Kitabı oku: «Sherlock Holmes: Eine Studie in Scharlachrot»
ARTHUR CONAN DOYLE
Eine Studie
in Scharlachrot
Aus dem Englischen neu übersetzt von Dr. Hannelore Eisenhofer
Mit Illustrationen von Richard Gutschmidt

Übersetzung nach der Ausgabe
»The Complete Sherlock Holmes Long Stories«,
erschienen in einem Band 1929
© 2013 Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,
Hamburg
Alle Rechte, auch das der fotomechanischen Wiedergabe
(einschließlich Fotokopie) oder der Speicherung auf
elektronischen Systemen, vorbehalten.
All rights reserved.
Titelabbildung: Anja Kaiser – Fotolia.com
Umschlag: Timon Schlichenmaier, Hamburg
E-Book Erstellung: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH
ISBN: 978-3-86820-961-7
www.nikol-verlag.de
TEIL I
Nachdruck der Erinnerungen von
DR. JOHN H. WATSON,
ehemaliger Angehöriger
des Medizinischen Dienstes
der Armee
1. Mr. Sherlock Holmes
Im Jahre 1878 erwarb ich meinen Doktor der Medizin an der Universität von London und begab mich danach nach Netley, um einen Lehrgang zu absolvieren, der für Wundärzte beim Militär vorgeschrieben war. Nachdem ich dort meine Studien zum Abschluss gebracht hatte, wurde ich den Füsilieren des 5. Regiments von Northumberland als Assistenzarzt zugeteilt. Das Regiment war zu jener Zeit in Indien stationiert, und bevor ich mich ihm anschließen konnte, war der zweite Afghanistankrieg ausgebrochen. Als ich in Bombay landete, erfuhr ich, dass mein Korps die Pässe überschritten und tief in das Land des Feindes eingedrungen war. Ich folgte ihm jedoch, zusammen mit vielen anderen Offizieren, die sich in der gleichen Lage wie ich befanden, und es gelang mir Kandahar sicher zu erreichen, wo ich mein Regiment vorfand und sogleich meine neuen Aufgaben antreten konnte.

Der Feldzug brachte vielen Ehre und Beförderungen ein, doch für mich nichts als Unglück und Unheil. Ich wurde von meiner Brigade zu den Berkshires versetzt, mit denen ich an der todbringenden Schlacht von Maiwand teilnahm. Dort wurde ich an der Schulter von einer Jezzail-Kugel getroffen, die den Knochen zerschmetterte und die Schlüsselbeinarterie streifte. Ich wäre unweigerlich den blutrünstigen Ghazis in die Hände gefallen, wäre da nicht Murray, meine Ordonnanz, gewesen, der Hingabe und Mut bewies, mich auf ein Packpferd warf und dem es gelang, mich heil zu den britischen Stellungen zurückzubringen.
Von Schmerzen gepeinigt und geschwächt durch die anhaltenden Entbehrungen, die hinter mir lagen, wurde ich zusammen mit einem großen Zug Leidensgenossen in das Basishospital von Peshawar gebracht. Hier genas ich und mein Zustand hatte sich soweit gebessert, dass ich bereits in der Lage war durch die Krankensäle des Hospitals zu schlendern, und mich ein wenig auf der Veranda zu wärmen, als mich der Typhus niederstreckte, der Fluch unserer indischen Besitzungen. Monatelang rang ich mit dem Tod und als ich schließlich wieder zu mir kam und genas, war ich so geschwächt und ausgezehrt, dass die Sanitätskommission entschied, mich ohne einen weiteren Tag zu verlieren nach England zu schicken. Ich wurde demzufolge auf den Truppentransporter Orontes gebracht und erreichte einen Monat später die Pier von Portsmouth mit einer zwar unwiederbringlich ruinierten Gesundheit, doch der Erlaubnis einer väterlich fürsorglichen Regierung die nächsten neun Monate mit dem Versuch zu verbringen, diese wiederherzustellen.
Ich hatte weder Kind noch Kegel in England und war deshalb frei wie ein Vogel – oder so frei, wie ein Einkommen von elfeinhalb Schilling pro Tag es einem Manne gestattet. Unter diesen Umständen zog es mich selbstverständlich nach London, die große Senkgrube, in der sich unweigerlich alle Faulenzer und Tagediebe des gesamten Empires einfinden. Dort blieb ich einige Zeit in einer Pension in The Strand, wo ich ein trostloses, bedeutungsloses Dasein führte, und mein Geld freizügiger ausgab, als ich es beabsichtigt hatte. Der Stand meiner Geldmittel wurde derart besorgniserregend, dass ich entweder die Metropole verlassen und aufs Land ziehen sollte, was mir alsbald klar wurde, oder meinen Lebensstil vollkommen ändern musste. Ich wählte letzteres, weshalb ich beschloss die Pension zu verlassen und mein Quartier in einem weniger prätentiösen und kostspieligen Domizil aufzuschlagen.
An jenem Tag, an dem ich meinen Entschluss gefasst hatte, stand ich an der Bar des Criterion, als mir jemand auf die Schulter klopfte, den ich, als ich mich umwandte, als den jungen Stamford erkannte, der im Barts unter mir als Assistenzarzt gearbeitet hatte. Der Anblick eines vertrauten Gesichts in der großen Wildnis Londons ist für einen einsamen Mann wahrhaftig eine erfreuliche Begebenheit. In alten Zeiten war Stamford nie einer meiner speziellen Freunde, doch jetzt begrüßte ich ihn mit Begeisterung, und er wiederum schien erfreut mich zu sehen. Im Überschwang meiner Freude bat ich ihn mit mir zusammen im Holborn zu speisen und so fuhren wir zusammen in einem Hansom, einer zweirädrigen Droschke, davon.
»Was ist nur aus Ihnen geworden, Watson?« fragte er unverhohlen, als wir durch die belebten Straßen Londons rumpelten.
»Sie sind spindeldürr und braun wie eine Haselnuss.«
Ich umriss in kurzen Zügen meine Abenteuer und hatte kaum geendet, als wir unser Ziel schon erreicht hatten.
»Sie armer Teufel!« sagte er bedauernd, nachdem er sich meine Missgeschicke angehört hatte. »Was haben Sie jetzt vor?«
»Ich suche nach einer Bleibe«, antwortete ich. »Ich versuche die Frage zu lösen, ob es möglich ist komfortable Räume zu einem vernünftigen Preis zu finden.«
»Das ist seltsam«, bemerkte mein Begleiter; »Sie sind heute schon der zweite, den ich das sagen höre.«
»Und wer war der erste?«
»Ein Bursche, der im Chemielaboratorium des Hospitals arbeitet. Er beklagte sich heute Morgen, dass er niemand finde, der sich mit ihm ein paar hübsche Zimmer teilen würde, die er aufgetan hat, die aber zu viel für seinen Geldbeutel sind.
»Beim Jupiter!« rief ich, »wenn er wirklich jemanden will, der sich mit ihm die Räume und die Kosten teilt, dann bin ich genau der richtige Mann für ihn. Ich würde lieber teilen, als allein zu sein.«
Der junge Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg mit einem merkwürdigen Blick an. »Sie kennen Sherlock Holmes noch nicht«, sagte er; »möglicherweise legen Sie keinen besonderen Wert auf dessen ständige Gesellschaft.
»Warum, was spricht gegen ihn?«
»Oh, ich habe nicht gesagt, dass etwas gegen ihn spricht. Er hat nur etwas absonderliche Einfälle – ein Schwärmer, in einigen Zweigen der Wissenschaft. Aber soweit ich weiß, ist er ein anständiger Kerl.«
»Ein Student der Medizin, nehme ich an?« sagte ich.
»Nein – ich habe keine Ahnung, was er anzustreben gedenkt. Ich glaube, er ist ganz gut in Anatomie, und er ist ein erstklassiger Chemiker; aber soweit ich weiß, hat er nie irgendwelche medizinischen Kurse systematisch belegt. Seine Studien sind sehr planlos und exzentrisch, aber er hat eine große Menge ungewöhnlicher Kenntnisse angehäuft, die seine Professoren in Staunen versetzen würden.«
»Haben Sie ihn nie gefragt, was er anstrebt?« fragte ich.
»Nein; er ist nicht besonders gesprächig, aber er kann durchaus mitteilsam sein, wenn ihn die Laune dazu gepackt hat.«
»Ich sollte ihn treffen«, sagte ich. »Falls ich mit jemandem zusammen wohnen sollte, dann bevorzuge ich einen fleißigen Mann mit ruhigen Gewohnheiten. Ich bin noch nicht wieder genug bei Kräften, um viel Lärm oder Aufregung ertragen zu können. Von beidem hatte ich in Afghanistan genug für den Rest meines Lebens. Wie kann ich Ihren Freund kennenlernen?«
»Er ist sicherlich im Laboratorium«, erwiderte mein Gefährte. »Er meidet diesen Ort entweder wochenlang oder er arbeitet dort von morgens bis in die Nacht. Wenn es Ihnen recht ist, sollten wir nach dem Essen dorthin fahren.«
»Gewiss«, antwortete ich, und die Konversation wandte sich anderen Themen zu.
Als wir uns auf den Weg zum Hospital begaben, nachdem wir das Holborn verlassen hatten, lieferte mir Stamford ein paar Einzelheiten zu dem Herrn, den ich als einen Mitbewohner vorgeschlagen hatte.
»Sie müssen mir nicht die Schuld geben, sollten Sie nicht mit ihm auskommen«, sagte er; »ich weiß nicht viel mehr über ihn, als das, was ich bei gelegentlichem Zusammentreffen im Laboratorium erfahren habe. Sie haben diese Vereinbarung vorgeschlagen, also dürfen Sie nicht mich dafür verantwortlich machen.«
»Wenn wir nicht miteinander auskommen, können wir uns ja leicht trennen«, antwortete ich. »Mir scheint, Stamford«, fügte ich hinzu, und sah meinen Begleiter streng an, »es gäbe einige Gründe dafür, dass Sie Ihre Hände in Unschuld waschen wollen. Ist der Charakter dieses Burschen denn so schrecklich oder was hat es mit ihm auf sich? Nun seien Sie nicht so zurückhaltend.«
»Es ist nicht einfach das Unaussprechliche auszusprechen«, antwortete er mit einem Lachen. »Holmes ist für meinen Geschmack ein wenig zu wissenschaftlich – fast schon kaltblütig. Ich könnte mir vorstellen, dass er einem Freund eine Prise des neuesten pflanzlichen Alkaloids verabreichen würde, nicht aus Böswilligkeit, verstehen Sie, sondern nur aus Forscherdrang, um sich ein genaues Bild von den Wirkungen machen zu können. Um ihm gerecht zu werden, denke ich, dass er es mit der gleichen Bereitschaft selbst einnehmen würde. Er scheint eine Leidenschaft für konkretes und exaktes Wissen zu haben.«
»Was doch durchaus gut ist.«
»Ja, aber nicht, wenn man es übertreibt. Wenn es so weit geht, die Leichen in den Sezierräumen mit einem Stock zu schlagen, dann nimmt das gewiss bizarre Formen an.«
»Die Leichen schlagen!«
»Ja, um festzustellen, wie weit Blutergüsse nach dem Tod auftreten können. Ich sah ihn dabei mit eigenen Augen.«
»Und dennoch sagten Sie, er sei kein Medizinstudent?«
»Nein. Der Himmel weiß, was das Ziel seiner Studien ist. Aber hier sind wir und Sie sollten sich Ihre eigene Meinung von ihm bilden.« Während er sprach, waren wir in eine enge Gasse eingebogen und traten durch einen schmalen Nebeneingang ein, der zu einem Flügel des großen Hospitals führte. Das war für mich gewohntes Terrain und ich benötigte keine Führung, als wir die trostlosen Steinstufen hinaufstiegen und den langen Korridor mit seinem Ausblick auf weißgetünchte Wände und graubraune Türen entlanggingen. Am anderen Ende bog ein niedriger gewölbter Durchgang ab und führte zum chemischen Laboratorium.
Es war ein hoher Raum, gesäumt und übersät mit zahlreichen Flaschen. Überall standen breite niedrige Tische, die vor Retorten, Reagenzgläsern und kleinen Bunsenbrennern strotzten, deren blaue Flammen flackerten. In diesem Raum befand sich nur ein Student, der sich über einen der weiter hinten befindlichen Tische in seine Arbeit vertieft gebeugt hatte. Als er unsere Schritte vernahm, sah er sich um und sprang mit einem Freudenschrei auf. »Ich hab’s gefunden! Ich hab’s gefunden«, schrie er meinem Begleiter zu und rannte mit einem Reagenzglas in der Hand auf uns zu. »Ich habe ein Reagens gefunden, das nur durch Hämoglobin und sonst nichts anderes ausgefällt wird.«
Hätte er eine Goldgrube entdeckt, wäre sein Gesichtsausdruck kaum strahlender vor Freude gewesen.
»Dr. Watson, Mr. Sherlock Holmes«, sagte Stamford als er uns einander vorstellte.
»Sehr erfreut«, sagte er herzlich und nahm meine Hand mit einer Kraft, die ich kaum von ihm erwartet hätte. »Wie ich sehe, waren Sie in Afghanistan.«
»Wie in aller Welt wissen Sie das?« fragte ich erstaunt.
»Unwichtig«, sagte er und lachte in sich hinein. »Wichtig ist jetzt Hämoglobin. Zweifellos sehen Sie die Bedeutung meiner Entdeckung?«
»Sicher interessant, aus chemischer Sicht«, antwortete ich, »aber praktisch…«
»Guter Mann, das ist die praktischste gerichtsmedizinische Entdeckung seit Jahren. Begreifen Sie denn nicht, dass sie uns eine unfehlbare Untersuchungsmethode für Blutflecke liefert? Kommen Sie jetzt hierher!« Er packte mich in seinem Eifer beim Mantelärmel und zerrte mich zu dem Tisch, an dem er gearbeitet hatte. »Wir brauchen frisches Blut«, sagte er, stieß eine lange Nadel in einen seiner Finger und nahm die hervortretenden Blutstropfen mit einer Pipette auf. »Jetzt gebe ich diese kleine Menge Blut in einen Liter Wasser. Sie sehen, dass die daraus entstandene Mixtur dem Anschein nach reines Wasser ist. Der Anteil des Blutes kann nicht mehr als eins zu einer Million sein. Ich zweifle jedoch nicht, dass wir eine charakteristische Reaktion erhalten werden.« Während er sprach, warf er ein paar weiße Kristalle in das Gefäß und fügte dann einige Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Im Handumdrehen nahm der Inhalt eine trübe braunrote Färbung an und ein bräunlicher Niederschlag bildete sich auf dem Boden des Glasbehälters.
»Ha! Ha!« rief er, klatschte in die Hände und strahlte wie ein kleines Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat. »Was halten Sie davon?«
»Das scheint eine sehr empfindliche Untersuchung zu sein«, bemerkte ich.
»Wunderbar, hervorragend! Der alte Guajak[1]-Test war sehr umständlich und unsicher. Genauso wie mikroskopische Untersuchung auf Blutkörperchen. Letztere ist wertlos, wenn die Flecken ein paar Stunden alt sind. Nun, das hier scheint sowohl bei altem als auch neuem Blut zu funktionieren. Wäre man schon früher auf eine solche Untersuchungsmethode verfallen, würden hunderte Menschen, die immer noch auf Erden wandeln, schon längst für ihre Verbrechen gebüßt haben.
»Tatsächlich!« murmelte ich.
»Kriminalfälle hängen häufig von diesem einen Punkt ab. Ein Mann wird eines Verbrechens verdächtigt, vielleicht Monate, nachdem es begangen wurde. Seine Wäsche oder Kleidung wird untersucht, und man entdeckt darauf bräunliche Flecken. Sind das Blutflecken, ist es Schmutz, Rost, sind es Obstflecken oder was sonst? Das ist eine Frage, die viele Fachleute verwirrt hat und warum? Weil es keinen zuverlässigen Test gab. Nun haben wir den Sherlock Holmes Test und es wird keine Schwierigkeiten mehr geben.«
Seine Augen strahlten, als er sprach und er legte seine Hand über sein Herz und verbeugte sich wie vor einer applaudierenden Menge, die seine Einbildungskraft heraufbeschworen hatte.
»Sie sind zu beglückwünschen«, bemerkte ich, ein wenig überrascht ob seiner Begeisterung.
»Da gab es den Fall Von Bischoff, letztes Jahr in Frankfurt. Man hätte ihn sicherlich gehängt, wenn es diesen Test schon gegeben hätte. Dann Mason von Bradford, und der honorige Muller, und Lefevre aus Montpellier oder Samson aus New Orleans. Ich könnte eine ganze Liste an Fällen aufzählen, in denen ein solcher Test entscheidend gewesen wäre.«
»Sie scheinen ein wandelndes Verbrechensverzeichnis zu sein«, sagte Stamford mit einem Lachen. »Sie sollten das zu Papier bringen. Nennen wir es ›Polizeinachrichten der Vergangenheit‹.«
»Das könnte eine interessante Lektüre sein«, bemerkte Sherlock Holmes und klebte sich ein kleines Pflaster auf den Einstich an seinem Finger. »Ich muss vorsichtig sein«, fuhr er fort, und wandte sich mit einem Lächeln mir zu, »denn ich hantiere mit allerlei Giften.« Als er das sagte, streckte er seine Hand aus, und ich bemerkte, dass sie über und über mit ähnlichen Pflastern gesprenkelt und durch starke Säuren verfärbt war.
»Wir sind hier wegen eines Anliegens«, sagte Stamford und setzte sich auf einen hohen dreibeinigen Hocker, während er einen anderen mit dem Fuß in meine Richtung schob. »Mein Freund hier möchte sich ein Quartier nehmen und da Sie sich beklagt hatten, dass niemand mit Ihnen eine Wohnung teilen möchte, dachte ich, es wäre am besten Sie beide zusammenzubringen.«
Sherlock Holmes schien erfreut über die Vorstellung sich mit mir eine Wohnung zu teilen. »Ich habe ein Auge auf ein paar Zimmer in der Baker Street geworfen«, sagte er, »was genau das Richtige für uns wäre. Ich hoffe der Geruch starken Tabaks stört Sie nicht.«
»Ich selbst rauche immer »Ship’s« Zigaretten«, antwortete ich.
»Sehr gut. Normalerweise habe ich Chemikalien bei mir und führe gelegentlich Experimente durch. Würde Sie das stören?«
»Keineswegs.«
»Lassen Sie mich überlegen, welche Schwächen ich sonst noch habe. Mitunter lasse ich mich gehen und bringe tagelang den Mund nicht auf. Sie sollten mich dann nicht für übellaunig halten. Lassen Sie mich einfach in Ruhe und ich komme wieder in Ordnung. Und was haben Sie jetzt zu beichten? Ich finde, bevor man beginnt zusammenzuleben sollte man die schlimmsten Schwächen voneinander wissen.«

Ich lachte bei diesem Kreuzverhör. »Ich halte mir eine junge Bulldogge«, sagte ich, »und habe etwas gegen Krach, weil meine Nerven zerrüttet sind, ich stehe zu unchristlichen Zeiten auf und bin äußerst faul. Ich habe noch eine ganze Reihe anderer Laster, wenn es mir gut geht, aber das sind im Augenblick die wichtigsten.«
»Fällt Geigenspiel in die Kategorie Lärm?« fragte er besorgt.
»Das hängt vom Spieler ab«, antwortete ich. »Ein gutes Geigenspiel ist ein Geschenk an die Götter – aber ein schlechtes …«
»Oh, dann ist alles in Ordnung«, rief er mit einem fröhlichen Lachen. »Ich denke, wir können die Angelegenheit als abgeschlossen betrachten – das heißt, sofern Ihnen die Räume zusagen.«
»Wann können wir sie sehen?«
»Kommen Sie morgen Mittag hierher und wir werden zusammen dorthin gehen und alles regeln«, antwortete er.
»Also gut – Punkt Mittag«, sagte ich und schüttelte ihm die Hand.
Wir überließen ihn wieder seinen Chemikalien und spazierten zusammen zu meiner Pension.
»Ach übrigens, wie zum Teufel kam er darauf, dass ich aus Afghanistan gekommen bin?« fragte ich plötzlich, blieb stehen und sah Stamford an.
Mein Begleiter setzte ein rätselhaftes Lächeln auf. »Das ist seine Besonderheit«, sagte er. »Viele Leute wollten schon wissen, wie er Dinge herausfindet.«
»Ach! Das ist ein Geheimnis?« rief ich und rieb mir die Hände. »Das ist sehr pikant. Da bin ich Ihnen sehr verbunden, dass Sie uns zusammengebracht haben, denn ›Der wahre Forschungsgegenstand der Menschheit ist der Mensch‹, wie Sie wissen.«
»Dann müssen Sie ihn erforschen«, sagte Stamford, als er sich von mir verabschiedete. »Doch Sie werden feststellen, dass er eine verzwickte Aufgabe ist. Ich wette, er wird mehr über Sie erfahren, als Sie über ihn. Auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen«, antwortete ich und schlenderte weiter zu meiner Pension. Ich war von meiner neuen Bekanntschaft deutlich angetan.
2. Die Wissenschaft der Deduktion
Wir trafen uns, wie er es ausgemacht hatte, am nächsten Tag und besichtigten die Räume auf Nr. 221B in der Baker Street, von denen er während unserer Begegnung gesprochen hatte. Sie bestanden aus zwei komfortablen Schlafzimmern und einem großen luftigen Wohnzimmer, das gemütlich eingerichtet war und von zwei großen Fenstern erhellt wurde. Die Räumlichkeiten waren in jeder Hinsicht erstrebenswert und die Bedingungen erschienen uns so moderat, wenn man die Kosten zwischen uns aufteilte, dass wir auf der Stelle das Angebot annahmen und die Räume für uns beanspruchten. Noch am selben Abend brachte ich meine Habseligkeiten aus der Pension dorthin und am nächsten Morgen folgte Sherlock Holmes mit mehreren Kisten und Handkoffern. Ein oder zwei Tage waren wir damit beschäftigt unser Hab und Gut auszupacken und bestmöglich unterzubringen. Als wir damit fertig waren, begannen wir uns einzuleben und es uns in unserer neuen Umgebung bequem zu machen.
Es war gewiss nicht schwierig mit Holmes auszukommen. Er war auf seine Weise ruhig und hatte geregelte Gepflogenheiten. Ich fand ihn selten nach zehn Uhr noch auf den Beinen vor und er hatte jeden Morgen bereits gefrühstückt und das Haus verlassen, bevor ich aufstand. Bisweilen verbrachte er den Tag im Chemielaboratorium, in den Sezierräumen oder gelegentlich mit langen Spaziergängen, die ihn in die niedersten Teile der Stadt zu führen schienen. Seine Energie schien unübertrefflich, wenn ihn die Arbeitswut gepackt hatte; aber hin und wieder überfielen ihn Stimmungen, in denen er tagelang auf dem Sofa im Wohnzimmer lag, kaum ein Wort hervorbrachte oder auch nur einen Muskel von morgens bis abends bewegte. Bei solchen Gelegenheiten nahm ich bei ihm einen verträumten, leeren Blick wahr, was zu der Vermutung hätte führen können, er sei irgendwelchen Betäubungsmitteln verfallen, hätte nicht die Mäßigkeit und Reinlichkeit seines ganzen Lebenswandels gegen einen solchen Gedanken gesprochen.
Die Wochen verstrichen und meine Anteilnahme an ihm sowie meine Neugier hinsichtlich seiner Lebensziele vertieften und verstärkten sich allmählich. Seine Persönlichkeit und Erscheinung erregten selbst die Aufmerksamkeit des beiläufigsten Beobachters. Er maß etwas über einen Meter achtzig, war überaus schlank und erschien dadurch noch größer. Seine Augen waren scharf und durchdringend, außer in Zeiten der Trägheit, auf die ich schon angespielt hatte; und seine schmale Hakennase verlieh seinem Gesicht insgesamt den Ausdruck der Wachsamkeit und Entschiedenheit. Auch sein Kinn, eckig und hervorspringend, kennzeichnete ihn als einen Mann von Entschlusskraft. Seine Hände waren ständig mit Tinte beschmiert und von Chemikalien befleckt, und doch besaß er ein außergewöhnliches Fingerspitzengefühl, was ich bei vielen Gelegenheiten beobachten konnte, wenn ich ihn mit seinen zerbrechlichen wissenschaftlichen Instrumenten hantieren sah.
Der Leser mag mich als einen hoffnungslosen Wichtigtuer abstempeln, wenn ich gestehe, wie sehr dieser Mann meine Neugier weckte und wie oft ich mich nach Kräften bemühte seine Zurückhaltung, die er bei allem an den Tag legte, was ihn betraf, zu durchbrechen. Es sei jedoch, bevor ein Urteil über mich gefällt wird, daran erinnert, wie ziellos mein Leben war, und wie wenig es gab, das meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Meine Gesundheit verbot mir Unternehmungen im Freien, außer das Wetter war ungewöhnlich mild. Ich hatte keine Freunde, die mir einen Besuch abstatten und die Eintönigkeit meines täglichen Daseins unterbrechen würden. Unter diesen Umständen begrüßte ich eifrig das kleine Geheimnis, das meinen Mitbewohner umgab und verbrachte einen Großteil meiner Zeit damit, mich zu bemühen dieses zu lüften.
Er studierte nicht Medizin. Er hatte, als Antwort auf eine Frage, Stamfords Ansicht in dieser Hinsicht bestätigt. Er schien auch keine Vorlesungen belegt zu haben, die ihn befähigt hätten einen wissenschaftlichen Grad oder einen ähnlich anerkannten Zutritt in die Welt der Gelehrtenschaft zu erlangen. Dennoch war sein Eifer, den er bei bestimmten Studien an den Tag legte, so bemerkenswert, und sein Wissen auf exzentrischen Bereichen so ungewöhnlich umfassend und genau, dass seine Betrachtungen mich durchaus erstaunten. Gewiss würde niemand so hart arbeiten oder sich derart exakte Kenntnisse aneignen, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Oberflächliche Leser sind selten für die Genauigkeit ihres Wissens erwähnenswert. Niemand belastet seinen Geist mit Kleinigkeiten, außer er hat sehr gute Gründe dafür.
Seine Unwissenheit war so bemerkenswert wie sein Wissen. Er schien nahezu nichts über zeitgenössische Literatur, Philosophie und Politik zu wissen. Als ich Thomas Carlyle zitierte, fragte er höchst naiv nach, wer das denn sei und was er geleistet hätte. Meine Überraschung erreichte jedoch einen Höhepunkt, als ich zufällig herausfand, dass ihm die Theorie von Kopernikus und der Aufbau des Sonnensystems unbekannt waren. Dass ein gebildeter Mensch des neunzehnten Jahrhunderts nicht wissen könnte, dass die Erde um die Sonne kreist, erschien mir als eine so ungewöhnliche Tatsache, dass ich es kaum begreifen konnte.
»Sie scheinen erstaunt zu sein«, sagte er und lächelte über meine Verwunderung. »Nun, da ich es weiß, werde ich es schnellstens wieder vergessen.«
»Vergessen!«
»Sehen Sie«, erklärte er mir, »ich betrachte das menschliche Gehirn als einen kleinen Dachboden, den man mit den Möbeln ausstattet, die einem genehm sind. Ein Dummkopf stopft ihn mit allem möglichen Gerümpel voll, über das er stolpert, so dass das Wissen, das für ihn nützlich sein könnte, verdrängt oder von einer Menge anderer Dinge verstellt wird, und er Schwierigkeiten hat es wiederzufinden. Der geschickte Arbeiter ist dagegen sehr vorsichtig, was er in seinem Gehirnstübchen unterbringen will. Er wird nichts außer den Werkzeugen aufnehmen, die ihm dabei helfen können seine Arbeit zu verrichten, aber er besitzt davon eine große Auswahl und alle sind in bestem Zustand. Es ist ein Fehler anzunehmen, dass dieser kleine Raum elastische Wände hätte und sich beliebig dehnen ließe. Verlassen Sie sich darauf, dass eine Zeit kommt, in der Sie für jedes zusätzliche Wissen etwas vergessen, das Sie zuvor gewusst haben. Es ist deshalb von höchster Wichtigkeit keine nutzlosen Fakten zu haben, die nützliche verdrängen.«
»Aber das Sonnensystem!« protestierte ich.
»Was zum Teufel soll ich damit?« unterbrach er mich ungeduldig; »Sie sagen, wir kreisen um die Sonne. Wenn wir um den Mond kreisten, würde das nicht den geringsten Unterschied für mich oder meine Arbeit ausmachen.«
Ich war kurz davor ihn zu fragen, welche Arbeit es sein könnte, aber etwas in seiner Haltung deutete an, dass die Frage nicht willkommen war. Ich sann über unsere kurze Konversation nach und bemühte mich, meine Schlüsse daraus zu ziehen. Er sagte, er würde sich kein Wissen aneignen, das nichts mit seinem Ziel zu tun habe. Deshalb war alles Wissen, das er besaß so beschaffen, das es ihm nützte. Ich zählte im Geiste die verschiedenen Punkte auf, bei denen er gezeigt hatte, dass er überaus gut unterrichtet war. Ich nahm einen Stift und notierte sie mir. Ich konnte nicht umhin zu lächeln, als ich das Dokument fertig gestellt hatte. Es sah folgendermaßen aus:
SHERLOCK HOLMES – seine Grenzen
1. Kenntnisse in Literatur. – Null.
2. in Philosophie. – Null.
3. in Astronomie. – Null.
4. in Politik. – Schwach.
5. in Botanik. – Unterschiedlich. Bewandert bei Belladonna, Opium und Giften im Allgemeinen. Er weiß nichts über praktische Gärtnerei.
6. in Geologie. – Brauchbar, aber begrenzt. Kann auf einen Blick die verschiedenen Böden unterscheiden. Nach Spaziergängen hatte er mir die Spritzer auf seiner Hose gezeigt und mir nach deren Farbe und Zusammensetzung erklärt, aus welchem Teil Londons sie stammen.
7. in Chemie. – Profund.
8. in Anatomie. – Genau, aber unsystematisch.
9. in Sensationsliteratur. – Immens. Er scheint alle Details jeder Schreckenstat zu wissen, die in diesem Jahrhundert verübte wurde.
10. Spielt gut Geige.
11. Beherrscht ausgezeichnet Stock- und Schwertkampf, guter Boxer.
12. Gute Kenntnis des britischen Gesetzes.
Nachdem ich bis zu diesem Punkt auf meiner Liste gelangt war, warf ich sie voll Verzweiflung ins Feuer. »Wenn ich nur herausfinden könnte, worauf der Bursche abzielt, indem ich alle Fertigkeiten unter einen Hut bringe und einen Beruf entdecke, für den sie samt und sonders erforderlich sind«, sagte ich zu mir, »sonst kann ich den Versuch gleich aufgeben.«

Ich stelle fest, dass ich oben auf seine Geigenkünste angespielt habe. Diese waren wirklich bemerkenswert, aber genauso exzentrisch wie alle anderen Fertigkeiten. Dass er Stücke spielen konnte, schwierige Stücke, wusste ich nur zu gut, weil er auf meine Bitte hin ein paar Lieder von Mendelssohn und andere meiner Lieblingsstücke gespielt hatte. War er sich jedoch selbst überlassen, machte er kaum Musik oder den Versuch, etwas, das man als Musik bezeichnen könnte, zu erzeugen. An solchen Abenden pflegte er sich in seinen Lehnstuhl zu setzen, die Augen zu schließen und achtlos auf seiner Geige herumzukratzen, die auf seinen Knien lag. Manche Töne waren klangvoll und melancholisch. Gelegentlich waren sie phantastisch und fröhlich. Sie verdeutlichten die Gedanken, die ihn beschäftigten, doch ich konnte nicht ausmachen, ob die Musik ihm beim Nachdenken behilflich war oder ob sein Spiel einfach nur das Ergebnis einer Laune oder Phantasie war. Ich hätte mich gegen diese mich zur Verzweiflung bringenden Soli auflehnen können, würde er sie nicht für gewöhnlich durch eine rasche Abfolge meiner Lieblingsstücke beenden, was als eine kleine Entschädigung für die Strapazen meiner Nerven angesehen werden konnte.
Während der ersten Wochen hatten wir keine Besucher und ich begann davon auszugehen, dass mein Gefährte genauso ohne Freunde dastand wie ich selbst. In Kürze fand ich jedoch heraus, dass er viele Bekanntschaften hatte und zwar in den unterschiedlichen Klassen der Gesellschaft. Es gab den kleinen, farblosen, rattengesichtigen Kerl mit dunklen Augen, der mir als Mr. Lestrade vorgestellt wurde, und der in einer einzigen Woche drei oder vier Mal kam. Eines Morgens stattete ihm eine junge, nach der neuesten Mode gekleidete Frau einen Besuch ab und blieb eine halbe Stunde oder länger. Der Nachmittag des gleichen Tages bescherte uns einen grauhaarigen schäbigen Besucher, der wie ein jüdischer Hausierer aussah und auf mich einen höchst aufgeregten Eindruck machte, und auf den kurz danach eine schlampige ältere Frau folgte. Bei einer anderen Gelegenheit hatte ein weißhaariger Gentleman eine Unterredung mit meinem Mitbewohner; und bei einer anderen war es ein Gepäckträger in samtener Uniform. Wann immer diese schwer einzuschätzenden Individuen auftauchten, pflegte Sherlock Holmes darum zu bitten das Wohnzimmer benutzen zu dürfen, und ich zog mich in mein Schlafzimmer zurück. Er entschuldigte sich dafür mir diese Unannehmlichkeit zuzumuten. »Ich muss diesen Raum für meine Geschäfte benutzen«, sagte er, »und diese Leute sind meine Klienten.« Wieder bot sich mir eine Gelegenheit ihm eine direkte Frage zu stellen und wiederum hielt mich mein Taktgefühl davor zurück, einen anderen Menschen zu zwingen sich mir anzuvertrauen. Zu der Zeit dachte ich, dass er sicher gute Gründe hätte, nichts verlauten zu lassen, doch diese Ansicht zerstreute er alsbald, als er aus eigenem Antrieb auf das Thema zu sprechen kam.
Es war am 4. März und ich habe gute Gründe mich daran zu erinnern, da ich etwas früher als sonst aufgestanden war und feststellte, dass Sherlock Holmes sein Frühstück noch nicht beendet hatte. Die Hauswirtin hatte sich so sehr daran gewöhnt, dass ich erst spät erschien, so dass mein Platz weder gedeckt noch der Kaffee gebrüht war. Mit der unvernünftigen Gereiztheit des Mannes läutete ich und gab kurz Bescheid, dass ich fertig sei. Dann nahm ich ein Magazin vom Tisch und versuchte mir damit die Zeit zu vertreiben, während mein Mitbewohner schweigend an seinem Toast kaute. Die Überschrift eines Artikels war mit Bleistift markiert worden und ich begann ihn deshalb zu überfliegen.
Der ein wenig hochtrabende Titel lautete »Das Buch des Lebens« und es stellte den Versuch dar, aufzuzeigen wie viel ein aufmerksamer Mensch durch eine exakte und systematische Untersuchung all dessen, was ihm über den Weg lief, lernen könne. Es erschien mir als eine bemerkenswerte Mischung aus Scharfsinn und Absonderlichkeit. Die Argumentation war knapp und eindringlich, aber die Schlussfolgerungen waren meiner Meinung nach zu weit hergeholt und übertrieben. Der Verfasser gab vor durch einen flüchtigen Gesichtsausdruck, das Zucken eines Muskels oder den Blick eines Auges die innersten Gedanken eines Menschen ergründen zu können. Täuschung war, nach seinem Dafürhalten, für einen Mann scharfer Beobachtungsgabe und Analyse ein Ding der Unmöglichkeit. Seine Rückschlüsse waren so unfehlbar wie die Thesen von Euklid. Seine Ergebnisse würden den Uneingeweihten so verwirrend erscheinen, bis sie den Prozess begriffen hätten, durch den er zu diesen gelangt sei, und sie würden ihn wahrscheinlich als einen Nekromanten betrachten.
»Aus einem Tropfen Wasser«, sagte der Verfasser, könnte ein Logiker auf den Atlantik oder den Niagara schließen, ohne von beiden je etwas gesehen oder gehört zu haben. Das ganze Leben ist eine Kette von Abläufen, deren Beschaffenheit bekannt wird, sobald uns ein Glied dieser Kette vor Augen geführt wird. Wie alle anderen Kunstfertigkeiten kann die Deduktion und Analyse nur durch lange und geduldige Studien erworben werden, doch währt kein Leben lange genug, um die höchste Vollkommenheit darin zu erreichen. Bevor er sich jenen moralischen und mentalen Seiten der Angelegenheit zuwendet, welche die größten Schwierigkeiten darstellen, hat der Forscher die elementareren Probleme zu meistern. Wenn er einem anderen Sterblichen begegnet, lernt er auf einen Blick die Geschichte des Mannes zu erfassen, dessen Handwerk oder Beruf, dem er zuzurechnen ist. Wenngleich eine solche Übung kindisch erscheinen mag, schärft sie doch die Beobachtungsfähigkeiten und lehrt einen wohin man zu blicken und wonach man zu suchen hat. Durch die Fingernägel eines Menschen, seinen Mantelärmel, seine Stiefel, seine Kniebundhosen, die Schwielen an seinem Zeigefinger und Daumen, seinen Gesichtsausdruck, seine Manschetten – durch jedes Detail wird der Beruf eines Mannes offenkundig. Dass alles zusammen den fähigen Forscher nicht aufklären könne, erscheine auf jeden Fall höchst unvorstellbar.
»Was für ein unsäglich dummes Geschwätz!« rief ich und knallte das Magazin auf den Tisch, »ich habe in meinem ganzen Leben noch nie solchen Unsinn gelesen.«
»Worum geht es?« fragte Sherlock Holmes.
»Nun, dieser Artikel«, sagte ich und deutete mit meinem Eierlöffel darauf, da ich gerade beim Frühstück saß. »Ich sehe, dass Sie ihn gelesen haben, weil Sie ihn kennzeichneten. Ich leugne nicht, dass er recht klug geschrieben ist. Dennoch irritiert er mich. Es ist offensichtlich die Theorie eines Stubenhockers, der in seinem Lehnstuhl sitzt und aus seinen eigenen Studien all diese netten kleinen Paradoxien schließt. Er ist ohne praktischen Nutzen. Ich möchte ihn gerne in einem Wagen dritter Klasse in der Untergrundbahn eingezwängt sehen, und ihn fragen, wie er die Berufe aller Mitfahrenden bestimmen möchte. Ich würde eins zu tausend gegen ihn wetten.«
»Sie würden Ihr Geld verlieren«, bemerkte Sherlock Holmes ruhig. »Und was den Artikel angeht, den habe ich geschrieben.«
»Sie!«
»Ja, ich habe einen Hang zur Beobachtung und zur Deduktion. Die Theorien, die ich hier zur Sprache gebracht habe, und die Ihnen so phantastisch erscheinen, sind in Wirklichkeit äußerst praktikabel – so praktikabel, dass davon mein täglich Brot abhängt.«
»Und wie das denn?« fragte ich unwillkürlich.
»Nun, ich habe mein eigenes Handwerk. Ich vermute, dass ich der einzige auf dem Gebiet weltweit bin. Ich bin ein beratender Detektiv, falls Sie verstehen, was das ist. Hier in London haben wir jede Menge Detektive der Regierung und auch jede Menge privater. Wenn diese Burschen nicht mehr weiter wissen, kommen sie zu mir und ich bringe sie auf die richtige Spur. Sie bringen mir alle Beweise und ich bin, dank meiner Kenntnis der Verbrechensgeschichte, im Allgemeinen in der Lage, die Dinge zurechtzurücken. Es gibt bei Missetaten große Familienähnlichkeiten, und wenn man alle Details von tausend Verbrechen in Händen hält, wäre es seltsam, nicht auch das tausendunderste aufzudecken. Lestrade ist ein bekannter Detektiv. Bei einem Fall von Fälschung lief er unlängst in die Irre und kam deshalb hierher.
»Und die ganzen anderen Leute?«
»Sie werden meist von privaten Detekteien geschickt. Es sind alles Leute, die wegen irgendetwas in Schwierigkeiten stecken und aufgeklärt werden wollen. Ich höre mir deren Geschichte an, sie hören meinen Kommentaren zu und dann streiche ich mein Honorar ein.«
»Aber wollen Sie damit sagen«, meinte ich, »dass Sie, ohne Ihr Zimmer zu verlassen, imstande sind, ein paar Knoten lösen, mit denen andere nichts anfangen können, selbst wenn diese alle Details kennen?«
»Ganz genau. Ich besitze eine Art Intuition. Hin und wieder stellt sich ein Fall als etwas komplexer dar. Dann muss ich mich selbst tummeln und die Dinge mit eigenen Augen sehen. Wie Sie wissen, verfüge ich über ein spezielles Wissen, das ich auf die Sache anwende und das die Angelegenheit wunderbar erleichtert. Die Regeln der Deduktion, die ich in diesem Artikel dargelegt habe, und die Ihre Verachtung hervorgerufen haben, sind für meine praktische Arbeit von unschätzbarem Wert. Das Beobachten ist mir zur zweiten Natur geworden. Sie schienen, als wir uns zum ersten Mal begegneten, erstaunt, als ich sagte, Sie kämen aus Afghanistan.«
»Das hatte Ihnen sicherlich jemand erzählt.«
»Keineswegs. Ich wusste, dass Sie aus Afghanistan kamen. Aus langer Gewohnheit gehen mir die Gedanken so schnell durch den Kopf, dass ich bei der Schlussfolgerung anlange, ohne mir der Zwischenschritte bewusst zu sein. Der Denkvorgang lief folgendermaßen ab: Hier ist ein Gentleman der medizinischen Sparte, aber mit der Haltung eines Militärs. Bestimmt ein Armeearzt. Er ist gerade aus den Tropen gekommen, denn sein Gesicht ist dunkel, aber das ist nicht seine natürliche Hautfarbe, denn seine Handgelenke sind hell. Er hat einiges an Mühsal und Krankheit durchlitten, was sein hageres Gesicht deutlich aussagt. Sein linker Arm wurde verletzt. Er hält ihn unnatürlich steif. In welchen tropischen Gebieten könnte ein englischer Armeearzt solche Mühsal durchlebt haben und sein Arm verwundet worden sein? Natürlich in Afghanistan. Dieser ganze Gedankenablauf dauerte nicht einmal eine Sekunde. Und dann ließ ich die Bemerkung fallen, Sie kämen aus Afghanistan und Sie waren erstaunt.«
»Es klingt einfach, wie Sie das erklären«, sagte ich mit einem Lächeln. »Sie erinnern mich an Edgar Allen Poes Dupin. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass solche Individuen außerhalb von Erzählungen existieren.«
Sherlock Holmes stand auf und zündete seine Pfeife an. »Sie denken sicher, dass Sie mir ein Kompliment machen, wenn Sie mich mit Dupin vergleichen«, bemerkte er. »Nun, in meinen Augen war Dupin ein minderwertiger Bursche. Sein Trick, in die Gedanken seiner Freunde mit der Bemerkung ach übrigens nach einer Viertelstunde Schweigen hineinzuplatzen ist wirklich sehr angeberisch und oberflächlich. Er hatte ein gewisses analytisches Talent, ohne Zweifel; aber er war keineswegs so phänomenal, wie sich das Poe vorzustellen schien.«
»Haben Sie die Werke von Gaboriau gelesen?« fragte ich. »Kommt Lecoq Ihrer Vorstellung von einem Detektiv näher?«
Sherlock Holmes schnaubte sardonisch. »Lecoq war ein erbärmlicher Stümper«, sagte er in ärgerlichem Tonfall; »er hatte nur eine gute Eigenschaft, und das war seine Energie. Das Buch hat mich geradezu krank gemacht. Die Frage war die Identifizierung eines unbekannten Gefangenen. Das hätte ich in vierundzwanzig Stunden erledigt. Lecoq brauchte dazu etwa sechs Monate. Man könnte daraus ein Lehrbuch für Detektive machen, um sie zu lehren, was man vermeiden sollte.«
Ich war ziemlich entrüstet, dass zwei Charaktere, die ich bewundert hatte, auf so geringschätzige Art abgetan wurden. Ich ging hinüber zum Fenster und sah auf die belebte Straße. »Der Bursche mag sehr klug sein«, sagte ich mir, »aber er ist sehr eingebildet.«
»Es gibt zur Zeit keine Verbrechen und keine Verbrecher«, sagte er verdrossen. »Wozu ist es in unserem Beruf gut, Köpfchen zu haben? Keiner der jetzt Lebenden oder niemand der je gelebt hat, brachte in die Aufdeckung von Verbrechen so viel Wissenschaft und natürliche Begabung ein, wie ich es getan habe. Und wozu? Es gibt kein Verbrechen zu entdecken oder höchstens einen stümperhaften Schurken, mit einem so offensichtlichen Motiv, dass es sogar ein Beamter von Scotland Yard erkennen kann.«
Ich war immer noch von seiner aufgeblasenen Art der Unterhaltung verstimmt. Ich dachte, es wäre besser das Thema zu wechseln.
»Ich frage mich, wonach dieser Bursche sucht?« sagte ich und zeigte auf eine stämmige, schlicht gekleidete Person, die langsam die andere Straßenseite hinunterging und dabei besorgt auf die Hausnummern sah. Er hielt einen großen blauen Umschlag in der Hand und war offensichtlich der Überbringer einer Botschaft.
»Sie meinen den ehemaligen Sergeanten der Marine?« sagte Sherlock Holmes.
»Prahlerei und Aufschneiderei!« dachte ich. »Er weiß, dass ich sein Raten nicht verifizieren kann.«
Kaum war mir dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, als der Mann, den wir beobachteten, die Nummer an unserer Haustür entdeckt hatte und rasch über die Fahrbahn lief. Wir vernahmen ein lautes Klopfen, eine tiefe Stimme im Erdgeschoß und schließlich schwere Schritte auf der Stiege.

»Für Mr. Sherlock Holmes«, sagte er, als er das Zimmer betrat und meinem Freund den Brief aushändigte.
Hier bot sich mir die Gelegenheit ihm seine Einbildung auszutreiben. Daran hatte er bei seinem Schuss ins Blaue bestimmt nicht gedacht. »Darf ich fragen, guter Mann«, sagte ich mit der freundlichsten Stimme, »was Sie für einen Beruf haben?«
»Dienstmann, Sir«, sagte er schroff. »Die Uniform ist beim Ausbessern.«
»Und davor?« fragte ich, mit einem leicht boshaften Blick auf meinen Gefährten gerichtet.
»Sergeant Sir, Leichte Infanterie der Königlichen Marine, Sir. Noch Fragen? In Ordnung, Sir.«
Er schlug die Hacken zusammen, hob seine Hand zum Gruß und verschwand.
3. Das Rätsel von Lauristons Garden
Ich gestehe, dass mich dieser erneute Beweis der praktischen Umsetzung der Theorien meines Freundes zutiefst erstaunte. Meine Achtung für seine analytischen Fähigkeiten wuchs gewaltig. Doch noch immer lauerte in mir der Argwohn, dass es sich hier um eine abgesprochene Episode handelte, die dazu dienen sollte mich zu verblüffen, doch welchen Zweck er damit um alles in der Welt verfolgte, blieb mir rätselhaft. Als ich ihn ansah, hatte er die Mitteilung gelesen und seine Augen nahmen einen leeren, stumpfen Ausdruck an, der mir seine Geistesabwesenheit verriet.
»Wie in aller Welt konnten Sie das deduzieren?« fragte ich.
»Was deduzieren?« sagte er verdrießlich.
»Nun, dass er ein ehemaliger Sergeant der Marine war.«
»Ich habe keine Zeit für Nebensächlichkeiten«, antwortete er brüsk; dann, lächelnd, »Entschuldigen Sie meine Ruppigkeit. Sie haben meinen Gedankengang unterbrochen; aber vielleicht ist das ganz gut. Sie haben also wirklich nicht erkannt, dass der Mann Marinesergeant gewesen war?«
»Nein, wirklich nicht.«
»Das zu sehen war einfacher als zu erklären, warum ich es wusste. Wenn Sie beweisen müssten, dass zwei und zwei vier ist, dürfte das einige Schwierigkeiten bereiten, doch Sie wären sich dessen ganz sicher. Sogar über die Straße hinweg konnte ich den großen blauen Anker sehen, der auf den Handrücken des Burschen tätowiert war. Das riecht nach Meer. Er hatte ein militärisches Benehmen, und den üblichen Backenbart. Da haben wir den Mann von der Marine. Er war ein Mann mit einer gewissen Portion Aufgeblasenheit, aber dennoch einem Verhalten, das zeigt, dass er Befehle gewöhnt war. Sie müssen doch bemerkt haben, wie er seinen Kopf hielt und seinen Stock schwenkte. Ein, wie man sehen konnte, zuverlässiger, ehrbarer Mann mittleren Alters – lauter Tatsachen, die mich zu der Annahme führten, dass er ein Sergeant gewesen war.«
»Wunderbar!« rief ich aus.
»Banalität«, sagte Holmes, doch aus seiner Mine schloss ich, dass er über meine offensichtliche Überraschung und Bewunderung erfreut war. »Ich sagte gerade, dass es keine Verbrecher gibt. Es scheint, ich habe mich geirrt – sehen Sie her!« Er warf mir die Mitteilung zu, die der Dienstmann gebracht hatte.
»Nun«, rief ich, als ich sie überflog, »das ist ja schrecklich!«
»Es scheint etwas außerhalb des Üblichen zu liegen«, bemerkte er gelassen.
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir das Schreiben laut vorzulesen?«
Das ist der Brief, den ich ihm vorlas:
»Mein lieber Mr. Sherlock Holmes,
In der Nacht trug sich in Nr. 3, Lauriston Gardens, nahe der Brixton Road eine üble Sache zu. Unser Mann, der seinen Rundgang machte, sah um zwei Uhr morgens dort ein Licht brennen und da das Haus leer steht, argwöhnte er, dass etwas nicht in Ordnung sei. Er fand die Tür offen vor, und im vorderen Zimmer, welches bar jeglicher Möbel ist, entdeckte er die Leiche eines gut gekleideten Gentleman, der in seiner Tasche Visitenkarten mit dem Aufdruck ›Enoch J. Drebber, Cleveland, Ohio, USA‹, trug. Es wurde nichts gestohlen, noch gab es irgendwelche Hinweise, wie der Mann den Tod fand. Es waren Blutspuren im Zimmer, doch wies diese Person keine Verletzungen auf. Wir haben keine Ahnung, wie der Mann in das leere Haus gekommen war; tatsächlich ist die ganze Sache ziemlich rätselhaft. Wenn Sie noch vor zwölf Uhr in das Haus kommen können, werden Sie mich dort antreffen. Ich werde alles so lassen, wie es war, bis ich von Ihnen höre. Sollten Sie verhindert sein, würde ich Ihnen mehr Details zukommen lassen. Ich wäre Ihnen außerordentlich verbunden, wenn Sie so freundlich wären, mir Ihre Meinung mitzuteilen.
Mit den besten Grüßen
Tobias Gregson.«
»Gregson ist der gescheiteste Mann von Scotland Yard«, bemerkte mein Freund, »er und Lestrade sind ein Lichtblick in dem ganzen Verein. Sie sind beide schnell und entschlossen, aber konventionell – entsetzlich konventionell. Sie können einander nicht ausstehen. Sie sind so eifersüchtig aufeinander wie ein Paar berufsmäßiger Schönheiten. Wenn beide auf diesen Fall angesetzt sind, wird das sicher viel Spaß geben.«
Ich war erstaunt, mit welcher Gelassenheit er vor sich hin plauderte. »Wir dürfen doch gewiss keine Minute verlieren«, rief ich, »soll ich uns eine Droschke holen?«
»Ich weiß nicht so recht, ob ich überhaupt dorthin gehen soll. Ich bin der unheilbarste faule Hund, den es je gegeben hat – das heißt, wenn ich einen meiner Anfälle habe, doch mitunter kann ich recht flink sein.«
»Wieso? Das ist doch genau die Chance, auf die Sie gewartet haben.«
»Mein Lieber, was kümmert mich das. Angenommen, ich kläre die ganze Sache, dann können Sie sicher sein, dass Gregson, Lestrade und Co. alle Lorbeeren einheimsen werden. Das hat man davon, wenn man keiner Behörde angehört.
»Aber er bittet Sie, ihm zu helfen.«
»Ja. Er weiß, dass ich ihm überlegen bin, was er mir gegenüber auch zugibt. Aber er würde sich lieber die Zunge abbeißen, als das einem Dritten gegenüber zu äußern. Auf jeden Fall könnten wir hingehen und uns die Sache ansehen. Ich werde es auf meine Weise machen. Und wenn ich nur über sie lachen könnte, falls nichts dabei herauskommt. Kommen Sie!«
Er schlüpfte hastig in seinen Überzieher und wirbelte herum, was bewies, dass ein energischer Schub den apathischen abgelöst hatte.
»Nehmen Sie Ihren Hut«, sagte er.
»Sie möchten, dass ich mitkomme?«
»Ja, wenn Sie nichts Besseres zu tun haben.« Eine Minute später befanden wir uns in einer Droschke, die mit uns wie wild in Richtung Brixton Road raste.
Es war ein nebliger, wolkenverhangener Morgen und ein fahlbrauner Schleier hing über den Dächern, der wie eine Reflexion der lehmfarbigen Straße wirkte. Mein Gefährte war bester Laune und plapperte über Geigen aus Cremona und den Unterschied zwischen einer Stradivari und einer Amati. Ich selbst war schweigsam, da sich mir das trübe Wetter und die melancholische Aufgabe, die vor uns lag, aufs Gemüt geschlagen hatten.
»Sie scheinen sich ja nicht allzu viele Gedanken über das zu machen, was vor uns liegt«, sagte ich schließlich und unterbrach Holmes’ musikalische Ausführungen.
»Ich habe noch keine Einzelheiten«, antwortete er. »Es ist ein schwerwiegender Fehler Theorien aufzustellen, bevor man alle Beweisstücke hat. Das beeinflusst die Urteilskraft.«
»Sie werden bald Ihre Einzelheiten bekommen«, bemerkte ich und deutete mit dem Finger; »das da ist die Brixton Road und das ist das Haus, wenn ich mich nicht irre.«
»Stimmt. Halten Sie an Kutscher, halt!« Wir waren noch ein paar hundert Yards entfernt, aber er bestand darauf, dass wir ausstiegen und so gingen wir das letzte Stück zu Fuß.
Nummer 3, Lauriston Gardens sah nach bösen Vorzeichen und bedrohlich aus. Es war eines von vier Häusern, die ein wenig von der Straße zurückgesetzt waren. Zwei Häuser waren bewohnt, und zwei standen leer. Letztere hielten mit drei Reihen leerer, melancholischer Fenster Ausschau, die blind und trist waren, ausgenommen dass hier und da ein Schild »Zu vermieten« sich wie grauer Star in den getrübten Scheiben entwickelt hatte. Ein kleiner Garten, über den ein Ausbruch kränklicher Pflanzen verteilt war, trennte jedes dieser Häuser von der Straße, durchzogen von einem schmalen, gelblichen Weg, der offensichtlich aus einer Mischung Lehm und Kiesel bestand. Durch den Regen der letzten Nacht war alles sehr schmuddelig geworden. Der Garten wurde von einer drei Fuß hohen Ziegelmauer eingefasst, auf der sich ein zerfallenes Holzgeländer befand. Gegen diese Mauer gelehnt stand ein stämmiger Wachtmeister, umringt von einer Horde Schaulustiger, die, in der vergeblichen Hoffnung einen Blick auf das zu erhaschen, was im Hause vorging, ihre Hälse reckten und angestrengt starrten.
Ich hatte angenommen, dass Sherlock Holmes sofort in das Haus eilen würde, um sich in die Untersuchung des Rätsels zu stürzen. Nichts schien von seinen Absichten weiter entfernt zu sein. Mit einer lässigen Haltung, die für mich unter diesen Umständen an der Grenze zur Affektiertheit zu sein schien, schlenderte er auf dem Pflaster auf und ab, und starrte mit leerem Blick auf den Boden, den Himmel, die gegenüberliegenden Häuser und die Reihe der Geländer. Nachdem er seine Untersuchung beendet hatte, schritt er gemächlich den Weg hinunter, genauer gesagt den Grasstreifen, der den Weg säumte, und hin und wieder sah ich ihn lächeln oder einen Ausruf der Befriedigung ausstoßen. Auf dem schlammigen Boden befanden sich viele Fußabdrücke, aber da die Polizei ein und aus gegangen war, konnte ich nicht begreifen, wie mein Gefährte etwas daraus zu erfahren hoffte. Doch da ich solch außerordentliche Beweise seiner schnellen Wahrnehmungsfähigkeit bereits erhalten hatte, zweifelte ich nicht, dass er vieles zu sehen vermochte, was mir verborgen blieb.
An der Haustür stießen wir auf einen großen Mann mit blassem Gesicht und flachsfarbigem Haar, der ein Notizbuch in seiner Hand hielt, auf uns zueilte und die Hand meines Gefährten überschwänglich schüttelte. »Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, dass Sie gekommen sind«, sagte er, »ich habe alles unberührt gelassen.«
»Abgesehen davon!« antwortete mein Freund, und zeigte auf den Weg. »Wäre hier eine Büffelherde durchgezogen, hätte es nicht schlimmer aussehen können. Aber zweifellos haben Sie Ihre eigenen Schlüsse gezogen, Gregson, bevor Sie dies zuließen.«
»Ich hatte so vieles im Haus zu tun«, sagte der Kriminalbeamte ausweichend. »Mein Kollege Lestrade ist hier. Ich hatte mich darauf verlassen, dass er sich darum kümmern würde.«
Holmes sah mich an und zog seine Augenbrauen ironisch in die Höhe. »Mit zwei solchen Männern wie Ihnen und Lestrade auf dem Schauplatz, bleibt für einen dritten nicht viel übrig, das er finden könnte.«
Gregson rieb sich selbstzufrieden die Hände. »Ich denke, wir haben alles getan, was möglich war«, antwortete er; »es ist ein seltsamer Fall und ich kenne Ihre Vorliebe für derlei Dinge.«
»Sie sind nicht in einer Droschke hierhergekommen?« fragte Sherlock Holmes.
»Nein, Sir.«
»Und Lestrade?«
»Auch nicht, Sir.«
»Dann wollen wir uns mal das Zimmer ansehen.« Mit dieser Bemerkung, die in keinem Zusammenhang mit dem Vorherigen stand, schritt er ins Haus, gefolgt von Gregson, dessen Miene Erstaunen ausdrückte.
Ein kurzer Flur mit blanken und staubigen Dielen führte in die Küche und Stuben. Zwei Türen auf der linken und rechten Seite standen offen. Eine davon war offensichtlich für viele Wochen verschlossen gewesen. Die andere gehörte zu einem Speisezimmer, in welchem sich der kuriose Vorfall ereignet hatte. Holmes ging hinein und ich folgte ihm mit jenem beklemmenden Gefühl im Herzen, das die Nähe des Todes auslöst.

Es war ein großer quadratischer Raum, der größer wirkte, da sämtliches Mobiliar fehlte. Die Wände waren mit einer ordinären, auffallenden Tapete geschmückt, die an einigen Stellen Schimmelflecken aufwies, und von der sich hier und dort große Streifen gelöst hatten und herunterhingen, so dass der gelbe Putz darunter zum Vorschein kam. Gegenüber der Tür befand sich ein protziger Kamin mit einem Sims aus imitiertem weißen Marmor. Auf einer Ecke des Simses war ein Stummel einer roten Wachskerze aufgeklebt. Das einzige Fenster war so schmutzig, dass das Licht nur diffus und verschwommen hereindrang, was dem ganzen Raum einen dumpfen grauen Farbton verlieh, der durch die dicke Staubschicht, die den gesamten Raum bedeckte, noch verstärkt wurde.
Diese ganzen Einzelheiten nahm ich erst später wahr. Im Augenblick war meine ganze Aufmerksamkeit auf die einzelne, grauenvoll reglose Gestalt gerichtet, die ausgestreckt auf den Dielen lag, und mit ausdruckslosen Augen auf die farblose Decke starrte. Es handelte sich um einen Mann von etwa drei- oder vierundvierzig Jahren, von mittlerer Größe, breitschultrig, mit kräftigem schwarz gelocktem Haar und einem kurzen Stoppelbart. Er trug einen Gehrock und eine Weste aus schwerem Tuch sowie helle Hosen und einen makellosen Kragen und ebensolche Manschetten. Ein Zylinder, gut gebürstet und gepflegt, lag neben ihm auf dem Boden. Seine Hände waren geballt und seine Arme weit ausgebreitet, wohingegen seine unteren Gliedmaßen verrenkt waren, so als ob sein Todeskampf fürchterlich gewesen sei. Auf seinem starren Gesicht stand der Ausdruck des Grauens geschrieben, und wie mir schien auch des Hasses, wie ich ihn nie zuvor bei einem Menschen gesehen hatte. Diese bösartige und schreckliche Verzerrtheit, zusammen mit der niedrigen Stirn, der platten Nase und dem hervorstehenden Kiefer verliehen dem Toten ein einzigartig affenähnliches Aussehen, das durch seine verrenkte, unnatürliche Haltung noch verstärkt wurde. Ich hatte den Tod in vielen Formen gesehen, aber keine war mir je zuvor schrecklicher erschienen als jene in diesem düsteren schmutzigen Raum, der auf eine der Hauptverkehrsadern Londons hinausschaute.
Lestrade, hager und frettchenhaft wie immer, stand neben der Tür und begrüßte meinen Begleiter und mich.
»Dieser Fall wird für Aufsehen sorgen, Sir«, bemerkte er. »Das übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe und ich bin wirklich nicht empfindlich.«
»Es gibt keinen Hinweis?« sagte Gregson.
»Nicht einen«, stimmte Lestrade ein.
Sherlock Holmes näherte sich der Leiche und untersuchte sie eingehend, nachdem er sich niedergekniet hatte. »Sie sind sicher, dass es keine Verletzungen gibt?« fragte er, und zeigte auf die zahlreichen Blutspritzer und Flecken, die über den Boden verteilt waren.
»Sicher nicht!« riefen beide Kriminalbeamte.
»Dann gehört das Blut natürlich zu einer zweiten Person – wahrscheinlich dem Mörder, falls hier überhaupt ein Mord verübt wurde. Es erinnert mich an die Umstände, die beim Tod von Van Jansen in Utrecht im Jahre 34, aufgetreten waren. »Erinnern Sie sich an den Fall, Gregson?«
»Nein, Sir.«
»Sie sollten darüber nachlesen – wirklich. Es gibt nichts Neues unter dem Himmel. Es war alles schon einmal dagewesen.«
Während er sprach, huschten seine flinken Finger hierhin und dorthin, sie fühlten, drückten, knöpften auf, untersuchten, wobei seine Augen denselben entrückten Ausdruck zeigten, den ich schon an ihm bemerkt hatte. Die Untersuchung erfolgte so schnell, dass man daraus kaum auf die Gründlichkeit schließen konnte, mit der sie durchgeführt wurde. Schließlich schnüffelte er an den Lippen des Toten und betrachtete dann die Sohlen seiner Glanzlederschuhe.
»Er ist bestimmt nicht bewegt worden?«
»Nur so viel, wie für unsere Untersuchung nötig war.«
»Sie können ihn dann ins Leichenschauhaus bringen«, sagte er. Mehr ist nicht in Erfahrung zu bringen.«
Gregson hatte eine Bahre und vier Männer zur Hand. Auf seinen Ruf hin betraten sie den Raum und der Fremde wurde hochgehoben und hinausgetragen. Gerade als sie ihn anhoben, fiel klirrend ein Ring hinab und rollte durch das Zimmer. Lestrade hob ihn auf und sah ihn entgeistert an.
»Es war eine Frau hier«, rief er. »Es ist der Trauring einer Frau.«
Während er sprach, hielt er uns den Ring auf seiner ausgestreckten Hand hin. Wir standen um ihn herum und starrten den Ring an. Es konnte kein Zweifel bestehen, dass dieser schlichte Goldring einst den Finger einer Braut geziert hatte.
»Das macht die Sache komplizierter«, sagte Gregson. »Der Himmel weiß, dass es auch vorher schon kompliziert war.«
»Meinen Sie nicht, dass das die Angelegenheit vereinfacht?« bemerkte Holmes. »Durch bloßes Anstarren werden wir nichts erfahren. Was haben Sie in seinen Taschen gefunden?«
»Das liegt alles hier«, sagte Gregson, und zeigte auf einen Haufen Gegenstände auf einer der unteren Stufen der Stiege. »Eine goldene Uhr, Nummer 97163 von Barraud, London. Eine goldene Uhrkette, sehr schwer und massiv. Goldener Ring mit Freimauerzeichen. Eine goldene Krawattennadel – der Kopf einer Bulldogge mit Rubinaugen. Eine Kartentasche aus russischem Leder mit Karten von Enoch J. Drebber aus Cleveland, was den Initialen E. J. D. auf der Wäsche entspricht. Keine Börse, aber loses Geld von sieben Pfund und dreizehn Schilling. Taschenausgabe von Boccaccios Decamerone, mit dem Namen Joseph Stangerson auf dem Deckblatt. Zwei Briefe – einer adressiert an E. J. Drebber und einer an Joseph Stangerson.«
»An welche Anschrift?«
»American Exchange, The Strand – zur Abholung. Sie sind beide von der Guion Dampfschiffgesellschaft und beziehen sich auf die Abfahrt ihrer Schiffe von Liverpool. Es ist klar, dass dieser unglückliche Mann nach New York zurückkehren wollte.«
»Haben Sie über diesen Mann, Stangerson, Nachforschungen angestellt?«
»Das habe ich sofort gemacht, Sir«, sagte Gregson. »Ich habe an alle Zeitungen Anzeigen geschickt, und einer meiner Männer ging zu American Exchange, aber er ist noch nicht zurück.«
»Haben Sie Cleveland benachrichtigt?«
»Wir haben heute Morgen ein Telegramm geschickt.«
»Und wie ist der Wortlaut Ihrer Anfrage?«
»Wir haben einfach die Umstände mitgeteilt, und gesagt, dass wir uns über jede Information freuen würden, die uns weiterhilft.«
»Sie haben nicht nach Einzelheiten zu den Punkten gefragt, die Ihnen als wichtig erscheinen?«
»Ich fragte nach Stangerson.«
»Sonst nichts?« Gibt es keine Umstände, an denen dieser Fall aufgehängt zu sein scheint?« Wollen Sie nicht noch einmal telegraphieren?«
»Ich habe alles gesagt, was ich zu sagen habe«, sagte Gregson in beleidigtem Ton.
Sherlock Holmes kicherte in sich hinein und schien eine Bemerkung machen zu wollen, als Lestrade, der sich im vorderen Zimmer während unseres Gesprächs in der Diele aufgehalten hatte, wieder auf der Bildfläche erschien und seine Hände in hochtrabender und selbstzufriedener Manier rieb.
»Mr. Gregson«, sagte er, »ich habe gerade eine Entdeckung von höchster Bedeutung gemacht, und die übersehen worden wäre, hätte ich nicht die Wände aufmerksam untersucht.«
»Die Augen des kleinen Mannes funkelten, als er sprach und er war offensichtlich in einer Verfassung unterdrückten Jubels, weil er seinem Kollegen gegenüber einen Punkt voraus war.
»Kommen Sie«, sagte er und eilte ins Zimmer zurück, dessen Atmosphäre heller erschien, seit der grässliche Bewohner entfernt worden war. »Nun, stellen Sie sich hierhin!«
Er zündete ein Streichholz an seinem Schuh an und hielt es gegen die Wand.
»Schauen Sie sich das an!« sagte er triumphierend.
Ich hatte erwähnt, dass die Tapete teilweise von der Wand abgelöst war. In diesem besonderen Teil des Raums war ein großes Stück abgefallen und hatte ein gelbes Viereck groben Putzes entblößt. Auf dieser kahlen Stelle war etwas in blutroten Buchstaben geschrieben – ein einziges Wort – RACHE.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.