Kitabı oku: «Turings Vermächtnis»

Yazı tipi:

Arno Endler, geboren als Sonntagskind 1965 in Neuwied, infizierte sich im Alter von 12 Jahren mit dem Science-Fiction-Virus. Als Schüler durchstöberte er bereits sämtliche Buchhandlungen seiner Heimatstadt auf der Suche nach Büchern des Genres und litt nur an einem Mangel an Taschengeld. Er studierte Steuerrecht und betreute als Landesbeamter verschiedene IT-bezogene Projekte. Seit dem Jahr 2008 wagte er schriftstellerisch Blicke in die nähere und fernere Zukunft und publizierte Dutzende Kurzgeschichten im c’t-Magazin. Seit 2016 schreibt er für die Serie Perry Rhodan NEO und veröffentlichte mehrere Romane in verschiedenen Verlagen.

ARNO ENDLER

TURINGS VERMÄCHTNIS


© 2021 Polarise

Ein Imprint der dpunkt.verlag GmbH

Wieblinger Weg 17

69123 Heidelberg

www.polarise.de

1. Auflage 2021

Autor: Arno Endler

Lektorat: Martin Wohlrab

Copy–Editing: Irina Sehling

Covergestaltung: Weberson Santiago

ISBN (Buch) 978-3-947619-49-8

ISBN (PDF) 978-3-947619-50-4

ISBN (ePub) 978-3-947619-51-1

ISBN (Mobi) 978-3-947619-52-8

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über https://dnb.d–nb.de abrufbar.

Inhalt

Über den Autor

DAS WER IST WER IN RAGGS SANKTUARIUM

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

DAS WER IST WER IN RAGGS SANKTUARIUM

Eine Reihe von illustren Bewohnern bevölkert den Landsitz an der in weiten Teilen verwüsteten Nordseeküste Jütlands.

Als exterritorialer Privatbesitz ist der Zugang beschränkt. Nur mit Zustimmung des zurückgezogen lebenden Nicolas Ragg ist der Zutritt erlaubt.

Im September 2081 sind folgende Persönlichkeiten anwesend:

Nicolas Ragg

Der schwerkranke Multimilliardär und »Vater der Puppets« ist der Auftraggeber des Turing-Tests

Mia Ragg

Seine Ehefrau und scheidende Direktorin der Ragg Enterprises

Delphine Dessert

Raggs Tochter, mit einem Hang zu gefährlichen Aktionen

Joseph Robert Rickter

Genannt Jobert, ein spiritueller Guru, obwohl nur ein halber Mensch

Ari Kanemaki

Greiser finnischer Maler, der »Meister der Farben«; man behauptet, dass seine Gemälde lebendig werden

Gabor Horvath

Ungarischer Lehrer und Moralphilosoph, der Denker unter den Einfältigen, blickt gerne hinter die Kulissen

Lysann Nouvelle-Barbe

Eine junge Ökoaktivistin, Bewahrerin alter genetischer Arten, die als Lebensmotto »Back to Nature« gewählt hat

Simon Vansang

Ex-Einzelkämpfer im Auftrag verschiedener Geheimdienste, bereitet sich als Prepper auf den Weltuntergang vor

Obane Thamine

Der letzte große Gegenwartsschriftsteller und Dramatiker, arbeitet an seinem Lebenswerk

Kisan Thamine

Sein Bruder, ein Musiker und Komponist; seine Werke besitzen die Magie, sämtliche Emotionen in den Zuhörern erzeugen zu können

Ivy North

Als Online-Coachess Madame Nozomi kümmert sie sich um das Seelenheil ihrer Mandanten

Elias Troublemaker

Ein Online-Game-Crack von legendären Fähigkeiten, technisch versiert und selten geschlagen

Der 28. September 2081 verging, trotz zahlreicher Unkenrufe und Vorhersagen, ohne dass die Welt unterging. Sektenmitglieder starben, die vorab in ein obskures Jenseits hatten übersiedeln wollen, Aktienkurse stiegen und fielen wie an jedem anderen Tag auch. Klimatische Vorgänge führten zu nicht weiter erwähnenswerten Wetterphänomenen. Die Weltbevölkerung wuchs, da exakt zwei Babys mehr geboren wurden, als Menschen starben.

Unbeeinflusst von all diesen Ereignissen drehte sich die Erde, die Sonne pulverte eine enorme Energiemenge ins Weltall und der Mond blieb in seiner Umlaufbahn.

Wieder einmal blieb die angekündigte Apokalypse aus und nicht alle hatten darauf gewartet …

1

Das Dünengras bog sich im böigen Wind. Unterhalb des Dünenkamms trommelten Wellen im Sekundentakt gegen eine massige Mauer, jedes Auftreffen ein kleineres Erdbeben. Der Sturm pfiff, vereinzelte Regentropfen peitschten umher.

Eine Gestalt, ein Mensch von unbestimmbarer Statur, da dick eingekleidet, stemmte sich der Gewalt der Elemente entgegen, stand dicht an einer Kante, von der aus man in die Tiefe sehen konnte. Rund ein Dutzend Meter weiter unten schäumte die Brandung. Ein kräftig salziger Geruch wurde mit dem Aufwind nach oben getragen.

Die Gestalt wandte sich um. Zu ihren Füßen lag ein nackter Körper auf dem Bauch. Ein junger Mann, der schlanken Figur und den breiten Schultern nach zu urteilen. Er rührte sich nicht, trotz der eisigen Temperaturen lag er so still wie ein Toter, der er auch war.

Die dick vermummte Gestalt packte ihn an den Armen, zerrte ihn bis an den Rand und ließ ihn in die Tiefe fallen.

Das Meer verschluckte die Leiche augenblicklich. Im aufgewühlten Wellengang sah man noch einen Arm, als würde er winken.

Tag 1

Acht speziell beschichtete Rotoren erzeugten ein sanftes Flüstern. Der Oktokopter flog, dank seiner Tarnfolie nahezu unsichtbar, mit rund sechzig Stundenkilometern im strahlenden Sonnenschein. Niemand steuerte die Drohne, sie folgte lediglich dem Signal von weit unten am Boden.

Dazwischen lag eine dunkle Wolkenschicht, getränkt mit Nässe und Dreck. Gehirnwindungen gleich quollen schmutzige Ausstülpungen heraus, um zu verschwinden oder wieder zurückgesogen zu werden. Heftige Winde im Innern der Schlechtwetterfront ließen mit ihrer Energie die Wolken brodeln. Gelegentlich blitzte Wetterleuchten auf, verlieh dem Grau zusätzliche Schattierungen. All diese Bilder fing die Kamera der Sechzig-Zentimeter-Drohne ein und übertrug die Daten an die Kontrollstation. Bis zur Grenze des Aufnahmebereichs und darüber hinaus erstreckte sich die Unwetterfront, verbarg die Landschaft darunter. Es war der siebzehnte Frühjahrssturm, würden die Wetternachrichten am Abend vermelden. Nummer 18 und 19 standen in den Startlöchern.

Weit oberhalb der Wolken blies ein kräftiger Ostwind, der die Automatiksteuerung der Drohne zu Kurskorrekturen zwang. Unbeeindruckt von den Wetterphänomenen folgte die Überwachungseinheit dem Signal am Boden, das jedoch schwächer wurde. Gewaltige Potenzialunterschiede innerhalb der Wolke entstanden. Elektrische Feldstärken jenseits der drei Millionen Volt je Meter erzeugten Blitz auf Blitz.

Die Interferenzen, die sich dadurch bildeten, störten das Signal. Ohne Verzögerung verringerte die Automatik die Flughöhe. Die Drohne tauchte in die obersten Schichten ein.

Die Steuerungssoftware meldete Warnhinweise, die von der Kontrollstation als unwichtig angesehen wurden. Das Kommando traf ein, kurz bevor die Verbindung abbrach.

VERFOLGUNG AUFRECHTERHALTEN

Die Drohne sackte vier-, fünfmal durch, nutzte Windlöcher und beschleunigte den Sturzflug. Mühsam hielten die acht Rotoren die Lage im Sinkflug stabil. Die Steuerungsautomatik arbeitete am Limit und verlor mehrfach kurzfristig die Kontrolle. Das Ziel blieb im elektrostatischen Chaos verschwunden. Um den Auftrag zu erfüllen, musste das Fluggerät unter die Wolkenschicht gelangen. Ein menschlicher Pilot wäre sicherlich zurückgeschreckt. Die Software der Spionagedrohne kannte solche Bedenken nicht. Stur setzte sie den Sinkflug, der eher einem wirbelnden Sturz glich, fort.

Die Schlechtwetterfront trug auch größere Mitbringsel mit sich. Müll, aufgepickt und im Sog der Aufwinde mitgeschleppt. Ein schwarzes Rechteck fegte heran, traf eine Rotorenaufhängung und riss ein halbes Rotorblatt mit sich. Bevor die Steuerung den Verlust kompensieren konnte, trudelte die Drohne unkontrolliert. Eine thermische Verwerfung riss sie in die Höhe.

Die zweite Hälfte des Blattes war derart verbogen, dass sie wie ein Schneidwerk in die Plastikverkleidung des Motorarms schnitt. Dann gab das Material nach, das Rotorblatt zersplitterte endgültig.

Die Software deaktivierte den nutzlosen Motor und kompensierte mit den anderen, bis das Trudeln endete.

Wieder setzte der Sinkflug ein. Nun arbeiteten die verbliebenen sieben Antriebe an der Belastungsgrenze. Nur die Temperaturen nahe dem Nullpunkt halfen, damit sie nicht überhitzten.

Endlich durchbrach die Drohne die unterste Wolkenschicht.

Sensoren maßen die Entfernung zur Erdoberfläche. Rund fünfhundert Meter lagen zwischen dem Unwetter und dem Boden.

Der Empfänger erfasste das Sendesignal, nur dass die Quelle deutlich entfernter lag als prognostiziert. Zu groß war die Kursabweichung innerhalb der Front gewesen.

Die Steuerung gewann Abstand von der Unwetterfront. Aus der dichten Schicht lösten sich nur vereinzelt Regentropfen und stürzten in die Tiefe.

Beinahe nachtdunkel wirkte die darunter befindliche Landschaft. Die Drohne beschleunigte, gleichzeitig schaltete sie einen Restlichtverstärker zu dem Objektiv. Es fokussierte ein Fahrzeug, das unbeleuchtet und mit hoher Geschwindigkeit einer schnurgeraden Straße folgte. Rechts und links der schmalen Fahrbahn wechselten sich verwilderte Wälder mit brachliegenden Feldern ab. Immer wieder erfasste die Wärmebildkamera Körper von Tieren, die umherstreiften. Gelegentlich tauchten auch Gebäude auf, in denen jedoch keinerlei Wärmesignatur messbar war.

Die Drohne erhöhte erneut das Tempo, um den Kontakt zum Fahrzeug nicht zu verlieren.

Das Sendesignal erreichte Maximalstärke, als die Drohne exakt über dem Fahrzeug flog.

Vereinzelte Orkanböen versetzten das Fluggerät, zwangen die Automatik mehrfach zum Gegensteuern. Aus dem Motor des beschädigten Rotors schlugen plötzlich Funken.

Als hätte die Unwetterfront nur darauf gewartet, entlud sich ein Blitz aus der Wolke in die fragile Konstruktion. Sie zerbrach in mehrere winzige Bruchstücke und einen größeren Korpus, der trudelnd wie ein Stein abstürzte und in den Wipfel eines Baumes unter sich krachte.

Das Fahrzeug fuhr unbehelligt und ab diesem Zeitpunkt auch ohne den stillen Beobachter weiter.

In der Kontrollstation der Drohne ertönte das Verbindungsabrisssignal. Niemand schien darauf zu achten.

Am Boden, dort, wo das größte Trümmerteil gelandet war, schlugen kurzzeitig Flammen aus dem Innern der Maschine. Ein kräftiger Regenguss von oben löschte den Brand.

Zurück blieb ein Stück Müll, das nicht auffallen würde. Denn verstreut zwischen den Stämmen, Büschen und einigen Felsbrocken verteilte sich noch mehr Unrat. Verdrecktes und zerrissenes Plastik in allen Formen und Ausprägungen hing und lag in der Landschaft herum. Als hätte ein Müllfahrer seine Ladung bei Sturm einfach in den Wald gekippt.

Es stank intensiv nach Fäulnis und Fäkalien. Wenn es einen Beobachter gegeben hätte, so wären ihm die verwesenden Überreste menschlicher Körperteile aufgefallen. Arme, Beine, mehrere beinahe vollständige Leichen. Maden und Insekten bevölkerten, zersetzten sie, fraßen sich satt und nutzten die Toten als Brutstätte.

Doch es gab keinen solchen Beobachter. Niemand betrat dieses Gebiet freiwillig.

Eine ganze Serie von Blitzen entlud sich, gefolgt von ohrenbetäubendem Donnergrollen. Für einen Moment war es taghell geworden. Man hätte den Eindruck gewinnen können, als bewegten sich die Leichen. Es war allerdings nur der heftige Sturmwind, der an den Körpern zerrte.

Regen peitschte gegen die Front des autonomen Mobils. Im Innern hörte man es leise prasseln, dazu summte der E-Antrieb. Ein auf langen Fahrten sehr beliebtes Einschlafmittel. Wie ein hypnotischer Zwang ermüdete es Insassen, und so war es wohl auch dem einzigen Fahrgast ergangen. Er schlief in seinem Sitz.

Nur sparsame Beleuchtung erhellte die Sitzgruppe. Der Monitor mit der Navigationsanzeige, den Leistungs- und Fahrdaten war ebenfalls gedimmt. 72 Stundenkilometer zeigte der Tacho, doch die KI bremste, da die Fahrbahn voraus endete. Zwischen zwei brachliegenden Ackerflächen schlängelte sich ein schmales Band. Ein behelfsmäßiger Weg, der nur selten genutzt zu werden schien. Die KI folgte der Linie des Navigationsprogramms und bog in den nur grob freigelegten Feldweg ein. Es rumpelte, mehrere tiefe Schlaglöcher schüttelten Fahrzeug und Insassen durch.

Automatikgurte spannten sich über die Schultern des Schlafenden und hielten ihn in Position.

Sein Kopf bewegte sich, zu heftig versetzte es das E-Mobil. Der Formschaumstoffsessel dämpfte nicht alle Bewegungen ab.

Der Mann öffnete die Augen, blickte sich verschlafen um. Er wirkte verwirrt, nicht ganz bei sich, wischte einen Speichelfaden von seinem Mundwinkel. Irritiert sah er hoch zu dem gläsernen Dach des Mobils. Der abperlende Regen hatte die Scheibe sauber gewaschen. So hatte er freien Blick auf die tief hängende Wolkendecke, in der es wetterleuchtete. Im nächsten Moment durchfuhr das E-Mobil wieder einen Regenschauer. Wasser prasselte auf das Fahrzeug.

Der Mann hob die Hände und rieb sich das Gesicht. Er gähnte herzhaft, wollte sich vorbeugen und bemerkte die Gurte, die ihn an den Sitz fesselten. »James«, sagte er halblaut.

Die KI antwortete prompt. »Was kann ich für Sie tun?«, erklang die weiblich anmutende Alt-Stimmlage aus den verborgenen Lautsprechern.

»Wie lange noch?«, fragte der Mann.

»Eine genaue Prognose bezüglich der veranschlagten Reisedauer ist derzeit wegen der vorherrschenden Wetter- und Wegverhältnisse nicht möglich.«

»Ach, James. Bitte. Gib mir eine Zeitspanne.«

»Wir erreichen das Ziel frühestens in dreißig Minuten, spätestens in 55.«

»Danke, James. Geht doch. Könntest du bitte die Gurte wieder lösen?«

»Das Angurten dient Ihrer Sicherheit und ist auf solchen Nebenstrecken obligatorisch.«

»Ich entbinde die Gesellschaft von allen Haftungsansprüchen, Jeremiah Hilarius Schnitzer«, erklärte der Fahrgast und bestätigte die Vereinbarung mit seinem vollständigen Namen. Zusammen mit der Stimmaufzeichnung ersetzte dies in vielen Fällen schriftliche Verträge.

»Die Vereinbarung wurde aufgezeichnet und ist in Kraft, Mr. Schnitzer«, erwiderte die KI.

»Danke, James.«

Die Gurte lösten sich. Jeremiah H. Schnitzer reckte sich, dann stemmte er sich aus dem Formsessel und stellte sich aufrecht hin, was die hohe Decke des E-Mobils, das von außen betrachtet wie ein fahrendes Ei wirkte, ermöglichte. Sein Kopf stieß nun beinahe gegen die Glasscheibe und er starrte hoch hinaus, strich sich dabei durch die kurzgeschorenen blonden Haare.

Er lächelte, als er eine Lücke in der Wolkenschicht entdeckte, durch die ein kräftig goldener Sonnenstrahl wie ein Laserlicht stieß. Das E-Mobil schwankte ein wenig. Jeremiah glich die Bewegungen mit federnden Knien aus und stützte sich gleichzeitig mit der rechten Hand an der oberen Glasscheibe ab.

Er sah auf seiner Smartwatch, dass er drei Benachrichtigungen erhalten hatte.

Doch noch war Zeit. Er wollte seine Ruhe, die News auf seinen Social-Media-Kanälen für die kommenden fünf Tage waren produziert und würden von seinem Team rechtzeitig ins Netz gestellt. Raven würde sich darum kümmern.

Wie eine geölte Maschinerie lief die Verbreitung seiner Botschaft. Und Hunderttausende hörten ihn, glaubten ihm und multiplizierten die Anzahl seiner Anhänger durch Likes, Spreads und Adds. Der schnöde Mammon war schon seit Jahren kein Problem mehr. Vielmehr die Tatsache, dass es bislang kein Umdenken in der Gesamtgesellschaft gegeben hatte. Für ihn, den Prediger der neuen Zeitrechnung, hieß es nur, dass er sein Ziel längst nicht erreicht hatte und sich noch mehr bemühen musste.

Er würde sich voll auf den anstehenden Job konzentrieren. Hier lag seine beste Chance auf einen großen Coup. Nicolas Ragg, Selfmade-Billiardär, treibende Kraft hinter zahllosen technischen Entwicklungen, ominöse Schattengestalt und Geldgeber für Millionen von Start-ups, der geheimnisvollste VIP der Welt, hatte sich mit einem Jobangebot gemeldet. Die Anfrage hatte Jeremiah überrascht, zählte er doch zu den schärfsten Kritikern des zurückgezogen lebenden Nicolas Ragg.

Schon lange hatte es keine Ragg Time mehr gegeben. Acht Jahre seit dem letzten Auftritt in aller Öffentlichkeit. Und auch damals hatten aufmerksame Beobachter und Verschwörungstheoretiker behauptet, dass das Individuum auf der Bühne nicht Ragg gewesen sein konnte.

Die Einladung für den Job hatte ein Bote persönlich überbracht. Auf einem handgefertigten Papier, mit violetter Tinte beschrieben, lud Nicolas Ragg ihn zu einem Wochenende in sein Anwesen ein.

Jeremiah hatte, in seinem Büro sitzend, den jungen Mann angesehen, der mit stoischem Gesichtsausdruck und in entspannter Körperhaltung neben dem Schreibtisch auf Antwort wartete.

Die Vermutung lag nahe, dass es sich bei dem Boten um einen Puppet handelte, doch er wirkte echter als echt. Jeremiah behielt seine Hypothese für sich und erkundigte sich, was er dort solle. Der Bote zuckte mit den Schultern.

Erst nach der persönlichen Bestätigung, dass er gewillt war, an einen der abgeschiedensten Orte in ganz Europa zu reisen, erhielt Jeremiah den Zugangscode für einen Cloudspeicher. Darin fand er Dutzende Dateien und eine Videobotschaft.

Das E-Mobil stoppte abrupt. Beinahe wäre er gestürzt. »James?«, fragte er laut in die Stille hinein. Der Antrieb schien ausgefallen.

»Mr. Schnitzer?«

»Was ist geschehen? Warum der Halt? Ist der Motor defekt?«

»Der Weg ist blockiert. Ich erfrage derzeit eine Ausweichroute, doch die elektromagnetischen Interferenzen stören die Verbindung.«

»Kannst du die Route nicht selbst berechnen?«, erkundigte sich Jeremiah, obwohl er die Antwort darauf schon vorhersagen konnte.

»Zu meinem Bedauern, nein. Für diesen Kartenabschnitt liegen keinerlei verwertbare Daten mehr vor.«

»Hm.« Jeremiah setzte sich zurück in den Sessel. Jenseits der umlaufenden Scheiben war es dunkel wie die Nacht. Die Unwetterfront an diesem späten Nachmittag ließ so gut wie kein Licht durch die dichte Wolkendecke.

»Kannst du die Außenbeleuchtung anschalten?«, bat Jeremiah.

»Natürlich, Mr. Schnitzer«, bestätigte die Mobil-KI.

Scheinwerfer flammten auf, beleuchteten Bäume, Sträucher, zerwühltes dunkles Erdreich und eine Menge Müll, der sich in den Büschen angesammelt hatte.

Es regnete nicht, so dass Jeremiah den umgestürzten Baumstamm erkennen konnte. Wie eine heruntergelassene Schranke oder ein Anti-Terror-Poller versperrte er die Weiterfahrt, wobei schon der Weg selbst kaum erkennbar war.

Er überlegte, Raven eine Sprachnachricht zu senden, um sie an seinem Abenteuer teilhaben zu lassen. Aber er war viel zu gebannt von der unwirtlichen Umgebung, als dass er Zeit dafür gefunden hätte.

James manövrierte mithilfe eines hochentwickelten Bodenradars und einer Satellitenunterstützung, weswegen das E-Mobil auch ohne Licht gefahren war.

»Wie sieht es aus?«, erkundigte sich Jeremiah, als ihm das Schweigen zu lange andauerte.

»Die Datenübertragung läuft. Allerdings ist der Durchfluss gering.«

»Kein 6G-Netz?«, hakte Jeremiah nach. Er sah auf das Display seines Armbands. Der Empfänger zeigte nur rund fünf Prozent an.

»Zu meinem Bedauern, nein.«

Jeremiah schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Geduld war angesagt, eine Tugend, die er noch zu verinnerlichen hatte und an der er stets scheiterte.

Als er die Lider wieder hob, betrachtete er seine Hände, bewegte die Finger, verschränkte sie und knetete sie sogar. Doch die Wahrnehmung, dass diese Extremitäten nicht zu seinem Körper gehörten, blieb. Er führte die rechte Hand zum Mund und biss sich in den Daumen, bis er den Schmerz spürte. Da erst verging das Gefühl.

Sensomotorische Störung, formten sich die Wörter in seinen Gedanken. Warum nur gerade jetzt, fragte er sich.

Das E-Mobil ruckte an, fuhr den Weg zurück, den es gekommen war. »Kurs ist berechnet. Die voraussichtliche Ankunftszeit erhöht sich um eine halbe Stunde.«

»Danke, James«, entgegnete Jeremiah. »Und lass diesmal bitte die Außenbeleuchtung brennen. Ich möchte ein wenig von der Umgebung sehen.«

Es gab jedoch nicht allzu viel zu entdecken. Nach einigen Metern im langsamen Tempo verhüllte dichter Regen das nähere Umland. Es entstand ein kakophonischer Krach, bis die aktive Außengeräuschunterdrückung einsetzte und angenehme Stille eintrat.

Das ablaufende, aufgepeitschte Wasser an den Scheiben bildete einen perfekten Sichtschutz.

Jeremiah, der sich wieder in seinen Sessel gesetzt hatte, runzelte die Stirn. Die KI startete eine Musikuntermalung und bot gleichzeitig eine umfangreiche Auswahl an Stücken an. Auf dem Monitor erschien eine seltsame Playlist. Sämtliche Songs, deren Titel, Künstler und Erscheinungsjahr angezeigt wurden, entstammten dem vergangenen Jahrtausend, alle mindestens hundert Jahre alt.

Einige Titel sagten ihm etwas, da sie gecovert in den aktuellen Charts vertreten waren.

»Keine Musik, James. Lass es, bitte.«

»Die Hintergrundmusik dient der Unterstützung der aktiven Geräuschunterdrückung, Mr. Schnitzer. Außerdem hat sie einen beruhigenden Einfluss auf den Hörer«, widersprach die KI. »Ich empfehle daher …«

»Schon gut!« Jeremiah wusste um die Unvollkommenheit der in die E-Mobile verbauten autonomen Programmierungen. Die in Schweden erschaffene Software, die sich KI schimpfte, gehörte zu den eindimensionalsten auf dem Markt. Jede Diskussion um Recht oder erteilte Befehle endete nach kurzer Zeit in den altbekannten Schleifen. Die Einheiten, die üblicherweise als James bezeichnet wurden, waren seiner Aufmerksamkeit nicht wert. »Triff selbst eine Wahl.« Jeremiah schloss die Augen und horchte den ersten Klängen einer irgendwie metallisch verstimmt klingenden E-Gitarre, die ein aus der Epoche gefallenes Intro einspielte. Dann erklangen Stimmen von längst verstorbenen Männern.

He’s a real nowhere man

Sitting in his nowhere land

Das E-Mobil stoppte abrupt. Dank der geringen Geschwindigkeit rüttelte es Jeremiah nur schwach durch.

Bevor er fragen konnte, was zu dem Halt geführt hatte, glitt die Seitentür auf. Herein stürzte mit gesenktem Kopf eine triefnasse Gestalt in einem dick gefütterten Regenmantel mit Kapuze, die das Gesicht im Schatten verbarg.

Ein Schwall kühl-nasser Luft flutete das Innere. Es stank nach Moor und Schlamm, dazu leicht nach Erdöl. Die KI schloss die Tür augenblicklich.

Jeremiah versuchte einen Blick auf die Gesichtszüge zu werfen, aber der Kaperer wandte ihm den Rücken zu, während er sich aus der Jacke quälte. Zu seinen Füßen hatte sich eine Pfütze aus grauem Wasser gebildet.

»Guten Tag«, grüßte Jeremiah und blieb dabei sitzen.

Die Jacke landete auf dem Boden. Eine schlanke Silhouette und schulterlange nachtschwarze Haare wurden sichtbar.

Eine Frau war zugestiegen. Sie drehte sich um.

Eine Maske mit Atemschutz bedeckte das komplette Gesicht. Grazile Finger in dunkelbraunen Handschuhen griffen nach den Seiten der Maske, betätigten den Öffner. Die Maske löste sich, die Frau legte sie in eine der Ablagen.

»Was zum Henker machen Sie hier in dieser Gegend?«, herrschte die junge Frau Jeremiah an. In ihrem leicht gebräunten Gesicht sah man die Abdrücke der Maskenhalterung. Braune Augen funkelten, offensichtlich verärgert oder verwundert, so genau wusste Jeremiah das nicht einzuschätzen. »Das ist Sperrgebiet und dazu noch in Privatbesitz!«

Jeremiah schenkte ihr ein Lächeln. Sie war hübsch, ohne Zweifel, und ihre Stimme angenehm tief. Er schätzte sie auf Mitte zwanzig, wobei das reine Aussehen in der heutigen Zeit nur ein Anhaltspunkt sein konnte.

»Ich habe eine Einladung. Sonst wäre ich nicht hier. Mein Ziel ist das Anwesen von Nicolas Ragg.«

Sie reckte sich, strich sich eine einzelne Haarsträhne aus der Stirn und musterte ihn abschätzig. »Einladung? Soso. Kann ich sie sehen?« Sie hielt ihm die offene Hand entgegen.

Da wurde Jeremiah klar, dass sie wissen musste, dass er eine physische Karte erhalten hatte. Sie wusste Bescheid, gehörte entweder zu Raggs Personal oder war selbst eingeladen worden.

»Vielleicht sollten Sie sich erst einmal vorstellen. Sie haben schließlich mein E-Mobil geentert.«

»Geentert? Sie haben mich beinahe überrollt. Ich halte es für ausgleichende Gerechtigkeit, dass Sie mich den Rest des Wegs mitnehmen, klar?«

»Ich bin J. H. Schnitzer«, versuchte es Jeremiah. »Und wer sind Sie?«

»Ah. Schnitzer also. Der Mahner in der Wüste«, kommentierte die Frau, ohne sich selbst vorzustellen.

»Wie soll ich das verstehen?«, hakte Jeremiah nach, obwohl ihm bewusst war, wie ihn weite Teile der Bevölkerung wahrnahmen.

»Leben in Zeiten vorgetäuschter Künstlicher Intelligenzen. So heißt doch Ihr unbedeutender, minderwertiger Kanal, nicht wahr? Ich denke, Sie machen zu viel Aufhebens um eine Alltäglichkeit, Mr. Schnitzer. Mir macht anderes Kopfschmerzen, nicht die ewigen Mahnungen. Wir alle sind Teil eines andauernden technischen Fortschritts. Und er bereichert unser Leben.«

Jeremiah spürte augenblicklich den Drang, zu widersprechen, zu predigen, wie Raven es nannte. Die junge Frau wollte ihn ganz offensichtlich aus der Reserve locken. Er kannte diese Art der Provokation nur zu gut. In zahlreichen Vorlesungen, die er gehalten hatte, fanden sich stets Zweifler, die genauso reagierten. Er hatte zu viel Erfahrung mit solchen Menschen und lächelte besänftigend. »Nun, da Sie wissen, wer ich bin, wäre es nett, wenn Sie mir den gleichen Gefallen erweisen würden.« Ruhig sah er sie an, wartete geduldig und erfreute sich an der abzulesenden Mimik. Sie ärgerte sich darüber, dass er sich nicht hatte provozieren lassen. Gleichzeitig sah man ihr an, dass es ihr peinlich war, sich nicht bereits vorgestellt zu haben.

Offenbar um Zeit zu gewinnen, zog sie die Handschuhe aus, legte sie auf der Jacke ab, ordnete anschließend die langen Haare hinter ihrem Kopf und band sie mit schnellen, geübten Handgriffen zu einem Dutt.

»Mein Name ist Dessert«, antwortete sie.

»Dessert?«, wiederholte Jeremiah verwundert und verzichtete auf eine weitere Nachfrage. Wahrscheinlich hatten schon zu viele Menschen den naheliegenden Witz ausgesprochen.

»Ja.«

»Gut. Darf ich fragen, was Sie in dieses Sperrgebiet geführt hat, Ms. Dessert? Meinen Grund kennen Sie ja bereits.«

»Sie haben mir noch nicht die Einladung gezeigt.«

»Warum sollte ich?« Jeremiah hob beschwichtigend die Hände. »Ich sitze in einem autonomen E-Mobil. Eine James-KI bringt mich an mein Ziel im Auftrag meines Gast- und Auftraggebers. Ich muss Ihnen meine Einladung nicht zeigen.«

»Nicolas lässt so gut wie niemanden in sein Sanktuarium vor. Warum gerade Sie, Mr. Schnitzer? Mir fällt kein einziger verdammter Grund ein, warum Nicolas Sie eingeladen haben sollte.«

Sie nannte Ragg beim Vornamen, registrierte Jeremiah, dessen Recherchen zu dem Anwesen Raggs wenig bis gar nichts ergeben hatten. Dennoch war ihm klar gewesen, dass der Billiardär sicherlich nicht ohne Personal dort leben würde. Eine Mitarbeiterin war ihm ins Mobil geschneit. Wobei …! Wenn er an seinen Job dachte, dann könnte dies schon die Gelegenheit für einen ersten Test sein. Vielleicht eine Art Warm-up. Eine vorgezogene Front. Nicolas Ragg gehörte wahrscheinlich zu den intelligentesten und raffiniertesten Menschen auf der Welt.

Niemand, der nicht über ein gewisses Maß an Hinterhältigkeit verfügte, hätte diesen rasanten Aufstieg zum Firmenmagnaten vollziehen können. Jeremiah musste aufmerksam bleiben, misstrauisch, egal, wie unerwartet die Situation auch sein mochte.

Er griff sich an die obere Brusttasche seines Overalls und zückte die Karte. »Bitte sehr.«

Ms. Dessert riss sie ihm beinahe aus der Hand, ihre Augen flitzten über die wenigen Zeilen. Dann reichte sie sie ihm zurück. »Nun gut. James«, wandte sie sich an die KI, »wie lange noch bis zur Grenze?«

»19 Minuten«, meldete sich James.

Jeremiah deutete auf das Display mit dem Navigationskartenset. Die Fahrtroute war dort schematisch zu erkennen. Gleichzeitig auch ein gewaltiger blauer Bereich, auf den sie direkt zufuhren. »Falls uns deine Programmierung nicht unmittelbar in der Nordsee versenkt.«

Ms. Dessert gönnte der Anzeige nur einen flüchtigen Blick, dann betätigte sie den Schalter für die Ausgabe eines Notsitzes und nahm Platz. Sie lehnte sich an die Seitenwand des E-Mobils, die unterhalb der umlaufenden Fensterfront weich gepolstert war. Sie musterte Jeremiah von oben bis unten. Er fühlte sich wie eine Laborratte.

»Sie sind kleiner, als es Ihre Videoaufzeichnungen und Streams vermuten lassen.«

Sie ist gut, dachte Jeremiah. Ohne mit der Wimper zu zucken, provozierte sie ihn fortwährend. Als verfolge sie einen Plan.

»Nun, Ms. Dessert«, begann Jeremiah, »es ist alles eine Frage des Standpunkts und der Kameraperspektive. Ich selbst empfinde mich als gerade groß genug. In einer Welt voller genoptimierter, gleichgemachter Mitmenschen kann ich gut mit dem Makel von zehn Zentimetern fehlender Körpergröße leben.«

»Delphine«, sagte sie leise, beinahe flüsternd.

»Wie bitte?«

»Wir werden uns im Sanktuarium ständig begegnen, Mr. Schnitzer. Ich halte es für angebracht, die Förmlichkeit zu reduzieren. Delphine Dessert.«

Er verstand. »Jeremiah Hilarius. Du kannst mich auch Jerry nennen. Ich weiß nicht, was meine Eltern veranlasst hat, mir ein derart altertümliches Namensungetüm zu verpassen.«

»Jerry also. Okay.« Sie runzelte leicht die Stirn. Zum ersten Mal bemerkte er ein Muttermal neben dem rechten Mundwinkel, das den Takt der Bewegung ihrer Lippen mittanzte. »Glaubst du wirklich an das, was du da auf deinen Kanälen verzapfst?«

Und weiter setzte sie auf Provokation.

»Ich bin ein ehrlicher Mensch, Delphine. Ich bin von allem überzeugt, was ich so von mir gebe.«

»Dass es keine Künstliche Intelligenz gibt …«

»Zumindest nicht das, was ich für eine wahre Künstliche Intelligenz halte. Nimm zum Beispiel James.«

»Mr. Schnitzer? Was kann ich für Sie tun?«, erklang die Stimme der E-Mobil-KI.

»Das ist ein grandioses Beispiel dafür, dass er nur auf spezielle Reize programmiert wurde. Er hört seine Bezeichnung und reagiert sofort. Ein Mensch, ein intelligentes Wesen, hätte es einfach ignoriert. Ich bezweifle sogar, dass die so bezeichnete KI in der Lage ist, aus Fehlern zu lernen. Vorfälle, Unfälle, unangebrachte Reaktionen werden ausgelesen, von Menschen ausgewertet und durch neue Programmierung ersetzt. Das ist keine Künstliche Intelligenz.«

»Wen kümmert es?«

»Uns alle, Delphine. Wir verlassen uns zu sehr auf das, was landläufig unter den Begriff der KI subsumiert wird. Jeder denkt, da stünde eine wirkliche Intelligenz dahinter. Doch in Wahrheit sind es Menschen, die die Programme geschrieben haben. Im besten Fall enthalten die Softwarezeilen ein paar Fehler, was menschlich wäre. Im schlimmsten Fall bezwecken die Hersteller etwas damit. Profit, Machthunger, Kontrolle. Such dir das Passende aus. Machthaber aller Jahrhunderte hätten sich ein Volk gewünscht, das so einfach zu manipulieren und kontrollieren ist. Und wir tappen in die Falle. Ich betätige lediglich die Alarmsirene. Hören muss jeder selbst.«

Delphine behielt einen stoischen, zweifelnden Gesichtsausdruck bei. Unterbrochen hatte sie seine Predigt nicht, was Jeremiah wohlwollend zur Kenntnis nahm. Aus den Augenwinkeln heraus sah er es blauer im Display aufleuchten. Er wandte sich um und sah mit leichtem Schrecken, dass James das Mobil weiterhin in Richtung Nordsee steuerte. Irgendwo in Fahrtrichtung würde die Abbruchkante kommen.

»Ich hoffe mal, dass wir nicht so einer fehlerhaften Programmierung zum Opfer fallen werden«, versuchte er es mit betonter Munterkeit.

Es war nur ein flüchtiger Blick, den Delphine der Anzeige widmete. »Wir sind auf dem richtigen Weg, Jerry. Du solltest den dummen Maschinen vertrauen.« Sie musterte ihn erneut.

»Bin ich unpassend gekleidet?«, fragte Jeremiah.

»Nein.« Sie hob einen Handschuh hoch, betrachtete eine Verfärbung im Handrückenbereich und legte ihn wieder zurück. »James!«, rief sie. »Ist der Radar aktiv?«

»Natürlich, Ms. Dessert.«

»Schalte mal bitte den Infrarotbereich dazu. Ich will ein Wärmebild der Umgebung.«

Jeremiah atmete mehrfach tief durch, um seine Ungeduld und seine Irritation zu verbergen. Die Inbesitznahme durch die nahezu Unbekannte verwirrte ihn, ihre offenkundige Vertrautheit mit der Ausstattung des Mobils ließ nun wirklich darauf schließen, dass sie eine Mitarbeiterin Raggs war. Jeremiah versuchte, sich mit dem Netz zu verbinden, um weitere Informationen zu recherchieren, aber nach wie vor fehlte es an der notwendigen Signalstärke.

Aus der Konsole hob sich ein zusätzlicher Monitor im Zwanzig-Zoll-Format. Das Infrarotbild bewies, dass es draußen recht kühl war. Vereinzelt sah man kleinere Flecken, die sich am Boden aufhielten, Tiere, deren Körper Hitze abstrahlten. Die Kamera vollführte mehrere 360-Grad-Schwenks.

Jeremiah bemerkte, dass die Route des Mobils nun parallel zum Meer verlief. Keine Gefahr, über die Abbruchkante zu stürzen. Doch die Stille ging ihm auf den Geist. Der Regen hatte geendet, hoch oben zeigten sich stetig größere Lücken in der Wolkenformation. Es war jedoch spät geworden und nur wenig Helligkeit drang herunter.

»Suchst du nach jemandem?«, fragte Jeremiah. »War das der Grund, warum du in diesem Wetter unterwegs warst?«

»Schalt ab, James«, befahl Delphine der KI und schüttelte den Kopf. »Es geht dich nichts an, Jerry. Also frag bitte nicht weiter.«

Das war deutlich gewesen, auch wenn er Müdigkeit oder gar Erschöpfung aus ihrer Stimmlage herauszuhören glaubte.

Jeremiah schwieg, blickte hinaus und sah im Licht der Scheinwerfer eine hohe Mauer auftauchen. Mindestens zehn Meter, schätzte er, schraubte sich die Konstruktion in die Höhe. James hielt direkt darauf zu, bog erst dicht vor ihr nach rechts ab und holperte entlang eines schmalen Weges voran.

Nach rund zehn Minuten langsamer Fahrt, die Delphine mit geschlossenen Augen in ihrem Sitz lehnend verbracht hatte, erreichten sie ein Tor, dessen doppelte Flügel sich automatisch öffneten.

Jeremiah freute sich, endlich das Ziel zu erreichen, und war gespannt, was das Anwesen Raggs, von dem nicht einmal Satellitenaufnahmen existierten, an Überraschungen bereithielt.

Während sie das Tor passierten, verdunkelten sich plötzlich die Scheiben. »Hey!«, rief Jeremiah überrascht. »Was soll das?«

Delphine reagierte. »Eine Führung wird es später geben, Jerry. Es ist ein Automatismus. Genau wie die Deaktivierung von James.«

Da registrierte Jeremiah erst, dass alle Monitore ausgefallen waren und das Bereitschaftsblinklicht der KI rot leuchtete.

»Wer steuert das Mobil?«

»Selbstverständlich die Hausanlageneinheit. Nicolas legt Wert auf Privatsphäre. Aufzeichnungen von E-Mobilen, die mit der Zentrale verbunden sind, wären da eher kontraproduktiv.«

»Er will nicht, dass es Aufnahmen von dem Grundstück gibt?«, meinte Jeremiah.

»Korrekt, Jerry. Keine Aufnahmen, Streams oder Übertragungen. Seine Anweisungen gehen sogar so weit, dass er einen elektronischen Sichtschutz einsetzt, der Luftaufnahmen verhindert.«

»Deswegen der weiße Fleck in den Geomaps-Programmen«, murmelte Jeremiah im Selbstgespräch. Dieses Rätsel hatte sich gelöst. »Das klingt paranoid.«

»Sagt gerade der Richtige. Ihr werdet euch verstehen.« Delphine erhob sich. »Wir sind gleich da.«

»Du kennst den Weg?«

»Sicher. Ich wohne hier.«

Das Mobil stoppte. Die Fensterscheiben wurden wieder durchsichtig.

Jeremiah sah sich um. Eine Halle in eisigem Betongrau wurde sichtbar. Verteilt in verschiedenen Nischen parkten rund ein Dutzend Mobile unterschiedlicher Größen. Lichtleisten in der Deckenkonstruktion leuchteten die Garage mit eiskaltem Licht aus. Dabei schien es, als würden die Wände es zusätzlich verstärken.

Jeremiah schrak ein wenig zusammen, als sich die Tür des E-Mobils öffnete. James blieb weiterhin stumm. Delphine hielt sich nicht mit Höflichkeitsgeplänkel auf und stiefelte hinaus.

Jeremiah folgte. Von der langen Fahrt fühlten sich seine Beine schwer und steif an. Er beugte mehrfach die Knie, reckte sich und dehnte die Muskeln.

Delphine wartete mit amüsiertem Gesichtsausdruck, bis sie sich räusperte. »Fit genug?«

Jeremiah sah an ihr vorbei, da sich etwas hinter ihr bewegte. Eine goldene Rüstung auf zwei Beinen stakte auf sie zu.

»Soll das ein Witz sein?«, fragte Jeremiah.

Delphine lächelte. »Nicolas findet es witzig. Es ist die Empfangsdame.«

»Hallo«, sprach der goldene Roboter, als er bei ihnen war. »Ich bin C2-Lt, Mensch-Roboter-Kontakter. Sie müssen Jeremiah Hilarius Schnitzer sein.«

»Der bin ich.«

»Sehr schön. Dann folgen Sie mir bitte, ich würde Ihnen gerne Ihr Quartier zeigen. Ms. Dessert? Ihr Vater erwartet Sie im Labor.«

»Vater?«, hakte Jeremiah nach. »Wessen Tochter bist du?«

Delphine grinste. »Geduld, Jerry. Du wirst es noch früh genug erfahren.« Sie wandte sich an C2-Lt. »Im Mobil sind die kontaminierten Klamotten. Lass sie abholen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie. In einer Wand öffnete sich eine versteckte Tür, hinter der sie verschwand.

»Mein Quartier, C2-Lt?«, fragte Jeremiah. »Werde ich nicht zu meinem Gastgeber geführt?«

»Mr. Ragg ist zu seinem Bedauern beschäftigt. Er bittet, dies zu entschuldigen. Ich würde Ihnen daher gerne zunächst Ihr Quartier zeigen.«

»Nur zu.«

2

Ein Experte für Raumbeduftung musste sich ausgetobt haben. C2-Lt führte Jeremiah zu einem Horizontallift. Die Videoinstallation auf den Innenwänden vermittelte den Eindruck, dass sie sich innerhalb eines Waldes bewegten. Harzgeruch, frischer Wald- und moosiger Bodenduft bedrängten Jeremiahs Nase. Es war beinahe zu viel. Als die Türen sich öffneten, gelangten sie in einen Flur, in dem es abwechselnd nach Orangen und Zitronenverbene roch.

Der schmucklose Gang endete in einem kreisrunden Saal mit einem Durchmesser von rund sechs Metern. In gleichmäßigen Abständen sah Jeremiah zehn Türen mit fortlaufenden Nummern in der Wand.

C2-Lt dirigierte ihn zur Tür mit der Nummer 7.

»Das ist Ihr Quartier für die Dauer Ihres Aufenthalts. Bitte treten Sie vor.«

Jeremiah folgte der Aufforderung. Das Display seiner Armbanduhr blinkte auf. Ein Signalton von Seiten der Tür ertönte und sie glitt in die Wand, gab so den Durchgang frei.

»Die weitere Einweisung wird die Haus-KI vornehmen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.« C2-Lt stakte davon.

Jeremiah sah ihm nicht nach, ahnte, dass er dem Roboter erneut begegnen würde. Ragg schien wirklich über einen seltsamen Sinn für Humor zu verfügen.

Das Quartier entpuppte sich als eine Suite. Hinter dem Eingang befand sich zunächst ein acht Schritte langer Schlauch, an den sich ein geräumiges Zimmer anschloss. Die Gegenwand, halbrund geformt, wirkte wie ein Fenster nach draußen. Jeremiah blickte auf das aufgepeitschte Meer. Die Sonne versank gerade am Horizont, Wolkenformationen an einem brennenden Himmel, die dem Esprit und Talent eines fantastischen Künstlers entsprungen waren, leuchteten zum Teil in Orange-Rot oder drohten mit tiefdunklen Ballungen.

Jeremiah trat näher, umrundete dabei die Sitzgruppe, eine Sofalandschaft, in der gut und gerne zehn Menschen Platz finden würden. Davor ein Couchtisch, auf dem eine Vase mit vermeintlich echten Blumen stand. Ein Sideboard mit einem Monitor darüber an der rechten Seitenwand komplettierte die Einrichtung.

Auf der linken Seite sah man zwei Türen. Wahrscheinlich das Bad und der Schlafraum.

Jeremiah stellte sich vor das Fake-Fenster. Ein Schwall salzigfrischer Luft traf ihn von oben. Er sah hoch. Ein Schlitz in der Decke belüftete den Raum.

Die Nordsee war jedoch nicht das Einzige, was zu sehen war. Jeremiah wurde der Abbruchkante gewahr und der mit Dünengras bewachsenen Sandlandschaft, die sich bis an die scharf konturierte Grenze erstreckte. Eine Dünenlandschaft, wie sie von den acht Jahrhundertstürmen nahezu ausgelöscht worden war, diente als Kulisse für die Videoinstallation. Dünne Grashalme bogen sich im abklingenden Wind, dazwischen wuchsen flache Bodendecker, an denen vereinzelt weiße und pinkfarbene Blütenköpfe hin- und herschwankten. Eine Mixtur aus aktuellen Daten und einer längst überlebten Vergangenheit. Nirgendwo war der allgegenwärtige Müll zu sehen, den die ewigen Westwinde mit sich schleppten und über der Landschaft abluden.

»Willkommen«, grüßte eine tenorlastige Männerstimme wie aus dem Nichts. Die Lautstärke war geradezu perfekt gewählt, um Jeremiah nicht zu erschrecken und eine angenehme Atmosphäre zu erzeugen.

Er drehte sich um. So begann offenbar die versprochene Einweisung durch die Hauseinheit. »Vielen Dank«, sagte er halblaut und wartete.

»Ich werde als Hausanlagenlenkung bezeichnet oder kurz HAL. Sie dürfen mich aber mit jedem Namen ansprechen, der Ihnen recht ist, Mr. Schnitzer.«

»HAL ist in Ordnung«, antwortete Jeremiah und verkniff sich ein Grinsen. Ragg musste ein Faible für antike Filme haben.

»Sehr wohl, Mr. Schnitzer. Ihre Armbandeinheit ist bereits mit dem hauseigenen Netz synchronisiert worden. Sie haben unbegrenzten Zugang zur vollen Bandbreite. Für die maximale Nutzung der technischen Einrichtungen empfehle ich Ihnen jedoch den Wechsel auf eine Armilla, die ich für Sie im Sideboard deponiert habe.«

»Eine Armilla?«, wiederholte Jeremiah erstaunt. Die Prototypen dieses neuartigen Armbands mit zahllosen Features, die kolportiert wurden, geisterten als Fake News durchs Netz. Offenbar leistete sich Ragg den Luxus, den kommenden Blockbuster einer seiner Firmen hier im Sanktuarium zu testen.

»Ja, Mr. Schnitzer. Die Armilla muss lediglich noch auf Sie geprägt werden.«

»Okay. Später vielleicht«, wiegelte Jeremiah ab, dem der Begriff der Prägung nichts sagte. Er vermutete jedoch, dass der hochtechnische Nachfolger seiner Smartwatch zu einer stärkeren Überwachung durch den Gast- und Auftraggeber führen konnte.

»Wie Sie wünschen.« HALs Tonfall veränderte sich nur in Nuancen. »Darf ich Ihnen das Bad und Ihr Schlafzimmer zeigen?«

Um die beiden Türen leuchtete ein grünes Lichtband auf. »In den Räumen selbst müssen Sie mich jedoch explizit zum Zugang berechtigen. Es gilt dort absolute Privacy.«

»Gut. Gibt es irgendetwas zu beachten?«

»Dem Prinzip nach nicht, Mr. Schnitzer. Die Dusche ist Standardausstattung. Die Schlafkabine beinhaltet reguläre Features, die Sie bereits kennen dürften.«

»Also möchtest du nur höflich sein«, bekräftigte Jeremiah.

»Das ist korrekt.«

»Danke, HAL. Ich weiß das zu schätzen. Sag mir bitte, von wann die Aufnahmen sind, die ich auf der Stirnwand sehen kann.«

HAL legte tatsächlich eine spürbare Kunstpause ein. Endlich antwortete er. »Dies ist ein Fenster, Mr. Schnitzer, keine Videowand. Sie sehen, was Sie sehen.«

Jeremiah wusste natürlich, dass Hauseinheiten autonomer Gebäude nicht auf Lügen programmiert waren. Warum sollten sie auch? Die Antwort stellte daher eine Überraschung dar.

Er wandte sich wieder der Aussicht zu. Der Sonnenball war hinter der Horizontlinie versunken. Noch leuchteten Himmel und Wolken in allen Farben von Rot bis Violett. »Wo ist der Müll, HAL?«

»Mr. Ragg legt außerordentlichen Wert auf die Reinigung und Pflege des Anwesens, Mr. Schnitzer. Ich verfüge über vielfältige technische Ressourcen, die ich für den Erhalt der Landschaft einsetzen kann.«

Jeremiah verschränkte die Arme vor der Brust, sah kurz hoch zu dem Lüftungsschlitz. »Aber die Luft, die du dem Zimmer zuführst …?«

»Mehrfach gefiltert und sanft bearbeitet, Mr. Schnitzer. Leider ist die Luftqualität nicht ganz so einfach zu beeinflussen wie die Sauberkeit des Ökosystems.«

»Gut. Danke, HAL. Lass mich bitte für einen Moment alleine. Ich melde mich, sobald ich dich brauche.«

»Wie Sie wünschen. Ich darf darauf hinweisen, dass in einer Stunde und 15 Minuten das Abendessen im großen Saal serviert wird.«

»Gib mir bitte zwanzig Minuten vorher Bescheid.«

»Natürlich.«

Jeremiah wartete eine Weile schweigend vor der Fensterscheibe und überlegte, während das Meer sich allmählich in Dunkelheit hüllte, was Nicolas Ragg wohl für ein Mensch sein würde. Bekannt durch den erworbenen Reichtum, die damit einhergehende Verschrobenheit und den sich verstetigenden Rückzug aus der Öffentlichkeit, verbanden viele Menschen mit seinem Namen nur die Plug-ins. Eine Entwicklung, die Ragg deswegen forciert hatte, weil er selbst an einer offenbar unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung litt.

In der Landschaft verteilte solarbetriebene Kugellampen begannen ihre Arbeit. Somit entstand eine dezente Beleuchtung des Anwesens, obwohl alles jenseits der Lichtkegel im Dunkeln versank. Einige Senken und Mulden blieben gänzlich verborgen.

Jeremiah glaubte mehrfach, sich dort bewegende Gestalten zu erkennen, aber letztlich hielt er dies doch für Sinnestäuschungen.

Er riss sich vom Anblick los, tippte die Armbanduhr an und löste den Aktivierungsbefehl für seine Augenlinsen, die Opti-Lenses 100, aus.

Sofort erweiterte sich sein Sehvermögen. Die künstlichen Linsen erzeugten eine Art Monitor in seinem Blickfeld.

»Zugriff auf Hausfazilitäten. Anzeige Technik. Besucherzimmer 7«, arbeitete er sich durch die Untermenüs.

»Anzeige der Kameras.«

Erstaunt blickte er sich um. Als Augmented Reality blendeten die Linsen kleine Marker in seinem Sichtfeld ein, die die Positionen der Aufnahmeobjektive in dem Raum verrieten.

»27«, murmelte Jeremiah. »Das ist eine Menge.« Er verließ die Lounge und untersuchte in gleicher Art und Weise das Bad und das Schlafzimmer. Beide Bereiche schienen kamerafrei. Nur die üblichen Bewegungsmelder waren zu finden, die für Licht sorgten und, im Fall des Schlafraums, HAL signalisieren würden, dass der Bewohner wach war. Im Schlafzimmer fand Jeremiah einen Durchgang zu einem begehbaren Kleiderschrank. Neben seinem Koffer, den man irgendwie an ihm vorbeigeschmuggelt und dort deponiert hatte, gab es eine ganze Auswahl an Abend- und Freizeitkleidung, dazu Schuhe und in den Schubladen entdeckte er noch mehr. Sein Koffer war weiterhin originalversiegelt, was Jeremiah mit Genugtuung zur Kenntnis nahm. Nach einer kurzen Überprüfung der von seinem Gastgeber zur Verfügung gestellten Kleidung wusste er, dass man sowohl seine Größe als auch seine Vorlieben, was Farben und Schnittmuster anging, kannte. Nichts blieb geheim, keine Informationen, die man vor dem Netz verbergen konnte. Es sei denn, man hieß Nicolas Ragg und nutzte Geld, Daten und Ressourcen, um das Netz von der eigenen Anwesenheit zu säubern.

Jeremiah kehrte zurück in den Hauptraum, versandte eine Testdatei an die Haussysteme, darin verborgen ein sehr gut versteckter Trojaner, der ihm eine Backdoor einbauen sollte. Doch die Annahme wurde wegen Sicherheitsbedenken verweigert.

»Mist!« Er setzte sich auf das Sofa und startete eine Netzsuche nach Delphine Dessert. Allerdings mit wenig Erfolg. Die junge Frau schien so etwas wie ein Netzgeist zu sein. Keine Social-Media-Kanäle, keine nachweisbare Nutzung von sozialen Netzwerken oder Messengerdiensten. Auch die Suche in der Mitarbeiterdatenbank von Ragg Time Enterprises, dem Mutterkonzern sämtlicher Ragg-Beteiligungen, ergab keinen Treffer.

Jeremiah lächelte. Ein Geheimnis. So etwas passte zu seiner Aufgabe, für die er einen exorbitanten Geldbetrag erhalten hatte.

Wie wahrscheinlich war es gewesen, dass sie ihm ganz zufällig bereits auf der Anreise über den Weg laufen würde, vor allem, wenn man bedachte, dass ihn erst das Unwetter zu einem Umweg gezwungen hatte.

»Oder ist das nur ein Teil eines ausgefuchsten Plans?«, murmelte Jeremiah und schalt sich dann selbst innerlich für diesen Gedanken. Nur nicht paranoid werden.

Er suchte konzentriert nach Daten zu der Armilla. Aber eine kurze Recherche ergab keine verwertbaren, belastbaren Informationen. Es gab wohl nur einen Prototyp und tausende Nerds, die sich davon den nächsten Quantensprung in der technischen Entwicklung erwarteten und dementsprechend losfabulierten, was die Features der Armilla anging.

Jeremiah beendete die Netzarbeit frustriert. Die Opti-Lenses schalteten auf neutral um. Sofort hellte sich der Raum wieder auf, ein unmerklicher Vorgang, der den meisten Nutzern gar nicht auffiel.

Jeremiah stemmte sich vom Sitz hoch und ging ins Bad. Er entledigte sich seiner Kleidung und stellte sich in die geräumige Duschkabine. Aus der Decke prasselte es in der Einstellung einer Regenwalddusche herunter. Als schließlich die Ventilatoren flüsterleise einen Trocknungssturm entfachten, war er endgültig begeistert.

Es war die beste Dusche seines Lebens gewesen.

Jeremiah wählte eine legere Abendgarderobe. Er wollte HAL nicht fragen, ob es eine Kleiderordnung fürs Dinner gab, und verließ sich darauf, dass die Hauseinheit ihn schon zurückhalten würde, wenn er gegen eine unausgesprochene Etikette verstoßen würde.

Auf dem Sideboard im Hauptraum blinkte eine winzige gelbe Leuchtdiode an der Armilla. Das Signal wiederholte sich, lockte Jeremiah an. Er trat näher und musterte das halbzentimeterbreite, metallisch schimmernde Armband, in dessen Mitte der übliche Minimonitor verbaut war. Im Gegensatz zu seiner eigenen Smartwatch wirkte das komplette Design futuristisch elegant.

Selbst die Halterung hatte etwas Unwirkliches, aus einem Sci-Fi-Film Stammendes.

Die Diode blinkte erneut.

Jeremiah wich zurück, gelangte zur Überzeugung, dass es sich um ein vergiftetes Geschenk handelte. Er spürte eine Präsenz, eine Bedrohung, als wolle ihm die Welt mitteilen, dass er besser ohne die Armilla dran wäre. Wie eine Welle überspülte ihn der Gedanke, dass, wenn das Ende der Welt sich räumlich und zeitlich auf einen Punkt fixieren lassen würde, die lockende Büchse der Pandora auf dem Sideboard und dieser 28. September 2081 im Sanktuarium des Nicolas Ragg exakt dieser Punkt sein könnten.

Er trat drei Schritte zurück und schrak zusammen, als HAL sich meldete.

»Das Dinner wird bald serviert, Mr. Schnitzer«, erklang die Stimme der Hauseinheit. »Allerdings hat sich eine Änderung der Örtlichkeit ergeben. Das Essen wird im kleinen Salon kredenzt.«

»Danke«, bestätigte Jeremiah, dessen Hals kratzte, so trocken war seine Kehle.

»Kann ich Ihnen mit der Armilla weiterhelfen?«, erkundigte sich HAL mit beflissenem, ja beinahe eifrig klingendem Tonfall.

»Kannst du mir die genauen Spezifikationen verraten?«

»Zu meinem Bedauern, nein. Aber Sie können ein Tutorial abrufen, sobald Sie die Armilla angelegt haben, Mr. Schnitzer.«

Jeremiah bildete sich ein, einen drängenden Unterton herauszuhören. »Später. Vielleicht. Oder morgen. Ich werde sehen.« Er breitete die Arme aus, registrierte die perfekte Passform des Anzugs. »Bin ich passend gekleidet?«

»Natürlich, Mr. Schnitzer. Ich markiere den Weg in den Salon für Sie.«

»Danke. Einen Moment noch.« Jeremiah atmete durch, aktivierte die Sprachaufzeichnung seiner Smartwatch. Eine grün blinkende Leuchtdiode bestätigte die Funktion. »Raven«, sagte er leise, »die Anreise hat sich leicht verzögert. Das E-Mobil musste einen Umweg machen. Aber inzwischen bin ich sicher angekommen. Das Sanktuarium ist hoch geschützt. Ragg besteht auf höchstmöglicher Privatsphäre. So ist mir nun klar, warum unsere Recherchen so wenig ergeben haben.« Jeremiah musste bei dem Gedanken an Ravens Stirnrunzeln lächeln. Sie mochte es nicht, wenn er seine Mitarbeiterin und Teilzeitgeliebte als niedlich oder süß bezeichnete. Sobald sie sich über ihr vermeintliches Versagen aufregte und die Stirn unter wellenförmigen Falten verschwand, konnte er nicht anders, als sie süß zu finden. Und er mochte es, wenn sie sich darüber ärgerte, wenn er es aussprach.

»Bei der Anreise stieg eine Delphine Dessert in mein Mobil«, ergänzte er seinen Bericht. »Könntest du bitte eine Tiefennetzsuche initiieren? Ich bräuchte Informationen. Sie muss irgendwie zu Ragg gehören. Ah, und noch eines …« Er schwieg kurz. »Ich vermisse dich. Aufzeichnung Ende. Datei verschlüsseln und an Raven Munin – RM 23 versenden«, beendete er die Sprachaufnahme und wartete kurz auf die Sendebestätigung. Dann wandte er sich um.

Die Ausgangstür umrahmten gelbe LEDs. Die Tür glitt zur Seite. Auf dem Boden wies ihm eine gleichfarbige Linie, die durch den runden Vorraum des Besuchertrakts schnurgerade zu einem Gang führte, den Weg.

»Bitte folgen Sie dem Wegweiser.«

»Zu Befehl, HAL.« Jeremiah trat aus seiner Suite und sah sich zu den anderen Zimmern um. Alle blieben verschlossen. »Sind hier noch weitere Gäste untergebracht, HAL?«

»Nein, Mr. Schnitzer. Dieser Bereich des Sanktuariums ist den Besuchern vorbehalten, die nicht dauerhaft hier wohnen. Die übrigen derzeit Anwesenden verfügen über private Areale innerhalb des Anwesens.«

»Oh, nun gut.« Jeremiah orientierte sich an der gelben Linie im Boden, deren Leuchtkraft nach dem Passieren langsam herunterdimmte, bis die Markierung gar nicht mehr zu sehen war.

Der Korridor, durch den ihn HAL führte, war relativ eng und niedrig angelegt. Er wirkte auf Jeremiah wie ein Verbindungsgang einer Raumstation. Schmucklos, nur ein Tunnel, um von A nach B zu kommen.

Nachdem er zweimal an Kreuzungen rechts abgebogen war, erreichte er einen deutlich geräumigeren Flurbereich, der in einer engen Linkskurve verlief. An der äußeren Wand hingen in regelmäßigen Abständen Ölgemälde hinter einer Schutzglasfront.

Ein van Gogh fiel Jeremiah besonders auf, weil er das Kunstwerk kannte. Auch einige weitere Klassiker waren darunter, die Jeremiah nicht zuordnen konnte, obwohl sie ihm vertraut vorkamen.

Er wollte schon seine Linse aktivieren, um Künstler und Titel zu erfragen, widerstand dann jedoch dem Impuls und schalt sich selbst einen Narren. Dafür war er nicht angereist, bis ans Ende der Welt, um sich Gemälde anzusehen. Er hatte einen Auftrag.

Die Linkskurve endete mit einem 90-Grad-Knick nach rechts.

Jeremiah bog ab und prallte beinahe in einen Mann, der den Kopf gesenkt hielt und mit hängenden Schultern mit dem Rücken an der Wand des nächsten Gangs lehnte.

»Hoh!«, entwich ein Schreckensruf Jeremiahs Kehle. »Verzeihung.«

Erst da bemerkte er die blicklosen Augen, die nur mechanisch blinzelten.

Jeremiah baute sich dicht vor dem Mann auf und musterte Körperhaltung und Gesicht ganz genau. »Ein Plug-in, siehe da«, murmelte er. »Guten Abend.«

Der Kopf bewegte sich ruckartig, der gesamte Oberkörper streckte sich, bis der Puppet aufrecht stand. »Guten Abend.«

Es war offensichtlich, dass der Besitzer des Plug-ins die Fäden gekappt hatte. Der künstliche Körper arbeitete im Automatikmodus.

»Dein Name?«

»Elias Troublemaker.«

»Troublemaker, Troublemaker«, wiederholte Jeremiah nachdenklich. Der Name ließ ein leises Glöckchen klingeln, doch ohne ins Netz zu gehen, würde er nicht herausfinden, wer der Besitzer war. »Warum wurdest du hier abgestellt?«

Die Schultern des Plug-ins zuckten. Eine unnatürliche, mechanische Bewegung. Obwohl die Puppets rein äußerlich nicht von Menschen zu unterscheiden waren, wirkten sie im Automatikmodus, also wenn sie nicht von ihrem Besitzer gesteuert wurden, eher wie ein Roboter oder Android aus einem antiken Film. So wie man sich künstliche Menschen vorgestellt hatte.

Erst mit voller Konnektion sprach der Plug-in und bewegte sich nach dem Willen seines Besitzers.

Die meisten verwendeten exakte Kopien eines jüngeren Ichs als Vorbild für die künstlichen Körper.

Das Gesicht von Elias Troublemakers Plug-in erinnerte Jeremiah vage an einen Gamer aus der Profiliga. Aber das konnte auch täuschen.

»Danke, Elias«, sagte Jeremiah. »Ich muss jetzt weiter.«

»Soll ich Sie begleiten?«, erkundigte sich die Automatiksteuerung des Plug-ins.

Jeremiah wusste um die zahlreichen Berichte von verwirrten Plug-in-Nutzern, deren Puppets während solcher inaktiven Phasen an einen anderen Ort versetzt worden waren. Es ähnelte wohl einem leichten Schwindel, einer Desorientierung, die sogar Übelkeit erzeugen konnte, sobald die Verbindung wiederhergestellt worden war.

Das wollte er dem echten Troublemaker nicht antun. »Nein. Bleib nur.«

Er wartete die Antwort nicht ab, sondern eilte der gelben Führungslinie nach. Wie von unsichtbarer Hand geleitet, reihte Jeremiah Schritt an Schritt, verlor für einen Moment das Gefühl für die verstrichene Zeit. Er betrat eine ganze Flucht von größeren Räumen, an deren Seiten jeweils mehrere Türen zu sehen waren, alle geschlossen, die Verheißung weiterer Geheimnisse.

Im vierten oder fünften Raum bildete eine Videoinstallation die Decke. Eine dreidimensionale Darstellung der aktuellen Sternenkonstellationen, vermutete Jeremiah, der seinen Blick kaum abzuwenden vermochte.

Am Durchgang zum nächsten Bereich lehnte eine junge Frau mit knielangen glatten schwarzen Haaren und asiatischem Gesicht an der Wand. Sie trug ein körperenges Kleid in Lila, das bei jeder Bewegung den Eindruck vermittelte, es fließe Wasser an ihr herab. Sie lächelte Jeremiah an, da erkannte er sie.

»Madame Nozomi?«, fragte er leise und deutete eine Verbeugung an.

»Oh, ein Fan?«, erkundigte sie sich.

»Eher nicht. Verzeihen Sie meine Offenheit«, bekannte Jeremiah. »Ich halte Sie allerdings für eine der letzten Hoffnungen der Marsianer.«

»Oh, vielen Dank«, antwortete Ivy North und sah ihn dabei mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an. Ihre Stimme war in der Realität noch angenehmer und auf eine gewisse Art und Weise auch erotisch, wie Jeremiah fand. North gehörte zum Team, das sich um das Seelenheil der auf dem Mars lebenden Siedler kümmerte. Als weltweit berühmtester Online-Life-Coach war ihr Bild beinahe jedem Menschen der westlichen Welt bekannt, der nicht gänzlich auf jegliche Mediennutzung verzichtete. Ihre Social-Media-Kanäle zählten Millionen von Abonnenten. Eine Einzelsitzung bei Madame Nozomi, wie sie sich nannte, zu buchen war mittlerweile nahezu unmöglich. Die Warteliste für freie Plätze war extrem lang. Bis zu acht Jahre konnte es dauern.

Jeremiah war überrascht, sie auf dem Anwesen Raggs anzutreffen. Natürlich hielt North ihren Aufenthaltsort geheim, doch alle Vermutungen und Recherchen von Netzreportern deuteten auf ein Farmensemble in der Nähe von Southerndown in Wales hin.

»Darf ich fragen, was Sie hier tun?«, erkundigte sich Jeremiah.

»Nici gewährt mir eine sichere Zuflucht, Mr. Schnitzer.«

Jeremiah registrierte, dass sie ihn beim Namen nannte. Entweder gehörte sie zu den gut informierten Menschen, die er mit seiner Botschaft erreichte, oder Ragg hatte ihr verraten, wer kam. Vielleicht hatte sie es auch über die erweiterte Realität ihrer Augenlinse erfahren. Jeremiah sah das blitzende Metall der Armilla an ihrem rechten Handgelenk. Sie schien keine Bedenken zu haben, was deren Gebrauch anging.

»Kommen Sie, Mr. Schnitzer. Ich habe Hunger und nur wenig Zeit. Meine Schicht beginnt in rund zwei Stunden.« Sie löste sich von der Wand. Jeremiah starrte das Kleid an. In dem Stoff waren wohl Videofilamente vernäht, die Ivy North nach Belieben steuern konnte. Sie änderte den Effekt von fließendem Wasser in violett schimmerndes Nordlicht. Beeindruckend, dachte er und folgte ihr.

Sie durchquerten den nächsten Raum. Ein Urwald mit Palmen und einem künstlichen Wasserfall befand sich im hinteren linken Bereich. Warme, feuchte Luft schlug Jeremiah entgegen, die stark nach Moder roch. Zur rechten Seite des markierten Wegs sah er einen Schreibtisch und einen Mann mit schütterem blondem Haar und einem ungewöhnlich dicken Bauch, der an eine Schwangere kurz vor der Geburt erinnerte. Dabei wirkte der Mann äußerst agil. Er tanzte mit gelenken Bewegungen um den Schreibtisch herum, auf dem ein Notebook aufgeschlagen stand. Der Tanz hätte einer Dokumentation über Ureinwohner tropischer Inseln entstammen können. Vollkommen in sich versunken ignorierte der Mann den Gruß von North, die allerdings nicht beleidigt aussah und einfach weiterging.

»Wer war das?«, fragte Jeremiah, als sie im nächsten, nun wieder vollklimatisierten Bereich ankamen. North hielt auf eine gewendelte Treppe zu, stoppte augenblicklich, als sie die Frage vernahm, und wandte sich zu Jeremiah um. »Sagt Ihnen der Name Obane Thamine etwas?«

»Der Schriftsteller?«

»Kein Schriftsteller. Der letzte Dramatiker, der noch Stücke für ein klassisches Real-Life-Theater schreibt, Mr. Schnitzer. Nicht mehr und nicht weniger. Er gehört zu einer aussterbenden Spezies und ohne die Unterstützung seines Freundes und Sponsors Nicolas Ragg wäre er längst verhungert. Vier Jahre benötigte er für sein letztes Drama. Aber es war gut, nein, eigentlich phantastisch. Ich saß in der ersten Reihe und fühlte mich in jeder Sekunde privilegiert.«

»Ich verspreche, meine Wissenslücke zu schließen«, sagte Jeremiah und ertrug die nächsten Blicke Norths, die er schwer einordnen konnte, bevor sie sich abwandte und wieder auf die Treppe zuging. »Der kleine Salon ist oben. Mit Rundumblick und bequemen Sitzgelegenheiten«, erklärte sie.

Jeremiah vermutete, dass es in dem gesamten Sanktuarium keine unbequemen Sitze geben würde, schwieg jedoch dazu. Ein Life-Coach, der Smalltalk betrieb? Ivy North überraschte ihn.

Eine gläserne Kuppel erwartete Jeremiah im oberen Bereich, der wie ein Ei geformt war. Zentral beherrschte den Raum ein ovaler Sockel, auf dem eine Platte installiert war. An der Tafel hätten gut und gerne ein Dutzend Gäste speisen können, doch Jeremiah sah lediglich drei Gedecke. Zwei auf der ihm zugewandten Seite und gegenüber …

»Namaste!«, schmetterte ein wahrer Hüne von einem Kerl ihnen entgegen. Er trug ein grobstoffiges schneeweißes Hemd, dessen Ausschnitt bis zum halben Bauch reichen musste. So konnte man seinen dunklen und grau melierten Brustpelz sehen. Der passte auch zu den langen, teils recht schütteren, lockigen grau-schwarzen Haaren, die sein Gesicht umrahmten. Seine Haut war leicht gebräunt und dennoch sah man ihr sein Alter an. Viele Fältchen rund um die Augen und den Mund verliehen ihm ein freundliches, sogar einnehmendes Aussehen.

Jeremiah kam in den Sinn, dass der Unbekannte sicherlich mehr als zwei Meter groß wäre, wenn seine Beine, von der Tischplatte verdeckt, nur annähernd den Proportionen des Oberkörpers entsprächen.

»Setzt euch doch! Die heiligen Speisen warten nur auf euch.«

Jeremiah versuchte Blickkontakt mit North herzustellen. Allerdings schien ihr das irritierende affektierte Verhalten des anderen Gastes nicht sonderlich beachtenswert. Sie setzte sich an einen der beiden freien Plätze, grüßte nicht und mied jeden Augenkontakt mit Jeremiah.

So blieb ihm nur übrig, sich ebenfalls zu setzen. »Wer sind Sie?«, fragte er über den Tisch hinweg. Der Hüne saß rund drei Meter entfernt, runzelte die Stirn, bevor wieder das seltsam entrückte Lächeln auf seinem Gesicht erschien. »Jobert Rickter, Mr. Schnitzer. Namaste. Wie ich bemerke, trägst du keine Armilla. Warum nicht? Sie ist ein wahres Gottesgeschenk.«

»Darüber kann man sicherlich streiten, Mr. Rickter.«

»Nenn mich Joseph. Bitte«, entgegnete Rickter und deutete eine Verbeugung an.

»Jeremiah oder Jerry, ganz wie du willst.«

Der Hüne wiederholte die leichte Verbeugung. »Die Armilla ist ein Wunderwerk, hilft in allen Lebenslagen, Jerry«, startete Rickter seinen Monolog. »Die Prägung gehört zum Aufregendsten, was mir je widerfahren ist. Mehr noch als meine vier Eheschließungen. Es ist, als würdest du eins werden. Mit dir, deinem Körper, deinen Gedanken und dem ganzen Universum. Ich liebe sie. Und Raggi dafür, dass er sie in Auftrag gegeben hat. Aber schließlich lieben wir alle unseren Gastgeber und Wohltäter, nicht wahr? Warum bist du hier, Jerry?«

Kurzzeitig von der physischen Präsenz des Hünen abgelenkt, erwachte Jeremiah wie aus einem Tagtraum. Er überlegte und kam zum Entschluss, dass es keinen Grund gab, seinen Auftrag zu verheimlichen.

»Mr. Ragg hat mich engagiert«, bekannte er also.

»Engagiert? Kein Gast?«, mischte sich North ein, deren Stimme plötzlich nervös klang.

Jeremiah sah sie an. »Ist das so außergewöhnlich?«

»Oh. Ja, schon, in der Tat«, erwiderte sie. »Wir sind eine kleine Gemeinschaft von ganz unterschiedlichen Talenten und alle auf Einladung von Nici hier.«

»Von wie vielen Gästen sprechen wir?«, erkundigte sich Jeremiah.

»Das weiß ich nicht, Mr. Schnitzer.« North wirkte empört. »Niemand weiß es. Wir sind hier privat. Sie wissen, was privat bedeutet?«

»Nur ruhig, Ivy«, mischte sich Rickter ein. »Essen wir doch. Jerry wird Hunger haben. Ich höre seinen Magen bis zu mir herüber knurren. Er wird uns sicher auch verraten, was sein Auftrag ist.«

Jeremiah wollte sofort antworten, wurde aber von einem quadratischen Kastenwagen abgelenkt, der neben ihm hielt. Auf der obersten Ablage standen eine kleine Schale mit dampfender Suppe und zwei Teller, die jeweils mit einem glockenförmigen Deckel abgedeckt waren.

Andere Gefährte stoppten neben North und Rickter, die beide zugriffen.

Jeremiah schnüffelte an der Suppe. Lauchcreme, vermutete er. Nicht gerade seine bevorzugte Vorspeise, doch als er löffelte und probierte, fand er sie ganz lecker. Ein unbekannter Beigeschmack, ein Gewürz oder ein Geschmacksverstärker war darin verarbeitet worden. Nicht unangenehm, aber deutlich bemerkbar.

Er sah nach oben zur gläsernen Kuppel, glaubte Sterne erkennen zu können. Als ein Wetterleuchten die dichte Wolkenfront erhellte, wurde ihm klar, dass es nur Lichtreflexe waren, die sich in den Tropfen fingen, die der Sturm über die Oberfläche trieb.

Er leerte die Suppe bis auf den letzten Rest, stellte die Schale zurück auf den Servierwagen und lugte unter die beiden Abdeckungen. Es gab Fisch in Weißweinsoße mit Gnocchi und ein Stück Braten mit kräftiger Soße und Klößen.

North und Rickter hatten jeweils nur einen Teller auf den Wagen stehen und griffen zu.

Jeremiah entschied sich für das Fleisch, das von sehr angenehmer Konsistenz war und beim Kauen im Mund förmlich zerfloss.

»Wenn du die Armilla tragen würdest, wüsste HAL sofort, was du bevorzugst, und würde nur das servieren, Jerry«, meinte Rickter, der Risotto löffelte.

»Er hat meinen Geschmack ziemlich gut getroffen«, widersprach Jeremiah.

»Auswertungen deiner Bestellungen im öffentlichen Raum, deiner Social-Media-Kanäle und deiner Einkaufslisten, Jerry.« Rickter grinste.

»Schöne neue Welt, wenn dein Gastgeber weiß, was du essen wirst. Fehlt aber ein wenig die Überraschung, nicht wahr?«, meckerte Jeremiah.

North, die ebenfalls Fleisch auf dem Teller vor sich hatte, allerdings ein deutlich kleineres Stück, legte das Besteck beiseite. »Sie wissen schon, dass wir hier im Sanktuarium absolut autark leben?« Sie wirkte aufgebracht, gar nicht so souverän wie noch zu Beginn der Bekanntschaft. »Es ist wichtig, mit den Ressourcen sorgfältig umzugehen. Alles wird recycelt, Mr. Schnitzer, nichts umsonst produziert.«

Jeremiah deutete auf sein Fleisch. »Breedmeat?«

»Ja, natürlich, Mr. Schnitzer«, entgegnete sie vorwurfsvoll. »Das Sanktuarium verfügt über eine eigene Zuchtfarm für Breedmeat und Fischerzeugnisse. Laborfleisch vom Feinsten, ohne dass ein Lebewesen dafür sterben muss.«

»Ehre das Leben!«, rief Rickter dazwischen.

»Eine Laborfarm für Multigetreide und eine Wasseraufbereitung gehören ebenfalls dazu«, sagte North und ignorierte Rickters Zwischenruf.

»Nun gut«, versuchte sich Jeremiah an einer Beschwichtigung. »Man hätte mich fragen können, was ich zum Abendessen wünsche. Hätte denselben Effekt.«

»Nicis Haus, Nicis Regeln. Nehmen Sie eine Armilla und HAL erledigt den Rest. Ist nicht nur eine Frage des ökologischen Verhaltens, sondern auch eine des Respekts vor unserem Gönner und Gastgeber.«

Jeremiah beendete die Mahlzeit. »Warum sind Sie wütend?«, fragte er North. »Weil ich kein Gast bin wie jeder andere hier? Oder weil Ihnen Mr. Ragg nicht verraten hat, warum ich eingeladen wurde? Was mein Job ist?«

Sie hatte sich gut im Griff. Nach einem angedeuteten Aufflackern des Zorns atmete sie beinahe normal weiter. Sie gab sich zumindest den Anschein und lächelte ihn an. »Was ist Ihr Job?«

»Ich bin hier, um eine Künstliche Intelligenz auffliegen zu lassen, die sich, wahrscheinlich unerkannt von allen übrigen Gästen, im Sanktuarium aufhält. Sie nutzt einen Plug-in, so wie viele von Ihnen auch. Nur dass sie kein echter Mensch ist.«

»Lächerlich«, entfuhr es der Online-Life-Coachess. Sie wandte sich ab.

Jeremiah spürte ein Zittern unter den Füßen, als würde der Boden wackeln. Er musterte seine Hände, für die er unvermittelt wieder jegliches Gefühl verloren hatte. Doch bevor er sich noch Gedanken machen konnte, war es vorbei. Er sah auf.

Rickter bewegte sich von seinem Sitzplatz weg. Es wirkte wie ein Gleiten, und als er um den Tisch herum war, erkannte Jeremiah auch, was diese Fortbewegung ermöglichte. Joseph Robert Rickter, der Hüne, war nur ein halber Mann. Ihm fehlte die komplette untere Körperhälfte, etwa ab dem Bauchnabel. Er steckte in einem modernen Rollstuhl, den er ohne erkennbaren Joystick steuerte.

Jeremiah vermutete, dass die Kontrolle via Armilla erfolgte.

Rickter stoppte seinen rollenden Unterleib dicht neben Jeremiah. »Ich, mein Lieber, bin es nicht. Alles an mir, wenigstens von der Hälfte an aufwärts, ist zutiefst menschlich.«

Jeremiah musterte ihn emotionslos. »Das würde eine KI, die sich vor mir und allen anderen verbirgt, genauso behaupten, Joseph. Ich bin hier, um einen Turing-Test unter realen Bedingungen durchzuführen.«

»Was ist mit HAL?«, erkundigte sich Rickter.

»Die Hausanlagenlenkung verschleiert nicht, was sie ist«, entgegnete Jeremiah. »Meine Aufgabe ist es, eine echte KI zu enttarnen. Eine, die sich unter die Menschen mischen kann, ohne dass sie auffällt, die sich also verstecken könnte. Eine Gefahr. Für mich, für uns, für alle. Denn die Rechenkapazität einer echten KI übertrifft unsere Möglichkeiten bei Weitem.«

»Wäre das so schlimm?«

»Wenn sie friedlich bleibt, sich nicht bedroht fühlt und keine Nachkommen produziert, nicht. Aber wollen wir das Risiko eingehen?«

North erhob sich, stellte sich neben den Rollstuhl. »Da ist er! Der wahre Jeremiah H. Schnitzer. Ein Prediger der Vernunft. Der letzte Mensch auf Erden, der uns vor allem Übel bewahren möchte! Wollen Sie uns als Anhänger Ihres obskuren Verschwörungskults gewinnen? Wenn ja, dann sind Sie bei mir an die Falsche geraten.«

Jeremiah hob wie zur Entschuldigung die Hände. »Ich bin nicht hier, um jemanden zu überzeugen. Nicolas Ragg lud mich ein. Ich soll herausfinden, wer von den Anwesenden eine KI ist. Ich habe drei Tage, vielleicht mehr, wenn nötig. Und ich beabsichtige, erfolgreich zu sein.«

»Ich wünsche dir viel Glück, Jerry.« Rickter nickte ihm zu. »Aber niemand von uns weiß, wie viele wir hier im Sanktuarium sind. Ich lebe seit Monaten hier und noch letzte Woche begegnete mir jemand im Tropenwald, den ich bislang nicht getroffen hatte. Das ist auch eine der Fragen, die die Armilla nicht beantwortet. Raggi lebt Privacy. Es ist sein Geschenk an jeden von uns hier. Somit wird nur öffentlich, was öffentlich werden soll.«

»Bist du dir da sicher, Joseph?«, hakte Jeremiah nach. Als der Hüne die Augenbrauen hob, setzte er zu einer Erklärung an. »HAL kennt jeden Armillaträger und alle, die keine tragen. Und mit ihm auch unser Gastgeber, oder nicht? Was ist da die sogenannte Privacy noch wert? Es gibt keinen Unterschied zwischen dem großen Bruder hier drinnen und dem dort draußen. Niemand entgeht dem Radar der allgemeinen Datensammelwut, niemand, der nicht in den Schatten leben möchte, ohne Zugang zu Bildung, Nahrung, Wohlstand und Sicherheit. In diesem Sanktuarium mag der Diktator weniger gefährlich erscheinen. Ihr sonnt euch im Glanz seiner vorgeblichen oder tatsächlichen Philanthropie. Doch er bleibt der Herr über eure Daten.«

Jeremiah musterte das nun nachdenklich wirkende Gesicht Rickters. Er fühlte sich leicht euphorisch, wie jedes Mal, wenn er zu dozieren begann. Das war der wahre Grund für seine Social-Media-Aktivitäten. Er liebte es, Menschen zum Denken zu zwingen, liebte sich selbst in jenen Momenten, in denen es ihm augenscheinlich gelang.

Schnelle Schritte erklangen, die alle drei Anwesenden dazu brachten, den Kopf zu wenden. Eine schlanke Gestalt hetzte die Treppe hoch in den Kuppelsaal. Es war Delphine Dessert, die zu ihnen hinaufeilte. Am Treppenabsatz blieb sie stehen, sah die drei Gäste an. »Noch jemand Interesse an einer Suchaktion?«, rief sie ihnen zu. »Simon ist draußen und hat – mal wieder – seine Armilla abgestreift. Jeder, der möchte, kann an der Suche teilnehmen.«

»Warum schickt ihr keine Drohnen?«, fragte Jeremiah.

Delphine Dessert betrachtete ihn beiläufig. »Man mag es hier nicht merken, doch draußen sinkt die verdammte Windgeschwindigkeit nicht unter 110 Stundenkilometer. Es ist ein massiver Herbststurm. Flugdrohneneinsatz unmöglich. Und die fahrbaren bodennahen Drohnen sind bereits unterwegs. Allerdings ist das Grundstück groß, Jerry. Ich frage auch nur, wer möchte. Ist absolut freiwillig.«

North nickte. »Ich kehre in meinen Bereich zurück.« Sie ging.

Rickter presste die Handflächen vor seiner Brust zu einer betenden Bewegung. »So leid es mir tut, ich muss pausieren. Raggi war da eindeutig.«

»Ich suche mit.« Jeremiah erhob sich. »Wohin muss ich?«

»Nein, du nicht, Jerry.« Delphine schüttelte energisch den Kopf. »Ich kann und ich werde«, widersprach Jeremiah und rannte ihr nach, als sie die Treppe hinuntereilte.

Massive metallene Tore, deren Gewicht von einer Gefahr kündete, die Jeremiah nicht einordnen konnte, öffneten sich mit einem Donnergrollen. Sofort packte ihn der Sturm, der in der Nacht tobte, mit aller Macht, presste und zerrte an ihm. Sand, Tropfen, Blattwerk und Dreck fegten durch die breiter werdende Öffnung herein. Wie bei einer Orgel, die ein gewissenloser Spieler malträtierte, änderte sich die Tonhöhe des pfeifenden Windes. Jeremiah prüfte den Sitz der Schutzmaske, die das komplette Gesicht verdeckte. Um ihn herum standen zwölf Gestalten unterschiedlicher Größe und Statur, darunter auch die grazile Delphine, die das Signal zum Aufbruch gab.

Außer ihm steuerten alle ihre Plug-ins von sicherer Stelle aus in ihren jeweiligen Privaträumen. Die Verbindung funktionierte offensichtlich dank der Armillas ohne Verzögerung.

Delphine hatte letztlich nachgegeben. Sie, beziehungsweise ihr Puppet, deutete auf einen kleinen Ball zu Jeremiahs Füßen. »Der Rollerboy bleibt bei dir und verstärkt die Signale deines Armbands, damit HAL jederzeit weiß, wo du bist. Dein Suchgebiet ist markiert. Nicht verlassen! Falls du Simon findest, lös Evakuierungsalarm aus. HAL schickt dann einen Androidentrupp. Und die Zeit im Freien beschränkst du bitte auf eine Stunde. Eine Warnung wird automatisch eingestellt. Halt dich dran, bitte. Es ist gefährlich.«

»Wegen des Windes?«, fragte Jeremiah nach, der seine eigenen Worte hörte, als wäre er in einem schalldichten Raum eingesperrt.

Delphines Stimme klang unverändert über die eingebauten Lautsprecher. »Unterschätz nicht die Kraft der Natur. Für einen Stadtmenschen wie dich, der bei Regen und Sturm einfach zu Hause bleibt, stellt so ein Unwetter eine Lebensbedrohung dar. Scheu dich nicht, um Hilfe zu bitten, wenn du in Not gerätst.«

»So schlimm wird es schon nicht werden, Delphine. Ich bin Schlimmeres gewohnt.«

Die Eins-zu-eins-Kopie Delphines zeigte ein zweifelndes Gesicht, das man selbst unter der Schutzmaske erkennen konnte. Dann gab sie das Zeichen zum Aufbruch.

Jeremiahs Begleiter stapften hinaus in die Dunkelheit, aktivierten die Scheinwerfer der Masken. Eng konturierte Lichtkegel erhellten partiell die Nacht.

Jeremiah tat es ihnen nach und verließ den Schutz des Hangars. Er strauchelte sofort, als eine Böe ihn von der Seite erwischte.

Tiefer geduckt arbeitete er sich bis zu dem kleinen markierten Fußweg vor, dem er bis zu seinem Sektor folgen sollte. Die Anweisungen des Navis in der Augmented Reality führten ihn sicher durch das Gelände. Der schmale Pfad verlief zwischen bodendeckenden Büschen, die der Macht des Windes trotzten. Er selbst musste mehrfach um sein Gleichgewicht kämpfen. Zum Glück blieb es nahezu trocken. Nur vereinzelt schleuderte es Tropfen aus den bedrohlich wirkenden Wolken, die sich wie leichte Peitschenhiebe anfühlten, wenn sie auf seinen Arm oder den Rücken klatschten.

Endlich erreichte er sein Suchareal, rund hundert mal dreihundert Meter in Richtung der Mauern, die das Sanktuarium umschlossen. Die Landschaft war hier deutlich urwüchsiger. Der Weg führte Jeremiah in tiefe Dünentäler, in denen er kaum etwas von dem Sturm mitbekam, außer dass es infernalisch über ihm heulte. Doch immer wieder musste er Kämme erklimmen, an deren Spitze der Wind mit ihm spielte. Mal hielt er ihn auf, mal schubste ihn eine Böe voran, sodass er zu Boden stürzte.

Bei all der Anstrengung, Jeremiah atmete inzwischen recht schwer, vergaß er beinahe, was seine Aufgabe war.

Der kleine Rollerboy, zehn Zentimeter hoch, folgte ihm auf Schritt und Tritt und übertrug die regelmäßigen Mir-geht-es-gut-Signale an HAL. Jeremiahs Armband war nutzlos, die Verbindung zum Haus längst abgebrochen.

Jeremiah kauerte sich für einen Moment an einen Dünenberg, schnappte nach Luft, um sich zu erholen. Die Infos, die ihm Delphine zu dem Objekt der Suche gegeben hatte, kamen ihm in den Sinn.

Der verschwundene Simon Vansang galt in der Prepper-Szene als eine Art Kultfigur. Klein und muskulös, als ehemaliger Einzelkämpfer des belgischen Geheimdienstes und Ausbilder der Spezialeinheiten der französischen Fremdenlegion hatte er sich vor sieben Jahren aus dem aktiven Dienst zurückgezogen und sein privates »Reich« gegründet. Exterritorial und abgelegen lebte er mit seinen Hunden auf den Resten einer an Land geschwemmten Ölplattform und bereitete sich auf den Weltuntergang vor. Seine Anhänger liebten – neben den üblichen Anleitungen zur Selbstversorgung und Lagerhaltung – die schrägen Videos, die Vansang ins Netz stellte, Schnipsel aus antiken Filmen, in die er seinen eigenen Körper projizierte, sodass es aussah, als würde er gegen längst verstorbene Menschen kämpfen.

Vansang war ein Typ unter lauter Individualisten und Spinnern, was viel heißen mochte. Und Jeremiah fragte sich, was ihn veranlasst hatte, hierherzureisen. Vielleicht war er ein Spezialist, den Ragg eingeladen hatte, um sein Sanktuarium für alle Eventualitäten zu rüsten.

Jeremiah spürte die Erschöpfung mit aller Macht zupacken. Delphines Worte bekamen jetzt eine neue Bedeutung. Für diese Art der Anstrengung war er nicht geeignet. Seine Beine wurden müder vom ewigen Auf- und Abstieg durch das hügelige Gelände. Der nachgebende Sand machte es noch ermüdender.

Im Licht der Schutzmaskenlampe fegten nun auch mehr Regentropfen an ihm vorbei. Er kletterte auf eine Dünenspitze, der ungleichmäßige Wind schüttelte ihn durch. Langsam leuchtete er die Umgebung ab, drehte den Kopf und damit die Lichtquelle im Uhrzeigersinn. Kein Mensch war zu sehen.

Etwas Hartes traf ihn seitlich an der Schläfe. Er zuckte zusammen und stapfte aufgeschreckt den Hang hinunter, wo sofort die Windwirkung nachließ. Hier reihten sich einige sanftere Dünenerhebungen aneinander, umringt von höheren, mit Dünengras bedeckten Sandbergen. In der relativen Windstille vollführte er einen weiteren Sichtschwenk.

Ein schwarzer Schatten in der Peripherie verschwand hinter einem Busch. Jeremiahs Herz schlug schneller. Er spähte intensiv in die Richtung, doch außer dem Schwanken der Büsche bewegte sich dort nichts. »Rollerboy«, sendete er per Funk an die Miniatur-Begleitdrohne, »rechts voraus. Ich markiere den Ort mit meiner Leuchte. Schau dich um!«

In seiner Linse las er Rollerboys Bestätigung. Die kleine Kugel rollte vor, die grüne Leuchtdiode auf der Oberseite signalisierte Bereitschaft. Mit angehaltenem Atem verfolgte Jeremiah den Weg der Drohne, bis sie in höherem Gras verschwand.

Schritt für Schritt schlich Jeremiah hinterher. Wenn es Vansang war, dann hatte er es mit einem militärisch ausgebildeten Kämpfer zu tun. Und er war sich nicht sicher, ob der Prepper friedlich gestimmt war.

Rollerboys Textnachrichten brachen ab. Jeremiah stoppte, sendete eine Anfrage. Keine Antwort.

Regen prasselte auf ihn herab. Kleinere Hagelkörner mischten sich dazwischen.

Er duckte sich tief, leuchtete aufmerksam den umgebenden Bereich neben dem Busch ab. Ein Schatten! Weit rechts! Jeremiah versuchte ihn in den Lichtstrahl zu bekommen, aber da war schon nichts mehr.

Im Augenwinkel sah er eine schnelle Bewegung. Jeremiah hetzte den nächsten Hügel hinauf. Sein Herz schlug bis zum Hals. Er glitt aus, krachte mit dem Gesicht voran in den sandigen Boden. Er wälzte sich auf den Rücken, da wurde ihm bewusst, dass der Lichtstrahl, den er in den Himmel sandte, wie ein Leuchtturmsignal fungierte. Ohne weiter darüber nachzudenken, deckte er den Strahler mit der Hand zu. Dunkelheit umgab ihn. Er rappelte sich auf, hockte sich hin und starrte angestrengt dorthin, wo seine sinnlose Flucht begonnen hatte. In der Finsternis war absolut nichts zu entdecken. Aus den nachtschwarzen Wolken entlud sich eine volle Wasserfront, die das Lotuseffektgefertigte Schutzglas der Maske überforderte. Er sah gar nichts, nur Schwärze.

Eine weitere Anfrage an Rollerboy blieb unerwidert. Jeremiah rief sich die Karte auf die Linse. Sein Weg vom Haus bis hierher war nach wie vor markiert.

»Das war eine verdammt blöde Idee. Ich hätte auf Delphine hören sollen«, murmelte er. Allmählich wurde wegen der ungewohnten Haltung sein Arm lahm. Jeremiah überlegte, einen weiten Bogen zu schlagen, um wieder auf seinen Weg zu gelangen und diesem dann bis zum Haus zu folgen. Auf keinen Fall durfte er sofort zurückgehen, wartete doch vielleicht ein Einzelkämpfer auf ihn, der nicht gefunden werden wollte.

Er fasste einen Entschluss, nahm die Hand herunter. Im Lichtstrahl glotzten ihn zwei Augen an.

Er schrie, wich zurück, stolperte. Etwas griff nach seinem Bein und zerrte daran. Das Gleichgewicht verließ ihn endgültig. Er fiel ins Leere. Ein sanfter Aufprall im Rücken. Gepolstert, beinahe weich. Allerdings war der Sturz nicht vorbei. Sein eigener Schwung drehte ihn, im Licht leuchtete es grün auf, dann braun und grau und er landete hart. Es riss seinen Kopf in den Nacken. Ein Knacken ertönte. Das letzte Quäntchen Luft presste es ihm aus den Lungen. Er atmete ein, es schmerzte heftig im Hals und in der Brust.

Dann kam er zum Liegen, wälzte sich in Rücklage. Zwischen leisen Schmerzenslauten konnte er flach nach Luft schnappen. Den Schutzmaskenstrahler hatte es erwischt. Die Lampe war zerstört, zumindest leuchtete nichts mehr. Dies schürte zum einen seine Panik, sich in der Dunkelheit zu verirren, zum anderen schützte es ihn vor dem unbekannten Angreifer – Vansang? –, dessen Attacke er befürchtete.

Er tastete die Anzugtaschen ab. Wo war noch die verdammte Ersatztaschenlampe, die Delphine ihm zugesteckt hatte?

Endlich spürte er die Maglite Pro, fummelte sie aus der Reißverschlusstasche und suchte nach dem Schalter.

Die Schmerzen in der Brust ebbten ab. Er setzte sich auf, atmete durch.

Als hätte jemand einen Hebel umgelegt, endete der Regen. Die folgende Stille war nahezu ohrenbetäubend. Jeremiah hörte dem Rauschen und Pochen in seinen Ohren zu. Als er sich gefasst hatte, nahm er die Maglite hoch und schaltete sie an.

Er observierte die Umgebung, bis er plötzlich wieder in zwei Augen blickte.

Ein Tier. Ein Reh? Klein. Vielleicht einen Meter vom Boden bis zum Kopf. Es glotzte ihn an, als würde das Licht es hypnotisieren.

Jeremiah lachte sich innerlich selbst aus. Die Panik hatte jegliches Nachdenken ausgelöscht.

Das Wildtier erwachte aus seiner Erstarrung, sprang, wie von einer Feder angetrieben, aus dem Lichtkegel heraus und verschwand zwischen Büschen.

Jeremiah schaltete die Lampe ab, blieb sitzen und erholte sich von dem Schreck. Ihm war nicht klar, wie das Tier auf das Grundstück gelangt war. Züchtete Ragg etwa innerhalb der Mauern auch eine funktionierende Fauna?

Es wäre dem Sonderling zuzutrauen. Niemand wusste genau, was Ragg noch vorhatte.

In der Augmented-Ansicht tauchte plötzlich das Bereitschaftssignal des Rollerboys auf.

Jeremiah richtete sich auf und knipste wieder die Maglite an, um die rollende Drohne anzuvisieren. Der Strahl endete an einer grauen Wand dicht vor ihm.

Ihm blieb nicht einmal die Zeit, sich zu wundern. Da war ein Arm, an dessen Ende eine Faust, die ihn satt an der Schläfe traf.

Sein Kopf wurde herumgerissen. Er verlor die Lampe aus dem Griff. Ihm war schlagartig schlecht und er japste nach Luft.

Ein Tritt, heftig, mitten in den Magen, sandte Schmerzen bis hoch in sein Gehirn. Er sank nieder. Der nächste Hieb landete im Nacken. Dieser löschte gnädigerweise die Realität aus.

3

Farben. Wunderschöne Farben, die so gar nicht zu dem angekündigten Weltuntergang passen wollten, fluteten das Sichtfeld. Sie entsprangen der Schriftzeile der Newsfeeds, die im unteren Bereich der Linsenansicht ablief. Aus jedem Buchstaben Y, der im Schriftbild auftauchte, starteten Raketen, aus jedem I zuckte ein Blitz, aus jedem O wirbelte ein Tornado, und das alles in Pastell.

Der einsame Beobachter stand unbewegt und aufrecht, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Es hätte eine Statue sein können, hineingesetzt in eine von Menschen unberührte Landschaft. Denn was den Beobachter umgab, Pflanzen, Dünen und Büsche, schien ihn nicht zu interessieren.

Vögel kreischten in der Morgensonne, heischten Aufmerksamkeit, die der Beobachter ihnen nicht gönnte. Der Wind hatte nachgelassen, der Weltuntergang war um ein weiteres Mal verschoben worden, und die Nachrichten im Linsendisplay sowie die darauf entstehenden psychedelischen Farben blieben unbeachtet.

Tag 2

Es war einer dieser Momente, in denen sich Jeremiah danach sehnte, das Gefühl für seinen Körper zu verlieren. Doch wenn man die Störung benötigte, spürte man alles nur umso deutlicher. Die hämmernden Schmerzen an der linken Schläfe, ein ganzes Orchester voller kräftiger Männer, die mit Holzprügeln auf leere Ölfässer eintrommelten. Einen nicht minder heftigen Druckschmerz am linken Auge, sooft er auch blinzelte. Dazu ein unangenehmer Druck in der Magengegend.

Jemand versetzte ihm leichte Ohrfeigen.

Jeremiah hob abwehrend die Hände, versuchte seinen Gegner zu greifen und damit zu stoppen. Dann hörte er Sätze wie durch Watte hindurch. »Da bist du ja wieder. Kannst du dich aufsetzen?«

»Delphine?«, fragte er und verstand seine eigene Frage kaum. Es schmeckte metallisch auf der Zunge und seine Oberlippe war angeschwollen.

»Komm hoch, Jerry!« Es war Delphines Stimme.

»Wo bin ich?«, gelang es Jeremiah zu flüstern. Er spürte unterstützende Hände, die ihn in eine sitzende Haltung zerrten. Jemand hatte ihm die Maske abgenommen.

Zunächst sah er Doppelbilder, dann wurde es klarer um ihn herum. Delphine hockte bei ihm, wirkte besorgt oder genervt, so genau ließ sich das aus ihrer Mimik nicht ablesen. »Wo bin ich?«, wiederholte Jeremiah.

»Rollerboy hat uns hierher zu deiner Unfallstelle geführt.«

»Unfall?«

»Ja, Jerry. Die Verbindung zu HAL wurde im Unwetter gestört. Wenn du eine Armilla tragen würdest, hätten wir dich schneller gefunden. Ist dir kalt?«

Jeremiah schüttelte den Kopf und bereute die Bewegung augenblicklich. Er hielt sich den Kopf mit beiden Händen. »Oh, verdammt! Das tut weh.«

»Du bist gestürzt«, behauptete Delphine.

»Blödsinn. Ich wurde attackiert«, widersprach Jeremiah. »Da war ein Kerl, ein richtiger Riese.«

»Was?«

»Er ist herumgeschlichen, hat mich umkreist und dann ohne Vorwarnung angegriffen.«

»Warum?«, fragte Delphine. »Wer?«

»Ich konnte ihn nicht erkennen. Es ging zu schnell. Ich machte die Lampe an, da stand er direkt vor mir. Und schlug auch schon zu.«

»Zugeschlagen, soso.« Delphine wirkte nicht überzeugt. Sie betastete die geschwollene Lippe. »HAL! Kannst du Jerry kurz durchchecken? Ach, verdammt, die Armilla. Okay, Jerry. Wir werden dich im San-Bereich untersuchen lassen. Kannst du stehen?«

Es funktionierte. Zwar wackelten Jeremiahs Beine zunächst, doch schnell war das Gefühl vergangen. Erstaunt stellte er fest, dass es bereits früher Morgen war. Die Sonne gewann an Kraft, der Wind hatte nachgelassen.

Sein Angreifer hatte nach der Attacke von ihm abgelassen, was weitere Fragen aufwarf.

Jeremiah ging dicht neben Delphine her. Sie trug noch denselben Anzug wie am Vorabend, nur ohne Schutzmaske. Sie schwiegen, bis Jeremiah die Stille nicht mehr ertragen konnte. »Habt ihr Vansang gefunden?«

»Ja.«

»Und? Warum hat er sich draußen aufgehalten?«

»Das wissen wir noch nicht.«

»Was hat er denn gesagt?«

»Nichts, Jerry.«

»Wurde er auch angegriffen?«

Delphine blieb abrupt stehen und sah Jeremiah offensichtlich wütend an. »Was zum Henker stimmt nicht mit dir? Du wurdest nicht angegriffen. Niemand ist hier, der dir etwas antun wollte. Und was Simon angeht, so hat wahrscheinlich ein Defekt an seinem Chip ihn in die Irre geführt. Er ist bereits in der San-Station untergebracht. Du kannst ihn selbst interviewen, wenn wir endlich da sind.«

»Ein Chip?«, hakte Jeremiah nach.

»Oh, bei allen guten Göttern! Fragen und noch mehr Fragen! Ja, er trägt einen Emotio-Chip gegen Depressionen und die sporadisch auftretende PTBS.«

Jeremiah wollte erneut nachfragen, da kam sie ihm zuvor. »Posttraumatische Belastungsstörung, Jerry. Er war Soldat. Er hat Dinge erlebt, die niemand erleben will. Aber wie gesagt, du kannst ihn gleich selbst fragen. Können wir nun weiter? Es zieht sich bereits wieder zu.« Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern stampfte davon. Ihre nachtschwarzen Haare flatterten plötzlich im aufkommenden Wind.

Jeremiah folgte ihr mit Respekt. Als sie einen sehr hohen Dünenkamm erstiegen hatten, sah er Teile des elefantengrauen Gebäudeensembles, das sich dicht an den Boden schmiegte. Im linken hinteren Bereich warf die Sonne eine Reflexion auf das Kuppeldach, unter dem er am gestrigen Abend gespeist hatte.

Der Komplex war enorm groß, und nun wurde ihm klar, dass North nicht übertrieben hatte, als sie von den vielen Privatbereichen gesprochen hatte, deren Gäste sie nicht kannte. Das bebaute Gelände des Sanktuariums war weitläufig und die Gebäude chaotisch angeordnet. Als hätte ein Kind mit Bausteinen eine Festung errichtet.

»Na, Ragg! Wo ist dein privater Bereich?«, murmelte Jeremiah im Selbstgespräch. Dann fiel ihm auf, dass er unwillkürlich stehen geblieben war. Delphine stieg bereits den nächsten Dünenhang hoch.

Er beeilte sich, ihr zu folgen. Die Schmerzen in seinem Körper ließen beständig nach.

Die San-Station war der Phantasie eines Science-Fiction-Nerds entsprungen. Helle pastellfarbene Wände, nur unterbrochen von OLED-Monitoren und Bedienelementen. Mehrere Betten, die, bis auf eines, auf Kranke oder Verletzte warteten.

C2-Lt machte eine einladende Geste, damit Jeremiah wusste, auf welcher freien Liege er Platz nehmen sollte. »Hier bitte, Mr. Schnitzer.«

Jeremiah setzte sich.

»Bitte legen Sie sich flach hin und entspannen Sie sich«, wies ihn der goldene Roboter an.

Auf dem Rücken liegend beobachtete er den Arm mit der Scan-Platte, der aus der Wand fuhr und einen kompletten Multi-4-Scan seines Körpers vollführte. C2-Lt kommentierte es nicht, blieb neben der Liege stehen.

Jeremiah legte den Kopf zur Seite und sah hinüber zu der anderen Person, die mit geschlossenen Augen in einer weiteren Behandlungsstation lag. »Hey, Mr. Vansang«, rief er.

Doch der Mann schien bewusstlos zu sein oder ignorierte Jeremiah völlig.

HALs Stimme ertönte unerwartet. »Es wäre einfacher, wenn Sie die Armilla anlegen würden, Mr. Schnitzer.«

Jeremiah musste grinsen und verzog sofort das Gesicht vor Schmerzen. Der kleine Riss in der Oberlippe war aufgeplatzt und er spürte eine Feuchte auf der Unterlippe. Mit der Zunge leckte er das Blut ab. »Mir fehlt da noch eine Erklärung, lieber HAL«, sagte Jeremiah laut in den Raum hinein. C2-Lts Kopf ruckte herum.

»Eine Erklärung?«, kam die prompte Nachfrage der Hausanlagenlenkung.

»Die Prägung bereitet mir Kopfzerbrechen. Was ist das genau?«

»Wollen Sie eine detaillierte technische Beschreibung oder reicht Ihnen eine populärwissenschaftliche Antwort?«

»Joseph Robert Rickter schwärmte in höchsten Tönen von einer nahezu kosmischen Verbindung. Das ist mir zu esoterisch verbrämt. Was passiert bei der Prägung genau?« Jeremiah legte eine kurze Pause ein, nur um dann noch eine Ergänzung loszuwerden. »Populärwissenschaftlich.«

Zu seiner Verwunderung antwortete HAL nicht sofort. Stattdessen klappte ein Mechanoarm aus der Wand hinter ihm und eine unvertraute Anordnung von metallenen Auswüchsen. »Die Hand«, näherte sich seinem Kopf. »Was soll das, HAL?«

»Ich kümmere mich um die Wundversorgung, während die Gesamtauswertung läuft«, erklärte die Hausanlageneinheit, ohne den Tonfall zu verändern. »Bitte bleiben Sie ruhig liegen, Mr. Schnitzer.«

Die Medo-Einheit reinigte und desinfizierte die Wunde. Ein Sprühpflaster wurde aufgetragen. Jeremiah spürte die angenehme Kühle, die die Spannung von der Lippe nahm. Es roch leicht nach Harz.

»Die Armilla ist eine Spezialentwicklung von Ragg Enterprises und nicht für den allgemeinen Markt bestimmt«, dozierte HAL. »Im Gegensatz zu den handelsüblichen Smart-Armbändern verfügt sie über multiple Autoscan-Modi, die den körperlichen Zustand des Probanden zu jedem Zeitpunkt auf Unregelmäßigkeiten überprüfen und gegebenenfalls medizinische Hilfe anfordert. Zu diesem Zweck muss eine genetische Probe verwendet und bestätigt werden. Dies geschieht in der Prozedur der Prägung.«

»Okay, HAL«, entgegnete Jeremiah. »Eine Art persönlicher Doktor. Habe ich verstanden. Doch da steckt sicherlich mehr hinter der Armilla. Als Beispiel die ständige Überwachung auf diesem Gelände. Ihr wisst, wo ich bin, wie es mir geht. Was noch? Welche Features hat sie, über die mein Armband nicht verfügt?«

»Die Auflistung aller verfügbaren Spezifikationen ist Bestandteil des Tutorials nach der Prägung.«

»Und meine genetische Probe? Ich sollte eine abgeben, nicht wahr?«

»Das ist bereits erfolgt.«

»Was? Wann?«

»Während der Anreise, Mr. Schnitzer. Sie hatten den Geschäftsbedingungen für den Transport zugestimmt.«

»Genetische Probe?«

»Ja. § 235 der AGB.«

»Niemand hört dem allgemeinen Sermon zu, HAL. Das war hinterhältig.«

»Es dient nur Ihrem Besten. Und was die Freiwilligkeit angeht, so kann ich Ihnen versichern, dass Sie im vergangenen Monat deutlich mehr als zwanzig verschiedene Samples Ihrer Genstruktur abgegeben haben, ohne dass Ihnen dies bewusst gewesen ist.«

Jeremiah schwieg die Hausanlagenlenkung an. Er wusste, dass, soweit es diese Angelegenheit anging, HAL nicht übertrieben hatte. Solange man sich im Alltag nicht in einem dekontaminierten Ganzkörperanzug in der Öffentlichkeit bewegte, sammelten viele winzige Probensammler in Geschäften, in Parks, in den autonomen Fahrzeugen und an allen der Allgemeinheit zugänglichen Orten jedes Hautschüppchen oder was auch immer der Körper abgab, und verkauften es an Datenbroker.

Sich also über die Probenentnahme aufzuregen, wäre scheinheilig gewesen.

»Schon gut, HAL. Sobald ich wieder auf meinem Zimmer bin, wäre ich dir verbunden, wenn ich eine Datei mit den wichtigsten Features der Armilla in Augenschein nehmen könnte. Geht das?«

»Selbstverständlich, Mr. Schnitzer.«

»Was ist mit dem Scan? Irgendwelche Verletzungen von der Attacke gegen mich?«

»Von einem Angriff auf Ihre Person ist mir nichts bekannt. Ich sollte die Auswirkungen eines Sturzes überprüfen. Dabei habe ich nur unbedeutende Hämatome und die leichte Schnittwunde am Mund feststellen können.«

»Kann ich gehen?«

»Selbstverständlich.«

Jeremiah schluckte seinen Ärger hinunter und schwang sich von der Liege. Niemand schien ihm glauben zu wollen, dass dort draußen jemand gewesen war.

Für einen Moment fühlte er sich schwindelig. Dann stellte er sich aufrecht hin und atmete kräftig durch. Es kribbelte unter seinen Fußsohlen. Langsam näherte er sich Vansangs regloser Gestalt. Der Prepper hatte breite Schultern und einen mächtigen Brustkorb. Seine militärisch kurzgeschorenen Haare zeigten üppige graue Flächen. Am rechten Ohr fehlte der obere Bereich und eine sichtbare Narbe verlief vom Ohrläppchen bis zum Kinn.

Außergewöhnlich in einer Zeit, in der Schönheitsoperationen zu den Basics gehörten.

Jeremiah beugte sich vor und betrachtete das Gesicht mit den geschlossenen Augen genauer. »Was ist mit ihm, HAL?«, fragte er halblaut in den Raum. »Er schwitzt.«

»Seine Körpertemperatur ist leicht erhöht, Mr. Schnitzer. Die Medo-Einheit hat sich für ein Sedativ entschieden, da der Patient unter Halluzinationen litt. Die Ruhe wird ihn stabilisieren.«

Jeremiah versuchte sich an die Gestalt zu erinnern, die ihn in die Bewusstlosigkeit befördert hatte. Doch da waren nur Umrisse und eine schnelle Bewegung. Wahrscheinlich war es nicht Vansang gewesen, auf den er gestoßen war. Seinen Angreifer hatte er größer und breiter im Gedächtnis.

»HAL! Was soll der Crap?«, erklang eine helle Stimme in Jeremiahs Rücken. Er richtete sich auf und bemerkte eine Frau unbestimmbaren Alters, die auf ihn zueilte. Sie war klein, schlank, sehr schlank, kurze blonde Haare umrahmten nachtblasse Haut. Die Stirn wirkte glatt, nur einige Falten um die Augen verrieten, dass sie wohl älter als dreißig war. Doch er konnte sich auch täuschen.

Als sie neben ihn an das Bett trat, ignorierte sie ihn vollkommen.

»Die Medo-Einheit hat sich zur Sedierung entschlossen«, erläuterte HAL.

»Die gehört als Elektromüll recycelt«, meckerte die Frau und griff sich in die Brusttasche ihres enganliegenden dunkelroten Kleides.

Jeremiah wunderte sich über den dunkelgrauen Schal, der mehrfach geschlungen ihren Hals verdeckte. Das Kleid endete am halben schlanken Oberschenkel. Sie trug schwarze Leggings und flache graue Sportschuhe darunter.

»Machen Sie mal Platz, Schnitzer!«, herrschte sie ihn an. Im Tonfall deutlich, aber nicht unfreundlich.

Jeremiah wich zur Seite.

In der Hand hielt die Frau nun ein taschenlampenartiges Gerät, das sie an Vansangs Schläfe presste. Es piepte nach kurzer Zeit. Sie steckte das Instrument zurück in die Brusttasche. »HAL! Temperatur?«

»38,1 Grad Celsius.«

»Okay. Weck ihn auf!«

»Ähm«, mischte sich Jeremiah ein, »ist das sicher?«

»Schnitzer!« Die Frau nagelte Jeremiah mit ihrem Blick an eine virtuelle Wand. Ihm fiel die Farbe ihrer Augen auf. Hellgrün, beinahe verwaschen, als würden verschiedene Grüntöne ineinander verlaufen. Und dabei wirkte sie so hyperintelligent und entschlossen, dass er sich klein und unbedeutend fühlte.

»Sie haben nicht zufällig noch ein Medizinstudium abgeschlossen, von dem ich nichts weiß?«

Er schüttelte den Kopf.

»Sehen Sie! Ich Arzt, Sie Zuschauer.«

Das klang jetzt unfreundlich. Jeremiah hob zum Zeichen der Aufgabe die Hände und versuchte es mit einem Lächeln. »Verzeihung, Miss …«

»Mia.«

»Mia, und weiter?«

»Nur Mia.« Sie konzentrierte sich wieder auf Vansang.

»Das Gegenmittel wurde verabreicht«, meldete HAL.

»Danke.« Mia beugte sich vor und hob vorsichtig die Augenlider des Patienten an, die danach unregelmäßig flatterten.

»Ich war bei der Suche nach ihm dabei«, erklärte Jeremiah. »Er hat mich vielleicht attackiert. Dort draußen. In der Nacht, meine ich.«

Mia sah nicht zu ihm hin. »Simon ist der friedliebendste Mensch, den ich kenne. Er hat sich grundlegenden pazifistischen Regeln unterworfen. Niemand hat Sie angegriffen, Schnitzer. Sie sind gestürzt.«

»Das habe ich anders in Erinnerung«, widersprach Jeremiah.

Mia drehte sich abrupt. Aufgrund ihrer geringen Größe schaute sie von unten zu ihm herauf. Trotzdem sah er die Energie, die in ihr steckte und brodelte. »Raggs gesamtes Sanktuarium ist von einer Mauer umgeben und mehrfach gesichert. Niemand betritt das Gelände, ohne Alarm auszulösen. Demnach erwarte ich hier keine Ökoterroristen, Fanboys, feindlich gesinnten Kräfte, die Ragg an die Wäsche wollen, oder irgendwen, der Ihnen ein Haar krümmen will. Wir sind hier so sicher wie in Abrahams Schoß, würde ich meinen. Demnach bleibt nur eine Lösung. Sie sind über Ihre eigenen Füße gestolpert. Was sonst? Ein Stadtmensch, ein zivilisatorischer Krüppel, der die Unerwartetheit von Mutter Natur kognitiv nicht verarbeiten kann. Hören Sie auf, einen imaginären Angreifer anzuführen!«

»Wenn es niemand von außen war, dann bleiben immer noch die Bewohner und Gäste des Sanktuariums, nicht wahr?«, wehrte sich Jeremiah.

»Einer von uns?« Mia schüttelte den Kopf. »Warum?«

»Ich weiß es nicht. Jemand könnte einen Puppet gesteuert haben, um mich auszuschalten. Vielleicht ist dieser Körper dort«, er deutete auf Vansang, »ein Plug-in-Puppet.«

»Simon?« Mia lachte auf. »Er würde sich eher umbringen, als zum Hilfsmittel eines Puppets zu greifen. Er hat während seiner aktiven Militärzeit genug erlebt. Die Sechziger-Kriege in Anatolien, in denen auf beiden Seiten die tumben Combat-One-Drohnen eingesetzt wurden. Mypuppet-ähnliche Spezialkräfte, die keine Furcht vor Verletzungen kannten und im Automatikmodus die schrecklichen Massaker in Ostanatolien angerichtet haben. Er kennt sie alle. Und er hasst es, dass ihm hier die Plugins auf Schritt und Tritt begegnen und er sie kaum von echten Menschen unterscheiden kann.«

»Warum ist er dann hier?«, fragte Jeremiah.

»Das sollten Sie ihn selbst fragen, Schnitzer!« Ein tiefer Seufzer Vansangs erklang. Mia setzte sich auf die Liege, legte eine Hand zärtlich an seine Wange und flüsterte etwas, das Jeremiah nicht verstand.

Langsam kam Bewegung in den muskulösen Leib des Preppers. Die Beine zuckten, die Narbe an der rechten Wange flammte feuerrot auf.

C2-Lt stellte sich auf die andere Seite der Liege und wartete offenbar auf weitere Anweisungen durch Mia.

Vansang öffnete abrupt die Augen. Er wirkte desorientiert, gehetzt.

»Ruhig, Simon. Ich bin da«, sagte Mia und zog ihre Hand zurück.

Vansang setzte sich auf. »Wie lange diesmal?«, fragte er mit brüchiger Stimme.

»Nur ein paar Stunden. Du bist gestern vom Radar verschwunden. Alle haben dich gesucht.«

»Was für eine Scheiße!« Vansang verbarg sein Gesicht in den Händen.

»Wir müssen an der Medikation arbeiten, Simon. Es ist nur ein Rückschlag. Mach dir keinen Kopf darum. C2-Lt begleitet dich in dein Quartier. Ich komme nach. Okay?«

Vansang ballte beide Hände zu Fäusten, entspannte sie wieder und legte sie abschließend vorsichtig auf seinen Beinen ab. Sein Oberkörper streckte sich, als würde ein Memorymetall in die ursprüngliche Form zurückkehren. Mit absolut gerader Haltung sah er sich im San-Center um, stutzte, als er Jeremiah entdeckte. »Wer sind Sie?«, kam die Frage mit weiterhin brüchiger Stimme. Offenbar war es seine alltägliche Tonlage.

»Jeremiah Schnitzer, Mr. Vansang.«

»Schnitzer, Schnitzer …? Hm. Nicolas sprach von Ihnen. Er wollte Sie einladen. Es ging um einen Test, nicht wahr?«, flüsterte Vansang mehr, als dass er laut gesprochen hätte.

Doch Jeremiah verstand jedes Wort. Ihm wurde klar, dass wohl einige Gäste über seinen Job vorab bereits Bescheid gewusst hatten. Wenn sie sich auf den Test vorbereitet hatten, würde es ihm den Job erschweren. »Richtig, Mr. Vansang«, sagte er. »Ich habe mich gestern Nacht an der Suchaktion beteiligt. Doch anstatt Sie zu finden, wurde ich von einem Unbekannten angegriffen.«

Der ehemalige Soldat konnte seine militärische Ausbildung nicht leugnen. Man sah ihm an, dass er sofort in den Alarmmodus wechselte. Ein Ruck fuhr durch seinen Körper.

Mia legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. »Nicht, Simon. Es ist nur eine Behauptung Schnitzers. Keine Gefahr. Für niemanden.«

Vansang entspannte sich. Dann glitt er mit effizienten Bewegungen von der Liege, stellte sich neben den goldenen C2-Lt und nickte der androidischen Drohne zu. »Wir können.«

Ohne weiter auf Jeremiah zu achten, verließen die beiden die San-Station.

»Sind Sie sein Arzt?«, erkundigte sich Jeremiah.

Mia wirkte für einen Moment traurig, bevor ihr Gesichtsausdruck wieder in einen indifferenten Zustand zurückkehrte. In den milchig-grünen Augen formten sich Inseln aus braunen Flecken.

Jeremiah starrte verwundert, bis ihm klar wurde, dass es eine sichtbare Modusänderung der Opti-Lenses sein konnte.

»Mehr oder weniger«, kam ihre Antwort schließlich. Sie saß weiterhin auf der Liege, hatte eine Hand dort positioniert, wo Vansang eben noch gesessen hatte.

Jeremiah sah sie fragend an. Mia verstand die Aufforderung, überlegte offensichtlich, ob sie ihm eine Erklärung schuldete. »Ich bin seine Ex-Frau.« Ein Lächeln glitt wie ein Schatten über ihr Gesicht. »Und seine Ärztin. Nur deswegen bin ich hier in dieser Gruft, Mr. Schnitzer. Warum sind Sie hier?«

Jeremiah ignorierte bewusst den Ausdruck Gruft, als er zu einer Erwiderung ansetzte. »Hat niemand Sie eingeweiht?«

Mia schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Nicolas Ragg hat mich eingeladen. Ein Job. Ich soll etwas herausfinden.«

»Sie sollen etwas testen«, vermutete Mia. »Das war es, was Simon gesagt hat.«

»Ja.« Jeremiah trat einen Schritt näher an Mia heran. »Sie sind echt, nicht wahr? Kein Puppet. Sonst würde Vansang ausflippen, nicht wahr?«

»Natürlich bin ich echt.«

»Beweisen Sie es!« Jeremiah deutete auf den Scan-Arm der Medo-Einheit.

»Wie meinen Sie das?« Mia wirkte verwirrt.

»Lassen Sie sich scannen. Diese Maschine ist doch in der Lage, Mensch von Puppet zu unterscheiden, oder nicht?«

Nun lächelte sie. Ein wissendes Lächeln, eines, das nur Überlegenheit bedeuten konnte. »Sie sind naiv, Schnitzer. Wissen Sie das?«

»Verstehe ich nicht.«

»Ich weiß nun endlich, woher ich Sie kenne. Sie sind der KI-Skeptiker.«

»Nun, so würde ich mich nicht bezeichnen.«

Sie lächelte nun noch breiter, was Jeremiah zu ärgern begann. Dennoch strahlte sie keine Freude aus. Schließlich wechselte sie abrupt zu einem ernsten, nachdenklichen Gesichtsausdruck. »Ist auch nicht wichtig. Wenn Sie glauben, dass ein Medo-Scan den Unterschied zwischen Puppet und Mensch beweisen könnte, dann muss ich Sie enttäuschen.«

»Okay. Verraten Sie mir auch, weshalb?«

»Sie wissen, woraus die Puppets bestehen?«

»Ja klar. Genetisch gezüchtete Epidermis, die einen Kunstkörper umschließt. Ein Puppet kann bluten, spürt allerdings nur dann einen Schmerz, wenn er darauf programmiert wurde.«

»Sie kennen den All-Wiki-Eintrag nahezu auswendig. Respekt«, spottete Mia. »Wenn diese allgemein zugänglichen Fakten abschließend wären und es nicht weitere, vielleicht nicht so bekannte Informationen gäbe, wären Sie im Recht. Der Scan müsste in jedem Fall beweisen können, dass in meinem Innern nur Mechanik rattert, keine Organe ihren Dienst versehen.«

»Ja. Warum also bin ich naiv?«

Mia sprang vom Bett und ging an Jeremiah vorbei in Richtung des Ausgangs. »HAL! Erklär du es ihm.«

»Selbstverständlich«, kam die Bestätigung.

»Wir sehen uns beim Afternoon-Talk«, verabschiedete sich Mia. Das Geräusch der Automatiktüren füllte den Raum mit beißendem Spott.

Jeremiah sah ihr nach, bis die Türflügel zuglitten. »HAL?«

»Nun, Mr. Schnitzer. Es ist so, dass die wirklich hochwertigen Exemplare der Puppets über einen Schutzmechanismus verfügen.«

»Einen was?«

»In die CPU des künstlichen Gehirns ist ein Sender implementiert, der einen aggressiven invasiven Virus in jede medizinische Einheit überträgt. Damit wird die Medo-Einheit sozusagen blind für die im Körper verborgene Mechanik. Der Virus überspielt die realen Daten mit denen eines lebendigen Körpers, wenn der Besitzer des Plug-ins es wünscht.«

»Okay.« Jeremiah wusste nun, warum Mia ihn naiv genannt hatte. Dieses Detail der Mypuppets war ihm tatsächlich nicht geläufig gewesen. »Ist das in der Öffentlichkeit bekannt?«

»Nein, Mr. Schnitzer. Das gehört zu den Firmengeheimnissen, die nur den Kunden, die über einen solchen Premium-Puppet verfügen, mitgeteilt werden.«

»Du hast es gerade mir verraten.«

»Nun, ich erhielt eine Freigabe.«

»Wie bitte? Nicolas Ragg hat dich legitimiert, mir das zu verraten?«

»Mr. Ragg hat nur eine allgemeine Anweisung gegeben, Sie bei Ihrer Aufgabe zu unterstützen, Mr. Schnitzer. Die Freigabe erfolgte durch Ms. Mia.«

»Okay. Ich bin verwirrt. Wieso kann Mia dich bevollmächtigen?«

»Ms. Mia ist Mr. Raggs Ehefrau und ist eine Geschäftsführerin von Ragg Enterprises.«

Jeremiah schwieg verblüfft. In seinem Kopf ordnete er wild wirbelnde Gedanken. Ihm wurde bewusst, dass dieser Auftrag mit einer Vielzahl von Unbekannten aufwartete. Ragg war ein Eremit, dessen Hang zu Geheimnissen beinahe sprichwörtlich war. Zu seinen bevorzugten Mitteln, um unliebsame Recherchen zu unterbinden, gehörten falsche Fährten, die meist im Nichts endeten. Jeremiah war sich sicher, dass er zwar auf verschiedene Frauen in Raggs Leben gestoßen war, doch über eine aktuelle Lebensgefährtin hatte er keine Infos gefunden.

»Okay, HAL. Ich muss das erstmal verdauen. Was meinte Ms. Mia mit dem Afternoon-Talk?«

Die Hausanlagenlenkung erklärte es ihm.

Jeremiah wippte stehend auf den Fersen, spürte die Kühle der Fensterscheibe in seinem Zimmer und beobachtete den rasenden Zug der Wolken über dem Meer. Die dunkelschweren Massen waberten ununterbrochen. Der Westwind blies beständig mit enormen Geschwindigkeiten. Auf Nachfrage hatte HAL bestätigt, dass er selten unter Windstärke 14 sank. Zwischen 150 und 170 Stundenkilometer hieß Lebensgefahr für jeden, der sich draußen aufhalten würde.

Trotzdem bewegten sich Gestalten in der Dünenlandschaft. Puppets, vermutete Jeremiah. Im Zweifel würde der Besitzer den Plug-in-Körper einfach in einer Kuhle liegen lassen, um ihn später zurückzuholen, falls die Lage es erforderte.

Im wechselnden Dämmerlicht schimmerten Schlieren und Kratzer auf der Scheibe. Jeremiahs Gehirn bemühte sich, eine Art Ordnung in den chaotischen Strukturen zu erzeugen. Und plötzlich waren dort Buchstaben zu lesen.

Er aktivierte seine Linsen und speicherte ein Foto ab, das er anschließend vom Minirechner seines Armbands analysieren ließ. Das Ergebnis tauchte als feuerrote Abfolge in seinem Sichtfeld auf: Γνῶθι σεαυτόν

»Erkenne dich selbst«, murmelte Jeremiah die Übersetzung, die im Anschluss angezeigt wurde. Er legte seine Hände auf die kühle Fläche, strich sanft darüber. Dann wurde ihm klar, dass die Buchstaben von außen in die Scheibe geritzt worden waren. Jemand musste mit Spiegelschrift in außerordentlich exakt geformten Lettern geschrieben haben. Da die Schrift auch in fünf Metern Höhe über dem Boden angebracht worden war, musste er dazu entweder eine Flugdrohne oder eine Leiter benutzt haben.

»Was soll das?«, flüsterte Jeremiah.

»Benötigen Sie Hilfe?«, meldete sich HAL.

Jeremiah zuckte zusammen. »Ähm, nein. Doch. Ja.« Er wandte sich ab, ging zu dem Sideboard, auf dem in der Halterung immer noch die Armilla wie eine Verheißung oder Drohung auf ihn wartete. Eine Büchse der Pandora, die nur für ihn geschaffen schien.

»Seit wann ist bekannt, dass dieses Zimmer für mich vorgesehen war, und wer hat vorher hier übernachtet?«, fragte er im Gehen.

»Mr. Ragg erteilte den Auftrag vor 14 Tagen, Mr. Schnitzer. Gästeraum sieben wurde seit drei Jahren nicht mehr bewohnt. Darf ich fragen, warum Sie dies wissen wollen?«

»Nein«, entgegnete Jeremiah und versuchte seine Überraschung zu verbergen. Nicolas Ragg hatte ihn erst vor zehn Tagen kontaktiert. Offenbar war er sich seiner Sache sehr sicher gewesen. Vielleicht hatte Jeremiah der Verlockung zu leicht nachgegeben. Er betrachtete nachdenklich die Armilla und verschob die Entscheidung, sie anzulegen, auf den nächsten Tag. Eine weitere Nacht ohne den Prototyp würde ihm guttun. Gedanken sortieren, Argumente in Pro- und Contralisten eintragen. Das war etwas für die Zeit, in der er nicht würde schlafen können.

Er aktivierte seine Opti-Lenses und rief seine Nachrichten ab. Raven hatte nicht geantwortet. Jeremiah musste an den Streit denken. War sie weiterhin verärgert? Antwortete sie deshalb nicht? Oder waren die Recherchen zu zeitaufwändig?

Er dachte daran, sich zu entschuldigen, um nach seiner Rückkehr die Wärme und Weichheit ihres wunderbaren Körpers genießen zu können. Doch er glaubte, dass er in diesem speziellen Fall im Recht war.

Dennoch gab es Neuigkeiten. »Sprachaufzeichnung starten«, befahl er halblaut. Die grüne Diode seiner Smartwatch blinkte. »Hallo, Raven, ich wollte dich auf den neuesten Stand bringen.« Er pausierte kurz, überlegte, ob er nicht zu geschäftsmäßig klang, und bemühte sich danach um einen warmen Tonfall. »Ich habe Ragg weiterhin noch nicht getroffen. Dafür wurde ich attackiert, obwohl mir das hier keiner abzunehmen scheint. Dazu kommt, dass sich vor meinem Auge Informationen entfalten, die mich nachdenklich machen. Ragg ist ein Eremit, so weit wussten wir das schon. Er verfügt über die finanziellen und technischen Mittel, um seine Privatsphäre zu erhalten und bestimmte Transaktionen zu verbergen. Du, Raven, hattest ja schon vermutet, dass Ragg zur Datenglättung neigt, Fehler aus der öffentlichen Wahrnehmung löscht und die weniger legalen Aspekte seiner Tätigkeit wirksam verschleiert. Und soll ich dir was sagen? Du hattest Recht. Ich traf hier auf eine Frau, Raggs Frau und CEO von Ragg Enterprises, von der wir bislang nichts wussten. Sie heißt Mia, war mal mit Simon Vansang verheiratet, der übrigens auch hier ist. Bitte eine vollständige Recherche über diese Frau.« Er wartete kurz, bevor er weiterredete. »Was mich stutzig macht, ist, dass sie nicht wusste, weswegen ich hier bin, aber Simon Vansang schon. Nach welchen Kriterien geht Ragg vor, wenn er Informationen streut? Ich bin froh, wenn ich persönlich mit ihm gesprochen habe. Dann kann ich endlich in die heiße Phase meines Jobs eintreten und mir die Gäste einzeln vornehmen. Ich melde mich heute Abend noch einmal. Ich vermisse dich. Aufzeichnung Ende. Datei verschlüsseln und an Raven Munin – RM 23 versenden.«

Er checkte die Zeitanzeige. Es blieben noch einige Stunden bis zum Afternoon-Talk. »Kann ich einen Rundgang unternehmen?«, fragte er laut an HAL gerichtet.

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Litres'teki yayın tarihi:
03 eylül 2024
Hacim:
281 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783947619511
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