Kitabı oku: «Der Hund der Baskervilles»
Arthur Conan Doyle
Der Hund der Baskervilles
Impressum
Covergestaltung: Steve Lippold
Digitalisierung: Gunter Pirntke
ISBN: 9783955012427
2014 andersseitig
andersseitig Verlag
Dresden
www.andersseitig.de
info@new-ebooks.de
(mehr unter Impressum-Kontakt)
Inhalt
1. Mr. Sherlock Holmes
2. Der Fluch der Baskervilles
3. Das Problem
4. Sir Henry Baskerville
5. Drei zerrissene Fäden
6. Baskerville Hall
7. Die Stapletons von Merripit House
8. Erster Bericht von Dr. Watson
Zweiter Bericht von Dr. Watson
9. Das Licht auf dem Moor
10. Auszug aus Dr. Watsons Tagebuch
11. Der Mann auf dem ›tor‹
12. Tod auf dem Moor
13. Das Netz wird ausgelegt
14. Der Hund der Baskervilles
15. Ein Rückblick
Editorische Notiz
Anmerkungen
1. Mr. Sherlock Holmes
Mr. Sherlock Holmes, der sehr spät am Morgen aufzustehen pflegte (außer bei den gar nicht seltenen Gelegenheiten, da er die ganze Nacht aufblieb), saß am Frühstückstisch. Ich stand auf dem Kaminteppich und nahm den Stock zur Hand, den unser Besuch am Abend vorher zurückgelassen hatte. Es war ein feines, kräftiges Stück Holz mit Knollenknauf, eines jener Dinger, die als »malaiischer Gesetzgeber«1 bekannt sind. Ein beinahe zollbreites Silberband saß knapp unter dem Knauf. »Für James Mortimer M.R.C.S.2 von seinen Freunden im C.C.H.« war darauf eingraviert, dazu das Datum »1884«. Es war genau der Stock, wie ihn ein altmodischer Hausarzt zu tragen pflegt – würdevoll, unverwüstlich und vertrauenerweckend.
»Nun, Watson, was leiten Sie davon ab?«
Holmes saß mit dem Rücken zu mir, und ich hatte ihm keinen Hinweis auf meine Beschäftigung gegeben.
»Woher wußten Sie, was ich tue? Ich glaube, Sie haben Augen im Hinterkopf.«
»Jedenfalls habe ich eine gutpolierte silberne Kaffeekanne vor mir stehen«, erwiderte er, »aber sagen Sie, Watson, was leiten Sie von dem Spazierstock unseres Besuchers ab? Da wir ihn unglücklicherweise verfehlt und keine Ahnung von seinem Anliegen haben, ist dieses zufällige Souvenir von Bedeutung. Lassen Sie mich hören, wie Sie durch eine Untersuchung des Stocks den Mann rekonstruieren.«
»Ich meine«, sagte ich, indem ich die Methode meines Gefährten anwandte, so gut ich konnte, »daß Dr. Mortimer ein erfolgreicher, älterer Arzt ist und außerdem sehr geschätzt wird, da ihm Bekannte dieses Zeichen ihrer Anerkennung gewidmet haben.«
»Gut«, sagte Holmes, »ausgezeichnet!«
»Außerdem spricht, glaube ich, die Wahrscheinlichkeit dafür, daß er ein Landarzt ist, der einen großen Teil seiner Besuche zu Fuß macht.«
»Warum das?«
»Weil dieser Stock, obwohl ursprünglich gewiß sehr schön, so abgenutzt ist, daß ich mir ihn kaum im Besitz eines Stadtarztes vorstellen kann. Die starke eiserne Spitze ist beinahe stumpf; es ist also offensichtlich, daß er damit viel gewandert ist.«
»Sehr überzeugend!« sagte Holmes.
»Und dann ›die Freunde im C.C.H.‹. Ich schätze, es handelt sich um eine ›Hunt‹, die örtliche Jagdgesellschaft, deren Mitgliedern er vielleicht medizinische Hilfe geleistet hat, und die ihm als Gegenleistung eine kleine Ehrengabe überreicht haben.«
»Wirklich, Watson, Sie übertreffen sich!« sagte Holmes; er schob seinen Stuhl zurück und zündete sich eine Zigarette an. »Ich muß Ihnen sagen, daß Sie in allen Berichten, die Sie freundlicherweise über meine kleinen Leistungen erstattet, immer Ihre eigenen Fähigkeiten unterschätzt haben. Mag sein, daß Sie selber keine Leuchte sind, aber Sie wirken erleuchtend. Es gibt Menschen, die, ohne selbst Genie zu besitzen, die bemerkenswerte Gabe haben, es bei anderen zu stimulieren. Ich muß zugeben, lieber Freund, daß ich tief in Ihrer Schuld stehe.«
Noch nie hatte er so viel gesagt, und ich gestehe, daß mich seine Worte besonders freuten, denn ich hatte mich oft über seine Gleichgültigkeit gegen meine Bewunderung für ihn und meine Versuche, seine Methoden bekanntzumachen, geärgert. Auch war ich stolz bei dem Gedanken, daß ich sein System so weit beherrschte, daß ich es nun in einer Weise anwenden konnte, die seinen Beifall fand. Er nahm mir den Stock aus den Händen und betrachtete ihn einige Augenblicke lang mit bloßem Auge. Mit einem Ausdruck von Interesse legte er dann seine Zigarette weg, trug den Stock zum Fenster und untersuchte ihn nochmals, diesmal mit einem Vergrößerungsglas.
»Interessant, wenn auch elementar«, sagte er, als er zu seiner Lieblingsecke des Kanapees zurückkehrte. »Zweifellos enthält der Stock einen Hinweis oder zwei. Das gibt uns die Grundlage für mehrere Deduktionen.«
»Habe ich etwas übersehen?« fragte ich etwas eingebildet. »Ich hoffe, mir ist nichts entgangen, was von Wichtigkeit wäre?«
»Ich fürchte, mein lieber Watson, die meisten Ihrer Folgerungen waren unrichtig. Als ich sagte, daß Sie mich anregen, meinte ich damit, offen gestanden, daß ich, indem ich Ihre Fehler bemerke, zuweilen dadurch auf die richtige Spur gebracht werde. Nicht daß Sie sich in diesem Falle vollständig geirrt hätten. Der Mann ist bestimmt ein Landarzt. Und er geht viel zu Fuß.«
»Dann hatte ich doch recht.«
»So weit gewiß.«
»Das war aber doch alles.«
»Nein, nein, mein lieber Watson, nicht alles – bei weitem nicht alles. Ich meine zum Beispiel, daß eine Ehrengabe an einen Arzt wohl eher von einem Krankenhaus als von einer Jagdgesellschaft stammt und daß, wenn die Buchstaben C.C. vor diesem Hospital stehen, sich die Worte ›Charing Cross‹ ziemlich selbstverständlich daraus ergeben.«
»Damit könnten Sie recht haben.«
»Es spricht vieles dafür. Und wenn wir das als Arbeitshypothese nehmen, haben wir eine neue Grundlage für die Rekonstruktion dieses unbekannten Besuchers.«
»Nun denn – angenommen, daß die Buchstaben C.C.H. wirklich Charing Cross Hospital bedeuten, welche weiteren Schlüsse können wir daraus ziehen?«
»Drängen sich denn keine auf? Sie kennen meine Methoden. Wenden Sie sie an!«
»Ich kann nur zu dem offensichtlichen Schluß kommen, daß der Mann in der Stadt praktiziert hat, ehe er auf das Land gegangen ist.«
»Ich glaube, wir können sogar einen Schritt weiter gehen. Betrachten Sie die Sache von folgendem Standpunkt aus. Was wäre wohl die wahrscheinlichste Gelegenheit zu einer solchen Widmung? Wann täten sich seine Freunde zusammen, um ihm ein solches Unterpfand ihres guten Willens zu geben? Doch wohl in dem Augenblick, da Dr. Mortimer den Dienst im Krankenhaus aufgibt, um eine eigene Praxis zu gründen. Wir wissen, daß ein Geschenk gemacht worden ist. Wir nehmen an, daß es einen Wechsel von einem Krankenhaus in der Stadt zu einer Praxis auf dem Land gegeben hat. Ist die Voraussetzung, daß dieser Wechsel die Ursache zu diesem Geschenk war, zu weit hergeholt?«
»Es scheint mir sogar sehr wahrscheinlich.«
»Nun müssen Sie in Betracht ziehen, daß er nicht Mitglied des Ärztepersonals dieses Krankenhauses gewesen sein kann, da nur ein Arzt mit einer gutetablierten Londoner Praxis eine solche Stellung einnehmen könnte, und ein solcher Mann würde sich nicht aufs Land zurückziehen. Was also war seine Stellung? Wenn er im Krankenhaus gearbeitet hat, aber nicht Mitglied des Ärztestabs war, kann er nur Assistenzchirurg oder Internist gewesen sein – wenig mehr als ein älterer Student. Und er hat das Krankenhaus vor fünf Jahren verlassen – das Datum ist auf dem Stock eingraviert. So löst sich Ihr Hausarzt gesetzten Alters in Luft auf, und ein junger Mensch unter dreißig taucht auf, liebenswürdig, ohne Ehrgeiz, zerstreut, und Besitzer eines Lieblingshundes, den ich grob als größer denn einen Terrier und kleiner denn eine Bulldogge beschreiben möchte.«
Ich lachte ungläubig, während sich Sherlock Holmes auf dem Kanapee zurücklehnte und kleine Rauchringe zur Zimmerdecke hinauf blies.
»Was den zweiten Teil betrifft, habe ich keine Möglichkeit, ihn zu überprüfen«, sagte ich. »Aber wenigstens ist es nicht schwer, Genaueres über das Alter und die berufliche Karriere dieses Mannes herauszufinden.«
Ich nahm das Ärzteverzeichnis von meinem kleinen Regal mit medizinischen Werken und schlug den Namen nach. Es gab mehrere Mortimers, aber nur einer kam als unser Besucher in Frage. Ich las die Stelle aus dem Buche laut vor.
Mortimer, James, M.R.C.S., 1882, Grimpen, Dartmoor, Devon. Assistenzchirurg 1882–1884 am Charing Cross Hospital. Gewinner des Jackson-Preises für Vergleichende Pathologie für eine Abhandlung, betitelt ›Ist Krankheit ein Atavismus?‹ Korrespondierendes Mitglied der Schwedischen Gesellschaft für Pathologie. Autor von ›Einige sonderbare Fälle von Atavismus‹ (Lancet 1882), ›Machen wir Fortschritte?‹ (Journal of Psychologe, März 1883), Gemeindearzt für Grimpen, Thorsley und Highbarrow.
»Keine Erwähnung einer örtlichen Jagdgesellschaft, Watson«, sagte Holmes mit einem spitzbübischen Lächeln. »Aber er ist Landarzt, wie Sie so scharfsinnig bemerkt haben. Ich glaube, daß meine Annahmen einigermaßen berechtigt waren. Bei den Eigenschaften habe ich, wenn ich mich recht erinnere, gesagt: liebenswürdig, ohne Ehrgeiz und zerstreut. Meiner Erfahrung nach ist es nur ein liebenswürdiger Mensch, der beschenkt wird, nur ein ehrgeizloser, der seine Karriere in London gegen das Land eintauscht, und nur ein zerstreuter, der seinen Stock und nicht seine Visitenkarte zurückläßt, wenn er eine Stunde in Ihrem Domizil gewartet hat.«
»Und der Hund?«
»Ist daran gewöhnt, diesen Stock seinem Herrn nachzutragen. Da es ein schwerer Stock ist, hält ihn der Hund fest in der Mitte, und die Spuren seiner Zähne sind sehr gut sichtbar. Der Kiefer des Hundes, wie man aus dem Abstand zwischen diesen Zahnspuren schließen kann, ist meiner Meinung nach zu breit für einen Terrier und nicht breit genug für eine Bulldogge. Es könnte sein – ja, bei Jupiter! Es ist ein kraushaariger Spaniel!«
Er war aufgestanden und im Zimmer auf und ab gegangen, während er sprach. Nun stand er in der Fensternische. Aus seiner Stimme klang solche Überzeugung, daß ich überrascht aufsah.
»Lieber Freund, wie können Sie dessen so sicher sein?«
»Aus dem sehr einfachen Grund, daß ich den Hund soeben vor unserer Haustüre sehe, und sein Besitzer läutet gerade. Gehen Sie bitte nicht weg, Watson, er ist ein Kollege von Ihnen, und Ihre Gegenwart kann hilfreich für mich sein. Es ist immer ein dramatischer, schicksalhafter Moment, Watson, wenn Sie auf der Treppe einen Schritt hören, der in Ihr Leben einzutreten im Begriff ist, und Sie wissen nicht, ob es zum Guten oder zum Bösen sein wird. Was kann Dr. James Mortimer, der Mann der Wissenschaft, von Sherlock Holmes, dem Sachverständigen für Verbrechen, wollen? Herein!«
Das Auftreten unseres Besuchers war eine Überraschung für mich, da ich einen typischen Landarzt erwartet hatte. Er war sehr groß, sehr schlank, mit einer langen Nase, die wie ein Schnabel zwischen den nahe beieinanderliegenden scharfen grauen Augen hervorragte, die hell hinter einer goldgefaßten Brille funkelten. Er war seinem Beruf entsprechend, aber ziemlich unordentlich gekleidet, denn sein Gehrock war schmutzig und seine Hose abgetragen. Trotz der Jugend war sein langer Rücken schon gebeugt, und er ging mit vorgestrecktem Kopf, was den Eindruck neugierigen Wohlwollens hervorrief. Als er eintrat, fiel sein Blick auf den Stock in Holmes' Hand; er stürzte sich mit einem freudigen Ausruf darauf.
»Da bin ich aber froh«, sagte er. »Ich war nicht sicher, ob ich ihn hier oder bei der Schiffahrtsgesellschaft gelassen hatte. Ich möchte um nichts in der Welt diesen Stock verlieren.«
»Ein Geschenk, wie ich sehe«, sagte Holmes.
»Ja, Sir.«
»Vom Charing Cross Hospital?«
»Von einem oder zwei Freunden dort anläßlich meiner Hochzeit.«
»O weh, o weh, das ist aber schlecht«, sagte Holmes und schüttelte den Kopf.
Dr. Mortimer blinzelte in milder Verwunderung hinter seinen Brillengläsern hervor.
»Warum sollte das schlecht sein?«
»Nur weil Sie unsere netten Deduktionen zunichte gemacht haben. Ihre Hochzeit, sagen Sie?«
»Ja, Sir. Ich habe geheiratet und deshalb das Krankenhaus und damit auch jede Aussicht auf eine Konsultationspraxis verlassen. Ich mußte eben meinen eigenen Hausstand gründen.«
»So, so, wir haben uns also doch nicht vollkommen geirrt«, lächelte Holmes. »Und nun, Dr. James Mortimer ...«
»Mister, Sir, Mister – ein schlichtes Mitglied des Royal College of Surgeons. M.R.C.S.«
»Und anscheinend ein Mann von exaktem Wissen.«
»Ein Amateurwissenschaftler, Mr. Holmes, ein Mann, der Muscheln am Strand des weiten, unbekannten Ozeans aufhebt. Ich nehme doch an, daß ich mit Mr. Sherlock Holmes spreche und nicht mit ...?«
»Nein – dies hier ist mein Freund Dr. Watson.«
»Nett, Sie kennenzulernen, Sir. Ich habe Ihren Namen im Zusammenhang mit dem Ihres Freundes gehört. Sie interessieren mich sehr, Mr. Holmes. Ich hätte kaum eine so ausgesprochene Langschädelformation und so stark entwickelte Jochbogen bei Ihnen erwartet. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mit dem Finger Ihre Scheitelnaht entlangfahre? Ein Abguß Ihres Schädels, Sir, wäre, solange nicht das Original zur Verfügung steht, die Zierde jedes anthropologischen Museums. Plumpe Schmeichelei ist nicht meine Absicht, aber ich gestehe, daß ich auf Ihren Schädel Lust bekomme.«
Mit einer Handbewegung lud Sherlock Holmes unseren seltsamen Besucher zum Sitzen ein.
»Sie sind offenbar in Ihrer Sparte ein ebensolcher Enthusiast wie ich in meiner«, sagte er. »Ich sehe an Ihrem Zeigefinger, daß Sie Ihre Zigaretten selbst drehen. Lassen Sie sich nicht davon abhalten, eine anzuzünden.«
Der Mann zog Papier und Tabak hervor und drehte mit überraschender Fingerfertigkeit eine Zigarette. Seine langen, behenden Finger waren beweglich und rastlos wie die Fühler eines Insekts.
Holmes schwieg, aber seine schnellen, forschenden Blicke zeigten mir sein Interesse an unserem sonderbaren Besucher.
»Ich nehme an, Sir«, begann er endlich, »daß Sie mir nicht die Ehre erweisen, mich gestern abend und heute früh erneut aufzusuchen, nur um meinen Schädel zu betrachten?«
»Nein, Sir, nein – obwohl ich mich auch freue, daß ich es bei dieser Gelegenheit tun konnte. Ich bin zu Ihnen gekommen, Mr. Holmes, weil ich mir bewußt bin, kein Mann der Praxis zu sein, und weil ich plötzlich vor einem sehr ernsten und außergewöhnlichen Problem stehe. Da ich davon überzeugt bin, daß Sie der zweitbeste Experte Europas sind ...«
»So? Darf ich fragen, wer die Ehre hat, der beste zu sein?« erkundigte sich Holmes ziemlich gereizt.
»Einen Mann mit pedantisch genauem wissenschaftlichem Geist wird wohl die Arbeit von Monsieur Bertillon3 immer sehr beeindrucken.«
»Sollten Sie dann nicht besser ihn befragen?«
»Ich habe von pedantisch genauem wissenschaftlichem Geist gesprochen, Sir. Aber als praktisch denkender Mann der Tatsachen stehen Sie nach allgemeiner Ansicht unerreicht da. Ich hoffe, Sir, daß ich Sie nicht, ohne es zu wollen ...«
»Nur ein wenig«, sagte Holmes. »Ich glaube, Dr. Mortimer, es wäre gut, wenn Sie mir nun ohne weitere Umschweife erklärten, welcher Art das Problem ist, zu dessen Lösung Sie meine Hilfe wünschen.«
2. Der Fluch der Baskervilles
»Ich habe ein Manuskript in meiner Tasche«, sagte Dr. James Mortimer.
»Das habe ich gesehen, als Sie ins Zimmer kamen«, bemerkte Holmes.
»Es ist eine alte Handschrift.«
»Beginn des 18. Jahrhunderts – wenn es keine Fälschung ist.«
»Woher wissen Sie das?«
»Während Sie sprachen, haben Sie mir ein oder zwei Zoll davon gezeigt. Es müßte schon ein unfähiger Experte sein, wer nicht imstande wäre, das Alter eines Dokuments auf zehn Jahre genau zu bestimmen. Vielleicht haben Sie meine kleine Monographie zu diesem Thema gelesen. Ich schätze es auf ungefähr 1730.«
»Die genaue Jahreszahl ist 1742.« Dr. Mortimer zog das Papier aus seiner Brusttasche hervor. »Dieses Familiendokument wurde mir von Sir Charles Baskerville anvertraut, dessen plötzlicher und tragischer Tod vor etwa drei Monaten in ganz Devonshire so viel Aufregung verursacht hat. Ich darf wohl sagen, daß ich ebenso sein persönlicher Freund wie sein ärztlicher Berater war. Er war ein willensstarker Mann, Sir, scharfsinnig, praktisch und ebenso phantasielos wie ich selbst. Trotzdem hat er dieses Dokument sehr ernst genommen, und er war auf genau solch ein Ende vorbereitet, wie es ihm dann tatsächlich beschieden war.«
Holmes streckte die Hand nach dem Manuskript aus, nahm es und strich es auf seinem Knie glatt.
»Beachten Sie, Watson, daß abwechselnd das kurze und das lange s benutzt werden. Das ist eine von verschiedenen Indikationen, die es mir ermöglicht haben, die Jahreszahl zu bestimmen.«
Ich blickte über seine Schulter hinweg auf das vergilbte Papier und die verblaßte Schrift. Oben stand Baskerville Hall geschrieben und darunter in großen, ungelenken Ziffern: »1742«.
»Es scheint eine Art Bericht zu sein?«
»Ja, es ist die Aufzeichnung einer bestimmten Legende, die die Familie Baskerville betrifft.«
»Aber ich denke, es ist ein moderneres und praktischeres Problem, dessentwegen Sie mich konsultieren wollen?«
»Sehr modern. Ein sehr praktisches, dringendes Problem, das binnen vierundzwanzig Stunden gelöst werden muß. Aber das Manuskript ist kurz und mit dieser Angelegenheit eng verbunden. Mit Ihrer Erlaubnis will ich es Ihnen vorlesen.«
Holmes lehnte sich zurück, legte seine Fingerspitzen aneinander und schloß mit einem Ausdruck der Resignation die Augen. Dr. Mortimer hielt die Handschrift ins Licht und las mit hoher, brüchiger Stimme die folgende sonderbare alte Erzählung vor:
»Über den Ursprung des Hundes der Baskervilles gibt es viele Schilderungen; da ich jedoch in gerader Linie von Hugo Baskerville abstamme, und da ich die Geschichte von meinem Vater erfahren, der wiederum sie von seinem Vater übernommen, habe ich sie so niedergeschrieben, in dem festen Glauben, daß alles so geschah, wie hier dargelegt. Und möchte ich, daß Ihr, meine Söhne, daran glauben sollet, daß dieselbe Gerechtigkeit, welche Sünden bestraft, sie ebenso gnädiglich vergeben mag, und daß kein Bann so schwer ist, daß nicht Gebet und Reue ihn aufhöben. Lernet also aus dieser Geschichte, nicht die Früchte der Vergangenheit zu fürchten, sondern in der Zukunft Umsicht walten zu lassen, daß nicht diese verderbten Leidenschaften, ob welcher unsere Familie so bitterlich gelitten, abermals zu unserem Unheil losbrechen.
Wisset also, daß in der Zeit der Großen Rebellion4 (deren Geschichte, aufgezeichnet vom gelehrten Lord Clarendon, ich ernstlichst Eurer Aufmerksamkeit anempfehle) dieses Herrengut von Baskerville einem Hugo desselben Namens gehörte, welcher ein besonders wilder, lästerlicher und gottloser Mensch war. Dies wahrlich hätten seine Nachbarn verzeihen mögen, sintemalen in diesen Landen Heilige nimmer gediehen, doch waren ihm Wollust und Grausamkeit eigen, die seinen Namen im ganzen Westen zu einem Sprichwort machten. Nun begab es sich, daß besagter Hugo die Tochter eines Freisassen, welcher nahe den Liegenschaften der Baskervilles Land besaß, liebte (wenn man denn solch düstre Leidenschaft mit solch lichtem Worte nennen kann). Aber die junge Maid, die bescheiden und guten Rufes war, mied ihn, da sie seinen üblen Namen fürchtete. So trug es sich zu, daß an einem St.-Michaels-Tag dieser Hugo mit fünf oder sechs seiner nichtigen und verruchten Gefährten sich an den Bauernhof heranschlich und die Maid entführte, wohl wissend um die Abwesenheit ihres Vaters und ihrer Brüder. Nachdem sie die Maid ins Herrenhaus gebracht, sperrten sie sie in ein hochgelegenes Gemach und ließen sich, wie es ihre allnächtliche Gewohnheit war, zu einem langen, üppigen Gelage nieder. Die arme Maid oben in ihrem Gemach mag außer sich geraten sein über dem Singen und Brüllen und den schrecklichen Flüchen, die zu ihr empordrangen, denn man sagt, daß die Worte, die Hugo Baskerville, des Weines voll, ausstieß, der Art waren, daß sie jenen, der sie sprach, zerschmettern müßten. Endlich tat sie in ihrer großen Angst, wovor der tapferste und tatkräftigste Mann zurückgeschreckt wäre: Mit Hilfe der Efeuranken, welche die Südmauern bedeckten und noch bedecken, klomm sie von der Traufe hinab und machte sich auf den Heimweg über das Moor, und es waren neun Meilen zwischen dem Herrenhaus und ihres Vaters Hof.
Eine Weile später verließ Hugo seine Gäste, um der Gefangenen Essen und Trinken – und vielleicht Schlimmeres – zu bringen, da fand er den Käfig leer und den Vogel ausgeflogen. Da wollte es scheinen, als sei ein Teufel in ihn gefahren; denn er raste die Treppe hinunter, stürzte in die Halle, sprang auf den großen Tisch, wobei Teller und Krüge zu Boden fielen, und schrie laut vor allen Versammelten, daß er heute nacht noch Leib und Seele dem Bösen verschreiben wolle, wenn es ihm nur gelänge, das junge Weib zu haschen. Und während die Saufkumpane angesichts der Wut des Mannes bestürzt dort stunden, rief einer von ihnen, verworfener oder vielleicht noch betrunkener als die anderen, daß man die Meute auf sie hetze. Hugo eilte darauf in den Hof und befahl den Reitknechten, seine Mähre zu satteln und das Pack aus dem Zwinger zu lassen. Dann warf er den Hunden ein Taschentuch der Maid vor, setzte sie auf die Spur an, und los brauste die wilde Jagd im Mondlicht über das Moor. Eine Weile standen die Kumpane offenen Mundes, unfähig zu begreifen, was dort in solcher Hast geschehen war. Alsbald ging jedoch ihren benebelten Sinnen die Art der Tat auf, die sich nun dort auf dem Moor vollziehen würde. Alles geriet in Aufruhr. Manche riefen nach ihren Pistolen, manche nach ihren Pferden und manche nach mehr Wein. Schließlich kehrte jedoch ein wenig Vernunft in ihre wirren Hirne ein und alle, dreizehn an der Zahl, sprangen auf ihre Pferde und nahmen die Verfolgung auf. Der Mond schien hell über ihnen und sie galoppierten wild dahin, in die Richtung, die auch die Maid eingeschlagen haben mußte, wollte sie ihr Heim erreichen.
Sie mochten eine oder zwei Meilen zurückgelegt haben, als sie auf einen der Nachthirten im Moor trafen und ihn anriefen, um zu erfahren, ob er die wilde Jagd gesehen habe. Und der Mann, so erzählt die Sage, war vor Furcht so von Sinnen, daß er kaum sprechen konnte. Endlich aber sagte er, er habe wohl die unglückselige Maid gesehen, mit den Hunden hart auf ihrer Spur. ›Aber ich habe mehr als das gesehen‹, sagte er, ›denn Hugo Baskerville ritt auf seiner schwarzen Stute an mir vorüber, und hinter ihm lief lautlos ein Höllenhund, und Gott sei davor, daß solch einer je auf meinen Fersen sei.‹
Da fluchten die berauschten Edelleute des Hirten und ritten weiter. Alsbald jedoch lief es ihnen kalt über den Rücken, denn über das Moor erscholl ein Galopp und die schwarze Stute, benetzt von weißem Schaum, jagte mit schleifendem Zügel und leerem Sattel an ihnen vorbei. Da drängten die Kumpane sich eng aneinander, denn große Furcht war über sie gekommen, aber trotzdem ritten sie weiter über das Moor hin, obzwar jeder einzelne, wäre er allein gewesen, sehr gern sein Pferd gewendet hätte. Langsam ritten sie so weiter und trafen schließlich auf die Hunde. Diese, die doch wegen ihrer Tapferkeit und Rasse bekannt waren, winselten dichtgedrängt am Rande einer tiefen Senke oder goyal, wie wir es nennen, im Moor. Einige schlichen sich davon, und andere starrten mit gesträubten Haaren das enge Tal vor ihnen hinab.
Die Gesellschaft hatte angehalten, jählings viel nüchterner, wie Ihr Euch denken könnt, denn bei ihrem Aufbruch. Die meisten wollten auch nicht weiter, aber drei von ihnen, die tapfersten oder vielleicht die berauschtesten, ritten den goyal hinab. Der Graben mündete in eine breite Fläche, auf welcher zwei jener großen Steine standen, die man noch heute dort sehen kann, und die in den Tagen der Vorzeit von vergessenen Menschen dort errichtet worden waren. Der Mond schien hell über der Lichtung, und da, in der Mitte, lag die unglückliche Maid, wie sie vor Erschöpfung und Angst tot zusammengebrochen war. Doch war es nicht der Anblick ihrer Leiche, noch der Anblick der Leiche Hugo Baskervilles, die in ihrer Nähe lag, bei welchem sich die Haare auf den Häuptern der drei gottlosen Raufbolde sträubten, sondern, daß über Hugo, an seinem Halse reißend, ein gräßlich Ding stund, eine große schwarze Bestie von der Gestalt eines Hatzhundes, doch größer denn alle Hatzhunde so sterbliches Auge je erblickt. Und dieweil sie schauten, riß das Ding die Gurgel aus Hugo Baskerville; dann wandte es seine flammenden Augen und triefenden Fänge auf die Männer. Die drei kreischten vor Angst und ritten, alleweil schreiend, über das Moor um ihr Leben. Einer, sagt man, sei in nämlicher Nacht gestorben, und die beiden anderen blieben für den Rest ihrer Erdentage nurmehr gebrochene Männer.
So, meine Söhne, geht die Sage von dem Erscheinen des Hundes, der seither die Familie so schrecklich heimgesucht. Wenn ich sie hier niedergeschrieben habe, ist es, weil das klar Gewußte minderen Schrecken birgt denn das Angedeutete und Rätselhafte. Auch ist nicht zu leugnen, daß viele Mitglieder der Familie unseligen Todes starben: jäh, blutig und mysteriös. Doch mögen wir uns in der unendlichen Güte der Vorsehung geborgen fühlen, welche doch nicht Unschuldige über das in der Heiligen Schrift bedrohte dritte und vierte Geschlecht hinaus züchtigen wird. Dieser Vorsehung, meine Söhne, empfehle ich Euch hiermit und rate Euch noch, in jenen dunklen Stunden, da die Kräfte des Bösen die Oberhand haben, vom Durchqueren des Moores abzusehen.
(Dies von Hugo Baskerville seinen Söhnen Rodger und John mit der Mahnung, ihrer Schwester Elizabeth nichts davon zu sagen.)«
Als Dr. Mortimer die Verlesung dieses einzigartigen Berichts beendet hatte, schob er seine Brille auf die Stirn und starrte zu Sherlock Holmes hinüber. Dieser gähnte und warf den Stummel seiner Zigarette ins Feuer.
»Nun?« sagte er.
»Finden Sie das nicht interessant?«
»Für einen Märchensammler – ja.«
Dr. Mortimer zog eine zusammengefaltete Zeitung aus seiner Tasche.
»Nun, Mr. Holmes, werden wir Ihnen etwas Aktuelleres bieten. Dies ist der Devon County Chronicle vom 14. Juni dieses Jahres. Es ist eine kurze Darstellung der Tatsachen, die anläßlich des wenige Tage zuvor erfolgten Ablebens von Sir Charles Baskerville bekannt wurden.«
Mein Freund beugte sich ein wenig vor, und sein Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an. Unser Besucher schob seine Brille zurecht und begann:
»Der kürzlich erfolgte plötzliche Tod von Sir Charles Baskerville, dessen Name als voraussichtlicher Kandidat der Liberalen Partei für Mid-Devon anläßlich der nächsten Wahlen im Gespräch war, hat einen Schatten über die Grafschaft geworfen. Obwohl Sir Charles erst seit kurzer Zeit in Baskerville Hall residierte, haben seine Liebenswürdigkeit und außerordentliche Großherzigkeit die Liebe und Wertschätzung all jener gewonnen, die seine Bekanntschaft machten. In dieser Welt der nouveaux riches ist es erquickend, einen Fall zu finden, in dem der Sproß einer alten Familie, die schlechte Zeiten durchgemacht hat, imstande ist, selbst ein Vermögen zu erwerben und es heimzubringen, um den verblaßten Glanz seiner Ahnen wieder aufleben zu lassen. Bekanntlich hat Sir Charles große Summen in südafrikanischen Spekulationen erworben. Weiser als jene, die nicht aufhören wollen, ehe sich das Glück von ihnen wendet, hat er seinen Gewinn zu Geld gemacht und ist damit nach England zurückgekehrt. Erst vor zwei Jahren nahm er seinen Wohnsitz auf Baskerville Hall, doch ist es allgemein bekannt, wie umfassend seine Pläne für Wiederaufbau und Verbesserungen waren, Pläne, die durch seinen plötzlichen Tod unterbrochen sind. Selbst kinderlos, war es sein ausdrücklicher Wunsch, alle umgebenden Lande sollten zu seinen Lebzeiten an seinem Reichtum teilhaben, und sicher gibt es viele, die sein vorzeitiges Ableben aus persönlichen Gründen beklagen. Seine großmütigen Spenden für wohltätige Werke, sowohl in der Grafschaft als auch in seinem nächsten Umkreis, sind oftmals in diesen Spalten erwähnt worden.
Die Umstände des Todes von Sir Charles sind wohl durch die gerichtliche Untersuchung nicht ganz aufgeklärt worden, aber es ist wenigstens genug geschehen, um die aus örtlichem Aberglauben entstandenen Gerüchte verstummen zu lassen. Es gibt keinerlei Grund, ein Verbrechen zu vermuten oder den Tod einer anderen als einer natürlichen Ursache zuzuschreiben. Sir Charles war Witwer und ein Mann, den man in manchen Dingen als ein wenig exzentrisch veranlagt bezeichnen kann. Trotz seines beträchtlichen Wohlstands war er einfach in seinen persönlichen Ansprüchen, und seine häusliche Dienerschaft auf Baskerville Hall bestand nur aus einem Ehepaar namens Barrymore, wobei ihm der Mann als Butler und die Frau als Haushälterin diente. Nach ihren Angaben, die von mehreren Freunden bestätigt wurden, war Sir Charles' Gesundheit seit einiger Zeit geschwächt. Besonders erwähnt wurde ein Herzleiden, das sich in wechselnder Gesichtsfarbe, Atemnot und akuten Anfallen nervöser Depression geäußert hatte. Dr. James Mortimer, Freund und Arzt des Verstorbenen, hat im selben Sinne ausgesagt.
Die Umstände sind einfach. Sir Charles Baskerville pflegte abends vor dem Schlafengehen in der berühmten Eibenallee von Baskerville Hall auf und ab zu spazieren. Beide Barrymores bezeugen, daß dies seine Gewohnheit war. Am 4. Juni hatte Sir Charles die Absicht geäußert, am nächsten Tag nach London aufzubrechen, und Barrymore angewiesen, sein Gepäck vorzubereiten. Am selben Abend begab er sich auf seinen gewohnten Spaziergang, bei dem er eine Zigarre zu rauchen pflegte. Er kehrte nie zurück. Als Barrymore um Mitternacht die Haustür noch offen fand, wurde er unruhig, zündete eine Laterne an und begab sich auf die Suche nach seinem Herrn. Es hatte an diesem Tag geregnet, und Sir Charles' Fußspuren waren in der Allee leicht erkennbar. Auf halbem Weg befindet sich ein Tor, das auf das Moor hinausführt. Es war ersichtlich, daß Sir Charles kurze Zeit dort gestanden hatte. Dann war er weitergegangen, und seine Leiche wurde am Ende der Allee aufgefunden. Eine der unerklärten Tatsachen ist Barrymores Behauptung, die Fußabdrücke seines Herrn hätten sich von dem Augenblick, als er das Tor verlassen hatte, verändert, und er scheine von da an auf Zehenspitzen gegangen zu sein. Ein gewisser Murphy, Zigeuner und Pferdehändler, überquerte um jene Zeit in nächster Nähe das Moor, doch scheint er seinem eigenen Bekenntnis zufolge angetrunken gewesen zu sein. Er sagt, er habe Schreie gehört, die genaue Richtung, aus der sie kamen, jedoch nicht feststellen können. An Sir Charles' Leichnam waren keinerlei Zeichen von Gewalt zu sehen, und obwohl der Befund des Arztes von einer nahezu unglaublichen Verzerrung der Gesichtszüge spricht – die so stark war, daß Dr. Mortimer anfangs nicht glauben wollte, daß sein Freund und Patient vor ihm lag –, scheint es sich um ein Symptom zu handeln, das in einem Falle von Herzlähmung nicht selten ist. Diese Erklärung wurde durch den Obduktionsbefund bestätigt, der ein altes Herzleiden feststellte, und die Leichenschau-Kommission entschied in Übereinstimmung mit dem ärztlichen Zeugnis. Es ist gut, daß dem so ist, denn es ist gewiß von großer Wichtigkeit, daß sich Sir Charles' Erbe in Baskerville Hall niederläßt und die guten Werke fortsetzt, die so jäh unterbrochen wurden. Wenn das nüchterne Urteil des Coroner5 nicht mit den abenteuerlichen Geschichten aufgeräumt hätte, die im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit gemunkelt wurden, wäre es sicher schwer gewesen, einen Bewohner für Baskerville Hall zu finden. Der nächste Verwandte ist dem Vernehmen nach, falls er noch lebt, Mr. Henry Baskerville, der Sohn von Sir Charles Baskervilles jüngerem Bruder. Als man zuletzt von ihm hörte, war der junge Mann in Amerika, und Nachforschungen wurden bereits eingeleitet, um ihn von dem ihm zufallenden Erbe zu verständigen.«
Dr. Mortimer faltete die Zeitung zusammen und steckte sie wieder in die Tasche.
»Dies, Mr. Holmes, sind die allgemein bekannten Tatsachen im Zusammenhang mit dem Tod von Sir Charles Baskerville.«
»Ich bin Ihnen sehr dankbar«, meinte Sherlock Holmes, »daß Sie mich auf einen Fall aufmerksam machen, der sicherlich viel Interessantes an sich hat. Ich habe zu jener Zeit einige Zeitungsberichte darüber gelesen, aber ich war damals mit dieser kleinen Angelegenheit der vatikanischen Kameen sehr beschäftigt, und in meinem Bestreben, dem Papst gefällig zu sein, habe ich den Überblick über einige interessante Fälle in England verloren. Dieser Artikel, sagen Sie, enthält alle allgemein bekannten Umstände?«
»So ist es.«
»Dann lassen Sie mich die unbekannten Umstände wissen.« Er lehnte sich zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und setzte seine gleichmütigste und kritischste Miene auf.
»Wenn ich das tue«, erklärte Dr. Mortimer, der Anzeichen starker Gemütsbewegung aufwies, »sage ich etwas, das ich noch niemandem anvertraut habe. Mein Beweggrund dafür, daß ich es dem Coroner vorenthalten habe, ist der, daß ein Mann der Wissenschaft davor zurückschreckt, in der Öffentlichkeit einem bestehenden Aberglauben das Wort zu reden. Weiter war es ein Motiv für mich, daß, wie die Zeitung sagt, Baskerville Hall nicht bewohnt werden würde, wenn sein ohnehin recht düsterer Ruf Bestätigung fände. Aus diesen beiden Gründen fühlte ich mich berechtigt, eher weniger zu sagen, als ich wußte, da etwas anderes auch keinen praktischen Sinn gehabt hätte. Aber Ihnen gegenüber kann ich vollkommen aufrichtig sein.
Das Moor ist sehr spärlich besiedelt, und die Menschen, die dort in der Nähe voneinander wohnen, halten natürlich zusammen. Daher habe ich Sir Charles Baskerville oft besucht. Mit Ausnahme von Mr. Frankland auf Lafter Hall und Mr. Stapleton, dem Naturforscher, gibt es im Umkreis von vielen Meilen keinen gebildeten Menschen. Sir Charles war von Natur aus zurückhaltend, aber der Zufall seiner Krankheit brachte uns zusammen, und ein gemeinsames Interesse für alles Wissenschaftliche vertiefte unsere Freundschaft. Er hatte aus Südafrika manch wissenschaftliche Kenntnis mitgebracht, und wir haben viele angenehme Abende mit Diskussionen über die vergleichende Anatomie des Buschmannes und des Hottentotten verbracht.
Im Laufe der letzten Monate wurde mir immer klarer, daß Sir Charles' Nervensystem aufs äußerste angespannt war. Er hatte sich diese Legende, die ich Ihnen vorgelesen habe, sehr zu Herzen genommen, so sehr, daß, obschon er auf seinem eigenen Grund und Boden spazieren ging, ihn nichts dazu bringen konnte, in der Nacht auf das Moor zu gehen. So unwahrscheinlich es für Sie klingen mag, Mr. Holmes, er war davon ehrlich überzeugt, daß ein schreckliches Unheil über seiner Familie hing; und die Geschichten, die er mir von seinen Vorfahren erzählte, waren ganz und gar nicht ermunternd. Die Vorstellung eines gespenstischen Wesens hat ihn unablässig heimgesucht, und mehr als einmal hat er mich gefragt, ob ich auf meinen nächtlichen Arztvisiten nie eine sonderbare Kreatur gesehen oder das Bellen eines Hundes gehört hätte. Letztere Frage hat er mir mehrfach gestellt, und immer mit einer vor Erregung bebenden Stimme.
Ich erinnere mich genau, wie ich, ungefähr drei Wochen vor dem Unglückstag, abends zu seinem Haus fuhr. Zufällig befand er sich im Portal der Hall. Ich war aus meinem Wagen ausgestiegen und stand ihm gegenüber, als ich plötzlich sah, wie seine Augen über meine Schulter hinwegstarrten, mit einem Ausdruck entsetzlichen Grauens. Ich habe mich rasch umgedreht und gerade noch etwas gesehen, das mir wie ein großes schwarzes Kalb vorkam und das am Ende der Zufahrt vorüberging. Er war so aufgeregt und verängstigt, daß ich zu der Stelle, wo das Tier gewesen war, zurückgehen mußte, um es zu suchen. Es war aber verschwunden, und der Zwischenfall schien einen entsetzlichen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Ich bin den ganzen Abend bei ihm geblieben, und bei dieser Gelegenheit war es, daß er, um seine Erregung zu erklären, mir zu treuen Händen das Dokument übergab, das ich Ihnen soeben vorgelesen habe. Ich erwähne diese Begebenheit, weil sie in Anbetracht der nachfolgenden Tragödie an Wichtigkeit gewinnt, aber damals war ich davon überzeugt, daß die Sache ganz harmlos sei und seine Aufregung darüber vollkommen unberechtigt.
Auf meinen Rat hin war Sir Charles im Begriff, nach London zu reisen. Ich wußte, daß sein Herz angegriffen war, und die stete Angst, in der er lebte, so chimärisch auch deren Ursache sein mochte, war offensichtlich ernsthaft schädlich für seine Gesundheit. Ich dachte, einige Monate in der Stadt mit ihren Zerstreuungen würden einen anderen Menschen aus ihm machen. Mr. Stapleton, ein gemeinsamer Freund, der sich große Sorgen um Sir Charles' Gesundheit machte, war derselben Meinung. Im letzten Augenblick kam es dann zu dieser entsetzlichen Katastrophe.
In der Nacht von Sir Charles' Tod schickte Barrymore den Reitknecht Perkins zu Pferde zu mir. Da ich noch wach war, konnte ich Baskerville Hall eine Stunde nach dem Unglück erreichen. Ich habe alle Einzelheiten, die später bei der Untersuchung erwähnt wurden, überprüft und bestätigt. Ich bin den Fußspuren durch die Eibenallee gefolgt, habe die Stelle neben dem Tor zum Moor gesehen, wo er anscheinend gewartet hat; ich habe die Veränderung der Fußabdrücke von dort an bemerkt, ich habe gesehen, daß es außer denen von Barrymore keine anderen Fußspuren auf dem weichen kiesbedeckten Boden gab, und schließlich habe ich sorgfältig die Leiche untersucht, die bis zu meiner Ankunft nicht berührt worden war. Sir Charles lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Gesicht, seine Finger waren in den Boden gekrallt und seine Züge von gewaltiger Erregung so verzerrt, daß ich seine Identität kaum hätte beschwören können. Ganz sicher gab es keinerlei körperlichen Schaden. Aber eine der Angaben, die Barrymore bei der Untersuchung gemacht hat, ist falsch. Er hat gesagt, um die Leiche herum seien keinerlei Spuren auf dem Boden gewesen. Er hatte keine gesehen. Aber ich. Sie waren wohl etwas weiter entfernt, aber frisch und deutlich sichtbar.«
»Fußspuren?«
»Fußspuren.«
»Von einem Mann oder von einer Frau?«
Dr. Mortimer blickte uns einen Augenblick lang sonderbar an, und seine Stimme sank zu einem Flüstern herab, als er antwortete:
»Mr. Holmes, es waren die Fußspuren eines gigantischen Hundes!«
3. Das Problem
Ich gestehe, daß es mich bei diesen Worten durchschauerte. Die bebende Stimme des Arztes zeigte, wie sehr er selbst von dem, was er uns erzählt hatte, erschüttert war. Holmes beugte sich erregt vor, und seine Augen bekamen den harten, trockenen Glanz, der aus ihnen sprühte, wenn er äußerst interessiert war.
»Sie haben die Spuren wirklich gesehen?«
»So deutlich, wie ich Sie jetzt sehe.«
»Und Sie haben nichts gesagt?«
»Was hätte es für einen Sinn gehabt?«
»Wie kommt es, daß sonst niemand sie gesehen hat?«
»Die Spuren waren etwa zwanzig Yards von der Leiche entfernt, und niemand hat darauf achtgegeben. Ich wohl auch nicht, wenn ich nicht die Legende gekannt hätte.«
»Gibt es nicht viele Schäferhunde auf dem Moor?«
»Gewiß, aber das war kein Schäferhund.«
»Sie sagen, er war groß?«
»Riesengroß.«
»Aber er hatte sich der Leiche nicht genähert?«
»Nein.«
»Wie war denn die Nacht?«
»Kalt und feucht.«
»Es hat aber nicht mehr geregnet?«
»Nein.«
»Wie sieht diese Allee aus?«
»Sie besteht aus zwei Reihen alter Eibenhecken, die zwölf Fuß hoch und undurchdringlich dicht sind. Der Weg dazwischen ist ungefähr acht Fuß breit.«
»Ist irgend etwas zwischen Hecke und Weg?«
»Ja. Auf jeder Seite ein Grasstreifen, etwa sechs Fuß breit.«
»Wird die Eibenhecke nicht an einer Stelle durch ein Tor unterbrochen?«
»Ja. Das Gittertor, das auf das Moor hinausfuhrt.«
»Gibt es noch eine Öffnung?«
»Keine.«
»So daß man, um die Eibenallee zu erreichen, entweder aus dem Hause kommen oder sie durch das Tor vom Moor her betreten muß?«
»Es gibt einen Ausgang durch ein Sommerhäuschen am Ende der Allee!«
»Hatte Sir Charles diesen Ausgang erreicht?«
»Nein, er lag etwa fünfzig Yards davon entfernt.«
»Nun sagen Sie mir, Dr. Mortimer – und das ist sehr wichtig –, die Spuren, die Sie gesehen haben, waren auf dem Weg und nicht auf dem Gras?«
»Auf dem Gras wären Spuren nicht sichtbar gewesen.«
»Waren sie auf der gleichen Seite des Weges wie das Tor zum Moor?«
»Ja, sie waren am Rand des Pfads, auf derselben Seite wie das Moor-Tor.«
»Außerordentlich interessant. Etwas anderes: War das Gittertor verschlossen?«
»Geschlossen und verriegelt.«
»Wie hoch ist es?«
»Etwa vier Fuß hoch.«
»Dann könnte jeder darüber hinwegklettern?«
»Ja.«
»Und welche Spuren haben Sie am Gittertor gefunden?«
»Keine besonderen.«
»Lieber Himmel! Hat das niemand untersucht?«
»Doch, ich selbst.«
»Und nichts gefunden?«
»Es war alles sehr wirr. Sir Charles hatte anscheinend vier bis fünf Minuten dort gestanden.«
»Woraus schließen Sie das?«
»Weil zweimal Asche von seiner Zigarre abgefallen war.«
»Ausgezeichnet. Watson, da haben wir einen Kollegen nach unserem Herzen. Aber die Spuren?«
»Er hatte seine eigenen Spuren überall auf diesem Stückchen Kies hinterlassen. Ich konnte keine anderen entdecken.«
Sherlock Holmes schlug sich mit einer ungeduldigen Bewegung aufs Knie.
»Wenn ich doch nur dort gewesen wäre!« rief er. »Es ist offensichtlich ein außerordentlich interessanter Fall, der einem wissenschaftlichen Experten ungeheure Möglichkeiten eröffnet hätte. Dieser Kiesweg, aus dem ich so viel hätte herauslesen können, ist nun längst vom Regen verwischt und von den Holzschuhen neugieriger Bauern zerstampft. Oh, Dr. Mortimer, Dr. Mortimer, warum haben Sie mich nur nicht eher gerufen! Sie tragen eine große Verantwortung.«
»Ich konnte Sie nicht zuziehen, Mr. Holmes, ohne diese Tatsachen bekanntzugeben, und ich habe Ihnen bereits meine Gründe, weshalb ich das nicht tun wollte, dargelegt. Und dann – und dann ...«
»Warum zögern Sie?«
»Es gibt einen Bereich, in dem der schärfstsinnige und erfahrenste Detektiv machtlos ist.«
»Sie meinen, diese Sache ist übernatürlich?«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Nein, aber offensichtlich denken Sie es.«
»Mr. Holmes, seit dieser Tragödie sind mir einige Dinge zu Ohren gekommen, die sich schwer mit der natürlichen Ordnung der Natur in Einklang bringen lassen.«
»Zum Beispiel?«
»Ich habe erfahren, daß, ehe das Unglück geschah, einige Leute eine Kreatur auf dem Moor gesehen haben, deren Beschreibung auf den Baskerville-Dämon paßt und die unmöglich ein der Wissenschaft bekanntes Tier sein kann. Alle sind sich darüber einig, daß es ein riesiges Wesen war, leuchtend, gespenstisch und grauenhaft. Ich habe diese Männer, von denen der eine ein dickschädliger Landmann, der andere ein Schmied und der dritte ein Moorlandbauer ist, ins Kreuzverhör genommen, und sie alle erzählen die gleiche Geschichte über diese furchtbare Erscheinung, die genau auf die Beschreibung des Höllenhundes in der Legende paßt. Ich versichere Ihnen, im ganzen Gebiet regieren Furcht und Schrecken, und es müßte schon ein besonders tapferer Mann sein, der nachts über das Moor ginge.«
»Und Sie, ein ausgebildeter Wissenschaftler, glauben, daß alles übernatürlich ist?«
»Ich weiß nicht, was ich glauben soll.«
Holmes zuckte die Achseln. »Ich habe bis jetzt meine Nachforschungen auf diese Welt beschränkt«, sagte er. »In meiner bescheidenen Art habe ich das Böse bekämpft, aber den Vater alles Bösen selbst herauszufordern ist vielleicht ein zu ehrgeiziges Unternehmen. Immerhin müssen Sie zugeben, daß die Fußspuren irdisch waren.«
»Der Hund der Legende war irdisch genug, die Gurgel eines Mannes herauszureißen, und teuflisch war er trotzdem auch.«
»Ich sehe, daß Sie zu den Supernaturalisten übergelaufen sind. Aber nun, Dr. Mortimer, sagen Sie mir Folgendes. Wenn Sie dieser Ansicht sind, warum sind Sie dann überhaupt gekommen, um mich zu konsultieren? Sie sagen mir im selben Atemzug, daß es sinnlos ist, die Umstände von Sir Charles' Tod zu erforschen, und daß Sie mich bitten, es zu tun.«
»Ich sagte nicht, daß ich Sie darum bitte.«
»Wie kann ich Ihnen denn behilflich sein?«
»Indem Sie mir raten, was ich mit Sir Henry Baskerville tun soll, der –« Dr. Mortimer blickte auf seine Uhr – »in genau einer und einer Viertelstunde auf der Waterloo Station ankommt.«
»Er ist der Erbe?«
»Ja. Nach dem Tod von Sir Charles haben wir nach diesem jungen Mann gesucht und herausgefunden, daß er in Kanada Landwirtschaft betreibt. Nach allem, was wir gehört haben, ist er in jeder Beziehung ein prächtiger Bursche. Ich spreche jetzt nicht als Arzt, sondern als Vertrauensmann von Sir Charles und als sein Testamentsvollstrecker.«
»Ich nehme an, daß es keinen anderen Anwärter gibt?«
»Keinen. Der einzige andere Blutsverwandte, den wir ermitteln konnten, war Rodger Baskerville, der jüngste der drei Brüder, deren ältester der arme Sir Charles war. Der zweite Bruder, der jung gestorben ist, war der Vater von Sir Henry. Der dritte, Rodger, war das schwarze Schaf der Familie. Er war die Verkörperung der alten, herrischen Art der Baskervilles und, wie mir gesagt wurde, das leibhaftige Ebenbild von des alten Hugo Familienportrait. Der Boden in England wurde ihm zu heiß, und er floh nach Mittelamerika, wo er 1876 am gelben Fieber gestorben ist. Henry ist der letzte der Baskervilles. In einer Stunde und fünf Minuten hole ich ihn an der Waterloo Station ab. Ich habe ein Telegramm bekommen, daß er heute früh in Southampton eingetroffen ist. Nun, Mr. Holmes, was raten Sie mir? Was soll ich mit ihm machen?«
»Warum sollte er nicht ins Heim seiner Väter gehen?«
»Das wäre nur natürlich, nicht wahr? Aber bedenken Sie, daß jeder Baskerville, der dorthin geht, einem tückischen Schicksal zum Opfer fällt. Ich bin sicher, daß Sir Charles, hätte er vor seinem Ende mit mir sprechen können, mich davor gewarnt hätte, den letzten seines Geschlechts und den Erben eines großen Vermögens an diesen tödlichen Ort zu bringen. Und doch ist nicht zu leugnen, daß der Wohlstand dieses ganzen armen, öden Landstriches von seiner Gegenwart abhängt. All die gute Arbeit, die Sir Charles begonnen hat, wird zusammenstürzen, wenn Baskerville Hall unbewohnt bleibt. Ich fürchte eben, daß ich von meinem persönlichen, begreiflichen Interesse an dieser Angelegenheit zu sehr beeinflußt bin, und deshalb lege ich Ihnen diesen Fall vor und bitte um Ihren Rat.«
Holmes dachte eine kleine Weile nach. »Schlicht gesagt liegt der Fall so«, begann er. »Ihrer Meinung nach wird Dartmoor durch teuflische Machenschaften zu einem ungesunden Aufenthalt für einen Baskerville. – Ist das Ihre Ansicht?«
»Ich möchte jedenfalls so weit gehen, zu sagen, daß es viele Anhaltspunkte gibt, die es so erscheinen lassen.«
»Ganz richtig. Aber sicherlich kann dem jungen Mann in London genauso viel Böses zustoßen wie in Devonshire, wenn Ihre übernatürliche Theorie richtig ist. Ein Teufel mit ausschließlich örtlicher Zuständigkeit, wie ein Pfarramt sie hat, wäre unvorstellbar.«
»Sie sprechen leichtfertiger über diese Dinge, Mr. Holmes, als Sie es täten, wenn Sie persönlich damit zu tun hätten. Ihrer Meinung nach, wenn ich Sie recht verstehe, ist der junge Mann also ebenso sicher in Devonshire wie in London. Er kommt in fünfzig Minuten an. Was raten Sie mir zu tun?«
»Ich rate Ihnen, in einen Wagen zu steigen, Ihren Spaniel, der an meiner Türe kratzt, mitzunehmen und zur Waterloo Station zu fahren, um Sir Henry Baskerville zu empfangen.«
»Und dann?«
»Und dann werden Sie ihm nichts von der ganzen Angelegenheit erzählen, bis ich mir alles gründlich überlegt habe.«
»Wie lange wird es dauern, bis Sie zu einem Schluß kommen?«
»Vierundzwanzig Stunden. Ich würde mich sehr freuen, Dr. Mortimer, wenn Sie mich morgen früh um zehn Uhr hier besuchten, und es wäre von Nutzen für meine künftigen Entschlüsse, wenn Sie Sir Henry Baskerville mitbrächten.«
»Das werde ich tun, Mr. Holmes.«
Er kritzelte die Verabredung auf seine Manschette und eilte in seiner sonderbaren, suchenden, geistesabwesenden Art davon. Holmes hielt ihn am Kopf der Treppe zurück.
»Nur noch eine Frage, Dr. Mortimer. Sie sagen, daß vor Sir Charles Baskervilles Tod mehrere Leute diese Erscheinung auf dem Moor gesehen haben?«
»Es waren drei.«
»Hat nach dem Tod jemand das Ding noch gesehen?«
»Ich habe nichts davon gehört.«
»Danke. Guten Morgen.«
Holmes kehrte an seinen Platz zurück mit jenem ruhigen Ausdruck innerer Befriedigung, der bedeutete, daß er sich vor einer ihm angemessenen Aufgabe sah.
»Gehen Sie aus, Watson?«
»Nur, wenn Sie mich nicht brauchen.«
»Nein, mein lieber Freund, die Stunde des Handelns ist es, in der ich Ihre Hilfe brauche. Aber dies hier ist großartig, wirklich einzigartig, von mancherlei Gesichtspunkten aus. Wenn Sie bei Bradley vorbeikommen, bitten Sie ihn doch, mir ein Pfund vom stärksten Shag-Tabak heraufzuschicken. Danke. Es wäre auch gut, wenn Sie erst abends zurückkommen könnten. Ich werde mich dann sehr freuen, mit Ihnen die Eindrücke von dem höchst interessanten Problem auszutauschen, das man uns heute morgen vorgelegt hat.«
Ich wußte, daß Abgeschlossenheit und Einsamkeit für meinen Freund in jenen Stunden intensiver geistiger Konzentration sehr notwendig waren, in welchen er jedes kleinste Beweisteilchen abwog, vielerlei Theorien aufstellte, sie gegeneinander abwägte und sich darüber schlüssig wurde, welche Punkte wesentlich und welche unwichtig waren. Ich verbrachte daher den Tag in meinem Club und kehrte erst abends in die Baker Street zurück. Es war beinahe neun Uhr, als ich mich wieder im Wohnzimmer einfand.
Mein erster Eindruck, als ich die Tür öffnete, war der, daß Feuer ausgebrochen sein mußte, denn das Zimmer war derart von Rauch erfüllt, daß das Licht der Tischlampe wie durch Nebel schien. Als ich jedoch eintrat, zerstoben meine Befürchtungen, denn es war nur der beißende Rauch des starken, groben Tabaks, der mich würgte und husten ließ. Durch den Rauch sah ich undeutlich Holmes in seinem Schlafrock in einem Lehnsessel hocken, mit seiner schwarzen Tonpfeife zwischen den Lippen. Um ihn herum lagen einige Rollen Papier.
»Haben Sie sich erkältet, Watson?« fragte er.
»Nein, es ist diese giftige Atmosphäre.«
»Ich glaube, sie ist ein bißchen dick; jetzt, wo Sie es sagen.«
»Dick? Unerträglich!«
»Dann öffnen Sie doch das Fenster! Sie haben, wie ich sehe, den ganzen Tag in Ihrem Club verbracht!«
»Mein lieber Holmes!«
»Habe ich recht?«
»Gewiß, aber wie ...?«
Er lachte über meine verblüffte Miene.
»Sie haben eine so hinreißende Naivität an sich, Watson, daß es eine Wonne ist, meine geringen Gaben auf Ihre Kosten zu betätigen. Ein Gentleman geht aus an einem Tag mit Regen und Dreck. Er kehrt abends tadellos sauber zurück, der Glanz seines Hutes und seiner Schuhe ist unberührt. Er hat daher den ganzen Tag stillgesessen. Er hat keine intimen Freunde. Wo also kann er sich aufgehalten haben? Ist es nicht offensichtlich?«
»Nun ja, ziemlich.«
»Die Welt ist voll von offensichtlichen Dingen, die zufällig niemand je bemerkt. Wo, glauben Sie, bin ich gewesen?«
»Sie haben auch stillgesessen.«
»Im Gegenteil, ich war in Devonshire.«
»Im Geist?«
»Genau. Mein Körper ist in diesem Fauteuil geblieben und hat – ich sehe es mit Bedauern – in meiner Abwesenheit zwei große Kannen Kaffee und eine unwahrscheinliche Menge Tabaks konsumiert. Nach Ihrem Fortgang habe ich zu Stanford um das Meßtischblatt diesen Teils des Moors geschickt, und mein Geist schwebte den ganzen Tag darüber. Ich bilde mir ein, daß ich mich dort nicht verlaufen würde.«
»Wohl eine Karte mit großem Maßstab, oder?«
»Sehr groß.« Er rollte einen Teil der Karte auf und hielt sie auf seinen Knien fest. »Hier sehen Sie den speziellen Distrikt, der uns angeht. Das in der Mitte ist Baskerville Hall.«
»Von einem Wald umgeben?«
»Ja. Ich nehme an, daß die Eibenallee, wenn auch nicht mit Namen eingetragen, sich an dieser Linie entlang zieht. Das Moor, wie Sie sehen, liegt rechts davon. Dieser kleine Haufen von Gebäuden ist der Weiler Grimpen, wo unser Freund Dr. Mortimer sein Hauptquartier hat. Im Umkreis von fünf Meilen gibt es, wie Sie sehen, nur wenige verstreute Häuser. Hier ist Lafter Hall, das Mortimer erwähnte. Dort ist ein Haus, in dem wohl der Naturforscher wohnen mag – Stapleton war sein Name, wenn ich mich recht erinnere. Hier sind zwei Moorbauernhäuser, High Tor und Foulmire. Vierzehn Meilen weiter liegt das große Zuchthaus von Dartmoor. Um diese vereinzelten Gebäude dehnt sich das trostlose, unbelebte Moor. Dies also ist die Bühne, auf der die Tragödie gespielt worden ist und mit unserer Hilfe vielleicht erneut gespielt wird.«
»Es muß eine wilde Gegend sein.«
»Ja, die Dekoration ist trefflich. Wenn der Teufel wirklich seine Finger in menschliche Belange stecken wollte ...«
»Sie sind also auch geneigt, an eine übernatürliche Erklärung zu glauben?«
»Die Werkzeuge des Teufels können auch aus Fleisch und Blut sein, nicht wahr? Zwei Fragen sind es, die uns an unserem Ausgangspunkt beschäftigen müssen. Die eine, ob überhaupt ein Verbrechen begangen worden ist; die andere, was das Verbrechen war und wie es ausgeführt wurde. Wenn Dr. Mortimers Vermutungen richtig sind und wir es mit Kräften außerhalb der üblichen Naturgesetze zu tun haben, enden natürlich unsere Nachforschungen da. Wir müssen aber alle anderen Hypothesen ausschöpfen, ehe wir auf diese zurückgreifen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, schließen wir das Fenster wieder. Es ist sonderbar, aber ich fühle, daß eine konzentrierte Atmosphäre die konzentrierte Gedankenarbeit fördert. Ich bin noch nicht soweit gekommen, mich in eine Schachtel zu setzen, um nachzudenken, aber dies wäre das logische Ergebnis meiner Überzeugungen. Haben Sie sich die Sache durch den Kopf gehen lassen?«
»Ja. Ich habe im Lauf des Tages viel über den Fall nachgedacht.«
»Was halten Sie davon?«
»Er ist sehr verwirrend.«
»Jedenfalls hat er einen eigentümlichen Charakter. Es sind auffallende Merkmale dabei. Die Änderung in den Fußspuren zum Beispiel. Was machen Sie daraus?«
»Mortimer sagt, der Mann sei dieses Stück der Allee auf Fußspitzen gegangen.«
»Er hat nur wiederholt, was irgendein Trottel bei der gerichtlichen Untersuchung gesagt hat. Warum sollte ein Mann die Allee auf Fußspitzen hinuntergehen?«
»Was also dann?«
»Er ist gerannt, Watson – er ist voller Verzweiflung um sein Leben gerannt, gerannt, bis sein Herz zersprungen ist und er tot auf das Gesicht fiel.«
»Wovor ist er denn fortgerannt?«
»Darin liegt unser Problem. Es gibt Anzeichen dafür, daß der Mann schon wahnsinnig vor Angst war, ehe er zu laufen begann.«
»Woraus schließen Sie das?«
»Ich nehme an, daß die Ursache seiner Angst über das Moor zu ihm kam. Wenn das so war, und es ist sehr wahrscheinlich, dann würde nur ein Mensch, der den Verstand verloren hat, vom Haus weg statt zu ihm hin laufen. Wenn die Aussage des Zigeuners ernst genommen werden kann, dann ist Sir Charles um Hilfe schreiend in die Richtung gelaufen, wo Hilfe am wenigsten zu erwarten war. Ferner – auf wen hat er in dieser Nacht gewartet, und warum hat er ihn in der Eibenallee und nicht eher in seinem Haus erwartet?«
»Sie glauben also, daß er jemanden erwartet hat?«
»Der Mann war eher alt und krank. Wir können verstehen, daß er abends einen Spaziergang machte, aber der Boden war feucht und die Nacht unwirtlich. Ist es natürlich, daß er fünf oder zehn Minuten lang stehengeblieben ist, wie Dr. Mortimer, mit mehr Verstand, als ich ihm zugetraut hätte, aus der Zigarrenasche schloß?«
»Er ging aber doch jeden Abend aus.«
»Ich halte es für unwahrscheinlich, daß er jeden Abend bei der Moorpforte gewartet hat. Im Gegenteil. Es scheint ja, daß er das Moor mied. An diesem Abend hat er aber dort gewartet. Es war der Abend, ehe er nach London reisen sollte. Die Sache beginnt Form anzunehmen, Watson. Ich sehe Zusammenhänge. Darf ich Sie bitten, mir meine Violine zu reichen? Wir werden alle Gedanken an diese Angelegenheit von uns schieben, bis wir den Vorzug genießen, Dr. Mortimer und Sir Henry Baskerville morgen früh zu sehen.«
4. Sir Henry Baskerville
Unser Frühstückstisch wurde beizeiten abgeräumt, und Holmes wartete im Schlafrock auf die versprochene Unterredung. Unsere Klienten hielten die Verabredung pünktlich ein, denn es hatte eben zehn Uhr geschlagen, als Dr. Mortimer, gefolgt von dem jungen Baronet, hereingeführt wurde. Letzterer war ein kleiner, aufgeweckter, dunkeläugiger Mann von etwa dreißig Jahren mit dichten, schwarzen Augenbrauen und einem kampflustigen Gesichtsausdruck. Er trug einen rötlichen Tweed-Anzug und sah vom Wetter gegerbt aus wie jemand, der die meiste Zeit im Freien verbringt. Trotzdem lag etwas in seinem geraden Blick und der ruhigen Sicherheit seines Auftretens, das den Gentleman verriet.
»Dies ist Sir Henry Baskerville«, sagte Dr. Mortimer.
»Ja, bin ich«, sagte dieser, »und das Merkwürdigste ist, Mr. Holmes, daß, wenn mein Freund hier den Besuch bei Ihnen heute früh nicht vorgeschlagen hätte, ich von selbst gekommen wäre. Ich höre, daß Sie kleine Rätsel lösen, und mir ist heute früh eines begegnet, das mehr Kopfzerbrechen macht, als ich aufbringen kann.«
»Bitte, Sir Henry, nehmen Sie Platz. Wenn ich recht verstehe, haben Sie seit Ihrer Ankunft in London bereits ein merkwürdiges Erlebnis gehabt?«
»Nichts von großer Wichtigkeit, Mr. Holmes. Nur etwas, das ebensogut ein Scherz sein könnte. Es war in diesem Brief, wenn man das einen Brief nennen kann, den ich heute morgen erhalten habe.«
Er legte einen Umschlag auf den Tisch, und wir alle beugten uns über ihn. Er war grau und von gewöhnlicher Qualität. Die Adresse, »Sir Henry Baskerville, Northumberland Hotel«, war in ungelenker Blockschrift geschrieben; der Poststempel »Charing Cross« war vom vergangenen Abend datiert.
»Wer konnte wissen, daß Sie im Northumberland Hotel absteigen würden?« fragte Holmes und sah unseren Besucher scharf an.
»Das konnte niemand wissen. Wir haben es erst beschlossen, nachdem ich Dr. Mortimer getroffen hatte.«
»Aber Dr. Mortimer hatte wohl bereits dort gewohnt?«
»Nein, ich hatte mich bei einem Freund aufgehalten«, sagte der Doktor. »Es gab gar keinen möglichen Hinweis darauf, daß wir in dieses Hotel gehen würden.«
»Mhm – jemand scheint sich ungemein für Ihr Tun und Lassen zu interessieren.« Holmes entnahm dem Umschlag einen halben Briefbogen, der zweimal zusammengefaltet war. Er öffnete ihn und legte ihn flach auf den Tisch. Quer über die Mitte waren gedruckte Wörter geklebt, die einen einzigen Satz bildeten. Er lautete: »Wenn Sie Wert auf Ihr Leben oder Ihren verstand legen, müssen Sie dem Moor fern bleiben.« Nur das Wort »Moor« war mit Tinte eingesetzt.
»Nun«, fragte Sir Henry Baskerville, »vielleicht können Sie mir sagen, Mr. Holmes, was, zum Donnerwetter, das bedeutet, und wer es sein kann, der sich so für meine Angelegenheiten interessiert?«
»Wie denken Sie darüber, Dr. Mortimer? Sie müssen zugeben, daß es sich wenigstens in diesem Fall nicht um etwas Übernatürliches handelt!«
»Nein, Sir, aber es könnte von jemandem stammen, der der Überzeugung ist, daß es sich um eine übernatürliche Sache handelt.«
»Um was für eine Sache?« fragte Sir Henry scharf. »Mir scheint, daß die Gentlemen alle viel mehr von meinen eigenen Angelegenheiten wissen als ich selbst.«
»Sie werden so viel wissen wie wir, ehe Sie dieses Zimmer verlassen, das verspreche ich Ihnen, Sir Henry«, sagte Sherlock Holmes. »Wir werden uns aber mit Ihrer Erlaubnis jetzt nur mit diesem sehr interessanten Dokument beschäftigen, das wahrscheinlich gestern abend zusammengestellt und aufgegeben worden ist. Haben Sie noch die Times von gestern, Watson?«
»Sie ist hier, in der Ecke.«
»Darf ich Sie behelligen – die innere Seite bitte mit den Leitartikeln?« Er überflog schnell die Seite, blickte die Spalten auf und ab. »Da ist ein sehr interessanter Artikel über Freihandel. Erlauben Sie mir, Ihnen einen kurzen Auszug daraus vorzulesen: ›Sie mögen überredet werden, zu glauben, daß Ihre spezielle Industrie oder Ihr spezieller Handel durch einen Schutztarif gefördert werden können, doch sagt einem der gesunde Menschenverstand, daß durch eine solche Handhabung im Laufe der Zeit der Reichtum von unserem Lande fern bleiben, der Wert unserer Importe vermindert und die allgemeinen Lebensbedingungen auf dieser Insel herabgedrückt werden.‹ Was sagen Sie dazu, Watson?« rief Holmes in heller Freude, wobei er sich befriedigt die Hände rieb. »Finden Sie nicht, daß das eine sehr anerkennenswerte Äußerung ist?«
Dr. Mortimer blickte Holmes mit medizinischer Aufmerksamkeit an, und Sir Henry wandte mir seine fragenden dunklen Augen zu.
»Ich verstehe nicht viel von Tarifen und solchen Dingen«, bemerkte er, »aber mir scheint, daß wir etwas vom Thema abkommen, was diesen Brief hier betrifft.«
»Im Gegenteil, ich glaube, wir sind auf frischer Fährte, Sir Henry. Watson hier kennt meine Methoden besser als Sie, aber ich fürchte, daß sogar er die Wichtigkeit dieses Satzes nicht ganz erfaßt hat.«
»Nein, ich gebe zu, daß ich da keinerlei Zusammenhang sehe.«
»Und doch, mein lieber Watson, ist der Zusammenhang ein so enger, daß das eine aus dem anderen entstanden ist. ›Sie‹, ›Ihr‹, ›Leben‹, ›verstand‹, ›Wert‹, ›fern bleiben‹. Sehen Sie nun, woher diese Worte stammen?«
»Zum Donnerwetter, Sie haben recht. Das ist ja großartig!« rief Sir Henry.
»Wenn auch nur der geringste Zweifel bestünde, wäre er widerlegt durch das Faktum, daß ›fern bleiben‹ in einem Stück ausgeschnitten ist und ›verstand‹ mit einem kleinen v beginnt.«
»Ja, wirklich, das stimmt!«
»Nun, Mr. Holmes, das übertrifft alles, was ich mir hätte ausdenken können«, sagte Dr. Mortimer; er betrachtete meinen Freund voll Verblüffung. »Ich könnte verstehen, daß man sagt, die Worte seien aus einer Zeitung ausgeschnitten, aber daß Sie herausfinden, aus welcher, und auch, daß die Wörter aus dem Leitartikel stammen, das ist wirklich eines der bemerkenswertesten Dinge, von denen ich je gehört habe. Wie haben Sie das gemacht?«
»Ich nehme an, Doktor, daß Sie den Schädel eines Negers von dem eines Eskimos unterscheiden könnten?«
»Ganz gewiß.«
»Wieso?«
»Weil das mein spezielles Fachgebiet ist. Die Unterschiede sind augenfällig. Der Jochbogen, der Gesichtswinkel, die Kieferbildung, die ...«
»Aber dies hier ist mein spezielles Fachgebiet, und die Unterschiede sind genauso augenfällig. Für mich besteht genau derselbe Unterschied zwischen dem durchschossenen Borgis-Satz eines Artikels der Times und dem schlampigen Druck einer billigen Abendausgabe wie zwischen Ihrem Neger und Ihrem Eskimo. Die Unterscheidung von Typen ist einer der elementarsten Wissenszweige des Kriminalisten, obwohl ich zugeben muß, daß ich in meiner frühesten Jugend den Leeds Mercury mit den Western Morning News verwechselt habe. Aber ein Leitartikel der Times ist absolut unverkennbar, und diese Wörter können nicht anderswoher genommen sein. Da das alles gestern gemacht worden ist, war die Wahrscheinlichkeit groß, daß wir die Wörter in der gestrigen Ausgabe finden würden.«
»Soweit ich Ihnen folgen kann, Mr. Holmes«, meinte Sir Henry Baskerville, »hat jemand diese Mitteilung mit einer Schere herausgeschnitten ...«
»Mit einer Nagelschere«, sagte Holmes. »Sie können sehen, daß es sich um eine sehr kurze Schere handelt, da zwei Schnitte für ›fern bleiben‹ nötig waren.«
»Richtig. Jemand hat also diese Wörter mit einer Nagelschere ausgeschnitten, sie mit Kleister ...«
»Mit Gummi«, sagte Holmes.
»Mit Gummi auf das Papier geklebt. Aber ich möchte wissen, warum das Wort ›Moor‹ mit Tinte geschrieben ist.«
»Weil es eben gedruckt nicht zu finden war. Die anderen Wörter waren alle sehr einfach und in jeder Ausgabe zu finden, aber ›Moor‹ kommt selten vor.«
»Ja, natürlich, das erklärt es. Haben Sie noch etwas anderes aus diesem Brief herausgelesen, Mr. Holmes6?«
»Es gibt ein paar Hinweise, obwohl man sich die größte Mühe genommen hat, alle Anhaltspunkte zu verwischen. Sie werden bemerken, daß die Adresse in grober Blockschrift geschrieben ist. Aber die Times ist eine Zeitung, die meist nur von gebildeten Kreisen gelesen wird. Wir können daher annehmen, daß der Brief von einem gebildeten Menschen stammt, der ungebildet scheinen wollte, und die Bemühung, seine Schrift zu verstellen, läßt darauf schließen, daß seine Schrift Ihnen bekannt ist oder bekannt werden könnte. Auch können Sie feststellen, daß die Wörter nicht in einer ganz geraden Linie aufgeklebt sind, sondern daß einige viel höher stehen als andere. ›Leben‹ zum Beispiel ist ganz außer der Reihe. Das kann auf Unachtsamkeit hinweisen oder auf Aufregung und Eile seitens des Ausschneiders. Im ganzen neige ich zu letzterer Ansicht, da die Sache anscheinend wichtig war und es unwahrscheinlich ist, daß jemand, der einen solchen Brief zusammenfügt, unachtsam gewesen sein soll. Wenn er in Eile war, so stellt sich die interessante Frage, warum; da jeder Brief, auch wenn er erst in aller Frühe desselben Tages aufgegeben würde, Sir Henry erreicht hätte, ehe er das Hotel verließ. Fürchtete der Verfasser eine Unterbrechung – und durch wen?«
»Nun kommen wir in den Bereich des bloßen Ratens«, warf Dr. Mortimer ein.
»Sagen wir lieber, in den Bereich, wo wir Wahrscheinlichkeiten gegeneinander abwägen und die glaubhafteste aussuchen. Das ist die wissenschaftliche Nutzung der Phantasie, aber wir haben immer eine wirkliche Basis, auf der wir unsere Vermutungen aufbauen können. Sie nennen es bestimmt Raten, aber ich bin beinahe sicher, daß diese Adresse in einem Hotel geschrieben worden ist.«
»Wie in aller Welt können Sie das behaupten?«
»Wenn Sie die Adresse genau betrachten, werden Sie finden, daß sowohl Tinte als auch Feder dem Schreiber Schwierigkeiten gemacht haben. Die Feder hat zweimal in einem einzigen Wort gespritzt und ist dreimal in der kurzen Adresse ausgetrocknet, ein Beweis, daß sehr wenig Tinte im Tintenfaß war. Nun ist eine eigene Feder oder ein eigenes Tintenfaß selten in einem so vernachlässigten Zustand, und beides zugleich ist ein großer Zufall. Aber Sie kennen Hoteltinte und Hotelfedern, sie sind fast immer so. Ja, ich zögere nicht, zu behaupten, daß, wenn wir die Papierkörbe der Hotels um Charing Cross herum durchsuchten, wir die Reste des verstümmelten Times-Leitartikels finden und sofort die Person des Täters feststellen könnten. Hallo! Hallo! Was ist denn das?«
Er untersuchte sorgfältig das Kanzleipapier, auf dem die Worte aufgeklebt waren, indem er es einen oder zwei Zoll vor seine Augen hielt.
»Nun?«
»Nichts«, sagte er; er ließ das Papier fallen. »Es ist ein leerer halber Bogen; nicht einmal mit Wasserzeichen. Ich glaube, wir haben aus diesem sonderbaren Brief alles herausgelesen, was möglich war; und nun, Sir Henry, ist Ihnen sonst etwas Interessantes zugestoßen, seit Sie in London sind?«
»Nein, Mr. Holmes, nicht, daß ich wüßte.«
»Sie haben nicht bemerkt, daß Sie jemand beobachtet oder verfolgt hätte?«
»Ich scheine ja geradezu mitten in einen Groschenroman hineingeplatzt zu sein«, sagte unser Besucher. »Warum, zum Donnerwetter, sollte jemand mich beobachten oder verfolgen?«
»Wir werden noch darauf zurückkommen. Sie haben uns also sonst nichts zu berichten, ehe wir auf diese Sache eingehen?«
»Nun, es hängt davon ab, was Sie wichtig genug fänden, um darüber zu sprechen.«
»Ich glaube, alles was aus dem Gewöhnlichen herausfällt, ist der Mühe wert, berichtet zu werden.«
Sir Henry lächelte. »Ich weiß noch nicht viel vom Leben in England; ich habe ja fast mein ganzes Leben in den Staaten und in Kanada verbracht. Aber ich hoffe, daß der Verlust eines Schuhs nicht zum Alltagsleben hier gehört.«
»Sie haben einen Ihrer Schuhe verloren?«
»Mein lieber Sir«, rief Dr. Mortimer, »der ist doch nur vertauscht worden. Sie werden ihn wiederfinden, wenn Sie in das Hotel zurückkehren. Was hat es für einen Sinn, Mr. Holmes mit solchen Kleinigkeiten zu belästigen?«
»Na, er hat mich doch nach allem gefragt, was aus dem normalen Rahmen fällt.«
»Genau«, sagte Holmes, »so närrisch der Zwischenfall auch scheinen mag. Sie haben also einen Ihrer Schuhe verloren?«
»Nun, jedenfalls verlegt. Ich habe sie gestern abend beide vor meine Tür gestellt, und heute früh war nur der eine da. Ich konnte aus dem Burschen, der sie geputzt hat, nichts herausbringen. Das Dümmste daran ist, daß ich sie erst gestern abend auf The Strand gekauft und noch nicht getragen habe.«
»Wenn Sie sie noch nicht getragen hatten, warum haben Sie sie dann zum Reinigen hinausgestellt?«
»Es waren hellbraune Schuhe, noch nie mit Schuhcreme behandelt. Deshalb habe ich sie hinausgestellt.«
»Ich verstehe Sie also recht, daß Sie gestern nach Ihrer Ankunft in London sofort ausgegangen sind und ein Paar Schuhe gekauft haben?«
»Ich habe einiges eingekauft. Dr. Mortimer hat mich dabei begleitet. Wissen Sie, wenn ich da unten schon Landedelmann sein soll, muß ich mich entsprechend kleiden, und es kann sein, daß ich im Westen etwas nachlässig geworden bin. Unter anderem habe ich eben diese braunen Schuhe gekauft – sechs Dollar habe ich dafür gezahlt –, und der eine wird mir dann gestohlen, noch ehe ich sie getragen habe.«
»Es kommt mir völlig sinnlos vor, einen Schuh zu stehlen«, sagte Sherlock Holmes. »Ich muß sagen, ich teile Dr. Mortimers Vermutung, daß sich der verlorene Schuh bald finden wird.«
»Und nun, Gentlemen«, sagte der Baronet bestimmt, »scheint es mir, daß ich genug über das wenige, das ich weiß, gesprochen habe. Es wird Zeit, daß Sie Ihr Versprechen erfüllen und mir ausführlich erzählen, was das alles soll.«
»Ein sehr vernünftiges Verlangen«, erwiderte Holmes. »Dr. Mortimer, ich glaube, Sie können nichts Besseres tun, als die Geschichte so zu erzählen, wie Sie sie uns erzählt haben.«
So ermutigt zog unser wissenschaftlicher Freund seine Papiere aus der Tasche und trug den ganzen Fall vor, wie er ihn uns am Tage zuvor geschildert hatte. Sir Henry Baskerville lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit und gelegentlichen Ausrufen des Erstaunens.
»Na, ich scheine ja da in eine angenehme Erbschaft hineingeraten zu sein«, sagte er, als die lange Erzählung beendet war. »Natürlich habe ich schon als Kind von diesem Hund gehört. Es ist die Lieblingsgeschichte der Familie, allerdings habe ich bis jetzt niemals daran gedacht, sie ernst zu nehmen. Was den Tod meines Onkels betrifft – na, in meinem Kopf geht alles drunter und drüber, ich kriege das noch nicht klar. Sie scheinen sich auch noch nicht entschieden zu haben, ob es ein Fall für einen Polizisten oder einen Geistlichen ist.«
»Stimmt.«
»Und nun kommt noch diese Sache mit dem Brief an mich im Hotel dazu. Ich nehme an, daß das hineinpaßt.«
»Es scheint jedenfalls der Beweis dafür, daß es jemanden gibt, der besser als wir weiß, was auf dem Moor vorgeht«, sagte Dr. Mortimer.
»Und außerdem«, sagte Holmes, »daß jemand Ihnen nicht übel will, da man Sie vor Gefahr warnt.«
»Oder daß mich jemand in eigenem Interesse abschrecken will.«
»Ja, das ist natürlich auch möglich. Ich bin Ihnen sehr dankbar, Dr. Mortimer, daß Sie mich vor ein Problem gestellt haben, das mehrere interessante Möglichkeiten bietet. Aber was wir nun praktischerweise zu beschließen haben, Sir Henry, ist, ob es für Sie ratsam wäre oder nicht, nach Baskerville Hall zu fahren.«
»Warum sollte ich nicht hinfahren?«
»Es scheint gefährlich zu sein.«
»Meinen Sie wegen dieses Familienungeheuers oder wegen menschlicher Wesen?«
»Das müßten wir eben herausfinden.«
»Was es auch sei – meine Antwort steht fest. Es gibt keinen Teufel in der Hölle, Mr. Holmes, und keinen Menschen auf der Erde, der mich daran hindern könnte, das Heim meiner Vorfahren zu betreten, und das können Sie als meine endgültige Antwort ansehen.« Während er so sprach, stieg ihm das Blut zu Kopf, und er runzelte die dunklen Brauen. Offensichtlich war das feurige Temperament der Baskervilles in diesem, ihrem letzten Sproß nicht erloschen. »Bei all dem«, fuhr er fort, »habe ich kaum Zeit gehabt, das alles zu überlegen. Es ist schwer, diese Sache gleichzeitig zu verstehen und entscheiden zu müssen. Ich möchte eine Stunde Zeit und Ruhe haben, um allein zu einem Entschluß zu kommen. Hören Sie, Mr. Holmes, jetzt ist es halb zwölf, und ich gehe gleich in mein Hotel zurück. Wie wäre es, wenn Sie und Ihr Freund Dr. Watson um zwei Uhr mit uns essen würden? Ich kann Ihnen dann besser sagen, was ich von der Sache halte.«
»Paßt Ihnen das, Watson?«
»Vollkommen.«
»Dann können Sie uns erwarten. Soll ich einen Wagen rufen lassen?«
»Ich möchte lieber zu Fuß gehen; das alles hat mich ziemlich verwirrt.«
»Ich gehe mit Vergnügen mit«, sagte sein Begleiter.
»Dann treffen wir uns um zwei Uhr wieder. Au revoir und guten Morgen.«
Wir hörten die Schritte unserer Besucher die Treppe hinabgehen und die Haustür ins Schloß fallen. Im Nu hatte sich Sherlock Holmes aus einem matten Träumer in einen Mann der Tat verwandelt.
»Hut und Schuhe, Watson, schnell! Wir haben keine Minute zu verlieren!« Er stürzte im Schlafrock in sein Zimmer und kehrte wenige Sekunden später im Gehrock zurück. Wir eilten die Treppe hinunter und auf die Straße. Dr. Mortimer und Baskerville waren noch zu sehen, etwa zweihundert Yards vor uns, Richtung Oxford Street.
»Soll ich vorauslaufen und sie anhalten?«
»Nicht um alles in der Welt, mein lieber Watson. Ich bin mit Ihrer Gesellschaft vollkommen zufrieden, wenn Sie meine ertragen. Unsere Freunde sind sehr gescheit, denn es ist wirklich ein schöner Morgen für einen Spaziergang.«
Er beschleunigte seine Schritte, bis sich die Distanz, die uns trennte, auf die Hälfte verringert hatte. Dann folgten wir ihnen, immer in einem Abstand von hundert Yards, in die Oxford Street und die Regent Street hinunter. Einmal blieben unsere Freunde stehen und sahen in ein Schaufenster, worauf Holmes dasselbe tat. Einen Augenblick später stieß er einen kleinen Ausruf der Befriedigung aus, und dem Blick seiner Augen folgend sah ich, daß eine Droschke, die mit einem Mann darin an der anderen Straßenseite gehalten hatte, nun wieder langsam weiterfuhr.
»Das ist unser Mann, Watson! Kommen Sie! Wir werden ihn uns gut ansehen, wenn wir schon nichts anderes tun können.«
In diesem Moment bemerkte ich, daß stechende Augen über einem dichten schwarzen Bart durch das Seitenfenster der Droschke auf uns blickten. In demselben Augenblick flog die Klappe des Wagendachs auf, dem Kutscher wurde etwas zugerufen, und das Gefährt raste die Regent Street hinunter. Holmes blickte sich suchend nach einem andern Wagen um, aber es war kein freier in Sicht. Daraufhin stürzte er sich in wilder Verfolgung mitten in das Gewühl des Verkehrs, aber der Vorsprung war zu groß und die Droschke bereits außer Sichtweite.
»Na, aber so etwas!« sagte Holmes erbittert, als er atemlos und blaß vor Ärger zu mir zurückkehrte. »Hat man je von solchem Pech und von so miserabler Vorbereitung gehört? Watson, Watson, wenn Sie ein wahrheitsliebender Mensch sind, werden Sie auch dies hier erwähnen und es gegen meine Erfolge abwägen.«
»Wer war der Mann?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Ein Spitzel?«
»Nun, nach allem, was wir gehört haben, ist es offensichtlich, daß Baskerville seit seiner Ankunft in London von irgend jemandem beschattet wird. Wie wäre es sonst möglich gewesen, so schnell zu wissen, daß er im Northumberland-Hotel abgestiegen ist? Wenn man ihn am ersten Tag beschattet hat, dachte ich, ist es nur natürlich, daß man es am zweiten ebenfalls tut. Sie haben vielleicht bemerkt, daß, während Dr. Mortimer seine Geschichte vorlas, ich zweimal ans Fenster getreten bin?«
»Ja, ich erinnere mich.«
»Ich wollte sehen, ob irgend jemand unten herumsteht, aber ich habe niemanden gesehen. Wir haben es mit einem schlauen Kerl zu tun, Watson. Diese Angelegenheit ist sehr verzwickt, und wenn ich mir auch noch nicht darüber klar bin, ob es gute oder böse Mächte sind, mit denen wir es zu tun haben, fühle ich doch Kraft und Planmäßigkeit hinter allem. Als unsere Freunde uns verlassen haben, bin ich ihnen sofort nachgeeilt, in der Hoffnung, ihren unsichtbaren Begleiter zu entdecken. Er war aber so schlau, nicht zu Fuß zu gehen, sondern einen Wagen zu nehmen, so daß er zurückbleiben oder ihnen vorausfahren und dadurch ihrer Aufmerksamkeit entgehen konnte. Diese Taktik hatte noch dazu den Vorteil, daß, wenn sie einen Wagen genommen hätten, er ihnen hätte nachfahren können. Einen Haken aber hat die Sache doch.«
»Er gibt sich dem Kutscher in die Hand.«
»Richtig.«
»Wie schade, daß wir die Nummer nicht festgestellt haben!«
»Lieber Watson! Wenn ich auch ungeschickt war – Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich versäumt hatte, die Nummer festzustellen? 2704 ist unser Mann. Aber für den Augenblick nützt uns das wenig.«
»Ich wüßte nicht, was Sie sonst noch hätten tun können.«
»Als ich den Wagen bemerkte, hätte ich mich sofort umdrehen und in die andere Richtung gehen sollen. Dann hätte ich einen Wagen nehmen und in angemessener Entfernung dem ersten folgen, oder besser noch, zum Northumberland Hotel fahren und dort warten können. Hätte unser Unbekannter Baskerville bis zum Hotel verfolgt, dann hätten wir ihn mit seinen eigenen Waffen bekämpfen können und sehen, wohin er von dort aus geht. So wie die Sache jetzt steht, haben wir uns durch unbesonnenen Eifer, der von unserem Gegner mit außerordentlicher Schnelligkeit und Energie ausgenutzt wurde, verraten und unseren Mann verloren.«
Während des Gesprächs waren wir langsam die Regent Street entlanggeschlendert, und Dr. Mortimer und sein Begleiter waren längst unseren Blicken entschwunden.
»Es hat keinen Sinn, ihnen weiter zu folgen«, meinte Holmes. »Der Beschatter ist verschwunden und wird nicht wiederkehren. Wir müssen sehen, welche Karten wir noch in der Hand haben, und sie mit Entschlossenheit ausspielen. Könnten Sie den Mann im Wagen wiedererkennen?«
»Nein, ich habe nur gesehen, daß er einen Bart hat.«
»Das habe ich auch gesehen – woraus ich schließe, daß der Bart wahrscheinlich falsch ist. Ein schlauer Mensch, der ein so heikles Spiel spielt, hat keine Verwendung für einen Bart, außer, wenn er seine Gesichtszüge verbergen will. Kommen Sie hier herein, Watson.«
Er trat in eines der Boten-Büros des Bezirks ein, dessen Leiter ihn wärmstens begrüßte.
»Ach, Wilson, ich sehe, Sie haben die kleine Angelegenheit nicht vergessen, bei der ich Ihnen mit etwas Glück helfen konnte?«
»Natürlich nicht, Sir. Sie haben meinen guten Namen und vielleicht mein Leben gerettet.«
»Sie übertreiben, mein Lieber! Ich glaube mich zu erinnern, Wilson, daß unter Ihren Botenjungen ein gewisser Cartwright ist, der bei den Nachforschungen eine gewisse Begabung gezeigt hat.«
»Ja, Sir, der ist noch bei uns.«
»Könnten Sie ihn rufen lassen? Danke! Und wollen Sie so gut sein, mir diese Fünfpfundnote zu wechseln.«
Ein Junge von vierzehn Jahren mit offenem, aufgewecktem Gesicht hatte dem Ruf des Leiters gehorcht. Er blickte mit ehrfürchtiger Bewunderung zu dem berühmten Detektiv auf.
»Kann ich das Hotel Verzeichnis haben?« bat Holmes. »Danke. Nun, Cartwright, hier stehen die Namen von dreiundzwanzig Hotels, alle in der unmittelbaren Nähe von Charing Cross. Siehst du das?«
»Ja, Sir.«
»Du suchst jedes dieser Hotels auf.«
»Ja, Sir.«
»Du beginnst jedesmal damit, daß du dem Portier einen Shilling gibst. Hier sind dreiundzwanzig Shilling.«
»Ja, Sir.«
»Du sagst ihm, daß du den Papierabfall von gestern sehen möchtest. Du sagst, ein wichtiges Telegramm sei fehlgegangen, und daß du es suchst. Hast du verstanden?«
»Ja, Sir.«
»Was du aber in Wirklichkeit suchen sollst, ist das mittlere Blatt der gestrigen Times, aus der etwas mit einer Schere herausgeschnitten worden ist. Hier hast du ein Exemplar der Times. Diese Seite hier. Du wirst sie doch leicht erkennen?«
»Ja, Sir.«
»In jedem Fall wird der Portier den Empfangschef in der Halle rufen, dem du auch einen Shilling geben wirst. Hier sind nochmals dreiundzwanzig Shilling. Du wirst dann wahrscheinlich in zwanzig von dreiundzwanzig Fällen hören, daß der Papiermüll von gestern verbrannt oder abgeholt worden ist. In den übriggebliebenen Fällen wird man dir einen Haufen Papier zeigen, in dem du dieses Blatt der Times suchen sollst. Die Wahrscheinlichkeit, daß du es findest, ist äußerst gering. Hier sind noch zehn Shilling für Notfalle. Gib mir noch heute abend telegraphisch Nachricht in die Baker Street. Und nun, Watson, bleibt uns nichts anders übrig, als ebenfalls telegraphisch die Identität des Kutschers Nr. 2704 festzustellen; dann werden wir eine der Bildergalerien in der Bond Street aufsuchen und auf diese Weise die Zeit totschlagen, bis wir im Hotel erwartet werden.«
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