Kitabı oku: «Sherlock Holmes: Das Zeichen der Vier»
ARTHUR CONAN DOYLE
Das Zeichen
der Vier
Aus dem Englischen neu übersetzt von Dr. Hannelore Eisenhofer
Mit Illustrationen von Richard Gutschmidt

Übersetzung nach der Ausgabe
»The Complete Sherlock Holmes Long Stories«,
erschienen in einem Band 1929
© 2014 Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,
Hamburg
Alle Rechte, auch das der fotomechanischen Wiedergabe
(einschließlich Fotokopie) oder der Speicherung auf
elektronischen Systemen, vorbehalten.
All rights reserved.
Titelabbildung: Anja Kaiser – Fotolia.com
Umschlag: Timon Schlichenmaier, Hamburg
E-Book Erstellung: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH
ISBN: 978-3-86820-959-4
www.nikol-verlag.de
KAPITEL I DIE WISSENSCHAFT DER DEDUKTION

Sherlock Holmes nahm sein Fläschchen von der Ecke des Kaminsimses und seine Injektionsspritze aus dem hübschen Saffianlederetui. Seine langen weißen nervösen Finger richteten die empfindliche Nadel gerade und er rollte seinen linken Hemdsärmel zurück. Einige Sekunden ruhte sein Blick nachdenklich auf seinem sehnigen Unterarm und dem Handgelenk, die beide über und über mit zahlreichen Einstichen und Narben übersät waren. Schließlich stieß er die Nadelspitze hinein, drückte den winzigen Kolben und sank mit einem langen Seufzer der Zufriedenheit in seinen samtgepolsterten Lehnstuhl zurück.
Seit vielen Monaten hatte ich zwar drei Mal am Tag diesen Vorgang mit angesehen, aber daran gewöhnen konnte ich mich nicht. Im Gegenteil, von Tag zu Tag wurde ich bei dem Anblick immer gereizter, und des Nachts schlug mir bei dem Gedanken daran immer mehr das Gewissen, weil ich nicht den Mut aufgebracht hatte, dagegen zu protestieren. Immer wieder hatte ich mir geschworen mich diesem Thema zu widmen, aber durch die kühle, lässige Art meines Gefährten war er der letzte Mann, dem gegenüber man sich eine solche Freiheit herauszunehmen getraut hätte. Seine großartigen Fähigkeiten, seine meisterliche Art und die Erfahrung seiner vielen außergewöhnlichen Qualitäten erlegten mir Zurückhaltung auf und ließen mich davor zurückschrecken, ihm Vorhaltungen zu machen.
Doch diesen Nachmittag, sei es der Burgunder, den ich zum Mittagessen zu mir genommen hatte oder die zusätzliche Erbitterung, die durch die extreme Zurschaustellung seiner Handlung hervorgerufen wurde, fühlte ich plötzlich, dass ich mich nicht länger zurückhalten konnte.
„Was ist denn es diesmal?“ fragte ich, „Morphium oder Kokain?“
Er hob gelangweilt den Blick von dem alten Band mit Frakturschrift, den er gerade aufgeschlagen hatte. „Kokain“, sagte er, „eine siebenprozentige Lösung. Möchten Sie es probieren?“
„Nein danke“, antwortete ich schroff. „Meine Konstitution hat sich noch nicht von dem Afghanistanfeldzug erholt. Ich kann es mir nicht erlauben, mir zusätzliche Belastungen aufzubürden.“
Er lächelte über meine Heftigkeit. „Vielleich haben Sie Recht, Watson“, sagte er. „Ich nehme an, dass die Auswirkungen auf den Körper schlecht sind, ich finde jedoch, dass es metaphysisch stimulierend und befreiend für den Geist ist, so dass die sekundären Wirkungen nebensächlich sind.“
„Aber denken Sie doch einmal nach!“ sagte ich ernsthaft. „Bedenken Sie die Kosten! Ihr Gehirn mag, wie Sie sagen, dadurch wach und angeregt werden, aber es ist ein pathologischer und morbider Prozess, der eine Gewebeveränderung verursacht und am Schluss eine dauerhafte Schwäche. Sie wissen auch, welch dunkle Gegenwirkung dadurch über Sie kommt. Warum sollten Sie, nur für ein vorübergehendes Vergnügen, Ihre großartigen Fähigkeiten aufs Spiel setzen, mit denen Sie begnadet sind? Bedenken Sie, dass ich nicht nur als ein Freund zu Ihnen spreche, sondern als ein Mann der medizinischen Wissenschaft, der sich für Ihre Konstitution bis zu einem gewissen Grad verantwortlich fühlt.“
Er schien nicht gekränkt zu sein. Im Gegenteil, er legte die Fingerspitzen aneinander und die Ellbogen auf die Lehnen seines Stuhls, wie jemand, der sich an einer Unterhaltung erfreut.
„Mein Geist“, sagte er, „lehnt sich gegen Stagnation auf. Geben Sie mir Probleme, Arbeit, geben Sie mir das abstruseste Kryptogramm oder die intrikateste Analyse und ich werde in meinem Element sein. Ich kann dann auf diese künstlichen Stimulanzien verzichten. Aber ich verabscheue die stumpfsinnige Routine des Daseins. Ich sehne mich nach geistiger Erhebung. Deshalb habe ich auch diesen ganz speziellen Beruf gewählt, oder besser gesagt ihn erschaffen, denn ich bin der Einzige auf der Welt.“
„Der einzige inoffizielle Detektiv?“ sagte ich und zog die Brauen hoch.
„Der einzige inoffizielle beratende Detektiv“, antwortete er. „Ich bin die letzte und höchste Instanz der Aufdeckung. Wenn Gregson oder Lestrade oder Athelney Jones an ihre Grenzen gestoßen sind, was bei denen der Normalfall ist – dann wird mir die Angelegenheit vorgetragen. Ich prüfe die Daten als ein Experte und gebe die Ansicht eines Spezialisten wieder. Ich erwarte keine Lorbeeren. Mein Name erscheint in keiner Zeitung. Die Arbeit selbst, das Vergnügen ein Betätigungsfeld für meine besonderen Fähigkeiten zu finden, das ist meine höchste Belohnung. Sie haben doch selbst in dem Jefferson Hope Fall einige meiner Methoden kennengelernt.“
„Ja, wahrhaftig“, sagte ich aufrichtig. „Nichts in meinem Leben hat mich bisher so sehr beeindruckt. Ich habe diesen Fall sogar in einer kleinen Schrift mit dem etwas phantastischen Titel ‚Eine Studie in Scharlachrot‘ beschrieben.“
Er schüttelte traurig den Kopf. „Ich habe einen Blick darauf geworfen“, sagte er. „Ehrlich gesagt, kann ich Sie dazu nicht beglückwünschen. Aufklärung ist, oder sollte eine exakte Wissenschaft sein, und sollte in der gleichen sachlichen und nüchternen Art behandelt werden. Sie haben versucht, dem Ganzen einen Hauch Romantik zu verleihen, was die gleiche Wirkung hat, wie eine Liebesgeschichte oder ein Ausreißen, um heimlich zu heiraten, in den fünften Lehrsatz von Euklid einzubauen.“
„Aber die Romanze war da“, protestierte ich. „Ich konnte die Fakten schließlich nicht verfälschen.“
„Einige Fakten sollten ausgelassen oder zumindest sollte bei ihrer Abhandlung ein gesundes Maß an Verhältnismäßigkeit eingehalten werden. Der einzige Punkt in dem Fall, der Erwähnung verdient, war die ungewöhnliche analytische Schlussfolgerung, die von der Wirkung zur Ursache führte, wodurch ich den Fall aufklären konnte.“
Seine Kritik an meiner Arbeit, die ich vor allem ihm zu Ehren verfasst hatte, verdross mich. Ich gebe zu, dass mich auch die Selbstgefälligkeit, mit der er forderte, dass jede Zeile meines Pamphlets seinem speziellen Handeln zu widmen sei, verstimmte. Mehr als einmal hatte ich in den Jahren, in denen ich mit ihm in der Baker Street wohnte, bemerkt, dass der ruhigen und belehrenden Art meines Gefährten eine kleine Aufgeblasenheit zugrundelag. Ich erwiderte nichts, sondern setzte mich und pflegte mein verwundetes Bein. Ich war vor einiger Zeit von einer Kugel getroffen worden, und obwohl ich dadurch nicht beim Gehen behindert wurde, schmerzte das Bein fürchterlich bei jedem Wetterwechsel.
„Meine Verfahren haben sich kürzlich bis auf das Festland ausgeweitet“, sagte Holmes nach einer Weile und stopfte seine alte Pfeife aus Bruyère-Holz nach. „Letzte Woche konsultierte mich François Le Villard, der, wie Sie sicher wissen, erst vor kurzem in den französischen Kriminaldienst kam. Er besitzt die keltische Fähigkeit der schnellen Intuition, aber es fehlt ihm an der ganzen Bandbreite exakter Wissenschaft, die zur höheren Entwicklung dieser Kunst unabdingbar ist. Der Fall betraf ein Testament und wies einige interessante Züge auf. Ich konnte ihn auf zwei ähnliche Fälle verweisen, der eine von Riga aus dem Jahre 1857 und der andere von St. Louis von 1871, die ihn zu der richtigen Lösung des Falles führten. Hier ist der Brief, den ich heute Morgen als Zeichen seiner Anerkennung meiner Hilfe erhielt.“ Während er sprach, schob er mir ein zerknittertes Blatt ausländischen Briefpapiers zu. Ich überflog es, und stellte einen Überfluss an bewundernden Bemerkungen fest, wie „magnifique“, „coup-de-maître“ und „tours-de-force“, die alle die glühende Bewunderung des Franzosen bewiesen.
„Er spricht wie ein Schüler zu seinem Lehrer“, sagte ich.
„Oh, er bewertet meinen Beistand zu hoch“, sagte Sherlock Holmes leichthin. „Er verfügt selbst über ausgezeichnete Gaben. Er besitzt zwei der für einen idealen Detektiv erforderlichen drei Qualitäten. Er besitzt die Fähigkeit der Beobachtung und der Deduktion. Nur fehlt es ihm an Wissen; aber das wird mit der Zeit noch kommen. Er übersetzt gerade meine kleineren Arbeiten ins Französische.“
„Ihre Arbeiten?“
„Ach, das wussten Sie nicht?“ rief er lachend. „Ja, ich bin für mehrere Monographien verantwortlich. Sie handeln alle von technischen Themen. Hier zum Beispiel ist eine ‚Über die Unterscheidung zwischen der Asche verschiedener Tabaksorten‘. Darin zähle ich einhundertvierzig Arten von Zigarren-, Zigaretten- und Pfeifentabak auf, mit kolorierten Abbildungen der Unterschiede bei der Asche. Es ist ein Punkt, der ständig in Kriminalfällen auftaucht, mitunter von höchster Bedeutung als Anhaltspunkt. Wenn man beispielsweise definitiv sagen kann, dass ein Mord von einem Manne begangen wurde, der eine indische Lunkah-Zigarre rauchte, grenzt das den Suchbereich beträchtlich ein. Für das geschulte Auge besteht ein so großer Unterschied zwischen der schwarzen Asche einer Trichinopoly und den weißen Staubflocken einer Bird‘s Eye wie zwischen einem Kohlkopf und einer Kartoffel.“
„Sie haben ein außerordentliches Talent für Details“, bemerkte ich.
„Ich schätze deren Bedeutung. Hier ist meine Monographie über das Aufspüren von Fußabdrücken, mit einigen Bemerkungen zu der Verwendung von Gips zur Erhaltung der Abdrücke. Hier ist auch eine kleine kuriose Arbeit über den Einfluss eines Gewerbes auf Handformen, mit Lithographien der Hände von Dachdeckern, Seeleuten, Korkschnitzern, Buchdruckern, Webern und Diamantschleifern. Für einen wissenschaftlichen Detektiv ist das von großem praktischem Nutzen, vor allem in Fällen nicht identifizierter Leichen oder bei der Entdeckung der Vorfahren eines Verbrechers. Aber ich langweile Sie mit meinem Steckenpferd.“
„Nicht im geringsten“, antwortete ich ernsthaft. „Für mich ist das von größtem Interesse, insbesondere seit ich die Gelegenheit hatte Ihre praktische Anwendung zu beobachten. Sicherlich impliziert das eine bis zu einem gewissen Grad auch das andere.“
„Nun, kaum“, antwortete er und lehnte sich genüsslich in seinem Lehnstuhl zurück, wobei er dicke blaue Rauchschwaden aus seiner Pfeife aufsteigen ließ. „Meine Beobachtung zeigt mir beispielsweise, dass Sie heute Morgen zum Wigmore Street Postamt gingen, doch die Deduktion sagt mir, dass Sie dort ein Telegramm aufgaben.“
„Richtig!“ sagte ich. „Sie haben in beiden Punkten Recht! Aber ich gestehe, dass ich nicht weiß, wie Sie darauf gekommen sind. Es war eine plötzliche Eingebung meinerseits und ich hatte es niemandem gegenüber erwähnt.“
„Das ist ganz einfach“, bemerkte er und kicherte zu meiner Überraschung, „so lächerlich einfach, dass eine Erklärung überflüssig ist, aber dennoch die Grenzen zwischen Beobachtung und Deduktion aufzeigt. Die Beobachtung sagt mir, dass ein wenig rötlicher Lehm an Ihrem Rist haftet. Genau gegenüber dem Postamt in der Wigmore Street wurde das Pflaster entfernt und dabei etwas Erde angehäuft, die so gelegen ist, dass man kaum vermeiden kann, in sie hineinzutreten. Die Erde ist von besonderer rötlicher Tönung, die, soviel ich weiß, sonst nirgendwo in der Nähe zu finden ist. So viel zu meiner Beobachtung. Der Rest ist Deduktion.“
„Wie folgerten Sie daraus das Telegramm?“
„Nun, natürlich wusste ich, dass Sie keinen Brief geschrieben hatten, denn ich saß Ihnen den ganzen Morgen gegenüber. Ich sah außerdem in Ihrem offenen Schreibtisch, dass Sie einen Bogen Briefmarken und ein dickes Bündel Postkarten besitzen. Wieso sollten Sie zum Postamt gehen, wenn nicht wegen eines Telegramms? Schließt man alle anderen Faktoren aus, muss der übriggebliebene die Wahrheit sein.“
„In diesem Fall trifft das gewiss zu“, erwiderte ich nach kurzem Nachdenken. „Wie Sie schon sagten, ist der Fall sehr einfach. Würden Sie mich für unverschämt halten, wenn ich Ihre Theorien einem schwierigeren Test unterzöge?“
„Im Gegenteil“, antwortete er, „es würde mich davon abhalten eine zweite Dosis Kokain zu nehmen. Es wäre mir ein Vergnügen jedem Problem nachzugehen, das Sie mir bieten können.“
„Ich hatte Sie sagen hören, dass es für einen Mann schwierig sei einen Gegenstand täglich zu benutzen, ohne einen Abdruck seiner Persönlichkeit dergestalt darauf zu hinterlassen, dass ein geübter Betrachter ihn erkennen könne. Nun, hier habe ich eine Uhr, die vor kurzem in meinen Besitz kam. Hätten Sie die Güte mich Ihre Meinung hinsichtlich des Charakters oder der Gewohnheiten des vorherigen Besitzers wissen zu lassen?“

Ich übergab ihm die Uhr mit einem gewissen Gefühl der Belustigung, denn die Prüfung war, so dachte ich, unmöglich und ich beabsichtigte sie als eine Art Lehre gegen seinen etwas dogmatischen Ton, den er bisweilen annahm. Er wog die Uhr in seiner Hand, blickte scharf auf die Zeiger, öffnete die Rückseite und untersuchte, zuerst mit bloßem Auge, dann mit einer starken konvexen Linse, das Uhrwerk. Ich konnte kaum ein Lächeln bei seinem enttäuschten Gesicht unterdrücken, als er schließlich den Deckel zuschnappen ließ und sie mir zurückgab.
„Es gibt kaum irgendwelche Daten“, bemerkte er. „Die Uhr wurde vor kurzem gereinigt, was mich der meisten suggestiven Fakten beraubt.“
„Sie haben Recht“, antwortete ich. „Sie wurde gereinigt, bevor sie mir zugesandt wurde.“
Innerlich bezichtigte ich meinen Gefährten einer doch sehr lahmen und unfähigen Ausrede, die sein Versagen verschleiern sollte. Welche Daten könnte er aus einer ungereinigten Uhr ablesen?
„Wenngleich nicht zufriedenstellend, war meine Untersuchung doch nicht ganz fruchtlos“, bemerkte er, und starrte mit verträumten, glanzlosen Augen zur Decke. „Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre, aber ich würde sagen, dass die Uhr Ihrem älteren Bruder gehörte, der sie von Ihrem Vater erbte.“
„Und das lesen Sie zweifellos von den Initialen H. W. auf der Rückseite ab?“
„Genau. Das W. deutet auf Ihren eigenen Namen hin. Das Datum auf der Uhr ist fast fünfzig Jahre her, und die Initialen sind genauso alt wie die Uhr: also wurde sie für vorherige Generation gemacht. Schmuck geht normalerweise auf den ältesten Sohn über, der meist den gleichen Namen wie der Vater trägt. Ihr Vater starb, wenn ich mich recht erinnere, vor vielen Jahren. Deshalb befand sich die Uhr in Händen Ihres ältesten Bruders.“
„Das stimmt soweit“, sagte ich. „Sonst noch etwas?“
„Er war ein Mann unordentlicher Gewohnheiten – sehr unordentlich und nachlässig. Er war mit guten Veranlagungen ausgestattet, aber er warf seine Chancen fort, lebte einige Zeit in Armut, unterbrochen von gelegentlichen kurzen Intervallen des Wohlstands, starb aber schließlich an Trunksucht. Das ist alles, was ich zusammentragen kann.“
Ich sprang von meinem Stuhl hoch und humpelte ungeduldig durch das Zimmer, erfüllt von beträchtlicher Verbitterung.
„Das ist Ihrer unwürdig, Holmes“, sagte ich. „Ich kann nicht glauben, dass Sie sich soweit herablassen. Sie haben Nachforschungen über das Leben meines unglücklichen Bruders angestellt und nun geben Sie vor, dieses Wissen auf eine abstruse Weise deduziert zu haben. Sie können von mir nicht erwarten, dass ich Ihnen glaube, Sie hätten das alles aus dieser alten Uhr abgelesen! Das ist unehrlich und, um offen zu sprechen, trägt es einen Hauch von Scharlatanerie.“
„Mein lieber Doktor“, sagte er freundlich, „ich bitte Sie meine Entschuldigung anzunehmen. Ich hatte die Sache als ein abstraktes Problem betrachtet, und dabei vergessen, wie persönlich und schmerzlich sie für Sie sein müsste. Ich versichere Ihnen jedoch, dass ich nie zuvor wusste, dass Sie einen Bruder haben, bis Sie mir die Uhr gaben.“
„Wie um alles in der Welt kamen Sie dann auf diese Gegebenheiten? Sie sind in jeder Hinsicht absolut richtig.“
„Ach, das war Glück. Ich würde sagen, es war der Abgleich der Wahrscheinlichkeit. Ich hatte nicht erwartet, so genau zu sein.“
„Aber war es nicht nur einfaches Raten?“
„Nein, nein, ich rate nie. Das ist eine entsetzliche Angewohnheit – destruktiv für die logische Denkfähigkeit. Was Ihnen seltsam erscheint, kommt daher, dass Sie meinem Gedankengang nicht folgen oder die kleinen Gegebenheiten nicht beachten, von denen große Rückschlüsse abhängen können. Beispielsweise begann meine Erklärung damit, dass Ihr Bruder nachlässig war. Wenn Sie den unteren Teil des Uhrgehäuses betrachten, werden Sie feststellen, dass sie nicht nur an ein zwei Stellen verbeult ist, sondern überall Kratzer und Schnitte aufweist, die nur von der Gewohnheit stammen können, dass sie zusammen mit anderen Gegenständen, wie Münzen oder Schlüsseln, in der gleichen Tasche getragen wurde. Es ist sicherlich keine große Kunst anzunehmen, dass ein Mann, der eine fünfzig Guineen Uhr so unbekümmert trägt, nachlässig ist. Noch ist es ein weither geholter Rückschluss, wenn ein Mann, der einen Gegenstand von solchem Wert erbt, auch in anderer Hinsicht betucht sein muss.“
Ich nickte, um zu zeigen, dass ich seinen Begründungen folgen konnte.
Bei Pfandleihern in England ist es sehr verbreitet, dass sie, wenn sie eine Uhr annehmen, die Nummer des Pfandscheins mit einer Nadel auf der Innenseite des Deckels einritzen. Das ist praktischer als ein Anhänger, weil es das Risiko nicht gibt, dass die Nummer verlorengeht oder verlegt wird. Es gibt nicht weniger als vier Nummern auf der Innenseite des Deckels, die ich unter der Lupe entdecken konnte. Schlussfolgerung daraus – Ihr Bruder war oft in Geldschwierigkeiten. Zweite Folgerung – er war zeitweilig zu Wohlstand gekommen, sonst hätte er die Uhr nicht auslösen können. Schließlich bat ich Sie sich den inneren Rand mit dem Schlüsselloch anzusehen. Um das Loch sind Dutzende Kratzer, Zeichen dafür, dass er beim Aufziehen abrutschte. Welcher nüchterne Mann würde mit seinem Schlüssel so viele Furchen verursachen? Aber Sie werden nie eine Uhr eines Trinkers ohne Furchen und Kratzer sehen. Er zieht sie in der Nacht auf und hinterlässt mit unsicherer Hand diese Spuren. Was also soll daran rätselhaft sein?“
„Es ist sonnenklar“, antwortete ich, „ich bedaure Ihnen gegenüber ungerecht gewesen zu sein. Ich sollte mehr Vertrauen in Ihre hervorragenden Fähigkeiten haben. Darf ich Sie fragen, ob Sie derzeit einer geschäftlichen Anfrage nachgehen?“
„Nein, deshalb das Kokain. Ich kann nicht ohne geistige Arbeit leben. Wofür sollte man sonst leben? Stellen Sie sich hier ans Fenster. Gab es jemals eine so eintönige, düstere und unrentable Welt? Sehen Sie doch nur, wie der gelbe Nebel die Straße hinunter wirbelt und um die graubraunen Häuser treibt. Was könnte noch hoffnungsloser prosaisch und dinglicher sein? Wozu sind diese Fähigkeiten nütze, Doktor, wenn es kein Betätigungsfeld für deren Verwendung gibt? Verbrechen ist alltäglich, das Dasein ist alltäglich, und Eigenschaften, außer solchen, die alltäglich sind, haben auf dieser Erde keine Aufgaben.“
Ich wollte gerade den Mund öffnen, um seiner Tirade entgegenzutreten, als unsere Vermieterin mit einem forschen Klopfen an die Tür eintrat, und uns eine Karte auf einem Messingtablett brachte.
„Eine junge Dame für Sie, Sir“, sagte sie, sich dabei an meinen Gefährten richtend.
„Miss Mary Morstan“, las er vor. „Hm! Ich kann mich nicht an den Namen erinnern. Bitten Sie doch die junge Dame herauf, Mrs. Hudson. Gehen Sie nicht, Doktor. Ich zöge es vor, wenn Sie blieben.“
KAPITEL II DIE SCHILDERUNG DES FALLS
Miss Morstan betrat den Raum mit festem Schritt und einer gefassten Haltung. Sie war eine blonde junge Dame, klein, elegant, mit vollendetem Geschmack behandschuht und gekleidet. Die Schlichtheit und Einfachheit ihrer Kleidung legte jedoch nahe, dass sie über begrenzte Mittel verfügte. Das Kleid war von dunklem gräulichem Beige, ohne Besatz und Bordüren, und sie trug einen kleinen Turban des gleichen dumpfen Farbtons, der nur durch den Hauch einer weißen Feder auf einer Seite aufgelockert wurde. Ihr Gesicht wies weder regelmäßige Züge noch eine Schönheit des Teints auf, doch war ihr Ausdruck freundlich und liebenswürdig und ihre großen blauen Augen waren außerordentlich vergeistigt und verständnisvoll. In meiner Erfahrung mit Frauen, die sich über mehrere Nationen und drei unterschiedliche Kontinente erstreckt, hatte ich noch nie ein Gesicht gesehen, das eine kultivierte und sensible Natur klarer verhieß als das Ihrige. Ich konnte nur feststellen, als sie auf dem von Sherlock Holmes dargebotenen Stuhl Platz nahm, wie ihre Lippen bebten, ihre Hände zitterten und sie alle Anzeichen heftiger innerer Erregung zeigte.
„Ich bin zu Ihnen gekommen, Mr. Holmes“, sagte sie, „weil Sie es einst meiner Dienstherrin, Mrs. Cecil Forrester, ermöglichten, eine kleine häusliche Komplikation zu entwirren. Sie war von Ihrer Freundlichkeit und Ihrem Geschick sehr beeindruckt.“
„Mrs. Cecil Forrester“, wiederholte er nachdenklich. „Ich glaube, ich erwies Ihr einen kleinen Dienst. Der Fall war jedoch, wie ich mich erinnere, sehr einfach.“
„Sie war nicht dieser Ansicht. Aber zumindest können Sie das nicht von dem meinigen sagen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es irgendeine seltsamere, höchst unerklärliche Situation als die meine gibt.“
Holmes rieb sich die Hände und seine Augen funkelten. Er lehnte sich in seinem Stuhl mit einem Ausdruck höchster Konzentration auf seinem klar geschnittenen Gesicht mit den falkengleichen Zügen nach vorn. „Schildern Sie mir Ihren Fall“, sagte er in einem schroffen geschäftsmäßigen Ton.
Ich befand mich in einer unangenehmen Lage. „Sie werden mich sicher entschuldigen“, sagte ich und erhob mich von meinem Stuhl.
Doch zu meiner Überraschung hob die junge Dame ihre behandschuhte Hand, um mich davon abzuhalten.
„Wenn Ihr Freund“, sagte sie, „so freundlich sein würde hierzubleiben, wäre das von unschätzbarem Dienste für mich.“
Ich fiel auf meinen Stuhl zurück.

„Kurz gesagt“, fuhr sie fort, „sind die Gegebenheiten folgende. Mein Vater, Offizier in einem indischen Regiment, sandte mich nach Hause als ich noch fast ein Kind war. Meine Mutter war tot und ich hatte in England keine Verwandten. Ich wurde jedoch in einem komfortablen Pensionat in Edinburgh untergebracht, wo ich bis zum Alter von siebzehn Jahren blieb. Im Jahre 1878 erhielt mein Vater, der ranghöchster Kommandant seines Regiments war, zwölf Monate Heimaturlaub. Er telegraphierte mir von London aus, dass er sicher angekommen sei, und wies mich an, sofort zu ihm zu kommen, wobei er als Adresse das Langham Hotel angab. Seine Nachricht war, ich erinnere mich, voller Güte und Liebe. In London angekommen, fuhr ich zum Langham Hotel, wo man mir mitteilte, dass dort ein Captain Morstan abgestiegen, jedoch den Abend zuvor ausgegangen und noch nicht zurückgekehrt sei. Ich wartete den ganzen Tag ohne eine Nachricht von ihm. Am Abend setzte ich mich auf Anraten des Hoteldirektors mit der Polizei in Verbindung und am nächsten Morgen inserierten wir in allen Zeitungen. Unsere Nachforschungen führten zu keinem Ergebnis. Und von jenem Tage an habe ich nie wieder etwas von meinem Vater gehört. Er kam in die Heimat voller Hoffnung, hier Frieden zu finden, Annehmlichkeiten, doch stattdessen…“ Sie hielt sich die Hand an die Kehle und ein erstickender Schluchzer brach den Satz ab.
„Das Datum?“ fragte Holmes und öffnete sein Notizbuch.
„Er verschwand am 3. Dezember 1878, vor fast zehn Jahren.“
„Sein Gepäck?“
„Blieb im Hotel. Darin fand sich nicht der geringste Hinweis – nur Kleidung, ein paar Bücher und eine beträchtliche Anzahl an Kuriositäten von den Andamanen. Er war einer der Offiziere, die für die Bewachung der Strafgefangenen dort verantwortlich waren.“
„Hatte er in der Stadt Freunde?“
„Wir wissen nur von einem – Major Sholto aus seinem eigenen Regiment, der 34. Bombay Infanterie. Der Major hatte sich bereits einige Zeit vorher aus dem Dienst verabschiedet und lebte in Upper Norwood. Wir traten mit ihm natürlich in Verbindung, doch er wusste nicht einmal, dass sein Offizierskollege in England war.“
„Ein bemerkenswerter Fall“, bemerkte Holmes.
„Ich habe Ihnen noch nicht den bemerkenswertesten Teil erzählt. Vor etwa sechs Jahren, um genau zu sein am 4.Mai 1882, erschien in der Times ein Inserat, in dem nach der Adresse von Miss Mary Morstan gefragt und angegeben wurde, dass es für sie von Vorteil sei, wenn sie sich melde. Es war weder ein Name noch eine Adresse beigefügt. Zu der Zeit war ich gerade in den Dienst der Familie von Mrs. Cecil Forrester in der Eigenschaft als Gouvernante getreten. Am gleichen Tag kam mit der Post eine kleine, an mich adressierte Schachtel, in der ich eine sehr große schimmernde Perle vorfand. Nicht ein Wort war ihr beigelegt. Seitdem erhalte ich am gleichen Datum eines jeden Jahres eine ähnliche Schachtel, die eine ähnliche Perle enthält, ohne Hinweis auf den Absender. Die Perlen wurden von einem Fachmann als eine seltene Art und von beträchtlichem Wert geschätzt. Sie können sich selbst davon überzeugen, dass sie sehr schön sind.“ Sie öffnete eine flache Schachtel, während sie sprach, und zeigte mir sechs der feinsten Perlen, die ich je gesehen hatte.
„Ihre Ausführungen sind sehr interessant“, sagte Sherlock Holmes. „Ist Ihnen noch etwas widerfahren?“
„Ja, und zwar heute. Deshalb kam ich zu Ihnen. Heute Morgen erhielt ich diesen Brief, den Sie vielleicht selbst zu lesen wünschen.“
„Danke“, sagte Holmes. „Den Umschlag bitte auch. Poststempel London, S.W. Datum 7. Juli. Hm! Daumenabruck eines Mannes in der Ecke, wahrscheinlich vom Briefträger. Bestes Papier. Umschlag zu Sixpence das Päckchen. Ist sehr wählerisch, was das Briefpapier betrifft. ‚Seien Sie an der dritten Säule auf der linken Seite des Lyceum Theaters heute Abend um sieben Uhr. Wenn Sie misstrauisch sind, bringen Sie zwei Freunde mit. Sie sind eine Frau, der Unrecht angetan wurde und es soll Ihnen Gerechtigkeit widerfahren. Bringen Sie keine Polizei mit. Sollten Sie es dennoch tun, war alles umsonst. Ihr unbekannter Freund.‘ Nun, das ist wirklich ein nettes kleines Rätsel. Was gedenken Sie zu tun, Miss Morstan?“
„Genau das wollte ich Sie fragen.“
„Dann sollten wir auf jeden Fall hingehen. Sie und ich und ja, Dr. Watson ist genau der richtige Mann. Ihr Briefeschreiber sagte zwei Freunde. Er und ich haben schon zuvor zusammengearbeitet.“
„Aber würde er mitkommen?“ fragte sie mit einem flehenden Ton in der Stimme und im Ausdruck.
„Ich würde mich stolz und glücklich schätzen“, sagte ich leidenschaftlich, „wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise zu Diensten sein könnte.“
„Sie sind beide sehr freundlich“, antwortete sie. „Ich habe ein zurückgezogenes Leben geführt, und hatte keine Freunde, an die ich mich wenden könnte. Wenn ich mich hier um sechs Uhr einfände, würde das rechtzeitig genug sein, oder?“
„Auf keinen Fall später“, sagte Holmes. „Noch ein weiterer Punkt, jedoch. Ist diese Handschrift die gleiche wie auf den Adressen der Perlenschachteln?“
„Ich habe sie hier“, antwortete sie, und zog ein halbes Dutzend Papiere hervor.
„Sie sind gewiss ein vorbildlicher Klient. Sie besitzen die richtige Eingabe. Lassen Sie uns sie jetzt ansehen.“ Er breitete die Papiere auf dem Tisch aus und wir warfen der Reihe nach einen Blick darauf. „Sie sind in verstellter Handschrift verfasst, mit Ausnahme des Briefes“, sagte er sogleich, „aber es steht außer Frage, dass es sich um den gleichen Verfasser handelt. Sehen Sie, wie der nicht unterdrückte Buchstabe e ausbrechen will, und sehen Sie sich den Schwung beim finalen s an. Sie wurden unzweifelhaft von der gleichen Person geschrieben. Ich möchte keine falschen Hoffnungen wecken, Miss Morstan, aber gibt es eine Ähnlichkeit zwischen dieser und der Handschrift Ihres Vaters?“
„Sie könnten nicht unterschiedlicher sein.“
„Ich erhoffte, dass Sie das sagen. Wir erwarten Sie dann um sechs Uhr. Gestatten Sie mir die Papiere zu behalten. Ich möchte mir die Sache vorher noch einmal ansehen. Es ist erst halb vier Uhr. Au revoir.“
„Au revoir“, sagte unsere Besucherin, und mit einem strahlenden hellen Blick sah sie von einem zum anderen von uns, steckte dann das Perlenkästchen wieder in ihren Busen und eilte davon. Ich stand am Fenster und beobachtete, wie sie forsch die Straße hinunterging, bis der graue Turban und die weiße Feder nur noch ein Fleck in der dunklen Menschenmasse waren.
„Was für eine attraktive Frau!“ rief ich aus, und wandte mich meinem Gefährten zu.
Er hatte seine Pfeife wieder angezündet und lehnte sich mit hängenden Lidern zurück.
„Ach ja?“ sagte er gelangweilt. „Das ist mir nicht aufgefallen.“
„Sie sind wirklich ein Automat, eine Kalkulationsmaschine!“ rief ich. „Mitunter haben Sie etwas wirklich Unmenschliches an sich.“
Er lächelte sanft. „Es ist von höchster Wichtigkeit“, sagte er, „nicht zuzulassen, dass ein Urteil durch persönliche Ansichten beeinflusst wird. Ein Klient ist für mich eine reine Größe, ein Faktor in einem Problem. Die emotionalen Aspekte sind antagonistisch zu klarem Denken. Ich versichere Ihnen, dass die hinreißendste Frau, die ich je kennengelernt habe, gehängt wurde, weil sie drei kleine Kinder wegen des Versicherungsgeldes vergiftet hatte, und der abstoßendste Mann, den ich kenne, ist ein Philanthrop, der fast eine Viertel Million für die Armen Londons gespendet hat.“
„In diesem Fall jedoch…“
„Ich mache keine Ausnahmen. Eine Ausnahme widerlegt die Regel. Hatten Sie je die Gelegenheit den Charakter eines Menschen aus seiner Handschrift abzulesen? Was halten Sie von dem Gekritzel dieses Burschen?“
„Sie ist leserlich und regelmäßig“, antwortete ich. „Ein Mann von geschäftsmäßigen Gewohnheiten und einem ziemlich starken Charakter.“
Holmes schüttelte den Kopf. „Sehen Sie sich seine hochgezogenen Buchstaben an“, sagte er. „Sie erheben sich kaum über den Rest. Das d könnte auch ein a sein, und das l ein e. Männer von Charakter schreiben die hohen Buchstaben immer ausgeprägt, wie unleserlich ihre Handschrift auch sein mag. In seinen ks ist eine Unschlüssigkeit, und in seinen Großbuchstaben Selbstwertgefühl. Ich gehe jetzt aus. Ich habe ein paar Dinge zu erledigen. Ich möchte Ihnen dieses Buch empfehlen, eines der bemerkenswertesten, die je verfasst wurden. Es ist Winwood Reades ‚Martyrdom of Man[1]‘. Ich werde in einer Stunde zurück sein.“
Ich saß am Fenster mit dem Buch in der Hand, aber meine Gedanken waren weit entfernt von den gewagten Spekulationen des Verfassers. Unser letzter Besuch ging mir durch den Kopf – ihr Lächeln, die tiefen reichen Töne ihrer Stimme, das seltsame Geheimnis, das ihr Leben überschattete. Wenn sie zu der Zeit, als ihr Vater verschwand, siebzehn war, müsste sie jetzt siebenundzwanzig sein, ein süßes Alter, in dem die Jugend ihre Befangenheit verloren hat und ein wenig besonnener durch die Erfahrung geworden war. So saß ich und sann vor mich hin, bis gefährliche Gedanken mir in den Sinn kamen, so dass ich zu meinem Schreibtisch eilte und mich eifrig in die neueste Abhandlung über Pathologie vertiefte. Wer war ich denn, ein Armeearzt mit einem kraftlosen Bein und einem noch armseligeren Bankkonto, dass ich es wagen konnte, an so etwas denken? Sie war eine Größe, ein Faktor – nichts weiter. Wenn meine Zukunftsaussichten düster waren, so wäre es mit Sicherheit besser sich ihr wie ein Mann zu stellen, als zu versuchen, sie durch die Irrlichter der Vorstellungskraft zu erhellen.
KAPITEL III AUF DER SUCHE NACH EINER LÖSUNG
Es war halb sechs als Holmes zurückkehrte. Er war strahlend, aufgeräumt und bester Laune, eine Stimmung, die sich bei ihm mit Anfällen tiefster Depression abwechselte.
„In dieser Sache gibt es kein großes Geheimnis“, sagte er und griff nach der Tasse Tee, die ich ihm eingegossen hatte. „Die Gegebenheiten scheinen nur eine einzige Erklärung zuzulassen.“
„Was! Sie haben es bereits gelöst?“
„Nun, das wäre zu viel gesagt. Ich habe eine andeutungsvolle Tatsache entdeckt. Sie ist jedoch sehr andeutungsvoll. Die Details fehlen jedoch noch. Ich habe herausgefunden, als ich die zurückliegenden Ausgaben der Times durchsah, dass Major Sholto von Upper Norwood, ehemals von der 34. Bombay Infanterie, am 28. April 1882 verstarb.“
„Ich bin vielleicht recht begriffsstutzig, Holmes, aber ich begreife nicht, was dadurch angedeutet wird.“
„Nicht? Sie überraschen mich. Betrachten Sie es einmal auf diese Weise. Captain Morstan verschwindet. Die einzige Person, die er in London aufgesucht haben könnte, war Major Sholto. Major Sholto leugnet, davon gehört zu haben, dass sich Morstan in London aufhielt. Vier Jahre später stirbt Sholto. Innerhalb einer Woche nach seinem Tod erhält Captain Morstans Tochter ein wertvolles Präsent, was sich Jahr für Jahr wiederholt, und nun in einem Brief gipfelt, der sie als eine Frau beschreibt, der Unrecht widerfahren ist. Welches Unrecht kann damit gemeint sein, außer dass sie ihres Vaters beraubt wurde? Und wieso beginnen kurz nach dem Tod von Sholto die Geschenke, außer der Erbe von Sholto weiß etwas von dem Geheimnis und wünscht eine Wiedergutmachung? Haben Sie eine andere Theorie, die zu den Tatsachen passt?
„Aber was für eine seltsame Wiedergutmachung! Und wie merkwürdig sie dargebracht wird! Wieso sollte er jetzt einen Brief schreiben, anstatt vor sechs Jahren? Der Brief wiederum spricht davon, ihr Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen. Welche Gerechtigkeit ist hier gemeint? Es ist doch nicht anzunehmen, dass ihr Vater noch am Leben ist. Eine andere Ungerechtigkeit gibt es in diesem Fall nicht.“
„Es gibt Unverständlichkeiten, gewisse Ungereimtheiten“, sagte Sherlock Holmes nachdenklich. „Aber unsere Unternehmung heute Abend wird alle lösen. Ah, da ist die Droschke mit Miss Morstan. Sind Sie fertig? Dann sollten wir besser hinuntergehen, denn es ist schon spät.“
Ich nahm meinen Hut und schwersten Stock, doch wie ich sah, nahm Holmes einen Revolver aus der Schublade und ließ ihn in seine Tasche gleiten. Es war klar, dass er unsere abendliche Arbeit als etwas Ernsthaftes betrachtete.
Miss Morstan war in einen dunklen Umhang gehüllt, und ihr empfindsames Gesicht war gefasst, aber bleich. Sie wäre keine Frau gewesen, hätte sie sich wegen des bevorstehenden Unternehmens, in das wir uns stürzten, nicht unwohl gefühlt, doch ihre Selbstbeherrschung war perfekt und sie beantwortete bereitwillig ein paar zusätzliche Fragen, die ihr Sherlock Holmes stellte.
„Major Sholto war ein sehr enger Freund meines Vaters“, sagte sie. „Seine Briefe waren voller Anspielungen auf den Major. Er und mein Vater hatten die Befehlsgewalt über die Truppen auf den Andamanen, was sie sehr zusammengeschweißt hat. Ach übrigens, ich habe ein seltsames Dokument in Papas Schreibtisch gefunden, dass keiner bislang verstehen konnte. Ich nehme an, dass es nicht die geringste Bedeutung hat, aber ich dachte, Sie würden es sehen wollen, weshalb ich es mitgebracht habe. Hier ist es.“
Holmes faltete sorgfältig das Dokument auseinander und glättete es auf seinem Knie. Dann untersuchte er es von oben bis unten sehr methodisch mit seiner Doppellinse.
„Dieses Papier stammt aus einer indischen Mühle“, bemerkte er. „Es war einige Zeit an einem Brett angeheftet. Das Diagramm darauf scheint der Plan eines Teils eines großen Gebäudes mit zahlreichen Hallen, Korridoren und Durchgängen zu sein. An einem Punkt ist ein kleines Kreuz mit roter Tinte und darüber steht ‚3,37 von links‘ in verblasster Bleistiftschrift. In der linken Ecke befindet sich eine seltsame Hieroglyphe, die wie vier Kreuze in einer Reihe, deren Enden sich berühren, aussieht. Daneben ist in sehr holprigen und groben Buchstaben ‚Das Zeichen der Vier – Jonathan Small, Mahomet Singh, Abdullah Khan, Dost Akbar‘ geschrieben. Ich muss gestehen, dass ich hier wirklich keinen Zusammenhang mit Ihrem Fall erkennen kann. Dennoch ist es offensichtlich ein Dokument von Bedeutung. Es wurde sorgfältig in einer Brieftasche aufbewahrt, denn eine Seite ist so sauber wie die andere.“
„Wir fanden es in seiner Brieftasche.“
„Heben Sie es sorgfältig auf, Miss Morstan, denn es könnte von Nutzen für uns sein. Ich vermute allmählich, dass sich diese Angelegenheit als wesentlich tiefgründiger und subtiler herausstellt, als ich zuerst annahm. Ich muss meine Überlegungen überdenken.“ Er lehnte sich in der Droschke zurück und ich konnte an seinen zusammengezogenen Brauen und seinem leeren Blick erkennen, dass er angestrengt nachdachte. Miss Morstan und ich plauderten leise über unsere gegenwärtige Unternehmung und deren möglichen Ausgang, doch unser Gefährte behielt seine undurchdringliche Reserviertheit bei, bis wir unsere Fahrt beendet hatten.
Es war ein Septemberabend und noch nicht einmal sieben Uhr, aber der Tag war düster gewesen und ein dichter nieselnder Nebel lag über der großen Stadt. Schmutziggraue Wolken hingen traurig über den schlammigen Straßen. Die Laternen entlang The Strand waren nichts als dunstige Flecken verschwommenen Lichts, das einen schwachen runden Schimmer auf die schmierige Straße warf. Das gelbe grelle Licht aus den Schaufenstern ergoss sich in die dunstige, dampfige Luft und warf einen schmutzigen, wechselnden Glanz auf die überfüllte Verkehrsstraße. In meinen Augen hatte die endlose Prozession von Gesichtern, die durch diese schmalen Lichtstrahlen huschten, etwas Unheimliches und Geisterhaftes, traurige Gesichter und frohe, ausgezehrte und vergnügte. Wie alle menschlichen Wesen huschten sie aus der Dunkelheit ins Licht, und dann wieder zurück in die Finsternis. Ich bin nicht leicht zu beeindrucken, aber der graue bedrückende Abend, noch dazu in Verbindung mit dem seltsamen Vorhaben, auf das wir uns eingelassen hatten, machten mich nervös und niedergeschlagen. Ich konnte an Miss Morstans Verhalten erkennen, dass sie unter den gleichen Empfindungen litt. Nur Holmes konnte sich über solch belanglose Einflüsse erheben. Er hielt sein aufgeschlagenes Notizbuch auf seinen Knien und von Zeit zu Zeit warf er Zahlen und Notizen im Schein seiner Taschenlampe aufs Papier.
Am Lyceum Theatre drängten sich an den Seiteneingängen bereits die Menschenmassen. Vor dem Theater fuhren ratternd in unaufhörlicher Folge Einspänner und Droschken vor, und entluden ihre Fracht an befrackten Männern und Damen mit Stolen und Diamanten. Wir hatten noch kaum die dritte Säule erreicht, an der unser Treffen stattfinden sollte, als ein kleiner dunkler lebhafter Mann im Gewand eines Droschkenkutschers uns ansprach.
„Sind Sie die Begleitung von Miss Morstan?“ fragte er.
„Ich bin Miss Morstan und diese beiden Herren sind meine Freunde“, sagte sie.
Er richtete seine unglaublich durchdringenden und fragenden Augen auf uns. „Sie werden mich entschuldigen, Miss“, sagte er mit einer bestimmten Beharrlichkeit, „aber ich soll Sie bitten mir Ihr Wort darauf zu geben, dass keiner Ihrer Begleiter ein Polizeibeamter ist.“

„Ich gebe Ihnen mein Wort darauf“, antwortete sie.
Er stieß einen schrillen Pfiff aus, woraufhin ein Straßenjunge eine Droschke heranführte und die Tür öffnete. Der Mann, der uns angesprochen hatte, stieg auf den Kutschbock und wir nahmen drinnen Platz. Kaum saßen wir, als der Kutscher auf sein Pferd einpeitschte und wir durch die nebligen Straßen in einem Höllentempo davonrasten.
Die Situation war merkwürdig. Wir wurden zu einem unbekannten Ort mit einem unbekannten Auftrag gefahren. Entweder war unsere Einladung ein absoluter Schwindel – was eine unvorstellbare Hypothese war – oder wir hatten guten Grund zu der Annahme, dass wichtige Sachverhalte unsere Fahrt veranlasst hatten. Miss Morstans Verhalten war so resolut und gefasst wie immer. Ich bemühte mich sie mit meinen Erinnerungen an Afghanistan zu unterhalten und aufzuheitern, aber um die Wahrheit zu sagen, war ich selbst durch unsere Lage so aufgeregt und wegen unseres Zieles so neugierig, dass meine Geschichten etwas verdreht wurden. Bis heute behauptet sie, ich hätte ihr eine bewegende Schnurre von einer Flinte erzählt, die mitten in der Nacht in mein Zelt sah, woraufhin ich eine Salve aus einem doppelläufigen Tigerbaby abfeuerte. Zuerst hatte ich noch eine ungefähre Vorstellung von der Richtung, in die wir fuhren, aber bald schon verlor ich aufgrund unseres Tempos, des Nebels und meiner begrenzten Kenntnis Londons die Orientierung und wusste nichts, außer dass wir eine sehr lange Strecke fuhren. Sherlock Holmes war sich jedoch stets sicher und er murmelte die Namen, als die Droschke über die Plätze und durch die gewundenen Nebenstraßen fuhr.
„Rochester Row“, sagte er. „Jetzt Vincent Square. Und jetzt kommen wir zur Vauxhall Bridge Road. Wir sind offensichtlich auf dem Weg nach Surrey. Ja, dachte ich mir. Jetzt sind wir auf der Brücke. Sie können einen Blick auf den Fluss werfen.“
Wir konnten tatsächlich einen flüchtigen Blick auf einen Abschnitt der Themse werfen, auf deren breite stille Wasser die Laternen schienen. Aber unsere Droschke preschte weiter und wir fanden uns alsbald in einem Straßenlabyrinth auf der anderen Seite wieder.
„Wandsworth Road“, sagte mein Gefährte. „Priory Road. Larkhall Lane. Stockwell Place. Robert Street. Coldharbour Lane. Unsere Suche scheint uns nicht gerade durch die feinsten Viertel zu führen.
Wir hatten in der Tat eine sehr fragwürdige und abstoßende Gegend erreicht. Lange Reihen trister Backsteinhäuser wurden nur durch die grellen Lichter und den billigen Glanz der Schankwirtschaften an der Ecke unterbrochen. Dann kamen Reihen zweistöckiger Einfamilienhäuser, jedes mit einem winzigen Vorgarten, und dann wiederum unendliche Reihen neuer starrer Backsteingebäude, Monstertentakel, die die riesige Stadt auf das Land hinauswarf. Schließlich hielt die Droschke vor dem dritten Haus einer neuen Häuserreihe. Keines der anderen Häuser war bewohnt, und das, vor dem wir anhielten, war so dunkel wie die daneben liegenden, mit Ausnahme eines einzigen Schimmers im Küchenfenster. Auf unser Klopfen wurde jedoch die Tür sofort von einem Hindu-Diener geöffnet, der in weiße lockere Gewänder mit einem gelben Turban und einer gelben Schärpe gekleidet war. Seine orientalische Gestalt, die von einem normalen Eingang eines drittklassigen Vorstadthauses gerahmt wurde, hatte etwas seltsam Unvereinbares an sich.
„Der Sahib erwartet Sie“, sagte er und während er sprach, ertönte aus einem der Zimmer eine hohe pfeifende Stimme. „Führe sie zu mir herein, Khitmutgar[2]“ rief die Stimme. „Führe sie direkt zu mir.“
KAPITEL IV DIE GESCHICHTE DES KAHLKÖPFIGEN MANNES
Wir folgten dem Inder einen schäbigen und gewöhnlichen Flur hinunter, schlecht beleuchtet und noch schlechter möbliert, bis er zu einer Tür auf der rechten Seite kam, die er öffnete. Ein leuchtendes gelbes Licht ergoss sich auf uns und inmitten des blendenden Lichts stand ein kleiner Mann mit einem sehr hohen Schädel, von einem Büschel roter Haare umkränzt und mit einer kahlen, glänzenden Kopfhaut, die wie ein Berggipfel aus Fichtenwäldern hervorstach. Er wrang die Hände, wie er so dastand, und seine Züge waren in einer ständigen ruckartigen Bewegung, mal lächelnd, mal mürrisch, doch nicht einen Moment in Ruhe. Die Natur hatte ihn mit einer hängenden Lippe, einer deutlich sichtbaren Reihe gelber und unregelmäßiger Zähne ausgestattet, die er kraftlos zu verdecken suchte, indem er ständig mit seiner Hand über den unteren Teil seines Gesichtes fuhr. Trotz seiner auffälligen Kahlheit vermittelte er den Eindruck von Jugend. Tatsächlich war er gerade mal dreißig.
„Zu Diensten, Miss Morstan“, wiederholte er mit einer dünnen, hohen Stimme. „Zu Diensten, meine Herren. Darf ich Sie in mein kleines Heiligtum bitten. Ein kleiner Ort, Miss, aber nach meinem Geschmack eingerichtet. Eine Oase der Kunst in der heulenden Wüste von Süd-London.“
Wir waren alle über das Erscheinungsbild der Wohnung, in die er uns einlud, erstaunt. In diesem schäbigen Haus war sie wie ein Diamant erster Güte in einer Fassung aus Messing. Die üppigsten und glänzendsten Vorhänge und Tapisserien bedeckten die Wände, hie und da zurückgeschlagen, um den Blick auf ein prächtig gerahmtes Gemälde oder eine orientalische Vase freizugeben. Der Teppich war bernsteinfarben und schwarz, so weich und dick, dass der Fuß so angenehm wie in einem Bett aus Moos versank. Zwei große Tigerfelle, die quer darüber geworfen waren, erhöhten den Eindruck von östlichem Luxus wie auch eine riesige Wasserpfeife, die auf einer Matte in der Ecke stand. Eine silberne Lampe in Form einer Taube hing von einem fast unsichtbaren goldenen Draht in der Mitte des Raums. Da sie angezündet war, füllte sie die Luft mit einem zarten und wohlriechenden Duft.
„Mr. Thaddeus Sholto“, sagte der kleine Mann, immer zuckend und lächelnd. „So heiße ich. Sie sind natürlich Miss Morstan. Und diese beiden Herren…“
„Das ist Mr. Sherlock Holmes und das Dr. Watson.“
„Ein Arzt?“ rief er ganz aufgeregt. „Haben Sie Ihr Stethoskop dabei? Dürfte ich Sie bitten – hätten Sie vielleicht die Güte? Ich mache mir ernsthafte Sorgen um meine Mitralklappe, wenn Sie so gut wären. Auf die Aortenklappe kann ich mich verlassen, doch würde ich Ihre Meinung zu der Mitralklappe schätzen.“
Ich hörte sein Herz wie gebeten ab, konnte aber nichts Anomales finden, außer dass er sich in einem Angstzustand befand, denn er zitterte von Kopf bis Fuß. „Scheint normal zu sein“, sagte ich. „Sie haben keinen Grund zu Beunruhigung.“

„Sie werden meine Besorgnis entschuldigen, Miss Morstan“, bemerkte er leichthin. „Ich bin stark leidend und hatte schon lange diese Herzklappe im Verdacht. Doch ich bin erfreut zu hören, dass er unbegründet war. Hätte Ihr Vater, Miss Morstan, seinem Herzen nicht so viel zugemutet, könnte er heute vielleicht noch leben.“
Am liebsten hätte ich den Mann geohrfeigt, so erzürnt war ich über seine herzlose und unüberlegte Bemerkung in einer so delikaten Angelegenheit. Miss Morstan setzte sich und ihr Gesicht wurde weiß bis in die Lippen. „In meinem Herzen wusste ich, dass er tot ist“, sagte sie.
„Ich kann Ihnen alle Informationen liefern“, sagte er, „und mehr noch, ich kann dafür sorgen, dass Ihnen Gerechtigkeit widerfährt, und das werde ich, ganz gleich, was Bruder Bartholomew sagen wird. Ich bin so froh Ihre Freunde bei mir zu haben, nicht nur als Ihr Geleitschutz, sondern auch als Zeugen dessen, was ich zu tun und zu sagen gedenke. Drei von uns können Bruder Bartholomew die Stirn bieten. Aber wir wollen keine Außenstehenden, keine Polizei oder Beamte. Wir können alles unter uns zufriedenstellend regeln, ohne jegliche Einmischung. Nichts würde Bruder Bartholomew mehr verärgern als irgendeine Öffentlichkeit.“ Er setzte sich auf eine niedrige Polsterbank und blinzelte uns fragend mit seinen schwachen, wasserblauen Augen an.
„Was mich angeht“, sagte Holmes, „ganz gleich, was Sie sagen werden, werde ich nichts weitergeben.“
Ich nickte, um mein Einverständnis anzuzeigen.
„Das ist gut! Das ist gut!“ sagte er. „Darf ich Ihnen ein Glass Chianti anbieten, Miss Morstan? Oder Tokajer? Ich habe keine anderen Weine. Soll ich eine Flasche öffnen? Nein? Nun, ich hoffe, Sie werden nichts gegen Tabakrauch einzuwenden haben, den milden balsamischen Duft östlichen Tabaks. Ich bin ein wenig nervös und finde, dass meine Wasserpfeife ein unschätzbares Beruhigungsmittel ist.“
Er stellte eine dünne Wachskerze in die große Schale und der Rauch blubberte fröhlich durch das Rosenwasser. Wir drei saßen in einem Halbkreis, die Köpfe nach vorn geneigt, das Kinn auf die Hand gestützt, während der seltsame zappelige kleine Kerl mit seinem hohen glänzenden Kopf besorgt in unserer Mitte paffte.
„Als ich mich entschloss, mit Ihnen in Verbindung zu treten“, sagte er, „hätte ich meine Adresse angeben sollen, aber ich fürchtete, Sie könnten meine Bitte missachten und unangenehme Leute mitbringen. Ich nahm mir deshalb die Freiheit eine Verabredung zu treffen, bei der mein Mann Williams Sie zuerst treffen konnte. Ich vertraue seiner Diskretion voll und ganz und er hatte Anweisung, dass, falls er nicht zufrieden sei, in dieser Angelegenheit nicht weiter zu verfahren habe. Sie werden diese Vorsichtsmaßnahmen entschuldigen, aber ich bin ein zurückgezogen lebender Mann mit, man könnte sagen, einem besonderen Geschmack und es gibt nichts Unästhetischeres als einen Polizisten. Ich habe eine natürliche Abneigung gegen jede Form rohen Materialismus. Ich komme selten in Kontakt mit der groben Masse. Wie Sie sehen, umgebe ich mich mit der Atmosphäre einer gewissen Eleganz. Ich selbst würde mich als Kunstmäzen bezeichnen. Das ist meine Schwäche. Das Landschaftsgemälde ist ein echter Corot, und obgleich ein Kunstkenner an diesem Salvator Rosa vielleicht zweifeln mag, steht der Bougereau außer Frage. Ich habe eine Vorliebe für die moderne französische Schule.“
„Sie werden mich entschuldigen, Mr. Sholto“, sagte Miss Morstan, „aber ich bin auf Ihre Bitte hier, um etwas zu erfahren, das Sie mir mitteilen wollten. Es ist schon sehr spät und ich möchte die Unterhaltung so kurz wie möglich halten.“
„Es wird auf jeden Fall einige Zeit in Anspruch nehmen“, erwiderte er, „denn wir müssen sicherlich nach Norwood fahren, um Bruder Bartholomew zu treffen. Wir werden alle gemeinsam fahren und sehen, ob Bruder Bartholomew in guter Laune ist. Er hat sich sehr über mich geärgert, weil ich den Weg eingeschlagen habe, der mir richtig erschien. Ich hatte letzte Nacht einen heftigen Streit mit ihm. Sie können sich gar nicht vorstellen, was für ein schrecklicher Kerl er sein kann, wenn er wütend ist.“
„Wenn wir nach Norwood fahren wollen, dann sollten wir am besten gleich aufbrechen“, wagte ich einzuwerfen.
Er lachte, bis seine Ohren ganz rot wurden. „Das wird kaum möglich sein“, rief er. „Ich weiß nicht, was er sagen würde, wenn ich Sie so unerwartet zu ihm bringe. Nein, ich muss Ihnen erst erklären, in welchem Verhältnis wir alle zueinander stehen. Zuerst muss ich Ihnen mitteilen, dass es verschiedene Punkte in der Geschichte gibt, die ich selbst nichts weiß. Ich kann Ihnen nur die Gegebenheiten vorlegen, über die ich selbst Bescheid weiß.
„Mein Vater war, wie Sie schon erraten haben, Major John Sholto, der einst der indischen Armee angehörte. Er schied vor elf Jahren aus dem Dienst aus und ließ sich in Pondicherry Lodge in Upper Norwood nieder. Er hatte in Indien sein Glück gemacht und brachte eine beträchtliche Summe Geldes mit, eine große Sammlung wertvoller Raritäten sowie indisches Personal. Mit diesen Vorzügen ausgestattet, erwarb er ein Haus und lebte in großem Luxus. Mein Zwillingsbruder Bartholomew und ich waren die einzigen Kinder.
„Ich erinnere mich noch gut an die Aufregung, die durch das Verschwinden von Captain Morstan ausgelöst wurde. Wir hatten die Einzelheiten darüber in den Zeitungen gelesen und da wir wussten, dass er ein Freund unseres Vaters war, diesen Fall offen vor ihm erörtert. Er schloss sich unseren Vermutungen an, was den Hergang betraf. Nicht einen Augenblick zweifelten wir daran, dass er das Geheimnis in seinem Herzen trug, dass von allen Menschen nur er das Schicksal von Arthur Morstan kennen konnte.
„Wir wussten jedoch, dass ein Geheimnis, eine bestimmte Gefahr, über unserem Vater schwebte. Er war sehr ängstlich allein auszugehen und verdingte immer zwei Berufsboxer, die als Pförtner in Pondicherry Lodge arbeiteten. Williams, der Sie heute hierher fuhr, war einer von ihnen. Er war einmal Leichtgewichtmeister von England. Unser Vater hätte uns niemals anvertraut, was er fürchtete, aber er hatte eine ausgesprochene Abneigung gegen Männer mit Holzbeinen. Bei einer Gelegenheit feuerte er seinen Revolver tatsächlich auf einen Mann mit einem Holzbein ab, der sich als harmloser Händler auf Kundensuche herausstellte. Wir mussten eine große Summe bezahlen, um die Sache zu vertuschen. Mein Bruder und ich dachten, dass dies eine bloße Laune unseres Vaters sei, aber die Ereignisse haben uns eines besseren belehrt.
„Anfang 1882 erhielt mein Vater einen Brief aus Indien, der für ihn ein großer Schock war. Als er den Brief beim Frühstück öffnete, fiel er beinahe in Ohnmacht und von dem Tage an kränkelte er bis zu seinem Tode. Was in dem Brief stand, konnten wir nie erfahren, aber ich konnte, als er ihn in der Hand hielt, erkennen, dass er kurz und in einer krakeligen Schrift verfasst war. Er hatte jahrelang an einer vergrößerten Milz gelitten, doch dann verschlimmerte sich sein Zustand zusehends und Ende April wurde uns mitgeteilt, dass es keine Hoffnung mehr für ihn gebe, und er eine letzte Unterredung mit uns zu führen wünsche.
„Als wir sein Zimmer betraten, lag er, gestützt von Kissen, in seinem Bett und atmete schwer. Er ersuchte uns die Tür abzuschließen und neben sein Bett zu treten. Dann ergriff er unsere Hände, und mit einer vor Gefühlen und Schmerz gebrochenen Stimme eröffnete er uns ein bemerkenswertes Geständnis. Ich werde versuchen es mit seinen eigenen Worten wiederzugeben.
‚Es gibt nur eine Sache‘, sagte er, ‚die mir in diesem Augenblick noch schwer auf der Seele liegt. Es ist die Art, wie ich Morstans Waise behandelt habe. Die verfluchte Habgier, die mein Leben lang meine Sünde war, hielt mich davon ab ihr den Schatz zu geben, der ihr zumindest zur Hälfte gehören sollte. Und obwohl ich selbst keinen Gebrauch davon gemacht habe – so blind und dumm ist der Geiz. Mir war allein das Gefühl des Besitzes so teuer, dass ich es nicht ertragen konnte, mit jemandem zu teilen. Seht ihr den Perlenkranz neben der Chininflasche. Obwohl ich es nicht ertragen konnte ihn mit ihr zu teilen, hatte ich ihn mitgebracht in der Absicht ihn ihr zu schicken. Ihr, meine Söhne werdet ihr einen angemessenen Anteil am Agra-Schatz geben. Aber schickt ihr nichts, nicht einmal den Perlenkranz, bis ich gegangen bin. Schließlich ging es anderen schon genauso schlecht und sie haben sich wieder erholt.“
‚Ich werde euch erzählen, wie Morstan starb‘, fuhr er fort. ‚Er litt seit Jahren an einem schwachen Herzen, aber er verbarg es vor jedem. Ich allein wusste darum. Als er und ich in Indien waren, kamen wir durch die Verkettung von besonderen Umständen in den Besitz eines ansehnlichen Schatzes. Ich brachte ihn nach England und an dem Abend, an dem Morstan ankam, ging er schnurstracks zu mir, um seinen Anteil zu verlangen. Er kam direkt vom Bahnhof und mein treuer Bursche Lal Chowdar, der jetzt tot ist, ließ ihn ein. Morstan und ich hatten, was die Teilung des Schatzes betraf, unterschiedliche Ansichten und es kam zu hitzigen Worten. Morstan war in einem Wutanfall von seinem Stuhl aufgesprungen, als er sich plötzlich die Hand auf die Seite drückte, sein Gesicht sich dunkel färbte und er rückwärts umfiel, wobei sein Kopf auf die Kante der Schatzkiste aufschlug. Als ich mich über ihn beugte, war er zu meinem Entsetzen tot.
‚Lange Zeit saß ich da, halb verwirrt, halb nachdenklich, was ich tun sollte. Meine erste Eingebung war natürlich um Hilfe nachzusuchen, doch es wurde mir klar, dass man mich wahrscheinlich als seinen Mörder anklagen würde. Sein Tod während eines Streits und die klaffende Wunde an seinem Kopf würden gegen mich sprechen. Eine offizielle Untersuchung hingegen könnte nicht erfolgen, ohne dass Einzelheiten über den Schatz bekannt würden, den ich unter allen Umständen als ein Geheimnis wahren wollte. Er hatte mir gesagt, dass keine Menschenseele wüsste, wohin er gegangen war. Also erschien es auch nicht zwingend notwendig zu sein, dass jemand davon erfahren sollte.
‚Ich grübelte noch immer, und als ich aufsah, erblickte ich meinen eigenen Diener, Lal Chowder im Türrahmen. Er schlich ins Zimmer und verriegelte die Tür hinter sich. „Keine Angst, Sahib“, sagte er. „Niemand braucht zu erfahren, dass Sie ihn getötet haben. Wir werden ihn verstecken und wer sollte davon erfahren?“ „Ich habe ihn nicht getötet“, sagte ich. Lal Chowdar schüttelte den Kopf und lächelte. „Ich habe alles gehört, Sahib“, sagte er. „Ich hörte den Streit und den Schlag. Aber meine Lippen sind versiegelt. Alle im Haus schlafen. Wir wollen ihn gemeinsam wegschaffen.“ Das war für mich ausschlaggebend. Wenn mir mein eigener Diener nicht glaubte, wie sollten dann zwölf törichte Händler auf der Geschworenenbank an meine Unschuld glauben? Lal Chowder und ich schafften die Leiche des Nachts fort und nach wenigen Tagen waren die Londoner Zeitungen voll mit Berichten über das geheimnisvolle Verschwinden von Captain Morstan. Aus dem, was ich sagte, erkennt ihr, dass ich kaum Schuld trage. Mein Fehler war, dass ich nicht nur die Leiche verbarg, sondern mich auch an den Schatz und Morstans Anteil klammerte. Ich möchte deshalb, dass ihr das wiedergutmacht. Legt euer Ohr an meinen Mund. Der Schatz ist verborgen in…‘ In diesem Augenblick überkam eine schreckliche Veränderung seinen Gesichtsausdruck; seine Augen starrten wie wild, sein Unterkiefer fiel herab und er schrie gellend, mit einer Stimme, die ich nie vergessen werden, ‚Haltet ihn fern! Um Himmels willen, haltet ihn fern!‘ Wir starrten beide zum Fenster hinter uns, auf das sein Blick gerichtet war. Ein Gesicht blickte aus der Dunkelheit ins Zimmer. Wir konnten das Weiß der Nase erkennen, wo sie gegen die Scheibe gepresst war. Es war ein bärtiges behaartes Gesicht, mit wilden grausamen Augen und einem Ausdruck geballter Niedertracht. Mein Bruder und ich eilten zum Fenster, aber der Mann war fort. Als wir zu unserem Vater zurückkehrten, war sein Kopf herabgesunken und sein Herz hatte aufgehört zu schlagen.
„Wir suchten in dieser Nacht den Garten ab, fanden aber keinen Hinweis auf den Eindringling, mit Ausnahme eines einzigen Fußabdrucks, der im Blumenbeet, genau unter dem Fenster, zu sehen war. Ohne diese eine Spur hätten wir annehmen können, dass unsere Einbildung dieses wilde, böse Gesicht heraufbeschworen hatte. Wir bekamen doch schon bald einen anderen und schlagkräftigeren Beweis dafür, dass geheime Kräfte um uns am Werk waren. Am Morgen fand man das Fenster von Vaters Zimmer geöffnet vor, die Schränke und Schubladen waren durchwühlt und auf seiner Brust war ein abgerissenes Stück Papier befestigt, auf dem die Worte ‚Das Zeichen der Vier‘ gekritzelt waren. Was die Worte zu bedeuten hatten, noch wer unser geheimnisvoller Besucher war, erfuhren wir nie. Soweit wir es beurteilen konnten, war nichts aus dem Besitz meines Vaters gestohlen worden, auch wenn alles durchwühlt war. Mein Bruder und ich sahen in dem sonderlichen Vorfall eine Verbindung zu der Furcht, die meinen Vater während seines Lebens verfolgt hatte. Aber für uns ist das alles immer noch ein völliges Rätsel.“
Der kleine Mann hielt inne, um seine Wasserpfeife erneut anzuzünden und paffte gedankenverloren einige Minuten lang. Wir alle hatten gebannt dagesessen und seiner ungewöhnlichen Erzählung gelauscht. Bei der kurzen Beschreibung vom Tod ihres Vaters war Miss Morstan leichenblass geworden, und einen Augenblick lang fürchtete ich, sie könnte in Ohnmacht fallen. Sie sammelte sich jedoch wieder, nachdem sie ein Glas Wasser getrunken hatte, das ich ihr vorsichtig aus einer venezianischen Karaffe, die auf einem Beistelltisch stand, eingegossen hatte. Sherlock Holmes lehnte sich in seinem Stuhl mit einem geistesabwesenden Ausdruck und hängenden Lidern über seinen funkelnden Augen zurück. Als ich ihm einen Blick zuwarf, konnte ich mir kaum vorstellen, dass er sich heute bitterlich über das gewöhnliche Leben beklagt hatte. Hier lag zumindest ein Problem vor, das seinen Scharfsinn aufs höchste herausforderte. Mr. Thaddeus Sholto sah von einem zum anderen von uns, offensichtlich stolz auf die Wirkung, die seine Geschichte auf uns ausübte und fuhr dann zwischen zwei Zügen aus seiner übergroßen Pfeife mit der Erzählung fort.
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