Kitabı oku: «DIE ZUKUNFT und andere verlassene Orte»
Corinna Griesbach (Hrsg.)
DIE ZUKUNFT
und andere verlassene Orte
Ein HALLER-Buch
Außer der Reihe 45
Corinna Griesbach (Hrsg.)
DIE ZUKUNFT
und andere verlassene Orte
Ein HALLER-Buch
Außer der Reihe 45
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Juli 2020
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Sebastian Schwarz
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat: Corinna Griesbach
Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 197 6
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 889 0
In diesem E-Book sind Fotografien von Sebastian Schwarz enthalten. Sie wurden vierfarbig und in Originalgröße eingefügt, werden jedoch aus technischen Gründen in einem E-Book-Reader nur in ganz besonderen Ausnahmefällen – der E-Book-Reader ist DIN-A5-formatig oder größer; er kann Vierfarbfotos darstellen – ihre volle Wirkung entfalten. Wer neben den Geschichten auch Wert auf die Fotos legt, wird um den Kauf des gedruckten Buches nicht herumkommen. Das Buch kann im Buchhandel, im Internet oder direkt beim Verlag erworben werden. Wer direkt beim Verlag bestellt und nachweist, dass er das E-Book gekauft hat, bekommt das gedruckte Buch von uns mit 20 % Rabatt geliefert.

Vorwort | Corinna Griesbach
Im Jahr 2012 erschien die Literaturzeitschrift HALLER mit der Ausgabe 7 und dem Titel »Verlassene Orte«. Im gleichen Jahr erschien »Verlassene Orte. Ein HALLER-Taschenbuch« in der Reihe »Außer der Reihe« im Verlag p.machinery. Die Zeitschrift und das Taschenbuch zeigten Bilder aus der Lost-Places-Reihe des Aachener Fotografen Sebastian Schwarz.
Nun, acht Jahre später, freue ich mich, ein weiteres HALLER-Buch »außer der Reihe« herausgeben zu können, das sich den »verlassenen Orten« widmet, Orte auf dieser Welt, in anderen Welten, in uns und ganz nah bei uns.
Das vom Verlag gewählte Format (das nicht das gewohnte Format des HALLER ist und auch einem Taschenbuch nicht ähnlich sieht) wird den Bildern von Sebastian Schwarz in besonderer Weise gerecht. Hier stehen seine Bilder mehr als zuvor gleichberechtigt den Geschichten gegenüber.
Die neuen »verlassenen Orte« finden sich wiederum »außer der Reihe« in zwei Büchern voll Geschichten – ich mache es kurz und lade Sie zum Lesen und Schauen ein:
»Das Nirgendwo ist ein riesiger Parkplatz neben den Ruinen eines nie fertiggestellten Gewerbegebietes.«
Manfred Lafrentz
Corinna Griesbach
Monschau, Frühjahr 2020
Hamburg | Dieter Steinhäuser
Ja, nun stehe ich nach dreißig Jahren wieder hier. Hier in meiner Heimatstadt Hamburg.
Die Elbe, grau und schmutzig wie immer, sie riecht immer noch nach Ferne und Teer. Ich habe diesen Geruch immer gemocht und vermisst. Sie plätschert leise, und wenn große Pötte vorbeifahren, auch viel lauter, an die Schwimmpontons. Hier an den Landungsbrücken. Die Pontons, auf denen ich stehe und von denen aus ich in die Ferne schaue, sind immer noch grau und schaukeln langsam gemütlich hin und her. Genauso wie vor dreißig Jahren, als ich das letzte Mal hier stand.
Eigentlich wollte ich nicht wieder herkommen. Niemals, das hatte ich mir damals geschworen. Es waren sehr persönliche Gründe, die mich dazu bewogen. Aber nun bin ich wieder da, weil ich nicht anders kann. Der Tod nimmt auf Schwüre und Versprechen keine Rücksicht. Wenn der Vater stirbt, dann muss man all seine Aussagen vergessen und kommen, ob man will oder nicht. Vor allem wenn die Mutter noch da ist, alleine dasteht, Hilfe und Trost braucht, und völlig unselbstständig gehalten wurde. Von ihm. Nichts durfte sie, alles wurde ihr vorgeschrieben und von ihm gemacht, abgenommen.
Und nun steht sie da und weiß nicht weiter. Was für eine Grausamkeit von ihm.
Und meine Schwester Iris? Die lebt und arbeitet in Köln als Produktionsleiterin beim Fernsehen, konnte mal wieder nicht weg. Eine große Produktion steht an, sagte sie. Da brauchen sie mich, unbedingt.
So bin ich nun allein dran. Wie in den vergangenen Jahren immer wieder. Den Kontakt mit meinem früheren Zuhause, mit meiner Mutter und das Wiedersehen, will ich, wenn es geht, so lange wie möglich hinausschieben. Morgen ist früh genug.
Erst mal ins Hotel, dann Abendessen irgendwo. Dann telefoniere ich mit ihr und sage ihr, dass ich da bin.
Der Wind hat hier am Hafen aufgefrischt, ist wie immer stark, stärker als in anderen Städten und durchsetzt mit leichten Regentropfen. Das typische Hamburger Schmuddelwetter zur Begrüßung. Und kalt ist es geworden. Ich ziehe fröstelnd meinen Schal fester um meinen Hals. Bin diese durch alle Kleider gehende Kühle nicht mehr gewohnt.
Bevor ich gehe, schaue ich nochmals nach links und rechts über den Fluss, der träge an mir vorüberfließt. Heute nur leichte Dünung, mehr nicht. Ich will mir alles einprägen, das neue Hamburg. Links die neue Elbphilharmonie, die über allem protzig und glänzend ragt. Sieht sehr kostspielig aus, was sie auch ist. Gelesen habe ich immer darüber. Im Vordergrund davor liegt die Cap San Diego, das Museumsschiff, dann die vielen kleinen Barkassen, die im Sommer die vielen Touristen durch den Hafen schippern. Jetzt liegen sie ruhig an ihren Plätzen und warten auf schöneres Wetter. Und ganz nahe vor mir der grüne Segler Rickmer Rickmers. Schön sieht das aus. Ich fühle mich fast wieder wie zuhause.
Gegenüber auf der anderen Flussseite haben sie zwei neue Theater gebaut. Genau geradeaus. Sie sind hell beleuchtet. Hamburg hat ja viele Musicals. Hier sind sie. Dafür habe ich mich nie interessiert. Und bei meinem Blick in die andere Richtung bleibt er an den großen Kränen hängen, die sich hoch hinter der Werft Blohm und Voss im Vordergrund am Horizont in Reih und Glied aufgestellt haben. Hamburg ist fleißig. Ganz weit hinten, fast da, wo die Elbe schon in die Nordsee mündet, sehe ich noch ein großes rotes Haus hervorragen, eine Senioreneinrichtung für betuchte Leute. Mein Herz klopft laut und ich bin berührt, ob ich will oder nicht.
Dann wende ich mich ab, betrete vorsichtig die stark befahrene Straße vor der U-Bahn-Station. Ich suche ein Taxi. Es dauert auch nicht lange, dann sitze ich in einem Wagen. Ein Türke fährt mich. Ich sage mein Ziel und los geht die Fahrt. Ich fahre durch ein inzwischen dunkler werdendes Hamburg. Vieles erkenne ich nicht wieder, neue Gebäude und Häuser, anderes wiederum ist noch genauso, wie ich es noch kenne. Alles ist hell erleuchtet. Die Fahrt dauert nicht lange. Ich bezahle und trete in eine neue Welt.
Hauptbahnhof. Oh, was für ein Treiben. Was für ein Krach. Menschen hasten mit und ohne Koffer hin und her und wollen zu ihren Zügen.
Heute früh bin ich hier mit dem Zug angekommen und war völlig irritiert. Alles war anders. Ladenpassagen, in denen Menschenmassen strömten. Ich war völlig erschlagen ob dieses Chaos. Die vielen Menschen, die hin und her liefen. Ich wurde nervös. Erst als ich nachfragte, fand ich zu meinem Hotel. Es liegt genau gegenüber des Bahnhofs. Ich habe nur mein Gepäck abgestellt. Das Zimmer war noch nicht frei. Und dann wieder los, sehen, was ich zurückgelassen habe.
Meine Stadt.
Und jetzt: Jetzt nehme ich mein Zimmer in Beschlag. Etwas aufgewühlt schließe ich leise die Zimmertür hinter mir. Endlich allein. Nur schnell frisch machen und dann etwas essen gehen. Als ich eben aus dem Taxi stieg, habe ich unten ein bekanntes Steakhaus gesehen, da werde ich hingehen. Mein Magen macht sich kurz bemerkbar. Es wird Zeit. Der Hunger.
Plötzlich klingelt mein Handy. Als ich auf das Display schaue, sehe ich, dass es meine Mutter ist.
»Lucas, ich bin’s. Wann kommst du? Oder bist du schon in Hamburg?«
Was soll ich ihr nun antworten?!
»Heute nicht, ich komme morgen!«
Der Turm | Ralph Bruse
Weit fliegt der Blick – weit ins windgekämmte Land. Das wogende Gras schimmert dunkelblau. Hier der Deich, der fast schnurgerade zum Himmel führt. Da hinten Salzwiesen, die allein den Seevögeln gehören. Und dann nichts mehr, außer einem Fetzen ruhenden Meeres.
Ebbe.
Die Flut – wo bleibt die Flut? Irgendwann wird sie schon kommen – stumm, unmerklich, und mit ihr fahren die Fischer nach Hause zurück. Doch jetzt herrscht große Stille.
Ein Tag im August. Der Wind wartet auf die Stunde seines Erwachens. Die Sonne brannte auch schon mal stärker.
Da oben, auf dem Deich, schiebt jemand sein Fahrrad.
Ein Mann?
Ja, es ist ein Mann, so um die dreißig, vielleicht auch älter.
Was treibt er da oben?
Was soll er schon treiben. Nichts – er lässt sich treiben – spaziert, weil er keine Eile hat. Vielleicht weiß er demzufolge auch nicht, wohin er will.
Zur Landseite hin erhebt sich ein Turm. Die Einheimischen nennen ihn Ochsenturm, weil er schief dasteht, wie ein krummer Finger, der immer noch standhaft jedem Sturm trotzt – stur wie ein Ochse eben.
Der Turm ist die einzige Erhebung weit und breit.
Wer will es dem Fremden verübeln, dass er sich wieder aufs Rad schwingt, deichabwärts saust, eine Schar Schwalben im Rücken, Richtung Turm. Auf ihn!, ruft er dem Wind zu.
Die Fahrt wird immer schneller. Zwei Schwalben kreuzen übermütig seinen Weg, lassen ihn vor, überholen, zisch, wenden, um das Spiel zu wiederholen. Der Mann jubelt im Rausch der rasanten Fahrt; nur leider vertreibt sein Jubeln schließlich die Schwalben. Nicht so schlimm, denn der Turm kommt näher, wird größer, beinah erschreckend groß, und dann verstellt der »krumme Finger« ihm den Weg. Da, wo dieses Ungetüm von einem Turm aufsteigt, ist der Weg zu Ende, und der Mann erwischt sich bei dem Gedanken, dass hier gar das Ende der Welt sein muss, was ja beinah auch stimmt, weil die Gegend augenscheinlich an großer Einsamkeit stirbt.
Er überlegt schon, ob er umkehren soll – da sieht er eine junge, in sich vertiefte Frau, die zu Füßen des Turms das Grab ihrer Verstorbenen pflegt. Zögernd geht er näher. Dann kann er sehen, dass hangabwärts, unweit der Frau, weitere Grabsteine aufragen. Die Steine sind brüchig; ihre Inschriften zum Teil unlesbar.
Auf Friedhöfen zu wandeln ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber hier, an diesem vergessenen Ort, fern jeder Siedlung, abseits von Lärm und Zänkereien, der Selbstfindung ganz nah – da läuft man nicht einfach so weg, nur weil man ein Fremder ist. Die Stille schlingert um den Turm, wacht über bleiche Gräber, raunt vom Himmel und in Wiesen. Stumme Engel schweigen auf moosigen Gräbern. Manche sind weiß; die Mehrheit aber ist grau, rissig, ohne Arme und Köpfe, die der stramme Seewind wegriss.
So, oder so – jeder Stein würde seine Geschichte erzählen, ließe man sie nur. Jan Braase, zum Beispiel … der ruht unter einem grob gemeißelten Speckstein, gleich neben der Turmmauer. Er war Wärter – der Wächter des Turms. Achtzig ist er geworden. Von diesen achtzig Jahren war er keinen Tag weniger in diesem Turm. Braase war hier Kind, Junge, Mann, Vater, Großvater. Als er starb, weinten viele um ihn.
Die Frau an seinem Grab wischt sich Tränen vom Gesicht.
Jetzt wirft sie den Kopf herum, weil die knirschenden Schritte des Fremden nicht mehr zu überhören sind.
Guten Tag, sagt der Mann ruhig, in der Hoffnung, sie wird ihr jähes Erschrecken recht schnell bezwingen. Er zögert, weil er den noch abweisenden Blick ihrer Augen erkennt. Doch dann stapft er einfach noch näher und reicht ihr wohlgesonnen die Hand. Sie reibt ihre Hand zwar kurz an seiner, sagt aber nichts. Dass sie ihm – immerhin – nicht gänzlich misstraut, deutet er als gutes Zeichen.
Sie widmet sich wieder ihrer Arbeit.
Der Mann wirkt eher froh als betrübt. Hier, in der Einöde, ist ihm auch nicht sonderlich nach Reden zumute. Also tritt er langsam den Rückzug an, verabschiedet sich, schnappt nach dem Fahrrad an der Mauer, will gerade das Weite suchen, als sich der Himmel urplötzlich schwärzt und Gewitterblitze aufs Land niederkrachen. Schon fallen dicke Regentropfen. Der Wind erwacht. Schwalben fliehen ans Ufer, bestürmen das sichere Turmdach. Möwen schreien. Wiesen rauschen. Mauern ächzen. Und die zwei Menschen – was tun sie? Sie reißen fast gleichzeitig die schwere Turmtür auf, retten, schütteln sich – schütteln sich wie nasse Hunde, kichern, und die ersten, scheuen Worte hallen gespenstisch von den hohen Mauern wider. Zarte Vertrautheit legt unsichtbare Arme um sie. Sie reden, lächeln mitunter, sprechen langsam, vertieft, unerklärliche Traurigkeit in den Stimmen – es ist ein Wechselspiel von Heiterkeit und Melancholie.
Erst als eine kurze Pause eintritt, steigen sie die knarrigen Holzstufen zur Turmspitze hoch. Die Frau vorneweg, der Mann schnaufend dahinter. Ihm ist das nasse, wurmstichige Holz nicht geheuer.
Die Frau lacht jetzt. Ihm ist nicht danach. Erst als sie zusammen auf der wackelnden Empore des Turms stehen – dreiundachtzig Meter über den Gräbern –, müht sich ein Lächeln in seinen Mundwinkeln.
Der Turm stöhnt unter der Wucht des schweren Regens. Einmal glauben sie sogar, lose Backsteine in die Tiefe krachen zu hören. Oder war es nur die tosende Brandung, ein übermächtiges Grollen, das haltlos an Land stürmt?
Während sie – genau wie die Schwalben unterm Turmdach – dicht aneinander gedrängt ihre Blicke in die regenschwere Ferne schweifen lassen, sagt sie mehr zu sich: Ich bin oft hier. Eigentlich war ich nie weg, von hier …
Erzählen Sie mir davon, bittet er.
Sie schweigt – aber nicht sehr lange.
Dieser Raum war mein Zimmer.
Sie zeigt zur Seeseite hin.
Hier, genau hier, wo wir jetzt stehn, saß Vater auf Wache … Tagein, tagaus. Ich erinnre mich nicht, ihn je an einem andern Platz gesehn zu haben. Manchmal ist er eingenickt, aber meist war er hellwach. Dann hat er mir Geschichten von früher erzählt, als er selbst ein kleiner Junge war. Mein Aussichtszimmer war ja auch schon seins. Er war ganz stolz, dass es ihm allein gehörte. Sein ganzer Reichtum, wie er sagte.
In seinen Geschichten ging es immer um vorbeifahrende Schiffe, um Winde, Gezeiten. Er wurde es nie leid – und ich auch nicht. Wenn Mutter die weißblaue Bettwäsche zum Turmfenster raushängte, dann wusste jeder im Umkreis, dass in der letzten Nacht wieder ein Schiff im Sturm gesunken war.
Vater war ein wortkarger Mann, was auch nicht weiter verwundert, wenn man unaufhörlich zu tun hat, Schiffen mit Leuchtfeuern den Weg zu weisen. Wenn trotz menschenmöglichster Wachsamkeit dennoch ein Schiff sank, dann wurde Vater gänzlich stumm; aß, trank nichts; schob alle Schuld auf sich.
Von Zweifeln zerrissen, blieb er einfach hier sitzen, starrte abwesend vor sich hin, ließ keinen zu sich – Stunde um Stunde; manchmal für Tage.
Sie stockte; atmete tief ein und aus.
Irgendwann sprach er überhaupt kein Wort mehr, oder allerhöchstens noch mit sich selbst. Er wurde krank. Mutter hängte nun jeden Tag das Bettzeug zum Fenster raus, was soviel bedeutete, wie: Einem Familienangehörigen geht es sehr schlecht … Nach und nach kamen sie alle, die weit verstreut lebenden Leute aus der Gegend. Alle wünschten ihm ehrlichen Herzens baldige Genesung. Aber in ihren Augen konnte man lesen, dass sie Abschied von dem alten Herrn nahmen. Sie gingen davon, und kurz darauf starb Vater.
Sie bebte; stampfte sich die Trauer aus dem Leib.
Hier ist er gestorben. Hier, wo wir jetzt sind!
Das wütende Stampfen ihrer Beine wollte nicht enden.
Da unten sind alle begraben. Vater, Mutter, und … und … und … all die namenlosen Seeleute, beeilte sie sich zu sagen.
Unendlich mutlos hielt sie inne. Ihre Tränen brachen in kleinen Bächen hervor. Der Mann zog sie an sich – sanft, ganz behutsam.
Das Gewitter verzog sich.
Die dampfende Luft klarte auf.
Zeit zu gehen. Er hätte ihr gern noch etwas Aufmunterndes gesagt, doch sein Kopf war so schwer vom Erzählten, dass er nur mitfühlend hinabsank, in ihr Haar; in das feuchte, nach Seetang riechende Haar.
Einige Minuten vergingen noch. Sie lösten sich voneinander, stiegen schweigend die Stufen hinab. Unten angekommen sah er linker Hand zur Außentür eine in die Wand eingelassene Schrifttafel, die ihm vorhin nicht aufgefallen war. Er las:
Hier lebte einst die Familie Braase. In einer Winternacht des Jahres 1962 löschte der geisteskrank gewordene Jan Braase gewaltsam das Leben seiner Frau, seines Kindes und schließlich sein eigenes Leben, durch den Sturz vom Turmdach, aus.
Erst Wochen später fanden Bauern aus der weiteren Umgebung die nackten Gebeine der beiden Alten.
Die Gebeine des Kindes jedoch blieben bis heute unauffindbar.
Darunter der nüchterne Hinweis:
Trotz der tragischen Umstände soll dieser Turm als Aussichtspunkt erhalten bleiben. Für fortlaufende Instandsetzungsmaßnahmen benötigen wir auch Ihre Spende.
Das Bürgermeisteramt in Vietow
Der Mann spürte deutlich das beginnende Zittern seiner Glieder. Er starrte die Wand an – ungläubig, verwirrt, griff nach der zarten Hand, neben sich.
Doch er griff ins Leere.
Er sah die Frau davonrennen.
Sein Rufen half nicht.
Müde vor Kummer fuhr auch er davon.
Am nächsten Tag kam er wieder. Auch am übernächsten. Aber der Turm war verwaist. Unermüdlich suchte er wieder und wieder den verlassenen Ort auf.
Nichts. Keine Menschenseele ließ sich blicken; erst recht keine junge Frau, die in seiner Erinnerung so schön war und unglücklich, dass er schließlich selbst tieftraurig wurde. Dermaßen bedrückt und bald auch ohne jede Lebensfreude, bestieg er am Tag der Abreise den Turm, um sich hinunterzustürzen.
Da vernahm er hinter sich ein leises Wispern – nein, ein Kichern, wie er es schon einmal gehört hatte …
Das war ihr Kichern!
Sein Kopf flog herum.
Sie war nicht da.
Die Traurigkeit packte noch härter zu.
Er trat auf die Empore.
Noch einen Schritt.
Da war der Himmel – zum Greifen nah. Und unten, der Friedhof.
Er entschied sich für den Himmel, rannte die Treppen runter – zwei, drei Stufen auf einmal, aufs Rad, jagte ihr nach – von Schwalben flankiert, durch den Wind, jeden Sturm – ihr hinterher!
Er sah sich fliegen, lachte hell, rief, schrie – bis er sie – und sich selbst am Horizont erkannte. Und plötzlich weiß er, dass er nicht abreisen wird. Nie mehr!

Das dicke Ende der Maiburger Würste | Bodo Rudolf
Von der alten Stadt Maiburg an der Ach zeugen verfallene Mauern, auf dem einstigen Marktplatz sprießt Löwenzahn zwischen den Pflastersteinen und in den Ruinen des Rathauses modert der Pilz. Das Flüsschen Ach floss einst durch eine fleißige Stadt, an beiden Ufern lebten rechtschaffene Leute, und so emsig, wie sie schafften, aßen sie auch – Berge von Wurst vertilgten die Maiburger. Und weil all die links- und rechtsachischen Bürger nichts mehr fürchteten als einen wurstlosen Tag, errichteten sie eine Wurstfabrik auf dem Gelände des städtischen Schlachthofes.
»Katharina’s Grill« am Markt war einer der großen Abnehmer der Wurstfabrik; von morgens bis spät am Abend hing der Duft gebratener Köstlichkeiten über dem Platz und stieg in die Nasen der Passanten. Der eilige Gast ließ sich die Wurst in die Semmel klemmen, beißfaulen Gourmets und Freunden fernöstlicher Küche schnippelte Katharina mundfertige Happen in Pappschälchen, über die sich aus einer Plastikflasche rülpsend eine grützrote Tunke ergoss. Die Liebe zu gebratener und gesottener, gerauchter und roher, kalter und heißer Wurst einte die Maiburger Gesellschaft in kulinarischer Harmonie.
»Vor der Currywurst sind alle gleich!«, sagten die Bürger. Bis zu den wunderlichen Ereignissen, von denen nun die Rede sein wird.
Es geschah an einem späten Samstagvormittag. Um einen der Stehtische hatte sich wie jeden Wochentag ein Freundeskreis rüstiger Rentner versammelt. Der zweite Tisch war von Wochenmarktbesuchern umringt. Ihre gefüllten Taschen und Körbe verstauten sie unter den Tischen und freuten sich auf eine Bratwurst mit Senf und eine Büchse Bier. Kaum hatten die Gäste in ihre Wurst gebissen, verspürten sie ein Zwicken in den Rippen und ein Kneifen in der Brust, ein Ziehen im Nacken und ein Zwacken in den Gedärmen, leise knisterte es in den Ohren, ganz maria-magdalenisch wurde es den Leuten zumute. Verwundert gaben sie dem eiskalten Bier die Schuld, dann aber schrumpften ihre Taillen, die Haut straffte sich über den Bäuchen und Backen und Wangen, ganz zum Vorteil einiger. Die willkommene Verjüngung währte jedoch nur kurz. Mit einem Geräusch, als entweiche ein letztes Quäntchen Luft aus einem Luftballon, hatten sich Katharinas Grillbesucher selbst in Würste verwandelt, in Würste mit Armen und Beinen, Händen mit Wurstfingern, dicken Hälsen und Köpfen. Hochnotpeinlich berührt standen sie nun Wurst an Wurst, blickten betreten gen Himmel und machten sich nach einer Weile wortlos auf den Heimweg. Ob des gespenstischen Anblicks wandelnder Würste leerte sich der Marktplatz im Nu.
Alle noch unverwursteten Maiburger und Maiburgerinnen ereilte am Abend, sei es zu Hause vor den leergeputzten Hausmacherplatten, sei es im Restaurant bei der Metzelsuppe, ausnahmslos dasselbe Geschick. In den Wohnungen der Hundehalter kam es augenblicklich zu mörderischen Kämpfen. Mit Mühe, Not und Glück gelang es Herrchen und Frauchen, ihre geifernden Lieblinge auszusperren. Vielstimmiges Hundegeheul erfüllte die erste Nacht der Maiburger Verwurstung, unbedarfte Nachtschwärmer verschwanden spurlos.
Sonntagfrüh wurden zweiunddreißig gutgläubige Kirchgänger ungeachtet der nächtlichen Kakofonie – »ach, die wollen doch nur spielen« – von den herrenlosen Bernhardinern, Doggen, Schnauzern und Terriern angefallen und aufgefressen. Einige Unglückliche ereilte das Schicksal vor dem Besuch des Gottesdienstes, andere, wohlversehen mit dem Segen, danach.
Die ob des Massakers alarmierte Polizei, nunmehr Landjäger, wusste sich nicht anders zu helfen, als in die mittelalterliche Asservatenkammer derer von Maiburg einzudringen und sich in die Ritterrüstungen zu zwängen. Mithilfe der Hellebarden und Morgensterne gelang es, die Tiere, einschließlich einiger Katzen, aus der Stadt zu treiben. Die Stadttore wurden geschlossen.
Montagfrüh eilten einige mutige Bürger ins Rathaus und erhielten von der Obrigkeit die Empfehlung, Ruhe zu bewahren, im Großen Sitzungssaal tage bereits der Rat, Experten seien geladen, sich zu der Sache zu äußern. Die Bürger waren beruhigt und ließen sich auf den Zuschauerbänken nieder.
Nun hatte sich ja im Maiburger Stadtrat übers Wochenende im politischen Sinne nichts geändert, die Zungenwürste hatten das Sagen und gemeinsam mit den Sülzwürsten die Mehrheit, auf den Oppositionsbänken saßen zwei Rotwürste, ein weißer Schwartenmagen, eine Leberwurst, ein Saurer Zipfel und eine tätowierte Blutwurst.
Zunächst befragte der Rat den bekannten Maiburger Arzt Doktor Boudin. Der Internist erklärte, er habe seine Patienten schon immer eindringlich vor der wurstlastigen Ernährung gewarnt und mediterrane Küche empfohlen. Für den Doktor war die Sache klar: »Die Gründe für die Verwurstung liegen auf der Hand. Körperzellen altern, schrumpfen und gehen den Weg alles Irdischen. Würden die Zellen nicht umgehend ersetzt, schnurrte der Körper in sich zusammen, übrig blieben nur Haut und Knochen. Durch die Nahrung nehmen wir jedoch stets frische Zellen zu uns, in unserem Falle Fleisch, Fett, Zwiebeln und verschiedene Gewürze. Die Innereien sorgen für den Stoffwechsel – neu gegen alt –, als Trägerflüssigkeit dienen Wasser, Bier oder trockene Weine. Ein Späßchen, meine Damen und Herren.«
Niemand lachte.
»Sind die Zellen mehrheitlich ausgetauscht«, führte Doktor Boudin weiter aus, »erreicht der Körper einen kritischen Zustand. Ein Scheibchen Schinkenwurst, ein Fitzelchen Krakauer genügen«, der Doktor spitzte den Mund, »und es macht ›fffft‹, fertig ist die Wurst.«
»Alle am selben Tag?«, zweifelte eine Zungenwurst.
»Zufall«, sagte der Doktor. »Übrigens, es hätte auch schlimmer kommen können. Stellen Sie sich vor, wir hätten uns nur von Kartoffeln ernährt!«
Die Räte fragten sich insgeheim, warum der gute Doktor seine eigenen Ratschläge missachtet hatte, dankten und wandten sich dem gerade erschienenen Literaturwissenschaftler Professor Doktor Aimerling von der Universität Maiburg zu.
Der Professor – mit wurstrelevanten Fragen bis dato nur in der Mensa befasst, immer donnerstags – warnte vor Panikmache. In seiner Wissenschaft seien Verwandlungen aller Art an der Tagesordnung und in der Fachliteratur zuhauf beschrieben: »Frösche und Kröten steigen durch einen Kuss in den menschlichen Hochadel auf. Menschen wachen des Morgens verkatert auf und neben ihnen liegt ein fremder Käfer. Oder sie sind selbst der Käfer.«
Über die unzähligen Metamorphosen in der Mythologie – Gottheit zu Tier, um nur ein Beispiel zu nennen – biete er aus dem gegebenen Anlass eine Vorlesungsreihe an, sagte Professor Aimerling, falls Interesse bestehe …
»Verehrter Professor«, unterbrach ihn der Saure Zipfel, »kennen Sie auch Fälle, bei denen sich Würste in Menschen zurückverwandelten?«
»Nein«, sagte der Professor, wegen der unbotmäßigen Unterbrechung indigniert, von reversiblen Würsten habe er noch nie gehört, und fuhr fort: »Die einschlägige Fachliteratur berichtet ferner von sieben Knaben, die als Raben zum Fenster hinausflogen und von einem wilden Bären, der sich in einen schönen Mann verwandelte, ganz in Gold gekleidet. All dies ist von gescheiten Leuten hundertfach bezeugt und in klugen Büchern nachzulesen. Wer sind wir, dass wir Gedrucktes anzweifeln? Apropos Wurst«, schloss der Professor, »meine geschätzten Vorgänger Wilhelm und Jacob Grimm berichteten einst ›Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst‹. Alle drei fanden ein schreckliches Ende, die Bratwurst durch einen Hund. Konnte ich Ihnen nicht ersparen, aber zweifelsfrei handelt es sich hierbei um ein Märchen.«
Man hatte keine weiteren Fragen, danke.
Die Mittagspause nahte, aber vor Salatbüffet und eilig beschafften Grünkernbratlingen stand noch die Befragung der Biologielehrerin des Maiburger Gymnasiums im Raum. Eine freudestrahlende Oberstudienrätin stellte sich vor – Doktor Melanie Broeslein –, sie habe über den Mutationismus promoviert, derselbe sei eine anerkannte Evolutionstheorie, bei der diskontinuierliche Mutationen die ausschlaggebende Rolle spielten. Die synthetische Evolutionstheorie sei umstritten, ja, ja, ja, wehrte sie ab, obwohl keiner der Anwesenden einen Muckser gemacht hatte. Das hiesige Ereignis – sie bezeichnete es als die »Maiburger Wurstung« – biete ihr persönlich die Chance, buchstäblich in eigener Sache zu forschen, da sei sie sozusagen in ihrem Element. In ihrer Begeisterung verlor Doktor Broeslein den Faden und verdarb mit ihren zoologischen Auslassungen über Verpuppungen und Larven, Häutungen, Kaulquappen, gefräßige Engerlinge und Maikäfer allen Anwesenden gründlich den Appetit.
»Nein«, bestätigte auch sie auf Anfrage, »dies sind keine umkehrbaren Vorgänge, aus einem Schmetterling wird nun mal keine Raupe mehr.«
Für den folgenden Tag erhofften sich die Räte – von der Ernährungstheorie des Doktors Boudin nicht gänzlich überzeugt – Klärung über die eigentliche Ursache der Wurstwandlung, die Wurstfabrik sollte angehört werden.
Der Leiter der Forschungsabteilung, ein verstörter Lebensmitteltechnologe, sprach im Namen der Geschäftsleitung sein Bedauern über die Ereignisse aus. Die Wurstproduktion habe man aus ethischen Gründen und des eingebrochenen Absatzes wegen selbstredend sofort gestoppt und die Belegschaft vorsorglich freigestellt. Ein Zusammenhang der Verwurstung Maiburgs mit den Erzeugnissen seines Unternehmens könne er kategorisch ausschließen, seiner Firma sei es immer nur um die gesunde Wurst gegangen, nur auf Herz und Nieren geprüfte Rohstoffe und Zutaten seien zur Verwendung gekommen, auch die kürzlich entwickelte, zeitgemäß genfreundliche Turbowurst sei vor ihrer Markteinführung intensiven Versuchsreihen und strengsten Tests unterworfen worden.
Die Leberwurst rief: »Da haben wir es – Turbowurst, Genwurst, Turbo-Genwurst!«
Der Saure Zipfel sprang auf: »Wir sind vergiftet worden!«
Mit dem Ausruf »Verbrecher« sackte er auf seinen Ratsstuhl zurück. Der Bürgermeister schenkte dem schluchzenden Kollegen ein Kirschwässerchen ein.
Die Auslassungen der Schlachthofleitung ergaben ebenfalls keine verwertbaren Erkenntnisse – der zuständige Veterinär versicherte, alle Schweine und Rinder seien auf ihren eigenen vier Beinen in den Hof gelaufen, gesund, aus nachhaltig behüteter und artgerechter Aufzucht, das Fleisch kontrolliere und zertifiziere er selber.
Damit war die Sitzung geschlossen. Zwar hatten die Stadträtinnen und Stadträte ihr Wissen beträchtlich erweitert, waren aber nicht klüger als zuvor.
»Das Leben geht weiter«, sagte der ratlose Bürgermeister unwidersprochen, Nahrungsmittelvorräte habe die Stadt für Monate.
Die Wachen an den Stadttoren wurden verstärkt. Maiburg war fortan von der Welt abgeschnitten, wie die Stadt Oran in den Zeiten der Pest.
Indes kehrte der Alltag in die Stadt zurück. Die vollfetten Würste machten weiterhin gute Geschäfte, vor den Kneipen standen die Rauchwürste und die heimatlosen Bürgerwürste von Katharinas Grill – Katharina hatte »Wegen Umbau’s geschlossen«. Teewürste saßen mit feinen Pinkeln auf den Caféterrassen, Wiener, Frankfurter, Kabanossi und Lyoner, nackte Schwabenwürste und Weißwürste in schmucker Tracht flanierten einträchtig um den Rathausplatz. Die Streichwürste arbeiteten weiterhin als Maler und Lackierer, der Bierschinken braute Maiburger Bock, und in den nunmehr vegetarischen Küchen werkelten die Kochwürste. Die Bregenwürste bekleideten ihrer großen Hirnmasse wegen die gehobenen und höheren Ämter, Landjäger und Schützenwürste sorgten für die öffentliche Ordnung.
Katharina eröffnete nach einigen Tagen wieder, sie hatte umgesattelt auf Tofuklopse. Erleichtert nahmen die Stadtwürste ihren Stammtisch wieder in Beschlag. Das Leben ging seinen Gang, wie es der Bürgermeister vorausgesagt hatte.
Eines Nachmittags umringte eine Schar bunter Würste Katharinas Grill. Eine Gelbe Wurst, zwei Paar Kumpel im Naturdarm, eine Schwarzgeräucherte mit senfgegelten Haaren, drei Rote Würste und zwei Dunkelfarbene im Kräutermantel genehmigten sich ein kühles Pils. In der Rathausgalerie gegenüber lärmte ein Dutzend junger Blutwürste, hörbar vorgewärmt, und schlenderte in Richtung Katharina.
»Hier stinkt’s, euer Verfallsdatum ist wohl abgelaufen!«
»Was wollt ihr Hanswürste!«, erwiderten die Schwäbischen Nackten.
Die Blutwürste schlugen los: »Aus euch machen wir Aufschnitt!«
Spaziergänger mischten sich ein: »Es darf ruhig ein bisschen mehr sein!«
»Wurstfinger weg!«, schrien die Roten.
»Rotwurst verrecke!«, hallte es über den Rathausplatz.
Die Stadtwürste am Nebentisch machten, dass sie wegkamen. Die Bunten wehrten sich erbittert, die Gelbwurst konnte flüchten und die Landjäger alarmieren. Als diese eintrafen, lag eine Rote Wurst mit geplatzter Haut auf dem Kopfsteinpflaster und musste notärztlich versorgt werden.
Die Gelbe Zeugin sagte aus, und so konnten die Landjäger die Schlägerwurst noch am selben Abend im »Wurstkessel«, dem Stammlokal der Blutwürste, verhaften und nach der Entnahme einer Blutprobe im nutzlos gewordenen Kühlhaus festsetzen.
Eine Rangelei unter jungen Leuten sei aus dem Ruder gelaufen, stand im Pressebericht der Landjäger, die Rote Wurst sei bereits auf dem Wege der Besserung. Der oberste Jäger versicherte der Bevölkerung, Maiburg sei und bleibe sicher, trotz vorübergehend geschlossener Tore habe sich die Stadt ihren weltoffenen Charakter bewahrt. Einen rassistischen Hinter- oder Vordergrund der Tat schloss er aus.
Der Chefredakteur des Lokalblattes schickte eine Volontärin auf den Marktplatz, Volkes Stimme zu lauschen – »vox populi«.
»Jetzt macht mal kein Geschiss wegen der paar Fettspritzer!«, ereiferte sich die erste Volksstimme, die ihren Namen nicht nennen wollte.
»Geschieht diesen Roten ganz recht, gell, Herr Nachbar«, meinte die zweite Stimme. »Jawohl«, sagte der, »diese Nullbockwürste liegen den ganzen Tag auf der faulen Haut, alles auf unsere Kosten!«
Eine vierte Stimme rief: »Auf den Grill mit diesen arbeitsscheuen Saumägen!«
Von der Blutwurst könne man sich eine Scheibe abschneiden, meinte eine weitere Volksstimme, die einfache Wurst auf der Straße erlebe den Anblick dieser herumlungernden farbigen Gestalten mit ihren Mayofrisuren als Angriff auf das gesunde Volksempfinden.
»Nehmen uns die Arbeitsplätze weg«, sagte eine gerade hinzugekommene Wurst.
Die erste Namenlose bekam das letzte Wort: »Wer sich bei uns anständig aufführt, dem passiert nix! Schreiben Sie das, junge Frau!« – Beifall.
Die Volontärin kehrte in heller Aufregung in die Redaktion zurück. Der Redakteur vom Dienst sagte: »Vox Rindvieh«, und schickte die Dame unverzüglich ins Rathaus – die Stadtverwaltung hatte eine Notverordnung erlassen. Im Wortlaut: »Angesichts dramatisch zunehmender Unfallraten ist der Gebrauch von spitzen Gegenständen wie Messern, Gabeln, Nadeln, Nägeln, Taschenmessern, Eierpiksern und Bleistiften genehmigungspflichtig.«
»Endlich wird durchgegriffen«, sagte Volkes Stimme.
Maiburg aß nunmehr mit Fingern und Löffeln – Anlass für das Feuilleton, über die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens nachzudenken. Als händischer Esser befinde sich der Maiburger nunmehr historisch gesehen in allerbester Gesellschaft, schrieb die Zeitung, schon Ramses III. griff mit den Fingern in die Steingefäße, auch der alte Nero langte mit der Hand in die Töpfe. Noch Ludwig XIV. lehnte die Gabel ab und aß mit den Fingern – seinen eigenen. Ganze Kontinente benützten heutzutage die Finger der rechten Hand, schrieb das Feuilleton, man hüte sich vor postkolonialer Überheblichkeit. Der Artikel schloss mit einem wohl nicht ganz ernst gemeinten Ratschlag, im ehelichen Alltag spitze Bemerkungen zu unterlassen.
Eine Woche nach dem Überfall auf die bunten Würste entdeckten spielende Kinder die gelbe Tatzeugin der Schlägerei am Achufer. Die Autopsie ergab mehrere nadelfeine tödliche Einstiche, die landjägerlichen Ermittlungen verliefen im Sande der Ach. Die in Untersuchungskühlhaft sitzende Blutwurst hatte für den mutmaßlichen Tatzeitpunkt zwangsläufig ein piekfeines Alibi, wurde unter Meldeauflagen freigelassen und im »Wurstkessel« mit tosendem Beifall empfangen. Mit den Rufen »Freibier für alle« und »Maiburg den Maiburgern« gründete der Freiheitsheld noch an der Theke lehnend eine neue Partei, die Blut-und-Bodenwurst-Bewegung – die BBB – und ernannte sich einstimmig zum obersten Blutwurstführer. Die Ratsblutwurst übernahm das schwere Amt für Presse, Propaganda, Schutz und Trutz. Eh man sich versah, marschierten Vorwärts-vorwärts-Jugend-kennt-keine-Gefahren schmetternde Kolonnen des BBB-Zucht- und Ordnungsdienstes durch Maiburgs Gassen. Ehemalige Schlachthöfler, Wurstfabrikler, Arbeiter aus der Zulieferindustrie und dem Wursthandel – halb Maiburg –, strömten zu der straff organisierten ehrenamtlichen Truppe. Unter dem zackigen Kommando von Blutgruppenführern patrouillierte der Ordnungsdienst durch die Straßen und sorgte für Angst und Schrecken unter den bunten Würsten.
»Und für Ordnung!«, sagten die Leute. »Ordnung muss sein!«
Der Bürgermeister betrachtete die Vorgänge um die selbst ernannten und selbstherrlichen Ordnungshüter mit wachsender Sorge und berief eine Dringlichkeitssitzung des Rates ein. Es war nicht unbemerkt geblieben, dass auch mehr und mehr Landjäger und Schützenwürste zu der Schutztruppe übergelaufen waren. Die Leberwurst wiegelte ab.
»Tiefer hängen«, sagte sie, »in wenigen Wochen ist der Spuk vorbei.«
Sie wusste ja nicht, die gute Leberwurst, wie recht sie hatte. Der Sprecher der Sülzwürste wollte im Namen seiner Fraktion nicht gänzlich in Abrede stellen, dass nicht vielleicht doch ein gewisser Handlungsbedarf bestehe, plädierte aber zunächst – in Übereinstimmung mit den Hirnwürsten – für eine sachliche, sich am Inhaltlichen orientierende Auseinandersetzung mit den neuen Gedanken, denen man sich ja nicht von vorneherein aus ideologischen Gründen verschließen dürfe. Man setze sich dafür ein, sagte die Sülzwurst, die berechtigten Sorgen und Nöte der kleinen Wurst auf der Straße ernst zu nehmen und sich lösungsorientiert mit der Thematik zu befassen.
»Meine Rede!«, sagte der Saure Zipfel.
Als die Blutwurst forderte, die bunten Würste zu ihrer eigenen Sicherheit in präventive Schutzkühlhaft zu nehmen, kam es zu einer kurzen Rangelei mit den Rotwürsten.
Der Vorschlag der Zungenwürste, einen interfraktionellen Arbeitskreis einzusetzen, wurde ohne Gegenstimme angenommen.
Zur Gedenkfeier und Einäscherung der Gelbwurst fanden sich Angehörige, Maiburger Honoratioren, bunte Freunde und drei Stadtwürste von Katharinas Stammtisch ein. Eine Hirnwurst als Vertreterin des Rates verurteilte die Tat auf das Schärfste und versicherte den Trauernden das Mitgefühl der Obrigkeit – alles Wurstmögliche werde getan, den Fall aufzuklären. Der Pfarrer, Urgestein der Maiburger Friedensbewegung, erinnerte an den Aufstieg der faschierten Würste: »Wehret den Anfängen!«
»Anfänge, Anfänge«, flüsterte eine der Stadtwürste, »wir sind mittendrin.«
Zum Schluss seiner Predigt fand der Pfarrer doch noch versöhnliche Worte: »Lassen Sie uns weiterhin an das Gute in der Wurst glauben. Amen.«
Nach der Trauerfeier trafen sich die drei Stammtischler auf ein dunkles Bier.
»Gegen die Blut-und-Boden-Pest gibt’s keine Mittel«, sagte der Erste.
»Die befällt urplötzlich das Hirn, aus heiterem Himmel«, meinte der Zweite.
»Das sind kranke Gedanken, ansteckende«, sagte Nummer drei.
»Die Gedanken sind frei!«, bestätigte der Erste. »Da helfen keine Mauern!«
»Eben«, meinte wiederum der Dritte, »auch kranke Gedanken sind frei!«
Eine Rotte blutjunger Zucht- und Ordnungswürste marschierte schneidig über den Platz, die Stiefel dröhnten auf dem Pflaster und ihre Bierfahnen flatterten voran.
»Heil, Blutwurst, heil!«
»Ekelhaft, dieses Gebrüll«, tuschelten die drei hinter ihren Tofuklopsbrötchen.
»Als kleine Wurst kannst du nichts machen«, sagte der dritte Stammtischler und leerte seinen Becher.
Ein Presssack, eine Rote und eine Gelbe Wurst beschlossen, dem Schrecken zu entfliehen, zwängten sich durch eine Schießscharte der Stadtmauer und wurden im trockenen Stadtgraben von einem Rudel Hunde zerrissen und verschlungen.
Die interfraktionelle Arbeitsgruppe hatte unterdessen mehrfach getagt und empfahl, umgehend Neuwahlen zum Stadtrat abzuhalten. Es sei doch offensichtlich, sagten die Experten, und belegt durch Umfragen, dass die Zusammensetzung des Rates nicht mehr den Volkswillen repräsentiere. Es hob sich ein Sturm der Entrüstung. Auf fünf Jahre sei man gewählt, demokratisch, keinesfalls dürfe man dem Druck der Straße nachgeben. Der Saure Zipfel sprach einer Politik der harten Hand das Wort und schlug vor, zur Verstärkung der verbliebenen Landjäger auswärtige Hotdogs anzufordern.
»Ausgerüstet mit Harzer Knüppeln!«, empfahl der Schwartenmagen.
Die Leberwurst hatte die Königsidee: »Blutegel! Blutegel aussetzen, und das Problem ist gelöst.«
Die Ratsblutwurst schwieg, was den Ratskollegen wohl im Nachhinein verdächtig vorgekommen wäre, hätte es denn ein Nachhinein gegeben.
Ob man vergessen habe, dass Hilfe von draußen nicht zu erwarten sei, sagte ein resignierter Bürgermeister.
Die Räte blickten ratlos zur Decke, da flog die Tür auf, der Blutwurstführer stürmte, mit einer Hutnadel fuchtelnd, in den Saal und schrie: »Schluss mit dem demokratischen Wurstsalat, der Rat ist abgesetzt, alle Mann in den Keller.« Ratsblutwurst und Blutwurstführer verriegelten gemeinsam die Kellertür, beorderten eine Zucht- und Ordnungswache vor das Rathaus und eilten in den »Wurstkessel«. Dort harrte eine brodelnde Wurstsuppe ihres Führers, der geplante Putsch war seit Tagen offenes Geheimnis. Der »Kessel« platzte schier aus den Schweißnähten, Freibier floss in Strömen, und gegen den Hunger gab’s Braunkohl und Rouladen.
Endlich ertönte der Ruf – »Heil, Blutwurst, heil« –, der Blutwurstführer schritt unter den Klängen des Filetiermarsches durch ein Spalier von Blutgruppenführern, erklomm das Rednerpult und ergriff das Wort.
»Blutwürste!«, rief er in den ergriffenen Saal. »Nach schweren Kämpfen ist das Rathaus in unserer Hand. Blut- und Bodenwürste! Jetzt wird aufgeräumt, ich dulde kein fremdes Gekröse in meiner Heimatstadt!«
»Heil, Blutwurst, heil!«, brauste der Schlachtruf durch den siedenden »Kessel«, »Rotwurst verrecke!«
Während sich der Führer mit Braunkohl stärkte, peitschte die Propagandawurst die Menge auf: »Kameraden, ab heute stehen wir wie eine Wurst hinter unserem geliebten Führer!«
Krachend stürzten Bierbänke um, die Kameraden riss es empor, voll glühender Begeisterung stürmten sie die Bühne, hinter dem Kohl speisenden Führer wurde es eng. Der Blutwurstführer legte den Löffel ab und erhob sich, augenblicklich herrschte atemlose Spannung.
»Heil euch!«, schrie er in den »Kessel«. Aber statt des erhofften Heils ertönte ein Donnerschlag, unter dem Druck des blähenden Braunkohls zerbarst der Führer in tausend Fetzen. Die Detonationswelle und die herumfliegenden Führerwurstzipfel brachten die Blutgruppenführer in den vordersten Reihen zum Platzen, das Platzkonzert setzte sich fort bis in die hinteren Ränge. Nach dem letzten Rums-Bums ebbte der Lärm ab und nun schwappten die Wurstmassen blubbernd aus den Kaldaunen wie Lava aus dem Inneren der Erde. Geistige Flatulenzen, unverdaute Gedanken und halb vergorene Ideen, Faulgase und Alkoholdämpfe schwängerten die Luft. In einem der Aschenbecher musste wohl noch ein Funke Begeisterung geglommen haben, das gesättigte Gasgemisch entzündete sich und der »Wurstkessel« flog in die Luft. Der glühende Kesseldeckel landete im Dachstuhl des Rathauses und setzte das Gebälk in Brand, die Flammen griffen auf die Nachbargebäude über und fraßen sich durch die engen Gassen. Der Feuersturm ließ die Mauern einstürzen, fette schwarze Wolken und beißender Gestank verkohlter Wurst hingen über dem Tal der Ach.
Kaum waren die Brände erloschen, drangen streunende Hunde durch die Mauerbreschen in die Stadt und stöberten nach Überresten.

Verflucht | Nele Sickel
»Hier«, flüstere ich und klammere mich an Georgs Hand. »Hier hat er sie erschlagen.«
Georg zieht mich näher zu sich und legt einen Arm um mich. »Dein Vater?«, fragt er.
Ich nicke und vergrabe mein Gesicht an seiner Schulter. Seine Umarmung ist etwas zu eng, zu fest, um angenehm zu sein, aber in diesem Moment bemerke ich es kaum. Innerlich reise ich in die Vergangenheit.
Ich kann sie noch immer schreien hören. Erst meine Mutter, dann meinen Vater, dann wieder meine Mutter – dieses Mal schrill und schmerzerfüllt. Ich höre den dumpfen Schlag, mit dem ihr Körper auf den Boden des elterlichen Schlafzimmers prallt. Die Stille, die darauf folgt. Am meisten erinnere ich mich an die Stille.
Damals stand ich nicht im Schlafzimmer. Ich war unten in der Küche, lauschte und traute mich nicht hinauf. Die Stille ängstigte mich mehr als all der Lärm zuvor. Wie erstarrt saß ich da, in einer Hand das Schälmesser, in der anderen eine Rübe. Eigentlich wollte ich beides fallen lassen, aber es gelang mir nicht. Ich wollte aus dem Haus laufen, aber auch das konnte ich nicht. Steif und verloren hockte ich in der Küche und wusste einfach nicht, wohin.
Solange nicht, bis mein Vater nach mir rief. Ich werde nie vergessen, wie verzweifelt seine Stimme in diesem Augenblick klang. Nicht zornig, einfach nur verzweifelt. Das ließ mich den Mut finden, zu ihm zu gehen.
Mit fahrigen Bewegungen stand ich auf und ließ die halb geschälte Rübe auf den Tisch sinken. Ich wollte das Messer danebenlegen, aber eine kaum greifbare Eingebung ließ mich die Hand zurückziehen. Anstatt das Messer wegzulegen, verbarg ich es unter meiner Schürze, ehe ich hinaufging.
Oben fand ich ihn. Gebeugt und zitternd kniete er über dem zertrümmerten Körper meiner Mutter. Rote Striemen leuchteten auf seinen Armen, da, wo ihre Fingernägel ihn erwischt hatten. Er hielt sein Gesicht in beiden Händen vergraben und schluchzte leise.
»Es war der Fluch«, nuschelte er immer wieder durch seine tränenverschmierten Handflächen hindurch. »Der Fluch! Es tut mir leid. Ich liebe sie doch. Es war der Fluch!«
Ich stand einfach nur da und sah ihn an. Nicht ängstlich – wie er da kniete und weinte, hätte ich niemals Angst vor ihm haben können. Auch nicht wütend. Geschockt vielleicht. Taub. Unwirklich. Die ganze Szene kam mir unsagbar unwirklich vor. Ich wusste, dass er meine Mutter nicht geliebt hatte. Nicht richtig jedenfalls. Dennoch glaubte ich ihm. Sie hatten schon so lange zusammengelebt, dass das Leben des einen ohne den anderen längst nicht mehr vorstellbar war. Er konnte sie nicht einfach so getötet haben. Da musste mehr sein als das. Das musste es einfach.
Irgendwann knieten wir beide neben ihr. Wir hielten einander und wir weinten. Selten habe ich mich meinem Vater so nahe gefühlt wie in diesem Augenblick vor all den Monaten.
»Wir sollten gehen«, meint Georg und seine Stimme so dicht an meinem Ohr erinnert mich daran, wie nah ich ihm nun bin. Physisch zumindest.
Ich sehe zu ihm auf und nicke langsam. Er fragt nicht nach und ich bin froh darum. Ich will ihm nicht erzählen, wie sie gestorben ist. Wie wir um sie geweint haben. Und noch viel weniger will ich ihm erzählen, wie ich meinem Vater geholfen habe, zu verstecken, was er getan hat. Wie die Polizei es doch entdeckt und meinen Vater ins Zuchthaus gebracht hat. Wie schließlich auch er gestorben ist.
Georg zieht mich mit sich die Treppe hinab. Er hält meine Hand fest in seiner und mich beschleicht das Gefühl, dass er mich auch dann nicht losließe, wenn ich ihn darum bitten würde. Doch ich bitte ihn gar nicht. Ich lasse mich ziehen, die Treppe hinab und hinaus auf den Hof. Die milde Abendluft tut mir gut. Sie macht meine Gedanken etwas klarer und schiebt die Erinnerungen ein wenig zurück.
»Du siehst blass aus«, murmelt Georg und berührt meine Wange. »Lass uns etwas spazieren gehen! Es wird ohnehin noch dauern, bis alles eingeladen ist.«
Ich schaue zu, wie zwei von Georgs Knechten die geschnitzte Anrichte aus meinem Elternhaus tragen. Es fühlt sich eigenartig an, zu sehen, wie das Haus, in dem ich mein gesamtes bisheriges Leben verbracht habe, auseinandergerissen wird. Eigentlich müsste ich froh sein. Immerhin bedeutet es, dass mich all diese Dinge in die Ehe und damit in mein neues Leben begleiten werden. Dinge, die es mir überhaupt erst ermöglicht haben, von hier zu entkommen. Als Waise, ganz auf mich allein gestellt, kann ich mich zweifellos glücklich schätzen, dass mein Verlobter statt einer Mitgift einfach die Güter vom Hof akzeptiert hat, die er für sein eigenes Haus gebrauchen kann. Unser Haus. Ich weiß das und ich will ihm dankbar sein. Aber es ist nicht Vorfreude, sondern Wehmut, mit der ich unserem Aufbruch entgegensehe.
Entschlossen, die trübsinnige Stimmung abzuschütteln, wende ich mich vom Haus meiner Eltern ab. »Ja, lass uns gehen«, erwidere ich auf Georgs Worte und gemeinsam treten wir vom Hof hinaus auf die Straße.
Auch hier ist es still. Genauso wie im Haus und überall im Dorf. Die Häuser stehen verlassen in den Schatten der nahen Bäume. Sanfter Wind zieht an den Ästen, aber es reicht kaum, um auch nur das Laub zum Rascheln zu bringen. Die Ruhe ist schon fast gespenstisch.
Georg legt wieder einen Arm um mich; nimmt mich in seinen festen Griff, von dem ich mir einzureden versuche, dass er Sicherheit gibt, und führt mich die Straße hinab. Ergeben lehne ich mich an ihn.
Als wir am Haus der Witwe Schleifer vorbeigehen, beschleunige ich meine Schritte. Ich kann die leeren Fenster sehen, hinter denen einst ihr Schlafzimmer verborgen lag und ich will mich nicht erinnern, was dort geschehen ist. Doch egal, wie schnell ich laufe, die Gedanken, die ich abschütteln will, holen mich nur umso schneller ein. Halten mich genauso fest in ihrem Griff, wie mein Verlobter meine Schultern hält.
Dort hinter den Fenstern, wo nun alles in Staub und Schatten liegt, habe ich sie gesehen.
Ich war hinausgegangen, um weiter unten im Dorf Brot zu kaufen. Der Tag war warm und sonnig und ich hatte es nicht eilig. Also lief ich im Schlenderschritt die Straße hinab, wirbelte etwas Staub mit den Schuhen auf und betrachtete, wie die einzelnen Körner im Sonnenschein funkelten. Dann und wann wanderte mein Blick von einer Seite zur anderen auf der Suche nach einem Grund, noch einen Moment länger zu verweilen.
Dabei entdeckte ich sie: die Witwe Schleifer und meinen Vater. Sie regten sich hinter dem Fenster – halb im Schatten verborgen, aber nur halb. In enger Umarmung versunken teilten sie das Bett miteinander. Und keiner von beiden bemerkte mich, während ich draußen stand und vor Schreck und Wut den Brotkorb fallen ließ.
Ich wusste, wenn ich sie entdeckt hatte, konnte es auch jeder andere. Und es fiel mir nicht schwer, mir auszumalen, was dann geschehen würde: die Geschichte in aller Munde, ein billiger Lacher mit teuren Folgen. Meine Familie gedemütigt, unser Hof gemieden. Keine Aufforderung zum Tanz beim nächsten Fest. Keine Verehrer. Ich hätte als alte Jungfer enden können.
Wie konnten sie mir das nur antun? Wie konnte er es? Es drängte mich, sofort zu ihnen hineinzulaufen und ihnen die Frage in ihre roten, verschwitzten Gesichter zu schreien. Meinen Vater hinauszuzerren und all das zu beenden. Doch ich wusste auch, das hätte ihn zornig gemacht und dazu fehlte mir der Mut.
Lange stand ich da und stellte mir vor, wie es wäre, wäre ich doch nur etwas mutiger. Aber ich sagte nichts und ich bewegte mich nicht. Schließlich ging ich einfach fort.
Erst einige Tage später schlich ich mich zum Haus der Witwe Schleifer zurück. Ich hatte beobachtet, wie sie hinunter ins Dorf gegangen war und ich wusste, dass niemand sonst auf dem Hof war.
Leise schob ich die Eingangstür auf und schlüpfte in den engen Flur. Drinnen war es still und ordentlich. Viel zu ordentlich für eine alleinstehende, hart arbeitende Frau. Ich fragte mich, woher in aller Welt sie die Zeit für all die Arbeit nahm, aber ich hielt mich nicht damit auf. Stattdessen schlich ich in eben jenes Schlafzimmer, in dem sie meinen Vater verführt und sich ihm hingegeben hatte. Ich lief zu dem Bett, das ich so sehr verabscheute, und versteckte eine kleine Strohpuppe im Bezug des Kissens. Nadeln und die Kräuter schob ich unter das Stroh, in dem die Witwe nachts ihren Körper wälzte.
Sobald alles an seinem Platz war, stahl ich mich hinaus. Ohne einen weiteren Blick zu verschwenden, verließ ich diesen Unglücksort und kehrte in die Sicherheit meines Elternhauses zurück. Damals war es das noch – sicher.
Wir folgen der leichten Biegung der Straße – weg von dem Unglückshaus, dessen Anblick mich so quält – und Georg entdeckt die beiden dünnen Äste, die dort zu einem unscheinbaren Kreuz zusammengebunden worden sind. Sofort bleibt er stehen und zeigt darauf.
»Ist das hier der Ort, wo die Frau gefunden wurde?«, fragt er mich. »Du weißt schon, die, an der euer Metzger sich vergangen hat?«
Seine Augen funkeln beunruhigend, während er spricht, und ich schüttle den Kopf – um zu verneinen und um dieses Bild seiner funkelnden Augen gleich wieder loszuwerden.
»Nein, hier haben die Dorfjungen eines der Mädchen so fest mit Steinen beworfen, dass…« Ich breche ab. »Können wir einfach weitergehen? Bitte!«
Kurz sieht es so aus, als wäre Georg unzufrieden mit mir, doch dann wird sein Blick gleich wieder sanfter und langsam nickt er: »Natürlich, Liebes.«
Er geht weiter und ich bleibe an seiner Seite. Noch immer hält er mich in seinem Arm, und während der Abend dunkler und kühler wird, versuche ich, die Wärme zu genießen, die von seinem Körper ausgeht.
»Es ist schwer, sich vorzustellen, dass hier einmal Kinder gespielt haben«, sagt Georg nach einer Weile. »Es ist alles so still.«
Ich schließe für einen Moment die Augen und lasse mich blind führen. »Die Letzten sind schon vor einem Jahr weggezogen.«
»Wegen dieses Fluchs?«
Ich öffne die Augen und nicke.
»Glaubst du daran?«
Mein erster Impuls ist es, nein zu sagen. Aber dann würde er fragen, wie ich nach allem, was geschehen ist, nicht daran glauben kann, und eine Antwort darauf möchte ich ihm nicht geben. Stattdessen sage ich: »Ich weiß es nicht.« Und erkenne, dass es ohnehin die Wahrheit ist. Ich weiß es einfach nicht.
Wir erreichen den kleinen gepflasterten Marktplatz. Ein leckes Fass steht in einer Ecke. Geöffnet und halb verwittert. Sonst ist es genauso still und leer wie überall im Dorf. Es wirkte enger hier, als noch jeder seinen Stand aufgestellt und seine neuesten Erträge verkauft hat. Gemüse, Obst, Brot … Als die Leute sich getroffen und einfach geredet haben. Jetzt ist der Platz so offen und kahl, dass er mir verloren vorkommt. Aber letztlich passt er damit gut zum Dorf und gut zu mir.
Es war voll und belebt auf dem Marktplatz, als ich meine Freundin Luisa und ihren Mann dort suchte. Ich lief quer über das Pflaster und gab mir Mühe, verwirrt und aufgewühlt auszusehen. Das fiel mir nicht schwer, denn es war erst wenige Tage her, dass ich meinen Vater und die Schleifer beieinander gesehen hatte.
Luisa kam mir zuvor. Sie entdeckte mich, bevor ich sie entdecken konnte und als sie bei mir war, nahm sie mich sanft beim Arm und zog mich aus dem Gedränge.
»Was ist denn mit dir los?«, wollte sie wissen.
Ich schüttelte den Kopf und erwiderte aufgebracht: »Ich kann es dir nicht sagen. Nicht, wenn du mir nicht glaubst!«
Das brachte Luisa dazu, halb besorgt, halb verärgert die Stirn zu runzeln. »Sei nicht albern!«, entgegnete sie. »Wieso sollte ich dir nicht glauben?«
Darauf hatte ich keine Antwort, also schüttelte ich einfach noch einmal den Kopf und wandte mich ab. Natürlich hielt Luisa mich zurück.
»Nun sag schon, was los ist«, drängte sie.
Wieder schüttelte ich mich und nahm mir noch einen Augenblick, ehe ich endlich antwortete. »Sie ist eine Hexe!«, platzte ich schließlich hervor. »Ich habe sie zaubern sehen!«
»Wen?«
»Die Schleifer! Im Garten hinter ihrem Haus.«
Luisa betrachtete mich einen Moment verdutzt, dann brach sie in schallendes Gelächter aus.
Sofort fuhr ich herum und machte abermals Anstalten, wegzulaufen. Wieder musste Luisa mich festhalten. Sanft, aber bestimmt schloss sie mich in ihre Arme. Da lief ich nicht weiter weg, aber ich ließ mich noch etwas bitten, ehe ich mich wieder zu ihr umdrehte. Als ich es endlich tat, bohrten sich die Augen meiner Freundin besorgt in meine.
»Meinst du das ernst?«, fragte sie unter angehaltenem Atem.
Ich nickte.
»Das ist doch albern. Bist du sicher, dass sie nicht einfach nur…«
»Nein«, fiel ich ihr ins Wort. »Nein! Sie hat nichts einfach nur. Sie hatte eine Puppe aus Stroh, die sie mit Nadeln traktiert hat und sie hat gesummt oder gemurmelt und war vollkommen versunken.«
Luisa betrachtete mich mit offenem Mund. Ihr Mann kam hinzu und schließlich nahmen die beiden mich mit in ihr Haus. Wir sprachen noch lange. Am Ende glaubten sie mir. Und die Gerüchte begannen, sich zu verbreiten.
»Willst du einen Moment Pause machen?«, fragt Georg. »Du wirst blasser und blasser.«
Ich sehe zu ihm auf und konzentriere mich darauf, einige Mal tief ein- und auszuatmen. Dann schüttle ich den Kopf. »Nein, es geht schon. Ich denke, es ist besser, wenn wir weitergehen. Die Bewegung ist gut für meinen Kreislauf.«
»Wie du meinst.«
Er streicht mir über den Rücken und führt mich weiter.
»Was dir wirklich guttun wird«, sinniert er nach einer Weile, »ist endlich von hier zu verschwinden. Was für ein unfassbar bedrückender Ort. Du hättest hier nie leben sollen, schon gar nicht allein.«
Ich lehne mich im Laufen an seine Schulter. »Früher war es hier ganz anders.«
»Mag sein, aber es geht schon bergab mit diesem Nest, seit dieser Junge im Brunnen ertrunken ist.«
Darauf kann ich nur nicken.
Der Junge hieß Simon. Er war ein paar Jahre jünger als ich und der Spross einer der größeren und älteren Bauernfamilien hier im Dorf. Seine älteren Brüder waren immer frecher und lauter gewesen als er. Daneben war Simon nie aufgefallen. Ihn kannte ich kaum und so ging es, denke ich, den meisten. Dennoch änderte sein Tod alles.
Niemand war bei ihm, als er starb. Deshalb konnte niemand genau sagen, wie es geschehen war. Seine Mutter fand ihn erst am Abend im Brunnen. Da war er längst ertrunken. Sie schrie und rief um Hilfe, bis schließlich einige Männer aus dem Dorf kamen und ihn hinauf zogen.
Noch am selben Abend versammelten wir uns alle in der Kirche zur Andacht. Ich erinnere mich, wie Simons Familie und seine wenigen Freunde dicht gedrängt zusammensaßen und um ihn weinten. Auch ich weinte ein wenig, aber weniger um Simon, als um des Schreckes willen. Die Vorstellung, wie es wäre, würde einem meiner Lieben so etwas geschehen, machte mir Angst und ich suchte Trost im Arm meiner Mutter, während ich der Predigt lauschte.
Dass einige Männer bei der Andacht fehlten, bemerkte ich erst, als mitten im stillen Gebet die Tür aufsprang.
»Sie war es«, brüllte August Link, während er schnaufend auf die Kanzel zustürmte. »Die Schleifer hat ihn umgebracht! Hexe!«
In seiner Hand hielt er die Puppe und die Nadeln, die ich nur allzu gut kannte, und wedelte damit über seinem Kopf herum. Hinter ihm fielen andere aus seiner Gruppe in sein Rufen ein.
Mit pumpender Brust und geballter Faust kam August vor der Gemeinde zu stehen. Unser Pfarrer war trotz seines hohen Amtes immer ein stiller, beinahe schüchterner Mann gewesen. Er machte keinen Versuch, in das Geschehen einzugreifen oder uns zur Besinnung zu rufen. Er stand einfach schweigend auf der Kanzel, ließ August reden und betrachtete das alles mit distanziertem Interesse.
Mein Blick wanderte zur Schleifer. Sie saß ganz still auf der Kirchbank, umgeben von bohrenden Augen, die sie kaum zu bemerken schien. Ihre eigenen Augen waren geweitet, der Mund halb geöffnet, die Finger verkrampft. Zunächst wirkte es so, als verstünde sie gar nicht, worum es ging. Erst ganz allmählich realisierte sie, worüber gesprochen wurde. Als sie es dann verstand, wurde sie sehr blass.
Heute denke ich manchmal, wie seltsam es ist, dass niemandem die Art ihrer Reaktion auffiel. Sie zuckte nicht zusammen, sie versuchte nicht sofort, sich zu verteidigen, sie saß einfach da und verstand nicht, was um sie herum geschah. So verhält sich niemand, wenn er auf frischer Tat ertappt worden war. Doch keiner außer mir schien das zu bemerken.
»Das hier war in ihrem Haus versteckt«, donnerte August in diesem Moment und zog alle Augen auf sich. Wieder schwenkte er Puppe und Nadeln hin und her. »Sie ist eine Hexe! Sie hat gezaubert, um Böses über uns zu bringen, und nun ist Simon gestorben!«
Die Mutter des toten Jungen schluchzte laut. Ihr Mann drückte sie einen Moment an sich, dann stand er auf und bahnte sich einen Weg durch die bereits raunende Menge. Seine Wangen waren tränennass, aber jetzt bebte er vor Wut.
»Wieso?«, brüllte er der Schleifer entgegen, während er lief. »Wieso unser Junge? Wie konntest du?«
Die so Angerufene schüttelte nur den Kopf und hob abwehrend die Hände. Zweimal setzte sie an, um zu sprechen, aber offensichtlich fehlten ihr die Worte.
August fehlten sie nicht. »Was spielt es für eine Rolle, wieso? Und meinst du wirklich, sie würde es dir sagen? Sie lügt, sie hat uns alle belogen! Wie lange treibst du dieses Spiel schon, hm? Hexe! Glaubst du, wir sind blind?«
Als sie nun beide Männer auf sich zukommen sah, löste die Schleifer sich aus ihrer Starre. Sie sprang auf und wollte zurückweichen, aber auch die Umstehenden hatten sich bereits erhoben und hielten sie zurück. Hände über Hände griffen nach ihren Armen, ihren Schultern und ihren Kleidern. Sie zogen, schoben und zerrten sie nach vorn in den Gang. Dort versuchte sie, nach hinten zum Kirchentor zu fliehen, aber neue Hände griffen nach ihr und eine rasch anwachsende Menschentraube auf dem Gang versperrte ihr den Weg. Irgendjemand stieß sie auf die Knie.
»Seid ihr wahnsinnig?«, rief sie.
Da erreichte Simons Vater die Stelle, an der sie kniete, und schlug ihr ins Gesicht. Sie schrie. Mir wurde schlecht. Ich wollte mich abwenden, aber es gelang mir nicht …
»Hörst du mir eigentlich zu?« Die Art, in der Georg seine Stimme hebt, bringt mich jäh ins Hier und Jetzt zurück. Sein Arm löst sich von meinen Schultern und er lässt mich frei. Ich mache einen Schritt zurück.
Aus dieser kurzen Distanz sehe ich seine Augen zornig blitzen und wage es nicht, den Kopf zu schütteln. »Entschuldige«, flüstere ich.
»Wo bist du mit deinen Gedanken?«, fährt er donnernd fort. Von seiner Sorge um mich ist nichts mehr zu sehen. »Umso weiter wir gehen, umso mehr schweifst du ab. Ich tue das hier für dich! Wenn du es nicht willst, dann …« Er unterbricht sich und atmet dreimal tief ein und aus. Ich kann förmlich sehen, wie er sich zur Beherrschung zwingt. Meine Augen wandern zu seiner Hand. Sie ist zur Faust geballt und zittert, als stünde sie kurz vor der Bewegung. Ich bekomme Angst.
»Es tut mir leid«, setze ich erneut an und sehe wieder in seine Augen, aber er winkt ab.
»Schon gut, lass uns weitergehen!« Wie zuvor nimmt er mich bei den Schultern und zieht mich noch näher an sich heran.
Dann laufen wir weiter. Ich recke den Kopf und schaue ihn an. Sein Gesichtsausdruck ist streng. Die Augen starr geradeaus gerichtet. Die Stille zwischen uns ist anders als zuvor. Nicht vertraut oder tröstlich oder wenigstens gleichgültig. Sie ist zum Zerreißen gespannt und geradezu greifbar. Ich überlege, ob ich ihn fragen soll, was er zuletzt gesagt hat, aber ich finde den Mut dazu nicht.
Also schweigen wir. Georg führt mich die gerade Straße entlang, während die Sonne endgültig hinter den fernen Baumwipfeln verschwindet und alles um uns herum dunkel und grau zu werden beginnt. Schließlich entdeckt Georg ein weiteres Kreuz am Straßenrand.
»Was war es hier?«, fragt er. Seine Stimme ist leiser als zuvor. Sein Atem geht ruhiger.
Ich schließe die Augen, um die Welt vor mir auszuschließen. »Da hat einer seine Tochter erschlagen«, erkläre ich mit brüchiger Stimme. »Bitte. Bitte lass mich nicht weiterreden.«
Ich traue mich kaum, ihn anzusehen, aber diesmal ist Georg nicht wütend. Er legt auch den zweiten Arm um mich und küsst meine Stirn. Ich kann mich in seiner Umarmung nicht ganz entspannen, aber ich versuche es.
»Wir können zurückgehen, wenn du willst«, flüstert er. »Es kann hier ja kaum auszuhalten sein für dich, mit all den Erinnerungen.«
Ich zittere, aber ich schüttle den Kopf. »Nein, bitte. Ich will mich verabschieden.«
Er legt eine Hand unter mein Kinn und drückt es mit sanfter Gewalt nach oben, bis ich ihn ansehe.
»Gut«, sagt er, »aber wirklich nur noch bis zum Waldrand, einverstanden?« Es klingt nicht wirklich nach einer Frage.
Ich nicke trotzdem und einer Eingebung folgend strecke ich die Hand nach seiner Wange aus. »Danke, Liebster.«
Mein Streicheln bringt ihn zum Lächeln und ich spüre erleichtert, wie er sich entspannt. Die Stille kehrt wieder in ihren vertraut gleichgültig friedlichen Zustand zurück. Auf dem Rest des Weges aus dem Dorf hinaus kann ich mich wieder an Georg lehnen, ohne mich unbehaglich zu fühlen. Sogar seine Wärme kann ich ein wenig genießen.
Für einen Moment verliere ich mich nicht in Erinnerungen, sondern in Erwartungen. Ich stelle mir unser gemeinsames Leben vor. Ein belebter Hof, Kinder, genug zu essen und schöne Kleider für das Ansehen im Dorf. Einem Dorf, das lebendig ist. In dem es Kinder gibt und Feste. Vielleicht wird es sogar Spaziergänge geben, so wie heute. Gemeinsame Abende vorm Kamin. Wärme. Wer sagt, dass es nicht wunderschön werden wird?, denke ich.
Und während ich das denke, erreichen wir den Waldrand. Georg bleibt stehen.
»Bitte lass uns einfach einen Moment hierbleiben, ja?«, flüstere ich.
Er schweigt. Sein Atem bleibt ruhig und er legt abermals den zweiten Arm um mich. Das interpretiere ich als Zustimmung. Ich lehne mich an ihn und lasse mich von den letzten Erinnerungen einholen.
Dass sie mich hier kriegen würden, habe ich gewusst. Schon seit wir den Marktplatz verlassen haben, habe ich mich vor ihnen gefürchtet. Ich hätte sie nur zu gern vermieden, wäre zurückgegangen, dem Wald ferngeblieben. Aber ich weiß auch, dass ich mich diesen Erinnerungen stellen muss, wenn ich mich wirklich verabschieden will. Und das will ich mehr als alles andere. Es soll endlich ein Ende haben. Also schließe ich die Augen und lasse mich überrollen.
Es war grau im Wald, als sie sie herschleppten. Genauso grau wie jetzt. Aber die Sonne ging damals nicht unter, nein, sie ging auf. Ich hatte die Nacht in meinem Bett verbracht, doch nach dem, was ich von anderen hörte, hatten sie sie die ganze Nacht über verhört.
Als Luise und ich mit einigen anderen aus dem Dorf den Waldrand erreichten, kniete die Schleifer schon umringt von Menschen im kalten Laub. Ihre Frisur hatte sich gelöst, braune Flecken zogen sich an mehreren Stellen über ihr Kleid, rote Striemen über ihre bleiche Haut. Sonst schien ihr nichts zu fehlen.
»Geh endlich«, knurrte Simons Vater gerade, als wir in Hörreichweite kamen. »Verschwinde von hier!«
Andere stimmten mit ein.
»Seid ihr wahnsinnig?«, keifte die Schleifer zurück. Verzweiflung, Wut und Erschöpfung rangen um die Vorherrschaft in ihrer Stimme. »Wohin sollte ich gehen? Ich habe nichts und niemanden sonst. Damit verurteilt ihr mich zum Tode!«
Sie schluchzte zornig, aber das ließ die anderen nur umso lauter werden.
Ich betrachtete es voll Schrecken. Das hatte ich nicht gewollt. Ich hatte ihre Glaubwürdigkeit untergraben wollen. Ihren Ruf, sicher. Aber dass sie sie anrühren würden? Dass sie sie ausstoßen würden, nur weil ich diese dumme Hexengeschichte in die Welt gesetzt hatte? Wie hatte das geschehen können? Was konnte ich jetzt noch tun?
Nichts. Ich tat nichts.
Ich tat nichts, als die Schleifer uns anbettelte, noch einmal nachzudenken. Uns zu erinnern, wie sie all die Zeit als ein Teil von uns gelebt hatte. Uns zu fragen, wieso sie Simon hätte irgendetwas antun sollen, wo sein Tod ihr doch überhaupt nichts einbrachte. Ich tat nichts, als die anderen brüllten und drohten und ihr befahlen, zu verschwinden. Ich tat nichts, als sie dennoch blieb. Kniete, wo sie war. Und ich tat nichts, als der erste Stein flog.
Gerade als die Welt ihre Farben zurückgewann, mischte sich Rot unter das Braun der welken Blätter. Mehr und mehr sprenkelte es den Waldboden, solange bis die Schleifer schließlich dazwischen zusammenbrach. Ich konnte sehen, wie sie aufgab. Wie ihre Lider zu schwer für sie wurden.
»Ich verfluche euch nicht«, flüsterte sie, während sie ging. Nachdem der letzte Stein sein Ziel gefunden hatte, war es still geworden im Wald. Und der Wind trug ihre dünne, sterbende Stimme zu uns hinüber. »Ich muss euch nicht verfluchen. Ihr werdet euer eigener Fluch sein. Das Böse, das ihr in mir seht, tragt ihr selbst in euch. Es wird jeden von euch vernichten. Jeden, der hier lebt.«
Falls sie noch mehr sagen wollte, ging es im wieder aufschäumenden Stimmenmeer unter. Sie starb beschimpft und unbeweint. Wir verbuddelten sie im Waldboden. Keine Messe, keine Gebete. Niemand sprach über sie oder den Morgen, an dem sie gestorben war. Und für eine Weile glaubte ich, irgendwann vergessen zu können.
Doch was blieb, war der Fluch. Als der Erste im Streit seinen Nachbarn erstach, war es der Fluch, der ihm das Messer in die Hand gegeben hatte. Als der Zweite sich an einer ledigen Frau verging, war es der Fluch, der ihm seine Beherrschung genommen hatte. Freunde und Familien wandten sich gegeneinander. Alles zerbrach. Und wer nicht vom Fluch heimgesucht wurde, zog fort, solange er es noch konnte.
Ich bin die Letzte. Wenn ich wegziehe, wird es hier niemanden mehr geben. Niemanden, der die Felder bestellt und auch niemanden, der sich erinnert. Das Dorf ist gestorben. Genauso wie die Witwe Schleifer. Es hat nur ein wenig länger dafür gebraucht.
Ihr werdet euer eigener Fluch sein, geht es mir immer wieder durch den Kopf.
Georg gräbt seine Fingerkuppen in meine Schulterblätter und dreht mich zu sich um.
»Lass uns endlich gehen«, fordert er. »Du hast dich genug verabschiedet und es ist gleich dunkel. Außerdem tut dir zu viel frische Luft gar nicht gut, denke ich.«
Ohne meine Antwort abzuwarten, legt er wieder seinen Arm um mich und zieht mich mit sich zurück. Ich bin noch halb benommen von der Intensität der Erinnerungen, aber ich ertappe mich bei der Vorstellung, ihn von mir zu stoßen. Aus irgendeinem Grund fällt mir der Tag wieder ein, an dem meine Mutter starb. Wie ich das Messer einsteckte, ehe ich zu meinem Vater ging …
Es endet hier, denke ich mit aller Entschlossenheit, die ich aufbringen kann. Die Schleifer war keine Hexe und es gab nie einen Fluch. Nur Menschen, die für all das Übel, das in ihnen schlummerte, endlich eine Ausrede hatten. Und selbst wenn es doch einen Fluch gegeben haben sollte, dann stirbt er jetzt und hier mit dem Dorf. Ich gehe fort und dann wird sich nichts hiervon je wiederholen und nichts davon mehr wichtig sein. Nichts.
Ich will es glauben. Und ich will vergessen. Doch während Georg seinen Arm fester um meine Schulter zieht und seine Schritte beschleunigt, ertappe ich mich bei dem einen Gedanken, um den immer wieder alles kreist:
Ich bin nicht sicher.
Das Loch im Zaun | Oliver Bruskolini
Es ist ein Loch im Zaun. Der Rost hat den Maschendraht zerfressen und entblößt eine Öffnung. Sie ist wie ein Tor. Ein Tor, durch das ich die Enge dieser begrenzten, von Zäunen geprägten Welt verlassen kann. Ich würde ihr gerne entfliehen. Aber irgendetwas hält mich zurück. Vielleicht die Angst vor dem Unbekannten.
Ich gehe einen Schritt auf das Loch zu. An manchen Stellen steht der Draht über. Es besteht Verletzungsgefahr. Aber was ist verletzender? Eine potenzielle Blutvergiftung oder das Verpassen einer vielleicht einmaligen Chance?
Ich schrecke kurz zusammen. Die Straßenlaternen schalten sich ein. Der rostbraune Draht schimmert surreal im Licht. Hinter mir liegt die Vorstadt, so wie sie immer da lag. Akribisch geplante Straßenzüge, an deren Rändern fast identische Häuschen stehen. Hier ist der Rasen gestutzt. Hier ist der Zaun frisch lackiert. Hier liegt ein Hauch von Spießigkeit über den Dächern. Ich hasse den bürgerlichen Geruch.
Also fasse ich mir ein Herz. Ich zwänge mich durch die Öffnung, von der ich mir Freiheit erhoffe. Einer der überstehenden Drähte kratzt meinen nackten Unterarm auf. Sofort tritt Blut aus. Es ist nicht viel, aber genug, um das Gefühl der kühlen Abendluft auf meiner Haut in eine unangenehme Wärme zu verwandeln.
Sofort denke ich an die Gefahr einer Sepsis. Außerdem frage ich mich, wie viele Menschen sich schon vorher hier geschnitten haben. Oder Tiere. Der Rost, die Bakterien. Lauter Fremdkörper drängen in meine Blutbahn, so wie ich als Fremdkörper in diese Straßenzüge gedrängt wurde. Danke, Mama. Danke, Papa. Danke, für dieses Gefühl von Fremde.
Der Schotter knirscht unter meinen Schuhen. Sonst ist nichts zu hören. Normalerweise singen die Vögel um diese Uhrzeit besonders laut. Aber heute schweigen sie still. Vielleicht spüren sie, dass etwas in der Luft liegt. Vielleicht spüren sie, dass heute etwas geschieht. Ich werde ausbrechen. Aus diesem Gefängnis.
Vor mir ragt ein altes Haus in die Höhe. Einsturzgefährdet. Zumindest habe ich das auf einem Schild gelesen, das am Zaun befestigt war. Es ist in den letzten Jahrzehnten nicht zusammengefallen. Warum sollte es also heute geschehen?
Die Röte der untergehenden Sonne färbt die eigentlich graue Fassade in der Farbe, die der Zaun vor wenigen Augenblicken noch hatte. Das Haus wirkt metallisch, obwohl es aus kaltem Stein ist. Ich lege meine Hand auf die Mauern. Wie alt mag es sein? Ein paar Jahrhunderte hat es bestimmt auf dem Buckel.
Als wir vor langer Zeit in diese Stadt gezogen sind, hat mich das Haus sofort fasziniert.
Es liegt ein wenig abseits meines alten Schulwegs, und seit einiger Zeit komme ich jeden Tag am alten Maschendrahtzaun vorbei, der das Haus umgibt.
Es hat gedauert, aber jetzt ist mir klar, dass dieses Haus meine Karte in die Freiheit ist. Ich zwänge mich durch das Loch.
Kurz, nachdem ich es damals entdeckt hatte, begann ich im Stadtarchiv zu recherchieren. Ursprünglich wurde das Haus als Wohnsitz gebaut. Es gehörte einer reichen Familie, die der Enge der Großstadt zu entfliehen versuchte und entschied, in dieser Vorstadt sesshaft zu werden. Eine Entscheidung, die ich niemals werde nachvollziehen können. Für mich ist die Vorstadt der Inbegriff der Enge. Eine Gleichschaltungszentrale, die der Pluralität der Großstadt beängstigend Paroli bietet.
Nachdem die Familie bankrottging, wurde das Haus zwangsversteigert. Der Höchstbietende versuchte, ein Kurhaus aus der alten Villa zu machen. Aber das Kurhaus scheiterte in der beklemmenden Atmosphäre der Vorstadt phänomenal und stand lange leer, ehe ein zwielichtiger Investor eine Stange Geld in die Hand nahm, um das einstige Herrenhaus in ein edles Bordell zu verwandeln. Ein halbes Jahrhundert wurde es betrieben, zur Freude der Männer, die sich abseits des alltäglichen Trotts unter fremde Decken flüchten konnten. Den Ehefrauen stieß es aber sauer auf, was mich kaum verwundert. Es gründete sich ein Aktionsbündnis, dem es tatsächlich gelang, den Sohn des mittlerweile verstorbenen Investors zu einem Umdenken zu bewegen.
Der Bordellbetrieb wurde eingestampft und stattdessen wurden französische Tänzerinnen verpflichtet, die eine Burlesque-Show inszenierten, die im gesamten Umland einzigartig war. Es war die Glanzzeit dieses Hauses. Von weit her reisten Menschen an, um einer Vorführung beizuwohnen. Die Adresse gewann über die Grenzen des Landes hinaus an Bekanntheit.
Doch auch dieses Kapitel neigte sich dem Ende zu. Durch die Neuen Medien erhielt die Pornografie Einzug in die Haushalte, wodurch ein Großteil der Kundschaft fernblieb. Sie klebten lieber in ihren Fernsehsesseln und Bürostühlen, als eine weite Reise für eine erotische Inszenierung auf sich zu nehmen.
Abermals übernahm ein neuer Investor das Haus und versuchte, es in einen Nachtklub umzubauen. Aber die alte Villa wurde nun unter Denkmalschutz gestellt, was den Umbau nahezu unmöglich machte. Nachdem er bereits einen Batzen Geld investiert hatte, beschloss er, dass sich weitere Kosten aufgrund der Lage nicht lohnen würden, und ließ das Gelände wieder brachliegen. Ein Maschendrahtzaun sollte unliebsame Gäste aussperren. Bis heute.
Ich betrete die Eingangshalle und sehe mich um. Überall hängen Spinnenweben von der Decke. Die Staubschicht ist mehrere Zentimeter dick. Jeder meiner Schritte hinterlässt eine Spur auf dem Parkett. Mein Blick fällt auf alte Bilder, die an der Wand lehnen. Sie erzählen die Geschichte nach, die ich so mühsam im Stadtarchiv recherchieren musste.
Eine lange Geschichte, die von Höhen und Tiefen geprägt war.
Es gibt Glanzzeiten und es gibt schwierige Phasen. An ihrem Ende befindet sich nichts als eine grenzenlose Leere. Jeder Versuch scheitert, bis ein Punkt der Stagnation erreicht wird. Viele fürchten die Stagnation. Für mich ist sie das Beste, was passieren kann. Sie bedeutet Ruhe. Frieden. Einsamkeit. Die ständigen Bauarbeiten haben ein Ende. Das Ziel eines endlos wirkenden Marathons, der Zeit, Mühe, Geld und Energie kostet.
Ich setze mich auf die Stufen der alten Treppe, die in die obere Etage führt. In meinen Taschen wühle ich nach meinem Proviant. Ich habe ihn immer bei mir, nur für den Fall, dass ich irgendwann einen Ort finde, an dem ich ihn verzehren kann. Dieser Ort scheint mir geeignet. Gänzlich in den Fängen meiner frühen Kindheitstage lege ich die Smarties auf meine Zunge und tue so, als seien sie eine wichtige Medikation.
Mein Gefühl von Fremdheit, das mich in die verlassene Ruine getrieben hat, beginnt langsam zu schwinden. Ich weiß, dass es sich auflösen wird. Ich werde eins mit dem Haus sein. Hier bin ich. Ein Teil der Geschichte. Die neueste Epoche. In meiner Vorstellung tanze ich in den schillerndsten Gewändern zu französischem Chanson. Die Scheinwerfer folgen meinen Bewegungen. Das Publikum wird Zeuge einer einzigartigen Aufführung. Sie sind gekommen, um mich zu sehen. Um zu erleben, wie ich mich befreie. Aus meinen Kleidern. Aus den Engen der Vorstadt. Aus den Zwängen dieses Daseins. Ich habe das Loch im rostigen Zaun nicht nur gefunden. Nein, ich habe mich getraut, es zu durchschreiten. Fortan gibt es keine Zäune mehr für mich. Jetzt bin ich grenzenlos.

Ein strahlendes Lachen | Sarah Hanuschik
»Und die wichtigste Regel ist: Nichts anfassen.« Dmitri beendet seinen Vortrag in gebrochenem Englisch und lässt das Mikro in den Schoß sinken. Als wenn wir ihn in dem kleinen Van nicht auch so hören könnten. Die Heizung pustet trockene Luft in unsere Gesichter und lässt die blaugelbe Flagge am Armaturenbrett flattern.
Ich rutsche auf dem Sitz rum, nach zwei Stunden Fahrt tut mein Hintern in jeder Position weh. Mit dem Ärmel wische ich ein Loch in das Kondenswasser. Kahle Sträucher und Bäume ziehen vorbei. Feiner Schnee verziert die Landschaft wie Puderzucker einen verbrannten Kuchen. Mir kommen Omas Worte in den Sinn. Dort macht man keinen Urlaub. Dort herrscht der Tod. Urlaub würde ich es auch nicht nennen. Eher Entdeckungsreise.
Ein Haus taucht zwischen den Büschen am Straßenrand auf. Die Fensterläden hängen schief in den Angeln, die Scheiben sind zerbrochen. Luca und Matteo, in der Reihe vor mir, konnten sich schon die ganze Zeit kaum auf den Sitzen halten. Redeten, zappelten, machten Selfies und unternahmen einen kurzen Kontaktversuch in meine Richtung. Jetzt sind die beiden Italiener nicht mehr zu bremsen, springen auf und drücken ihre Smartphones an die Scheibe. Erst als das Haus längst außer Sicht ist, setzen sie sich und begutachten ihre Beute. Filter drauf, hochladen, Likes sammeln. Die fotografieren echt jeden verstrahlten Kackhaufen und dabei sind wir noch gar nicht in der Sperrzone.
Ich sinke in den Sitz und umarme meinen Rucksack.
Am zweiten Kontrollposten stehen wir bibbernd in der Kälte. Ich sehe die nackten Knöchel der Bloggerin – Nerdbrille und Pagenschnitt wecken Erinnerungen an Velma aus Scooby-Doo – und ziehe meine Mütze weiter über die Ohren. Ihr Freund, bewaffnet mit Hipsterbart und Profikamera, verrenkt sich, um das perfekte, nicht gestellt wirkende Foto zu machen. Die beiden sind, neben mir und den hibbeligen Italienern, die einzigen Verrückten, die bei Minusgraden diesen Tagesausflug unternehmen.
Ich trete von einem Fuß auf den anderen und beobachte, wie mein kondensierter Atem davonfliegt. Bisher das Spannendste, was ich heute gesehen habe. Wir sind umgeben von Winterwiesen und ein paar grauen Gebäuden in der Nähe der Schranke, die uns an der Weiterfahrt hindert. Verstaubte Kiesel und umgeknickte Grashalme verstärken die Tristesse und flüstern: Geht weg. Es gibt nichts zu sehen.
Dmitri spricht mit einem Kontrolleur, der Pelzmütze und Sturmgewehr trägt. Sie lachen rau und schlagen sich auf die Schultern. Schließlich wird die Schranke geöffnet und wir fahren in die Todeszone. Von hier sind es dreißig Kilometer Luftlinie zum Reaktorblock vier.
Der Motor dröhnt. Auf dem Zweier neben mir zerquetschen sich Velma und Bartmann fast ihre Hände. Luca und Matteo halten die Münder geschlossen und die Augen offen, als hätten sie Angst, etwas Wichtiges zu verpassen.
Ich habe mich informiert. An einem Tag in Tschernobyl bekommt man so viel Strahlung ab wie auf einem einstündigen Flug. Absolut ungefährlich. Oma hatte sich nie wieder hergetraut. Oft erzählte sie mir, wie es damals gewesen ist, aber begriffen habe ich es nie. Ich muss sehen, wozu der Mensch fähig ist, die Auswirkungen mit eigenen Sinnen spüren. Um endlich zu verstehen. Meine Hände reibe ich an der Jeans trocken und klemme sie unter die Achseln.
Der Kindergarten hockt bleich hinter den Brombeersträuchern, ein ausgetretener Pfad führt durch das Dickicht zu weißen Flügeltüren. Langsam gehe ich auf das Haus zu. Von den blauen Holzrahmen blättert die Farbe, die meisten Fenster fehlen oder sind zerbrochen. Das Dreirad auf der Veranda wird wohl kein Kind mehr zum Lachen bringen, zwei der Räder fehlen.
Im Laub sehe ich blonde Haare, weiße Rüschen. Ein totes, blaues Auge starrt mich an und ich fange an, in meiner Daunenjacke zu schwitzen. Es ist nur eine Puppe, kein Grund nervös zu werden.
Ein Schrei lässt mich zusammenfahren.
»Vierzehn Komma sechs!« Durch die blätterlosen Sträucher sehe ich Velma vor einem kleinen Erdhaufen auf und ab hüpfen. Ihr Geigerzähler piept den Rhythmus dazu. Meine Reisekollegen schwirren umher wie Bienen, die den Honig suchen, die gelben Geräte knattern und weisen den Weg zum nächsten Hotspot. Wer die höchste Strahlung findet, darf sie behalten.
Ich werfe einen Blick auf mein Messgerät. Es zeigt einen Wert von vier Komma sieben Mikrosievert – weit entfernt von normal. Ich sehe diese Zahlen und versuche, mir vorzustellen, wie die Strahlen sich in meine Zellen drängen, immer tiefer, bis die Moleküle auseinanderbrechen und meine DNA mutiert. Versuche zu begreifen, dass diese unsichtbare Gefahr Zehntausende Menschen dazu gezwungen hat, ihre Wohnungen und alles darin zurückzulassen. Und jetzt stehen wir hier und machen Fotos von ihrem verlorenen Leben.
Das Gejohle klirrt in meinen Kopf. Ich erinnere mich an ein Foto, das vor Kurzem einen Shitstorm ausgelöst hatte. Zwei Mädchen mit strahlendem Lächeln, Victoryzeichen und über ihren Köpfen »Arbeit macht frei«.
Ich wende mich von den anderen ab. Zwei Stufen führen auf die Veranda des Kindergartens, das brüchige Holz knarrt unter meinen Winterstiefeln. Die Flügeltüren stehen offen und mit klopfendem Herz betrete ich das alte Gebäude. Betonbrocken und Berge von altem Laub erschweren den Weg in das erste Zimmer. Verrostete Metallgestelle füllen den Raum, dann erkenne ich ein kleines Bett neben dem anderen. Die Matratzen sind verrottet und die Tapete hängt von den Wänden. Fünf Tage hat es gedauert, bis dieser Ort nach dem Unglück evakuiert wurde. Fünf Tage, an denen Jungen und Mädchen hier gespielt und geschlafen haben.
Ich schleiche weiter. Überall liegen Bücher, lose Seiten bedecken die Holzdielen. Auf einer Fensterbank sitzen vier Puppen mit hochgestreckten Ärmchen und winken mir zu.
Im Türrahmen des nächsten Zimmers bleibe ich stehen und ziehe die Luft scharf ein. Der Boden ist übersät mit Gasmasken. In der Mitte des Raumes steht ein roter Stuhl, der Lack blättert ab. Darauf sitzt stolz eine Puppe mit Maske. Die Herrin der Masken.
Hinter mir knarrt eine Diele. Ich zucke herum. Nichts zu sehen. Das Haus ist alt und heruntergekommen, natürlich macht es komische Geräusche.
Dann höre ich die Kinder. Sie lachen. Und es ist, als würde mir eine kalte Hand in den Nacken packen, ein Kribbeln läuft über meinen Körper. Bewusst langsam atme ich ein und wieder aus. Ich lausche und höre außer dem Rauschen meines Blutes nichts.
Eine feste Hand packt mich an der Schulter. Ich fahre herum und sehe Dmitris grimmiges Gesicht. »Immer in der Gruppe bleiben.«
Ich zittere. »Sorry.«
Luca und Matteo poltern mit gezückten Handys an mir vorbei und die Herrin wird zum Shootingstar. Ich warte im Flur, bis wir weiterfahren.
Wie kleine Sonnen leuchten uns die Gondeln des Riesenrads über die Bäume hinweg an. Wir fahren zum Freizeitpark und sofort habe ich den Geruch von gebrannten Mandeln und Bratwürsten in der Nase. Ich höre das Bimmeln der Fahrgeschäfte, Ansagen von übermotivierten Schaustellern. Wir steigen aus dem Bus und es ist still. Mein Trommelfell zieht sich zusammen, verkrampft sich in dem Bemühen, das zu hören, was ich erwarte.
Nebeneinander stehen wir vor dem Van und keiner traut sich, die Mauer der fehlenden Geräusche zu durchbrechen. Dann klatscht Bartmann in die Hände. »Los geht’s!«, ruft er, als müsse er sich selber antreiben und stapft mit Kamera und Stativ los. Velma hinterher. Luca und Matteo lachen und schon stehe ich alleine da.
Meine Füße scheinen festgewachsen zu sein. Das mächtige Riesenrad wacht über den Platz. Auf dem von Gras durchbrochenen Beton kauern Autoscooter, wirken wie blassgelbe Mäuse, die sich verstecken, um zu sterben.
Ich schüttle meinen Kopf frei und gehe zu dem Karussell, dessen Holzsitze fast vermodert sind, suche mir einen noch einigermaßen intakten Sitz. Po und Oberschenkel kribbeln, als sie sich auf das verstrahlte Holz drücken. Die Füße baumeln in der Luft, ich schließe die Augen und versuche mich zu sammeln. Ich wollte hier hin. Und ich will diese Erfahrung immer noch.
Mit einem Ruck setzt sich das Karussell in Bewegung und im selben Moment höre ich die Kinder lachen. Ich öffne die Augen und kralle mich an die Armlehnen. Die Konstruktion bewegt sich nur widerwillig, Metall kreischt und Rost rieselt herab. Und doch werde ich immer schneller, mein Rücken drückt gegen die Lehne. Ich bin wie erstarrt und die Umgebung verschwimmt.
Meine Augen fangen an zu tränen. Ich blinzle. Und noch einmal. Ein paar Reihen vor mir flattern braune Haare im Wind. Velma!
»Heee«, rufe ich, »was ist hier los?« Keine Reaktion.
Mir wird schlecht. Die Bloggerin trägt keinen rosa Haarreif. Und ist viel größer. Der kindliche Fahrgast schmeißt die Arme in die Luft und jauchzt vor Freude. Plötzlich überzieht Raureif meine Arme, die Kälte kriecht in mein Gesicht und die nassen Wimpern gefrieren. Mit geschlossenen Augen fange ich an zu schreien. Ich schreie und auch als mein Hals zu schmerzen beginnt, kann ich nicht aufhören, bis das Karussell langsamer wird. Erst als sich nichts mehr bewegt, wische ich mir über die Augen und versuche durch den Tränenschleier etwas zu erkennen. Das Mädchen ist nicht mehr zu sehen.
Mit wackeligen Knien stehe ich auf und entferne mich halb stolpernd, halb laufend von dem Teufelsding. Dann sehe ich Bartmann, er steht vor dem alten Kartenhäuschen und betrachtet konzentriert das Display seiner Kamera. Schnaufend erreiche ich ihn.
»Oh Mann, wo wart ihr?« Ich reibe mit den Händen übers Gesicht. Ich muss völlig fertig aussehen.
»Hmm, was meinst du?« Bartmann schaut irritiert auf. »Alles okay? Du siehst blass aus.«
»Das Karussell. Es …« Ich schaue hinüber zu dem verrosteten Gestell, das wirkt, als hätte es sich Jahrzehnte lang nicht bewegt, und weiß nicht mehr, was ich sagen soll.
»Jep, echt cooles Motiv. Sah richtig schön verträumt aus, wie du da gesessen hast.« Er zwinkert.
Mir wird schwindelig. Was passiert hier? Ich setze mich auf den Rand eines Blumenkübels, der einer Bierdose und ein paar Zigarettenstummeln ein Zuhause bietet. Mein Kopf spielt verrückt. Vielleicht reagiere ich heftiger auf die Strahlung als erwartet. Oder ich habe etwas Falsches gegessen. Das Frühstück im Hotel hat wirklich nicht mehr frisch ausgesehen.
»Nicht hinsetzen.« Der Wachhund hat mich wieder gefunden. »Nichts anfassen, bedeutet auch, nicht hinsetzen.« Dmitri zieht die Augenbrauen hoch und glotzt mich an.
Ich steh auf und wische mir abgestorbenes Moos vom Hintern. »Sag mal, wohnt hier eigentlich jemand in der Nähe?«
»‘n paar Verrückte sind wiedergekommen.« Er schaut in Richtung Waldrand und kratzt sich am Kopf. »Die glauben nicht an die Strahlung.«
»Oh.« Ich zertrete noch mehr Moos auf dem Boden. »Und die haben auch Kinder?«
»Quatsch. Alte Leute sind das. Eh schon halb tot.« Er schaut mich skeptisch an. »Wär auch was krank, hier Kinder mit hinzunehmen, oder?«
»Auf jeden Fall.«
Dmitri formt mit den Händen einen Trichter und ruft über den Platz: »Es geht weiter. Diesmal zu Fuß!«
Im Gänsemarsch setzen wir uns in Bewegung, ich in der Mitte. Dmitris Motto Immer in der Gruppe bleiben ist jetzt auch meins. Das Kinderlachen scheint sich nur herauszutrauen, wenn ich alleine bin.
Über einen Waldpfad kommen wir zu der mit Schlaglöchern übersäten Hauptstraße von Prypjat. Die Arbeiterstadt besteht aus dreckig grauen Plattenbauten, hinter den schwarzen Fenstern ahne ich Kinderaugen, die unseren Marsch beobachten und mir ein flaues Gefühl im Magen verursachen. Die endzeitliche Szenerie scheint auch die Euphorie der anderen zu dämpfen und schweigend ziehen wir an den gleichförmigen Wohnblöcken vorbei. Prypjat ist schnell gewachsen damals, für das Kraftwerk wurden Arbeiter gebraucht.
Schließlich halten wir vor einem der Häuser. Die meisten der grünen Kacheln an der Fassade fehlen, die Scherben verstecken sich zwischen Laub und Moos. Die Haustür ist verschwunden und wie ein Wächter sitzt eine Birke auf den Stufen, lehnt sich hinüber, um die offene Wunde des Hauses zu schützen. Wir quetschen uns daran vorbei und gelangen über den dunklen Flur in eine der Wohnungen.
Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die Leute dachten, sie würden wiederkommen und ließen ihre Sachen hier. Auf der Nussbaumkommode steht ein verblichenes Bild. Vater, Mutter, Kind, alle steif hergerichtet für den Fotografen. Velma findet einen Brief und diskutiert mit Bartmann die beste Darstellung für den Blog. Ich komme mir vor wie ein Einbrecher. Ob die Person noch lebt, der das alles gehört?
Das Atmen fällt mir immer schwerer und schwarze Sterne blitzen in der Luft. Ich flüchte auf den Flur, lehne mich an die Wand und atme tief durch, bis der Schwindel nachlässt. Und ich dachte, ich komme mit dieser Tour klar.
Ich kneife die Augen zusammen, stoße mich von der Wand ab und gehe wieder in die Wohnung. An der Schwelle stolpere ich zurück. Meine Begleiter sind verschwunden, stattdessen sitzt ein Mann am Esstisch. Sein Gesicht ist in den Händen vergraben und die Schultern in dem grauen Arbeiterhemd beben.
Ich schaue mich um, blicke den Flur entlang. Wo sind die anderen hin? Unschlüssig stehe ich im Türrahmen und klopfe dann gegen das Holz.
»Entschuldigung«, sage ich leise, »kann ich Ihnen helfen?«
Langsam richtet sich der Mann auf. Seine Augen sind gerötet und Tränen fließen über das zerfurchte Gesicht, wie ein Gebirgsbach durch schmale Schluchten. Er schaut mir direkt in die Augen und eine Welle aus Hass und Wut überrollt mich. Schuld drückt meine Schultern nieder und ich schäme mich so sehr, dass ich mich zusammenkrümmen möchte. »Ich … Es tut mir leid«, hauche ich und denke an Oma.
Ich taumle zurück. Wir müssen hier raus. »Dmitri?« Meine Stimme hallt durch den leeren Flur. »Leute, wo seid ihr?«
Der Mann sitzt noch immer dort, starrt mich an. Dann öffnet er den Mund und es ertönt ein Lachen. Es haut mir die Beine weg, mir wird schwarz vor Augen. Dieses Lachen gehört nicht dem Mann, es gehört einem unbeschwerten, jungen Mädchen und es verfolgt mich schon den ganzen Tag. Hockend stütze ich mich mit den Fingern am Boden ab. Das kann nicht wahr sein. Ich muss hier weg.
Ich kämpfe mich durch den Dunst in meinem Kopf und richte mich auf. Nur raus. Anstelle des Ausgangs finde ich ein Treppenhaus. Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Ich poltere die Stufen hinunter, ich strauchle, halte mich an dem Geländer fest und springe weiter. Zwei, drei Stufen auf einmal. Nach gefühlt fünf Stockwerken bleibe ich schnaufend stehen. Verdammt, wie hoch sind wir denn gelaufen? Ich schaue aus dem Fenster. Okay, circa dritter Stock. Das schaffe ich. Diesmal zähle ich mit. Zweiter Stock, erster Stock und … das kann nicht sein, die Treppe führt immer weiter. Ich schaue wieder aus dem Fenster und keuche. Die Erde befindet sich genauso weit unter mir wie vorher. Mir wird schlecht, Galle drängt in meinen Mund. Ich kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen.
Die anderen müssen noch irgendwo sein. Ich muss sie finden. Ich biege ab in den Flur. Das erste Zimmer – derselbe Mann steht in der Mitte des Raumes, schaut mich klagend an. Ich haste weiter. Hinter der nächsten Tür empfängt mich wieder der Alte, doch diesmal hält er ein Mädchen in den Armen, schlaff hängt es dort. Ein Wimmern in meiner Kehle, als ich den rosa Haarreif erkenne.
Orientierungslos schleppe ich mich weiter durch den Flur. Und plötzlich ist die Luft voll Lachen. Das kleine Mädchen lacht mich aus. Es lacht und lacht immer lauter. Ich sinke auf die Knie, presse mir die Hände an die Ohren. Ich hätte nie herkommen dürfen. »Es tut mir leid!«, schreie ich dem Lachen entgegen. Der Boden beginnt zu zittern. Das dröhnende Lachen geht durch meine Knochen, nimmt mir die Luft zum Atmen. Risse wandern an den Wänden entlang und Dreck rieselt herab. Die gewimmerten Entschuldigungen erreichen nicht einmal meine eigenen Ohren.
Plötzlich sehe ich durch den Staub eine alte Frau am Ende des Flurs. Sie kommt auf mich zu und scheint den Untergang um uns herum nicht zu bemerken.
Die Greisin bewegt ihre Lippen, doch ich höre nur das Lachen. Sie sagt erneut etwas und wie zur Bestärkung klopft sie mit dem Stock auf den Boden. Und dann ist es still. Vorsichtig befreie ich mein Gehör. Nichts mehr. Ich setze mich langsam auf.
»Was …?« Meine Stimme bricht. Ich wische mir durch das Gesicht und stelle fest, dass es tränennass ist.
»Alles gut. Du brauchst keine Angst mehr haben.« Die Falten auf ihrer Stirn vervielfachen sich kurzzeitig und ihr Blick geht ins Leere. »Nicht wahr, Katinka? Lass die armen Touristen in Ruhe!«
Ich sitze verdattert da und bringe kein Wort hervor. Mein Hirn kommt nicht ganz mit. Die alte Frau lächelt.
»Niemand hier mag Besucher, aber meine Enkelin übertreibt.« Sie humpelt an mir vorbei, der Stock klopft auf den Boden. Tock, tock, tock. Sie dreht sich um. »Willst du hierbleiben?«
Ich springe unbeholfen auf die Füße, ich schwanke, aber hierbleiben will ich auf keinen Fall.
Ich folge der Frau den Flur entlang, durch das Treppenhaus, um eine Kurve und plötzlich stehe ich draußen in strahlendem Sonnenschein. Meine Augen tränen, ich halte meine Hand darüber und blinzle.
»Da bist du ja!« Dmitri kommt auf mich zugelaufen. Es ist, als würde mir ein schnaubender Stier entgegenkommen. »Verdammt noch mal, weißt du, was ich am Hals habe, wenn mir hier jemand verloren geht?« Er macht auf dem Absatz kehrt und geht strammen Schrittes in die Richtung, aus der er gekommen ist. »Los komm, die anderen warten!«, brüllt er, ohne mich anzuschauen.
Ich drehe mich zu der alten Frau und stelle fest, dass ich alleine bin. Vorsichtig schaue ich zu dem Haus und flüstere: »Danke.«
Ich sitze im Van und mir ist kalt. Obwohl die Heizung wieder auf Hochtouren läuft, kann ich nicht aufhören zu zittern.
Es wird alles gut. Ich sitze im Bus, fahre Richtung Kiew, ins Leben, in die Wirklichkeit. Zuhause werde ich einen riesigen Blumenstrauß an Omas Grab legen. Sie wird es verstehen. Die alten Sitzpolster schmiegen sich an mich, geben mir Halt und ich versuche, mich zu entspannen.
Eiseskälte durchfährt mich und mit einem Ruck richte ich mich auf. Dort am Waldrand steht sie – die alte Frau. Sie lächelt und winkt. Langsam hebe ich die Hand und bewege sie vorsichtig. Sie hat mich gerettet, oder?
Plötzlich flackert die Frau, wie ein gestörtes Fernsehbild. Sie verschwindet und an ihrer Stelle erscheint ein kleines Mädchen mit einem rosa Haarreif. Es lächelt und winkt.

Die Welt ist ein merkwürdiger Ort | Oliver Henzler
Mit dem Fliegen warte,
bis dir Flügel wachsen!
Serbisches Sprichwort
Sarajevo, Malo Polje 2017
Seit ich Anka geheiratet habe, war es ihr Traum, in die Stadt ihrer Kindheit zurückzukehren. Ich verband bis dahin nichts mit Sarajevo, aber nicht mitzukommen, wäre ihr gegenüber nicht fair gewesen. Einen Deal rang ich ihr deswegen gleichwohl ab: Seit vielen Jahren galt mein Interesse dem Wintersport und insbesondere dem Skispringen. Diese Leidenschaft hatte ich von meinem Vater geerbt, mit dem ich schon als Bub vor dem Fernseher unseren Helden Thomas Klauser, Dieter Thoma und anderen die kleinen Daumen gedrückt hielt. Daher lag es für mich mehr als nahe, einigen ehemaligen Olympiastätten von 1984 einen Besuch abzustatten, in erster Linie natürlich der Skisprunganlage am Berg Igman südlich von Sarajevo. Es waren damals erst meine zweiten Olympischen Spiele gewesen, die ich bewusst vor dem Fernseher miterlebte. Der Sieger von der Normalschanze begleitete danach mein sportliches Fernsehleben viele Jahre: Jens Weißflog, auch wenn er damals für die DDR startete und das für mich nichts anderes als Ausland war.
So verließen wir das laute Sarajevo an einem Mittwoch im Herbst zu unserem Ausflug in die Abgeschiedenheit der Berge, der nur für mich der Höhepunkt der Reise sein sollte. Anka konnte sportlichen Entscheidungen nichts abgewinnen, nicht einmal beim Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft hielt sie es vor dem Fernsehgerät aus, zumal sich Bosnien noch nie für die Endrunde qualifiziert hatte.
Der von der Verwandtschaft geliehene Peugeot quälte sich untermotorisiert die Straße hinein in das Bergmassiv und deshalb dauerte die Fahrt eine Stunde, bis schließlich das Ziel auftauchte: die Skisprunganlage, von den Einheimischen Malo Polje genannt, einst für kurze Zeit ein Ort überquellenden Lebens und überschwänglicher Freude. Doch der im Jahr 1992 beginnende Bosnienkrieg ließ alle zivile Nutzung hier oben erstarren, weil die Passstraße zeitweilig die einzige Verbindung des von serbischen Verbänden belagerten Sarajevo war. Das Stadion lag daher mitten im Kriegsgebiet. Ehrfürchtig blickte ich vom Parkplatz am unteren Ende des Grasstreifens am Auslauf auf die beiden stählernen Monumente weiter oben am Berg hinauf. Normal- und Großschanze lagen wie niedergestreckte Elefanten in einem sie umschmeichelnden Märchenwald. Der Anblick berührte mich auf eine seltsame Weise, die ich mir kaum zu erklären imstande war. Es lag wohl an der Erkenntnis, dass ich genau diesen Ort, bedeckt von einem weißen Mäntelchen, fast fünfunddreißig Jahre zuvor mehrfach im Fernsehen erlebt und in jenen Februartagen für das Zentrum der Welt gehalten hatte. Nun war der Traum eines Besuches wahr geworden, doch wie anders als damals erschien diese Stätte! Einsam und verfallen gaben sich die noch vorhandenen Gebäude und Schanzen ihrer Existenz in einer naturbelassenen Umgebung hin. Die Tannen hatten sich bereits bedrohlich nahe an die Bauwerke herangemacht, auf einer ehemaligen Naturtribüne am Auslauf der Normalschanze wuchsen ungeniert mehrere von ihnen. Leere Fensterhöhlen glotzten uns von einem futuristisch wirkenden Bauwerk entgegen. Unzweifelhaft war die Anlage zu einer Zeit entstanden, in der die Verwendung von möglichst viel Beton noch schick gewesen zu sein schien.
»Kann ich eine Zigarette haben?«, fragte eine unbekannte Stimme hinter uns. Wir drehten uns um und blickten einem Mann ins Gesicht, der sich unbemerkt von hinten genähert haben musste. Ein schlaksiger Kerl, sein Alter war auf den ersten Blick schwer einzuschätzen, eher jünger, auch wenn tiefe Furchen sein unrasiertes Gesicht durchzogen. Anka fischte nach der Marlboro-Packung in ihrer Handtasche und streckte sie dem Mann hin, der dankbar danach griff. Nachdem auch mein Feuerzeug den Besitzer gewechselt hatte, steckte sich die Person einen Glimmstängel an und nahm einen tiefen Zug. Anka tat es ihm gleich, ich hielt mich wie immer zurück mit dem Laster, das ich mir schon Jahre vorher abgewöhnt hatte.
»Schön hier oben, nicht wahr?«, begann der Unbekannte unaufgefordert ein Gespräch. Anka hatte mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich, wollte ich auf Dauer mit ihr zusammen sein, Bosnisch lernen müsse. Weil ich nichts lieber auf der Welt sein wollte, tat ich ihr den Gefallen und besuchte jahrelang abends die Volkshochschule, was mir nun sehr zugutekam. Dort wurde zwar nur serbokroatisch unterrichtet, aber die Unterschiede zwischen den Sprachen sind nicht groß. Deshalb konnte ich den Mann einwandfrei verstehen, wenn ich mich auf seine Worte konzentrierte, worauf ich eigentlich keine Lust hatte. Aber Anka schien einem Gespräch nicht abgeneigt zu sein und gab dem Fremden durch ein zustimmendes Kopfnicken zu verstehen, fortfahren zu können.
»Aber einsam hier. Sehr einsam. Das war nicht immer so. 1984, Sie verstehen, was ich meine. Wir waren ein so stolzes Volk!«
Sarajevo, Malo Polje 1984
Der Erzähler zog erneut lange an der Marlboro und inhalierte den Rauch tief. Dann setzte er seine Erzählung fort:
»Die Olympischen Spiele. Als das IOC-Komitee seine Entscheidung für Sarajevo bekannt gab, erhob sich im ganzen Land ein wahrer Freudentaumel. Alle, gleich ob Serben, Bosnier, Kroaten, Christen oder Muslime oder wer auch sonst noch alles Jugoslawien bevölkerte, waren stolz, als erstes sozialistisches Land Gastgeber des bedeutendsten Sportereignisses der Welt zu sein. Wir haben damals mehrfach täglich die Wettervorhersage im Radio oder Fernsehen angehört, um zu erfahren, ob der lang ersehnte Schnee endlich fällt. Als er dann kurz vor der Eröffnung kam, sind alle, die konnten, zu den Sportstätten gefahren und haben die Armee bei der Räumung der Tribünen und der Parkplätze unterstützt, denn Gott hatte es gut mit uns gemeint und uns Schnee im Überfluss geschickt. Es war, als ob er uns seinen göttlichen Segen für die Spiele geben wollte. Auch hier oben waren die Menschen unermüdlich im Einsatz, um der weißen Pracht Herr zu werden. Besonders wichtig war es, den Aufsprunghügel zu präparieren, damit die Springen gefahrlos stattfinden konnten. Ich hielt mich in diesen elf Tagen zumeist ebenfalls an diesem Ort auf, wenn ich auch nicht selbst Hand anlegen musste. Damals gehörte ich zum jugoslawischen Springerteam und meine ganze Konzentration galt nur den Wettbewerben.«
Der letzte Satz ließ mich aufhorchen, denn mit einem leibhaftigen Springer hatte ich noch nie gesprochen. Sollte die Geschichte also stimmen, hätte ich einen Zeitzeugen olympischer Spiele, die vor langer Zeit stattgefunden hatten, vor mir, und ich würde damals seine Sprünge von der Couch aus verfolgt haben.
»Der Höhepunkt der Spiele war das Springen von der Großschanze. Ehrfürchtig blickte ich von oben hinab in das weit unten liegende Tal. Die vielen Tausend Menschen erschienen von da oben zu einer einzigen schwarzen Masse verschmolzen, die sich über eine weite Fläche auf dem ansonsten makellosen Weiß der Welt damals hier am Igman ausbreitete. Das Raunen der Zuschauer schwoll zu einem gewaltigen Sturm an, der wie aus einer fernen Sphäre an meine Ohren drang, als ich mich in der Öffnung am Sprungturm zeigte, weil ich als Nächstes dran war. Für das Fahnenmeer, das sich dort unten nun auftat, hatte ich nur einen kurzen Blick, der jedoch ausreichend war, mir tausend kleine Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Dann stieß ich mich ab, entschlossen, mein Land, so gut es meine Kräfte zuließen, würdig zu vertreten. Doch mit der erhofften Medaille ist es nichts geworden. Zu stark waren die großen Skisprungnationen. Matti Nykänen, Jens Weißflog und andere waren einfach überlegen. Es war ein Irrglaube der Funktionäre, dass man diesen Ländern mit unseren eher bescheidenen Mitteln würde Paroli bieten können. Dennoch war dieser Tag einer der Höhepunkte in meinem Leben, zumindest bis zu dem Moment, als ich mich in der Luft befand. Rasant nahm ich in der Anlaufspur Fahrt auf, der Luftwiderstand wurde immer größer, gleich einer Wand, gegen die man prallt. Dann stieß ich mich mit aller Kraft vom Bakken ab, wenn auch etwas zu spät, wie man mir später mitteilte. Vielleicht ist Ihnen geläufig, dass ein zu später Absprung Weite kostet.«
Erwartungsvoll sah uns der Mann an. Ich nickte ihm zu, denn über die Symmetrie des Sprunges war ich gut informiert. Dabei sah ich ein Lächeln über sein zerfurchtes Gesicht huschen, offensichtlich vermutete er in mir einen Experten, zumindest aber einen Interessierten. Warum sonst sollte man auch die Abgeschiedenheit dieser Welt betreten, wenn nicht aus Sportsgeist?
»Voll Adrenalin segelte ich meinen Landsleuten entgegen, die so geduldig jeden Springer feierten, doch mich ganz besonders, weil ich einer der ihren war«, setzte der ehemalige Springer seinen Bericht fort. »Ich fühlte mich frei wie ein Vogel und mein Trachten war nur darauf gerichtet, nie mehr landen zu müssen, immer weiter und weiter dem unendlichen Blau des Himmels entgegenzufliegen. Doch vollkommen unerwartet überfiel mich ein Gefühl, das ich nie zuvor bei einem Sprung empfunden hatte. Es war eine entsetzliche Angst vor dem, was mir dereinst nach der Landung meines entrückten Fluges im Kreise der Menschen würde widerfahren können. Keine Worte meiner Sprache sind geeignet, diesen Strom an Empfindungen auszudrücken, der sich meiner in der Luft bemächtigte. Was sich vor meinem geistigen Auge derartig lebendig abspielte, war eine Prophezeiung, die mich davor warnen wollte, jemals an diesen Ort zurückzukehren, wollte ich nicht ernsthaften Gefahren für mein Leben ausgesetzt sein.
So schnell, wie die Vision gekommen war, so schnell verschwand sie wieder und es war Zeit, die Landung anzutreten. Leider zu früh, denn für einen Platz auf dem Podium oder gar nur unter den ersten zehn reichte es nicht.«
Sarajevo, Malo Polje 2017
Unser Gesprächspartner brach seine Geschichte unvermittelt ab, als er sich an das Ereignis während der Olympischen Spiele zu erinnern schien. Die Rückblende war ihm offensichtlich unangenehm, denn er schwenkte nun zur Gegenwart.
»Seht euch um!«, forderte er uns auf. »Was ist mit diesem einst so lebendigen Ort geschehen? Was hat der Krieg mit uns gemacht? Die Anlagen der Olympischen Spiele standen mitten im Zentrum der Auseinandersetzungen. Durch dieses Tal verlief die einzige Nachschublinie in die eingekesselte Stadt. Die Serben beherrschten die umliegenden Hügel und schossen auf alles, was sich im Tal und an den Hängen bewegte. Nur die Nacht bot Schutz, doch war es zu jeder Zeit lebensgefährlich, sich hier aufzuhalten. Die Kämpfe und die ausbleibende Wartung haben den Bauwerken zugesetzt. Überall kann man die Einschusslöcher der Projektile sehen, die Jugendschanzen wurden vollständig zerstört, die großen Schanzen rotten vor sich hin. Seht euch die Anlaufspuren an, der Beton bröckelt und Moos und Flechten versuchen, dort wieder Land zu gewinnen, wo ich einst mit fast neunzig Stundenkilometern und der Beschleunigung eines Sportwagens entlanggehuscht bin. Ein Bild, das mir in der Seele wehtut. Der Sprungrichterturm ist nur noch ein Schatten seiner einstmaligen Eleganz, ohne Fensterglas schutzlos der rauen Witterung ausgeliefert. Hier hielten sich Blauhelme der UN auf, die während ihrer Mission in dem Tal darüber wachten, dass niemand angegriffen wurde. Das Schild mit der Aufschrift »UN« ist noch zu sehen.«
Wir blickten nach oben, wo das Gebäude in einem desolaten Zustand über die Anlage wachte. Zwischen den zersprungenen Platten der Verkleidung prangte unübersehbar das Schild mit den beiden Buchstaben, dessen Aussage sich mir bis zu der Erklärung des Sportlers nicht erschlossen hatte.
»Am schlimmsten aber war die Leblosigkeit, die seit Ende des Krieges 1995 hier eingezogen ist. Nicht einmal mehr Soldaten hielten sich an der Anlage auf und die Menschen waren so sehr mit Überleben beschäftigt, dass sie weder Zeit noch Kraft hatten, den Ort jenes Ereignisses zu besuchen, das uns als Nation viel Bewunderung in aller Welt eingetragen hat. Kein Sprungwettbewerb hat hier seit den Spielen mehr stattgefunden, die Schanzen wurden nur noch hin und wieder zu Trainingszwecken genutzt. Der aufkeimende Nationalismus und das immer knappe Geld machten alle Bestrebungen zunichte, den Skisprungzirkus hier zu etablieren, was ich mir mehr als alles andere gewünscht hätte. Die grausamsten Hinterlassenschaften des Krieges, die Landminen, machten es sogar gefährlich, hierher zu kommen. Doch es gibt Hoffnung, die Minen sind geräumt und Teile der Bevölkerung können es sich wieder leisten, wenigstens hin und wieder die Seele baumeln zu lassen. Sie kommen seit kurzer Zeit erneut hierher, ganze Familienverbünde und Jugendgruppen, und spielen im Auslauf Fußball oder schlagen Zelte auf. Zumeist streng nach Landsmannschaften getrennt, aber fröhlich und friedlich. Mir scheint, der Ort hätte seine Agonie überwunden. Nur die Melancholie ist geblieben.«
Sarajevo, Malo Polje 1993
Unser Erzähler verstummte erneut und schien nachzudenken. Wir wagten beide nicht, ihn zu unterbrechen, und schwiegen daher.
»Könnte ich noch eine haben?«, fragte er schließlich und deutete auf Ankas Handtasche.
»Kein Problem«, erwiderte diese und kramte in den Untiefen des Beutels. Schließlich hatte sie die rote Packung gefunden und streckte sie dem Unbekannten hin. »Wie heißen Sie eigentlich?«, wollte Anka nun wissen und mir wurde bewusst, dass wir uns noch gar nicht vorgestellt hatten.
»Strahilo. Ich bin Strahilo und lebe seit 1993 an diesem Ort!«
Anka und ich tauschten verdutzte Blicke aus. War es möglich, hier oben dauerhaft zu leben? Sicher, er konnte in den großen Gebäuden am Auslauf wohnen, wo zu Zeiten der Olympischen Spiele zweifellos das Pressezentrum eingerichtet gewesen war und das Organisationskomitee seinen Sitz gehabt haben dürfte. Aber die Häuser sahen absolut leblos und verlassen aus. Und ob die Straße hier hinauf auf den Berg Igman im Winter ständig geräumt würde, schien mir fraglich zu sein, nachdem es in Friedenszeiten auch wieder andere Zugänge nach Sarajevo gab. Ein Auto war auf dem großen Parkplatz ohnehin weit und breit nicht zu sehen, wie sollte sich Strahilo also versorgen?
Ich beschloss, die Aussage zunächst so stehen zu lassen, um den Mann nicht davon abzuhalten, weiterzuerzählen. Vielleicht war er auch einfach nur verrückt und niemals Teilnehmer an den Olympischen Spielen gewesen. Das galt es für mich nun, im Laufe der weiteren Unterhaltung herauszufinden. Der Fremde schien ohnehin an einer Fortsetzung seiner Erzählung interessiert zu sein, denn er setzte ohne Aufforderung erneut an:
»1992 kehrte ich hierher zurück. Es war nur bedingt meine freie Entscheidung gewesen, denn ich war Soldat und der Krieg hatte begonnen. Ich bin Serbe und kämpfte für die bosnisch-serbische Armee.«
Anka zog neben mir scharf die Luft ein. Ein serbischer Freiheitskämpfer war so ungefähr der letzte Mensch, den sie treffen wollte. Die drei Jahre andauernde Belagerung Sarajevos nach der Unabhängigkeitserklärung Bosniens hatte sie nie vergessen. Die Angst, jeden Tag beim Einkaufen das Opfer eines serbischen Scharfschützen zu werden, war für ihre Weltsicht prägend gewesen. Noch heute erwachte sie in mancher Nacht schweißgebadet und ich wusste, in ihren Träumen war sie wieder in dem Sarajevo während des Krieges gewesen und hatte um das nackte Überleben gekämpft.
An ihren Bewegungen konnte ich ablesen, dass Anka nun ihrerseits eine Geschichte zu erzählen hatte, doch ich hielt sie mit einer Handbewegung zurück. Ich war auf die Fortsetzung der Biografie des Serben gespannt und ein Streit konnte dafür nicht förderlich sein. Anka sollte danach äußern, was sie von dem Mann und seinem Kampf hielt und so sah sie es wohl auch, denn sie entspannte sich nun wieder und ließ Strahilo ungestört fortfahren.
»Auch wenn es nicht meinem Wunsch entsprach, wieder hierher zurückzukehren, so sah ich doch eine Notwendigkeit hierfür. Ich hing der Auffassung an, Jugoslawien müsse unter der Führung Serbiens erhalten bleiben, wie es von Tito geformt worden war. Genug war es mir schon, dass sich Slowenien ohne Widerstand losgesagt hatte, zumal sich dort die berühmten Schanzen von Planica befinden. Das sollte sich nicht noch einmal wiederholen, nicht zuletzt, weil wir unsere Landsleute von den Muslimen im Land bedroht sahen.«
An dieser Stelle konnte ich förmlich fühlen, wie sich Ankas Körper erneut straffte und sie sich schmerzhaft auf die Unterlippe biss, um nicht auf der Stelle loszulegen. Doch sie schwieg und fraß ihren Ärger in sich hinein.
Unser Erzähler schien Ankas Anspannung entweder nicht bemerkt zu haben, oder sie war ihm gleichgültig, denn er fuhr ungerührt fort:
»Mit dieser Motivation schloss ich mich den serbischen Freischärlern an und war überzeugt davon, das Richtige zu tun. Meine Skisprungkarriere war zu diesem Zeitpunkt längst beendet. Schon kurz nach den Olympischen Spielen stürzte ich schwer und als Serbe war ich sowieso ein Exot. Unsere Springer kamen fast alle aus dem heutigen Slowenien. Dort bin ich auch aufgewachsen, aber es war aufgrund meiner serbischen Abstammung für die Funktionäre nicht wichtig, mir zu einem Comeback zu verhelfen. Doch ohne adäquate medizinische Versorgung und Rehabilitationsmaßnahmen hatte ich keine Chance und meine Wut und Verzweiflung stieg. Die sich anschließende Arbeitslosigkeit führte schließlich zu meiner Überzeugung, dass das serbische Volk benachteiligt wurde und dies ein nicht hinzunehmendes Unrecht darstellte. Deshalb kam ich her und verschanzte mich zusammen mit den Gleichgesinnten dort oben.«
Strahilo brach ab und deutete auf den der Schanzenanlage gegenüberliegenden Hang. Anka und ich folgten seiner Bewegung, doch starrten wir nur auf das unendliche Grün der Tannen. Wenn es die Anlagen noch gab, waren sie vor neugierigen Blicken gut geschützt.
»Oft war mir ein Blick auf die Schanzen vergönnt, der mich an die schönsten Tage meines Lebens erinnerte. Doch nach unten zu gehen, wäre mein Todesurteil gewesen, hatte sich dort doch zunächst die bosnische Armee verschanzt. Fast ein Jahr lang lebte ich zusammen mit den unzähligen dunklen Tannen und den raubeinigen Kameraden in dem tristen Unterstand. Ein größerer Stillstand in meinem Leben hätte nicht eintreten können. Die Gleichförmigkeit der Tage, die Versorgungsengpässe, all das ließ mich schließlich am Sinn der Mission zweifeln. Hinzu kam der Tod unschuldiger Zivilisten, die auf ihren Schmuggeltouren unseren Schützen zum Opfer fielen. Auch verursachten wir bei einem nächtlichen Überfall den Tod einiger Soldaten der bosnischen Armee. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Es war den bosnischen Truppen gelungen, unser Versteck ausfindig zu machen. Die Vergeltung kam für uns vollkommen überraschend. Rasend vor Zorn brachen die fremden Soldaten in unseren Unterstand ein. Niemand meiner Kameraden überlebte. Nur mich zogen sie als Einzigen lebend aus dem Unterstand und brachten mich zur Schanzenanlage. Dort hinten könnt ihr noch heute sehen, wohin. Das Siegerpodest steht da wie vor über dreißig Jahren, verziert nur durch einige Einschusslöcher.«
Wir folgten erneut der Handbewegung unseres Erzählers und erblickten nicht weit entfernt die Ehrungsstätte. Sie hatte augenscheinlich alles Ungemach der Zeiten weitgehend unbeschadet überstanden, nur die Bodenplatten an ihrer Vorderseite waren an einer Stelle zerstört und zu kleinen Steinchen zerfallen. Hinter dem Podest ragten noch die beiden aus Betonstelen errichteten dreiecksförmigen Elemente auf, die aufeinander zuliefen und durch eine runde Plattform verbunden waren, auf der meinem Eindruck nach ein Ableger der olympischen Flamme gebrannt haben dürfte. Auf einem Element waren noch die olympischen Ringe zu sehen, aber nur, wenn man genau hinschaute, denn die Witterung hatte das Symbol fast bis zur Unkenntlichkeit ausgebleicht.
»Ich wurde auf das Podest des Goldmedaillengewinners gezerrt. Was hätte ich dafür gegeben, neun Jahre zuvor dort stehen zu dürfen. Sie verhöhnten mich als den König der Serben, dem die Ehre zuteilwurde, seine Medaille direkt vom Tod in die Hand gedrückt zu bekommen. Als die Soldaten ihre Gewehre anlegten, erinnerte ich mich wieder an die Vision, die mir in der Luft am Berg Igman dereinst erschienen war. Ich sah mich auf dem Siegerpodest am Auslauf stehend, doch meine Miene war verzerrt und meine Gesichtszüge verrieten Todesangst.«
Sarajevo, Malo Polje 2017
Das Einzige, was darauf hindeutete, dass eben noch ein Mann neben uns stand, war ein letzter Rest von Zigarettenrauch in der Luft, der sich immer weiter verflüchtigte, je länger wir uns ansahen und nach einer Erklärung rangen. Intuitiv blickten wir zum Siegerpodest, weil wir Strahilo aufgrund seiner farbigen Schilderung dort vermuteten. Aber die drei unterschiedlich hohen Plattformen für die Medaillengewinner waren leer. Weder stand dort ein strahlender Gewinner noch ein verängstigter Soldat. Anka und ich einigten uns schließlich darauf, anzuerkennen, was wir bis dahin nie für möglich gehalten hätten. Zu plastisch und real war das Geschehene, als dass es ein Produkt unserer Fantasie hätte sein können. Eine Fantasie, die wir zudem beide genau gleich geteilt hätten. Wir kamen überein, mit niemandem über die Geschichte zu sprechen, nicht einmal mit ihren Verwandten unten in der Stadt. Schnell würden wir zum Gespött der Leute werden, die entweder davon ausgehen würden, jemand habe sich einen üblen Scherz mit uns erlaubt, oder dass wir am Igman schlichtweg verrückt geworden wären.
Für Anka wirkt unsere unheimliche Begegnung jedoch bis heute nach. Sie erkannte, dass der unsinnige Krieg auf beiden Seiten nur Verlierer hervorgebracht und auch der Feind gelitten hatte. Mittlerweile engagiert sie sich in einem integrativen Kulturverein in unserer Stadt, denn will Bosnien als Staat eine Zukunft haben, wird dies nur in einem friedlichen Miteinander aller Ethnien und Religionen gelingen!
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