Kitabı oku: «Sherlock Holmes: Das Tal der Angst»
ARTHUR CONAN DOYLE
Das Tal
der Angst
Aus dem Englischen neu übersetzt von Dr. Hannelore Eisenhofer
Mit Illustrationen von Arthur I. Keller

Übersetzung nach der Ausgabe
»The Complete Sherlock Holmes Long Stories«,
erschienen in einem Band 1929
© 2014 Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,
Hamburg
Alle Rechte, auch das der fotomechanischen Wiedergabe
(einschließlich Fotokopie) oder der Speicherung auf
elektronischen Systemen, vorbehalten.
All rights reserved.
Titelabbildung: Anja Kaiser – Fotolia.com
Umschlag: Timon Schlichenmaier, Hamburg
E-Book Erstellung: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH
ISBN: 978-3-86820-960-0
www.nikol-verlag.de

TEIL I DIE TRAGÖDIE VON BIRLSTONE
KAPITEL I DIE WARNUNG
„Ich bin geneigt zu denken…“ sagte ich.
„Das wäre auch bitter nötig“, bemerkte Sherlock Holmes ungeduldig.
Ich halte mich für einen außerordentlich friedfertigen Menschen, aber ich gebe zu, dass mich diese gehässige Unterbrechung verärgerte. „Wirklich Holmes“, sagte ich streng, „Sie sind mitunter recht anstrengend.“
Er war zu sehr in seine eigenen Gedanken vertieft, um eine unmittelbare Antwort auf meine Vorhaltung zu erwidern. Den Kopf auf eine Hand gestützt, das unberührte Frühstück vor ihm, starrte er auf ein Blatt Papier, das er gerade aus einem Umschlag gezogen hatte. Dann nahm er den Umschlag auf, hielt ihn gegen das Licht und besah sich sorgfältig die Außenseite als auch die Klappe.
„Es ist Porlocks Handschrift“, sagte er nachdenklich. „Ich kann kaum daran zweifeln, dass es Porlocks Handschrift ist, auch wenn ich sie bis jetzt erst zweimal gesehen habe. Das griechische „e“ mit dem Schnörkel darüber ist charakteristisch. Doch wenn es wirklich Porlock ist, muss es etwas von äußerster Wichtigkeit sein.“
Er sprach mehr zu sich selbst als zu mir; doch mein Verdruss verschwand mit dem Interesse, das seine Worte in mir geweckt hatten.
„Wer ist denn Porlock?“ fragte ich.
„Porlock, mein lieber Watson, ist ein Pseudonym, ein reines Erkennungszeichen; doch dahinter verbirgt sich eine gerissene und wendige Persönlichkeit. In einem früheren Brief teilte er mir offen mit, dass der Name nicht sein eigener sei, und forderte mich heraus, ihn unter dem Menschengewimmel Londons ausfindig zu machen. Porlock ist wichtig, nicht wegen seiner selbst, sondern wegen des bedeutenden Mannes, mit dem er in Kontakt steht. Stellen Sie sich einen Pilotfisch mit einem Hai, einen Schakal mit einem Löwen vor – irgendetwas Unbedeutendes in Begleitung von etwas Furchteinflößendem: nicht furchteinflößend, Watson, sondern finster, in höchstem Grade finster. So würde ich ihn einordnen. Habe ich Ihnen von Professor Moriarty erzählt?“
„Dem berühmten gelehrten Verbrecher, unter den Halunken so berühmt wie…“
„Schämen Sie sich, Watson!“ murmelte Holmes mit tadelnder Stimme.
„Er ist in der Öffentlichkeit unbekannt, wollte ich sagen.“
„Touché! Das war schlagfertig!“ rief Holmes. „Sie entwickeln einen gewissen unerwarteten Anflug von hintergründigem Humor, Watson, gegen den ich mich zu schützen noch lernen muss. Aber Moriarty einen Verbrecher zu nennen ist in den Augen des Gesetzes eine Verleumdung – und genau darin liegt ja gerade das Glorreiche und Wunderbare! Der größte Planer aller Zeiten, der Organisator jeder Teufelei, das steuernde Hirn der Unterwelt, ein Kopf, der das Geschick ganzer Nationen zugrunde richten könnte – das ist der Mann! Doch er ist über jeden Verdacht erhaben, unangreifbar für jede Kritik, so bewundernswert in seiner Führung und Zurückhaltung, dass er Sie für die Worte, die Sie äußerten, vor Gericht bringen kann und mit Ihrer Pension eines ganzen Jahres als Wiedergutmachung dafür, dass Sie seinen guten Ruf besudelten, davongeht. Ist er nicht der gefeierte Autor des Buches, „Dynamik eines Asteroiden“, eines Buches, dass die Höhen reinster Mathematik erklomm, und von dem gesagt wird, dass kein Wissenschaftler in der Lage wäre, daran Kritik zu üben? Kann man einen solchen Mann verleumden? Ein verleumderischer Doktor und ein in falschen Verdacht geratener Professor – das wäre Ihre Rolle. Das ist genial, Watson. Aber wenn ich nicht vorher schon von weniger tüchtigen Männern zur Strecke gebracht wurde, wird unser Tag kommen.“
„Und da möchte ich dabei sein!“ rief ich ergeben. „Aber Sie sprachen von diesem Porlock.“
„Ach ja – der sogenannte Porlock ist ein Glied in der Kette, doch ein eher kleines, weiter entfernt von dem großen Anhänger. Porlock ist vielleicht gar kein richtiges Glied, unter uns gesagt. Er ist, soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, das einzig schwache Glied in dieser Kette.“
„Aber eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.“
„Richtig, mein lieber Watson! Und darin liegt die ungeheure Bedeutung von Porlock. Er besitzt noch ein Restgefühl für Recht und Ordnung, was ich gelegentlich mit einer Zehnpfundnote stimuliere, die ich ihm auf listige Weise zukommen lasse, und konnte ihn dazu bringen mir ein oder zweimal Vorabinformationen zu liefern, die wertvoll waren, ja den höchsten Wert hatten, betrachtet man sie als Vorhersage und Verhinderung eines Verbrechens, was besser ist als es zu rächen. Ich zweifle nicht, dass wir, sollten wir dies entziffern könnten, eine Nachricht dieser Art vor uns haben.“
Noch einmal breitete Holmes das Papier auf dem unbenutzten Teller aus. Ich erhob mich, lehnte mich über ihn und starrte auf den seltsamen Schriftzug, der wie folgt lautete:
534 C2 13 127 36 31 4 17 21 41
DOUGLAS 109 293 5 37
BIRLSTONE 26
BIRLSTONE 9 47 171
„Was schließen Sie daraus, Holmes?“
„Es ist offensichtlich der Versuch, eine geheime Botschaft zu vermitteln.“
„Aber was nützt eine verschlüsselte Nachricht ohne den Schlüssel?“
„In diesem Fall gar nichts.“
„Was heißt in diesem Fall?“
„Weil es viele Verschlüsselungen gibt, die ich ohne weiteres lese wie die Apokryphen einer Martersäule: derlei plumpe Chiffrierungen regen den Geist eines intelligenten Menschen an, ohne ihn zu ermüden. Aber hier ist es anders. Es ist der deutliche Hinweis auf die Worte in einem Buch, doch bis ich nicht weiß, um welche Seite und um welches Buch es sich handelt, bin ich machtlos.“
„Aber warum ‚Douglas‘ und ‚Birlstone‘?“
„Sicherlich deshalb, weil diese Worte nicht auf der fraglichen Seite enthalten sind.“
„Aber warum hat er das Buch nicht angegeben?“
„Ihre angeborene Schläue, mein lieber Watson, natürliche Gewitztheit, die eine Freude für all Ihre Freunde ist, würde Sie sicher davon abhalten, Schlüssel und verschlüsselte Nachricht in ein und denselben Umschlag zu stecken. Sollte etwas schiefgehen, wären Sie geliefert. Es müssten schon beide in falsche Hände geraten, bevor etwas Schlimmes passiert. Unsere zweite Post ist überfällig, und es würde mich nicht wundern, wenn sie uns nicht einen weiteren Brief mit einer Erklärung brächte, oder, was noch wahrscheinlicher ist, den Band, auf den sich diese Zahlen beziehen.“
Holmes Überlegungen wurden binnen weniger Minuten durch das Erscheinen von Billy, dem Pagen, bestätigt, der mit genau dem Brief kam, den wir erwartet hatten.
„Die gleiche Schrift“, bemerkte Holmes, als er den Umschlag öffnete, „und tatsächlich unterschrieben“, fügte er aufgeregt hinzu, als er die Epistel öffnete. „Wir kommen voran, Watson.“ Sein Blick verfinsterte sich jedoch, als er den Inhalt überflog.
„Du meine Güte, das ist aber enttäuschend! Ich fürchte, Watson, unsere ganzen Erwartungen haben sich in Luft aufgelöst. Ich hoffe nur, dass Porlock nichts widerfährt.
„LIEBER MR. HOLMES [so schreibt er]:
Ich will in dieser Angelegenheit nicht weiter vorgehen. Sie ist zu gefährlich – er misstraut mir. Ich sehe, dass er mir misstraut. Er kam völlig unerwartet zu mir, nachdem ich gerade diesen Umschlag mit der Absicht adressiert hatte, Ihnen den Schlüssel zur Entzifferung zukommen zu lassen. Ich konnte ihn gerade noch verbergen. Hätte er ihn gesehen, wäre es mir übel ergangen. Aber ich konnte das Misstrauen in seinen Augen sehen. Verbrennen Sie bitte die verschlüsselte Nachricht, die jetzt für Sie keinen Nutzen mehr hat.
FRED PORLOCK“
Holmes blieb eine Weile sitzen, drehte den Brief zwischen seinen Fingern hin und her, und runzelte die Stirn während er ins Feuer starrte.
„Nach all dem“, sagte er schließlich, „mag gar nichts daran sein. Es ist vielleicht nur sein eigenes schlechtes Gewissen. Da er weiß, dass er ein Verräter ist, las er möglicherweise deshalb die Anschuldigung in den Augen des anderen.“
„Der andere, so darf ich annehmen, ist Professor Moriarty.“
„Kein Geringerer! Wenn jemand von IHM spricht, kann nur er gemeint sein. Es gibt für alle ein ganz bestimmtes ER.“
„Aber was kann er tun?“
„Hmm! Das ist eine weitreichende Frage. Wenn Sie einen der besten Köpfe Europas vor sich haben, und alle Mächte der Finsternis stehen hinter ihm, sind die Möglichkeiten unbegrenzt. Auf jeden Fall ist unser Freund Porlock außer sich vor Angst. Vergleichen Sie die Schrift auf dem Umschlag mit der Mitteilung, der Umschlag wurde noch vor diesem verhängnisvollen Besuch beschriftet. Diese Schrift ist klar und entschlossen, die andere kaum lesbar.“
„Aber warum schrieb er das alles? Wieso ließ er die Sache nicht einfach fallen?“
„Weil er fürchtete, ich könnte einige Nachforschungen in diesem Fall anstellen und ihn möglicherweise in Schwierigkeiten bringen.“
„Ohne Zweifel“, sagte ich. „Natürlich.“ Ich hatte die ursprünglich verschlüsselte Nachricht aufgehoben und betrachtete sie eingehend. „Es ist zum verrückt werden, wenn man bedenkt, dass hier auf diesem Stück Papier ein wichtiges Geheimnis vor uns liegt, dessen Entschlüsselung menschliche Kräfte übersteigt.“
Sherlock Holmes stieß das unangetastete Frühstück beiseite und zündete seine widerwärtige Pfeife an, die Gefährtin seiner tiefsten Grübeleien. „Das ist die Frage“, sagte er, lehnte sich zurück und starrte zur Decke, „vielleicht gibt es Punkte, die Ihrem machiavellistischen Geist entgangen sind. Lassen Sie uns das Problem im Licht der reinen Vernunft betrachten. Dieser Mann bezieht sich auf ein Buch. Das ist unser Ausgangspunkt.“
„Ein reichlich vager allerdings.“
„Vielleicht können wir ihn etwas eingrenzen. Wenn ich mich darauf konzentriere, erscheint die Sache weniger unergründlich. Welche Hinweise haben wir in Bezug auf dieses Buch?“
„Keinen.“
„Nun, ja, die Sache ist nicht so übel, wie sie aussieht. Die verschlüsselte Nachricht beginnt mit einem großen 534, oder nicht? Nehmen wir an, dass die 534 die spezielle Seite ist, auf die sich die Verschlüsselung bezieht. Auf diese Weise ist unser Buch zu einem dicken Buch geworden, das uns schon ein Stück weiterbringt. Welche weiteren Hinweise haben wir sonst noch auf die Art dieses dicken Buches? Als nächstes Zeichen folgt C2. Was schließen Sie daraus, Watson?“
„Kapitel zwei, zweifellos.“
„Wohl kaum, Watson. Sie werden mir sicher zustimmen, wenn ich behaupte, dass das Kapitel unerheblich ist, wenn bereits die Seitenzahl angegeben wurde. Wenn sich Seite 534 im zweiten Kapitel befindet, müsste das erste von unerträglicher Länge sein.“
„Spalte!“ rief ich.
„Brillant, Watson. Sie sprühen heute Morgen vor Geistesblitzen. Wenn es keine Spalte ist, wäre ich sehr enttäuscht. Nun, Sie sehen, wir lassen vor unserem geistigen Auge ein dickes Buch entstehen, das in zwei Spalten gedruckt wurde, von denen jede eine beträchtliche Länge aufweist, da eines der Worte in dem Schriftstück als das zweihundertdreiundneunzigste beziffert ist. Haben wir damit schon die Grenzen dessen erreicht, was uns eine vernünftige Überlegung liefert?“
„Ich fürchte ja.“
„Sie tun sich Unrecht. Lassen Sie Ihren Geist noch einmal sprühen, mein lieber Watson – noch ein Geistesblitz! Wäre der Band ein ungewöhnlicher, hätte er ihn mir sicher geschickt. Stattdessen hatte er, bevor seine Pläne durchkreuzt wurden, die Absicht, mir den Hinweis in diesem Umschlag zu schicken. So schreibt er zumindest in seinem Brief. Das scheint darauf hinzudeuten, dass das Buch eines ist, von dem er annimmt, dass ich es ohne Schwierigkeiten ausfindig machen werde. Er hatte es – und er dachte, ich würde es auch haben. Kurzum, Watson, es ist ein sehr verbreitetes Buch.“
„Was Sie sagen klingt sehr einleuchtend.“
„Jetzt haben wir die Suche auf ein dickes Buch eingegrenzt, das zweispaltig gedruckt und allgemein verbreitet ist.“
„Die Bibel!“ rief ich triumphierend.
„Gut, Watson, gut! Aber nicht gut genug, wenn ich so sagen darf! Selbst wenn ich das als Kompliment für mich selbst gelten ließe, könnte ich Ihnen kaum einen Band nennen, der mit geringerer Wahrscheinlichkeit in Griffnähe eines der Helfershelfer von Moriarty läge. Außerdem sind die Ausgaben der Heiligen Schrift so zahlreich, dass er wohl kaum davon ausgehen konnte, dass zwei Exemplare die gleiche Paginierung haben. Es handelt sich eindeutig um ein Standardwerk. Er weiß ganz genau, dass Seite 534 auch bei mir Seite 534 sein wird.“
„Aber nur wenige Bücher würden dem entsprechen.“
„Genau. Das ist unsere Rettung. Unsere Suche hat sich auf Standardwerke eingegrenzt, von denen angenommen wird, dass jeder sie besitzt.“
„Bradshaws Kursbuch!“
„Da gibt es ein paar Schwierigkeiten, Watson. Das Vokabular von Bradshaw ist kräftig und knapp, doch begrenzt. Die Auswahl an Worten würde sich kaum für die Übermittlung einer allgemeinen Nachricht eignen. Lassen wir Bradshaw beiseite. Das Wörterbuch ist, so fürchte ich, aus dem gleichen Grund unbrauchbar. Was bleibt dann übrig?“
„Ein Almanach!“
„Ausgezeichnet, Watson! Wenn ich mich nicht irre, haben Sie es genau auf den Punkt getroffen. Ein Almanach! Mal sehen, ob der Whitaker Almanach unseren Ansprüchen genügt. Er ist allgemein verbreitet. Er hat die erforderliche Seitenzahl. Er ist zweispaltig. Sein Wortschatz ist zwar anfangs etwas zurückhaltend, aber zum Ende doch recht geschwätzig, wenn ich mich recht erinnere.“ Er holte den Band von seinem Schreibtisch. „Hier ist Seite 534, Spalte zwei, ein beträchtlicher Block Gedrucktes, der sich, wie ich sehe, mit dem Handel und Rohstoffen von Britisch Indien beschäftigt. Notieren Sie sich kurz die Wörter, Watson! Nummer dreizehn ist ,Mahratta‘. Ich fürchte der Anfang ist nicht sehr vielversprechend. Nummer einhundertsiebenundzwanzig ist ,Regierung‘, was schließlich Sinn macht, wenngleich es in Bezug auf uns und Professor Moriarty leicht irrelevant ist. Versuchen wir es noch einmal. Was macht die Mahratta Regierung? Ach schade! Das nächste Wort ist ,Schweinsborsten‘. Wir sind erledigt, mein guter Watson, es ist aus!“
Er hatte in scherzhaftem Ton gesprochen, doch das Zucken seiner buschigen Augenbrauen ließ seine Enttäuschung und Verwirrung erkennen. Ich saß hilflos und unglücklich da und starrte in das Kaminfeuer. Das lange Schweigen wurde von einem plötzlichen Ausruf Holmes unterbrochen, der zu einem Schrank stürzte und mit einem gelb eingeschlagenen Band in der Hand zurückkehrte.
„Das haben wir jetzt davon, Watson, dass wir auf dem neuesten Stand sind!“ rief er. „Wir sind unserer Zeit voraus, und müssen dafür wie üblich büßen. Es ist der siebte Januar, weshalb wir uns schon den neuen Almanach zugelegt haben. Aber es ist wahrscheinlicher, dass Porlock seine Nachricht dem alten entnahm. Bestimmt hätte er es uns mitgeteilt, wenn er einen erklärenden Brief geschrieben hätte. Jetzt wollen wir doch einmal nachsehen, was die Seite 534 für uns enthält. Nummer dreizehn ist ,Dort‘, was schon vielversprechender ist. Nummer einhundertsiebenundzwanzig ist ,ist‘ – ‚Dort ist‘“ – Holmes Augen glänzten vor Aufregung und seine dünnen nervösen Finger zuckten, als er die Wörter auszählte. „,Gefahr.‘ Ha! Ha! Großartig! Schreiben Sie das auf, Watson. ,Dort ist Gefahr – kann- sehr- bald – kommen – ein gewisser.’ Dann haben wir den Namen ,Douglas – reich – Land – jetzt in Birlstone – Haus – Birlstone – Überzeugung – ist – dringend.‘ Na also, Watson! Was halten Sie von der reinen Vernunft und ihren Früchte? Wenn der Gemüsehändler so etwas wie einen Lorbeerkranz hätte, würde ich Billy danach schicken.“
Ich starrte auf die seltsame Nachricht, die ich, während er sie entzifferte, auf einen Bogen Kanzleipapier auf meinen Knien gekritzelt hatte.
„Was für eine wunderliche Art sich derart verschlüsselt auszudrücken!“ sagte ich.
„Im Gegenteil, er hat seine Sache bemerkenswert gut gemacht“, sagte Holmes. „Wenn man eine einzelne Spalte nach Wörtern durchsucht, die den Sinn dessen wiedergeben, was man ausdrücken will, kann man kaum erwarten, alles zu bekommen, was man braucht. Man muss dann wohl oder übel einiges der Intelligenz des Empfängers überlassen. Der Sinn ist vollkommen klar. Irgendeine Teufelei ist gegen Douglas im Gange, wer immer er sein mag, der, soweit hier steht, als reicher Gutsherr auf dem Lande lebt. Er ist sicher – ,Überzeugung‘ kommt ,überzeugt‘ recht nahe, dass es dringend ist. Hier haben wir unser Ergebnis – und eine kleine fachmännische Analyse!“
Holmes empfand die unpersönliche Freude eines wahren Künstlers bei seinen Leistungen, und war zutiefst enttäuscht, wenn sie unter dem Niveau lag, das er angestrebt hatte. Er freute sich immer noch über seinen Erfolg, als Billy die Tür mit Schwung öffnete und Inspektor MacDonald von Scotland Yard ins Zimmer geleitete.
In jenen Tagen am Ende der achtziger Jahre hatte Alec MacDonald noch längst nicht den landesweiten Ruf errungen, den er heute genießt. Er war ein junges, aber verlässliches Mitglied der Kriminalpolizei, der sich in verschiedenen Fällen hervorgetan hatte, die ihm anvertraut worden waren. Seine hochgewachsene knochige Gestalt ließ auf außerordentliche physische Kräfte schließen, während sein Cranium und die tiefliegenden, strahlenden Augen nicht weniger deutlich auf einen scharfen Verstand hinwiesen, der unter den buschigen Augenbrauen hervor blitzte. Er war ein schweigsamer, akkurater Mann von mürrischer Natur und mit einem harten Aberdeen-Akzent.
Holmes, der ihm bereits zweimal in seiner Karriere zu Erfolg verholfen hatte, blieb als Lohn nur die intellektuelle Freude am Problem selbst. Aus diesem Grund empfand der Schotte tiefe Zuneigung und Respekt für diesen Laienkollegen und zeigte dies durch die Offenheit, mit der er Holmes bei sämtlichen Problemen um Rat fragte. Mittelmäßigkeit kennt nichts Erhabeneres als sich selbst, doch das wahre Genie erkennt sofort den Genius, und MacDonald besaß genug Gabe für seinen Beruf, so dass er es nicht als Erniedrigung empfand, Beistand bei einem Manne zu suchen, der, was seine Gaben als auch seine Erfahrung anbelangte, einzigartig in Europa dastand. Holmes war an einer Freundschaft nicht gelegen, doch er war gegenüber dem großen Schotten nachsichtig und lächelte bei dessen Anblick.
„Sie sind wohl mit den Hühnern aufgestanden, Mr. Mac“, sagte er. „Ich wünsche Ihnen viel Glück bei der Wurmsuche. Ich fürchte, das bedeutet, dass uns Unheil bevorsteht.“
„Wenn Sie gesagt hätten ich ,hoffe‘ anstatt ich ,fürchte‘, käme das der Wahrheit näher, denke ich, Mr. Holmes“, erwiderte der Inspektor mit einem wissenden Lächeln. „Nun, ein kleiner Schluck könnte die morgendliche Kälte vertreiben. Nein, ich möchte nicht rauchen, danke. Ich muss mich gleich wieder auf den Weg machen, weil die ersten Stunden eines Falles die kostbarsten sind, was niemand besser weiß als Sie selbst. Aber, aber…“
Der Inspektor hielt plötzlich inne und starrte mit einem Ausdruck höchster Verwunderung auf das auf dem Tisch liegende Papier. Es war das Blatt, auf das ich die rätselhafte Nachricht gekritzelt hatte.
„Douglas!“ stammelte er. „Birlstone!“ Was ist denn das, Mr. Holmes? Menschenskind, das ist ja reinste Hexerei! Wo um alles in der Welt haben Sie diese Namen her?“
„Es ist eine verschlüsselte Botschaft, die Dr. Watson und ich gerade entziffert haben. Aber wieso… was stimmt nicht mit diesen Namen?“
Der Inspektor blickte uns nacheinander benommen vor Erstaunen an.
„Nur so viel“, sagte er, „dieser Mr. Douglas von Birlstone Manor House wurde letzte Nacht grausam ermordet!“
KAPITEL II SHERLOCK HOLMES DOZIERT
Es war einer jener dramatischen Augenblicke, für die mein Freund lebte. Es wäre eine Übertreibung zu sagen, dass er wegen der erstaunlichen Mitteilung erschüttert oder sogar aufgeregt gewesen wäre. Er war, ohne dass auch nur ein Hauch von Grausamkeit in seinem einzigartigen Geist zu finden gewesen wäre, durch die lange Überreizung zweifellos kaltschnäuzig geworden. Doch auch wenn seine Gefühle abgestumpft waren, war seine intellektuelle Auffassungsgabe überaus aktiv. Keine Spur des Schreckens, den ich selbst bei dieser knappen Mitteilung empfunden hatte, war an ihm zu erkennen; doch sein Gesicht zeigte eher den ruhigen und interessierten Ausdruck eines Chemikers, der zusieht, wie Kristalle einer übersättigten Lösung ausfällen.
„Bemerkenswert!“ sagte er. „Bemerkenswert!“
„Sie scheinen nicht überrascht zu sein.“
„Interessiert, Mr. Mac, aber kaum überrascht. Wieso sollte ich überrascht sein? Ich hatte vor einer Viertelstunde eine anonyme Nachricht erhalten, von der ich wusste, dass sie bedeutsam ist, und die mich warnte, dass eine gewisse Person in Gefahr sei. Innerhalb einer Stunde erfuhr ich, dass diese Gefahr Wirklichkeit geworden ist, und dass die Person tot ist. Ich bin interessiert, aber, wie Sie richtig bemerkten, nicht überrascht.“
In wenigen kurzen Sätzen erklärte er dem Inspektor die Fakten zu dem Brief und der verschlüsselten Nachricht. MacDonald saß da, das Kinn aufgestützt, und seine dichten, sandfarbenen Augenbrauen zogen sich zu einem gelben Büschel zusammen.
„Heute Morgen wollte ich nach Birlstone“, sagte er. „Ich war gekommen, um Sie zu fragen, ob es Ihnen etwas ausmachte mich zu begleiten – Sie und Ihr Freund. Aber nach dem, was Sie mir sagten, werden wir wohl in London mehr erreichen.“
„Das glaube ich nicht“, erwiderte Holmes.
„Zum Henker, Mr. Holmes!“ rief der Inspektor. „Die Zeitungen werden in ein oder zwei Tagen voll mit Berichten über das Rätsel von Birlstone sein. Doch was ist das für ein Rätsel, wenn hier in London ein Mann ist, der das Verbrechen schon ankündigt, bevor es begangen wurde? Wir müssen nur des Mannes habhaft werden und der Rest klärt sich von allein.“
„Zweifellos, Mr. Mac. Aber wie stellen Sie sich die Ergreifung des sogenannten Porlock vor?“
MacDonald drehte den Brief um, den Holmes ihm überreicht hatte. „Aufgegeben in Camberwell – das hilft uns nicht viel weiter. Der Name ist ein Pseudonym, wie Sie sagten. Das ist gewiss nicht viel für den Anfang. Sagten Sie nicht, Sie hätten ihm Geld geschickt?“
„Zweimal.“
„Und wie?“
„In Banknoten, hinterlegt beim Camberwell Postamt.“
„Haben Sie sich nie darum bemüht herauszufinden, wer sie abgeholt hat?“
„Nein.“
Der Inspektor sah überrascht und ein wenig bestürzt drein. „Wieso nicht?“
„Weil ich stets mein Wort halte. Nach dem ersten Brief, den er mir schrieb, hatte ich versprochen nicht nach ihm zu suchen.“
„Sie denken jemand steht hinter ihm?“
„Ich weiß, dass es so ist.“
„Dieser Professor, den Sie mir gegenüber einmal erwähnten?
„Stimmt genau!“
Inspektor MacDonald lächelte und als er mir einen Blick zuwarf, zwinkerte er mit einem Auge. „Ich möchte Ihnen nicht verhehlen, Mr. Holmes, dass wir in C.I.D. glauben, dass man Ihnen mit diesem Professor einen Floh ins Ohr gesetzt hat. Ich selbst habe in dieser Angelegenheit einige Untersuchungen angestellt. Er scheint ein sehr respektabler, gebildeter und begabter Mann zu sein.“
„Es freut mich, dass Sie immerhin sein Talent erkannt haben.“
„Menschenskind, das muss man doch erkennen! Nachdem ich Ihre Ansicht gehört hatte, machte ich es mir zur Aufgabe ihn zu treffen. Wir plauderten über Eklipsen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie wir auf dieses Thema kamen. Aber er holte eine Lampe mit Reflektor und einen Globus hervor und machte mir in einer Minute alles klar. Er lieh mir ein Buch; aber ich schäme mich nicht zu sagen, dass es meinen Horizont ein wenig übersteigt, obwohl ich in Aberdeen eine gute Erziehung genoss. Er hätte einen großartigen Kirchenmann abgegeben, mit seinem schmalen Gesicht, den grauen Haaren und der feierlichen Art zu sprechen. Als er mir beim Abschied die Hand auf die Schulter legte, war das wie der Segen eines Vaters, bevor man in die kalte, grausame Welt hinausgeht.“
Holmes kicherte und rieb sich die Hände. „Großartig!“ sagte er. „Großartig! Sagen Sie mir, mein Freund MacDonald, fand dieses erfreuliche und bewegende Gespräch, wie ich vermute, im Studierzimmer des Professors statt?“
„So war es.“
„Ein schönes Zimmer, nicht wahr?“
„Sehr schön – wirklich sehr hübsch, Mr. Holmes.“
„Sie saßen vor seinem Schreibtisch?“
„Ganz recht.“
„Die Sonne schien in Ihr Gesicht und seines war im Dunkeln?“
„Nun ja, es war Abend; ich erinnere mich, dass die Lampe auf mich gerichtet war.“
„Ganz bestimmt. Haben Sie zufällig ein Bild über dem Kopf des Professors bemerkt?“
„Mir entgeht so leicht nichts, Mr. Holmes. Das habe ich wahrscheinlich von Ihnen gelernt. Ja, da war ein Bild – eine junge Frau, den Kopf auf den Händen, die einen von der Seite anschaut.“
„Das Gemälde ist von Jean Baptiste Greuze.“
Der Inspektor bemühte sich interessiert dreinzusehen.
„Jean Baptiste Greuze“, fuhr Holmes fort, legte die Fingerspitzen aufeinander und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, „war ein französischer Künstler, dessen Blütezeit in den Jahren 1750 bis 1800 war. Ich beziehe mich natürlich hier auf seine Schaffenskraft. Die neuzeitliche Kunstkritik hat die hohe Wertschätzung, die ihm von seinen Zeitgenossen zuteilwurde, mehr als einmal bestätigt.“
Die Augen des Inspektors nahmen einen abwesenden Ausdruck an. „Wäre es nicht besser…“ sagte er.
„Wir sind gerade dabei“, unterbrach ihn Holmes. „Alles, was ich jetzt sage, hat einen unmittelbaren und ausschlaggebenden Bezug auf das, was Sie als Birlstone Rätsel bezeichnen. Tatsächlich könnte man es in gewissem Sinne als den zentralen Angelpunkt bezeichnen.“
MacDonald lächelte schwach und sah mich flehend an. „Ihre Gedanken sind für mich ein wenig zu schnell, Mr. Holmes. Sie haben ein oder zwei Glieder ausgelassen, so dass ich Ihnen nicht folgen kann. Was in aller Welt kann den toten Maler mit dem Vorfall in Birlstone in Verbindung bringen?“
„Für einen Detektiv ist jedes Wissen nützlich“, bemerkte Holmes. „Sogar die banale Tatsache, dass im Jahr 1865 ein Gemälde von Greuze mit dem Titel ,La Jeune Fille à l’Agneau‘ eine Million zweihunderttausend Francs – mehr als vierzigtausend Pfund – bei der Portalis-Auktion erzielte, dürfte eine Reihe von Überlegungen bei Ihnen auslösen.“
Das tat sie offensichtlich. Der Inspektor sah ernsthaft interessiert aus.
„Ich darf Sie daran erinnern“, fuhr Holmes fort, „dass das Salär des Professors sich aus mehreren zuverlässigen Nachschlagewerken ermitteln lässt. Es beträgt siebenhundert Pfund pro Jahr.“
„Wie kommt er dann dazu…“
„Genau! Wie kommt er dazu?“
„Oh, das ist bemerkenswert“, sagte der Inspektor nachdenklich. „Sprechen Sie weiter, Mr. Holmes. Die Sache fängt an mir zu gefallen. Das klingt gut!“
Holmes lächelte. Aufrichtige Bewunderung ließ ihn immer auftauen – die Eigenschaft eines wahren Künstlers. „Was ist mit Birlstone?“ fragte er.
„Wir haben noch Zeit“, sagte der Inspektor und warf einen Blick auf seine Uhr. „Ich habe eine Droschke vor der Tür und bis zur Victoria Station brauchen wir nicht einmal zwanzig Minuten. Doch zurück zu diesem Bild: Mir ist, Sie hätten einst gesagt, dass Sie Professor Moriarty noch nie getroffen haben.“
„Noch nie.“
„Wie können Sie dann seine Räumlichkeiten kennen?“
„Das ist eine andere Geschichte. Ich war dreimal in seinen Räumen, zweimal wartete ich dort unter verschiedenen Vorwänden und ging, bevor er kam. Einmal – nun, das kann ich einem Kriminalbeamten wohl kaum erzählen. Es war bei der letzten Gelegenheit, dass ich mir die Freiheit nahm seine Papiere zu überfliegen – mit höchst unerwarteten Ergebnissen.“
„Sie fanden etwas Kompromittierendes?“
„Überhaupt nichts. Das war das Erstaunliche. Jedoch haben Sie jetzt den springenden Punkt erkannt – das Bild. Es zeigt, dass er ein sehr wohlhabender Mann ist. Wie gelangte er zu seinem Vermögen? Er ist unverheiratet. Sein jüngerer Bruder ist Bahnhofsvorsteher im Westen von England. Sein Lehrstuhl bringt ihm siebenhundert Pfund im Jahr. Und er besitzt einen Greuze.“
„Und nun?“
„Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand.“
„Sie meinen, er hat ein großes Einkommen, das er auf unrechtmäßige Weise verdient?“
„Richtig. Natürlich habe ich auch andere Gründe für diese Annahme – Dutzende kleiner Fäden führen kaum wahrnehmbar zum Zentrum des Netzes, in dem die giftige, regungslose Kreatur lauert. Ich bringe den Greuze nur deshalb ins Spiel, weil er in den Bereich Ihrer eigenen Beobachtungen fällt.“
„Nun, Mr. Holmes, ich muss zugeben, dass das, was Sie sagen interessant ist: mehr als interessant – geradezu wunderbar. Aber lassen Sie uns noch ein wenig genauer werden, wenn möglich. Handelt es sich um Fälscherei, Falschmünzerei, Einbrüche – oder woher kommt das Geld?“
„Haben Sie je etwas über Jonathan Wild gelesen?“
„Der Name kommt mir bekannt vor. Eine Person in einem Roman, oder? Ich mache mir nicht viel aus Detektiven in Romanen – Kerle, die einem nie verraten, wie sie etwas herausgefunden haben. Das ist alles nur Eingebung, aber keine richtige Arbeit.“
„Jonathan Wild war kein Detektiv und kommt in keinem Roman vor. Er war ein meisterhafter Verbrecher und lebte im vorigen Jahrhundert, so um 1750.“
„Dann nützt er mir wenig, ich bin ein praktisch veranlagter Mensch.“
„Mr. Mac, das Beste, was Sie je für Ihre Praxis tun könnten, wäre sich drei Monate zurückzuziehen und täglich zwölf Stunden in den Annalen der Verbrechensgeschichte zu lesen. Es ist ein ewiger Kreislauf – selbst Professor Moriarty. Jonathan Wild war die verborgene Kraft der Londoner Verbrecher, denen er fünfzehn Prozent an seiner Intelligenz und seiner Organisation verkaufte. Das alte Rad dreht sich weiter und die gleiche Speiche kommt wieder zum Vorschein. Es war alles schon einmal da und wird wieder kommen. Ich werde Ihnen ein paar Dinge über Moriarty erzählen, die Sie interessieren dürften.“
„Sie haben meine volle Aufmerksamkeit.“
„Zufällig kenne ich das erste Glied in seiner Kette – einer Kette mit diesem fehlgeleiteten Napoleon an einem Ende und hundert abgehalfterten Schlägern, Taschendieben, Erpressern und Falschspielern am anderen, mit jeder Art Verbrechen dazwischen. Sein Stabschef ist Colonel Sebastian Moran, so unnahbar und wachsam und für das Gesetz unantastbar wie er selbst. Was, denken Sie, zahlt er ihm?“
„Ich bin ganz Ohr.“
„Sechstausend im Jahr. Ein guter Kopf hat seinen Preis, wie Sie sehen – das amerikanische Geschäftsprinzip. Dieses Detail erfuhr ich zufällig. Das ist mehr als der Premierminister verdient. Das verschafft Ihnen eine Vorstellung dessen, was Moriarty verdient und in welchem Umfang er seine Geschäfte macht. Noch ein weiterer Punkt: Vor kurzem machte ich es mir zur Aufgabe einige von Moriartys Schecks nachzuverfolgen – ganz normale, harmlose Schecks, mit denen er seine Haushaltsrechnungen bezahlt. Sie waren auf sechs verschiedene Banken ausgestellt. Was für einen Eindruck macht das auf Sie?“
„Einen sonderbaren natürlich! Aber was schließen Sie daraus?“
„Dass er keine Gerüchte über sein Vermögen aufkommen lassen will. Keiner darf erfahren wie viel er besitzt. Und ich hege keinen Zweifel, dass er bestimmt zwanzig Bankkonten hat; der Großteil seines Vermögens dürfte jedoch im Ausland bei der Deutschen Bank oder Crédit Lyonnais deponiert sein. Eines Tages, wenn Sie ein oder zwei Jahre Zeit haben, rate ich Ihnen Professor Moriarty zu studieren.“
Im Laufe des Gesprächs war Inspektor MacDonald mehr und mehr beeindruckt worden. Er war in seiner Aufmerksamkeit völlig aufgegangen. Doch sein praktischer schottischer Verstand brachte ihn mit einem Schlag zum vorliegenden Fall zurück.
„Er kann noch warten“, sagte er. „Sie haben uns mit Ihren spannenden Anekdoten vom Thema abgebracht, Mr. Holmes. Was wirklich zählt ist Ihre Bemerkung, dass zwischen dem Professor und dem Verbrechen eine Verbindung besteht, was Sie aus der Warnung folgern, die Sie von einem Manne namens Porlock erhielten. Gibt es für unsere derzeitigen Bedürfnisse sonst noch etwas Brauchbares?“
„Wir können daraus zumindest eine Vorstellung der Motive dieses Verbrechens ableiten, das, so entnahm ich Ihrer ursprünglichen Bemerkung, ein unerklärlicher oder zumindest ein ungeklärter Mord ist. Nun, angenommen die Quelle des Verbrechens ist so wie wir vermuteten, dann könnte es zwei unterschiedliche Motive geben. Zuallererst möchte ich Ihnen sagen, dass Moriarty mit eiserner Faust über seine Leute herrscht. Seine Disziplin ist schrecklich. Es gibt nur eine Bestrafung in seinem Kodex: den Tod. Nun können wir annehmen, dass der Ermordete – dieser Douglas, dessen bevorstehendes Ende einem der Untergebenen dieses Erzverbrechers bekannt war – auf irgendeine Weise den Boss hintergangen hatte. Seine Strafe folgte auf dem Fuße und alle werden davon erfahren, und sei es nur, um ihnen Todesangst einzujagen.“
„Das ist eine Vermutung, Mr. Holmes.“
„Die andere ist, dass Moriarty die Sache im Zuge eines ganz gewöhnlichen Geschäftsgangs durchgeführt hat. Wurde etwas geraubt?“
„Nicht dass ich wüsste.“
„Falls ja, würde das der ersten Hypothese widersprechen und die zweite begünstigen. Moriarty könnte demnach mit der Durchführung gegen Zusicherung eines Beuteanteils beauftragt worden sein, oder man hat ihn bezahlt die Sache zu regeln. Beides ist möglich. Aber was auch immer zutreffen mag, oder wenn es eine dritte Konstellation gibt, finden wir die Lösung nur in Birlstone. Ich kenne unseren Mann zu gut, als dass er irgendetwas hier hinterlassen hätte, was uns zu ihm führen könnte.“
„Dann müssen wir nach Birlstone!“ rief MacDonald und sprang von seinem Stuhl auf.
„Du lieber Himmel! Es ist später als ich dachte. Ich kann Ihnen, meine Herren nur fünf Minuten geben, um sich fertig zu machen, mehr nicht.“
„Das reicht vollkommen“, sagte Holmes, sprang auf und beeilte sich den Schlafrock gegen seinen Mantel einzutauschen. „Unterwegs werden Sie mir alles darüber erzählen müssen, Mr. Mac.“
„Alles darüber“ erwies sich als enttäuschend wenig, und doch war es genug, um uns zu bestätigen, dass der Fall, der vor uns lag, der größten Aufmerksamkeit eines Fachmanns würdig war. Er strahlte und rieb sich die dünnen Hände, als er den mageren, aber doch bemerkenswerten Details lauschte. Hinter uns lag eine lange Reihe unerquicklicher Wochen, und hier bot sich endlich eine Gelegenheit für die außergewöhnlichen Fähigkeiten, die wie alle besonderen Gaben, für ihren Besitzer belastend werden, wenn sie nicht genutzt werden. Sein rasiermesserscharfer Verstand wurde durch Untätigkeit stumpf und rostete ein.
Sherlock Holmes Augen glänzten, seinen fahlen Wangen bekamen einen wärmeren Ton und sein erwartungsvoller Gesichtsausdruck wurde von einem inneren Feuer erleuchtet, wenn ihn die Arbeit rief. Während der Fahrt hatte er sich in der Droschke nach vorne gebeugt und lauschte angestrengt MacDonalds kurzer Beschreibung des Problems, welches uns in Sussex erwartete. Der Inspektor selbst war, wie er uns erklärte, auf eine gekritzelte Notiz angewiesen, die ihm in den frühen Morgenstunden mit dem Milchzug zugesandt worden war. White Mason, der örtliche Beamte war ein persönlicher Freund und hatte aus diesem Grund MacDonald früher benachrichtigt als dies bei Scotland Yard der Fall ist, wenn Provinzbeamte Hilfe brauchen. Normalerweise ist die Fährte schon erkaltet, die der aus der Hauptstadt herbeigerufene Fachmann zu verfolgen hat.
„Lieber Inspektor MacDonald“, lautete der Brief, den er uns vorlas:
„Der offizielle Antrag für Ihre Dienste befindet sich in einem separaten Umschlag. Dieser hier ist nur für Sie persönlich. Telegraphieren Sie mir, mit welchem Zug Sie heute Vormittag nach Birlstone kommen können, und ich werde Sie abholen oder abholen lassen, wenn ich zu beschäftigt bin. Dieser Fall ist ein Mordsding. Verlieren Sie keine Sekunde und machen Sie sich sofort auf den Weg. Wenn möglich bringen Sie bitte Mr. Holmes mit, denn er wird hier etwas ganz nach seinem Geschmack finden. Man könnte meinen, dass die ganze Sache als dramatischer Effekt fürs Theater inszeniert sei, gäbe es nicht mittendrin einen Toten. Glauben Sie mir, das ist wirklich ein Mordsding.“
„Ihr Freund scheint kein Dummkopf zu sein“, bemerkte Holmes.
„Nein, Sir, White Mason ist ein sehr gewiefter Mann, wenn ich mich nicht irre.“
„Nun, was haben Sie noch?“
„Nur dass er uns jede Einzelheit berichten wird, wenn wir ihn treffen.“
„Woher wissen Sie dann, dass Mr. Douglas auf schreckliche Weise ermordet wurde?“
„Das stand in dem offiziellen Bericht. Dort hieß es nicht ,schrecklich‘, weil das kein offiziell anerkannter Ausdruck ist. Es war der Name John Douglas angegeben. Es war vermerkt, dass er Verletzungen am Kopf hatte, die von einer Schrotflinte stammten. Ferner ist noch der Zeitpunkt des Alarms erwähnt worden, der kurz vor Mitternacht losgeschlagen wurde. Es wurde noch hinzugefügt, dass es sich zweifellos um einen Mordfall handelt, der einige sehr verblüffende und ungewöhnliche Züge aufweist. Das ist im Moment alles, was wir haben, Mr. Holmes.“
„Dann wollen wir es mit Ihrer Erlaubnis dabei belassen, Mr. Mac. Die Versuchung vorschnelle Theorien auf unzureichenden Daten aufzustellen ist der Fluch unseres Berufes. Ich kann im Augenblick nur zweierlei mit Gewissheit erkennen – ein großes Gehirn in London und ein toter Mann in Sussex. Die Verbindung zwischen beidem müssen wir ausfindig machen.“
KAPITEL III DIE TRAGÖDIE VON BIRLSTONE
Für einen Augenblick bitte ich um die Erlaubnis, meine eigene unbedeutende Persönlichkeit in den Hintergrund treten zu lassen und die Ereignisse im Lichte unserer späteren Erkenntnisse zu beschreiben, die sich noch vor unserer Ankunft am Schauplatz zugetragen hatten. Nur auf diese Weise kann ich dem Leser dazu verhelfen die betroffenen Personen zu verstehen und die bizarre Kulisse, vor der sich ihr Leben abspielte.
Die Ortschaft Birlstone ist eine kleine und sehr alte Ansammlung von Fachwerkhäusern an der Nordgrenze der Grafschaft Sussex. Jahrhundertelang hatte sich dort nichts verändert, doch in den letzten Jahren zog das pittoreske Erscheinungsbild und die Lage eine Anzahl wohlhabender Leute an, deren Landhäuser heute aus den umgebenden Wäldern hervor lugen. Diese Wälder gelten als der äußerste Zipfel des großen Weald-Waldes, der sich in Richtung der nördlichen Kalkhügel immer mehr lichtet. Eine Anzahl kleiner Läden wurde eröffnet, um den Bedürfnissen der angewachsenen Bevölkerung entgegenzukommen und es scheint, dass Birlstone die Aussicht hat sich von einem alten Dorf zu einer modernen Stadt zu entwickeln. Es bildet das Zentrum eines beträchtlichen Gebiets dieser Gegend, da die nächstgelegene Ortschaft Tunbridge Wells zehn oder zwölf Meilen östlich jenseits der Grenze der Grafschaft Kent liegt.
Etwa eine halbe Meile vom Ort entfernt steht in einem alten Park, der für seine riesigen Buchen berühmt ist, das alte Herrenhaus von Birlstone. Teile dieses ehrenwerten Gebäudes reichen zurück bis in die Zeit des ersten Kreuzzuges als Hugo de Capus eine kleine Festung in der Mitte des Landguts erbaute, das ihm Wilhelm der Rote verliehen hatte. Sie wurde 1543 durch einen Brand zerstört und einige rauchgeschwärzte Grundsteine wurden zu der Zeit von König James I. verwendet, als auf den Ruinen der feudalen Feste ein Landhaus aus Ziegeln errichtet wurde.
Das Herrenhaus mit seinen vielen Giebeln und den kleinen Rautenfenstern war immer noch so, wie es der Erbauer im frühen siebzehnten Jahrhundert zurückgelassen hatte. Von den beiden Doppelgräben, die einst den eher kriegerischen Vorgänger beschützt hatten, war einer trockengelegt worden und erfüllte nun die bescheidene Funktion eines Küchengartens. Der innere Graben war immer noch vorhanden, und zog sich mit einer Breite von vierzig Fuß, allerdings nur noch wenige Fuß tief, um das gesamte Haus. Ein kleiner Bach speiste ihn und floss jenseits des Grabens weiter, so dass das Wasser zwar trüb, aber nie brackig oder ungesund war. Die Fenster des Erdgeschoßes befanden sich einen Fuß über der Wasseroberfläche.
Den einzigen Zugang zum Haus bildete eine Zugbrücke, deren Ketten und Winde seit langem verrostet und zerbrochen waren. Die neuen Bewohner des Herrenhauses hatten jedoch mit bezeichnender Energie die Schäden behoben und die Zugbrücke ließ sich nicht nur wieder hochziehen, sondern wurde tatsächlich jeden Abend hochgezogen und am Morgen wieder herabgelassen. Durch die Wiederbelebung des alten Brauchs aus der Feudalzeit wurde das Herrenhaus während der Nacht in eine Insel verwandelt – ein Umstand, der sich unmittelbar auf das Rätsel auswirkte, das bald die Aufmerksamkeit ganz Englands auf sich ziehen sollte.
Das Haus war einige Jahre unbewohnt geblieben und drohte zu einer malerischen Ruine zu verfallen, bevor die Familie Douglas es in Besitz nahm. Die Familie bestand nur aus zwei Personen – John Douglas und seiner Frau. Douglas war ein bemerkenswerter Mann, sowohl hinsichtlich des Charakters als auch der Person. Er war um die fünfzig, hatte ein verwittertes Gesicht mit prägnanten Kieferknochen und einen graumelierten Schnurrbart, und seltsam stechende graue Augen. Seine drahtige, kraftvolle Gestalt hatte nichts an Stärke und jugendlicher Aktivität eingebüßt. Er war fröhlich und freundlich zu jedermann, doch in seinem Benehmen lag etwas Lässiges, das den Eindruck vermittelte er habe das Leben in gesellschaftlichen Schichten kennengelernt, die weit unter dem Niveau der Gutsherren von Sussex lagen. Obwohl er mit gewisser Neugier und Zurückhaltung von seinen kultivierteren Nachbarn betrachtet wurde, erwarb er alsbald große Beliebtheit unter den Bewohnern des Dorfes, da er bereitwillig alle Unternehmungen im Ort unterstützte und die Herrenabende mit Musikdarbietungen und sonstige Aktivitäten besuchte, bei denen er mit seinem volltönenden Tenor gerne ein Lied zum Besten gab. Es schien, als verfüge er über jede Menge Geld, das er, so hieß es, auf den kalifornischen Goldfeldern gemacht hatte und aus seinen Gesprächen und denen seiner Frau ging deutlich hervor, dass er einen Teil seines Lebens in Amerika verbracht hatte.
Der gute Eindruck, den er durch seine Großzügigkeit und seine demokratische Haltung hinterlassen hatte, wurde noch dadurch verstärkt, dass er im Ruf stand unerschrocken zu sein. Obgleich ein miserabler Reiter, fand er sich zu jeder Fuchsjagd ein und nahm in seiner Entschlossenheit, es den Besten gleichzutun, die erstaunlichsten Stürze in Kauf. Als das Pfarrhaus Feuer gefangen hatte, zeichnete er sich durch Furchtlosigkeit aus, indem er immer wieder das Gebäude betrat, um Eigentum zu retten, nachdem die örtliche Feuerwehr das Haus als unrettbar aufgegeben hatte. So kam es, dass sich John Douglas aus dem Herrenhaus innerhalb von fünf Jahren in Birlstone einen Namen gemacht hatte.
Auch seine Ehefrau war bei denjenigen beliebt, die ihre Bekanntschaft gemacht hatten. Nach englischer Gepflogenheit kamen jedoch nur wenige Besucher zu einem Fremden, der sich in der Grafschaft ohne offizielle Einführung niedergelassen hatte und wenn, dann in großen Abständen. Das kümmerte sie weniger, da sie von Natur aus zurückhaltend war, und allem Anschein nach von ihrem Gatten und ihren häuslichen Aufgaben vollkommen in Anspruch genommen wurde. Es war bekannt, dass sie eine englische Dame war, die Mr. Douglas in London zu der Zeit kennengelernt hatte als er Witwer war. Sie war eine schöne Frau, groß, dunkelhaarig und schlank und gut zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, ein Altersunterschied, der in keiner Weise der Harmonie ihres Zusammenlebens abträglich schien.
Jedoch wurde mitunter von denjenigen, die sie am besten kannten, bemerkt, dass das Vertrauen zwischen den beiden nicht vollkommen zu sein schien, denn seine Frau war entweder sehr wortkarg, was die Vergangenheit ihres Mannes betraf oder, was wahrscheinlicher war, unvollständig darüber informiert. Ein paar Aufmerksamen war auch aufgefallen, was sie kritisch vermerkten, dass auf Seiten von Mrs. Douglas mitunter Zeichen einer nervlichen Anspannung zu beobachten waren, und dass sie ein heftiges Unbehagen an den Tag legte, wenn ihr Gatte besonders lange ausblieb. In einer ruhigen ländlichen Gegend, in der jeder Klatsch willkommen ist, konnte diese Schwäche der Dame des Hauses nicht achtlos übergangen werden und in der Erinnerung der Leute nahm diese Schwäche an Gewicht zu, als Ereignisse eintraten, die dieser Eigenschaft eine besondere Bedeutung verliehen.
Unter dem Dach des Herrenhauses lebte noch eine weitere Person, die sich allerdings nur zeitweise dort aufhielt, deren Anwesenheit jedoch zu der Zeit der seltsamen Vorfälle, von denen ich jetzt erzählen werde, ihren Namen in das Interesse der Öffentlichkeit rückte. Es handelte sich dabei um Cecil James Barker aus Hale Lodge in Hampstead.
Cecil Barkers hochgewachsene, schlaksige Gestalt war in den Hauptstraßen von Birlstone wohl bekannt, denn er war ein häufiger und willkommener Gast im Herrenhaus. Man nahm von ihm umso mehr Notiz, als er der einzige Freund aus der unbekannten Vergangenheit von Mr. Douglas war, der jemals in dessen neuer englischer Umgebung gesehen ward. Barker war zweifellos Engländer; aber aus seinen Bemerkungen war klar hervorgegangen, dass er Douglas in Amerika kennengelernt hatte, wo er mit ihm in enger Vertrautheit gelebt hatte. Er schien ein Mann von beträchtlichem Vermögen zu sein und galt als Junggeselle.
Er war etwas jünger als Douglas – fünfundvierzig höchstens – ein hochgewachsener, aufrechter, breitschultriger Mann mit einem glattrasierten Preisboxergesicht, dichten, kräftigen schwarzen Augenbrauen und gebieterischen schwarzen Augen, die ihm, auch ohne die Hilfe seiner überaus tüchtigen Hände den Weg durch eine feindselige Menge hätten bahnen können. Er war kein Reiter und ging auch nicht auf die Jagd, sondern verbrachte seine Tage mit Spaziergängen durch das alte Dorf, die Pfeife dabei im Mund, oder unternahm mit seinem Gastgeber, oder in dessen Abwesenheit mit seiner Gastgeberin Ausfahrten in die wunderschöne Umgebung. „Ein angenehmer großzügiger Gentleman“, sagte Ames der Butler. „Aber bei Gott, ich möchte nicht in der Haut desjenigen stecken, der ihm in die Quere gerät!“ Barker hatte einen herzlichen und vertraulichen Umgang mit Douglas, und war zu dessen Frau nicht weniger freundschaftlich – eine Freundschaft, die mehr als einmal bei ihrem Gatten eine gewisse Verärgerung hervorrief, so dass sogar die Dienstboten seine Verstimmung bemerkten. Das war also die dritte Person, die zum Zeitpunkt der Katastrophe zur Familie gehörte.
Was die sonstigen Bewohner des alten Gemäuers angeht, so genügt es aus dem großen Hauspersonal den förmlichen, achtbaren und tüchtigen Ames zu erwähnen, und Mrs. Allen, eine dralle und fröhliche Person, die der Dame des Hauses einige ihrer häuslichen Pflichten abnahm. Die anderen sechs Dienstboten im Haus sind für die Ereignisse in der Nacht des sechsten Januars ohne Belang.
Es war Viertel vor zwölf als der erste Alarm die kleine örtliche Polizeiwache erreichte, die Sergeant Wilson vom Sussex-Polizeibezirk anvertraut war. Cecil Barker war höchst aufgeregt zur Tür gestürzt und hatte wie wild die Glocke geläutet. Eine schreckliche Tragödie habe sich im Herrenhaus ereignet und John Douglas sei ermordet worden. Das war die Kernaussage seiner atemlos übermittelten Botschaft. Dann eilte er zum Herrenhaus zurück. Wenige Minuten später folgte ihm der Polizeisergeant, der am Tatort kurz nach Mitternacht eintraf, nachdem er unverzüglich Schritte unternommen hatte, die Behörden der Grafschaft zu benachrichtigen, dass etwa Ernstes im Gange war.
Als der Sergeant das Herrenhaus erreichte, fand er die Zugbrücke heruntergelassen vor, die Fenster hell erleuchtet und das ganze Haus im Zustand wilden Durcheinanders und Aufruhrs. In der Empfangshalle drängten sich die bleichgesichtigen Diener und an der Tür stand händeringend der erschrockene Butler. Nur Cecil Barker schien sich selbst und seine Gefühle unter Kontrolle zu haben; er hatte die Tür, die nächst dem Eingang lag, geöffnet und dem Sergeant ein Zeichen gegeben ihm zu folgen. In diesem Augenblick traf Dr. Wood ein, ein forscher und tüchtiger Arzt aus dem Dorf. Die drei Männer betraten zusammen den Raum des Todes, während der vom Entsetzen gepackte Butler ihnen auf den Fersen folgte und die Tür hinter sich schloss, um den Dienstmädchen den grausigen Anblick zu ersparen.
Der Tote lag mit ausgestreckten Gliedmaßen in mitten des Raums auf dem Rücken. Er war nur mit einem rosa Schlafrock bekleidet, der sein Nachtgewand verdeckte. An seinen nackten Füßen steckten Filzpantoffel. Der Arzt kniete sich an seiner Seite nieder und hielt die Lampe, die auf dem Tisch gestanden hatte, über ihn. Ein Blick auf das Opfer genügte, um dem Heilkundigen zu zeigen, dass seine Anwesenheit überflüssig war. Der Tote wies schreckliche Verletzungen auf. Quer über seiner Brust lag eine merkwürdige Waffe, eine Schrotflinte, deren Lauf etwa dreißig Zentimeter vor den Abzügen abgesägt worden war. Es war klar, dass die Waffe aus nächster Nähe abgefeuert worden war, und Douglas die ganze Schrotladung ins Gesicht bekommen hatte, was seinen Schädel fast zerschmettert hatte. Die Abzüge waren mit einem Draht zusammengebunden, damit die gleichzeitige Entladung eine noch verheerendere Wirkung erzielen konnte.
Der Dorfpolizist war entnervt und angesichts der ungeheuren Verantwortung, die ihm so plötzlich aufgebürdet wurde, sichtlich verwirrt. „Wir dürfen nichts anrühren, bevor meine Vorgesetzten eingetroffen sind“, sagte er mit gedämpfter Stimme und starrte voller Grauen auf den entsetzlichen Schädel.
„Bis jetzt wurde nichts angefasst“, sagte Cecil Barker. „Dafür bürge ich. Sie sehen alles genauso, wie ich es vorgefunden habe.“
„Und wann war das?“ Der Sergeant zückte sein Notizheft.
„Es war kurz nach halb zwölf. Ich hatte mich noch nicht entkleidet und saß in meinem Schlafzimmer am Kamin, als ich den Knall hörte. Er war nicht sehr laut – er schien irgendwie gedämpft. Ich eilte hinunter – ich glaube es dauerte keine dreißig Sekunden bis ich im Zimmer war.“
„Stand die Tür offen?“
„Ja, sie war offen. Der arme Douglas lag dort, wie Sie ihn jetzt sehen. Seine Nachttischkerze brannte auf dem Tisch. Die Lampe habe ich einige Minuten später angezündet.“
„Haben Sie jemanden gesehen?“
„Nein. Ich hörte, wie Mrs. Douglas hinter mir die Treppe herabkam und eilte hinaus, um ihr den grausigen Anblick zu ersparen. Mrs. Allen, die Haushälterin, kam und nahm sie beiseite. Dann kam Ames und wir eilten noch einmal in das Zimmer.“
„Soviel ich gehört habe, ist die Zugbrücke die ganze Nacht über hochgezogen.“
„Das war sie auch, bis ich sie herunterließ.“
„Wie hätte ein Mörder dann entkommen können? Das ist unmöglich! Mr. Douglas muss sich selbst erschossen haben.“
„Das war auch mein erster Gedanke. Aber sehen Sie!“ Barker zog den Vorhang beiseite und zeigte auf ein großes Fenster mit Rautenscheiben, das weit offen stand. „Und sehen Sie hier!“ Er hielt die Lampe nach unten und beleuchtete einen Blutfleck auf der Fensterbank, der wie ein Schuhabdruck aussah. „Hier ist jemand beim Aussteigen hineingetreten.“
„Sie meinen, jemand watete durch den Graben?“
„Genau!“
„Wenn Sie innerhalb einer Minute nach dem Verbrechen im Zimmer waren, muss derjenige in genau dem Augenblick im Wasser gestanden haben.“
„Daran habe ich keinen Zweifel. Ich wünschte bei Gott, ich wäre zum Fenster gerannt. Aber der Vorhang verdeckt es, wie Sie sehen können, und deshalb kam ich nicht auf die Idee. Dann hörte ich die Schritte von Mrs. Douglas und ich konnte sie nicht ins Zimmer lassen. Es wäre für sie zu schrecklich gewesen.“
„Schrecklich, allerdings!“ sagte der Doktor und sah auf den zertrümmerten Schädel und die grausigen Spuren ringsum. „Ich habe seit dem Zugunglück von Birlstone keine solchen Verletzungen mehr gesehen.“
„Tja aber“, bemerkte der Polizeisergeant, dessen behäbiger bukolischer Verstand immer noch über das offene Fenster nachdachte. „Das ist alles schön und gut, wenn Sie sagen, dass der Mann durch den Graben entschwand, aber was ich Sie fragen will, ist, wie kam er überhaupt ins Haus, wenn die Zugbrücke hochgezogen war?“
„Ah, das ist die Frage“, sagte Barker.
„Um wie viel Uhr wurde sie hochgezogen?“
„Es war fast sechs Uhr“, sagte Ames der Butler.
„Ich habe gehört“, sagte der Sergeant, „dass sie normalerweise bei Sonnenuntergang hochgezogen wird. Zu dieser Jahreszeit wäre das eher halb fünf als sechs Uhr.“
„Mrs. Douglas hatte Gäste zum Tee“, sagte Ames. „Ich konnte sie erst hochziehen, als sie gegangen waren. Ich habe sie selbst hochgewunden.“
„Dann bleibt nur eines übrig“, sagte der Sergeant: „Wenn jemand von außen eindrang – ich sage wenn – dann muss er vor sechs Uhr über die Brücke gekommen sein und sich solange versteckt haben, bis Mr. Douglas in dieses Zimmer nach elf Uhr kam.“
„So ist es! Mr. Douglas hat jede Nacht noch einen Rundgang durch das Haus unternommen, um zu sehen, ob alle Lichter gelöscht waren, bevor er sich schlafen legte. Deshalb kam er hierher. Der Mann wartete auf ihn und schoss dann. Dann verschwand er durch das Fenster und ließ sein Gewehr zurück. So sehe ich die Sache, alles andere würde nicht zu den Tatsachen passen.“
Der Sergeant hob eine Karte auf, die neben dem Toten auf dem Boden lag. Darauf waren die Initialen V. V. und darunter die Zahl 341 mit Tinte hingekritzelt.
„Was ist denn das?“ fragte er und hielt die Karte hoch.
Barker besah sie sich neugierig. „Die habe ich zuvor nicht bemerkt“, sagte er. „Der Mörder muss sie zurückgelassen haben.“
„V. V. – 341. Das ergibt für mich keinen Sinn.“
Der Sergeant drehte die Karte zwischen seinen dicken Fingern hin und her. „Was bedeutet V. V.? Vielleicht jemandes Initialen. Was haben Sie da, Dr. Wood?“
Es war ein ziemlich großer Hammer, der auf dem Teppich vor dem Kamin gelegen hatte – ein robuster, handwerksmäßiger Hammer. Cecil Barker deutete auf eine Schachtel mit Messingkopfnägeln auf dem Kaminsims.
„Mr. Douglas hatte gestern die Bilder umgehängt“, sagte er. „Ich sah ihn, wie er auf einem Stuhl stand und das große Bild darüber befestigte. Das erklärt den Hammer.“
„Wir legen ihn am besten zurück auf den Teppich, wo wir ihn gefunden haben“, sagte der Sergeant, und kratzte sich in seiner Verwirrung den Kopf. „Da werden wir die besten Köpfe der Polizei brauchen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Das wird eine Aufgabe für London werden, damit etwas dabei herauskommt.“ Er hob die Handleuchte hoch und schlenderte damit durch das Zimmer. „Hallo!“ rief er aufgeregt und zog den Vorhang des Fensters zur Seite. „Um wie viel Uhr wurden diese Vorhänge zugezogen?“
„Als die Lampen entzündet wurden“, sagte der Butler. „Das dürfte kurz nach vier gewesen sein.“
„Jemand hat sich hier versteckt, das ist sicher.“ Er hielt die Lampe nach unten und die Spuren von schlammigen Stiefeln waren sehr deutlich in der Ecke zu sehen. „Ich muss zugeben, dass das Ihre Theorie bestätigt, Mr. Barker. Es sieht so aus, als wäre der Mann nach vier Uhr ins Haus gekommen, als die Vorhänge schon zugezogen waren und vor sechs Uhr, bevor die Brücke hochgezogen wurde. Er schlüpfte in dieses Zimmer, weil es das erste war, das er sah. Es gab keine anderen Versteckmöglichkeiten, deshalb ist er hinter den Vorhang gesprungen. Das scheint alles ziemlich klar zu sein. Wahrscheinlich hatte er einen Einbruch vor, aber Mr. Douglas hat ihn zufällig erwischt, weshalb er ihn umbrachte und dann floh.“
„So sieht es aus“, sagte Barker. „Aber hören Sie mal, verschwenden wir nicht kostbare Zeit? Wir könnten doch schon mal anfangen die Gegend abzusuchen, bevor sich der Kerl aus dem Staub macht?“
Der Sergeant dachte einen Augenblick lang nach.
„Vor sechs Uhr morgens gibt es keine Züge, also kann er nicht mit der Bahn entkommen. Und wenn er mit den klatschnassen Hosen die Straße nimmt, wird ihn über kurz oder lang jemand bemerken. Wie dem auch sei, ich kann hier nicht fort, solange ich nicht abgelöst werde. Aber ich denke, keiner von Ihnen sollte jetzt gehen, bevor wir nicht die Dinge klarer sehen.“
Der Arzt hatte die Lampe ergriffen und untersuchte inzwischen sorgfältig den Leichnam.
„Was ist denn das für ein Zeichen?“ fragte er. „Könnte das in Verbindung mit dem Verbrechen stehen?“
Der Arm des Toten ragte aus dem Schlafrock und war bis zum Ellbogen entblößt. Auf halber Höhe des Unterarms befand sich ein seltsames braunes Muster, ein Dreieck in einem Kreis, das sich deutlich von der schmalzfarbenen Haut abhob.
„Das ist nicht gestochen worden“, sagte der Doktor, und sah es durch seine Brille genauer an. „Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen. Der Mann wurde irgendwann einmal gebrandmarkt, wie man es bei Rindern macht. Was hat das für eine Bedeutung?“
„Ich kann nicht behaupten, die Bedeutung zu kennen“, sagte Cecil Barker, „aber ich habe dieses Zeichen an Douglas in den letzten zehn Jahren oftmals gesehen.“
„Und ich auch“, sagte der Butler. „Oft bemerkte ich dieses Zeichen, wenn der Herr seine Ärmel hochkrempelte. Ich habe mich immer gefragt, was das wohl zu bedeuten hat.“
„Dann hat das jedenfalls nichts mit dem Verbrechen zu tun“, sagte der Sergeant.
„Aber es ist auf jeden Fall seltsam. Alles an diesem Fall ist seltsam. Nun, was ist denn jetzt los?“
Der Butler hatte einen Schrei des Erstaunens ausgestoßen und zeigte auf die ausgestreckte Hand des Toten.
„Man hat ihm den Ehering abgenommen!“ stieß er hervor.
„Wie?“
„Ja tatsächlich. Der Herr trug den schlichten goldenen Ehering am kleinen Finger seiner linken Hand. Den Ring mit dem rohen Nugget trug er darüber und die gewundene Schlange am Mittelfinger. Der mit dem Nugget ist da und auch der mit der Schlange, nur der Ehering fehlt.“
„Er hat Recht“, sagte Barker.
„Wollen Sie mir sagen“, meinte der Sergeant, „dass er den Ehering unter dem anderen trug?“
„Ja, immer!“
„Dann hat der Mörder, oder wer auch immer, zuerst den Ring abgenommen, den Sie als den Nuggetring bezeichnen, dann den Ehering und danach den Nuggetring wieder auf den Finger gesteckt.“
„Genauso ist es!“
Der wackere Dorfpolizist schüttelte den Kopf. „Mir scheint, je eher wir London in den Fall einschalten, desto besser“, sagte er. „White Mason ist ein kluger Mann. Es hat hier noch keinen Fall gegeben, dem er nicht gewachsen war. Es wird nicht mehr lange dauern, bis er hier ist und uns hilft. Aber ich denke, bis wir da durch sind, müssen wir uns doch an London wenden. Wie dem auch sei, ich schäme mich nicht zuzugeben, dass die Sache für jemanden wie mich doch eine Nummer zu groß ist.“
KAPITEL 4 DUNKELHEIT
Um drei Uhr morgens kam der oberste Kriminalbeamte von Sussex, dem dringenden Ruf des Sergeanten Wilson von Birlstone gehorchend, vom Hauptquartier herkommend in einem leichten Einspänner hinter einem atemlosen Traber an. Mit dem Fünf-Uhr-Vierzig-Zug hatte er am Morgen eine Nachricht an Scotland Yard gesandt, und um zwölf Uhr stand er am Bahnsteig von Birlstone, um uns zu empfangen. White Mason war ein ruhiger, behäbig wirkender Mann, gekleidet mit einem lockeren Tweedanzug, hatte ein glattrasiertes gerötetes Gesicht, eine stämmige Figur und gewaltige, mit Gamaschen geschmückte Säbelbeine. Er glich einem Kleinbauern oder einem Wildhüter im Ruhestand oder allem anderen, außer einer sehr respektablen Sorte eines Provinzkriminalbeamten.
„Ein wirkliches Mordsding, Mr. MacDonald!“ wiederholte er unablässig. „Die Presseleute werden sich wie die Fliegen darauf stürzen, wenn sie davon erfahren. Ich hoffe, wir können unsere Arbeit beenden bevor sie ihre Nasen in alles stecken und die Spuren verwischen. So etwas hat es noch nicht gegeben, jedenfalls nicht solange ich denken kann. Ich müsste mich sehr irren, wenn Ihnen, Mr. Holmes, das eine oder andere nicht zu schaffen machen wird. Und Ihnen genauso, Dr. Watson, denn die Ärzte werden noch ein Wörtchen mitzureden haben, bevor wir fertig sind. Sie wohnen im Westville Arms. Einen anderen Gasthof gibt es hier nicht, aber wie ich hörte, soll er sauber und gut sein. Der Mann da trägt Ihr Gepäck. Hier entlang bitte, meine Herren.“
Dieser Sussex-Kriminalbeamte war eine quirlige und leutselige Person. In zehn Minuten hatten wir uns einquartiert. Nach weiteren zehn Minuten saßen wir in der guten Stube des Gasthauses, wo man uns in raschen Zügen jene Ereignisse vorbrachte, die ich im vorherigen Kapitel beschrieben hatte. MacDonald machte sich hin und wieder Notizen, während Holmes versunken mit dem Ausdruck der Überraschung und ehrfürchtigen Bewunderung dasaß, mit der ein Botaniker eine seltene und kostbare Blume betrachtet.
„Bemerkenswert!“ sagte er, als der Bericht zu Ende war, „Höchst bemerkenswert. Ich kann mich kaum an einen Fall erinnern, dessen Merkmale eigenartiger waren.“
„Ich dachte mir, dass Sie das sagen würden, Mr. Holmes“, sagte White Mason hocherfreut. „Wir gehen hier in Sussex durchaus mit der Zeit. Ich hatte Ihnen gesagt, wie die Dinge bis zu dem Zeitpunkt stehen, als ich zwischen drei und vier Uhr morgens den Fall von Sergeant Wilson übernahm. Ich habe die alte Mähre ganz schön angetrieben, das kann ich Ihnen sagen. Aber ich hätte mich gar nicht so beeilen müssen, denn es gab nichts, was ich sofort hätte tun können. Sergeant Wilson hatte alle Fakten aufgenommen. Ich prüfte sie, dachte darüber nach und fügte noch ein paar eigene hinzu.“
„Welche da wären?“ fragte Holmes eifrig.
„Nun, zuerst untersuchte ich den Hammer. Dr. Wood half mir dabei. Wir fanden daran keinerlei Spuren von Gewalt. Ich hatte gehofft, dass Mr. Douglas sich mit dem Hammer verteidigt hätte, und vielleicht dem Mörder eine verpasste, bevor der Hammer auf den Teppich fiel. Aber es gab nicht einen Fleck.“
„Das beweist natürlich noch gar nichts“, bemerkte Inspektor MacDonald. „Es gab schon etliche Hammermorde ohne eine Spur auf dem Hammer.“
„Das stimmt. Es beweist nicht, dass er nicht benutzt wurde. Aber es hätten ja Flecken darauf sein können, die uns weiterhelfen würden. Tatsache ist jedoch, dass es keine gibt. Dann untersuchte ich die Flinte. Es waren Patronen mit grobem Schrot, und wie Sergeant Wilson hervorhob, waren die Abzüge mit Draht zusammengebunden, so dass, wenn einer am hinteren zieht, beide Läufe entladen werden. Wer immer sich das ausgedacht hat, der wollte auf keinen Fall riskieren den Mann zu verfehlen. Die abgesägte Flinte war nicht mehr als zwei Fuß lang – jemand konnte sie leicht unter einem Mantel verstecken. Auf der Flinte fand sich nicht der vollständige Name des Büchsenmachers, nur die Buchstaben P-E-N waren in der Rille zwischen den Läufen eingeprägt, während der Rest des Namens der Säge zum Opfer gefallen war.“
„Ein großes P mit einem Schnörkel darüber, E und N kleiner?“ fragte Holmes.
„Genau.“
„Pennsylvania Small Arms Company – eine sehr bekannte amerikanische Firma“, sagte Holmes.
White Mason starrte meinen Freund an, wie ein kleiner Dorfarzt den Spezialisten aus der Harley Street anschaut, der mit einem Wort alle Schwierigkeiten lösen kann, die ihn verwirren.
„Das ist sehr hilfreich, Mr. Holmes. Sie haben zweifellos Recht. Wunderbar! Wunderbar! Tragen Sie alle Namen von Büchsenmachern aus der ganzen Welt in Ihrem Gedächtnis herum?“
Holmes tat das Thema mit einer Handbewegung ab.
„Ohne Zweifel ist es eine amerikanische Flinte“, fuhr White Mason fort. „Ich glaube mal gelesen zu haben, dass die abgesägten Schrotflinten in einigen Teilen Amerikas als Waffe benutzt werden. Abgesehen von dem Namen auf dem Lauf kam mir diese Idee. Es gibt somit einige Hinweise, dass dieser Mann, der das Haus betrat und dessen Hausherrn tötete, ein Amerikaner war.“
MacDonald schüttelte den Kopf. „Guter Mann, jetzt mal langsam, Sie sind viel zu voreilig“, sagte er. „Ich habe nicht den geringsten Hinweis, dass irgendein Fremder überhaupt in diesem Haus war.“
„Das offene Fenster, das Blut auf der Fensterbank, die seltsame Karte, die Spuren von Stiefeln in der Ecke, die Flinte!“
„Nichts, was man nicht hätte arrangieren können. Mr. Douglas war Amerikaner oder hatte zumindest lange in Amerika gelebt. Genauso Mr. Barker. Man muss keinen Amerikaner von außen einführen, um Amerikanisches zu erklären.“
„Ames, der Butler…“
„Was ist mit ihm? Ist er zuverlässig?“
„Zehn Jahre bei Sir Charles Chandos – so solide wie ein Fels. Er war bei Douglas, seit dieser vor fünf Jahren das Herrenhaus übernommen hatte. Er hat im Haus noch nie ein derartiges Gewehr gesehen.“
„Die Flinte war zum Verstecken gemacht. Deshalb waren die Läufe abgesägt. Sie würde in jede Kiste passen. Wie kann er beschwören, dass ein derartiges Gewehr nicht im Hause war?“
„Nun ja, jedenfalls hatte er keines je gesehen.“
MacDonald schüttelte seinen sturen schottischen Schädel. „Ich bin noch nicht überzeugt, dass hier überhaupt jemand im Haus war“, sagte er. „Ich bitte Sie“, (sein Aberdeen-Akzent wurde deutlicher, als er sich in seinen Folgerungen verlor), „ich bitte Sie doch einmal zu überlegen, was daraus folgt, wenn Sie davon ausgehen, dass dieses Gewehr von außen ins Haus gebracht wurde, und dass alle diese seltsamen Dinge von einer Person von außerhalb bewerkstelligt wurden. Oh, Mann, das ist unbegreiflich! Das ist glatt gegen den gesunden Menschenverstand! Ich überlasse es Ihnen, Mr. Holmes, das bisher Gehörte zu beurteilen.“
„Nun, tragen Sie Ihren Fall vor, Mr. Mac“, sagte Holmes in höchst richterlicher Art.
„Der Mann ist kein Einbrecher, vorausgesetzt, er existiert überhaupt. Die Geschichte mit dem Ring und der Karte weisen auf einen vorsätzlichen Mord aus persönlichen Gründen hin. Sehr gut. Hier ist ein Mann, der in ein Haus mit der wohlüberlegten Absicht schleicht, einen Mord zu begehen. Er weiß, wenn er überhaupt etwas weiß, dass er bei einer Flucht Schwierigkeiten haben wird, weil das Haus vom Wasser umgeben ist. Welche Waffe würde er wählen? Man würde sagen die leiseste auf der Welt. Dann könnte er hoffen, wenn die Tat vollbracht ist, schnell aus dem Fenster zu schlüpfen, durch den Graben zu waten und sich leise davonmachen zu können. Das ist verständlich. Doch ist es zu begreifen, dass er so verrückt ist, die lauteste Waffe, die er finden konnte, mitzubringen, wohl wissend, dass diese jedes menschliche Wesen im Haus sofort auf den Plan brächte, und dass er höchstwahrscheinlich gesehen würde, bevor er sich durch den Graben davonmacht? Ist das glaubwürdig, Mr. Holmes?“
„Nun, Sie haben den Fall überzeugend dargestellt“, erwiderte mein Freund nachdenklich. „Die Sache bedarf einer ganzen Menge an Berichtigungen. Darf ich fragen, Mr. White Mason, ob Sie die andere Seite des Grabens auf irgendwelche Spuren untersucht haben, die darauf hindeuten, dass der Mann aus dem Wasser kletterte?“
„Da gab es keine Hinweise, Mr. Holmes. Aber da es eine Steinkante ist, wird man kaum etwas finden können.“
„Keine Spuren oder Abdrücke?“
„Nichts.“
„Ha! Würde es Ihnen etwas ausmachen, Mr. White Mason, wenn wir sofort zu dem Haus gingen? Vielleicht gibt es ein paar Kleinigkeiten, die anregend sein könnten.“
„Das wollte ich gerade vorschlagen, Mr. Holmes, aber ich dachte es wäre besser Sie zuvor mit den ganzen Details vertraut zu machen. Ich nehme an, wenn Ihnen etwas auffällt…“ White Mason sah den Amateur voller Zweifel an.
„Ich habe zuvor schon mit Mr. Holmes gearbeitet“, sagte Inspektor MacDonald. „Er hält sich an die Spielregeln.“
„Zumindest an meine Vorstellung von Spielregeln“, sagte Holmes mit einem Lächeln. „Ich nehme mich eines Falles an, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun und die Arbeit der Polizei zu unterstützen. Wenn ich mich jemals von den amtlichen Institutionen trennte, so deshalb, weil sie sich zuerst von mir getrennt hatten. Ich wünsche keinesfalls auf deren Kosten Ergebnisse zu erzielen. Gleichzeitig nehme ich jedoch das Recht in Anspruch, Mr. White Mason, auf meine Art zu arbeiten und die Resultate zu angebrachter Zeit – lieber vollständig als in Etappen – vorzulegen.“
„Ich bin sicher, Ihre Anwesenheit gereicht uns zur Ehre und Ihnen alles zu zeigen, was wir wissen, natürlich auch“, sagte White Mason herzlich. „Kommen Sie, Dr. Watson, und wenn die Zeit gekommen ist, werden wir hoffentlich alle einen Platz in Ihrem Buch finden.“
Wir spazierten die malerische Dorfstraße hinunter, die gesäumt war von gestutzten Ulmen zu beiden Seiten. Just dahinter standen zwei alte Steinsäulen, verwittert und von Flechten bedeckt, die oben auf ihren Spitzen etwas Formloses trugen, das einstmals der aufgerichtete Löwe des Caputs von Birlstone war. Ein kurzer Spaziergang entlang der gewundenen Auffahrt mit Rasen und Eichen von der Art, wie man sie nur im ländlichen England findet, dann eine plötzliche Biegung und das langgestreckte, niedrige jakobinische Haus aus düsteren, leberfarbenen Backsteinen lag vor uns, mit einem altmodischen Garten und gestutzten Eiben zu beiden Seiten. Als wir näherkamen, sahen wir die hölzerne Zugbrücke und den wunderschönen breiten Graben, der still und glänzend wie Quecksilber im Schein der kalten Wintersonne lag.
Drei Jahrhunderte waren an diesem alten Herrenhaus vorübergezogen, Jahrhunderte der Geburt und des Heimgangs, alter bäuerlicher Tänze und Auftakten zu Fuchsjagden. Sonderbar, dass nun im hohen Alter diese dunkle Begebenheit ihre Schatten auf diese ehrenwerten Mauern werfen sollte! Und doch waren diese seltsamen, spitzen Dächer und malerisch überhängenden Giebel ein passender Rahmen für finstere und schreckliche Machenschaften. Als ich auf die tiefliegenden Fenster und die langgestreckte Windung der dunklen wasserbeleckten Front sah, schien es mir, als könnte es keine passendere Kulisse für solch eine Tragödie geben.
„Das ist das Fenster“, sagte White Mason, „das dort unmittelbar rechts neben der Zugbrücke. Es steht noch genauso offen, wie wir es letzte Nacht vorgefunden haben.“
„Es sieht ziemlich schmal aus, um hindurch schlüpfen zu können.“
„Nun, es war auf jeden Fall kein dicker Mann. Wir brauchen Ihre Deduktionen nicht, Mr. Holmes, um das zu wissen. Aber Sie oder ich könnten uns durchaus hindurch quetschen.“
Holmes ging zum Rand des Grabens und blickte hinüber. Dann untersuchte er die Steinkante und den Grasstreifen dahinter.
„Ich habe mich gründlich umgesehen, Mr. Holmes“, sagte White Mason. „Da gibt es nichts, keine Anzeichen, dass jemand hier an Land gegangen ist – und wieso sollte jemand Spuren hinterlassen?“
„Richtig. Wieso sollte er? Ist das Wasser immer trübe?“
„Meistens wie jetzt. Der Bach trägt den Schlamm mit sich.“
„Wie tief ist es denn?“
„Ungefähr zwei Fuß auf jeder Seite und drei in der Mitte.“
„Also können wir ausschließen, dass der Mann während der Durchquerung ertrunken ist.“
„Darin könnte nicht einmal ein Kind ertrinken.“
Wir gingen über die Zugbrücke und wurden von einer altmodischen, knorrigen, vertrockneten Person eingelassen, die Ames der Butler war. Der arme alte Knabe war weiß und zitterte von dem Schock. Der Dorfpolizist, ein hochgewachsener, förmlicher, schwermütiger Mann hielt noch immer Wache im Todeszimmer. Der Doktor war bereits gegangen.
„Irgendwas Neues, Sergeant Wilson?“ fragte White Mason.
„Nein, Sir.“
„Dann können Sie nach Hause gehen. Für heute reicht es. Wenn wir Sie brauchen, schicken wir nach Ihnen. Der Butler wartet besser draußen. Sagen Sie ihm, er soll Mr. Cecil Barker, Mrs. Douglas und die Haushälterin verständigen, dass wir sogleich ein paar Worte mit Ihnen reden wollen. Und nun, meine Herren, gestatten Sie mir zunächst meine Sicht der Dinge darzustellen, und dann können Sie sich Ihre eigene Ansicht bilden.“
Er beeindruckte mich, dieser Spezialist vom Lande. Er hatte die Tatsachen fest im Griff und einen kühlen, klaren nüchternen Verstand, mit dem er es in seinem Beruf noch weit bringen sollte. Holmes hörte ihm aufmerksam zu, ohne Anzeichen der Ungeduld, die Vertreter der Beamtenschaft so oft bei ihm hervorriefen.
„Ist es Selbsttötung oder Mord - das ist unsere erste Frage, meine Herren, nicht wahr? Wäre es Selbsttötung, dann müssten wir davon ausgehen, dass dieser Mann seinen Ehering abnahm und versteckte; dass er dann in seinem Schlafrock nach unten ging, Schlamm in einer Ecke hinter dem Vorhang zertrampelte, um glauben machen zu können, dass jemand auf ihn wartete, das Fenster öffnete und Blut auf das…“
„Das können wir mit Sicherheit ausschließen“, sagte MacDonald.
„Das denke ich auch. Selbsttötung kommt nicht in Frage. Dann wurde ein Mord begangen. Was wir zu ermitteln haben, ist, ob es jemand von außerhalb oder vom Haus war.“
„Nun, dann lassen Sie uns Ihre Beweisführung hören.“
„Bei beiden Möglichkeiten gibt es beträchtliche Schwierigkeiten, und dennoch muss es die eine oder andere sein. Nehmen wir zunächst einmal an, dass eine Person oder Personen die zum Haus gehören, das Verbrechen begingen. Sie holten den Mann hier herunter zu einer Zeit, in der alles still war, aber noch keiner schlief. Dann begingen sie die Tat mit der merkwürdigsten und lautesten Waffe auf der Welt, damit jeder wusste, was passiert war – einer Waffe, die noch nie zuvor im Hause gesehen ward. Das erscheint für den Anfang doch nicht sehr sinnvoll, oder?“
„Allerdings nicht.“
„Nun, wir sind uns einig, dass nach dem Alarm höchstens eine Minute verstrichen war, bis das ganze Haus - nicht nur Mr. Cecil Barker, obwohl er behauptet der Erste gewesen zu sein - sondern Ames und alle anderen zur Stelle waren. Wollen Sie behaupten, dass es der Täter in dieser Zeit geschafft hat die Fußspuren in der Ecke zu fabrizieren, das Fenster zu öffnen, die Fensterbank mit Blut zu bestreichen, den Ehering vom Finger des Toten zu ziehen und was sonst noch alles? Unmöglich!“
„Sie haben das sehr deutlich dargestellt“, sagte Holmes. „Ich bin geneigt, Ihnen zuzustimmen.“
„Schön, dann kehren wir zu der Theorie zurück, dass jemand von außerhalb die Tat beging. Wir stehen zwar immer noch großen Schwierigkeiten gegenüber, aber es sind immerhin keine Unmöglichkeiten mehr. Der Mann kam zwischen halb fünf und sechs Uhr ins Haus; das bedeutet zwischen Dämmerung und der Zeit, in der die Brücke hochgezogen wird. Es gab ein paar Gäste, und die Tür war geöffnet; also konnte ihn nichts abhalten. Er mag ein gewöhnlicher Einbrecher gewesen sein, oder er hegte einen persönlichen Groll gegenüber Mr. Douglas. Da Mr. Douglas den größten Teil seines Lebens in Amerika verbracht hatte, und diese Schrotflinte eine amerikanische Waffe zu sein scheint, liegt die Theorie eines persönlichen Grolls nahe. Er schlüpfte in diesen Raum, weil das der erste war, an dem er vorbeikam und versteckte sich hinter dem Vorhang. Dort blieb er bis nach elf Uhr nachts. Zu dieser Zeit betrat Mr. Douglas den Raum. Es war ein kurzes Gespräch, wenn überhaupt eines stattfand, denn Mrs. Douglas hatte ausgesagt, dass ihr Gatte sie erst wenige Minuten zuvor verlassen hatte, als sie den Schuss hörte.“
„Die Kerze weist darauf hin“, sagte Holmes.
„Richtig. Die Kerze war neu und noch nicht einmal einen halben Zoll niedergebrannt. Er musste sie auf dem Tisch abgestellt haben, bevor er angegriffen wurde, ansonsten wäre sie mit ihm zu Boden gefallen. Das zeigt, dass er nicht in dem Moment angegriffen wurde, in dem er den Raum betreten hatte. Als Mr. Barker eintraf brannte die Kerze und die Lampe war gelöscht.“
„Das ist alles durchaus klar.“
„Schön, dann können wir anhand dieser Reihenfolge die Geschichte rekonstruieren. Mr. Douglas betritt das Zimmer. Er stellt die Kerze ab. Ein Mann erscheint hinter dem Vorhang. Er ist mit dieser Flinte bewaffnet. Er verlangt den Ehering – der Himmel weiß warum, aber so muss es gewesen sein. Mr. Douglas gab ihn heraus. Dann erschoss er ihn, entweder kaltblütig oder im Verlauf eines Kampfes – vielleicht hatte Douglas den Hammer ergriffen, den man auf dem Teppich fand – auf diese grausame Weise. Er ließ die Flinte fallen und wie es scheint auch diese seltsame Karte – V. V. 341 – was immer das zu bedeuten hat, und macht sich durch das Fenster und durch den Graben aus dem Staub, in dem Augenblick, in dem Cecil Barker das Verbrechen entdeckte. Was meinen Sie, Mr. Holmes?“
„Sehr interessant, aber nicht wirklich überzeugend.“
„Menschenskind, das wäre absoluter Unsinn, wenn alles andere nicht noch schlimmer wäre!“ rief MacDonald. „Jemand hat den Mann getötet und wer immer es getan hat, ich könnte klar beweisen, dass er es auf andere Weise hätte tun können. Was hat es zu bedeuten, dass er sich freiwillig den Rückzug derartig abgeschnitten hat? Was hat es zu bedeuten, dass er eine Schrotflinte benutzte, wenn Stille seine einzige Chance zu entkommen war? Kommen Sie, Mr. Holmes, jetzt sind Sie dran uns einen Ausweg zu zeigen, denn Sie sagten, dass Mr. White Masons Theorie nicht überzeugend war.“
Holmes hatte während dieser langen Diskussion aufmerksam gespannt dagesessen, kein Wort dessen, was gesagt wurde, war ihm entgangen, seine scharfen Augen schossen nach links und rechts und seine Stirn war vom Nachgrübeln gerunzelt.
„Ich hätte gern ein paar Fakten mehr, bevor ich zu einer Theorie gelange, Mr. Mac“, sagte er und kniete sich neben den Toten. „Du lieber Himmel! Diese Verletzungen sind wirklich entsetzlich. Kann der Butler für einen Moment hereinkommen? … Ames, ich hörte, dass Sie dieses sehr ungewöhnliche Mal – ein eingebranntes Dreieck in einem Kreis – oftmals auf dem Unterarm von Mr. Douglas beobachten konnten?“
„Häufig, Sir.“
„Haben Sie nie darüber nachgedacht, was das zu bedeuten hatte?“
„Nein, Sir.“
„Es muss sehr schmerzhaft gewesen sein, dieses Mal anzubringen. Zweifellos wurde es eingebrannt. Nun, ich stelle fest, Ames, dass am Kieferwinkel von Mr. Douglas ein kleines Pflaster klebt. Hatten Sie das bemerkt, als er noch am Leben war?“
„Ja, Sir, er hatte sich gestern Morgen beim Rasieren geschnitten.“
„Wissen Sie, ob er sich schon früher mal beim Rasieren geschnitten hat?“
„Schon sehr lange nicht mehr, Sir.“
„Das gibt zu denken!“ sagte Holmes. „Es kann natürlich ein purer Zufall sein oder auf eine gewisse Nervosität hinweisen, die zeigt, dass er Grund hatte Gefahr zu fürchten. Konnten Sie gestern an seinem Verhalten etwas Ungewöhnliches entdecken, Ames?“
„Mir fiel auf, dass er etwas unruhig und aufgeregt war, Sir.“
„Ha! Der Angriff dürfte also nicht vollkommen unerwartet gewesen sein. Wir scheinen einen leichten Fortschritt erzielt zu haben, nicht wahr? Vielleicht möchten Sie lieber die Befragung fortführen, Mr. Mac?“
„Nein, Mr. Holmes, bei Ihnen ist sie in besseren Händen.“
„Nun, dann wollen wir uns dieser Karte zuwenden – V.V. 341. Sie ist aus grober Pappe. Haben Sie derartiges im Haus?“
„Ich denke nicht.“
Holmes ging hinüber zum Schreibtisch und tupfte ein wenig Tinte aus jedem Tintenfass auf das Löschpapier. „Sie wurde nicht in diesem Zimmer beschrieben“, sagte er; „diese hier ist schwarze Tinte und die andere leicht purpurfarben. Außerdem wurde mit einer breiten Feder geschrieben und diese hier ist fein. Nein, die wurde woanders beschrieben, würde ich sagen. Können Sie etwas aus der Aufschrift schließen, Ames?“
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