Kitabı oku: «Das geschenkte Universum»
Vorspann

Cover
Titel
Arnold Benz
Das geschenkte Universum
Astrophysik und Schöpfung
Simowa Verlag
Impressum
Impressum
Die bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliografie ist über www.dnb.de abrufbar.
© Arnold Benz • 2018
3., aktualisierter Nachdruck • 2018
1. Auflage Patmos Verlag GmbH & Co. KG, Düsseldorf • 2009
2. Auflage Patmos Verlag GmbH & Co. KG, Düsseldorf • 2010
Verlag: Simowa Verlag AG, Bern
Umschlaggestaltung: init . Büro für Gestaltung, Bielefeld
Umschlagmotiv: © NASA/JPL-Coltech/Corbis
Gestaltungsanpassungen: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld, Bern
Print-ISBN 978-3-908152-51-4
E-ISBN 978-3-908152-52-1
Printed in Germany
Widmung
Für Elisabeth zur Erinnerung an die Zeit,
die uns geschenkt wurde.
Zum Geleit
»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Der erste Satz der Bibel ist für viele Menschen unverständlich geworden. Das Universum ist nach modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen dreimal so alt wie die Erde, und noch heute entstehen Sterne. In den vergangenen Jahren hat die Astrophysik viel über die Entstehung der Himmelskörper gelernt. Ich stelle hier die faszinierenden neuen Erkenntnisse vor und befrage sie aus der Perspektive des menschlichen Daseins.
Der Ausgangspunkt ist die Astrophysik, eine Wissenschaft aus Beobachtungen und theoretischen Erklärungen mit viel Mathematik. Vom Standpunkt der menschlichen Lebenserfahrungen aus sind die kosmischen Vorgänge und die einzelnen Erklärungen nicht wichtig. Sie bilden vielmehr den Hintergrund für ein allgemeines Verständnis der Welt und der modernen Naturwissenschaften.
Ohne Formeln und ohne die Details zu verstehen, sprechen die neuen Erkenntnissen auch Nicht-Physiker an. Die unvorstellbare Weite, die Vielfalt und raffinierte Komplexität, aber auch der Reichtum an Beziehungen und die allgegenwärtige kosmische Vernetzung regen zum Staunen an. Die Dynamik des Universums hat jedoch ihre Schattenseiten: der Zerfall aller Dinge. Dies schließt auch unsere eigene Existenz ein und ruft nach Orientierung. Staunen, Erschrecken und Deuten bilden denn die drei Teile dieses Buches.
Schöpfungsgeschichten wollen nicht in erster Linie kosmische Gegebenheiten erklären, sondern grundlegende Werte und Orientierung vermitteln. Zwar distanziert sich Genesis 1 von den babylonischen Mythen, die mit Erde und Sternen Gottheiten verbanden. Und doch wird eine Geschichte erzählt, in der Erde, Sterne, Tiere und Menschen am Anfang entstanden und sich seither nicht wesentlich verändert haben. Dies entspricht nicht mehr den heutigen Vorstellungen, gemäß denen alle Dinge im Universum erst im Laufe der Zeit und auf natürliche Weise entstanden. Diese neue Sicht lässt insbesondere die Frage nach dem Verhältnis von Gott und Welt offen. Wenn heute noch Schöpfung geschieht, müsste man dann nicht den Schöpfer am Werk sehen? Heute werden zwar moderne Gebete und Psalmen geschrieben, aber keine neuen Schöpfungsgeschichten. Warum von Schöpfung sprechen im heutigen Weltbild?
Die verschiedenartigen Wahrnehmungen, welche den Naturwissenschaften und der Theologie zugrunde liegen, und ihr Verhältnis zueinander stehen im Zentrum dieses Buches. Damit kommt eine Wirklichkeit in den Blick, welche die Naturwissenschaften nicht wahrnehmen.
Inhalt
| Prolog | |
| Erster Teil: Werden und Staunen | |
| 1 l | Der Stoff, aus dem wir bestehen |
| Wolken im Weltall l Frühere Vorstellungen über die Sternentstehung l Ein Streifzug in unsere kosmische Umgebung l Rationalität der Natur | |
| 2 l | Wenn Sterne und Planeten entstehen |
| Akkretionsscheiben l Warum kreisen Planeten? l Von der Akkretionsscheibe zum Protostern l Planeten entstehen l Vom Protostern zum Stern l Unergründliche Rätsel | |
| 3 l | Grenzenlos? |
| Die ersten Sterne l Urknall: unser Horizont in der Zeit l Schwarze Löcher: Horizonte im Raum l Stille der Sterne: Grenze der Methodik | |
| 4 l | Entstehung und Schöpfung |
| Physikotheologie l Warum von Schöpfung reden? l Das Gleichnis vom schönen Garten | |
| Zweiter Teil: Vergehen und Erschrecken | |
| 5 l | Die Entwicklung geht weiter |
| Die junge Sonne l Design oder Nicht-Design? l Zerfall der Sonne l Entstehen und Vergehen | |
| 6 l | Leben mitten in der Entwicklung |
| Die junge Erde l Noch immer wächst die Erde l Entwicklung der Atmosphäre l Leben ist Risiko | |
| 7 l | Wirklichkeit im Kosmos und im Leben |
| Stufen der Wirklichkeit l Religiöse Wahrnehmungen l Teilnehmende Wahrnehmungen l Tiefe der Wirklichkeit | |
| 8 l | Vom Wahrnehmen zum Deuten |
| Erklären und Modellieren l Verstehen l Deuten l Viele mögliche Deutungen | |
| Dritter Teil: Als Schöpfung deuten | |
| 9 l | Kreatives Prinzip, Hoffnung und Ethik |
| Die Entstehung des Lebens im Universum l Sonst noch jemand da? l Das Kreative Prinzip l Ethische Überlegungen l Hoffnung trotz Zerfall? | |
| 10 l | Gott im Universum |
| Biblische Schöpfungsgeschichten l Kosmische Ikonen l Schöpfung im Jetzt | |
| 11 l | Hat das Universum einen Sinn? |
| Urknall oder Schöpfung: Was ist die Frage? l Eine Theorie von Allem l Ist das Universum ein Ganzes? l Spukhafte Fernwirkungen l Der Mensch als Ziel? l Die Frage nach dem Sinn | |
| 12 l | Raum und Zeit |
| Die erschreckende Größe des Universums l Empirie der Zeit l Der Ursprung der Zeit l Ausblick | |
| Epilog | |
| Anmerkungen | |
| Dank | |
| Namen- und Sachverzeichnis |
Prolog
Der Entschluss, Astronom zu werden, reifte in Afrika. Zu dritt waren wir mit einem alten Fiat Topolino südlich von Ouarzazate Richtung Sahara unterwegs. Stunde um Stunde zog sich eine schwarze Teerpiste scheinbar ziellos durch die flimmernde, gewellte Steinwüste. Es war Hochsommer und Schulferienzeit. Ein Jahr vor dem Abschluss des Gymnasiums standen meine beiden Kollegen und ich vor der Berufswahl. Ohne Ende redeten, stritten und palaverten wir über unsere Ziele und Aussichten, über die Welt, über Gott und das Ganze. Haben wir eine Aufgabe? Welche Ziele sind sinnvoll? Was ist der Sinn unseres Lebens, der Menschheit und des Universums? Die Zukunft lag breit vor uns wie die südlichen Ausläufer des Atlasgebirges, die wir im grellen Licht der prallen Sonne Richtung Sahara durchfuhren. Die Straße schien endlos.
Am Straßenrand waren gelegentlich schmucklose Lehmhäuser in die Landschaft eingepasst. Die Herberge schien noch aus der Zeit der Karawanen zu stammen. Was uns als Zimmer angeboten wurde, war ein leerer Raum ohne Betten. So beschlossen wir, stattdessen unter freiem Himmel zu übernachten. Wir fuhren weiter in der menschenleeren Gegend, bis die Sonne hinter dem Horizont verschwand und uns die Nacht überraschte. Auf einer Anhöhe hielten wir an, jeder suchte sich einen sandigen Platz zwischen den Steinen und hüllte sich in seinen Schlafsack.
Ich liege etwas abseits meiner Gefährten. Es wird angenehm kühl, der Druck der Hitze weicht, die am Tag das Leben zu einem dumpfen Leiden macht. Eine unglaubliche Ruhe breitet sich aus. Es ist still, kein Zivilisationslärm, keine Tiere, kein Säuseln der Luft, nichts. Die Nacht öffnet den Himmel und enthüllt eine fremdartige, überwältigende Sternenpracht. Die Milchstraße zieht sich von Norden bis Süden quer über den Himmel. Weil die Luft völlig klar ist, funkeln die Sterne kaum und glänzen intensiv. Ich weiß, dass man mit bloßem Auge nur einige tausend Sterne zählen kann. Die unzähligen schwachen Sterne, die Gruppen bilden und sich zu Nebeln häufen, lassen aber unschwer ahnen, dass es millionenmal mehr sein müssen.
Der Himmel lebt. Er erscheint mir nicht mehr als Kugeloberfläche. Die hellen Sterne geben den Anschein näher zu sein und diffuse Sternnebel weiter entfernt. Der Weltraum bekommt eine Tiefendimension. Das Sternenband der Milchstraße wird unterbrochen durch geheimnisvolle dunkle Stellen. Sie lassen die Sterne davor und daneben noch prächtiger leuchten. Je dunkler der Schleier, desto mehr Sterne. Alles scheint miteinander verflochten und ein Ganzes zu bilden.
Enthält die unergründliche Tiefe des Weltalls ein Geheimnis, das mit den Geheimnissen meines Bewusstseins und meines Lebens zu tun hat? Es ist die große Frage nach unserem Dasein und dem Kern der materiellen und geistigen Welt. Ich merke, wie mich das Universum anzieht. Auf dem Weg in die Sahara nimmt mich die Faszination einer anderen Reise, ins Unerforschte des Universums, voll in Beschlag. So wenig wie die Sahara wird das Universum auszuloten sein.
Die Erforschung der Natur mit den Methoden der Physik interessierte mich schon vor dem Gymnasium. Aber die trockene Rationalität des Schulfachs hatte mich bisher zögern lassen. Die Nacht in der Sahara regt meinen Durst nach mehr Wissen an und macht mich gewiss, dass dieses Wissen das Staunen in uns nicht unweigerlich absterben lässt. Im Staunen begegnet uns eine ganz andere Wirklichkeit, die nicht in Konkurrenz zur Physik steht. Im Gegenteil: Die Faszination der still und geheimnisvoll leuchtenden Sterne und die Aussicht auf vielversprechende neue Forschungsmethoden ziehen mich gleichermaßen in ihren Bann.
Ich entscheide mich in dieser Wüstennacht, Astrophysik zu studieren.

Abbildung 1: Von links oben nach rechts unten im Bild verläuft die Milchstraße, wie man sie mit bloßem Auge am südlichen Himmel sieht. Mittendrin und etwas näher als die meisten Sterne liegen Dutzende von Dunkelwolken. Das Zentrum der Milchstraße befindet sich etwas unterhalb der Mitte. Rechts davon gegen den Bildrand hin liegen die nur 400–450 Lichtjahre entfernten fingerförmigen Molekülwolken im Sternbild des Schlangenträgers (Foto: Todd Hargis).
Erster Teil
Der Stoff, aus dem wir bestehen
Wolken im Weltall
In einer mondlosen Nacht sind Planeten und nahe Sterne die augenfälligsten Erscheinungen am Himmel. Mit etwas Übung und besonders am Himmel in der südlichen Hemisphäre sind auch Sternhaufen und interstellare Dunkelwolken leicht auszumachen. Sie alle sind miteinander direkt verbunden, denn genau in solchen Wolken entstehen Sternhaufen, also auch Sterne und Planeten wie Sonne und Erde. Es ist eine spannende Geschichte, wie es zu dieser Erkenntnis kam. Dass sich Sterne in interstellaren Gaswolken bilden, wurde zwar schon lange vermutet, aber selbst die größten Teleskope konnten dies nicht enthüllen.
Kleinste Staubkörner schweben an vielen Orten im All und vermindern das Licht, je dichter die Staubkörnchen und je länger die verstaubte Strecke. Die Körnchen sind lose Gebilde aus Kohlenstoff und Silikaten, weniger als ein tausendstel Millimeter groß. In Dunkelwolken ist der Staub im Verhältnis zum gewöhnlichen interstellaren Raum millionenfach konzentriert. Trotzdem findet man darin nur etwa ein Stäubchen im Volumen eines Wohnzimmers. Man soll sich daher Dunkelwolken nicht als schmutzige Hinterzimmer vorstellen. In den besten Reinräumen der Produktionshallen von Computerchips schwebt der Staub hundertmal dichter. Nun sind aber diese Wolken derart groß, dass selbst die wenigen Staubkörnchen sich über die lange Distanz aufaddieren und das Licht vollständig absorbieren. Kein noch so schwacher Glanz von Sternen dringt nach außen. Sobald sich das interstellare Gas und die darin enthaltenen Staubkörner zu einer Wolke zusammenballen, geht der Vorhang diskret zu. Die Geburt der Sterne entzieht sich unseren Blicken.
Aber nicht ganz: Die moderne Technik macht es möglich, Licht in anderen Wellenlängen zu beobachten, als unsere Augen sehen können. Für Wellenlängen, welche die Größe der Staubkörner übertreffen, sind die Dunkelwolken durchlässig. Als es in den 1960er Jahren möglich wurde, Wellen mit Längen von Millimetern zu empfangen, stellten die Astronomen erstaunt fest, dass aus diesen Wolken Signale von Molekülen entweichen. Bis zu dieser Zeit dachten die Astronomen bei Molekülen vor allem an die Atmosphären von Planeten. Es war völlig unerklärlich, wie Moleküle im interstellaren Raum entstehen können. Mit den Jahren wurde es klar, dass die Moleküle nicht nur existieren, sondern sogar die Hauptrolle in Dunkelwolken spielen. Diese bestehen vor allem aus einem Gas von Molekülen, und der Staub hat nur einen Anteil von etwa einem Prozent an der Masse einer Wolke. Daher spricht man heute von Molekülwolken. Nicht nur der Staub ist darin angereichert, auch das molekulare Gas ist millionenfach dichter als in der Umgebung. Das weitaus häufigste Molekül, das Wasserstoffmolekül, besteht aus zwei Wasserstoffatomen und hat die Form einer kleinen Hantel der Größe von drei Atomradien. Das Molekül bewegt sich infolge seiner thermischen Energie mit einigen hundert Metern pro Sekunde durch den Raum.
Handelt es sich wirklich um Wolken zwischen den Sternen? Sind es auch nicht einfach große Gewitterwolken, so gibt es aber durchaus einige äußerliche Ähnlichkeiten zwischen interstellaren und irdischen Wolken. Wolken in der Erdatmosphäre enthalten ebenfalls Gas sowie kleine Partikel, fest gefroren oder flüssig, welche das Licht absorbieren. Irdische Wolken sind weiß, wenn sie das Sonnenlicht anstrahlt. Nachts hingegen, wenn auch der Mond nicht scheint, wirken sie dunkel gegen das Sternenlicht. Natürlich, es gibt den Größenunterschied von etwa einer Billiarde (eine Eins gefolgt von fünfzehn Nullen, 1015) zwischen irdischen und interstellaren Wolken. Kosmische Wolken haben Durchmesser von einigen hundert Lichtjahren. Mit Lichtgeschwindigkeit (300 000 Kilometer pro Sekunde) würde es demnach einige hundert Jahre brauchen, um eine Wolke zu durchfliegen. Die Temperatur ist tiefer als minus 200 Grad Celsius, und das Gas ist weniger dicht als das beste Vakuum in irdischen Laboratorien. Dennoch würde die Masse ausreichen, um Tausende, wenn nicht Millionen von Sonnen zu bilden.
Der größte Unterschied zu Erdwolken ist die Unregelmäßigkeit. In den interstellaren Wolken fliegen die Fetzen. Wolkenteile bewegen sich mit Überschallgeschwindigkeit und bilden Schockwellen, wenn sie aufeinanderstoßen. Es gibt Dichteunterschiede von mehreren Zehnerpotenzen. Ultraviolett-Strahlung von Nachbarsternen heizt die Wolke und lässt an der Oberfläche den Staub verdampfen. Ausgebrannte, massereiche Sterne in der Wolke explodieren als Supernova und bilden blasenförmige Hohlräume. Magnetfelder übertragen Wellen von einem Ende ans andere. Aber das Wichtigste: Molekülwolken bergen ein Geheimnis. Sterne und Planeten entstehen in ihnen, und es ist bei weitem nicht klar, wie das vor sich geht.
Frühere Vorstellungen über die Sternentstehung
Am Anfang schien alles sehr einfach. Als sich Isaac Newton (1643–1727) Gedanken darüber machte, wie die Sonne und andere Sterne entstehen konnten, ging er von der kosmischen Wirkung der Schwerkraft aus. So wie die Erde einen Apfel anzieht, bis er schließlich vom Baum fällt, so ziehen sich auch die Himmelskörper und Gaswolken an. Wäre nun die Materie im unendlichen Raum ursprünglich gasförmig gewesen, hätten zufällige Schwankungen in der Dichte lokale Unterschiede in der Schwerkraft gebildet. An Orten mit leicht erhöhter Schwerkraft hätte sich, so Newton, das Gas zusammenziehen und einzelne Sterne bilden können.1 Typisch für Newton und die Physik nach ihm ist die Abfolge von Ursache und Wirkung. Ursache ist eine Kraft, hier die Gravitation, und ihre Wirkung ist eine beschleunigte Bewegung. Natur ist nicht Anarchie, sondern folgt einer Ordnung, die sich mit mathematischen Gleichungen beschreiben lässt. Newtons revolutionäre Erkenntnis war, dass im Kosmos die gleichen Regeln gelten wie auf der Erde.
Newtons Spekulation stand in einem größeren Zusammenhang.2 Er ging noch ganz von der Vorstellung aus, dass Sterne unbeweglich im Raum stehen. Der Name »Fixstern« ist zwar heute selten geworden, kündet aber von jenem Weltbild aus der Antike und dem Mittelalter, das noch nicht von den unglaublich großen Geschwindigkeiten der Sterne wusste. Die Bewegungen waren damals wegen ihrer großen Entfernung noch nicht beobachtbar. Für Newton waren Sterne zwar unbeweglich, aber bereits nicht mehr an einer Himmelssphäre fixiert, sondern im Raum verteilt. Er wurde von einem jungen Theologen, Richard Bentley, angefragt, warum die Sterne, die sich gegenseitig infolge der Schwerkraft anziehen, nicht zu einem größeren Objekt zusammenfallen. Galt in der Entfernung der Sterne das Gesetz der Gravitation nicht mehr? Newton war die Universalität seiner Theorie betreffend nicht zum Nachgeben bereit und spekulierte, dass die Sterne in einem unendlichen Raum so gleichmäßig verteilt seien, dass sich die Anziehung zwischen den Massen gegenseitig aufhebe. Allerdings musste Newton zugeben, dass dies eine enorme Präzision verlange. Die kleinste Abweichung würde zur Katastrophe führen.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bezogen solche Diskussionen weitere Hintergründe ein. Eigentlich war es Bentleys Frage, ob Gott eine so perfekte Welt erschaffen habe, dass er ihr den Rücken kehren und sie sich selber überlassen konnte. Durch Bentleys Fragen herausgefordert, suchte Newton nach Antworten, um seine Gravitationstheorie zu verteidigen. Typisch für ihn: Er suchte die Antwort in der Natur selbst. Mit Daten aus Sternkatalogen wies er nach, dass die Sterne in der Umgebung der Sonne in der Tat ungefähr gleichmäßig verteilt sind. Doch für die Stabilität der Sterne bezüglich der gegenseitigen Anziehung konnte er keine physikalische Lösung finden. Er postulierte – ebenfalls typisch für ihn und seine Zeit – dass Gott von Zeit zu Zeit eingreife und den Kollaps verhindere, indem er die Sterne wieder an ihren angestammten Platz zurückschiebe. Gott hatte in Newtons Weltbild nicht nur die Aufgabe des Uhrmachers, der am Anfang das kosmische Wunderwerk schuf, sondern auch des dringend notwendigen Servicemonteurs, der es am Laufen hielt. Newton vermutete Gott nicht in der Gravitation, aber im unergründlichen Geheimnis hinter der Gravitation und anderen Kräften. »In Ihm sind alle Dinge enthalten und in Ihm bewegen sie sich.«3 Er erweiterte die Idee der göttlichen Fürsorge von der Ebene menschlicher Lebenserfahrung in kosmische Dimensionen. Somit revidierte er das damals verbreitete Paradigma des Universums als eines von Gott für immer und ewig erschaffenen Uhrwerks um ein entscheidendes Element: Gott als Erhalter der Welt.
Newtons Gottesbild eines Welterhalters und aktiven Weltenlenkers stieß beim berühmten deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) auf vehemente Kritik. Warum sollte Gott in seiner Allmacht nicht ein Universum erschaffen können, das keinen Unterhalt braucht? Leibniz gehörte geistig einer älteren Generation an, die noch geprägt war durch Gedankenfiguren aus der Antike und dem Mittelalter. In dieser Tradition galt Gott als Inbegriff von Allmacht und Allwissenheit. Allerdings war dieser Begriff eines unendlich fernen und am Gegenwartsgeschehen unbeteiligten Gottes dem Untergang geweiht. Es ist nicht erstaunlich, dass der moderne Atheismus in dieser zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erstmals philosophisch ausformuliert wurde. Der Atheismus zu jener Zeit war im Grunde agnostisch.4 Ein Gott, der zwar vor langer Zeit das Universum erschaffen hatte, aber im Leben keine Rolle spielte, ist letztlich unwichtig und kann ohne Schaden beiseitegelegt werden. Newtons Erklärungsversuch zur Stabilisierung des Universums überlebte nicht lange. Sobald die Gravitation im frühen 18. Jahrhundert zu einer rein physikalischen Kraft wurde, verlor die Idee eines »handgreiflichen« Gottes an Attraktivität. Newtons Vorgehen hingegen, die Natur selbst zu befragen, ist noch heute die Methode der neuen Naturwissenschaften. Das wollen auch wir in unserem Bericht über die Entstehung von Sternen und Planeten tun.
Die Vorstellungen haben sich in den vergangenen dreihundert Jahren dank neuer Beobachtungsmethoden einschneidend verändert. Die Grundidee von Newton, dass sich Sterne aus dem interstellaren Gas durch Selbstgravitation bilden, ist zwar noch immer aktuell. Sie wird aber der heute bekannten Komplexität der Vorgänge nicht gerecht. Nicht nur die Schwerkraft ist wichtig, fast die ganze Physik von magnetischen bis zu nuklearen Kräften und selbst die Chemie des interstellaren Gases wirken mit. Sterne, insbesondere solche in ihrer Anfangsphase, sind keine unveränderlichen Kugeln, sondern dynamische Vorgänge, in denen sich Materie ansammelt, in Scheiben zu rotieren beginnt, sich chemisch verändert und zum Teil wieder ausgeworfen wird. Vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Wenn sich Sterne bilden, ist die ganze Vorgeschichte seit dem Beginn des Universums von Belang. Dies weist auf kosmosweite Zusammenhänge, die wir noch lange nicht alle verstehen. Treten wir hinaus und machen wir eine Reise, um uns diese Dinge näher anzuschauen!
Ein Streifzug in unsere kosmische Umgebung
Der Raum zwischen den Sternen ist nicht ganz leer. Es gibt dort Atome, Moleküle, Elementarteilchen und feine Staubpartikel. Die Unterschiede von Ort zu Ort sind immens. Sie unterscheiden sich um viele Zehnerpotenzen in Dichte und Temperatur. Selbst der Zustand der Materie ist verschieden und geht von Staub und molekularem Gas nahe beim absoluten Nullpunkt der Temperatur (-273 Grad Celsius) über atomares Gas mit einigen tausend Grad bis zu ionisiertem Gas mit Millionen von Grad, das vor allem aus Elektronen und Protonen besteht. Das Sonnensystem und die allernächsten Sterne sind von einem siebentausend Grad heißen Gas umgeben. In einem Würfel von zwei Zentimeter Kantenlänge befinden sich durchschnittlich nur zwei Atome oder Atomkerne. Das Gas ist gleichwohl etwa zehnmal dichter als die Umgebung. Man nennt es den »Lokalen Flaum« (Local Fluff). Die Sonne mit ihren kreisenden Planeten befindet sich nahe am Rand dieser langgestreckten Struktur. Der Lokale Flaum ist fünfundzwanzig Lichtjahre lang und zwischen fünf und zehn Lichtjahre breit. Die Breite entspricht etwa dem zehntausendfachen Durchmesser des Sonnensystems bis zum Planeten Neptun. Das Sonnensystem fliegt mit 26 Kilometern pro Sekunde durch diese kleine interstellare Wolke. Weltraumsonden spüren das Gas des Lokalen Flaums auf, wie es zwischen den Planeten vorbeiströmt. Die verblüffend hohe Temperatur birgt übrigens keine Gefahr auf interplanetaren Reisen, weil die wenigen Atome pro Kubikzentimeter die vielen Atome in der Hülle eines Raumschiffs nicht zu erwärmen vermögen. Auch andere bekannte Nachbarsterne, wie Alpha Centauri, Wega und Altair, bewegen sich in derselben Wolke. Die Sonne ist eben erst eingetaucht und wird 200 000 Jahre brauchen, um den Lokalen Flaum zu durchqueren.

Abbildung 2: Der Orion-Nebel in rund 1500 Lichtjahren Entfernung füllt fast das ganze Sternbild. Das Bild zeigt einen Ausschnitt unterhalb der drei Gürtelsterne. In der Mitte beleuchtet eine Gruppe von jungen, hellen Sternen das Gas im Umkreis von 10 Lichtjahren. Auf diesem Hintergrund kann man dunkle Molekülwolken erkennen (Foto: M. Robberto u. a., NASA, ESA).
Der Lokale Flaum schwebt wie eine Daune in einem noch viel heißeren Gas, der »Lokalen Blase« (Local Bubble) mit einer Temperatur von einer halben Million Grad. Auch dieses Gas kann uns nichts anhaben. Öffnete ein Astronaut in der Lokalen Blase eine leere Literflasche, würden durchschnittlich nur zehn Atome darin Platz nehmen. Die Lokale Blase mit einem Radius von 150 Lichtjahren muss vor einigen zehn Millionen Jahren durch Supernovae in der Nähe des Sonnensystems entstanden sein. Warme und heiße Gebiete von der Art des Lokalen Flaums und der Lokalen Blase machen den weitaus größten Teil des Raumes in unserer Gegend der Milchstraße, unserer Galaxie, aus.
In diesen unvorstellbar großen Räumen gibt es zwar viele Sterne, aber das interstellare Gas mit seiner hohen Temperatur und sehr geringen Dichte kann keine neuen Sterne bilden. Sterne entstehen in einer dritten Zustandsform des interstellaren Gases, in den bereits erwähnten Molekülwolken (Dunkelwolken). Diese beanspruchen nur ein Prozent des Volumens, aber ein volles Drittel der Masse des lokalen interstellaren Gases in der Milchstraße. Molekülwolken müssen folglich sehr dicht sein. Die Moleküle in einem Gas stoßen gegeneinander und werden zum Rotieren und Schwingen angeregt. Sie sind dann in einem höheren Energiezustand und geben diese Energie nach einer Weile in Form einer elektromagnetischen Welle wieder von sich. In einem Bereich von Wellenlängen kleiner als ein Mikrometer nehmen unsere Augen diese Wellen als optisches Licht wahr. Im Infrarot sind die Wellenlängen größer und die Strahlung ist intensiver. Ihre Stärke nimmt zu bis zu einer Wellenlänge von fast einem Millimeter. Da ein dichtes Gas auf diese Weise viel seiner Wärme in den Weltraum abstrahlt, kühlt es sich ab. Bei tiefen Temperaturen besteht das Gas zum größten Teil aus Molekülen, und diese wiederum bestehen zu 99,99 Prozent aus molekularem Wasserstoff und atomarem Helium.
Hier gibt es ein subtiles Problem im Bereich von Molekülen, das uns später noch beschäftigen wird und große Auswirkungen auf die Wolken hat: Bei niedrigen Temperaturen sind Stöße schwach und bringen Moleküle nur zum Rotieren. Für alle anderen Strahlungsursachen, wie zum Beispiel Schwingungen, reicht die Energie in den kalten Wolken nicht. Ausgerechnet das häufigste Molekül, das Wasserstoffmolekül, und Helium werden jedoch bei niedrigen Temperaturen nur ungenügend angeregt, sodass sie überhaupt nicht zum Leuchten kommen. Daher sind Wasserstoffmoleküle in Wolken nicht beobachtbar, und sie tragen nichts zur Abkühlung bei, ohne die keine Sterne entstehen. Aus diesem Grund sind auch viel weniger häufige Moleküle wichtig, wie Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Wasserdampf, Methanol und Ammoniak. Sie strahlen ihre Rotationsenergie in Form von Infrarot- und Millimeterwellen ab.
Der Staub der Wolken schützt die zerbrechlichen Moleküle in diesen dunklen, kalten Winkeln unserer Galaxie vor hochenergetischen Strahlen und der Wärmestrahlung benachbarter Sterne. Ultraviolett- und Röntgenstrahlung von bereits entstandenen Sternen in der Nachbarschaft würden Moleküle aufbrechen und sie zerstören. Ohne Staub gäbe es keine Moleküle, ohne Moleküle keine Sterne und Planeten. Der interstellare Staub entstand im Wind von Sternen früherer Generationen. Wir werden diesen Winden noch näher begegnen, wenn wir auf die Endphase von Sternen detaillierter eingehen. Es gibt im Universum ein Geflecht von kausalen Zusammenhängen. Aber wie entstand der erste Stern – im frühen Universum ohne Staub und Moleküle? Eine Antwort auf diese Frage werden wir später geben.
Glücklicherweise sind Molekülwolken transparent für Infrarot- und Millimeterwellen, genau für jene Wellenlängen, in denen kalte Moleküle strahlen. Nur können unsere Augen diese Wellen nicht sehen. Unsere Netzhaut ist an das Sonnenlicht angepasst, das im optischen Bereich sein Maximum hat, und aus diesem Grund können wir auch nachts die sonnenähnlichen Sterne sehen. Einige Lebewesen, wie zum Beispiel Schlangen, haben Augen, welche die Wärmestrahlung von warmblütigen Tieren im Infrarot sehen. Wenn sie den Nachthimmel anschauen, sehen sie nur wenig von den Sternen, dafür die riesigen Molekülwolken, einige so groß wie die Hand am ausgestreckten Arm. Seit zwei Jahrzehnten können auch Menschen diese Strahlung mit immer besseren Teleskopen beobachten. Viele Dinge im Alltag, wie bestimmte Vögel, Blumen oder Autos, erkennen wir an ihrer Farbe. So hat auch jedes Molekül seine charakteristische Farbe, sogenannte Spektrallinien, die Informationen über Dichte, Bewegung, chemische Zusammensetzung und Temperatur des Gases und des Staubes enthalten.
Die uns nächsten Molekülwolken liegen im Sternbild des Schlangenträgers, 370 Lichtjahre von uns entfernt. Dort entstehen Dutzende von Sternen. Erste Anzeichen eines werdenden Sternes sind runde Gebilde mit hoher Dichte, sogenannte Wolkenkerne. Sie haben einen Durchmesser von etwa einem Lichtjahr, ein Viertel der Distanz von der Sonne bis zum nächsten Stern. Je dichter ein Gas, desto besser kann es seine Wärme abstrahlen. Daher sind diese Regionen bis zu minus 266 Grad Celsius kalt, nur 7 Grad über dem absoluten Nullpunkt. Bei dieser Kälte frieren alle Moleküle außer Wasserstoff aus und lagern sich auf den Staubkörnern an. Diese werden dadurch wie Schneeflocken von einem Eismantel umgeben. Er besteht zunächst aus einem Gemisch der verschiedenen Moleküle und Atome, wie sie im Gas der Molekülwolken vorkommen. Die Stauboberfläche wirkt dann über die Jahrtausende wie ein Katalysator und ermöglicht Reaktionen, die im Gas nicht stattfinden könnten. Neue Moleküle entstehen. So kann es geschehen, dass sich ein einzelnes Sauerstoffatom mit zwei Wasserstoffatomen zu einem Wassermolekül (H2O) zusammenfindet. Das meiste Wasser heute auf der Erde entstand im Mantel von interstellarem Staub vor 4,567 Milliarden Jahren, als sich der solare Urnebel langsam herausbildete.
Rationalität der Natur
Warum fallen interstellare Molekülwolken unter ihrer eigenen Schwere nicht zusammen, wie es Newton postulierte? Die Masse aller Moleküle in den Wolken übersteigt jene der Sonne um das Hundert- bis Millionenfache. Würde eine solche Wolke zusammenfallen, entstünde kein Stern mit möglichen Planeten, sondern ein Schwarzes Loch,5 aus dem kein Licht entweichen könnte. Die Kollapszeit von Molekülwolken wäre weniger als eine Million Jahre, und damit viel kürzer als das Alter unserer Galaxie. Würden die Wolken einfach kollabieren, gäbe es in unserer Galaxie schon lange keine Materie mehr für neue Sterne. Newtons Vorstellung von interstellaren Wolken war zu stark von irdischen Wolken geprägt. Er wusste nicht, dass Molekülwolken ständig in chaotischer Bewegung sind. Wolkenteile bewegen sich in allen Richtungen, schießen aneinander vorbei und fallen nicht einfach zusammen. In einer statischen Wolke, wie sie sich Newton vorstellte, wäre die Schwerkraft gegen das Zentrum gerichtet. Die gegenseitige Anziehung der verschiedenen Wolkenteile geht jedoch in einem Tohuwabohu von Bewegungen unter.
Chaos stabilisiert die Molekülwolken, wenn auch nicht vollständig. Die Turbulenz gibt Molekülwolken eine Lebenszeit von einigen zehn Millionen Jahren. In dieser Zeit bilden sich an bestimmten Stellen in der Wolke lokale Verdichtungen, die ungefähr die Masse der Sonne aufweisen, die Wolkenkerne. Infolge der ungeordneten Wirbelströmungen teilt sich eine Wolke in Hunderte von Komponenten auf. Computersimulationsrechnungen zeigen, dass sich zufällige Dichtekonzentrationen zu Wolkenkernen verstärken, aus denen, wie wir später sehen werden, schließlich Sterne entstehen. Während das turbulente Chaos der Klumpen die Molekülwolke stabilisiert, lässt es auch zu, dass lokal – in kleinen, dichten Gebieten – Neues entsteht. Während der Lebenszeit einer Molekülwolke werden höchstens 10 Prozent ihrer Materie in Sterne umgesetzt.6 Dann wird die Strahlung der jungen Sterne so stark, dass der Staub verdampft, die Moleküle aufbrechen und Sternwinde die Wolke auseinanderreißen. Der Rest der Wolke verliert sich in den Weiten unserer Galaxie. Das Alte vergeht, es entstand etwas Neues und tritt an seine Stelle: ein Sternhaufen.
Newtons Stabilitätsproblem hat eine rationale Erklärung gefunden in der Dynamik der Molekülwolken. Beim genaueren Hinsehen entpuppt sich die Wirklichkeit anders als die besten Vorstellungen und als erstaunlich vielfältiger. Die Komplexität hat ihren Grund: Es spielen viele Prozesse und verschiedene Teile in das Geschehen hinein. Was an einem Ort in der Molekülwolke passiert, hat einen Einfluss an den anderen Orten. Je nach den Umständen verhindert der erste Stern vielleicht das Entstehen eines weiteren Sternes an einer bestimmten Stelle und fördert es an einer anderen. Sterne entstehen nicht isoliert. Schon bei ihrer Entstehung sind sie vernetzt mit einer Umgebung von Hunderten von Lichtjahren. Von den vielen Vorgängen, die ineinandergreifen, damit ein Stern entsteht, werden wir im nächsten Kapitel einige beispielhaft herausstellen. Bemerkenswert ist: Newtons Hypothese, dass Gott dort zu finden ist, wo unser Verstehen aufhört, hat sich nicht bestätigt.
Wir wissen nicht, wie Molekülwolken entstehen. Sie bilden sich vermutlich, wenn die Dichte von Wasserstoffatomen und Staub im interstellaren Raum aus irgendeinem Grund etwas höher ist. Es gibt rund 6000 riesige Molekülwolken in unserer Galaxie, in jeder sind Tausende bis Millionen von Sternen im Stadium des Entstehens. In weniger als 10 Millionen Jahren verschwinden die Wolken wieder und neue entstehen. Was in den Molekülwolken vor sich geht, verstehen wir ebenfalls noch nicht vollständig, und je mehr wir verstehen, desto mehr Unbekanntes erscheint. Die Brutstätte der Sterne bleibt im Grunde rätselhaft wie vor Jahrhunderten. Das rationale Erforschen der Vorgänge hat sie nicht enträtselt, nur die Grenze unseres Wissens verschoben. Wenn ich im Gewirr einer dunklen Molekülwolke bläulich funkelnde junge Sterne umgeben von heißem rötlichen Gas sehe, spricht mich nicht nur das Unbekannte und Rätselhafte an. Noch mehr staune ich über die Vielfalt und Zweckmäßigkeit der uns bekannten Vorgänge, die Neues entstehen lassen. Rationalität behindert das Staunen nicht.

Abbildung 3: Dunkle Molekülwolken im Rosettennebel, dreitausend Lichtjahre entfernt, sind von einem zehntausend Grad heißen, leuchtenden Gas umgeben. In den Molekülwolken sind neue Sterne am Entstehen (Foto: N. Wright, UCL, IPHAS collaboration).
Wenn Sterne und Planeten entstehen
Das vorangehende Kapitel veranschaulichte, wie sich in riesigen Molekülwolken kugelförmige Kerne aus Gas und Staub bilden. Ihre Massen übertreffen jene der Sonne. Wolkenkerne kühlen ab und kontrahieren, langsam, aber unabwendbar. Wenn das Gas dichter und der Radius kleiner werden, steigt die Schwerkraft. Sie wächst schneller als der Gasdruck, der ihr entgegensteht. Irgendwann überschreitet die Schwerkraft den Schwellwert, bei dem der Gasdruck der wachsenden Anziehung nicht mehr standhalten kann. Der Wolkenkern fällt unter seiner eigenen Schwerkraft in sich zusammen. Der Kollaps beginnt im innersten Teil, und es dauert einige hunderttausend Jahre, bis die Bewegung die äußeren Regionen erreicht. Die Geschwindigkeit steigert sich wie bei einem Apfel, der im freien Fall vom Baum fällt, und erreicht einige zehn Kilometer pro Sekunde.
Akkretionsscheiben
Man könnte nun denken, dass kugelrunde Wolkenkerne nur noch unter ihrer eigenen Schwerkraft zusammenfallen müssten, damit ein Stern entstehe. Weit gefehlt! Die Drehbewegung einer interstellaren Wolke ist nicht genau null. Am äußeren Rand ist die Umlaufzeit um das Zentrum der Milchstraße langsamer als am innern Rand. Die Wolke dreht sich, wie wenn sie auf ihrer Kreisbahn um das galaktische Zentrum rückwärts rollte. Daneben hat sie wahrscheinlich aus ihrer Entstehung auch noch einen gewissen Drall. Die Wolkenkerne wiederum sind noch unruhiger, da sie eine wilde Entstehungsgeschichte hinter sich haben. Kollabiert nun ein Wolkenkern, bleibt sein Drehimpuls7 erhalten. Je mehr sich Materie zusammenzieht, desto schneller muss sie rotieren. Das bekannteste Beispiel ist eine Eiskunstläuferin, die mit ausgestreckten Armen zu einer Pirouette auf der Schlittschuhspitze ausholt. Wenn sie sich dreht und nun die Arme anzieht, wirbelt sie immer schneller herum, weil der Drehimpuls erhalten bleibt. Ein typischer Wolkenkern dreht sich einmal in einer Million Jahren um sich selbst. Fiele er zu einem Stern zusammen, würde sich dieser schneller als einmal pro Sekunde drehen! Das ist nicht möglich. Die Zentrifugalkraft an seiner Oberfläche wäre viel größer als die Schwerkraft, und der Stern würde auseinandergerissen.
Der Kollaps führt also nicht zu einem Stern. Die Kontraktion endet vielmehr mit einer schnell rotierenden Scheibe, wobei sich Zentrifugalkraft und Schwerkraft ausbalancieren. Der Durchmesser der Scheibe beträgt typischerweise tausendmal die Distanz Erde-Sonne, und ist immerhin hundertmal kleiner als die Dimension des ursprünglichen Wolkenkerns. Die Scheibendicke nimmt nach außen zu und beträgt ungefähr ein Zehntel des Radius. Man nennt diese rotierenden Gebilde Akkretionsscheiben (lat. accresco = anwachsen), weil sich darin die Materie ansammelt, die im freien Fall zusammenfällt, wenn der Wolkenkern instabil wird.
Warum kreisen Planeten?
Pierre Simon Laplace (1749–1827) machte auf das Problem der Drehimpulserhaltung aufmerksam und entwickelte daraus eine Theorie zur Erklärung der Planeten. Sie ist die erste mathematisch durchdachte Theorie der Entstehung des Sonnensystems. Laplace ging von einem Urnebel aus, der wie eine Atmosphäre die Sonne umgab. Weil sich der Nebel abkühlte, schrumpfte er, und weil der Drehimpuls erhalten blieb, rotierte der Nebel immer schneller. Dadurch flachte sich die Atmosphäre zu einer Scheibe ab. Die Fliehkraft wurde immer größer. Am äußeren Scheibenrand wog sie schließlich die Schwerkraft der Sonne auf, sodass sich ein Gasring vom Nebel löste, der ohne weitere Kontraktion kreiste. Nach einer Weile wiederholte sich der Vorgang, bis die Sonnenatmosphäre auf ihre heutige Größe schrumpfte. In den Ringen verdichtete sich die Materie zu Klumpen, wie das Immanuel Kant (1724–1804) schon 50 Jahre vor Laplace vorgeschlagen hatte. In jedem Gasring, so Laplace, war eine Verdichtung dominant und lagerte sich kleinere Nachbarn an. Sie wuchs zum Planeten. Weil der Gasring um die Sonne kreiste, musste dies mit gleicher Geschwindigkeit auch der Planet tun. Dieser zog weiteres Gas an, und nun geschah dasselbe nochmals im kleineren Maßstab. Es bildeten sich kleinere Körper, die den Planeten umkreisten und sich zu seinen Monden vereinten. Das restliche Gas blieb schließlich übrig als Planetenatmosphäre.
Die Theorie von Laplace wurde zu seiner Zeit stark beachtet. Kaiser Napoleon ließ ihn zu sich kommen. Diese Szene ist aus einer Anekdote bekannt, die Victor Hugo überliefert hat.8 Napoleon stellte ihn zur Rede, wie er die ganze Schöpfung erkläre, ohne je von Gott zu reden. Laplace gab die berühmte Antwort: »Sire, je n’avais pas besoin de cette hypothèse.«9 Anscheinend ging Laplace davon aus, dass er nun alle Erklärungslücken geschlossen habe. Die Aussage hatte eine für die damalige Zeit besondere Brisanz, widersprach sie doch den Vorstellungen eines Gottes, der wie ein Uhrmacher die Welt vor dem Anfang der Zeit erschuf und dessen Tätigkeit unerklärbare Lücken hinterlassen haben müsste.
Aber auch das Modell von Laplace ließ selbst für seine Zeitgenossen noch mindestens eine Frage offen: Wenn eine interstellare Wolke kontrahiert und als rotierende Scheibe ins Gleichgewicht kommt, kann diese nicht weiter zu einem Stern schrumpfen. Sie müsste genau wie ein Planet oder der Ring des Saturns – so warf James C. Maxwell (1831–1879) später ein – für immer kreisen. Die Erhaltung des Drehimpulses kann zwar erklären, wie sich kreisende Planeten bilden, verhindert aber die Entstehung von Sternen. Es schien keinen Grund zu geben, warum die Akkretionsscheibe zu einem Stern kontrahieren konnte. Warum blieb der Drehimpuls der Planeten konstant, jener der Sonnenmaterie aber ging verloren? Die Kant- Laplace-Theorie konnte das Entstehen der Planeten erklären, nicht aber wie die Sonne und andere Sterne aus dem Gas einer Akkretionsscheibe entstanden sind. Der Kritikpunkt war so überzeugend, dass sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine andere Hypothese in den Vordergrund drängte, die Idee einer Streifkollision mit einem anderen Stern, bei der die Planeten herausgeschleudert wurden.10 Heute wissen wir, dass Sternkollisionen äußerst selten sind. In unserer immerhin rund 13 Milliarden Jahre alten Milchstraße mit rund drei hundert Milliarden Sternen ist dies erst etwa hundert Einzelsternen wie der Sonne passiert.
Lange Zeit blieb die Entwicklung von Akkretionsscheiben zu Sternen völlig rätselhaft. Die heutige Astrophysik hat erst in den 1960er Jahren begonnen, die Ideen von Kant und Laplace weiter zu entwickeln. Seit zwanzig Jahren sind zwei reelle Möglichkeiten bekannt und zum Teil beobachtet worden, wie eine Akkretionsscheibe Drall abgeben und somit weiter schrumpfen kann.
Zunächst eine Zwischenbemerkung zur Wahrheit von naturwissenschaftlichen Theorien: Hat sich die Nebularhypothese von Kant und Laplace bewahrheitet? Gewiss hat sie sich gegen die Kollisionshypothese durchgesetzt. Von Wahrheit zu sprechen wäre jedoch zu viel. Naturwissenschaftliche Theorien sind nicht wahr oder falsch, sondern gut oder schlecht. Eine gute Theorie kann viele Beobachtungen erklären und regt zu neuen Messungen an, an denen sie geprüft werden kann. Die Nebularhypothese hielt diesen Prüfungen im Großen und Ganzen stand. Die Kollisionshypothese hingegen wurde nicht bestätigt. Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass Sonne und Planeten nicht die gleiche chemische Zusammensetzung haben. Die Sonne besteht vor allem aus Wasserstoff, die Erde hingegen aus Sauerstoff, Silizium und Eisen. Das war mit chemischer Trennung in der Akkretionsscheibe leicht zu erklären, hätte aber eine komplizierte Erweiterung der Kollisionstheorie erfordert. Die Kollisionshypothese war nicht völlig falsch, wenn auch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht auf die Sonne anwendbar. Es zeigte sich nämlich, dass in kompakten Sternhaufen, den sogenannten Kugelsternhaufen, Sternkollisionen tatsächlich eine Rolle spielen. Der Vorgang wird heute mit numerischen Simulationen in großen Computernetzwerken modelliert. Wenn Sterne in Kollisionen auseinandergerissen werden, treten interessante Phänomene auf, aber es bilden sich keine erdähnlichen Planeten. Damit ist die Kollisionshypothese zur Entstehung des Sonnensystems endgültig vom Tisch.
Andrerseits ist die Laplacesche Theorie des schrumpfenden Urnebels längst überholt. Wolkenkerne, zum Beispiel, schrumpfen nicht, sondern kollabieren im freien Fall. Trotzdem war es die bessere Theorie, denn sie führte in Richtung Wahrheit. Wahr ist eine Aussage, wenn sie mit dem Sachverhalt übereinstimmt. Stimmte eine naturwissenschaftliche Theorie mit der Gesamtheit aller möglichen Messungen vollständig überein, würden wir sie wahr nennen. Messungen und Beobachtungen, wie sie in Molekülwolken und an entstehenden Sternen gemacht werden, können jedoch nicht der vollständige Sachverhalt sein, weil wir nie alles messen können. Wir kennen nur jenen Teil der Wirklichkeit, den wir beobachtet haben. Daher führt die naturwissenschaftliche Methode zu adäquaten Beschreibungen der mit ihr fassbaren Wirklichkeit, aber nie zu einer wahren Theorie. Theorien sind menschliche Konstrukte und nicht beweisbar. Oft sind sie nur mit einem Teil der Beobachtungen verträglich. Trotz unvollständiger und mangelhafter Daten einigt sich eine Mehrheit der Fachleute meistens auf eine Theorie. Der Grund ist keine geheime Abmachung, sondern die überwältigende Evidenz der Beobachtungsbefunde. Man darf Theorien in ihrer Vorläufigkeit nicht unterschätzen. Dank guter Theorien kann eine Raumsonde zu einem Kometen fliegen und mit Bodenproben zurückkehren.
Das Szenario der Stern- und Planetenentstehung aus Molekülwolken wird heute unter Fachleuten allgemein akzeptiert. Wie dies im Detail vor sich geht, hat jedoch noch keineswegs den Status einer guten Theorie, denn es gibt noch viele Lücken. Der Grund liegt in der Komplexität der Vorgänge, von der das Folgende einen Geschmack geben soll.

Abbildung 4: Aus der dunklen Molekülwolke in der linken unteren Ecke schießt ein Jet mit dreihundert Kilometern pro Sekunde nach rechts oben. Er hinterlässt eine helle Spur von geschocktem Gas und trifft schließlich auf das ruhende interstellare Gas außerhalb der Wolke. Dort, nach 5 Billionen Kilometern, verursacht er eine Bugwelle, die unter dem Namen HH-47 bekannt ist. Der Jet transportiert Drall von der Akkretionsscheibe ins interstellare Gas (Foto: J. Morse, HST, WFPC2, NASA).
Von der Akkretionsscheibe zum Protostern
Die Antwort auf das Problem von Laplace ist äußerst vielfältig, selbst ohne auf die Details der einzelnen Prozesse einzugehen. Eine große Zahl verschiedener Vorgänge muss ineinandergreifen, damit ein simpler Stern entsteht. Die Komplexität hat ihren Ursprung in dieser Vielzahl und führt zu einer Myriade von möglichen Endprodukten. Die Tradition der Sphärenklänge eines Pythagoras oder Keplers elegante Planetenbahnen verleiten manchmal dazu, sich ein überschaubares, harmonisches Universum vorzustellen. Aber die Wirklichkeit ist viel spannender, wenn auch letztlich unergründlich.
Die Physiker und Naturphilosophen des 18. Jahrhunderts konnten nicht wissen, dass rotierende Scheiben von Ausflüssen entlang der Rotationsachse begleitet sind. Im visuellen Licht, in dem die Ausflüsse stark gebündelt erscheinen, nennt man diese Materieströme Jets. Ihre Geschwindigkeit beträgt 100 Kilometer pro Sekunde und mehr. Jets erreichen eine Distanz von mehreren Lichtjahren, schießen also über die Dimension des ursprünglichen Wolkenkerns hinaus. Wo sie auf das ruhende Gas aufprallen, schieben sie wie ein Schiff eine Bugwelle vor sich her. Sie leuchtet hell auf und ist leicht erkennbar. Jets reißen einen Teil der kollabierenden Hülle mit. Dieser Strom bildet einen gemächlichen, aber massereichen Ausfluss von Gas und Staub. Mindestens ein Zehntel des Gases, das auf den jungen Stern einstürzt, geht in diesen Ausflüssen wieder verloren.
Schon länger ist der Verdacht aufgekommen, dass die Jets neben der Masse auch Drehimpuls fortführen. Das Weltraumteleskop Hubble hat 2004 die Drehbewegung der Jets bestätigt.11 Somit bietet sich eine Lösung an für das Rätsel von Laplace, wie die Rotation einer akkretierenden Scheibe gebremst wird. Der Drehimpuls des Jets kann nur vom Drall der Scheibe stammen. Geht der Scheibe Drehimpuls verloren, muss sie sich zusammenziehen. Dabei fließt im innersten Teil Gas von der Scheibe auf den Protostern ab. Die Scheibe ist nicht stationär; dank der Ausflüsse geht die Akkretion weiter. Die Scheibe schrumpft und entleert sich langsam, und der Stern legt an Masse zu.
Wir haben uns allerdings nun die Frage nach der Beschleunigung von Jets eingehandelt. Es ist in der Tat fast unvorstellbar, wie Staubkörner und Moleküle auf die hundertfache Geschwindigkeit einer Gewehrkugel beschleunigt werden. Am ehesten kommen Vorgänge wie in der Sonnenkorona in Betracht, wo magnetische Kräfte Teilchen beschleunigen. Hier taucht das Problem auf, dass die magnetische Kraft nur auf Teilchen mit elektrischer Ladung wirken kann. Enthält das Gas im Beschleunigungsgebiet der Jets etwa elektrisch geladene, sogenannte ionisierte Atome oder Moleküle? Es muss so sein. Als Verursacher stehen kosmische Teilchen im Verdacht, vor allem Protonen, die an Schockwellen von Supernova-Auswürfen weit entfernter Sterne auf enorme Geschwindigkeiten, nahe jener des Lichts, beschleunigt wurden. Sie durchdringen selbst die dichtesten Gebiete von Molekülwolken, stoßen mit Molekülen zusammen und ionisieren sie. So tragen alte, ausgebrannte Sterne bei ihrem Zerfall, der, wie wir später sehen werden, mit einer Supernova-Explosion endet, wesentlich zum Entstehen von neuen Sternen bei.
Mit dem Magnetfeld türmt sich die Komplexität. Viele Astronomen möchten es daher am liebsten weglassen. Die Erklärung, wie ionisierte Moleküle mittels magnetischer Kraft zu einem Jet beschleunigt werden, möchte ich den Leserinnen und Lesern ersparen. Die Details sind, falls überhaupt beobachtet, noch nicht erklärt. Vielmehr möchte ich eine zweite Möglichkeit erwähnen, wie ein junger Stern Drehimpuls aus seiner Akkretionsscheibe verlieren kann: Die Scheibe rotiert innen schneller als außen, wie bekanntlich auch die inneren Planeten schneller kreisen als die äußeren. Man denke sich nun die Scheibe in Ringe aufgeteilt, deren Nachbarn sich aneinanderreiben. Schnell rotierende innere Ringe geben Drall an äußere ab, die ihn wiederum an die nächst äußeren Nachbarn weitergeben. Reibung verlangsamt den schnelleren Ring im Innern der Scheibe. Drehimpuls wird durch die Scheibe nach außen befördert. Auch hier sind Magnetfelder von Bedeutung. Sie koppeln einen Scheibenring an seinen Nachbarn, wodurch Reibung entsteht. Wir können der Komplexität nicht ausweichen.
Wahrscheinlich wirken beide Mechanismen der Drehimpulsabgabe. Der Jet übernimmt einen Teil des Dralls im inneren Teil der Scheibe, die Reibung im äußeren Teil. Der sich im Zentrum bildende Protostern erhält den Großteil der Materie, der größte Teil vom Drehimpuls des kollabierenden Wolkenkerns wird jedoch wieder in die Molekülwolke zurückgeschleudert. Auf diese Weise kann sich der Stern als Insel mit kleinem Drehimpuls im stürmischen Durcheinander der Molekülwolke bilden.
Indem sie Drall in die Molekülwolke zurückgeben, tragen selbst kleinere Sterne wie die Sonne zur Turbulenz in der Wolke bei. Wie wir gesehen haben, verhindern die chaotischen Wolkenbewegungen das vorschnelle Entstehen übergroßer Sterne. Die Sternentstehung reguliert sich selbst. Mit der Energie, die Sterne freisetzen, ihren Winden, Strahlen und Explosionswellen, zerstören sie schließlich die fragile Wolke, aus der sie entstanden.
Sterne bilden sich auf Skalen von Lichtjahren und werden durch Prozesse im Bereich von Atomen und Molekülen beeinflusst. Es überrascht nicht, dass es da noch viele Wissenslücken gibt. Entgegen den Zeitgenossen von Laplace vermuten wir heute nicht mehr, in diesen Lücken Spuren von Gott zu finden. Sie sind vielmehr ein praktisch unerschöpfliches Arbeitsreservoir zukünftiger Generationen von Astronomen.
Planeten entstehen
Exoplaneten – so werden Planeten genannt, die um fremde Sterne kreisen – sind ein weiteres Beispiel, wie eine Entdeckung zu neuen Fragen führt. Es könnte den Naturwissenschaftlern wie Herkules mit der Hydra ergehen, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue Köpfe nachwuchsen. Die Planetenentstehung ist zwar kaum unendlich komplex im mathematischen Sinne. Eine vollständige Theorie scheint jedoch in weiter Ferne zu liegen. Einige Teilprozesse der Stern- und Planetenentstehung werden gut verstanden und bestätigen sich in neuen Messungen immer klarer, andere tun es nicht.
Bevor 1995 erstmals Exoplaneten entdeckt wurden,12 konnte niemand voraussagen, dass damit alle früheren Modelle der Planetenentstehung hinfällig würden. Die neu entdeckten Planeten, inzwischen sind es Hunderte und wöchentlich kommen neue hinzu, sind riesige Gaskugeln von der Art des Jupiters, hundert bis tausendmal massiver als die Erde. Sie kreisen jedoch, anders als Jupiter, sehr nahe um den Zentralstern, wo nach den früheren Modellen für das Planetensystem der Sonne kein Großplanet entstehen kann, nur allenfalls ein Zwerg wie Merkur von der Größe unseres Mondes. Sind diese Riesen dort entstanden oder gelangten sie im Laufe einer Entwicklung an ihren jetzigen Ort? Leider kann die gängige Beobachtungsmethode nur genau diese Art von sternnahen Riesen entdecken. Sowohl Planeten mit der Masse der Erde wie auch Planeten mit größerem Abstand wie Jupiter liegen an der Grenze des Beobachtbaren und sind praktisch noch unerforscht.
Die Jupiter-ähnlichen Exoplaneten haben eine erstaunliche Regel zu Tage gebracht: Die Mehrheit kreist um Sterne mit erhöhtem Anteil an schweren Elementen, wie Kohlenstoff, Sauerstoff und Eisen. Auch die Sonne liegt in dieser Hinsicht weit über dem Durchschnitt der Nachbarsterne. Offenbar sind diese Elemente notwendig, damit Planeten entstehen können. Für erdähnliche Planeten wäre dies nicht bemerkenswert, besteht doch die Erde vor allem aus schweren Elementen. Nun ist aber bei Jupiter und seinen Verwandten der Wasserstoff das Hauptelement. Die beobachtete Regel legt nahe, dass zuerst ein Planetenkern aus schweren Elementen entsteht, um den sich dann bei großen Planeten später eine Wasserstoffhülle ansammelt.


Abbildung 5: Die erst wenige Millionen Jahre alten Sterne HD 141569 (oben) und HD 4796A (unten) sind von Staubringen umgeben. Für diese Bilder wurde das Licht der Sterne großräumig mit einer runden Platte abgeschirmt, die als weißer Kreis eingezeichnet ist. Die Staubringe haben den fünffachen bzw. zweifachen Radius der Neptunbahn. HD 141569 hat sogar einen zweiten Ring in doppeltem Abstand. Es wird vermutet, dass die Ringe Überbleibsel einer Akkretionsscheibe sind, die von einem Planeten ausgehöhlt wurde. Die Staubkörner sind wahrscheinlich von einem dicken Wassereismantel umgeben (Foto: A. Weinberger [UCLA], B. Smith [UH] u. a., NASA, ESA).
Akkretionsscheiben bestehen genau aus dem Material, das zur Bildung von Planeten nötig ist: Gas, Moleküle und Staub. Wie daraus Planeten werden, ist jedoch nicht bekannt. Gewiss könnten sie wie Sterne durch die Eigengravitation von Dichteschwankungen entstehen, welche weitere Materie anziehen. Dieser Vorgang würde aber mehr Zeit brauchen, als zur Verfügung steht. Vermutlich sind Vorgänge am Werk, die sich selber verstärken, sogenannte Instabilitäten. Auch hier spielt vielleicht das Magnetfeld mit. Den Anfang machen vermutlich Staubteilchen, die aneinanderkleben.
Ein Protostern, der sich gleichzeitig mit den Planeten entwickelt, macht sich auf verschiedene Weise bemerkbar. Seine Strahlung erwärmt die Akkretionsscheibe, später kommt ein Sternwind auf und Ultraviolett-Strahlung setzt ein. Beide tragen die Randregionen der Scheibe ab, bis schließlich auch das restliche Gas entweicht. Der Staub verdichtet sich in der Scheibenebene und wird, falls er nicht von einem Planeten aufgenommen wird, schließlich wie ein Kometenschweif ins All hinaus mitgerissen. Akkretionsscheiben sind vorübergehende Erscheinungen. Planeten haben nur wenige Millionen Jahre Zeit, um in ihnen zu entstehen.
Es besteht kein Zweifel, dass die Astronomie in den vergangenen zwanzig Jahren sehr viel über Planeten gelernt hat. Im Gegensatz zur geografischen Landkarte der Erdoberfläche, wo die weißen Flecken seit dem 17. Jahrhundert fast verschwunden sind, scheint es für die Landkarte der Astronomie keinen festen Rahmen zu geben. Die farbigen Gebiete des Wissens sind zwar größer geworden, die Karte, und mit ihr die weißen Flecken, ist aber noch mehr gewachsen. Für die Planetenentstehung, wie auch für andere Entstehungsprozesse von Galaxien bis Lebewesen, hat die Karte nicht weiße Flecken, sondern ist vorwiegend weiß mit einigen eingestreuten Wissensflecken.
Vom Protostern zum Stern
Protosterne sind heiße Gaskugeln. Sie werden durch ihre eigene Kontraktion erhitzt wie jedes Gas, das komprimiert wird. Protosterne strahlen diese Energie an der Oberfläche ab, werden jedoch im Innern mit der Zeit dichter und heißer. Wenn gewisse Schwellwerte überschritten werden, verschmelzen kleine Atomkerne zu größeren. Den Anfang macht das seltene Deuterium, das zu Helium verschmilzt. Später passiert mit Wasserstoff, dem häufigsten Element, das Gleiche, aber mit größerer Wirkung. Aus vier Wasserstoffkernen wird ein Heliumkern. Seine Masse ist leicht geringer als jene der vier ursprünglichen Protonen. Die Differenz in Masse entspricht einer Energie, die als Wärme erscheint. In diesen Vorgängen kommen Kernkräfte zum Zug, welche nukleare Energie freisetzen. Ihr Energiereservoir ist tausendmal größer als die Gravitationsenergie, die bei der Kontraktion frei wird.
Der Wechsel in der Energieversorgung setzt eine neue Entwicklung in Gang: Der Protostern wird zum Stern. Seine innere Energiequelle versorgt ihn über Milliarden von Jahren und ermöglicht ihm einen stabilen Zustand. Bei kleineren Sternen wie der Sonne steigen Magnetfelder aus dem Innern auf, und entladen ihre Energie in der Atmosphäre. Wie später ausführlich beschrieben, wird diese auf mehrere Millionen Grad aufgeheizt und bildet eine Korona. Auch die heutige Sonne hat eine Korona, aber jene eines Jungsternes ist mehr als tausendmal energiereicher. Schuld daran ist die schnelle Rotation, die – wie der Dynamo am Fahrrad – je schneller desto mehr elektromagnetische Energie erzeugt. Damit ein Stern entsteht, müssen alle in der Physik bekannten Kräfte mitwirken: die Kernkräfte, die elektromagnetische Kraft und die Gravitation.
Das wunderbare Zusammenspiel aller Kräfte verändert auch die weitere Umgebung des Sternes. Die Wärmestrahlung der Korona liegt im Röntgenbereich. Sie dringt tief in die Scheibe und Hülle ein und reagiert dort mit Molekülen. Röntgenphotonen, die Lichtteilchen der Röntgenstrahlung, schlagen Elektronen aus den Molekülen heraus. Die befreiten Elektronen besitzen genug Energie, um in weiteren Molekülen dasselbe zu tun. Jedes Röntgenphoton hinterlässt eine Spur von ionisierten Molekülen. Diese sind chemisch äußerst aktiv. Ein durch Röntgenstrahlung dominiertes Netzwerk von chemischen Reaktionen entsteht. Je nach Dichte und Temperatur werden auch gewisse elektrisch neutrale Moleküle auf- oder abgebaut.
Von besonderem Interesse ist das Wassermolekül (H2O). Am häufigsten entsteht es in dunklen Wolkenkernen auf den Staubkörnern und hüllt sie mit einem Eismantel ein. Steigt die Temperatur beim Kollaps auf über minus 170 Grad Celsius, verdampft das Wasser und beginnt, mit anderen Molekülen zu reagieren. Es bildet sich ein chemisches Netzwerk von Reaktionen, in dem Wasser entsteht und wieder zerstört wird, bis sich ein Gleichgewicht einstellt. Die Häufigkeit von Wasser wird von den gegebenen Verhältnissen bestimmt. Von Sternen mit der Masse der Sonne wird Wasser durch UV- und Röntgenstrahlung in Sternnähe bis etwa zur dreifachen Erde-Sonne-Distanz zerstört. Wasser wird nicht direkt in Sauerstoff und Wasserstoff aufgespalten, sondern reagiert mit anderen Molekülen, wie mit dem chemisch aktiven, positiv geladenen H3+ und HCO+, die durch hochenergetische UV- und Röntgenstrahlen produziert werden. Nach diesen Vorstellungen dürfte es innerhalb der Jupiterbahn kein Wasser mehr geben. Woher kommt das Wasser auf der Erde? Auch der Planet Mars hat heute noch Wasser unter der Oberfläche und im Polareis.
Es gibt mindestens zwei Möglichkeiten für den Ursprung des Wassers im inneren Sonnensystem, vielleicht auch mehr. Die bekannteste Hypothese sind Kometen, die im äußeren Sonnensystem entstanden und Wasser transportierten. Sie schlugen damals noch häufiger als Asteroiden auf der jungen Erde ein. Zweitens könnte Wasser schon viel früher im Gas des inneren Sonnensystems entstanden sein, als dort die Temperatur minus 20 Grad Celsius überstieg. Nimmt die Dichte im Alter von etwa einer Million Jahren ab und die Röntgenleuchtkraft des Protosterns zu, bilden sich Moleküle, aus denen Wasser auch im Gas der Akkretionsscheibe entstehen kann.13
Wasser ist ein Beispiel, wie Moleküle eine Geschichte durchlaufen, die je nach Distanz zum Protostern verschieden ist. Würden wir diese Geschichte verstehen und könnten wir Wasser und andere Moleküle genügend gut beobachten, wäre es möglich, den physikalischen Zustand von Akkretionsscheiben zu entschlüsseln und seine Geschichte zu rekonstruieren. Die Moleküle und das Verhältnis ihrer Häufigkeiten sind wie Uhren, die uns die Entwicklung anzeigen. Sie würden uns helfen, auch die Geschichte unseres eigenen Sonnensystems zu verstehen. Bis dieser Traum sich verwirklicht, fehlt noch viel. In diesem Jahrhundert sind diesbezüglich große Fortschritte zu erwarten. Vielleicht können wir in hundert Jahren aus Molekülbeobachtungen den Entwicklungsstand von Protosternen und Planeten in benachbarten Molekülwolken ablesen. Die molekulare Entwicklungsgeschichte kann vielleicht auch die Frage beantworten, wie häufig unser Typ von Planetensystem ist. Es sind sogar derart viele verschiedene chemische und physikalische Entwicklungswege von Sternen und Planeten denkbar, dass unser Sonnensystem ein Einzelfall sein könnte. Die Astronomie des 21. Jahrhunderts verspricht so spannend zu werden wie in früheren Jahrhunderten.

Abbildung 6: Der Stern GQ Lupi (mit A markiert im Bild) ist erst eine Million Jahre alt. Er wird von einem zweiten, leuchtschwachen und gleich alten Himmelskörper (b) begleitet, der in Masse nur wenig größer als Jupiter ist. Das Objekt b ist somit wahrscheinlich der erste Planet, der direkt abgebildet werden konnte. Er hat die hundertfache Erde-Sonne-Distanz von seinem Zentralgestirn. Das Bild zeigt seine Wärmestrahlung im infraroten Licht. Der Planet strahlt kräftig, da er noch über 1500 Grad heiß ist und sich seit seiner Entstehung noch nicht vollständig abgekühlt hat (Foto: R. Neuhäuser, Europäische Südsternwarte, ESO).
Der Druck in der Korona des jungen Sternes übersteigt die Schwerkraft. Daher fließt die Korona als starker Sternwind in den Weltraum ab, wird aber durch die magnetische Heizung der unteren Schichten dauernd neu erzeugt. Der Sternwind und die Hochenergie-Strahlungen des Jungsternes tragen, wie bereits erwähnt, die Akkretionsscheibe ab. Winde und Strahlungen reichen aber weiter in den Raum hinaus und pusten auch sämtliche Überreste des ursprünglichen Wolkenkerns weg. Auf diese Weise verhindert der Stern ein weiteres Anwachsen. Dies scheint der Grund zu sein, dass der massereichste Stern im heutigen Universum nur etwa dreihundert Sonnenmassen hat. Ohne diese Selbstregulierung wäre es nicht auszuschließen, dass seine Masse weiter wächst und schließlich, ohne einen Stern zu bilden, die Schwelle zu einem Schwarzen Loch überschreitet. Es ist erstaunlich, wie selten solche kosmischen Missgeschicke sind, vermutlich ereigneten sie sich nur im frühen Universum. Die Schwarzen Löcher im Zentrum von Galaxien sind, wie wir später sehen werden, vermutlich Relikte einer früheren Zeit, als die Selbstregulierung der Akkretion noch nicht auf gleiche Weise funktionierte.
Objekte mit weniger als einem Zehntel der Sonnenmasse haben einen zu kleinen Druck, um Wasserstoff zu verschmelzen, und werden nicht zu Sternen. Vom kleinsten zum größten Stern liegt ein Massenunterschied von nur einem Faktor Tausend. Das ist nicht viel in Anbetracht einer Sonnenmasse von zwei Quadrilliarden (2∙1027) Tonnen. Da wären ein paar Zehnerpotenzen mehr oder weniger gut denkbar. Erstaunlich, wie sich die Sternentstehung so reguliert, dass die Sternmasse jene Größe erreicht, bei der Wasserstoff in der richtigen Rate verschmilzt, sodass sich eine stabile Wärmequelle bildet und Leben entstehen kann!
Unergründliche Rätsel
Wenn beim Zähneputzen das Wasser aus dem Hahn fließt, versuche ich manchmal aufzuzählen, auf welchen verschlungenen Wegen es zu mir gelangte. Ich bin noch nie in der vom Zahnarzt verordneten Zeit damit zu Ende gekommen. Aus den obigen skizzenhaften Ausführungen geht hervor, dass bei der Entstehung von Sternen und Planeten eine große Zahl von Vorgängen stattfindet und viele Details noch unbekannt sind. Es gibt auch noch eine Fülle offener Fragen, offensichtlich weit mehr als Kant und Laplace vor 200 Jahren hatten. Jede Antwort weckte mehrere neue Fragen. Der Entstehungsprozess umfasst überwältigend viele Vorgänge, die ablaufen müssen, damit sich ein Stern, umringt von einem Planetensystem, bilden kann. Die Erforschung der Stern- und Planetenentstehung scheint unergründlich zu sein.
Man darf mit Recht fragen, ob denn die naturwissenschaftliche Methode zum vollständigen Erklären führe. Offensichtlich wird die Komplexität der Wirklichkeit immer wieder unterschätzt. Der Grund liegt wohl darin, dass in den kontrollierten Laborexperimenten der Physik die Wirklichkeit von der Umwelt isoliert wird. Damit reduziert man die Zahl der interaktiven Mitspieler, und präpariert die Wirklichkeit auf ein handhabbares Maß an Möglichkeiten. Das Beispiel der Sternentstehung zeigt hingegen, welche Fülle von Komplexität sich durch eine Vielzahl wechselwirkender Prozesse bilden kann. Auch wenn wir eines Tages alle Grundgleichungen kennen sollten, würden wir noch lange nicht die gesamte Wirklichkeit verstehen. Es gibt Phänomene, die erst in der Menge auftauchen. Jede Lehrperson am Gymnasium weiß, wie einfach es ist, mit einzelnen Schülern gute Gespräche zu führen, aber wie leicht man die Kontrolle über die Gruppendynamik einer Klasse verlieren kann.
Die gegenwärtige Front der Forschung ist eine Grenze in dauernder Bewegung. Sie dringt immer tiefer ins Verständnis der kosmischen Ursprünge und Vorgänge vor. Wegen der Komplexität des Universums wird diese Grenze nie verschwinden. Es soll nicht der Eindruck entstehen, es gäbe keine Fortschritte im Wissen, wie Sterne und Planeten entstehen. Im Gegenteil! Es gibt heute weltweit mehrere tausend Forschende, die nur an diesen Themen arbeiten. Den Fachleuten wird jeden Monat der »Star Formation Newsletter« zugeschickt mit Zusammenfassungen und Links zu den neusten Artikeln, die von den Zeitschriften zur Veröffentlichung angenommen wurden. Es sind rund 60 Abhandlungen jeden Monat. Sie lesen sich wie ein spannender Roman, aber meine Zeit reicht oft nur, ihre Überschriften zu lesen und die Zusammenfassungen der interessantesten Beiträge zu überfliegen.
Das Beispiel der Stern- und Planetenentstehung erinnert mich an das Problem bei der Bestimmung der Küstenlänge einer Insel. Misst man sie mit einem Faden auf einer Landkarte, scheint dies kein Problem zu sein. Will man es aber genauer wissen und geht im Freien mit einem Messband an die Arbeit, erhält man eine größere Strecke, weil auch kleinere Einbuchtungen erfasst werden. Die Frage nach der Küstenlänge lässt sich nicht abschließend beantworten, denn es könnte jemand gar mit einer Lupe messen und erhielte wieder ein größeres Resultat. Mikroskope lieferten noch größere Werte. Die Frage lässt sich nur befriedigend beantworten, wenn wir die Skalenlänge angeben, die uns wichtig ist. Wenn wir zum Beispiel die Küste abschreiten wollen, wäre es die Meterskala. Auf die Sternentstehung angewandt, werden wir nie alles verstehen, aber wir müssen es auch nicht. Eines Tages kennt die Forschung vielleicht die Entstehung der Sterne auf einer Detailskala, die befriedigt. Wir werden aber die Sternentstehung nie so vollständig kennen, wie ein Uhrmacher seine Uhr versteht.
Noch vor wenigen Jahrzehnten war unter Astronomen die Meinung weit verbreitet, dass Sterne zu den einfachsten Objekten gehörten, die im Universum entstehen. Je genauer jedoch die Naturwissenschaften die Wirklichkeit untersuchen, desto rätselhafter erscheint sie. Rätsel sind keine Fingerabdrücke eines Schöpfers, denn diese Rätsel lassen sich im Prinzip lösen. Unerklärtes ist kein zwingender Hinweis auf einen Plan. Die Aussage von Laplace, dass Gott nicht als Erklärungsgrund notwendig ist, wurde nicht widerlegt. Allerdings sind die Prophezeiungen der Aufklärung und die Angst vieler heutiger Menschen unbegründet, die Naturwissenschaften würden einmal alles erklären. Laplace täuschte sich in der Komplexität der Wirklichkeit. Selbst wenn ein Phänomen »mechanisch« erklärt wird, bleibt das Ganze rätselhaft, denn die Erklärung beinhaltet wieder neue Rätsel. Im Wort Rätsel schwingt eine subjektive Komponente mit. Es bleibt für uns ein Rätsel. Dass Rätsel bleiben und immer bleiben werden, kränkt nun aber die naturwissenschaftliche Vernunft. Ein Objekt mit Rätsel bewahrt eine gewisse Distanz, ist nicht vollständig verfügbar und bleibt geheimnisvoll. Diese Distanz verwundert und irritiert. Im ganzen Universum sind bereits 10 Trilliarden (1022) Sterne entstanden. Es ist erstaunlich, dass das Gewöhnlichste im Universum von unergründlicher Komplexität ist.
Im nächsten Kapitel geht es um die Frage, ob es für die astronomische Forschung nicht doch unüberwindliche Hindernisse gebe und wo im Universum die Astronomie auf harte Grenzen stoße.
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