Kitabı oku: «Blutsteine»

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© E-Book-Ausgabe 2013

Rhein-Mosel-Verlag

Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel

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ISBN 978-3-89801-826-5

Ausstattung: Cornelia Czerny

Korrektorat: Melanie Oster-Daum

Umschlagentwurf: Julia Johanna Faust

Armin Peter Faust

BLUTSTEINE

Erzählung

Die Toten kann man nicht verleumden. (Philip Roth)

Ohne uns hätten sie es leichter gehabt. (Bertolt Brecht)

Hätte ich noch beten sollen? (Birgit Gebhardt)

RHEIN-MOSEL-VERLAG

für Elvira Eisenschneider †

Prolog

Steine existieren ewig.

Menschen nicht.

Steine sind unsere ältesten Verwandten.

Ihre Existenzform ist das Passiv.

Mit Zeitwörtern sind sie nicht zu beschreiben.

Sie haben Zeit.

Wir nicht.

Steine sind chemische Verbindungen.

Wie wir.

Physikalisch sind sie uninteressant.

Sie bewegen sich nicht.

Sie haben keine Fallhöhe.

Sie beugen sich nur der Gravitation, wenn sie als Wurfgeschosse missbraucht werden.

Waffentechnisch haben sie nur im Neolithikum kurzzeitig (ungefähr 50 000 Jahre) eine Rolle gespielt.

Sie sind hart und bodenständig.

Steine sind grammatisch männlich.

Im Winter sind sie kalt, erfrieren aber nicht.

Im Sommer sind sie warm, schmelzen aber nicht.

Ihre Geschichte ist vorgeschichtlich.

Ihre Gegenwart ist souverän.

Ihre Zukunft vorerst unendlich.

Wir sind endlich.

Einer zukünftigen Apokalypse würden Steine wohl erfolgreich widerstehen.

Sie sind für Grabsteine gut geeignet.

Wir Menschen können hassen.

Wir können lieben.

Wir können trauern.

Wir können uns freuen.

Wir seufzen oft.

Wir weinen, wenn wir Schmerz empfinden.

Wir arbeiten, um zu leben.

All das können Steine nicht.

Nur ein Stein scheint eine Ausnahme zu machen:

der BLUTSTEIN.

Er kann bluten.

Wie wir.

Weder im Schild des Hohenpriesters, noch am Portal des Himmlischen Jerusalem kommt der Blutstein vor. Literarisch ist er noch nie gewürdigt worden, nicht einmal von Adalbert Stifter.

Mineralogen nennen ihn Hämatit.

Das Adjektiv edel passt nicht gut zu ihm. Denn: Er ist dem Rost verwandt (Fe(OH)3).

Sein Steckbrief (nach Dr. ing. Walther Fischer, Praktische Edelsteinkunde, Kettwig (Ruhr), 1954, S. 147f.) ist kurz:

Hämatit (griech.), Fe2O3, ditrigonal-skalenoedrich, in radialstrahligen Aggregaten mit niedriger Absonderung, vielfach auf Eisenlagerstätten auftretend, v.a. in Cleator Moor, Cumberland (Nordwestengland), Sao Paulo (Brasilien), in Ostindien und im Westerzgebirge.

Spezifisches Gewicht: 4,9 – 5,3, Härte

(Nach F. Mohs): 5,5 – 6,5

Strich: rot

Wie Blut.

Prolog in Klammern

(Vielleicht ist es unanständig, ein Buch mit dem Personalpronomen Ich zu beginnen. Dennoch tue ich es und rechtfertige dies damit, dass ich in den folgenden Sätzen sage, was ich alles nicht bin. Zudem wird das Selbstbewusstsein, das in diesem Wort liegen mag, schon nach wenigen Sätzen relativiert, indem ein Anderer den angedeuteten Rahmen der Erzählung mit Fragmenten einer Frauenbiographie der ersten blutigen Hälfte des 20. Jahrhunderts zu füllen versucht.)

*

Ich bin nicht Ödön von Horváth. Er wurde in Paris von einem Baum erschlagen, bevor es die Faschisten getan hätten. Als ich vor Jahren sein Grab aufsuchen wollte, fand ich auf dem Cimetière de Thiais nur einen kleinen verwilderten Hügel mit einem Bäumchen, das sich nicht um Beachtung bemühte. Vielleicht ist es jetzt, zwanzig Jahre danach, etwas größer geworden. Aber einen Menschen zu erschlagen, würde ihm wohl kaum in den Sinn kommen. Mir übrigens auch nicht.

Ich bin auch nicht Serenus Zeitblom, der Gymnasiallehrer, den Thomas Mann erfunden hat, um in seinem »Doktor Faustus« die Rolle des Biographen, des armen Musikers Adrian Leverkühn, zu spielen. Von Musik verstehe ich zu wenig, höre sie aber gern, in allen Lebenslagen, im Himmel und auf Erden.

Ich bin auch nicht Stiller, der Max Frischs Identitätssucher ist, denn meine Identität spielt hier keine Rolle. So kann ich getrost das Personalpronomen Ich an meinen Erzähler abgeben und einen Spaziergang zum Friedhof machen. Dort liegt zwar nicht das Personal der folgenden Erzählung, aber eine kleine Bronzetafel am Fußende eines Grabes weist auf zwei Personen hin, die im April 1944 in den Konzentrationslagern Oranienburg und Mauthausen hingerichtet wurden.

Manchmal, wenn mich niemand beobachtet, besuche ich den Friedhof, trete vor die Tafel und verneige mich.

Nun soll ein anderer aus den Kulissen treten und das Wort ergreifen, denn zum Verneigen hat er eher einen Grund als ich.

*

Mein Name sei Martin Krimkorn. Ich stamme aus einem Ort im Erzgebirge, habe Naturwissenschaften studiert, mich in jungen Jahren für das Fliegen, eine unpopuläre Partei und ein Mädchen begeistert.

Heute, als alter Mann, bekenne ich, dass ich die Liebe zur Fliegerei zeitbedingt aufgeben musste, wollte ich doch keine Bomben auf mein Vaterland werfen. Die Liebe zu einer Partei hat sich im Alter in eine vage Sympathie gewandelt, die gepaart ist mit einer zwar wirkungslosen, aber doch sehr virulenten Kritik am »Raubtierkapitalismus« unserer Tage, und ich bin mit Jean Ziegler der Meinung, dass dieser Begriff wohl eine »Beleidigung der Raubtiere« ist. Die Liebe zu einem Mädchen hält immer noch an, obwohl sie Fragment geblieben ist, und es ihr nicht vergönnt war, mit mir alt zu werden. Dennoch bewirkte sie zweierlei: Zum einen sah ich mich verpflichtet, das jenem Mädchen gegebene Versprechen, meine Doktorarbeit über »Die deutschen Emigranten in Moskau nach 1933« zu Ende zu führen. Das habe ich getan. Meine Arbeit erschien 1958 in englischer Sprache, also unter Bedingungen, die in Zeiten des Kalten Krieges nicht gerade günstig waren. Das Mädchen, dem sie gewidmet ist, konnte sie nicht mehr lesen. Zum anderen musste ich mich – wiederum zeitbedingt – zum Historiker entwickeln, denn ich war zwischen 1933 und 1944 zum Zeitzeugen herangereift, der nicht schweigen wollte. Dieser Verpflichtung zum Reden nachzukommen, muss einem denkenden Menschen, und erst recht einem Naturwissenschaftler, schwerfallen, denn die Muse Klio ist ein störrisches Wesen; die Tätigkeit des Historikers gleicht so ja doch einem Stochern im Nebel, und sein Instrument ist fast immer der Blindenstock. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach glauben nur Dilettanten, die historische Wahrheit ergründen zu können. Da gleichen sie dem Famulus Wagner, der so selbstverliebt bekennt, dass er zwar viel weiß, aber »alles wissen« möchte. Nein, ein Wagner bin ich bei meinen Bemühungen nicht geworden. Faust zu sein, fällt mir leichter, denn das Bewusstsein, die Wahrheit nicht erreichen zu können und darüber dennoch nicht zu verzweifeln, obwohl das Verzweifeln sehr in Mode gekommen ist, macht uns frei, so frei, die eigenen Irrtümer zu akzeptieren und ins Kreative zu wenden.

Dies soll im folgenden Text hauptsächlich geschehen. Wenn aber der Leser darüber hinaus durch den Text noch veranlasst würde, den herkömmlichen und meist männlich geprägten Heldenbegriff zu hinterfragen und auf den Grabsteinen der Opfer verstohlen einen Stein oder eine Blume zu hinterlegen, wäre schon viel gewonnen, denn von der Welt ist in dieser Hinsicht nicht viel zu erwarten.

Sie tut, was ihr am leichtesten scheint und sie am besten kann: Sie schweigt.

Die Sterne und die Steine schweigen, die Mond- und die Sonnensteine.

Nur die Blutsteine schreien manchmal. –

*

Als die griechische Dichterin Erinna im Jahre 583 v. Chr. in Mytilene auf der Insel Lesbos starb, weinte nicht nur Sappho, ihre Lebensgefährtin, sondern auch die Sklavin ohne Namen, die ihr junges Blut von den Marmorplatten wischte. Der neunzehnjährigen Erinna wurden zwei Statuen errichtet. Andere Dichter schrieben Epigramme zu ihrem Ruhm.

Als Jeanne d’Arcs rotes Haar 1431 in Rouen auf dem Scheiterhaufen verglühte, spuckte der Bischof von Beauvais vor der Hexe auf’s Pflaster und lud das Gericht zu einem Umtrunk ein. Eine Handvoll Asche wurde nach Domrémy gebracht und unter einem Holunderstrauch für die Ewigkeit vorbereitet. Die Tränen der Mutter fielen auf das Pflaster vor dem Pferdestall, denn ihr Kind war nur 19 Jahre alt geworden. Jeanne d’Arc wurde 1920 heilig gesprochen. François Villon, Voltaire, Friedrich Schiller, Alexandre Dumas, George Bernard Shaw, Paul Claudel, Max Mell, Jean Anouilh, Bert Brecht und Anna Seghers haben sie bedichtet: lyrisch, episch und dramatisch. In fast jeder französischen Stadt hat man ihr ein Denkmal errichtet.

Das Mädchen, von dem hier die Rede ist, wurde auch nur 19 Jahre alt. Ihr sind in ihrem Heimatort keine Statuen aus Stein oder Bronze errichtet worden. Auch Epigramme zu ihrer Ehre gibt es nicht. Nur manchmal liegt ein Stein auf der kleinen Gedenkplatte auf dem Friedhof in Fischbach und ein roter Stern steht über der Hinrichtungsstätte im KZ Oranienburg.

Viele Touristen besuchen Jahr für Jahr das Konzentrationslager und laufen achtlos über die Steine, wo sich im grausigsten Jahrzehnt des 20. Jahrhundert fast jeden Tag das Da-Sein von Menschen mit dem Nicht-Sein blutig vermischte.

*

Fischbach

Das Mädchen rückte den Brotkorb auf dem Küchentisch zur Seite, öffnete den Schulranzen, zog die Schiefertafel hervor und legte sie auf das Wachstuch des Tisches. Hausaufgaben waren zu erledigen. Erledigen, was für ein merkwürdiges Wort, dachte sie. Sie stützte den Kopf auf und blickte durch das Fenster auf den kahlen Holunderbusch, in dem sich ein paar Spatzen zankten. Braun und grau waren sie wie Großmutters Schürzen. Ihr Blick wanderte zurück. Dort an der Kleiderleiste neben der Kellertür hing Vaters Blaumann am Haken, denn er wurde seit Anfang Dezember nicht mehr in der Werkstatt gebraucht.

Ein großer Auftrag, synthetische Spinelle in Scheren- und Treppenschliff, war zurückgezogen worden, ohne Angabe von Gründen. Aus Elterngesprächen hatte sie aufgeschnappt, dass es politische Sachen wären, die zu dieser ärgerlichen Absage geführt hätten, denn – so hatte Vater wortwörtlich gesagt – kein Brauner würde in Zukunft einem Roten Arbeit geben.

Als sie von Großmutter wissen wollte, was es mit diesen merkwürdigen Farbgegensätzen auf sich habe, hatte diese nur mit einem Seufzer geantwortet.

Wieder schaute das Mädchen zu den Sperlingen hinüber. Sie hatten ihren Zank aufgegeben und saßen nun missmutig und aufgeplustert auf dem grauen Ast, so als warteten sie auf den ersten Schnee.

Fast wie eine Familie, dachte das Mädchen, meine Familie; nur sägte hier keiner am Ast, auf dem sie saßen. Sie seufzte einen Moment, einen kurzen Moment, und drehte die Tafel um. Ja, da stand noch das Weihnachtsgedicht, das der Lehrer an die Tafel geschrieben hatte. Nur widerwillig hatte sie es auf den Schiefer gekratzt; und als aus dem Widerwillen Wut geworden war, hatte sie den Griffel so fest aufgedrückt, dass die Spitze abgebrochen war. Mit dem stumpfen Schreibgerät hatte sie das Gedicht zu Ende geschrieben. Etwas in ihrem Innern hatte sich dagegen gesträubt:

Du lieber, heilger, frommer Christ,

weil heute dein Geburtstag ist,

so ist auf Erden weit und breit

bei allen Kindern frohe Zeit.

Sie murmelte die Verse leise ein paarmal vor sich hin, behielt die Tür zum Flur im Auge und horchte, ob nicht das Tok, tok von Großmutters Gehstock auf den Dielen zu hören wäre. Es blieb ruhig im Haus, in ihrem Innern nicht. Immer wieder stockte ihr Murmeln, wenn sie den letzten Vers vor sich hinsagte: … bei allen Kindern frohe Zeit. – Sie musste schlucken, zweimal, dreimal … Dann stand sie ruckartig auf, spuckte auf den kleinen Wischlappen, der mit einer Kordel an der Schiefertafel befestigt war, und wischte mit trotzigen Bewegungen den »lieben, heilgen Christ« und die »frohe Zeit« weg. Sie würde das Gedicht nicht auswendig lernen, selbst wenn Großmutter sie darum bitten würde, was zu erwarten war.

Vater war arbeitslos seit dem 1. Dezember 1931, was auch zu erwarten war. »Ausgerechnet im Advent«, hatte Großmutter gesagt, ihr Taschentuch auseinander gefaltet, die Augen kurz bedeckt und sich dann ungewöhnlich laut geschneuzt. Ihre Tränen hatte das Kind trotzdem wahrgenommen, aber auf die Frage nach dem Grund hatte Großmutter nur auf die Zwiebeln gedeutet.

Seit Großvater pensioniert war, hatte das Kind, öfter als ihm lieb war, das Gefühl, zwischen den Eltern und den Großeltern vermitteln zu müssen. Aber seit Mutter das Kirchenblättchen vor ihren Augen zerrissen und in den Brennholzkasten geworfen hatte, waren die Versöhnungsversuche des Kindes schwieriger geworden und zuletzt ganz erfolglos geblieben. Selbst als sie die Fetzen wieder aus dem Kasten geholt, mit Großvaters Klebstoff zusammengeklebt und vor Großmutter ausgebreitet hatte, versagte ihr kindliches Trostmittel.

Seitdem hatte GLAUBE UND HEIMAT keine Heimat mehr in dem Haus, über dem nun – wie Großmutter bitter bemerkte – ein roter Stern stehe. Als sie Großvater danach fragte, sagte dieser etwas resigniert, dass der einzige rote Stern, den er kenne, die Venus sei, aber diese sei viel, viel älter als GLAUBE UND HEIMAT. Damit konnte sie nun wenig anfangen und dachte wieder an Großmutter. Aber wenn sie jetzt zu ihr in die Küche käme und sie bitten würde, doch mit ihr ein Weihnachtslied zu singen, was würde sie ihr dann sagen? Sie blickte auf das ausgewischte Gedicht und überlegte sich eine Ausrede; aber auf dem Gang blieb alles ruhig.

Sie blinzelte zu der kleinen Anrichte hinüber, auf der ein Foto ihres Vaters in einem kargen Holzrähmchen stand. Sie fühlte sich auf einmal gedrängt, das Bild in die Hand zu nehmen, es zu betrachten und daraus Kraft zu gewinnen, sich Großmutters Wunsch nach Weihnachtsgedichten und -liedern zu widersetzen.

Sie hielt das Foto ganz dicht vor ihre Augen, so dass sich ihr eigenes Gesicht neben dem des Vaters spiegelte. Ja, da stand Vater in Matrosenuniform, und sie ließ ihre Blicke von den Schuhen bis zu der prächtigen Mütze wandern, auf deren Rand eine weiße Aufschrift, von der sie aber nur ein Wort entziffern konnte, zu sehen war. KIEL stand dort, und sie hatte schon beim ersten Betrachten vermutet, dass dieser Ort am Wasser liegen müsse, denn im Bildhintergrund waren zwei Kriegsschiffe mit Kanonen und heftig qualmenden Schornsteinen zu sehen.

Damals hatte sie noch nicht lesen können und die Großmutter gefragt, was denn da auf der Rückseite hingekritzelt war. Sie hatte ihr jedoch nicht geantwortet.

Auch jetzt drehte sie das Foto wieder um und las leise vor sich hin: Zum Andenken an unseren Matrosenaufstand in Kiel, November 1918.

Da ihr Großmutter keine Antwort gegeben hatte, sie aber doch alles wissen wollte, hatte ihr Vater gesagt, dass ein guter Kamerad vom »SPARTAKUS«, der später beim Aufstand umgekommen war, den Gruß auf die Rückseite geschrieben hatte. Weil dies mit einer Mischung aus Stolz und Bitterkeit gesagt worden war, hatte sie weiter und nach SPARTAKUS gefragt. Vater hatte ihr übers Haar gestrichen und gemeint, dies zu begreifen sei sie dann doch noch zu klein.

Nun war sie zwar erst zwei Jahre älter, konnte aber in der »Arbeiterzeitung« der KPD schon die meisten Artikel lesen und wusste auch mit SPARTAKUS etwas anzufangen. An das Stichwort »Aufstand« hatte sie sich auch geklammert und mit Vaters Unterstützung herausgelesen, dass die Kieler Matrosen nicht mehr gegen Englands Flotte auslaufen wollten, ihre Offiziere entmachtet und das Feuer unter den Kesseln weggerissen hatten. Dass ihr eigener Vater bei diesen rebellischen Aktionen dabei gewesen war, hatte sie damals ein wenig stolz gemacht, diesen Stolz jedoch hatte sie für sich behalten und weder Pfarrer und Lehrer, noch den Klassenkameraden davon erzählt; schon gar nicht der Großmutter. Großvater hatte den Kopf gesenkt und war schweigend in den Garten gegangen. An eine Rückfrage erinnerte sie sich auch jetzt, da sie das Matrosenbild wieder an seinen Platz stellte: »Wie macht man das, Offiziere entmachten?« Vater hatte ihr darauf keine direkte Antwort gegeben, sie in die Werkstatt geführt, unter den Steinabfällen, Polierpulvertüten und Schleifscheiben ein Zigarrenkistchen herausgezogen und vor ihren Augen geöffnet. Da lagen eine halbe Brille mit einem schwarz-weiß-roten Bändchen, eine Handvoll Messinghülsen, eine mit Silberfaden eingefasste Schulterklappe und ein roter fünfzackiger Stern. Als sie sich keinen Reim auf diese Gegenstände machen konnte und etwas ratlos ihren Vater anblickte, erzählte er ihr im Flüsterton, dass diese »halbe Brille« – wie sie gesagt hatte – ein Offiziersmonokel sei, das die Spartakisten dem Schiffskommandeur, der sie mit einer Hundepeitsche zum Dienst an die Motoren treiben und zum Auslaufen zwingen wollte, abgenommen und zertreten hätten. Als er dann seinen Revolver gegen seine Matrosen gerichtet und sie zu erschießen gedroht habe, sei er entwaffnet worden und man hätte ihm diese Schulterstücke von seiner Uniformjacke gerissen.

»Und das nennt man dann Entmachtung?«, hatte sie da gefragt. »Ja«, hatte er nur geantwortet, den roten Stern aus der Schachtel genommen und ihr in die Hand gedrückt. Sie hatte ihn mit Wolle umwickelt und in ihrer Häkeltasche versteckt. Das sollte ihr Stern und ihr Geheimnis bleiben. Entschieden trat sie wieder an den Küchentisch heran, um das Problem mit dem Weihnachtsgedicht noch einmal zu überdenken.

Einen Augenblick schwankte sie zwischen Spartakus und Weihnachtsgedicht, zwischen dem goldnen und dem roten Stern, dann kramte sie aus Vaters Schuhregal einen Packen »Arbeiterzeitungen« hervor, nahm die oben liegende letzte Nummer in die Hand, drückte leise die Küchentür zu, setzte sich an den Tisch und blätterte die Zeitung von hinten auf, denn dort gab es eine »Ecke für das proletarische Kind«. Ein Preisausschreiben war dort angekündigt, bei dem man ein Spielzeug oder ein Buch gewinnen konnte, wenn man den Mut hatte, seinen Text zum Thema einzuschicken.

Was wurde diesmal verlangt? »Bestimmt kein Weihnachtsgedicht«, sagte sie halblaut vor sich hin. Nein, ein solches wurde nicht erwartet, wohl aber ein Aufsatz über »Brauch und Sitte des Weihnachtsbaums«.

Innerlich schon ein bisschen erregt, schob sie den Deckel des Griffelkastens auf, fischte einen Bleistift heraus, spitzte ihn mit dem Brotmesser an, beseitigte die Krümel und hielt einen Augenblick inne. Sollte sie eine Seite aus ihrem Schreibheft reißen und Spartakus opfern? Die Entscheidung fiel ihr nicht leicht, denn seit Vater arbeitslos war, war auch ein Schreibheft für ein Proletarierkind eine kostbare Sache.

Die Küchentür im Auge behaltend, begann sie zu schreiben.

Liebe Genossen! Warum ich keinen Weihnachtsbaum haben will? – Wie ich noch kleiner war, hätte ich immer gerne einen gehabt. Die anderen Kinder hatten einen Baum mit glänzenden Lichtern und feinen Überraschungen, ich war darauf neidisch. Geschenke bekam ich zwar auch, doch die durfte ich manchmal mit aussuchen helfen, oder sah Vati und Mutti sie abends machen.

Jetzt bin ich nicht mehr neidisch, sondern stolz, dass mich nicht meine Eltern belügen, dass alles von einem Christkind kommen tut und um so froher, wenn von unserer Unterstützung manchmal etwas geschenkt wird. Dass es kein Christkind gibt, weiß ich bestimmt, denn in unserem Dorf sind die meisten Christbäume geklaut und der Lehrer sagt doch, dass Gott alles sieht. Der Lehrer sagte auch, ich sollte Weihnachten ein Gedicht in der Kirche vortragen und mit singen. Ich sagte, dass ich nicht in die Kirche gehe. Da sagte er, die Kinder müßten doch nicht wie die Eltern sein und Josef wäre doch gut.

Sie legte den Bleistift weg, glättete das Eselsohr an der unteren rechten Ecke des Blattes, stützte den Kopf in die Hand, machte ein trotziges Gesicht und wartete auf einen Seufzer, der sich in ihrem Inneren ankündigte. Denn als sie daran dachte, dass sie noch im letzten Jahr in der sechsten Klasse und sehr zur Freude ihrer Großmutter, einen Engel gespielt hatte und am Ende mit Gebäck und Zuckerzeug belohnt worden war, musste sie sich Mut machen, auf die süße Belohnung zu verzichten. Tapfer hatte sie letztes Jahr einen goldenen Verkündungsstern hochhalten und den Hirten zurufen dürfen, dass sie sich nicht fürchten müssten. Nun würde ihr die Weigerung, den Josef zu spielen, noch ein paar Seufzer mehr abverlangen und auch das vom Lehrer danach im Weggehen hingemurmelte Schimpfwort war schwer zu verkraften gewesen. Es hatte wie »Proletenpack« geklungen.

Sie stand auf, trat zum Waschbecken, trank einen Schluck Wasser, schaute kurz in den Spiegel – ein wenig Trotz war immer noch da – »Proletenpack«, sagte sie in das Spiegelbild hinein, setzte sich wieder an den Tisch, ergriff den Bleistift und schrieb:

Ich will keinen Josef und kein Bäumchen und will gerade Kommunist werden wie meine Eltern. Dadurch wird es wieder besser und Vati verdient wieder und kann uns schenken, was wir brauchen.

Sie las ihren Aufsatz noch einmal durch, nickte Einverständnis mit sich selbst, setzte ihren Namen und ihr Alter dazu, schrieb mit Großbuchstaben darunter: SEID BEREIT! und malte mit einem Buntstiftstummel einen roten Stern dazu, mit fünf Zacken, wie der in ihrem Wollknäuel.

Nun hieß es: Warten! Und tatsächlich, in der übernächsten Nummer der »Arbeiterzeitung« war ihr Aufsatz abgedruckt worden, denn sie hatte unter 152 Einsendungen den zweiten Preis gewonnen. Wenige Tage danach war auch ein Buchgeschenk eingetroffen. Und hatte Großmutter ihren Aufsatz in der Zeitung nur halb zu lesen vermocht, bevor sie in Tränen ausbrach, so zeigte sie für den Buchpreis doch wieder Interesse. Den Dichter Wilhelm Scharrelmann kannte niemand im Haus – auch die Großmutter nicht – aber der Titel »Piddl Hundertmark« machte sie neugierig. Sie bot ihrer Enkelin an, es gemeinsam zu lesen. Und so lernten die beiden in der letzten Adventswoche 1931 den zehnjährigen Jungen Piddl kennen, der im Armenviertel von Bremen mit seiner Mutter in einer winzigen Kellerwohnung in der Winkelgasse hauste und aus dem am Ende nach dem Tod seiner Mutter ein tapferer Werftarbeiter wurde, mit dem Willen, nach der Lehre in die weite Welt aufzubrechen.

Ja, in die Welt aufbrechen, das wollte sie auch, wie dieser Junge aus Bremen, aber Großmutter hatte ihre Aufbruchstimmung gedämpft mit der für sie bitteren Feststellung, dass man es in der Welt auch zu etwas bringen könne, ohne zu einem roten Stern aufzuschauen.

Dieser bittere Satz hatte wieder Gräben zwischen Großmutter und Enkelin aufgerissen.

Sie wurden in den nächsten Jahren nicht wieder ganz zugeschüttet.

Es kam das Jahr 1933.

Vater musste in den Untergrund gehen, der Naziterror trieb Mutter und Tochter ins Exil und die Großeltern blieben erbittert zurück. Die Familie brach auseinander, Kontakte waren lebensgefährlich geworden.

*

Moskau

Soweit sie zurückdenken konnte, hatte sie nie einen so sonnigen April erlebt, nicht in der alten und nicht in der neuen Heimat. Weder in Fischbach, Oberlinxweiler und Saargemünd, noch in Straßburg oder La Roche sur Yon, ja nicht einmal in Gursuf und Simferopol am Schwarzen Meer hatte sie so prächtiges Frühlingswetter in Erinnerung. Lag es vielleicht daran, dass sie und ihre Mutter in den vergangenen Jahren immer mit angstvollem Herzen von einem Ort zum anderen gehetzt worden und nirgendwo zu Ruhe und Besinnung gekommen waren? Vielleicht hatte sie das gute Wetter im Hintergrund ihres ersten Lebensjahrzehnts übersehen, vor den Kinderängsten und Demütigungen, die sie seit mehr als zehn Jahren hatte hinnehmen müssen. Wieviel heimliche Tränen und Seufzer hatte es sie gekostet, wenn in den Jahren vor ihrem Wegzug aus Fischbach am 22. April auf ihrem Geburtstagskuchen, den die Großmutter so liebevoll gebacken und hergerichtet hatte, die Kerzen ausgeblasen werden sollten und keines der eingeladenen Kinder sich eingefunden hatte. Sie hatte nur unter Tränen ein Stückchen heruntergewürgt und sich taub und blind gegenüber den Tröstungen der Großeltern gestellt. Wie gerne hätte sie geteilt, aber die meisten Eingeladenen waren wortlos weggeblieben, andere hatten fadenscheinige Ausreden gebraucht, deren Wortlaut man anmerken konnte, dass sie den Freunden und Freundinnen von Erwachsenen eingetrichtert worden waren. Von Jahr zu Jahr hatte sich ihre Enttäuschung gesteigert und war schließlich in Bitterkeit und Trotz umgeschlagen, der so weit ging, dass sie an ihrem neunten Geburtstag den Kuchen samt Kerzen Nachbars Hofhund vor die Hütte geworfen hatte. Dieser, ein deutscher Schäferhund, hatte nur ein wenig daran geleckt und sich dann wieder in seiner Hütte verkrochen. Das Wetter konnte bei diesem seltsamen Rückzug des sonst sehr gierigen Tieres keine Rolle gespielt haben, denn sie erinnerte sich ausnahmsweise an unverschämt strahlenden Sonnenschein und an Großmutters verschämte Tränen. Zwei Tage vorher hatte sie in der Schule eine andere Feier mitfeiern müssen, bei der ein Mädchen aus ihrer Klasse ein Sträußchen Schlüsselblumen ans Führerbild an der Rückwand des Klassensaals stecken musste, und ein Junge, den sie eigentlich mochte, ein Gedicht aufgesagt, das sie gar nicht mochte. Im folgenden Jahr, dem letzten in ihrer Heimat, hatten sich ihre Enttäuschungen über die Kränkungen in Schule und Dorfgemeinschaft derart gesteigert, dass sie krank geworden war: Krank durch Kränkung, das war wohl unheilbar in jener bösen Zeit. Doch war sie stets von Vater und Mutter zum Durchhalten ermutigt und auf den Tag vertröstet worden, an welchem das Bild des Mannes mit dem schwarzen Schnauzer wieder abgehängt werden würde. Ihre Schmerzen blieben jedoch und das besagte Bild ebenfalls. Manchmal saß sie versonnen in ihrer Bank und wünschte sich, dass statt des Bildes wieder das Kreuz dort hängen sollte, das auf der gelblich getünchten Wand auch nach dem Abhängen noch schemenhaft zu erkennen war, jenes Kreuz ohne Haken, ihr – wie sie sagte – Großmutter-Kreuz. Doch was waren ihre eigenen Schmerzen und Kränkungen gemessen an denen, die ihrer Mutter in jenem fürchterlichen Jahr zugefügt worden waren. Hin- und hergerissen zwischen ihren Schwiegereltern und ihrem Mann, zwischen Anpassung und Widerstand, mochte sie sich in vielen schlaflosen Nächten die Frage gestellt haben, ob sie nicht des Kindes wegen politische Kompromisse machen und aufgeben sollte. Diesen Kampf der Mutter hatte sie sich zu verstehen bemüht, sich in ihrem Kinderbett schlafend gestellt und die Mutter seufzen gehört. Zuweilen hatte sie auch Papiergeraschel wahrgenommen und einmal die Mutter dabei überrascht, als sie noch im Nachthemd und mit kalkweißem Gesicht ein Bündel Flugblätter in den Ofen geworfen hatte. Sie hatte wortlos und innerlich fröstelnd daneben gestanden und ihr versichern müssen, dass sie niemandem davon erzählen würde. Dieses Versprechen hatte sie gehalten, an ihren fernen Vater, an seine gefährlichen Flugblätter und an das kalkweiße Gesicht ihrer Mutter gedacht. Auch gegenüber der Großmutter war sie schweigend geblieben, obwohl sie sie am Mittagstisch über den Teller hinweg mit ihren Fragen bedrängte. Sie empfand es fast als glückliche Fügung, dass sie nicht genau wusste, wohin Vater geflüchtet war, seit ein paar SA-Rabauken die Wohnung nach versteckten Flugblättern und Zeitschriften durchwühlt und die Möbel demoliert hatten.

Dabei war der Anlass zu diesem »Staatsbesuch«, wie Vater den Überfall später bitter auflachend genannt hatte, auf den ersten Blick – und nur den hatte sie damals mit ihren neun Jahren – geradezu kurios. Es hatte fast höflich angefangen. Der Anführer des braunen Trupps hatte sogar an der Haustür geklingelt und grinsend gefragt, ob hier ein Geburtstag gefeiert würde. Mutter konnte das zwar zögernd bejahen, aber als sie – immer noch überrascht – hervorstieß, dass sie sich nicht erinnern könne, die Herrn eingeladen zu haben, bekam sie einen so heftigen Stoß vor die Brust, dass sie im Hausflur niederstürzte. Sie hatte sich mit Hilfe der Tochter, die den Besuch noch weniger verstehen konnte als sie selbst, aufgerappelt und war den Männern in die Wohnküche gefolgt. Dass dort noch ein angeschnittener Kuchen, eine Zuckerdose und ein paar Kaffeetassen auf dem Tisch gestanden hatten, war offensichtlich von ihnen als Bestätigung dafür genommen worden, dass hier gefeiert worden war. Mutter hatte sich selbst und die aufgestaute Empörung wohl erst dann unter Kontrolle, als sie merkte, dass es gar nicht um den Geburtstag ihres abwesenden Mannes, sondern um einen ganz anderen ging und ahnte die Gefahr, die da auf sie und ihre Tochter zukam. Denn als jetzt einer der Rabauken hinterhältig grinsend hervorstieß, dass man jetzt auch wisse, wie dieses Proletenpack den Geburtstag des roten Karl aus Trier feiere, werde man andere Saiten aufziehen und ihnen die Feierlaune verderben. Und um seinen Worten brutalen Nachdruck zu verleihen, ergriff er die Zuckerdose, kippte den Inhalt in eine halb geleerte Tasse und fuchtelte mit seinem Schlagstock vor dem Wandkalender herum. »Fünfter Mai, und rot angestrichen, da haben wir’s doch!« brüllte er, riss das Blatt vom Kalender, zerknüllte es und warf es verächtlich der Mutter ins Gesicht. Sie hatte in kindlicher Naivität die Mutter verteidigen, den ihr vertrackt erscheinenden Irrtum aufklären und sagen wollen, dass sie gar nicht den Geburtstag eines ihr fremden Menschen hier gefeiert hätten, sondern den des eigenen Vaters, als die Mutter ihr ins Wort gefallen war und mit kalkweißem Gesicht und zitternder Stimme fragte, wieso es verboten sei, den Geburtstag eines Mannes zu feiern, der immer auf der Seite der Schwachen gewesen sei. Hätte sie, die Tochter, in diesem Moment, so jung sie auch war, nicht erkannt, dass die Mutter durch diese Lüge gefährliche Fragen nach dem Vater abgewandt hatte, hätte die Sache wohl noch eine schlimmere Wendung genommen. So blieb es bei wüsten Beschimpfungen der Mutter als Proletenschlampe und Kommunistensau und einer Drohgebärde in ihre Richtung, ja, selbst als einer der Rabauken die Anrichte umwarf, die Kaffeekanne vom Tisch schmetterte, die brennende Kerze ergriff, sie ihr bedrohlich nahe vor das Gesicht hielt, merkte sie der Bedrohten an, dass sie sich gewaltsam zusammenriss und die Situation zu entschärfen versuchte. So waren die gefährlichsten Fragen, nämlich die nach dem abwesenden Vater, durch die Standhaftigkeit der Mutter ausgeblieben, und der Trupp hatte schließlich das Haus mit der Drohung, demnächst wieder zu kommen, um mit härterer Gangart und »Knüppel-aus-dem-Sack« Geburtstag zu feiern, verlassen. Die Zurückgebliebenen hatten noch eine Weile wie erstarrt in der verwüsteten Stube gestanden, um dann einander in die Arme zu fallen und sich entsetzt einzugestehen, dass es noch schlimmer hätte kommen können. Das hatten sie beide tatsächlich nicht gewusst, dass Karl Marx und der Vater am gleichen Tag Geburtstag hatten. Zeichen oder Zufall, das wäre ihnen in diesem Augenblick aber gleichgültig gewesen, und sie hatten sich glücklich gepriesen, dass nicht mehr passiert war.

Mutter und Tochter schworen sich in Zukunft noch vorsichtiger zu sein und Kontakte zu saarländischen Genossen aufzunehmen, um dort nicht nur den Vater einmal wieder zu treffen, sondern auch den lautlosen, aber bitteren Abschied aus der Heimat vorzubereiten.

Die Zukunft war nicht eben rosig, damals am 5. Mai 1934, aber in der Nacht hatte sie von einem roten Stern geträumt, von einem roten Stern, den sie nun öfter als es ihrem Lehrer recht war, in ihre Hefte gezeichnet hatte.

Als Großmutter sie ermuntert hatte, doch in den Kindergottesdienst zu gehen, war sie dem Drängen ein einziges Mal gefolgt, hatte aber in der weihnachtlichen Bastelstunde der Kindergottesdiensthelferin und dem Pfarrer trotzig widersprochen, als sie von ihr verlangten, den Stern von Bethlehem gelb statt rot auszumalen.

Daran musste sie sich heute erinnern, in der warmen Aprilsonne vor ihrer neuen Schule am Arbat-Platz in Moskau. Nun, da ein neuer Lebensabschnitt mit einem roten Stern an der Baskenmütze begonnen hatte, hätte sie aufatmen können, wenn sie nicht die Sorge um die Eltern umgetrieben hätte. Wie war ihr damals im November 1935 die Trennung von ihrer Mutter so schwer gefallen. Sie hatte tapfer durchgehalten, den bitteren Abschied von den Großeltern und der Heimat und die strapaziöse Flucht über La Roche-sur-Yon, Paris, London und Leningrad verkraftet, aber nun am Ziel der langen Reise war sie zusammengebrochen und musste zu einem lang sich hinziehenden Sanatoriumsaufenthalt auf die Krim. Schweren Herzens musste die Tochter in Moskau allein zurückgelassen werden, zuerst im Hotel Baltschik, später im Kinderheim Iwanowo.

Ein Bett und ein Schränkchen wurden ihr am ersten Tag zugewiesen, die Ess- und Waschräume besichtigt, das Betreuungspersonal ihnen vorgestellt, und in den Schulräumen wurden von den Lehrkräften die Stundenpläne an die Tafeln geschrieben. Zuletzt versammelten sich die Neuen in der Eingangshalle, wo ihnen unter dem Bild von Josef Stalin als Begrüßungslied die Internationale auf Russisch von einem vielstimmigen Chor entgegengeschmettert wurde. Überhaupt schienen die Betreuer und Lehrer des Kinderheims einen Zukunftsoptimismus verbreiten zu wollen, der wohl ansteckend wirken sollte. Dazu trugen auch die Wandzeitungen und Spruchtransparente bei, die zwar auch alle in Russisch abgefasst, aber doch so bilderreich und farbig illustriert waren, dass die aus allen Weltteilen herbeigeströmten Kinder den Eindruck gewinnen mussten, als sei hier eine schönere Zukunft schon angebrochen. Doch dieser überbordende Optimismus hatte einstweilen noch nicht so recht in den Gesichtern der Kinder Platz gegriffen. In Gruppen, Grüppchen und einzeln standen sie nach Ende des offiziellen Begrüßungsteils in der Halle und in den Gängen herum und wussten nichts Rechtes mit sich anzufangen. Einige begannen mit dem Häufchen Bettwäsche, das auf jeder Matratze bereitlag, zu ringen, und man konnte vor allem den Kleineren anmerken, dass sie im Beziehen eines Bettes oder Einräumen eines Schränkchens noch unerfahren waren. Wörterbücher wurden ausgetauscht und in Gruppen benutzt; einige packten Schreibzeug aus und raschelten emsig mit Papier. Nach Briefmarken wurde gefragt, nach Handtüchern und Seife. Einigen merkte man auch an, dass sie auf der Suche nach Orten waren, an denen sie allein hätten sein können. Aber solche gab es nicht. So musste manche Träne, die man nicht zeigen wollte, doch öffentlich geweint werden und das Gefühl des Heimwehs nach Eltern und Geschwistern, fremden Anderen wortlos oder wortreich mitgeteilt werden. Einige spielten sich als Tröster auf und schienen doch selber Trost zu benötigen.

Als zum Mittagessen ein Gong ertönte und alle in den Speisesaal geströmt waren, wo sie hinter den Hockern Aufstellung nehmen mussten und sich erst setzen durften, nachdem ein etwas größeres Kind die Tagesparole ausgegeben und alle die Fäuste bereit erhoben hatten, wurde von der Heimleitung angekündigt, dass am Nachmittag nach der Bettruhe der Besuch des Roten Platzes und des Lenin-Mausoleums geplant sei. Diese Ankündigung wurde kurz bejubelt, dann kam die Suppe, und der Lärm legte sich.

Während des Essens wurde bekannt gegeben, dass alle Schüler in den nächsten Wochen mit einheitlicher Kleidung ausgestattet werden würden, aber das würde sich noch etwas hinziehen, da seit 1933 der Zustrom von Kindern, vor allem aus Deutschland, Ungarn, Spanien und Italien derart zugenommen habe, dass die aufnehmenden Kinderheime überfordert wären.

Vor allem den Mädchen schien die Ankündigung, in nächster Zeit einheitlich gekleidet zu werden, nicht so recht zu gefallen, hatten sie doch in Kinderkoffern und Rucksäcken einiges an Kleidern mitgebracht. Und mit Hilfe dieser liebgewonnenen Stücke wollten wohl die meisten Kinder die Erinnerung an die alte Heimat und die Sehnsucht nach Eltern und Großeltern wach halten, im wahrsten Sinne des Wortes. So konnte es passieren, dass ein Kind mitten in der Nacht leise sein Schränkchen öffnete, ein Kleidungsstück herausnahm, an sich presste, ihm ein paar heimliche Tränen anvertraute, es zurücklegte und sich unter Seufzen wieder in seinem Bett verkroch.

Zum Mittagsschlaf waren auch mit Hilfe der Betreuerinnen und Betreuer alle Betten bezogen, so dass sie für eine Stunde benutzt werden konnten. Die meisten Kinder konnten jedoch vor Freude und Aufregung kein Auge zutun, denn heute sollte die fremde Stadt ihnen ein wenig vertrauter gemacht werden.

Einige alte Busse standen zur vereinbarten Zeit vor dem Heim; rasch hatten die Kinder Platz genommen, und sie konnten lostuckern. Die Heimleiterin spielte die Fremdenführerin, wies auf alle wichtigen Gebäude, Straßen, Plätze und Denkmale hin, um dann an der Kremlmauer zum Aussteigen zu ermuntern.

Mit Herzklopfen und etwas innerer Beklemmung stieg das Mädchen aus und schaute sich staunend um. Das Gewirr von Türmen und Türmchen, von Rampen und Portalen, von Kuppeln und Fenstern, von Balkonen und Erkern wirkte auf sie ein, so als sei das alles nicht von Menschenhand gemacht. Und über allem standen Stalin und der rote Stern. Nach einer kurzen Belehrung durch die Leiterin und der Ermahnung, zur Abfahrtszeit absolut pünktlich wieder an den Bussen zu sein, wurde zuerst die größte Moskauer Baustelle besichtigt. Da, wo die Dampfhämmer wummerten, die Baumaschinen bewegt und die Lastwagen be- und entladen wurden, sollte – wie die Leiterin mit Stolz erklärte – eine Untergrundbahn gebaut werden, die in der Welt einmalig und ein Symbol des siegreichen Sozialismus sein würde. Die Kinder staunten, und dieses Staunen wurde weiter diskutiert, bis die ganze Gruppe an einem schwarzen Bauklotz an der Kremlmauer Halt machte und auf eine Menschenschlange traf, die offenbar dieses merkwürdige Gebäude aufsuchen wollte. Ein silbrig glänzender Name an dem dunklen Kubus verriet auch dem im Russischen noch ungeübten Kind, dass hier in diesem Mausoleum die sterblichen Überreste von Wladimir Iljitsch Lenin aufgebahrt wären. Und diesem Gründervater der Sowjetunion sollten nun alle Respekt erweisen, indem sie ihm in Würde gegenüber treten dürften. Die Menschenschlange kam dem Eingang näher, und auch die Kinder, die in Dreierreihen heranrückten, wurden mit jedem Schritt schweigsamer und ernsthafter, bis sie schließlich in dem dunklen Raum standen, der nur ein Lichtzentrum hatte: der aufgebahrte und hell angestrahlte Leichnam des großen Lenin.

Innerlich beklommen marschierte nun im Inneren des Mausoleums ein Kind hinter dem anderen, manche hatten sich auch an den Händen gefasst, so als sei ein Abenteuer zu bestehen, an dem Glaskasten vorbei, und als die Reihe an sie kam, schaute sie mit großen Augen und angehaltenem Atem auf den Toten, hatte sie doch sofort den Eindruck, dass der Mann, der da hinter der Glasscheibe lag, ihrem Großvater zum Verwechseln ähnlich sah: der kahle Schädel, die buschigen Augenbrauen, die gerade, aber breite Nase, der graue Stutzbart, ja, sogar der dunkle Anzug und die weiß gepunktete braune Krawatte erinnerten sie so stark an ihren Großvater, dass sie sich scheu umschaute, so als hätte das nachfolgende Kind eine Ahnung davon, was ihr soeben durch den Kopf gegangen war. Auch wäre ihr, als sie von der Breitseite zum Kopfende weiter gedrängt wurde, beinahe ein: »Auf Wiedersehen, Großvater!« leise über die Lippen gekommen. Die Verwirrung über die Ähnlichkeit hielt noch eine Weile an; ihre Gedanken wanderten zurück und ließen sich nicht verdrängen. Ihr Großvater, der unauffällige Rentner und bibelfeste Presbyter hatte hier einen Doppelgänger, der eine Revolution durchgestanden und die Welt zu verändern sich bemüht hatte. Das war unfassbar und wäre seinem Doppelgänger nie als Lebensziel in den Sinn gekommen. So weit kannte sie ihren Großvater. Dagegen wusste sie von dem hier Liegenden nicht einmal, ob er zu Lebzeiten überhaupt Vater oder Großvater gewesen war. Dieser hier, das hatte sie einmal aus einem Erwachsenengespräch aufgeschnappt, wäre mit der Revolution verheiratet gewesen, worunter sie sich nichts, rein gar nichts, vorstellen konnte. An diese Aussage erinnerte sie sich nun, aber sie fand auch hier vor dem Glaskasten keine Erklärung für diese merkwürdige Ehe.

Wie ein Heiliger lag dieser Lenin hier, hatte die Augen fest geschlossen, so als konzentriere er sich auf die Ewigkeit oder auf den Tag, an dem alle Klassenkämpfe vorüber und der neue Mensch endlich geschaffen sei. Sie holte, als sie dies dachte, noch einmal tief Luft, bewegte sich schnell von der Stelle weg, an welcher ihr dies alles ins Bewusstsein getreten war und schaute, wie zur Ablenkung, auf die Inschrift, die am Kopfende des Glaskastens angebracht war. Doch nur einen Augenblick konnte sie entspannt hinschauen, dann musste sie sich die Augen reiben, um eine zweite Überraschung zu verkraften: Da stand doch tatsächlich in silbrigen Lettern, die auf den schwarzen Granit aufgebracht waren, dass der große Lenin mit ihr zusammen Geburtstag hatte. Sie musste sich etwas an einem Pfeiler des Umgangs abstützen, um nicht in die Knie zu gehen und hier Aufsehen zu erregen, denn wie schmerzlich kam ihr jetzt die Erinnerung an den Tag wieder in den Sinn, als ein brauner Schlägertrupp ihr brutal-blutig ins Bewusstsein gerückt hatte, dass ihr Vater mit dem anderen roten Erzvater des Sozialismus, mit dem großen Karl Marx, Geburtstag hatte. Was war das für eine seltsame Fügung, was war das für ein Spiel des Schicksals, und was sollte das bedeuten? Großmutter hätte vielleicht den lieben Gott ins Spiel gebracht, aber der hatte sich lautlos aus dem Leben ihrer bedrängten Familie zurückgezogen oder war ins himmlische Exil geschickt worden.

»Zufall, purer Zufall«, hatte sie leise vor sich hin gesagt, als sie in der Besucherschlange weiter gedrängt wurde und ein letztes Mal zu dem toten Lenin hinüberschaute. Fast ein wenig trotzig kam er ihr vor, wie er da lag, als wäre er an ihrem Besuch nicht interessiert, auch wenn man am gleichen Tag Geburtstag hatte. Auch hatte er nicht, wie die Toten, die sie in ihren zehn Lebensjahren bisher gesehen hatte, die Hände über dem Leib gefaltet. Kein Myrtensträußlein und kein Palmzweig war zu sehen; nein, nur seine zu Fäusten geballten Hände waren seitwärts am Körper angepresst.

Später beim Gang durch den Kreml war sie mit den Eindrücken im Mausoleum immer noch so beschäftigt, dass sie das Zarenschloss, den Park, die Kathedrale mit ihren Goldkuppeln und die große Einfassungsmauer mit den Kanonennischen nur am Rande wahrzunehmen bereit war. Und noch als sie auf der Rückfahrt im Bus saß, konnte sie mit den anderen Kindern nicht lärmen und lachen, denn die Fäden der Erinnerung und der Sehnsucht, die zwischen ihr und der großen Welt aufgespannt schienen, ließen sie innerlich nicht zur Ruhe kommen.

Nicht nur in dieser Nacht hatte das Heimweh bei ihr angeklopft.

Die Sehnsucht nach Vater und Mutter hatte sich vor allem in den nun folgenden Winternächten gemeldet und sie öfter niedergedrückt, als ihr lieb war.

Wie oft hatte sie dann auch ihren Kinder-Rucksack mit den wenigen Habseligkeiten aufgenestelt, aus dem Bauch ihrer Puppe die abgegriffenen Fotos von Vater und Mutter vorsichtig herausgezogen, sie gestreichelt, als hätte das einen Sinn, und dann ein wenig geweint. Doch wenn sie am Morgen von ihrer Betreuerin nach ihrem Befinden gefragt wurde, hatte sie immer tapfer von einer guten Nacht geredet. Nein, die Nächte waren nicht immer gut, denn die Dinge, die sie vor den Blicken der anderen Heimkinder und der Betreuer in ihrem Rucksack versteckt hatte, hätten Weinkrämpfe beim Wegnehmen auslösen können, die einer »Jungen Pionierin« schlecht zu Gesicht gestanden hätten. Unter einem Bündelchen Unterwäsche, zwei grauen Handtüchern und einem Nachthemd, dem sie entwachsen war, lagen verpackt in einer alten Nummer der »Prawda«, drei Bücher: ihr Lieblingsbuch »Piddl Hundertmark«, ein kleines Französisches Wörterbuch und ein etwas dickeres, das die Erwachsenen im Flüsterton immer das »Braunbuch« genannt hatten, obwohl es gar nicht braun eingebunden war. Um diesen kostbaren Besitz war ein weißes Strickkleidchen gewickelt, das ihr auch schon lange nicht mehr passte, und auf dessen linker Brustseite Großmutter einen Vogel gestickt hatte. »Einen Fischbacher Sperling für meinen lieben Spatz«, hatte sie gesagt und stolz in die Runde gelächelt, damals an ihrem sechsten Geburtstag. –

Und nun verwahrte sie sorgsam das Kinderkleidchen, um sich ab und zu an jene andere Zeit und ein anderes Leben zu erinnern, das längst versunken war. Versunken, aber eher schmerzvoll wiederbelebbar waren dagegen jene Erinnerungen, die sie immer wieder mit den drei verborgenen Büchern in Verbindung bringen musste. Wie hatte damals ihr Herz geklopft, als sie in der französischen Schule von La Roche-sur-Yon zum ersten Mal dieses Wörterbuch aufschlagen durfte. Doch nicht die Wörter waren das Aufregende, sondern der Besitzer, der Klassenkamerad Antoine, der in den folgenden zwei Jahren nicht von ihrer Seite wich. Sogar an die erste Vokabel, die sie im Wörterbuch von Antoine nachschlagen durfte, erinnerte sie sich, hatte sie doch einen Satz über die ausgedehnten Weizenfelder der Umgebung schreiben wollen, die viel prächtiger, üppiger und schöner waren, als diejenigen, die sie im kargen Hunsrück kennengelernt hatte. Aber das Wort für Weizen war ihr nicht eingefallen, obwohl ihr Vater, der Alleswisser, es ihr auf einem Spaziergang nach der Bier- und Lederstadt Kirn mehrfach gesagt hatte. Ganz stolz war sie damals gewesen, als der Vater seinem ältesten Genossen, dem Lederarbeiter, Gärtner, Journalisten und Gewerkschaftler Julius Zerfass beim Kaffeetrinken und Politisieren erklärt hatte, dass seine Achtjährige schon bald so viel Französisch könnte, dass sie ihrem Vater bei seiner illegalen Parteiarbeit im Saarland zur Hand gehen und beim Schmuggeln von Flugblättern und Parteizeitungen den französischen Zöllnern nicht mehr auffallen würde. Wie hatten sie damals gelacht über dieses übertriebene Lob, und es war ein unvergesslicher Nachmittag geworden, als Genosse Zerfass – so durfte sie ihn auch schon nennen – ihr zum Abschied eine dunkelblaue Mädchen-Baskenmütze geschenkt hatte. Schon auf dem Heimweg über die Höhe hatte sie die Mütze tragen dürfen, und in ihrem Lerneifer musste ihr der Vater alle Getreidesorten am Weg auf Französisch nennen, um sie dann so korrekt sie es konnte, nachzusprechen. Zu Hause war sie auch von Mutter gelobt worden und hatte mit der Baskenmütze vor dem Spiegel posiert, aber als sie dann zu den Großeltern gehen wollte, um das prächtige Stück auch dort zu präsentieren, hatte sie Mutter nicht gehen lassen wollen und gesagt, dass dies eine Separatisten-Mütze sei, die man hier möglichst nicht tragen solle. Obwohl sie mit dem Wort Separatisten nichts anfangen konnte und ein wenig verärgert war über das mütterliche Verbot, behielt sie die Mütze auf dem Kopf, als sie die neu gelernten französischen Wörter nun sorgfältig in ihr Heft eintrug, um sie nie mehr zu vergessen. Aber nun, zwei Jahre später, wollte ihr in ihrer neuen, vorläufigen Heimat das Wort für Weizen partout nicht einfallen.

Da hatte der Junge neben ihr flink in seinem Wörterbuch geblättert, auf das gesuchte Wort gedeutet, ihr einen Augenblick in die Augen, dann auf ihr Haar geschaut und sie zum Lachen gebracht. In der Folgezeit, in der das Lachen recht rar geworden war, hatten die beiden trotz allem noch oft Gelegenheit, über die Ähnlichkeit ihrer Haarfarbe mit der des Weizens um La Roche-sur-Yon zu lachen. Lange Spaziergänge durch die Weizenfelder hatte sie mit Antoine gemacht und neben der alten Brücke am Yon die Angel ausgeworfen, aber nie etwas gefangen.

Daran und an den harten Trennungsschnitt, der dann im Spätherbst 1935 nötig wurde, erinnerte sie sich auch heute noch unter Herzklopfen: Der Weizen war geerntet und ihr Haar wohltuend oft gestreichelt worden.

Der Abschied von Antoine, der Schule und La Roche-sur-Yon kam, und das Wörterbuch, das sie beide so oft benutzt hatten, wechselte den Besitzer. Ein wenig beschämt über dieses spontane Geschenk stand sie da und überlegte, womit sie sich revanchieren sollte, griff dann nach der Baskenmütze, zog sie vom Kopf, sodass ihr der Weizen – wie Antoine immer gesagt hatte – bis auf die Schultern herabfiel, und drückte sie dem etwas verblüfft dastehenden Jungen in die Hand. Um sich mit einem kleinen Spaß aus der Verlegenheit zu helfen, setzte Antoine die Mütze rasch auf den Kopf und zog sie bis auf die Ohren herunter. Nun standen sie etwas vom Kopfe ab, und beide mussten ein letztes Mal lachen.

Als das Mädchen das französische Wörterbuch wenige Wochen später in Iwanowo zum ersten Mal wieder aufschlug, fand sie ein Farnblatt und einige getrocknete Mohnblumen an der Stelle eingelegt, an der das Wort für Weizen aufgeführt war. Da waren Antoine, der Sommer und die französischen Weizenfelder wieder ganz nah, obwohl in Iwanowo, nördlich von Moskau, schon der erste Schnee gefallen war.

Auch war der Weizen hier nicht so üppig wie der in La Roche-sur-Yon. Hier gab es einen harten, roten Winterweizen, Kubanka genannt, der sehr kurz im Halm war, fast wie Gerste aussah und aus der fernen Sowjetrepublik Kirgisien stammte.

Das alles erfuhr sie aber erst im nächsten Jahr, als sie schon die Karl Liebknecht-Schule in Moskau besuchte, an welcher der deutsche Biologie-Student Martin Krimkorn aus dem Erzgebirge schon aushilfsweise naturwissenschaftliche Fächer unterrichten durfte. Mit ihm hatte sie sich schon im ersten Jahr angefreundet, konnte er doch so sympathisch an Naturdinge anknüpfend, ihr – wie er sagte – »Helden des Alltags« nahe bringen. So hatte er ihr auch die anrührende Geschichte des amerikanischen Weizen-Fanatikers Mark Alfred Carleton erzählt, der so unendlich tapfer den Rost, jene tückische Weizenkrankheit, bekämpft hatte, indem er zuerst in einem Härtetest den deutschen Kaiserweizen ausprobiert und schließlich den russischen Kubanka den Farmern in den USA anzubauen empfohlen hatte, durch welchen in Weiterzüchtung zunächst die Rettung der Farmen gelang; aber in der darauf folgenden Überproduktion seien die Weizenpreise derart rapide gefallen, dass es sich für die Farmer nicht mehr lohnte, diesen harten, roten Durum-Weizen anzubauen. Die fürchterliche Produktionskrise, die prompt erfolgte, habe man Mark Alfred Carleton brutal angelastet. Er habe sich nach Honduras absetzen müssen, um seinen Gläubigern zu entgehen, habe seine Familie in den USA zurücklassen müssen, und seine geliebte Tochter sei an einer heilbaren Krankheit gestorben, da er für eine Behandlung kein Geld gehabt hätte.

Diese Geschichte trug Martin so enthusiastisch vor, dass er fast jeden Zuhörer von den Schwächen der kapitalistischen Wirtschaft zu überzeugen vermochte. Und mit einem gewissen Stolz konnte er auch diese amerikanische Weizentragödie auf Fehler zurückführen, auf die schon Karl Marx in seinen Schriften hingewiesen hätte. Bei einer anderen Gelegenheit hatte er ihr – enthusiastisch wie er nun einmal war –, wenn er ein Stichwort im Gespräch aufgreifen und etwas Selbsterlebtes anfügen konnte, von seinen Erkenntnissen und Erlebnissen um den roten Erzvater Karl Marx erzählt. Als sie skeptisch die Stirn gerunzelt und gemeint hatte, dass sie seine profunden Erkenntnisse aus dem Werk jenes Philosophen gezogen, sehr wohl für möglich halte, hingegen aber Zweifel hege, ob ihm auch noch reale Erlebnisse mit jenem sozialistischen Denker möglich gewesen sein könnten, da jener doch wohl schon im vorigen Jahrhundert das Zeitliche gesegnet hätte, hatte er ihr mit stolz funkelnden Augen erklärt, dass dieser bärtige Übervater immerzu gegenwärtig sei und bleibe. Ihre fein dosierte Ironie erkennend, hatte er ihr sogar von seiner Pilgerfahrt nach London-Highgate, die er vor zwei Jahren als Auszeichnung für sein erstes Examen mit anderen jungen Pionieren hatte machen dürfen, erzählt, und die ihn beinahe sein Leben gekostet hätte. Da sie solche Geschichten, in denen das große Weltgeschehen für Augenblicke mit dem Leben der kleinen Leute – ihr Vater hatte immer der »kleinen Marschierer« gesagt – verknüpft wurde, sehr mochte, lauschte sie gespannt seinen Ausführungen. Nun erfuhr sie, dass ihr Freund Martin und ein kecker Saarländer aus St. Wendel sich ohne Erlaubnis des Exkursionsleiters von der Gruppe abgesetzt hätten, um im Londoner Stadtteil Highgate das Grab von Karl Marx aufzusuchen. Sie wären also mit der U-Bahn hinausgefahren und hätten auch rasch den Friedhof gefunden. Dort hätten sie jedoch enttäuscht feststellen müssen, dass das Pförtnerhäuschen am Eingang des mit einem hohen Zaun umfriedeten Geländes schon geschlossen war. Sie hätten eine Weile wütend und ratlos vor dem verschlossenen Tor gestanden, als eine Nonne vorbeigekommen wäre und nach dem Grund ihrer Ratlosigkeit gefragt hätte. Als sie ihr gebeichtet hätten, dass sie sich von ihrer Reisegruppe unerlaubt abgesetzt, um hier einen Stein auf das Grabmal von Karl Marx zu legen, sei sie so gerührt gewesen, dass sie sie spontan um das Pförtnerhaus herum in das angrenzende Waldstück geführt hätte, wo sie auf eine undichte Stelle im Zaun gedeutet, ihnen aufmunternd zugezwinkert und mit der Versicherung für das Gelingen ihres Besuchs zu beten, wäre sie verschwunden.

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26 mayıs 2021
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