Kitabı oku: «Rudern»

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ARNO BOES


ALLES, WAS MAN WISSEN MUSS


REGELN HINTERGRÜNDE TIPPS



Rudern – Alles, was man wissen muss

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© 2020 by Meyer & Meyer Verlag, Aachen

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9783840313738

eISBN 9783840337390

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www.dersportverlag.de

INHALT

1Einstieg

2Ursprung, Historie und Entwicklung

2.1Rudern im alten Ägypten und in der Antike

2.2Rudern als Prunkfahrt, Berufsstand und Sport

2.3Rudern wird populär und erobert den Kontinent

3Grundlagen

3.1Begriffserklärungen

3.1.1Die Seiten des Boots

3.1.2Die Ruder

3.1.3Der Platz des Ruderers

3.2Boote und Material

3.2.1Vom Holz zum Kunststoff

3.2.2Mindestgewicht bringt Sicherheit

3.2.3Skulls und Riemen

3.2.4Die Ruderanlage

3.3Bewegung, Koordination und Kommandos

3.3.1Erste Phase – die Auslage

3.3.2Zweite Phase – der Durchzug

3.3.3Dritte Phase – die Rücklage

3.3.4Vierte Phase – das Vorrollen

3.3.5Die Ruderkommandos

4Einstieg in den Rudersport und seine Organisationen

4.1Rudern ist Vereinssport

4.2Der Einstieg in den Rudersport

4.3Struktur der Vereine

4.4Die Dachverbände

4.5Die Altersklassen

5Leistungssport

5.1Leichtgewichte und Steuerleute

5.2Die Regattabahn ist der Sportplatz der Ruderer

5.3Rudern bei Olympischen Spielen

5.4Rudern bei Paralympischen Spielen

5.5Rudern bei Weltmeisterschaften

5.5.1WM in den Nachwuchsklassen

5.6Rudern auf internationalen Regatten

5.6.1Kontinentale Meisterschaften

5.7Rudern auf nationalen Regatten

5.8Besondere Regatten

5.9Organisation und Ablauf einer Regatta

5.9.1Die Veranstalter und Ausrichter

5.9.2Die Ausschreibung

5.9.3Die Meldungen

5.9.4Der Zeitplan

5.9.5Der Regattaplatz

5.9.6Der Start des Rennens

5.9.7Auf der Strecke

5.9.8Das Ziel

5.9.9Wettkampfrichter rund um die Strecke

5.9.10 Das Ergebnisprotokoll

5.10 Besondere Mannschaften

5.11 Besondere Persönlichkeiten

6Breitensport

6.1Die Boote

6.2Organisation eines Vereins

6.3Die Bootshaustour für die Fitness

6.3.1Das Fahrtenbuch

6.3.2Das Bootsmaterial

6.3.3Die Ruderstrecke

6.3.4Ende der Ausfahrt

6.4Auf dem Wasser wandern

6.4.1Tagesfahrt

6.4.2Wochenendfahrt

6.4.3Wanderfahrt

6.5Breitensportliche Wettbewerbe

7Besondere Formen des Ruderns

7.1Das Ergometerrudern

7.2Küstenrudern

7.3Rudern in Kirchboot und Barke

7.4Rudern auf den Weltmeeren

8Noch einige Aspekte des Ruderns

8.1Rudern und Umwelt

8.2Rudern und Sicherheit

8.2.1Sicherheit im Boot

8.2.2Erfahrung und schnelle Entscheidungen

8.2.3Schwimmwesten im Rudersport

8.2.4Sicherheit im Leistungssport

8.2.5Technische Ausrüstung der Boote

8.3Rudern und Gesundheit

8.3.1Training für den ganzen Körper

8.3.2Ein starker Rücken

8.3.3Kleine Blessuren nicht ausgeschlossen

8.3.4Doping

8.4Rudern als Familiensport

Anhang

1Das Ruder-Wörterbuch

2Literaturverzeichnis

3Bildnachweis

1
EINSTIEG

Bei der Suche nach einer geeigneten Sportart stellt jeder seine ganz individuellen Ansprüche: Mancher sucht beim Gleiten über ein Gewässer seine Ruhe und Entspannung – ein anderer die sportliche Herausforderung im Wettkampf bis zur Erschöpfung. Mancher möchte ganz allein die Natur genießen und den Kopf frei bekommen – ein anderer fühlt sich mitten in einer Mannschaft wohl, mit der er sich austauschen und gemeinsam den Sport erleben kann. Mancher möchte seinen Sport betreiben ohne Verantwortung für andere – ein anderer findet im Engagement für die Gemeinschaft seine Erfüllung, in die er sich mit seinem Wissen und Können einbringen kann. Mancher möchte mit seiner Familie oder seinem Freundeskreis in der Freizeit spontan etwas unternehmen – ein anderer fühlt sich in einem längerfristig geplanten und zielorientierten Ablauf mit Training und Wettkampf am wohlsten.

Diese Aufzählung kann man sicher noch um viele Aspekte des Sporttreibens erweitern. Aber auch so wird schnell klar, dass nicht viele Sportarten all diese Wünsche erfüllen können. Es soll nicht überbewertet werden, aber die Sportart Rudern kommt einem solchen Profil sicher sehr nah. Sie bietet viele Facetten, individuell im Einer bis zum Mannschaftserlebnis im Großboot, von der entspannten Ausfahrt bis zum Wettkampfsport in vielen Alters- und Leistungsklassen, von der Fahrt über ein paar Stunden oder gar Tage bis hin zum regelmäßigen, zielgerichteten Training mehrmals die Woche mit der Teilnahme an Regatten. Dieses Buch stellt viele Möglichkeiten vor, die der Rudersport bietet, um den individuellen Wünschen an die eigene sportliche Aktivität gerecht zu werden.

Fragt man den sportlich interessierten Laien, was ihm zur Sportart Rudern einfällt, dann werden sicher die Begriffe „Deutschlandachter“, „olympische Medaillen“, „Einerduelle“ oder vielleicht auch noch „Oxford-Cambridge“ genannt. Das sind die Schlaglichter, die vor allem über die Medien immer wieder in die Öffentlichkeit getragen werden und die zu Recht als Synonyme für die Sportart Rudern bekannt sind.

Dass aber Rudern schon seit Tausenden von Jahren von den Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen betrieben wird und als Sportart auf eine weit über 200 Jahre alte Tradition zurückblicken kann, ist dann doch eher nur den Experten bekannt. Auch darauf blicken wir in diesem Buch und stellen das Rudern als eine der ältesten betriebenen Sportarten der Welt vor.

Gerade während der Entstehung dieses Buchs gerieten die Olympischen Spiele durch die Corona-Pandemie in schweres Fahrwasser. Ob wir sie tatsächlich noch um ein Jahr verschoben in Tokio erleben werden, wurde beim Schreiben des letzten Kapitels noch intensiv diskutiert. Vielleicht werden wir erst 2024 wieder eine olympische Regatta um Gold, Silber und Bronze verfolgen können. Dennoch, die Olympischen Spiele sind für die Sportart Rudern die wichtigste Bühne, auf der sie sich seit 1896 präsentieren kann. Und sie haben das Bild des Ruderns und seiner Aktiven in der Öffentlichkeit geprägt. Die Bilder von quälend harten Rennen über eine 2.000 Meter lange Strecke bis zur völligen körperlichen Erschöpfung werden auch von Nichtruderern mindestens alle vier Jahre mit Spannung verfolgt.

Wenn deutsche Mannschaften mit Medaillenaussichten bei den Weltmeisterschaften in den nicht olympischen Jahren am Start sind, schauen viele Sportfans ebenfalls zu und fiebern bei den Rennen mit. Doch Rudern ist viel mehr, als diese Wettkämpfe der gut trainierten und auf die körperlichen Strapazen vorbereiteten Aktiven vermitteln. Auch wer über weit weniger körperliche Physis und Kondition verfügt, kann ins Bootsteigen und im Rudern seine sportlichen Grenzen stecken und erreichen. Das gilt sowohl für den Leistungssport, viel mehr aber noch für das Freizeit- und Breitensportangebot, das die Sportart Rudern bereithält.

Rudern ist seit jeher eine vom Mannschaftsgedanken geprägte Sportart, die vor allem eine Menge an Boots- und Sportmaterial erfordert. Das wird in Deutschland fast ausnahmslos von Vereinen bereitgestellt. Das bringt für den Einsteiger den Vorteil, dass der Start in den Rudersport relativ einfach ist und vor allem keine persönlich kostspielige Investition für Kleidung, Sportgerät oder individuelle Trainer erfordert. Auch auf diese Aspekte des Rudersports geht dieses Buch ein durch die Erklärung von Grundbegriffen, die Vorstellung von Ausbildungswegen und durch das Aufzeigen von sportlichen Entwicklungen. Getreu dem Untertitel vermittelt es dem Laien alles, was er als Aktiver oder auch ambitionierter Betrachter der Sportart wissen sollte.

Zum besseren Verständnis sei hier noch erwähnt, dass der Begriff der „Mannschaft“ je nach Kontext bei der Beschreibung von Trainings- oder Rennsituationen auch für den Einer in diesem Buch angewendet ist. Auch wenn Rudern ausdrücklich eine Sportart für alle Geschlechter ist, wird in diesem Buch überwiegend die männliche Schreibweise genutzt, um einen durchgehenden Lesefluss zu ermöglichen.

Für alle Leser, die schon selbst Erfahrungen im Rudern gesammelt haben, sei die Anmerkung erlaubt, dass in diesem Buch sicher viele, aber längst nicht alle vorhandenen und denkbaren Aspekte des Rudersports aufgeführt sind. Dafür beschert jede Fahrt im Boot, jede Regatta und jedes Rennen den Protagonisten ganz eigene Erlebnisse und Erfahrungen, auf die sie in ihrem Sportlerleben zurückblicken können. Und auch nicht alle Details aus Bootsbau und Technik, Wettkampfklassen und Training, Sportorganisation sowie Freizeit- und Breitensport können hier genannt und erklärt werden.

Aber wer mit dem Wissen aus diesem Buch in die Sportart Rudern einsteigt, wird schnell mit ihr vertraut und lernt dann auch viele weitere Quellen kennen, aus denen er sein Wissen um den Rudersport erweitern kann. Vielleicht hilft dieses Buch ja auch dem erfahrenen Ruderer, seine Freunde, Bekannten oder Familienmitglieder für diese Sportart zu interessieren und zu gewinnen.

In diesem Sinne steigen wir also ein in die komplexe, aber auch faszinierende Welt des Ruderns!

2
URSPRUNG, HISTORIE UND ENTWICKLUNG

Blickt man auf die Sportszene unserer Tage, dann finden sich viele Sportarten, deren Ursprung in der reinen Freude an der Bewegung, der Verwendung von Alltagsgegenständen für die Freizeit, in der Lust auf Spiel und Spaß und natürlich auch im Wettbewerb mit anderen liegen. Etwas anders sieht es bei den Wassersportarten aus, deren Ursprünge meist schon tausende Jahre zurückliegen und wohl ursprünglich so gar nichts mit Freizeitvergnügen zu tun hatten. Spätestens als die Menschen der Frühzeit erkannten, dass Pflanzen und Bäume auf dem Wasser schwimmen und man sich sogar daraufsetzen konnte, ohne unterzugehen, war die Fortbewegung auf dem nassen Element erfunden.

Mit einfachen Paddelschlägen mit den Händen kam man vorwärts und lange, bevor in der Antike der Grieche Archimedes die physikalischen Hebelgesetze definierte, hatten die Menschen erkannt, dass sie mit Hilfsmitteln wie Ästen und Stämmen von Bäumen diese Vorwärtsbewegung beschleunigen und erleichtern konnten. Die Grundlagen der Ruderbewegung beruhen also auf diesen Erfahrungen der Urmenschen und wenn man heute bei Wikipedia sich über die Hebelgesetze informiert, findet man eben das Rudern als anschauliches Beispiel, wie Physik hier wirkt:

„Beim Rudern findet das Hebelgesetz Anwendung, indem die Sportler durch eine große Kraft am kurzen Ende einen weiten Weg am langen Ende des Ruders zurücklegen, was zu einer großen Geschwindigkeit führt. Auch wenn es auf den ersten Blick anders erscheint: Das Ruder ist ein einseitiger Hebel. Last und Kraft greifen auf der gleichen Seite an. Der Drehpunkt, hier auch Stützpunkt genannt (der Punkt, an dem sich der Hebel abstützt), liegt am Ruderblatt. Weil die Bewegung des Bootes der eigentliche Zweck ist, kann das eingetauchte Ruderblatt als Drehpunkt betrachtet werden, um den sich das Boot bewegt, also in die Wirkrichtung der angreifenden Kraft geschoben wird. Das Ruder ist an der sogenannten Dolle am Boot befestigt; sie ist lediglich der Angriffspunkt der Last, nicht der Drehpunkt des Hebels. Die genaue Lage des Drehpunktes hängt davon ab, wie stark das Ruder im Verhältnis zum Boot verankert ist: Stützt sich das Ruderblatt von einem Felsen ab, liegt dort der Drehpunkt; beim Rudern in der Luft ist die Dolle der Drehpunkt.“

Klingt kompliziert, ist aber in der Praxis ohne große Mühen anwendbar und nachvollziehbar.

Das wussten wohl auch schon die Erbauer von sehr alten Bauwerken, wie den Steinkreisen im englischen Stonehenge, deren Entstehungszeit irgendwo zwischen 10.000 und 5.000 Jahren vor Christus von Wissenschaftlern zugeordnet wird. Die dort im Süden der britischen Insel aufgestellten Steine stammen aus einer Region weiter nördlich und sind nach Funden von Bootsresten offenbar rudernd oder paddelnd aus der Region des heutigen Wales küstennah über die Irische See in die Nähe ihres Aufstellungsorts gebracht worden. Auch wenn all das noch nichts mit dem Rudern als Sport zu tun hatte, so kann man dennoch diese Epoche der frühzeitlichen Menschen als Meilenstein für diese Fortbewegungsart auf dem Wasser ansehen.

2.1RUDERN IM ALTEN ÄGYPTEN UND IN DER ANTIKE

Über Rudern als Freizeitvergnügen und vor allem als körperliche Ertüchtigung wird in den Aufzeichnungen der Ägypter berichtet. Etwa 1500 Jahre vor Christus, in der Zeit des Pharaos Amenophis, ließ sich die Oberklasse über den Nil zu Ausflügen rudern. Auch der Pharao selbst legte sich in die Riemen und hielt sich wohl so körperlich für die kriegerischen Auseinandersetzungen mit seinen Feinden und Widersachern fit.

Die Kriege und der Handel der Antike wurden im Mittelmeer um 500 v. Chr. durch die großen Schiffe der Griechen und Römer geprägt. Sie entwickelten die Technik ihrer Gefährte immer weiter, setzten einige hundert Ruderer in die Bäuche ihrer Schiffe, um immer mehr und längere Ruderriemen für die Geschwindigkeit einsetzen zu können. Gefürchtet waren dabei die Römer, die als Erste ihre Schiffe mit Rammspornen am Bug ausrüsteten, um ihre Gegner auf dem Wasser bewegungsunfähig machen und dann versenken zu können.

Die Phönizier und die Griechen perfektionierten diese Bauform der Schiffe, setzten gleich zwei und drei Reihen von Ruderern übereinander mit versetzt eingebauten Rudern, was ihren Schiffen eine immense Geschwindigkeit verlieh. So überfuhren sie quasi ihre Gegner, zu denen u. a. die Perser gehörten, die den griechischen Schiffen weit unterlegen waren.

Entgegen der Darstellung in manchen Historienfilmen saßen an den Ruderriemen keine Sklaven, sondern extra ausgesuchte starke Männer, die speziell ausgebildet waren, ständig trainierten und auch gut entlohnt wurden. So stellten die Feldherren dieser Zeit sicher, dass sie sich auf die Antriebskraft ihrer Ruderer in jeder Situation verlassen konnten. Zum Training gehörten Wettkämpfe der Schiffsbesatzungen untereinander und alle vier Jahre wurden zu Ehren der Stadtgöttin Athene große Ruderrennen im Hafen des heutigen Piräus ausgetragen.

Doch nicht nur zur Kriegsführung, auch zur Entdeckung der damalig bekannten Welt wurden die Ruderschiffe eingesetzt. Es ging bis zur afrikanischen Küste in das Reich der Araber und in den Norden bis nach Britannien. Und so begegnete man immer wieder anderen Völkern, die ebenfalls das Rudern als Antrieb für ihre Schiffe nutzen, etwa die Wikinger, die mit ihren Horden, vom Norden kommend, den Kontinent heimsuchten und dabei für ihre Erkundungs- und Raubzüge, vom Meer her kommend, die breiten und noch nicht kanalisierten Ströme wie etwa Rhein und Elbe nutzten.

2.2RUDERN ALS PRUNKFAHRT, BERUFSSTAND UND SPORT

Ganz anders kam das Rudern vor etwa tausend Jahren im heute norditalienischen Venedig zur Geltung. Dort gab es natürlich in den Kanälen tausende kleiner und größerer Boote, die von den Gondolieri gerudert wurden und für den täglichen Transport von Menschen und Gütern sorgten.

Herausragend waren aber die Prozessionen der Boote an den Feiertagen. Da waren große Boote mit vielen Ruderern an Bord geschmückt und herausgeputzt unterwegs. Es entstanden regelrechte Prunkfeste, die von den Stadtoberen zu vielen Anlässen angeordnet wurden. Und etwas davon hat sich bis zum heutigen Tage erhalten.

An jedem Pfingstwochenende findet bis heute die „Voga Longa“ auf den Kanälen der Lagunenmetropole statt. Dann gehören die großen und kleinen Kanäle ganz den muskelbetriebenen Wasserfahrzeugen, tausende Ruderboote, begleitet von Kajaks und Kanus, fahren durch die Stadt entlang ihrer Sehenswürdigkeiten. Immer wieder gibt es Staus und waghalsige Manöver an den engen Brückendurchfahrten. Ganz ohne Beschädigungen geht es selten ab. Und dennoch treffen sich alljährlich die Wassersportler aus ganz Europa mit den einheimischen Venezianern, um beim Pfingstfest die große Rudertradition der Stadt eindrucksvoll wiederzubeleben.

Wie kam es nun von diesen ganzen ruderischen Aktivitäten zur Sportart Rudern? Deren Wiege stand, wie bei vielen anderen sportlichen Disziplinen auch, auf der britischen Insel. Der Süden Englands war von vielen Flüssen und deren Nebenarmen durchzogen und um die zu überwinden, brauchte es Fähren. Das Rudern war im 18. Jahrhundert die effektivste Antriebsform und bald hatte sich eine eigene Zunft, die „Watermen“, etabliert. Die hatte strenge Regeln und achtete darauf, dass nicht einfach jedermann mit einem Boot selbst über die Gewässer rudern konnte. Da musste man harte Prüfungen ablegen, um in die Zunft aufgenommen zu werden und nur dann durfte man auch seinen Lebensunterhalt als professioneller Fährmann an den jeweils zugewiesenen Stellen eines Flusses verdienen.

Sehr ausgeprägt war auf der britischen Insel die gesellschaftliche Ordnung, dominiert vor allem durch den Adel. Der wollte nicht vom Zunftgebaren der freien Watermen abhängig sein, sondern nahm viele der Fährleute in seinen ganz persönlichen Personalstamm auf. So war für die Fährleute sichergestellt, dass sie ein festes Einkommen hatten und die Adeligen konnten jederzeit sich ihrer Dienste ohne langes Warten bedienen.

Ende des 18. Jahrhunderts entstand daraus ein Wettbewerb, wer denn wohl die schnellsten und stärksten Watermen in seinen Diensten hatte. Bald fuhren die Fährleute gegeneinander, versuchten, ihr jeweiliges Adelshaus, so gut es möglich war, zu repräsentieren. Die Adeligen selbst zeigten sich dann auch großzügig, setzten Preise und Prämien für diese Rennen der Watermen aus, was für die Ruderer natürlich ein willkommenes Zubrot für ihren meist kargen Lohn war. Nicht weit war es von dort aus bis zu den ersten Wetten des Adels und immer mehr entwickelte sich der eigentliche Fährbetrieb zu einem Freizeitvergnügen, bei dem sich die Sprösslinge der Earls und Lords auch selbst in die Boote setzten, um sich miteinander zu messen.

Bald wurde das zu einem Volkssport, besonders gepflegt und betrieben an den Eliteschulen der höheren Gesellschaft. Die bekannteste davon befindet sich bis heute nahe dem Stammhaus der amtierenden Königsfamilie in Windsor. Nur ein paar Kilometer davon entfernt liegt am Themseufer Eton mit seinem weit über die Grenzen des kleinen Städtchens hinaus bekannten College. Bis heute verfügt die Schule über riesige Bootshallen, in denen Hunderte von Ruderbooten liegen, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert von den männlichen Nachkommen der Adelsfamilien gerudert wurden. Jeder hatte seinen eigenen Einer, was die hohe Anzahl von Booten erklärt. Hier liegen die Wurzeln der bis in unsere moderne Zeit andauernden Bedeutung des Eton Colleges für den Rudersport.

Ganz in der Nähe befindet sich der Dorney Lake, ein künstlicher, quasi rechteckiger See, umgeben von vielen Wiesen und Ländereien der dortigen Familien. Er gehört dem Eton College, das 1996 mit den Bauarbeiten für eine moderne Regattastrecke mit der Wettkampfdistanz von 2.000 Metern begann und an dessen Kopfende ein umfassendes Leistungszentrum für den Wassersport mit allen Räumen und Einrichtungen entstand. Nach Welt-Cup-Regatten und der Weltmeisterschaft 2006 wurden hier die Rennen der Olympischen und Paralympischen Spiele 2012 der Ruderer und Kanuten ausgetragen.

Kurz zurück zu den Watermen: Nach den ersten Rennen, bei denen es bereits um prestigeträchtige Abzeichen und Geldprämien ging, wurde schon 1831 eine erste „Weltmeisterschaft“ ausgetragen. Die „Welt“ des Ruderns als Wettkampf war halt noch im Vergleich zu heute sehr begrenzt und der Umgang mit solchen großen Titeln eher lax. Dass es noch mehr als 120 Jahre dauern sollte, bis erstmals Ruderweltmeisterschaften im heutigen Format ausgetragen wurden, gehört auch zu den Eigenarten der Sportart. Darüber aber mehr im fünften Kapitel dieses Buches.

2.3RUDERN WIRD POPULÄR UND EROBERT DEN KONTINENT

Trotzdem entwickelte sich das Rudern als Freizeitvergnügen und Sportart schon bald nach den ersten Anfängen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das wohl bekannteste Rennen ist der Universitätenwettstreit zwischen Oxford und Cambridge, der erstmals 1829 ausgetragen wurde.

Zwei Freunde (Charles Wordsworth und Charles Merrivale) hatten die Idee dazu. Beide kamen aus Oxford, Merrivale ging aber nach Cambridge zum Studium, besuchte weiterhin regelmäßig seinen Freund, der in seinem Heimatort studierte und ruderte. Irgendwann hatten sie dann die Idee zu einem größeren Rennen und steckten damit auch ihre Professoren an den beiden Hochschulen an. So kam es am 10. Juni 1829 zum ersten „Boat-Race“. 1845 zog man dann auf die noch heute genutzte Strecke der Themse zwischen den Londoner Stadtteilen Putney und Mortlake. Seitdem haben nur die beiden Weltkriege und im Jahr 2020 die Corona-Krise für einen Ausfall des legendären Wettstreits gesorgt.

Das Besondere ist übrigens die Abhängigkeit des Regattadatums von Ebbe und Flut. Die Themse in London wird von den Gezeiten – englisch Tide – beeinflusst, der Abschnitt des Rennens wird deshalb auch der Tideway genannt. Dieser Umstand sorgt dafür, dass als Datum immer ein Wochenende zwischen Ende März und Anfang April festgelegt wird, bei dem das auflaufende Wasser des Flusses zwischen Vormittag und spätem Nachmittag seinen Höchststand erreicht. Nur dann ist die Themse dort breit genug, um genügend Platz für die meist spannenden Bord-an-Bord-Kämpfe auf den gefahrenen 6,8 Kilometern zu bieten. 165 Rennen gab es bisher, 84-mal gewann Cambridge, 80-mal Oxford. Und das eine Unentschieden ist der Legende geschuldet, dass der Zielrichter 1877 wohl zu betrunken war, um am Ende ein Ergebnis festzulegen.

Inzwischen fahren auch die Frauen der beiden Universitäten ihre Rennen auf dem Tideway aus. Wie heute noch die Leichtgewichtsmannschaften und Ehemaligen der Universitäten starteten sie bis 2011 in Henley auf dem dortigen, etwa 2.250 Meter langen Regattakurs. Dort findet bis heute eine legendäre Regatta statt mit königlichem Status. Dazu auch später etwas mehr.

Von der britischen Insel aus verbreitete sich der Rudersport in Richtung europäisches Festland. Schon 1830 gründeten englische Kaufleute, die mit ihren Kollegen in Hamburg eifrigen Handel unterhielten, in der Hansestadt den ersten Klub auf deutschem Boden. 1836 hatten sie die Hamburger Kaufleute so sehr für das Rudern begeistert, dass diese den ersten deutschen Klub gründeten. Er zählt auch wegen seiner Historie noch heute unter dem Namen „Der Hamburger und Germania Ruderclub“ zu den erfolgreichsten und bedeutendsten Rudervereinen in Deutschland.

Die Austragung von Regatten stand an erster Stelle des Vereinszwecks und bald gründeten sich weitere Vereine und Regattainitiativen unter anderem in Berlin, Frankfurt und Mannheim. Gefördert wurde das nicht zuletzt durch das Kaiserhaus in Berlin, wenn auch mit einem eher unsportlichen Hintergrund. Da Rudern den ganzen Körper in Anspruch nimmt und die Disziplin unter dem Kommando eines Steuermanns eine große Rolle spielt, betrachteten die Monarchen und ihre militärischen Berater den Rudersport als eine gute körperliche und moralische Grundausbildung kommender Soldatengenerationen. Wohl auch deshalb ist hier die Grundlage für viele Vereinsgründungen von Ruderklubs in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts zu suchen.

Doch der sportliche Gedanke kam nicht zu kurz. Sport braucht Regeln und um diese zu vereinheitlichen, damit man landesweit gegeneinander Wettkämpfe austragen konnte, gründete sich 1883 der Deutsche Ruderverband (DRV), unter dessen Dach die Vereine und Regattaausrichter sich koordinierten und sich auf einheitliche Austragungsformen von Ruderrennen verständigten. Der DRV gilt damit als der älteste deutsche Sportverband. Heute hat er seinen Sitz in Hannover, rund 500 Vereine, Regattaverbände und Schülerrudervereinigungen sind in ihm zusammengeschlossen. Insgesamt sind über die Vereine rund 83.000 Einzelmitglieder dem Verband mittelbar angeschlossen, von denen der größte Teil das Rudern vor allem als Freizeit- und Breitensport zur eigenen Fitness ausübt. Nach wie vor gehört aber der Wettkampfsport, aus dessen frühen Anfängen mal alles entstand, zu den prägenden Verbandsaufgaben.

Auch in anderen europäischen Staaten hatte inzwischen das Rudern an Stellenwert im Sport gewonnen, nicht zuletzt gefördert durch die höheren Schichten der Gesellschaft. So kam es dann 1892 zur Gründung des internationalen Ruderverbandes durch die Schweiz, Frankreich, Italien, Belgien und die damals eigenständige Region am nordöstlichen Mittelmeer. Da Französisch in diesen Staaten die gebräuchliche Amtssprache war, einigte man sich auf den Namen Fédération Internationale des Sociétés d'Aviron, kurz FISA genannt. Diese internationale Föderation der Ruderverbände gilt als ältester Sportverband der Welt, dem heute 155 nationale Verbände angeschlossen sind und der seinen Sitz in Lausanne/Schweiz hat.

An dieser Stelle soll es zunächst mit der Schilderung der Historie des Ruderns genug sein. Auf weitere Begebenheiten und Entwicklungen des Rudersports wird noch in späteren Kapiteln des Buchs eingegangen. Eines aber soll hier noch erwähnt werden: Vergleicht man das Rudern mit anderen heute populären Sportarten, wird man feststellen, dass die gesellschaftliche Entwicklung genau entgegengesetzt gelaufen ist. Stand das amateurhafte Freizeitvergnügen bei vielen Sportarten zunächst im Vordergrund, bevor es zu professionellen Formen des Sports mit heutigem Ausmaß kam, war es beim Rudern genau umgekehrt. Handel, politische Interessen und Lebensunterhalt standen bei den antiken Völkern und dann den Watermen im Vordergrund, als sie zu den Ruderriemen griffen.

Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Europa nach und nach friedlicher wurde, entwickelte sich das Rudern zur Sportart mit ausgeprägtem amateurhaften Charakter. Und auch wenn heute vor allem im Hochleistungssport die rudernden Akteure durch berufliche Absicherung in staatlichen Institutionen oder Sponsoren in der Zeit ihrer sportlichen Karriere finanziell abgesichert sind, gibt es keinen professionell ausgeübten Rudersport auf der Welt. Einige Topathleten haben nach ihrer Karriere hier und da die Möglichkeiten, ihre sportlichen Erfahrungen, verbunden mit entsprechenden Studienabschlüssen, auch weiterhin beruflich einbringen zu können. Aber das sind die Ausnahmen mit denkbar größtem Abstand zur heutigen professionell betriebenen Sportausübung in den populären Sportarten unserer Zeit.

3
GRUNDLAGEN

Rudern sieht für den Laien, von außen betrachtet, eher leicht aus. Sich im Boot hin und her bewegen und dabei die Ruder durch das Wasser ziehen, kann ja so schwer nicht sein. Aber, Vorsicht: Rudern ist eine komplexe Sportart, bei der die Bewegungsabläufe genau passen müssen. Deshalb gibt es auch zunächst einiges zu lernen, wenn man in diesen Sport einsteigt.

3.1BEGRIFFSERKLÄRUNGEN

Dazu gehören einige Fachbegriffe, auf die wir in diesem Kapitel eingehen wollen. Eine umfangreiche Erklärung des Vokabulars im Rudersport ist im Anhang als Wörterbuch zu finden.

3.1.1Die Seiten des Boots

Vier Himmelsrichtungen gibt es, vier Seiten hat auch ein Boot. Zwei laufen meist spitz zu, die beiden anderen sind dafür umso länger. Es ist die typische Form eines Boots oder Schiffs, die sich für das Befahren von Gewässern durchgesetzt hat.

Vorne am Boot, ausgerichtet auf die gewünschte Fahrtrichtung, befindet sich die Spitze, fachmännisch der Bug genannt. Er läuft bei Ruderbooten meist spitz zu, damit er möglichst wenig Widerstand bei der Fahrt durchs Wasser bildet. Auf der gegenüberliegenden Seite ist das Heck, also hinten am Boot. Bei den motorgetriebenen Wasserfahrzeugen befindet sich dort meist der Antrieb, einerlei, ob am kleinen Sportboot oder am großen Ozeanriesen. Beim Ruderboot findet man dort zumindest ab der Größe für einen Zweier eine Platte aus Holz oder Kunststoff. Diese Platte heißt Steuer, sie ist über Leinen oder über Drahtseile mit den Aktiven im Boot verbunden, die darüber die Fahrtrichtung des Boots beeinflussen, also steuern können.

Rechts und links am Ruderboot befinden sich die langen Seiten, an denen die Ruder befestigt sind, mit denen die Aktiven das Boot bewegen. Die sind je nach Bootstyp und Anzahl der Ruderer unterschiedlich lang. Die Begriffe rechts oder links sind aber bei allen Booten und Schiffen nicht gebräuchlich. Vielmehr spricht der Fachmann von Backbord und Steuerbord. Dabei wird die Backbordseite mit roten Markierungen versehen, die Steuerbordseite mit grünen. Das ist ebenfalls in der gesamten Schifffahrt international so festgelegt und gilt entsprechend in Ruderbooten.

Und genau dort kann man auch gut nachvollziehen, warum man diese Benennung der Seiten so festgelegt hat und nicht von rechts und links spricht. Ruderer sitzen, auch das wird der Laie schnell festgestellt haben, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Der Steuermann aber schaut in Fahrtrichtung, sitzt also genau umgekehrt. Würde er nun ein Kommando geben, dass z. B. auf der rechten Seite etwas kräftiger gerudert werden muss, um dem Boot eine andere Fahrtrichtung zu geben, wüssten die Ruderer nicht, „welches Rechts“ denn nun gemeint ist. Das des Steuermanns, der ja in Fahrtrichtung sitzt, oder das der Ruderer, die entgegen der Fahrtrichtung sitzen.

Um solche Missverständnisse zu vermeiden, wurden schon vor Jahrhunderten die Namen der Seiten eines Boots mit Back- und Steuerbord festgelegt. Über die Entstehung der Namen und die Verteilung auf die beiden Seiten gibt es verschiedene Legenden. Am wahrscheinlichsten ist die Vermutung, dass sie schon vor Jahrhunderten entstanden, als die Steuerruder der geruderten Boote am Heck immer auf der rechten Seite angebracht waren. Deshalb erhielt die, in Fahrtrichtung vom Steuermann aus, gesehene rechte Seite den Namen „Steuerbord“, wobei mit dem Begriff Bord der obere Rand des Schiffs bezeichnet wird. Entsprechend erhielt die gegenüberliegende Seite den Namen „Backbord“.

Ein Steuermann würde also bei einem Manöver für die rechte Seite des Boots die Bezeichnung „Steuerbord“ ansagen. Damit ist für alle an Bord befindlichen Personen klar, von welcher Seite bei Manövern die Rede ist, einerlei, wie und wo man sich gerade befindet. Und beim Rudern gilt das vom Einer bis zum Achter mit Steuermann.

3.1.2Die Ruder

Blicken wir nochmals durch das Auge eines Laien auf den Rudersport. Ihm dürfte beim Verfolgen verschiedener Rennen einer Ruderregatta auffallen, dass es offenbar zwei unterschiedliche Arten des Ruderns gibt. In einigen Booten haben die Ruderer in jeder Hand ein einzelnes Ruder, in anderen Booten hingegen nur ein Ruder, das sie mit beiden Händen durchs Wasser ziehen. Gemeinsam ist allen Booten, dass sie weitestgehend gerade über die Regattabahn fahren, also nicht in Schlangenlinien.

Da kommt wieder das Hebelgesetz zur Geltung. Will man mit einem Boot möglichst in gerader Linie von A nach B kommen, müssen auf beiden Seiten die gleichen Kräfte wirken. Das bedeutet für ein Ruderboot, dass auf Steuer- wie auf Backbord die gleiche Anzahl an Rudern zum Antrieb des Boots ins Wasser tauchen muss. Folglich muss der Einerfahrer also auf beiden Seiten ein Ruder haben und die heißen fachmännisch richtig Skulls.

Es gibt jeweils ein Skull für jede Seite, die mit rot und grün markiert sind. Sitzen zwei Ruderer im Boot, können sie sich die Arbeit quasi teilen. Jeder rudert dann auf seiner Seite mit einem Riemen. Setzen sie jeweils auf ihrer Seite die gleiche Kraft ein, können sie damit das Boot in gerader Richtung fahren. Kleine Unterschiede lassen sich durch die Längeneinstellungen an einem Ruderriemen ausgleichen, dazu mehr im nächsten Kapitel.

Klar ist aber spätestens jetzt, dass Riemenboote immer nur mit einer geraden Anzahl an Ruderern gefahren werden können, zumindest wenn man vom Rudern als Sportart spricht. Um eine Ausnahme hier zu nennen, seien die Gondolieri in Venedig erwähnt, die nur mit einem Riemen ihr Boot antreiben. Um das Geradeausfahren und die Manövrierbarkeit der Gondeln zu gewährleisten, sind diese unsymmetrisch gebaut. Der Gondoliere steuert sein Boot durch geschicktes Drehen seines Ruderriemens beim Durchzug.

Zurück zur Sportart. Rudern bietet mit diesen zwei Möglichkeiten, dem Skullen und dem Riemenrudern, sowohl ganz individuell im Einer zu fahren als auch als Mitglied eines Ruderteams mit zwei, vier oder acht Ruderern sich einzubringen. Und auch als Skuller muss man auf das Mannschaftserlebnis nicht verzichten. Hier gibt es im Leistungssport ebenfalls den Zweier und den Vierer, die von den Fachleuten als Doppelzweier und Doppelvierer bezeichnet werden. Das Wort „Doppel“ steht hier also nicht für die Anzahl der Aktiven im Boot, sondern für die der Ruderblätter, die im Wasser für den Antrieb sorgen.

Im Laufe der Geschichte des Ruderns als Leistungssport haben sich verschiedene Zusammensetzungen im Boot ergeben, Bootsklassen genannt. In einem Einer sitzt immer nur ein Ruderer, den Zweier und den Vierer gibt es sowohl mit wie auch ohne Steuermann. Der Achter wird seit jeher immer mit Steuermann gefahren. Mehr zu den tatsächlich bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften ausgefahrenen Bootsklassen in diesem Buch zu einem späteren Zeitpunkt.

3.1.3Der Platz des Ruderers

Zwei Teile eines Ruderplatzes sollen hier noch beschrieben sein. Da ist zunächst der Rollsitz, auf dem der Ruderer im Boot Platz nimmt. In der Antike und dann bis zum Ende des 19. Jahrhunderts saßen die Aktiven fest im Boot. Die Länge eines Ruderschlags, also das einmalige Durchziehen des Ruderblatts durchs Wasser, war nur so lang, wie sich der Ruderer mit dem Oberkörper nach vorne beugen und nach hinten legen konnte. Die Kraft der Beine wurde also kaum genutzt, der Ruderschlag entsprechend kurz.

Um hier effektiver zu werden, wurden die Bretter, auf denen die Ruderer saßen, zunächst mit Fett eingerieben und die Ruderer erhielten Lederhosen, mit denen sie auf dem Fett durch das Anziehen und Strecken der Beine hin- und herrutschen und so den Weg des Blatts durch das Wasser verlängern konnten. Als die technische Entwicklung der benutzten Materialien dann voranschritt, konnte man Sitze mit Rollen bauen, die auf Schienen im Boot gelagert waren und auf denen dann die Ruderer sich ganz ohne das im Laufe der Zeit ranzig werdende Schmierfett im Boot bewegen konnten.

Damit war der Rollsitz erfunden und er ist bis heute in jedem Ruderboot dasjenige Bestandteil, mit dem der Ruderer körperlich den meisten Kontakt hat. Er signalisiert dem erfahrenen Aktiven auch, ob das Boot gerade im Wasser liegt oder zu einer Seite kippt. Deshalb sagt man oft von Ruderern, sie hätten ein „zweites“ Gleichgewichtsorgan im Gesäß eingebaut. Tatsächlich ist es aber nur die Erfahrung, die man schon nach ein paar Ausfahrten im Boot aufbaut.

Das zweite Element, das in diesem Kapitel noch genannt sein soll, ist das Stemmbrett. Auf ihm sind die Füße fest mit dem Boot verbunden, womit gewährleistet ist, dass durch Beugen und Strecken der Beine der Rollsitz bewegt werden kann. Das Stemmbrett ist eine relativ einfache Konstruktion, bestehend aus einer Querstange, die auf beiden Seiten des Boots befestigt wird. Im rechten Winkel zu dieser Stange sind ein oder zwei Brettchen angebracht. Auf ihnen setzt der im Boot sitzende Ruderer seine Füße ab.

Um diese fest mit dem Boot zu verbinden, gibt es entweder für jeden Fuß einen Lederriemen oder moderner auch eine Fußhalterung aus Kunststoff. In beiden Fällen behält man meist einfache Sportschuhe an, die sorgen für einen festen Sitz der Lederriemen oder der Kunststoffhalterungen. In modernen Rennbooten sind auf dem Stemmbrett leichte Sportschuhe fest eingebaut, in die der Ruderer hineinschlüpft. Bei allen drei Varianten ist in jedem Fall eine feste Verbindung der Füße mit dem Boot sichergestellt.

Das Stemmbrett hat auch die Aufgabe, unterschiedliche Körperlängen der Ruderer auszugleichen. Dazu kann die gesamte Stemmbrettkonstruktion nach vorne oder nach hinten verschoben und mit entsprechenden Verschraubungen fixiert werden. Hat man eher kürzere Beine, schiebt man das Stemmbrett in Richtung Bug, bei längeren Beinen entsprechend in Richtung Heck. Damit können Größenunterschiede innerhalb einer Rudermannschaft ausgeglichen werden.

Die Einstellung des Stemmbretts sorgt auch dafür, dass der Ruderer im möglichst optimalen Winkel zu Ruderriemen bzw. Skulls sitzt und diese auf einem möglichst langen Weg mit dem Oberkörper und den Armen bewegen kann. Deren Befestigung liegt nämlich immer an jedem Ruderplatz an der gleichen Stelle und durch die Einstellung des Stemmbretts kann bewerkstelligt werden, dass ein Boot von ganz unterschiedlichen Aktiven jeweils mit einer technisch sauberen Körperbewegung genutzt werden kann.

Bekannt ist im Einer die Bauform des Rollauslegers. In diesem Boot ist der Sitz für den Ruderer fest eingebaut. Dafür sind das Stemmbrett und die Ausleger mit den Dollen, in denen die Skulls bzw. Riemen liegen, auf einer beweglichen Konstruktion befestigt. Diese läuft über Schienen auf dem Waschbord des Boots entlang und wird durch das Anziehen und Strecken der Beine bewegt. Der Ablauf der Ruderbewegung beim Rollausleger entspricht dem im klassischen Auslegerboot mit Rollsitz. Da der Ruderer an einem festen Punkt im Boot sitzt und nicht der Körper mit seinem Gewicht hin und her bewegt wird, liegt das gesamte Boot ruhiger im Wasser.

Den Rollausleger gab es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, bekannt aber wurde die Konstruktion vor allem durch den Einsatz eines solchen Boots bei den Weltmeisterschaften 1981 in München. Peter-Michael Kolbe wurde damit Einer-Weltmeister. Auch bei der WM 1983 trat er im Rollausleger an und wurde erneut Weltmeister. Im selben Jahr allerdings verbot die FISA den weiteren Einsatz des Rollauslegers im Wettkampf, um die Chancengleichheit für alle zu wahren.

Bug und Heck, Steuer- und Backbord, Riemen und Skulls, Rollsitz und Stemmbrett – das sind die Teile und Begriffe, mit denen man sich vor der ersten Übungsstunde als Ruderanfänger vertraut gemacht haben sollte. Sie sind in jedem Ruderboot gleich, es spielt keine Rolle, ob es für den Hochleistungssport oder den Freizeit- und Breitensport genutzt wird. Welche Bootsformen es für die unterschiedlichen Ausprägungen des Rudersports gibt und welche Einzelteile für die Ausführung eines möglichst effektiven Ruderschlags noch eine Rolle spielen, ist im nächsten Kapitel zu finden.

Abb. 1: Diese Zeichnung stellt den Aufbau eines Ruderplatzes dar mit den jeweiligen Bezeichnungen der einzelnen Teile (Zeichnung: Oskar Loewe)

3.2BOOTE UND MATERIAL

Boote, die gerudert werden, gibt es also schon seit ein paar tausend Jahren. Der Bootsbau für den Sport begann seine Entwicklung im 19. Jahrhundert. Holz war dabei das hauptsächlich eingesetzte Material und das blieb auch so bis in die 1960er-Jahre. Seitdem haben die Kunststoffe im gesamten Ruderbootbau das Holz weitestgehend verdrängt, man findet es meist nur noch im Innenausbau von Booten für den Freizeit- und Breitensport.

3.2.1Vom Holz zum Kunststoff

Die ursprüngliche Bauweise mit einem Kiel (innen und außen), daran befestigten Spanten für den Bootskörper und Planken, die sich an den Spanten hochzogen, galt lange als die typische Form auch für Ruderboote aller Art. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte man Verfahren entwickelt, um die Bootsseiten aus dünnen, gebogenen Holzplatten zu fertigen, die man als Ganzes über die Spanten legte. Sie waren zwar empfindlicher als die bisher verwendeten Plankenhölzer, erlaubten aber vor allem eine Einsparung an Gewicht. Und das war natürlich gerade im Rennbootbau ein entscheidender Faktor. Je leichter das Boot ist, desto schneller konnte es im Rennen gerudert werden und entsprechend weniger Kraft musste man dafür aufwenden.

Als sich dann nach und nach die Kunststoffe und die Verstärkung durch leichte Kohlefasern durchsetzten, gab das den Booten in dieser Beziehung noch einmal einen gravierenden Impuls für den heute gebräuchlichen modernen Bootsbau. Spätestens mit dem Einsatz von Kunststoffbooten bei den Olympischen Spielen von 1972 in München war der Siegeszug der „Plastikschüsseln“ nicht mehr aufzuhalten. Selbst namhafte Designer, wie der 2019 verstorbene Luigi Colani, machten sich an die Formen und Entwicklungen von eingebauten Komponenten bei Ruderbooten. Sein Boot erwies sich dann aber doch als zu filigran und anfällig, um einem harten Ruderrennen über die 2.000-Meter-Distanz standzuhalten. Es kam dann doch ein Kunststoffboot einer erfahrenen Werft zum Einsatz.

Generell gilt im Ruderbootsbau, dass die Entwicklung von Formen und eingesetztem Material für die Nutzung in offiziellen Rennen nicht eingeschränkt ist. Jede gute Idee, die ein Boot schneller machen kann, darf grundsätzlich eingesetzt werden. Der Internationale Ruderverband FISA macht allerdings für den Einsatz bei seinen Regatten, Meisterschaften und Olympischen Spielen die Vorgabe, dass jede Nation in der Lage sein muss, die verfügbaren Bootstechniken für ihre Mannschaften anschaffen zu können.

Es gibt einige renommierte Werften für den Bau von Rennbooten für den Spitzensport sowohl in Deutschland wie auch in Europa und Übersee. Da tüfteln die Experten und Entwickler immer wieder an Einbauten und Techniken, die sich auf die Bootsgeschwindigkeit positiv auswirken sollen. Dem sind grundsätzlich keine Grenzen gesetzt. Sie müssen aber nach der Serienreife von allen Nationen auf einem freien Markt erworben werden können und nicht nur den Teams des Landes verfügbar sein, in dem die Werft ihren Sitz hat. So soll eine Chancengleichheit im Rudersport hergestellt werden und vermeintlich reiche Nationen sich nicht einen Vorteil durch teure Entwicklungen oder Materialien verschaffen können.

3.2.2Mindestgewicht bringt Sicherheit

Einen weiteren Effekt hatten die Erfahrungen mit den besonders leicht gebauten Booten. Sie wurden ja nicht nur auf den Regatten eingesetzt, wo die Rennen meist von Wettkampfrichtern und Wasserrettungsorganisationen in Motorbooten begleitet werden. Kommt es hier zu einem Materialbruch und eine Mannschaft kentert, dann ist Hilfe schnell zur Stelle.

Anders aber sieht das aus im täglichen Training, das nicht selten auf größeren Seen nur mit der Begleitung durch einen Trainer in einem eher kleinen Motorboot abläuft. Würde hier ein leicht gebauter Vierer oder gar Achter durch den harten Krafteinsatz der Ruderer oder eine Grundberührung bzw. Kollision auseinanderbrechen, kann es für die Aktiven gefährlich werden, wenn sie nicht schnell aus dem Wasser kämen. Das gilt vor allem bei niedrigen Wassertemperaturen.

All diese Überlegungen haben dazu geführt, dass die FISA für den Bootsbau von Rennbooten Mindestgewichte eingeführt hat, damit nicht hauchdünne Materialien, sondern widerstandsfähige Bootsrümpfe zum Einsatz kommen. Die Erfahrungen der zurückliegenden gut 50 Jahre zeigen, dass diese Überlegungen und Vorgaben im Bootsbau berechtigt sind. Nur ganz selten hört man von Unglücksfällen durch den Bruch eines Boots. Folgende Mindestgewichte ohne Riemen bzw. Skulls sind für die einzelnen Bootstypen festgelegt und haben sich bewährt:


Einer 14 kg
Doppelzweier und Zweier-ohne-St. 27 kg
Doppelvierer 52 kg
Zweier-mit-St. 32 kg
Vierer-ohne-St. 50 kg
Vierer-mit-St. 51 kg
Achter 96 kg

Abb. 2: Mindestgewichte für die einzelnen Bootstypen ohne Skulls oder Riemen

Damit sind die im Rennsport genutzten Bootstypen genannt. Und da wir gerade bei Zahlenspielen sind, folgen hier auch die Maße. Sie unterliegen keinerlei Beschränkungen oder Kontrollen bei Regatten, sondern ergeben sich aus dem erforderlichen Raum für die jeweiligen Ruderplätze eines Boots und dem Auftrieb, den ein Bootskörper im Wasser erzeugen muss, um das Gewicht der Aktiven sowie von Skulls bzw. Riemen tragen zu können. Wichtig ist dabei, dass ein Boot so weit aus dem Wasser herausragt, um die Ruder ohne Behinderung im und über dem Wasser führen zu können. Folgende Maße für die Rennboote sind zu finden:


Typ Breite Länge
Einer (auch Skiff genannt) 27-29 cm 7,80-8,30 m
Zweier 33-36 cm 9,40-10,00 m
Vierer 43-46 cm 11,80-12,90 m, m. St. bis 13,65 m
Achter 55-57 cm 16,85-17,80 m

Abb. 3: Abmessungen für Rennboote

Die hier genannten Maße bieten einen Überblick über den Bereich des Rennbootbaus. Jede Ruderbootwerft hat da ihre eigenen Formen und Feinheiten, die sie bei der Fertigung speziell von Booten für Mannschaften im Hochleistungssport nutzt. Erwähnt sei an dieser Stelle noch, dass die heute gebauten Achter fast alle teilbar sind, also aus zwei Teilen bestehen, die für die Nutzung des Boots zusammengeschraubt werden. Das dient vor allem dem Transport der Boote auf der Straße beim An- und Abreisen zu Regatten.

Dazu werden sie auf spezielle Anhänger gelegt und dort festgezurrt. Damit die im Straßenverkehr zugelassenen maximalen Längen für Anhänger und Zugfahrzeug nicht durch die langen Achter überschritten werden, wurde diese Teilung der Boote von den Werften technisch zuverlässig entwickelt, ohne dass Wasser bei der Nutzung in den Bootsinnenraum eindringen kann.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die aufgeführten Maße vor allem für den Rennbootbau gelten. Der Freizeit- und Breitensport ist ja bereits im vorherigen Kapitel erwähnt worden, hier kommen aber ganz andere Bootsformen zum Einsatz. Die werden in Kap. 6 vorgestellt.


Abb. 4: Der beispielhafte Aufbau eines Rennboots, hier der Vierer ohne St. (Zeichung: Oskar Loewe)

Der Bootsbau mit den deutschen und internationalen Werften ist eine Art Wissenschaft für sich. Da wird viel getüftelt und experimentiert, um vor allem im Hochleistungssport für ein Topteam das optimale Bootsmaterial einsetzen zu können. Die hier ausgeführten Fakten sind nur ein erster Überblick für den interessierten Einstieg in die Sportart Rudern. Wer sich darüber weiter informieren möchte, findet eine Menge an Literatur dazu, von der ein Teil im Anhang dieses Buchs aufgeführt ist. Darin finden sich auch detaillierte Angaben zu den weiteren Teilen, die an einem Ruderplatz im Boot eingesetzt werden.

3.2.3Skulls und Riemen

Ohne Boote geht es also nicht beim Rudern. Ohne Riemen oder Skulls aber auch nicht, und deshalb wollen wir hier diese etwas genauer betrachten. Wie bei den Booten war auch bei den Rudern Holz der ursprüngliche Werkstoff. Inzwischen hat hier der Kunststoff die Überhand gewonnen, nur selten findet man noch Holzskulls oder -riemen auf dem aktuellen Markt der Werften und Bootsbauer.

Geblieben ist die generelle Bauform. Sie besteht aus dem Schaft, der an einem Ende mit dem Griff endet. Am anderen Ende ist das Ruderblatt montiert. Schaft und Griff gingen bei den aus Holz gefertigten Rudern meist nahtlos ineinander über. Wurden dafür ursprünglich massive Holzkörper genutzt, wurden im 20. Jahrhundert nach und nach die Schäfte aus einzelnen Teilen verleimt, sodass sich innen ein Hohlraum bildete. Das sollte vor allem Gewicht ersparen, denn ein leichtes Skull oder ein leichter Riemen lässt sich natürlich viel leichter in der Ruderbewegung führen, als massives Holz.

Das Ruderblatt war am Ende des Schafts eingeleimt und sollte möglichst gut im Wasser liegen sowie wenig Widerstand durch entsprechende Strömungsformen beim Durchzug bieten. Gleichzeitig musste es aber der Kraft des Durchzugs standhalten. Ähnlich wie bei den Booten wurde auch die Form der Blätter immer wieder überarbeitet, neue Erkenntnisse über Kraft- und Strömungsverläufe durch teilweise nur millimeterweise Veränderungen eingebaut.

Waren die Blätter in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts meist lang und schmal, änderte sich das mit den Europameisterschaften 1959 im französischen Macon. Dort kamen erstmals bei einer großen internationalen Meisterschaft große, schaufelähnliche Ruderblätter zum Einsatz, die zwar von den Ruderern einiges an Kraft verlangten beim Durchzug, dennoch aber enormen Vortrieb erzeugten und damit die Boote deutlich schneller machten. Schon bei den ein Jahr später stattfindenden Olympischen Spielen von 1960 sah man fast alle Mannschaften mit dieser Blattform antreten. Sie heißt bis heute das Macon-Blatt.

Die nächste Stufe im Ruderbau nahm die Entwicklung mit dem Einsatz von Kohlefasern für die Schäfte. Auch das brachte weitere Ersparnis beim Gewicht, was Einfluss auf die Rudertechnik und die möglichen Schlagzahlen im Rennen hatte. Ende des 20. Jahrhunderts verschwand bei den Topteams das Holz fast völlig bei Skulls und Riemen. Nur noch die Griffe bestanden aus dem natürlichen Werkstoff, sie wurden in die röhrenförmigen Schäfte aus Kunststoff- und Kohlefasern eingesteckt und mit Klebstofffixiert.

Den letzten großen Schritt bei der Entwicklung von Riemen und Skulls gab es vor den Olympischen Spielen von 1992. Da nutzten erstmals die internationalen Mannschaften in einem Topwettkampf die neue Form der asymmetrischen Ruderblätter. Setzte bis dahin der Schaft des Ruders quasi mittig am Ruderblatt an, so verschob sich der Ansatzpunkt bei den neuen Ruderblättern nach oben, was den Rudern selbst eine Ähnlichkeit mit einem Hackebeil gab. Schnell hatten sie dann auch diesen Namen weg. Ebenso war aber auch klar, dass man damit die Kraft noch besser ins Wasser bringen konnte. Heute hat sich diese Blattform in allen Bereichen durchgesetzt.

Abb. 5: Der Aufbau von Riemen (oben) und Skulls mit Bezeichnung der einzelnen Teile (Zeichnung: Oskar Loewe)

3.2.4Die Ruderanlage

Die Bauform ist nun klar, aber das Wichtigste ist die gute Verbindung von Boot und Rudern, damit die Kraft der Ruderer möglichst optimal in Bootsgeschwindigkeit umgesetzt wird. Der Punkt, an dem sich das abspielt, ist die Dolle, ein u-förmiger Baustein aus Messing oder Kunststoff, der sich um einen fest mit dem Boot verbundenen Stift dreht. Der Stift sitzt üblicherweise an einem Ausleger, also einer Konstruktion ebenfalls aus Metall oder Kunststoff, die den Drehpunkt der Ruder ein Stück außerhalb des eigentlichen Bootsrumpfs bringt.

Damit ergeben sich möglichst große Hebelverhältnisse beim Durchzug. Die werden hergestellt durch die Lage des Ruders in der Dolle. Der Schaft eines Skulls oder Riemens wird an einer Stelle von einem angeschraubten Klemmring umgeben. Der teilt das Ruder in einen Innen- und einen Außenhebel. Der Klemmring liegt innen an der Dolle an, der Innenhebel mit dem Griff ragt ins Boot und wird vom Ruderer eingesetzt. Das längere Stück des Ruders liegt hinter der Dolle außerhalb des Boots, sodass das Ruderblatt durch die Ruderbewegung ins Wasser gesetzt und dann beim Ruderschlag durchgezogen werden kann.

Klingt alles ein wenig kompliziert, ist aber eigentlich ein einfacher Vorgang mithilfe – vereinfacht gesprochen – einer Stange und eines Drehpunkts. Und auch da spielen die Hebelgesetze eine große Rolle. Je länger der Innenhebel ist, desto weniger braucht man Kraft, um den Außenhebel durch das Wasser zu ziehen. Entsprechend kommt dann aber auch weniger Kraft an, was wiederum das Boot verlangsamt.

Um auf all diese Dinge Einfluss nehmen zu können, ist die Lage eines Klemmrings am Skull bzw. Riemen verschiebbar. Bei modernen Rudern können auch die aus Kunststoff bestehenden Griffe im Schaft ebenfalls verschoben werden, was weiteren Einfluss auf den Krafteinsatz hat. Genutzt werden diese ganzen Verstellmöglichkeiten, um z. B. auf Witterungseinflüsse auf einer Regattabahn reagieren zu können. Herrscht starker Gegenwind, wird das Boot gebremst, die für die Renndistanz benötigte Zeit verlängert sich.

Damit dem Ruderer dadurch nicht frühzeitig die Kraft ausgeht, kann man die Innenhebel „weicher“ einstellen, also verlängern. Damit benötigt er weniger Kraft pro Schlag und kommt mit der verfügbaren Kondition wohl gut über die Rennstrecke. Entsprechend kann man die Ruder „härter“ einstellen bei Schiebewind.

Der Ursprung des Zusammenspiels zwischen Ruder, Dolle und Boot war in der Frühzeit des Rennruderns noch recht übersichtlich. Da zählte die Kraft, die ein Ruderer einsetzen konnte und die entschied über Sieg oder Niederlage. Inzwischen hat sich die Verstellbarkeit von Skulls und Riemen, das Trimmen, im Rennsport zu einer kleinen Wissenschaft entwickelt, die innerhalb der Ausbildung von Trainern für den Spitzensport einen breiten Raum einnimmt.

Schon bei der Vorbereitung des Materials an Land können hier die Weichen für Erfolg und Misserfolg im Rennen gestellt werden, wenn Trainer oder Bootsmeister sich für eine unpassende Einstellung des Materials entscheiden.

Boote, Riemen und Skulls bilden also die Voraussetzungen für den Rudersport. Sie haben sich im Laufe der Jahrzehnte immer weiterentwickelt. Heute sind die bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften zum Einsatz kommenden Materialien millimetergenau auf die Mannschaften angepasst. Meist ist bei diesen Regatten auch mindestens ein hauptberuflicher Bootsmeister im Betreuerstab einer Nationalmannschaft dabei, um nötige Einstellungen auf die Gegebenheiten vor Ort fachmännisch vornehmen zu können.

Zusätzlich spielt die Pflege der Boote eine Rolle, Bootsrümpfe werden gerade bei den großen Wettkämpfen poliert, um durch eine glatte Oberfläche möglichst wenig Widerstand im Wasser zu erzeugen. Das gilt aber überwiegend im Hochleistungssport, bei dem es um Medaillen und Titel geht. Auf den Regatten im unteren Leistungsbereich und vor allem im Freizeit- und Breitensport trägt ein pfleglicher Umgang der Aktiven mit dem vorhandenen Material dazu bei, die Nutzungszeit eines Boots so lang wie möglich zu erhalten.

Im Topbereich sind es meist nur wenige Jahre, die ein Boot von einem Team genutzt wird. Spätestens beim Antritt zu den nächsten Olympischen Spielen steht meist neues Material zur Verfügung, auf das man sich im Training bereits einstellen kann. In den anderen Ruderbereichen kann ein Boot bei entsprechend guter Behandlung schon mal einige Jahrzehnte im Einsatz sein.

Wenn man bedenkt, dass ein neuer Rennachter der modernen Art etwa den finanziellen Gegenwert eines PKW der gehobenen Mittelklasse hat, kann man verstehen, dass Neuanschaffungen nicht ständig möglich sind. Und wenn ein Boot mal bei einem großen Erfolg zum Einsatz kam, also in ihm Gold bei den Olympischen Spielen gewonnen wurde, dann wird es noch einmal so gut von den Aktiven gepflegt und behandelt. Für nachfolgende Generationen ist es dann eine gewisse Ehre, in einem solchen Boot fahren zu dürfen.

3.3BEWEGUNG, KOORDINATION UND KOMMANDOS

Nun sind die wichtigsten Grundbegriffe im Rudern erklärt und auch das Sportgerät – Boote, Skulls und Riemen – vorgestellt. Da braucht man sich also nur noch ans Wasser begeben, das Boot mit dem Material einsetzen und losfahren. Im Prinzip ja, aber ganz so einfach ist dann die Praxis doch nicht.

Der Anfänger, der zum ersten Mal auf einem Rollsitz Platz genommen hat und versucht, das Boot mit Ruderschlägen zu bewegen, merkt schnell, dass dies doch einige Übung verlangt. Entweder sind die Beine im Weg, die Arme bewegen zwar die Skulls ins Wasser, aber beim Ziehen bewegt sich das Boot kaum, der Rollsitz rutscht mit dem Oberkörper hin und her, ist aber doch immer an der falschen Stelle, um Arme und Beine einsetzen zu können. Und überhaupt, alles wackelt hin und her, man hat das Gefühl, jeden Moment ins Wasser zu fallen und von Spaß ist man ein Stück weit entfernt.

Aber, keine Angst, das ist alles völlig normal, denn Rudern sieht zwar zunächst einfach aus, hat aber doch einen etwas komplexeren Bewegungsablauf, den es mit ein paar Übungseinheiten zu erlernen gilt. Das ist wie mit dem Lernen des Fahrradfahrens bei Kindern. Die fahren am Anfang auch wackelig und Stützräder verhindern das Umkippen. Aber schnell sind die verschwunden und nach ein paar Runden klappt das mit dem Fahrradfahren ohne Probleme. Und das verlernt man dann sein Leben lang nicht mehr. Hat man dann mal längere Zeit nicht auf dem Sattel gesessen, sind die ersten Meter wieder etwas gewöhnungsbedürftig. Aber nach ein paar Minuten kommt die alte Sicherheit zurück und man kann das Fahren wieder genießen.

Beim Rudern ist das ähnlich. Hat man einmal den Bewegungsablauf verinnerlicht, setzt man sich in jedes Boot zusammen mit anderen Ruderkameraden und fährt los. Und hat man auch da mal eine längere Pause gemacht, ist es am Anfang auch noch ein wenig wackelig, aber nach ein paar Schlägen kommt man direkt wieder hinein in die gekonnt ausgeführte Ruderbewegung.

3.3.1Erste Phase – die Auslage

Aber wie sieht diese nun aus? Zur Erklärung kann man den Ablauf eines Ruderschlags in vier Phasen zerlegen.

Der Schlag beginnt mit der ersten Phase, dem Einsetzen des Blatts ins Wasser. Das gilt sowohl für das Skullen wie auch für das Riemenrudern. Dazu sitzt der Ruderer mit angezogenen Beinen etwas nach vorne gebeugt mit ausgestreckten Armen in der Auslage. Die Hände umfassen locker den Griff am Innenhebel, die Ruderblätter schwimmen knapp unterhalb der Oberfläche senkrecht im Wasser.

Hier ist schon mal der erste Punkt, auf den man achten sollte: Rudern hat zwar mit Kraft und Durchzug zu tun, aber die Hände liegen dazu nicht fest umschlossen und quasi krampfartig um den Griff, sondern fassen diesen ganz locker nur mit den Fingern. Die Handfläche liegt ohne Druck auf dem Griff, bei den Skulls liegt der Daumen außen auf der runden Fläche am Ende des Griffs. Beim Ruderriemen liegen beide Hände auf dem Griff, die wasserseitige Hand umfasst das Ende des Innenhebels, die andere Hand liegt etwa auf Mitte des Oberkörpers.

3.3.2Zweite Phase – der Durchzug

Der Schlag, also das Durchziehen der Blätter durch das Wasser, ist die zweite Phase. Sie beginnt mit dem leichten Aufrichten des Oberkörpers. Der Körper liegt in der Auslage auf den angezogenen Oberschenkeln auf. Die Rückenmuskeln spannen sich leicht an, dadurch kommt der Oberkörper in die aufrechte Position. Auch das erfolgt nicht ruckhaft oder mit großer Kraft, sondern nur so ganz leicht, als ob man auf einem Stuhl sitzend sich langsam um wenige Zentimeter aufrichtet. Der Rücken soll dabei nicht völlig steif gehalten werden, sondern locker und beweglich bleiben.

Dann beginnen die Beine mit dem Schub, sie werden also gestreckt. Auch hier sollte die Bewegung kontrolliert, also nicht ruckartig sein. Mit dem Strecken der Beine drückt man sich vom Stemmbrett, auf dem die Füße einen möglichst festen Sitz haben sollten, ab und bewegt damit den Rollsitz mit dem Oberkörper nach hinten.

Dadurch senken sich die Knie nach unten, geben also den Raum vor dem Oberkörper frei, damit man die Arme anziehen und damit die Hände mit dem Griff auf seinen Körper zuziehen kann. Die Blätter am anderen Ende des Ruders bewegen sich durch das Wasser und schieben das Boot vorwärts.

Was sich hier so in einzelne Bewegungen der Körperteile zerlegt kompliziert anhört, ist in der Praxis nach einiger Übung ein flüssiger Ablauf der Schlagbewegung. Am Anfang wird man sich noch auf jede Einzelbewegung von Körper, Armen und Beinen konzentrieren müssen, nach ein paar Übungen spürt man dann aber die Reaktion von Boot und Rudern auf die einzelnen Bewegungen und kann diese nahtlos aneinanderreihen. Daraus ergibt sich der reibungslose und effektive Ruderschlag.

3.3.3Dritte Phase – die Rücklage

Die Anatomie des Körpers begrenzt den Ruderschlag. Sind die Beine gestreckt, die Arme angezogen und der Rollsitz am Ende der verfügbaren Rollbahn angekommen, geht der Schlag über in die dritte Phase, die Rücklage. Dies ist der hintere Umkehrpunkt des Ruderschlags.

Dabei wird der Oberkörper leicht nach hinten gelegt, aber auch hier locker und unverkrampft. Die Rücklage ist auch nur wenige Zentimeter weit, also so, als ob man sich an die Rückenlehne des heimischen Sofas anlehnt. Dabei ist die Körperhaltung weiter aufrecht, der Rücken ist nicht rund und die Schultern bleiben gerade, sacken also nicht in Richtung Körpermitte ab oder werden in Richtung Ohren hochgezogen

Die Hände sind beim Skullen etwa eine Daumenlänge vom Körper entfernt und auf Höhe des unteren Rippenbogens und werden auf dieser Höhe bei richtiger Einstellung des Stemmbretts seitlich neben den Körper gezogen. Beim Riemenrudern endet die Bewegung der Arme kurz vor dem Körper ebenfalls auf Höhe des unteren Rippenbogens.

Man zieht beim Skullen und Riemenrudern die Griffe also nicht mit Kraft nach oben zum Hals oder Kopf, sondern lässt sie ganz locker an den Körper herankommen. Durch diesen Weg der Hände ergibt sich, dass das Ruderblatt am Ende des Skulls nicht tief ins Wasser hineingezogen wird, sondern den gesamten Durchzug über knapp unter der Wasseroberfläche bleibt. So kann man die meiste Kraft hinter den Ruderschlag bringen, also den meisten Vortrieb erzeugen. Durch die Lage der Blätter im Wasser und den Platz, den man nun vor dem Oberkörper hat, kann man nun die Hände leicht nach unten drücken und das Blatt so aus dem Wasser herausheben.

Dieser Bewegungsablauf macht am Anfang wohl noch ein paar Probleme, denn hat man die Hände zu hoch an den Oberkörper geführt und ist damit das Ruderblatt doch tiefer im Wasser drin, fängt man sich schnell einen Krebs. So nennt es der Fachmann, wenn das Blatt im Wasser hängen bleibt, durch die Vorwärtsbewegung des Boots sich dann gerne im Wasser verkeilt und der Ruderschlag abrupt gestoppt wird. Aber auch das ist mit ein wenig Übung schnell erlernt und die Erfahrung zeigt dann dem Anfänger, wie es richtig gemacht wird.

Ein guter Trainer, der die Ausbildung von Anfängern durchführt, wird deshalb immer wieder darauf hinweisen, dass man zunächst mit möglichst wenig Kraft den Schlag ausführt. Man sollte erst mal das Gefühl dafür bekommen, wie das Ruderblatt im Wasser liegt und sich dort verhält. Durch die Bauart von Boot, Ausleger, Dolle und Skull bzw. Riemen ist immer dafür gesorgt, dass das Ruderblatt eigentlich optimal durch das Wasser geht.

Man braucht am Anfang nur ein wenig mit den Fingern am Griff zu ziehen, um diesen Verlauf kennenzulernen. Nach und nach wird dieser Vorgang mental verinnerlicht und man kann langsam auch die eigene Körperkraft einsetzen und so das Boot schneller machen.

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