Kitabı oku: «Psychodynamische Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen»

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Der Autor

Arne Burchartz, Dipl.-Päd., ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut mit eigener Praxis. Er ist als Dozent und Supervisor an den Psychoanalytischen Instituten Stuttgart und Würzburg sowie als KBV-Gutachter tätig. Er ist Redakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift »Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie«.

Arne Burchartz

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3., erweiterte und aktualisierte Auflage

Alle Rechte vorbehalten

© 2021 W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038950-2

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-038951-9

epub: ISBN 978-3-17-038952-6

Wir waren nie stolz auf die Vollständigkeit und Abgeschlossenheit unseres Wissens und Könnens; wir sind, wie früher so auch jetzt, immer bereit, die Unvollkommenheiten unserer Erkenntnis zuzugeben, Neues dazuzulernen und an unserem Vorgehen abzuändern, was sich durch Besseres ersetzen läßt.

Sigmund Freud, Wege der Psychoanalytischen Therapie

Geleitwort

Mit dieser Publikation von Arne Burchartz über psychodynamische Therapie bei Kindern und Jugendlichen liegt zum ersten Mal ein Werk zu diesem Thema vor, das von einem erfahrenen Kinderanalytiker verfasst wurde. Der Untertitel »Das tiefenpsychologisch fundierte Verfahren: Basiswissen und Praxis« macht deutlich, dass es sich vor allem um ein Praxisbuch handelt. Ich freue mich sehr, zum Erscheinen dieses wichtigen Buches ein Geleitwort schreiben zu dürfen.

Wie Burchartz in seinem historischen Abschnitt ausführlich beschreibt, hatte bereits Freud vorausgesehen, dass es irgendwann notwendig würde, psychoanalytische Erkenntnisse und seelische Hilfeleistungen allen Menschen zur Verfügung zu stellen. Dann müsste gemäß Freuds Meinung auch die psychoanalytische Technik den neuen Bedingungen (vor allem mit Frequenz und Dauer) angepasst und der »einfachste und greifbarste Ausdruck der theoretischen Lehren« (Freud 1919a, S. 193) gesucht werden.

Fast könnte man glauben, Freud habe unsere Situation nach Schaffung eines Psychotherapeutengesetzes vorausgesehen. Tatsache ist zwar, dass schon vor dem Psychotherapeutengesetz sowohl analytische als auch tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie durchgeführt und abgerechnet werden konnte. Aber das wurde nur selten praktiziert, das Interesse an dieser spezifischen Behandlungstechnik blieb gering.

1999 wurde eine große Gruppe von Psychotherapeuten zugelassen, die ausschließlich tiefenpsychologisch fundiert behandeln und abrechnen durfte. Damit veränderte sich die Landschaft schlagartig. Mittlerweile kann ich drei Gruppen erkennen, die sich im Umgang mit und in der Akzeptanz von tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie grundlegend unterscheiden.

Unter den Psychoanalytikern, sowohl bei den Erwachsenenpsychotherapeuten als auch bei den Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, existiert eine kleine Gruppe, welche die psychodynamischen Verfahren nach wie vor ablehnt und als weniger wertvolle Behandlungstechniken einschätzt. Ich halte es für durchaus notwendig, an den psychoanalytischen Standards festzuhalten. Aber es gibt noch andere Aspekte. Veränderte Behandlungstechniken können bei bestimmten Störungen durchaus indiziert und hilfreich sein. Auch stellt sich die Frage der Wirtschaftlichkeit: Wie können wir bei hohem Standard dennoch möglichst vielen Kindern und Jugendlichen hilfreich beistehen? Also gilt es auf der anderen Seite, die Grenzen von psychodynamischen Therapien anzunehmen, um andere Vorteile zu gewinnen. Diese Begrenztheit zu akzeptieren und auszuhalten, ist für Psychoanalytiker oft nicht leicht. Burchartz geht in einem Abschnitt des Buches ausführlich hierauf ein.

Dann gibt es eine zweite Gruppierung, deren Mitglieder ausschließlich zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie zugelassen sind. Die meisten von ihnen leisten gute Arbeit und unterscheiden sich kaum mehr von psychoanalytisch ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen, die tiefenpsychologisch fundiert arbeiten. Bei einigen hat sich jedoch mittlerweile eine gewisse Überzeugung, ja fast Identität entwickelt, eine Therapierichtung zu vertreten, die besser ist als die »verstaubte Analyse«. Psychoanalyse wird nicht selten als etwas betrachtet, das von vorgestern ist, zu umständlich, zu unwirtschaftlich, sie wird gelegentlich als »unbrauchbar« entwertet. Wenn es mittlerweile eine Gruppe gibt, die ausschließlich tiefenpsychologisch fundiert arbeiten kann, so ist schon darum eine Unterscheidung der Therapieformen innerhalb der Psychotherapierichtlinien sowie bei deren Kommentar dringlich zu treffen. Diese Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen werden in diesem Buch sorgfältig diskutiert.

Die dritte Gruppe sieht in allen psychodynamischen Verfahren eine Erweiterung unserer Behandlungskompetenzen und -techniken, und sie kann auch die Grenzen dieser Therapieform annehmen. Ein zentrales Ziel ist es, eine förderliche Ausbildung – eben nicht in irgendeiner Form – auch in den psychodynamischen Techniken anbieten zu können, denn bei der Lehre dieser Behandlungstechniken hat es in der Vergangenheit Versäumnisse gegeben. Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ist eine sinnvolle Variation von Behandlungstechnik und basiert auf den zentralen Grundannahmen oder »Essentials« der Psychoanalyse. Diesen Grundgedanken vertritt Arne Burchartz unbeirrt in seinem Buch, gemäß dem weisen Satz von Freud, dass die wirksamsten und wichtigsten Bestandteile jene bleiben, die von der strengen, der tendenzlosen Psychoanalyse entlehnt worden sind.

Wer das Buch von Arne Burchartz liest, wird rasch zur Feststellung kommen, dass er der geeignete Autor für dieses gewichtige Buch über die psychodynamischen Therapien ist. In seinen Grundberufen ist Burchartz Theologe und Diplom-Pädagoge, aus beiden Berufen hat er seine überragenden Qualitäten für den Kinderanalytiker gewonnen, der auch wissenschaftlich tätig ist. Er ist kenntnisreicher Theoretiker, scharfer Denker und dazu eloquent. Vor allem ist er jedoch ein ausgezeichneter, empathischer Kinderanalytiker mit praktischen Erfahrungen in vielfältigen Bereichen. Diesem lang erwarteten Buch ist jener Erfolg zu wünschen, der ihm gebührt.


Mundelsheim, im Januar 2012Hans Hopf

Ergänzung zur zweiten Auflage

Mittlerweile ist der größte Teil der in Deutschland über Krankenkassen finanzierten Psychotherapien tiefenpsychologisch fundiert. Ich habe diesem Buch damals jene Beachtung gewünscht, die es verdient. Zu meiner großen Freude ist eingetroffen, was ich damals gehofft hatte. Das Buch von Arne Burchartz ist das wichtigste Lehrbuch zum Thema »Psychodynamische Psychotherapien bei Kindern und Jugendlichen« geworden. Es begleitet Psychotherapien und hilft beim Entwurf von Behandlungsplänen bei den Berichten zum Gutachterverfahren. Es ist das Standardwerk, sowohl für niedergelassene Psychotherapeuten und Ärzte als auch für alle Institutionen, die künftige Psychotherapeuten ausbilden.


Mundelsheim, im Februar 2015Hans Hopf

Inhalt

1  Geleitwort

2  Ergänzung zur zweiten Auflage

3  Einleitung zur dritten Auflage

4  1 Kurzer historischer Überblick

5  2 Zum Begriff Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TfP)

6  3 Theoretische Grundannahmen

7  3.1 Die Psychologie des Unbewussten

8  3.2 Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie

9  3.3 Die Neurosenlehre: Theorie über die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen

10  3.4 Die psychodynamische Auffassung von Konflikt und Objektbeziehungen

11  3.5 Das therapeutische Beziehungsgeschehen als Übertragung und Gegenübertragung

12  3.6 Die Theorie der Abwehr, die Auffassung des Widerstandes und deren Einbezug in die therapeutische Arbeit

13  3.7 Die Auffassung von Regression

14  3.8 Das Ziel, Heilung durch Einsicht und Sinngebung in einer therapeutischen Beziehungsmatrix zu erreichen

15  3.9 Das Gebot der Abstinenz des Therapeuten

16  4 Einführung in das Verfahren

17  5 Von der Erstbegegnung zur Therapieentscheidung

18  5.1 Die Anmeldesituation

19  5.2 Das Erstgespräch

20  5.2.1 Das Erstgespräch mit den Eltern bzw. Bezugspersonen

21  5.2.2 Die Erstbegegnung mit dem Kind

22  5.2.3 Besonderheiten im Erstgespräch mit Jugendlichen

23  5.2.4 Das Erstgespräch mit pädagogischen Bezugspersonen

24  5.3 Diagnostik

25  5.3.1 Das Erfassen der Symptomatik und ihrer Auslöser

26  5.3.2 Die biografische Anamnese

27  5.3.3 Die Beziehungsgestaltung

28  5.3.4 Die Psychodynamik des Konflikts

29  5.3.5 Psychische Struktur

30  5.3.6 Ressourcen

31  5.3.7 Behandlungsvoraussetzungen

32  5.4 Der Fokus in der Psychotherapie

33  5.5 Indikationsstellung

34  5.6 Therapieziele

35  5.7 Der Bericht zum Kassenantrag

36  6 Der Anfang der Therapie: Grundlagen für die therapeutische Arbeit

37  6.1 Der Rahmen

38  6.2 Das Arbeitsbündnis

39  6.2.1 Das Arbeitsbündnis mit dem Kind

40  6.2.2 Das Arbeitsbündnis mit den Eltern

41  6.2.3 Das Arbeitsbündnis mit Jugendlichen

42  6.3 Die Bedeutung der begrenzten Zeit

43  6.4 Das Problem in die Therapie bringen

44  6.5 Das Spiel als therapeutisches Medium

45  6.6 Der Konflikt in der spielerischen und szenischen Gestaltung

46  6.7 Die Eltern im Kind – das Kind in den Eltern

47  6.8 Paarkonflikte und kindliche Neurose

48  6.9 Die Ressourcen des Kindes/Jugendlichen und seiner Familie

49  7 Durcharbeiten

50  7.1 Übertragung und Gegenübertragung: ihre Handhabung in der TfP

51  7.1.1 Übertragung

52  7.1.2 Gegenübertragung

53  7.1.3 Wahrnehmen und Erkennen von Übertragung und Gegenübertragung

54  7.1.4 Negative Übertragungen

55  7.1.5 Technische Möglichkeiten der Arbeit mit der Übertragung

56  7.2 Widerstand

57  7.2.1 Formen des Widerstandes

58  7.2.2 Widerstandsphänomene und ihre Bearbeitung

59  7.3 Die Bedeutung der therapeutischen Beziehungserfahrung

60  7.3.1 Akzeptanz, Respekt, Wertschätzung

61  7.3.2 Empathie

62  7.3.3 Die haltende Funktion des Therapeuten

63  7.3.4 Containing

64  7.3.5 Modifizierte Reaktionen auf Emotionen und Affekte des Patienten

65  7.3.6 Die Reflexion des Beziehungsgeschehens in Übertragung und Szene

66  7.4 Deutungen

67  7.4.1 Deutungstechniken

68  7.4.2 Die Rolle des Therapeuten im Spiel

69  7.4.3 Den Affekten einen Namen geben

70  7.4.4 Mentalisieren

71  7.5 Die Arbeit mit Träumen

72  7.6 Die interpersonale Dynamik – Arbeit an den »Außenbeziehungen«

73  7.7 Der Dritte, der Vierte … Der reale Einbezug weiterer Bezugspersonen

74  7.8 Psychopharmaka und Psychotherapie

75  7.9 Stabilisieren und unterstützen

76  8 Die Beendigung der Therapie

77  8.1 Abschied und Trennung bearbeiten

78  8.2 Das Erreichte würdigen

79  8.3 Die Grenzen der Therapie annehmen

80  Literatur

81  Verzeichnis der Fallbeispiele

82  Stichwortverzeichnis

Einleitung zur dritten Auflage

Die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen wird heute als eines der zwei psychoanalytisch begründeten Verfahren angesehen (Dieckmann, Becker & Neher 2021, S. 92f.). Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Analytischer und Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie sind auch im Kindes- und Jugendalter in der Fachdiskussion differenziert herausgearbeitet und begründet. Im Bereich der Erwachsenen-Psychotherapie liegt eine Fülle von Werken vor, welche das tiefenpsychologisch fundierte Verfahren theoretisch und praktisch darstellen (z. B. Dührssen 1988, Heigl-Evers & Ott 1994, Wöller & Kruse 2020, Jaeggi, Gödde, Hegener & Möller 2003, Küchenhoff 2005, Reimer & Rüger 2006, Dreyer & Schmidt 2008, Jaeggi & Riegels 2008, Rudolf 2010, Boll-Klatt & Kohrs 2014, Beutel, Doering Leichsenring & Reich 2010, um nur einige zu nennen). Für Kinder- und Jugendlichen-Behandlungen hingegen ist die Literatur zur TfP immer noch eher spärlich (Seiffge-Krenke 2007, Poser 2010, als Beiträge in Zeitschriften Pfleiderer 2002, Rüger 2002, Streek-Fischer 2002, Einnolf 2004, Burchartz 2004). Dies gilt insbesondere für das Verständnis der TfP als psychoanalytisch begründetes Verfahren. Offensichtlich besteht bei psychoanalytisch orientierten Psychotherapeuten nach wie vor eine gewisse Scheu, sich dieser Thematik gründlich anzunehmen, wiewohl die TfP in der klinischen Praxis eine große Rolle spielt. Einer der möglichen Gründe hierfür mag in der Befürchtung liegen, den verlässlichen Boden der reichhaltigen und differenzierten Tradition der Psychoanalyse des Kindes zu verlassen. Gleichwohl sind in vielen psychoanalytischen Ausbildungsinstituten spezielle Curricula für die TfP, ihre Grundlagen, Indikationen und Behandlungstechniken entstanden. Parallel dazu wächst in vielen TfP-Ausbildungsinstituten das Interesse, sich mit den psychoanalytischen Grundlagen auseinanderzusetzen. Möglicherweise haben diese Entwicklungen dazu geführt, dass das vorliegende Grundlagenwerk mit seinem Bezug zur klinischen Praxis eine starke Nachfrage erfährt, so dass nun eine dritte Auflage erscheint.

Die Darstellung verbindet vor allem aus klinisch-praktischer Erfahrung geronnene Einsichten mit theoretischen Reflexionen, ein Lernzusammenhang, der für die Psychoanalyse typisch ist (vgl. Kahl-Popp 2011). Ein solches Vorhaben bietet den Vorzug der Praxisnähe. Das Buch verfolgt durchaus die Absicht, dem Psychotherapeuten ein Repertoire an gut begründeten Interventionsmöglichkeiten an die Hand zu geben, es ist also kein rein wissenschaftliches Werk und erhebt auch nicht den Anspruch einer umfassenden Darstellung des Standes der Forschung. (Hierzu sei auf Burchartz (2021) verwiesen, in diesem Buch ist auch ein Beitrag von E. Windaus zum Stand der empirischen Forschung.) Beispiele aus der Behandlungspraxis verdeutlichen die Zielrichtung des tiefenpsychologisch fundierten Verfahrens. Diese didaktische Form hat allerdings auch Schwächen. Es könnte der falsche Eindruck entstehen, als sei das vorgeschlagene Vorgehen das einzig »richtige« im Sinne des Verfahrens. Dies zu suggerieren, ist keineswegs die Absicht des Autors. Jeder Therapeut hat seinen eigenen Stil, seine eigene Erfahrung und die daraus gewonnene handlungsleitende Theorie. Die Darstellung von Sequenzen und Vignetten aus der Behandlungspraxis bietet einen Einblick in mögliche Vorgehensweisen, die sich der Autor aus einer gründlichen Beschäftigung mit dem Thema, im Diskurs mit Fachkollegen und aus eigener praktischer Erfahrung erarbeitet hat. Sie sollen ermutigen, in ähnlicher Weise die eigene Arbeit theoretisch und praktisch zu erweitern und zu vertiefen, auch wenn im konkreten Fall ganz andere Interventionen für sinnvoll gehalten werden. Die Authentizität des Therapeuten in seiner Vorgehensweise ist entscheidend, sie ist nicht zuletzt ein wesentlicher Wirkfaktor in der Therapie.

Die Anordnung des Stoffes folgt – das legt der Anspruch der Praxisbezogenheit nahe – dem Prozess der Therapie von ihrem Beginn bis zur Beendigung. Es ist daher kein Zufall, dass das Werk darin anderen Darstellungen ähnelt, die dem nämlichen Prinzip folgen (vgl. z. B. Wöller & Kruse 2020). Im Hintergrund stehen eine Fülle von Anregungen, die aus Arbeiten stammen, die sich mit Theorie und Technik der TfP bei Erwachsenen auseinandersetzen und die wertvolle Anknüpfungspunkte für die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen bieten.

Grundlage der hier vorgetragenen Auffassung der TfP ist das wissenschaftliche und klinische Gebäude der Psychoanalyse. Kollegen, die in der TfP ein von der Psychoanalyse abgetrenntes oder diese erübrigendes Verfahren sehen, werden das Buch vielleicht enttäuscht zur Seite legen. Andere Kollegen, die den Ansatz verfolgen, die Psychoanalyse als Verfahren möglichst ohne Beimischungen anscheinend verfahrensfremder Elemente anzuwenden, werden von einer anderen Richtung her ebenfalls kritische Einwände erheben. Freilich kann auch dann die vorgetragene Sichtweise zu einer – hoffentlich fruchttragenden – diskursiven Auseinandersetzung führen. Gemäß den Grundlagen der Psychoanalyse kann jede Erkenntnis nur vorläufigen Charakter haben, bis sie einer besseren Einsicht zugeführt wird.

Die TfP ist ein störungsübergreifender Behandlungsansatz, von dieser Sichtweise her ist das Buch konzipiert. Entsprechend stammen die Beispiele aus einer Vielfalt von Störungsbildern. Freilich gewinnt das Verständnis störungsspezifischer Dynamiken und ihrer Behandlung auch in psychodynamischen Verfahren an Bedeutung. Es wäre reizvoll, störungsspezifische Vorgehensweisen in der TfP darzustellen. Dies würde allerdings den Rahmen eines Grundlagenbuches sprengen. Die vorliegende dritte Auflage wurde ergänzt durch zwei Kapitel: »Psychopharmaka und Psychotherapie« und »Mentalisieren«. Das schwergewichtige Thema der spezifischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit einem unbewältigten Trauma musste aus dem gleichen Grund zurückstehen – vgl. hierzu Winkelmann (2007) und Burchartz (2019c). Der Leser sei verwiesen auf die Darstellung störungsspezifischer Interventionen in Hopf & Windaus (2007) und Heinemann und Hopf (2015) sowie auf die sukzessive Erscheinung der »Leitlinien« in der Zeitschrift »Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie«, deren Zusammenfassung in einem Band geplant ist. Eine kritische Sicht zur Störungsspezifität und Leitlinienorientierung legt Auchter (2003) dar.

Psychotherapeuten, die in den beiden Verfahren Analytische und Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ausgebildet sind, werden an vielen Stellen feststellen: »Aber das machen wir doch in der Analytischen Psychotherapie auch.« Das hört man in theoretisch-technischen und kasuistischen Diskussionen häufig und es ist richtig. Zum einen ist die probatorische Phase bis zur Indikationsentscheidung identisch, auch manche Grundlage wie z. B. das Arbeitsbündnis spielt in beiden Verfahren eine gleichwertige Rolle. Zum anderen finden sich in einer Analyse oder in einer Analytischen Psychotherapie regelmäßig Elemente, die man eher einem tiefenpsychologisch fundierten Vorgehen zurechnen kann. Je nach dem Prozess innerhalb der Beziehung zum Patienten werden auch in einer Analytischen Psychotherapie z. B. zeitweise regressionsbegrenzende, antwortende oder auf das Arbeitsbündnis bezogene Interventionen weiterführend sein. Umgekehrt finden sich auch in einer tiefenpsychologisch fundierten Behandlung Elemente, die dem Vorgehen in einer Analytischen Psychotherapie entsprechen, z. B. Widerstands- und Übertragungsdeutungen. Wir müssen in beiden Verfahren von einer Ergänzungsreihe ausgehen, wobei deren Charakter darin besteht, welche therapeutische Haltung vorherrscht und welche Art der Intervention überwiegt.

Im Austausch mit Ausbildungskandidaten und erfahrenen Psychotherapeuten entsteht regelmäßig das Bedürfnis, im Rahmen einer Falldiskussion die unterschiedliche Arbeitsweise beider Verfahren anhand von Momenten der »Weichenstellung« in der Therapie praktisch darzustellen. Ein solcher Versuch misslingt meistens. Die Intervention eines bestimmten Therapeuten in einem bestimmten Moment der Behandlung mit einem bestimmten Patienten ergibt sich aus einem Prozess, der zwar anhand der Übertragungsdynamik reflektiert und vertieft verstanden werden kann. Was man in einem anderen Verfahren in diesem konkreten Moment hätte »anders machen« können, bleibt aber rein spekulativ. Jede Behandlungssequenz ist eingebettet in einen Prozess mit vielen, v. a. auch unbewussten Determinanten und lässt sich nicht isoliert verstehen oder gar manipulieren. Deshalb verzichtet der Autor darauf, diesem Bedürfnis entgegenzukommen, es erschiene allzu künstlich und entspricht nicht dem Verständnis der Psychotherapie als dynamisches Geschehen innerhalb einer spezifisch und individuell sich konstellierenden Beziehung.

Die meisten Fallbeispiele in diesem Buch sind als wörtliche Rede dargestellt. Das dient der Lebendigkeit und Prägnanz. Sie werden so übernommen, wie sie aus dem Gedächtnis des Therapeuten niedergeschrieben worden sind, entspringen also bereits einer Bearbeitung. Das ist unvermeidlich, denn auch bei größter Sorgfalt und Redlichkeit ist natürlich mit einer gewissen Verfälschung zu rechnen. Das entspricht der Realität eines niedergelassenen Psychotherapeuten, der aus grundsätzlichen, aber auch praktisch-behandlungstechnischen Erwägungen darauf verzichtet, Aufnahmegeräte während einer fortlaufenden Therapie zu verwenden. Aber dies ist kein Mangel. Es entspricht der Erkenntnis, dass das innere Bild, das im Therapeuten vom Behandlungsprozess entsteht, eine Quelle spezifischer Einsicht und Wirksamkeit darstellt. Wollte man ein exaktes äußeres Bild von Behandlungsausschnitten gewinnen, müsste man auf Videoaufzeichnungen zurückgreifen. Aber auch diese sind nicht »objektiv«, da sie auch lediglich Abbilder innerer Prozesse sind, die erschlossen werden müssen. Das gilt erst recht für das bloße gesprochene und aufgezeichnete Wort, bei dem wichtige Vorgänge wie Gestik und Mimik ausgeblendet bleiben.

Die Beispiele sind selbstverständlich anonymisiert und, wo nötig, in einigen Details verfremdet, die der Autor nicht für zentral hält. Der Leser wird ausdrücklich dazu eingeladen, in ihnen auch andere Facetten als die vom Autor benannten zu entdecken.

Das Verfassen eines Textes steht in einem unausweichlichen Konflikt zwischen flüssiger Lesbarkeit und gerechter Sprache. Um Ersterer willen wird durchgängig die männliche Form verwendet, wo auch die weibliche Form oder eine Kombination möglich wäre, in der Hoffnung, der Leser kann sich darauf einlassen, dass in solchen Textpassagen die weibliche Form mit gemeint und gedacht ist.

Viele haben das Buches mit Ermutigung, Gesprächen und kritischen Einwänden begleitet, ihnen sei hier herzlich gedankt; ganz besonders meiner Frau, Angelika Pannen-Burchartz, und Dr. Hans Hopf, dessen unermüdlicher Ansporn eine unverzichtbare Hilfe ist. Ein spezieller Dank geht an die Kolleginnen und Kollegen in der TfP-Forschungsgruppe des Psychonalytischen Instituts Stuttgart, die in langjähriger freundschaftlicher Kollegialität und Zusammenarbeit die Basis zu diesem Buch überhaupt erst gelegt haben. Last not least gilt der Dank auch den Ausbildungskandidaten, die sich dem gemeinsamen Lernen geöffnet haben. Sehr dankbar bin ich Kathrin Kastl, die die dritte Auflage als Lektorin geduldig und sorgfältig begleitet hat.

Wenn das Buch die Diskussion erweitert, die Praxis bereichert und dazu anregt, die vorgetragenen Gedanken kreativ weiterzuentwickeln, hat es seinen Zweck erfüllt.


Öhringen, im April 2021Arne Burchartz

1 Kurzer historischer Überblick

In seinen sog. behandlungstechnischen Schriften (insbes. Freud 1912e, 1913c, 1914g) fasste Sigmund Freud zusammen, welches technische Vorgehen er aufgrund seiner klinischen Erfahrung, die er bis dahin gesammelt hatte, für die Psychoanalyse für grundlegend hält. Damit war ein vorläufiger Kodex für die psychoanalytische Behandlung formuliert. Aber bereits im Jahr 1918 stellte Freud – anknüpfend an Gedanken zur »Aktivität« des Analytikers, wie sie in jener Zeit auch Ferenczi äußerte (1919a, 1919f) – Überlegungen an, »den Stand unserer Therapie zu revidieren … und Ausschau zu halten, nach welchen neuen Richtungen sie sich entwickeln könnte« (Freud 1919a/1918). Das massenhafte neurotische Elend nach dem Ersten Weltkrieg mag hierbei eine Rolle gespielt haben. Anlass war der 5. Internationale Psychoanalytische Kongress in Budapest, bei dem auch Regierungsvertreter anwesend waren; dies mag Freud bewogen haben, seinen Vortrag vorher schriftlich zu fixieren (was er sonst nicht tat). Freud entwickelte seine Gedanken in drei Richtungen: Zum einen, indem er die Möglichkeit ins Auge fasst, die Abstinenzregel zuergänzen, indem der Analytiker die »äußerlich konstellierenden Umstände« (S. 187), die einer Heilung im Wege stehen, zu beeinflussen versucht. Der Analytiker müsse etwa den Verzicht auf Ersatzbefriedigungen fordern, welche die Neurose ablösen, aber nicht zur Heilung führen (z. B. die Reinszenierung in Beziehungen), er müsse aber auch der Verwöhnung durch eine übermäßige Wunscherfüllung in der Übertragung entgegentreten.

Zum anderen betrifft die Aktivität Behandlungen von Patienten, »die so haltlos und existenzunfähig sind, dass man bei ihnen die analytische Beeinflussung mit der erzieherischen vereinigen muss.«(S. 190) Was Freud hier ins Auge fasst, ist mit den Worten der heutigen psychoanalytischen Theoriebildung eine Modifizierung der Behandlungstechnik bei strukturell schwer gestörten Patienten.

Eine dritte Form der Aktivität ist nach Freud in der Symptomatik selbst begründet: »… die verschiedenen Krankheitsformen, die wir behandeln, (können) nicht durch die nämliche Technik erledigt werden« (S. 191). Freud nennt als Beispiel die Phobien, zu deren erfolgreicher Behandlung die Patienten dazu gebracht werden müssten, sich der phobischen Angst-Situation auszusetzen, erst dann werde der Kranke »jener Einfälle und Erinnerungen habhaft, welche die Lösung der Phobien ermöglichen« (S. 191; vgl. Hopf 2009). Weitere technische Modifikationen schlägt er für die Zwangserkrankungen vor.

In demselben Vortrag befasst sich Freud mit der Frage, wie die Psychoanalyse unter den Bedingungen einer breiten Anwendung (»Psychotherapie fürs Volk«, S. 193f.) aussehen werde – wobei er auch »die Kinder, denen nur die Wahl zwischen Verwilderung und Neurose bevorsteht«, im Auge hatte. »Dann wird sich für uns die Aufgabe ergeben, unsere Technik den neuen Bedingungen anzupassen« (S. 193).

Leider hat S. Freud diese Gedanken später nicht mehr aufgegriffen. Allerdings hat er damit wesentliche Probleme der Kontroversen um die Technik in der weiteren Entwicklung der psychoanalytischen Verfahren benannt: die Aktivität des Analytikers in der Behandlung bestimmter Krankheitsbilder und die Anwendung der Psychoanalyse als versorgungsrelevantes Verfahren für psychisch kranke Menschen, die sich den Bedingungen der »tendenzlosen Psychoanalyse« (a. a. O., S. 194) nicht ohne weiteres anpassen können. Cremerius (1993) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich hier der Konflikt zwischen dem Arzt und dem Forscher in der Person Sigmund Freuds selbst zeigt.

1924 erschien der Band »Entwicklungsziele der Psychoanalyse« von Sándor Ferenczi und Otto Rank, beide Schüler und enge Mitarbeiter S. Freuds. Ausgehend von der Überlegung, dass die Wiederholung des neurotischen Konflikts in der Übertragung nicht allein als Widerstand gegen das »Erinnern« zu verstehen ist, sondern folgerichtig ein Ergebnis des Wiederholungszwanges und deshalb unvermeidlich ist und oft gerade die Stücke enthält, »die als Erinnerung überhaupt nicht zu haben sind, so dass dem Patienten kein anderer Weg übrig bleibt, als sie zu reproduzieren« (Ferenczi & Rank 1924, S. 14), fordern die Autoren eine Aktivität des Analytikers »im Sinne einer direkten Förderung der bisher vernachlässigten, ja als störende Nebenerscheinung betrachteten Reproduktionstendenz in der Kur« (S. 15). Damit fordern sie eine aktive Haltung des Analytikers, die sich darauf richtet, das Wiederholen als eine spezifische Form des präverbalen Erinnerns in der Analyse gezielt zu fördern, ja zu provozieren. In seiner Schrift »Weiterer Ausbau der ›aktiven Technik‹ in der Psychoanalyse« empfiehlt Ferenczi, in bestimmten Phasen der Analyse diese Reproduktionstendenzen, um sie innerhalb der Analyse zu halten, dadurch zu fördern, dass dem Patienten bestimmte Gebote oder Verbote auferlegt werden (Ferenczi 1921). Die Ideen von Ferenczi und Rank fanden in der psychoanalytischen Diskussion wenig Resonanz; Freud äußerte sich skeptisch, die Mehrheit der Analytiker lehnte die aktive Methode ab (vgl. Haynal 2000). So blieb das Anliegen über 20 Jahre lang unbearbeitet, bis es von Franz Alexander (damals einer der Kritiker Ferenczis und Ranks) und seinem Kollegen Thomas Morton French, beide am Chicagoer Psychoanalytischen Institut, wieder aufgegriffen wurde (Alexander & French 1946). Alexander und French versuchten eine Komprimierung und Verkürzung des analytischen Verfahrens dadurch zu erreichen, dass sie den Patienten durch gezieltes eigenes Verhalten des Analytikers zu bestimmten Übertragungen provozierten. Bezog sich die Aktivität des Analytikers bei Ferenczi und Rank noch darauf, den Patienten überhaupt zu Reproduktionen in der Analyse zu bewegen bzw. diese zu intensivieren, notfalls durch Eingriffe in sein alltägliches Verhalten, so schlagen Alexander und French vor, bestimmte Übertragungskonstellationen durch gezielte Einflussnahme innerhalb der Analyse hervorzurufen. Beiden Ansätzen gemeinsam ist die Betonung, dass Deutungen allein, sofern sie auf der Ebene des kognitiven Verstehens verharren, keine Veränderung im Patienten hervorbringen; vielmehr bedürfe es einer emotionalen Beteiligung des Patienten, was auch eine emotionale Beteiligung des Analytikers voraussetze (Ferenczi 1999: »Ohne Sympathie keine Heilung«). Die Analyse solle dem Analysanden eine korrigierende emotionale Erfahrung ermöglichen (Alexander & French 1946). Die Autoren betonten, dass in jeder Psychotherapie, sei sie streng analytisch oder abgewandelt, die gleichen psychodynamischen Prinzipien wirksam seien bzw. die Grundlage des therapeutischen Vorgehens abgeben würden.

Wiederum fand der Ansatz von Alexander und French in der analytischen Diskussion keine Aufnahme; die Mehrheit der Analytiker lehnte das Vorgehen als »unanalytisch« ab. Die Antwort erfolgte wenige Jahre später durch die Festlegung einer »rite-Psychoanalyse« durch Kurt Eissler (1953). Setting, Behandlungsfrequenz usw. waren damit für die Psychoanalyse vorläufig in einer Art Ideal-Technik festgelegt, es etablierte sich eine Unterscheidung von »strikter« Psychoanalyse und daraus abgeleiteten Verfahren, die als mehr oder weniger »analytisch« anerkannt bzw. als »unanalytisch« abgelehnt wurden. Im amerikanischen Sprachraum wurden diese Verfahren oft unter dem Begriff »Psychodynamic Psychotherapy« zusammengefasst und sie gewannen hinsichtlich der Versorgungsrelevanz bald größere Bedeutung als die »klassische« Psychoanalyse1 (vgl. zum Begriff »klassisch« in diesem Zusammenhang Haynal 2000, S. 126ff.). Im deutschen Sprachraum war es v. a. Annemarie Dührssen (1988, 1995), die unter dem Begriff »Dynamische Psychotherapie« diese Verfahren weiterentwickelte.

In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts fand sich eine kleine Arbeitsgruppe um Michael Balint, einem Ferenczi-Schüler, Enid Balint und David Malan zusammen, die eine Verkürzung und Konzentration der analytischen Therapie bei bestimmten Patientengruppen mittels einer Fokusbildung vorschlugen. Ziel der Kurzzeittherapie oder Fokaltherapie sollte es sein, einen umschreibbaren aktivierten zentralen Konflikt zu bearbeiten, ohne einen langwierigen regressiven Prozess einzuleiten. Dazu wurde in der Arbeitsgruppe für einen Patienten ein möglichst prägnanter Fokalsatz gefunden, der den Brennpunkt (Fokus), das Zentrum des Konfliktgeschehens beschreibt und der als roter Faden in der Behandlung dient. Dem Patienten steht es natürlich jederzeit offen, das Material in die Stunden zu bringen, das ihm im Moment naheliegt, weder ist das Prinzip der freien Assoziation noch das der Abstinenz des Analytikers aufgehoben. Auch die Verwertung der Erkenntnisse aus Übertragung, Gegenübertragung sowie Widerstand als Basis des psychoanalytischen Prozesses bleiben erhalten. Die Aufgabe des Analytikers besteht allerdings darin, das Material hinsichtlich des fokalen Konflikts zu sortieren und das aufzugreifen, was zu dessen Bearbeitung dienlich ist. Die Aktivität des Analytikers bezieht sich also auf ein »selektives Aufgreifen« und damit auf eine Konzentration des Prozesses auf das zentrale Konfliktthema des Fokus. Damit war eine Technik gefunden, welche einerseits die analytischen Prinzipien aufrechterhält und auf manipulatives Eingreifen in den Übertragungsprozess verzichtet und andererseits eine Konzentration und Verkürzung des therapeutischen Prozesses erlaubt. Die Bildung eines Fokus kann als das zentrale Arbeitsmittel nicht allein von Kurzzeittherapien, sondern von Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapien überhaupt angesehen werden.2

Merke

• Die heutige Auffassung der TfP ist historisch auf dem Boden der Psychoanalyse gewachsen.

• Sie entspringt Bemühungen, die Analyse in bestimmten Aspekten weiterzuentwickeln, etwa in der Frage der Aktivität des Analytikers oder der Konzentration des therapeutischen Prozesses.

• Sie ist das Ergebnis einer Suche nach einem technischen Vorgehen, das solchen Patienten hilft, die aus unterschiedlichen Gründen einer Analyse nicht zugänglich sind.

1 Der Begriff »klassische Psychoanalyse« ist irreführend, impliziert er doch eine Festlegung, die der Psychoanalyse ihrem Wesen nach eigentlich widerspricht. Die psychoanalytische Technik war, ähnlich wie ihr jeweiliger wissenschaftlicher Erkenntnisstand, immer im Wandel. Seit Eissler ist man geneigt, ein bestimmtes Verfahren als »klassische Psychoanalyse« zu bezeichnen, das ist zur Unterscheidung von anderen psychoanalytischen Verfahren hilfreich, sollte aber nicht zu der Ansicht verführen, als sei dieses »Standardverfahren« schon immer die »eigentliche« Psychoanalyse gewesen. S. Freud (1919a): »… wir waren nie stolz auf die Vollständigkeit und Abgeschlossenheit unseres Wissens und Könnens; wir sind, wie früher so auch jetzt, immer bereit, die Unvollkommenheiten unserer Erkenntnis zuzugeben, Neues dazuzulernen und an unserem Vorgehen abzuändern, was sich durch Besseres ersetzen läßt« (S. 183).

2 Zur Fokusbildung Kap. 5.4 »Der Fokus in der Psychotherapie«.

2 Zum Begriff Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TfP)

In Deutschland wurde die Psychotherapie 1967 als Heilungsverfahren in die Finanzierung durch die gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Neben der psychoanalytischen Therapie wurden auch die Verfahren kassenrechtlich anerkannt, die bislang unter der Begrifflichkeit »Dynamische Psychotherapie« Eingang in die Sprachregelung gefunden hatten. Aus einer gewissen Verlegenheit heraus, wie man Kurzzeitpsychotherapie, Fokaltherapie, Dynamische Psychotherapie und langfristig stützende Verfahren unter einen Begriff fassen kann, wurde die gleichsam »künstliche« Wortkombination »Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie« eingeführt und festgelegt. Damit entstand eine Begrifflichkeit, die zwar in Deutschland im Rahmen des Kassenrechts verständlich und zur Differenzierung von der Analytischen Psychotherapie notwendig und hilfreich ist, die allerdings keine Entsprechung im internationalen Psychotherapie-Diskurs hat. Von der Analytischen Psychotherapie werden solche Behandlungsverfahren unterschieden, die sich durch eine niedrige Behandlungsfrequenz, Begrenzung der Regression und die Fokussierung auf einen umschriebenen, bewusstseinsnahen Konflikt kennzeichnen lassen (Ermann 2004). Unklar blieb, wie weit sich in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie die TfP von der Analytischen Psychotherapie abgrenzen lässt. In einer früheren, der 6. Auflage des »Kommentar(s) Psychotherapie-Richtlinien« hieß es noch, dass eine »exakte Unterscheidung dieser Behandlungsarten – insbesondere in der Kinderpsychotherapie – nicht begründet werden konnte« (Rüdiger, Dahm & Kallinke 2003, S. 41). Die Tatsache aber, dass seit Einführung des Psychotherapeutengesetzes 1999 einerseits die Zahl der Anträge zur Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter wächst (vgl. Streek-Fischer 2002), andererseits – damit zusammenhängend – eine nennenswerte Zahl der zugelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ausschließlich über eine Qualifikation in diesem Verfahren verfügt, sollte Anlass sein, über diese Auffassung neu nachzudenken. Diese Entwicklung hat ja nicht nur äußere, in der Verfassung des Gesundheitswesens und dessen Interessenkonflikten liegende Gründe. Vielmehr haben sich – wie gezeigt – auf dem Boden der Psychoanalyse eine Reihe von Behandlungsverfahren herausdifferenziert und haben an Bedeutung gewonnen, welche solchen Patientengruppen gerecht werden können, bei denen aufgrund ihrer Struktur, ihres Störungsbildes, ihrer Selbstreflexionsfähigkeit oder auch aus äußeren Gründen eine Analytische Psychotherapie nicht indiziert ist, die aber von einem psychodynamischen Vorgehen (Einsichtsförderung, positive Beziehungserfahrung, Affektdifferenzierung, intrapsychische Konfliktaufdeckung, Analyse der bewusstseinsnahen interpersonellen (Außen-)Konflikte des Patienten, Ressourcenaktivierung etc.) profitieren können (kurze Übersicht in: Wöller & Kruse 2020, S. 9–17, vgl. auch Rüger 2002, Burchartz 2004).

Der Versuch, Analytische und Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie auch im Kindes- und Jugendalter schärfer voneinander zu unterscheiden und die jeweiligen Profile herauszuarbeiten, relativiert allerdings den Usus, beiden Verfahren die gleichen Stundenkontingente zuzuordnen. Es sollte neu begründet werden, welcher zeitliche Umfang bei den jeweiligen Verfahren im Rahmen des psychodynamischen Spektrums für sinnvoll gehalten wird. Dabei muss differenziert werden zwischen Kurzzeitpsychotherapien (wie bisher auch), tiefenpsychologisch fundierten und fokussierten Langzeittherapien und langfristig angelegten stützenden und strukturbezogenen Psychotherapien. In jedem Fall sollte beachtet werden, dass Patienten für Veränderungsprozesse ihrer psychischen Konstellationen auch unabhängig von der Frequenz ihren eigenen Zeitrahmen brauchen.

Merke

• Der Begriff »Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie« entstand im Zusammenhang mit der Aufnahme der Psychotherapie ins deutsche Kassenrecht.

• Er bezeichnet von der Psychoanalyse abgeleitete Verfahren, die regressionsbegrenzend und konzentriert auf einen Aktualkonflikt oder auf strukturelle Funktionsstörungen arbeiten.

3 Theoretische Grundannahmen

Das vorliegende Werk versteht die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (im Folgenden abgekürzt »TfP«) als ein psychoanalytisches Behandlungsverfahren. Wenn wir die Psychoanalyse als ein wissenschaftliches System begreifen, das von einer spezifischen Anthropologie und damit auch von einer beschreibbaren Metapsychologie ausgeht, so finden wir unter diesem Dach eine Reihe von Behandlungsverfahren, die sich im Laufe der psychoanalytischen Theorie- und Praxisentwicklung herausdifferenziert haben. Dazu gehören Krisenintervention, psychoanalytisch orientierte Beratung, Kurzzeitpsychotherapie, Fokaltherapie, Dynamische Psychotherapie, TfP, psychoanalytische Paar- und Familientherapie, strukturbezogene Psychotherapie, Analytische Psychotherapie, »tendenzlose« (Freud) Psychoanalyse u. a. Sie alle bilden hinsichtlich der technischen Handhabung von Übertragung und Gegenübertragung, Widerstand und Regression ein Kontinuum und sind nicht vorstellbar ohne die Grundannahmen der psychoanalytischen Theorie und Praxis, die im Folgenden skizziert werden. (Wer sich vertieft mit dem aktuellen Stand der psychoanalytischen Theoriebildung und Behandlungspraxis auseinandersetzen will, dem sei das dreibändige Werk von Mertens (2010–2012), Psychoanalytische Schulen im Gespräch empfohlen). Einen Überblick bietet Burchartz (2021) sowie Burchartz, Hopf und Lutz (2016).

3.1 Die Psychologie des Unbewussten

Die Psychoanalyse fußt auf der Erkenntnis, dass die Motive menschlichen Verhaltens, Fühlens und Denkens sowie deren Einordnung in einen individuellen und kollektiven Sinnzusammenhang der bewussten Wahrnehmung entzogen sind: Sie sind unbewusst. Wie der Mensch sein Leben gestaltet, hängt von einem psychischen Kräftespiel ab, das sich unserer direkten Beeinflussung entzieht. Dies betrifft unsere psychische Befindlichkeit, psychosomatische Phänomene, unseren Alltag, die Organisation unseres familiären und gesellschaftlichen Zusammenlebens und eben auch all das, was wir als psychische Störung oder Krankheit beschreiben. Das Unbewusste lässt sich nicht einfach »bewusst« machen (dann wäre es ja nicht mehr »unbewusst«) – dies wäre auch ein Missverständnis der psychoanalytischen Therapie. Es lässt sich allerdings anhand seiner Manifestationen erkennen und erforschen und teilweise in das Ich integrieren – ein Anliegen, dem sich S. Freud lebenslang gewidmet hat und das in der Geschichte der Psychoanalyse bis heute zu beeindruckenden Ergebnissen geführt hat. S. Freud selbst hat seine Auffassung vom Unbewussten anhand dreier Manifestationen, die auch die Themen seiner grundlegenden psychologischen Schriften bilden, entwickelt: Der Traum, die Fehlleistungen und -handlungen im Alltag und der Witz3. In diesen Untersuchungen konnte er wesentliche Funktionsweisen des Unbewussten herausarbeiten: Das Fehlen sprachlich-logischer Verknüpfungen, stattdessen assoziative Verknüpfungen, Bilder- und Symbolsprache; Verdichtung, Verschiebung und sekundäre Bearbeitung, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Differenzierung in einen Primärprozess, in dem eine direkte Wunscherfüllung gesucht wird, und einen Sekundärprozess, in dem sich entwickelnde Ich-Strukturen und -Fähigkeiten zunehmend die Realitätswahrnehmung und -bewältigung durch Beherrschung der Motilität, Triebaufschub, frühe Denkprozesse, Symbolisierungsfähigkeit etc. übernehmen, gehört ebenfalls zu den ersten Erkenntnissen über das Unbewusste. In einer späteren Phase der Theoriebildung entwickelte Freud das strukturale Modell des Unbewussten: Es, Ich und Über-Ich, wobei ein Teil des Ich – mit der Grenzlinie des Vorbewussten – dem bewussten Erleben und Verhalten zuzuordnen ist. Erweiterungen erfuhr die Theorie des Unbewussten durch die Ich-Psychologie mit der Beschreibung von Abwehrmechanismen (A. Freud 1936) und durch die Objektbeziehungstheorie, v. a. durch M. Klein, D.W. Winnicott u. a., in der die Bildung innerer Objektrepräsentanzen aus dem frühen Austausch zwischen dem Individuum und seinen primären Bezugspersonen untersucht und beschrieben werden. Von den neueren Beiträgen zum Verständnis unbewusster Determinanten sind v. a. die Selbstpsychologie (Kohut 1977), Narzissmus-Theorien (Kohut 1971, Kernberg 1975, Kernberg & Hartmann 2006), die Bindungstheorie (Bowlby 1969, Ainsworth 1977, Grossmann & Grossmann 2004, Brisch 1999 u. a.) und die Untersuchung der Entwicklung der Mentalisierungsfunktion (Fonagy u. a. 2002) hervorzuheben. War lange Zeit in der psychoanalytischen Theoriebildung die Triebtheorie mit ihren Beschreibungen unbewusster Konflikte vorherrschend, so liegt heute ein großes Gewicht auf der Untersuchung psychischer Strukturen, die sich aus unbewussten Verarbeitungsweisen früher Erfahrungen ergeben und die wiederum die Funktionsweise des Ich und die Selbst- und Objektrepräsentanzen beeinflussen. Solche strukturellen Bedingungen sind z. B. die Differenzierung zwischen Subjekt und Objekt, die Fähigkeit, symbolische Repräsentanzen zu bilden, die Mentalisierungsfähigkeit, Affektwahrnehmung und -steuerung und einige mehr (vgl. OPD-KJ-2 2016).

3.2 Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie

S.Freud teilte die psychische Entwicklung des Menschen triebtheoretisch in psychosexuelle Entwicklungsphasen ein: die orale Phase, die anale Phase, die phallisch-ödipale Phase, die Latenz sowie Pubertät und Adoleszenz. Jeder dieser Phasen ist die Aufgabe der Bewältigung spezifischer Konflikte aus der triebhaften Entwicklung sexueller und aggressiver Natur zugeordnet. Dabei geht es nicht allein um die Integration spezifischer Lust- und Unlusterfahrungen, die durch das Primat der jeweiligen körperlichen erotischen Zonen vermittelt werden. Vielmehr entwickeln sich auch psychosoziale Modi, die diesen sexuellen und aggressiven Triebbefriedigungen bzw. deren Versagung entsprechen: Aufnehmen und Empfangen, das Erleben von Versorgung, Geborgenheit und Sicherheit, aber auch Gier, destruktiver Neid etc. in der oralen Phase; Geben und Nehmen, Zurückhalten und Loslassen, Macht und Kontrolle, Expansionsdrang und Begrenzung von Grandiosität in der analen Phase; die Integration von Liebe und Hass, Rivalität und Ausschluss, die Anerkennung des Dritten etc. in der phallisch-ödipalen Phase.

Freud spricht von einer »zweizeitigen« sexuellen Entwicklung des Menschen: Die Bewältigung der frühkindlichen psychosexuellen Konflikte und die Integration von sexuellen Partialtrieben erfahren in der Pubertät mit der körperlichen sexuellen Reifung eine Neuauflage mit der endgültigen Einordnung der Partialtriebe unter dem Primat der genitalen Sexualorganisation, dem Finden eines (ganzheitlichen) außerfamiliären Sexualobjekts und damit der Ablösung von den primären Objekten. Unterbrochen wird diese Entwicklung von der Latenz, in der die frühen psychosexuellen Konflikte vorläufig zur Ruhe gekommen sind und sich das Kind mit Wissbegier der realitätsgerechten Erfassung der Welt zuwendet mitsamt der Reifung seines Realitätssinns, der kognitiven, körperlichen und kreativen Fähigkeiten.

Das Freud’sche Modell der psychosexuellen Entwicklung hat v. a. E.H. Erikson (1966) mit einem »epigenetischen Entwicklungsmodell« aufgenommen und erweitert. Zum einen beschrieb er die psychische Entwicklung des Menschen über Kindheit und Jugend hinaus bis ins Alter. Zum anderen bezog er die Auseinandersetzung zwischen Individuum und Gesellschaft in seine Entwicklungstheorie mit ein. Auch Erikson geht von Phasen in der Entwicklung aus, denen er aber bestimmte »Entwicklungsaufgaben« zuordnet. Entwicklungsaufgaben bestehen in der Lösung phasenspezifischer Entwicklungskonflikte, wobei jedoch diese Konflikte in der jeweiligen Phase besonders hervortreten, in anderen Phasen aber implizit wirksam sind.

Im Unterschied zu entwicklungspsychologischen Konzeptionen von Entwicklungsstufen mit je spezifischen Entwicklungsaufgaben (z. B. Erikson 1966) geht A. Freud von Entwicklungslinien aus. Dabei misst A. Freud dem Ich große Bedeutung bei der Meisterung der Entwicklung bei. Entwicklungslinien beschreiben (chronologische und topische) Entwicklungsabfolgen bestimmter Bereiche der Triebentwicklung, der Ich-Entwicklung und der Über-Ich-Entwicklung, die gesondert betrachtet werden können:

Trieb

• Sexualtrieb: mit der Aufeinanderfolge der libidinösen Phasen: oral, anal-sadistisch, phallisch, Latenz, Vorpubertät, Pubertät, Genitalität

• Aggressionstrieb: i. d. R. weitgehend der Libidoentwicklung zugeordnet

Ich

• »Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinns« (Ferenczi 1913)

• von »primitiven« zu »reifen« Abwehrmechanismen

Über-Ich

• Aufeinanderfolge von Identifizierungen (Inkorporation – Introjektion – Identifizierung)

• fortschreitende Internalisierung der elterlichen Autorität

Intellektuelle Entwicklung

• gemäß den Erkenntnissen der akademischen Psychologie (z. B. Piaget)

Weitere Entwicklungslinien

• Nahrungsaufnahme

• Reinlichkeit

• Körperliche Hygiene/Pflege

• Beziehung zu Gleichaltrigen

• Spiel

• Abhängigkeit

• …

Anna Freud fasst in der Beschreibung von Entwicklungslinien die Sichtweise der Triebentwicklung und der Entwicklung von Objektbeziehungen zusammen. Entwicklungslinien unterliegen einer Wechselwirkung. In der Betrachtung der individuellen Entwicklung stellt sich die Frage, wie die einzelnen Entwicklungslinien zu einer gemeinsamen Wirkung zusammentreffen. Insgesamt findet eine fortschreitende Anpassung an die Außenwelt (äußere Realität) statt: von der Trieb- und Phantasiefreiheit zur Triebbeherrschung und Rationalität.

Entwicklungslinien sind als »latente Möglichkeit« vorgezeichnet. Ihre Abfolge und die Harmonie bzw. Disharmonie zwischen ihnen werden bestimmt durch die Außenwelt, in der frühen Kindheit durch (innere) Haltungen der Mutter, sowie durch Variationen von Regressionen. Sie verlaufen also nicht einfach linear, sondern eher in Regelkreisen zwischen Innen und Außen, Regression und Progression.

Neuere Sichtweisen in der Entwicklungspsychologie betonen den aktiven Beitrag des Individuums an seiner Entwicklung. Der Mensch verfügt von Geburt an über die Kompetenz, sich nicht allein dem psychischen Milieu seiner Beziehungsumwelt durch spezifische Bewältigungsmuster anzupassen, es formt und gestaltet dieses auch durch psychische Aktivität. Entwicklung lässt sich verstehen als ein intra- und interpsychischer Austausch. Insofern muss davon ausgegangen werden, dass ein Kind auch die Entwicklung der Eltern, Großeltern und Geschwister prägt, auch die Peergroup, das soziale Milieu usw. spielen eine gewichtige Rolle. Nicht zuletzt setzt sich der Mensch auch von Beginn an mit seinem Körper bzw. dessen Repräsentanzen auseinander, ebenso mit seinen kognitiven Fähigkeiten und den Begegnungen mit der dinglichen Umwelt, schließlich ist die Verarbeitung elementarer Erfahrungen wie natürliche Begrenztheit, Geburt und Tod, Krankheit und Gesundheit entwicklungsprägend.

3.3 Die Neurosenlehre: Theorie über die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen

Nach psychoanalytischem Verständnis bilden sich in der (lebenslangen) psychischen Entwicklung des Menschen psychische Strukturen, die auf basalen Fähigkeiten in der Wahrnehmung, Regulierung und Steuerung affektiver Zustände, des Selbst- und Objekterlebens, des Verhaltens und der Kommunikation beruhen (Strukturmodell). Diese Strukturen werden im Wesentlichen durch frühe Beziehungserfahrungen des Säuglings und Kleinkindes encodiert und bilden eine grundlegende Matrix für die Verarbeitung von Reizen aus innerem und äußerem Erleben.

Ein typisches Strukturmerkmal ist die Fähigkeit, bei Versagungen auf die sofortige Befriedigung eigener Wünsche zu verzichten und deren Erfüllung aufzuschieben. Die dabei auftretenden Affekte wie Ärger, Missmut, Wut können zwar gespürt und geäußert werden, werden aber im Wesentlichen als gesunde aggressive Energie kanalisiert, um in Auseinandersetzung mit der Umwelt realistische Wege zur Wunscherfüllung zu suchen.

Psychische Krankheit auf der Strukturebene entsteht, wenn bestimmte Funktionen dauerhaft unterentwickelt bleiben. Dies geschieht hauptsächlich aufgrund überwiegend defizitärer früher psychischer und interpersonaler Austauschprozesse, in denen basale Entwicklungsbedürfnisse nicht angemessen befriedigt werden konnten, sowie durch Traumatisierungen (Burchartz 2019c). Die Psyche greift dann als Schutz vor Desintegration zu Kompensationsvorgängen, die sich hauptsächlich in misslingenden sozialen Beziehungen, sexualisierten und/oder destruktiven Verhaltensweisen oder Grandiositäts- bzw. Minderwertigkeitsvorstellungen niederschlagen, oft begleitet von psychosomatischen Erkrankungen.

Von Beginn an ist das psychische Geschehen des Menschen aber auch von Kräften geprägt, die miteinander in Widerstreit treten (Konfliktmodell, vgl. Mentzos 1984, 2009). Entwicklung lässt sich – wie gezeigt – beschreiben als eine phasentypische Entfaltung und Bewältigung von Grundkonflikten zwischen antagonistischen intrapsychischen Strebungen einerseits sowie solchen zwischen primärprozesshaften Wünschen und Trieben und der äußeren Realität andererseits.

Ein typischer intrapsychischer Konflikt ist derjenige zwischen dem Bedürfnis nach Anlehnung, Abhängigkeit und Zusammengehörigkeit mit signifikanten Anderen einerseits und dem Bedürfnis nach Autonomie, Abgrenzung und Eigenständigkeit andererseits. Die intrapsychische Regulation strebt eine Homöostase dieser beiden Antipoden an, dies schlägt sich auch in der Art der Beziehungsgestaltung nieder.

Die Reifung des Ich besteht dabei in der zunehmenden Fähigkeit, die antagonistischen intrapsychischen Strebungen zu integrieren, eine verträgliche Balance zwischen ihnen zu etablieren und die aus ihnen resultierenden Ängste in ich-verträglichen Abwehren zu binden sowie zwischen Innen und Außen, Wunschphantasien und Realität, Bedürfnissen und ihrer realen Befriedigung so zu vermitteln, dass ein dynamisches Gleichgewicht aus Assimilation an die gegebenen Realitäten, zunächst vermittelt durch die Eltern, und deren kreativer Gestaltung im Sinne eigener elementarer Bedürfnisse entsteht (Adaptation).

Psychische Krankheit auf der Konfliktebene entsteht, wenn die Integration des inneren und äußeren Konfliktgeschehens scheitert, wenn sich das Individuum etwa unter dem Ansturm übermäßiger innerer Affekte oder unter einem einseitigen Anpassungsdruck an äußere defizitäre (Beziehungs-)Realitäten genötigt sieht, einen Pol des Konfliktes abzuspalten, zu verleugnen oder zu verdrängen, und sich innerlich auf den antagonistischen Pol zurückzieht und dort in einer Fixierung verharrt. Die Psyche erstarrt dann in der Etablierung rigider Abwehren, die nicht Ich-verträglich und meist auch nicht sozialverträglich sind und welche die weitere Entwicklung behindern, wenn nicht sogar blockieren. Zur Aufrechterhaltung dieser pathologischen Konfliktlösungen und zur Angstbewältigung entwickeln sich Symptome als Kompromissbildungen.

3.4 Die psychodynamische Auffassung von Konflikt und Objektbeziehungen

Modelle des psychischen Geschehens gehen davon aus, dass dieses ein Feld verschiedener Kräfte (dynamis, griech.: Kraft) darstellt, die aufeinander einwirken. Das bezieht sich nicht allein auf Es, Ich und Über-Ich in den ersten psychoanalytischen Modellen, in der weiteren Theoriebildung auf die Abwehrleistungen des Ich, sondern auch, wie gezeigt, auf primäre Bedürfnisse aus den grundlegenden motivationalen Strebungen sowie auf die frühen Regulationsvorgänge in der Ausbildung der psychischen Struktur. Mit der psychodynamischen Sichtweise lassen sich auch Objektbeziehungen beschreiben sowie deren Niederschlag als innere Repräsentanzen. Gerade für das Verständnis der inneren Objektwelt ist entscheidend, dass diese nicht einfach als Abbild realer Objekte anzusehen sind, sondern vielmehr die Modi einer dynamischen Verarbeitung des Beziehungsgeschehens mit den primären Bezugspersonen enthalten, also durch subjektives Erleben, Wünsche und Affekte geprägt sind. Psychisches Geschehen ist also mit – bewussten und unbewussten – Bedeutungen versehen, die das Individuum seinen lebensgeschichtlichen Erfahrungen mit der Objektwelt verleiht. Psychische Krankheit hat es somit immer mit einem subjektiven Bedeutungsgefüge zu tun, das die Lösung innerer und äußerer Konfliktfelder behindert.

3.5 Das therapeutische Beziehungsgeschehen als Übertragung und Gegenübertragung

Der Mensch gestaltet die Beziehung zu einem anderen Menschen in Entsprechung zu seinen früheren Beziehungserfahrungen, die sich als Objektbeziehungsphantasien in seiner Psyche sedimentiert haben. Er überträgt also mehr oder weniger umfangreiche Anteile oder Aspekte, die auf frühere Objekte gerichtet waren, z. B. Wünsche, Bedürfnisse, Befürchtungen, Phantasien, Gefühle und Affekte, auf den gegenwärtigen Anderen. Er wiederholt so unbewusst die Beziehungsmuster, die sich durch frühe Regulationsprozesse in seiner psychischen Struktur niedergeschlagen haben. Dieser Vorgang der Übertragung ist ubiquitär und in allen Beziehungen zu beobachten; Übertragung ist also nicht per se pathologisch. In der Regel stellt sich durch den realen reziproken Austausch in aktuellen alltäglichen Beziehungserfahrungen eine Korrektur der Übertragung ein, so dass wir – bis auf einige Reste abgesehen – meist zu realistischen Objektbeziehungen fähig sind oder immer wieder fähig werden. Voraussetzung ist freilich, dass auch der Andere seine Reaktion auf unsere Übertragung und seine eigene Übertragung auf uns zu korrigieren imstande ist.

In der therapeutischen Beziehung spielt die Übertragung eine zentrale Rolle, denn der Therapeut wird unweigerlich zu einem Übertragungsobjekt.

Die siebenjährige Ines, die den Vater durch Trennung verloren hat, malt ein Herz und schenkt es dem Therapeuten. Der Therapeut wird so zu einem Objekt der Sehnsucht wie der Vater. Übertragen wird aber auch die Verlustangst (die durch den Erweis der Liebe beruhigt wird) und die Enttäuschungswut (»wem ich meine Liebe erweise, der könnte mich verlassen; das erzürnt mich schon jetzt – aber ich schenke ihm etwas Schönes, dann bemerkt er meine böse Aggression nicht und behält mich lieb«).

S. Freud hatte dies zunächst als eine Störung der psychoanalytischen Therapie identifiziert, denn eine intensive Übertragung trat immer auf in Verbindung mit einer Stagnation des Auftauchens und der Erinnerung verdrängten Materials. Freud erkannte, dass der Patient in der Übertragung die infantile Situation und die damit verbundenen verpönten Regungen mit der Person des Therapeuten wiederholt, anstatt sie zu erinnern und in die Persönlichkeit zu integrieren. Damit war auch eine Erklärung gefunden für die ungewöhnliche Heftigkeit der Übertragung in der therapeutischen Situation: Sie dient dem Widerstand, ja ist Teil desselben, der gegen das Eindringen verdrängter Inhalte ins Bewusstsein aufgerichtet werden muss. Je gelockerter die Abwehr (s. u.) in der therapeutischen Situation, desto intensiver also muss die Übertragung werden. Was anfänglich als Störung empfunden wurde, erwies sich für Freud schon bald von höchstem Nutzen. Denn in der Übertragung sammelt sich das Verdrängte in einer aktuellen Wiederauflage in einer lebendigen, gegenwärtigen Beziehung; die Bearbeitung der Übertragung ermöglicht dem Patienten ein unmittelbares Erleben, das dem Bewussten als psychische Wirklichkeit zugänglicher ist als blasse Erinnerungen.

Die Übertragung wurde zu dem eigentlichen und wichtigsten Agens der Psychoanalyse. »Das entscheidende Stück der Arbeit wird geleistet, indem man im Verhältnis zum Arzt, in der ›Übertragung‹, Neuauflagen jener alten Konflikte schafft, in denen sich der Kranke benehmen möchte wie er sich seinerzeit benommen hat, während man ihn durch das Aufgebot aller verfügbaren seelischen Kräfte zu einer anderen Entscheidung nötigt. Die Übertragung wird also das Schlachtfeld, auf welchem sich alle miteinander ringenden Kräfte treffen sollen« (Freud 1916–1917, S. 472). Indem sich die Krankheit in der Beziehung mit der Person des Therapeuten wiederholt, sich in ihr konzentriert, entsteht die »Übertragungsneurose« – also eine in der psychoanalytischen Therapie erwünschte Verschiebung des Krankheitsgeschehens weg von den Alltagssituationen und ihren dortigen Objekten in das »Hier und Jetzt« des therapeutischen Beziehungsraumes. Parallel zu diesem Vorgang ist häufig tatsächlich ein Rückgang der Symptomatik im Alltagsleben des Patienten zu beobachten, es wäre jedoch falsch, eine solche »Übertragungsheilung« schon als den eigentlichen Heilungserfolg anzusehen. Eine Therapie, die zu einem solchen Zeitpunkt beendet würde, brächte nichts anderes zustande als ein Wiederaufflackern aller Krankheitsphänomene, u. U. noch heftiger als zuvor, da nun auch noch das Trauma einer unbearbeiteten und verfrühten Trennung von dem Objekt heftiger libidinöser sowie aggressiver Regungen hinzukommt.

Ines, die im letzten Beispiel erwähnte Patientin, litt unter einer schweren Angststörung. Die Mutter beendete die Therapie, als deutlich wurde, dass das Mädchen daran festhielt, den Vater sehen zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt war die Angst des Kindes so weit zurückgegangen, dass es die Schule selbständig besuchen konnte. Später erfuhr der Therapeut, dass sich danach das Symptom einer Schulphobie entwickelt hatte.

Die Übertragung wiederum evoziert im Therapeuten eine spezifische emotionale oder affektive Reaktion, er antwortet gleichsam mit seiner Innenwelt auf die übertragene Innenwelt des Patienten. Dieser Vorgang wird als Gegenübertragung bezeichnet und ereignet sich – ebenso wie die Übertragung – zunächst unbewusst. Das Wahrnehmen und die Analyse von Übertragung und Gegenübertragung sind zentrale Aufgaben und übrigens auch das wichtigste diagnostische Hilfsmittel in psychodynamischen Psychotherapien, denn sie erlauben ein erlebendes Verstehen der (unbewussten) inneren Welt des Patienten.

In der Übertragung zeigen sich nicht allein (verdrängte) libidinöse Wünsche und Regungen, sondern auch feindselige und destruktive Impulse. Voraussetzung für deren Bearbeitung freilich ist zunächst eine positive Übertragung. Von besonderer Bedeutung ist die positive Übertragung – also die Erwartung des Patienten, im Therapeuten ein überwiegend gutes Objekt zu finden, das die auf ihn gerichteten libidinösen Strebungen liebevoll und verständnisvoll aufnimmt – in der TfP, da in dieser Therapieform die Übertragung zwar beachtet und verstanden, jedoch nicht zum eigentlichen therapeutischen Agens wird.

In einer erweiterten Sicht der Übertragung lässt sich das Geschehen zwischen Patient und Therapeut als Szene (Lorenzer 2000, Argelander 1970, Eckstaedt & Klüwer 1999, Raue 2007, Windaus 1999, Burchartz 2020) verstehen. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, dass sich bereits frühe Interaktionserfahrungen in Repräsentanzen von Interaktionsmustern niederschlagen, die in der aktuellen Begegnung zwischen Patient, dessen Eltern und Therapeut in Handlung und Phantasie aktualisiert, inszeniert werden und je spezifische Gegenübertragungsreaktionen hervorrufen. Die Psyche ist szenisch organisiert. Die Szene ist ein Interaktionsgeschehen, umfasst bewusste und unbewusste Anteile und offenbart eine psychische Realität. Ihr Verstehen und ihre Analyse erlauben dem Therapeuten nicht allein eine tiefe (diagnostische) Einsicht in unbewusste konflikthafte Erlebens- und Verarbeitungsweisen, sondern auch in der Therapie einen für den Patienten evidenten Zugang zu seinen unbewussten Phantasien, wie sie sich in seiner Beziehungsgestaltung offenbaren.

3.6 Die Theorie der Abwehr, die Auffassung des Widerstandes und deren Einbezug in die therapeutische Arbeit

Innere Realität und äußere Realität treten von Beginn der Entwicklung an in einen Widerspruch: Die Befriedigung elementarer Triebwünsche, das Stillen unabweisbarer Bedürfnisse, die Bewältigung von Ängsten können von den primären Bezugspersonen nicht uneingeschränkt sichergestellt werden, die soziale und dingliche Realität stellen sich der direkten Erfüllung in den Weg. Das Individuum sieht sich einer doppelten Aufgabe gegenüber: Einerseits muss es Fähigkeiten erwerben und einsetzen, die Umwelt so zu gestalten, dass ein möglichst optimales Milieu zur psychischen Entwicklung entsteht, andererseits muss es die innere Welt so modulieren, dass sie sich in die sozialen Erfordernisse einpasst. Die innere Instanz, welche diese Vermittlung zwischen Innen und Außen leistet, wurde von Freud Ich genannt. Psychische Reifung lässt sich als ein Fortschreiten dieser Ich-Fähigkeit beschreiben, die innere Modulation der psychischen Strukturen erfolgt durch Vorgänge, die als Abwehr bezeichnet werden. Zu Beginn der psychoanalytischen Theoriebildung wurde diese Abwehr als Verdrängung beschrieben und an einem zentralen Konflikt besonders verdeutlicht: der Verdrängung inzestuöser libidinöser Strebungen im Rahmen des Ödipuskomplexes. Aber nicht allein diese Strebungen fallen der Verdrängung anheim, eigentlich ist die Arbeit der Verdrängung lebenslang wirksam und entzieht jegliche unerwünschten Anteile des motivationalen Geschehens dem Bewusstsein des Menschen, indem sie diese im Unbewussten gleichsam deponiert und damit sowohl für das Individuum als auch für seine Umwelt unkenntlich macht. Bereits die Ersetzung der Vorherrschaft des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip lässt sich als Verdrängung beschreiben. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Bildung des Über-Ich, einer inneren Instanz, in der sich die – tatsächlichen und/oder phantasierten – Versagungen und Verbote der Umwelt niederschlagen. Aus zunächst äußeren Konflikten werden somit innere Konflikte zwischen Triebwunsch und Verbot. Für das Ich entsteht damit nicht nur Angst aus realen Versagungen und Gefahren, sondern auch Angst aus inneren, als inkompatibel empfundenen Reizen, die dem Lustprinzip folgen. Es war das Verdienst von A. Freud (1936), die Arbeit der Verdrängung sehr differenziert beschrieben und als eine Reihe von Abwehrmechanismen zusammengefasst zu haben. Dazu gehören neben der Verdrängung im eigentlichen Sinn Vorgänge wie Affektabwehr bzw. Affektisolierung, Verleugnung, Ich-Einschränkung, Identifizierung mit dem Aggressor, Altruismus als Reaktionsbildung, in der Pubertät Askese und Intellektualisierung; nicht zuletzt Verschiebung der Triebregungen auf andere Objekte. M. Klein (1952c) hat besonders Spaltung und projektive Identifizierung als elementare Abwehrmechanismen hervorgehoben. Abwehr ist eine Ich-Leistung und zur Herstellung einer Balance zwischen individueller Psyche und sozialer Realität lebenslang wirksam, sie ist deshalb nicht primär pathologisch. Im heutigen Sprachgebrauch hat sich der umfassendere Begriff der Bewältigung etabliert, insbesondere bei strukturellen Störungen beobachten wir Bewältigungsversuche, die sich im ungünstigen Fall als psychosomatische Erkrankungen oder als maladaptive Arrangements in der Beziehungsgestaltung niederschlagen. Hier wird der Körper bzw. die soziale Umwelt zum Schauplatz der Inszenierung unerträglicher Angst, die aus unbewältigten Konfliktspannungen entsteht.

Gleich ob die lebensgeschichtlich etablierten Abwehrstrukturen dem Menschen ein zufriedenes Leben in lebendigem Austausch mit seiner Umwelt ermöglichen oder ob sie ihn krank und unglücklich machen, immer handelt es sich um Versuche, psychisches Leben und Überleben in einer spezifischen Umgebung zu organisieren, wobei immer auch die Komponente enthalten ist, unbewusst zu machen, was für das Selbstbild und für die Vorstellung vom Anderen unvereinbar scheint. Die unbewussten Abwehrleistungen schützen damit das Ich vor der Gefahr, das Erleben einer Selbst-Kohärenz zu verlieren, sowie vor der Gefahr, von anderen Menschen, die für uns überlebensnotwendig sind, isoliert zu werden. Nun ist dieses Unkenntlichmachen im Unbewussten nie vollständig möglich. Zu groß wäre der ständige psychische Energieaufwand, Unerwünschtes in der Verdrängung zu halten. Dessen Auftauchen jedoch signalisiert Gefahr, weshalb die Psyche dagegen einen Widerstand organisiert. Auch der Widerstand gegen das Auftauchen von unbewussten Elementen ins Bewusstsein ist deshalb ein notwendiger und keinesfalls primär pathologischer Vorgang und er dient dem Schutz der psychischen Integrität und Kohärenz. Das dynamische Kräftespiel von Verdrängtem, Abwehr und Widerstand bindet Angst und ergibt Kompromissbildungen, die sich in unseren Träumen, in Alltagshandlungen, in spezifischen Charakterstrukturen und Symptombildungen zeigen. Sofern Letztere zu manifestem Leiden führen, steht das Individuum vor der Aufgabe – womöglich mit Hilfe eines Therapeuten –, eine neue Balance zu finden zwischen einer Abwehr, die der Persönlichkeit und der Umwelt förderlich ist, und einer Realisierung bisher übermäßig eingeschränkter Lebensmöglichkeiten. Eine solche Aufgabe ist nicht leicht zu bewältigen, denn hier wird sich aller Widerstand mobilisieren, um die Entbindung von (neurotischer) Angst zu verhindern. In psychoanalytisch orientierten Therapieverfahren rechnen wir mit diesem Widerstand und müssen ihm besondere Aufmerksamkeit widmen, auch über technische Möglichkeiten verfügen, um ihn zu bearbeiten.

3.7 Die Auffassung von Regression

Zeit unseres Lebens verläuft die Entwicklung nicht linear. Neue Entwicklungsaufgaben, neue Erfahrungen oder Statusübergänge rufen nicht allein Neugier und Kreativität auf den Plan, sondern auch Angst. Wir neigen dazu, vor angsterregenden Vorgängen und Phantasien zurückzuweichen (regressus, lat.: rückläufige Bewegung). Wir suchen damit einen sicheren inneren Ort auf, der uns vertraut ist, an dem wir uns auskennen, und nehmen alle Verhaltensweisen an, die zu dieser früheren Stufe der Entwicklung gehören.

Sehr augenfällig kann sich eine solche Regression zeigen, wenn ein Kind die Geburt eines Geschwisterkindes erlebt. Plötzlich verlangt der Vierjährige wieder nach einer Flasche, verfällt in Babysprache, verliert Alltagsfähigkeiten, wie etwa das Anziehen oder bestimmte Bewegungskoordinationen, kann nicht allein sein oder nässt wieder ein.

Auch die regressive Bewegung ist kein pathologisches Phänomen, sie kann ausgesprochen entwicklungsfördernd sein, indem sich die Psyche vor Überforderung schützt und gleichsam Kraft tankt für einen nächsten großen Schritt. So werden z. B. Kinder besonders dann krank, wenn sie einen Schutz- und Schonraum brauchen, bevor sie eine neue Entwicklungsaufgabe in Angriff nehmen können (vgl. Hopf 2007). Überhaupt ist psychische Entwicklung ein Schwanken auf einem Kontinuitätsspektrum von Regression und Progression, wobei die beiden Pole spiralförmig immer wieder durchlaufen werden. Problematisch wird eine einseitige Regression dann, wenn ein Mensch dauerhaft in ihr verharrt, sich in gewissen Aspekten auf eine Entwicklungsstufe fixiert und er damit dauerhaft die Angst vor progressiven Tendenzen zu binden versucht.

Der oben erwähnte vierjährige Junge hat es mit einem heftigen inneren Konflikt zu tun bekommen: Einerseits empfindet er Wut und Enttäuschung, dass er nun nicht mehr der allein Wichtige für seine Eltern sein kann, Rivalitätsgefühle zu dem Neugeborenen tauchen auf, nachdem nun feststeht, dass dieser kleine Schreihals nicht nur dauerhaft bleibt, sondern offenbar den Eltern, die dem Säugling natürlich besondere Aufmerksamkeit widmen müssen, auch besonders wichtig ist. Die Angst vor dem Verlust der elterlichen Liebe breitet sich in seinem inneren Erleben aus. Andererseits liebt er auch seine Eltern und möchte keinesfalls die Sicherheit und Geborgenheit verlieren, die sie ihm schenken. Als Lösung dieses Konflikts beginnt er sich zu einem braven, angepassten und hilfsbereiten kleinen Ritter zu entwickeln; unter seinem Altruismus werden seine aggressiven und feindseligen Regungen sorgfältig verborgen und verdrängt, freilich um den Preis der Symptombildung: Er klebt an der Mutter, kann nicht mehr in den Kindergarten gehen, schränkt sich also in seinen Ich-Fähigkeiten ein, dazu nistet sich eine Enuresis nocturna als dauerhaftes Symptom ein. Bei seiner Einschulung mit sieben Jahren hat sich an diesen Problemen nichts verändert, nur dass sie jetzt, unter dem Druck der sozialen Erwartungen, zu kaum mehr handhabbaren Schwierigkeiten führen. In der Entwicklung gesunder und ins Ich integrierter aggressiver Kräfte ist der Junge regrediert und fixiert auf eine frühere Entwicklungsstufe.

Wenn Kinder oder Jugendliche zur Therapie vorgestellt werden, beobachten wir immer solche Formen mehr oder weniger pathologischer Regression. Nun stellt die Therapie selbst auch ein regressives Milieu her: Indem sich Kinder und Jugendliche in einem geschützten Rahmen frei spielend, assoziierend oder kreativ gestaltend äußern können, finden sie sich in einer Situation wieder, welche zunächst von dem Druck, den die äußere Realität mit ihren Forderungen und Erwartungen erzeugt, entlastet. Dieses therapeutische Milieu fördert also per se schon regressive Tendenzen, resultierend verstärkt sich die Bereitschaft zu Übertragungen. Auch die Übertragung ist ein regressives Phänomen, insofern sie die Wahrnehmung des Therapeuten nach den inneren Repräsentanzen des Patienten organisiert und eben nur sehr eingeschränkt nach der Realität seiner Persönlichkeit. In der Analytischen Psychotherapie machen wir uns die Regression zunutze, indem wir mit dem Patienten an die früheren Fixationspunkte der Entwicklung zurückgehen und die dort entstandenen Konflikte reaktivieren und durcharbeiten. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zur Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie: In dieser Behandlungsform grenzen wir durch ein spezifisches Setting regressive Prozesse ein, um einen aktuellen Konflikt realitätsnah zu bearbeiten, ohne jedoch die regressiven Bewegungen außer Acht zu lassen. Damit sei hier vorweggenommen, was weiter unten genauer ausgeführt wird: Die TfP eignet sich für solche Patienten, deren Leiden ohne eine tiefergehende therapeutische Regression gelindert oder geheilt werden kann oder bei denen aus bestimmten Gründen eine solche nicht angezeigt ist.

3.8 Das Ziel, Heilung durch Einsicht und Sinngebung in einer therapeutischen Beziehungsmatrix zu erreichen

Allen psychoanalytisch begründeten Verfahren ist gemeinsam, dass sie die Beziehung zwischen Patient und Therapeut als Kern der therapeutischen Wirkung auffassen. Neben der angeborenen psychischen Konstitution (etwa der Reizempfindlichkeit) ist die Beziehung zwischen Kind, Eltern, Geschwistern und weiterem sozialem Umfeld entscheidend für die Ausprägung der seelischen Entwicklung des Menschen und seiner adaptiven Möglichkeiten. Aufgrund seiner Plastizität bilden sich im menschlichen Gehirn insbesondere durch frühe Beziehungserfahrungen individuell geprägte Strukturen heraus. Umgekehrt können psychische Fehlentwicklungen auch durch eine spezifische neue, nicht alltägliche Beziehungserfahrung korrigiert werden. Dies umso mehr, da sich Kinder und Jugendliche noch in einer rasanten Entwicklung befinden und sie für solche korrigierenden Beziehungserfahrungen meist sehr empfänglich sind.

Damit kommt der therapeutischen Beziehungsgestaltung eine zentrale Stellung in der Therapie zu. In der TfP arbeiten wir näher an der Realbeziehung bzw. an den bewusstseinsfähigen Anteilen der szenischen Gestaltung unter Beachtung der Übertragung und Gegenübertragung, während die analytische Therapie die Übertragung in ihrer Intensität fördert und als zentrales therapeutisches Agens nutzt.

Von Beginn an formulierten psychoanalytische Verfahren den Anspruch, durch wachsende Einsicht des Patienten in seine Innenwelt und ihre dynamischen Vorgänge eine Integration der abgewehrten Inhalte ins Ich zu erreichen und damit die Symptombildung überflüssig zu machen. Freud: »Wo Es war soll Ich werden« (Freud 1933a, S. 86). Dieses Verfahren stößt, wie gezeigt, auf das Problem des Widerstandes. Die Funktion der neurotischen Symptombildung ist u. a., die abgewehrten Inhalte vom Bewusstsein fernzuhalten und damit Angst zu binden. Deshalb geht die fortschreitende Einsicht mit Entbindung von Angst einher, die wiederum abgewehrt werden muss – etwa durch die Intensivierung der Übertragung, die so gesehen die Funktion des Widerstandes annimmt, weil sie eine direkte Wunscherfüllung anstrebt anstatt einer psychischen Integration. (Dass anders das wesentliche Konfliktmaterial meist gar nicht in die Beziehung kommt, darauf hat – wie gezeigt – v. a. Ferenczi hingewiesen.) Eine andere Form des Widerstandes ist die Isolierung des Affekts von dem ursprünglichen Konflikt. Es entsteht dann eine theoretische Einsicht, die aber keine Veränderungen nach sich zieht. Deshalb gehört zu einer Einsicht im therapeutischen Sinne immer auch die zugehörige emotionale Erfahrung. Eine solche ist nur im Rahmen eines Beziehungsgeschehens möglich, das die Ängste aufnimmt, hält, versteht und ich-verträglich bearbeitet. Die »holding function« des Therapeuten bzw. seine Fähigkeit, sich als Container im Bion’schen Sinn zur Verfügung zu stellen (Bion 1959), ist in einer TfP deshalb unverzichtbare Grundlage.

Die Integrationsleistung des Ich besteht auch darin, dem inneren Geschehen eine Bedeutung abzugewinnen und ihm einen Sinn zu geben. Damit ist gemeint, das Unverstandene, Abgespaltene und Abgewehrte zu verstehen und in den größeren Zusammenhang der eigenen Persönlichkeit und seiner Beziehungen einzuordnen. Damit werden Fragmentierungen der Psyche aufgehoben und wird ein Gefühl für die Kohärenz des Selbst entwickelt. Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder Abwehrvorgang, jede Symptombildung, jede Selbst-Einschränkung den ursprünglichen Sinn hat, psychische Funktionen zu schützen und wenigstens leidlich das psychische Überleben zu garantieren. Das Aufgeben dieses Schutzes und sein Ersatz durch flexiblere, reifere und freiere Bewältigungen ist daher immer auch ein Prozess sich verändernder Sinngebung. Die Fähigkeit, die Widerfahrnisse des eigenen Schicksals in einem Sinnzusammenhang zu begreifen, der von Antonovski (1979) sog. »Kohärenzsinn«, lässt die Psyche auch schwerere Belastungen überstehen und stellt somit einen wirksamen protektiven Faktor dar.

3.9 Das Gebot der Abstinenz des Therapeuten

Übertragung und Inszenierungen zielen darauf ab, den Therapeuten in ein Arrangement zu verwickeln, in dem dieser genötigt wird, die ungelösten Konflikte und psychischen Strukturdefizite im Sinne einer gemeinsamen Abwehr gleichsam mitzuspielen, zu agieren. Der Therapeut soll unbefriedigte Wünsche erfüllen, empfundene Mängel und Unfähigkeiten kompensieren. Vermittels projektiver Identifizierungen werden unerträgliche Affekte in den Therapeuten verlagert mit der unbewussten Erwartung, er möge sie nun übernehmen und entsprechend den bisherigen Beziehungserfahrungen reagieren. Diese Verwicklung des Therapeuten ist ein notwendiger Prozess, um Gefühle und Affekte nicht nur irgendwie theoretisch zu erfassen, sondern sie auch in ihrer mitunter heftigen Wucht zu spüren. In der Regel setzt nun ein mehr oder weniger subtiler Sog ein, den Nötigungen des Patienten nachzugeben, durch direkte Worte und Handlungen seine Beunruhigung zu dämpfen, seine Ängste zu beruhigen, seine Wünsche etwa nach Bestätigung zu erfüllen, oder umgekehrt sich für Herabsetzungen und Entwertungen zu rächen, sie zurückzuweisen usw., mit anderen Worten, die Gegenübertragungsgefühle zu agieren. Dies würde aber nur zu einer kurzfristigen Entlastung führen, langfristig werden damit die Schwierigkeiten des Patienten lediglich wiederholt, perpetuiert und bleiben letztlich ungelöst, wie in unzähligen anderen Situationen auch, die der Patient aus seinem Lebensumfeld erlebt. Das Abstinenzgebot für den Therapeuten bezieht sich darauf, zwar einerseits ein therapeutisches Milieu des Akzeptierens, Wertschätzens und Verstehens bereitzustellen, auch unter Anerkennung der bisherigen Bewältigungsversuche einer beschädigten Psyche und unter Verzicht auf Bewertungen und Urteile, andererseits aber von Wunscherfüllungen Abstand zu nehmen und stattdessen die Konflikte, die sich zwischen Wunsch, (Beziehungs-)Realität und intrapsychischen sowie psychosozialen Abwehrarrangements abspielen, verstehend aufzunehmen und zu deuten.

Natürlich wird es dabei insbesondere in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, bei denen sich die Unterscheidung zwischen Phantasie und Realität erst noch sicher etablieren muss, immer wieder um eine Balance gehen zwischen einer Realbeziehung, die ein sicheres Arbeitsbündnis herstellt und die entwicklungsbedingten Bedürfnisse des Kindes oder Jugendlichen berücksichtigt, und der Bearbeitung des szenischen Geschehens aus der Position des beobachtenden Dritten heraus. Letztlich kann das Ziel einer Therapie ja nur darin bestehen, den Patienten in die Lage zu versetzen, seine berechtigten Ansprüche an seine Beziehungen angemessen zu verwirklichen, auf Unerfüllbares, auf Illusionen aber zu verzichten und die Trauer darüber anzunehmen. Ein so verstandenes Realitätsprinzip im psychischen Geschehen zu verankern, kann dem Patienten nur gelingen durch die Haltung der Abstinenz beim Therapeuten.

Die andere Richtung des Abstinenzgebots betrifft die Wünsche des Therapeuten selbst. Es versteht sich von selbst, dass Therapeuten sorgfältig darauf achten müssen, ihre Patienten nicht zur Bewältigung eigener unbewusster Konflikte und Strebungen zu missbrauchen. Das gilt auch und gerade für sexuelles Begehren. Freilich kann es auch erfahrenen Therapeuten passieren, dass sie sich dabei ertappen, Partei zu ergreifen oder in subtiler Weise einen Patienten manipulieren zu wollen – dann gehört es zur therapeutischen Verantwortung, solche Regungen in einer Supervision zu bearbeiten. Es kann nicht oft genug betont werden, dass eine gründliche und umfassende Selbsterfahrung, etwa im Rahmen einer Lehranalyse oder Lehrtherapie, in der die eigenen neurotischen Anteile des Therapeuten bearbeitet werden, unabdingbarer Bestandteil der Ausbildung sein muss.

Eine besondere Herausforderung an die Abstinenz bzw. Neutralität des Therapeuten stellt sich in der Therapie von Kindern und pubertierenden Jugendlichen, denn auf diesem Feld hat man es auch mit realen Eltern und deren Beziehungskonflikten zu tun. In familiären Konflikten stellt sich unweigerlich der Versuch ein, den Therapeuten als Partei gegen den anderen zu gewinnen. Solche Versuche sind zunächst kaum zu beeinflussen, denn in dem, was sich außerhalb der Therapie abspielt, kommt der Therapeut nicht real vor, vielmehr wird er als vermeintlich mächtige Instanz gleichsam virtuell in die eigene Position eingebaut.

Zu Beginn der Therapie von Otto, zwölf Jahre alt, klagen die Eltern über dessen Unwilligkeit, elterliche Regeln einzuhalten. Sie reagieren mit immer rigideren Verboten, die der Sohn wiederum teils offen, teils versteckt unterläuft. Die Eltern fühlen sich entmachtet und verächtlich beiseitegeschoben. Der Patient hingegen beklagt sich über ständige Entwertungen, Zurücksetzungen und unsinnige Verbote. Ein analsadistischer Machtkampf hat sich etabliert, in den der Therapeut nun hineingezogen wird. In einem Elterngespräch schildern die Eltern, wie sie vergeblich den allabendlichen exzessiven Fernsehkonsum des Jungen einzuschränken und ihn rechtzeitig ins Bett zu schicken versuchen. Es stellt sich heraus, dass der Patient einen eigenen Fernseher in seinem Zimmer hat. Die kritische Frage des Therapeuten, was sie denn bewogen hat, dem Jungen einen Fernseher ins Zimmer zu stellen, hat ungeahnte Folgen. Tags darauf entfernt der Vater wort – und erklärungslos das Gerät aus dem Zimmer seines Sohnes; sieht der Junge eine Sendung im Wohnzimmer, so zappt der Vater künftig einfach weiter zu »seinem« Programm. In seine nächste Therapiestunde kommt der Patient mit einem heftigen Vorwurf an den Therapeuten. Er vermutet richtig, dass die Aktion des Vaters etwas mit dem vorangegangenen Elterngespräch zu tun hatte, und erlebt den Therapeuten als einen verlängerten Arm der elterlichen (beschädigten) Autorität, die ihm nur weitere, diesmal verschärfte Einschränkungen und Verbote auferlegt, ihm sein Glück missgönnt und nur Unordnung stiftet. »Wenn ich nur meinen Fernseher wiederhätte, wäre alles in Ordnung.«

Natürlich nützt es in solchen Fällen nichts, wenn der Therapeut beteuert, es so gar nicht gemeint zu haben. Weiterführend ist, den Vorgang selbst zu untersuchen und die dahinterstehenden Motivationen aufzudecken. Etwa, dass die Frage des Fernsehkonsums – zu dem man ja durchaus eine kritische Haltung einnehmen kann – hier zu einem Schlachtfeld wird, an dem ein ganz anderer Krieg ausgefochten wird, samt dem Versuch, die Therapie als Waffe in diesem Krieg zu verwenden.

Merke

Die TfP fußt auf den Grundannahmen der psychoanalytischen Theorie und Praxis. Die wichtigsten sind:

• die Psychologie des Unbewussten,

• die psychoanalytische Entwicklungspsychologie,

• die Neurosenlehre,

• Konfliktdynamik und Objektbeziehungen,

• Übertragung und Gegenübertragung,

• Abwehr und Widerstand,

• Regression und Progression,

• Heilung durch Einsicht und Bedeutungsgebung im Rahmen einer therapeutischen Beziehung,

• Abstinenzgebot.

3 Die Traumdeutung (1900a), Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1901b), Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten (1905c)

4 Einführung in das Verfahren

Der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie werden in der Literatur vor allem zwei Wesensmerkmale zugeschrieben: Perspektivenvielfalt und Adaptivität (vgl. Wöller & Kruse 2020, S. 45ff.). Unter Perspektivenvielfalt wird eine Haltung des Therapeuten verstanden, welche das psychodynamische Geschehen und den therapeutischen Prozess aus wechselnden Perspektiven betrachtet: intrapsychisch und interpersonell, konfliktzentriert und strukturzentriert, Übertragung und Realbeziehung, pathogen und salutogen. Genaugenommen ist diese Haltung für Psychoanalytiker, insbesondere für Kinderanalytiker, nichts Neues. Jeder analytisch orientierte Psychotherapeut nimmt je nach dem momentanen Stand des therapeutischen Prozesses und dem Übertragungsgeschehen die verschiedenen Perspektiven der psychoanalytischen Grundorientierungen ein: Einmal wird eine eher triebtheoretische Sichtweise hilfreich sein, ein andermal eine ich-psychologische oder objektbeziehungspsychologische oder eine strukturbezogene, auf narzisstische Entwicklungsmodi gerichtete Perspektive. Containende und deutende Haltungen ergänzen sich wechselnd oft in derselben Stunde. Kinderanalytiker berücksichtigen parallel die Perspektiven der primären Bezugspersonen und die der kindlichen oder jugendlichen Patienten.

Adaptivität bezeichnet eine Haltung, die sich nach den Bedürfnissen des Patienten richtet. Damit ist nicht eine Bedürfnisbefriedigung gemeint, sondern die Frage, welche Art der Intervention dem Patienten in seiner im Hier und Jetzt zutage tretenden Problematik am ehesten gerecht wird und die Therapie im Sinne der therapeutischen Ziele fördert. Die sorgfältige Beobachtung der Reaktion des Patienten auf therapeutische Interventionen ist bei dieser Haltung handlungsleitend (Althoff 2019, S. 125ff.). Das ist in der TfP deshalb von entscheidender Bedeutung, weil der Therapeut eine aktivere Haltung einnimmt und damit den therapeutischen Prozess anders beeinflusst als in einer Analytischen Psychotherapie.

Auch die Adaptivität ist für analytisch orientierte Psychotherapeuten keine gänzlich neue Erkenntnis. Legis arte wird jeder Analytiker z. B. die Reaktionen seines Patienten auf eine Deutung sorgfältig beobachten und sich gut überlegen, zu welchem Zeitpunkt welche Deutung angebracht ist, und seine Haltung ggf. überdenken. Auch in der Analytischen Psychotherapie wird bei allen Interventionen die Aufrechterhaltung der therapeutischen Allianz eine zentrale Rolle spielen – und damit dem spezifischen unbewussten Zustand des Patienten Rechnung getragen.

Perspektivenvielfalt und Adaptivität sind also keine genuinen Unterscheidungsmerkmale zwischen Analytischer und Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter, lediglich ihre Gewichtung kann verschieden sein.

Eine weitere Unterscheidung wird für eine störungsübergreifende vs. störungsspezifische Orientierung postuliert. Richtig ist, dass bestimmten Störungsbildern spezifische Psychodynamiken zugrunde liegen, deren Kenntnis für den Therapeuten unabdingbar ist. Bei einigen Störungen sind auch spezifische Behandlungsstrategien erforderlich, die u. U. auch mit medizinischen, pharmakologischen und/oder physiotherapeutischen oder übenden Behandlungen kombiniert werden müssen, insbesondere bei einigen psychosomatischen und somatoformen Erkrankungen. Dem Therapeuten sei eine Offenheit und wissenschaftliche sowie technische Neugier für störungsspezifische Behandlungsansätze nahegelegt. Aber auch dies ist in der Entwicklung der psychoanalytischen Behandlungstechnik nichts Neues. Bereits Freud postulierte für einzelne Störungsbilder eine Variation der psychoanalytischen Technik (Freud 1919a). Grundlegend für die Behandlung allerdings muss die prinzipielle Orientierung an einer psychodynamisch begründeten therapeutischen Haltung und Strategie sein, sonst besteht die Gefahr einer beliebigen Methodenwahl, die der Durcharbeitung der zentralen unbewussten Konflikt- und Strukturkonstellationen ausweicht. In psychoanalytisch begründeten Verfahren behandeln wir nicht vornehmlich Störungen, sondern Menschen mit ihren individuellen Geschichten, die für ihre bedrängenden und unausweichlichen Konflikte diese oder jene Bewältigungsstrategien entwickelt haben, welche vor dem Hintergrund des individuellen Erlebens als die ihnen möglichen erscheinen. Dazu kommen kulturspezifische und gesellschaftliche Bedingungen, die in die Psychodynamik einfließen und vor deren Hintergrund sich nicht allein Schwerpunkte von Störungsgruppen herausbilden, sondern auch sich wandelnde Ansichten über psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen und deren Behandlung, wie Nissen (2005) eindrucksvoll gezeigt hat.

Störungsbild und Symptomwahl ergeben sich nicht zwingend aus einer bestimmten Psychodynamik, wiewohl sie retrospektiv verstanden werden können. Dies gilt auch für die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Sosehr ein breites Repertoire an Behandlungstechniken und -interventionen für einen tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapeuten wünschenswert ist, so ist doch gegenüber einer häufig geforderten »Methodenvielfalt« (vgl. Poser 2010) eine kritische Haltung einzufordern: Allzu leicht verführt diese Konzeption dazu, das wertvollste Stück der psychodynamischen Therapien preiszugeben: nämlich die Annahme der Übertragung, die Durcharbeitung der Gegenübertragung und des Widerstandes, die auch zu den zentralen Bestandteilen der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie gehören.

Die störungsübergreifende Perspektive bedeutet keineswegs, alle psychischen Störungsphänomene »über einen Kamm zu scheren«. Psychoanalytisch begründete Verfahren gehen – im Unterschied zu modulorientierten Vorgehensweisen – sehr auf die individuellen und einmaligen Konfliktkonstellationen des Patienten ein. Jede analytische und tiefenpsychologische Behandlung orientiert sich an dem momentanen psychodynamischen Zustand des Patienten und an der sich unwiederholbar konstellierenden Übertragungsbeziehung. Dieses Eingehen auf das individuelle, unverwechselbare und einmalige intrapsychische und interpersonelle Erleben des Patienten ist allen psychoanalytisch orientierten Verfahren gemeinsam.

Worin unterscheidet sich die Tiefenpsychologisch fundierte von der Analytischen Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen?

Während eine Analytische Psychotherapie eine Strukturveränderung und in Folge eine nicht-neurotische Konfliktverarbeitung unter Verzicht auf Symptombildungen anstrebt, beschränkt sich die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie i. d. R. auf die Bearbeitung eines eingrenzbaren Aktualkonflikts mit dem Ziel der Auflösung der Symptomatik bzw. der Verhaltensänderung. Sind dort die Förderung der Regression, damit einer Übertragungsneurose, die Übertragungsdeutung und Widerstandsanalyse wesentliche Parameter der Behandlung, so wird die Regression hier weitgehend eingeschränkt und damit in ihrer Tiefe begrenzt, eine intensivere Übertragung damit vermieden, Übertragungsmanifestationen zwar wahrgenommen, aber meist nicht gedeutet; ich-stützende und die Abwehrfähigkeit verbessernde Techniken kommen zur Anwendung. Konzentriert sich jenes Verfahren auf das Vergangenheits-Unbewusste, so dieses auf das Gegenwarts-Unbewusste, das sich »mit der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts hier und heute« beschäftigt (Sandler & Sandler 1985, S. 804). Ein besonderes Merkmal der TfP ist die Arbeit mit dem Fokus – also die Formulierung der bewusstseinsnahen Konfliktmanifestation in Verbindung mit der dahinterliegenden unbewussten Konflikdynamik (vgl. Klüwer & Lachauer 2004). Thomä und Kächele (1985) sehen in der Fokusbildung eine zentrale Technik auch der Analytischen Psychotherapie, indem sie darauf verweisen, dass diese verstanden werden kann als »eine fortgesetzte, zeitlich nicht befristete Fokaltherapie mit wechselndem Fokus« (S. 359, Hervorhebung d. Verf.). Gemeinsam ist beiden Verfahren die Notwendigkeit einer sorgfältigen Gegenübertragungsanalyse.

Bei Krankheitsbildern, die eine tiefere Regression nicht angezeigt sein lassen – etwa bei erheblichen Ich-Einschränkungen und bei somatoformen Störungen –, kann eine Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie indiziert sein, auch wenn sich ein eingrenzbarer Konflikt nicht beschreiben lässt (vgl. Heigl-Evers & Nitzschke 1994, S. 95; Wöller & Kruse 2020, S. 16). Diese generelle Unterscheidung muss hier die besonderen Bedingungen der Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen berücksichtigen. Diese sind im Wesentlichen:

• die Unreife der kindlichen Psyche und deren rasche Entwicklung, damit auch die erhöhte Flexibilität und Vulnerabilität hinsichtlich

− der Ichstruktur und der phasentypischen Abwehr,

− der Trieborganisation,

− des Narzissmus,

− der Objektbeziehungsphantasien bzw. Bindungsrepräsentanzen,

• die Abhängigkeit des Kindes/des Jugendlichen von seinen Bezugspersonen; dies betrifft sowohl die reale Abhängigkeit wie die Abhängigkeit im familiären System der interpersonellen narzisstischen Regulation (Delegationen, unbewusste Phantasien der Eltern usw.).

Daraus ergeben sich kurzgefasst die in Tabelle 1 dargestellten Unterschiede (vgl. Burchartz 2004, S. 500).

Tab. 1: Unterschiede Analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen


Analytische PsychotherapieTiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

5 Von der Erstbegegnung zur Therapieentscheidung
5.1 Die Anmeldesituation

Kinder melden sich in der Regel nicht selbst zu einer Psychotherapie an. Das liegt nicht allein an den realen Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens: Adressen und Telefonnummern heraussuchen, Telefonzeiten beachten, anrufen, die Ungewissheit ertragen, wie der Gesprächspartner reagiert, mit Schamgefühlen umgehen usw. Viel mehr noch ist von Bedeutung, dass Kinder meist keine Krankheitseinsicht haben und von sich aus deshalb auch keine Motivation spüren, etwas zu verändern. Ein Kind hinterfragt seine eigene Befindlichkeit und sein Verhalten wenig, es empfindet sie als selbstverständlich und kennt ja auch keine anderen Verhältnisse als die seiner Familie, seines sozialen Umfelds usw. Aufgrund seiner Egozentrik geht es davon aus, dass die Welt eben genau so ist, wie es sie erlebt. Entwicklungsrückstände, problematisches Verhalten, übermäßige Ängste, Kontaktschwierigkeiten, unangemessene narzisstische Empfindlichkeiten usw. sind Phänomene, die vor allem die Eltern und andere Bezugspersonen stören und die diesen Sorge bereiten. Erst wenn der Unwille der Eltern anwächst, die resultierenden Konflikte zu ertragen, oder wenn äußere Umstände eintreten, die das Kind damit konfrontieren, dass »da etwas nicht in Ordnung ist«, beginnt sich im Kind ein Veränderungswunsch zu regen.

Lange Zeit wird einem Kind, das mit fünf oder sechs Jahren noch nach einer Windel verlangt, dies nicht als Problem erscheinen – allenfalls registriert es, dass die Eltern das irgendwie ärgerlich finden, wie manches andere aus dem Alltag eben auch. Auch die Eltern versuchen, das Problem irgendwie zu bewältigen – dabei quälen sie sich mit Schuld- und Schamgefühlen und mit unterdrückter Wut. Spätestens mit dem Schuleintritt jedoch wird das Arrangement zum Problem: Jetzt kommt eine Instanz hinzu, die von dem Kind fordert, einen Entwicklungsschritt bewältigt zu haben, also etwas zu können, was es noch nicht kann. Dieser Erkenntnis kann nun auch das Kind nicht ausweichen, ein Leidensdruck macht sich auch in ihm bemerkbar und damit eine beginnende eigene Motivation, etwas zu verändern.

Meist sind es die Eltern, die den ersten Kontakt zum Psychotherapeuten suchen. Oft wird ihnen dies von Ärzten, Erziehern oder Lehrern nahegelegt. Bei Kindern, die in Jugendhilfemaßnahmen betreut werden, sind es häufig Pädagogen, die um Therapie für ihre Schützlinge nachsuchen. Regelmäßig geht dieser Kontaktaufnahme eine Vorgeschichte voraus: Das Problem wird nach Möglichkeit verleugnet oder bagatellisiert, denn Entwicklungsstörungen des Kindes sind auch ein Angriff auf den Narzissmus des elterlichen Selbst. Es wird nach somatischen Ursachen gesucht (das entlastet die Eltern von Schuldgefühlen), das Kind durchläuft teils umfangreiche diagnostische Prozesse, ärztliche Behandlungen folgen, u. U. auch mit einer Medikation, pädagogische Maßnahmen werden eingeleitet, verschiedene Therapien (Ergotherapie, Logopädie etc.) kommen zum Einsatz. Nicht selten offenbart sich eine lange Leidensgeschichte, in welche die ganze Familie einbezogen ist. All diese Möglichkeiten sollen Psychotherapeuten im Kopf haben, wenn sich Eltern am Telefon melden oder – in seltenen Fällen – persönlich in der Praxis erscheinen.

Bei Jugendlichen liegen die Verhältnisse anders. Zwar sind es auch hier oft die Eltern, die unter einem hohen Leidensdruck zu einer Psychotherapie drängen. Zugleich aber stellt sich gerade bei Jugendlichen oftmals ein erheblicher Widerstand ein, eine Psychotherapie in Betracht zu ziehen. Vor allem jüngere Kinder fügen sich zumeist dem Willen der Eltern, mit einem Psychotherapeuten in eine Beziehung zu treten. Für Jugendliche, die sich in einer Entwicklungsphase erhöhter narzisstischer Verunsicherung und Vulnerabilität befinden, ist dies verbunden mit einer drohenden narzisstischen Kränkung, die sie zu vermeiden trachten. Hinzu kommt der in der Adoleszenz verschärft ausgetragene Kampf um Autonomie und Selbständigkeit, um Ablösung und eigene Identität. Die Weigerung, sich auf einen von den Eltern gewünschten therapeutischen Prozess einzulassen, kann als eine Bastion verstanden werden, von der aus die Autonomie verteidigt wird. Schließlich bedeutet eine Psychotherapie auch, sich auf eine Beziehung einzulassen, mit allen damit verbundenen Ängsten vor einem regressiven Sog, und das in einer Phase, in der Jugendliche um Unabhängigkeit ringen und progressive Entwicklungsbedürfnisse im Vordergrund stehen. Damit die Einleitung einer Jugendlichenpsychotherapie gelingt, ist deshalb eine eigene Motivation der/des Jugendlichen besonders wichtig, ebenso die Erfahrung, diesen Prozess selbst gestalten zu können. In der Regel wird daher der Therapeut Eltern, die Jugendliche bei ihm anmelden, je nach deren Alter und Entwicklungsstand vorschlagen, dass sich der Jugendliche selbst an ihn wenden möge. Manche Jugendliche melden sich von vornherein selbst an, diesem Schritt geht meist eine längere Phase der Ambivalenz voraus, die auch als quälend erlebt werden kann. Dabei schlagen Jugendliche eigene Wege ein, die oft nicht mit dem übereinstimmen, wie es der Therapeut vorgesehen hat. Sie nutzen jugendtypische Kommunikationsmöglichkeiten wie E-Mail oder Handy, einige stehen eines Tages persönlich vor der Tür und fragen nach einem Termin.

Ortrud, eine 17-jährige Jugendliche, klingelt nachmittags an der Tür der Praxis. Der Therapeut befindet sich mitten in einer Stunde, geht aber trotzdem zur Tür und öffnet. Sie »fällt mit der Tür ins Haus«, indem sie dem Therapeuten eröffnet, dass sie nicht mehr weiter weiß und dringend seine Hilfe benötige. Sie macht einen verzweifelten Eindruck. Der Therapeut fühlt sich überrumpelt und bietet ihr kurzfristig einen Termin an außerhalb seiner normalen Zeiten. Im Verlauf des Erstgesprächs stellt sich heraus, dass sie lange mit sich gerungen hat, ob sie den Therapeuten aufsuchen wolle. Sie war von der Angst beherrscht, abgewiesen und in ihrem Anliegen nicht gesehen und gehört zu werden – wie sie dies jahrelang von ihrer Mutter erlebt habe. Die »Überrumpelung« lässt sich verstehen als ein Versuch, dieser Angst entgegenzuwirken, eine Beziehungsszene, die sie auch sonst gestaltet, etwa mit ihrem Freund.

Eine andere Jugendliche »gesteht« dem Therapeuten erst gegen Ende der Therapie, dass sie seine Adresse von einer Freundin bekommen habe, die zu der Zeit bei ihm in Therapie war. Sie habe ein halbes Jahr gebraucht, bevor sie mit dem Therapeuten Kontakt aufnehmen konnte – sie habe dies als eine persönliche Niederlage erlebt in ihrem Kampf, sich selbständig und unabhängig zu machen. An diesem Ideal versagt zu haben, war offenbar so schambesetzt, dass dies erst zu einem Zeitpunkt angesprochen werden konnte, als die damit verbundenen Konflikte bereits hinlänglich bearbeitet waren und es wiederum um eine neue Unabhängigkeit ging, nämlich diejenige vom Therapeuten.

In einer niedergelassenen Praxis erleben Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in der Regel einen Konflikt zwischen Versorgungsauftrag und hohem Anmeldedruck mit der Tendenz zur persönlichen Überlastung. Es muss daher ein Weg gefunden werden, wie mit Anfragen so umgegangen werden kann, dass therapiebedürftige Kinder und ihre Eltern eine realistische Chance haben, wenigstens Gehör zu finden und bei entsprechenden Wartezeiten Hinweise zu erhalten, was sie in der Zwischenzeit unternehmen können, ohne dass ein Therapeut sich überfordert. Will man nicht von vornherein alle Anfragen, die über die Kapazität der Praxis hinausgehen, abblocken – etwa durch einen Hinweis im Anrufbeantworter –, so führt kein Weg daran vorbei, eine gewisse Zeit einzuplanen, in der man Anfragen beantwortet. Das kann so aussehen, dass man sich die Telefonnummer geben lässt mit der Aussicht zurückzurufen. Dem Vorteil, sich für dieses Telefonat Zeit nehmen zu können, wenn es in die Abläufe der Praxis passt, steht der Nachteil entgegen, dass man u. U. in die – von vornherein ungute – Position kommt, den Patienten »hinterherzutelefonieren«. In die Übertragung gerät eine Konnotation, als sei der Therapeut eine Art Dienstleister, auf dessen »Angebot« man wartet, wie etwa bei einem Handwerker. Eine andere Möglichkeit sind feste Telefonzeiten für neue Therapie-Anfragen. Das hat den Nachteil, dass es vor allem Jugendlichen oft nicht möglich ist, diese einzuhalten, und dass diese dann – nachdem sie sich endlich durchgerungen haben, einen Psychotherapeuten zu konsultieren – resigniert aufgeben. Der Vorteil ist darin zu sehen, dass dem Nachfragenden bereits eine gewisse zeitliche Regelhaftigkeit zugemutet wird, also eine Bereitschaft, sich für eine Psychotherapie selbst zu engagieren – eine Bereitschaft, die ja auch im weiteren Verlauf unabdingbar ist.

In jedem Fall gibt ein solches erstes Kontaktgespräch am Telefon in groben Zügen Aufschluss über das Problem, seine bisherige Handhabung, über den Anlass, sich jetzt zu melden, über den Anmeldekontext (Anregungen durch Dritte?), über die Motivationslage und die Bereitschaft, sich den Realitäten einer niedergelassenen Praxis zu stellen. Auch am Telefon – oder in anderen Formen der Anmeldung – stellt sich eine Szene her, in die der Therapeut in spezifischer Art und Weise verwickelt wird und die einen ersten Zugang zu der unbewussten Konfliktdynamik erlaubt.

Aus diesen Gründen ist es empfehlenswert, bereits dem Vorgang der ersten Anmeldung sorgfältig seine Aufmerksamkeit zu widmen. Die Gestaltung, die der Therapeut diesem Vorgang gibt, ist nicht allein ein Qualitätsmerkmal seiner Praxis, viel mehr noch ist sie ein erster Rahmen. Der Rahmen stellt auch hier eine Referenz dar, an der sich unbewusste psychische Vorgänge manifestieren, je nachdem, wie Anmeldende damit umgehen. Für die alltägliche Praxis eines niedergelassenen Psychotherapeuten reicht die Vorstellung nicht aus, das Erstgespräch sei der Beginn einer therapeutischen Beziehung. Argelander (1970/1999) betont: »Bereits vor Beginn des Erstinterviews machen sich Einflüsse geltend, die aus den Vorstellungen und Vorurteilen über seelische Krankheiten und ihre Behandlung stammen und ›Vorfeld‹-Phänomene konstellieren. Sie äußern sich z. B. in der Art der Anmeldung und wirken in die Gesprächsgestaltung mit hinein« (S. 16).

Praktisch kann die Anmeldung etwa wie folgt ablaufen: Zunächst lässt der Therapeut auf sich wirken, wie der Gesprächspartner spontan die Anmeldung gestaltet. Was er ggf. über den Anrufbeantworter erfährt, wird mit einbezogen. Er macht sich Notizen darüber, wer sich meldet, um welchen Patienten es geht (Alter, Geschlecht?), über die Problematik und den Anlass der Anmeldung, Empfehlungen durch Dritte und, soweit er es erfährt, über die familiäre Situation. Manchen ist es hilfreich, einen vorgefertigten »Anmeldebogen« zu benutzen, der Raum hat für Notizen und Daten, die sich ggf. im weiteren Verlauf der Probatorik ergänzen lassen – z. B. Familienmitglieder, Hausarzt, vorangegangene Therapien, bereits gestellte Diagnosen usw. So entsteht eine kurz zusammengefasste Übersicht über die wichtigsten Informationen und den ersten Eindruck sowie das szenische Erleben.

Während des Anmeldegesprächs wird im Therapeuten ein Bild von den Menschen und ihrer Problematik entstehen, das natürlich nicht vollständig sein kann und vielleicht auch nicht objektiv zutreffend ist, auch aufgrund der ersten Gegenübertragungsreaktion, die etwas mit dem Therapeuten selbst zu tun hat. Der Therapeut muss sich zugestehen, dass er nicht allein aus äußeren Gründen nicht jeden Patienten annehmen kann. Auch in ihm muss eine Bereitschaft entstehen, sich mit einem Fall auseinanderzusetzen, sei es aus Interesse oder aufgrund sonstiger emotionaler Reaktionen auf den ersten Kontakt. Er kann Unlust oder Überforderung erleben, sich auf zu viele Patienten mit einem spezifischen Krankheitsbild einzulassen. Neben seinen zeitlichen Möglichkeiten und den Voraussetzungen der Gesprächspartner fließen diese inneren Vorgänge ein in die Entscheidung, ob er ein Erstgespräch anbietet, nach einer Wartezeit in Aussicht stellt oder die Patienten weiter verweist.

Hier könnte man einwenden, dass es so gesehen für einen potentiellen Patienten mehr oder weniger unwägbare Faktoren sind, die darüber entscheiden, ob er Zugang zu einer Psychotherapie hat. Das ist solange richtig, als die Versorgungssituation im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie mangelhaft ist. Darüber hinaus aber käme es einer Verschleuderung knapper Ressourcen gleich, ließe sich ein Therapeut auf einen Prozess ein, der aus inneren und äußeren Gründen von vornherein zu scheitern droht.

Angesichts des Umstandes, dass in einer übermäßig in Anspruch genommenen Praxis auch solche Patienten nicht unterkommen können, von denen der Therapeut den Eindruck gewinnt, sie könnten von seiner Arbeit profitieren, ist es notwendig, auf andere Hilfeangebote hinzuweisen. Wartezeiten von mehr als einem halben Jahr sind für die meisten Menschen, die akut in oft schwerwiegenden Problemen stecken, unübersehbar und unzumutbar. Ein Therapeut sollte sich auskennen in den entsprechenden regionalen Möglichkeiten (Kollegen, Beratungsstellen, Ärzte, psychiatrische Ambulanzen, Jugendhilfe usw.) und ggf. Anlaufstellen nennen können.

Beispiele für schwierige Anmeldesituationen:

Eine alleinerziehende Mutter dreier Kinder ruft mehrfach außerhalb der Telefonzeiten an. Ihre Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hören sich alarmierend an. Der Therapeut entschließt sich zu einem Rückruf. Die Mutter berichtet verzweifelt, sie müsse in sechs Wochen eine Haftstrafe antreten, ihre drei Kinder seien völlig durcheinander, sie schildert verschiedene beunruhigende Auffälligkeiten. Sie sucht nach jemandem, der die Kinder therapeutisch begleitet. Sie wisse auch noch nicht, wo die Kinder untergebracht werden, das Jugendamt habe noch keine Lösung gefunden. Dem Therapeuten ist klar, dass er dies nicht leisten kann – so rasch hat er keinen Platz, er würde auch nur eines der Geschwisterkinder aufnehmen, allerdings nur dann, wenn die äußeren Lebensumstände geklärt sind. Er nennt der Frau die Adresse einer Erziehungsberatungsstelle und empfiehlt ihr, wegen der Betreuung der Kinder mit dem Jugendamt Kontakt zu halten.

Eine Mutter ruft wegen ihrer 16-jährigen Tochter an. Ein Arzt habe eine Psychotherapie empfohlen, die Jugendliche leide unter Magersucht. Der Therapeut bittet sie, ihrer Tochter nahezulegen, selbst mit dem Therapeuten in Kontakt zu treten. Etwa eine Woche später ruft die Mutter wieder an, ihre Tochter habe sie gebeten, für sie einen Termin zu vereinbaren, da sie zu den Telefonzeiten nicht anrufen könne. Der Therapeut bietet eine Stunde an, die durch eine Absage freigeworden ist. Das ginge nicht, sagt die Mutter, überhaupt sei nur ein Termin am Mittwochnachmittag möglich. Der Therapeut fühlt sich in einen Machtkampf hineingezogen: Wer darf über Termine bestimmen? Mit großer Wahrscheinlichkeit braucht diese Jugendliche psychotherapeutische Hilfe – aber der Therapeut erlebt wenig Bereitschaft, sich auf eine solche einzulassen. Schon die Terminfrage wird zu einem Feld des Agierens. Er sagt der Mutter, dass die Jugendliche lange auf einen Platz bei ihm wird warten müssen, wenn sie sich nicht auf die Zeiten einlässt, die er ermöglichen kann. Er empfiehlt ihr, das nochmals mit ihrer Tochter zu besprechen und dann wieder anzurufen.

Ein Vater sucht für seinen neunjährigen Sohn einen Therapieplatz. Die Lehrerin habe dies empfohlen, aber die habe wohl sowieso wenig Verständnis für seinen Sohn. Er sei in der Schule unkonzentriert, lernunwillig, unruhig und werde rasch aggressiv. Der Therapeut sagt ihm, dass er gegenwärtig keinen Platz frei habe, ihm aber ein Erstgespräch anbieten könne, wenn eine Stunde durch eine Absage frei werde. Der Vater wird unwillig: Das könne doch nicht sein, dass der Therapeut ihn so vertröste, das sei ihm zu vage. Der Therapeut spürt in sich eine tiefe Unlust aufsteigen. Ihn stört die narzisstisch gefärbte Ansprüchlichkeit des Mannes, der offensichtlich davon ausgeht, dass andere Menschen seinem Sohn jederzeit so zur Verfügung stehen müssen, wie er das will. Dazu kommt, dass mehrere Jungen mit ähnlicher Problematik zur Zeit bei ihm in Behandlung sind – schwierige, anstrengende und mitunter frustrierende Therapieverläufe. Er sträubt sich innerlich gegen die Aussicht, einen weiteren solchen Patienten aufzunehmen, vor allem, da er angesichts des Auftretens des Vaters und aufgrund einer gewissen Erfahrung annimmt, dass auch die Mitarbeit der Eltern in einer einsichtsfördernden Therapie nicht ausreichend gegeben ist. Er nennt ihm einige Kollegen, bei denen er versuchen kann, ob er rascher einen Therapieplatz findet.

Eine alleinerziehende Mutter sucht aufgrund einer Empfehlung eines Kinderarztes eine Verhaltenstherapie für ihren siebenjährigen Sohn. Sie schildert eine erhebliche Angstproblematik und auch ihre innere Not mit dem Jungen, der ständig an ihr klebe und häufig wegen Kopf- und Bauchschmerzen nicht in die Schule könne. Sie frage sich auch, was sie falsch gemacht habe. Am Telefon macht sie einen selbstreflexiven Eindruck, der Therapeut kann sich gut in sie einfühlen. Nun wurde ihr aber eine Verhaltenstherapie empfohlen – ein Verfahren, das der Therapeut nicht anbieten kann. Andererseits weiß dieser, dass nur wenige Menschen zwischen den einzelnen Therapieverfahren differenzieren können. Die Mutter kann auch nicht sagen, was zu dieser spezifischen Empfehlung des Arztes geführt hat. Der Therapeut sagt ihr also, dass er kein Verhaltenstherapeut ist, und nennt ihr die Telefonnummer eines verhaltenstherapeutischen Kollegen. Er bietet ihr aber auch ein Erstgespräch an, falls sie dort nicht unterkommt; dann könne sie sich selbst ein Bild machen, ob seine Arbeitsweise für sie und ihren Sohn in Frage komme.

Merke

• Bei der ersten Kontaktaufnahme macht sich auch deren Vorgeschichte bemerkbar.

• Typisch sind im Vorfeld Scham- und Schuldgefühle (Eltern), Ambivalenzen und Abwehrmanöver gegen drohende Kränkungen (Jugendliche).

• Die Gestaltung der Anmeldesituation erlaubt Aufschlüsse über den Umgang mit der Problematik und wirkt ins Erstgespräch hinein.

• Aus der Erfassung erster Informationen und der Gestaltung ergibt sich eine Entscheidung, ob es zu einem Erstgespräch kommt.

• Kommt ein Erstgespräch nicht in Betracht, sollten Patienten über andere Hilfsmöglichkeiten informiert werden.

5.2 Das Erstgespräch

Das Setting des Erstgesprächs bzw. der Erstgespräche bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapien hängt von der persönlichen und fachlichen Einstellung des Therapeuten ab. Manchen Therapeuten ist es wichtig, eine Situation herzustellen, bei der Eltern und Kind gemeinsam kommen, und sie suchen erst aufgrund dieses Settings getrennte Gespräche, je nachdem, wie sich die Beteiligten darauf einlassen können (vgl. Kahl-Popp 2009). Ich folge hier einem anderen Konzept.

Das Erstgespräch dient zunächst einem gegenseitigen Kennenlernen zwischen Therapeut und Patient und/oder dessen Bezugspersonen. Ein solches Kennenlernen schließt unter psychodynamischen Gesichtspunkten ein, dass sich der Therapeut einen Eindruck verschafft über die Problematik, wie sie die Beteiligten selbst erleben und wahrnehmen. Bei Kindern sind es in der Regel die Eltern, die aufgrund eines Leidensdrucks eine Psychotherapie nachfragen. Mir scheint es deshalb wichtig, zunächst ihnen eine Möglichkeit zu geben, sich zu äußern – möglichst unbefangen und ohne die Rücksichtnahme darauf, was das Kind hören soll oder nicht hören soll. Unter diesem Aspekt ist es deshalb sinnvoll, zunächst die Eltern ohne das Kind (oder die Kinder) einzuladen. Dieses Vorgehen signalisiert den Eltern, dass sie einen eigenen Raum haben für ihr Erleben, ihre Gefühle, ihre Gedanken und vor allem für ihre Beziehung – einen Raum, aus dem das Kind ausgeschlossen ist. Der Therapeut nimmt so eine triangulierende Funktion wahr. Die Akzeptanz der elterlichen Ebene ist für die Eltern meist auch ein erster Impuls, ihrerseits zu akzeptieren, dass wiederum sie aus der Beziehung zwischen Therapeut und Kind ausgeschlossen sind.

Der Nachteil dieses Vorgehens liegt auf der Hand: Der Therapeut gewinnt im Erstgespräch keinen direkten Eindruck von der Dynamik der Interaktion zwischen allen Beteiligten. Allerdings ist zu bedenken, dass im Rahmen des psychodynamischen Verstehens mindestens ebenso wichtig ist, wie das Kind in den elterlichen Phantasien, in ihrer inneren Objektwelt vorkommt (und umgekehrt, wie die Eltern im inneren Erleben des Kindes vorkommen); diese innere Dynamik erschließt sich m. E. besser in einem zunächst getrennten Setting, das von der äußeren Konfliktdynamik weniger verstellt ist.

5.2.1 Das Erstgespräch mit den Eltern bzw. Bezugspersonen4

Zum Erstgespräch werden beide Eltern eingeladen bzw., wenn ein leiblicher Elternteil nicht zur Verfügung steht, beide erwachsenen Bezugspersonen des Kindes (Mutter/Vater und Stiefelternteil, neuer Lebenspartner oder neue Lebenspartnerin, Pflegeeltern). Bei Heimkindern, die von Erziehern oder Erzieherinnen angemeldet werden, lässt sich mit diesen ein Erstgespräch führen, das allerdings etwas anderen Prinzipien folgt (s. u.). Es gibt allerdings Lebensumstände, unter denen es den Beteiligten nicht möglich ist, zusammen den ersten Termin wahrzunehmen – etwa in einer akuten Trennungskrise, einer Auseinandersetzung um Scheidung und Sorgerecht usw. Es ist ratsam, den Beteiligten weitgehend zu überlassen, in welcher Konstellation sie kommen wollen – einfach, um die Hürde zum ersten Gespräch nicht zu hoch anzusetzen, aber auch, weil man aus der Gestaltung der Situation mit dem Therapeuten bereits einiges über das aktuelle Konfliktgeschehen erfährt.

Nach der Begrüßung und Vorstellung steckt der Therapeut den Rahmen des Gesprächs ab: Wesentlich, aber auch ausreichend, sind Bemerkungen über den zeitlichen Rahmen und der Hinweis auf die Schweigepflicht – auch dem Kind gegenüber. Er ermuntert den/die Patienten, möglichst frei und spontan über sein/ihre Anliegen und sein/ihr Erleben damit zu sprechen. Patienten kommen deshalb, weil sie in einer Not sind, weil etwas in ihrem Leben festgefahren ist, weil sie etwas bedrückt, irritiert, verstimmt, lähmt usw., weil sie sich schuldig fühlen oder schämen. Das Erstgespräch soll einen geschützten Raum eröffnen für diese schwierige innere und äußere Situation. Vorschnelle Interpretationen, Ermunterungen, Ratschläge, Tröstungen oder gar Verharmlosungen und Verallgemeinerungen sind deshalb fehl am Platz und würden diesen Raum rasch verschließen. Dem Therapeuten ist deshalb größte Zurückhaltung auferlegt, was die Äußerung eigener Gefühle und Gedanken anbelangt, vielmehr wartet er zunächst ab und nimmt neben der Haltung der Akzeptanz und der Wertschätzung eine rezeptive Grundhaltung ein, selbst dann, wenn das Gespräch stockt oder sich Schweigen einstellt.

Nach der Begrüßung und Vorstellung und nachdem jeder seinen Platz eingenommen hat:

Th.: »Wir haben jetzt 50 Minuten Zeit füreinander. Betonen möchte ich vorweg, dass alles, was hier zur Sprache kommt, unter der Schweigepflicht meinerseits steht.«

Neben den Informationen, die der Therapeut über die Probleme der Patienten, die Symptome und ihre Lebensumstände erhält (»objektive Informationen«, Argelander 1970, S. 12, vgl. zu Folgendem auch: Laimböck 2019), signalisiert die beschriebene Grundhaltung, dass hier in einer nicht-alltäglichen Weise über schwierige Situationen und Themen gesprochen wird. Die Beziehung zwischen Patienten und Therapeut entfaltet sich in der therapeutischen Atmosphäre einer interessierten, »gleichschwebenden Aufmerksamkeit« (Freud 1912e, S. 377f.) seitens des Therapeuten, ebenso der Abstinenz und der Neutralität, in welcher der Therapeut sich der Verfolgung eigener Interessen sowie Werturteile enthält. So lernen Patienten bereits in der ersten Sitzung wesentliche Grundlagen der Arbeitsweise durch eigenes Erleben kennen.

Schließlich verfolgt die therapeutische Grundhaltung ein weiteres Ziel: Wir wollen nicht allein das bewusste konflikthafte Erleben der Patienten kennenlernen, sondern auch dessen psychodynamische, meist unbewusste Hintergründe. Das Erstgespräch ist die initiale Begegnung zwischen Patienten und Therapeut, in der die wesentlichen inneren Konflikte, die Abwehrmechanismen und Bewältigungsversuche sowie das strukturelle Funktionsniveau in nuce enthalten sind (»subjektive Informationen«, Argelander, a. a. O., S. 13f.). Die unbewusste Psychodynamik entfaltet sich in drei Richtungen:

Erstens in den Narrativen der Patienten selbst. Was sie über sich, ihre Beziehungen, ihr Erleben und ihre Sicht der Dinge sagen und vor allem wie sie es sagen, was dabei nicht zur Sprache kommt; ihre nonverbalen Mitteilungen, affektiven Äußerungen, emotionalen Regungen, beim Kind das Spiel, kreative Gestaltungen und wie es den Therapeuten einbezieht lassen erste Rückschlüsse zu auf die Konfliktdynamik und die bevorzugten Abwehrmechanismen. Es ist nicht allein der sachliche Gehalt der Mitteilungen, es ist viel mehr die Art und Weise, wie Patienten über sich und andere sprechen, wie sie sich geben, die etwas über das unbewusste Kräftespiel verrät. Meist teilen Patienten bereits im Erstgespräch spontan auch biografisches Material mit, in dem sich in der Regel die Konfliktdynamik wiederfinden lässt.

Beim Erstgespräch schildert der Vater von Katie, einem 8;9-jährigen Mädchen, minutiös und distanziert deren Symptomatik (eine Angststörung), wobei er immer wieder betont, das alles sei doch normal, das kenne er von sich auch, so ähnlich sei es auch in seiner Verwandtschaft immer wieder vorgekommen. Empört berichtet er, eine Lehrerin habe eine Medikation vorgeschlagen – was sie denn dazu befähige. Die Mutter kommt erst spät zu Wort. Ihre Schilderung ist von Erschöpfung und Sorge geprägt, es sei kaum aushaltbar, dass K. sich Tag und Nacht an sie anklammert, sie gebe sich alle Mühe mit dem Kind, könne aber manchmal nicht mehr, zumal sie ja auch noch für die jüngere Schwester da sein müsse.

Bereits im Erstgespräch kommt so die unterschiedliche Bedeutung zum Ausdruck, welche die Eltern der Problematik geben.

Zweitens kommt das unbewusste Material in der Übertragung zum Vorschein. Wünsche, Befürchtungen, Erwartungen, Affekte werden auf den Therapeuten gerichtet, die aus verschütteten, bei Erwachsenen meist infantilen Quellen, bei Kindern aus den aktuellen Beziehungen zu den wichtigsten Bezugspersonen stammen und bislang keine befriedigende Antwort gefunden haben. In diesen ungelösten, in Abwehrformen gebundenen psychischen Regungen ist der Konfliktstoff enthalten, der auch die aktuellen Konflikte gestaltet. Der Therapeut reagiert auf die Übertragung mit eigenen Gefühlen, die jenen der Patienten entsprechen können (konkordante Gegenübertragung), oder mit Reaktionen, die denen früherer oder aktueller Beziehungspersonen entsprechen (komplementäre Gegenübertragung) (vgl. Ermann 2008, S. 236, Racker 1997, S. 71). Die Gegenübertragung des Therapeuten ist, sofern sie von seinen Regungen aus eigenem Konflikterleben heraus sorgfältig unterschieden und im Kontext der therapeutischen Beziehung analysiert wird, ein zentrales Erkenntnismittel unbewusster Vorgänge.

In dem o. g. Erstgespräch werden divergierende Wünsche auf den Therapeuten gerichtet: Der Vater sieht im Therapeuten einen Fachmann, von dem er sich erhofft, dass dieser ihm bestätigt, dass doch alles nicht so schlimm sei, eigentlich keine besondere Problematik vorliege. Letztlich wünscht er sich eine Beruhigung, dass auch er – der sich im Kind wiedererkennt – ganz normal sei. Der Therapeut kommt in die Rolle einer fachlichen Autorität, die beruhigen und bestätigen soll, spürt aber Ungeduld in sich aufsteigen, da er den Eindruck gewinnt, seine eigenen Gedanken haben gar keinen Platz. Die Mutter leidet unter der Situation manifest weit heftiger, auch sie erhofft sich eine Beruhigung, aber eine ganz andere: Der Therapeut solle die Dramatik der Situation erkennen, sich um sie in ihrer Erschöpfung kümmern und sie entlasten. Der Therapeut bekommt den Eindruck, er werde zu einer Mutter, von der sich ein Kind, das alles besonders recht machen will und sich dabei selbst verliert, Anerkennung und Fürsorge wünscht, diese aber nicht ausreichend spendet. Er spürt eine Befürchtung, nicht zu genügen.

Drittens: Aus Übertragung und Gegenübertragung konstelliert sich eine Szene (»szenische Information«, Argelander 1970, S. 14, vgl. auch Klüwer 1983, Lorenzer 2000, Raue 2007, Windaus 1999, Burchartz 2020). Das innere Drama des Patienten entfaltet sich zwischen ihm und dem Therapeuten, wobei diesem eine bestimmte Rolle in dem Stück zugedacht ist, mit der Erwartung, er fülle diese Rolle aus wie alle bisherigen Akteure in dem Stück. Die Szene spielt sich nicht allein in der Innenwelt der Beteiligten ab, sie umfasst auch Handlungen, Gesten, interaktive Elemente. Der Patient »behandelt« den Therapeuten in einer für ihn meist unbewussten bestimmten Art und Weise. Das szenische Geschehen und seine Analyse (»Wer macht was mit wem?«) ist eine wesentliche Erkenntnisquelle über das unbewusste Konfliktgeschehen ( Kap. 7.3.6).

Die Szene im Erstgespräch mit den Eltern von Katie lässt sich wie folgt beschreiben: Die Mutter appelliert an ihren Gesprächspartner, er solle sich in ihrer angestrengten Hilflosigkeit fürsorglich – entlastend und anerkennend um sie kümmern, wobei sie signalisiert, dass er nicht genügen könne – ein Gefühl, das sie vermutlich selbst plagt. Der Vater, der diesen unbewussten Appell vermutlich kennt, weist diese Ansprüche gleichsam präventiv ab durch eine bagatellisierende, wenig empathische, aber auch kontrollierende Haltung, für die er sich im Therapeuten als »Fachmann« einen Verbündeten sucht. Der Therapeut fühlt sich hin und hergerissen: Er kann weder die Haltung des Vaters bestätigen, noch kann er die Wünsche der Mutter stillen, und hat Mühe, eigenen Gedanken Raum zu geben. Eigentlich kann auch er es nicht recht machen und spürt nun seinerseits einen ärgerlichen Impuls, sich den Ansprüchen der Eltern zu entwinden. Damit komplettiert sich die Szene: Es kommt keiner zu dem, was seinen Bedürfnissen entspricht. Die Vermutung drängt sich auf, dass dies in etwa auch das Erleben des Kindes sein könnte.

Aus den drei Eckpunkten des Erstgesprächs: Aktuelles Konflikterleben, Übertragung, Gegenübertragung und Szene sowie biografische Informationen lassen sich erste Hypothesen über die psychischen Störungen von Patienten, aber auch über deren Ressourcen und Bewältigungsmechanismen bilden. Wir erfahren etwas über das strukturelle Funktionsniveau und das intrapsychische wie interpersonelle Konfliktgeschehen. Schließlich möchten wir aber nicht allein etwas über die psychische Erkrankung selbst erfahren, ebenso wichtig ist die Frage, inwieweit Patienten darauf ansprechbar sind, sich auf eine Therapie einzulassen, welche auf der Gewinnung neuer, emotional bedeutender Einsichten und einer therapeutischen Beziehungsmatrix basiert. Schließlich spielt auch die Motivation der Beteiligten eine Rolle, wobei die unbewusste Motivation oft entscheidender ist als die bewusste.

Erste Erkenntnisse dazu lassen sich im Erstgespräch gewinnen, wobei nunmehr auch die Aktivität des Therapeuten erforderlich ist. Es empfiehlt sich daher z. B., Patienten zu ermuntern, ein konkretes typisches Beispiel aus ihrem Beziehungsalltag zu schildern, in dem die Schwierigkeiten deutlich werden, über die sie klagen. Dies legt sich insbesondere dann nahe, wenn Patienten generalisierend im Allgemeinen bleiben.

Zum Erstgespräch kommen die Eltern des elfjährigen Otto. Die Mutter macht einen depressiven und sehr bemühten Eindruck, der Vater ist ein kräftiger Mann, fordernd und zielstrebig; er hat ein mittelständiges Unternehmen. Die Eltern beklagen die Aggressivität ihres Sohnes. Er flippe bei der geringsten Kleinigkeit aus, beschimpfe die Mutter, schreie und tobe. Dabei – so die Mutter – tue sie alles für den Jungen, es fehle ihm an nichts. Mit guten Worten komme sie schon lange nicht mehr weiter. Der Vater betont, er erreiche bei seinem Sohn nichts mehr, er wisse kein Mittel, ihn zur Vernunft zu bringen. Ob ich ihm vielleicht sagen könne, wie er sich da verhalten solle, ich sei doch der Fachmann? Auf meine Bitte, mir beispielhaft eine Situation zu schildern, in der sie das so erleben, erzählt der Vater Folgendes: Sie sitzen abends im Wohnzimmer zusammen, Otto habe seine Sendung im Fernseher gesehen, jetzt sei es Zeit, ins Bett zu gehen. Inzwischen hat Otto weitergezappt und will unbedingt die nächste Sendung sehen. Der Vater: »Wenn ich ihm dann die Fernbedienung wegnehme, sollten Sie mal erleben, was dann abgeht.« Otto brülle und tobe, so dass schon die Nachbarn darauf aufmerksam würden. Er sei nicht zu bewegen, in sein Bett zu gehen. Die Mutter: »Er will auch gar nicht allein in sein Zimmer gehen, da wehrt er sich mit Händen und Füßen.« Meist schlafe er im Bett bei der Oma (die im selben Haus wohnt und verwitwet ist). Und auch das nur, wenn sie neben ihm liege oder wenn zumindest die Tür zum Nebenzimmer, wo sich die Großmutter aufhält, offen bleibe.

Dem Therapeuten wird angesichts der geschilderten Szene klar, dass Otto Angst hat, allein zu sein. Die Trennungssituation des Schlafengehens löst offenbar eine so heftige Angst aus, dass Otto alles mobilisiert, um sie zu vermeiden. Die Aggression dient hier der Abwehr heftiger Trennungsängste, denen sich der Junge ohnmächtig ausgeliefert fühlt. Im Gegenzug lässt er die Eltern durch sein Verhalten eben diese Hilflosigkeit spüren: So fühlt es sich an, wenn man heftigen Affekten ausgeliefert ist und nicht weiter weiß. Die Schilderung des konkreten Beispiels offenbart einen Zusammenhang, den die Eltern nicht erkennen, weil sie eben in einen verzweifelten Kampf mit ihrem Sohn verwickelt sind.

Ein weiteres Mittel, etwas über die Möglichkeit von Patienten zu erfahren, sich auf eine Therapie einzulassen, ist die Probedeutung. Es ist sicherlich verfehlt, Patienten im Erstgespräch mit psychodynamischen Hypothesen zu konfrontieren. Solche können ja in dieser ersten Begegnung ohnehin nur vorläufig sein, außerdem ist damit zu rechnen, dass sich gegen eine Einsicht Widerstand regt. Zudem wäre eine nur theoretische Zustimmung zu dem »Wissen« des Therapeuten, sollte sie denn erfolgen, ohne therapeutischen Nutzen und würde die Beziehung von Anfang an in ein Ungleichgewicht bringen: Im geschilderten Beispiel würde sie im Elternpaar das Erleben der Hilflosigkeit nur weiter verfestigen. Eine Probedeutung kann mit aller gebotenen Vorsicht erste Zusammenhänge herstellen, Verknüpfungen, die bislang verborgen bleiben mussten. Man erfährt so etwas über die Abwehr, über ihre Rigidität bzw. Flexibilität und über die Möglichkeit der Patienten zur Introspektion und Empathie.

Im o. g. Erstgespräch sagt der Therapeut: »Mir kommt es so vor, als verberge sich hinter der lautstarken Aggressivität ihres Sohnes eine Angst. Es macht ihm offensichtliche Probleme, abends, wenn es ins Bett und in den Schlaf geht, auf die konkrete Gegenwart eines nahestehenden Menschen zu verzichten. Aber das zuzugeben, ist ihm als großem Jungen sicherlich peinlich.« Diese Bemerkung gibt dem Gespräch eine Wende. Die Eltern erzählen nun, dass Otto sich in der Schule gegen Gleichaltrige überhaupt nicht wehren könne und alles mit sich machen lasse. So aggressiv er zu Hause sei, so ängstlich und zurückhaltend sei er mit anderen Kindern. Er habe auch wenig Freunde, ziehe sich eher zurück. Hausaufgaben könne er allein gar nicht machen, sofern er sie nicht vermeidet, müsse die Mutter dabei sein. Otto bleibe auch aufgrund seines Lernverhaltens weit hinter seinen Möglichkeiten zurück, er sei nun – auch sehr zu seiner eigenen Enttäuschung – auf der Hauptschule. Der Vater meint, das Verhalten seines Sohnes sei ihm fremd. Er sei auch auf der Hauptschule gewesen, habe sich dann aber durchbeißen müssen, um sich eine Existenz aufzubauen. Er hätte es seinem Sohn gewünscht, einen besseren Abschluss zu machen, da hätte dieser es leichter als er. »Vielleicht wollten wir Otto vieles ersparen und haben ihn zu sehr verwöhnt.« Die Mutter ergänzt, sie sei mit Otto schwanger geworden, als das Paar schon gar nicht mehr gehofft habe, Kinder zu bekommen. Zwei künstliche Befruchtungen seien gescheitert, der dritte Anlauf sollte der letzte sein, dann habe es geklappt. »Ich glaube, wir haben ihn sehr in Watte gepackt, weil er so ersehnt wurde.«

Der Verlauf dieses Erstgesprächs zeigt, dass erste Zusammenhänge der Konfliktdynamik den Eltern vorbewusst zugänglich sind. Die Bemerkung über die Angst des Jungen konnten sie aufgreifen und mit ihrer eigenen Einstellung in Verbindung bringen. Das Problematische an der Situation liegt nun nicht mehr allein bei Otto. Vielmehr zeigen die Eltern die Bereitschaft, ihren eigenen Anteil mit zu reflektieren, bei dem es vermutlich auch um ein hohes Maß an eigenen Ängsten geht. Die Abwehr, die sich in dem sozialen Agieren manifestiert, muss allem Anschein nach nicht rigide aufrechterhalten werden, die Eltern können den therapeutischen Raum nutzen für ein Nachdenken darüber.

Das Beispiel zeigt auch etwas von der Motivation der Eltern. Die bewusste Motivation, mit der sie kommen, ist der Wunsch nach Anleitungen, Hinweisen, wie sie mit der verfahrenen Situation zurechtkommen. »Wir wissen nicht mehr weiter, von Ihnen als Fachmann erwarten wir konkrete Ratschläge.« Wir würden eine solche Motivation prognostisch eher für bedenklich halten, wiewohl sie natürlich verständlich ist. Aber hinter dieser vorgetragenen vordergründigen Motivation steckt eine andere, eine unbewusste, allenfalls vorbewusste. Die Eltern sind da, weil sie mit ihrer eigenen Angst angesichts notwendiger Separationsvorgänge nicht zurechtkommen und sie das Scheitern ihrer bisherigen Bewältigungsstrategien in Ratlosigkeit stürzt. Sie sind da, weil sie einen Ort suchen, wo über diese Ängste ohne Vorwurf gesprochen werden kann.

Schließlich zeigt das Beispiel in plastischer Weise die Szene, die sich zwischen den Eltern und dem Therapeuten konstelliert: Trotz großer Anstrengungen und ehrlicher Bemühungen will sich keine entwicklungsfördernde und entspannte Familiensituation einstellen – nun muss der Fachmann konkrete Hilfe leisten. Es entsteht im Therapeuten ein Handlungsdruck, das pädagogische Verhalten der Eltern kritisch zu hinterfragen und ihnen Modifikationen vorzuschlagen. Mit großer Wahrscheinlichkeit aber würden solche Ratschläge nicht weiterführen, womit dann der Therapeut selbst in die Rolle des hilflosen Helfers gedrängt würde. Die szenische Abfolge Hilflosigkeit – Handlungsdruck – Einbezug eines »wissenden Fachmanns« und daraus resultierend nur wieder das Erleben der Hilflosigkeit, in die nunmehr auch der Therapeut einbezogen wird, offenbart etwas von dem tieferen Konflikt, der vermutlich bereits bei der (künstlichen) Zeugung virulent war.

Bei der Erstbegegnung mit Otto lernt der Therapeut einen dicklichen, schüchternen Jungen kennen. Er begrüßt den Therapeuten höflich, mit verschwitzter Hand, er spricht leise, wobei er seine Hände knetet. Er meint, er habe eigentlich keine Probleme. Dann beginnt er, sich bitter über seine Eltern zu beklagen. Sie würden ihm alles verbieten, v. a. die Mutter meckere ständig an ihm herum, nichts könne er ihr recht machen. Er dürfe keine Freunde mit nach Hause bringen, er habe einen türkischen Mitschüler als Freund, gegen den hätten die Eltern etwas. Neulich habe er mit diesem Jungen im Garten gespielt, sie hätten eine Hütte zusammengezimmert, da habe ihn die Mutter regelrecht ausgesperrt. Andere Kinder aus seiner Klasse hätten die tollsten Handys, er habe ein uraltes Ding, vom Vater, und er dürfe sich kein neues kaufen. Einer habe einen Fernseher mit Flachbildschirm, nicht gerade billig, aber er bekomme das nicht, obwohl fast alle in seiner Klasse einen hätten. Und wenn er im Wohnzimmer gerade seine Sendung anschaue, komme der Vater herein, und dann wird mittendrin umgeschaltet. Wenn er eine gute Note nach Hause brächte, seien die Eltern nicht zufrieden, er würde überhaupt nie Lob bekommen. In seiner Klasse gebe es Jungs, die alle anderen zu Blödsinn anstiften, dabei hackten sie auf ihm herum, weil er sich nicht wehre. Und bei den Eltern finde er da kein Verständnis. Otto überschüttet den Therapeuten geradezu mit seinen Klagen, dabei schaut er ihn flehentlich an, als erwarte er, dass er ihm helfe, seine Eltern zur Vernunft zu bringen. Ähnlich wie bei dem Gespräch mit seinen Eltern bleibt Otto zunächst einer generalisierten Anklage gegen die Eltern, gegen die Mitschüler usw. verhaftet. Dabei wird deutlich, dass er alles Aggressive in andere projiziert und sich dementsprechend verfolgt fühlt. Hat er Zugang zu seinen eigenen Aggressionen?

Th.: »Du vertraust mir vieles von dem an, was dir zu schaffen macht. Vielleicht können wir einmal eines dieser Vorkommnisse genauer miteinander anschauen.« Darauf berichtet Otto von einer Situation in der Klasse. Ein Lehrer war krank, die Schüler waren ohne Aufsicht, sie sollten sich still einer Reihe von Aufgaben widmen. Ein paar Jungs hätten angefangen, mit Stiften zu werfen, bald war der größte Teil der Klasse in eine Schlacht verwickelt. Stifte, Mäppchen, Hefte flogen durch den Raum, wobei auch seine Sachen genommen wurden. Er habe sich nicht anders zu helfen gewusst, als sich unter dem Tisch zu verkriechen. Er habe die Klassensprecherin aufgefordert, einen Lehrer zu holen, aber die habe nicht gewollt, weil sie sich nicht unbeliebt habe machen wollen. Th.: »Und du selbst wolltest auch nicht einen Lehrer holen?« Pat.: »Dann hätte ich mich ja noch unbeliebter gemacht.« Th.: »Kannst du dich erinnern, was du gefühlt hast, als du unter dem Tisch warst?« Pat.: »Ich hatte Wut. Aber man kann ja gegen die nichts machen.« Th.: »Mir scheint, du hast da zwei Gefühle gehabt, die sich schwer unter einen Hut bringen lassen. Einerseits deine Wut, andererseits aber auch den Wunsch, in der Klasse anerkannt und gemocht zu werden.«

Mit dieser Probedeutung lenkt der Therapeut den Blick auf ein inneres Geschehen. Otto reagiert darauf nachdenklich. Er fühle sich oft so, dass er nichts machen könne. Aber eigentlich wünsche er sich nur, dass nicht alle auf ihm herumhackten. Ihn wenigstens in Ruhe ließen.

( Kap. 5.2.2»Die Erstbegegnung mit dem Kind«)

Auch in der Erstbegegnung mit Otto stellt sich eine charakteristische Szene her: In seiner Hilflosigkeit, die er zunächst als äußeres (Beziehungs-)Geschehen erlebt, sucht er im Therapeuten ein Objekt, das ihn vor den Angriffen von außen schützt. Er weiß, dass die Eltern beim Therapeuten waren, und weiß auch, dass sie wiederkommen werden. Auch für ihn soll dieser ein Agent gegen die erlittene Ohnmacht sein. Der Therapeut gerät in der gemeinsamen Phantasie von Eltern und Kind in die Rolle eines Vermittlers, der von einer überlegenen Position aus den Beteiligten durch seine Autorität ihre Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit abnimmt und ihnen so die Angst erspart, die mit der Anerkennung der Getrenntheit und dem Verzicht auf Idealisierungen einhergehen würde. In der Tat hat der Therapeut in der Gegenübertragung mit der verführerischen Phantasie zu tun, er könnte der Familie mit ein paar Kommunikationsregeln aus ihrem Dilemma heraushelfen.

Die bewusste Motivation des Jungen zur Therapie stand zunächst auf tönernen Füßen. Sein vordringliches Interesse war, dass ihm geholfen werde, seine Eltern zu einem anderen Verhalten zu bewegen, kurz, er erwartete, dass der Therapeut die Situation der Verwöhnung, die an ihr Ende gekommen war, wiederherstellen solle. Bewusst waren Therapeut und Patient sich beide schnell einig, dass der Therapeut seine Eltern nicht ändern könne und dies auch nicht die Aufgabe einer Therapie sei. Aber das änderte natürlich nichts an seiner unbewussten Erwartung. Gleichwohl lässt sich aus der Schilderung der Klassenszene noch etwas anderes herauslesen. Der Patient vertraute dem Therapeuten ein für ihn sehr beschämendes Ereignis an: wie er sich furchtsam unter dem Tisch verkriecht. Letztlich ist es dieses angstvolle Ich, das ihn dazu bewegt, sich anzuvertrauen, und in das er bereits im ersten Gespräch Einblick gewährt. Er zeigt dem Therapeuten nicht nur seine grandiosen Ansprüche, seine Wut, wenn idealisierte Objekte versagen und entsprechend entwertet werden müssen, er zeigt auch seine Angst und seine Kleinheit, wenn die Gegenwart schützender und regulierender Objekte fehlt. Im Erstgespräch wird die Tiefendimension eines solchen Konflikts keinesfalls angesprochen, aber das Signal, dass der Therapeut seine innere Welt wahrnimmt, scheint auf einer unbewussten Ebene angekommen zu sein, so dass Otto einer Therapie zustimmen konnte.

Das Erstgespräch ist eine besondere Situation, denn es ist keineswegs klar, dass es eine Fortsetzung findet. Es könnte auch ein Einmal-Gespräch bleiben. Auch dies unterscheidet ein Erstgespräch von einer Therapiestunde. Die Entscheidung, ob und wie es weitergeht, muss gemeinsam getroffen werden. Deshalb benötigt das Erstgespräch eine zeitliche Strukturierung durch den Therapeuten.

Im Verlauf eines Erstgesprächs stellt sich meist eine gewisse Gliederung ein, die man in Phasen beschreiben kann.

Die erste Phase mit Ankommen, Begrüßung, Erläuterung der äußeren Bedingungen steckt den Rahmen ab (bereits in dieser Phase tritt u. U. bedeutsames szenisches Material zutage).

In der zweiten Phase entfaltet sich das Problem – in den Narrativen des Patienten bzw. im Spiel und in kreativer Gestaltung beim Kind, in Übertragung und Gegenübertragung, in der szenischen Ausarbeitung des Konfliktgeschehens oder der strukturellen Störung, in biografischem Material. Diese Phase ist von der Haltung der abwartenden, zurückhaltenden Aufmerksamkeit des Therapeuten geprägt.

In der dritten Phase findet das dargebotene Material zu einer Vertiefung, hauptsächlich durch eine aktivere Haltung des Therapeuten: das Nachfragen, das Erheben wichtiger fehlender Daten, die Ermunterung, eine »typische« Beziehungsszene zu erzählen, die Probedeutung.

Die vierte Phase dient der Herstellung eines ersten Arbeitsbündnisses: Wie soll es weitergehen? Können sich die Beteiligten vorstellen, weitere probatorische Sitzungen zu vereinbaren? Wie viele, in welchem Rhythmus, mit wem? Ist ein gemeinsames Familiengespräch sinnvoll?

Für die vierte Phase sollte ausreichend Zeit bleiben, denn es ergeben sich häufig gerade in der Ausgestaltung des weiteren Prozesses Fragen, die partnerschaftlich mit den Patienten geklärt werden müssen. Dies ist nicht allein um der Klarheit von Vereinbarungen willen wichtig. Die Verständigung über das Vorgehen unterstreicht, dass es sich hier um ein gemeinsames Unternehmen handelt, für das jeder Verantwortung übernimmt und das nur in einem Bündnis gelingt, das die Beteiligten über die Arbeit an einer Aufgabe verbindet ( Kap. 6.2 »Das Arbeitsbündnis«). Es sollte angesprochen werden, dass sich Eltern und Therapeut auch gegen eine Zusammenarbeit entscheiden können bzw. die Entscheidung für beide Seiten noch offen ist.

In dieser Phase des Erstgesprächs mit Eltern muss auch überlegt werden, wie sie ihr Kind auf die erste Begegnung mit dem Therapeuten vorbereiten. Was sagen die Eltern dem Kind zu ihrem Wunsch, dass es zu einem fremden Menschen geht und mit ihm eine Stunde verbringt? Mit welchen Ängsten oder Widerständen ist zu rechnen? Ist es das erste Mal, dass das Kind zu einem Therapeuten geht? Gibt es eine Vorgeschichte ärztlicher oder psychiatrischer Untersuchungen? Wird das Kind allein kommen können, oder sollte ein Elternteil dabei sein?

Th.: »Es ist wohl das Beste, wenn Sie Ihrer Tochter sagen, dass Sie sich Sorgen um sie machen, weil sie das Pinkeln ins Bett einfach nicht loswird. Und dass Sie deshalb einen Menschen aufgesucht haben, der Kindern bei solchen Problemen helfen kann. Wir haben ihm von uns erzählt, und nun möchte der Herr B. dich kennenlernen.«

Andererseits sollte auch genügend Zeit zur Verfügung stehen, wenn die Entscheidung gegen eine weitere Zusammenarbeit fällt. In diesem Fall gehört zum Abschied, diesen als solchen zu benennen, der Befindlichkeit des Patienten Raum zu geben und den Ertrag dieser einen Sitzung zu würdigen.

Beispiele:

Th.: »Ich merke, wie Sie jetzt noch viel zu sagen hätten. Aber meine Aufgabe ist es auch, auf unsere Zeit zu achten. Wir haben jetzt noch etwas Zeit, die ich gerne nutzen würde, um mit Ihnen zu überlegen, wie es weitergeht.«

Ein von seiner Familie getrennter Vater hatte den Therapeuten aufgesucht, weil er sich Sorge um seine 17-jährige Tochter macht, die aber den Kontakt mit ihm ablehnt. Th.: »Uns ist klargeworden, dass Sie Ihrer Tochter zwar anbieten können, mit mir Kontakt aufzunehmen, aber nach allem, was wir bis jetzt verstanden haben, wird sie das wohl nicht annehmen. Wie geht es Ihnen jetzt am Ende dieser Stunde?« Pat.: »Ich fühle mich erleichtert. Ich habe begriffen, dass ich ihr nicht nachlaufen kann. Ich werde ihr einen Brief schreiben, dass die Tür zu mir offen ist, dass ich sie aber nicht nötigen will. Ich möchte mich nicht länger aus Schuldgefühl demütigen. Ich glaube, davon hat auch sie nichts.«

Eine 16-jährige Jugendliche: »Ich glaube, ich habe etwas von den Hintergründen meiner Schwierigkeiten erfahren. Mehr wollte ich eigentlich nicht.« Th.: »Und wie geht es dir jetzt mit dieser Begegnung mit mir?« »Es war gut, dass Sie mich angehört haben. Erst hab ich gedacht, ich komm halt, dass meine Eltern Ruhe geben. Aber es war doch gut, weil ich etwas über mich erfahren habe. Aber ich glaube, dass ich allein weiter klarkommen kann.«

Th.: »Ja, ich glaube auch, dass wir etwas verstanden haben. Deine Entscheidung ist für mich in Ordnung. Ich denke, du triffst sie vor dem Hintergrund, dass du Unabhängigkeit und Eigenständigkeit suchst. Und du weißt, du kannst auch wieder anrufen.«

5.2.2 Die Erstbegegnung mit dem Kind

Es ist sachgerecht, hier besser von »Erstbegegnung« zu sprechen, spielt sich doch die Kommunikation mit einem Kind nicht allein sprachlich, sondern viel mehr noch spielerisch und durch kreative Gestaltung ab. Abgesehen davon sind die Ziele der Erstbegegnung die nämlichen wie bei Erwachsenen und Jugendlichen, mit einer gravierenden Ausnahme:

Das Kind hat sich nicht aus eigenen Stücken entschlossen, den Therapeuten aufzusuchen. Es wurde von den Eltern resp. Bezugspersonen gebracht oder geschickt und sitzt nun einem fremden Menschen gegenüber, u. U. ohne recht zu wissen, was dieser von ihm erwartet und was es von ihm erwarten soll. Es weiß oder ahnt vielleicht, dass die Eltern es zum Therapeuten gebracht haben, weil irgendetwas »nicht stimmt« – in der Familie? mit ihm? Von einer bewussten Motivation können wir bei einem Kind nicht ausgehen. Es muss deshalb für eine Therapie gewonnen werden. Daher ist es besonders wichtig, diese Situation zu Beginn aufzugreifen.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass der Therapeut von den Eltern bereits sehr viel über das Kind erfahren hat bzw. darüber, wie diese ihr Kind sehen und erleben. Er ist informiert über das »Störende« in den Beziehungen, in der Entwicklung des Kindes. Er weiß etwas über die Vorgeschichte der Probleme. Das alles prägt auch das Bild, das sich der Therapeut im Vorfeld von dem Kind macht. Man kann nicht so tun, als wisse man etwas nicht, was man weiß. In viel höherem Maße ist also vom Kindertherapeuten bei der Erstbegegnung die Fähigkeit gefordert, zwischen einer Haltung der Offenheit, des Abwartens und Raum-Gebens und seinen inneren Bildern, bewussten und unbewussten Vorannahmen zu changieren.

Kinder überschreiten die Schwelle zum Therapieraum in sehr unterschiedlicher Weise. Die Situation der Trennung von Mutter oder Vater, die Fremdheit der Person des Therapeuten und seines Raumes evozieren Angst, der ein Kind aufgrund der Unreife seiner Abwehrmechanismen i. d. R. stärker ausgesetzt ist als ein Erwachsener. Es empfiehlt sich, dem Kind und seinen Möglichkeiten, mit dieser Angst umzugehen, einerseits offen und abwartend zu begegnen, andererseits aber durch einen klar abgesteckten Rahmen Sicherheit zu vermitteln.

Beispiele:

Reimund, ein 6- jähriger Junge, wurde von seinen Eltern als eruptiv aggressiv einerseits, ängstlich und gehemmt andererseits beschrieben. Er leidet unter einer Stoffwechselstörung, psychosomatischen Erkrankungen und Enuresis Nocturna. R. überspringt gleichsam die Schwelle zum Therapieraum, als müsse er sich gewaltsam von der Mutter losreißen und die Fremdheit der Situation übergehen. Er bleibt im Raum stehen, ohne weiter mit dem Therapeuten Kontakt aufzunehmen. Th.: »Das war jetzt ein mutiger Schritt, dass du allein zu mir hereingekommen bist. Es ist dir vielleicht nicht ganz leicht gefallen.« Pat.: nickt, ohne den Therapeuten anzusehen. Th.: »Ich bin der Herr B., deine Eltern waren hier und haben dir sicher davon erzählt. Wir haben jetzt eine knappe Stunde Zeit, um uns kennenzulernen. Bei mir geht es so zu, dass du mit mir reden kannst, über alles, was dir einfällt. Du kannst aber auch etwas spielen oder malen, du siehst ja hier, welche Möglichkeiten es gibt. Ich will dir noch sagen, dass ich niemandem weitererzähle, was du mir anvertraust.« Pat. nickt wieder stumm. Er betrachtet einen Hai und untersucht, was er alles in seinem Bauch hat, und leert ihn aus. Dann will er mit dem Therapeuten Kicker spielen. Dabei wird deutlich, dass er sich in Grandiositätsphantasien verliert, deren Zusammenbruch beim realen Misslingen er mit großer Wut und anschließendem Rückzug zu bewältigen versucht.

Katie, 8;9 Jahre (s. o.), von ihren Eltern als lebhaft, unkonzentriert, aber auch sehr anhänglich beschrieben, verabschiedet sich von der Mutter mit einem Kuss und folgt dem Therapeuten – wie ihm scheint, brav – ins Therapiezimmer. Sie setzt sich ihm gegenüber und beginnt, ohne Aufforderung zu erzählen. Von ihren Tieren, von ihrer Schwester, von der Schule und der Lehrerin. Sie überschüttet den Therapeuten mit einem Redeschwall, dieser kommt kaum dazwischen und wird müde. Schließlich unterbricht er sie und sagt: »Du hast so viel zu erzählen, dass ich gar nicht zu Wort komme. Dabei würde ich dir gerne sagen, wie es bei mir zugeht.« Sie hört den Therapeuten an, fährt aber danach gleich wieder fort mit ihren Erzählungen, so als hätte es keine Unterbrechung gegeben.

Beide Kinder gestalten die Eingangssituation in charakteristischer Weise. Reimund übergeht zunächst die Angst vor der Fremdheit kontraphobisch, zeigt sie jedoch in seiner Kontaktscheu. Nachdem der Rahmen abgesteckt ist, beginnt er zu spielen. Sein Spiel mit dem Hai nimmt die Situation vielschichtig auf. Es lässt sich zum einen verstehen als die Darstellung des Abschieds von der Mutter: Er muss auf ihre Obhut und schützende Gegenwart verzichten, ist gleichsam aus ihr herausgefallen – zugleich aber auch ihrer vereinnahmenden und verschlingenden Kontrolle entkommen. Zum anderen allerdings weiß er nicht, was ihn beim Therapeuten erwartet. Was hat dieser in seinem Inneren für Gedanken, Gefühle und Absichten? Beißt er im übertragenen Sinne Kindern etwas weg? Sicherheitshalber will er gleich zeigen, was er als rechter Junge kann: Kicker spielen. Der Patient scheint buchstäblich an einer Schwelle zu stehen, schwankend zwischen zwei verzwickten inneren Zuständen: auf der einen Seite im Bannkreis einer überängstlichen Mutter, von der sich zu separieren ebenfalls große Angst macht, auf der anderen Seite ein väterlicher Mann, an dem er sich messen will, was aber Kastrationsangst, narzisstische Wut und den depressiven Rückzug auslöst.

Auch bei Katie lässt sich die Angst der Anfangssituation erkennen. Sie hüllt den Therapeuten in ihren Redeschwall ein, so dass dieser als eigenständiges Objekt kaum mehr vorkommt. Sie meidet bzw. ignoriert seine differenzierenden Worte, als wolle sie jegliche Getrenntheit zwischen sich und dem Therapeuten auslöschen. Ein Objekt, das zu eigenen Regungen nicht mehr fähig ist, weil es ganz mit dem eigenen Selbst verschmolzen ist, kann auch nicht mehr gefährlich werden. Die Patientin kontrolliert die Situation fast vollständig – was sich bis in die Gegenübertragungsreaktion einer lähmenden Müdigkeit fortsetzt.

Beide Kinder gehen mit der Anfangssituation des Erstgesprächs völlig unterschiedlich um, bei beiden lässt sich jedoch eine spezifische Strategie der Angstbewältigung beobachten. Die Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, den kleinen Patienten genügend Spielraum zu lassen, um ihre eigene Szene zu entfalten, weil der Therapeut daran schon wesentliche intrapsychische Vorgänge wie Abwehrvorgänge und Objektbeziehungsphantasien erkennen kann. Zugleich ist es aber auch wichtig, einen Rahmen vorzugeben. Der Rahmen ist eine Referenz; wie mit ihm umgegangen wird, bietet einen Einblick in die innere Welt des Patienten.

Die Technik der Probedeutung hat in der Erstbegegnung mit dem Kind nicht allein die Funktion, es auf die Ansprechbarkeit für ein verstehendes Verfahren hin zu prüfen, mehr noch soll das Kind spüren, dass seine inneren Regungen, Phantasien und Affekte vom Therapeuten aufgenommen und verstanden werden. Für die Motivation zur Therapie spielt dies die zentrale Rolle. Die Lust am Spielen, die freundliche Zugewandtheit des Therapeuten, die Besonderheit, einen erwachsenen Menschen für fast eine Stunde für sich allein zu haben – das alles sind wichtige und notwendige Voraussetzungen dafür, dass ein Kind eine »milde positive Übertragung« (Freud 1914g) entwickelt und gerne in die Therapie kommt. Aber sie sind nicht hinreichend, wenn die Erfahrung fehlt, im Therapeuten selbst einen Ort zu finden, einen Container im Bion’schen Sinn, an dem die eigenen unverstandenen und unverdauten Affekte, Triebregungen und Sehnsüchte sich niederlassen und verarbeitet werden können. Deutlich wird dies auch am Beispiel der Erstbegegnung mit Otto ( Kap. 5.2.1).

In der Erstbegegnung mit Reimund verknüpft der Therapeut das aktuelle Spielgeschehen mit der Eingangsszene: »Du schaust nach, was im Inneren des Hais ist. Vielleicht fragst du dich, was in der Mama vor sich geht, wenn sie ohne dich ist. Und vielleicht möchtest du auch wissen, was in mir vorgeht, wenn wir uns kennenlernen.«

Er spricht das Erleben des Patienten an: »Ich merke, wie schrecklich es für dich ist, wenn dir ein Schuss nicht gelingt. Das macht dich ganz verzweifelt.«

Es geht bei diesen ersten Deutungen um die Exploration, wie das Kind darauf reagiert, wenn Verbindungen hergestellt werden zwischen dem manifesten Spiel- und Beziehungsgeschehen und den zugrunde liegenden unbewussten Phantasien. Zugleich gewinnt man auch einen Eindruck, wie weit ein Kind zur Symbolisierung fähig ist.

Auch mit dem Kind wird eine Vereinbarung getroffen darüber, wie es weitergeht. Dazu gehört ein offener Umgang mit dem Wissen des Therapeuten, dass das Kind wegen einer Schwierigkeit hier ist, die sich in der Beziehung zu seinen Eltern manifestiert. Oft geht ein Kind nicht von sich aus darauf ein, warum es zum Therapeuten kommen soll, es offenbart sich aber im Material der Erstbegegnung. Damit ein Arbeitsbündnis zustande kommen kann (s. u.), muss eine Verständigung darüber erfolgen, welches Problem Kind und Therapeut zusammen bewältigen sollen. Zugleich aber ist noch nicht entschieden, ob es zur Therapie kommen kann, auch dies muss offen angesprochen werden, denn es ist für ein Kind meist noch problematischer als für einen Erwachsenen, weggeschickt zu werden, wenn es sich einem Menschen vertrauensvoll geöffnet hat. Deshalb enthält die vierte Phase des Erstgesprächs mindestens folgende Elemente:

Der Therapeut greift auf, welche Schwierigkeiten das Kind ihm offenbart hat, und macht deutlich, dass er diese zusammen mit dem Kind noch besser (vertieft) verstehen möchte.

Der Therapeut spricht an, welche Schwierigkeiten er von den Eltern erfahren hat (sofern sie das Kind betreffen! Einzelheiten über die Psychodynamik der Eltern bzw. des Paares unterliegen der Verschwiegenheit). Er hält Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Sichtweisen von Kind und Eltern fest, soweit sie evident wurden.

Er fragt das Kind, ob es bereit wäre, noch zu einer (oder zwei) weiteren Stunde(n) zu kommen.

Er skizziert das weitere Vorgehen. Dieses muss für das Kind transparent sein, etwa auch, dass zu weiteren Stunden u. U. ein (projektiver) Test (vgl. Lutz 2007, Wienand 2019) und Fragen dazu gehören, wie es zu der schwierigen Situation hatte kommen können (Anamnese). Er erläutert, dass die Entscheidung, ob das Kind zur Therapie kommen wird, nach diesen weiteren Stunden und einem erneuten Gespräch mit den Eltern getroffen wird.

Beispiel Reimund. Th.: »Du hast dir jetzt ein Spiel ausgesucht, das du gerne weiterspielen würdest. Aber unsere Stunde geht bald zu Ende und dann müssen wir uns verabschieden. Zuvor möchte ich mit dir besprechen, wie es hier weitergeht. Du hast mir ja schon einiges anvertraut. Die Eltern haben mir erzählt, dass es dir nicht gut geht, wenn du mit anderen Kindern zusammen bist. Du fühlst dich da oft abgewiesen. Ich würde dich gerne zu einer weiteren Stunde einladen, um noch besser zu verstehen, worum es dir geht, aber ich möchte auch hören, was du dazu sagst.«

Pat.: »Hoffentlich darf ich wiederkommen.«

Th.: »Gut. In der nächsten Stunde möchte ich dir dann etwas vorschlagen. Ich habe auch noch ein paar Fragen an dich. Ich werde danach auch deine Eltern noch einmal einladen. Ob du weiter zu mir in Therapie kommen wirst, wird sich dann entscheiden.«

Besonders wertvoll für den Therapeuten ist eine Verknüpfung der Narrative, der Übertragungssituation und des szenischen Geschehens aus dem Erstgespräch mit den Eltern mit der Erstbegegnung mit dem Kind ( Kap. 5.2.1, Beispiel Otto). Er erhält damit ein Gesamtbild nicht allein von der individuellen Dynamik der Beteiligten, sondern auch von der Beziehungsdynamik, den Zuschreibungen und Delegationen und den gemeinsamen Phantasien über die Familie und deren Einbettung in die sozialen Realitäten. Es lassen sich Grundmuster von Bewältigungsstrategien und Abwehrmanövern erkennen, die das weitere therapeutische Vorgehen beeinflussen.

In der Familie von Otto scheint eine gemeinsame Angst vorherrschend zu sein: die Angst vor Objektverlust, wobei das Objekt erlebt wird als eine dringend notwendige Stabilisierung eigener fragiler Selbstanteile. Für die Mutter ist Otto die Erfüllung des lange gehegten Kinderwunsches, ein Kind, das sie von der schmerzlich erlebten Infragestellung ihres mütterlichen Selbst erlöst. Für den Vater ist Otto der potentielle Nachfolger im Betrieb, der den Aufstieg und Bildungserfolg leichter schaffen sollte, als ihm selbst das möglich war – eine Delegation eines unerfüllten eigenen Ideals an den Sohn (»Du sollst es einmal besser machen / haben als ich«). Für Otto sind die Eltern vor allem Garanten für die Bewahrung vor der sekundärprozesshaften Auseinandersetzung mit einer versagenden äußeren Realität. Sie fungieren an Stelle von altersentsprechend zu erwartenden Ich – Funktionen. Separationsvorgänge und damit Schmerz und Trauer werden kollektiv vermieden, weil sie mit Gefühlen von Hilf – und Ratlosigkeit einhergehen. Gemeinsam ist auch die Phantasie, durch regulierende Eingriffe von außen (»Ratschläge«) von den Ohnmachtsgefühlen befreit zu werden.

5.2.3 Besonderheiten im Erstgespräch mit Jugendlichen

Die Adoleszenz ist eine Zeit erhöhter narzisstischer Vulnerabilität. Es ist auch die Entwicklungsphase, in der die Herausbildung einer eigenen Identität und die Ablösung von den primären Bezugspersonen im Mittelpunkt stehen. Das Erstgespräch (und die probatorische Phase) steht deshalb vor besonderen technischen Herausforderungen. Einerseits fällt es Adoleszenten schwer, psychische »Probleme« trotz Vorliegen einer Symptomatik als solche wahrzunehmen oder zu offenbaren. Dies dient »der Wahrung des Selbsterlebens gegenüber den inneren und äußeren ›Objekten‹« (Timmermann 2001, S. 9). Defensive Manöver, Externalisierungen und die psychosomatische Verarbeitung des Konfliktstoffs bzw. der strukturellen Störungen schützen vor der Einsicht in psychische Zusammenhänge. Zur Psychotherapie geschickt zu werden – von Eltern, Lehrern, Ärzten usw. –, wird häufig als narzisstische Kränkung erlebt. Andererseits kommen Adoleszente mit einem hohen Leidensdruck und entsprechenden oft idealisierenden Erwartungen zum Psychotherapeuten. Sich aber in einer Zeit, in der es allerorten um den Kampf um Unabhängigkeit und Selbständigkeit geht, auf einen verbindlichen Prozess mit einem bedeutsamen anderen Menschen einzulassen, lässt um die eigene (noch) fragile Identität fürchten. Andererseits sind Adoleszente in ihrer Ambivalenz trotz aller Vorbehalte interessiert an einer Psychotherapie. Die äußere und innere Motivation klaffen auseinander. Häufig entsteht im Erstgespräch eine widersprüchliche Situation: Einerseits kommt der Jugendliche und zeigt damit, dass ihn etwas zum Psychotherapeuten treibt. Das können nicht allein andere Personen sein, denn deren Aufforderungen kann sich ein Jugendlicher durchaus widersetzen – viel mehr als ein Kind. Andererseits signalisiert er, dass man als Therapeut ja nicht denken solle, irgendetwas über psychische Probleme zu erfahren, geschweige denn erwarten solle, dass sich der Adoleszente auf eine therapeutische Beziehung einlassen würde. Schon im Vorfeld stellen sich solche Ambivalenzen nicht selten dar: Terminschwierigkeiten, Nicht-Erscheinen, Zu-spät-Kommen usw. Im Erstgespräch muss also nicht allein geklärt werden, worum es gehen soll, es muss auch ausgehandelt werden, was überhaupt der Charakter einer Psychotherapie ist. »(Der Beginn einer Psychotherapie) ist eine erzieherische Phase, in der der Patient lernt, was Therapie und die Einhaltung des Rahmens bedeuten …« (Seiffge-Krenke 2007, S. 216).

Der Therapeut sollte sich nicht täuschen lassen: Hinter den Schutzhaltungen von Adoleszenten schält sich im Verlauf des Erstgesprächs bzw. der Probatorik in der Regel die andere Seite der Ambivalenz heraus, der Wunsch, verstanden und mit den rätselhaften eigenen inneren Vorgängen ernst genommen zu werden.

Auch Erstgespräche mit Jugendlichen folgen den geschilderten Prinzipien. Dabei scheinen Jugendliche eher von der »holding function« des Therapeuten zu profitieren als von interpretativen oder direktiven Interventionen. Die empathische, interessiert-abwartende Haltung des Therapeuten ist entscheidend, ob sich Jugendliche öffnen können. Die Erfahrung, dass sie hier ihren eigenen Raum haben und die Freiheit, ihren eigenen Prozess zu gestalten, trägt dazu bei, der unbewussten oder vorbewussten Motivation einen Ausdruck zu geben. Das setzt voraus, dass der Rahmen deutlich benannt wird und für den Jugendlichen transparent ist. Rahmenvereinbarungen haben eine Sicherheit gebende und haltende Funktion, gerade dann, wenn sich an ihnen – wie häufig bei Adoleszenten – ein Agieren entwickelt.

Zur Eröffnung des Erstgesprächs bei jüngeren Adoleszenten gehört, sofern sich der Therapeut nicht von vornherein auf das »Sie« festlegt, eine Verständigung, wie der Patient angesprochen werden will: mit »Sie« oder mit »Du«. Das hat nicht nur eine äußere Bedeutung. Manche Jugendliche bevorzugen das »Du« und signalisieren damit, dass sie mit dem Umgang mit dem Therapeuten auch regressive Wünsche verbinden. Mit dem »Sie« kann der Wunsch zum Ausdruck kommen, dem Therapeuten eher in einer erwachsenen Haltung gegenüberzutreten. In beiden Fällen hat die Wahl der Anrede eine regulierende Funktion: Wie können wir uns hier so begegnen, dass es für beide stimmt?

Elisabeth, eine 16- jährige Jugendliche, kommt auf Initiative ihrer Mutter. Eine Vertrauenslehrerin hatte bemerkt, dass die Jugendliche immer unglücklicher und zurückgezogener wirkte, und sie daraufhin angesprochen. E. vertraute ihr an, dass sie sich ritze. Die Lehrerin war alarmiert und hatte die Eltern informiert, was E. teils als Vertrauensbruch erlebte, teils aber sei sie auch erleichtert gewesen.

Elisabeth hatte nach dem ersten Kontakt der Mutter selbst angerufen und mit dem Therapeuten einen Termin vereinbart. Sie eröffnet das Gespräch mit der Feststellung: »Ja, also ich ritze mich, das hatte ich der Frau X. gesagt, aber ich finde das gar kein Problem. Ich will auch gar nicht damit aufhören, ich brauche das. Sie hat es dann meiner Mutter erzählt, und die hat mich hergeschickt. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht.« Th.: »Es ist dir gar nicht recht, dass andere davon wissen.« Pat.: »Bei der Mutter ist es o.k., ich hätte es sowieso nicht auf Dauer geheim halten können.« Th.: »Und ich weiß es jetzt auch.« Pat.: »Aber Sie stehen unter Schweigepflicht.« Th.: »Es ist dir wichtig, dass du dich darauf verlassen kannst, nach dem Erlebnis mit der Lehrerin.« Pat.: »Ja, klar, logisch.« Th.: »Du sagst, du brauchst das Ritzen. Das würde ich gerne besser verstehen.« Elisabeth berichtet, dass sie es immer dann brauche, wenn sie unter Stress stehe. Sie sei eigentlich immer und überall Außenseiterin. Im Schulbus z. B. sei es schrecklich, vor allem jüngere Kinder machten sie zur Zielscheibe von Spott und Häme, sie werde rücksichtslos herumgeschubst. In der Klasse sei sie isoliert. Sie habe auch keine Freunde. Sie würde sich halt nicht wehren, sie verabscheue diese Aggression, auch das ganze zickige Gehabe der anderen. Th.: »Und dann überkommt dich der Drang, dich zu ritzen.« Pat.: »Das ist wie eine Erlösung. Ich fühle mich entspannt und ruhig danach.« Th.: »Der psychische Schmerz wird so zu einem körperlichen – und den kannst du selbst handhaben.« Pat.: »Ja, so könnte man es formulieren, das klingt logisch.«

In dieser Vignette aus dem Erstgespräch zeigt sich das Problem in verdichteter Form. Eine starke Aggressionshemmung tritt zutage, verbunden mit Projektionen und entsprechenden Verfolgungsgefühlen. Aber nicht allein das aggressive Potential scheint einer Hemmung zu unterliegen, auch das emotionale Erleben überhaupt wird intellektualisiert: Es muss »logischen« Erklärungen folgen. Aggressionen werden gegen das eigene Selbst gerichtet, im Ritzen – das aber als Bewältigungsform auch eine Bastion der Autonomie zu sein scheint und entsprechend verteidigt wird, obwohl das Symptom an sich gar nicht »logisch« ist. Der Therapeut wird in eine Szene der »vernünftigen Diskussion« hineingezogen. Der Versuch, einen inneren Zusammenhang zwischen erlittener Schmach, psychischem Schmerz und Ritzen herzustellen, bleibt als »logische« Erklärung stehen.

Man könnte nun diese Szene als eine schlechte Prognose für eine Psychotherapie werten. Es lässt sich aber auch daraus ablesen, wie die Jugendliche die Beziehung mit dem Therapeuten regulieren muss, damit sie sich überhaupt darauf einlassen kann. So betrachtet dient das Erstgespräch beiden zur Orientierung, wie ein gemeinsames psychotherapeutisches Arbeiten in diesem Moment und mit diesen Beteiligten möglich ist.

Im weiteren Verlauf erzählt Elisabeth von ihrem Pferd und wie wichtig es ihr ist, möglichst häufig im Stall zu sein bzw. auszureiten. Bei der abschließenden Besprechung über die weitere probatorische Phase lässt sie den Therapeuten wissen, dass sie zwar gerne zu ihm kommen wolle, aber an der Zeit mit ihrem Pferd keinesfalls Abstriche machen wolle.

Auch dies könnte man als Widerstand deuten. Der Therapeut betont hingegen, dass er glaube zu verstehen, wie wichtig ihr der Umgang mit ihrem Tier und das Erleben seiner Freundschaft ist – als Kraftquelle angesichts ihres psychisch anstrengenden Schulalltags.

In dem Erstgespräch mit Elisabeth wird deutlich, dass eine Therapie wahrscheinlich nicht zustande gekommen wäre ohne die Erfahrung der Patientin, einen Raum vorzufinden, in dem sie ihre jetzt mögliche Form der Beziehung gestalten kann. Auch die Respektierung, Anerkennung und Förderung der Ressourcen der Patientin spielen eine erhebliche Rolle.

5.2.4 Das Erstgespräch mit pädagogischen Bezugspersonen

Es kommt vor, dass Kinder von pädagogischen Mitarbeitern zur Therapie angemeldet werden. Der Einbezug der Eltern dieser Kinder ist oft nicht möglich – entweder weil sie verstorben sind, oder weil sie aus äußeren oder inneren Gründen nicht zur Verfügung stehen (»Verschwinden« von suchtkranken Eltern, Delinquenz, Haftstrafen o. Ä.) oder weil ein Kontakt nicht ratsam erscheint. Die Zusammenarbeit mit den pädagogischen Bezugspersonen ist nicht darauf gerichtet, deren innere Psychodynamik mit einzubeziehen, wohl aber muss ein Rahmen eröffnet werden, in dem ein verstehendes Arbeiten an den intrapsychischen Konflikten und Defiziten des Kindes, an seinen Ressourcen sowie an der Beziehungsdynamik möglich ist. Diese Arbeit hat supervisorischen Charakter. Das Erstgespräch dient neben der Erhebung der kindlichen Schwierigkeiten, ihrem symptomatischen Ausdruck und ihrer Genese auch der Exploration, ob eine Zusammenarbeit im Rahmen einer verstehenden und aufdeckenden Therapie möglich ist. Kinder in Heimen weisen regelmäßig strukturelle Störungen auf, die kaum symbolisiert sind und psychosozial agiert werden. Auch für Erzieherinnen und Erzieher geht es darum, ihr pädagogisches Verhalten psychodynamisch zu reflektieren, wenn eine Therapie Erfolg haben soll. Die Bereitschaft muss gegeben sein, über Vorgänge wie Übertragung und Gegenübertragung, Projektion und Identifikation nachzudenken; das lässt sich im Erstgespräch explorieren. Der Schwerpunkt liegt daher in der Herstellung einer Atmosphäre der vertrauensvollen fachlichen Zusammenarbeit.

Frau R., eine Heilpädagogin einer Jugendhilfeeinrichtung, betreut als Bezugserzieherin Sergej, einen 12-jährigen Jungen, der durch sadistische Angriffe gegen Erwachsene, hauptsächlich Lehrer, und durch Quälereien anderer Kinder auffällt. Zum Erstgespräch hat sie eine umfangreiche Akte mitgebracht, die sie immer wieder konsultiert, um dem Therapeuten die leidvolle und komplizierte Geschichte des Jungen zu verdeutlichen. Th.: »Sie möchten mir alles genau und korrekt mitteilen. Mir scheint, da gibt es so viel Verwirrendes, dass man es gar nicht innerlich erfassen und einordnen kann.« Frau R.: »Ich weiß ja eigentlich auch nicht, was Sie wissen wollen.« Th.: »Mich interessiert, wie es Ihnen mit dem Jungen geht.« Frau R.: »Mir?« Th.: »Ja, Sie haben ja täglich Umgang mit ihm.« Frau R.: »Also mir tut er unendlich leid. Und eigentlich habe ich ihn sehr lieb.« Th.: »Sergej ruft in Ihnen Mitleid und liebevolle Gefühle hervor. Dabei benimmt er sich ja eigentlich grausam und rücksichtslos.« Frau R.: »Ja, das ist eigentlich merkwürdig. Manchmal vergesse ich ganz, wie schrecklich er ist.« Th.: »Vielleicht hat dieses Erleben eine Bedeutung?« Frau R.: »Ich glaube, er schont mich. Ich bin ja auch fast die Einzige, die zu ihm hält.« Th.: »Möglicherweise muss Sergej seine Gefühle aufspalten, das spüren Sie. Meiner Überzeugung nach ist das Erleben, das Sie mit Sergej haben, eine wichtige Quelle, um zu verstehen, was in dem Jungen vor sich geht. Können Sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen, in der wir auf das achten, was mit Ihnen im Umgang mit dem Jungen geschieht?«

Merke

• Ziel des Erstgesprächs bzw. der Erstbegegnung ist, Informationen zu erhalten über

− die Problematik, ihre Entstehung, anamnestische Daten, Lebensumstände,

− das subjektive Erleben und die Bedeutung, welche der/die Patient(en) dem Geschehen beimessen,

− psychodynamische Hintergründe, die sich in Übertragung und Gegenübertragung und Szene darstellen,

− die Motivation und Ansprechbarkeit der Patienten auf ein psychodynamisches Verfahren.

• Ein Erstgespräch verläuft meist in vier Phasen:

− Herstellen des Kontakts, Abstecken des Rahmens,

− Entfaltung der Problematik (rezeptive Haltung des Therapeuten),

− Vertiefung, weitere Informationserhebung, typische Szene, Probedeutung (aktive Haltung des Therapeuten),

− Vereinbarungen über den weiteren Verlauf.

• Das Erstgespräch vermittelt dem/den Patienten einen Eindruck über die Arbeitsweise des Therapeuten.

5.3 Diagnostik

Für den Therapieantrag muss eine Diagnose nach ICD 10 der WHO (World Health Organisation) formuliert werden. Dabei werden Störungsbilder beschrieben und phänomenologisch zusammengefasst, in eine diagnostische Codierung gebracht und von anderen Störungen differenziert. Die ICD ist eine nosologische Diagnostik, die auf eine Theoriebildung über die Ätiologie und Pathogenese verzichtet. Sie dient damit der interprofessionellen, schulen- und fachübergreifenden Verständigung und der Festlegung, was als psychische Störung aufgefasst wird und was nicht.

Für das psychodynamische Verständnis über die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Krankheit ist diese Form der Diagnostik – so sehr sie im interprofessionellen Diskurs ihre Berechtigung und ihren Nutzen hat – unbefriedigend. Das Ziel einer psychodynamischen Diagnostik muss sein, eine valide Beschreibung der Ätiologie, der Genese und der intrapsychischen wie interpersonellen regulierenden Funktion der Erkrankung zu erhalten. Die psychodynamische Diagnostik strebt an, den inneren Sinn der Störung herauszuarbeiten, nicht zuletzt, um ein (vorläufiges) Bild darüber zu erhalten, wie diese psychotherapeutisch zu beeinflussen ist. Deshalb ist die Diagnostik auch nicht mit deren Erhebung in der probatorischen Phase abgeschlossen, vielmehr ist sie ein Geschehen zwischen Patient und Therapeut, das fortlaufend bewusste und unbewusste Beziehungselemente enthält.

Die Elemente der psychodynamischen Diagnostik sind das Erfassen der Symptomatik und ihrer Auslöser, die biografische Anamnese, der Modus der Beziehungsgestaltung, eine möglichst genaue Beschreibung der Psychodynamik des Konflikts und des Strukturniveaus sowie die Erhebung der Behandlungsvoraussetzungen. Man sollte sich bewusst machen, dass die diagnostische Einordnung auch bei der gebotenen Sorgfalt hypothetischen Charakter hat und im Verlauf der Therapie immer wieder überprüft werden muss.

5.3.1 Das Erfassen der Symptomatik und ihrer Auslöser

In der Regel benennen Patienten bereits im Erstgespräch die von ihnen erlebten bzw. beobachteten Symptome. Bei Kindern ist dies – wie gezeigt – allerdings nicht selbstverständlich. Aber auch bei Eltern und Jugendlichen kommen manche Symptome nicht oder erst viel später zur Sprache, insbesondere, wenn sie schambesetzt sind. Schließlich wird manches Verhalten oder Erleben gar nicht als Symptom eingeordnet, es ist den Betroffenen wie selbstverständlich zur »zweiten Natur« geworden, ohne dass sie weiter darüber nachdenken. Ihre Aggressionshemmung war z. B. der Jugendlichen Elisabeth nicht als Symptom zugänglich, zumal sie durch Über-Ich-Bildungen, ein hohes moralisches Selbst-Ideal und projektive Prozesse abgesichert war. Um das vorgebrachte »Hauptsymptom« gruppieren sich zumeist weitere, unerkannte oder verschwiegene Symptome. Der Therapeut muss sich also möglichst genau schildern lassen, in welchen Zusammenhängen das erlebte Symptom auftaucht, wie es auf die Betroffenen wirkt, welche Folgen es hat. Er begibt sich mit den Patienten auf eine gemeinsame Erkundung, die das Terrain im Umfeld des Hauptsymptoms abtastet. Er bedient sich dabei einer offenen Fragetechnik, die den Patienten einlädt, sich aktiv an dieser Erkundung zu beteiligen.

In aller Regel ist es der Leidensdruck der erlebten Symptomatik, der die Eltern oder Jugendlichen einen Therapeuten aufsuchen lässt. Auch wenn wir im tiefenpsychologisch-analytischen Verständnis überzeugt sind, dass das manifeste Symptom die Oberfläche tieferliegender psychischer Konflikte und Defizite darstellt und die therapeutische Arbeit mit deren Bearbeitung die Symptomatik aufzulösen oder zu verbessern vermag, nehmen wir den Patienten dadurch ernst, dass wir uns für sein manifestes Leiden interessieren. Hinweise darauf, dass wir die Symptomatik zugunsten ihrer Hintergründe in ihrer Bedeutung zurückstellen, wird Patienten in der Eingangsphase eher unverständlich sein oder sie gar abschrecken, es besteht die Gefahr, dass wir dann auch weiterhin wenig über die Entwicklung der Symptomatik oder über neu auftauchende Symptome erfahren.

Symptome haben eine regulierende Funktion sowohl intrapsychisch wie interpersonell. Sie binden Angst, treten als Affektkorrelate auf, schlagen sich als wiederkehrende Beziehungsmuster nieder und gestalten Objektbeziehungen in einer Weise, die für den oder die Patienten den jetzt möglichen erträglichen Kompromiss darstellt. Symptome können als Handlungen und Verhalten im sozialen Kontext auftreten und dort erhebliche Konflikte verursachen (Externalisierung), sie können sich als Einschränkungen psychischen Erlebens und von Ich-Funktionen bemerkbar machen und sich in teils autoaggressiver Form gegen das Selbst richten (Internalisierung), sie können sich auf den Körper beziehen (psychosomatische Symptome), erhebliche Scham verursachen und/oder eine weitgehende Rücksichtnahme auf vermeidende Verhaltensweisen erzwingen usw. Innere und äußere Regulierungsfunktion verschränken sich zu einem Gesamtbild, das man unter verschiedenen Aspekten betrachten kann und soll, insbesondere unter der Fragestellung, wie das Symptom die innerfamiliäre Dynamik reguliert. Meist zeigt sich, dass das Kind oder der Jugendliche als Symptomträger unbewusst eine verborgene familiäre Problematik aufnimmt und dadurch paradoxerweise gleichzeitig zur Entlastung der innerfamiliären Konfliktspannung beiträgt und doch durch die manifeste »Störung« zur Belastung für die übrigen Familienmitglieder wird (Richter 1962).

Ein Symptom manifestiert sich, wenn eine bis dahin mehr oder weniger erfolgreiche Abwehr- oder Bewältigungsstrategie überstrapaziert wird oder zusammenbricht. Zu der Erkundung der Symptomatik gehört deshalb auch die Frage, wann das Symptom zum ersten Mal aufgetaucht ist und wie es mit der Lebensgeschichte zusammenhängt, welche symptomauslösenden Situationen erkennbar sind. Auf diese Weise ergeben sich bei der Symptombeschreibung bereits wichtige anamnestische Daten.

Bei dem Erstgespräch mit den Eltern der knapp 9-jährigen Katie schildern diese folgende Symptomatik: Katie sei nach Aussagen der Lehrerin unkonzentriert, spiele ständig mit etwas herum und könne kaum still sitzen. Sie könne kaum abwarten, bis sie dran ist; sie brauche auch zur Erledigung von Aufgaben viel Zeit, weil sie sich mit Nebensächlichkeiten aufhalte. Die Lehrerin sei überzeugt, dass ein ADHS vorliege. Zu Hause, so der Vater, verhalte sich Katie anders, sie sei zwar lebhaft, aber nicht anders als andere Kinder; nur das mit ihren Hausaufgaben könne er bestätigen. Sie trödele damit herum, könne sie auch nur in Gegenwart der Mutter erledigen. Die Mutter berichtet von viel Streit in diesen Situationen. Sie müsse ständig mahnen und antreiben. Ich frage, wie es denn ist, wenn Katie morgens zur Schule gehe. Die Mutter: Da klage sie oft über Kopfweh oder Bauchweh. Meist schicke sie das Kind doch zur Schule, die Beschwerden gingen dann rasch vorüber. Th.: »Es fällt ihr schwer, sich von Ihnen zu lösen.« Die Eltern bestätigen dies und berichten von Situationen, in denen Katie förmlich an der Mutter klebe. Th.: »Wann haben denn diese Schwierigkeiten mit Katie angefangen?« Der Vater: »Wir haben in W. gebaut und sind von N. dort hingezogen. Katie musste in eine neue Schule. Bisher hatte sie einen sehr verständnisvollen Lehrer, der konnte mit Katies Lebhaftigkeit gut umgehen. Die neue Lehrerin versteht das nicht so gut. Katie hat auch viele Freundinnen zurücklassen müssen.« Th.: »Sie haben eine jüngere Schwester erwähnt. Wie ist denn das Verhältnis zwischen den beiden?« Die Eltern: Da gebe es viel Streit, oft sehr heftigen. »Obwohl wir darauf achten, beide gleich zu behandeln.« Der Vater: »Manchmal komme ich heim, das ist schrecklich, alle sind nur am Streiten und Schreien, und meine Frau ist fertig mit den Nerven.« Th.: »Ist das schon immer so gewesen?« Die Eltern berichten, Katie sei am Anfang ganz begeistert von ihrer Schwester gewesen, habe sich liebevoll um sie gekümmert. Sie sei überhaupt nicht eifersüchtig gewesen. Erst als die Schwester auch in die Schule kam, habe das Streiten angefangen.

Bei der Erstbegegnung mit Katie fällt dem Therapeuten auf, dass sie einen Hautausschlag hat, man sieht einen roten Flecken in ihrem Gesicht. Die Eltern hatten das nicht erwähnt. Erst auf spätere Nachfrage erfährt der Therapeut, dass dieser Ausschlag immer dann aufflackert, wenn es besonders viel Streit gebe.

Wie die geschilderte Szene in der Erstbegegnung zeigt ( Kap. 5.2.2), präsentiert sich Katie als lebendiges, freundliches Mädchen, lediglich im Übertragungsgeschehen lässt sich etwas von ihrem Konflikt erahnen. Über das symptomatische Geschehen erfährt der Therapeut erst auf Nachfrage, z. B. von der Geschwisterrivalität. Sie fühle sich von der Schwester ständig belagert, diese nehme ihr Sachen weg, mache sie kaputt, gehe nicht aus ihrem Zimmer, sie sei richtig lästig. Und immer würden die Eltern ihre Partei ergreifen. Sie ahmt die Mutter nach: »Du darfst die J. nicht hauen, du bist doch die Größere.« Das gehe ihr so was von auf die Nerven, die J. dürfe wohl hauen und kratzen. Sie krempelt einen Ärmel hoch und zeigt mir eine Kratzwunde. Auch ihr Kopfweh und Bauchweh hält Katie zunächst vor dem Therapeuten verborgen, ebenso die Probleme mit der Schule und den Hausaufgaben. Im Verlauf der Probatorik sagt der Therapeut, dass sie viel von sich erzählt habe und auch gerne mit ihm spiele, aber das Schwierige offensichtlich lieber nicht anspreche. »Ich kann mir vorstellen, dass du befürchtest, ich würde dich dann nicht mehr mögen oder gar wegschicken.« Katie hat daraufhin den Einfall: »Ich glaube, die Frau B. (Lehrerin) mag mich nicht.«

Wenn wir die Symptomatik von Katie versuchen einzuordnen, so ergeben sich, je nach Betrachtungsweise, Hinweise zu einer nosologischen Diagnostik. Einige Symptome, die die Lehrerin beobachtet, deuten auf eine Aufmerksamkeitsstörung hin (wobei zu betonen ist, dass eine solche Beobachtung noch lange keine valide Diagnostik ist; leider fühlen sich Pädagogen gerade bei dem Phänomen ADHS häufig berechtigt, vorschnell eine Diagnose zu stellen, womöglich samt Indikation). Einige symptomatische Erscheinungen verweisen auch auf eine zwangsneurotische Verarbeitungsweise: Das Haften an Äußerlichkeiten, die übergenaue und zeitraubende Ausgestaltung von Nebensächlichkeiten bei ihren Aufgaben (so kann sie stundenlang Muster an den Rand ihrer Aufgabenblätter malen), auch die Kontrolle, die sie über die Objekte ausübt, und ihr »Kleben« an den Objekten (»adhäsive Identifizierung«, vgl. Bovensiepen 2009). Nimmt man aber die auslösende Situation und das Übertragungsgeschehen hinzu, drängt sich eine Einordnung unter das Leitmotiv einer Trennungs- und Verlustangst auf. Mit ihrer Symptomatik versucht das Mädchen, der befürchteten Abwendung des Objekts und dem Verlust seiner Liebe zuvorzukommen. Wenn wir im psychodynamischen Verständnis noch einen Schritt weitergehen und fragen, welcher Kompromiss der Symptomatik zugrunde liegt, so stoßen wir auf die Wut der Patientin darüber, die exklusive Liebe der Eltern verloren zu haben – eine Wut, die sich spätestens mit dem Verlust ihrer bisherigen Lebensumgebung nicht mehr durch Reaktionsbildungen in Schach halten ließ. Die geschilderten Symptome zeigen sämtlich diesen Kompromiss zwischen Verlustangst und aggressiven Impulsen gegen die primären Objekte, wobei die Aggression sich teils verschiebt (Schwester, Lehrerin), teils sich gegen das eigene Selbst richtet. Auch die völlige Vereinnahmung des Therapeuten im Erstgespräch unterbindet eine Differenzierung und somit die Erfahrung von Getrenntheit. Dass das narzisstische Gleichgewicht der Patientin unter diesem Konflikt gefährdet erscheint, sei hier nur angedeutet.

Das Beispiel zeigt, wie eine Symptomerhebung bereits zu ersten Hypothesen über die Art des neurotischen Konflikts führt.

Merke

• Die Symptomatik ist zumeist der Anlass zur Vorstellung beim Therapeuten.

• Kinder und Jugendliche sind sich häufig nicht bewusst, dass bestimmte Phänomene als Symptome einzuordnen sind.

• Beginn, auslösende Situationen, begleitende Symptome sollen erhoben werden.

• Zur Erhebung bedient sich der Therapeut der teilnehmenden Beobachtung in den probatorischen Sitzungen und einer offenen Fragetechnik.

5.3.2 Die biografische Anamnese

Zur Erhebung der biografischen Anamnese empfiehlt es sich, einen gesonderten Termin anzuberaumen. Im Unterschied zur therapeutischen Haltung in den probatorischen Sitzungen, erst recht in der Therapie selbst, erfragt der Therapeut gezielt Daten. Es entsteht zunächst ein direktives Frage- und Antwortspiel, ausufernde Erzählungen der Patienten wird der Therapeut eingrenzen müssen. Deshalb sollte diese Sitzung auch so angekündigt werden.

Th.: »Bei der Sitzung am … möchte ich mit Ihnen die biografische Anamnese erheben. Ich werde Ihnen einige Fragen zur Entwicklungsgeschichte Ihres Kindes stellen, mich interessieren auch einige Daten aus Ihrer Geschichte. Ich brauche diese Angaben, um die Entstehung der Problematik besser verstehen zu können.«

Die Patienten sind dann darauf vorbereitet, dass es in dieser Sitzung um eine andere Art des Umgangs miteinander geht.

Die biografische Anamnese verknüpft die Erhebung von biografischen Daten zu den Lebensumständen des Patienten mit der Erkundung spezifischer Bewältigungsstrategien von Konfliktkonstellationen einzelner Entwicklungsphasen sowie mit den Beziehungen zu den wichtigsten Bezugspersonen (Dührssen 1986). Der Therapeut erkundet die Bedeutung, die der Patient seinen Beziehungen zumisst, er erfährt etwas über die verinnerlichten Werte und Normen und über die Formen der Abwehr bei wiederkehrenden angstauslösenden Situationen. Die Anamnese erlaubt Erkenntnisse darüber, wie der Patient in Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und seinen inneren Impulsen eine Persönlichkeitsstruktur entwickelt.

Zur Anamnese des Kindes gehört ebenso die Anamnese der Eltern, und zwar sowohl hinsichtlich deren Primärfamilien als auch der Paargeschichte und -dynamik. Die so gewonnenen Erkenntnisse werden mit dem biografisch-anamnestischen Material des Kindes/des Jugendlichen in einen inneren Zusammenhang gebracht. Sie geben einen Einblick in die interpsychische familiäre Dynamik und die transgenerationale Weitergabe ungelöster Konflikte oder Traumata.

Bei anamnestischen Erhebungen mit älteren Jugendlichen wird man die Eltern in die Anamnese nicht mit einbeziehen, es sei denn, es erscheint unter Berücksichtigung des Reifegrads unabdingbar. Es ist für den Ablösungsprozess wichtig, dass die Jugendlichen selbst über sich und ihre Familie erzählen können und einen von den Eltern abgetrennten therapeutischen Raum zur Verfügung haben, in dem die Erlebensweise ihrer Entwicklung gleichsam unkontaminiert von der elterlichen Sichtweise zur Sprache kommt. Oft ist das anamnestische Gespräch für Jugendliche ein Anlass, ihre Eltern zu bestimmten Ereignissen, die ihr Leben betreffen, zu befragen – und setzt so einen Austausch über die unterschiedlich erlebte Lebensgeschichte in Gang und erweitert das Sinnverstehen der familiären Biografie.

Manche Therapeuten bevorzugen zur Erhebung der Anamnese einen Fragebogen, welcher den Patienten ausgehändigt wird. Das hat den Vorteil, dass nichts »vergessen« wird und dass sich die Patienten sehr genau mit ihrer Geschichte auseinandersetzen müssen, ihr Erleben dabei aber nicht unmittelbar mit dem Therapeuten teilen. Auch erleben die Patienten den Therapeuten nicht in der u. U. als intrusiv erlebten Rolle des Fragenden.

Eine Erhebung der Anamnese in Gesprächsform hingegen hat den Vorteil, dass sich ein Bild darüber abzeichnet, wie sich der Patient selbst sieht und erlebt, mit anderen Worten, man erhält Hinweise auf die Selbstrepräsentanz. Darüber hinaus lässt sich die Art und Weise, wie mit dem Therapeuten die Lebensgeschichte (re-)konstruiert wird, auch als szenisches Geschehen begreifen. Was wird wie erzählt? Mit welchen emotionalen Konnotationen? Wo verweilt der Patient, was lässt er aus bzw. übergeht er? Gibt es Erinnerungslücken? Wie teilen sich die Affekte, welche mit einzelnen Lebensereignissen verbunden sind, dem Therapeuten mit?

Diana, eine anorektische 16-jährige Jugendliche, schildert ihre Kindheit in einem rosigen Licht. Sie hebt hervor, wie rasch und problemlos sie alles bewältigt habe. Sie spricht über sich wie Eltern, die stolz sind auf ihre begabte, brave und anpassungsfähige Tochter, dem Therapeuten kommt der Gedanke: Sie präsentiert sich als »Vorzeigetochter«, die gerne von ihm stolz und bewundernd angenommen werden will. Diese Übertragungswahrnehmung wäre durch einen Fragebogen allein nur sehr vermittelt möglich gewesen. Sie sagt etwas aus über die Beziehung zwischen Vater und Tochter, beide sind in einer hohen wechselseitigen Idealisierung eng miteinander verbunden. Schwierigkeiten in Übergangssituationen, die mit Separationsschritten verbunden sind und die real vorhanden waren (und sind), erfährt der Therapeut erst auf Nachfrage.

Es empfiehlt sich daher bei Verwendung eines anamnestischen Fragebogens, diesen mit dem Patienten in einer gesonderten Sitzung zu besprechen. In jedem Fall sollte sich der Therapeut darüber im Klaren sein, dass eine Anamnese mehr ist als eine bloße Datensammlung. Sie ist auch ein Übertragungsgeschehen, das als solches wichtige diagnostische Hinweise liefert.

Aus diesem Grund kann es besser sein, evtl. vorliegende Anamnesen aus vorgehenden Untersuchungen (in psychiatrischen Praxen, Kliniken u. Ä.) erst nach der eigenen Anamnese zur Kenntnis zu nehmen. Dann aber sollten sie sorgfältig mit einbezogen werden. Oft entdeckt man Unterschiede, die meist auf konfliktbesetzte biografische Ereignisse hindeuten.

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Yaş sınırı:
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18 aralık 2025
Hacim:
544 s. 8 illüstrasyon
ISBN:
9783170389526
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