Kitabı oku: «Psychodynamische Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter»

Der Autor
Arne Burchartz, Dipl.-Päd., ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut mit eigener Praxis. Er ist als Dozent und Supervisor an den Psychoanalytischen Instituten Stuttgart und Würzburg sowie als KBV-Gutachter tätig. Er ist Redakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift »Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie«.
Der Autor des Beitrags »Wissenschaftliche Evidenz der psychodynamischen Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter«
Eberhard Windaus, Dr. phil., Dipl.-Päd., ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut mit eigener Praxis. Er ist als Dozent und Supervisor am Anna-Freud-Institut Frankfurt am Main, an der Wiesbadener Akademie für Psychotherapie und am Winnicott-Institut Hannover sowie als KBV-Gutachter tätig. Er ist Forschungsbeauftragter der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (VAKJP), Herausgeberbeirat der Zeitschrift »Kinderanalyse« und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat nach § 8 PsychThG.
Arne Burchartz
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Pharmakologische Daten verändern sich ständig. Verlag und Autoren tragen dafür Sorge, dass alle gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung hierfür kann jedoch nicht übernommen werden. Es empfiehlt sich, die Angaben anhand des Beipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.
1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-032645-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-032646-0
epub: ISBN 978-3-17-032647-7
mobi: ISBN 978-3-17-032648-4
Inhalt
1 Geleitwort zur Reihe
2 1 Einleitung
3 2 Ursprung und Entwicklung des Verfahrens
4 2.1 Die Anfänge
5 2.2 Die infantile Sexualität
6 2.3 Die Phasen der infantilen Sexualentwicklung
7 2.4 Übertragung, Gegenübertragung, Widerstand
8 2.5 Die Ursprünge der Kinderanalyse
9 2.5.1 »Tarquinius Superbus«
10 2.5.2 Der »Fall Dora«
11 2.5.3 Der »Kleine Hans«
12 2.6 Die »Züricher Schule«
13 2.7 Die »Wiener Schule«
14 2.7.1 Hermine Hug-Hellmuth
15 2.7.2 Anna Freud
16 2.7.3 Melanie Klein
17 2.8 Die Kinderanalyse in Deutschland
18 2.9 Die Britischen Schulen
19 2.9.1 Michael Balint
20 2.9.2 Wilfred R. Bion
21 2.9.3 Donald W. Winnicott
22 2.9.4 John Bowlby und die Bindungstheorie
23 2.10 Michael Fordham
24 2.11 Heinz Kohut und die Selbstpsychologie
25 2.12 Relationale Psychoanalyse
26 2.13 Triangulierung
27 2.14 Säuglingsforschung
28 2.15 Das Konzept der Mentalisierung
29 2.16 Die Entwicklung der psychodynamischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie im Nachkriegsdeutschland
30 3 Verwandtschaft mit anderen Verfahren
31 3.1 Jakob Moreno und das Psychodrama
32 3.1.1 Grundlagen des Psychodramas
33 3.1.2 Psychotherapeutisches Vorgehen
34 3.1.3 Psychoanalyse und Psychodrama
35 3.2 Virginia Axline: Nicht-direktive Spieltherapie
36 3.3 Gestalttherapie: Fritz und Laura Perls
37 4 Wissenschaftliche und therapietheoretische Grundlagen
38 4.1 Die Psychologie des Unbewussten
39 4.2 Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie
40 4.3 Die Neurosenlehre
41 4.4 Übertragung, Gegenübertragung und Szene
42 4.5 Abwehr
43 4.6 Das Spiel
44 4.7 Bindung
45 5 Kernelemente der Diagnostik
46 5.1 Nosologische Diagnostik
47 5.2 Psychodynamische Diagnostik
48 5.2.1 Konflikt
49 5.2.2 Struktur
50 5.3 Abwehrmechanismen
51 5.4 Bindung
52 5.5 Ressourcen
53 5.6 Behandlungsvoraussetzungen
54 5.7 Mittel der psychodynamischen Diagnostik
55 5.7.1 Spielbeobachtung, Projektive Testverfahren
56 5.7.2 Übertragung, Gegenübertragung, Szene
57 5.7.3 Die OPD-KJ 2
58 6 Kernelemente der Therapie
59 6.1 Therapeutische Beziehung
60 6.1.1 Rahmen
61 6.1.2 Setting
62 6.1.3 Arbeitsbündnis
63 6.1.4 Gleichschwebende Aufmerksamkeit, Abstinenz und Neutralität
64 6.2 Halten, Containing, Mentalisierung
65 6.3 Spiel, Spielen und kreative Gestaltungen
66 6.4 Deuten
67 6.4.1 Wie entsteht eine Deutung?
68 6.4.2 Deutungsebenen
69 6.4.3 Deutungstechniken
70 6.5 Elternarbeit
71 7 Klinisches Fallbeispiel
72 8 Hauptanwendungsgebiete
73 9 Settings
74 10 Klinische Evidenz
75 10.1 Psychotherapieforschung und klinischer Alltag
76 10.2 »Junktim zwischen Heilen und Forschen«
77 10.3 Die Rolle von Authentizität und Spontanität
78 10.4 Die Evaluation von Deutungen
79 10.5 Wie valide sind (Re-)Konstruktionen in der Analyse?
80 11 Institutionelle Verankerung in Deutschland
81 12 Aus-, Fort- und Weiterbildung
82 Literatur
83 Wissenschaftliche Evidenz der psychodynamischen Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter
84 Eberhard Windaus
85 1 Einleitung
86 2 Anwendungsbereiche der Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen
87 2.1 Affektive Störungen (F3); einschließlich F94.1; F53
88 2.2 Angststörungen und Zwangsstörungen (F40–F42; F93 und F94.0)
89 2.3 Somatoforme Störungen und dissoziative Störungen (Konversionsstörungen) (F44-F48)
90 2.4 Abhängigkeiten und Missbrauch (F1, F55)
91 2.5 Persönlichkeitsstörungen und Verhaltensstörungen (F6)
92 2.6 Anpassungs- und Belastungsstörungen (F43)
93 2.7 Essstörungen (F50)
94 2.8 Nicht-organische Schlafstörungen (F51)
95 2.9 Sexuelle Funktionsstörungen (F52)
96 2.10 Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Krankheiten (F54)
97 2.11 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen (F2)
98 2.12 Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen (F0)
99 2.13 Psychische und soziale Faktoren bei Intelligenzminderung (F7) und tiefgreifende Entwicklungsstörungen (F84)
100 2.14 Hyperkinetische Störungen (F90) und Störungen des Sozialverhaltens und der Emotionen (F91, F93, F94.2–F94.9)
101 2.15 Umschriebene Entwicklungsstörungen (F80–F83)
102 2.16 Störungen der Ausscheidung (F98.0, F98.1)
103 2.17 Regulationsstörungen/ Fütterstörungen (F98.2)
104 2.18 Ticstörungen und Stereotypien (F95 und F98.4)
105 Literatur
106 Stichwortverzeichnis
Geleitwort zur Reihe
Die Psychotherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt: In den anerkannten Psychotherapieverfahren wurde das Spektrum an Behandlungsansätzen und -methoden extrem erweitert. Diese Methoden sind weitgehend auch empirisch abgesichert und evidenzbasiert. Dazu gibt es erkennbare Tendenzen der Integration von psychotherapeutischen Ansätzen, die sich manchmal ohnehin nicht immer eindeutig einem spezifischen Verfahren zuordnen lassen.
Konsequenz dieser Veränderungen ist, dass es kaum noch möglich ist, die Theorie eines psychotherapeutischen Verfahrens und deren Umsetzung in einem exklusiven Lehrbuch darzustellen. Vielmehr wird es auch den Bedürfnissen von Praktikern und Personen in Aus- und Weiterbildung entsprechen, sich spezifisch und komprimiert Informationen über bestimmte Ansätze und Fragestellungen in der Psychotherapie zu beschaffen. Diesen Bedürfnissen soll die Buchreihe »Psychotherapie kompakt« entgegenkommen.
Die von uns herausgegebene neue Buchreihe verfolgt den Anspruch, einen systematisch angelegten und gleichermaßen klinisch wie empirisch ausgerichteten Überblick über die manchmal kaum noch überschaubare Vielzahl aktueller psychotherapeutischer Techniken und Methoden zu geben. Die Reihe orientiert sich an den wissenschaftlich fundierten Verfahren, also der Psychodynamischen Psychotherapie, der Verhaltenstherapie, der Humanistischen und der Systemischen Therapie, wobei auch Methoden dargestellt werden, die weniger durch ihre empirische, sondern durch ihre klinische Evidenz Verbreitung gefunden haben. Die einzelnen Bände werden, soweit möglich, einer vorgegeben inneren Struktur folgen, die als zentrale Merkmale die Geschichte und Entwicklung des Ansatzes, die Verbindung zu anderen Methoden, die empirische und klinische Evidenz, die Kernelemente von Diagnostik und Therapie sowie Fallbeispiele umfasst. Darüber hinaus möchten wir uns mit verfahrensübergreifenden Querschnittsthemen befassen, die u. a. Fragestellungen der Diagnostik, der verschiedenen Rahmenbedingungen, Settings, der Psychotherapieforschung und der Supervision enthalten.
Nina Heinrichs (Bremen)
Rita Rosner (Eichstätt-Ingolstadt)
Günter H. Seidler (Dossenheim/Heidelberg)
Carsten Spitzer (Rostock)
Rolf-Dieter Stieglitz (Basel)
Bernhard Strauß (Jena)
Die Buchreihe wurde begründet von Harald J. Freyberger, Rita Rosner, Ulrich Schweiger, Günter H. Seidler, Rolf-Dieter Stieglitz und Bernhard Strauß.
1 Einleitung
Die Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen fußt auf der von Sigmund Freud begründeten Psychoanalyse und deren Erweiterungen. Wesentliche Impulse zur Entwicklung der Psychoanalyse sind von der Kinderanalyse ausgegangen. Bis in die 70er Jahre des 20. Jhd. hat sich die Psychoanalyse zwar mit schulenspezifischen Varianten, jedoch wissenschaftlich, methodologisch und behandlungstechnisch relativ konsistent dargestellt. Zunehmend aber stellten sich Behandlungsnotwendigkeiten ein, die mit der »klassischen Psychoanalyse« nicht mehr ohne Weiteres zu bewältigen waren. Zudem bildeten sich Ärztinnen und Ärzte in Psychoanalyse weiter und arbeiteten damit in Praxen und Kliniken, ohne sämtliche Ausbildungsstandards zu erfüllen. Die Psychoanalyse musste also – wollte sie weiterhin möglichst vielen Patientinnen und Patienten zugänglich sein – Modifikationen erfahren. Mit der Zulassung der Psychoanalyse als kassenfinanzierte Krankenbehandlung 1971 wurden zwei Verfahren definiert: Die analytische und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (AP und TfP). Analog dazu gab es diese Differenzierung von nun an auch in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Lange Zeit ging man davon aus, dass sich in diesem Anwendungsbereich die beiden Verfahren schwer voneinander unterscheiden lassen, klare Unterscheidungskriterien hinsichtlich der Differentialindikation und der Behandlungstechnik fehlten. Diese Unschärfen drängten zur Klärung, als mit dem Psychotherapeutengesetz 1999 endgültig zwei Verfahren mit zwei Ausbildungen etabliert wurden und Institute entstanden, die ausschließlich in TfP für Kinder und Jugendliche ausbildeten. Es mussten also auch im Kinder- und Jugendlichenbereich beide Verfahren in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden begründet, differenziert dargestellt und in der klinischen Praxis verankert werden (Burchartz 2015).
Die verschiedenen Anwendungen der Psychoanalyse in der Krankenbehandlung bezeichnet man heute als »Psychodynamische Psychotherapie(n)«, weil allen gemeinsam die Annahme eines innerseelischen Kräftespiels, einer Psychodynamik ist, die Fühlen, Fantasieren, Denken und Verhalten des Menschen prägt. Dieses Buch stellt also zwei verwandte psychoanalytische Verfahren dar. Wo von deren Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Geschichte, der wissenschaftlichen Grundlagen und der metapsychologischen Annahmen die Rede ist, wird im Text nicht differenziert; Unterschiede v. a. in der Behandlungstechnik werden in den entsprechenden Kapiteln markiert.
In den Anfängen der psychoanalytischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sprach man von Kinderanalyse. Sie wurde von Analytikerinnen und Analytikern durchgeführt, die auch Erwachsene behandelten. Es hat mit der geschichtlichen Entwicklung zu tun (
Kap. 2.16), dass es strittig ist, wer sich heute »Kinderanalytiker« nennen kann und was als »Kinderanalyse« bezeichnet wird. In der IPA (International Psychoanalytic Association) wird dieser Begriff ausschließlich für solche Behandlungen reserviert, die von Analytikerinnen und Analytikern durchgeführt werden, die auch für Erwachsenenanalysen ausgebildet sind und die hochfrequent – also mindestens dreistündig – erfolgen (
Kap. 2.9,
Kap. 2.16). Diese Einengung leuchtet nicht ein: Zum einen, weil sich eine Analyse nicht allein durch die Frequenz definiert, zum anderen weil sich nach einem langen Weg der Emanzipation der kinderanalytischen Arbeit (Müller-Brühn 2003 (1998); Holder 2002) jeder, der eine Ausbildung zum analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut mit einer Lehranalyse durchlaufen hat, als Analytiker bezeichnen kann.
Kinderanalytiker arbeiten mit vielfältigen Anwendungsformen und Settings (
Kap. 9). Ziel in der Analytischen Psychotherapie ist die Umstrukturierung der Persönlichkeit bzw. der Persönlichkeitsentwicklung, in der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie eine aktuelle Konfliktlösung oder die Reifung der Struktur.
Definition
Dieses Werk versteht unter »Psychoanalyse« das wissenschaftliche und anthropologische Gebäude, dessen Fundamente von Sigmund Freud gelegt wurden und das sich seither in einem gemeinsamen Diskurs von Psychoanalytikern, zu denen auch und gerade Kinderanalytiker gehören, laufend fortentwickelt. Unter dem Dach dieses Gebäudes wohnen nicht allein verschiedene therapeutische Anwendungsformen, sondern auch kulturanthropologische, soziologische und pädagogische Ansätze und Forschungen – z. B. die Ethnopsychoanalyse, die Psychoanalytische Pädagogik, die Psychoanalytische Sozialarbeit usw.
Für die TfP müssen sich Kinderanalytiker speziell qualifizieren – meist in einer sog. »verklammerten« Ausbildung, in der sowohl AP als auch TfP gelehrt wird. Kinderanalytiker sind also Psychotherapeuten, ebenso wie Psychotherapeuten, die sich allein in TfP ausgebildet haben, jedoch nicht Kinderanalytiker sind. Der Text beachtet diese Differenzierung, wo sie sachlich notwendig ist.
Psychoanalytiker kamen über viele Jahrzehnte aus einem breiten Spektrum von Grundberufen (Freud 1926e). Kinderanalytiker kamen mehrheitlich aus pädagogischen Berufen – sie brachten also eine fundierte Sichtweise auf das gesunde Kind und seine Entwicklung mit. Mit der grundlegenden Novellierung der Psychotherapeutenausbildung 2019 sind solche Zugänge verschlossen. Psychotherapeut wird, wer einen Masterabschluss in dem neu etablierten Hochschulstudium der Psychotherapie absolviert hat. Das bedeutet für die Psychoanalyse einen herben Verlust an Vielfalt fachlicher und persönlicher Kompetenzen. Es wird sich zeigen, wie sich diese sowohl an den Hochschulen als auch in der vertieften postgradualen Ausbildung erwerben lassen.
Das Verfassen eines Textes steht vor einem Konflikt zwischen einer gerechten Sprache, in der Geschlechter gleichwertig vorkommen, und einer flüssigen Lesbarkeit. Ich habe mich dafür entschieden, dort zwischen den Geschlechtern zu differenzieren, wo es für das Verständnis geboten ist, ansonsten aber die traditionelle Sprache beizubehalten mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass damit keine Diskriminierung anderer Geschlechter verbunden ist.
2 Ursprung und Entwicklung des Verfahrens
2.1 Die Anfänge
Am 4. April 1986 betrat ein junger Arzt nach einem halbjährigen Studienaufenthalt in Paris und Berlin Wiener Boden. Fasziniert von der hypnotischen Behandlungsmethode, die der berühmte Professor Jean Martin Charcot an der Pariser Salpêtrière bei Hysterie anwandte, versuchte er, das Wiener medizinische Establishment davon zu überzeugen – stieß jedoch auf Skepsis und Abwehr.
Kurz darauf, im April 1886, ließ sich Sigmund Freud – damals in der Rathausgasse 7 – nieder. Die Zahl seiner Patientinnen und Patienten war spärlich, sein Einkommen mager, seine wissenschaftliche Reputation bescheiden. Gleichwohl hielt er an der Behandlungsmethode fest und erzielte einige beachtliche Erfolge.
Ein wichtiger Weggefährte war der Studienfreund und Arzt Josef Breuer. Breuer war überzeugt, dass unbewältigte seelische Konflikte psychische Krankheiten hervorrufen können. Er arbeitete mit der Hypnose, später mit der »kathartischen Technik«, welcher die Vorstellung zugrunde lag, psychische Spannungen durch das Reden darüber mit dem Arzt abzuführen. Über die Behandlung seiner Patientin Bertha Pappenheim (»Anna O.«) ab dem Jahr 1880 tauschte er sich intensiv mit Freud aus. Dieser Fall gilt als die Geburtsstunde der Psychoanalyse. Mit Breuer zusammen gab Freud 1895 die »Studien über Hysterie« (Freud 1895d) heraus, dieses Werk kann man als erste psychoanalytische Veröffentlichung ansehen. Die Beziehung zu Breuer kühlte ab, als Freud verdrängte sexuelle Motive am Grunde der Hysterie postulierte – dem wollte Breuer nicht folgen. Ex post muss jedoch festgehalten werden, dass die »Redekur« lediglich die Anfänge dessen waren, was Freud später als Psychoanalyse ausgearbeitet hat. Es musste noch ein zweites Moment hinzukommen.
Freud wurde zunehmend unzufrieden mit der Hypnose. Nicht alle seiner Patientinnen konnten mit der Methode erfolgreich behandelt werden (Whitebook 2018, S. 157 f.). Da war die kathartische Technik willkommen. Es lässt sich nicht genau rekonstruieren, wer die Entwicklung der kathartischen Technik für sich beanspruchen dürfe – Freud selbst nahm dazu später widersprüchlich Stellung – (Freud 1910a, S. 3; 1914d, S. 46; 1916–1917, S. 289; 1925g, S. 562). In ihr liegen bereits zwei wesentliche Elemente der späteren Psychoanalyse vor: zum einen die Annahme, dass psychoneurotische Symptome aus früheren verdrängten Erlebnissen resultieren – Freud postulierte, diese Erlebnisse beruhen auf einer sexuellen Stimulierung des Kindes oder des Jugendlichen, mithin auf einem sexuellen Übergriff durch Erwachsene, also einem Trauma (die sog. »Verführungstheorie«). Zum anderen der Behandlungsansatz, dass sich durch eine Wiederbelebung dieser Erlebnisse in der »Kur« eine Katharsis durch Bewusstwerdung ereignet. Die Reproduktion der ursprünglichen Szene geschieht über assoziative Vorgänge, die durch deren Analyse einer kausalen Verknüpfung zugänglich werden. Damit wird der Befragung im Gespräch eine vorgeordnete Stellung eingeräumt – anstelle der hypnotischen Überwältigung (Alt 2016, S. 199).
Die Verführungstheorie beschreibt ein komplexes Geschehen: Das Trauma kann durch psychische Tätigkeit wie Spannungsabfuhr oder »kontrastierende Vorstellungen« nicht vollständig erledigt werden (Freud 1893h, S. 192 f.) und bleibt in »Reminiszenzen« erhalten. Diese werden durch aktuelle Erlebnisse wachgerufen und verknüpfen sich mit diesen zum Symptom, ohne die Verdrängung aufzuheben. Freud nannte diesen Vorgang die »Nachträglichkeit« (Freud 1885/1950a, S. 444 ff.) (Burchartz 2019b, S. 16).
Die Verführungstheorie erfuhr eine Erschütterung, als Freud erkannte, dass nicht jede neurotische Erkrankung auf reale Kindheitstraumata zurückzuführen ist. Er relativierte sie zugunsten einer Trieb-Konflikt-Theorie, in welcher er eine Ätiologie der Neurose aufgrund intrapsychischer Vorgänge postulierte. In einem Brief an Wilhelm Fließ, einem vertrauten Freund und Gesprächspartner, (Nr. 139 vom 21. September 1897) heißt es, »daß man die Wahrheit und die mit Affekt besetzte Fiktion nicht unterscheiden kann« (Freud 1986, S. 284; vgl. Gay 1999, S. 108, 112 f.). Die Triebtheorie brachte das zentrale psychoanalytische Theorem des Ödipuskomplexes hervor. Weiterhin waren die sexuellen Motive in den Neurosen unabweisbar. Zumindest mischen sich in der Entstehung der Neurosen reale Ereignisse mit sexuellen Fantasien und Wünschen des Kindes. Es gibt also eine infantile Sexualität, die nicht an die unmittelbare genitale Triebbefriedigung gekoppelt ist.
Mit der Triebtheorie liegt ein erstes psychoanalytisches Modell des psychischen Geschehens und darauf basierend ein Behandlungsverfahren vor. Zentral ist die Annahme des Unbewussten im ersten »topischen Modell«: Unbewusstes, Vorbewusstes und Bewusstes wirken zusammen in der Bearbeitung des Triebgeschehens, etwa durch Vorgänge wie der Verdrängung, der Verkehrung ins Gegenteil, der Sublimierung usw. Die Funktionsweisen des Unbewussten – z. B. Verdichtung und Verschiebung – arbeitete Freud in der »Traumdeutung« (Freud 1900a) heraus. Er unterschied zwischen Lust- und Realitätsprinzip, Primär- und Sekundärvorgang.
Im zweiten topischen Modell oder Strukturmodell rückt das Ich an bedeutende Stelle zwischen dem nun sogenannten Es und dem Über-Ich. Das Ich – teils bewusst, teils unbewusst – vermittelt zwischen den Triebansprüchen des Es, den moralischen und kulturellen Forderungen des Über-Ichs und der vorfindlichen Realität. Es nimmt dazu Abwehrvorgänge zu Hilfe.
Merke
Die Psychoanalyse begann als Traumatherapie. Aufbauend auf der Verführungstheorie entwickelte Freud die Triebtheorie, die mit der Entdeckung der infantilen Sexualität einherging. Die Struktur der Psyche wurde in den beiden topischen Modellen beschrieben.
2.2 Die infantile Sexualität
Für die Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen ist das psychoanalytische Verständnis der infantilen Sexualität von großer Bedeutung. Sie ist durch drei Merkmale gekennzeichnet (Burchartz et al. 2016, S. 61 ff.).
Sie vollzieht sich in Anlehnung an Körperfunktionen. Sexuell sind nicht die Körperfunktionen selbst, wie etwa das Stillen, sondern die begleitenden Lustempfindungen. Diese Lustempfindungen verlangen nach Wiederholung, sie lösen sich von den Körperfunktionen und können auch hervorgerufen werden etwa durch das Lutschen an anderen Körperteilen oder Gegenständen, unabhängig von Funktionen wie z. B. der Nahrungsaufnahme (Freud 1905d, S. 82).
Damit sind die Körperteile und Gegenstände nicht selbst lusterregend oder einfach Ersatz für die Mutterbrust, vielmehr entsteht die Erregung an sog. erogenen Zonen, z. B. der Mundschleimhaut, später dem Analbereich oder den Genitalien. Die erogenen Zonen sind nicht Ursprung des Sexualtriebes, sondern Orte der Erregungsabfuhr.
Die infantilen Sexualbetätigungen sind autoerotisch, kennen noch kein Objekt, an dem ein Triebziel erreicht wird.
In dieser Konzeption ist der Trieb vornehmlich ein psychisches Geschehen, das sich körperlicher Vorgänge bedient. Die infantile Sexualität ist noch nicht von Scham, Ekel oder kulturellen Verboten gehemmt, sie ist vielgestaltig und primär objektlos. Erst im Verlauf der Umgestaltungen der Sexualität in der Pubertät ordnen sich die »Partialtriebe« dem »Primat der Genitalität« unter (Freud 1905d, S. 92, 109 ff.), ohne jedoch gänzlich in dieser aufzugehen.
Allmählich aber taucht ein Objekt auf, welches das Kind findet oder besser: wiederfindet. Freud geht noch einen Schritt weiter: Das Kind erschafft sich das Sexualobjekt, das es mit seinen libidinösen Strebungen besetzt.
Umgekehrt aber besetzen auch die Eltern das Kind in sublimer Form als Sexualobjekt. »Der Verkehr des Kindes mit seiner Pflegeperson ist für dasselbe eine unaufhörlich fließende Quelle sexueller Erregung und Befriedigung von erogenen Zonen aus, zumal da letztere – in der Regel doch die Mutter – das Kind selbst mit Gefühlen bedenkt, die aus ihrem Sexualleben stammen, es streichelt, küßt und wiegt und ganz deutlich zum Ersatz für ein vollgültiges Sexualobjekt nimmt.« (Freud 1905d, S. 124). Die infantile Sexualität hat demnach seine Wurzel in einer Beziehung, in welcher das Begehren von den Erwachsenen ausgeht. Diesen Gedanken griff später Jean Laplanche in seiner »allgemeinen Verführungstheorie« auf (Laplanche 2004, 2017).
2.3 Die Phasen der infantilen Sexualentwicklung
Im Lauf der kindlichen Entwicklung treten bestimmte erogene Zonen in den Vordergrund. Nach ihnen benennt die frühe psychoanalytische Entwicklungstheorie Phasen. Freud geht von einer »zweizeitigen Sexualentwicklung« des Menschen aus: die frühkindlichen Sexualkonflikte kommen in der Latenz vorläufig zur Ruhe, um in einem zweiten Entwicklungsschub in Pubertät und Adoleszenz zur erwachsenen genitalen Sexualität zu reifen.
Die einzelnen Phasen, angelehnt an körperliche Vorgänge, beschreiben psychische Modalitäten, die lebenslang das Seelenleben des Menschen begleiten, jedoch in der jeweiligen Phase in den Vordergrund treten.
In der oralen Phase geht es um Modi des Aufnehmens und Empfangens, um emotionale Sicherheit und Vertrauen in eine haltende und lebensspendende Umwelt, aber auch um die Modulation von Gier und Neid.
Die anale Phase ist geprägt von Konflikten um Zurückhalten und Loslassen, Macht und Kontrolle, Beherrschung und Unterwerfung, Geben und Nehmen.
In der genital-ödipalen Phase rückt das Thema Liebe und Hass in einer Dreiecksbeziehung in den Mittelpunkt. Stolz, Schau- und Zeigelust, Rivalität und Ausschluss und die Anerkennung der grundlegenden triadischen Struktur des Lebens stellen sich als Entwicklungsaufgaben.
In der Latenz entfaltet das Kind Lern- und Wissbegier, den Wunsch, die Dinge der Welt zu entdecken, Fähigkeiten zu verfeinern und Können zu erwerben, Selbstvertrauen zu verankern. Die Affektsteuerung ist nun gereift, neue soziale Räume und außerfamiliäre Beziehungen werden wichtiger.
Die Pubertät und Adoleszenz stellt den jungen Menschen vor die zwei zentralen Aufgaben der Ablösung von den Primärobjekten und des Aufbaus einer eigenen Identität.
Erik H. Erikson (1966) arbeitete diese psychoanalytische Entwicklungspsychologie weiter aus zu einem »epigenetischen Entwicklungsmodell«. Ähnlich wie Havighurst (1972), vgl. OPD-KJ 2 (2016, S. 30), ordnet er jeder Phase einen spezifischen Grundkonflikt zu, den zu lösen sich dem Individuum als Entwicklungsaufgabe stellt. Dabei dehnt er das Konzept der Entwicklung über das Kindheits- und Jugendalter aus auf den gesamten Lebenszyklus des Menschen. Es ist die Leistung des Ichs, das in der Balance von Konflikten auch zwischen Individuum und den Anforderungen der Gesellschaft vermittelt (
Kap. 4.2).
Neuere psychodynamische Entwicklungsmodelle sind in der OPD-KJ 2 (2016) eingearbeitet (
Kap. 4.2,
Kap. 5.7.3).
Ein zentrales Theorem der Psychoanalyse ist der Ödipuskomplex. Sein Name leitet sich her vom antiken Mythos von Ödipus, der ohne Wissen seinen Vater tötet und seine Mutter heiratet. In der Entwicklung tritt er hervor, wenn dem Kind etwa ab dem Alter von 2,5 Jahren der Geschlechtsunterschied bedeutend wird. Das Kind möchte Teil des Elternpaares sein und richtet sein erotisches Begehren auf den gegengeschlechtlichen Elternteil. Nun entsteht Rivalität zum gleichgeschlechtlichen Elternteil. Das Kind hat es mit zwei Strebungen zu tun: Es empfindet Rivalität und Hass, möchte aber doch die Liebe zu beiden Eltern nicht missen. Das zieht Schuldgefühle nach sich. Freilich muss es auch erkennen, dass es einerseits zu klein ist, um diesen erotischen Wünschen wirklich gerecht zu werden, andererseits wird es gewahr, dass – wenn alles gut geht – das begehrte Liebesobjekt den anderen Elternteil erotisch vorzieht und es aus der sexuellen Elternbeziehung ausgeschlossen ist. »Der Verzicht auf das begehrte Sexualobjekt, die Verschiebung und der Aufschub des Triebwunsches auf nicht-inzestuöse Liebespartner und die Identifizierung mit dem eigenen Geschlecht und seinen Rollenausprägungen sind die Lösung dieser vertrackten Konstellation.« (Burchartz et al. 2016, S. 64). Damit sind die Voraussetzungen geschaffen für eine reife Geschlechtsidentität und eine Ausbalancierung von Nähe und Distanz sowie ein Internalisieren kultureller Verbote als Über-Ich.
Der Ödipuskomplex ist als metapsychologische psychoanalytische Konstruktion umstritten. Gleichwohl enthält er einige Grundbedingungen menschlicher Existenz: die Zweigeschlechtlichkeit, die grundlegend triadische Struktur der Psyche, das Inzestverbot, die Ambivalenz dem anderen gegenüber. Ödipale Verstrickungen lassen sich im Laufe des Heranwachsens unschwer beobachten. Im Rahmen der Neubetrachtung der geschlechtlichen Identitäten (hinsichtlich Kerngeschlechtsidentität, Sexualpartnerwahl und Geschlechtsrollen) ist – im Anschluss an Jaques Lacan – festzuhalten, dass der/die Dritte nicht unbedingt ein gleichgeschlechtlicher Elternteil ist, sondern dass es hier vielmehr um eine Funktion geht, die auch andere, auch gesellschaftliche Instanzen einnehmen können. Immer aber geht es um die Begrenzung omnipotenter Ansprüche an das Liebesobjekt und die Errichtung einer Generationengrenze.
Merke
Die infantile Sexualität ist ein psychisches Geschehen, das einer Beziehung erwächst. Sie lehnt sich an Körperfunktionen an. Erogene Zonen dienen der Erregungsabfuhr. Zentrale psychosexuelle Entwicklungsaufgaben strukturieren die frühe psychoanalytische Entwicklungspsychologie, in welcher der Ödipuskomplex eine zentrale Position einnimmt.
2.4 Übertragung, Gegenübertragung, Widerstand
In seiner analytischen Arbeit entdeckte Freud schon bald ein Phänomen, das er Übertragung nannte.
Definition
Übertragungen »sind Neuauflagen, Nachbildungen von den Regungen des Patienten, die während des Vordringens der Analyse erweckt und bewußt gemacht werden sollen, mit einer für die Gattung charakteristischen Ersetzung einer früheren Person durch die Person des Arztes.« (Freud 1905e (1901), S. 279).
Übertragen werden nicht allein einzelne »Regungen«, sondern ganze Beziehungsmuster, die aus anderen Quellen als der Analyse stammen. Zunächst war dies für Freud ein ärgerliches Phänomen. Bald aber erkannte er, dass in der Übertragung sich etwas wiederholte, was dem Patienten unbewusst ist – sei es verdrängt, sei es noch nie bewusst. Was nicht erinnert werden kann, muss mit dem Analytiker in Szene gesetzt werden. So lässt sich die Übertragung als Teil einer unbewussten Kommunikation begreifen, eine Mitteilung, die in keiner anderen Form möglich ist. Die Übertragung »wird zum mächtigsten Hilfsmittel (der Psychoanalyse), wenn es gelingt, sie jedesmal zu erraten und dem Kranken zu übersetzen« (Freud 1905e (1901), S. 281).
Damit ist ein zentraler Behandlungsparameter der psychodynamischen Psychotherapien gefunden. Es gilt, ein Setting zu etablieren, in dem durch die Analyse der Übertragung im »Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten« (Freud 1914g) die Neurose aufgelöst werden kann.
Die Übertragung drängt dem Analytiker eine bestimmte Rolle in der inneren Szene des Patienten auf. Da kann es nicht ausbleiben, dass der Analytiker auf die Übertragung des Patienten mit eigenen Regungen teils unbewusster Natur reagiert.
Definition
Die Gegenübertragung ist die »Gesamtheit der unbewußten Reaktionen des Analytikers auf die Person des Analysanden und ganz besonders auf dessen Übertragung« (Laplanche und Pontalis 1973/1973, S. 164).
Auch dieses Phänomen war Freud verdächtig. Die Gegenübertragung verstelle den Blick des Analytikers auf seinen Patienten, deshalb müsse jener die Gegenübertragung »in sich erkennen und bewältigen« (Freud 1910d, S. 108).
Erst Ende der 1940er Jahre veränderte sich der Blickwinkel. Paula Heimann begriff die Gegenübertragung in einem Vortrag (On Countertransference 1949/1950, Heimann 1964) als eine Schöpfung des Patienten. Damit wurde sie zu einem wesentlichen Teil der Diagnostik: Anhand der Gegenübertragung lassen sich die momentanen unbewussten Regungen, Wünsche, Ängste des Patienten erkennen, gleichsam in einer Kommunikation von Unbewusst zu Unbewusst. Die Gegenübertragung sei »Ausdruck einer in höchstem Maß dynamischen Rezeption der Stimme des Patienten« (Heimann 2016 [1950], S. 113). Die Gegenübertragung kann konkordant erfolgen – dann spürt der Analytiker die gleichen Gefühle wie der Patient. Sie kann komplementär erfolgen, dann spürt der Analytiker Regungen, welche der Reaktion einer Person aus einer früheren oder gegenwärtigen Beziehung des Patienten entsprechen. Damit wurde die Gegenübertragung zu einem zentralen Erkenntnismittel in den psychodynamischen Psychotherapien.
Ein erweitertes Verständnis von Übertragung und Gegenübertragung finden wir heute in der relationalen Psychoanalyse (
Kap. 2.12).
Ein drittes Phänomen schien sich dem Fortschreiten des Heilungsprozesses in der Psychoanalyse in den Weg zu stellen: Der Widerstand. Jedes neurotische Symptom stellt eine kreative Lösung der Psyche des Patienten dar, womit sich dieser gegen Angst und weitergehende Dekompensationen schützt. So wird verständlich, dass er seine Krankheit nicht ohne weiteres aufgeben will. Eine psychodynamische Psychotherapie mutet dem Patienten zu, seine Abwehr zu lockern, zu modifizieren und bestimmte Abwehrformen ganz aufzugeben. Damit wird der Patient konfrontiert mit schmerzhaften Emotionen und peinlichen Einsichten, mit Gefühlen der Schutzlosigkeit. Wenn auch der Patient bewusst eine Heilung oder Besserung seines Zustandes anstrebt, so sträubt sich doch ein anderer, unbewusster und oft mächtiger Teil seines Seelenlebens dagegen. Niemand gibt gerne eine Heimat auf, auch wenn sie unbequem geworden ist, für den Übergang in ein fremdes, noch unbekanntes Land, dessen Gefahren man kaum einzuschätzen weiß.
Insbesondere Kinder wehren sich gegen Veränderungen, vor allem dann, wenn sie sich angstvoll an eine Illusion umfänglicher Befriedigungszufuhr klammern. Sie suchen ja auch nicht von sich aus einen Psychotherapeuten auf. Ihr Leben kommt ihnen meist ganz »normal« vor, sie kennen es nicht anders, die Beschwerden und Probleme haben die anderen, die Erwachsenen. Besonders im Jugendalter sträubt sich alles in den Heranwachsenden, als »psychisch krank« definiert zu werden, das kommt einer schweren narzisstischen Kränkung gleich – weshalb die Widerstände so groß sein können, dass eine Psychotherapie trotz signifikanten Symptomdrucks erst gar nicht zustande kommt. Die Verweigerung lässt sich als eine letzte Bastion der Verteidigung der Autonomie verstehen.
Aber auch in Eltern regen sich Widerstände gegen die Therapie ihres Kindes. Häufig hat ein Kind und seine psychische Erkrankung eine regulierende Funktion im psychischen Gefüge der Eltern oder im Familiensystem. Eine Veränderung im Kind kann deshalb ein bisher leidlich aufrechterhaltenes Gleichgewicht labilisieren. Mit Fortschreiten des Heilungsprozesses werden im Familiensystem Ängste aktiviert. Nun werden der Therapie Hindernisse in den Weg gelegt, unter Umständen droht dann auch ein Abbruch.
Nicht zuletzt muss berücksichtigt werden, dass sich auch im Therapeuten Widerstände regen können, etwa dann, wenn in der Therapie Themen auftauchen, die für den Therapeuten angstbesetzt sind. Es ist Aufgabe jedes Therapeuten, diese Eigenanteile sorgfältig zu reflektieren und mithilfe einer Supervision zu bearbeiten.
Widerstände können vielfältige Formen annehmen. Zu erkennen sind sie, wenn äußere Vereinbarungen unterlaufen werden, wenn die Therapie stagniert oder wenn wichtige Themen vermieden werden.
So gesehen ist auch der Widerstand ein ärgerliches Phänomen. Gleichwohl steht er im Dienste des Schutzes der Beteiligten. Wie bei Übertragung und Gegenübertragung ist der Widerstand eine Sprache des Unbewussten und deshalb ein wertvoller Vorgang, wie in einem Brennpunkt zeigen sich darin die entscheidenden Konfliktherde. Die Bearbeitung des Widerstandes und die Entschlüsselung seiner Bedeutung ergibt besonders evidente Einsichten in das unbewusste Geschehen, ereignet er sich doch zwischen zwei (oder mehreren Personen) im Hier und Jetzt und lässt sich nicht ohne weiteres verleugnend beiseiteschieben.
Damit sind einige wichtige Grundlagen seit den Anfängen der Psychoanalyse dargestellt, die für die Entwicklung der psychodynamischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie von Bedeutung sind. Die Psychoanalyse hat sich seither in mehrere Hauptströmungen verzweigt, die auch in Theorie und Praxis von Kinder- und Jugendlichenbehandlungen Eingang gefunden haben: Triebtheorie, Ich-Psychologie, Objektbeziehungspsychologie, Selbstpsychologie und die intersubjektive Psychoanalyse. Es würde allerdings den Rahmen dieser Darstellung sprengen, wollte man sie detailliert nachzeichnen.
Vertiefung: Einen Überblick über die psychoanalytischen Schulen gibt: Burchartz et al. (2016); ausführlich: Mertens 2010–2012.
Merke
Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand und deren Bearbeitung sind zentrale Behandlungsparameter in psychodynamischen Psychotherapien.
2.5 Die Ursprünge der Kinderanalyse
2.5.1 »Tarquinius Superbus«
Die analytische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beginnt mit Sigmund Freud. Das früheste Zeugnis einer analytischen Kinderbehandlung finden wir in der »Psychopathologie des Alltagslebens« (Freud 1901b, S. 220 ff.). Ein knapp 13-jähriger Junge war mit einer schweren Symptomatik bei ihm in Behandlung. »Er musste nach meiner Voraussetzung sexuelle Erfahrungen gemacht haben«. Freud beobachtete eine »Symptomhandlung«: Der Junge knetete aus einem Klumpen Brotkrumen eine Menschenfigur mit einem »Fortsatz zwischen beiden Beinen, den er in eine lange Spitze auszog«. Freud erzählte ihm daraufhin die Geschichte von Tarquinius Superbus und seinem Sohn. Der Junge nahm das auf und reagierte mit einer weiteren Symbolhandlung, die zeigte, dass er sich von Freud verstanden fühlte (Müller 2012).
Diese kleine Vignette zeigt bereits einige Prinzipien der psychodynamischen Kindertherapie: Alles, was in der Therapie geschieht, ist von Bedeutung und ist mit der Symptomatik verbunden. Freud lud den Jungen ein, mithilfe seiner Erzählung die Bedeutung selbst zu entdecken – die Deutung ist eine gemeinsame Schöpfung von Therapeut und Patient. Indem sich Freud auf das Spiel des Jungen einließ und seinerseits einen spontanen Einfall beisteuerte, entstand ein vitaler Bezug zwischen beiden, der einen Raum zum Fantasieren und Nachdenken eröffnete. Eine sehr moderne Behandlungskonzeption: wichtig für den Erfolg einer Therapie ist die Mentalisierung und Symbolisierung, ebenso die Authentizität des Therapeuten.
2.5.2 Der »Fall Dora«
Freuds »Bruchstück einer Hysterie-Analyse«, 1905 veröffentlicht, enthält die Behandlung der zu Beginn der Analyse 17-jährigen Adoleszenten »Dora« (Ida Bauer). Die Jugendliche wurde von ihrem Vater – einst selbst bei Freud in Analyse – zu Freud gebracht, nachdem sie, die bereits seit längerem an hysterischen Symptomen litt, einen Brief hatte herumliegenlassen, in dem sie Suizidabsichten äußerte. Nachdem sie in einem Gespräch mit dem Vater bewusstlos wurde, »wurde trotz ihres Sträubens bestimmt, daß sie in meine Behandlung treten sollte«, so Freud (S. 168). Im Hintergrund steht eine verwickelte Familiengeschichte: Die Eltern von Ida waren befreundet mit einem Ehepaar K. Der Vater hatte ein Verhältnis mit Frau K., Herr K. stellte der Jugendlichen mit sexuellen Avancen nach, zuletzt, als Ida 16 war, schlug er ihr ein heimliches Liebesverhältnis vor. Ihrer Offenbarung wurde von den Eltern nicht geglaubt, Herr K. bestritt alles, Frau K. warf ihr vor, »liebestoll« zu sein.
Die Behandlung wurde nach etwa drei Monaten von der Patientin abgebrochen.
Diese Behandlung gab Anlass zu leidenschaftlicher Auseinandersetzung zwischen Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern und ist vielfach kommentiert worden (Burchartz et al. 2016). Einige fundamentale Erkenntnisse für Jugendlichen-Behandlungen lassen sich festhalten:
Freud wollte mit der Veröffentlichung v. a. auf den Zusammenhang von Traum, Hysterie und Sexualität hinweisen. Was ihm noch nicht zur Verfügung stand, war ein tieferes Verständnis von Übertragung und Gegenübertragung – immerhin hat er das Phänomen der Übertragung anhand des Falles präzise herausgearbeitet. Sein wissenschaftliches Interesse hat ihm vermutlich den Blick verstellt, dass Ida nur widerwillig zu ihm in Analyse gekommen war: mit einer »negativen Übertragung«, einem Misstrauen – musste sie doch vermuten, dass Freud mit den Erwachsenen im Bunde steht.
Freud behandelte Ida wie eine Erwachsene – hatte jedoch eine Jugendliche vor sich, die sich vermutlich wünschte, dass er ihr in den Machenschaften der Erwachsenen empathisch beistehen und ihrer Wahrheit Beachtung schenken würde.
Konzepte für Jugendlichen-Behandlungen, auch für die weibliche Sexualität, mussten erst noch entwickelt werden.
Ein typischer Konflikt zeigte sich bereits in dieser Behandlung: Der Auftrag des Vaters, seine Tochter vom Symptom zu befreien, war nicht deckungsgleich mit dem Wunsch der verletzten Adoleszenten. Auch dies hat bis heute Gültigkeit: Die Aufträge und Ziele der Behandlung sind zwischen Eltern und jugendlichen Patienten selten in Einklang zu bringen.
Auch und gerade eingeschränkt erfolgreiche Behandlungen haben in der Psychoanalyse immer zu Fortschritten und neuen Erkenntnissen geführt – darin ist der Wert auch dieses »Bruchstücks« und seiner mutigen Veröffentlichung zu sehen.
2.5.3 Der »Kleine Hans«
Am 30. März 1908 erhielt Freud Besuch von Max Graf, einem Musiker, Journalist, Schriftsteller und Professor am Wiener Konservatorium, der seit 1902 zu Freuds Diskussionszirkel der »Mittwochsgesellschaft« gehörte, und seinem fünfjährigen Sohn Herbert (»Der kleine Hans«). Herbert litt seit Januar 1908 an einer Pferdephobie. Freud widmete sich dem kleinen Jungen, indem er ihn als vollgültigen Gesprächspartner ernst nahm und alles, was das Kind ihm mitteilte, in seine Überlegungen einbezog. Fortan besuchte der Vater Freud über fünf Wochen regelmäßig und erstattete ihm Bericht über die Gespräche mit seinem Sohn. Unter Freuds Anleitung gelang es dem Vater, die unbewusste Bedeutung der Symptomatik des Jungen zu entschlüsseln und ihm so zur Erledigung der Phobie zu verhelfen. (Freud 1909b; vgl. Alt 2016, S. 424 ff.; Burchartz et al. 2016, S. 25 ff.)
Der Junge hatte ein erschreckendes Erlebnis: er beobachtete, wie ein beladener Pferdewagen mitsamt den Pferden umkippte. Er hielt eines der beiden Pferde für tot. Von Angst überwältigt, wollte er fortan kaum mehr aus dem Haus, vermied Situationen, bei denen er Pferden begegnen könnte (schwierig zu einer Zeit, in welcher Pferde als Transportmittel allgegenwärtig waren). Er fürchtete, die Pferde könnten umfallen oder er könnte von einem Pferd gebissen werden. Freud verstand die Angst als mehrfach determiniert: Zum einen hatte Herbert ein verstärktes Interesse an seinem Penis entwickelt und verglich sie mit den entsprechenden Organen der Tiere. Zum anderen erwachte in dem Jungen ein ödipales Begehren der Mutter gegenüber, womit er in einen Konflikt mit dem geliebten Vater geriet. Die Mutter verbot dem Jungen die Beschäftigung mit seinem »Wiwimacher« unter Kastrationsdrohungen. Schließlich hatte es das Kind auch mit der Eifersucht auf seine kleine Schwester zu tun, die geboren wurde, als Herbert 3,5 Jahre alt war. Es gab also genug Grund, eine Strafe für seine verbotenen Wünsche zu fürchten. Der Pferdeunfall diente nun dazu, Hass, Angst vor Rache und Rivalität auf ein phobisches Objekt zu verschieben und sich damit in die schützenden Beziehungen zu seinen vertrauten Objekten zurückzuziehen – mit der Fantasie, mit der Mutter ein Kind hervorzubringen. Erst nachdem die Eltern eine entspanntere Haltung einnehmen konnten und der Junge seine Fantasien angstfreier äußern konnte, legte sich die Phobie.
Freud betonte, dass ödipale Wünsche und Fantasien zu einer normalen Entwicklung gehören. Für ihn hatten die Aussagen des Kindes genauso viel Gewicht wie diejenigen von Erwachsenen. Herbert, ein kluges und wissbegieriges Kind, nahm die Erklärungen des Professors eifrig auf. Nach der Sitzung bemerkte er: »Spricht denn der Professor mit dem lieben Gott, daß er das alles vorher wissen kann?« (Freud 1909b, S. 278). Wir können darin eine idealisierende Übertragung erkennen, die es dem Jungen leicht machte, sich dem Professor zu offenbaren. Dass die Behandlung Freuds Theorien über den Ödipuskomplex vollständig bestätigten, kann nicht nur auf eine Anpassungsleistung des Kindes zurückzuführen sein, sonst hätte sich kaum eine Auflösung der Phobie eingestellt, die ja eben der Anpassung an die impliziten Verbote und Drohungen der Erwachsenenwelt diente. Herbert war selbstbewusst genug, auch Deutungen zu widersprechen, wenn sie ihm nicht einleuchteten.
Am 7. Oktober 1908 begegneten sich Freud und sein kleiner Patient wieder. Herbert war vollständig geheilt, bei einem späteren Wiedersehen, 13 Jahre später, erinnerte sich Herbert nicht mehr an die Behandlung.
Diese Fallgeschichte aus den Anfängen der Kinderanalyse ist aus heutiger Sicht eher als eine psychoanalytische Elternberatung zu werten. Gleichwohl erbrachte sie wichtige Grundlagen:
Alle Äußerungen eines Kindes sind vollumfänglich ernst zu nehmen und in die Behandlung einzubeziehen. Sie haben das gleiche Gewicht wie Mitteilungen von Erwachsenen.
Deshalb besteht die analytische Haltung weniger in einem »Ausfragen«, als in einem teilnehmenden Zuhören.
Bei der Behandlung von Kindern sind die Bezugspersonen unverzichtbare Gesprächspartner. Sie tragen durch ihre Bereitschaft, problematische Einstellungen zu überarbeiten, Wesentliches bei.
Die Behandlung lässt sich auch verstehen als ein Stück psychoanalytischer Pädagogik: In ihr wurde versucht, durch die Beeinflussung der elterlichen Erziehungshaltung und anderer pädagogischer Maßnahmen der neurotischen Entwicklung bei Kindern vorzubeugen bzw. sie zu korrigieren.
Freud war trotz dieser erfolgreichen Behandlung skeptisch gegenüber Analysen mit Kindern. In seiner Einleitung der Fallgeschichte schreibt er: »…die Sachkenntnis, vermöge welcher der Vater die Äußerungen seines 5jährigen Sohnes zu deuten verstand, hätte sich nicht ersetzen lassen; die technischen Schwierigkeiten einer Psychoanalyse in so zartem Alter wären unüberwindbar geblieben.« Die Ausarbeitung einer Psychoanalyse von Kindern und Jugendlichen war späteren Nachfolgerinnen und Nachfolgern vorbehalten.
Merke
Bereits S. Freud behandelte Kinder und Jugendliche nach psychoanalytischen Prinzipien. Gleichwohl war er skeptisch, es standen ihm noch keine ausgearbeiteten Konzepte für Kinderbehandlungen zur Verfügung.
2.6 Die »Züricher Schule«
Oskar Pfister (1873–1956, Pfarrer und Psychologe in Zürich), sozialpolitisch engagiert, nahm 1909 Kontakt mit Freud auf. Im selben Jahr besuchte er Freud und seine Familie in der Berggasse (Alt 2016, S. 485). Fortan standen beide in reger Korrespondenz. Pfister hatte wesentlichen Anteil an der Etablierung der Psychoanalyse in der Schweiz, er wandte die Psychoanalyse in seiner Arbeit mit Jugendlichen an. Es ging ihm um psychoanalytisch fundierte pädagogische Einflussnahme, um eine »Nacherziehung des gestörten Jugendlichen« (Biermann 1971, S. 3). In Folge hatte er zusammen mit anderen Pädagogen wesentlichen Anteil an der Begründung einer psychoanalytischen Pädagogik, zu nennen sind hier Ernst Schneider (1878–1957, Psychoanalytiker, Direktor eines Lehrerseminars) und Hans Zulliger (1893–1965, Volksschullehrer und Kinderanalytiker), der bedeutende Arbeiten zu Kinderbehandlungen beitrug (1952, 1961), wobei er vor allem dem kindlichen Spiel eine heilende Wirkung zuschrieb. Pfister, Schneider, Zulliger waren zusammen mit Anna Freud u. a. Mitarbeitern Herausgeber der »Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik« (1926–1938). Die Erkenntnis, dass der damals durchgängige autoritäre Erziehungsstil für neurotische Fehlentwicklungen und Erkrankungen in Kindheit und Jugend verantwortlich war, führte zu zahlreichen Reformideen, die auch praktisch umgesetzt wurden. August Aichhorn (1848–1949, Pädagoge und Psychoanalytiker) (1925), Siegfried Bernfeld (1892–1953, Pädagoge und Psychoanalytiker) (1970; 1979 [1925]), Anna Freud (1930) sind hier zu nennen. Mit Unterstützung durch Anna Freud gründeten Dorothy Burlingham und Eva Rosenfeld 1927 im Wiener Bezirk Hietzing die Burlingham-Rosenfeld-Schule, in der die Schüler nach psychoanalytisch-pädagogischen Prinzipien unterrichtet wurde, u. a. auch von Joan und Erik H. Erikson und Peter Blos. August Aichhorn war ab 1931 in der Schulleitung. Die Schule bestand bis 1932 oder 1933 (es gibt unterschiedliche Angaben).
Unter dem Einfluss Alfred Adlers (1870–1937), Psychoanalytiker und Begründer der von Freud abweichenden »Individualpsychologie«, und August Aichhorns wurden in Wien eine große Zahl von Erziehungsberatungsstellen etabliert, deren Grundidee ein prophylaktischer Ansatz war: So sollten neurotischen Fehlentwicklungen durch den rechtzeitigen Einfluss auf Eltern vorgebeugt werden. Auf Adler geht auch die Gründung psychoanalytischer Kindergärten v. a. für Arbeiterkinder zurück. Aichhorn und Bernfeld engagierten sich in der Fürsorge- und Heimerziehung.
2.7 Die »Wiener Schule«
Die psychoanalytisch-pädagogischen Ansätze konnten allerdings zwei Schwierigkeiten, die sich einer Psychoanalyse des Kindes entgegensetzten, noch nicht lösen:
Kinder assoziieren nicht (Ferenczi 1913). Damit fällt eine wesentliche Voraussetzung für die Psychoanalyse weg, die bei Erwachsenen Ausgangspunkt für die analytische Arbeit ist.
Kinder kommen nicht aus eigenem Antrieb in eine Psychoanalyse, sie haben meist keinen »Leidensdruck«. Wie führt man sie an die therapeutische Arbeit heran?
2.7.1 Hermine Hug-Hellmuth
Als erste Kinderanalytikerin gilt Hermine Hug-Hellmuth (1871–1924). Sie führte das Spiel des Kindes als therapeutisches Medium anstelle der freien Assoziation ein. Das Spiel galt ihr auch als Äquivalent zum Traum. Im Vordergrund ihrer Arbeit stand das empathische Verstehen des Kindes und seiner seelischen Regungen, das bedeutete auch, dass die Grundlage der kinderanalytischen Arbeit eine »positive emotionale Beziehung zwischen Kind und Therapeut« (Biermann 1971, S. 4) sein muss. Für unerlässlich hielt sie auch die Arbeit mit den Eltern. Die Therapie mit einem Kind hatte für Hug-Hellmut auch eine pädagogische Dimension.
2.7.2 Anna Freud
Eingehend befasste sich Anna Freud (1895–1982) mit der Kinderanalyse (Holder 2002, S. 32 ff.). Ihre grundlegenden Erkenntnisse legte sie in vier Vorträgen vor der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung vor (1926 [1927]), welche sie als »Einführung in die Technik der Kinderanalyse« 1927 veröffentlichte. Der Schwierigkeit der mangelnden Krankheitseinsicht und des fehlenden Heilungswillens begegnete sie, indem sie zur Einleitung einer Kinderanalyse umfangreiche pädagogische Maßnahmen ergriff, um das Kind an die Analyse heranzuführen. Auch für sie war der Aufbau einer positiven emotionalen Atmosphäre zwischen Kind und Analytiker entscheidend. Neben der Analyse von Träumen regte sie die Kinder zum Malen, Zeichnen und zu symbolischem Spiel und zur Inszenierung im Rollenspiel an. Das Spielen wurde durch die Deutung und das Verbalisieren der inneren Vorgänge begleitet mit dem Ziel, unbewusste Vorgänge ins Bewusstsein zu bringen und damit dem Ich zur Verfügung zu stellen, und zwar mithilfe des Wortes – wobei sich zugleich im Verbalisieren der Sekundärvorgang und damit Denkprozesse überhaupt erst bilden. (Freud 1965, S. 2153). Darin entwickelt sich die Fähigkeit zur Realitätsprüfung und zur Triebbeherrschung.
Anna Freud vertrat die Ansicht, dass Kinder zwar einzelne Übertragungselemente in die Beziehung zum Analytiker eintragen, jedoch keine umfängliche Übertragungsneurose ausbilden. Die Beziehungsmuster zu ihren primären Bezugspersonen sind noch wenig internalisiert. Der Analytiker müsse noch Liebe und Hass mit den Eltern teilen.
Später relativierte sie diese Ansicht. Ist die anfängliche Beziehung zum Analytiker noch realistisch, so mengen sich mehr und mehr libidinöse und aggressive Elemente darein, »die aus der verdrängten und von der Analyse wiederbelebten Kindheit des Patienten stammen«. (Freud 1965, S. 2158). Damit wandelt sich der Begriff der Übertragung: Übertragen werden v. a. Affekte aus den Beziehungen des Kindes, die analytische Arbeit konzentrierte sich auf die Abwehranalyse.
Mit ihrem bedeutenden Werk »Das Ich und die Abwehrmechanismen« (1936) gilt Anna Freud zusammen mit Heinz Hartmann als Begründerin der Ich-Psychologie.
1938 siedelte die Familie Freud – erzwungen durch die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten – von Wien nach London über. Anna Freud setzte dort ihre klinische, lehrende und forschende Tätigkeit fort. Sie gründete zusammen mit Dorothy Burlingham die Hampstead Nurseries, in der Kriegskinder und Kriegswaisen betreut wurden. Zwei Veröffentlichungen gingen aus dieser Arbeit hervor: »Kriegskinder« (1942) und »Anstaltskinder« (1944 [1943]). Die 1952 aus den »Nurseries« hervorgehende »Hampstead Child Therapy Course and Clinic«, zugleich Lehr- und Forschungsinstitut, wurde zur Ausbildungsstätte von Kinderanalytikern (Holder 2002, S. 45 ff.). Ein Forschungsprogramm diente der systematischen Untersuchung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und deren Behandlung und erbrachte das »Hampstead-Profil« (Freud 1962, S. 1649 ff.; 1965, S. 2254 ff.) oder »Metapsychologisches Entwicklungsprofil« (heute als »Wiener Profil« aktualisiert), ein wichtiges diagnostisches Instrumentarium.
Anna Freud betonte auch den entwicklungsfördernden Charakter der Kinderanalyse. Der Analytiker wird zu einem »Entwicklungsobjekt« (Hurry 2002, S. 43–88), mit dem das Kind eine spezifische Beziehungserfahrung macht, innerhalb derer blockierte Entwicklungen korrigiert und wiederaufgenommen werden können. Übertragungsobjekt und Beziehungssubjekt verschränken sich.
2.7.3 Melanie Klein
Die von Melanie Klein (1882–1960) entwickelten theoretischen und technischen Prinzipien der Kinderanalyse standen zunächst in schroffem Gegensatz zu Anna Freud. 1882 in Wien geboren, kam sie durch familiäre Umstände nach Budapest, wo sie eine Analyse bei Sandor Ferenczi absolvierte. Ermutigt durch Ferenczi begann sie schon bald, sich für die Kinderanalyse zu interessieren und analysierte ihren Sohn Erich. Dass man in den Anfängen der Kinderanalyse die neuentdeckten Möglichkeiten auch seinen eigenen Kindern zukommen lassen wollte, war nicht ungewöhnlich; aus heutiger Sicht ist das allerdings problematisch und wäre ein Kunstfehler. Dabei entwickelte sie eine ausgearbeitete Spieltechnik und eine spezifische Form der Deutung. »Das Kind drückte von Anfang an seine Phantasien und Ängste hauptsächlich im Spiel aus, während ich beständig deutete, mit dem Erfolg, daß neues Material im Spiele auftauchte« (Klein 1962, S. 153). Das Spiel wurde so zu einem vollgültigen Äquivalent zur freien Assoziation und zum Traum. Klein war überzeugt, dass auch kleine Kinder eine vollständige Übertragung auf den Analytiker richten. Das Kind richtet unbewusste Fantasien – ein Korrelat zu Triebregungen – auf Aspekte des »Objekts«, welches das Kind zunächst nicht als Ganzes wahrnimmt (»Teilobjekte«). Sie erkannte, dass sich in der Symbolik des Spiels die unbewussten Triebkonflikte darstellen, die über die Deutung einer Bearbeitung zugänglich werden. Im Zentrum ihrer Deutungsarbeit stand damit nicht das Ich, sondern triebmotivierte Impulse, weshalb sie auch auf jegliche pädagogische Einflussnahme verzichtete. Damit wird der Psyche des Kindes von Anfang an eine eigene Aktivität (und nicht allein eine Reaktion auf erzieherische Haltungen der Primärobjekte) zugeschrieben.
Damit erfuhr auch der Begriff der Übertragung eine Neuausrichtung. Im Wesentlichen beruht sie nach Klein auf projektiven und introjektiven Prozessen. Die grundlegenden ambivalenten Strebungen der Liebe und des destruktiven Hasses, die das Kind auf das Objekt richtet, standen im Zentrum ihres Verstehens. Die Konflikte aus dem Ödipuskomplex siedelte sie viel früher in der Entwicklung des infantilen Seelenlebens an.
Nach Kleins Auffassung erlebt das Kind von Beginn an sowohl Versagungen als auch liebevolle Zuwendung von den primären Objekten. In der sehr körpernahen Sprache von Klein gibt es in der Wahrnehmung des Kindes eine »gute Brust«, die ernährt, hält und liebt, und eine »böse Brust«, die versagt, vorenthält und frustriert und damit als verfolgend erlebt wird. Entsprechend richtet das Kind alle destruktiven Aggressionen auf die »böse Brust« und libidinöse Strebungen auf die »gute Brust«. Beides muss voneinander im Sinne einer Spaltung getrennt gehalten werden, um nicht die versorgende gute Brust mit der Destruktivität zu zerstören. Daraus allerdings entstehen archaische Ängste, denn die Projektion der Destruktivität in die böse Brust zieht paranoide Fantasien nach sich, sie könnte von dort in Form von Rache wieder zum Kind zurückkehren – was wiederum die Spaltung erzwingt. Diese Kreisläufe aus Projektion und (Re)Introjektion nannte Klein die »paranoid-schizoide Position«. Sie wird überwunden, wenn mit zunehmender Reifung das Kind gewahr wird, dass seine destruktiven und libidinösen Regungen auf das gleiche, nun ganzheitlich wahrgenommene Objekt gerichtet sind. Es entstehen Angst und Schuldgefühl, auch die gute Brust zu zerstören und ein Bedauern, eine Sorge um das Objekt und ein Bedürfnis nach Wiedergutmachung – die »depressive Position« – eine kreative Leistung des reifenden Ichs. Letztlich oszillieren unsere Objektbeziehungen lebenslang zwischen diesen beiden Positionen. (Klein 2000 [1946, 1948]).
Dieser Konzeptualisierung verdanken wir grundlegende Erkenntnisse über die frühen Abwehrmechanismen der Spaltung, der Projektion und der projektiven Identifizierung, über Frühformen des Ödipuskomplexes, über destruktiven Neid und – in der depressiven Position – über Dankbarkeit (Klein 2000 [1957]). Vor allem das Verbalisieren früher Ängste und Triebwünsche sind heute noch wichtige Parameter in der Behandlung. Die zentrale Stellung des Spiels und damit auch der mit symbolischer Bedeutung besetzten Spielsachen im Behandlungsraum des Kindertherapeuten ist bis heute unumstritten.
Melanie Klein hat den Boden bereitet für die Objektbeziehungspsychologie, pars pro toto seien hier das Container-Contained-Modell von Wilfred Bion genannt, das Symbolverständnis von Hanna Segal, die Untersuchung der psychischen Bedeutung des Körperkontaktes und der Haut in der frühen Entwicklung durch Esther Bick. Insbesondere bei der Behandlung früher Störungen haben die kleinianischen Konzepte große Bedeutung.
1921, von Karl Abraham ermutigt, siedelte Melanie Klein nach Berlin über, wo sie eine zweite Analyse bei Abraham unternahm und am Berliner Psychoanalytischen Institut ihre Forschungen und Publikationen fortsetzte (Cycon 1995). Nach dessen Tod im Jahr 1925 übersiedelte sie auf Einladung von Ernest Jones 1926 nach London, wo sie sich in der Ausbildung und dem wissenschaftlichen Austausch engagierte.
Die fundamentalen Unterschiede zwischen den Konzepten Anna Freuds und Melanie Kleins führten nach der Flucht der Freuds nach London 1938 und der Aufnahme Anna Freuds als Lehranalytikerin in die British Psychoanalytic Society ab 1941 zu einer heftigen Kontroverse, die über die Kinderanalyse hinausging und die britische psychoanalytische Vereinigung an den Rand einer Spaltung brachte, wobei sich eine dritte »Middle Group« gründete (Kind und Steiner 1991/2000).
Merke
Aus der »Zürcher Schule« gingen wesentliche Entwicklungen der psychoanalytischen Pädagogik, der Schul- und Heimpädagogik und der Erziehungsberatung hervor. Erst die »Wiener Schule« (H. Hug-Hellmut, A. Freud, M. Klein) erarbeitete eine therapeutische Kinderanalyse, in der das Spiel, die Übertragung und die Deutung als therapeutisches Agens im Mittelpunkt standen.
Vertiefung
Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Pädagogik und Psychoanalyse?
2.8 Die Kinderanalyse in Deutschland
Erfuhr die Kinderanalyse in Deutschland am Berliner psychoanalytischen Institut seit den 1920er Jahren insbesondere durch Max Eitingon, der 1923 Ausbildungsrichtlinien formulierte, Karl Abraham und Melanie Klein einen Aufschwung, so verlor ab 1933 »mit der Ausbreitung des Nationalsozialismus, der Emigration jüdischer Mitglieder bzw. Kinderanalytiker und der immer schwächer werdenden Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) die junge, aufstrebende Bewegung – wie Anna Freud die Pionierarbeit der Kinderanalyse nannte – zunehmend an Halt.« (Müller-Brühn 2003, S. 97, vgl. auch Lockot 1994, S. 39 ff.). Heftige Auseinandersetzungen innerhalb der DPG, wie man sich gegenüber dem Anpassungsdruck der Gleichschaltung und zu dem neugegründeten »Deutschen Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie« unter Leitung von Mathias Heinrich Göring verhalten sollte, führte schließlich 1938 zu deren Auflösung. Der unrühmliche Versuch einer »Rettung« der Psychoanalyse durch den Ausschluss jüdischer Mitglieder 1935 war gescheitert. Damit war auch die Kinderanalyse in Deutschland nicht mehr repräsentiert, die Weiterentwicklung erfolgte nun für lange Zeit in England, den USA, den Niederlanden durch Jeanne Lampl-de Groot, die eng mit Anna Freud zusammenarbeitete, und Frankreich, insbesondere nach dem 2. Weltkrieg, durch Françoise Dolto, Serge Lebovici und René Diatkine (Holder 2002, S. 43 f.). In den USA waren es v. a. die Emigranten, die das Interesse an der Kinderanalyse in die bereits bestehenden psychoanalytischen Institutionen einbrachten; erst ab den 1950er Jahren etablierten sich Ausbildungsgänge nach Vorbild der Hampstead Klinik.
2.9 Die Britischen Schulen
Kinderanalytikerinnen und Kinderanalytikern – seit 1952 durch formelle Ausbildungskurse an der Hampstead-Klinik ausgebildet (
Kap. 2.7.2) – wurde eine vollwertige Anerkennung durch die IPV (Internationale Psychoanalytische Vereinigung) lange Zeit verweigert – und damit der Kinderanalyse eine untergeordnete Rolle zugewiesen. Daran änderte sich auch nichts dadurch, dass an vielen Instituten in Nordamerika, einigen in Lateinamerika und Europa Ausbildungen zum Kinderanalytiker angeboten wurden. Voraussetzung ist, dass vor der Behandlung dreier kinderanalytischen Fälle zwei Erwachsenenanalysen durchgeführt werden. Dieses »dornenvolle Kapitel« (Holder 2002, S. 47) endete vorläufig damit, »dass die IPV die kinder- und jugendlichenanalytische Ausbildung von etwa 700 ihrer Mitglieder offiziell anerkannte und im Roster 2001 erstmals durch ein besonderes Symbol kennzeichnete«. (Roster ist die Liste der Mitglieder und Kandidaten der »International Psychoanalytical Association«, wie die »Internationale Psychoanalytische Vereinigung« englisch heißt: https://www.ipa.world/en/copy_roster.aspx)
Neben der Hampstead Child Therapy Clinic etablierte sich in London an der »Tavistock Clinic« (gegründet1920) eine Stätte psychoanalytischer Behandlung, Forschung und Lehre, an dem auch eine Ausbildung in der Therapie von Kindern und Jugendlichen eingerichtet wurde, hauptsächlich beeinflusst von den Prinzipen der kleinianischen Schule. Die bedrängende Situation von Kindern und Jugendlichen durch die traumatisierenden Erlebnisse in den Kriegsjahren führte zu der Forderung, dass auch Kinder Zugang zu psychotherapeutischen Behandlungen haben müssen. Damit war die Notwendigkeit gegeben, Kinderanalytiker auszubilden. Zu den einflussreichen Analytikern der Klinik gehörten auch Wilfred Bion, Michael Balint, John Bowlby und Donald W. Winnicott. Bis heute ist die Tavistock Clinic eines der führenden international anerkannten psychoanalytischen Zentren.
Bereits bei Melanie Klein gewinnt die Objektbeziehung eine besondere Bedeutung. Unter der Objektbeziehung verstehen wir eine psychophysische Interaktion des Kindes mit seinen primären Bezugspersonen. Das »Objekt« wird nicht »objektiv« wahrgenommen, sondern entlang der Triebregungen, Wünsche, Affekte und Ängste des Subjekts. Diese Wahrnehmungen werden als Repräsentanzen verinnerlicht und sind psychisch strukturbildend. Gemäß den Objektbeziehungstheorien konstituieren also nicht allein und nicht überwiegend Triebe und Triebschicksale die Psyche, sondern die Qualität der Objektbeziehungen.
2.9.1 Michael Balint
Michael Balint (1896–1970, ungarischer Psychoanalytiker) geht von einer »primären Liebe« zwischen Mutter und Kind aus, die unabhängig von der infantilen Sexualität sei. Ist diese primäre Liebe gestört, also die frühe Objektbeziehung defizitär, geht daraus eine »Grundstörung« hervor, die einhergeht mit einer fundamentalen Mangelerfahrung: »Es ist eine Störung, ein Defekt in der psychischen Struktur, eine Art Mangel, der behoben werden muss.« (Balint 1973, S. 32).
Balint beschrieb zwei verschiedene Charakterstrukturen, in denen frühe Objekterfahrungen verarbeitet werden (2014):
Der oknophile Charakter (okneo, griechisch: anklammern; philos griechisch: lieb, teuer) klammert sich aus Angst vor Objektverlust an das Objekt. Nähe und Verbundenheit zum Objekt, Zusammengehörigkeit sind seine Hauptstrebungen. Oknophilie ist objektgerichtet.
Der philobatische Charakter (batein, griechisch; gehen, wandern) liebt die Objektferne. Nähe beengt ihn, er sucht die Unabhängigkeit und bildet Fähigkeiten aus, allein zurechtzukommen. Philobatismus ist Ich-gerichtet.
Diese beiden Grundstrebungen lassen sich bereits bei Kindern beobachten, auch in ihren Träumen (Hopf 2007).
2.9.2 Wilfred R. Bion
An die projektive Identifizierung in der kleinianischen Konzeption knüpft Wilfred R. Bion an.
Definition
Die projektive Identifizierung ist eine Variante der Projektion, mit dem Unterschied, dass die Inhalte der Projektion – unerträgliche Selbstzustände – dem anderen nicht allein angeheftet werden, sondern in ihn hineingezwängt werden, sodass dieser manipulativ mit diesen Zuständen identifiziert wird.
Damit ist das unbewusste Bestreben verbunden, Kontrolle über das intrapsychische Geschehen des andern zu gewinnen (Hinshelwood 1993, S. 263 ff.). Nun empfindet der Adressat sich so, als wäre er selbst mit diesen Zuständen infiziert, seine Affekte gleichen denen, die mit dem Inhalt der Projektion verbunden sind.
Bion (1897–1979, britischer Psychoanalytiker) beschrieb den frühen Austausch in der Mutter-Kind-Beziehung im »Container-Contained«-Modell. Er unterscheidet zwischen »normaler« und »anormaler projektiver Identifizierung«. Das Objekt wird als ein Behälter, ein Container benutzt, in den das Projizierte ausgelagert – und dort »contained«, also gehalten wird. Darin steckt auch eine unbewusste Mitteilung: Der andere soll eben auch spüren, wie es um den psychischen Zustand bestellt ist. Im Idealfall kann das Objekt, z. B. die Mutter, diese Zustände nachfühlen und in »träumerischer Reverie« verstehend verarbeiten, sodass sie das projektiv Ausgelagerte in veränderter, verträglicher Form und mit Bedeutung angereichert zurückgeben und dem Kind zur Verfügung stellen kann. Diese metabolisierende Funktion des »Containings« nannte Bion die »Alpha-Funktion, »mit der unverstandene, quälende und via Projektion herausgeschleuderte Fragmente, ›Beta-Elemente‹, in verdauliche ›Alpha-Elemente« verwandelt werden.« (Burchartz et al. 2016, S. 103) (
Kap. 6.4.2).
2.9.3 Donald W. Winnicott
Eine prominente Rolle in der Geschichte der psychodynamischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie nimmt Donald W. Winnicott (1896–1971) ein, britischer Kinderarzt und Psychoanalytiker. Er geht von der mütterlichen Fürsorge als grundlegend für die psychische Strukturbildung aus. Der Säugling existiert in einer mütterlichen Umwelt: »there is no such thing like a baby … if you set out to describe a baby, you will find you are describing a baby and someone.« (Winnicott 1974, S. 50). Ein Säugling ist ohne einen fürsorglichen Anderen nicht vorstellbar. Die frühe mütterliche Umwelt wird vom Säugling nicht als »Nicht-Ich erlebt. Erst mit zunehmender Ich-Reifung differenzieren sich Subjekt und Objekt.
Die mütterliche Fürsorge besteht im »Halten«, das gleichermaßen ein physischer und psychischer Vorgang ist. Er vermittelt dem Säugling Schutz, psychisch gesehen vor allem Reizschutz, stellvertretende Affektberuhigung und -modulation sowie Integration. »…die Kohäsion der verschiedenen sensomotorischen Elemente ist dem Umstand zu verdanken, dass die Mutter den Säugling hält.« (Winnicott 1974, S. 188).
Eine vollständige Bedürfnisbefriedigung ist eine Illusion. Mit zunehmender Reifung ist das Kind in der Lage, durch eigene Signale zu vermitteln, wessen es bedarf. Eine Mutter, die »gut genug« ist, wird dem Kind Raum geben für diese eigenen Signale und ihre Anpassungsleistungen zurücknehmen. »Unvollständige Anpassung an Bedürfnisse macht Objekte erst zu etwas Realem.« (Winnicott 1995, S. 21). Reifungsprozesse können also in zwei Richtungen gestört werden: Zum einen durch unverträgliche Unterbrechungen der Fürsorge – diese haben traumatischen Charakter. Zum andern durch eine elterliche Haltung, die in verwöhnender Voreiligkeit die Signale des Kindes überfährt. Wenn Mütter und Väter aufgrund eigener unverarbeiteter psychischer Konflikte oder Traumatisierungen das Kind zur Regulierung ihrer beschädigten Selbststruktur funktionalisieren, entspricht das Kind dieser elterlichen Bedürftigkeit durch eine Anpassungsleistung, die eigene Impulse unterdrückt, verdrängt oder abspaltet – es entsteht ein »falsches Selbst«.
Winnicott beschrieb Laute, Gesten, Worte oder einen Gegenstand, mit welchen sich das Kind Separationsprozesse vom primären Objekt erträglich macht, als Übergangsobjekte.
Definition
Ein Übergangsobjekt (ein Teddy, ein Kuscheltuch etc.) ist Teil des Selbst, aber auch ein »Nicht-Ich«, in ihm erscheint das Objekt, es gehört aber nicht ganz zum Objekt. Übergangsobjekte ermöglichen einen »intermediären Raum«, in dem Symbolisierungsprozesse reifen.
Als Übergangsphänomene lassen sich Fantasie, Kreativität, Kunst, religiöse Vorstellungen usw. verstehen. Die Psychotherapie stellt ebenfalls einen solchen »intermediären Raum« dar, in dem illusionäre Wünsche und Realität innerhalb einer therapeutischen Beziehung zueinander finden und durch ein reifendes Ich integriert werden können. Auch das Spiel des Kindes konstituiert intermediären Raum (
Kap. 4.6).
2.9.4 John Bowlby und die Bindungstheorie
John Bowlby (1907–1990, englischer Psychiater und Psychoanalytiker) entwickelte aus Beobachtungen von hospitalisierten Kindern, die früh von ihren Müttern getrennt waren, die Bindungstheorie. Die vergleichbaren Forschungen von René Spitz (1887–1974, österreichisch-amerikanischer Psychoanalytiker) kamen zu ähnlichen Ergebnissen: Nach anfänglichem Protest fallen die Kinder in Gleichgültigkeit, bei länger anhaltender Deprivation stellt sich die »anaklitische Depression« ein (Bowlby 1969, 1976, 1983; Spitz 1996). Bindung ist gemäß Bowlby ein primäres biologisch angelegtes Bedürfnis. Das Bindungssystem strebt nach Sicherheit, Schutz und Geborgenheit. Ohne die Sicherstellung dieser anaklitischen Bedürfnisse kann ein Kind nicht gedeihen. Komplementär dazu besteht das Explorationssystem. Ist das Bindungsbedürfnis befriedigt, ist das Kind fähig, sich von den primären Bindungspersonen zu trennen und die soziale und dingliche Welt zu erkunden. Steigt die Angst bei der Exploration, wird das Bindungssystem aktiviert und das Kind sucht Nähe, Schutz und Trost bei den Bindungspersonen.
Bowlby erforschte zusammen mit Mary Ainsworth (1913–1999, kanadische Psychologin, ab 1950 Mitarbeiterin von Bowlby) Bindungsverhalten und Bindungsstile mittels der »fremden Situation«. Nach einer Trennungssituation von der Mutter fielen die Reaktionen des Kindes beim Wiedersehen unterschiedlich aus: freudiges Begrüßen, Ablehnung und Wut, Teilnahmslosigkeit. Aus diesen Beobachtungen erschlossen Bowlby und Ainsworth verschiedene Bindungsstile: Sichere Bindung, unsicher-ambivalente Bindung, unsicher-vermeidende Bindung und desorganisierte Bindung.
Eine sichere Bindung entsteht durch die Feinfühligkeit der Bindungsperson, mit der sie die Signale des Kindes aufnimmt und versteht und dessen Bedürfnisse in einer angemessenen Zeitspanne und passgenau befriedigt.
Bindungsstile werden als Bindungsrepräsentanzen verinnerlicht und bilden die Grundlage für die Beziehungsgestaltung des Individuums. Sie sind nicht unveränderlich, können sich je nach Entwicklungsbedingungen modifizieren und sind auch psychotherapeutisch beeinflussbar. Eine sichere Bindung ist ein wesentlicher protektiver Faktor für die Entwicklung über die gesamte Lebensspanne. Risikofaktoren für die Bindungsentwicklung sind frühe Trennungen und Verluste, Erkrankungen der Eltern, Traumatisierungen – auch solche der Eltern, sofern sie nicht bearbeitet werden konnten (Brisch 2000, S. 58 ff.).
Merke
Die »Britischen Schulen« mit den zwei psychoanalytischen Zentren der Hampstead Child Therapy Clinic und der Tavistock Clinic forcierten v. a. die theoretische und praktische Ausarbeitung der Objektbeziehungspsychologie (Balint, Bion, Winnicott u. a.), zu der man auch die Bindungstheorie (Bowlby) zählen kann.
2.10 Michael Fordham
Der englische jungianische Analytiker Michael Fordham (1905–1995) knüpfte an die Vorstellung des Selbst bei C. G. Jung an. In der Jung‘schen Analytischen Psychologie ist das Selbst Organisator der psychischen Entwicklung, die vornehmlich in einem fortschreitenden Prozess der Individuation besteht mit dem Ziel einer persönlichen Ganzheit (Bovensiepen, S. 206). Fordham ging davon aus, dass es vorgeburtlich ein »ursprüngliches Selbst« gibt, ein ganzheitliches Wesen, das durch extrauterine Erfahrungen deintegriert wird und so Neues in sich aufnehmen kann – durch reintegrative Prozesse. Dieser Wechsel besteht das ganze Leben und formt die Persönlichkeit. In Kindertherapien wird dieser Prozess begleitet und seine Störungen korrigiert, wobei gemäß Jung’scher Vorstellungen der selbstregulativen Kraft der Psyche vertraut wird. Die Arbeit mit Symbolen, Märchen und Mythen erhält große Bedeutung (Lutz 2016). Aus der jungianisch geprägten Kindertherapie ging die Sandspieltechnik hervor (Kalff 2000), die mittlerweile in viele Behandlungsräume von psychodynamischen Kinder- und Jugendlichentherapeuten Einzug gehalten hat.
2.11 Heinz Kohut und die Selbstpsychologie
Das Selbst, seine Entwicklung und Funktionsweise steht im Mittelpunk der Selbstpsychologie, die auf Heinz Kohut (1913–1981) zurückgeht (Kohut 1973, 1979, 1989).
Definition
Unter dem Selbst versteht man die Gesamtheit der Person in Interaktion mit anderen.
Das Erleben einer eigenen Identität, das Gefühl, »ich selbst zu sein«, geht zurück auf einen intensiven Austausch mit einem anderen, wobei dieses andere Objekt als Teil des eigenen Selbst und seiner Bedürfnisse fungiert: ein Selbstobjekt. Von Anfang an brauchen Menschen Selbstobjekte zur Befriedigung von Selbstobjektbedürfnissen, so entsteht eine Selbstkohärenz: die möglichst kontinuierliche und zusammenhängende Selbstwahrnehmung in Raum, Zeit und Beziehungserleben. In diesem Streben nach Kohärenz ist das Bedürfnis nach Sinngebung enthalten: sich selbst als Zentrum von Wahrnehmungen, Antrieb und Handlungen sehen und erleben zu können.
Basale Selbstobjekt-Funktionen sind die Spiegel-Funktion, die Funktion einer idealisierten Eltern-Imago und andere. Verträgliche Unterbrechungen der Selbstobjektfunktionen tragen dazu bei, dass das Kind die Funktionen im Sinn einer »umwandelnden Verinnerlichung« als Selbstrepräsentanzen internalisieren kann und so unabhängig wird von der konkreten Gegenwart der Selbstobjekte – sie werden auf diesem Weg zu Funktionen des Selbst.
Grundelement der Selbstobjektfunktionen ist die Empathie, die auch als stellvertretende Introspektion verstanden wird. Übermäßiger Mangel an Empathie führt zum Abriss der Kontinuität und damit der Kohärenz, Fragmentierungen stellen sich ein: das Erleben der Einheitlichkeit zerfällt, einzelne Elemente lassen sich nicht mehr aufeinander beziehen. Dies zieht narzisstische Störungen, Triebkonflikte und destruktive Wut nach sich. Die umwandelnde Verinnerlichung scheitert, andere Menschen werden dauerhaft zu Selbstobjekten funktionalisiert (und darauf reduziert), eine wechselseitige Empathie kann nicht entstehen – zentrale Merkmale eines pathologischen Narzissmus.
Die Selbstpsychologie hat Entscheidendes beigetragen zum Verstehen narzisstischer Störungen. Die Therapie zielt auf die Verbesserung intrapsychischer und interpersoneller regulativer Vorgänge. Die zentrale Bedeutung der Empathie in Kinder- und Jugendlichenpsychotherapien ist unstrittig, insbesondere bei frühen Störungen und Traumatisierungen (Burchartz 2019b). Das »Verstanden-Werden« in einer empathischen Haltung des Therapeuten ist überhaupt erst die Grundlage für eine aufdeckende, deutende Arbeit. Der Therapeut wird temporär zu einem Selbstobjekt.
Gleichwohl ist anzumerken, dass in der Selbstpsychologie die Konflikthaftigkeit der menschlichen Existenz, die Dialektik von Trieb und kulturellen Anforderungen kaum mehr einen Platz hat. Die Bedeutung des spezifischen sozialen Umfelds und seiner Widersprüchlichkeit verblasst. Fellner und Zorn (2019) bemerken dazu, »…für eine kritische Theorie des Subjekts« werde das Menschenbild der Selbstpsychologie »theoretisch unbrauchbar« (S. 51). Des Weiteren wird die grundlegende triadische Struktur der Psyche nicht konzeptualisiert.
Merke
Das »Selbst« unterliegt nach der Jung’schen Analytische Psychologie einem wechselnden Prozess von Deintegration und Reintegration und organisiert so die Individuation des Menschen.
Das Selbst nach Kohut bezeichnet die Gesamtheit der Person, wobei es sich nicht ohne Selbstobjekte denken lässt. Deren grundlegende Funktion ist die Empathie. Sie sorgt für die Kohärenz des Selbst.
2.12 Relationale Psychoanalyse
In neueren Ansätzen der psychodynamischen Psychotherapien wird die Intersubjektivität betont. Besonders Harry S. Sullivan (1892–1949, amerikanischer Psychiater und Psychoanalytiker) konzipierte die Persönlichkeit des Menschen und deren Entwicklung als interpersonales Geschehen. Auch in objektbeziehungspsychologischen Ansätzen und besonders in der Selbstpsychologie wird der Mensch von seinen Beziehungen her gedacht: ein Mensch ist ohne andere Menschen nicht vorstellbar, auch die Subjektivität entspringt einer Intersubjektivität (Mertens 2011, S. 252). Damit erweitert sich die triebtheoretische Sichtweise, die freilich in der psychologischen Dialektik zwischen Subjekt und Objekt ebenfalls vertritt, dass der Mensch nicht von sich selbst heraus verstanden werden kann. Man bezeichnet diesen Perspektivwechsel in der Psychoanalyse als die »intersubjektive Wende« und die sich daraus ergebenden konzeptuellen und technischen Konsequenzen als »relationale Psychoanalyse«, als deren Begründer Stephen Mitchell (1946–2000, amerikanischer Psychoanalytiker) gilt (Mitchell 2005) (
Kap. 2.4).
Die intersubjektive Wende hat auch für die Therapie behandlungstechnische Konsequenzen. Bereits bei Otto Fenichel (1897–1946, österreichscher Psychoanalytiker) finden wir in seinem dritten Vortrag über »Probleme der psychoanalytischen Technik« folgende Bemerkungen:
»Verschiedene Analytiker benehmen sich verschieden, und diese Verschiedenheit muß das Benehmen des Patienten beeinflussen.« (Fenichel 2001, S. 78). Er sieht in einer ängstlichen Kontrolle der Gegenübertragung eine Gefahr: »Die Angst vor ihr (der Gegenübertragung) kann den Analytiker zur Unterdrückung aller menschlicher Freiheiten bei den eigenen Reaktionen führen. … Der Patient muss sich auf das »Menschsein« des Analytikers immer verlassen können.« (Fenichel 2001, S. 79).
Die Subjektivität des Analytikers ist eine Quelle eigener Übertragung auf den Patienten, auf die der Patient mit einer Gegenübertragung antwortet. »Der Analysand reagiert idiosynkratisch auf die spezifischen Eigenheiten des Analytikers« (Burchartz 2019a). So entsteht ein intersubjektiver Austausch, der zunächst unbewusst verläuft und sich nicht einfach kontrollieren lässt, zumal er sich in Bruchteilen von Sekunden mimisch, gestisch und in Stimme und Gestimmtheit vollzieht. Auch das Unbewusste des Analytikers ist diesem per definitionem nicht ohne Weiteres durchschaubar. Die psychoanalytische Arbeit besteht darin, dass zwei Subjekte sich zusammenschließen, um dieses interaktive Geschehen möglichst genau zu verstehen und auf seine Bedeutung hin zu untersuchen – vor dem Hintergrund des Lebenskontextes des Patienten. Schon Freud sprach von »Konstruktionen« in der Analyse (Freud 1937d). Psychoanalyse ist demnach nicht allein eine »Rekonstruktion« verdrängter Inhalte, sondern eine »Konstruktion« eines neuen Bedeutungszusammenhangs. Das gilt auch für die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, wobei hier als Medium des Austausches besonders bei Kindern weniger die Sprache als vielmehr das Spiel zur Geltung kommt. In der »intersubjektiven Matrix« ereignen sich Begegnungen des »Sich-ineinander-Hineinversetzens«, in denen eine intensive und spontane Einsicht beider Beteiligten entsteht, ein »Gegenwartsmoment« (Stern 2018 [2005], S. 88 ff.).
Ähnlich beschreibt der italienische Analytiker Antonio Ferro die psychoanalytische Situation als Feld, in dem sich wechselseitige projektive Identifizierungen ereignen. Dieses Feld gilt es gemeinsam zu erkunden. Ferro bezeichnet das, was sich in einer analytischen Sitzung unbewusst und bewusst konstelliert, als »Figuren«. Anknüpfend an Bion schreibt Ferro: »Das Ziel des analytischen Paares … besteht im Wesentlichen darin, die Gefühle, von denen beide erfüllt sind, mitzuteilen (im Allgemeinen, jedoch nicht ausschließlich, durch Worte). Die Figuren werden häufig in dieser Situation der Begegnung und durch die Begegnung dieser beiden psychischen Apparate ›erschaffen‹« (Ferro 2003, S. 27). Der Therapeut steht also nicht außerhalb des Feldes, er ist Subjekt eines gemeinsamen Narrativs. »Ich verstehe unter Narration jenes Vorgehen des Analytikers während der Therapie, in dem er ganz und gar dialogisch und ohne besondere, durch Deutungen gesetzte Zäsuren gemeinsam mit dem Patienten ›einen Sinn konstruiert‹« (Ferro 2009, S. 10). Damit ist ein Anschluss an den Konstruktivismus hergestellt (Freud 1937d).
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.