Kitabı oku: «Reigen. Textausgabe mit Kommentar und Materialien»
Arthur Schnitzler
Reigen
Herausgegeben von Mario Leis und Natali-Eirini Petala-Weber
Reclam
2014, 2022 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Durchgesehene Ausgabe 2022
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2022
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-960460-2
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-016147-0
www.reclam.de
Inhalt
Reigen Personen Die Dirne und der Soldat Der Soldat und das Stubenmädchen Das Stubenmädchen und der junge Herr Der junge Herr und die junge Frau Die junge Frau und der Ehemann Der Gatte und das süße Mädel Das süße Mädel und der Dichter Der Dichter und die Schauspielerin Die Schauspielerin und der Graf Der Graf und die Dirne
Anhang 1. Zur Textgestalt 2. Anmerkungen 3. Leben und Zeit 4. Sexualität im Kontext des Reigen 5. Entstehungsgeschichte: Schnitzler über seinen Reigen 6. Rezeptionsgeschichte 7. Die Verfilmung des Reigen durch Max Ophüls (1950) 8. Literaturhinweise
Fußnoten
[5]Reigen
[6]Personen
1 DIE DIRNE
2 DER SOLDAT
3 DAS STUBENMÄDCHEN
4 DER JUNGE HERR
5 DIE JUNGE FRAU
6 DER EHEGATTE
7 DAS SÜSSE MÄDEL
8 DER DICHTER
9 DIE SCHAUSPIELERIN
10 DER GRAF
[7]Die Dirne und der Soldat
Spätabends. An der Augartenbrücke.
SOLDAT
(kommt pfeifend, will nach Hause).
DIRNE.
Komm, mein schöner Engel.
SOLDAT
(wendet sich um und geht wieder weiter).
DIRNE.
Willst du nicht mit mir kommen?
SOLDAT.
Ah, ich bin der schöne Engel?
DIRNE.
Freilich, wer denn? Geh, komm zu mir.
Ich wohn gleich in der Näh.
SOLDAT.
Ich hab keine Zeit. Ich muss in die Kasern’!
DIRNE.
In die Kasern’ kommst immer noch zurecht.
Bei mir is besser.
SOLDAT
(ihr nahe). Das ist schon möglich.
DIRNE.
Pst. Jeden Moment kann ein Wachmann kommen.
SOLDAT.
Lächerlich! Wachmann! Ich hab auch mein Seiteng’wehr!
DIRNE.
Geh, komm mit.
SOLDAT.
Lass mich in Ruh. Geld hab ich eh keins.
DIRNE.
Ich brauch kein Geld.
SOLDAT
(bleibt stehen. Sie sind bei einer Laterne). Du brauchst kein Geld? Wer bist denn du nachher?
[8]DIRNE.
Zahlen tun mir die Zivilisten. So einer wie du, kann’s immer umsonst bei mir haben.
SOLDAT.
Du bist am End die, von der mir der Huber erzählt hat. –
DIRNE.
Ich kenn kein’ Huber nicht.
SOLDAT.
Du wirst schon die sein. Weißt – in dem Kaffeehaus in der Schiffgassen – von dort ist er mit dir z’ Haus gangen.
DIRNE.
Von dem Kaffeehaus bin ich schon mit gar vielen z’ Haus gangen … oh! oh! –
SOLDAT.
Also gehn wir, gehn wir.
DIRNE.
Was, jetzt hast’s eilig?
SOLDAT.
Na, worauf soll’n wir noch warten? Und um zehn muss ich in der Kasern’ sein.
DIRNE.
Wie lang dienst denn schon?
SOLDAT.
Was geht denn das dich an? Wohnst weit?
DIRNE.
Zehn Minuten zum Gehn.
SOLDAT.
Das ist mir zu weit. Gib mir ein Pussel.
DIRNE
(küsst ihn). Das ist mir eh das liebste, wenn ich einen gern hab!
SOLDAT.
Mir nicht. Nein, ich geh nicht mit dir, es ist mir zu weit.
DIRNE.
Weißt was, komm morgen am Nachmittag.
SOLDAT.
Gut is. Gib mir deine Adresse.
[9]DIRNE.
Aber du kommst am End nicht.
SOLDAT.
Wenn ich dir’s sag!
DIRNE.
Du, weißt was – wenn’s dir zu weit ist heut abend zu mir – da … da … (weist auf die Donau).
SOLDAT.
Was ist das?
DIRNE.
Da ist auch schön ruhig … jetzt kommt kein Mensch.
SOLDAT.
Ah, das ist nicht das Rechte.
DIRNE.
Bei mir is immer das Rechte. Geh, bleib jetzt bei mir. Wer weiß, ob wir morgen noch’s Leben haben.
SOLDAT.
So komm – aber g’schwind.
DIRNE.
Gib Obacht, da ist so dunkel. Wennst ausrutschst, liegst in der Donau.
SOLDAT.
Wär eh das Beste.
DIRNE.
Pst, so wart nur ein bissel. Gleich kommen wir zu einer Bank.
SOLDAT.
Kennst dich da gut aus.
DIRNE.
So einen wie dich möcht ich zum Geliebten.
SOLDAT.
Ich tät dir zu viel eifern.
DIRNE.
Das möcht ich dir schon abgewöhnen.
SOLDAT.
Ha –
[10]DIRNE.
Nicht so laut. Manchmal is doch, dass sich ein Wachter herverirrt. Sollt man glauben, dass wir da mitten in der Wienerstadt sind?
SOLDAT.
Daher komm, daher.
DIRNE.
Aber was fällt dir denn ein, wenn wir da ausrutschen, liegen wir im Wasser unten.
SOLDAT
(hat sie gepackt). Ah, du –
DIRNE.
Halt dich nur fest an.
SOLDAT.
Hab kein’ Angst …
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
DIRNE.
Auf der Bank wär’s schon besser gewesen.
SOLDAT.
Da oder da … Na, krall aufi.
DIRNE.
Was laufst denn so –
SOLDAT.
Ich muß in die Kasern’, ich komm eh schon zu spät.
DIRNE.
Geh, du, wie heißt denn?
SOLDAT.
Was interessiert dich denn das, wie ich heiß?
DIRNE.
Ich heiß Leocadia.
SOLDAT.
Ha! – So an’ Namen hab ich auch noch nie gehört.
DIRNE.
Du!
SOLDAT.
Na, was willst denn?
[11]DIRNE.
Geh, ein Sechserl für’n Hausmeister gib mir wenigstens! –
SOLDAT.
Ha! … Glaubst, ich bin deine Wurzen … Servus! Leocadia …
DIRNE.
Strizzi! Fallot! –
(Er ist verschwunden.)
[12]Der Soldat und das Stubenmädchen
Prater. Sonntagabend. – Ein Weg, der vom Wurstelprater aus in die dunkeln Alleen führt. Hier hört man noch die wirre Musik aus dem Wurstelprater; auch die Klänge vom Fünfkreuzertanz, eine ordinäre Polka, von Bläsern gespielt.
Der Soldat. Das Stubenmädchen.
STUBENMÄDCHEN.
Jetzt sagen S’ mir aber, warum S’ durchaus schon haben fortgehen müssen.
SOLDAT
(lacht verlegen, dumm).
STUBENMÄDCHEN.
Es ist doch so schön gewesen. Ich tanz so gern.
SOLDAT
(fasst sie um die Taille).
STUBENMÄDCHEN
(lässt’s geschehen). Jetzt tanzen wir ja nimmer. Warum halten S’ mich so fest?
SOLDAT.
Wie heißen S’? Kathi?
STUBENMÄDCHEN.
Ihnen ist immer eine Kathi im Kopf.
SOLDAT.
Ich weiß, ich weiß schon … Marie.
STUBENMÄDCHEN.
Sie, da ist aber dunkel. Ich krieg so eine Angst.
SOLDAT.
Wenn ich bei Ihnen bin, brauchen S’ Ihnen nicht zu fürchten. Gott sei Dank, mir sein mir!
STUBENMÄDCHEN.
Aber wohin kommen wir denn da? Da ist ja kein Mensch mehr. Kommen S’, gehn wir zurück! – Und so dunkel!
SOLDAT
(zieht an seiner Virginierzigarre, dass das rote Ende leuchtet). ’s wird schon lichter. Haha! Oh, du Schatzerl!
[13]STUBENMÄDCHEN.
Ah, was machen S’ denn? Wenn ich das gewusst hätt!
SOLDAT.
Also der Teufel soll mich holen, wenn eine heut beim Swoboda mollerter gewesen ist als Sie, Fräul’n Marie.
STUBENMÄDCHEN.
Haben S’ denn bei allen so probiert?
SOLDAT.
Was man so merkt, beim Tanzen. Da merkt man gar viel! Ha!
STUBENMÄDCHEN.
Aber mit der Blonden mit dem schiefen Gesicht haben S’ doch mehr ’tanzt als mit mir.
SOLDAT.
Das ist eine alte Bekannte von einem meinigen Freund.
STUBENMÄDCHEN.
Von dem Korporal mit dem auf’drehten Schnurrbart?
SOLDAT.
Ah nein, das ist der Zivilist gewesen, wissen S’, der im Anfang am Tisch mit mir g’sessen ist, der so heisrig red’t.
STUBENMÄDCHEN.
Ah, ich weiß schon. Das ist ein kecker Mensch.
SOLDAT.
Hat er Ihnen was ’tan? Dem möcht ich’s zeigen! Was hat er Ihnen ’tan?
STUBENMÄDCHEN.
O nichts – ich hab nur gesehn, wie er mit die andern ist.
SOLDAT.
Sagen S’, Fräulein Marie …
STUBENMÄDCHEN.
Sie werden mich verbrennen mit Ihrer Zigarrn.
SOLDAT.
Pahdon! – Fräul’n Marie. Sagen wir uns du.
STUBENMÄDCHEN.
Wir sein noch nicht so gute Bekannte. –
[14]SOLDAT.
Es können sich gar viele nicht leiden und sagen doch du zueinander.
STUBENMÄDCHEN.
’s nächste Mal, wenn wir … Aber, Herr Franz –
SOLDAT.
Sie haben sich meinen Namen g’merkt?
STUBENMÄDCHEN.
Aber, Herr Franz …
SOLDAT.
Sagen S’ Franz, Fräulein Marie.
STUBENMÄDCHEN.
So sein S’ nicht so keck – aber pst, wenn wer kommen tät!
SOLDAT.
Und wenn schon einer kommen tät, man sieht ja nicht zwei Schritt weit.
STUBENMÄDCHEN.
Aber um Gottes willen, wohin kommen wir denn da?
SOLDAT.
Sehn S’, da sind zwei grad wie mir.
STUBENMÄDCHEN.
Wo denn? Ich seh gar nichts.
SOLDAT.
Da … vor uns.
STUBENMÄDCHEN.
Warum sagen S’ denn: zwei wie mir? –
SOLDAT.
Na, ich mein halt, die haben sich auch gern.
STUBENMÄDCHEN.
Aber geben S’ doch acht, was ist denn da, jetzt wär ich beinah g’fallen.
SOLDAT.
Ah, das ist das Gatter von der Wiesen.
STUBENMÄDCHEN.
Stoßen S’ doch nicht so, ich fall ja um.
[15]SOLDAT.
Pst, nicht so laut.
STUBENMÄDCHEN.
Sie, jetzt schrei ich aber wirklich. – Aber was machen S’ denn … aber –
SOLDAT.
Da ist jetzt weit und breit keine Seel.
STUBENMÄDCHEN.
So gehn wir zurück, wo Leut sein.
SOLDAT.
Wir brauchen keine Leut, was, Marie, wir brauchen … dazu … haha.
STUBENMÄDCHEN.
Aber, Herr Franz, bitt Sie, um Gottes willen, schaun S’, wenn ich das … gewusst … oh … oh … komm! …
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
SOLDAT
(selig). Herrgott noch einmal … ah …
STUBENMÄDCHEN.
… Ich kann dein G’sicht gar nicht sehn.
SOLDAT.
Ah was – G’sicht …
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
SOLDAT.
Ja, Sie, Fräul’n Marie, da im Gras können S’ nicht liegenbleiben.
STUBENMÄDCHEN.
Geh, Franz, hilf mir.
SOLDAT.
Na, komm zugi.
STUBENMÄDCHEN.
O Gott, Franz.
SOLDAT.
Na ja, was ist denn mit dem Franz?
STUBENMÄDCHEN.
Du bist ein schlechter Mensch, Franz.
[16]SOLDAT.
Ja, ja. Geh, wart ein bissel.
STUBENMÄDCHEN.
Was lasst mich denn aus?
SOLDAT.
Na, die Virginier werd ich mir doch anzünden dürfen.
STUBENMÄDCHEN.
Es ist so dunkel.
SOLDAT.
Morgen früh ist schon wieder licht.
STUBENMÄDCHEN.
Sag wenigstens, hast mich gern?
SOLDAT.
Na, das musst doch g’spürt haben, Fräul’n Marie, ha!
STUBENMÄDCHEN.
Wohin gehn wir denn?
SOLDAT.
Na, zurück.
STUBENMÄDCHEN.
Geh, bitt dich, nicht so schnell!
SOLDAT.
Na, was ist denn? Ich geh nicht gern in der Finstern.
STUBENMÄDCHEN.
Sag, Franz, hast mich gern?
SOLDAT.
Aber grad hab ich’s g’sagt, dass ich dich gern hab!
STUBENMÄDCHEN.
Geh, willst mir nicht ein Pussel geben?
SOLDAT
(gnädig). Da … Hörst, – jetzt kann man schon wieder die Musik hören.
STUBENMÄDCHEN.
Du möcht’st am End gar wieder tanzen gehn?
SOLDAT.
Na freilich, was denn?
[17]STUBENMÄDCHEN.
Ja, Franz, schau, ich muss zu Haus gehn. Sie werden eh schon schimpfen, mei Frau ist so eine … die möcht am liebsten, man ging gar nicht fort.
SOLDAT.
Na ja, geh halt zu Haus.
STUBENMÄDCHEN.
Ich hab halt ’dacht, Herr Franz, Sie werden mich z’ Haus führen.
SOLDAT.
Z’ Haus führen? Ah!
STUBENMÄDCHEN.
Gehn S’, es ist so traurig, allein z’ Haus gehn.
SOLDAT.
Wo wohnen S’ denn?
STUBENMÄDCHEN.
Es ist gar nicht so weit – in der Porzellangasse.
SOLDAT.
So? Ja, da haben wir ja einen Weg … aber jetzt ist’s mir zu früh … jetzt wird noch ’draht, heut hab ich über Zeit … vor zwölf brauch ich nicht in der Kasern’ zu sein. I geh noch tanzen.
STUBENMÄDCHEN.
Freilich, ich weiß schon, jetzt kommt die Blonde mit dem schiefen Gesicht dran!
SOLDAT.
Ha! – Der ihr G’sicht ist gar nicht so schief.
STUBENMÄDCHEN.
O Gott, sein die Männer schlecht. Was, Sie machen’s sicher mit einer jeden so.
SOLDAT.
Das wär z’viel! –
STUBENMÄDCHEN.
Franz, bitt schön, heut nimmer, – heut bleiben S’ mit mir, schaun S’ –
[18]SOLDAT.
Ja, ja, ist schon gut. Aber tanzen werd ich doch noch dürfen.
STUBENMÄDCHEN.
Ich tanz heut mit kein’ mehr!
SOLDAT.
Da ist er ja schon …
STUBENMÄDCHEN.
Wer denn?
SOLDAT.
Der Swoboda! Wie schnell wir wieder da sein. Noch immer spielen s’ das … tadarada tadarada (singt mit) … Also wannst auf mich warten willst, so führ ich dich z’ Haus … wenn nicht … Servas –
STUBENMÄDCHEN.
Ja, ich werd warten.
(Sie treten in den Tanzsaal ein.)
SOLDAT.
Wissen S’, Fräul’n Marie, ein Glas Bier lassen S’ Ihnen geben. (Zu einer Blonden sich wendend, die eben mit einem Burschen vorbeitanzt, sehr hochdeutsch.) Mein Fräulein, darf ich bitten? –
[19]Das Stubenmädchen und der junge Herr
Heißer Sommernachmittag. – Die Eltern sind schon auf dem Lande. – Die Köchin hat Ausgang. – Das Stubenmädchen schreibt in der Küche einen Brief an den Soldaten, der ihr Geliebter ist. Es klingelt aus dem Zimmer des jungen Herrn. Sie steht auf und geht ins Zimmer des jungen Herrn.
Der junge Herr liegt auf dem Diwan, raucht, und liest einen französischen Roman.
DAS STUBENMÄDCHEN.
Bitt schön, junger Herr?
DER JUNGE HERR.
Ah ja, Marie, ah ja, ich hab geläutet, ja … was hab ich nur … ja richtig, die Rouletten lassen S’ herunter, Marie … Es ist kühler, wenn die Rouletten unten sind … ja … (Das Stubenmädchen geht zum Fenster und lässt die Rouletten herunter.)
DER JUNGE HERR
(liest weiter). Was machen S’ denn, Marie? Ah ja. Jetzt sieht man aber gar nichts zum Lesen.
DAS STUBENMÄDCHEN.
Der junge Herr ist halt immer so fleißig.
DER JUNGE HERR
(überhört das vornehm). So, ist gut.
(Marie geht.)
DER JUNGE HERR
(versucht weiter zu lesen; lässt bald das Buch fallen, klingelt wieder).
DAS STUBENMÄDCHEN
(erscheint).
DER JUNGE HERR.
Sie, Marie … ja, was ich habe sagen wollen … ja … ist vielleicht ein Kognak zu Haus?
DAS STUBENMÄDCHEN.
Ja, der wird eingesperrt sein.
[20]DER JUNGE HERR.
Na, wer hat denn die Schlüssel?
DAS STUBENMÄDCHEN.
Die Schlüssel hat die Lini.
DER JUNGE HERR.
Wer ist die Lini?
DAS STUBENMÄDCHEN.
Die Köchin, Herr Alfred.
DER JUNGE HERR.
Na, so sagen S’ es halt der Lini.
DAS STUBENMÄDCHEN.
Ja, die Lini hat heut Ausgang.
DER JUNGE HERR.
So …
DAS STUBENMÄDCHEN.
Soll ich dem jungen Herrn vielleicht aus dem Kaffeehaus …
DER JUNGE HERR.
Ah nein … es ist so heiß genug. Ich brauch keinen Kognak. Wissen S’, Marie, bringen Sie mir ein Glas Wasser. Pst, Marie – aber laufen lassen, dass es recht kalt ist. –
(Das Stubenmädchen ab.)
DER JUNGE HERR
(sieht ihr nach, bei der Tür wendet sich das Stubenmädchen nach ihm um; der junge Herr schaut in die Luft. – Das Stubenmädchen dreht den Hahn der Wasserleitung auf, lässt das Wasser laufen. Während dem geht sie in ihr kleines Kabinett, wäscht sich die Hände, richtet vor dem Spiegel ihre Schneckerln. Dann bringt sie dem jungen Herrn das Glas Wasser. Sie tritt zum Diwan).
DER JUNGE HERR
(richtet sich zur Hälfte auf, das Stubenmädchen gibt ihm das Glas in die Hand, ihre Finger berühren sich).
DER JUNGE HERR.
So, danke. – Na, was ist denn? – Geben Sie acht; stellen Sie das Glas wieder auf die Tasse … (Er legt sich hin und streckt sich aus.) Wie spät ist’s denn? –
[21]DAS STUBENMÄDCHEN.
Fünf Uhr, junger Herr.
DER JUNGE HERR.
So, fünf Uhr. – Ist gut. –
DAS STUBENMÄDCHEN
(geht; bei der Tür wendet sie sich um; der junge Herr hat ihr nachgeschaut; sie merkt es und lächelt).
DER JUNGE HERR
(bleibt eine Weile liegen, dann steht er plötzlich auf. Er geht bis zur Tür, wieder zurück, legt sich auf den Diwan. Er versucht wieder zu lesen. Nach ein paar Minuten klingelt er wieder).
DAS STUBENMÄDCHEN
(erscheint mit einem Lächeln, das sie nicht zu verbergen sucht).
DER JUNGE HERR.
Sie, Marie, was ich Sie hab fragen wollen. War heut vormittag nicht der Doktor Schüller da?
DAS STUBENMÄDCHEN.
Nein, heut vormittag war niemand da.
DER JUNGE HERR.
So, das ist merkwürdig. Also der Doktor Schüller war nicht da? Kennen Sie überhaupt den Doktor Schüller?
DAS STUBENMÄDCHEN.
Freilich. Das ist der große Herr mit dem schwarzen Vollbart.
DER JUNGE HERR.
Ja. War er vielleicht doch da?
DAS STUBENMÄDCHEN.
Nein, es war niemand da, junger Herr.
DER JUNGE HERR
(entschlossen). Kommen Sie her, Marie.
DAS STUBENMÄDCHEN
(tritt etwas näher). Bitt schön.
DER JUNGE HERR.
Näher … so … ah … ich hab nur geglaubt …
DAS STUBENMÄDCHEN.
Was haben der junge Herr?
[22]DER JUNGE HERR.
Geglaubt … geglaubt hab ich – Nur wegen Ihrer Blusen … Was ist das für eine … Na, kommen S’ nur näher. Ich beiß Sie ja nicht.
DAS STUBENMÄDCHEN
(kommt zu ihm). Was ist mit meiner Blusen? G’fallt sie dem jungen Herrn nicht?
DER JUNGE HERR
(fasst die Bluse an, wobei er das Stubenmädchen zu sich herabzieht). Blau? Das ist ganz ein schönes Blau. (Einfach.) Sie sind sehr nett angezogen, Marie.
DAS STUBENMÄDCHEN.
Aber junger Herr …
DER JUNGE HERR.
Na, was ist denn? … (er hat ihre Bluse geöffnet. Sachlich:) Sie haben eine schöne weiße Haut, Marie.
DAS STUBENMÄDCHEN.
Der junge Herr tut mir schmeicheln.
DER JUNGE HERR
(küsst sie auf die Brust). Das kann doch nicht weh tun.
DAS STUBENMÄDCHEN.
O nein.
DER JUNGE HERR.
Weil Sie so seufzen! Warum seufzen Sie denn?
DAS STUBENMÄDCHEN.
Oh, Herr Alfred …
DER JUNGE HERR.
Und was Sie für nette Pantoffeln haben …
DAS STUBENMÄDCHEN.
… Aber … junger Herr … wenn’s draußen läut’ –
DER JUNGE HERR.
Wer wird denn jetzt läuten?
DAS STUBENMÄDCHEN.
Aber junger Herr … schaun S’ … es ist so licht …
DER JUNGE HERR.
Vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren. Sie [23]brauchen sich überhaupt vor niemandem … wenn man so hübsch ist. Ja, meiner Seel; Marie, Sie sind … Wissen Sie, Ihre Haare riechen sogar angenehm.
DAS STUBENMÄDCHEN.
Herr Alfred …
DER JUNGE HERR.
Machen Sie keine solchen Geschichten, Marie … ich hab Sie schon anders auch gesehn. Wie ich neulich in der Nacht nach Haus gekommen bin und mir Wasser geholt hab; da ist die Tür zu Ihrem Zimmer offen gewesen … na …
DAS STUBENMÄDCHEN
(verbirgt ihr Gesicht). O Gott, aber das hab ich gar nicht gewusst, dass der Herr Alfred so schlimm sein kann.
DER JUNGE HERR.
Da hab ich sehr viel gesehen … das … und das … und das … und –
DAS STUBENMÄDCHEN.
Aber, Herr Alfred!
DER JUNGE HERR.
Komm, komm … daher … so, ja so …
DAS STUBENMÄDCHEN.
Aber wenn jetzt wer läutet –
DER JUNGE HERR.
Jetzt hören Sie schon einmal auf … macht man höchstens nicht auf …
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
(Es klingelt.)
DER JUNGE HERR.
Donnerwetter … Und was der Kerl für einen Lärm macht. – Am End hat der schon früher geläutet und wir haben’s nicht gemerkt.
DAS STUBENMÄDCHEN.
Oh, ich hab alleweil aufgepasst.
DER JUNGE HERR.
Na, so schaun S’ endlich nach – durchs Guckerl. –
[24]DAS STUBENMÄDCHEN.
Herr Alfred … Sie sind aber … nein … so schlimm.
DER JUNGE HERR.
Bitt Sie, schaun S’ jetzt nach …
DAS STUBENMÄDCHEN
(geht ab).
DER JUNGE HERR
(öffnet rasch die Rouleaux).
DAS STUBENMÄDCHEN
(erscheint wieder). Der ist jedenfalls schon wieder weggangen. Jetzt ist niemand mehr da. Vielleicht ist es der Doktor Schüller gewesen.
DER JUNGE HERR
(ist unangenehm berührt). Es ist gut.
DAS STUBENMÄDCHEN
(nähert sich ihm).
DER JUNGE HERR
(entzieht sich ihr). – Sie, Marie, – ich geh jetzt ins Kaffeehaus.
DAS STUBENMÄDCHEN
(zärtlich). Schon … Herr Alfred.
DER JUNGE HERR
(streng). Ich geh jetzt ins Kaffeehaus. Wenn der Doktor Schüller kommen sollte –
DAS STUBENMÄDCHEN.
Der kommt heut nimmer.
DER JUNGE HERR
(noch strenger). Wenn der Doktor Schüller kommen sollte, ich, ich … ich bin – im Kaffeehaus. –
(Geht ins andere Zimmer.)
(Das Stubenmädchen nimmt eine Zigarre vom Rauchtisch, steckt sie ein und geht ab.)
[25]Der junge Herr und die junge Frau
Abend. – Ein mit banaler Eleganz möblierter Salon in einem Hause der Schwindgasse.
Der junge Herr ist eben eingetreten, zündet, während er noch den Hut auf dem Kopf und den Überzieher anhat, die Kerzen an. Dann öffnet er die Tür zum Nebenzimmer und wirft einen Blick hinein. Von den Kerzen des Salons geht der Lichtschein über das Parkett bis zu einem Himmelbett, das an der abschließenden Wand steht. Von dem Kamin in einer Ecke des Schlafzimmers verbreitet sich ein rötlicher Lichtschein auf die Vorhänge des Bettes. – Der junge Herr besichtigt auch das Schlafzimmer. Von dem Trumeau nimmt er einen Sprayapparat und bespritzt die Bettpolster mit feinen Strahlen von Veilchenparfüm. Dann geht er mit dem Sprayapparat durch beide Zimmer und drückt unaufhörlich auf den kleinen Ballon, so dass es bald überall nach Veilchen riecht. Dann legt er Überzieher und Hut ab. Er setzt sich auf den blausamtenen Fauteuil, zündet sich eine Zigarette an und raucht. Nach einer kleinen Weile erhebt er sich wieder und vergewissert sich, dass die grünen Jalousien geschlossen sind. Plötzlich geht er wieder ins Schlafzimmer, öffnet die Lade des Nachtkästchens. Er fühlt hinein und findet eine Schildkrothaarnadel. Er sucht nach einem Ort, sie zu verstecken, gibt sie endlich in die Tasche seines Überziehers. Dann öffnet er einen Schrank, der im Salon steht, nimmt eine silberne Tasse mit einer Flasche Kognak und zwei Likörgläschen heraus, stellt alles auf den Tisch. Er geht wieder zu seinem Überzieher, aus dem er jetzt ein kleines weißes Päckchen nimmt. Er öffnet es und legt es zum Kognak; geht wieder zum Schrank, nimmt zwei kleine Teller und Essbestecke heraus. Er entnimmt dem kleinen Paket eine glasierte Kastanie und isst sie. Dann schenkt er sich ein Glas Kognak ein und trinkt es rasch aus. Dann sieht er auf seine Uhr. Er geht im Zimmer auf und ab. – Vor dem großen Wandspiegel bleibt er eine Weile stehen, richtet mit seinem Taschenkamm das Haar und den kleinen Schnurrbart. – Er geht nun zur Vorzimmertür und horcht. Nichts regt [26]sich. Dann zieht er die blauen Portièren, die vor der Schlafzimmertür angebracht sind, zusammen. Es klingelt. Der junge Herr fährt leicht zusammen. Dann setzt er sich auf den Fauteuil und erhebt sich erst, als die Tür geöffnet wird und die junge Frau eintritt. –
DIE JUNGE FRAU
(dicht verschleiert, schließt die Tür hinter sich, bleibt einen Augenblick stehen, indem sie die linke Hand aufs Herz legt, als müsse sie eine gewaltige Erregung bemeistern).
DER JUNGE HERR
(tritt auf sie zu, nimmt ihre linke Hand und drückt auf den weißen, schwarz tamburierten Handschuh einen Kuss. Er sagt leise:). Ich danke Ihnen.
DIE JUNGE FRAU.
Alfred – Alfred!
DER JUNGE HERR.
Kommen Sie, gnädige Frau … Kommen Sie, Frau Emma …
DIE JUNGE FRAU.
Lassen Sie mich noch eine Weile – bitte … o bitte sehr, Alfred! (Sie steht noch immer an der Tür.)
DER JUNGE HERR
(steht vor ihr, hält ihre Hand).
DIE JUNGE FRAU.
Wo bin ich denn eigentlich?
DER JUNGE HERR.
Bei mir.
DIE JUNGE FRAU.
Dieses Haus ist schrecklich, Alfred.
DER JUNGE HERR.
Warum denn? Es ist ein sehr vornehmes Haus.
DIE JUNGE FRAU.
Ich bin zwei Herren auf der Stiege begegnet.
DER JUNGE HERR.
Bekannte?
DIE JUNGE FRAU.
Ich weiß nicht. Es ist möglich.
[27]DER JUNGE HERR.
Pardon, gnädige Frau – aber Sie kennen doch Ihre Bekannten.
DIE JUNGE FRAU.
Ich habe ja gar nichts gesehen.
DER JUNGE HERR.
Aber wenn es selbst Ihre besten Freunde waren, – sie können ja Sie nicht erkannt haben. Ich selbst … wenn ich nicht wüsste, dass Sie es sind … dieser Schleier –.
DIE JUNGE FRAU.
Es sind zwei.
DER JUNGE HERR.
Wollen Sie nicht ein bisschen näher? … Und Ihren Hut legen Sie doch wenigstens ab!
DIE JUNGE FRAU.
Was fällt Ihnen ein, Alfred? Ich habe Ihnen gesagt: Fünf Minuten … Nein, länger nicht … ich schwöre Ihnen –
DER JUNGE HERR.
Also den Schleier –
DIE JUNGE FRAU.
Es sind zwei.
DER JUNGE HERR.
Nun ja, beide Schleier – ich werde Sie doch wenigstens sehen dürfen.
DIE JUNGE FRAU.
Haben Sie mich denn lieb, Alfred?
DER JUNGE HERR
(tief verletzt). Emma – Sie fragen mich …
DIE JUNGE FRAU.
Es ist hier so heiß.
DER JUNGE HERR.
Aber Sie haben ja Ihre Pelzmantille an – Sie werden sich wahrhaftig verkühlen.
DIE JUNGE FRAU
(tritt endlich ins Zimmer, wirft sich auf den Fauteuil). Ich bin todmüd.
[28]DER JUNGE HERR.
Erlauben Sie. (Er nimmt ihr den Schleier ab; nimmt die Nadel aus ihrem Hut, legt Hut, Nadel, Schleier beiseite.)
DIE JUNGE FRAU
(lässt es geschehen).
DER JUNGE HERR
(steht vor ihr, schüttelt den Kopf).
DIE JUNGE FRAU.
Was haben Sie?
DER JUNGE HERR.
So schön waren Sie noch nie.
DIE JUNGE FRAU.
Wieso?
DER JUNGE HERR.
Allein … allein mit Ihnen – Emma – (Er lässt sich neben ihrem Fauteuil nieder, auf ein Knie, nimmt ihre beiden Hände und bedeckt sie mit Küssen).
DIE JUNGE FRAU.
Und jetzt … lassen Sie mich wieder gehen. Was Sie von mir verlangt haben, hab ich getan.
DER JUNGE HERR
(lässt seinen Kopf auf ihren Schoß sinken).
DIE JUNGE FRAU.
Sie haben mir versprochen, brav zu sein.
DER JUNGE HERR.
Ja.
DIE JUNGE FRAU.
Man erstickt in diesem Zimmer.
DER JUNGE HERR
(steht auf). Noch haben Sie Ihre Mantille an.
DIE JUNGE FRAU.
Legen Sie sie zu meinem Hut.
DER JUNGE HERR
(nimmt ihr die Mantille ab und legt sie gleichfalls auf den Diwan).
DIE JUNGE FRAU.
Und jetzt – adieu –
DER JUNGE HERR.
Emma –! – Emma! –
[29]DIE JUNGE FRAU.
Die fünf Minuten sind längst vorbei.
DER JUNGE HERR.
Noch nicht eine! –
DIE JUNGE FRAU.
Alfred, sagen Sie mir einmal ganz genau, wie spät es ist.
DER JUNGE HERR.
Es ist punkt Viertel sieben.
DIE JUNGE FRAU.
Jetzt sollte ich längst bei meiner Schwester sein.
DER JUNGE HERR.
Ihre Schwester können Sie oft sehen …
DIE JUNGE FRAU.
O Gott, Alfred, warum haben Sie mich dazu verleitet.
DER JUNGE HERR.
Weil ich Sie … anbete, Emma.
DIE JUNGE FRAU.
Wie vielen haben Sie das schon gesagt?
DER JUNGE HERR.
Seit ich Sie gesehen, niemandem.
DIE JUNGE FRAU.
Was bin ich für eine leichtsinnige Person! Wer mir das vorausgesagt hätte … noch vor acht Tagen … noch gestern …
DER JUNGE HERR.
Und vorgestern haben Sie mir ja schon versprochen …
DIE JUNGE FRAU.
Sie haben mich so gequält. Aber ich habe es nicht tun wollen. Gott ist mein Zeuge – ich habe es nicht tun wollen … Gestern war ich fest entschlossen … Wissen Sie, dass ich Ihnen gestern abends sogar einen langen Brief geschrieben habe?
DER JUNGE HERR.
Ich habe keinen bekommen.
DIE JUNGE FRAU.
Ich habe ihn wieder zerrissen. Oh, ich hätte Ihnen lieber diesen Brief schicken sollen.
[30]DER JUNGE HERR.
Es ist doch besser so.
DIE JUNGE FRAU.
O nein, es ist schändlich … von mir. Ich begreife mich selber nicht. Adieu, Alfred, lassen Sie mich.
DER JUNGE HERR
(umfasst sie und bedeckt ihr Gesicht mit heißen Küssen).
DIE JUNGE FRAU.
So … halten Sie Ihr Wort …
DER JUNGE HERR.
Noch einen Kuss – noch einen.
DIE JUNGE FRAU.
Den letzten.
(Er küsst sie; sie erwidert den Kuss; ihre Lippen bleiben lange aneinandergeschlossen.)
DER JUNGE HERR.
Soll ich Ihnen etwas sagen, Emma? Ich weiß jetzt erst, was Glück ist.
DIE JUNGE FRA
u (sinkt in einen Fauteuil zurück).
DER JUNGE HERR
(setzt sich auf die Lehne, schlingt einen Arm leicht um ihren Nacken). … oder vielmehr, ich weiß jetzt erst, was Glück sein könnte.
DIE JUNGE FRAU
(seufzt tief auf).
DER JUNGE HERR
(küsst sie wieder).
DIE JUNGE FRAU.
Alfred, Alfred, was machen Sie aus mir!
DER JUNGE HERR.
Nicht wahr – es ist hier gar nicht so ungemütlich … Und wir sind ja hier so sicher. Es ist doch tausendmal schöner als diese Rendezvous im Freien …
DIE JUNGE FRAU.
Oh, erinnern Sie mich nur nicht daran.
DER JUNGE HERR.
Ich werde auch daran immer mit tausend Freuden denken. Für mich ist jede Minute, die ich an Ihrer Seite verbringen durfte, eine süße Erinnerung.
[31]DIE JUNGE FRAU.
Erinnern Sie sich noch an den Industriellenball?
DER JUNGE HERR.
Ob ich mich daran erinnere … ? Da bin ich ja während des Soupers neben Ihnen gesessen, ganz nahe neben Ihnen. Ihr Mann hat Champagner …
DIE JUNGE FRAU
(sieht ihn klagend an).
DER JUNGE HERR.
Ich wollte nur vom Champagner reden. Sagen Sie, Emma, wollen Sie nicht ein Glas Kognak trinken?
DIE JUNGE FRAU.
Einen Tropfen, aber geben Sie mir vorher ein Glas Wasser.
DER JUNGE HERR.
Ja … Wo ist denn nur – ach ja … (Er schlägt die Portière zurück und geht ins Schlafzimmer.)
DIE JUNGE FRAU
(sieht ihm nach).
DER JUNGE HERR
(kommt zurück mit einer Karaffe Wasser und zwei Trinkgläsern).
DIE JUNGE FRAU.
Wo waren Sie denn?
DER JUNGE HERR.
Im … Nebenzimmer. (Schenkt ein Glas Wasser ein.)
DIE JUNGE FRAU.
Jetzt werde ich Sie etwas fragen, Alfred – und schwören Sie mir, dass Sie mir die Wahrheit sagen werden.
DER JUNGE HERR.
Ich schwöre –
DIE JUNGE FRAU.
War in diesen Räumen schon jemals eine andere Frau?
DER JUNGE HERR.
Aber Emma – dieses Haus steht schon zwanzig Jahre! –
DIE JUNGE FRAU.
Sie wissen, was ich meine, Alfred … Mit Ihnen! Bei Ihnen!
[32]DER JUNGE HERR.
Mit mir – hier – Emma! – Es ist nicht schön, dass Sie an so etwas denken können.
DIE JUNGE FRAU.
Also Sie haben … wie soll ich … Aber nein, ich will Sie lieber nicht fragen. Es ist besser, wenn ich nicht frage. Ich bin ja selbst schuld. Alles rächt sich.
DER JUNGE HERR.
Ja, was haben Sie denn? Was ist Ihnen denn? Was rächt sich?
DIE JUNGE FRAU.
Nein, nein, nein, ich darf nicht zum Bewusstsein kommen … Sonst müsste ich vor Scham in die Erde sinken.
DER JUNGE HERR
(mit der Karaffe Wasser in der Hand, schüttelt traurig den Kopf). Emma, wenn Sie ahnen könnten, wie weh Sie mir tun.
DIE JUNGE FRAU
(schenkt sich ein Glas Kognak ein).
DER JUNGE HERR.
Ich will Ihnen etwas sagen, Emma. Wenn Sie sich schämen, hier zu sein – wenn ich Ihnen also gleichgültig bin – wenn Sie nicht fühlen, dass Sie für mich alle Seligkeit der Welt bedeuten – – so gehn Sie lieber. –
DIE JUNGE FRAU.
Ja, das werd ich auch tun.
DER JUNGE HERR
(sie bei der Hand fassend). Wenn Sie aber ahnen, dass ich ohne Sie nicht leben kann, dass ein Kuss auf Ihre Hand für mich mehr bedeutet, als alle Zärtlichkeiten, die alle Frauen auf der ganzen Welt … Emma, ich bin nicht wie die anderen jungen Leute, die den Hof machen können – ich bin vielleicht zu naiv … ich …
DIE JUNGE FRAU.
Wenn Sie aber doch sind wie die anderen jungen Leute?
DER JUNGE HERR.
Dann wären Sie heute nicht da – denn Sie sind nicht wie die anderen Frauen.
[33]DIE JUNGE FRAU.
Woher wissen Sie das?
DER JUNGE HERR
(hat sie zum Diwan gezogen, sich nahe neben sie gesetzt). Ich habe viel über Sie nachgedacht. Ich weiß, Sie sind unglücklich.
DIE JUNGE FRAU
(erfreut). Ja.
DER JUNGE HERR.
Das Leben ist so leer, so nichtig – und dann, – so kurz – so entsetzlich kurz! Es gibt nur ein Glück … einen Menschen finden, von dem man geliebt wird –
DIE JUNGE FRAU
(hat eine kandierte Birne vom Tisch genommen, nimmt sie in den Mund).
DER JUNGE HERR.
Mir die Hälfte! (Sie reicht sie ihm mit den Lippen.)
DIE JUNGE FRAU
(fasst die Hände des jungen Herrn, die sich zu verirren drohen). Was tun Sie denn, Alfred … Ist das Ihr Versprechen.
DER JUNGE HERR
(die Birne verschluckend, dann kühner). Das Leben ist so kurz.
DIE JUNGE FRAU
(schwach). Aber das ist ja kein Grund –
DER JUNGE HERR
(mechanisch). O ja.
DIE JUNGE FRAU
(schwächer). Schauen Sie, Alfred, und Sie haben doch versprochen, brav … Und es ist so hell …
DER JUNGE HERR.
Komm, komm, du einzige, einzige … (Er hebt sie vom Diwan empor.)
DIE JUNGE FRAU.
Was machen Sie denn?
DER JUNGE HERR.
Da drin ist es gar nicht hell.
[34]DIE JUNGE FRAU.
Ist denn da noch ein Zimmer?
DER JUNGE HERR
(zieht sie mit). Ein schönes … und ganz dunkel.
DIE JUNGE FRAU.
Bleiben wir doch lieber hier.
DER JUNGE HERR
(bereits mit ihr hinter der Portière, im Schlafzimmer, nestelt ihr die Taille auf).
DIE JUNGE FRAU.
Sie sind so … o Gott, was machen Sie aus mir! – Alfred!
DER JUNGE HERR.
Ich bete dich an, Emma!
DIE JUNGE FRAU.
So wart doch, wart doch wenigstens … (schwach). Geh … ich ruf dich dann.
DER JUNGE HERR.
Lass mir dich – lass dir mich (er verspricht sich), … lass … mich – dir – helfen.
DIE JUNGE FRAU.
Du zerreißt mir ja alles.
DER JUNGE HERR.
Du hast kein Mieder an?
DIE JUNGE FRAU.
Ich trag nie ein Mieder. Die Odilon trägt auch keines. Aber die Schuh kannst du mir aufknöpfeln.
DER JUNGE HERR
(knöpfelt die Schuhe auf, küsst ihre Füße).
DIE JUNGE FRAU
(ist ins Bett geschlüpft). O mir ist kalt.
DER JUNGE HERR.
Gleich wird’s warm werden.
DIE JUNGE FRAU
(leise lachend). Glaubst du?
DER JUNGE HERR
(unangenehm berührt, für sich). Das hätte sie nicht sagen sollen. (Entkleidet sich im Dunkel.)
[35]DIE JUNGE FRAU
(zärtlich). Komm, komm, komm!
DER JUNGE HERR
(dadurch wieder in besserer Stimmung). Gleich – –
DIE JUNGE FRAU.
Es riecht hier so nach Veilchen.
DER JUNGE HERR.
Das bist du selbst … Ja (zu ihr) du selbst.
DIE JUNGE FRAU.
Alfred … Alfred!!!!
DER JUNGE HERR.
Emma …
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
DER JUNGE HERR.
Ich habe dich offenbar zu lieb … ja … ich bin wie von Sinnen.
DIE JUNGE FRAU
….
DER JUNGE HERR.
Die ganzen Tage über bin ich schon wie verrückt. Ich hab es geahnt.
DIE JUNGE FRAU.
Mach dir nichts draus.
DER JUNGE HERR.
O gewiss nicht. Es ist ja geradezu selbstverständlich, wenn man …
DIE JUNGE FRAU.
Nicht … nicht … Du bist nervös. Beruhige dich nur …
DER JUNGE HERR.
Kennst du Stendhal?
DIE JUNGE FRAU.
Stendhal?
DER JUNGE HERR.
Die »Psychologie de l’amour«.
DIE JUNGE FRAU.
Nein, warum fragst du mich?
[36]DER JUNGE HERR.
Da kommt eine Geschichte drin vor, die sehr bezeichnend ist.
DIE JUNGE FRAU.
Was ist das für eine Geschichte?
DER JUNGE HERR.
Da ist eine ganze Gesellschaft von Kavallerieoffizieren zusammen –
DIE JUNGE FRAU.
So.
DER JUNGE HERR.
Und die erzählen von ihren Liebesabenteuern. Und jeder berichtet, dass ihm bei der Frau, die er am meisten, weißt du, am leidenschaftlichsten geliebt hat … dass ihn die, dass er die – also kurz und gut, dass es jedem bei dieser Frau so gegangen ist, wie jetzt mir.
DIE JUNGE FRAU.
Ja.
DER JUNGE HERR.
Das ist sehr charakteristisch.
DIE JUNGE FRAU.
Ja.
DER JUNGE HERR.
Es ist noch nicht aus. Ein einziger behauptet … es sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert, aber, setzt Stendhal hinzu – das war ein berüchtigter Bramarbas.
DIE JUNGE FRAU.
So. –
DER JUNGE HERR.
Und doch verstimmt es einen, das ist das Dumme, so gleichgültig es eigentlich ist.
DIE JUNGE FRAU.
Freilich. Überhaupt weißt du … du hast mir ja versprochen, brav zu sein.
DER JUNGE HERR.
Geh, nicht lachen, das bessert die Sache nicht.
[37]DIE JUNGE FRAU.
Aber nein, ich lache ja nicht. Das von Stendhal ist wirklich interessant. Ich habe immer gedacht, dass nur bei älteren … oder bei sehr … weißt du, bei Leuten, die viel gelebt haben …
DER JUNGE HERR.
Was fällt dir ein. Das hat damit gar nichts zu tun. Ich habe übrigens die hübscheste Geschichte aus dem Stendhal ganz vergessen. Da ist einer von den Kavallerieoffizieren, der erzählt sogar, dass er drei Nächte oder gar sechs … ich weiß nicht mehr, mit der Frau zusammen war, die er durch Wochen hindurch verlangt hat – desirée – verstehst du – und sie haben alle diese Nächte hindurch nichts getan als vor Glück geweint … beide …
DIE JUNGE FRAU.
Beide?
DER JUNGE HERR.
Ja. Wundert dich das? Ich find das so begreiflich – gerade wenn man sich liebt.
DIE JUNGE FRAU.
Aber es gibt gewiss viele, die nicht weinen.
DER JUNGE HERR
(nervös). Gewiss … das ist ja auch ein exzeptioneller Fall.
DIE JUNGE FRAU.
Ah – ich dachte, Stendhal sagte, alle Kavallerieoffiziere weinen bei dieser Gelegenheit.
DER JUNGE HERR.
Siehst du, jetzt machst du dich doch lustig.
DIE JUNGE FRAU.
Aber was fällt dir ein! Sei doch nicht kindisch, Alfred!
DER JUNGE HERR.
Es macht nun einmal nervös … Dabei habe ich die Empfindung, dass du ununterbrochen daran denkst. Das geniert mich erst recht.
DIE JUNGE FRAU.
Ich denke absolut nicht daran.
[38]DER JUNGE HERR.
O ja. Wenn ich nur überzeugt wäre, dass du mich liebst.
DIE JUNGE FRAU.
Verlangst du noch mehr Beweise?
DER JUNGE HERR.
Siehst du … immer machst du dich lustig.
DIE JUNGE FRAU.
Wieso denn? Komm, gib mir dein süßes Kopferl.
DER JUNGE HERR.
Ach, das tut wohl.
DIE JUNGE FRAU.
Hast du mich lieb?
DER JUNGE HERR.
Oh, ich bin ja so glücklich.
DIE JUNGE FRAU.
Aber du brauchst nicht auch noch zu weinen.
DER JUNGE HERR
(sich von ihr entfernend, höchst irritiert). Wieder, wieder. Ich hab dich ja so gebeten …
DIE JUNGE FRAU.
Wenn ich dir sage, dass du nicht weinen sollst …
DER JUNGE HERR.
Du hast gesagt: Auch noch zu weinen.
DIE JUNGE FRAU.
Du bis nervös, mein Schatz.
DER JUNGE HERR.
Das weiß ich.
DIE JUNGE FRAU.
Aber du sollst es nicht sein. Es ist mir sogar lieb, dass es … dass wir sozusagen als gute Kameraden …
DER JUNGE HERR.
Schon wieder fangst du an.
DIE JUNGE FRAU.
Erinnerst du dich denn nicht! Das war eines unserer ersten Gespräche. Gute Kameraden haben wir sein wollen; nichts weiter. Oh, das war schön … das war bei meiner Schwester, im Jänner auf dem großen Ball, während der [39]Quadrille … Um Gottes willen, ich sollte ja längst fort sein … meine Schwester erwartet mich ja – was werd ich ihr denn sagen … Adieu, Alfred –
DER JUNGE HERR.
Emma –! so willst du mich verlassen!
DIE JUNGE FRAU.
Ja – so! –
DER JUNGE HERR.
Noch fünf Minuten …
DIE JUNGE FRAU.
Gut. Noch fünf Minuten. Aber du musst mir versprechen … dich nicht zu rühren? … Ja? … Ich will dir noch einen Kuss zum Abschied geben … Pst … ruhig … nicht rühren, hab ich gesagt, sonst steh ich gleich auf, du mein süßer … süßer …
DER JUNGE HERR.
Emma … meine ange …
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
DIE JUNGE FRAU.
Mein Alfred –
DER JUNGE HERR.
Ah, bei dir ist der Himmel.
DIE JUNGE FRAU.
Aber jetzt muss ich wirklich fort.
DER JUNGE HERR.
Ach, lass deine Schwester warten.
DIE JUNGE FRAU.
Nach Haus muss ich. Für meine Schwester ist’s längst zu spät. Wieviel Uhr ist es denn eigentlich.
DER JUNGE HERR.
Ja, wie soll ich das eruieren?
DIE JUNGE FRAU.
Du musst eben auf die Uhr sehen.
DER JUNGE HERR.
Meine Uhr ist in meinem Gilet.
[40]DIE JUNGE FRAU.
So hol sie.
DER JUNGE HERR
(steht mit einem mächtigen Ruck auf). Acht.
DIE JUNGE FRAU
(erhebt sich rasch). Um Gottes willen … Rasch, Alfred, gib mir meine Strümpfe. Was soll ich denn nur sagen? Zu Hause wird man sicher schon auf mich warten … acht Uhr …
DER JUNGE HERR.
Wann seh ich dich denn wieder?
DIE JUNGE FRAU.
Nie.
DER JUNGE HERR.
Emma! Hast du mich denn nicht mehr lieb?
DIE JUNGE FRAU.
Eben darum. Gib mir meine Schuhe.
DER JUNGE HERR.
Niemals wieder? Hier sind die Schuhe.
DIE JUNGE FRAU.
In meinem Sack ist ein Schuhknöpfler. Ich bitt dich, rasch …
DER JUNGE HERR.
Hier ist der Knöpfler.
DIE JUNGE FRAU.
Alfred, das kann uns beide den Hals kosten.
DER JUNGE HERR
(höchst unangenehm berührt). Wieso?
DIE JUNGE FRAU.
Ja, was soll ich denn sagen, wenn er mich fragt: Woher kommst du?
DER JUNGE HERR.
Von der Schwester.
DIE JUNGE FRAU.
Ja, wenn ich lügen könnte.
DER JUNGE HERR.
Na, du musst es eben tun.
[41]DIE JUNGE FRAU.
Alles für so einen Menschen. Ach, komm her … lass dich noch einmal küssen. (Sie umarmt ihn.) – Und jetzt – – lass mich allein, geh ins andere Zimmer. Ich kann mich nicht anziehen, wenn du dabei bist.
DER JUNGE HERR
(geht in den Salon, wo er sich ankleidet. Er isst etwas von der Bäckerei, trinkt ein Glas Kognak).
DIE JUNGE FRAU
(ruft nach einer Weile). Alfred!
DER JUNGE HERR.
Mein Schatz.
DIE JUNGE FRAU.
Es ist doch besser, dass wir nicht geweint haben.
DER JUNGE HERR
(nicht ohne Stolz lächelnd). Wie kann man so frivol reden? –
DIE JUNGE FRAU.
Wie wird das jetzt nur sein – wenn wir uns zufällig wieder einmal in Gesellschaft begegnen?
DER JUNGE HERR.
Zufällig – einmal … Du bist ja morgen sicher auch bei Lobheimers?
DIE JUNGE FRAU.
Ja. Du auch?
DER JUNGE HERR.
Freilich. Darf ich dich um den Kotillon bitten?
DIE JUNGE FRAU.
Oh, ich werde nicht hinkommen. Was glaubst du denn? – Ich würde ja … (sie tritt völlig angekleidet in den Salon, nimmt eine Schokoladebäckerei) in die Erde sinken.
DER JUNGE HERR.
Also morgen bei Lobheimer, das ist schön.
DIE JUNGE FRAU.
Nein; nein … ich sage ab; bestimmt –
DER JUNGE HERR.
Also übermorgen … hier.
[42]DIE JUNGE FRAU.
Was fällt dir ein?
DER JUNGE HERR.
Um sechs …
DIE JUNGE FRAU.
Hier an der Ecke stehen Wagen, nicht wahr? –
DER JUNGE HERR.
Ja, so viel du willst. Also übermorgen hier, um sechs. So sag doch ja, mein geliebter Schatz.
DIE JUNGE FRAU.
… Das besprechen wir morgen beim Kotillon.
DER JUNGE HERR
(umarmt sie). Mein Engel.
DIE JUNGE FRAU.
Nicht wieder meine Frisur ruinieren.
DER JUNGE HERR.
Also morgen bei Lobheimers und übermorgen in meinen Armen.
DIE JUNGE FRAU.
Leb wohl …
DER JUNGE HERR
(plötzlich wieder besorgt). Und was wirst du – ihm heut sagen? –
DIE JUNGE FRAU.
Frag nicht … frag nicht … es ist zu schrecklich. – Warum hab ich dich so lieb! – Adieu. – Wenn ich wieder Menschen auf der Stiege begegne, trifft mich der Schlag. – Pah! –
DER JUNGE HERR
(küsst ihr noch einmal die Hand).
DIE JUNGE FRAU
(geht).
DER JUNGE HERR
(bleibt allein zurück. Dann setzt er sich auf den Diwan. Er lächelt vor sich hin und sagt zu sich selbst). Also jetzt hab ich ein Verhältnis mit einer anständigen Frau.
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