die Wurzel sich zu drehen. Wie in Zeitlupe glitten die einzelnen Äste auseinander. Nach einigen Minuten schließlich gaben sie eine Öffnung frei, die groß genug war, dass ein Mensch hindurchpasste. Ich zögerte nur kurz, bevor ich mit dem Kopf vorneweg in das Loch kroch. Sofort umfing mich völlige Dunkelheit. Einen Moment lang bezweifelte ich, dass es eine gute Idee war, sich einfach ins Ungewisse zu zwängen. Was, wenn ich stecken blieb? Niemand war hier, der mir helfen konnte. Nur Sekunden später hatte meine Neugier gesiegt. Denn dass mich hier etwas Aufregendes erwartete, war mir spätestens seit der eigenmächtigen Bewegung der Wurzel klar. Anfangs war der Tunnel ziemlich eng, sodass es mich einige Mühe kostete, mich robbend nach vorne zu schieben. Aber schon bald weitete sich der Gang etwas und ich konnte vorwärts krabbeln. Wenig später hatte sich die Decke weit genug nach oben verlagert, sodass ein geducktes Gehen möglich war. Mit der Zeit gewöhnten sich meine Augen auch etwas besser an die Dunkelheit, die mich umgab. Dennoch konnte ich nicht viel erkennen, was wohl daran lag, dass es schlichtweg nichts zu sehen gab. Abgesehen von Stein natürlich. Ich war vielleicht zehn Minuten gelaufen, als ich mich zu fragen begann, ob es überhaupt Sinn hatte weiterzugehen. Was würde mich erwarten? Offensichtlich etwas, von dem kaum jemand Kenntnis hatte, da es so gut versteckt war. Ich für meinen Teil lebte nun immerhin seit 15 Jahren auf Usedom und hatte noch nie etwas von diesem Gang in der Düne gehört. Möglicherweise war es ja auch gefährlich, zu tief nach innen zu dringen? Nun, Angst sollte mich nicht abhalten. Falls wirklich etwas Spannendes geschehen sollte, könnte ich bestimmt eine gute Story daraus machen. Ja, vielleicht ließe sie sich sogar im Genre Fantasy verkaufen, das liebten schließlich Jugendliche heutzutage!

Unwillkürlich schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukam, aber schmiedete Pläne für eine neue Geschichte! Genauso musste man wohl denken, wenn man als Autor brillieren wollte. Und das wollte ich!


Während ich so dachte, nahm ich kaum wahr, wie der Gang allmählich in die Breite wuchs. Doch auf einmal erblickte ich im wahrsten Sinne des Wortes das Licht am Ende des Tunnels. Oder bildete ich mir das nur ein, weil ich es gern sehen wollte? Wie dem auch war, jedenfalls beschleunigte ich sofort meine Schritte. Vielleicht würde ich nun endlich etwas Interessantes entdecken. Ich lachte innerlich. Während ich meine letzten Gedanken noch einmal Revue passieren ließ, fühlte ich mich wirklich, als sei ich bereits mittendrin in meinem Fantasyroman. Gewiss würde sich das Ganze als völlig harmlos und unspektakulär erweisen, versuchte ich mir einzureden. Plötzlich machte der Gang eine Biegung. Mit einem Mal war ich von Licht umhüllt. Überrascht blinzelte ich ein paar Mal, bevor ich zumindest einige schemenhafte Umrisse erkennen konnte. Aber kaum dass meine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, begann ich erneut zu blinzeln, diesmal aus Ungläubigkeit. Vor mir tat sich eine Höhle mit schier gigantischen Ausmaßen auf. Nicht nur, dass sie unmöglich unter unsere Insel passen konnte – schon gar nicht mit ihrer schmalen Breite hier am Achterwasser –, nein, sie war auch unglaublich hoch, ich musste wahrhaftig die ganze Zeit bergab gegangen sein. Ich spürte, wie sich ein angenehmes Kribbeln in meinem ganzen Körper ausbreitete. Meine Arme waren über und über mit Gänsehaut bedeckt. Der Grund dafür war relativ simpel: Vom Höhlenboden bis zur Höhlendecke zogen sich über das gesamte Areal riesige Reihen von gefüllten Bücherregalen. Ich traute meinen Augen noch immer kaum, als ich langsam anfing zu begreifen. Es brauchte ein paar Minuten, bis ich es wagte, die Höhle richtig zu betreten. Vorsichtig schritt ich auf das nächstliegende Regal zu. Mit jeder Sekunde wuchs meine Neugier um mehrere Meter. Mein Atem ging stoßweise, als ich endlich vor den ersten Bücherreihen stand. Staub lag auf den Regalbrettern und den Buchrücken. Die Werke waren wohl nach Autoren sortiert, diese jedoch ohne erkennbares System angeordnet. Nun gut, vielleicht nach einer groben Zeiteinteilung. Wobei die Betonung auf „grob“ lag – meines Erachtens existierten genau zwei Kategorien. „Alt“ und „Neu“. Denn ich fand neben den „Leiden des jungen Werther“ von Goethe Dante Alighieris „Commedia“ – auf Italienisch, wohlgemerkt. Liebend gern hätte ich eins dieser Bücher in die Hand genommen, einfach nur darin geblättert, aber ich überwand dieses Verlangen. Zu groß erschien mir die Gefahr, dass ich eine Seite beschädigen könnte; schließlich befanden sich hier eindeutig keine druckfrischen Exemplare. Eine Weile starrte ich unschlüssig auf die Regale, bevor ich ein wenig Staub von einem Brett wischte und dann weiterging. Etwa alle 20 Meter setzte ich erneut eine solche Markierung, damit ich später den Weg zum Ausgang wiederfinden würde. Nach einiger Zeit gelangte ich zu neueren Titeln und Autoren. Zuerst entdeckte ich Gottfried Keller, kurz darauf Thomas Mann und Familie. Ihnen gegenüber fand sich Erich Kästner wieder. Wenig später tauchten auch moderne Schriftsteller auf – Ken Follett, Stephen King, Joanne K. Rowling und Henning Mankell …

Stets waren die Buchtitel in der Muttersprache des jeweiligen Autors geschrieben, so beispielsweise „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“. Ein paar Meter weiter stieß ich auf eine Leiter. Sie war hölzern und mit einer dicken Staubschicht überzogen. Dennoch wirkte sie stabil. Ich versuchte sie an eine andere Stelle zu rücken, scheiterte jedoch kläglich. Sie bewegte sich um keinen Zentimeter. Seufzend umklammerte ich eine Sprosse. Dann würde ich mich eben genau hier an den Aufstieg machen. Ich blickte nach oben. Der Drang hinaufzuklettern verstärkte sich. Zugleich aber gesellte sich eine gewisse Unsicherheit dazu: Was, wenn die Leiter umkippte? Sie stand fast senkrecht und aus irgendeinem Grund war ich fest davon überzeugt, dass sie nicht gesichert war und jederzeit fallen könnte. Was hatte es schon zu sagen, dass ich nicht fähig war sie zu verschieben? Nichts, oder? Bestimmt war das alles nur simple Physik. Und deshalb konnte es mich mal. Es gelang mir, die in meinem Kopf auftauchenden Bilder zahlreicher von Leitern stürzenden Menschen auszublenden, während ich mich Sprosse um Sprosse nach oben arbeitete. Je weiter ich mich vom Boden entfernte, desto besser wurde die Luft. Nun ja, möglicherweise bildete ich mir das auch nur ein, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass ich mich von Sekunde zu Sekunde wohler fühlte. Vollständig zufrieden war ich allerdings erst, als ich das oberste Regalbrett erreicht hatte. Hier schien sogar noch mehr Staub zu liegen, auch wenn das schwer vorstellbar war. Zwischen dem Deckbrett des Regals und der Höhlendecke lag ein Spielraum von vielleicht 35, maximal 40 Zentimetern. Dort hindurch konnte ich also zumindest auf den benachbarten Gang schauen. Von oben sah er ähnlich aus wie der, den ich gerade durchschritten hatte. Auf andere Regale hatte ich nur schlechte Sicht, was daran lag, dass die Höhe der Höhlendecke stark variierte, weswegen das Gestein die Holzbretter teilweise zu berühren schien. Trotzdem genoss ich es, auf dem Gipfel zu stehen.

Im Nachhinein konnte ich nicht mehr sagen, wie ich auf eine derart absurde Idee gekommen war, doch auf einmal erschien es mir unglaublich verlockend, in das oberste Regalfach zu kriechen. Vor der Bücherreihe waren zwei Handbreit Platz, das sollte mir genügen. Mit den Händen umklammerte ich das Deckbrett des Regals, während ich vorsichtig meinen linken Fuß in das Regal setzte. Kaum dass er festen Stand hatte, zog ich den rechten nach.

Ein wohliges Gefühl der Aufregung legte sich über meinen Bauch, kein Adrenalinkick oder dergleichen. Nicht, dass ich es so geplant hätte, doch wo ich nun einmal im Regal angekommen war, wollte ich darin ein Stück weiterklettern. Wozu brauchte ich denn bitte eine Leiter? Blödsinn war das. Ich würde ganz einfach über die Regalbretter den Abstieg versuchen.

Was ich nicht bedacht hatte: Schon nach wenigen Schritten verebbte der Nervenkitzel. Ich fühlte mich sicher, sämtliche Spannung war verflogen. Aus diesem Grund zog ich mein kleines Abenteuer auch nicht unnötig in die Länge, sondern machte mich umgehend auf den Weg nach unten.

Als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, stellte ich mit einem Blick an mir hinunter fest, dass ich über und über von Staub bedeckt war. Obwohl ich mich redlich bemühte, mich von diesem unangenehmen Ballast zu befreien, gelang es mir nur notdürftig. Achselzuckend beschloss ich, dass den Rest eben der Wind auf der Rückfahrt erledigen würde. Gewiss wäre er glücklich, mir diese kleine Gefälligkeit zu erweisen. Ohne mir darüber weiter den Kopf zu zerbrechen, machte ich mich auf die Suche nach einer meiner genialen Staubmarkierungen, denn mein Gefühl sagte mir, dass ich langsam aber sicher wieder aufbrechen sollte. Und das musste ich schon ohne die Hilfe des Windes schaffen. Ich lächelte still in mich hinein, während ich die erste Markierung entdeckte, der ich folgen konnte. Der Rückweg durch die Bücherregale dauerte nur unerheblich kürzer als der Hinweg, da ich wieder Titel um Titel aufsog. Eines jedenfalls konnte ich schon jetzt mit Gewissheit sagen: Diesen Ort besuchte ich nicht zum letzten Mal. Ich brannte darauf zu ergründen, was genau diese geheimnisvolle Höhle zu bedeuten hatte. Denn dass sie nicht nur zum Spaß existierte, dessen war ich mir sicher. Ein Gefühl von Leere stieg in mir empor, als ich den dunklen Gang, der mich zurück zum Strand führen sollte, betrat. Etwas in mir sträubte sich dagegen, diesen wundervollen Ort einfach zu verlassen. Doch was blieb mir anderes übrig? Ich unterdrückte den Impuls zu bleiben und tauchte wieder in die Dunkelheit.

Schon nach wenigen Schritten hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Allerdings besserte sich meine Laune stetig; das Erlebnis kam mir bereits so unwirklich vor, es taugte tatsächlich hervorragend für eine gute Story. Nun, hier ist sie, wobei ich zu diesem Zeitpunkt ja nicht ahnen konnte, dass der beste Teil erst noch bevorstand. Aus unerklärlichen Gründen tauchte plötzlich die Melodie eines Liedes aus meiner Kindheit in meinem Kopf auf. Ich versuchte, sie einzuordnen, bis mir endlich einfiel, dass sie von einer Petterson-und-Findus-CD stammte, die Janis einmal zum Geburtstag bekommen hatte. Mit einem Schlag erinnerte ich mich auch an den Anfang des Textes. Beschwingt begann ich – vermutlich ohne auch nur einen einzigen Ton richtig zu treffen, aber es hörte ja niemand zu – zu singen: „Man nehme Eier aus dem Stall, Mehl auf jeden Fall, Zucker, Milch und Salz und Butter ebenfalls und für die Füllung Sahneschnee … “ Weiter kam ich nicht. Verflucht, was folgte denn nur? Einige Sekunden lang war ich aufrichtig verärgert darüber, nicht mehr den gesamten Text im Kopf zu haben (die Melodie summte ich natürlich weiter), bevor mir bewusst wurde, wie albern das Ganze doch war. Ich lief allein durch einen mysteriösen dunklen Gang und sang von Kater Findus‘ Geburtstagstorte! Zwar schüttelte ich darüber den Kopf, verstummte jedoch nicht. Zu wohltuend war es, mit Hilfe dieser Ohrwurmmelodie die gute Laune zu nähren. Ohne es zu merken, fing ich an, im Takt auf und ab zu wippen, ja beinahe schon zu hüpfen. Dies fiel mir erst auf, als die Decke des Tunnels wieder tiefer wurde und ich gerade voller Elan im Aufschwung war. Meinen Fahrradhelm hatte ich leider beim Rad gelassen.

Das Rad!, schoss es mir durch den Kopf. Hatte ich es angeschlossen? Wahrscheinlich nicht. Oh je, hoffentlich war es noch da! Ich hatte wenig Lust, den Weg nach Hause zu Fuß zurückzulegen. Zudem war ich auch nicht sehr scharf darauf, Dad zu erklären, warum ich ein neues Fahrrad benötigte … genug der Schwarzmalerei! An dieser Biegung wurden üblicherweise keine Räder gestohlen … oder? Ich unterbrach diese Gedanken, sie führten ja doch zu nichts.

Als der Tunnel auf Kriechhöhe schrumpfte, sang ich glücklicherweise gerade nicht, sodass ich rechtzeitig auf die Knie ging. Der Rest des Weges erschien mir deutlich kürzer als beim ersten Mal, andererseits war ich nun auch weniger erwartungsvoll. Einmal abgesehen von der Sache mit dem Fahrrad. Vielleicht war ich deshalb so überrascht, als ich ins Freie und damit mitten hinein in die Dämmerung kroch. Erschrocken sah ich auf die Uhr. Tatsächlich, kurz vor halb zehn.

Kapitel 4

Mein erster Gedanke war: Was um alles in der Welt hat da drinnen derart viel Zeit gekostet? Dicht gefolgt von: Hoffentlich hat mich niemand vermisst! Nervös fummelte ich mein Handy aus der Tasche. Wie vermutet hatte ich in der Höhle kein Netz gehabt: ein verpasster Anruf von Jördis, drei von Janis. Ich spielte kurz mit dem Gedanken zurückzurufen, verwarf ihn jedoch recht schnell wieder. Ich würde ihnen das Ganze bald erklären, doch im Moment wollte ich meine Eindrücke noch allein genießen.

Entschlossen packte ich das Handy wieder ein. Bevor ich mich aber auf den Weg zu meinem Rad machte, kontrollierte ich gewissenhaft die Wurzel. Ich wollte nicht, dass fremde Menschen mein Geheimnis entdeckten. Zufrieden stellte ich fest, dass der Mechanismus sich selbstständig hinter mir geschlossen hatte.

Beruhigt stapfte ich durch den Sand. Die Luft war ziemlich abgekühlt und vom Meer her wehte ein frischer Wind – lächelnd dachte ich an den Staub –, der eine Gänsehaut über meine Arme wandern ließ. Ich beschleunigte meine Schritte, sodass ich innerhalb weniger Minuten an der Wegbiegung eintraf. Gott sei Dank – mein Rad lehnte noch am Zaun! Erleichtert seufzte ich auf, schnallte mir den Helm fest, schwang mich auf den Sattel und trat kräftig in die Pedale. Zu meiner großen Freude war der Damm um diese Uhrzeit so gut wie menschenleer, wodurch ich ungestört mein zügiges Tempo beibehalten konnte.

Als ich Koserow erreicht hatte, machte ich den großen Fehler, mich für den Waldweg zu entscheiden. Ich war so schon erledigt genug, da hätte ich mir diese elenden Berge wahrlich ersparen können. Genau genommen nicht nur die Berge.

Gerade als ich mich den letzten hinaufquälte – natürlich nicht in besonders hohem Tempo – begegnete mir die Schupanirak. Meine gute Laune versteckte sich augenblicklich hinter einer Wand aus Ablehnung.

„Hallo, Cornelia!“, rief Frau Schupanirak euphorisch. Am liebsten wäre ich einfach weitergefahren, aber in dem Versuch auch einmal höflich zu sein, hielt ich an. „Abend.“

„Was treibst du denn zu dieser späten Stunde noch hier?“ Das Gleiche könnte ich Sie fragen! „Hatte was zu erledigen.“ „Ach so, ach so, vielbeschäftigt die Jugend von heute, ja ja. Nun, heute ist übrigens der 11. Juli, weißt du, was an diesem Tag alles passiert ist?“ Ich wette, Sie wissen auch nicht alles. „Nein, meine Geschichtslehrerin muss wohl versäumt haben, das in ihrem außerordentlich brillanten Unterricht anzubringen!“ Frau Schupanirak verzog das Gesicht, Vorwurf lag in ihrem Blick. „Du magst es kaum für möglich halten, doch ich erkenne Ironie, liebe Cornelia!“ „War aber keine“, gab ich zurück und dachte bei mir, dass ‚Sarkasmus‘ der treffendere Ausdruck war. Erstaunlicherweise überging Frau Schupanirak die Bemerkung, indem sie sagte: „Nun, im Jahre 1789 war der 11. Juli aufgrund der Entlassung des Finanzministers Jacques Necker durch Ludwig den XVI. ein wichtiger Tag in Hinblick auf die folgende Französische Revolution.“ „Das ist alles? Scheint ja ein ziemlich ereignisarmer Tag zu sein, und das, obwohl er mitten in einer Revolution lag … “ Mir war durchaus bewusst, dass das etwas provokant war, doch ich war das quälende Geschichtsgeschwafel einfach leid. Frau Schupanirak räusperte sich umständlich, bevor sie verkündete: „Ich verbitte mir diese Frechheiten, auch in den Ferien!“ „Ich verbitte mir Ihre Geschichtsvorträge, besonders in den Ferien!“ Nun blieb ihr tatsächlich einen Moment lang die Luft weg, bevor sie mit übertrieben gesenkter Stimme drohte: „Du weißt, dass ich es nicht weit habe, wenn ich einmal mit deinem Vater sprechen möchte!“ Vermutlich wäre das der richtige Moment zum Einlenken, für eine Entschuldigung gewesen, doch ich wollte ihr diesen Triumph nicht gönnen. „Je schneller Sie da sind, desto eher wird er Ihre Hoffnungen auf Zustimmung zerstören.“

Das war Quatsch, er legte viel Wert auf seine gute Erziehung – zu viel –, aber darum konnte ich mich später kümmern. Ohne ein Wort der Verabschiedung ließ ich Frau Schupanirak einfach stehen. Wenn ich es auch nur ungern zugab, hatte mir die kurze Pause doch insofern geholfen, als dass ich nun etwas schwungvoller den Rest der Strecke zurücklegte. Binnen weniger Minuten stieß ich die Haustür auf. „Cornelia?“, rief Janis von oben. „Bist du es?“

„Ja! Moment, ich bin gleich da!“ Hastig eilte ich in mein Zimmer, stellte meine Sachen ab und lief hinüber zu Janis. „Wo warst du denn? Mama und Papa haben sich schon Sorgen gemacht. Na ja, ich ehrlich gesagt auch.“ Mein Bruder blickte mich mit großen Augen an, während er leicht errötete. „Mh, tut mir leid. Ich hab einfach die Zeit vergessen, verstehst du? Wo sind Mum und Dad denn jetzt?“ „Ja, die sind mit irgendwelchen Bekannten bei Kelch’s drüben. Ich glaube, es geht um David.“

„Bei Kelch‘s?“

„Na, Karlsstraße, Dornhaisuppe, Seezunge, sympathische Kellnerin … “

„Ja ja, schon klar. Ich meine, wegen Nachhilfe?“ Als ob es auf unserer Insel Personen geben konnte, die mit Kelch‘s Fischrestaurant nichts anzufangen wussten! Janis nickte. „Auch. Aber genauso allgemein … Erziehungsprobleme eben.“ „Schwänzen, Alkohol?“

„Sie haben Zigaretten in seinem Zimmer gefunden.“ Ich runzelte die Stirn. Was um alles in der Welt dachte David sich dabei? „Ist er zu Hause?“ „David? Ja, der hat doch Hausarrest. Wegen gestern, da war schon wieder Party bei Maik.“ „Oh. Okay. Meinst du, wir beide können ihm irgendwie helfen?“ „Du kannst ja mal mit ihm sprechen. Ich finde, dir sollte er vertrauen.“ Gut, einen Versuch war es wert. Wenn es zwecklos war, kostete es mich sowieso höchstens fünf Minuten, also warum nicht? Ich begab mich nach nebenan in Davids Reich. „Hi, David.“ „‘n Abend.“ David saß, wie nicht anders zu erwarten, in seiner typischen Zockerhaltung vor der Playstation. Sein Gesicht war verkrampft, während er augenscheinlich in einem ultragefährlichen Kriegsgeschehen mitmischte. „Du bist Skater und Fußballer.“

„Das weiß ich selbst, was willst du?“ „Sportler rauchen und saufen nicht.“ „Leck mich.“ „Aber einen Schulabschluss brauchen sie … “ „Hau ab!“

Seufzend lehnte ich mich gegen den Türrahmen. „Du bist doch süchtig nach dem Kram.“ „Laber keinen Scheiß. Mir geht’s super. Ich zocke nur den ganzen Tag, weil ich zum Skaten und so eben rausgehen müsste, klar?“ „Wenn du lieber skaten würdest, wie wäre es dann, einmal zu überlegen, warum du es nicht darfst?“ „Jetzt verpiss dich endlich!“, knurrte David, während er drei Gegner auf einmal niederstreckte. Diesmal harrte ich nicht länger aus, sondern zog mich in mein Zimmer zurück, nachdem ich Janis den Misserfolg gemeldet hatte. Einen Moment lang lehnte ich unentschlossen am Fensterbrett und starrte hinaus in die Dunkelheit. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich noch nicht bereit, das Erlebte niederzuschreiben. Doch ebenso wenig hatte ich Lust auf ein spannendes Buch. Stattdessen schlüpfte ich in meine Heimsportsachen und machte es mir auf der Rudermaschine bequem. Dad riet uns stets von Sport am Abend ab, aber eine Runde auspowern war jetzt genau das, was ich brauchte. Einfach mal abschalten. Ich startete das mittelschwere Programm. Nach meinem Trainingsstand sollte ich zwar längst auf der höchsten Stufe rudern, doch ich war schließlich immer noch ein Mädchen, kein Bodybuilder, und nutzte das Gerät lediglich zum Spaß.

So auch jetzt. Und Spaß hatte ich dabei wirklich. Meine gesamte Konzentration war auf die gleichmäßigen Ruderschläge gerichtet, alle störenden Alltagskonflikte blendete ich rigoros aus. Es war beinahe 23 Uhr, als ich erschöpft die Arme sinken ließ. Nun war es genug der Anstrengung für einen Tag! Am liebsten hätte ich mich sofort ins Bett geworfen, allerdings spürte ich, dass mein Magen damit absolut nicht einverstanden war.

Ich überlegte. Etwas Herzhaftes sollte es sein, nicht zu wenig, nicht zu viel, in spätestens 15 Minuten fertig. Da würde ich im Kühlschrank nichts finden. Aber der Bäcker an der Ecke, dessen Inhaber gerade gewechselt hatte, bot doch 24 Stunden am Tag Fischbrötchen an!

Eilig spritzte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und unter die Achseln, warf meine Jacke über und marschierte los. Die Luft war nächtlich kühl, was ich in diesem Moment sehr zu schätzen wusste. Nicht nur die Frische genoss ich während meines kleinen Spaziergangs, sondern auch die wohltuende Klarheit. Hm, Seeluft! Ich würde ihrer niemals leid werden.

Beim Bäcker herrschte um diese Nachtzeit kein Andrang, sodass ich mich schnell wieder auf dem Rückweg befand. Die Tüte mit den zwei Fischbrötchen schwenkte ich gut gelaunt durch die Gegend. Auf einmal spürte ich einen scharfen Luftzug am Kopf. Meine Haare flogen in alle Richtungen. Ein eisiger Wind fuhr mir mitten ins Gesicht, welches ich mit einer Hand zu schützen versuchte.

Zu dem Brausen des Windes gesellte sich ein Zischen, untermalt von Flügelschlagen. Der Lärm schwoll stetig an. Papageien, schoss es mir durch den Kopf, und gleich darauf: Unsinn! Wenn, dann Möwen! Der noch logisch denkende Teil meines Gehirns sagte mir deutlich, dass es hier gar keine Papageien gab, doch mein Gefühl widersprach ihm völlig. Es störte sich auch nicht daran, dass die Papageien düster und grau wirkten. Inzwischen glich das Zischen einem Donnergrollen. Zudem war es stockfinster geworden, sodass ich anhalten musste, um nirgends dagegen zu laufen. Mit einem Mal verstummten die vorher beängstigend lauten Geräusche. Stattdessen legte sich ein Flüstern in meine Ohren: „Es ist kein guter Ort, nicht mehr! Kehre nicht dorthin zurück! Setze dich nicht erneut dieser Gefahr aus! Du bist dort unerwünscht! Nimm dir diesen Rat zu Herzen!“ Ich war wie gelähmt vor Schreck. Musste so viel Verwirrung an einem einzigen Tag wirklich sein? Was meinte die Stimme für einen Ort? Die Höhle? Da war nun rein gar nichts Gefährliches gewesen. Andererseits konnte ich mir auch keinen anderen Reim darauf machen …

Während mir diese Gedanken durch den Kopf rasten, löste sich die schwarze Wolke um mich herum langsam auf. Nur zögerlich setzte ich meinen Heimweg fort. Der Appetit auf die Fischbrötchen war mir jedenfalls vergangen.

Trotzdem schlang ich sie zu Hause gierig hinunter, um meinen Magen zu beruhigen. Es war beinahe Mitternacht, als ich wieder die Treppe hinaufstieg. Janis schlief offensichtlich schon, bei David brannte noch Licht. Einen Moment lang erwog ich, ihn dezent auf die Uhrzeit hinzuweisen, verwarf die Idee jedoch schnell wieder. Rein aus Provokation würde er dann gar nicht mehr ins Bett gehen.

Ganz im Gegensatz zu mir, denn meine Augen drohten bereits zuzufallen. Ich begnügte mich im Bad mit dem Nötigsten, sodass ich wenige Minuten später bereits unter meine Decke kroch. Zu meinem großen Leidwesen war zumindest meine geistige Müdigkeit mit einem Mal verflogen. Gedanken an das Erlebnis auf dem Heimweg marterten mein Gehirn, hinderten mich am Einschlafen.

Sollte ich die Drohung ernst nehmen? Ich wollte aber partout nicht auf die Höhle verzichten, schon allein wegen ihrer inspirierenden Wirkung. Auf der anderen Seite, vielleicht steckte doch etwas dahinter und es lauerten dort verborgene Gefahren?

Nur, was konnte das sein? Geister? Haha, wohl kaum. An solche Fantasiegespinste glaubte ich nicht. Wobei die schwarze Wolke mir ebenfalls sehr suspekt erschien. Hatte ich sie mir möglicherweise doch nur eingebildet? Eine blühende Fantasie hatte ich schon, aber doch nicht so stark! Dachte ich jedenfalls bisher. Wenn nun aber alles echt gewesen war, dann bedeutete das ja … weiter kam ich nicht mehr, bevor mich der Schlaf endlich übermannte.

11. 07. 2010, Xaver

Heute war ein Mädchen in der Höhle. Ich war nicht zugegen, aber Vater hat es mir erzählt, weswegen ich die Aufnahmen meiner geheimen Überwachungskameras geprüft habe. Stundenlang ist sie durch mein Reich gegeistert! Ich frage mich ernsthaft, wie sie den Eingang gefunden hat. Sie darf nicht wiederkommen!

Macht meiner Warze habe ich ihr graue Papageien geschickt, als Warnung. Vielleicht lasse ich morgen noch etwas anderes folgen, das muss ich erst sehen. Auf dem Weg nach draußen, im Tunnel, hat das Mädchen gesungen. Ein Kinderlied, herrlich schräg.

Aber ihr ist nicht der gesamte Text eingefallen. Recht seltsam erscheint mir das. Denn ein Kind ist sie wahrlich nicht mehr, warum also singt sie Kinderlieder? Wie dem auch sei, ich werde sie dank meiner Magie schon abschrecken. Dass von ihr eine Gefahr ausgeht, glaube ich nicht. Daher also nun zu dem spannenderen Thema. Heute war der 11. Juli, es war also Zeit für eine Entlassung. Haha! Ich halte mich an die Vorgaben! Gut, eigentlich wäre auch das Aufgabe meines Vaters gewesen, doch wie gehabt sprang ich notgedrungen als Vertretung für ihn ein. Natürlich gab es nur eine Person, die zu entlassen überhaupt möglich war – mein guter Bruder. Entsprechend hatte ich bereits vorgearbeitet, mit der Androhung des Ruhestandes. Ja, er war kein Minister, aber zumindest sind die Finanzen sein Steckenpferd. Und da Vater sowieso nicht mehr lange durchhält und ich mit Sicherheit kein Hoffnungsträger bin, ruhten alle Hoffnungen der Bücher (sie nämlich stellen mein Volk dar) auf ihm. Passenderweise hieß er ja auch noch Jacob. Wenn das nicht mit Jacques Necker harmoniert! Mich für meinen Teil amüsiert diese Parallele. Planmäßig überraschte ich ihn beim Mittagessen, welches er wie üblich spät einnahm. Sicher, er war dabei allein und ich musste den Gang persönlich erledigen, doch so genau nehme ich das nicht. Auch gab ich ihm keinen Brief, der seine Entlassung verkündete. Denn wie hätte ich es anders anstellen sollen, als ihn zu eliminieren, wo er doch ein Eingeweihter war? Keine Hürde, selbstverständlich nicht. Seinen Körper habe ich dezent in den Räumlichkeiten von Vater verwahrt, wo ich ihn bei der nächsten Reinigung „finden“ werde. Niemand hat etwas bemerkt, wer auch. Alles läuft nach Plan. Ah, drei Tage noch, dann ist der große Augenblick gekommen!

Um diesen würdig vorzubereiten, habe ich heute endlich den neuen Stempel angefertigt! Anstelle von „Caverna librorum“ wird von jetzt an der Schriftzug „Xaverna“ auf der ersten Seite eines jeden Buches zu finden sein. Damit werden meine Verdienste rund um die Höhle der Bücher für all meine Nachfolger in diesem Amt gut ersichtlich und stets präsent sein, was mir ein gewisses Gefühl der Zufriedenheit verschafft.

12. 07. 2010, Xaver

Ich habe das Mädchen von gestern mithilfe der Warze beobachtet. Eine Radtour mit dem kleinen Bruder, welch putzige Idee! Verständlicherweise gönnte ich ihr die Harmonie nicht, ein bisschen Spaß muss schließlich sein! Ein paar Blätter haben völlig ausgereicht, um sowohl ihr als auch dem Bruder die Fassung zu rauben. Vielleicht war die Anspielung auf die Papageien der Nacht etwas zu deutlich, aber eine Warnung zu viel ist besser als eine zu wenig. Hauptsache, sie hält sich nun von hier fern! Ich werde die Beobachtung nicht einstellen, obwohl ich nach wie vor nichts befürchte.

Doch natürlich steht es mir nicht offen, meine kostbare Zeit zu großen Teilen diesem Kind zu widmen. Nein! So viel Wichtigeres gibt es zu tun, stecke ich doch mitten in einer Revolution! Der 12. Juli war heute, ein ereignisreicher Tag in der Geschichte, so viel ist gewiss. Demnach hatte auch ich alle Hände voll zu tun, den Vorgaben gerecht zu werden. Der erste nennenswerte Schauplatz des Tages war das Palais Royal. Genügt nicht allein der Name, um die Erkenntnis zu gewinnen, dass dies gut und gern durch die Höhle symbolisiert werden kann? Nun sollte sich die Nachricht über Jacobs „Entlassung“ verbreiten, jedoch fand ich keinen Sinn darin, den Büchern davon zu berichten.

So ließ ich es denn bleiben. Ohnehin ist dies nicht möglich, denn mein Volk (die Bücher!) befand sich ja bereits in unserem Palais Royal. Wenn sie hier auch keinen Tumult veranstalten können, viele sind es allemal. Meines Erachtens deckten sie das Kontingent auch der Aufständischen in der Pariser Oper (welche hier bedauerlicherweise nicht existent ist) und in den Tuilerien ab. So weit, so gut. Das Volk gewinnt an Macht, die Soldaten sind orientierungslos oder fliehen. Gut, hier ist kein Soldat, aber es läuft doch alles auf das Gleiche hinaus. In der Realität floss Blut, ja, doch wie sollen Bücher und nicht vorhandene Soldaten bluten? Dennoch hielt ich mich an die Vorgaben und erzählte die schaurige Geschichte des Massakers. Leider habe ich trotzdem keine Deserteure zu bieten, aber derart viele Details sind ohnehin Zeitverschwendung.

Es folgte zum krönenden Abschluss im Rathaus, würdig vertreten durch mein Arbeitszimmer, die Organisierung der Revolte. Gewehre brauchte ich dazu glücklicherweise nicht zu verteilen. Dennoch steht außer Frage, dass ein arbeitsreicher Tag hinter mir liegt. Diese unzähligen Aufstände und Volkserhebungen sind eben schwer zu beherrschen! Jedoch ist es die Mühe selbstverständlich wert, so kurz vor dem Erreichen meines großen Ziels!

Oh, oh, nur noch zwei Tage!

11. 07. 2010, Marek

Spanien ist soeben Fußballweltmeister geworden. Ich habe das Spiel geschaut, na ja, zumindest saß mein Körper vor dem Fernseher. Geistig war ich völlig abwesend. Leider, denn es soll spannend gewesen sein. Noch immer spukt mir das Bild von gestern im Kopf herum. Gleichzeitig bedaure ich es zutiefst, kein Foto von Cornelia zu haben. Und wenn es nur etwas wie ein Klassenfoto wäre, damit könnte ich schon glücklich sein. Doch es ist sinnlos, solange ich diesen Wunsch bloß still mit mir herumtrage, wird er sich nicht erfüllen. Andererseits fühle ich mich noch nicht bereit, mich jemandem anzuvertrauen. Wem denn auch? Meinen Eltern vielleicht? Mann, ich bin ein 16-Jähriger, schlimm genug, dass ich Tagebuch führe!

Maria? Na ja, sie ist meine Schwester, aber zu jung, um das zu verstehen und mir zu helfen. Marlon? Ja, der kennt sich wenigstens aus mit seinen 19 Jahren Lebenserfahrung. Aber ich müsste ihn anrufen, am Telefon bespricht man so etwas nicht. Jemand vom Fußball? Das wäre peinlich. Eigentlich bleibt nur Cornelia selbst übrig. Ich werde mich wohl endlich überwinden müssen. Es ihr sagen. Irgendwie hat sie ja auch ein Recht darauf, davon zu erfahren, oder?

gez. Marek

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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
234 s. 24 illüstrasyon
ISBN:
9783944575094
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