Kitabı oku: «Das Geheimnis von Cloomber-Hall»
Arthur Conan Doyle
Das Geheimnis von Cloomber-Hall
Impressum
Covergestaltung: Steve Lippold
Digitalisierung: Gunter Pirntke
ISBN: 9783955012342
2014 andersseitig
andersseitig Verlag
Dresden
(mehr unter Impressum-Kontakt)
Erstes Kapitel.
Ich, James Fothergill West, stud. jur. auf der St. Andrews-Universität zu Edinburg, will in folgenden Zeilen eine wahre Geschichte in möglichst kurzer und bündiger Form erzählen, ohne durch eine gekünstelte Reihenfolge der verschiedenen Ereignisse den Eindruck derselben zu erhöhen. Es sollen vielmehr diejenigen, welche außer mir noch von den fraglichen Begebenheiten unterrichtet sind, meinem Berichte beistimmen können, ohne zu finden, daß ich auch nur in den geringfügigsten Einzelheiten von der strengen, ungeschminkten Wahrheit abgewichen bin. Zu diesem Zweck werde ich die notariell beglaubigten Aussagen eines gewissen Israel Stakes, ehemaligen Kutschers von Cloomber-Hall, und des Herrn John Easterling, Edinburg – jetzt praktischer Arzt in Stanvaer, Wigtownshire – aufführen und einen wörtlichen Auszug aus dem Tagebuch des Generalmajors John Berthier Heatherstone hinzufügen. Dieser Auszug betrifft Ereignisse, die sich gegen das Ende des ersten Afghanenkrieges im Herbste 1841 zutrugen mit einer detaillieren Beschreibung des Scharmützels im Terada-Passe und des Todes eines gewissen Ghoolab Shah. Im übrigen stütze ich mich auf die Aussagen von Augenzeugen, welche durch ihren intimen Verkehr mit dem Generalmajor J. B. Heatherstone imstande waren, ihn und was mit ihm zusammenhing, zu beurteilen.
Mein Vater, John Hunter West, war ein bekannter Orientalist, und sein Wort ist jetzt noch von großem Ansehen unter seinen englischen sowohl wie kontinentalen Kollegen. Er war es, der zuerst gleich Sir William Jones die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf die herrlichen Erzeugnisse der neupersischen Literatur lenkte, und seine Übersetzungen von Hafis und Ferideddin Attar trugen ihm den wärmsten Beifall solcher Autoritäten auf dem Gebiete kritischer Philologie, wie des Barons von Hammer-Purgstall und anderer, ein. Ja, in der Januarnummer der Orientalischen Zeitschrift 1861 wurde er als »der berühmte und sehr gelehrte Mr. Hunter West, Edinburg« bezeichnet, welche Notiz er ausschnitt und mit verzeihlicher Eitelkeit unter den kostbarsten Schätzen seines Familienarchivs aufbewahrte.
Er hatte sich ursprünglich der juristischen Laufbahn gewidmet, aber seine gelehrten Passionen nahmen so viel Zeit in Anspruch, daß ihm nur wenig Frist für seine Praxis übrig blieb. Wenn seine Klienten ihn in seinem Bureau in Cambers-Street aufsuchten, glänzte er meistens durch seine Abwesenheit; dafür konnte man ihn gewöhnlich unter staubigen Papieren begraben in der »Advocates Library« oder der »Philosophical Institution« finden, wo ihn das Tausende von Jahren alte Gesetzbuch des Manu weit mehr fesselte, als die verzwickten schottischen Pandekten des neunzehnten Jahrhunderts.
Es war daher kaum zu verwundern, daß er zur selben Zeit, als er den Zenit seiner Berühmtheit erreicht hatte, auch auf dem Boden seines Säckels angelangt war. Da sich in jener Zeit noch keine Professur für Sanskrit in Schottland befand und die Nachfrage nach den Produkten seiner Geistestätigkeit eine sehr geringe war, hätten wir uns wahrscheinlich in ein Stilleben zurückziehen müssen, in welchem die Aphorismen und Sprüche des Firdusi, Omar Chian und anderer uns für den Mangel an nahrhafterer Diät vielleicht entschädigt hätten. Aber durch die unerwartete Freigebigkeit seines Stiefbruders William Farintosh, des Gutsherrn von Branksome, Wigtownshire, wurden wir plötzlich aller Sorgen enthoben.
Der letztere war der Eigentümer eines großen Rittergutes, dessen Ergiebigkeit unglücklicherweise zu seiner ungeheuren Ausdehnung in keinem Verhältnis stand; es war ohne allen Zweifel der ödeste und kahlste Teil einer außergewöhnlich öden und kahlen Provinz. Da er aber als eingefleischter Junggeselle keine großen Ausgaben hatte, so war er imstande gewesen, durch den Verkauf einer besonderen Art von Lastpferden, die er auf den ausgedehnten Heideflächen züchtete, und mit Hilfe des Pachtzinses von seinen vereinzelten Meiereien nicht nur standesgemäß zu leben, sondern auch noch ein hübsches Konto zu seinen Gunsten auf der Bank anzulegen.
Solange wir noch verhältnismäßig wohlhabend waren, hatten wir wenig von unserem Verwandten gehört; aber gerade jetzt, als Matthäi am letzten war, kam wie ein Evangelium sein Brief, der uns seiner Sympathie und, was bedeutend wichtiger, seiner werktätigen Hilfe versicherte. Wir erfuhren, daß Mr. Williams Lungen schon seit geraumer Zeit angegriffen seien, und daß Dr. Easterling, der schon erwähnte Arzt in Stanvaer, ihm energisch geraten habe, die kurze Spanne Zeit, die ihm vielleicht noch zugemessen war, in einem wärmeren Klima zu verleben. Er hatte sich deshalb entschlossen, nach dem Süden Italiens aufzubrechen, und ersuchte meinen Vater, sich während seiner Abwesenheit des Gutes anzunehmen und für ein Gehalt, das uns aller Sorgen überhob, als sein Verwalter tätig zu sein.
Ich brauche kaum zu sagen, daß wir nicht lange zögerten, sein freundliches Anerbieten anzunehmen. Mein Vater reiste schon am selben Abend nach Wigtown ab, während meine Schwester Esther und ich – meine Mutter war schon vor einigen Jahren gestorben – mit zwei Kartoffelsäcken voll gelehrter Bücher und etwas Hausgerät in einigen Tagen nachfolgten.
Zweites Kapitel.
Ein englischer Gutsbesitzer würde sicherlich beim Anblick unserer neuen Heimat Branksome die Nase gerümpft haben; aber uns erschien sie wie ein Palast im Gegensatz zu den dumpfen, engen Zimmern, in denen wir bisher gehaust hatten. Das Gebäude war weitschweifig und niedrig, mit rotem Ziegeldache, Butzenscheiben und einer Anzahl von Zimmern mit verräucherten Decken und Eichengetäfel. Vor dem Hause lag ein Rasenplatz, umsäumt von einigen dünnen, schlechtgewachsenen Birken, die durch den ewigen salzigen Sprühregen, den der eisige Nordwestwind von der See herübertrug, verkümmert waren.
Landeinwärts lag der zu dem Gute gehörige Weiler Branksome-Bere – höchstens ein Dutzend kleiner Höfe, in denen arme Fischer wohnten, die in dem Gutsherrn ihren natürlichen Beschützer erblickten. Im Westen erstreckte sich der breite gelbe Strand und die Irische See, während sich in allen anderen Richtungen unabsehbare, grausig einsame Moore, graugrün im Vordergrunde und purpurfarben in der Entfernung, ausdehnten. Kahl und einsam war es an der Küste hier. Manche lange Meile konnte man wandern, ohne ein lebendes Wesen zu sehen, außer vielleicht den weißen, schwer beflügelten Möwen, die einander mit schrillen, traurigen Stimmen zuriefen.
Das einzige Zeichen, daß Menschen hier gehaust, war, wenn man einmal über Branksome hinaus war, der weiße Turm von Cloomber-Hall, der wie der Gedenkstein eines Hünengrabes über die ihn umgebenden Fichten und Lärchen emporragte.
Ein reicher Sonderling aus Glasgow, ein Menschenfeind, hatte sich dieses große Haus gebaut, aber zur Zeit unserer Ankunft hatte es schon lange, lange Jahre leer gestanden, und es schaute mit seinen wetterzerrütteten Mauern und leeren, dunklen Fenstern gar geisterhaft über die Böschung des Ufers hinaus. Leer und unbenutzt, diente es jetzt nur noch den Fischern als ein Wahrzeichen, da diese durch Erfahrung gelernt hatten, daß sie leicht ihren Weg durch die gefährlichen Felsenbänke, auf deren zackigen Rücken schon manch gutes Schiff zerschellt war, finden konnten, wenn sie den Schornstein unseres Hauses und den weißen Turm von Cloomber in einer Linie behielten.
Auf diesen wilden Fleck Erde hatte uns das Schicksal verschlagen; aber seine Einsamkeit hatte keine Schrecken für uns. Im Gegenteil, nach der entnervenden fieberischen Tätigkeit und Unruhe in einer großen Stadt und besonders der schwierigen Aufgabe, mit unserem kleinen Einkommen eine unser würdige Stellung zu behaupten, war uns die besänftigende, großartige Ruhe auf den unabsehbaren Heiden und die kräftige, stählende Seeluft höchst willkommen. Wir waren hier wenigstens von der lästigen Neugier und dem Geschwätz der Nachbarn befreit. Mit einem Phaethon und zwei Ponys, die der Gutsherr zurückgelassen hatte, machten mein Vater und ich unsere tägliche Runde auf dem Gute und verrichteten die vielerlei kleinen Geschäfte, die einem Verwalter zufallen. Unsere sanfte Esther besorgte den Haushalt und erhellte das düstere, alte Haus mit dem Sonnenschein ihrer arg- und sorglosen Jugend.
So verging die Zeit ruhig und einförmig, bis ein unerwartetes Ereignis sich zutrug, das die geheimnisvollen Vorgänge, den Kernpunkt meiner Erzählung, gleichsam vorauskündete. Es war meine Gewohnheit geworden, allabendlich in des Gutsherrn kleiner Jolle auf das ruhige Meer hinauszurudern und ein paar Weißfische für unser bescheidenes Nachtmahl zu fangen. Eines Abends war meine Schwester mit hinausgefahren und saß mit ihrem Buche im Stern der Jolle, während ich vorn meine Angel ausgeworfen hatte.
Die Sonne war hinter der schroffen irischen Küste versunken, aber noch bezeichnete eine goldüberflutete Masse von Wolken ihre Schlummerstatt. Die Wasser waren, so weit der Blick reichte, von feurigen Purpurstreifen umsäumt, und entzückt war ich aufgestanden, um das großartige, so alte und doch so ewig neue Panorama wieder zu bewundern. Da zupfte mich meine Schwester mit einem Ausruf ängstlicher Überraschung am Ärmel.
»Sieh doch nur, John,« rief sie, »da ist ja ein Licht im Turm von Cloomber-Hall!«
Ich wandte mich hastig um und schaute ganz überrascht nach dem weißen Turm, der hoch über die ihn umgürtenden Bäume hinausragte. Als ich hinsah, konnte ich hinter einem der Fenster einen Lichtschein wahrnehmen, welcher plötzlich wieder verschwand, um nach kurzer Zeit in einem höheren Stockwerke aufs neue sichtbar zu werden. Dort flackerte er eine Zeitlang, verschwand wieder und erschien dann nacheinander in den beiden unteren Etagen, bis die Bäume ihn unseren Blicken verbargen. Augenscheinlich hatte jemand mit einer Lampe oder Kerze die Turmtreppe erstiegen und war dann wieder in das eigentliche Haus zurückgekehrt.
»Wer in aller Welt kann das nur sein?« rief ich aus, mehr im Selbstgespräch als zu Esther. Konnte ich doch an ihrem verdutzten Gesicht sehen, daß ihr die Sache ebenso rätselhaft vorkam wie mir. »Vielleicht haben sich ein paar Leute aus Branksome den alten Kasten einmal ansehen wollen!«
Meine Schwester schüttelte den Kopf.
»Keiner von ihnen würde sich dem Gebäude auch nur auf zwanzig Schritt zu nähern wagen!« sagte sie. »Außerdem, John, hat der Agent in Wigtown die Schlüssel, so daß unsere Leute, wären sie auch noch so neugierig, nicht hineingelangen könnten.«
Als ich an das schwere Tor dachte und an die massiven Fensterladen, die das untere Stockwerk von Cloomber gegen neugierige Eindringlinge verwahrten, konnte ich nicht umhin, die Richtigkeit dieser Bemerkung anzuerkennen. Der Eindringling mußte also entweder seinen Eingang gewalttätig bewerkstelligt, oder sich irgendwie die Schlüssel verschafft haben. Das Geheimnisvolle der Sache reizte mich, und ich ruderte so schnell wie möglich dem Lande zu, um den nächtlichen Gast selbst zu sehen und mich – wenn möglich – über seine Absichten zu orientieren.
Meine Schwester in Branksome zurücklassend, rief ich einen alten Seemann, namens Seth Jameson, der früher auf einem Kriegsschiffe gedient hatte und vielleicht einer der stärksten Männer im Dorfe war, zu mir und ging mit ihm über das Moor hinüber dem Schlosse zu.
Als wir uns dem letzteren näherten und ich Seth meine Absicht mitteilte, wurden seine Schritte ständig kleiner, bis er schließlich ganz haltmachte.
»Mit dem Hause da ist's nicht recht geheuer,« sagte er wichtig. »Der Eigentümer selbst wagt sich bis auf 'ne gute Meile nicht heran.«
»Mag sein, Seth, aber dort ist jemand, der sich nicht vor Geistern zu fürchten scheint,« erwiderte ich, nach dem großen, weißen Gebäude deutend, das eben durch den Nebel sichtbar ward.
Das Licht, das ich vom Meere her beobachtet hatte, bewegte sich hin und her vor den unteren Fenstern, deren Läden geöffnet waren. Ein zweites schwächeres Licht folgte dem anderen ein paar Schritte entfernt. Augenscheinlich hielten zwei Personen, eine mit einer Laterne, die andere mit einer Kerze oder einem Sturmlicht, sorgfältige Rundschau im Hause.
»Was mich nicht brennt, das blas ich nicht,« meinte Jameson hartnäckig, ohne sich vom Fleck zu rühren. »Was geht's mich an, wenn sich irgendein Spuk oder Alp in Cloomber einnisten will? Damit ist nicht gut Kirschen essen!«
»Aber zum Henker!« rief ich. »Sie glauben doch wohl nicht, daß ein Spuk hier in einer Kutsche vorfahren wird? Was sind denn das für Lichter dort am Ende der Allee?«
»Wagenlampen, ohne Zweifel!« erwiderte mein Begleiter erleichtert aufatmend. »Wollen doch mal sehen, woher sie kommen!«
Es war jetzt völlig dunkel geworden, und nur ein leuchtender Streifen tief im Westen war von dem feurigen Schauspiel, das ich vor einer Stunde bewundert hatte, übriggeblieben.
Wir stolperten schwerfällig über das Moor und gelangten schließlich auf die nach Wigtown führende Landstraße, da, wo zwei hohe Steinsäulen den Anfang der Schloßallee bezeichneten. Ein großer Jagdwagen stand vor dem Eingang.
»Jetzt weiß ich schon Bescheid!« rief Jameson, das verlassene Gefährt genau betrachtend. »Das Gespann kenne ich gut. Es gehört Herrn Mc. Neil, dem Verwalter aus Wigtown, der die Schlüssel hat.«
»Dann können wir ihn am Ende auch sogleich sprechen, da wir doch nun einmal hier sind. Wenn ich mich nicht irre, kommen sie eben.«
Während ich die letzten Worte sprach, hörten wir eine Tür schwerfällig zuschlagen, und nach einigen Minuten kamen zwei Männer, der eine eckig und lang, der andere kurz und gedrungen, durch die Dunkelheit auf uns zu. In eifrigem Gespräch begriffen, sahen sie uns nicht, bis sie den Torweg passierten.
»Guten Abend, Herr Mc. Neil,« sagte ich, vortretend und den Verwalter, den ich oberflächlich kannte, begrüßend.
Der kleine Mann kehrte mir sein Gesicht zu, und ich sah, daß ich mich nicht getäuscht hatte; sein Begleiter jedoch fuhr hastig zurück und verriet die heftigste Erregung.
»Was soll das heißen, Mc. Neil?« würgte er mit erstickter Stimme heraus. »Ist das Ihr Versprechen? Was bedeutet dies?«
»Ruhig Blut, Herr General, nur ruhig Blut!« antwortete der fette, kleine Agent beschwichtigend, als ob er zu einem Kinde spräche. »Dies ist nur der junge Herr Fothergill West aus Branksome. Es ist mir freilich nicht recht klar, weshalb er gerade heute abend hier ist. Da Sie aber sowieso Nachbarn sein werden, lassen Sie mich die Gelegenheit benutzen, Sie gleich miteinander bekannt zu machen: Herr West – Herr General Heatherstone. Der Herr General ist der zukünftige Pächter von Cloomber-Hall.«
Ich hielt dem General meine Hand hin, die er zögernd, halb widerstrebend, ergriff.
»Ich kam herüber,« erklärte ich, »weil ich Licht hinter den Fenstern scheinen sah und fürchtete, daß am Ende hier etwas nicht in Ordnung sei. Ich freue mich jetzt, es getan zu haben, da es mir Gelegenheit geboten hat, Ihre werte Bekanntschaft zu machen, Herr General!«
Während ich sprach, bemerkte ich, daß der neue Bewohner von Cloomber-Hall mich genau beobachtete. Als ich schwieg, streckte er seinen langen zitternden Arm aus und drehte die Wagenlaterne so, daß das Licht voll auf mein Gesicht fiel.
»Gütiger Himmel, Mc. Neil,« rief er wie vorhin, »der Kerl ist ja so braun wie Schokolade! Das ist doch kein Engländer! Sind Sie ein Engländer, mein Herr?«
»Ich bin ein geborener Schotte!« erwiderte ich. nur durch die große Aufregung meines neuen Freundes verhindert, in Lachen auszubrechen.
»Ein Schotte also?« sagte er, wie von einem Alp befreit. »Na, das ist heutzutage dasselbe. Sie werden mir's nicht übelnehmen, Herr West. Ich bin nervös, verteufelt nervös! Vorwärts, Mc. Neil, wir müssen in einer Stunde wieder in Wigtown sein. Gute Nacht, meine Herren, gute Nacht!«
Beide sprangen in das Gefährt, der Verwalter knallte mit seiner Peitsche, und der Wagen rollte durch die Dunkelheit davon, glänzende Lichtkegel nach beiden Seiten werfend, bis das Gerassel der Räder endlich in der Ferne verhallte.
»Nun was denkst du von unserem neuen Nachbar, Jameson?« fragte ich, um das lange Stillschweigen zu brechen.
»Wahrhaftig, Herr West, mir scheint's, als ob er recht hätte. Er ist verdammt nervös. – Vielleicht hat er ein schlechtes Gewissen!«
»Eine schlechte Leber eher!« erwiderte ich. »Er sieht aus, als ob er seiner Gesundheit übel mitgespielt hätte. Aber es wird jetzt kalt, mein Junge, und es ist die höchste Zeit, daß wir nach Hause kommen.«
Ich wünschte meinem Begleiter gute Nacht und trabte über das Heideland nach Branksome zu, von woher mir schon von weitem das gastliche Licht des Wohnzimmers entgegenstrahlte.
Drittes Kapitel.
Wie sich leicht denken läßt, rief die Neuigkeit, daß das Schloß wieder bewohnt werden sollte, große Aufregung im Dorfe hervor, und zahllos waren die Hypothesen und Vermutungen, die von den Klatschbasen männlichen und weiblichen Geschlechts aufgestellt wurden, weshalb die Heatherstones sich gerade diesen weltabgelegenen Winkel zum Wohnplatz erwählt hätten. Daß die letzteren nicht etwa für eine kurze Zeit hier zu verweilen gedachten, wurde bald klar; denn Scharen von Handwerkern kamen von Wigtown herüber, und des Hämmerns, Sägens, Klapperns war kein Ende von Tagesanbruch bis spät in die Nacht hinein. Mit überraschender Schnelligkeit verschwanden die Spuren, die Wind und Wetter an den Wänden hinterlassen hatten, und ehe man sich 's versah, stand das alte Haus wieder frisch und freundlich da, als ob es eben erst erbaut wäre. Man konnte sehen, daß es dem General auf Geld nicht ankam und daß Not sicher nicht der Grund seiner Flucht aus der großen Welt war.
»Es ist möglich, daß er ein Gelehrter ist,« sagte mein Vater eines Morgens beim Frühstück, »und daß er sich diesen wildeinsamen Fleck Erde ausgesucht hat, um irgendein magnum opus zu beendigen. In dem Falle würde ich ihm mit Vergnügen meine Bibliothek zur Verfügung stellen.«
Esther und ich mußten uns das Lachen verbeißen, als er in solch großartiger Weise von seinen zwei Kartoffelsäcken mit Büchern sprach.
»Wohl möglich,« erwiderte ich, »aber während unseres kurzen Interviews machte er kaum den Eindruck eines Literaten auf mich. Mir kommt es eher vor, als ob er irgendeiner chronischen Krankheit halber von seinem Arzte hierher geschickt wäre. Wenn du seine wildstarrenden Augen und nervös zuckenden Finger gesehen hättest, würdest du selber zugeben, daß er der Erholung im höchsten Grade bedürftig ist!« –
»Mich soll nur wundern, ob er eine Frau und Familie hat,« meinte meine Schwester. – »Arme Seelen! Wie entsetzlich einsam werden sie sein! Es gibt ja außer uns im Umkreise von sieben Meilen und mehr keine Familie hier, mit der sie verkehren könnten!«
»General Heatherstone ist ein berühmter Offizier!« warf mein Vater ein.
»Nanu, Papa; was weißt du denn von ihm?«
»Ja, seht ihr,« lachte mein Vater, »da witzelt ihr über meine Bibliothek, und doch kann die zuweilen sehr nützlich sein.« Er langte ein rot eingebundenes Folio von seinem Bücherbrett herunter und blätterte darin herum. »Dies ist das ostindische Armeeregister für die letzten drei Jahre,« erklärte er, »und hier haben wir den Herrn, den wir suchen. J. B. Heatherstone, Oberst a. D. der ostindischen Armee, einundvierzigstes bengalisches Regiment zu Fuß, als Generalmajor pensioniert. Erstürmung von Ghuznee, Verteidigung von Jellalabad, Sobrasu 1848, Sepoy-Aufstand und Einnahme von Oudh. Fünfmal in offiziellen Telegrammen erwähnt. – Wir haben guten Grund, auf unseren neuen Nachbarn stolz zu sein, denke ich.«
»Es steht nicht darin, ob er verheiratet ist, nicht wahr?« fragte Esther.
»Nein!« schmunzelte mein Vater, über seinen eigenen Humor entzückt und behaglich mit dem Kopfe wackelnd. »Ich kann es unter der Rubrik ›Waghalsige Unternehmungen‹ nicht finden, obwohl es eigentlich dorthin gehört.«
Alle unsere diesbezüglichen Zweifel wurden jedoch bald zerstreut, denn als ich an demselben Tage, an welchem die Ausbesserung und Ausstattung des alten Schlosses beendet war, zufällig Gelegenheit hatte, nach Wigtown zu reiten, traf ich auf dem Wege den General, der mit seiner Familie nach Cloomber fuhr. Eine ältliche Dame von abgezehrtem und kränklichem Aussehen saß an seiner Seite, und beiden gegenüber neben einem jungen Burschen von ungefähr meinem Alter ein Mädchen, das ein paar Jahre jünger zu sein schien. Ich grüßte und wollte gerade vorbeireiten, als der General seinen Kutscher halten ließ und mir seine Hand entgegenstreckte. Ich konnte jetzt sehen, daß sein Antlitz, obwohl es hart und finster war, doch auch freundliche Züge aufzuweisen hatte.
»Wie geht's, Herr West?« rief er. »Ich muß mich noch wegen meines barschen Benehmens von neulich abend entschuldigen. Sie werden es aber einem alten Soldaten, der sein ganzes Leben lang im Geschirr zugebracht hat, wohl nicht übelnehmen. Sie müssen jedenfalls zugeben, daß Sie für einen Schotten eine sehr dunkle Gesichtsfarbe haben!«
»Wir haben spanisches Blut in unseren Adern,« erwiderte ich, obwohl es mir unerklärlich war, weshalb er auf diesen Punkt zurückkam.
»Das ist wahrscheinlich die Ursache,« bemerkte er, um dann zu seiner Frau gewendet fortzufahren: »Meine Liebste, darf ich dir Herrn Fothergill West vorstellen? Dies ist mein Sohn und meine Tochter. Wir sind hierher gekommen, um Ruhe zu finden, Herr West, vollkommene Ruhe!«
»Einen besseren Platz hätten Sie sich dazu nicht aussuchen können,« sagte ich.
»Meinen Sie?« antwortete er. »Ich glaube selbst, daß es hier sehr ruhig und einsam ist. Man kann wohl nachts hier manchen Weg machen, ohne eine Menschenseele anzutreffen, nicht wahr?«
»Wohl möglich,« entgegnete ich, »es gibt wenig Nachtwandler hier.«
»Und Sie haben nicht viel von Vagabunden und dergleichen Gesindel zu leiden?«
»Ich finde es ziemlich kalt hier,« unterbrach Frau Heatherstone ihren Gatten fröstelnd, indem sie ihren mit Seehundsfell gefütterten Mantel fester um sich zog. »Und außerdem halten wir Herrn West auf!«
»Das ist wahr, Schatz, du hast recht! Vorwärts, Kutscher! Gott befohlen, Herr West!«
Der Wagen rasselte davon, dem Schlosse zu, und ich trabte nachdenklich weiter nach der kleinen Landstadt.
Als ich Hig-Street hinaufritt, kam Herr Mc. Neil aus seinem Bureau gelaufen und winkte mir zu, anzuhalten.
»Unsere neuen Pächter sind hinübergezogen,« sagte er, »heute morgen fuhren sie fort.«
»Ich weiß,« antwortete ich, »ich traf sie auf dem Wege.«
Als ich mir den kleinen Verwalter näher ansah, bemerkte ich, daß sein Gesicht gerötet war und daß er augenscheinlich ein Glas über den Durst getrunken hatte.
»Mit solchen Leuten lassen sich noch Geschäfte machen,« lachte er, »da versteht man einander. Wieviel soll ich's machen? fragt der General, nimmt ein Scheckformular aus seiner Brieftasche und legt es auf den Tisch. Zweihundert Pfund, sage ich, dabei fällt dann für mich noch ein kleines Diskonto ab.«
»Ich dachte, der Eigentümer bezahlt Ihnen das?« bemerkte ich.
»Nun freilich. Aber doppelt hält besser! Er füllt also den Scheck aus und wirft ihn mir auf den Tisch, als ob es eine Briefmarke wäre. Das nenne ich Geschäft zwischen ehrlichen Leuten! Wollen Sie nicht einen Augenblick eintreten und einen Tropfen zu sich nehmen?«
»Danke sehr!« sagte ich. »Ich habe Geschäfte zu besorgen!«
»Recht so! Das Geschäft muß immer vorgehen. Frühmorgens sollte man überhaupt nichts trinken. Es bekommt einem nicht. Ich selbst trinke morgens nie etwas, außer vielleicht einen Tropfen vor dem Frühstück, um mir Appetit zu machen, und einen oder zwei nachher, der Verdauung wegen. Ich glaube selbst, daß ich vielleicht in dieser Sache ein wenig zu penibel bin, aber besser ist besser. Was denken Sie denn von Ihrem neuen Nachbar, Herr West?«
»Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, ihn genauer kennen zu lernen,« entgegnete ich.
Herr Mc. Neil deutete mit dem Mittelfinger auf seine Stirn.
»Wollen Sie wissen, was ich von ihm denke?« fragte er vertraulich. »Verrückt ist er! Was würden Sie zum Beispiel als ein Zeichen von Verrücktheit ansehen, Herr West?«
»Einem Wigtowner Hausagenten einen leeren Scheck anzubieten,« sagte ich.
»Spaßvogel Sie! Aber ernsthaft! Wenn jemand Sie fragte, wieviel Meilen es bis zum nächsten Hafen seien, ob dort Schiffe aus dem Orient hinkämen, ob sich hier Vagabunden umhertreiben und ob es gegen den Mietskontrakt sei, eine hohe Mauer um das Grundstück auszuführen – wofür würden Sie einen solchen Menschen halten?«
»Für sehr exzentrisch jedenfalls!« antwortete ich, und Herr Mc. Neil blinzelte mir vielsagend zu.
»Wenn der Mann dort wäre, wohin er gehört, brauchte er sich kein Kopfzerbrechen wegen der hohen Mauer zu machen.«
»Und wo ist das?« fragte ich.
»Im Wigtowner Irrenhause!« rief der kleine Mann, laut auflachend über seinen eigenen Witz, und ich ritt weiter.
*
Die Ankunft der neuen Familie in Cloomber Hall rief keine bemerkenswerte Änderung in der Einförmigkeit unseres Stillebens hervor. Anstatt an den einfachen Vergnügungen, die das Landleben darbot, teilzunehmen oder, wie wir gehofft, sich für unsere Bemühungen zu interessieren, das Los der armen Fischer und Kätner im Dorfe zu verbessern, schienen sie im Gegenteil alle Annäherung ängstlich zu meiden und sich kaum aus dem Tore des Gutes hinauszuwagen.
Es wurde auch bald klar, daß des Agenten Behauptung hinsichtlich der Umzäunung des Grundstücks nicht grundlos gewesen war, denn eine ganze Schar von Arbeitern begann auf einmal rastlos daranzugehen, dieses mit einem hohen Staket zu umgeben.
Als es fertig und mit scharfen Eisenspitzen versehen war, war Cloomber-Park, außer für einen ungewöhnlich gewandten und waghalsigen Kletterer, unnahbar. Es war, als ob bei dem alten Soldaten das Kriegführen zu einer fixen Idee geworden wäre, so daß er es auch in Friedenszeiten nicht lassen konnte.
Er ging sogar noch weiter. Das Schloß wurde verproviantiert, als ob ihm eine langwierige Belagerung bevorstände, und Begbic, der größte Viktualienhändler in Wigtown, erzählte mir selbst, daß der General hunderte von Dutzenden aller möglichen Konserven bei ihm bestellt hätte.
Man kann sich leicht denken, daß diese Vorfälle nicht ohne Eindruck auf das abergläubische Landvolk blieben. Im ganzen Kreise bildeten die neuen Bewohner von Cloomber-Hall das Tagesgespräch. Aber der einzige Schluß, zu dem die Leute kommen konnten, war die unter diesen Umständen sehr naheliegende Annahme, daß entweder der alte General und seine ganze Sippschaft verrückt seien, oder daß er irgendein entsetzliches Verbrechen begangen und sich hierher vor seinen Verfolgern geflüchtet habe.
Es ist wahr, daß der General sich bei unserem ersten Zusammentreffen wie ein Geistesgestörter benommen hatte, aber niemand hätte vernünftiger sein können, als er sich bei unserer zweiten Begegnung zeigte. Außerdem führten seine Frau und Kinder ganz dieselbe abgeschlossene Lebensweise; der Grund konnte deshalb nicht in seiner gestörten Gesundheit liegen.
Die Theorie, daß er ein Justizflüchtling sei, war noch unhaltbarer. Wigtownshire war zwar einsam genug, aber doch nicht so weltabgelegen, daß ein weitbekannter Offizier hier spurlos zu verschwinden hoffen konnte.
Ein Mann, der die Öffentlichkeit scheute, würde sich auch nicht in der Weise, wie der General es getan zum Tagesgespräch gemacht haben. Im großen und ganzen war ich geneigt, anzunehmen, daß des Rätsels Lösung in einer krankhaften Sucht nach Einsamkeit zu suchen sei. Wir erfuhren bald an uns selbst, bis zu welchem Grade die Familie von dieser Sucht nach vollkommener Einsamkeit besessen war.
Mein Vater war eines Morgens mit dem Schatten eines großen Entschlusses auf seiner Stirn zum Vorschein gekommen.
»Du mußt heute dein rosa Kleid anziehen, Esther,« sagte er, »und du, John, mußt dich auch etwas herausmachen; wir werden heute nachmittag zusammen nach Cloomber fahren, um dem General und seiner Gemahlin einen Besuch abzustatten.«
»Hurra, wir gehen nach Cloomber!« rief Esther, fröhlich in die Hände klatschend.
»Ich bin hier,« sagte mein Vater würdevoll, »nicht nur der Verwalter des Gutsherrn, sondern auch sein Verwandter. Und als solcher bin ich überzeugt, daß wir seinem Willen gemäß handeln, wenn wir diesem Fremden alle Freundlichkeiten, die in unseren Kräften stehen, erweisen. Gegenwärtig müssen sie sich einsam und freundlos vorkommen. Denn wie spricht der große Firdusi: ›Eines Mannes köstlicher Schmuck sind seine Freunde!‹«
Meine Schwester und ich wußten aus Erfahrung, daß, wenn unser Vater erst anfing, seine Entschlüsse mit Zitaten aus seinen persischen Dichtern zu begründen, nichts mehr daran zu ändern war.
Und so sahen wir denn auch richtig nachmittags den Phaethon vor der Tür, mit Vater in seinem zweitbesten Rock und einem Paar neuer wildlederner Handschuhe auf dem Kutscherbock.
»Einsteigen, meine Lieben!« rief er, lustig mit der Peitsche knallend. »Wir wollen doch dem General einmal zeigen, daß er keinen Grund hat, sich seiner Nachbarn zu schämen!«
Aber ach, Hochmut kommt doch immer vor dem Fall!
Es stand nicht in den Sternen geschrieben, daß unsere wohlgepflegten Ponys und unser blitzblankes Geschirr den Bewohnern von Cloomber-Hall heute imponieren sollten.
Wir hatten das Tor erreicht, und ich war eben im Begriff vom Wagen herabzuspringen, um es zu öffnen, als unsere Augen auf ein großes, hölzernes Schild fielen, welches an einen Baum so angenagelt war, daß es jedem Vorbeigehenden in die Augen fallen mußte. Auf dem Brett stand in großen, schwarzen Buchstaben folgende gastfreundliche Inschrift: »General und Frau Heatherstone wünschen den Kreis ihrer Bekanntschaften nicht zu erweitern.«
Stumm vor Überraschung starrten wir eine Zeitlang die unerwartete Absage an; dann brachen Esther und ich, als uns die ganze Komik der Situation aufdämmerte, in ein unwiderstehliches Gelächter aus.
Nicht so mein Vater, der die beiden Ponys herumriß und mit zusammengekniffenen Lippen, eine Donnerwolke drohender Entrüstung auf seiner Stirn, nach Hause zurückjagte.
Ich habe den guten Mann nie so außer sich gesehen, bin aber überzeugt, daß sein Ärger nicht durch verletzte Eitelkeit verursacht war, sondern durch den Gedanken, daß in ihm, als dem Repräsentanten des Gutsherrn von Branksome, auch der letztere beleidigt sei.
Viertes Kapitel.
Wenn ich mich überhaupt durch die uns zuteil gewordene wenig formelle Absage beleidigt gefühlt hatte, so hielt diese Stimmung bei mir nicht lange vor. Schon am nächsten Tage hatte ich Gelegenheit, wieder am Schlosse vorbeizugehen, und blieb stehen, um mir das ominöse Schild noch einmal anzusehen.
Als ich noch so dastand und mir über die mutmaßlichen Beweggründe unseres Nachbarn den Kopf zerbrach, bemerkte ich plötzlich, daß zwei hübsche, jugendfrische Mädchenaugen durch das Staket lugten und eine kleine weiße Hand mir eifrig zuwinkte, doch näher zu treten. Als ich mich näherte, sah ich, daß es dieselbe junge Dame war, welche ich zum erstenmal vor einigen Tagen in dem Wagen des Generals gesehen hatte.
»Herr West,« flüsterte sie, sich ängstlich nach allen Seiten hin umblickend, »ich muß bei Ihnen Abbitte für die Ihnen und Ihrer Schwester zugefügte Beleidigung leisten. Mein Bruder war in der Allee und sah alles, fühlte sich aber außerstande, etwas zu tun. Ich kann Ihnen versichern, Herr West, daß, wenn Ihnen das greuliche Brett da ein Dorn im Auge ist, das bei meinem Bruder und mir in noch weit größerem Maße der Fall ist.«
»Aber, Fräulein Heatherstone,« entgegnete ich lachend, um sie zu beruhigen, »England ist ein freies Land, und wenn es einem Manne einfällt, sich von der Außenwelt abzuschließen, so kann ihn niemand daran hindern!«
»Es war einfach brutal!« rief sie jetzt aus, mit ihrem kleinen Fuße aufstampfend. »Und der Gedanke, daß auch Ihre Schwester in so unerhörter Weise mit beleidigt wurde! Ich möchte in den Erdboden sinken vor lauter Scham, wenn ich nur daran denke!«
»Aber ich bitte Sie, die Sache hat ja doch gar nichts weiter zu bedeuten!« sagte ich eindringlich. »Ihr Vater hat sicher seine guten Gründe für diesen Schritt gehabt!«
»Ja, die hat er, das weiß Gott im Himmel!« rief sie niedergeschlagen. »Und doch wäre es mannhafter, denke ich, der Gefahr entgegenzutreten, als davor zu fliehen. Aber das weiß er jedenfalls am besten, und wir können nicht darüber urteilen. – »Wer kommt da?« rief sie ganz plötzlich aus, angstvoll die dunkle Allee hinabblickend. »O, es ist nur mein Bruder Mordaunt,« fügte sie hinzu, als der junge Mann herankam. »Ich habe eben bei Herrn West Abbitte getan, in deinem sowohl wie in meinem Namen, für das, was sich hier gestern zutrug!«
»Es freut mich außerordentlich, daß ich es auch noch persönlich tun kann,« sagte er höflich. »Ich wünsche nur, Ihre Schwester und Ihren Vater ebenfalls sehen zu können, um ihnen zu versichern, wie leid mir die Geschichte tut. Bitte, gehen Sie noch nicht, Herr West, ich habe noch ein Wort mit Ihnen zu reden.«
Fräulein Heatherstone winkte mir freundlich lächelnd zu und eilte davon, während ihr Bruder das Tor öffnete, zu mir herauskam und das Eisengitter sorgfältig wieder von außen verschloß.
»Ich werde ein wenig mit Ihnen spazierengehen, wenn Sie nichts dagegen haben. Rauchen Sie?« Er entnahm seinem Etui zwei Zigarren und reichte mir eine davon. »Sie sind nicht übel,« meinte er, »ich wurde während meines Aufenthalts in Ostindien Tabakkenner. Haben Sie Feuer? Hoffentlich halte ich Sie nicht von Geschäften ab?«
»Durchaus nicht,« antwortete ich, »Ihre Gesellschaft ist mir im Gegenteil sehr willkommen!«
»Ich will Ihnen etwas sagen!« erwiderte mein Begleiter. »Dies ist das erstemal, daß ich über den Schloßpark hinausgekommen bin, solange wir hier sind.«
»Und Ihre Schwester?«
»Die ist auch noch nie draußen gewesen. Ich bin dem Alten heute entschlüpft, obwohl ich weiß, daß es ihm durchaus nicht recht sein würde, wenn er es wüßte. Es ist eine seiner Launen, daß wir hier ganz unter uns bleiben sollen. Wenigstens würden es die meisten Leute eine bloße Laune nennen. Ich selbst habe Ursache zu glauben, daß er für alles, was er tut, seine guten Gründe hat, obgleich er in diesem Fall vielleicht etwas zu streng ist.«
»Sie müssen es hier sehr einsam finden,« sagte ich. »Könnten Sie nicht dann und wann einmal zu uns herüberkommen? Das Haus dort drüben ist Branksome.«
»Sie sind wirklich sehr freundlich,« antwortete er mit leuchtenden Augen. »Ich wünsche nichts sehnlicher. Unseren alten Kutscher und den Gärtner Israel Stakes ausgenommen, gibt es hier keine Seele, mit der man sich unterhalten könnte.«
»Und Ihre Schwester? Für die muß es noch schlimmer sein!« sagte ich. Mir schien es nachgerade, als ob mein neuer Bekannter sich etwas zu viel über seinen eigenen Kummer und zu wenig über den seiner Schwester grämte.
»Freilich,« antwortete er gleichgültig, »die arme Gabriele leidet ja auch darunter, aber es ist doch für einen jungen Mann bei weitem unnatürlicher in dieser Weise eingemauert zu sein, als für ein Mädchen. Bedenken Sie doch! Ich werde im nächsten März dreiundzwanzig Jahre alt und habe nie eine Universität, ja nicht einmal eine Schule besucht. Ich bin gerade so unwissend, wie irgendeiner von diesen Klutentramplern hier herum. Es mag Ihnen sonderbar vorkommen, ist aber trotzdem der Fall. Glauben Sie nicht selbst, daß ich ein besseres Schicksal verdient hätte?«
Er stand still, während er sprach, und sah mir voll ins Gesicht, seine Hände wie flehend erhoben.
Als ich ihn ansah, während er von der Morgensonne beschienen dastand, konnte ich nicht umhin, die Billigkeit seiner Worte anzuerkennen. Muskulös und hochgewachsen, sah er mit seinem strengen, dunklen Gesicht und den fein gemeißelten Zügen fast aus, als sei er aus dem Rahmen eines alten Charaktergemäldes von Murillo oder Velasquez herausgetreten. Sein massives Kinn und die buschigen Augenbrauen, sowie seine ganze elastische, zähe Figur zeugten von schlummernder Energie und Tatkraft.
»Es gibt zweierlei Arten von Weisheit,« bemerkte ich. »Die eine kommt aus Büchern, die andere aus der Erfahrung. Wenn Sie vielleicht um Ihren rechtmäßigen Anteil an der ersteren betrogen sind, so werden Sie durch einen Löwenanteil an der letzteren entschädigt sein. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie Ihr ganzes Leben in Vergnügungen und Nichtstun vergeudet haben sollten.«
»Vergnügungen!« rief er. »Vergnügungen!« Er riß seinen Hut ab und ich sah, daß sein schwarzes Haar überall mit grauen Fäden durchzogen war. »Meinen Sie vielleicht, daß die von Vergnügungen herrühren?« rief er, bitter auflachend.
»Sie müssen viel durchgemacht haben,« sagte ich überrascht, »vielleicht eine schwere Krankheit in Ihrer Jugend? Oder sollten vielleicht chronische Ursachen zugrunde liegen? Fortwährend peinigende Sorge und Angst? Ich habe schon junge Männer in Ihrem Alter gekannt, deren Haar ebenso grau war.
Wenn es Ihnen möglich sein sollte, von Zeit zu Zeit nach Branksome zu kommen, so könnten Sie am Ende auch Fräulein Heatherstone mitbringen,« versetzte ich. »Meine Schwester und mein Vater würden sich unbedingt sehr freuen, sie zu sehen, und eine wenn auch noch so kurze Abwechslung würde ihr wohltun.«
»Es wird für uns beide ziemlich schwer halten fortzukommen,« antwortete er. »Wenn es jedoch irgendwie möglich ist, werde ich sie mitbringen. Vielleicht läßt es sich einmal am Nachmittag machen, da der Alte dann häufig eine Siesta hält.«
Als wir den schlängelnden Pfad erreichten, der von der Chaussee abzweigend, unserem Hause zuführte, machte mein Begleiter halt.
»Ich muß jetzt zurück,« sagte er, »man wird mich sonst vermissen. Es ist sehr freundlich von Ihnen, West, solches Interesse an uns zu nehmen. Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar, und Gabriele wird es ebenfalls sein, wenn sie von Ihrer freundlichen Einladung hören wird. Nach dem abscheulichen Schilde meines Vaters sind es wirklich feurige Kohlen, die Sie auf meinem Haupte sammeln.«
Er reichte mir die Hand und wandte sich zum Gehen, kam aber plötzlich zurück.
»Es fiel mir gerade ein,« sagte er, »daß wir in Cloomber Ihnen höchst rätselhaft vorkommen müssen. Sie halten es am Ende gar für eine Privat-Irrenanstalt, und ich kann es Ihnen nicht übelnehmen. Da Sie sich wahrscheinlich dafür interessieren, ist es eigentlich unfreundlich von mir, Sie nicht darüber aufzuklären; aber ich habe meinem Vater das strengste Schweigen darüber geloben müssen. Und wirklich, wenn ich Ihnen auch alles erzählen würde, was ich selbst darüber weiß, so würden Sie doch nicht viel klüger sein als jetzt. Nur eins kann ich Ihnen versichern: mein Vater ist gerade so vernünftig wie Sie oder ich, und hat sehr gute Gründe für alles, was er tut und wenn es auch noch so widersinnig erscheinen mag. Sein einziger Beweggrund für diese eingemauerte Einsamkeit ist der Selbsterhaltungstrieb, nicht etwa unlautere oder unehrenhafte Motive.«
»Er befindet sich also in Gefahr?« rief ich aus.
»Ja, in fortwährender Gefahr!«
»Aber weshalb wendet er sich dann nicht an die Obrigkeit um Schutz?« fragte ich. »Wenn er von irgend jemand bedroht wird, braucht er das ja nur zu sagen, und man wird sofort die nötigen Schritt für seine Sicherheit tun.«
»Mein lieber West,« sagte da der junge Heatherstone, »die Gefahr, von der mein Vater sich bedroht sieht, kann durch keine menschliche Dazwischenkunft abgewandt werden. Sie ist aber nichtsdestoweniger vorhanden, und wir stehen vielleicht jetzt gerade nah vor einer Krisis!« –
»Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß sie eine übernatürliche ist?« fragte ich ungläubig.
»Kaum,« entgegnete er zögernd. »Aber,« fuhr er fort, »ich habe jetzt schon mehr gesagt, als ich eigentlich darf. Ich weiß jedoch, daß Sie mein Vertrauen nicht mißbrauchen werden. Gott befohlen!«
Er machte sich auf und davon und war meinen Augen bald hinter einer Krümmung der Landstraße verschwunden.
Eine drohende und vielleicht nahe bevorstehende Gefahr, durch keine menschliche Dazwischenkunft abzuhalten und doch wieder kaum übernatürlich zu nennen! Wer löste das Rätsel? –
Ich hatte mich daran gewöhnt, die Heatherstones einfach für exzentrisch zu halten; aber nach dem, was der junge Mordaunt mir erzählt hatte, konnte ich nicht länger zweifeln, daß etwas Dunkles und Unheilvolles alle ihre Handlungen bestimmte. Je mehr ich aber über sie nachdachte, desto unheimlicher wurden sie mir nur, und doch konnte ich mir die Geschichte nicht aus dem Kopfe schlagen.
Das einsame stille Schloß und die furchtbare Katastrophe, die wie ein Damoklesschwert über den Häuptern seiner Bewohner hing, hatten meine Einbildungskraft fieberhaft erregt. Den ganzen Abend und bis tief in die Nacht hinein saß ich am Kamin, in Nachdenken versunken über alles, was ich gehört hatte, aber außerstande, eine Lösung zu finden für das rätseldunkle Geheimnis.
Fünftes Kapitel.
Es ist wohl kein Wunder, daß ich mich mehr und mehr mit General Heatherstone und dem Geheimnis, das ihn umgab, beschäftigte, als Wochen vergingen, ohne daß ich von den Bewohnern von Cloomber-Hall etwas sah oder hörte. Vergebens strebte ich durch Arbeiten aller Art und strenge Hingabe an meine Pflichten als Gutsverwalter meinen Gedanken wieder eine andere Richtung zu geben. Was ich auch tun mochte, zu Wasser oder zu Land, immer und immer wieder grübelte ich über das Rätsel nach, bis es mir endlich klar wurde, daß es vergebens sei, mich mit irgend etwas anderem zu beschäftigen, solange ich das Problem nicht gelöst haben würde. Nie konnte ich an der langen, düstern, fünf Fuß hohen Umzäunung und dem großen eisernen Tore mit seinem massiven Schlosse vorbeigehen, ohne stehen zu bleiben und mir über das Geheimnis, das hinter diesem unübersteigbaren Hindernis verborgen sein mußte, den Kopf zu zerbrechen.
Aber mit allen meinen Mutmaßungen konnte ich zu keiner Schlußfolgerung gelangen, die auch nur einen Augenblick als eine Erklärung der Tatsachen hätte gelten können. –
Meine Schwester war eines Abends ausgegangen, um einen kranken Bauern zu besuchen, oder sonst irgendeinen der vielen Liebesdienste zu verrichten, durch welche sie sich weit und breit im Lande bald beliebt gemacht hatte.
»John,« sagte sie, als sie heim kam, »hast du Cloomber-Hall heute abend beobachtet?«
»Nein,« erwiderte ich, das Buch, in welchem ich gerade las, niederlegend, »abends überhaupt nicht seit dem Abend, an welchem der General und Mc. Neil herüberkamen, um sich das Haus anzusehen.«
»Willst du dann, bitte, deinen Hut holen und einen kleinen Spaziergang mit mir machen?« entgegnete Esther.
Ich konnte ihr ansehen, daß sie irgend etwas aufgeregt und nervös gemacht haben mußte.
»Aber, gütiger Himmel,« rief ich, »was ist denn mit dir los? Das alte Schloß brennt doch wohl nicht? Du siehst ja aus, als ob ganz Wigtown in Flammen stände!«
»Ganz so schlimm ist es wohl nicht,« erwiderte sie lächelnd. »Aber, bitte komm, John. Du mußt es dir ansehen.«
Ich hatte, aus Furcht, sie zu beunruhigen, meiner Schwester nie etwas von dem fast krankhaften Interesse, das ich für unsere Nachbarn hatte, gesagt. Auf ihre Bitte nahm ich meinen Hut und folgte ihr in die Dunkelheit hinaus. Sie ging auf einem schmalen Fußpfade durch das Moor voran, bis wir auf eine kleine Anhöhe kamen, von welcher wir über die das Schloß umsäumenden Fichten hinweg auf dieses hinunterblicken konnten.
»Sieh doch nur!« sagte meine Schwester, während sie auf der Spitze des kleinen Hügels stehenblieb.
Cloomber lag wie in einem Lichtmeer gebadet vor uns. In der unteren Etage verdunkelten die Fensterläden den Schein, aber von den breiten Fenstern des zweiten Stockwerkes bis zu den engen Gucklöchern des Turmes war nicht ein Schlitz, nicht eine Spalte, die nicht einen Strom von Licht ausstrahlte.
So blendend war die Wirkung, daß ich zuerst überzeugt war, das Haus brenne; aber die ruhige und klare Helle enthob mich bald dieser Sorge. Es war augenscheinlich das Resultat einer systematischen Aufstellung von Lampen in dem ganzen Gebäude. Was aber die eigentümliche Wirkung noch erhöhte, war, daß alle diese glänzend erleuchteten Zimmer augenscheinlich unbewohnt und einige, soviel ich sehen konnte, nicht einmal möbliert waren. In dem ganzen großen Hause sah man kein Zeichen von Leben, nichts als die klare und stetige Flut gelben Lichtes.
Ich hatte mich von meinem Erstaunen noch nicht erholt, als ich ein kurzes, krampfhaftes Schluchzen neben mir hörte.
»Was fehlt dir denn, liebe Esther?« fragte ich besorgt.
»Ich fürchte mich so! O John, bringe mich nach Hause. Mir ist so bange!« klang die zitternde Antwort.
Sie hing sich an meinen Arm und zog in wahnsinniger Angst an meinem Rocke.
»Es ist ja alles ganz in Ordnung, Liebling,« sagte ich beschwichtigend. »Worüber regst du dich denn nur so auf?«
»Ich fürchte mich vor ihnen, John! Ich fürchte mich vor den Heatherstone! Weshalb ist ihr Haus jeden Abend so erleuchtet? Ich habe von anderen gehört, daß es immer so ist. Und weshalb läuft der Alte davon wie ein erschreckter Hase, wenn ihm unverhofft jemand begegnet? Es ist etwas nicht richtig mit ihnen, John, und das beängstigt mich.«
Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, und nahm sie mit nach Hause, wo ich ihr, ehe sie zur Ruhe ging, etwas Glühwein bereitete. Aus Furcht, sie noch mehr aufzuregen, vermied ich es, von den Heatherstones zu sprechen, und sie kam selbst nicht darauf zurück. Ich war jedoch überzeugt, daß sie schon seit einiger Zeit ihre eigenen Beobachtungen angestellt hatte, und daß sie schließlich ängstlich geworden war. Ich konnte wohl sehen, daß die allnächtliche Beleuchtung des Schlosses an und für sich diese außerordentliche Aufregung nicht verschuldet haben konnte, und daß diese in ihren Augen nur dadurch Wichtigkeit erhielt, daß sie ein Glied in einer Kette von Ereignissen bildete, die alle einen mehr oder weniger unheimlichen und ängstlichen Eindruck auf sie gemacht hatten. Zu dieser Schlußfolgerung kam ich schon damals, und ich habe jetzt gute Gründe, zu glauben, daß meine Schwester noch mehr Ursache als ich zu der Annahme hatte, es sei mit den Bewohnern von Cloomber-Hall nicht ganz geheuer.
Unser Interesse mag zuerst bloß Neugierde gewesen sein, aber die jetzt folgenden Ereignisse sollten uns bald enger mit der Familie Heatherstone verbinden.
Mordaunt hatte sich meine Einladung, uns zu besuchen, zunutze gemacht und hatte verschiedene Male auch seine hübsche Schwester mitgebracht. Wir wanderten dann gewöhnlich zu vieren auf der Heide umher oder segelten, wenn das Wetter schön war, in unserem kleinen Boote auf die Irische See hinaus. Auf solchen kleinen Ausflügen waren dann die Geschwister so heiter und fröhlich wie zwei Kinder. Es war ihnen eine Erlösung, einmal aus ihrer langweiligen Festung herauszukommen und sich, wenn auch nur für einige Stunden, von freundlichen und sympathischen Gesichtern umgeben zu sehen.
Aber die Folgen dieses schönen, verbotenen Beisammenseins waren unausbleiblich. Aus der Bekanntschaft wurde Freundschaft, aus der Freundschaft innige Liebe. Gabriele sitzt gerade jetzt neben mir und sieht mir zu, wie ich schreibe, und sie stimmt mir bei, daß die Geschichte unserer Liebe zu persönlicher Natur ist, um in diesen Zeilen mehr als einfach erwähnt zu werden. Ich begnüge mich also mit der Bemerkung, daß einige Wochen nach unserem ersten Zusammentreffen Mordaunt Heatherstone Herz und Hand meiner geliebten Schwester gewonnen und Gabriele mir das Gelübde ewiger Treue gegeben hatte.
Ich habe hier nur kurz auf diese doppelte Verbindung angespielt, weil ich keine Liebesgeschichte schreiben will und auch den Faden meiner Erzählung, die von General Heatherstone, aber nicht von mir handelt, nicht darüber verlieren möchte.
Es versteht sich von selbst, daß wir nach unserer Verlobung noch häufiger als zuvor mit den jungen Heatherstones verkehrten. Zuweilen, wenn der General durch Geschäfte nach Wigtown gerufen oder durch die Gicht an sein Zimmer gefesselt war, brachten sie ganze Tage bei uns zu. Unser guter Vater war immer da, um sie mit seinen kleinen, gut angebrachten Späßen zu begrüßen; wir hatten keine Geheimnisse vor ihm, und er betrachtete sie jetzt schon als seine Kinder.
Es gab aber auch Zeiten, in denen ein besonders aufregender und unheimlicher Anfall des Generals es wochenlang für Gabriele und Mordaunt unmöglich machte, auch nur den Park zu verlassen. Er pflegte dann auf Posten vor dem Tore zu stehen, oder den Fahrweg auf und ab zu marschieren, als ob er fürchtete, daß jemand den Versuch machen könnte, in seine Verborgenheit einzudringen. Als ich eines Abends vorbeiging, konnte ich seine dunkle, drohende Gestalt im Schatten der Bäume umherhuschen sehen, wie er mich mit seinem strengen, viereckigen Gesicht durch das Gitter hindurch beobachtete. Es war ein trauriger Anblick, diese nervösen Bewegungen, die ängstlich spähenden Augen und verstörten Züge. Wer hätte geglaubt, daß dieses gebückte, schleichende Geschöpf einst ein schneidiger Offizier gewesen sei, der sein Leben fürs Vaterland eingesetzt hatte und unter Hunderten von tapferen Männern seines Mutes wegen ausgezeichnet worden war?
Trotz der Wachsamkeit des alten Soldaten brachten wir es doch fertig, uns mit unseren Freunden in Verbindung zu setzen. Gleich hinter dem Schlosse war eine Stelle, wo das Staket so nachlässig errichten worden war, daß zwei der Latten ohne Mühe entfernt werden konnten. Diese breite Lücke gab uns die Gelegenheit für manch ein verstohlenes Stelldichein. Freilich waren diese notwendigerweise sehr kurz, da der General in seinen Wanderungen unberechenbar und keine Stelle des Parkes vor seinem Besuche sicher war.
Wie lebhaft steht die Erinnerung an eines dieser eiligen Rendezvous vor mir! Klar und friedlich hebt es sich von den wilden und geheimnisvollen Ereignissen ab, die schließlich zu einer schrecklichen Katastrophe führten und den Schatten über unser ganzes Leben warfen.
Ich erinnere mich, wie ich eines Morgens durch das Feld ging; das Gras war noch feucht vom Morgentau und die Luft schwer von dem Dufte frischgepflügter Erde. Gabriele wartete auf mich unter dem Hagedorn vor der Lücke, und wir standen bald Hand in Hand, auf das weite Moor sowie auf den breiten, blauen Streifen Wasser hinabblickend, welcher jenes wie mit einem Gürtel von weißem Schaum umspannte. Im fernen Nordwesten erglänzte der Gipfel vom Mount Throoter in den Strahlen der Morgensonne, und von der großen, nach Belfast führenden Wasserstraße her sah man den Rauch von eilenden Dampfern aufsteigen.
»Ist das Bild nicht wundervoll?« fragte Gabriele, mit ihren Händen meinen Arm umfassend. »O John, weshalb können wir nicht frei über die Wellen davonsegeln und alle unsere Sorgen hier am Ufer zurücklassen?«
»Was für Sorgen sind es denn, die du so gern zurücklassen möchtest, mein Lieb?« fragte ich. »Darf ich sie nicht kennen, damit ich dir helfen kann, sie zu tragen?«
»Ich habe keine Geheimnisse vor dir, John,« antwortete sie. »Unsere Hauptsorge ist, wie du dir leicht denken kannst, das sonderbare Wesen meines armen Vaters. Ist es nicht traurig, daß ein Mann, der sich so vor aller Welt ausgezeichnet hat, von einem abgelegenen Winkel des Landes zum anderen fliehen muß wie ein gemeiner Dieb? Und wir sind außerstande, sein Geschick in irgendeiner Weise zu er leichtern!«
»Aber weshalb tut er es denn, Gabriele?« fragte ich.
»O, ich kann es nicht sagen,« antwortete sie freimütig. »Ich weiß nur, daß er irgendeine drohende Gefahr über seinem Haupte schweben fühlt und daß die Ursache hierfür in seinem Aufenthalt in Ostindien zu suchen ist. Aber welcher Art diese Gefahr ist, weiß ich ebensowenig wie du.«
»Dann weiß es aber dein Bruder!« antwortete ich. »Nach der Art wie er sich mir gegenüber ausließ, bin ich überzeugt, daß er weiß, worin die Gefahr besteht, und daß er sie als wirklich vorhanden ansieht.«
»Ja, er weiß es und ebenso auch meine Mutter,« antwortete Esther, »aber sie haben es immer vor mir geheim gehalten. Mein armer Vater ist gerade jetzt wieder furchtbar aufgeregt. Tag und Nacht befindet er sich in der schrecklichsten Angst; aber bald ist ja der fünfte Oktober, und dann wird wieder Frieden herrschen.«
»Woher weißt du das?« fragte ich überrascht.
»Aus Erfahrung,« erwiderte sie ernst. Am fünften Oktober kommen alle diese Befürchtungen zu einer Krisis. Jahrelang schon pflegt er Mordaunt und mich an dem Tage in unsere Zimmer einzuschließen, so daß wir keine Ahnung haben von dem, was vorgeht! Nachher aber ist es, als ob ihm ein Stein vom Herzen gefallen wäre, und er ist auch verhältnismäßig ruhig, bis der kritische Tag wieder herannaht.«
»Dann habt ihr ja nur noch ungefähr zehn Tage zu warten,« sagte ich, denn es war jetzt Ende September. »Apropos, Liebste, weshalb sind eigentlich alle eure Zimmer des Nachts erleuchtet?«
»Hast du das bemerkt?« entgegnete sie. »Das rührt auch von meines Vaters Befürchtungen her. Er kann keine dunkle Ecke in seinem Hause leiden. Er geht nachts viel im Hause umher und sieht alles nach, von den obersten Dachstübchen bis hinunter zu den Kellern. Er hat in jedem Zimmer und in jedem Korridor, auch in den leerstehenden, große Lampen aufstellen lassen, und die Bedienten müssen sie alle anstecken, sobald es dunkelt.«
»Es nimmt mich wunder, daß ihr eure Bedienten behalten könnt,« sagte ich lachend, »die Mägde in dieser Gegend sind sehr abergläubisch, und alles, was sie nicht verstehen, erregt leicht ihre Einbildungskraft.«
»Die Köchin und beide Hausmägde sind aus London und an unsere Eigentümlichkeiten gewöhnt. Wir bezahlen außerordentlich gut, um sie für alle etwaigen Unannehmlichkeiten zu entschädigen. Israel Stakes, der Kutscher, ist der einzige, der aus dieser Gegend stammt, und er scheint ein phlegmatischer, ehrlicher Kerl zu sein, der sich nicht ins Bockshorn jagen läßt.«
»Armes Mädchen!« rief ich aus, auf die schlanke Gestalt neben mir blickend. »Das ist doch kein Leben für dich! Weshalb erlaubst du mir nicht, dich davon zu erlösen? Soll ich zum General gehen und ihn einfach um deine Hand bitten? Schlimmstenfalls könnte er sie mir doch nur abschlagen!«
Sie erbleichte bei dem bloßen Gedanken an eine solche Möglichkeit.
»Um des Himmels willen, John,« rief sie aus. »Tue das nur nicht! Er würde uns alle sofort bei Nacht fortschleppen, und binnen acht Tagen würden wir uns in irgendeiner Wildnis ansiedeln, wo wir nie wieder Gelegenheit hätten, einander zu sehen oder auch nur voneinander zu hören. Außerdem würde er uns nie verzeihen, daß wir uns aus dem Park hinausgewagt haben.«
»Ich glaube nicht, daß er ein hartherziger Mann ist,« bemerkte ich. »Ich habe wiederholt, trotz seines finsteren Aussehens, einen freundlichen Blick in seinen Augen bemerkt.«
»Er kann der allergütigste Vater sein,« entgegnete sie, »aber er ist schrecklich, wenn man sich ihm widersetzt. Du hast ihn noch nie so gesehen, und hoffentlich wirst du auch nie Gelegenheit dazu haben. Diese eiserne Willenskraft und diese unbeugsame Energie waren es eben, die ihn zu einem schneidigen Offizier machten. Glaube mir, in Ostindien stand er in höchstem Ansehen. Die Soldaten fürchteten ihn. würden ihm aber überallhin gefolgt sein.«
»Und hatte er damals schon diese nervösen Anfälle?«
»Gelegentlich, aber bei weitem nicht so heftig. Er scheint zu glauben, daß die Gefahr – worin sie auch immer bestehen mag – mit jedem Jahre drohender wird. Ach, John, es ist schrecklich, so mit dem Damoklesschwert über unseren Häuptern dahinleben zu müssen – und noch schrecklicher für mich, weil ich keine Ahnung habe, woher der Streich kommen kann!«
Ich ergriff ihre Hand und zog sie an mich.
»Liebe Gabriele,« sagte ich, »sieh dir nur diese reizende Landschaft und das weite, blaue Meer an. Ist nicht alles friedlich und schön? In allen diesen Hütten, die mit ihren roten Ziegeldächern aus dem grauen Moore hervorlugen, leben einfache, gottesfürchtige Menschen, die schwer um ihr tägliches Brot arbeiten und niemand übel wollen. Nur sieben Meilen von hier liegt eine große Stadt, wo alle modernen Schutzmaßregeln für Erhaltung der Ordnung getroffen sind. Zehn Meilen davon ist eine Garnison einquartiert, und ein Telegramm könnte jederzeit eine Kompagnie Soldaten herbeirufen. Jetzt frage ich dich, Schatz, was für eine Gefahr kann euch in dieser Gegend drohen, wo doch Hilfe nahe zur Hand ist? Du sagtest doch, daß die Gefahr in keinem Zusammenhange mit deines Vaters Gesundheit steht?«
»Nein, davon bin ich überzeugt. Es ist ja wahr, daß Dr. Easterling ihn ein- oder zweimal besucht hat, aber das war nur einer kleinen Unpäßlichkeit wegen. Du kannst versichert sein, daß in dieser Beziehung keine Gefahr vorhanden ist.«
»Dann kannst du versichert sein,« sagte ich lachend, »daß überhaupt keine Gefahr vorhanden ist. Es muß irgendeine Monomanie oder eine sonderbare Idee sein. Keine andere Hypothese verträgt sich mit den Tatsachen.«
»Würde eine solche Monomanie meines Vaters die Tatsache erklären, daß meines Bruders Haare ergrauen und meine Mutter zu einem bloßen Schatten dahinschwindet?«
»Unzweifelhaft!« erwiderte ich. »Die fortwährende Aufregung wie auch die Unruhe und Reizbarkeit des Generals müssen einen solchen Einfluß auf empfindsame Naturen ausüben!«
»Nein, nein,« sagte sie, traurig den Kopf schüttelnd, »ich bin selbst dieser Unruhe und Reizbarkeit meines Vaters ausgesetzt, aber ich habe nie eine solche Wirkung bei mir beobachtet. Der Unterschied besteht darin, daß sie dieses furchtbare Geheimnis kennen und ich nicht!«
»Meine Liebste,« sagte ich, »die Zeiten der Familiengespenster und dergleichen sind vorüber. Es spukt heutzutage nicht mehr, und diese Annahme ist deshalb ganz außer Frage. Was bleibt uns dann aber übrig? Es gibt keine andere Theorie, an die man auch nur denken könnte. Glaube mir, das ganze Geheimnis wird sein, daß die Hitze in Ostindien das Gemüt deines armen Vaters angegriffen hat.«
Was sie mir geantwortet haben würde, das kann ich nicht sagen, denn sie fuhr plötzlich zusammen, als ob sie ein Geräusch gehört hätte. Als sie sich furchtsam umschaute, sah ich, wie ihre Züge starr wurden und ihre Augen sich weit öffneten. Ich folgte der Richtung ihres Blickes, und eine Gänsehaut überlief mich, als ich ein Gesicht gewahrte, das uns, halbversteckt hinter einem Baumstamm, beobachtete – verzerrt und entstellt durch die wildeste Wut.
Sobald der Mann, dem dieses Gesicht gehörte, sich bemerkt sah, kam er hervor und auf uns zu, und ich erkannte, daß es niemand anderes war als der General selbst. Seine Hände ballten sich förmlich vor Erregung, und seine tiefliegenden Augen glühten unter ihren blau-geaderten Lidern mit einem unheimlichen, geradezu teuflischen Glanze.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.