Kitabı oku: «Steh auf und geh»

Yazı tipi:

Arnold

Mettnitzer

Steh auf und geh

Die therapeutische Kraft

biblischer Texte

Mit Fotos und Kunstwerken von Harald Schreiber


Nicht daran, wie einer von Gott redet, erkenne ich, ob seine Seele durch das Feuer der göttlichen Liebe gegangen ist, sondern wie er von den irdischen Dingen spricht.

SIMONE WEIL

Inhalt

Cover

Titel

Zitat

VORWORT

EINLEITUNG

Die Autorität „heiliger“ Schriften

STEH AUF UND GEH: DER WEG NACH INNEN

Selbstwerdung – ein biblisches Grundanliegen

Die Weinberggleichnisse

Die Saatengleichnisse

Nach innen hören

Nach innen wandern

Der Traum als Königsweg ins Innere

Die Traumschule der Senoi

Der Traum in der Bibel

Ijobsbotschaft und Ijobs Botschaft

LIEBE, ODER: WAS SELBSTWERDUNG FÖRDERT

Die biblische Rede von der Liebe

Das Buch Hosea

Jesus, der Liebhaber

Das biblische Doppelgebot

Das Hohelied der Liebe

Die goldene Regel

Die Stunde der „Gutmenschen“

Die himmlische Mathematik

ANGST, ODER: WAS SELBSTWERDUNG VERHINDERT

Die vier Grundformen der Angst

Die Angst vor Nähe

Die Angst vor Verlust

Die Angst vor Veränderung

Die Angst vor dem Endgültigen

GIBT ES DIE SEELE UND WENN JA, WIE?

Das Konzept der Seele in der heiligen Schrift und im therapeutischen Verständnis

Die Klang der Seele im Klang der Stimme

Wenn Musik die Seele berührt

Schatz und Perle

STEH AUF UND GEH: WELTERFAHRUNG

Wallfahrt: Der Hunger nach Erfahrung

Was Sterbende am meisten bereuen

Wunder der Auferstehung

Steh auf und geh: Deine Sünden sind dir vergeben

„Verlorener“ Sohn und barmherziger Vater

DIE LEBENSREGEL VON BALTIMORE

ZU GUTER LETZT: DAS ARGUMENT DER MORGENRÖTE

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Bildverzeichnis

Impressum

Vorwort

„Schon wieder ein Buch! Warum tust du dir das an?“ Die Frage einer klugen und erfahrenen Freundin ist ernst gemeint. Es wäre ja, meint sie, durchaus ein Liebesdienst an den Leserinnen und Lesern, einmal ganz bewusst ein Buch nicht zu schreiben. Auch Sokrates und Jesus, die mich so faszinieren und auf die ich ja deswegen immer wieder verweise, wären in ihrem Umgang mit den Menschen ganz ohne Schriften ausgekommen. Erst die Schüler und Gefährten hätten sich dann Notizen gemacht und damit nicht nur Informationen, sondern durchaus auch Quellen für Missverständnisse geschaffen und sich dabei nicht selten verdächtig gemacht, den tieferen Sinn so mancher ihnen vermittelter Weisheiten nicht verstanden zu haben.

Seit die „Ranking-Manie“ unter der Devise „Wer mehr publiziert, ist klüger“ für eine wahre Bücherschwemme am Buchmarkt zu sorgen scheint, ist die Herausforderung an einen Autor besonders groß, sich gut zu überlegen, ob überhaupt und wenn ja, mit welchem Thema er sich zu Wort melden soll. Wenn er dabei den weisen Kohelet zurate zieht, der sich bereits 200 Jahre vor Christus über all das Gedanken gemacht hat, wird er aus seinen Texten zunächst keine schnelle Ermutigung für sein Vorhaben erkennen können. Bereits die ersten Zeilen dort stimmen nachdenklich, vielleicht sogar pessimistisch und scheinen den Schluss nahezulegen, mit dem Schreiben erst gar nicht zu beginnen.

„Es gibt nichts Neues unter der Sonne.

Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt:

‚Sieh dir das an, das ist etwas Neues‘ –

aber auch das gab es schon in den Zeiten,

die vor uns gewesen sind.“ 1

Bei näherer Betrachtung allerdings entpuppt sich Kohelet nicht als Pessimist, wohl eher ist er ein lebenserfahrener Realist, der sein Denken und Fühlen ähnlich wie der griechische Philosoph Heraklit auf den Punkt bringt:

„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären/​und eine Zeit zum Sterben,/​eine Zeit zum Pflanzen/​und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen,/​eine Zeit zum Töten/​und eine Zeit zum Heilen,/​eine Zeit zum Niederreißen/​und eine Zeit zum Bauen,/​eine Zeit zum Weinen/​und eine Zeit zum Lachen,/​eine Zeit für die Klage/​und eine Zeit für den Tanz;/​eine Zeit zum Steinewerfen/​und eine Zeit zum Steine sammeln,/​eine Zeit zum Umarmen/​und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,/​eine Zeit zum Suchen/​und eine Zeit zum Verlieren,/​eine Zeit zum Behalten/​und eine Zeit zum Wegwerfen,/​eine Zeit zum Zerreißen/​und eine Zeit zum Zusammennähen,/​eine Zeit zum Schweigen/​und eine Zeit zum Reden,/​eine Zeit zum Lieben/​und eine Zeit zum Hassen,/​eine Zeit für den Krieg/​und eine Zeit für den Frieden.“ 2

Ähnliche Überlegungen finden wir auch in den Gedanken des griechischen Philosophen Heraklit.3 Sein wohl bekanntester Satz lautet: „Alles fließt, nichts besteht.“ Auch seine Gedanken, dass es Entwicklung nur geben kann im täglichen Hin und Her, im ständigen Zusammenspiel gegensätzlicher Kräfte, sind interessante Parallelen zum biblischen Text bei Kohelet. Heraklit geht sogar so weit, sich Gott selbst vorzustellen als „Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Überfluss und Hunger“.4 Darum, so meint er, wäre es für den Menschen auch nicht gut, wenn er ans Ziel seiner Wünsche käme. Denn es sei die Krankheit, die die Gesundheit angenehm macht, nur am Übel gemessen trete das Gute in Erscheinung, am Hunger die Sättigung, an der Mühsal die Ruhe. Darum hätten diejenigen Unrecht, die ein Ende allen Kampfes in einem ewigen Frieden herbeisehnen. Denn mit dem Aufhören der schöpferischen Spannungen würde totaler Stillstand und Tod eintreten.

Wenn mich also der Weise aus der Bibel daran erinnert, dass alles seine Zeit hat, dann gibt es offensichtlich wohl auch eine Zeit zum Bücherlesen und zum Bücherschreiben. Und wenn mich noch dazu der Philosoph vor dem Aufhören schöpferischer Spannungen warnt, dann bin ich trotz aller Einwände von besorgten Freunden hoch motiviert, ein weiteres Büchlein zu schreiben. Ich schreibe es nämlich nicht, weil ich etwas wüsste, das andere nicht wissen. Ich schreibe es, um das, was mich täglich in der Begleitung von Menschen bewegt und beschäftigt, durch die Mühe, es in Worte zu fassen, tiefer und (hoffentlich) gründlicher „verstehen“ zu können. Die dabei zu Hilfe gerufenen, biblischen Texte sind erstaunlich jung, voller Kraft und therapeutischer Qualität, sie sind aber auch ein überzeugender Hinweis darauf, dass alles, was wir heute als zentrale Probleme des Menschen diskutieren, bereits wichtig war „in den Zeiten, die vor uns gewesen sind“.

Einleitung

„VOM REISEN.“ So antwortete vor Jahren Peter Handke auf die Frage, woher er den Stoff für seine vielen Bücher nehme. Dieses „Reisen“ als „Erfahrung“, als „Unterwegssein“ ist in unterschiedlichen Nuancen das Thema dieses Buches, weil es auch die Grundmelodie alles Lebendigen und das zentrale Thema vom ersten bis zum letzten Buch der Bibel ist. Wer das älteste Buch der Welt unter diesem Vorzeichen zur Hand nimmt und es so zu lesen versucht, versteht seinen eigenen Lebensweg und die darin gemachten Erfahrungen, eingebunden in den Erfahrungsschatz vieler. Gipfelsiege, Glanzleistungen, Irrwege, Umwege und Sackgassen werden dort beschrieben und von Erfahrungen berichtet, deren tiefe Wahrheit und therapeutische Kraft erstaunlich modern wirken und selbst vor den Ergebnissen neurobiologischer Forschung bestehen können.

Immer geht es dabei um Ermutigung, um „Zumutung von innen her“, um das Feuer innerer Bereitschaft und wenn nötig um einen radikalen Perspektivenwechsel. So können im Menschen schlummernde Selbstheilungskräfte aktiviert und neue Ziele ins Auge gefasst werden. Selbst dem hochbetagten Abraham gelingt es so noch, aufzubrechen, aus der gewohnten Umgebung wegzuziehen und einen ganz neuen, seinen unverwechselbar eigenen Weg zu gehen. Wer so die Bibel liest, wird staunen, wie erfrischend jung sie ist, was sie den Abenteurern des Lebens auch heute noch zu bieten hat. Sie ist „heilige“ Schrift im Sinne von „heilender“ Schrift, sie „gehört“ nicht nur Juden und Christen, sie ist als gebündelter Erfahrungsschatz Kulturgut der Menschheit und offen für alle, die bereit sind, in diesen Erfahrungsschatz einzutauchen.

Die ermutigende Kraft biblischer Texte ist seit Jahren eine immer wieder auftauchende Begleitmelodie meiner therapeutischen Arbeit. Und das Erstaunliche dabei liegt darin, dass nicht ich als Theologe die Sprache darauf bringe, sondern meine Patienten, die nicht selten dabei auf das kleine Kreuz in der Praxis Bezug nehmen, das manche irritiert, viele erstaunt und von kaum jemandem nicht beachtet wird: Der Konzeptkünstler Werner Hofmeister hatte zunächst für die vierte Klasse einer Volksschule, also für Schüler kurz vor dem „Absprung“ in einen neuen Lebensabschnitt, eine Skulptur geschaffen, die den Gekreuzigten am oberen Rand des Längsbalkens als Abspringenden zeigt. Auf dem Querbalken steht das Wort „springboard“ – „Sprungbrett“ beziehungsweise, wie in der monumentalen Ausführung dieses Werkes am Fuß des Grazer Kalvarienberges, „tabula saltandi“ – „Tanzboden“. Dieses kleine, von vielen als ungewöhnlich empfundene Kreuz ist mir ein stimmiges Symbol für den beherzten Mut, den ein Mensch braucht, damit sein Leben „gelingen“ kann.

Mit „gelingen“ ist hier weit mehr gemeint als „Erfolgreich-Sein“, es meint jene geheimnisvolle und von außen nicht steuerbare Erfahrung, dass Rückschläge, Enttäuschungen, selbst aussichtslos scheinende Situationen im Leben nicht einfach hingenommen und in Demut ertragen werden müssen, sondern „von innen her“ betrachtet zum Sprungbrett, vielleicht sogar nach und nach zum Tanzboden für unerwartet neue Möglichkeiten werden können. In Blickrichtung auf dieses Kreuz sieht der Betrachter in meiner Praxis auch einen kleinen, mir geschenkten Schuh, der unserem Patenkind Samuel zu klein geworden war …

Kaum besser kann ich symbolisch zusammenfassen, worum es in meiner täglichen Arbeit geht, nämlich um die Beseitigung seelischer Leidenszustände und dabei immer zuallererst wohl darum, einem Menschen, der Hilfe sucht, wieder auf die Sprünge zu helfen, ihm beizustehen, damit er wieder festen Boden unter seine Füße und den Mut bekommt, aufzustehen und unter einer anderen Perspektive weiterzugehen. Oder anders gesagt: Es geht darum, einem Menschen, der, aus welchen Gründen auch immer, auf den Wegen seines Lebens den alten Schuhen entwachsen ist, bei der Suche nach „neuem Schuhwerk“ behilflich zu sein. Letztlich geht es im besten Sinn des Wortes um „Auferstehung“, um die Befreiung aus der Erfahrung des „Aufs-Kreuz-gelegt-und-angenagelt-Seins“, es geht um einen Ausweg aus vermeintlicher Ausweglosigkeit, um Hoffnung in zunächst bedrückender Hoffnungslosigkeit. Es geht um das, was Augustin von Hippo in einer seiner großen Reden seinen Zuhörern zuruft: „Sei, der du bist und wachse voran, ein anderer zu werden, als du bist! Denn wo du Halt machst, bleibst du stehen und wenn du sagst ‚Ich habe genug geleistet‘, bist du verloren!“

Auf der Suche nach neuen Lebensperspektiven die Bibel so in die Hand zu nehmen und zu lesen, erscheint vielen Menschen suspekt. Sie möchten nicht in ein falsches Licht geraten, religiös punziert oder vorschnell als harmlos abgestempelt werden. Mit biblischen Texten macht sich ein Therapeut verdächtig, der Religion sozusagen durch die Hintertür zum Durchbruch zu verhelfen, als ginge es ihm in erster Linie um die Religion und nicht um den Menschen, dem auch die Bibel mit ihrem Erfahrungsschatz helfen könnte.

Dazu kommt, dass Religion im Moment so etwas wie der Stachel im Fleisch vieler zu sein scheint. „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Religion“, hat der Philosoph Peter Sloterdijk vor einigen Jahren schon formuliert und damit einer eigenartigen Angst Ausdruck verliehen. Unbestreitbar ist, dass Religionen natürlich auch gefährlich sein können und in ihrer politischen Gegenwart mit fundamentalistischer Erregungskraft wie ein Sprengkopf wirken. Mit der Religion steht etwas Unkontrollierbares im Raum. Das zeigt sich an der Empfindlichkeit „hochreligiöser“ Menschen. Wer Gott beleidigt, verletzt heiligste Gefühle und damit diejenigen, die an ihn glauben. Darum muss hier unmissverständlich gesagt werden, dass in diesem Buch zwar oft in der Sprache der Bibel von „Gott“ geredet wird, damit aber nicht die Gottesfrage im eigentlichen Sinn behandelt werden will. Gott wird hier weder bewiesen noch geleugnet, sondern als biblischer Ausdruck für innere Verankerung, Orientierungshilfe und persönlichen Halt wertgeschätzt.

Auch die fundamentale Bedeutung des Ersten und Zweiten Testaments für das Judentum und Christentum ist nicht das Anliegen dieses Buches, vielmehr die in beiden Testamenten verborgene tiefe Weisheit und ein Erfahrungsschatz, der die Bibel über alle religiösen Grenzziehungen hinaus als Lehrmeisterin des Lebendigen ausweist. „Die Wahrheit“, hat jemand gesagt, „ist symphonisch“5, ein Zusammenklang aus vielen Einzelstimmen; dabei ist jede Stimme wichtig und wertvoll, weil sie aus dem Leben, aus konkret-persönlicher Lebenserfahrung kommt. Unterschiede bedeuten dabei nicht Trennung, sondern verschiedene Farben von Wahrheit. Ein Ausspruch des altindischen Herrschers und Buddhisten Ashoka bringt die buddhistische Ansicht auf den Punkt:

„Wer seiner eigenen Religionsgemeinschaft Ehre erweist und die Religionsgemeinschaften anderer verachtet, allein aus Anhänglichkeit gegen die eigene, mit der Absicht, den Glanz der eigenen zu erhöhen, der fügt in Wahrheit seiner eigenen Gemeinschaft schwersten Schaden zu.“6

Nicht weniger beeindruckend ist das Wort von Mahatma Gandhi:

„Ich glaube an die Bibel, wie ich an die Gita glaube. Ich halte alle die großen Glaubensbekenntnisse der Welt für ebenso wahr wie mein eigenes. Es tut mir weh zu sehen, wann immer eines von ihnen verzerrt wird.“7

Wer die Bibel mit solchen Augen zu lesen versucht, wird Berührungsängste ablegen und staunen können, wie modern das älteste Buch der Welt ist, wie ewig jung und aktuell seine Perspektiven erscheinen. Diese bündeln sich in einem Anleiten zum „Weise-werden im Raum der Güte“8, wobei die Sorge um die Identität des Einzelnen und sein Wohlergehen als Grundlage für eine tragfähige Gemeinschaft an erster Stelle stehen.

Das Individuum steht also im Zentrum der Betrachtung. Um diese Identität zu schaffen und zu stärken, gibt es zumindest drei große Erzählstränge in der Bibel. Der Erste zeigt zunächst einmal einen Weg aus der Sklaverei in die persönliche Freiheit auf, der Zweite kümmert sich um das von den Propheten eingemahnte Thema der Reinigung, Klärung, Korrektur und Klarheit und der Dritte legt den Schwerpunkt auf die Erfahrung der Sinn- und Identitätskrise beziehungsweise deren Bewältigung. Biblische Sinn- und Krisenbewältigung erfolgt aber nicht durch beeindruckende Heldentaten, sondern durch persönliche Erfahrungen aus Beispielgeschichten. Dem Leser der Bibel wird rasch klar, dass der biblische Mensch kein gefinkelter Theologe, sondern ein bodenständiger Praktiker ist, der bei allen Unterschieden zum heutigen Menschen zumindest darin mit ihm vergleichbar zu sein scheint, dass auch er schon durch ein vielseitiges Überangebot von Lebensgestaltungsmöglichkeiten verunsichert, gebeutelt und verwirrt ist, nach Orientierung Ausschau hält und oft nur sinnlose Leere ohne Hoffnung und Begeisterung vorfindet.

Die Autorität „heiliger“9 Schriften

In der rabbinischen Tradition findet sich die Geschichte eines jungen Flüchtlings, der in eine Stadt kommt, deren Bewohner ihn bereitwillig aufnehmen und verstecken. Dann kommen Soldaten auf der Suche nach dem Flüchtling, doch die Bewohner der Stadt behaupten, von nichts zu wissen. Die Soldaten schöpfen Verdacht und kündigen an, die ganze Stadt in Schutt und Asche zu legen, wenn der Flüchtling nicht bis zum nächsten Morgen ausgeliefert wird. Voller Angst kommen die Menschen zu ihrem Rabbi, um ihn um Rat zu fragen. Tief besorgt beginnt er, in der Schrift nach einer Antwort zu suchen. Die ganze Nacht liest er, ohne etwas zu finden. Kurz vor Sonnenaufgang fällt sein Blick auf den Satz: „Es ist besser, dass einer für das ganze Volk stirbt, als dass alle zugrunde gehen.“10 Er ist sich sicher, dass das die Antwort ist und kommt damit zu den Stadtbewohnern. Sie sagen den Soldaten, dass der junge Mann tatsächlich bei ihnen versteckt ist und er wird abgeführt. Der Rabbi aber ist nicht beruhigt. Er setzt sich nochmals über seine Bücher. Ein Engel erscheint und fragt ihn, was er für ein Problem habe. „Ich bin mir einfach noch nicht sicher, ob es richtig war, den jungen Mann auszuliefern“, sagt der Rabbi. Der Engel antwortet: „Wusstest du nicht, dass das der Messias ist?“ Ungläubig schaut ihn der Rabbi an: „Wie hätte ich das wissen können?“, fragt er. „Hättest du dir die Zeit genommen, den jungen Mann aufzusuchen und ihm in die Augen zu schauen, anstatt in den Schriften zu suchen“, entgegnet der Engel, „hättest du gesehen, dass er der Messias ist.“ Wer die Schrift, aus der der Rabbi liest, vom Leben loslöst, verzerrt ihren Inhalt. Wer die Geschichten von den Menschen loslöst, zu deren Zeit sie entstanden sind, versteht sie falsch. Die Autorität „heiliger“ Schriften liegt darin, dass sie über sich selbst hinaus verweisen auf Menschen und die Geschichte ihrer Erfahrungen. Wer das Buch zum Götzen macht, macht die Worte zur letzten Wahrheit und kommt in Schwierigkeiten, so wie der Rabbi in der Geschichte. Wo Schriften und Regeln wichtiger werden als die konkrete Not eines Menschen, verkommt die Sorge um das Wohl eines Menschen zum Lippenbekenntnis.

Eugen Drewermann warnt an vielen Stellen seines umfangreichen Werkes, dass eine Auslegung heiliger Texte, die in der historischen Distanz des gelehrten Bildungswissens daherkommt, von der unmittelbaren Ergriffenheit nichts transportieren könne und in ihrem ganzen Wesen unreligiös und zum Zeugnis gegen sich selber verkommen müsse. Geschichten berühren uns dann, wenn sie uns innerlich anrühren, wenn statt Erinnerung „Verinnerung“ möglich wird; statt „Begriffenhaben“, „Ergriffensein“. Alles andere wäre Heuchelei und Mummenschanz.11

Steh auf und geh: Der Weg nach innen

Selbstwerdung – ein biblisches Grundanliegen

DIE BIBEL auch noch aus einem den religiösen Kontext übersteigenden, ganz anderen Blickpunkt lesen zu können, verdanke ich einem Buch, das mir 1990 zum Geburtstag geschenkt wurde. Die Lektüre schlug bei mir ein wie ein Blitz und wirbelte mein Weltbild gehörig durcheinander, weil sie „Von einem, der auszog, das Leben zu lernen“12 berichtete und mir nicht nur zum Aufbruch, zur Reise, sondern zu guter Letzt auch zum „Ausbruch“ aus meiner damaligen Lebenssituation Mut machte. Seither weiß ich, dass (auch) biblische Geschichten wie Sprengstoff wirken können. Gleichzeitig sah ich alte Texte mit neuen Augen. Plötzlich ging es nicht mehr nur wie im Theologiestudium um den Text und seine Bedeutung für die religiöse Gemeinschaft. Hier und jetzt ging es mit einem Mal um mich.

Mein Leben wurde verhandelt und infrage gestellt. Meine Gefühle und daraus abgeleitete Perspektiven waren plötzlich wichtig. Das kam mir zunächst nicht nur neu, jung und frisch, sondern durchaus auch „gefährlich“ vor. Aber stärker als das „Gefährliche“ war dann das für mich bis dahin so noch nicht gekannte Gefühl innerer Kraft und Unerschrockenheit. Die Vorsicht und Angst in mir wich meiner Neugier, was zur Folge hatte, dass in meiner Umgebung bald von einer „schweren Glaubens- und Identitätskrise“ gesprochen beziehungsweise die Befürchtung geäußert wurde, dass ein so hoffnungsvoll begonnener Weg kirchlicher Karriere scheitern und in der Sackgasse karrieristischer Bedeutungslosigkeit enden müsse. Niemand aber konnte mich daran hindern, den für mich unverwechselbar eigenen Weg zu gehen.

Die damals voll Argwohn und mit vorwurfsvoll-bitterem Beigeschmack mir immer wieder vorgehaltenen Schlagworte hießen „Selbstwerdung“ und „Selbstverwirklichung“. Sie wären die Ikonen der Neuzeit, wurde ich gewarnt, sie würden die Menschen in die „Egoismus-Falle“ locken und der persönlichen Freiheit des Menschen Tür und Tor öffnen. Dem gegenübergestellt wurden die Norm der Treue zum einmal eingeschlagenen Weg und das Gebot der sich selbst vergessenden Nächstenliebe. Auf diesem Boden gedieh das Misstrauen gegen „Selbstwerdung“ und „Selbstverwirklichung“; diese würden die einseitige Verherrlichung des Lustprinzips bedeuten und als alleiniger Maßstab für Lebensentscheidungen und Lebensführung gelten.

C. G. Jung, neben Freud der zweite Vater der Psychoanalyse, sieht die Selbstverwirklichung anders. Er bezeichnet mit dem Begriff des „Selbst“ die Ganzheit unserer Seele im Gegensatz zum „Ich“, das nur einen Teil unseres seelischen Lebensbereiches ausmacht. Das Selbst ist gleichsam das Zentrum der Person, von dem alle psychischen Kräfte ausgehen. Es ist zunächst reine Möglichkeit, die zur Wirklichkeit werden kann, wenn das Ich seinen Signalen Beachtung schenkt. Das Ziel des Selbst ist die Selbstwerdung, die Ausbildung und Reifung der individuellen Persönlichkeit.

Marie-Luise von Franz, eine Schülerin C. G. Jungs, vergleicht das Selbst deshalb mit dem Samen einer Bergföhre, in dem das Bild der Bergföhre mit all ihren Möglichkeiten grundgelegt ist, verbunden mit dem Impuls, diese Möglichkeiten zu entfalten.13 Durch Anpassung an die speziellen Umstände und Bedingungen wie Erdbeschaffenheit, Steine im Boden, Hangneigung, Windlage, Regenmenge und Sonnenbestrahlung wächst dann die dadurch einmalige Bergföhre. Dieses Wachstum des einmalig Einzelnen nennt C. G. Jung „Individuationsprozess“; die Selbstwerdung eine Dynamik, die einen Menschen ein Leben lang begleitet und bis zu seinem letzten Atemzug nicht abgeschlossen werden kann. Es geht also nicht um ungehemmte Lustbefriedigung, vielmehr darum, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln und zu leben. Dass das mit Schwierigkeiten und Herausforderungen verbunden ist, ist ebenso zu verstehen wie auch die Tatsache, dass das immer wieder auch mit Rückschlägen und Enttäuschungen zu tun haben wird.

Selbstwerdung ist so betrachtet die schöpferische Verwirklichung des eigenen Selbst und damit die Grundlage einer gesunden menschlichen Entwicklung. Nur wer zu sehen vermag, dass eine so verstandene „Selbstwerdung“ biblischen Texten nicht nur nicht entgegensteht, sondern in ihnen geradezu ein Grundanliegen erkennt, wird in der Lage sein, diese Texte im Kontext persönlicher Ermutigung zu lesen. Zahlreiche Bilder und Erzählungen in den biblischen Schriften benennen in diesem Sinn die Selbstwerdung als zentrales Anliegen.

Die Weinberggleichnisse

In ihrem Kern vergleichen die Weinberggleichnisse etwa bei Jesaja,14 Lukas,15 und Johannes16 Gott mit einem Gärtner, der mit sehr viel Liebe, Einsatz und Geduld darum bemüht ist, seine Pflanzungen fruchtbar werden zu lassen. In kirchlichen Kanzelreden ist dieses Bild leider mehrfach zu Gerichtsdrohungen umgearbeitet worden, sodass das „Fruchtbringen“ mit einem erhobenen Zeigefinger ausgestattet allzu sehr im Sinne von zu erbringender Leistung gedeutet wurde. Dabei würde ein Blick auf die Natur überdeutlich zeigen, dass Früchte wachsen und nicht gemacht werden, sie entfalten ihr inneres Potenzial und machen sichtbar, woraufhin sie angelegt sind. „Wachsen“ hat mehr mit „gelingen“ als mit „machen“ zu tun. Darin liegt ein erheblicher Unterschied, den der moderne Mensch nicht mehr ohne Weiteres verstehen kann, weil sein Interesse hauptsächlich leistungs- und „wettbewerbsorientiert“ zu sein scheint.

In der momentan herrschenden „Weltordnung“ steht der Lauf auf die besten Plätze nach wie vor im Vordergrund. Ohne Ehrgeiz kein Sieg! Ohne Wettbewerb kein Wachstum! Ohne Wachstum keine Weiterentwicklung! Der springende Punkt dieses gefährlichen Kurzschlusses besteht darin, dass das, was wir bisher für „Weiterentwicklung“ gehalten haben, im Grunde nur „Spezialisierung“ ist. Durch Wettbewerb wird diese Spezialisierung immer weitergetrieben zu etwas, das immer spezieller wird. Um in dieser „Spezialisierungsspirale“ erfolgreich zu sein, braucht man, wie uns Gehirnforscher versichern, nicht viel Hirn, weil wir immer nur mehr von dem tun, was bis jetzt schon gut funktioniert hat. Was uns aber mehr Hirn abverlangt und was wir im Kleinen wie im Großen dringend bräuchten, wäre eine gemeinsame Konzentration auf das „Gelingen“.

Dabei käme es allerdings darauf an, dass Menschen miteinander eine Kultur des Gelingens entwickeln wollten. Das wäre dann eine Kultur, in der nicht mehr länger Konkurrenten um immer knapper werdende Ressourcen kämpfen, sondern sich um eine Beziehungskultur kümmern, in der Menschen einander einladen, ermutigen und begeistern, ein größeres Gemeinsames miteinander zu fördern. Das setzt allerdings bei allen Beteiligten die Bereitschaft für neue, bisher so noch nicht gemachte Erfahrungen voraus. Zum Gelingen kann man aber niemand zwingen! Begeisterung ist nicht durch Verordnung zu verordnen. Deshalb kann Begeisterung nur spürbar werden, wenn Menschen einerseits wissen, was für sie selbst wichtig und dann aber auch, was für alle Beteiligten bedeutsam ist. Ohne ein solches Einverständnis kann Gemeinsames nicht gelingen.

„Gelingen“ ist ein wunderbares Wort, das es im Englischen nicht gibt. Dort spricht man von „success“, von „Erfolg“. Aber „successful“ meint etwas anderes als „gelungen“. Durch Wettbewerb entstehen Leistungssportler und Fachleute, die – je gründlicher, umso mehr – zu „Fachidioten“ werden, die ausschließlich ihren Erfolg im Sinn haben, wobei sehr oft die Betonung auf „ihren Erfolg“ liegt. Um hier besonders erfolgreich zu sein, braucht es eine Welt, die genau so aussieht, wie wir sie im Moment fast überall vorfinden: Wir brauchen nur auszublenden, was uns daran hindert, im Wettbewerb auf Kosten anderer unsere Siege einzufahren. „Wer kurzfristig denkt und möglichst egozentrisch seine Interessen verfolgt, der wird erfolgreich sein“, sagt der Gehirnforscher Gerald Hüther. Was uns aber mehr Hirn abverlangt, ist nicht der Erfolg, sondern unsere Konzentration auf das Gelingen. Während der Wettbewerb nämlich auf die Ressourcenausnutzung konzentriert bleibt, geht es beim Gelingen um die Potenzialentfaltung. Was unsere Gesellschaft dringend braucht, damit möglichst viele ihr Leben als „gelungen“ und „geglückt“ erleben können, ist ein höchst fälliger Wandel von einer „Ressourcenausnutzungskultur“ hin zu einer „Potenzialentfaltungskultur“. Und genau das ist das zentrale biblische Anliegen der Weinberggleichnisse.

Was wir mit „gelingen“ umschreiben, kann man im Grunde gar nicht machen, es muss wachsen. Ich kann mein Bestes geben, kann für optimale Rahmenbedingungen sorgen, weiß aber vorher nie, ob es gelingt. Das Wort „Gelingen“ ist so betrachtet vielleicht auch so etwas wie eine gediegene Umschreibung für das Wort „Nachhaltigkeit“. Gemeinsames kann gelingen, wenn Menschen ihre in jeweils unterschiedlichen Lebenswelten gemachten Erfahrungen so zusammenbringen, dass sie mit einer neuen Vorstellung davon, worauf es im Leben ankommt, wieder auseinandergehen. Das wäre dann ein gelungenes Gemeinsames, von dem viele leben können, auf das aber die großen „Macher“ keinen direkten Zugriff haben.

Zuversicht, Freude, Begeisterung oder Gelassenheit sind „Früchte“, die mit aller Willensanstrengung nicht erzwungen werden können, es sind Effekte, die sich unter bestimmten Voraussetzungen einstellen. Hermann Hesse sagte einmal in diesem Zusammenhang: „Das ist das Herrliche an jeder Freude, dass sie unverdient kommt und niemals käuflich ist!“ So betrachtet ist die Rede von Gott als Gärtner in der Bibel nachhaltig-klug, denn von dem, was wachsen kann, hängt zunächst und zuallererst das ab, was Menschen „Lebensqualität und seelische Gesundheit“ nennen. Paulus schreibt an die Korinther:

„Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen. So ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur Gott, der wachsen lässt.“ 17

Die Saatengleichnisse

Eine zweite in diesem Zusammenhang wichtige Gruppe sind die Saatengleichnisse, wie wir sie wieder bei Jesaja18 oder bei Markus19 finden. Auch hier geht es darum, dass Gepflanztes fruchtbar werden soll. Der Akzent ist hier allerdings anders gesetzt. Im Gleichnis vom Sämann20 steht das unterschiedliche Schicksal der Saat im Vordergrund.







Was aus ihr wird, ist abhängig von den „Bodenbedingungen“, eine eminent wichtige psychologische Aussage, die heute durch die Erkenntnisse der Epigenetik ihre Bestätigung erhält. Das Bild vom Samen der Bergföhre, der auf ganz spezielle und individuelle Umweltbedingungen reagieren muss, als Veranschaulichung der Selbstwerdung findet hier seine biblische Entsprechung.21

Einen anderen Hinweis liefert das Gleichnis bei Markus22 von der selbstwachsenden Saat. Hier wird betont, dass zum Fruchtbarwerden zwar das eigene Zutun erforderlich ist, dass aber das Entscheidende wie von selbst geschieht und in seinem inneren Kern auch nicht durchschaubar ist.

Auch das sind anschauliche Bilder für alles, was „Selbstwerdung“ meint und bestätigt die psychologische Erkenntnis, dass Selbstwerdung ein Prozess ist, der sowohl eigenes Zutun erfordert, in entscheidendem Maße aber Effekt ist wie die Frucht in den Weinberggleichnissen. In beiden Bildmotiven geht es um die reife Frucht der Selbstwerdung, um Entfaltung und Verwirklichung der inneren Potenziale eines Menschen. Im Buch der Weisheit heißt es dazu: „Gott hat … keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen.“23 Biblische Texte stehen unter diesem unbedingten „Ja“ zu allem, was lebt.24

Nach innen hören

Als entscheidende Voraussetzung, den Weg der Selbstwerdung überhaupt beschreiten zu können, wird in der Bibel immer wieder das Hören auf die Stimme Gottes genannt. Ich glaube nicht, der Bibel Unrecht zu tun, wenn wir in dieser Stimme Gottes unsere „ur-eigene innere Stimme“ erkennen.

Das „Wahrnehmungsorgan“ allerdings für diese Stimme ist nicht das Ohr, sondern das „reine Herz“ eines Menschen25, seine „unverbildete“, unverdorbene Mitte. Diese Mitte findet sich nicht in erster Linie bei Weisen und Klugen, sondern, wie es bei Matthäus heißt, bei „Unmündigen“26 oder, wie vorher in den „Seligpreisungen“, bei den „Armen im Geiste“27, bei denen also, die wissen, dass ihr Leben ein Geschenk und nicht das Ergebnis einer persönlichen Leistung ist. Die im Unterschied zu den anderen Quellen bei Matthäus auftretende Erweiterung der Armen „im Geist“ bezieht sich wohl auf Menschen, die in ihrem lauteren Herzen geradezu sokratisch weise wissen, dass sie nichts wissen und deshalb beim Versuch, den Grund ihres Lebens zu verstehen, mit leeren Händen dastehen.

Ich scheue mich in diesem Zusammenhang nicht, aus der Sicht der Psychologie diese innere Stimme mit unserem Unbewussten in Verbindung zu bringen. Dort schlummern nämlich die Potenziale eines Menschen wie im Keller vergessene in der Zwischenzeit zur Kostbarkeit herangereifte Weine, die darauf warten, entdeckt und genossen zu werden. Der Prozess der Selbstwerdung, den der Theologe „Glaube“ nennt, lebt davon, sich von innen her getragen und geführt zu wissen. Gegen den Vorwurf, hier werde Gott „verpsychologisiert“, wandte schon C. G. Jung ein, dass dieses Selbst nie und nimmer an die Stelle Gottes zu setzen wäre, sondern vielleicht ein Gefäß für das ist, was die Theologen „göttliche Gnade“ nennen.28 Das entspricht auch dem Hinweis bei Lukas29, dass die „Gottesherrschaft“ in uns selbst zu finden ist.

Unzählige Legenden aus verschiedenen Zeiten und Kulturkreisen belegen diese menschliche Grundüberzeugung. Eine dieser Geschichten berichtet von zwei Mönchen, die aus ihrer Klosterzelle aufbrechen, weil ihnen versichert wird, wenn sie nur gründlich genug suchten und dabei die ganze Welt durchwanderten, würden sie am Ende das Tor zum Himmel finden können. Alt und erschöpft stehen sie zu guter Letzt tatsächlich vor dieser geheimnisvollen Tür, hinter der sie den Himmel vermuten, stoßen sie erwartungsvoll auf – und stehen in der Klosterzelle, aus der sie vor Jahren ausgezogen sind.

In der Vorrede zu Friedrich Nietzsches Buch „Die fröhliche Wissenschaft“30 findet sich unter der Überschrift „Unverzagt“ ein kurzes, aber in diesem Zusammenhang bedeutsames Gedicht, ein leidenschaftlicher Aufruf, dort, wo wir stehen, zu suchen und dabei nicht auf andere, sondern unverzagt in uns selbst hineinzuhorchen:

Wo du stehst, grab tief hinein!

Drunten ist die Quelle!

Lass die dunklen Männer schrein:

„Stets ist drunten — Hölle!“ 31

Dem Autor geht es hier um Wahrheits- und Selbstfindung. Der Blick wird vom Suchen zum Finden und von oben nach unten gewendet. Nietzsche nennt es „die Treue zur Erde“ und versteht darunter das Ja-Sagen zum Diesseits in all seiner Widersprüchlichkeit und seinem Leiden. Nicht mehr der Himmel, die Erde ist der Ort der Suche und des Findens, die Quelle, um die sich alles dreht. Und es ist unschwer zu erraten, dass mit den „dunklen Männern“ die in schwarze Talare gehüllten Beamten des Himmels gemeint sind. Es mag verwundern und einige Theologen durchaus verärgern, wenn wir in diesem Zusammenhang Friedrich Nietzsche ein gründlicheres Bibelverständnis attestieren müssen als so manchem Kanzelredner, dessen Argumentation eher dem Blick hinauf und weg von der Erde das Wort redet.

Nach innen wandern

„Reisen wir. Aber wohin?

Frage ich.

‚Heimwärts‘

Aber wo ist das?

Frage ich.

‚Innen‘

Sagt die Stimme.“ 32

Viele Menschen haben Angst vor ihrem Innenleben. Dort könnte ja tatsächlich „die Hölle“ zu finden sein. Schon Blaise Pascal33 meinte, dass das Unglück des Menschen damit beginne, dass er nicht mit sich allein in einem Zimmer bleiben könne.34 Wer nie gelernt hat, bei sich zu sein und dort zu bleiben, wer die Kunst nie geübt hat, sich selbst im Nichtstun zu ertragen, wird es schwer haben, die lange und spannende Wanderung in sein Inneres anzutreten. In jedem Fall tut Hilfe durch einen Menschen gut, der in wachsendem Vertrauen ein Stück des Weges in das weite Land des eigenen Inneren mitgeht. Dort schwirren ungeordnet Gedanken und Gefühle herum, deren Sinn zunächst nicht erkannt werden kann. Die psychokriminologische Bedeutung unserer Gedanken und Gefühle erschließt sich nicht ohne Weiteres. Erst nach und nach – je mehr wir darauf achten, umso eher – schließt sich, wenn wir Glück haben, der Kreis des Verstehens und wir finden Wegbegleiter, die in ihrer unverwechselbaren Art und Weise dafür sorgen, dass es uns wie Schuppen von den Augen fällt:

Im vierten Kapitel des Johannesevangeliums35 wird berichtet, dass Jesus „um die sechste Stunde“, also zur Mittagszeit „müde von der Reise“ zum Jakobsbrunnen kommt und sich dort allein hinsetzt, um auszurasten. Da kommt eine Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagt zu ihr: „Gib mir zu trinken!“ Die Frau antwortet ihm: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?“ „Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.“ In einer anderen Übersetzung heißt es: „Die Juden benutzen nämlich nicht dieselben Schöpfgefäße wie die Samariter.“ Jesus antwortet ihr: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken!‘, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Sie sagt zu ihm: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser?“ Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?“

Der noch heute erhaltene Jakobsbrunnen ist 32 Meter tief. Mit „lebendigem Wasser“ ist zunächst „fließendes“ und nicht abgestandenes, stehendes Wasser gemeint. Im Ersten Testament wird dieser Brunnen nicht erwähnt. Jesus antwortet ihr: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“

Da sagt die Frau zu ihm: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.“ Er sagt zu ihr: „Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her!“ Die Frau antwortet: „Ich habe keinen Mann.“ Jesus antwortet: „Du hast richtig gesagt: ‚Ich habe keinen Mann.‘ Denn fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt.“ Die Frau sagt zu ihm: „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.“

Diese Szene im Evangelium des Johannes ist aus mehreren Gründen sonderbar. Ein Brunnen ist im Orient weit mehr noch als in unserem Kulturkreis ein Ort des Lebens und des Überlebens, der in den Psalmen oft besungene „Ruheplatz am Wasser“: für Nomaden und ihre Herden eine Art Paradies. Brunnen sind Orte der Begegnung. Aber das Ungewöhnliche an dieser Begegnung zwischen Jesus und der Frau ist der Zeitpunkt. Niemand geht um die Mittagszeit in glühender Hitze zum Brunnen, um Wasser zu holen, es sei denn, er/​sie will, aus welchen Gründen auch immer, von den anderen nicht gesehen werden.

Darum nehmen die Exegeten unter Verweis auf den Inhalt des Gesprächs an, dass es sich bei dieser Frau um eine Prostituierte handeln könnte, die deshalb zur Unzeit zum Brunnen geht, um dadurch den verächtlichen Blicken anderer Frauen zu entkommen. Diese Frau also sucht Wasser – und findet in ihrem Gesprächspartner einen Menschen, der um sie weiß, der sie durch und durch zu kennen scheint. Ein außerhalb der Bibel überliefertes Jesuswort sagt: „Begegnet dir ein Mensch, begegnet dir Gott.“ Immer dort, wo einem Menschen ein Mensch begegnet, der sich diesem Menschen als Mensch erweist, verändert sich die Welt und der Horizont beider. Wem es gegönnt ist, durch persönliche Begegnung so vor sich und seinem Leben zu stehen zu kommen, der wird mit einem neuen Blick in die Zukunft schauen können. Die Frucht aus solcher Begegnung ist nicht mehr die Angst, durchschaut zu werden, sondern eine neue Zuversicht im Blick nach vorne.

Die Samariterin am Jakobsbrunnen sucht Wasser und findet einen Menschen. Dieser verblüfft sie nicht mit seinem „Wissen“, sondern damit, dass er „um sie weiß“, um ihr bisher gelaufenes Leben, um ihre Geschichte. Sie fühlt sich durchschaut, aber nicht durchleuchtet, erkannt, aber nicht bloßgestellt. Gerade dadurch kann sie selbst mit neuen Augen ihren Blick auf ihr Innerstes, auf ihre unverwechselbare bisher gelaufene Lebensgeschichte richten. Jesus belehrt nicht, er konfrontiert. So öffnet sich ihr eine allzu lange nicht mehr betretene Landschaft. Sie nennt ihn einen „Propheten“ und meint damit wohl einen „Engel“, wie auch wir jemanden bezeichnen, der uns guttut, einen Boten Gottes, dessen vornehmliche Eigenschaft nicht in erster Linie in „hellseherischer Fähigkeit“ besteht, sondern in seiner Art, den Blick auf das im Innersten Versteckte zu lenken, damit es „entdeckt“ und „freigearbeitet“ werden kann.

Der Brunnen wird so zum Ort der Begegnung und die Begegnung zum Ausgangspunkt einer neuen Standortbestimmung. Egal, was war und gleichgültig, was geschehen wird: Die menschliche Begegnung wird zum Moment der Vergebung und zum Ort der Gnade. Wo das spürbar ist, erntet jeder, obwohl er nicht gesät hat und es wird ihm geschenkt, wofür er nicht gearbeitet hat: Aus seinem Inneren beginnt „lebendiges Wasser“ zu fließen. Das in der christlichen Verkündigung so oft ausschließlich auf Jesus bezogene Wort bei Johannes „Wer Durst hat, komme zu mir und trinke. Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen“36 kann guten Gewissens von jedem Menschen behauptet werden, dem es gelingt, in der Begegnung mit anderen Menschen Hebammendienste zu leisten, damit der andere mit neuen Augen ermutigt wird, der zu sein, der er ist und zu werden, was er sich bisher nicht zugetraut hat.

Die vielen Begegnungsgeschichten des Jesus von Nazareth tragen beinahe ausschließlich diese Handschrift. Lukas berichtet: „Und viele Leute suchten ihn festzuhalten, denn eine Kraft ging von ihm aus, und er heilte alle.“37 Die „Lehre“ Jesu hat mit Belehrung nichts zu tun, sie lebt aus der Begegnung und der damit einhergehenden Veränderung im Inneren des anderen. Was er dabei zu sagen hat, ist manchmal durchaus nicht angenehm, aber wohltuend ermutigend, heilsam, im besten Sinn des Wortes „therapeutisch“, getragen von Achtsamkeit und Wertschätzung. „Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, … und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.“38 Und wenn einige Kapitel später berichtet wird, dass Jesus die Zwölf aussendet „zu predigen und zu heilen“39, dann ist es im Grunde der Auftrag, mit dem Wort so umzugehen, dass es Wirkung zeigt, Spuren hinterlässt, Hoffnung gibt und Linderung bewirkt. „Predigen“ heißt dann, so lange sich mit einem Menschen zu befassen, bis er glauben und spüren kann: Da geht es ja um mich!

Es ist dieser Zusammenhang von Religion und Therapie für Jesus so wesentlich, dass er im 6. Kapitel des Markusevangeliums sagt, die Jünger sollten in die Dörfer Galiläas gehen und die Dämonen austreiben, die Krankheiten heilen und dann davon reden, wie nah Gott den Menschen sei. Da ist es für Jesus ein und dasselbe, ein religiös motiviertes Vertrauen zu bilden und dem Menschen die Angst zu nehmen, die, wird sie nicht beseitigt, ihren Niederschlag in körperlichen Leiden findet. Dabei geht es zuallererst um die Ermutigung, endlich auszusprechen, was viel zu lange unausgesprochen darauf gewartet hat, in Erscheinung treten zu können, an die Oberfläche zu kommen, vernehmbar zu werden. Und mit dem Aussprechen ist eine Art „Schöpfungsakt“ vollzogen, eine Art „Befreiungsschlag“ gelungen. Gewiss: „Gesagt“ ist noch nicht „getan“, aber ein erster Schritt in eine unumkehrbare Richtung ist gesetzt, den viele Patienten immer wieder mit dem Gefühl beschreiben, „endlich auf- und durchatmen zu können“, „wie neu geboren“ zu sein. Der Boden, auf dem solches „Neugeborenwerden“ wachsen kann, besteht in der Grundhaltung der unverdienten und bedingungslosen Akzeptanz des anderen Menschen. Kein „du sollst“, kein „du musst“, auch kein „du wirst jetzt!“, sondern einfach nur von Angesicht zu Angesicht „du da“, der eine dem anderen in Augenhöhe gegenüber, als Auftakt der Begegnung und Ausgangspunkt kommender Hilfe und Heilung.

Der biblische Zuruf „Steh auf und geh!“ bezieht sich also zuallererst auf den inneren Weg, auf die Suche, dort, wo ich stehe. Erst dadurch wächst der Kompass, den ich brauche, um „aus mir heraus“ und auf andere zuzugehen. Weil der Mensch ein soziales Wesen ist und ohne den anderen Menschen nicht leben kann, wird er auch auf diesem Weg in sein Inneres verlässliche Wegbegleiter brauchen. Nicht Menschen, die ihn gängeln und ihm sagen, was zu tun wäre, sondern Menschen, die ihn ermutigen, seinen unverwechselbaren eigenen Weg zu gehen.

Ganz im Sinne des Wanderpredigers aus Nazareth hatte vor ihm bereits Sokrates in dieser Weise Schüler um sich versammelt. Sie waren gekommen, weil sich die wohltuende Wirkung dieses Sonderlings in ärmlicher Kleidung auf dem Marktplatz von Athen herumgesprochen hatte. Im Umgang mit seinen Schülern war Sokrates davon überzeugt, dass sich die Wahrheit aus einem Menschen herausarbeiten, gleichsam „herausschöpfen“ lasse, dass sie ihm nicht von außen „hineingesagt“ werden müsse. Eine ähnliche Überzeugung finden wir rund 800 Jahre später auch bei Augustinus von Hippo, der in seinem Werk „De vera religione“40 schreibt: „Geh nicht nach draußen! Kehr wieder ein bei dir selbst. Im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.“ Darum soll der Weise von Athen seinen Schülern, die von ihm lernen wollten, zugerufen haben: „Sprich, damit ich dich sehe!“ – „Tu’ deinen Mund auf und zeig mir, wer du bist!“ Erst dann, wenn du sagen kannst, was dich herführt, kann ich dir helfen zu erkennen, was dich weiterbringt. Das Instrument dieses Hebammendienstes ist das (endlich) gesprochene Wort, zu dem jemand, der Rat und Hilfe sucht, ermutigt wird.

Es ist keine Psychotherapie denkbar, die nicht von der Voraussetzung ausginge, dass die Wahrheit in der menschlichen Person selber liege und dort zu finden sei. So ist es nach dem Credo der Psychotherapie möglich, in einem ruhig verlaufenden Gespräch einem Menschen zu zeigen, dass er das, was er sucht, in sich trägt und dort finden kann. Lediglich durch seine eigene Ungeübtheit in der Freiheit des Denkens und des bisher verlaufenen Lebens hatte sich bis jetzt noch nicht entfalten können, was im Menschen darauf wartet, hebammengleich ans Licht zu kommen. Diese Überzeugung ist für jede Art von Psychotherapie essenziell. Die Technik der freien Assoziation, die Sigmund Freud vor über hundert Jahren entwickelte, läuft auf ein unbeweisbares Vertrauen hinaus, dass der Mensch von Grund auf nicht so böse ist, wie er scheinen mag. Selbst das Schlimmste an ihm lässt sich auflösen durch die Macht des Verstehens. Nicht mithilfe des erhobenen Zeigefingers oder eines Moralisierens mit Druck und Zwang, sondern einzig durch ein Begleiten, durch Da-Sein und Gewähren-Lassen. Dabei wird der Verlauf eines Lebens und sein biografischer Hintergrund so lange angeschaut, betrachtet und von allen Seiten bedacht, bis sich klären lässt, woran die Seele leiden mag. Die Seele des Menschen erscheint in dieser Perspektive als ein Organ, das genau weiß, was es braucht, wenn man es sich nur frei artikulieren lässt.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
159 s. 32 illüstrasyon
ISBN:
9783990402344
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