Kitabı oku: «Millionäre»

Yazı tipi:

Artur Hermann Landsberger

Millionäre

Illustriert von R. L. Leonard

Saga

Millionäre

© 1913 Artur Hermann Landsberger

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711488430

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Im Mai 1913

Lieber Leser!

Du hast meine Bücher beschimpft – und das hat mich nicht bekümmert; du hast sie gepriesen und mir versichert, dass sie Gutes wirken könnten – und das hat mich nicht erfreut. Du hast meine Bücher gelesen und dich über sie erregt – für und wider – und das hat mir genügt.

Du hast mir zu jeder meiner Figuren Modelle genannt; zu mancher gleich ein halbes Dutzend – und das hat mich erheitert; du hast vieles, was vorging, Plagiat nach dem Leben gescholten – und das hat mich, da alle Begebenheiten frei von mir erfunden waren, beinahe an mich glauben gemacht.

Du wirst meine Neugier begreifen, auch die Modelle dieses Buches kennen zu lernen. Kannst du mir darüber glaubhafte Angaben machen und mir sagen, wo sich die von mir erfundenen Begebenheiten im Leben zugetragen haben, so will ich – gewiss ein Preis, für den es sich der Mühe lohnt – hiermit die Reihe meiner Berliner Bücher beschliessen.

Berlin W9.

Dr. Artur Landsberger

Erstes kapitel

Emilie Lesser entwirft ihr Wochenprogramm

Frau Emilie Lesser sass an einem Sonntag nachmittag mit ihrer Tochter Jette vor der zehnten Beilage des Berliner Tageblatts und strich mit einem roten Bleistift diejenigen Theater, Konzerte und Vergnügungen an, deren Besuch in dieser Woche in Frage kam.

Es ging etwas bunt durcheinander. Jette schlug vor, wovon sie sich Vergnügen versprach. Aber Emilie traf ihre Wahl nach Zweckmässigkeit. Dabei liefen Irrtümer aller Art mit unter.

Der Prophet wurde abgelehnt, weil der Name des Komponisten kein Vertrauen einflösste. Ja, Emilie konnte gar nicht fassen, was ein Mann namens Meyerbeer im Königlichen Opernhause zu suchen hatte – und entschied sich für die Quitzows, von denen ihr Bekannte schon in Neutomischel erzählt hatten.

„Donnerstag sind wir bei Sterns.“

„Bex!“ sagte Jette.

„Was heisst bex?“ fragte Emilie. „Die Leute sind zwar auch mir unausstehlich und haben keinen guten Namen; dafür aber eine grosse Zukunft. Also verhält man sich mit ihnen.“

Jette suchte zu widersprechen:

„Mit der grossen Zukunft braucht sich doch ihr Name nicht zu bessern,“ sagte sie.

Da legte Emilie die zehnte Beilage des Berliner Tageblatts beiseite und sagte in feierlichem Tone:

„Mein liebes Kind! Du bist im nächsten Jahre erwachsen. Merke dir als ersten Grundsatz allen gesellschaftlichen Lebens: Lediglich der Erfolg entscheidet. Bei einem Vermögen von einer Million aufwärts hört der Ruf auf, eine Rolle zu spielen. Nur Leuten in mittlerer Vermögenslage spürt man nach. Um Rothschilds Geschäfte kümmert sich niemand.“

Und als Jette ein ganz verdutztes Gesicht machte, lachte Emilie und klopfte ihr auf die Schultern:

„Du musst noch viel lernen, mein Aeffchen, ehe du auf die Gesellschaft losgelassen wirst. Aber nun weiter! Was ist Freitag, zeig’ mal!“ und sie beugte sich über das Blatt:

„Freitag abend ist Papa doch gern zu Hause,“ sagte Jette.

„Das muss doch mal ein Ende haben,“ erwiderte Emilie nervös, – „mit diesen Freitagabenden! – In Neutomischel – nu ja, da hab’ ich mir das gefallen lassen. Aber hier, in Berlin, macht man sich mit solchen Dingen lächerlich; schon vor den Leuten. Hier fällt Schabbis eben auf Sonntag. Und da er auf Sonntag fällt, können wir nicht Freitag anfangen, ihn zu feiern.“

„Ich habe mich die ganze Woche über immer auf den Freitagabend gefreut,“ sagte Jette.

„Ich werde für lohnendere Zerstreuungen sorgen, verlass’ dich drauf!“ erwiderte Emilie.

„Und Walter geht es genau so. Es ist doch kein Zufall, dass seine Briefe regelmässig am Sonnabendmorgen kommen. Solange er in München ist, hat er an jedem Freitagabend an uns geschrieben.“

„Mir wäre lieber, er suchte drüben in Kreise zu kommen, die ihm später einmal nützen können – statt die Gewohnheiten von früher beizubehalten, die ihm in seiner Karriere nur hinderlich sind.“

„Die Stimmung in seinen Briefen zeigt doch aber, wie sehr er daran hängt.“

„Leider!“ sagte Emilie; „wenn das nicht anders wird, dann muss er im nächsten Semester zurück.“

„Aber Mama!“ rief Jette, „wo er es drüben mit der Fakultät so gut getroffen hat.“

„I was!“ widersprach Emilie, „was heisst Fakultät! Darauf kommt es nicht an. Um Karriere zu machen, sind Verbindungen und Protektion wertvoller als wissenschaftliche Leistungen. Und die kann er hier leichter anknüpfen als in dem stupiden Biernest!“

„Na, Minister wird Walter ja nicht gleich werden wollen!“ sagte Jette.

„Warum nicht!“ erwiderte Emilie, „nichts ist unmöglich. Wenn es mir gelingt, unsere Vergangenheit auszulöschen, dann ist mir auch vor der Zukunft nicht bange.“

„Ist denn an unserer Vergangenheit etwas auszulöschen?“ fragte Jette.

„Wenn doch die anderen auch so schnell vergessen würden!“

„Was ist denn zu vergessen?“ fragte Jette ängstlich.

„Alles!“ rief Emilie. „Was war und was ist! Auch was morgen sein wird – das alles muss vergessen werden!“ Emilie erregte sich. „Dass wir je Lesser hiessen – meine Eltern gar Cohn – dass wir aus Neutomischel stammen, dass wir aus kleinen Verhältnissen kommen, einen Manufakturladen hatten, in dem ich, deine Mutter, mit diesen beiden Händen persönlich die Kunden bedient habe – ja!“ – schrie Emilie – „glaubst du denn, dass diese Schande von heut auf morgen auszulöschen geht!“

„Ich kann daran nichts Unanständiges finden!“ sagte Jette in aller Ruhe.

„Eine Schande ist es!“ erwiderte Emilie – „Und wenn wir von jetzt ab auch nur einen Abend in der Woche ausgehn, dann am Freitag.“

„Aber wohin?“ fragte Jette und beugte sich mit Emilie wieder über das Blatt.

„Das will ich dir sagen!“ rief Emilie triumphierend und unterstrich dreimal dick in der zehnten Beilage des Berliner Tageblatts:

Freitag, den 25. Januar, abends 8 Uhr, Königlicher Dom: Konzert der Königl. Hof- und Domkapelle, Sanctus und Benedictus. (Marcellus-Messe) – Leo: Psalm 50 (8stg) – Bach: 2 Motetten für 8stg – Verdi: Ave Maria.

Dann stand sie auf und stürzte, das Wochenprogramm in der Hand, die Treppen hinunter in die Parterreräume, in denen Leopold, ihr Gatte, seine Bureauräume hatte.

Zweites kapitel

Leopold Lesser zieht Bilanz

Während Emilie mit ihrer Tochter das Wochenprogramm entwarf, sass Leopold, ihr Gatte, mit seinem Freunde Adolf Jacoby in seinem Arbeitszimmer und zog Bilanz.

„So’n dicken Kopf haben wir in Neutomischel nie gehabt,“ sagte Leopold zu Iacoby.

„Andere Welt!“ erwiderte er.

„Sag’ lieber: andere Menschen!“

„Das mein’ ich natürlich; und das ist schliesslich dasselbe. Es passt sich eben jeder dem Milieu und den Verhältnissen an.“

„Ne!“ widersprach Lesser. „Wer sozusagen was Persönliches hat – er braucht darum nicht gleich ’en Genie zu sein –, der bleibt derselbe, – gleichgültig wo er ist. Denk’ nur einmal an meinen Schwiegervater – na, das ist doch gewiss kein bedeutender Mensch. Aber meinst du, der wär’ auch nur um soviel anders geworden – oder hätt’ auch nur eine seiner Gewohnheiten abgelegt, wenn er nach Berlin übergesiedelt wäre?“

„Ich bitt dich! in dem Alter!“ erwiderte Jacoby.

„Das kommt nicht auf die Jahre an! wenigstens nicht ausschliesslich. Das liegt tiefer – liegt im Blut! – oder sonstwo! Jedenfalls: meine Frau und ich sind anders!“

„Leider!“ stöhnte Jacoby.

„Wenn’s sich nicht in tausend anderen Dingen zeigte, dann genügten allein die Zahlen!“

„Was für Zahlen?“ fragte Emilie, die eben mit dem Wochenprogramm in der Hand hereingetreten war, ohne dass Leopold und Jacoby es bemerkt hatten.

„Ich bitte dich, Emilie gewöhn dich daran, anzuklopfen, bevor du reinkommst. Erstens bekommt man regelmässig einen Schreck; und dann – du bemühst dich doch sonst in allen Dingen so fein zu sein – es gehört sich nicht.“

„Und ich bitte dich,“ erwiderte Emilie, – „mich nicht in Gegenwart deines Personals zu massregeln.“

„Jacoby ist kein Personal“ erwiderte Leopold. – „Er ist Freund des Hauses! Seit fünfzehn Jahren.“

„Ich wüsste nicht, dass er deine Bücher aus Freundschaft führt. Ich dachte, dass du ihn dafür bezahlst.“

„Das tu ich auch! Das ist ganz selbstverständlich. Das hindert aber nicht, dass er ...“

„Jemanden, der für Geld Bücher führt,“ unterbrach sie ihn – „nennt man einen Buchhalter – und Buchhalter sind für gewöhnlich Angestellte.“

„Sie haben nicht immer so gedacht, Frau Emilie!“ erwiderte Jacoby verletzt; „und ich entsinne mich einer Zeit, zu der Ihnen meine Besuche sehr willkommen waren.“

„Möglich, dass das früher – in Neutomischel – einmal der Fall war. Wie gesagt: möglich! – Ich gebe mir Mühe, diese Zeit zu vergessen. Neutomischel – wenn ich dies Wort nur höre! – existiert für mich nicht mehr.“

Jacoby trat an sie heran:

„Ich kann das ja begreifen,“ – sagte er zärtlich – „aber ich bin doch mit Ihnen gegangen – so gut wie Leopold und Ihre Kinder – Sie können doch unmöglich von heute auf morgen vergessen, Emilie, was zwischen uns beiden ...“

„Werden Sie nicht unfein!“ unterbrach ihn Emilie, „und sprechen Sie laut! Es schickt sich nicht, in Gegenwart meines Mannes zu flüstern. Er kann alles hören, was Sie mir zu sagen haben – Herr Jacoby!“

„Ne Kinder,“ sagte Leopold, ohne von seinen Büchern aufzusehen – „es ist mir schon lieber, ihr sprecht leise – ich fange jetzt bereits zum dritten Male an, zu zählen. – Oder noch besser, ihr geht nach oben – in einer halben Stunde komme ich nach – ich will nur hier erst die Bilanz fertigmachen.“

„Ich wüsste nicht, worüber ich mich mit Herrn Jacoby unterhalten sollte ... etwa über die Propheten oder die Quitzow?“

„Wir haben uns früher verstanden, auch ohne dass wir über den Propheten oder die Quitzows miteinander gesprochen haben,“ sagte Jacoby.

„Ich wiederhole Ihnen,“ rief Emilie wütend, – „Sie erinnern mich mit jedem Blick und jeder Silbe an Neutomischel – mir steigt förmlich der Geruch dieser Stadt in die Nase, wenn ich Sie sehe. Wenn Sie also wirklich eine Spur von Anhänglichkeit haben, so sorgen Sie dafür, dass wir uns nicht mehr begegnen – ich bitte Sie darum.“

Jacoby liess den Kopf sinken:

„Also gehe ich!“ sagte er.

„Was soll das heissen?“ fuhr Leopold auf.

„Ich will niemandem im Wege sein. Am wenigsten Ihnen, Frau Emilie.“

„Ich brauch’ dich!“ brüllte Leopold.

Jacoby zog die Schultern in die Höhe.

„Tut mir leid!“ sagte er.

„Ich find’ mich ohne dich nicht aus in meinen Büchern!“

„Hab’ dich nicht so!“ schalt Emilie; ’n Buchhalter wird wohl noch zu ersetzen sein!“

„Nich so leicht wie’n Liebhaber!“ erwiderte Jacoby.

„Was soll das heissen? – was bedeutet das?“ schrien Emilie und Leopold gleichzeitig.

„Weshalb soll ich keine Vergleiche ziehen?“ erwiderte Jacoby in aller Ruhe. „Ein Liebhaber is wie der andre – – was da verlangt wird, du lieber Gott, das weiss am Ende jeder. Aber ein Hauptbuch gleicht nicht immer dem andern!“ – und er wies auf den Tisch, auf dem Leopolds Bücher lagen – „und ein Buchalter, der sich da herausfindet, den soll sich Leopold erst mal suchen.“

„Wem sagst du das?“ erwiderte Leopold. „Meinst du, ich weiss nicht, was ich an dir habe?“

Jacoby sah zu Emilie hinüber.

„Mir fällt es auch nicht leicht,“ sagte er – „und schliesslich ist man ja in den fünfzehn Jahren nicht nur unter sich, sondern auch mit den Büchern verwachsen.“

„Nu also!“ erwiderte Leopold.

„Trotzdem gehe ich – leb’ wohl!“ sagte er und wandte sich zur Tür.

„Jacoby!“ rief Leopold, „du bist wahnsinnig!“ und sprang auf.

Jacoby wies auf Emilie.

„Gib ihm ein gutes Wort!“ sagte Leopold zu seiner Frau.

„Ich bitte dich, lass mich aus deinen geschäftlichen Dingen heraus. Wenn du ihn brauchst, musst du ihn halten. Ich kann dazu nichts tun!“

„Ich brauche ihn!“

„Dann bist du ein Esel, wenn du ihn gehen lässt.“

„Du hörst doch, Jacoby,“ sagte Leopold – „sie will, dass du bleibst.“

Jacoby wandte sich von der Tür ab und trat wieder ins Zimmer.

„Is das wahr?“ fragte er zaghaft.

Emilie sah ihn gross an. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte:

„Aussehn tun Sie wieder, Jacoby! Jedem Stück, das Sie auf dem Leibe haben, sieht man an, dass es aus Neutomischel stammt. Wenn Sie sich wenigstens einmal die Haare schneiden liessen und einen Scheitel trügen! Sehen Sie sich doch die Leute auf der Strasse an, ob Ihnen auch nur ein einziger begegnet, der aussieht wie Sie!“

„Nu,“ sagte Leopold, „nu bist de doch wohl zufrieden – denn wenn ne Frau erst anfängt, sich um die Toilette eines Mannes zu kümmern, denn is er ihr auch nicht mehr gleichgültig.“

„Einem Hausdiener, der aussähe wie er, würde ich auch Vorhaltungen machen.“

Da wandte sich Jacoby, ohne ein Wort zu sagen, zur Tür und ging. –

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich ihn brauche!“ brüllte Leopold, als er draussen war.

„So ruf ihn zurück!“ erwiderte Emilie – „aber erst wenn ich draussen bin. Er fällt mir auf die Nerven.“

Dann trat sie an den Schreibtisch und reichte ihm den Vergnügungsanzeiger für die nächste Woche.

„Was ist das?“ fragte er.

„Vielleicht nimmst du dir die Mühe, es dir anzusehen.“

Leopold warf einen Blick auf den Zettel:

„Danach steht mir jetzt nicht der Kopf,“ sagte er und legte den Zettel beiseite.

„Ich verlange, dass du dich wenigstens fünf Minuten mal mit deiner Familie beschäftigst.“

„Keine Redensarten, liebe Emilie, wenn ich bitten darf.“

„Was soll das heissen?“ fragte sie.

„Du weisst so gut, wie ich, dass ich mich von früh bis spät mit euch beschäftige, indem ich für euch Geld verdiene. Leider – na, wozu soll ich dir auch noch den Kopf verdrehen?“

„Was ist? bitte, rede!“ drängte sie.

„Nun, wir haben Bilanz gemacht.“

„Ja, und? ...“

„Die Ausgaben übersteigen die Einnahmen im letzten Jahre um 8700 Mark.“

„Wennschon!“ erwiderte Emilie. „So wirst du im nächsten Jahre eben mehr verdienen müssen. Ich wollte sowieso mit dir darüber sprechen.“

„Worüber?“ fragte Leopold.

„Nun, dass es in dem Stile natürlich nicht weitergehen kann.“

„Was willst du damit sagen?“

„Dass wir dazu nicht nach Berlin gezogen sind, um hier unser Leben von Neutomischel weiterzuführen – dann hätten wir ebensogut bleiben können, wo wir waren!“

„Wer war denn der treibende Teil, der das Leben in Neutomischel nicht mehr ertrug?“

„Ich, ich!“ erwiderte Emilie gereizt – „ich geb’s ja zu; noch ein Jahr in dieser Enge und unter diesen Menschen und ich wäre verrückt geworden.“

„Und mir hast du immer erzählt, es geschähe nur der Kinder wegen.“

„Gewiss! auch! – aber in erster Linie hab’ ich natürlich an mich gedacht. Damit aber, dass wir uns nun hier von allem ausschliessen, habe ich freilich nicht gerechnet.“

„Was das nur heisst,“ erwiderte Leopold und schlug eins der grossen Bücher auf. – „Hier überzeug dich selbst. In Neutomischel haben wir im letzten Jahre Siebentausendvierhundert Mark gebraucht und in Berlin im ersten Jahre weit über Vierzigtausend. Das ist das sechsfache.“

„Im Verhältnis von Berlin zu Neutomischel ist es die Hälfte! verlass dich drauf!“

Leopold nahm den Zettel, den ihm Emilie gegeben hatte, vom Schreibtisch auf und sagte:

„Und dieses Wochenprogramm beweist auch nicht gerade, dass wir uns von allem ausschliessen – im Gegenteil! Vielmehr liegen die Dinge so, dass wir ruiniert sind, wenn wir weiterhin alles mitmachen, statt uns einzuschränken.

Emilie glitt auf den Sessel, der ihr am nächsten stand.

„Einschränken ...“ wiederholte sie tonlos: – „wo man eben anfangen wollte, zu leben.“

„Es tut niemandem mehr leid, als mir;“ lenkte Leopold ein. „Ich hatte es mir auch anders gedacht.“

„Mit deinem Mitleid änderst du nichts.“

„Gewiss nicht!“

„Also wirst du wohl andre Mittel suchen müssen, um zu Geld zu kommen.“

„Es gibt keine!“

„So reden Feiglinge und Krämer! Wenn es so nicht geht, so versuche es ... in Kupfer ... oder in Getreide ... oder an der Börse ... oder, was weiss ich – jedenfalls wird es doch noch etwas andres auf der Welt als Buckskin geben!“

„Und meine Bestände?“ fragte Leopold.

„Was für Bestände?“

„Nu, mein Lager, – allein in Kommissionswaren hab’ ich für über achtzigtausend Mark Ware liegen.“

„Such’ die an Papa in Neutomischel loszuwerden; darin hast du doch Uebung.“

„Meinst du, der hat nicht längst gemerkt, wie wir ihn bei der Separation übers Ohr gehauen haben?“

„Sag’ ruhig: betrogen haben!“ ergänzte Emilie. „Wir brauchen einander doch nichts vorzumachen.“

„Nenn’s, wie du willst; jedenfalls wird er ein zweites Mal vorsichtiger sein.“

„Nicht einmal soviel traust du dir zu, mit einem Manne von zweiundsiebzig Jahren, der noch dazu dein Schwiegervater ist, fertig zu werden?“

„Würde es dir etwa passen, wenn ich den alten Mann zugrunde richte?“

„Was das für Redensarten sind!“ erwiderte Emilie; „wer spricht denn von zugrunde richten? Es ist doch selbstverständlich, dass ein anderer verlieren muss, wenn du gewinnen willst. – Also mach was du willst; jedenfalls ist es deine Pflicht, für einen standesgemässen Unterhalt deiner Familie zu sorgen. Wie du das machst, ist deine Sache!“

Drittes kapitel

Die grosse Chance

„Grossvater kommt!“ stürzte Jette ins Wohnzimmer, in dem Leopold und Emilie beim Nachmittagskaffee sassen.

„Was für’n Grossvater?“ fragten beide.

„Unser! – unser – unser!“ rief Jette – und war auch schon wieder draussen, riss die Korridortür auf und lief dem alten Manne entgegen.

Leopold und Emilie sahen sich an.

Gleich darauf hörte man eine laute Männerstimme; – ganz deutlich, da Jette in ihrer Erregung sämtliche Türen offen gelassen hatte.

„Wahrhaftig!“ sagte Leopold, „er ist’s!“

„Sehr unnötig!“ erwiderte Emilie verstimmt.

„Immerhin ...,“ meinte Leopold.

„Was heisst das?“ fragte sie.

„Nun, immerhin ist es dein Vater.“

„Wenn schon! – aber willst du mir vielleicht sagen, was ich hier mit ihm anfangen soll?“

„Das möchte ich auch wissen!“ erwiderte Leopold. „Wenn du wenigstens den Jacoby nicht fortgeschickt hättest.“

„Ich habe fortgeschickt?“ fragte Leopold erstaunt.

„Etwa nich?“ erwiderte Emilie. „Sonst wäre er doch da! – Wenn du nur immer auf mich hören wolltest!“

Und als Leopold sie ganz erstaunt ansah, sagte sie:

„Ich erinnere mich genau, dass ich dir geraten habe, ihn zu halten, wenn du ’n brauchst.“

„Meinetwegen,“ lenkte Leopold ein, „es ist ja nun auch gleich, wer ihn fortgeschickt hat.“

Leopold sah zur Tür; draussen hörte man deutlich eine Männerstimme.

„Wenn er sich wenigstens angemeldet hätte!“ sagte Emilie. „Ich habe jedenfalls keine Zeit, mit ihm herumzulaufen.“

„Ich glaube“ – sagte Leopold und machte eine Bewegung, als wenn er aufstehen wollte – „wir müssen ....“

„Ja!“ erwiderte Emilie und erhob sich. „Was er nur will?“

Auch Leopold stand jetzt auf.

„Ich kann mir schon denken!“ sagte er.

In diesem Augenblick trat Cohn ins Zimmer.

„Da seid ihr ja, Kinder,“ begrüsste er sie; gab Emilien einen Kuss auf die Stirn und drückte Leopold die Hand.

„Nun, euch braucht man nicht zu fragen, wie’s euch geht!“ sagte er ... „Ihr seht ja glänzend aus.“

„Es ist der reine Zufall, dass du uns antriffst,“ sagte Emilie.

„Sooo? – Wolltet ihr fort?“ fragte Cohn. „Ich will euch nicht stören. Was ich habe, is in ’ner halben Stunde erledigt. ’S Geschäft geht vor.“

„Wir wollten mit einer befreundeten Kommerzienratsfamilie auf acht Tage ins Riesengebirge!“ protzte Emilie.

„Gott behüte!“ rief Cohn, „bei die Kälte.“

Emilie lachte verächtlich.

„Im August kann man nicht Ski laufen.“

„Was ist das?“ – fragte Cohn, „wozu tut man das?“

„Zum Vergnügen!“ erwiderte Emilie, „und um schlank zu bleiben.“

„Recht habt ihr,“ sagte Cohn. „Wenn ihr’s euch leisten könnt. – Nehmt ihr’n Jacoby natürlich mit?“

„Wen?“ fragte Emilie.

Cohn sah sie gross an, dann lachte er und sagte:

„Kennt ihr’n Jacoby nich?“

„Ach so – ja – Leopolds früheren Buchhalter.“

„Früheren? – was heisst das?“ fragte er ganz bestürzt.

Leopold hat ihn entlassen.

„Entlassen? – den Jacoby?“

„Seine Leistungen genügten ihm nicht mehr.“

„Ja, was, was fängt der Mensch nun an?“ – Cohn war ganz ausser sich.

„Unsre Sorge!“ sagte Emilie.

„Ihr habt’n doch mit euch nach Berlin genommen – von selbst wäre er nie von Hause fortgegangen.“

„Er ist ’n ausgewachsener Mensch, der wissen muss, was er tut – und sich nicht mitnehmen lässt,“ erwiderte Leopold.

„Oder sollten wir ihn etwa lebenslänglich durchfüttern?“

Cohn machte ein sehr verdriessliches Gesicht.

„Wie lange ist er fort von euch?“ fragte er.

„Seit ein paar Tagen,“ erwiderte Leopold.

„Wenn er nichts anderes findet – und er wird nichts finden, davon bin ich überzeugt, – dann werde ich ihn wieder zu mir nehmen.“

„Hast du denn Verwendung für ihn?“ fragte Leopold.

Cohn dachte nach.

„Nein,“ sagte er. „Verwendung habe ich nicht; im Gegenteil, ich muss mit jedem Groschen rechnen; – aber, was hilft’s, man kann ihn doch nicht hungern lassen, wo er fünfzehn Jahre lang bei einem war, – man kann überhaupt keinen Menschen hungern lassen!“ fügte er hinzu.

„Das sind rückständige Ansichten, Papa!“ sagte Emilie.

„Jedenfalls denkt hier kein Mensch so!“ stimmte Leopold bei.

„Ich leb’ ja nicht hier!“ erwiderte Cohn, – „möcht’ hier auch nicht leben, wenn so was möglich is.“ Dann wandte er sich an Emilie. „Und nun lass mich mal auf eine halbe Stunde mit deinem Mann allein. Ich habe was Geschäftliches mit ihm zu bereden.“

„Was Unangenehmes natürlich“, sagte Emilie.

„Wieso?“ – fragte Cohn; „im Gegenteil! Was äusserst Angenehmes; vorausgesetzt, dass es sich machen lässt! Aber es wird sich schon machen lassen!“

Emilie stand auf.

„Wie lange bleibst du?“ fragte sie ihren Vater.

„Bis zum Abend.“

„Willst du denn nicht wenigstens bei uns übernachten?“ fragte Leopold.

„Danke schön, mein Junge! Aber du weisst, ich muss morgen früh um acht Uhr wieder hinterm Ladentisch stehen.“

„Es is auch besser, Papa hat seine Ordnung“, sagte Emilie und ging hinaus.

„Ich seh dich noch, bevor ich gehe“, rief ihr Cohn nach, dann zog er einen Stoss Papiere aus der Tasche, legte sie vor sich auf den Tisch und begann.

„Mir geht’s schlecht, mein Junge. Ich weiss nich, ob ich die Firma werde halten können, – denk’ dir, hundertzwanzig Jahre sind’s im August, dass mein seliger Urgrossvater sie gegründet hat.“

„Ein richtiger Segen hing nie daran“, erwiderte Leopold.

„Was heisst das?“ widersprach Cohn. „Hat das Geschäft uns nicht alle immer redlich ernährt? Haben wir je fremde Hilfe gebraucht?“

„Ihr habt eben alle keine Ansprüche ans Leben gestellt.“

„Was heisst Ansprüche ans Leben?“ fragte Cohn. „Kann man grössere Ansprüche stellen, als heiter und gesund sein? Nu? – In ganz Neutomischel konntst du rumgehen, hundert Jahre lang, von ein Haus ins andere –. De hättest keine Familie gefunden, die zufriedener war. Aber was nutzt das heut?“

„Ich mein’ auch, fürs Gewesene gibt der Jud’ nichts!“

„Oh!“ widersprach Cohn lebhaft – „sag das nich! das wär’ schlimm, wenn ich darauf sollt verzichten – davon leb’ ich – von meine Erinnerungen.“

„Ich fürchte, du wirst davon nicht satt werden, Papa?“

„Es gibt noch was anderes, Leopold, was man braucht zum Leben als ’n vollen Magen: das Herz. Was hat man von all die Herrlichkeiten, wenn se nur aussen bleiben und man se nich da innen fühlt.“

Leopold dauerte das alles viel zu lange.

„Und was soll nun werden, Papa?“ fragte er.

„Ich will dich nich lange damit aufhalten, dass ich dir erzähle, wodurch die Schwierigkeiten entstanden sind. Du weisst es ja auch, ich will dir daraus keinen Vorwurf machen – Gott behüte! Dass die Bestände, die du bei deinem Austritt mit hundertfünfunddreissigtausend Mark angegeben hast – und du wirst ja wohl deine Gründe dafür gehabt haben – nicht mehr als sechzigtausend Mark wert waren – nu, und auch die reinzubringen is mir bis heut nicht gelungen.“

„Du hattest seinerzeit dieselbe Möglichkeit, nachzuprüfen wie ich.“

„Hab’ ich!“ erwiderte Cohn.

„Was!“ fragte Leopold ganz erstaunt – „Du hast ... du wusstest also – und hast trotzdem meine Abrechnung gebilligt?“

„Was wär’ geworden?“ erwiderte Cohn. „Sollt’ ich dem Manne meines einzigen Kindes sagen, dass er mich – nu zum mindesten übervorteilt hat? S’ hätt mich mit meinem Kinde auseinandergebracht. Das war’s! Darum hab’ ich geschwiegen! Und dann: ich hoffte immer – du bist ein tüchtiger Geschäftsmann, wenn auch anders – leider! – als dein Vater und Grossvater – Gott hab’ se selig – es waren – aber ich hab’ immer gedacht, wenn du erst festen Fuss hier hast, denn wirst de eines Tages zu mir kommen – du verstehst – und das alles ausgleichen.“

„Und da ich nich zu dir gekommen bin, so kommst du heute zu mir! – Hm! ich verstehe! Um mir die Pistole auf die Brust zu setzen: entweder ich zahl’ dir die Differenz oder ...“

„Gott behüte!“ rief Cohn. „Was sind das für furchtbare Gedanken.“

Leopold atmete auf.

„Sondern?“ fragte er.

„Ich hab’ mer gedacht, de wirst genug mit dir selbst zu tun haben.“

„Allerdings!“ bestätigte Leopold. – „Das hab’ ich.“

„Nu eben, es is doch keine Kleinigkeit, in ’ner fremden Stadt festen Fuss zu fassen – wenngleich du ja – das soll nicht etwa ’n Vorwurf sein! ich bin immer für freie Konkurrenz eingetreten – den besten Teil meiner Kunden mitgenommen hat – aber lassen wir das!“

„Ich mein’ auch!“ erwiderte Leopold – „das bringt uns nur aneinander.“

„Eben! Darum hab’ ich mich auch nich an dich gewandt, als ich für die Dreimonatsakzepte am ersten April keine Deckung hatte.“

„An wen denn?“ fragte Leopold erstaunt.

„Ich bin zum Stadtrat Marcuse gegangen – de kanst dir denken, mit was für Gefühlen! – Dreimal hab’ ich den Klingelzug von seiner Haustür in der Hand gehabt und wieder losgelassen und bin umgekehrt – aber schliesslich, was half’s? – nu, er hat mich – für den Augenblick wenigstens – vor dem Schlimmsten bewahrt.“

„Nu also!“

„Und mehr als das! Er hat sich von mir genau erzählen lassen ...“

„Natürlich“, unterbrach ihn Leopold erregt – „hast du mir an allem die Schuld gegeben – obgleich du weisst, dass Stadtrat Marcuse gerade in Berlin grosse Beziehungen hat und mir, wenn er will, überall Knüppel zwischen die Beine werfen kann.“

„Geschämt hätt’ ich mich, von dir zu erzählen“, erwiderte Cohn. „Ein guter Jude hungert lieber als dass er’s eigene Nest beschmutzt. – Na, kurz und gut, er hat mir ’n Geschäft an die Hand gegeben, durch das ich – und der Marcuse schwätzt nicht – Millionen verdienen kann.“

Leopold, der bisher in seiner Korrespondenz geblättert hatte, schob alles beiseite und richtete sich auf.

„Sieh mal an!“ sagte er interessiert – „und warum macht er es nicht, wenn’s so glänzend is?“

„Marcuse ist neunundsiebzig – is Junggeselle – hat sein gutes Auskommen – wozu soll er sich den Kopf verdrehen? – nu, ich versteh’ das und wär’ nich anders, wenn ich nich müsste.“

„Und das Geschäft?“ fragte Leopold.

„Deshalb eben bin ich gekommen – also hör’ zu: Du kennst die Gelände unten an der Döberitzer Heerstrasse ...“

„Wo jetzt die grossen Kasernen und Uebungsplätze hinkommen sollen?“

„Richtig! Denk’ dir, Marcuse hat auf einen Teil der Gelände eine Option gegen Zahlung von zweimalhunderttausend Mark.“

„Nicht möglich!“ rief Leopold. „Das ist ja ein Millionenobjekt!“

„Gewiss is es das!“ erwiderte Cohn. „Na und ich kann dir auch verraten, dass der Fiskus den Ankauf der Gelände zu einem exorbitant hohen Preise bereits beschlossen hat. – N’ Köppchen der Marcuse! Alles weiss er, überall is er dabei!“

„Und was hast du davon? Hat er dir etwa versprochen, dass er dich als Erben einsetzt?“ fragte Leopold.

„Er hat mir die Option an der Hand gelassen!“

„Was? is er verrückt?“

„Die zweimalhunderttausend Mark müssen aber spätestens bis zum ersten April, das heisst in knapp drei Monaten, bezahlt werden. Sonst verfällt die Option und, de kannst dir denken, der Vorbesitzer verwertet das Gelände selbständig.“

„Vater!“ rief Leopold und sprang auf – „das is ja ein Glücksfall sondergleichen, zu dem man dir gratulieren kann.“

„Wo hab’ ich schon bis zum ersten April die zweimalhunderttausend Mark her?“ sagte Cohn.

Leopold lief im Zimmer umher und überlegte.

„Zweihunderttausend Mark!“ brabbelte er vor sich hin – „das is freilich kein Pappenstiel.“

„Wem sagst du das?“ erwiderte Cohn.

„Hast du Unterlagen? – Sicherheiten?“

Cohn kramte in seinen Taschen und zog einen ganzen Stoss von Papieren hervor, die er Leopold reichte.

„Ich dachte“, sagte Cohn – „natürlich zuerst an dich, dass du mir vielleicht – auf irgendeine Art – die Summe verschaffst. Denn am Ende kommt es ja eines Tages doch euch zugute – und dann: es kann euch ja auch nicht gleich sein – menschlich wie geschäftlich – wenn ich auf meine alten Tage noch in Konkurs gehe.“

„Das würde natürlich auch auf mein Geschäft zurückwirken“, erwiderte Leopold.

„Das hättest du nur früher bedenken sollen“, sagte Cohn. „Aber, gottlob, es is ja noch immer Zeit.“

Leopold hatte sich inzwischen in die Schriftstücke, die ihm sein Schwiegervater gegeben hatte, vertieft.

„Ein aufgelegtes Geschäft!“ sagte er.

„Weiss Gott, das is es!“ bestätigte Cohn – „und du meinst: du kannst?“

„Ich muss!“ erwiderte Leopold.

Cohn stand auf und klopfte ihm auf die Schulter.

„Du bist doch ’n guter Kerl!“ sagte er – „und ersparst deinem alten Schwiegervater die Schande! – Ich würd’s auch nich überleben.“

Noch einmal überlegte Leopold.

„Hast du schon sonst mit jemandem über das Geschäft gesprochen?“ fragte er.

„Aber nein! ich bin doch kein Kind!“

„Wills du mir die Unterlagen hier lassen und mir versprechen, nichts, aber auch wirklich nichts, in dieser Sache ohne mich zu unternehmen?“

„Wenn du mir sagst, dass es dir möglich is ...“

„Hier, mein Wort darauf, dass du das Geld rechtzeitig hast“ – er hielt seinem Schwiegervater die Hand hin.

„Damit machst du alles wieder gut, mein Junge“, sagte Cohn gerührt und schlug ein. „In solchen Stunden spürt man doch, dass man zusammengehört.“

Viertes kapitel

Wie Leopold das grosse Geschäft an sich reisst

Leopold sann jetzt Tag und Nacht darüber nach, wie er die zweimalhunderttausend Mark beschaffen könne. Er lief von einer Bank zur andern. Aber er war aus Furcht, man könne ihm das Gechäft entreissen, nicht zu bewegen, sich zu decouvrieren und die Unterlagen aus der Hand zu geben; und so beschied man ihn entweder abschlägig oder man verlangte Anteile am Gewinn, die in keinerlei Verhältnis zu der Leistung standen, um die er bat.

Auch seine Versuche, die nötigen Summen durch geschäftliche Transaktionen in seinem Geschäfte aufzutreiben, schlugen fehl. Er verschleuderte die von ihm teuer eingekaufte Ware gegen Kasse, während er selbst seinen Dreimonatskredit wechselmässig weiter in Anspruch nahm. Das hatte naturgemäss eine ganz bedeutende Steigerung seines Absatzes zur Folge. Aber die grossen Barmittel, die er auf diese Weise in die Hand bekam, reichten kaum für die geschäftlichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen, die immer grösser wurden. Und die Gefahr, einen Zusammenbruch seines Geschäftes zu erleben, ehe es ihm gelang, sich auf Grund des ihm in Aussicht gestellten Terraingeschäftes ein für alle Male zu rangieren, rückte immer näher.

Denn der Gedanke, dieses Terraingeschäft, das ihm sein Schwiegervater so leichtfertig in die Hände spielte, auf andere als auf eigene Rechnung zu machen, kam ihm nie.

Um sich geschäftlicher Verpflichtungen zu entledigen, waren Konkurs und Zwangsvergleich noch immer die bewährtesten Mittel.

Nur hiess es, eine Kombination schaffen, welche die Effektuierung des Terraingeschäftes trotz – ja vielleicht grade infolge dieses Konkurses möglich machte.

Und diese Kombination offenbarte sich ihm während der Marcellus-Messe im königlichen Dom am Freitagabend.

Am nächsten Morgen setzte er alle Hebel in Bewegung, um den Aufenthaltsort Jacobys ausfindig zu machen. Weder auf dem Einwohnermeldeamt Berlins, noch auf einem der Vororte war er zu ermitteln. Und so drahtete er denn dringend an seinen Schwiegervater, der erst heute morgen wieder auf einer Karte angefragt hatte, ob die Beschaffung der zweimalhunderttausend Mark auch ganz sicher sei:

„Verbürge mich für rechtzeitige Beschaffung, drahte Jacobys Aufenthalt, den dir zu Liebe wieder aufnehme

Gruss Leopold.“

Und Cohn schmunzelte vergnügt, als er das Telegramm las; hatte den ganzen Tag über für jeden Kunden, den er bediente, ein freundliches Wort, unterrichtete strahlend Marcuse und drahtete nach Berlin zurück:

„Sehr lieb von dir, Jacoby wohnt Rosenstrasse 3.

Gruss euch allen, Vater.

Leopold fuhr selbst zu Jacoby, den er auch antraf.

„Um Himmels willen! – was is passiert!“ rief Jacoby, als Leopold ins Zimmer trat. Er wusste: ein freudiger Anlass konnte es nicht sein, aus dem er zu ihm kam.

„Nich mehr und nich weniger, als dass mein Schwiegervater vor der Pleite steht.“

Jacoby entfärbte sich.

„Gott im Himmel! das is ja nich möglich! –“

„Leider doch!“

„Das überlebt er nich!“

„Ich fürchte auch.“

„Du hast ihn zugrunde gerichtet! Deine Pflicht ist es, ihn zu retten.“

„Wo kann ich es schon,“ erwiderte Leopold. – Dann fuhr er fort: „Du hast es so gut gewusst, wie ich. Du hättest ja reden können damals, wenn du glaubtest, es geschieht ihm unrecht.“

„Hätt’ ich nur! hätt’ ich nur!“ jammerte Jacoby und schlug sich vor den Kopf. „Aber deine Emilie hat mich betölpelt mit schöne Reden – ja, ich bin mit schuld an seinem Unglück – aber ich bin bestraft – das geschieht mir recht – ich hab’s nicht besser verdient!“

„Mit deinem Gejammer machst du es nicht gut,“ sagte Leopold.

„Sage mir, wie ich es gut machen kann!“ erwiderte Jacoby. „Wenn eine Möglichkeit existiert – es gibt kein Opfer, das ich nicht brächte!“

Leopold sah ihm in die Augen.

„Ich hätte nicht übel Lust, dich beim Wort zu nehmen!“ sagte er.

„Tu’s!“ bat Jacoby.

„Es gibt eine Möglichkeit, ihn zu retten.“ Und nun erzählte ihm Leopold unter strengster Verschwiegenheit von dem Terraingeschäft und der Option seines Schwiegervaters, und wie er, Leopold, sich seit Tagen vergeblich bemühe, das Geld zusammenzubringen.

„Diese Summe! Das is nich möglich!“ sagte Jacoby.

„Doch!“ widersprach Leopold. – „Wenn es dir Ernst is um seine Rettung – du brauchst nichts weiter zu tun, als auf – na sagen wir mal fünf Jahre irgendwo ausserhalb Deutschlands – du lieber Gott, die Welt is gross ...“

„Ein Verbrechen soll ich begehen!“ schrie Jacoby auf – „nie im Leben!“

„Reg dich nich auf!“ erwiderte Leopold in aller Ruhe. „Wer spricht von Verbrechen? Dazu werd’ ich mir ausgerechnet n’ Helden wie dich aussuchen. – Aber lassen mer’s; wenn de nich mal das kleine Opfer ...“

„Bis ans Ende der Welt will ich gehen,“ beteuerte Jacoby – „und bis an mein Lebensende fortbleiben, wenn ich ihn damit retten kann. Aber ich begreif’ nich ...“

„Du wirst gleich begreifen,“ unterbrach ihn Leopold. Und er zog aus seiner Tasche einen ganzen Stoss Wechselformulare heraus und legte sie auf den Tisch.

„Was soll das?“ fragte Jacoby.

„Hier“ – und er reichte ihm ein Päckchen ausgefüllter Wechselformulare –“ gebe ich dir für dreimalhunderttausend Mark Akzepte – Se sind gut! – sämtlich auf meinen Namen – du kannst se unbesorgt nehmen.“

Jacoby zögerte.

„Wofür?“ fragte er. – „Wozu?“

„‚Du hast die Liebenswürdigkeit, mir von dir für dreimalhunderttausend Mark Akzepte dagegen zu geben – da“ – und er schob ihm ein Päckchen unbeschriebener Formulare hin – „füll aus – und schreib die Fälligkeitsdaten von dem Zettel hier ab – es is nötig, dass sie später fällig sind als meine.“ Jacoby sah ihn verwirrt an.–„Ich weiss nich, warum du zögerst – es kann kein glatteres Geschäft geben: ich geb dir dreimalhunderttausend Mark und du zahlst mir dreimalhunderttausend Mark zurück.“

„Das schon; aber wozu?“ fragte Jacoby und schüttelte den Kopf.

„Hast du Angst, ich will dich hineinlegen? Sind meine Wechsel nicht besser als deine?“

„Eben – darum – wie kann ich Akzepte ausstellen über dreimalhunderttausend Mark, wo ich nicht weis, wovon ich morgen leben soll.“

„Kannst du mehr tun, als mir das sagen? wenn ich son Esel bin und geb dir trotzdem dagegen meine, was geht’s dich an?“

Jacoby nahm den Halter auf und überlegte – dann tauchte er ein und schrieb:

„Ich kann dabei Strafbares nich finden,“ sagte er – „wenngleich ich nich weiss, wie du damit dem Alten helfen willst.“

„Brauchst du auch nicht zu wissen,“ erwiderte Leopold. „Schreib nur!“

Und Jacoby schrieb quer – Wechsel um Wechsel, füllte Summe und Fälligkeitstermine, wie Leopold sie auf dem Zettetl angegeben hatte, aus und zählte zusammen.

„Es stimmt!“ sagte er – „es sind dreimalhunderttausend Mark – da!“ – und er reichte Leopold die Formulare, der sie zusammenkniffte und in die Tasche schob.

„Was nun?“ fragte Jacoby.

„Nun, mein lieber Jacoby, wirst du doch Geld brauchen.“

„Ich? wozu?“

„Nu, ich weiss ja nich, wo du hingehst – will’s auch nich wissen! – aber reisen kostet Geld. – Und dann: leben musst du ja schliesslich auch.“

„Lieber Leopold“, erwiderte Jacoby – „was bedeutet das alles? Wie kann dadurch, dass ich fortgeh ...“

„Du brauchst also Geld,“ fuhr Leopold fort und überhörte, was Jacoby sagte. „Ich mache dir einen Vorschlag: ich kaufe dir meine Wechsel ab. Und zwar für dreissigtausend Mark. Hier, zähl nach!“ – und er reichte ihm ein Päckchen Tausendmarkscheine, die Jacoby mit zitternden Händen nahm.

„Zähle!“ wiederholte Leopold.

„Ich kann nich,“ erwiderte Jacoby – „ich bin zu erregt – das is ja ein Vermögen – das reicht ja aus, um mir eine Existenz zu gründen. –“

Und immer wieder legte er einen Schein auf den andern und vergass in seiner Erregung, zu zählen, bis Leopold, der seine Wechsel wieder an sich genommen hatte, ungeduldig wurde und sagte:

„Nun gib mir dein Ehrenwort, Jacoby, dass du mindestens fünf Jahre fortbleibst.“

„Bis an mein Lebensende, wenn ihm damit gedient ist,“ gelobte Jacoby und gab ihm die Hand.

Fünftes kapitel

Leopold Lesser geht in Konkurs

Eines Vormittags erschien Emilie im Bureau ihres Mannes.

„Da bin ich! Was sind das für Eröffnungen, die du mir zu Hause nicht machen konntest. Ich muss sagen, du verstehst es, einen in Spannung zu halten. Ich habe kein Auge geschlossen heut nacht.“

Leopold sah nach der Uhr und schmunzelte.

„Bitte, setz’ dich!“ sagte er und schob ihr einen Stuhl hin.

Emilie setzte sich.

„Zunächst,“ begann Leopold – „habe ich dir mitzuteilen, dass sich mein Umsatz in den letzten vier Wochen vervierfacht hat.“

„Ich bitt dich, Leopold,“ erwiderte Emilie, „mach mit mir keine Flausen. Ich kenne doch den Betrieb hier. Du schleuderst doch! Du verkaufst deine Waren unter Einkaufspreis.“

„Wem sagst du das?“ erwiderte Leopold.

„Du setzt zu.“

„Allerdings!“

„Jeder Kunde kostet dich Geld.“

„Gehörig!“

„Und wenn du am Quartalsersten den Lieferanten zahlen sollst, bist du pleite.“

„Erraten!“‘

„Und um mir das mitzuteilen, muss ich hierherkommen. Das konntest du mir gar nicht zu Haus erzählen. – Oder,“ fragte sie ängstlich – „was hast du vor? Willst du etwa fliehen oder gar“ – sie zitterte – „Leopold, das wäre geschmacklos!“ Sie stand auf und sah ihn ängstlich an.

„Was ist dir? Was meinst du?‘“ fragte er erstaunt.

„Du willst dich doch nicht etwa vor meinen Augen erschiessen?“

„Gott behüte! – womit soll ich mich denn erschiessen?“ – erwiderte er – „und warum? wo wir gerettet sind!“

„Leopold!“ rief Emilie entsetzt – „du hast deinen Verstand verloren.“

„Nicht, dass ich wüsste!“ erwiderte er. „Im Gegenteil, ich fühle mich ausserordentlich behaglich.“

„Wo – du doch – selbst – sagst, dass du – vor dem Konkurse – stehst!“

„Eben deshalb!“

„Leopold!“ rief sie ängstlich – „ich habe Furcht vor dir.“

Leopold trat an seinen Geldschrank und schloss ihn auf.

„Wenn du dir die Mühe machen und dein Kontobuch einer kleinen Durchsicht unterziehen wolltest. Es ist mir übrigens lieber, du nimmst das Buch mit nach Hause. Ich möchte nicht, dass man es bei mir findet.“

Er reichte ihr das Buch, dass sie gelangweilt aufschlug.

„Was soll das?“ fragte sie ..

„Blättre nur bis zu Ende!“ bat er.

„Was? – was?“ rief sie und bekam einen roten Kopf. Dreimalhunderttausend Mark zu meinen Gunsten – wo – wo kommen die her?“

„Ich weiss es nicht!“ erwiderte Leopold. „Ich dachte, dass du es vielleicht wüsstest. Ich habe nur die Mitteilungen von der Bank erhalten, dass diese Summe auf dein Konto einbezahlt worden ist.“

„Leopold! Du bist nicht bei Verstand!“ rief Emilie.

„Allerdings sind hier in den letzten Wochen Akzepte von mir in Höhe von dreihunderttausend Mark vorgekommen, die mein Geschäft infolge der hohen Kassenbestände prompt eingelöst hat.“

„Und wer – wer – hat die präsentiert?“ fragte Emilie zitternd.“

Voraussichtlich jemand, dem ich sie vorher übergeben hatte.“

„Ja – und?“

„Und der muss dann wohl die Freundlichkeit gehabt haben, die Valuta auf dein Konto einzuzahlen. Es ist möglich, dass er dabei einer kleinen Anregung von meiner Seite gefolgt ist – das Resultat ist jedenfalls: dass du zurzeit über ein Vermögen von dreihunderttausend Mark verfügst – somit also in der Lage bist, das Terraingeschäft deines Vaters auf eigene Rechnung zu machen.“

„Leopold!“ schrie Emilie – sie schrie immer, wenn sie erregt war – „dann sind wir ja Millio ...“

Leopold hielt ihr die Hand vor den Mund.

„Pscht!“ sagte er – „zunächst werde ich jetzt als rechtschaffener Kaufmann mit allem Anstand in Konkurs gehen. – Ich habe bis Ultimo etwa dreimalhunderttausend Mark zu zahlen.“

„Dreimalhunderttausend Mark,“ erwiderte Emilie. „Das ist ja genau so viel, wie mein Vermögen.“

„Ich danke Gott, dass es nicht mein Vermögen is,“ erklärte Leopold. „Ich habe getan, was ich konnte. Ich habe bisher immer pünktlich bezahlt. Auch diesmal habe ich alle Lieferanten befriedigt.“

„Also!“

„Konnte ich wissen, dass der Kerl ein Halunke is?“

„Welcher Kerl?“ fragte Emilie.

„Dessen Wechsel ich den Lieferanten in Zahlung gegeben habe und der nun, wo sie fällig sind ...“

„... nicht zahlt!“ ergänzte Emilie – „ich begreife!“

„Nich nur nicht zahlt,“ erwiderte Leopold – „er ist einfach nicht auffindbar – er ist auf und davon – kein Mensch weiss, wohin.“

„Vornehm is das!“ sagte Emilie verächtlich – „und wer is dieser Jöntelmen?“

„Was tut der Name zur Sache,“ erwiderte Leopold, und als Emilie ihre Frage wiederholte, antwortete er: „Jacoby.“

Sie standen sich jetzt gegenüber und sahen sich an. Dann platzten sie beide heraus und pruschten laut los.

„Nein, Leopold!“ rief Emilie und schüttelte sich vor Lachen. „Mit deinen Anlagen kannst du es noch einmal bis zum Bankdirektor bringen.“ –

Und so ging denn Leopold Lesser in Konkurs – in den Augen seiner Gläubiger und der Welt zugrunde gerichtet von einem gewissenlosen Menschen, von dem man nur wusste, dass er Jacoby hiess und fünfzehn Jahre lang im Hause von Lessers Schwiegervater in Neutomischel das grösste Vertrauen genossen hatte – sein blühendes Geschäft war ihm zum Opfer gefallen.

Diese Auffassung herrschte im Gläubigerausschuss; und sie übertrug sich auch auf Gericht und Konkursverwalter. Und so war denn bei der ersten Gläubigerversammlung die Stimmung eine dem Gemeinschuldner günstige und versöhnliche. Und als der alte Geheime Justizrat Gause als Anwalt der Frau Emilie Lesser auftrat und die Erklärung abgab, dass seine Klientin zugunsten der Gläubiger auf ihre sämtlichen, nicht unerheblichen Ansprüche an das Vermögen ihres Mannes verzichte, da hatte man für den Schuldner nur Ausdrücke der Teilnahme und Hochachtung. Und man verurteilte das Vorgehen eines auswärtigen Gläubigers, der ihn einer geringen Schuld wegen zum Offenbarungseide zwang.

Sechstes kapitel

Wie Emilies Vater sich dupieren lässt

Eines Morgens erhielt Emilies Vater in Neutomischel einen Brief, in dem sein Schwiegersohn ihm schrieb, dass er durch den Zusammenbruch eines seiner grössten Schuldner seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen könne und infolgedessen gezwungen sei, in Konkurs zu gehen. Er möge diese Tatsache mit derselben Ruhe aufnehmen, mit der sie seine Tochter Emilie aufgenommen habe. Er, Lesser, fühle sich jung genug, um mit frischer Kraft von vorn zu beginnen; im übrigen seien die geschäftlichen Erfahrungen, die er in Berlin gesammelt habe, mehr wert, als das verhältnismässig kleine Kapital, das er verloren habe. – Und am Schluss schrieb er: „Ich brauche dir wohl nicht erst zu versichern, dass deine Terrain - Transaktion durch meinen Konkurs in keiner Weise berührt wird. Das Geld ist mir von Prima Seite zugesichert und du kannst mit absoluter Bestimmtheit darauf rechnen.“

Drei Tage vor dem ersten April kam Cohn nach Berlin. Der Zwangsvergleich, der Leopolds Konkurs beendet hatte, gefiel ihm gar nicht.

„In sechs Wochen hätt’ ich deine Gläubiger auf Heller und Pfennig befriedigt. Aber zehn Prozent! Ich würd’ mich schämen an deiner Stelle. – Wie stehst du nu da!“

Aber Leopold zeigte ihm Briefe seiner Gläubiger, in denen sie ihm dankten und ihn ihres ferneren Vertrauens versicherten. Ja einige räumten ihm sogar von neuem Kredite ein.

„Da kann ich nicht mit!“ sagte Cohn.

„Du vergisst, dass du über dreissig Jahre älter bist als wir!“ sagte Emilie.

„Mag sein, dass es das ist. – Also reden wir von was anderm! Wie steht’s mit den zweihunderttausend Mark? Wann kann ich se haben?“

„Ich denke morgen,“ erwiderte Leopold.

„Was heisst, du denkst?“ fragte sein Schwiegervater.

„Ich hab’ vorhin mit dem Geldmann telephoniert.“

„Nu und?“

„Er macht plötzlich allerlei Ausflüchte.“

„Leopold!“ rief Cohn entsetzt – „das – das is ja nicht möglich – ich hab’ doch dein Wort – morgen muss das Geld da sein! ... Du weisst, dass ich sonst ...“

„Vor allem kalt Blut!“ unterbrach ihn Leopold – „mit Schreien kommen wir nicht weiter. Ich hab’ getan, was ich konnte. – Wenn man mich jetzt im Stiche lässt, so ist das nicht meine Schuld.“

„Wer ist der Mann?“ fragte Cohn in grosser Erregung.

„Einer meiner zuverlässigsten Freunde,“ erwiderte Leopold. – „Emilie kennt ihn auch.“

„Lass mich zu ihm!“ forderte Cohn. „Ich werde ihm sagen, wie schändlich es von ihm is, ein Ehrenmann hält, was er verspricht ...“

„Das alles habe ich ihm gesagt,“ erwiderte Leopold.

„Nun, und?“

„Das wären Redensarten! hat er geantwortet.“

„Was!“ rief Cohn – „und von so einem gewissenlosen Menschen sagst du, dass er einer deiner zuverlässigsten Freunde sei?“

„Ich dachte es,“ erwiderte Leopold – „bis heute – ich habe mich eben geirrt.“

„Lieber Leopold,“ sagte Cohn mit starker Betonung – „du irrst dich in letzter Zeit etwas häufig! Du bist mir, scheint’s, nicht in guter Gesellschaft. Du solltest mehr acht auf deinen Umgang geben.“

„Danke für die Belehrung,“ erwiderte Leopold – „aber ich bin kein Kind mehr. Du musst mir schon die Wahl meines Verkehrs überlassen.“

„Ja, fühlst du mir gegenüber denn gar nicht so etwas wie eine Verantwortung? – Emilie! –“ wandte er sich erregt an seine Tochter – „sag du, ob ich nich recht hab’ – ich habe doch mein ganzes Vertrauen auf dich gesetzt, Leopold – du wusstest doch, wie es um mich stand ...“

„Jeder is seines Glückes Schmied,“ erwiderte Emilie – „und am Ende hat sich Leopold doch auch für dich bemüht.“

„Was gibt er denn als Grund für seine Ablehnung an?“ fragte der Alte.

„Geldstockungen – Konjunktur – man kennt die Einwände ja, gegen die man machtlos ist – oder was soll ich ihm erwidern, wenn er sagt: ein heut fälliges Akzept von hundertfünfzigtausend Mark ist nicht eingelöst worden? – Kann ich nachprüfen?“

Cohn sank in sich zusammen.

„Was nun?“ rief er ein um das andre Mal.

„Die Sache ist noch nicht aussichtslos!“ sagte Leopold.

„Was heisst das?“ erwiderte Cohn – „wenn ich morgen nich zahl, is die Option verfallen.“

„Das schon, aber er bietet als einmalige Abfindungssumme für die Option fünfzigtausend Mark.“

„Leopold!“ schrie Emilie – „bist du von Sinnen?“

„Lass mich nur machen,“ flüsterte Leopold und nahm sie beim Arm.

Cohn achtete in seiner Erregung nicht darauf.

„So ein Gauner!“ rief er. – „Er will das Geschäft selber machen. – Ich glaub’s! Das könnte ihm passen! – Aber daraus wird nichts! Sag ihm das! – Und wenn ich keinen Pfennig sehe!“

„Aber das ist doch unvernünftig!“ erwiderte Leopold.

„Mag sein! So bin ich eben auch einmal unvernünftig! Ich bin mein Lebtag lang immer vernünftig gewesen – oder ich hab’s mir wenigstens eingeredet – und was is der Erfolg? – Was is der Schluss? – Zu zweiundsiebzig Jahren bin ich ’n armer Mann. – Ich fürcht’ mich nich davor, – das dürft ihr nich etwa glauben, dass ich mich vor der Armut fürchte. Du lieber Gott, mehr als verhungern kann man nich – und einen Tod muss man am Ende sterben. – Aber!“ – rief er laut – „wenn ich das Geschäft nicht mache: ein anderer macht’s auch nicht! Die Genugtuung wenigstens will ich haben!“

„Das is doch keine Genugtuung! Das is doch Eigensinn!“ schalt Emilie. – „Wo man mit jedem Pfennig rechnen muss. Nur, damit ’n andrer nichts verdient, fünfzigtausend Mark auszuschlagen.“

„Diebstahl is das!“ rief Cohn. – „Ich wer zum Staatsanwalt gehen!“

„Ich glaube nicht, dass der dir helfen kann,“ erwiderte Leopold.

Cohn sah nach der Uhr.

„Ich will doch sehen, ob ich das Geld nich auftreibe – wenn man’s vor acht Tagen gewusst hätte! – aber nein! in der letzten Minute! – Trotzdem! Versuchen muss man’s.“

„Aber Papa!“ suchte Emilie ihn zurückzuhalten. – „Was Leopold bei seinen Verbindungen nicht gelungen ist, wirst du doch noch viel weniger erreichen.“

„Sag das nich! Man kann nich wissen! – Vielleicht ein Zufall – und davon hängt ja doch am Ende alles ab im Leben – wo sind die Unterlagen?“ wandte er sich an Leopold.

„Die hat er!“ erwiderte Leopold.

„Was? – Du hast sie aus der Hand gegeben?“

„Meinst du, dass uns jemand auf unser Gesicht hin das Geld gegeben hätte?“

„Nu, es wird ihm nichts nützen – er wird sie herausgeben – was soll er damit – ohne meine Einwilligung kann er nichts damit anfangen. – Wo wohnt er? Ich hol se mir. – Du bist zu gutmütig, Leopold, hast für alles noch immer ’ne Entschuldigung!“

Emilie sah ängstlich zu ihrem Mann auf.

„Sag’ schon!“ drängte der Alte. – „Am besten, du begleitest mich.“

„Das wird nicht gehen, Papa,“ erwiderte Leopold, – „da er nicht in Berlin ...“

„Was? Wo denn?“ unterbrach ihn Cohn erregt.

„Es ist ein Hamburger Geschäftsfreund – vor morgen könnten die Unterlagen also nicht hier sein – ich fürchte, dann ist es zu spät.“

„Dann versuch’ ich’s so!“ rief Cohn – „man wird mir glauben! – Ich verpfänd’ mein Wort. – Ich hab’ mein Lebtag niemanden getäuscht – ich ... ich –“ und er stürzte in grosser Erregung aus dem Zimmer.

„So bestehst du also darauf, dass ich das Hamburger Propos ablehne?“ rief ihm Leopold nach. „Ueberleg’s dir, es sind sichere fünfzigtausend Mark.“

„Nimm’s an, Papa! Ich bitt dich!“ bettelte Emilie und lief ihm nach. – „Schon unsertwegen!“

Der Alte blieb in der Flurtür stehen und wandte sich um:

„Nein!“ erklärte er bestimmt; – „ich lehne es ab.“ Dann polterte er die Treppen hinunter und fuhr zur Deutschen Bank.

Siebentes kapitel

Wie Leopold Lesser das Geschäft effektuierte

Cohn kehrte erst spät nachmittags völlig erschöpft zurück. Leopold und Emilie sahen sofort, dass er sich vergeblich bemüht hatte. Er glitt in einen Sessel und war die ersten zehn Minuten überhaupt nicht imstande, zu erzählen, was sich ereignet hatte.

Nach einer ganzen Weile fragte er leise:

„Hast du dem Hamburger schon abgesagt?“

Emilie wandte sich um und schmunzelte. Auch Leopold hatte Mühe, seine Freude zu verbergen, und erwiderte sehr gegen seine Ueberzeugung.

„Ich will hoffen, du hast das Geld, Papa!“

„Nein!“ sagte Cohn und liess den Kopf sinken. – „Ich habe es nicht und werde es auch nicht bekommen.“

„Grosser Gott!“ rief Leopold. „Hätte ich doch nicht auf dich gehört ...“

„Du hast also doch schon,“ stiess der Alte mühsam hervor.

„Ja!“ erwiderte Leopold. „Vor einer halben Stunde.“

„Dann ist es aus!“ sagte Cohn. Und nach einer Weile: „Wer weiss, wozu es gut ist.“

„Was brauchst du denn als Aeusserstes, um den Konkurs abzuwenden?“ fragte Leopold.

„Für den Augenblick zwanzigtausend Mark – und später ...“

„Das Später wird sich finden,“ unterbrach ihn Leopold. „Jedenfalls ist es von dir ein Verbrechen nicht nur gegen dich, sondern auch gegen uns, ein Propos, das dich retten konnte, aus purem Eigensinn abzulehnen.“

„Ich hoffte ja immer noch! – aber nicht einmal vorgelassen hat man mich an den Banken.“

„Wenn’s in letzter Stunde überhaupt noch jemand macht,“ erklärte Leopold – „dann nur die Kommerz- und Diskonto-Bank, bei der Emilie ’n kleines Konto hat. Ich kenn’ den Direktor. Wenn du willst, versuch’ ich’s.“

Der Alte war noch immer ausser Atem.

„Mach’ was du willst!“ sagte er. „Ich hab’ keine Kräfte mehr.“

„Ich will’s versuchen – obschon ich mir nicht viel davon verspreche.“ – An der Tür blieb er stehen und wandte sich um. War es Mitleid? war es das Gewissen, das plötzlich in ihm erwachte? – Er überlegte, ob er dem Alten, der ganz in sich zusammengesunken war, die Wahrheit sagen sollte. Emilie spürte wohl, was in ihrem Manne vorging. Ein energischer Blick, ein kurzes bestimmtes Schütteln des Kopfes – und Leopold gehorchte.

„Dann nicht!“ sagte er leise vor sich hin. – „Aber ich werde dir Jette schicken, Vater! Die wird dich auf andre Gedanken bringen.“

Jette sass neben ihrem Grossvater – Hand in Hand. Sie wusste nicht, was ihm fehlte, aber sie fühlte, dass er bekümmert war.

„Ich bin auch nicht glücklich!“ sagte sie und sah ihn an.

„Aber! aber!“ widersprach der Alte. „Du hast doch die Eltern!“

Jette schüttelte den Kopf.

„Du weisst ja nicht, wie Mutter ist – wenn man doch auch so wäre – und nichts mehr empfände. Ich kämpfe ja schon alle Gefühle nieder – und es geht auch ganz gut – nur manchmal, da wird man wieder weich – wie du, Grossvater! – Du bist zu gut, du müsstest härter sein!“

„Ich kann mich nicht mehr ändern, mein Kind,“ erwiderte der Alte – „leider! – gewiss wär’s besser. Das Leben is wohl heut anders – also müssen auch die Menschen anders sein! – Nimm’s leicht! wie’s auch kommt! Es lohnt am Ende nicht, es ernst zu nehmen!“

Emilie trat ins Zimmer.

„Leopold is zurück!“ sagte sie. „Da is er!“

Der Alte sah nicht auf – er hielt noch immer Jettes Hand.

„Na,“ sagte Leopold – „vielleicht interessiert’s dich, zu hören ...“

„Geh raus, Jette!“ befahl Emilie.

„Lass sie bei mir!“ sagte der Alte – „sie beruhigt mich.“

„Es passt sich nicht, dass junge Mädchen hören, wenn von Geschäften die Rede ist,“ widersprach Emilie – „Geh!“

Jette drückte noch einmal die Hand ihres Grossvaters, dann stand sie auf und ging.

Als sie draussen war, sagte Cohn uninteressiert:

„Also?“

„Bedank’ dich bei mir!“ sagte Leopold. „Es ist mir tatsächlich gelungen, die Bank zur Uebernahme der Option zu bestimmen. Und zwar für zwanzigtausend Mark. Das Geld liegt bereit – die Zessionsurkunden sind vorbereitet, der Notar wartet auf telephonischen Anruf – du hast nichts weiter zu tun, als das Geld in Empfang zu nehmen und deine Unterschrift zu geben. Es ist jetzt zehn Minuten vor sechs; die Bank hält sich bis sieben Uhr an die Offerte gebunden.“

„Was sagst du zu Leopolds Tüchtigkeit?“ rief Emilie.

„Du bist doch bereit?“ fragte Leopold.

Der Alte mühte sich aus dem Sessel auf:

„Komm!“ sagte er. – Sonst sprach er kein Wort. Auch während des Vollzugs der Zession schwieg er. Erst als er mit Leopold das Bankgebäude verliess und wieder im Auto sass, nahm er aus dem Kuvert, das ihm der Notar im Auftrage der Bank überreichte, fünf Tausendmarkscheine heraus und reichte sie seinem Schwiegersohn.

„Für deine Mühen!“ sagte er.

Und Leopold nahm das Geld, um sich nicht zu verraten.

Am andern Tage übte die Bank – im Auftrage der Frau Emilie Lesser – die Option aus. Sie erwarb die fraglichen Gelände und veräusserte sie weiter an den Fiskus. Und sie erwirkte, dass der Fiskus bei Ankauf des Terrains die alten Kasernen in der Stadt, die grossen Wert repräsentierten, mit in Zahlung gab.

Und durch die Ausbeutung dieser Gelände, bei der ihn die Bank, mit der er nun in innige Fühlung trat, mit Rat und Tat unterstützte, wurde Leopold Lesser Millionär.

Achtes kapitel

Wie Emilie die Bekanntschaft der Frau Kommerzienrat Beer machte

Im Hotel Schweizerhof in Luzern wurde „zum Besten der Abgebrannten von Alpnach“ ein Fest veranstaltet.

Die Liste der Teilnehmer wanderte von einem Gaste zum andern. Spät erst kam sie zu Lessers.

Das war ein Fressen für Frau Emilie, die längst alle Gäste des Hotels auf ihr Einkommen hin geschätzt hatte. Endlich sah man, mit wem man zusammen war. Endlich war der Augenblick da, wo man zeigen konnte, wer man war! Leidenschaftlich griff sie nach der Liste. Zwanzig Francs hatten die meisten gezeichnet und dafür noch die Billetts verlangt, die im Prospekt mit fünf Francs veranschlagt waren. Doch waren der Wohltätigkeit keine Schranken gesetzt. Gottlob! dachte Emilie – tauchte voller Kraft den Halter in die Tinte und schrieb: Leopold Lesser aus Berlin: Zwei Billetts – 200 Francs.

„So, nun platzt!“ sagte sie laut und reichte Leopold die Liste: „Da, lies! – eine nette Gesellschaft, in der wir uns bewegen. Im nächsten Sommer gehen wir nach St. Moritz.“

Leopold las und schüttelte den Kopf.

„Für wen ist die Sammlung?“ fragte er seine Frau.

„Wieso?“ erwiderte sie erstaunt, „das ist doch ganz gleich. Steht’s denn nicht drauf?“

„Ach so – natürlich! da steht’s ja. Ich möchte wissen, ob für uns jemand sammelt, wenn wir ins Unglück geraten.“

„Red’ nich so’n Unsinn!“ fuhr ihn Emilie an. „Wenn das jemand hört. Es ist schon traurig genug, dass kein Mensch etwas von unseren Millionen weiss – wenn du wenigstens Kommerzienrat wärst oder ein paar anständige Orden hättest. Du solltest dich mit diesem Kommerzienrat Beer anfreunden – der weiss bestimmt, wo so was zu haben ist.“

„Langsam Kind!“ erwiderte Leopold: „Wir wollen froh sein, dass wir glücklich soweit sind.“

„Ich denke vorwärts und nicht zurück.“

„Was!“ rief Leopold. „Du bist ein schlechter Geschäftsmann!“

„Wieso?“ fragte Emilie.

„Siehst du denn nicht, dass wir die letzten auf der Liste sind.“

Emilie sah ihn erstaunt an.

„Ja, und?‘ fragte sie.

„Nun, diese Liste geht von hier aus an die Kurbehörde – und kein Mensch erfährt je etwas von diesen zweihundert Francs.“

Emilie wurde blass.

„Nich zu glauben!“ rief sie wütend, „da kannst du wieder sehen, wie man uns behandelt. Schämen muss man sich. Das wäre ein nettes Sündengeld, zweihundert Francs für nichts und wieder nichts aus dem Fenster zu werfen! Nein, mein Lieber!“ – Und sie nahm ihm die Liste aus der Hand, tauchte den Halter wieder in die Tinte, machte hinter die zwanzig einen Punkt und fügte hinten eine Null an, so dass anstelle der 200 Francs nun 20.00 Francs stand.“

Leopold lächelte.

„Ich werde meine Bücher künftig von dir führen lassen,“ sagte er.

Aber Emilie war mit ihren Gedanken schon wieder ganz wo anders:

„Wenn man nur wüsste, wie man es anfängt!“ sagte sie unvermittelt:

„Was?“ fragte Leopold.

„Dass man mit diesen Beers bekannt wird.“

„Die Leute wissen eben nicht, wer man ist.“

„Was heisst das?“ erwiderte Emilie – „Wir haben die teuersten Zimmer im Hotel! Wir trinken jeden Abend Champagner! Ich meine, daraus müssten sie doch sehen, dass wir nicht die ersten besten sind.“

„Se scheinen doch aber nicht zu wollen.“

„Darauf kommt es nicht an.“

„Wieso nicht?“

„Man hat seinen Verkehr nicht zum Vergnügen.“

„Sondern?“

„Um vorwärts zu kommen.“

„Gewiss, aber was können wir den Leuten bieten?“

„Das ist es ja eben!“ sagte Emilie ganz verzweifelt. „Nichts!“ und sah ihren Mann vorwurfsvoll an.

„Wenn diese Unsitte mit den separaten Tischen nicht wäre! Früher plazierte einen der Oberkellner für ein paar Silbergroschen wohin man wollte. Für zehn Mark habe ich vorigen Sommer in Nauheim acht Tage lang mittags und abends neben einem Marquis gesessen.“

„Und hast es nicht verstanden, den Verkehr aufrecht zu erhalten.“

„Das war nicht möglich, weil der Marquis kurz darauf wegen Falschspiels verfolgt wurde und verschwand.“

„Immerhin könnte man aus dieser Bekanntschaft Nutzen ziehen; es wird mehrere seines Namens geben. – Unser Freund, der Marquis, brauchte nicht grade er zu sein!“

„Gewiss nicht,“ erwiderte Leopold; „nur war dieser Hochstapler gar kein Marquis – sondern, wie sich bald herausstellte, der Sohn eines ganz gewöhnlichen Schreibers aus der Bretagne.“

„Das sieht dir ähnlich!“ sagte Emilie verächtlich.

„Wieso mir?“ fragte Leopold erstaunt.

„Hast du dir von dem Oberkellner wenigstens die zehn Mark wiedergeben lassen?“ fragte sie allen Ernstes.

„Gewiss!“ erwiderte er; „ich habe sie ihm auf das Trinkgeld angerechnet.“

„Ich hab’s!“ rief Emilie plötzlich laut.

„Was ist dir?“ fragte er ängstlich.

„Wir werden Beers kennen lernen!“ sagte sie triumphierend. „Und zwar noch heute.“

Dann setzte sie ihren Hut auf und rief Leopold, der ihr fast ängstlich nachsah, zu: „In zehn Minuten bin ich zurück.“

Sie stieg eilig die breite Treppe hinunter, überzeugte sich durch einen flüchtigen Blick auf die Hoteltafel, dass Beers noch immer die Zimmer 47 und 48 bewohnten, und verschwand dann–wie Leopold, der auf den Balkon getreten war, deutlich sah – in einem Laden, der neben dem Hotel lag.

Leopold zog die Schultern hoch und schüttelte den Kopf. – Er begriff nichts. Aber er beruhigte sich bald. Sie wird schon wissen! sagte er vor sich hin; dann vertiefte er sich wieder in seine Korrespondenz.

Emilie aber war möglichst breit in den Laden getreten und hatte mit verblüffender Nonchalance „das teuerste Korsett“ verlangt. Sie nahm, da ihre Grösse 80 in der teuersten Preislage nicht auf Lager war, Grösse 56, – wobei nur auffiel, dass der Chef keine Miene verzog – zahlte und beorderte Korsett mit quittierter Rechnung noch im Laufe des Nachmittags ins Hotel Schweizerhof, Chambre 47 und 48.

Als Beers am Nachmittag von einer Spazierfahrt zurückkehrten – Emilie sah das zufällig von ihrem Balkon aus – fanden sie im Salon ein Paket, dem die quittierte Rechnung beilag.

Die Zofe wusste nur, dass es vor einer Viertelstunde etwa abgegeben worden war.

„Oeffnen Sie!“ befahl Frau Beer.

„Jawohl, gnädige Frau,“ – und sie entnahm dem Karton ein leichtes, seidenes, spitzenbehängtes Korsett.

„Etwa von dir?“ fragte Frau Beer und sah ihren Mann an.

Beer lachte.

„Gehen Sie raus!“ befahl er dem Mädchen; und als es draussen war, sagte er mit erheblich verändertem Tone.

„Ich habe dich nicht aus Liebe geheiratet.“

„Das hast du mir schon hundertmal erzählt! Ich weiss es! – Aber was hat das mit dem Korsett zu tun?“

„Dass du mich totschlagen kannst, wenn ich in den zweiundzwanzig Jahren unserer Ehe auch nur ein einziges Mal darauf geachtet habe, was für ein Korsett du trägst.“

„Keins wie dies für hundertundfünfundsiebzig Francs;“ erwiderte Frau Beer gekränkt – „darauf kannst du dich verlassen.“

„Also hab’ ich doch nichts verloren – was mich aber interessieren würde: wer schickt dir so etwas?“

„Wenn ich eine Ahnung hätte!“ sagte Frau Beer.

„Ich lass’ mir gefallen, dass man dir Blumen schickt; – wenngleich ich’s nicht verstehe; meinetwegen auch Schokolade – zumal Lind. – Korsetts aber verbitt ich mir. Das legt mir die Verpflichtung auf, mich um deine Lebensführung zu kümmern. Dazu aber habe ich weder Lust noch Zeit.“

In diesem Augenblicke klopfte es. Und ehe einer der beiden Beers noch Herein rufen konnte, stürzte Emilie Lesser in grosser Frisur und Abendtoilette ins Zimmer.

„Verzeihen Sie, verehrte Frau Kommerzienrätin,“ wandte sie sich an Frau Beer und verbeugte sich dann vor ihm – „auch Sie, verehrter Herr Kommerzienrat, bitte ich um Entschuldigung.“

Beide Beers standen erstaunt, rissen die Münder auf und sahen sich an.

„Eine höchst peinliche Verwechselung führt mich zu Ihnen,“ – dann nannte sie ihren Namen – „Sie wissen gar nicht, wie entsetzlich mir dies unglückselige Versehen ist – obgleich es natürlich nicht meine Schuld ist.“

„Aber ich bitte Sie!“ sagte Frau Beer, „Sie sind ja ganz ausser sich – was ist denn geschehen? – so kommen Sie doch erst mal zu sich!“ – und sie schob ihr einen Stuhl hin, auf den Emilie, noch ehe Frau Beer „bitte“ sagte, niederglitt.

Emilie atmete tief auf.

„Gott sei Dank! Jetzt ist mir schon leichter;“ sagte sie. „Der Gedanke, Ihnen etwa ein Aergernis gegeben zu haben, wäre mir schrecklich.“

„Ja, gnädige Frau;“ erwiderte Beer, „Sie müssen uns schon erklären, um was es sich eigentlich handelt.“

Emilie sah beide gross an.

„Waas? – Sie wissen gar nicht?“

Da entdeckte sie auf dem Tisch den Karton – und daneben lag ausgebreitet in seiner ganzen Grösse, das leichte, spitzenbehängte, seidene Korsett – und zwischen beiden lag die quittierte Rechnung.

„Da!“ rief sie entsetzt, richtete sich auf und wies auf den Tisch, um in erheuchelter Scham gleich wieder in sich zusammenzusinken.

„Ach so!“ kam es wie eine Erlösung von Beers Lippen; und seine Frau warf ihm einen spöttischen Blick zu.

Emilie hielt sich ihr Spitzentuch vors Gesicht.

„Sie werden begreifen,“ sagte sie mit der Scham eines jungen Mädchens – „wie entsetzlich peinlich mir diese Verwechslung ist, – und dass ich es unmöglich einem andern übertragen konnte, den Irrtum richtigzustellen.“

„Aber ich bitt’ Sie!“ sagte Beer ermunternd und legte das Korsett ohne viel Umstände in den Karton – „wenn es weiter nichts ist! und bezahlt ist es auch!“

„Aber Julius,“ sagte Frau Beer vorwurfsvoll und wandte sich voll Teilnahme an Emilie.

„Ich begreife durchaus, gnädige Frau ...“

Aber Beer war nicht auf diesen Ton gestimmt.

„Ich begreife gar nicht,“ unterbrach er seine Frau. „Die Existenz dieses Kleidungsstückes ist uns Männern am Ende ja kein Geheimnis.“

„Dir ja wohl doch!“ widersprach seine Frau.

„Ich bitte dich, den speziellen Fall von vorhin nicht zu verallgemeinern,“ gab er zur Antwort.

„Wenn ich gewusst hätte, Herrn Kommerzienrat hier zu treffen“ – flüsterte Emilie – „ich vermutete Sie noch unterwegs.“

„Sehr liebenswürdig!“ erwiderte Beer und lachte. „Jedenfalls haben Sie meiner Frau mit diesem Korsett eine grosse Augenweide bereitet.“

„Wirklich! Ich habe Ihren Geschmack bewundert;“ bestätigte Frau Beer.

„Ich bin glücklich, Frau Kommerzienrat, wenn es Ihren Beifall hat.“

Dann warf Frau Beer einen Blick auf Emiliens Taille und brachte vor Staunen kein Wort mehr heraus.

Und da auch Emilie nichts mehr zu sagen wusste, so stand sie auf, reichte Frau Beer die Hand und sagte: „Es war mir eine Freude, Sie kennen zu lernen. Ich hoffe, ich werde nun öfter das Vergnügen haben.“

Dann lief sie, den Karton unterm Arm, den langen Hotel-Korridor entlang, in ihr Zimmer, fiel ihrem Mann um den Hals und rief:

„Wir haben sie!“

„Wen?“ fragte Leopold.

„Beers!“ –

Auf Chambre 47 sagte Kommerzienrat Beer zu seiner Frau:

„Eins möchte ich bloss wissen, wozu gleich wieder diese Intimität? – Was hat man von den Leuten?“

Frau Beer stand ganz in Gedanken; sie machte ein ernstes Gesicht und sagte:

„Das muss ich herausbekommen!“

„Was?“ fragte er.

„Wie diese Frau mit der Taille es fertig bringt, Grösse 56 zu tragen.“

Neuntes kapitel

Wie Lessers dazu kommen, sich in den Dienst der Wohltätigkeit zu stellen

Als die Hotelglocke zwei Stunden später zum Diner läutete, wusste es Emilie zu richten, dass sie mit ihrem Manne als letzte den Sallamanjeh – wie sie den Essaal nannte – betrat. Und obgleich der nächste Weg zu ihrem Tische durch die Mitte führte, wählte sie doch den schmalen Seitengang, um an Beers vorüber zu müssen, zu denen sie auffällig, dass alle ringsherum es sahen, hinübergrüsste.

Und als sich Beers gegen Schluss der Tafel erhoben, schoss sie, ohne das Obst abzuwarten, das sie lieber als alles andere ass, so blitzartig in die Höhe, dass sie noch in der Ausgangstür mit ihnen zusammenstiess. Leopold folgte mit vollem Munde und schluckte gerade den letzten Happen ungekaut herunter, als Emilie ihm mit grosser Geste Beers vorstellte.

Nach wenigen Sekunden sassen sie im Vestibül um einen runden Tisch herum und sagten sich, was sich so Menschen, die nichts von einander wissen, beim ersten Zusammensein mit vollem Magen zu sagen haben. – Nichts natürlich. Aber eben, um das zu verdecken, reden sie unaufhörlich. Es war daher eine Erlösung für alle, als der junge Baron von Prittwitz an den Tisch herantrat und Beers begrüsste.

Wie peinlich, dass er uns in der Gesellschaft findet! – dachten Beers, die ihn erst gestern bei einer Motorfahrt kennen gelernt hatten.

Beer, der nur mit einer kurzen Begrüssung rechnete, vermied zunächst, Baron Prittwitz vorzustellen. Alle fühlten das. Emilien zitterten vor Erregung die Beine; Leopold zog ostentativ sein Zigarrenetui hervor und entnahm ihm eine Havanna.

Aber der Baron hatte kaum zwei Worte mit Beers gewechselt, als er sich mit einer vollendeten Wendung auf dem linken Absatz zu Emilie wandte und mit einer kurzen Verbeugung „Prittwitz“ sagte.

Emilie, der in nervöser Erwartung dieses Augenblickes Sekunden zu Minuten wurden, schnellte mit dem Oberkörper so weit nach vorn, dass ihr Gesicht beinahe auf die Tischplatte stiess.

„Meine Frau!“ erwiderte Leopold sehr ungeschickt; sprang auf, verbeugte sich und sagte:

„Mein Name ist Leopold Lesser aus Berlin.“

„Sehr angenehm!“ erwiderte Prittwitz und drückte ihm die Hand.

Und zum Ueberflusse erhob sich nun auch Beer und wiederholte – was seine Frau sehr taktvoll fand – die Vorstellung.

„Herr Baron von Prittwitz,“ sagte er laut und unterstrich es mit einer Handbewegung, die seine Frau durch ein Nicken des Kopfes begleitete. Dann sagte er leise: „Herr und Frau Lesser –“ und sass auch schon wieder, kaum, dass er es ausgesprochen hatte.

„Sie gestatten, dass ich mich zu Ihnen setze?“ fragte Baron Prittwitz, und setzte sich zwischen Beer und Lesser; ihm gegenüber die beiden Damen, die zunächst unruhig hin und herrückten, sehr gegen ihren Willen mit den Füssen aneinander stiessen und nicht recht wussten, wo sie hinsehen und ihre Arme lassen sollten.

„Wir werden also,“ begann Prittwitz, „nach dem Konzert ein grosses Fest in den Anlagen veranstalten, mit Tanzplatz, Sektpavillon, Schiess- und Würfelbuden. Ich hoffe“ – wandte er sich an Frau Beer und Emilie, – „die Damen schliessen sich uns an.“

„Mit Vergnügen!“ gaben sie zur Antwort; machten dabei aber so erstaunte Gesichter, dass er hinzufügte:

„Es handelt sich um das Wohltätigkeitsfest – Sie wissen ja ...“

„Ah so!“ sagte Frau Beer, während die schlauere Emilie, obschon sie durchaus nicht wusste, wovon er sprach, „natürlich!“ sagte.

Wir können mit Sicherheit auf eine grosse Beteiligung rechnen. Ich habe eben die Liste eingesehen – allein die Gäste unseres Hotels haben über zweitausend Frank gezeichnet – manche, wie ein Grossindustrieller vom Rhein, allein 100 Franks.“

Leopold traf ein wütender Blick Emiliens. Hätten sie die zweihundert Frank gezeichnet! Wie ständen sie jetzt da! Solche Chance kehrte nie wieder.

„Ich habe die Liste auch meiner Tante, der Prinzessin Luise von Schönborn, vorgelegt.“

„Nein!“ schrie jetzt Emilie – sie schrie immer, wenn sie erregt war.

Alles sah auf.

Sie hielt sich die Hand vors Gesicht und sank zusammen.

„Es geht vorüber,“ sagte Leopold und hielt ihr ein Fläschchen, das Frau Beer aus ihrer goldenen Tasche nahm und ihm über den Tisch reichte, unter die Nase. Oder er tat doch so; denn als er sich besorgt zu ihr herabbeugte, hielt sie den Atem an und flüsterte wütend:

„Schlemiehl, du!“

„Also wie gesagt“ – fuhr Baron Prittwitz, nachdem sich Emilie wieder aufgerichtet hatte, fort – „meine Tante, die Prinzessin Schönborn, ist bereit, das Protektorat über das Fest zu übernehmen; vorausgesetzt, dass es mir gelingt, eine genügende Zahl würdiger Komiteedamen zusammenzubringen.“

„Das müsste doch leicht sein,“ meinte Emilie.

„Ich habe bisher meine Kusine, die junge Komtesse Rödern, die Gräfin Larisch und die Baronin Holzing für den guten Zweck gewonnen. Die Damen wohnen sämtlich im Palace. Sie sind, wie auch meine Tante, die Prinzessin, äusserst exklusiv. Ich kann ihnen daher nicht die erste beste Partnerin zur Seite stellen.“

„Wem sagen Sie das?“ erwiderte Leopold.

„Ich dachte daher,“ fuhr Prittwitz fort – „ob vielleicht Sie, meine Damen, Lust hätten, mit der Komtesse Rödern, der Baronin Holzing und der Gräfin Larisch zusammen den Sektpavillon und die Schiess- und Würfelbude zu übernehmen.“

Pause.

Emilie, der alles, was sie in dieser halben Stunde erlebte, wie ein Wunder aus Tausendundeiner Nacht erschien, spielte ihre Rolle wie eine schlechte Debutantin.

„Das ist doch nicht Ihr Ernst?“ fragte sie nach einer Weile und bebte am ganzen Körper.

„Mir wird es ein Vergnügen und eine Ehre sein!“ suchte Frau Beer, die auf der gesellschaftlichen Stufenleiter schon ein paar Sprossen höher geklettert war, die Situation zu retten, und rückte merklich von Emilie ab.

„Mir auch!“ flüsterte Emilie, die in ihrer Erregung gar nicht merkte, wie schlecht sie abschnitt.

„Darf ich das als abgemacht ansehen?“ fragte Prittwitz.

„Gewiss! gewiss!“ versicherte Emilie leidenschaftlich und Frau Kommerzienrat Beer sagte:

„Für meine Person ja!“

„Ich sehe es immer gern, wenn meine Frau sich in den Dienst der Wohltätigkeit stellt,“ sagte Beer.

Und Leopold meinte:

„Warum nich? Das kann ja ganz vergnügt werden.“

„Das wird es bestimmt!“ versicherte Prittwitz. „Ich halte die Zusammensetzung des Komitees für äusserst glücklich. Drei Damen aus dem hohen Adel und zwei aus den Haute Finance.“

Emilie fühlte jetzt allen Ernstes einen leichten Schwindel, und Leopold verbarg seine ungepflegten Hände unter dem Tisch.

Beer beugte sich zu Leopold und flüsterte ihm etwas zu.

„Selbstredend!“ erwiderte Leopold; „Sie werden ja beobachtet haben, dass wir alle Abend ...“

„Was is?“ fragte Emilie laut; aber Beer und Leopold winkten ab.

Beer rief den Kellner und bestellte eine Flasche White Star.

„Zwei!“ verbesserte Leopold.

„Wann wird das Komitee zusammentreten?“ fragte Frau Beer.

„Ich hoffe, es wird sich Ihrer Bequemlichkeit wegen alles durch meine Vermittelung erledigen lassen,“ erwiderte Prittwitz.

„Mir machen die paar Schritt zum Palace nichts aus,“ erwiderte Frau Beer.

„Und ich würde, um die Bekanntschaft einer Prinzessin zu machen, auch den weitesten Weg nicht scheuen,“ sagte Emilie. „Man weiss ja so nicht, was man hier mit all seiner freien Zeit anfangen soll.“

„Ich dachte, dass eine der Damen“ – und er wandte sich an Emilie – „vielleicht die Anschaffungen für die Würfelbude, die andere“ – und er wandte sich an Frau Kommerzienrat Beer – „die Anschaffungen für den Sektpavillon übernimmt oder umgekehrt. Das Komitee würde Ihnen in der Auswahl natürlich die weitgehendste Freiheit lassen.“

„Und die Gräfin Larisch und die Baronin Holzing?“ – fragte Beer – „wie betätigen die ihren Wohltätigkeitsdrang?“

„Sie wissen, Herr Kommerzienrat, wie unpraktisch man in unseren Kreisen in solchen Dingen ist. Darum bin ich ja gerade für engeren Zusammenschluss des Adels mit der Haute Finance. Eins könnte vom andern lernen. Und ich denke bestimmt, dass durch dies Wohltätigkeitsfest der erste Schritt dazu getan wird. Dass man später dann die langen Abende abwechselnd hier und im Palace zusammen verbringt!“

‚Das wäre himmlisch!“ schrie Emilie; und Leopold rief:

„Eine grossartige Erfindung, diese Wohltätigkeitsfeste!“

„Man sieht, Sie haben ein gutes Herz!“ spottete Beer.

„Mein Gott, man tut eben, was man kann. Schliesslich ist man doch an dem Unglück nicht schuld.“

„Aber entsetzlich bleibt es darum doch!“ konstatierte Prittwitz.

„Was denn für ein Unglück?“ fragte Emilie.

„Na, Sie wissen doch,“ sagte Beer.

„Ich habe keine Ahnung!“ erwiderte Emilie.

„Na diese Brandgeschichte.“

Da machte Emilie ein ganz verzweifeltes Gesicht und sagte: „Das ist ja furchtbar! Eine Brandgeschichte?“

„Das Herz steht einem still!“ sagte Beer und rauchte sich eine neue Havanna an.

An der Unglücksstätte, eine Meile taleinwärts, erzitterte die Erde unter dem Angstgeschrei der Kinder und Weiber; und das Wimmern der Verwundeten drang dumpf wie das Stöhnen des Nebelhorns durch die Nacht.

Um diese Zeit öffnete die junge Komtesse Roedern ihren Koffer und holte eine Kassette hervor, in der sie ihre Ersparnisse aufbewahrte. Sie entnahm ihr ein paar Hände voll Nickel, tat sie in einen kleinen Beutel, nahm Hut und Mantel und einen dicken Plaid, und verliess eilig, ohne dass es jemand sah, das Hotel. Sie musste lange suchen, ehe sie einen Kutscher fand, der sie für viel Geld bis zur Unglücksstätte führte. Vorher kaufte sie Kleidungsstücke, Wäsche, Decken und Esswaren, so viel der Wagen fasste. Gegen Mitternacht erst kam sie an; und bis es Morgen wurde, hatte sie vielen Obdachlosen über die erste Verzweiflung hinweggeholfen.

Zehntes kapitel

Le Coucher d’Emilie Lesser

In dieser Nacht schloss Emilie kein Auge. Völlig benommen hing sie in Leopolds Arm, als man sich gegen ein Uhr in heiterster Champagnerlaune gute Nacht sagte.

„Ist dir auch so leicht?“ fragte sie, als sie die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufstiegen.

„Tritt fester auf!“ erwiderte Leopold, „du schwebst ja.“

„So ist mir auch!“ sagte sie freudig; – „als wenn mich jemand sanft emporhöbe.“

„Runterfallen wirst de;“ gab er zur Antwort

Aber Emilie strahlte.

„Nun nicht mehr!“ rief sie und schüttelte den Kopf. „Von heute ab können wir nur noch emporsteigen!“

„Was soll das heissen?“ fragte er sie.

„Dass die Stunde unseres Aufstiegs gekommen ist!“

Leopold sah sie an.

„Was soll der Pathos?“ fragte er erstaunt. „Du bist auf der Hoteltreppe und nicht im Tempel.“

„Lass nur!“ wehrte Emilie ab; „ich weiss schon, wo ich bin!“

Er schloss die Türe auf, und sie traten in den Salon.

Die Komiteedame ist ihr in den Kopf gestiegen, dachte er.

„Komm! kühl dich ab!“ rief er ihr zu und trat auf den Balkon.

„Nich für ’ne Million!“ wehrte sie.

„Was heisst das? Du schnappst doch sonst alle Abend vor dem Schlafengehen frische Luft! weshalb denn heut nicht?“

„Ja, glaubst du denn, ich will mir eine Erkältung holen – jetzt drei Tage vor dem Fest?“

Dann trat sie an den Schreibtisch und setzte ein Telegramm an ihre Tochter auf.

Das war nicht einfach. Die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen; sie schob ein Formular nach dem andern zur Seite und begann von neuem. Für die einfachsten Begriffe fehlten ihr die Worte – schlieslich gelang es ihr doch:

In freudiger Erregung erwarte ich dich und Emma mit deinen besten Sachen so schnell wie möglich hier, da die Prinzessin Lahritsch und die Gräfin Schönborn, mit denen wir hier intim verkehren, dich kennen lernen wollen. Zuges und Geldes wegen wende dich an Papas Buchhalter. Vergiss nicht, dich überall zu verabschieden und den Grund deiner Reise zu nennen. Am besten, du zeigst überall dies Telegramm. Drahte Ankunft deiner glücklichen Mutter.

„Was ist das bloss?“ fragte Leopold laut und schnüffelte in den Park hinaus.

Emilie stand auf und trat an das Fenster. Sie spürte sofort einen brenzlichen Geruch in der Nase.

„Grosser Gott!“ rief sie; – „es brennt!“

„Unsinn!“ erwiderte Leopold; – „ich weiss schon. Da!“ – und er wies auf einen hellen Streifen am Himmel – „das kommt von drüben her, von der Unglücksstätte.“

„Kann das bis zu uns herüberschlagen?“ fragte sie ängstlich.

Leopold zog die Schultern in die Höhe:

„Warum nich?“ sagte er. „Möglich is alles!“

„Um Himmels willen!“ schrie Emilie.

„So schnell geht das nicht! Bis er durch die Wälder zu uns kommt, sind wir längst mit unseren Sachen über alle Berge.“

„Aber das Fest! was wird aus dem Fest?“ jammerte sie; „wenn dieser Ort morgen womöglich in Flammen steht? – Poldi, das darf nicht! Unter keinen Umständen darf das geschehen!“

„Es lässt schon nach“; beruhigte sie Leopold.

Sie warf sich einen Schal über und trat zu ihm hinaus.

„Gott sei Dank!“ atmete sie auf. „Du hast recht!“

Dann gingen sie beide wieder ins Zimmer. Leopold schloss Fenster und Türen und zog die Gardinen vor.

„Das letztemal, dass wir ohne Zofe reisen!“ sagte Emilie und kehrte ihrem Mann den Rücken. „Ich kann es gar nicht sehen, wie du dich quälst!“

Leopold, der über so viel Teilnahme überrascht war, ging vom Fenster aus ohne Aufforderung auf Emilie zu, stellte sich hinter sie und öffnete ihr die Taille.

„Von übermorgen ab macht das Emma!“ sagte sie.

„Mir wird etwas fehlen, wenn das nach einundzwanzig Jahren ein andrer macht!“ erwiderte Leopold.

„Ich habe es immer als unpassend empfunden;“ sagte sie und streifte ihre Ringe von den Fingern. Dann half er ihr aus der Taille; hakte den Kleiderrock auf, der zur Erde glitt, öffnete die Korsettbänder und fasste mit den Fingern hindurch, um sie zu lockern. Emilie hakte vorn auf – und fiel auseinander, verdreifacht in ihrem Umfang.

Das war ihm eine liebe Gewohnheit, die er nur ungern misste. Denn er wusste, dass kein pharmazeutisches Mittel so sicher wie dieser Anblick seine von den Geschäften und schweren Zigarren gereizten Nerven allabendlich beruhigte.

Emilie hatte inzwischen alles abgelegt, womit sie ihre Mitmenschen über die Rücksichtslosigkeit hinwegzutäuschen suchte, mit der die Natur bei ihr verfahren war. Sie stand jetzt stolz vor ihrem Manne, der gerade auf dem Bettrand sass und sich aus seinem Oberhemd mühte.

„Na, Poldi, was sagst du zu mir?“ fragte sie ihn.

Leopold, dessen Kopf noch im Hemde steckte und dessen Arme wie zwei Stöcke in die Höhe ragten, sah wie eine Vogelscheuche aus.

„Feine Leute, diese Beers!“ keuchte er unter dem Hemde hervor.

„Und der Prinz?“ fragte Emilie.

„Was für’n Prinz?“

„Nun der Prittwitz.“

„Das is doch kein Prinz,“ erwiderte Leopold und zog sich sein Nachthemd über – „Baron meinst du.“

„Du bleibst doch ewig ein Miesmacher!“ schalt Emilie; – „was das nu schon gross für ’n Unterschied ist!“

„Immerhin ...“ sagte Leopold, kroch in sein Bett, brabbelte etwas Unverständliches und schlief ein.

Emilie aber hörte nichts mehr. Sie zog aus der Kommode ein reines Spitzenhemd hervor, schlüpfte hinein, nahm vom Toilettentisch ein Flakon und spritzte auf Hemd und Hände ein paar Tropfen. Trat vor den Spiegel, beugte die Knie und übte sich wohl zehn Minuten lang in den Verbeugungen, die sie von Abbildungen der Hoffeste her kannte.

Dann stieg sie ins Bett, knipste das Licht aus – und träumte in tiefen Schlummer hinüber: jung und schön war sie – Prinzen und Könige kamen – von weit her – legten ihr allen Schmuck der Welt zu Füssen – gaben ihr glänzende Feste – und sie thronte, mit Edelsteinen besät, über allen. –

„Deck dich zu!“ flüsterte Leopold, der wach lag und gerade die Kosten für den Sektpavillon berechnete – „du wirst dich erkälten!“

In Schweiss gebadet richtete sich Emilie auf.

„Denk an das Fest!“ erinnerte er.

„Ja ... mein ... Prinz!“ sagte sie ganz benommen, zog die Decke hoch und träumte weiter.

Elftes kapitel

Wie Emilie Lesser bei ihrem gesellschaftlichen Debut abschneidet

Die Prinzessin von Schönborn sass im Salon ihres Appartements im Palace Hôtel und unterhielt sich mit ihrer jungen Nichte, der Komtesse Dorothy von Roedern.

„Es ist ja gewiss das Recht eines jeden, sich das Wohltun so amüsant wie irgend möglich zu gestalten“, drang die Komtesse immer lebhafter in die Prinzessin – „aber in diesem Falle, wenn du es doch glaubtest, Tante, kommt es zu spät.“

Du hast recht!“ stimmte die Prinzessin bei – „dies Fest ist Humbug!“

„Glaube mir Tante! wer, wie ich in dieser Nacht, das Elend mit eigenen Augen gesehen hat und dann, statt sich die Kleider vom Körper zu reissen und die frierenden Kinder hineinzuwikkeln, noch Lust verspürt, das Elend mit Musik und Sekt zu bekämpfen, muss ein Vieh sein!“

„Geliebtes Kind!“ beruhigte sie die Prinzessin und nahm ihre Hand. „Du bist ja ganz ausser dir!“

„Herr Baron von Prittwitz;“ meldete der Diener.

Die Prinzessin nickte.

Prittwitz trat in den Salon, beugte sich zu seiner Tante, küsste ihr die Hand und begrüsste dann die Komtesse.

„Ist es erlaubt, liebe Tante?“ fragte er und wies auf die Tür – „die Mitglieder des Komitees wünschen durchaus dir vorgestellt zu werden.“

„Wenn es sein muss!“ sagte die Prinzessin.

Er gab dem Diener einen Wink und die Gräfin Larisch, die Baronesse Holzing, die Ehepaare Beer und Lesser traten in den Salon.

Die beiden Aristokratinnen – dem Vormittage angemessen – in Tailor-Made Kleidern, Frau Kommerzienrat Beer in hoher Besuchstoilette – Emilie dekolletiert.

Emilie war kreidebleich vor Erregung und hielt sich krampfhaft hinter der Gräfin Larisch, der sie jede Bewegung abguckte und nachmachte. Sie war auf mehr Zeremonie gestimmt und wurde enttäuscht. Schon der Vorantritt der Diener, den sie aus Hofberichten kannte, fehlte. Und als jetzt die Prinzessin der Gräfin die Hand reichte und Emilie zitternd den grossen Augenblick erwartete, in dem die Gräfin in die Knie sinken und ihr die Hand – an dem sie übrigens nur einen wertvollen Ring entdeckte – küssen würde, da erlebte sie ihre erste grosse Enttäuschung!

Nichts von alledem geschah! Wie zwei ganz gewöhnliche Sterbliche gaben sie sich die Hände, fragten sich nach ihrem Befinden und wechselten ein paar nichtssagende Worte.

Was sollte nun werden? – Sie warf einen heimlichen Blick zu Leopold, der im Smoking und weisser Weste ein paar Schritte seitwärts stand. Leopold erriet sofort ihre Gedanken. Er zog die Schultern in die Höhe und schüttelte den Kopf. Aber als er Emilien hilflos und verzweifelt sah, tat sie ihm leid, und anstatt abzuwinken, nickte er ihr ermunternd zu.

Emilie atmete auf – trat vor und holte zu dem grossen Hofknix aus ...

... schon berührte ihr linkes Knie die Erde, da verlor sie das Gleichgewicht – das rechte Bein glitt aus – und sie kippte in ihrer ganzen Schwere zur Seite.

Nur die Prinzessin und Leopold blieben ernst.

„Ein faux pas!“ flüsterte die Komtesse ihrer Tante zu.

Man half ihr auf und führte sie zum nächsten Sessel.

„Ich hoffe, Sie haben sich nicht weh getan,“ sagte die Prinzessin. „Dies Parkett ist so glatt, dass man dauernd in Angst schwebt, auszugleiten.“

Emilie brachte kein Wort heraus.

„Es ist ihr erster Versuch,“ erläuterte Leopold.

Das verstand niemand.

Die Prinzessin beugte leicht den Kopf und stellte ihre Nichte, die Komtesse Roedern vor. – Dann nahm man Platz. Emilie sass schon. – Beers rückten ostentativ von Lessers ab und möglichst dicht an die Prinzessin heran.

Emilie hatte ihren Unfall überstanden.

„Meine Nichte und ich waren schon mitten bei der Arbeit,“ sagte die Prinzessin.

„Das ist ja ausgezeichnet!“ erwiderte Prittwitz. „Wir haben gestern bis in die Nacht hinein gesessen und das Programm entworfen.“

„Köstlich! ganz köstlich wird es werden!“ bestätigte Emilie.

Die Prinzessin und die Komtesse sahen sich an.

„Meine Nichte war, während Sie dies „köstliche“ Programm entwarfen, an der Unglücksstätte!“ sagte die Prinzessin. „Es soll schrecklich sein!“

„Wie? ... Sie waren ...“ – wandte sich Frau Kommerzienrat Beer ganz entsetzt zur Komtesse Roedern – „des Nachts ... ja, mit wem denn?“

„Mit einem Fuhrwerk!“ erwiderte sie.

„Wie unpassend für ein junges Mädchen!“ flüsterte Emilie.

Leopold nickte.

„Man soll sich keine Vorstellung von dem Elend machen können, das da unten herrscht,“ sagte die Prinzessin. „Hunderte von Obdachlosen, die nichts als ihr nacktes Leben gerettet haben. Verzweifelte Frauen, Kinder, die vor Kälte und Hunger schreien – und dazwischen das Feuer, das bis zum frühen Morgen wütete.“

„Ein grandioses Schauspiel muss das sein!“ sagte Leopold.

„Fahren wir alle heute nacht hinüber!“ schlug die Komtesse vor.

„Heute wird es nicht mehr lohnend sein!“ meinte Emilie.

„Warum nicht?“ erwiderte die Komtesse – „wenn Sie Glück haben und der Wind sich dreht – die Asche glimmt noch überall – geht es heute nacht an irgendeiner Stelle nochmal los.“

Baron Prittwitz sekundierte.

„Nun, wir haben die Nacht auch nicht nutzlos verbracht,“ sagte er. „Bis heute vormittag um elf haben sich bereits hundert Teilnehmer für das Fest gemeldet.“

„Sieh mal an!“ sagte die Komtesse.

„Das ist lediglich das Verdienst Eurer Durchlaucht!“ erklärte Frau Kommerzienrat Beer und wandte sich zur Prinzessin.

„Meins?“ fragte die erstaunt.

„Gewiss! denn nur dadurch, das Eure Durchlaucht die grosse Güte hatten, an die Spitze des Komitees zu treten, haben sich alle, die eine solche Ehre zu schätzen wissen, zur Teilnahme bereit gefunden.“

Wird meine Emilie ’ne Wut haben, dass sie das nicht gesagt hat, dachte Leopold und wagte nicht, zu ihr aufzusehen. Aber Emilie suchte noch einen Trumpf darauf zu setzen:

„Eine solche Ehre weiss wohl jeder, der etwas auf sich hält, zu schätzen,“ sagte sie.

„Ich meine,“ erwiderte die Prinzessin, „dass jeder Mensch mit Herz den Wunsch haben muss, zu helfen, und das nicht von meiner Teilnahme abhängig machen darf.“

„Eure Prinzessin sind zu bescheiden,“ sagte Leopold.

„Hoheit!“ flüsterte ihm Emilie zu.

„Eure Hoheit!“ verbesserte Leopold.

Jetzt lächelte auch die Prinzessin. Und Beer wies auf die Lessers und sagte zu seiner Frau:

„Se sind unmöglich!“

„Sie blamieren uns mit!“ erwiderte die.

„Wenn Sie jetzt das Programm verlesen wollten,“ bat die Prinzessin.

„Zunächst abends 8 Uhr das Konzert,“ begann die Gräfin Larisch. „Wir bringen mit Rücksicht auf den verwöhnten Geschmack des Publikums einen modernen Operetten-Abend in Vorschlag.“

„Was verstehen Sie darunter?“ fragte die Prinzessin.

„Ein Programm,“ erwiderte die Gräfin, „das sich lediglich aus Schlagern der neuesten Operetten zusammensetzt.“

„Das ist im Hinblick auf den Zweck der Veranstaltung jedenfalls sehr sinnig,“ sagte die Komtesse.

„Ich möchte doch zu erwägen geben,“ stimmte die Prinzessin bei – „ob es in diesem Falle nicht vielleicht schicklicher wäre, das Programm etwas ernster zu gestalten.“

„Vielleicht was Chopinsches,“ sagte die Baronin schüchtern; „das ist ja wohl traurig!“ – und da niemand darauf einging, wurde sie ganz verlegen und sagte: „oder Mozart.“

„Ich bitt Sie,“ widersprach Emilie – und Leopold, der ihre Ahnungslosigkeit kannte, erschrak – „diese veraltete Musik! Es kann sich natürlich nur um Lehar oder Richard Strauss handeln.“

Leopold war stolz auf seine Frau.

„Wollen wir nicht erst bis zu Ende lesen,“ bat die Prinzessin und wandte sich an die Gräfin. „Meine Nichte, die Komtesse Roedern, hat Ihnen nämlich im Einverständnis mit mir einen Vorschlag zu unterbreiten, durch den sich eventuell das ganze Programm erübrigt.“

Beers und Lessers waren entsetzt. Aber es blieb ihnen keine Zeit, diesem Entsetzen Luft zu machen; denn die Gräfin verkündete bereits mit lauter Stimme:

„Punkt zwei des Programms: nach dem Konzert findet am Kai ein Sommernachtsfest statt.“

„Oh!“ sagte die Prinzessin.

„... mit Tanzboden, Schiess- und Würfelbuden, Sektpavillon, Gondelfahrten, Feuerwerk und bengalischer Beleuchtung.“ Und erläuternd fügte sie hinzu: „ausser den Kapellen des Palace und Nationalhotels wird auch die Zigeunerkapelle des Schweizerhofes konzertieren.“

„Und wovon wird das alles bezahlt?“ fragte die Prinzessin.

„Der grösste Teil der Unkosten ist bereits gedeckt,“ sagte Beer. „Es stehen schon heute den viertausend Franks Unkosten etwa zweitausendachthundert Einnahmen gegenüber.“

„Und das Defizit?“ fragte die Prinzessin.

Eine Pause entstand.

Emilie warf ihrem Manne einen Blick zu – ganz unauffällig – aber er verstand. Mit einem mächtigen Ruck schoss er in die Höhe, trat einen Schritt vor und erklärte breit:

„Wegen dem lumpigen Defizit brauchen sich Eure Prinzessin keine Kopfschmerzen zu machen; den zahle ich.“

„Schön!“ erwiderte die. „Aber gestatten Sie eine zweite Frage, die vielleicht auch nicht ganz aus der Welt liegt: was geschieht für die Verunglückten und ihre Familien?“

Diesmal war die Verlegenheit grösser – die Pause länger.

Nach einer ganzen Weile sagte Frau Kommerzienrat Beer:

„Eure Durchlaucht haben recht. Das haben wir übersehen; für die bleibt unter diesen Umständen freilich nichts.“

„Das ist wenig!“ sagte die Prinzessin.

„Ich habe mich um das Arrangement nicht bekümmert!“ entschuldigte sich die Gräfin Larisch – „da die Damen“ – und sie wies nicht übermässig respektvoll auf Frau Beer und Emilie – „bereits verfügt hatten.“

Und da die Baronin Holzing auch das Bedürfnis fühlte, etwas zu sagen, so erklärte sie:

„Baron Prittwitz hat uns ausdrücklich erklärt, es genüge, wenn wir unsere Namen hergäben, weil sonst die Damen“ – und auch sie wies nicht übermässig respektvoll auf Frau Beer und Emilie – „zu nichts zu haben wären.“

Leopold stand noch, so stark hatte die Abgabe seiner Erklärung auf ihn gewirkt. Abermals traf ihn jetzt ein Blick seiner Frau. Die Regie im Hause Lesser war mustergültig.

„Ich zahle noch dreitausend Mark drauf!“ sagte er.

Emilie sah alle der Reihe nach an und mass mit dem Gefühl des Siegers stolz den Eindruck, den dieses neue Opfer ihres Mannes machte.

Aber satt eines Dankes oder einer Anerkennung sagte die Prinzessin:

„Mir scheint doch, dass man mit diesem lauten Feste wenig oder nichts für die Linderung der Not erreicht.“

„Man tut eben, was man kann,“ sagte Beer und dachte dabei an die Kosten für das Inventar der Würfelbude, durch die sich seine Frau den Verkehr mit der Gräfin Larisch zu erkaufen hoffte.

„Mir scheint es überhaupt zweifelhaft,“ sagte die junge Komtesse, „ob es geschmackvoll ist, einem Unglück wie diesem mit einem Feste zu begegnen.“

„Man soll die Feste feiern, wie sie fallen,“ erwiderte Leopold.

„Ja, Geschäfte sind erfahrungsgemäss mit Wohltätigkeitsveranstaltungen nicht zu machen!“ erklärte Beer. „Man muss mehr als froh sein, wenn man die Kosten deckt.“

„Wenn man denn durchaus einen Ueberschuss erzielen will,“ sagte Frau Beer, „so muss man eben Streichungen vornehmen“ – sie suchte auf dem Programm – „hier zum Beispiel, das Feuerwerk, für das dreihundert Franks festgesetzt sind, könnte fortfallen.“

„Ich bitte Sie!“ widersprach Emilie, von der dieser Gedanke stammte. „Das ganze Ufer des Sees wird wie ein Flammenmeer strahlen! Es wird ein feenhafter Anblick sein!“

„Auch der Gedanke ist sehr sinnig!“ sagte die Komtesse und wandte sich zu ihrer Tante – „denke dir, ein Feuerwerk zum Besten der Abgebrannten!“

„Das wird man doch nicht etwa bis zur Unglücksstätte sehen können?“ fragte die Prinzessin.

„Aber selbstverständlich!“ erwiderte Emilie; „von jeder Stelle des Sees aus wird es zu sehen sein.“

„Dann bin ich beruhigt,“ spottete die Komtesse.

„Wie kann man nur!“ rief die Prinzessin und sah Emilie ganz entsetzt an.

„Ja, wenn Sie auf die Stimmung der Verunglückten Rücksicht nehmen wollen,“ sagte Emilie verärgert, „dann müssen wir das Fest in die Kirche verlegen.“

„Bravo!“ sagte die Prinzessin, „das scheint mir ein Vermittlungsvorschlag.“

„Dann aber,“ fuhr Emilie, die in Zorn geriet, fort, „übernehmen Sie gefälligst die Arrangements, Fräulein Komtesse!“

„Ich bedaure unendlich,“ erwiderte die, „aber ich muss ablehnen. Von Gesängen und Gebeten werden die hungrigen Kinder nicht satt und die eingestürzten Häuser nicht aufgerichtet.“

„Aber!“ rief Frau Kommerzienrat Beer empört und sah ganz entsetzt die Prinzessin an.

„Gut, dass Emilie das nicht gesagt hat,“ dachte Leopold.

Die Prinzessin lächelte und wandte sich an Emilie.

„Vielleicht, dass Sie mit Frau Kommerzienrat Beer ein Programm für die kirchliche Feier entwerfen.“

„Mit Vergnügen,“ drängte sich Frau Beer vor. „Ich bin entgegen dem Fräulein Komtesse ganz der Ansicht Eurer Durchlaucht, dass hier nur der Zuspruch der christlichen Kirche helfen kann. Ich werde mich noch heute mit dem Geistlichen des Orts in Verbindung setzen.“

Wie gut, dass man getauft ist! dachte Beer – zum ersten Male in seinem Leben.

Aber Emilie zitterten die Knie; die Augen der Prinzessin waren fest auf sie gerichtet.

„Eure Hoheit verzeihen –“, stiess sie ängstlich hervor ... „aber mein Wort darauf – ich habe es meinem Mann so oft gesagt – jedesmal kam irgendein wichtiges Geschäft dazwischen – es ist nichts weiter als Nachlässigkeit, dass wir noch nicht getauft sind.“

Leopold stimmte zu.

„Was sagst du dazu?“ wandte sich die Komtesse an ihre Tante.

Die Prinzessin ertrug diese Menschen nicht länger um sich.

„Meine Damen und Herren!“ begann sie, – und was sie sagte, klang bestimmt – „ich habe den Vorsitz im Komitee nicht übernommen, um Ihnen und den andern Fremden hier Gelegenheit zu schaffen, sich zu amüsieren! Für solche Zwekke wenden Sie sich gefälligst an den Kurdirektor oder sonst wen. Dies Fest findet nicht statt! Wenigstens nicht unter dem Missbrauch meines Namens, den ich dazu nicht hergebe! Es bleibt Ihnen natürlich unbenommen, ohne mich zu machen, was ihnen gut und schicklich scheint. Ich würde kein Wort weiter verlieren, wenn meine Nichte mir nicht das Elend der Unglücklichen mit so viel Wärme geschildert hätte, dass ich es für eine menschliche Pflicht hielt, zur Linderung dieser Not zu tun, was irgend in meiner Kraft steht. Und wenn das, was ich beinahe fürchte, nicht anders als mit Spekulation auf die Eitelkeit möglich ist – gut, so will ich auch das Opfer bringen. Ich habe also für morgen früh einen Extrazug bestellt, der Platz für dreihundert Personen bietet. Ich werde bitten, mich auf meinem Ausflug an die Unglücksstätte zu begleiten und gleich mir, Lebensmittel und Kleidung für die Unglücklichen in möglichst reichem Masse mitzunehmen. Für das Billett sind fünfzig Mark zu entrichten. Das Geld wird dazu verwandt werden, um an Ort und Stelle die höchste Not zu lindern. Gegen abend werden wir dann gemeinsam wieder nach hier zurückkehren; und ich werde nach dem Diner alle Teilnehmer zu einem gemütlichen Abendschoppen als meine Gäste bei mir sehen. Das erscheint mir wirksamer als Brillantfeuerwerk und Operettenschlager.“

Mit etwas saurer Miene stimmten Beers und Lessers bei. Die Gräfin Larisch und die Baronin Holzing fanden diese Massenexkursion etwas plebejisch und kostspielig. Aber auch sie widersprachen nicht.

Die Prinzessin reichte jedem die Hand. Nur die Komtesse Roedern, die mit ihr reiste, blieb bei ihr.

Im Vestibül nahmen alle korrekt und förmlich voneinander Abschied. Leopold und Emilie stiegen schweigend die Treppe hinunter – schweigend bogen sie in die enge Strasse, die zu ihrem Hotel führte. Auch als sie auf ihrem Zimmer waren, standen sie geraume Zeit einander gegenüber, sahen sich an, nickten mit den Köpfen und sagten gar nichts.

Zuviel Eindrücke hatten sie empfangen, keiner wusste, wo er beginnen sollte.

Leopold dachte gerade an die hundert Flaschen Champagner, die nun – statt in den Sektpavillon – in seinen Keller kamen! Leopold freute sich.

Emilie wusste nicht, ob sie jauchzen oder schluchzen sollte. War es ein Erfolg gewesen oder eine Niederlage? – Was hatte sich in dieser halben Stunde nicht alles begeben! – Gewiss! sie hatte schwache Momente gehabt. Aber daneben waren auch Augenblicke gewesen, in denen sie gut abgeschnitten hatte. Sie dachte an Lehar und Strauss! Und sie fühlte: noch ein paar Male und sie bewegte sich auch in diesen Kreisen so sicher und natürlich wie die andern. –

Da öffnete sich die Tür!

Jette stürzte ins Zimmer; hinterher die Zofe.

„Da bin ich!“ rief sie und setzte mit einem energischen Ruck die Handtasche auf den Boden. „Na, wie seh’ ich aus? sieht man mir an, dass ich die ganze Nacht gereist bin?“

„Kind!“ sagte Emilie und war mit ihren Gedanken noch immer ganz wo anders.

Jette sah sich um.

„Was ist das für ’ne Prinzessin, die mich kennen lernen will? Aus Haiti oder Honolulu?“

„Kind!“ wiederholte Emilie vorwurfsvoll.

„Du wirst sie morgen früh kennen lernen,“ sagte Leopold und erzählte ihr von dem Unglücksfalle und der gemeinsamen Fahrt am nächsten Morgen.

„Das ist ja totschick!“ rief Jette spöttisch. „Das übernehmen wir nach Berlin! nicht wahr, Mama?“

„Das ist noch gar kein schlechter Gedanke,“ erwiderte Emilie.

„Wie sollte deine Tochter auch schlechte Gedanken haben! Denke nur, Ausflüge zu wohltätigen Zwecken! in Extrazügen! mit allen Schikanen! Ich finde das himmlisch!“

„Aufsehen würde das schon machen!“ meinte Leopold.

„Na ob!“ erwiderte Jette, „das wird die grösste gesellschaftliche Attraktion des nächsten Winters! Das werden euch alle nachmachen.“

„Aber wir werden die ersten sein!“ sagte Emilie strahlend.

Leopold schüttelte den Kopf.

„Bei unserm Pech passiert den ganzen Winter über kein Unglück.“

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