Kitabı oku: «Böse Heiler»

Yazı tipi:


Dr. Ashish Bhalla,

DDr. Christian F. Wolf:

Böse Heiler

Alle Rechte vorbehalten

© 2018 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover und Gestaltung: JaeHee Lee

Satz: Lucas Reisigl

ISBN 978-3-99001-301-4

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

INHALT

Abzocke und Lebensgefahr durch Scharlatane in der Alternativmedizin

An welchen Aussagen Sie die Scharlatane in der Alternativmedizin erkennen

Das psychologische, soziale und ökonomische Profil der Scharlatane

Wie Sie Scharlatanen ausweichen

ABZOCKE UND LEBENS­GEFAHR DURCH SCHARLATANE IN DER ALTERNATIV­MEDIZIN

Der Fall Veronika Allsitter

Wegen ihrer Erkrankung lebt sie zurückgezogen. Jemanden kennenzulernen und sich gar zu verlieben würde alles nur noch schlimmer machen. Als Veronika Allsitter mir das erklärt, wird ihre Stimme brüchig. »Ich habe wirklich andere Sorgen«, sagt sie, verschränkt die Arme vor der Brust und sieht an mir vorbei in den Garten meiner Praxis hinaus.

Veronika Allsitter wirkt auf den ersten Blick ruhig und doch erscheint sie mir sehr angespannt. Kein Wunder bei dem, was sie schon alles durchgemacht hat. Ihr Vater ist Psychiatriepatient und will seit ihrer Geburt nichts von ihr wissen. Als sie 15 war, starb ihre Mutter. Jetzt ist sie 25, Bibliothekarin, hat ihr Leben nach einem schlimmen Tief in der Pubertät im Griff und wäre gerne mit einem Mann glücklich geworden. Da gab es einen, den sie bei einem Konzert kennengelernt hat. Mit ihm war alles so leicht und einfach. Aber auf Dauer ohne Sex, wie sollte das gehen?

Nachdem sie mir ausführlich von ihren gesundheitlichen und den damit zusammenhängenden Problemen erzählt hat, gönne ich ihr etwas Ruhe. Ich fülle in ihr Glas lauwarmes Wasser nach und sehe noch einmal ihre Befunde durch. Am meisten zu schaffen macht ihr eine schlimme Form von HPV-Infektion. Seit dem letzten gynäkologischen Befund, der sechs Monate alt ist, hat sich laut ihrer Einschätzung nichts daran verbessert. Sie ringt seit zwei Jahren damit. Dazu ist ihre Periode seit jeher unregelmäßig und mit heftigen Beschwerden verbunden. Außerdem hat sie Zysten an den Eierstöcken. Daher wäre Sex für sie womöglich unangenehm.

Für eine mögliche Beziehung ist das Ganze klarer Weise eine Katastrophe. Sie hat überlegt, dem interessanten Mann, den sie beim Konzert kennengelernt hat, zu sagen, dass sie ihn beim Sex, selbst beim geschützten, infizieren könnte. Dann hat sie es bleiben lassen, sich zurückgezogen, mit einem bitteren Gefühl. Er hat wohl nicht verstehen können, warum.

Veronika Allsitter hat sich nichts vorzuwerfen. Sie hat für ihre Gesundheit gekämpft. Sie ernährt sich sehr gesund, macht viel Bewegung, war bis vor sechs Monaten regelmäßig beim Gynäkologen und ist in alternativmedizinischer Behandlung. Aber weder die Medikamente noch die Kräuter ihrer Heilerin, einer eingetragenen Energetikerin, haben bisher irgendwas bewirkt.

Zum Gynäkologen geht sie mittlerweile nicht mehr. Er hat ihr nur Angst gemacht, dass sich die HPV-Infektion zu Gebärmutter- oder Vaginalkrebs entwickeln könnte. Bei der Heilerin hingegen fühlt sie sich gut aufgehoben. Weshalb ihr nicht gefallen wird, was ich ihr sagen will, sobald sie sich erholt hat.

»Ihre Praxis hier ist irgendwie eigenartig«, sagt sie, während ich nach den richtigen Worten suche.

»Finden Sie?«

Ihr Blick wandert über mein Interieur. Ein Messstab für die Körpergröße. Eine alte Waage. Ein dunkler Biedermeier-Schreibtisch. Gold gerahmte Landschaftsbilder. Ein Paravent. Eine Liege. »Wie bei einem Hausarzt des 19. Jahrhunderts«, sagt sie, schaut wieder durch die Glasfront in den Garten hinaus und schüttelt den Kopf. »Das Alte passt mit dem Modernen nicht zusammen.«

»In der Medizin schon«, entgegne ich.

Sie lächelt und klopft auf die ledergepolsterten Armlehnen ihres antiken Sessels. »In einer Praxis bin ich noch nie auf einem Thron gesessen.«

»Das habe ich bei einem alten Ayurveda-Arzt in Indien gesehen. Dem durfte ich als Kind bei der Arbeit zusehen. Er hatte auch so einen massiven Stuhl für seine Patienten. Er meinte, der gibt ihnen Sicherheit.«

»Stimmt.« Sie bringt ein Lächeln zustande.

Der Moment für ein ernstes Wort ist gekommen. »Frau Allsitter, ich denke, Sie sollten die Behandlung bei Ihrer Heilerin abbrechen.«

Mit großen Augen sieht sie mich an. »Wie kommen Sie denn darauf?«

Ruhig erkläre ich ihr, warum diese Heilerin sie nicht heilt, sondern bloß ihr Leiden verlängert.

Mit zusammengekniffenen Augen, verschränkten Armen und überkreuzten Beinen hört Veronika Allsitter mir zu.

Mir ist klar, warum sie die Behandlung bei dieser Heilerin als so wertvoll empfindet. Diese Frau kann offenbar gut trösten und ist genau in dem Alter, in dem Veronika Allsitters verstorbene Mutter heute wäre. Ich wäre wirklich der Letzte, der versucht, sie von einer Mutterfigur zu trennen. Aber diese Frau ist offensichtlich keine gute Mutter.

Mir ist auch klar, warum Veronika Allsitter zu mir gekommen ist. Ich bin nicht nur Arzt, sondern auch medizinischer Ayurveda-Spezialist und verstehe daher etwas von Kräutern. Offenbar hat sie erwartet, dass ich dem, was diese Heilerin mit ihr macht, zustimmen kann. Das kann ich allerdings nicht. Was die Heilerin macht, ist weder in moralischer noch in gesundheitlicher Hinsicht in Ordnung.

Als ich mit meinen Ausführungen fertig bin, fragt Veronika Allsitter nach dem WC und entschuldigt sich. Ich kann nur hoffen, dass meine Worte ihr zu denken geben. Sie muss erkennen, was diese Heilerin tut. Sie gibt ihr Globuli und kleine Säckchen mit Kräutern, zusammengestellt nach einem Geheimrezept. Von wegen Geheimrezept. Wenn ich das schon höre. Mangelhafte Patienteninformation heißt das bei mir.

Das Geheimrezept lässt sich die Heilerin teuer bezahlen. Achtzig Euro für sieben kleine Säckchen mit zerriebenen Kräutern. Sieben kleine Tagesrationen, die Veronika Allsitter in ein wenig Wasser auflöst und schluckt. Jede Woche muss sie zu der Heilerin gehen, um sich untersuchen zu lassen und eine weitere Ration zu holen. Diese Termine kosten extra.

Nach Meinung der Heilerin zeigt diese Behandlung auch Wirkung. Veronika Allsitters Beschwerden seien nicht so schlimm, wie sie sein könnten. Denn wegen der Lieblosigkeit ihres Vaters habe sie starke negative Energien in ihrem Körper.

Dass die Patientin keine Medikamente mehr nimmt, weil sie das Vertrauen zu ihrem Gynäkologen verloren hat, findet die Heilerin gut. Denn Medikamente würden die Wirkung von Globuli und Kräutern behindern.

Veronika Allsitter wollte den Namen der Heilerin nicht nennen. Hätte sie es getan, hätte ich mich veranlasst gefühlt, die Frau anzuzeigen. Denn ihre Argumentation ist eine Frechheit und ihre Logik perfid. Sie nützt die körperliche und seelische Not dieser jungen Patientin aus, um Macht über sie zu erlangen und abzukassieren. Entweder ist es ihr egal, dass sie ihr damit den Zugang zu echter Heilung verbaut, oder sie ist so von sich eingenommen, dass sie sich tatsächlich für eine Heilerin hält. Dabei unterliegt sie als Energetikerin den Standesregeln der Wirtschaftskammer. Darin steht unmissverständlich, dass sie kranke Menschen nicht behandeln darf.

Langsam mache ich mir Gedanken. Veronika Allsitter lässt sich lange Zeit. Kann ich sie überzeugen? Oder ist ihr die Beziehung zu dieser Heilerin wichtiger?

Endlich kommt sie zurück und nimmt wieder auf dem Thron Platz. »Ich bin nicht überzeugt«, sagt sie. »Warum können Sie mich nicht parallel zu meiner Heilerin behandeln wie mein alter Gynäkologe?«

»Weil ich anders arbeite.« Ich erkläre ihr, dass manche Kräuter im Körper an denselben Rezeptoren andocken wie die Medikamente und daher deren Wirkung abschwächen. Das wäre eine mögliche Erklärung, warum die Medikamente des Gynäkologen nicht gewirkt haben. Außerdem erkläre ich ihr, dass ihr Immunsystem durch ihre ständige Anspannung sehr geschwächt wird. »Daher empfehle ich Ihnen Meditationen und Yoga, damit Sie Ihrem Gleichgewicht wieder näherkommen.«

Sie hebt die Hand, um mich zu unterbrechen. »Ich weiß, worauf diese Empfehlung hinausläuft. Ich habe mich über Ihre Praxis gut erkundigt. Auch über den akademischen Yogalehrer, mit dem Sie diese Praxis hier aufgezogen haben. Also nichts gegen Christian Wolf. Aber ich bin nur eine kleine Bibliothekarin. Verstehen Sie?!«

»Nicht ganz«, gebe ich zu.

Daraufhin erklärt sie mir, dass sie seit fünf Jahren Yoga macht. Daher habe sie wirklich den allergrößten Respekt vor einem Meditations- und Yoga-Experten mit jahrzehntelanger Erfahrung.

Sie hat sich wirklich gut erkundigt. Sie weiß sogar, dass Christian als Gesundheitswissenschaftler mit Yoga-Techniken aus weniger bekannten Traditionen arbeitet und sie individuell auf die Symptome der einzelnen Patienten abstimmen kann. Damit sie lernt, ihre Anspannung zu lösen, empfehle ich ihr genau das.

Da verschränkt sie wieder die Arme vor der Brust. »Sie haben natürlich recht«, sagt sie mit spitzer Stimme. »Als Bibliothekarin muss ich mir standesgemäß meinen privaten Yogalehrer leisten.«

Ihr Scherz ist zwar bitter, aber ich muss trotzdem schmunzeln. »Sie sind bei uns bestimmt günstiger dran als bei Ihrer Heilerin. Da Sie schon etwas von Yoga verstehen, brauchen Sie nur zwei bis drei Schulungseinheiten bei Christian Wolf, um sich die für Sie passenden Instruktionen zu holen. Ich verschreibe Ihnen ein paar hochdosierte Kräuter. In drei Monaten kommen Sie zur Kontrolle. Dann sehen wir, wie es wirkt. Dann noch eine Abschlusskonsultation in sechs Monaten. Ich denke, das sollte reichen.«

Noch immer sitzt sie mit verschränkten Armen und Beinen da. Mir ist klar: Wenn ich es nicht schaffe, ihre Defensivhaltung aufzulösen, wird sie gleich aufstehen, gehen, ihre Heilerin weiterhin mit Geld füttern und nie gesund werden. Daher sage ich ihr: »Bevor Sie entscheiden, bitte ich Sie um fünf tiefe Atemzüge.«

Sie verharrt in ihrer angespannten Sitzposition.

Meiner Meinung nach steht sie an einer steilen Klippe und braucht sehr viel Kraft, um das Gleichgewicht zu halten. Aber wenn sie auch nur einen kleinen Schritt von der Klippe weggeht, wird alles viel leichter. Daher wiederhole ich: »Bitte. Nur fünf tiefe Atemzüge.«

»Na schön.« Sie beugt sich vor, schließt die Augen und tut es. Aber sie bleibt nicht bei fünf Atemzügen stehen. Sie nimmt sich zwölf. Dann öffnet sie die Augen. »Ich habe mich entschieden«, sagt sie. »Ich werde meine Heilerin nicht so einfach aufgeben. Ich werde sie auch nicht vor den Kopf stoßen. Ich werde ihre Kräuter und Globuli weiterhin kaufen, aber vorerst nicht einnehmen. Zumindest drei Monate lang nicht. Bis zu unserem ersten Folgetermin. Können Sie damit leben?«

»Klar.«

Den Nachsatz, dass sie mit ihrem Geld schließlich machen kann, was sie will, spreche ich nicht aus. Der Rest ist binnen weniger Minuten erledigt. Ich verschreibe ihr zwei rezeptpflichtige indische Pflanzen in Kapselform, welche ihre körperliche, aber auch die mentale Kraft stärken. Zudem verordne ich ihr typenspezifische Yoga-, Atem- und Meditationstechniken. Meine Empfehlung, sich diesbezüglich an Christian zu wenden, nimmt sie an. Außerdem vereinbaren wir, dass sie sich in den nächsten Tagen an eine Gynäkologin wendet, die ich ihr ebenfalls empfehlen kann, damit wir anhand der Abstriche jetzt und in drei Monaten sehen können, ob es Fortschritte gibt.

Drei Monate später kommt Veronika Allsitter zum vereinbarten Termin. Mein erster Eindruck: Obwohl sie erhobenen Hauptes zur Tür hereinkommt, wirkt sie niedergeschlagen. Noch wesentlich bedrückter als bei der ersten Konsultation. Das trifft mich unerwartet, zumal Christian mir von zwei Terminen mit ihr berichtet hat. Speziell die Tattva-Yoga-Übungen hätten bei ihr gut angeschlagen.

Wortlos überreicht sie mir die gynäkologischen Befunde.

Der Abstrich zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs vor drei Monaten zeigt leichte Zellveränderungen. Die Gefahr, dass sich tatsächlich Krebs entwickelt, ist gegeben.

Ich blättere weiter zum aktuellen Befund. Eine deutliche Entzündung, aber keine Zellveränderungen mehr. Das ist der erhoffte Fortschritt. Ich bin erleichtert. Ihr Immunsystem hat offenbar Tritt gefasst. Es besteht erstmals seit zwei Jahren kein Krebsrisiko mehr. Sie ist von der steilen Klippe einen entscheidenden Schritt weit weggekommen. Jetzt müssen wir nur dafür sorgen, dass es keinen Rückfall gibt.

Veronika Allsitter wirkt jedoch alles andere als erfreut. Bitter hält sie die Lippen zusammengepresst. Als ich sie fragend ansehe, atmet sie mehrere Male tief durch. »Ich war eben mit dem neuen Befund bei meiner Heilerin.« Sie atmet noch einmal durch. »Sie hat sich gar nicht für mich gefreut. Obwohl sie nicht gewusst hat, dass ich ihre Kräuter nicht mehr nehme. Da habe ich ihr die Wahrheit gesagt.« In Veronika Allsitters Augen bilden sich Tränen, die sie trotzig wegwischt. »Ich war wirklich eine Idiotin.«

»Stimmt«, sage ich geradeheraus.

Das bringt sie zum Lachen.

»Aber Sie sind in bester Gesellschaft«, füge ich hinzu. »Selbst die intelligentesten Menschen fallen auf falsche Heiler herein.«

Das löst ihre Verbitterung. Sie freut sich sehr über den Befund. Sogar bei den Zysten ist eine leichte Besserung sichtbar. Dass die Kräuter und die täglichen Yoga-Übungen ihr guttun, hat sie schon in den vergangenen Wochen bemerkt. Die letzten Regelschmerzen waren etwas weniger schlimm.

Nach dem Termin bei mir will sie den Mann anrufen, mit dem es damals nach dem Konzert so fein war. Sie ist zwar nicht mehr mit ihm in Kontakt. Aber sie hat in Erfahrung gebracht, dass er noch Single ist.

Ich drücke ihr die Daumen.

Weitere drei Monate später kommt Veronika Allsitter wieder. Mein erster Eindruck: Sie ist sichtlich beschwingt. Es geht ihr viel besser. Kräuter, Yoga-, Atem- und Meditationsübungen, frisch kochen und eine Runde laufen, dafür nimmt sie sich täglich Zeit, komme was wolle. Ihre Menstruation sei stabiler geworden, zuletzt beinahe schmerzfrei, erzählt sie. Sie fühle sich nicht mehr so angespannt und könne mit allen möglichen Problemen viel leichter umgehen. Die Zysten haben sich laut dem letzten Befund deutlich zurückgebildet. Der Abstrich vom Gebärmutterhals zeigt weiterhin eine Entzündung.

Nach einer kurzen Untersuchung verordne ich ihr zusätzlich eine ayurvedische Pflanze, welche antientzündliche Qualitäten aufweist und sie im Gesamten stärkt.

Der Virus ist noch nicht besiegt. Aber Veronika Allsitter weiß jetzt: Sie kann ihn unter Kontrolle bringen.

Mittlerweile ist sie ganz gesund. Sie hat zwei Jahre lang unter ihren gesundheitlichen Problemen und deren Folgen für ihr Liebesleben gelitten. Zwei Jahre ihres Lebens hat sie verpfuscht. Dieser Pfusch hat sie in Summe rund 10.000 Euro gekostet. Trotzdem ist sie vergleichsweise glimpflich davongekommen. Christian Wolf und ich begegnen ständig Opfern selbsternannter Heiler. Manchmal sind sie dermaßen verantwortungslos, dass die von ihnen verursachten Probleme noch größer und die Ausgaben der Patienten noch höher sind als bei Veronika Allsitter.

Ewig schade

Behutsam, als wolle sie den Sessel nicht belasten, nimmt Elisabeth Kemäter mir gegenüber Platz. Dabei ist sie eine kleine und sehr schlanke Person, geradezu zierlich.

Ich schenke ihr ein Glas lauwarmes Wasser ein und schiebe es über den kleinen Tisch. Mit einer leichten Verbeugung nimmt sie es und trinkt einen Schluck.

»Nun, was kann ich für Sie tun?«, frage ich, nachdem sie das Glas vorsichtig wieder abgestellt hat. Äußere Anzeichen einer Krankheit kann ich einstweilen nicht an ihr erkennen.

Elisabeth Kemäter seufzt leise. »Eigentlich weiß ich gar nicht … Vielleicht verschwende ich nur Ihre kostbare Zeit.« Verschämt senkt sie den Blick.

»Sie verschwenden meine kostbare Zeit«, antworte ich mit gespielter Strenge, »wenn Sie mir nicht sofort sagen, was los ist.«

Das erlaube ich mir, denn wir kennen uns flüchtig. Sie kommt aus dem Nachbarort. Bei diversen lokalen Feierlichkeiten sind wir einander bestimmt schon dutzende Male begegnet. Ich weiß, dass sie in einer Logistikfirma arbeitet und dass sie die gute Seele in ihrer Pfarrgemeinde ist. Deshalb hat es mich auch nicht gewundert, dass es ihr Pfarrer war, der mich um einen Termin für sie bat. »Also los«, sage ich.

Erneut seufzt Elisabeth Kemäter leise. »Ich weiß es nicht. Vielleicht komme ich nur zu früh in die Menopause. Ich fühle mich so …« Ihr Kopf sinkt noch tiefer.

»Kraftlos?«, frage ich.

»Ja. Dabei ernähre ich mich gesund, mache Nordic Walking, achte auf genügend Schlaf. Auch meine Laborwerte sind in Ordnung.«

Überraschend flink und mit jetzt beflissener Miene zieht sie einen Befund aus ihrer Handtasche und reicht ihn mir. Danach versinkt sie wieder zwischen ihren Schultern.

Ich überfliege den Befund. Tatsächlich unauffällig, abgesehen von einem leicht erhöhten Wert bei der Blutsenkung. Das kann alles und nichts bedeuten. Meistens steckt eine harmlose Entzündung dahinter. In seltenen Fällen kann es aber auch Krebs sein. Ich mustere sie eingehend. »Haben Sie Probleme mit dem Zahnfleisch?«

Sie schüttelt den Kopf. »Mein Zahnarzt sagt, wenn nach dem großen Atomkrieg irgendwas übrig bleibt, dann ist das mein Gebiss.« Immerhin lächelt sie jetzt und zeigt mir tatsächlich strahlende Zähne.

»Irgendwelche Schwellungen haben Sie auch nicht bemerkt?«, frage ich weiter.

Sie schüttelt den Kopf. »Keine Schwellungen, keine Schmerzen. Seit vier Monaten nehme ich alle erdenklichen Vitamine und Spurenelemente zusätzlich zum Essen. Und ich trinke zweieinhalb Liter Wasser am Tag.«

»Sehr brav.« Ich zwinkere. »Also stehen wir vor einem Rätsel.«

Ich frage nach ihren Lebensumständen. Dafür nehme ich mir Zeit. Aber es ist nichts weiter auffällig, außer dass sie sich offenbar sowohl im Beruf als auch in der Pfarrgemeinde sehr für andere einsetzt. Das mag zwar anstrengend sein, ist jedoch noch kein Grund für ein andauerndes Schwächegefühl. Zumal sie ansonsten alles richtig macht. Sie raucht nicht, trinkt nur selten Alkohol, ernährt und bewegt sich altersgemäß vorbildlich, erfährt auch viel Zuwendung von Familie und Freunden, weshalb sie meint, sie könne sich nicht wirklich als alleinstehend bezeichnen, obwohl sie allein lebt. Gemäß ihren Worten müsste sie kerngesund sein. Ihre zusammengesunkene Körperhaltung steht allerdings in krassem Gegensatz zu diesen Worten.

Da mir das Gespräch keine konkreten Anhaltspunkte liefert, wird es Zeit für die körperliche Untersuchung. Ich bitte sie, den Mund zu öffnen und sehe mir ihre Zunge an. Die ist unauffällig. Nun nehme ich ihre Hände und beginne mit der Pulsdiagnostik. Was ich dabei spüre, entspricht ganz ihrer Körperhaltung. Sie ist tatsächlich schwach. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr.

Ich bitte sie hinüber zur Liege hinter den Paravent und ersuche sie, den Oberkörper freizumachen. Aber auch das Abklopfen und Abhören bringt kein spezifisches Ergebnis, außer dass Herz und Lunge sich normal anhören.

Mit ihrer Erlaubnis taste ich auch ihre Brust ab, fühle jedoch zum Glück keine Knoten. Sollte sich irgendwo ein Tumor verstecken, dann ist er entweder noch klein oder er versteckt sich sehr gut.

Fazit: Ich kann nicht genau sagen, woher diese große Schwäche kommt. Genau dieser Umstand bereitet mir Sorgen.

Ich ersuche Elisabeth Kemäter, sich wieder anzuziehen und auf dem Patientenstuhl Platz zu nehmen. Dessen Stabilität wird sie jetzt brauchen. Ich teile ihr das Ergebnis meiner Untersuchung mit. »Es muss nicht Krebs sein, aber es könnte Krebs sein.«

Sie sackt noch weiter in sich zusammen und wendet sich ab. »Das ist ein Albtraum«, murmelt sie.

»Wie gesagt, es muss nicht Krebs sein«, versuche ich ihr ein wenig Mut zu machen. Aber ich muss ihr auch sagen, dass es etwas Ernstes sein kann. Das gehört so schnell wie möglich abgeklärt.

Zum Glück gibt es Möglichkeiten, Genaueres herauszufinden. Ich schreibe ihr eine Überweisung zur Computertomographie und zur Mammographie und empfehle ihr ein Spital mit einem Brustkompetenzzentrum. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Der schlimmste Fall, also in diesem Fall Krebs, sollte entweder durch exakte Untersuchungsmethoden ausgeschlossen oder so schnell wie möglich erkannt und behandelt werden. Außerdem verschreibe ich ihr einige Kräuter, damit es ihr von der Kraft und von der Psyche her besser geht.

Ein ganzes Jahr lang höre und sehe ich nichts mehr von Elisabeth Kemäter. Das ist in meiner Ordination nichts Ungewöhnliches. Ich bin kein Hausarzt, der für eine fixe Gruppe von Patienten die zentrale Ansprechstelle in Sachen Gesundheit ist. Ich bin Wahlarzt. Nur jene Patienten, für die ich einen Therapieplan mache, will ich zur Kontrolle wiedersehen. Wenn ich Personen an andere Stellen weiter verweise, dann erwarte ich nicht unbedingt, dass sie wiederkommen.

Über die Terminanfrage von Elisabeth Kemäter nach einem Jahr freue ich mich. Schließlich bin ich neugierig zu hören, wie es ihr ergangen ist.

Ich nehme meine Patienten gerne wie ein guter Gastgeber in Empfang. Daher gehe ich üblicherweise durch den kleinen Gang, der zu meinem Behandlungsraum führt, hinaus ins Wartezimmer.

Auch Elisabeth Kemäter gehe ich entgegen. Bei ihrem Anblick erschrecke ich innerlich. Sie sieht elend aus. Den Kopf hält sie zwar nicht gesenkt wie bei ihrem Besuch vor einem Jahr. Aber dass sie schwer krank ist, sieht auch jemand, der keine medizinische Ausbildung hat. Sie ist blass, ihre Wangen sind eingefallen. Vor einem Jahr war sie schlank, jetzt wirkt sie ausgezehrt. Ihre Körperhaltung hingegen wirkt trotzig. Erhobenen Hauptes reicht sie mir die Hand, sichtlich bemüht um einen kräftigen Händedruck, der gleichwohl schwach ausfällt.

Ich beginne unser Gespräch trotz meiner Bestürzung mit der Frage, was seit ihrem letzten Besuch passiert ist.

Daraufhin erzählt mir Elisabeth Kemäter, dass sie vor vielen Jahren einmal auf einer Krebsstation zu Besuch war. Die von der Chemotherapie aufgedunsenen Gesichter haben sie danach bis in ihre Träume verfolgt. Aus dem Schlaf aufgeschreckt sei sie immer an dem Punkt, wo sie im Traum in die Krebsstation eingeliefert wurde. Daher habe sie es nicht über sich gebracht, in das von mir empfohlene Spital zu gehen. Mit anderen Menschen über ihr Problem reden wollte sie auch nicht, denn sie habe niemanden belasten wollen. Stattdessen habe sie sich im Internet schlau gemacht, was man bei Krebs so alles tun könne. Da sei sie auf einen Arzt gestoßen, also einen echten Schulmediziner, keinen seltsamen Kurpfuscher. Über diesen Arzt wurde von mehreren Seiten berichtet, dass er Krebspatientinnen ohne Chemotherapie geheilt habe. Deshalb sei sie zu ihm gegangen. Er habe eine Mammographie mit ihr gemacht, und tatsächlich: Brustkrebs. Daraufhin habe sie mit ihm die Alternativen zur Chemotherapie erörtert und sich für Vitamininfusionen, Hyperthermie und Ozonspritzen entschieden.

An dieser Stelle muss ich den Impuls unterdrücken, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Alle diese Therapien wurden wissenschaftlich untersucht und haben bei Krebs nachweislich keinen Effekt gezeigt.

»Bei den Therapien habe ich sofort gemerkt, dass sie gut wirken«, fährt Elisabeth Kemäter mit ihrer Erzählung fort. Sie habe natürlich auch brav die Kräuterpillen genommen, die ich ihr verschrieben habe. Die Kombination habe der Arzt auch ausdrücklich befürwortet. Dann habe sie die Frau des Arztes kennengelernt. Sie beschreibt sie als »beeindruckende, feine Dame«. Die lud sie einmal zum Tee ein, weil der Herr Doktor noch mit einem anderen Patienten beschäftigt war. Sie seien auf die Heilkraft der geistigen Welt zu sprechen gekommen und darauf, dass es viel mehr zwischen Himmel und Erde gäbe, als wir uns vorstellen können. »Da konnte ich als Gläubige der Frau Doktor nur zustimmen«, sagt sie.

Die »Frau Doktor« habe ihr anvertraut, dass sie schon in der Kindheit die Strahlungen, die von Menschen, Tieren und Pflanzen ausgehen, gesehen habe. Das sei für sie so normal gewesen, dass sie erst mit der Zeit herausgefunden habe, dass andere Menschen diese Fähigkeit nicht haben. Sie habe dann jahrelang kein Wort mehr darüber verloren. Aber sie habe gelernt, die Menschen anhand ihrer Strahlung einzuschätzen. In ihren Mann habe sie sich deswegen auf den ersten Blick verliebt. Aber erst nach der Hochzeit habe sie sich ihm anvertraut. Er habe ihr geraten, eine Ausbildung als Medium zu machen.

Der Arzt habe das Gespräch unterbrochen, indem er sie zur Therapie bat, aber sie sei nun neugierig gewesen. Sie habe sich ein Herz gefasst und beim Arzt nachgefragt. Er habe ihr gesagt, dass seine Frau ausgewählte Patienten von ihm als therapeutisches Medium begleite. So habe es angefangen.

Die »Frau Doktor« habe sie wirklich intensiv mental unterstützt. Erst in letzter Zeit habe Elisabeth Kemäter bemerkt, dass sie wieder etwas schwächer geworden sei. Da habe sie gedacht, vielleicht habe sich die Wirkung der Kräuter in Verbindung mit der Ozontherapie abgenutzt. Sie wollte von mir wissen, ob ich nicht noch andere Kräuter habe, die ihr neue Kraft geben können.

Es gibt Momente, da muss ich in meinem Berufsleben als Arzt erst einmal tief durchatmen. Um nicht vorschnell zu urteilen, untersuche ich sie gründlich. Fazit: Ihr Zustand ist noch schlimmer, als die Blickdiagnose offenbart. Obwohl es mir menschlich schwerfällt, ist es meine Pflicht, ihre Hoffnung in die unnütze Therapie zu zerstören. Allerdings versuche ich, ihr die Wahrheit so schonend wie möglich beizubringen. Ich erkläre ihr, warum es möglich ist, dass speziell im Internet Therapien von Patienten empfohlen werden, obwohl diese Therapien erwiesenermaßen nichts bringen.

Das Problem ist, dass Patienten in manchen Fällen nicht einschätzen können, ob die Behandlung erfolgreich war. Das ist besonders häufig bei Krebs der Fall, denn Krebs spüren die Betroffenen die längste Zeit nicht. Manche Behandlungen wirken zwar nicht gegen den Krebs, aber sie sorgen dafür, dass die Patienten ein besonderes körperliches Wohlbefinden entwickeln. Sie fühlen sich gestärkt. Ich habe oft Krebspatienten, die sich bestens fühlen. Wenn sie nicht wüssten, dass sie an Krebs leiden, hätten sie gar kein Problem. Sie hätten gar keinen Grund, zu mir zu kommen. Ihre Lebensqualität wäre nicht gemindert. Bis zu einem gewissen Punkt.

Mit der falschen Therapie wächst der Krebs im Körper ungehindert weiter. Viele Krebsarten bilden Metastasen, also Tochtergewebe, die sich über den ganzen Körper verbreiten können. Irgendwann kommt der Punkt, ab dem das Immunsystem gegen zu vieles gleichzeitig kämpfen muss. Dann wird der Körper ganz schwach und verfällt.

Elisabeth Kemäters Augen weiten sich vor Entsetzen, als sie das hört.

Offenbar habe ich genau den Prozess beschrieben, den auch sie durchmacht. Ich nehme ihre Hände in meine und beschwöre sie. »Bitte fahren Sie ins Spital. Immerhin haben Sie noch keine Schmerzen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.«

Elisabeth Kemäter verlässt meine Praxis heulend. Ich bin nicht sicher, ob ich jemals wieder von ihr hören werde.

Zwei Monate später bekomme ich von ihr einen Anruf. »Ich bin geheilt«, berichtet sie mir mit jubelnder Stimme.

Sie erzählt, dass sie nach dem Besuch bei mir geradewegs zu jenem Arzt und seiner »Frau Doktor« gefahren ist und ihnen berichtet hat, was ich gesagt habe. Das hätten die beiden sehr ernst genommen und sie an eine Klinik in Deutschland verwiesen. Dort sei sie nun acht Wochen lang wirklich intensiv von früh bis spät behandelt worden. Heute ist sie endlich entlassen worden. Der Chefarzt habe ihr persönlich attestiert, dass ihr Körper krebsfrei sei.

Da kann ich nur den Kopf schütteln. »Frau Kemäter, bitte verzeihen Sie, aber das kann ich beim besten Willen nicht glauben. Bei Ihrem Zustand wäre eine vollständige Heilung in nur acht Wochen wirklich ein Wunder.«

Ich erkläre ihr, dass sie mir das nicht glauben muss, dass sie es aber überprüfen soll. Sie hat eine Möglichkeit, festzustellen, ob ihr Körper wirklich frei von Krebszellen ist. Eine histologische Untersuchung kann ihr hundertprozentige Sicherheit geben.

Sie seufzt hörbar. »Herr Doktor Bhalla, ich hätte gehofft, dass Sie sich mit mir freuen. Vielleicht schaffen Sie das, wenn wir uns das nächste Mal begegnen. Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute.«

Bevor ich weiter auf sie einreden kann, beendet sie das Gespräch.

Wenige Wochen später erhalte ich einen Anruf von ihrem Pfarrer. Elisabeth Kemäter hat ganz plötzlich starke Schmerzen an der Wirbelsäule bekommen. Die Rettung musste sie ins Spital bringen. Die Ärzte dort haben festgestellt, dass ihr ganzer Körper voller Metastasen ist. Der Pfarrer sagt, sie wolle in ihren letzten Tagen keine Besuche. Aber er solle mir etwas ausrichten. Elisabeth Kemäter möchte mir danken für meine Warnungen und sich entschuldigen für das letzte Telefonat, das sie so vorschnell beendet hat.

Zwei Wochen später informiert mich der Pfarrer vom Tod von Elisabeth Kemäter. Zum Glück musste sie nicht mehr sehr lange leiden. Der Pfarrer sagt mir auch, welche Art von Krebs sie getötet hat. Es war eine besonders aggressive Krebsart, bei der allerdings mit einer rechtzeitigen Chemotherapie hohe Heilungschancen bestanden hätten.

Elisabeth Kemäter könnte heute noch leben, wäre sie nicht einem Arzt auf vermeintlich alternativmedizinischen Abwegen in die Hände gefallen und seiner »Frau Doktor«, die selbst natürlich nie Medizin studiert, sondern den Titel quasi informell mit der Ehe übernommen und daraus gemeinsam mit ihrem Mann ein zweifellos lukratives Geschäftsmodell entwickelt hat. Zum Zeitpunkt ihres Todes war Elisabeth Kemäter erst 48 Jahre alt.

Die Scharlatanerie boomt

Veronika Allsitter und Elisabeth Kemäter sind keine Einzelfälle. Immer wieder sind mein Kooperationspartner Christian Wolf und ich mit alternativmedizinischer Pfuscherei und tragischerweise auch mit dadurch verursachten Todesfällen konfrontiert. Mit Todesfällen, die völlig unnötig sind.

Zur Vermeidung möglichst vieler solcher Schicksale haben Christian und ich beschlossen, dieses Buch zu schreiben. Denn wie kaum jemand anderer sind wir beruflich mit Patienten konfrontiert, die uns zeigen, was in der Alternativmedizin alles schiefgeht. Selbsternannte Heiler überschreiten ihre Möglichkeiten und Befugnisse bei weitem und behandeln Patienten offensichtlich falsch. Diejenigen, die dabei nur finanziellen Schaden davontragen, können noch von Glück reden.

So wichtig die Alternativmedizin als Ergänzung zur klassischen Medizin sein mag, so schwer ist sie auch greifbar. Ihr weites Feld ist unübersichtlich wie ein Dschungel. In diesem Dschungel lauern neben Experten bestimmter alternativmedizinischer Fachrichtungen jede Menge unter Umständen lebensgefährliche Scharlatane.

Das Wort Scharlatan kommt vom italienischen »ciarla«. Das bedeutet »Geschwätz«. Scharlatane nehmen seit jeher den Mund zu voll. Sie suggerieren eine Kompetenz, die sie nicht haben. Es gab und gibt sie nicht nur in der Medizin. In allen möglichen Fachgebieten und Branchen tauchen diese angeblichen Experten auf, denen es an Expertise mangelt. Hellseher, die nicht hellsehen können, Regenmacher, die keinen Regen machen können, Baumeister, deren Gebäude einstürzen, Aktienhändler, deren Papiere sich als wertlos herausstellen, Pseudowissenschaftler und Pseudogelehrte aller Art.

In der Medizin waren und sind Scharlatane diejenigen, die ihre Heilungsversprechen auf fragwürdigem oder gar keinem Wissen begründen und diese Versprechen so auch niemals halten können. Der Begriff »Scharlatan« ist dabei so negativ besetzt, dass er landläufig sofort mit »Betrüger« gleichgesetzt wird.

Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied zwischen Scharlatanen und Betrügern. Betrüger sind jene, die, um ihren Profit zu steigern, bewusst etwas versprechen, das ihr Produkt oder ihre Dienstleistung nicht hält. Solche Verbrecher gibt es in jeder Branche. Auch in der Alternativmedizin gibt es eine Menge solcher Gestalten. Sie stellen allerdings nicht das Gros der Scharlatane dar, mit denen wir uns hier befassen wollen.

Die meisten Menschen, die wir hier als Scharlatane bezeichnen, sind jene, die nicht bewusst betrügen und dennoch falsche Heilsversprechen abgeben. Sie sind deshalb keine Betrüger, weil sie tatsächlich mehr oder weniger an die Heilkraft ihrer Methoden glauben. Sie geben vielleicht sogar ihr Bestes. Es kommt ihnen meist gar nicht in den Sinn, dass sie Scharlatane sein könnten. Manchen Patienten helfen sie vielleicht sogar, oft allein durch einfühlsame Zuwendung und Berührung. Diese Patienten kommen wieder zu ihnen und geben ihnen positive Rückmeldungen. Kommen Patienten nicht wieder, gehen sie vielleicht davon aus, dass ihre Behandlung sie geheilt hat.

Nur selten bekommt diese Art von Scharlatanen negative Rückmeldungen von ihren Patienten. Wer nimmt schon die Zeit und Mühe auf sich, so einem Heiler extra noch zu sagen, dass seine Empfehlungen nichts gebracht haben? Und wer ist sich sicher genug, dass es nicht an ihm selbst liegt? Erst mit den Jahren bekommen diese an falscher Selbsteinschätzung leidenden Heiler mit, dass ihre Kompetenz, wenn davon überhaupt die Rede sein kann, da oder dort nicht gereicht hat.

Das größte Problem dabei: Mangels fundierter Ausbildung erkennen viele Alternativmediziner die Anzeichen für schwere und chronische Krankheiten nicht. Viele wissen nicht, wie unterschiedlich die gleiche Behandlung auf verschiedene Patienten wirken kann und welche negativen Folgen sie erzielen können. Dabei kommt es nur deswegen nicht häufiger zu Katastrophen, weil die meisten Patienten, die sich eine alternativmedizinische Behandlung leisten, relativ gesund sind. Aber wehe, wenn kranke Menschen an die falschen Alternativmediziner geraten.

Christian und ich bekommen mit den Auswirkungen dieses Mangels an medizinischer Kompetenz zu tun, wenn die Patienten der Scharlatane ihren Weg in unsere Praxen finden. Zu Christian kommen sie, weil er sowohl Yoga-Experte als auch akademischer Gesundheitswissenschaftler ist und seit mehr als drei Jahrzehnten Schulungsprogramme im integrativen Gesundheitsbereich durchführt. Zu mir kommen sie, weil ich sowohl Arzt als auch medizinischer Ayurveda-Spezialist bin. Unsere Tätigkeiten in den Praxen im oberösterreichischen Sattledt sowie in der Außenstelle in Salzburg liegen genau an der Schnittstelle zwischen Schul- und Alternativmedizin, zwischen Wissenschaft und dem teils jahrtausendealten Erfahrungswissen, das (noch) nicht wissenschaftlich erfasst werden kann. Zu dieser Schnittstelle, an der wir mit wissenschaftlichem Anspruch arbeiten, zieht es Patienten, die sich von der Alternativmedizin zu Recht etwas versprechen, in ihrem Dschungel aber zu Schaden gekommen sind. Die nicht geheilt wurden, und nicht nur das. Die an Heiler geraten sind, die zur Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes beigetragen haben.

Christian und ich kooperieren seit 2010. Anfangs hatten wir Fälle von offensichtlicher Scharlatanerie nur vereinzelt. Mittlerweile vergeht für uns kaum ein Arbeitstag, an dem dieses Problem nicht deutlich wird. Die Patienten erzählen uns nicht immer, bei wem sie waren. Aber sie erzählen mir im Rahmen des Anamnesegesprächs stets genau, wie sie behandelt wurden. Was das bei ihnen bewirkt hat, zeigen wir im Folgenden auch anhand vieler dramatischer Fälle.

Nun werden Sie vielleicht denken: Im Gesundheitswesen aller Epochen gab es falsche Heiler. Letztlich sei jeder selbst schuld, der naiv genug ist, nicht ausschließlich auf den sicheren Pfaden der klassischen Medizin zu bleiben. Es sei auch eine Frage der Menschenkenntnis, die guten von den bösen Heilern zu unterscheiden. Wenn Sie so denken, liegen Sie falsch. Denn jeder Mensch kann in seinem Leben an den Punkt kommen, an dem er mit Unbehagen feststellt, dass ihm die Schulmedizin nicht richtig hilft. Das darf ich Ihnen als überzeugter Schulmediziner sagen und Christian als einschlägig erfahrener Gesundheitswissenschaftler. Vor allem bei chronischen Leiden, die in unserer Zeit stark zunehmen, kann das passieren. Die Schulmedizin hat nicht für alles ein Rezept.

Das wissen die Schulmediziner selbst am besten. Nicht umsonst waren die Besucher meiner ersten eigenen Praxis als medizinischer Ayurveda-Spezialist vor allem Schulmediziner. Es waren vor allem sie, die ab 2006 aus ganz Österreich zu mir kamen. Viele hatte ich während meiner Tätigkeit in diversen Spitälern als Kollegen kennengelernt, sie alle kannten die Grenzen der Schulmedizin und hatten die berechtigte Hoffnung, dass Ayurveda, das indische Wissen vom Leben, etwas zu bieten hat, das ihnen vor allem bei diversen stressbedingten Symptomen hilft. Auch die Traditionelle Chinesische Medizin und die Traditionelle Europäische Medizin haben dazu viel beizutragen.

Wenn ein chronisches Leiden einen Patienten andauernd quält, führt derzeit an kompetenter Alternativmedizin kein guter Weg vorbei. Immer mehr Menschen setzen sich deshalb mit Alternativmedizin auseinander. Kaum eine Krankheit, kaum ein Leiden, bei dem Freunde und Verwandte nicht einen Alternativmediziner vorschlagen können, von dem sie natürlich nur das Beste gehört haben.

Was tun Sie also, wenn Ihnen die Schulmedizin nichts bringt? Auf Ihre Menschenkenntnis vertrauen und beten, dass der Heiler, auf den Sie Ihre Hoffnungen setzen, kein Scharlatan ist? Wie finden Sie in Ihrer Not einen kompetenten Heiler, der alternativ oder ergänzend zur Schulmedizin etwas anbieten kann, das Ihnen hilft? Der Ihnen Sicherheit gibt? Denn wer braucht zu einer chronischen Krankheit auch noch die Verunsicherung, dass sein Heiler vielleicht ein Scharlatan ist?

Genau diese Sicherheit geht uns allen in der Alternativmedizin zunehmend verloren. Denn das Problem mit den Scharlatanen wächst. Das hören Christian und ich auch in unseren Gesprächen mit Kollegen sowohl in der Schul- als auch in der Alternativmedizin. Ebenso hören wir es von den Teilnehmern unserer gemeinsamen Seminare, Workshops und Vorträge. Im Bereich der Alternativmedizin läuft derzeit etwas gründlich schief.

Sie ist tatsächlich ein Dschungel geworden, ein Urwald aus Heilungsversprechen. Da gibt es Schulmediziner, die sich alternativmedizinischer Methoden bedienen, es gibt Geistheiler, Nahrungsergänzungsmittelverkäufer, Bioresonanz-Therapeuten, Heilmasseure, Schamanen, Aromatherapeuten, Ernährungsberater und noch viele andere mehr. Es gibt chinesische, indische, japanische, europäische und amerikanische Heiltraditionen. Es gibt Watsu, Holistic Pulsing, Lomi-Lomi-Massage und die Methode nach Dr. Soundso. Ständig werden neue Therapien mit klingenden Namen erfunden.

In dieser rasant wachsenden Unübersichtlichkeit sind die kompetenten Alternativmediziner schwer zu finden. Auch deshalb, weil die Bedürfnisse so vielfältig sind wie die Menschen selbst. Was manchen Patienten hilft, ist vielleicht für andere schädlich. Manche brauchen zur Genesung tatsächlich nur einfühlsamen Zuspruch, die Wärme sanfter Berührungen und den Glauben an die Wirkung einer Placebo-Behandlung. Andere wiederum brauchen dringend eine Umstellung ihres Lebensstils, ihrer Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten. Wieder andere brauchen Kräuter zur Stärkung ihres Immunsystems und mancher Organe. Auch Tiefenentspannung, die viele Menschen durch Wellness oder in der Meditation finden, entfaltet nachgewiesenermaßen heilende Wirkung.

Dazu kommt dann noch die Frage, was bei wem wie wirkt. Tiefenentspannung zum Beispiel kommt nicht bei allen Patienten gleich zustande. Manche versetzt die Vorstellung, von heute auf morgen meditieren zu müssen, bestimmt in Stress. Es gibt nicht ein Rezept und eine Methode für alle. Daher gibt es auch keine allgemein anerkannten Qualitätskriterien, an die sich Patienten in der Alternativmedizin halten könnten.

Das Können eines guten Alternativmediziners besteht also zunächst einmal darin, herauszufinden, was ein Patient wirklich braucht. Inkompetenz besteht in diesem Punkt darin, mit allen Patienten dasselbe Programm zu absolvieren, weil es auch anderen schon geholfen hat. Aber woher soll ein Patient wissen, ob sein Alternativmediziner genau das mit ihm tut?

Qualität in der Alternativmedizin ist immer, auch für uns, schwer zu erkennen. Was kurzfristig angenehm ist, spüren wir. Aber wir spüren nicht, was uns langfristig guttut. Ebenso wenig spüren wir, was uns langfristig schadet. Wir spüren nur irgendwann die Auswirkungen.

Meistens beginnt alles relativ harmlos: Sie fühlen sich noch nicht wirklich krank, haben aber Beschwerden, deren Ursache weder Sie noch die Schulmedizin genau festmachen können. Also wenden Sie sich an die Alternativmedizin.

Auf diese Weise kommen Patienten in einer ganz entscheidenden Phase ihrer Krankheit zur Alternativmedizin. In dieser Phase ist Heilung meist noch gut möglich. In vielen Fällen ist sie auch mit einfachen Mitteln möglich, die nicht viel medizinisches Wissen erfordern. In manchen Fällen allerdings macht falsche Behandlung durch inkompetente Alternativmediziner in dieser Phase erst recht krank, und schon sitzen die Patienten in der Falle. Denn umso schlechter ihr Allgemeinzustand ist, desto weniger wollen sie die zwar falsche, aber scheinbar wohltuende Behandlung missen. Dabei wird ihre Krankheit wie im Fall von Elisabeth Kemäter schwerer und schwerer.

Klar, dass mit dem Boom der Alternativmedizin auch die Zahl solcher Fallen wächst. Der Boom ist enorm, wie die Zahlen zeigen. In Österreich zeigt er sich am deutlichsten an der Gruppe der Energetiker. Sie bilden hierzulande unter den Anbietern am alternativmedizinischen Markt die größte in Zahlen erfasste Gruppe. Sie umfasst von Ernährungs- und Bewegungsberatung über Bachblüten- und Bioresonanz-Therapie bis zur Interpretation der Aura und Methoden im Grenzbereich zur Esoterik ein weites Spektrum. Im Jahr 2011 gab es in ganz Österreich 15.000 Energetiker, die ihr Gewerbe bei der Wirtschaftskammer angemeldet hatten. Das entsprach schon damals der Zahl der niedergelassenen Ärzte. Bis zum Jahr 2018 wuchs die Gruppe der registrierten Energetiker auf rund 18.000 an. In sieben Jahren also ein Plus von 20 Prozent. Laut Aussage von Charly Lechner, Berufsgruppensprecher der Energetiker in der Wirtschaftskammer Wien, sind die Energetiker innerhalb der Wirtschaftskammer die am stärksten wachsende Branche.

Dabei sind die Energetiker nur eine Gruppe von vielen, die sich auf dem alternativmedizinischen Markt tummeln, und zu den registrierten Energetikern kommt noch eine Dunkelziffer von nicht registrierten.

Noch drastischer zeigt sich der Trend zur Alternativmedizin in Deutschland. Hier ist der Boom an der Zahl der Heilpraktiker abzulesen. Im Jahr 2008 waren es 26.000 Heilpraktiker bundesweit. Das mag, gemessen an der Einwohnerzahl, im Vergleich zu Österreich gering erscheinen. Es erklärt sich durch die Einstiegshürde in Form einer staatlichen Prüfung, bei der auch medizinisches Wissen abgefragt wird.

Im Jahr 2011 waren es bereits 35.000 Heilpraktiker, und 2015 zählte das statistische Bundesamt gar 47.000. In sieben Jahren also eine Zunahme von satten 80 Prozent.

Dieser enorme Anstieg erklärt sich daraus, dass in Deutschland alle, die ohne Medizinstudium Heilkunde ausüben wollen, gesetzlich in die Gruppe der Heilpraktiker fallen. In Deutschland konzentriert sich der Boom daher auf diese Berufsgruppe, während er sich in Österreich auf die verschiedensten Gruppen aufteilt. Dementsprechend gibt es in Österreich so etwas wie eine zentrale Prüfung für alle Alternativmediziner nicht. Die Voraussetzungen für die Ausübung der verschiedenen alternativmedizinischen Berufe sind in Österreich je nach Berufsgruppe unterschiedlich. Bei den Energetikern beispielsweise ist gar keine Ausbildung erforderlich. Genau dieser Bereich boomt am stärksten.

Woher kommt dieser Boom? Ein Teil der Erklärung liegt in der Schwäche des immer stärker unter Druck geratenen etablierten Gesundheitssystems. Die Bevölkerung Mitteleuropas altert und braucht daher immer mehr Gesundheitsleistungen. Die chronischen Erkrankungen nehmen zu. Ebenso die psychosomatischen Beschwerden, hauptsächlich wegen steigendem Stress in der Arbeitswelt. Darauf ist die Schulmedizin nicht ausgelegt. Ihre größte Stärke ist die akutmedizinische Behandlung und ihre große Schwäche ist der zunehmende Zeitmangel.

In den schulmedizinischen Einrichtungen hat das medizinische Personal nicht mehr die Zeit, sich intensiv mit Patienten zu befassen. Viel zu viele warten in den Ambulanzen und Arztpraxen.

Ich habe selbst längere Zeit in Ambulanzen gearbeitet. Dort kommen Menschen mit akuten Beschwerden hin, manche mit sehr akuten. Die medizinischen Mitarbeiter arbeiten unter hohem Druck. Für sie wird jeder Patient zum Fall, und Fälle sehen sie sich hauptsächlich am Computer an, wofür sie durchschnittlich zwei bis drei Minuten Zeit haben. Die Patienten selbst, die diese Fälle verkörpern, mit ihren Eigenheiten und Sorgen, bekommen nur am Rande Aufmerksamkeit.

Mir ist es einmal passiert, dass fünf Herzinfarktpatienten gleichzeitig da waren. Da gibt es nicht einmal Zeit für kürzeste Gespräche. Da muss schnell gehandelt werden. EKG, Labor, Akutmedikamente wie Adrenalin und so weiter. Es geht nicht anders, sonst sterben die Patienten. Da wird auch der körperliche Kontakt zu den Patienten auf ein Minimum reduziert. Das, obwohl viele Ärzte sehr wohl überzeugt sind, dass Zuwendung in Form von Gespräch und Berührung einen wichtigen Einfluss auf die Heilung hat.

Der Zeitmangel hat leider System. Unser Gesundheitssystem entstand in seiner heutigen Form vor einem halben Jahrhundert. Es war auf wesentlich weniger Patienten ausgelegt. Mittlerweile ist nicht nur die Zahl der Patienten, sondern auch die der diagnostizierbaren Krankheiten explodiert. Es gibt mehr Diagnosen und daher steigt der Druck nicht nur wegen der Alterung der Bevölkerung. Es ist ein Teufelskreis. Je besser die Schulmedizin wird, desto mehr Patienten gibt es und desto mehr verschärft sich das Problem des Zeitmangels.

Zudem sorgt die zunehmende Technisierung durch die Apparatemedizin für eine Entfremdung zwischen Schulmedizin und Patienten. Die Schwachstellen auf den Bildern aus dem Inneren eines Körpers können nur noch Spezialisten erkennen. Die Patienten sitzen meist eher ratlos daneben und sehen Bilder von sich, die ihnen fremd sind und die ihnen niemand wirklich erklärt.

Auch die voranschreitende Spezialisierung in der Schulmedizin sorgt für Unbehagen. Patienten wollen als Ganzes gesehen werden. Die Fachärzte sehen jedoch vor allem den Teilaspekt an ihnen, der in ihr Fach gehört.

Verständlich, dass sich immer mehr Patienten in großen medizinischen Einrichtungen schlecht aufgehoben fühlen. Die Aufenthalte in Krankenhäusern und die langen Wartezeiten in den Ambulanzen sind für sie ja auch tatsächlich eine Zumutung. Wohlgemerkt sind daran nicht die einzelnen Schulmediziner schuld. Auch für sie ist der schulmedizinische Betrieb längst zu einer argen Zumutung geworden.

Abgemildert werden diese Probleme auch durch die Hausärzte nur unzureichend. Die kennen ihre Patienten meist seit Jahren, und die Vertrautheit zwischen Hausarzt und Patient lässt sich auch bei kurzen Konsultationen leicht und schnell auffrischen. Doch gegen die neue Flut an Patienten und den großen Frust über das klassische Gesundheitswesen kommt auch die sinkende Zahl an klassischen Hausärzten nicht richtig an. Besonders in ländlichen Bereichen sind zudem immer weniger von ihnen zu finden.

Die Alternativmedizin boomt also eigentlich nicht, weil neuerdings immer mehr Menschen an ein Konzept der Ganzheitlichkeit glauben. Sie boomt, weil Patienten verständlicherweise das Gefühl haben wollen, als Ganzes wahrgenommen zu werden. Die Schulmedizin kann diesen zeitaufwendigen Teil der Arbeit für die Gesundheit der Patienten nicht mehr leisten.

Die systemischen Probleme der Schulmedizin treiben Patienten also zur Alternativmedizin. Vor allem Menschen, die ohnehin gestresst sind, meiden immer öfter die Schulmedizin. Oft sind sie im mittleren Alter, daher noch relativ gesund und ökonomisch relativ potent. Diese Gruppe leidet vor allem an Krankheiten, die ein ungesunder Lebensstil in Zeiten von steigendem ökonomischen Stress mit sich bringt. Die entsprechenden Symptome sind meist nicht unmittelbar bedrohlich. Rückenschmerzen aufgrund von täglichem stundenlangen Sitzen, Gastritis wegen zu viel Fastfood, Schlaflosigkeit, Übermüdung. Solche Beschwerden werden schlicht als unangenehm, als Beeinträchtigung der Lebensqualität erlebt. Darauf hat die Schulmedizin keine passende Antwort. Im Gegenteil. Der schulmedizinische Betrieb verstärkt hier die Ursachen der Symptome eher noch.

Würden sich alle Patienten parallel zur alternativmedizinischen Behandlung schulmedizinisch durchchecken lassen, müsste sich die Alternativmedizin nicht um mangelnde schulmedizinische Kompetenz sorgen. Allerdings beobachten wir aus den genannten Gründen genau das Gegenteil. Viele Patienten hoffen geradezu, dass sie nicht zur Schulmedizin müssen. Alternativmedizin wird meist tatsächlich als Alternative in Anspruch genommen, nicht als Ergänzung, und dafür wiederum war sie eigentlich nie gedacht. Sie ist zur Lösung der durch die Schulmedizin verursachten Probleme im Gesundheitswesen nicht in der Lage.

Dennoch dringt die Alternativmedizin auf ihrem Vormarsch durch das Gesundheitssystem zunehmend in den Bereich der schweren Krankheiten vor. Ein Grund mehr, warum es immer häufiger zu Behandlungsfehlern mit ernsten Auswirkungen kommt.

Umso mehr wächst der Bedarf der Patienten an Hinweisen, wie sie die »guten« von den »bösen« Heilern unterscheiden können. In den folgenden Kapiteln geben wir Ihnen deshalb mehrere Warnhinweise. Diese sollen es Ihnen ermöglichen, Scharlatane zu erkennen. Denn Scharlatane entlarven sich oft selbst.

Wenn Sie nicht mehr Gefahr laufen, Scharlatanen in die Falle zu gehen, können Sie sich im Dschungel der Alternativmedizin frei bewegen. Sie können sich im alternativmedizinischen Bereich mit aller gebotenen Vorsicht, aber doch voller Zuversicht auf die Suche nach einem für Sie passenden Angebot begeben.

AN WELCHEN AUSSAGEN SIE DIE SCHARLATANE IN DER ALTERNATIV­MEDIZIN ERKENNEN

Typische Scharlatan-Aussage 1:

»Dieses Mittel empfehle ich allen meinen Patienten. Das ist auch gut für Sie.«

Die definierten Muskelpartien in Herrn Kurböcks Nacken spannen sich, als würden sie sein TShirt zerreißen wollen. »Sie müssen sich irren«, sagt er. Mit seiner mächtigen Pranke nimmt er die Dose mit den Pillen vom kleinen Tisch zwischen uns und hält sie hoch. »Das ist das beste Kurkuma-Präparat weit und breit. Über 340 Fünf-Sterne-Kritiken im Internet. Die sind doch nicht alle gefälscht.«

»Ich sage nicht, dass das Präparat prinzipiell schlecht ist«, sage ich ruhig. »Aber für Sie ist es nicht gut.«

Er schüttelt den Kopf. »Ich habe verdammte Schmerzen wegen dieser beschissenen Magenentzündung. Kurkuma ist eines der besten natürlichen Mittel gegen Entzündungen, das weiß jeder, wahrscheinlich sogar das allerbeste. Also warum soll das beste Kurkuma-Präparat auf dem Markt nicht gut für mich sein?« Um seinen Punkt zu bekräftigen, rammt er die Pillendose auf die Tischplatte, als wolle er sie im Holz versenken.

Dass er sich aufführt wie ein weidwunder Büffel, ändert nichts an der Sache. »Haben Sie gelesen, was außer Kurkuma noch in diesen Pillen steckt?«

»Ich bin ja nicht von gestern. Ich informiere mich immer über die Dinge, die ich schlucke. Da ist sonst nur schwarzer Pfeffer drinnen. Natürlicher geht’s nicht.«

Ich schüttle den Kopf. »Wirklich natürlich ist das nicht mehr. Das ist schwarzer Pfeffer in hoher Konzentration. Vergleichbar mit einem halben Teelöffel Pfefferkörner. Davon schlucken Sie zwei am Tag. Seit Monaten. Und Sie fragen sich, warum Ihre Magenentzündung nicht besser wird?«

Im ersten Moment weiß Herr Kurböck offenbar nicht recht, was er sagen soll. »Ein Teelöffel Pfefferkörner pro Tag«, murmelt er schließlich und kratzt sich nachdenklich am Kinn. »Der Heilpraktiker hat gesagt, er empfiehlt das allen und bekommt nur positive Rückmeldungen.«

»Das muss nicht gelogen sein.« Ich erkläre ihm, dass der Pfeffer dafür sorgt, dass der Körper die Kurkuma gut aufnimmt. Dadurch kann sie ihre antientzündliche Wirkung entfalten. Die Menge Pfeffer dazu hält ein normaler Magen eine Zeit lang aus. Aber nicht ein Magen wie seiner. Für ihn ist dieses Präparat Gift. Alles, was die Kurkuma gut macht, macht der Pfeffer bei ihm wieder kaputt. »Daher hätte der Heilpraktiker ausgerechnet Ihnen dieses Produkt ausnahmsweise nicht empfehlen dürfen. Haben Sie ihm gesagt, dass Sie mit dem Magen Probleme haben?«

Statt einer Antwort ballt Kurböck die Fäuste. »Sechs Monate verdammte Bauchschmerzen«, knurrt er. »Dieser …, er hört von meinem Anwalt.«

»Rechtlich ist da sicher nichts zu holen«, gebe ich ihm aus Erfahrung zu bedenken. »Wenn Sie sich revanchieren wollen, posten Sie Ihre Geschichte auf Internetseiten, die das Präparat empfehlen. Andere Menschen in Ihrer Situation werden es Ihnen danken.«

»Mach ich.« Herr Kurböck grinst böse. »Meinen Anwalt schick ich ihm trotzdem. Der Kerl schneidet doch sicher mit, wenn er diese super teuren Pillen empfiehlt. Für genau solche Fälle bin ich rechtsschutzversichert. Das Bauchweh zahl ich ihm heim.«

Seinem Bauch täte es gut, wenn er lernen würde, sich zu entspannen, anstatt aus Wut in einen wenig aussichtsreichen Krieg zu ziehen. Aber mit ihm darüber zu diskutieren, bringt ihn womöglich noch mehr in Wut. Stattdessen überlege ich kurz neu: Kurkuma passt jetzt gar nicht mehr. Außerdem gehört auch seine Laus, die über die Leber gelaufen ist, beruhigt. Daher verschreibe ich ihm zwei rezeptpflichtige Ayurvedakräuter. Eines soll die Magenschleimhaut regenerieren, das zweite die angestaute Wut reduzieren.

Ich stelle ihm das Rezept aus und denke, dass sich mit seinem Magen nun auch sein Gemüt ein Stück weit beruhigen wird. Zudem gehe ich genau auf die Ernährung ein und erkläre ihm, welche Getränke und Nahrungsmittel er meiden soll. Bei der Folgekonsultation in zwei Monaten sollte es dann möglich sein, mit ihm über Entspannung zu reden. Bis dahin kann ich mir auch überlegen, welche Art von Entspannung zu ihm passen würde. Zu einer klassischen Meditationsschulung bei Christian kann ich diesen Mann jedenfalls nicht schicken. Kurböck und ruhige, meditative Techniken, das geht bestimmt gar nicht. Aber er könnte von Christian speziell auf ihn abgestimmte aktive Techniken lernen, etwa dynamische, kraftorientierte Yoga-Übungen. Oder ein Walkingprogramm mit einer für seine Konstitution passenden, schnellen Gehtechnik. Das würde ihn auf gelenkschonende Weise fordern und gleichzeitig in innere Balance bringen.

Manche Alternativmediziner schwören auf ein bestimmtes Mittel und empfehlen es allen ihren Patienten gleichermaßen. Wer das tut, ist meist ein Scharlatan. Es fehlt ihm an Kompetenz. Sie sollten sich vor ihm hüten.

Zumeist handelt es sich bei diesen vermeintlich für alle Patienten geeigneten Produkten um natürliche Wirkstoffe, die etwas Gutes im Körper bewirken. Oft sind es Vitamine. Manchmal sind es auch exotische Kräuter und Tinkturen, die dieses und jenes im Körper stärken. Solche Wirkstoffe können wir alle brauchen. Das leuchtet doch irgendwie ein. Falsch ist es trotzdem.

Kurkuma ist ein Beispiel dafür. In jüngerer Zeit ist ein alternativmedizinischer Hype rund um die Kurkuma, zu Deutsch Gelbwurz, zu beobachten. Kurkuma wirkt entzündungshemmend und das finden natürlich alle wunderbar. Denn wer weiß schon, wo im Körper womöglich kleine Entzündungsherde sitzen, die nur darauf warten, richtig in Brand zu geraten. Und womöglich hilft Kurkuma ja auch bei der Beseitigung von Krebszellen.

Daher ist Kurkuma das Mittel der Wahl für alle, glauben viele. Einzunehmen am besten in hochdosierter Pillenform. Dabei wird nicht bedacht, dass Entzündungen im Körper nicht unbedingt schlecht sind. Entzündungen deuten primär darauf hin, dass das Immunsystem mit etwas kämpft. Es macht nicht unbedingt Sinn, dem eigenen Immunsystem mit hochdosiertem Kurkuma in die Quere zu kommen. Zudem darf Kurkuma vielen Menschen nicht länger als drei Monate gegeben werden, da es nicht nur die Wirkung verliert, sondern auch paradoxe Wirkungen auftreten können. Das will wohl überlegt sein.

Wenn, dann sollte Kurkuma individuell abgestimmt nur in Kombination mit anderen Pflanzen eingenommen werden, um die Aufnahme durch den Körper zu verbessern. Nicht selten wird Kurkuma mit schwarzem Pfeffer oder ähnlichen Scharfmachern gemischt, weil das ein aus Indien überliefertes Rezept ist. Bei bestimmten Menschentypen kann das allerdings zu Magengeschwüren führen.

Die landläufige Meinung Vitaminpräparate oder sonstige Nahrungsergänzungsmittel könnten ohne jegliche Bedenken nach dem Motto Nutzt’s-nix-schadt’s-nix eingenommen werden, ist falsch und gefährlich. Am Beispiel von Herrn Kurböck wird deutlich: Nahrungsergänzungsmittel können unserem Körper sehr wohl Schaden zufügen.

Vielleicht haben Alternativmediziner gute Erfahrungen mit dem bevorzugten Produkt ihrer Wahl gemacht und empfehlen es zumindest anfänglich reinen Herzens. Allerdings ist auch dieses reine Herz geprägt von medizinischem Unwissen.

Laut Ayurveda und auch laut der Traditionellen Chinesischen Medizin ist es wichtig, Medikamente immer individuell angepasst an den jeweiligen Patienten zusammenzustellen. Schon mehrmals sind Pharmafirmen an mich herangetreten mit der Frage, ob es nicht ein pflanzliches Mittel gebe, das gegen eine häufig auftretende Form von Beschwerde helfe. Mir wurden schon ordentliche Summen geboten für diesbezügliche Ideen. Meine Antwort war jedoch stets dieselbe. Die Beschwerden sind nur das Symptom. Symptome können sich bei verschiedenen Menschen ganz ähnlich anfühlen. Die Symptome sind allerdings nicht das Problem.

Zum Beispiel ständige Müdigkeit. Das kennen sehr viele Menschen. Aber ein Medikament, das allen Menschen gegen Müdigkeit hilft, kann es nicht geben. Es kann etwas geben, das bei vielen Menschen aufputschend wirkt. Von Kaffee bis Energy Drinks. Aber ursächlich gegen die Müdigkeit hilft das Aufputschen nicht. Eher im Gegenteil wird der Körper in den meisten Fällen zwischen den aufgeputschten Phasen noch mehr in die Müdigkeit fallen.

Müdigkeit ist ein Symptom, das sehr viele ganz unterschiedliche Ursachen haben kann. Von zu wenig Schlaf, Stress und Burnout über Vitaminmangel bis zu einer unentdeckten andauernden Entzündung, die den Körper viel Kraft kostet. Sogar ein Tumor kann hinter ständiger Müdigkeit stecken.

Daher ist es sinnlos gegen das Symptom, die Müdigkeit, vorzugehen. Erst muss ich als Arzt die Ursache für die Müdigkeit entdecken. Dann kann ich sie mit bestimmten pflanzlichen Wirkstoffen behandeln. Nur dann kann der Patient individuell von seiner Müdigkeit genesen. Daher kann es gegen das Symptom der Müdigkeit an sich kein Mittel geben, das alle Menschen im Sinne einer echten Heilung von der Müdigkeit befreit. Das Gleiche gilt für die meisten anderen Beschwerden.

Das alte medizinische Wissen steht also in klarem Widerspruch zum einen Mittel für alle. Alternativmedizinische Produktlinien kopieren trotzdem im Prinzip die Pharmaindustrie. Da werden möglichst massentaugliche Mittel vertrieben, die zu bestimmten Beschwerden, also zu den Symptomen passen. Je häufiger diese Symptome in der Bevölkerung vorkommen, desto einträglicher ist das entsprechende Mittel. Dass alle Menschen unterschiedlich sind und jede Krankheit gleichsam auf einem individuell spezifischen Boden gedeiht, blendet die Branche dabei aus. In einem ganzheitlichen alternativmedizinischen Denken kann es daher keine Produktlinien geben.

Nicht einmal bestimmte Vitamine, die wir doch vermeintlich alle brauchen können, brauchen wir im Einzelfall wirklich. Meist reicht eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung vollkommen aus, um unserem Körper alle benötigten Vitamine und Spurenelemente zuzuführen.

In unserer Überflussgesellschaft haben wir eher das Problem, dass wir unserem Körper zu viel von allem zuführen. Ein wenig fasten wäre oft wesentlich heilsamer als ein zusätzlicher Vitaminshake. Aber auch eine generelle Empfehlung zu fasten wäre unseriös. Wenn Menschen fasten, die nicht fasten sollten, können sie sehr viel Kraft verlieren.

Zuweilen entsteht rund um bestimmte Produkte ein regelrechter Hype. Begonnen hat es mit dem Vitamin-C-Hype in den 1990er-Jahren. Damals wurde der Bevölkerung eingeredet, wir würden an einem flächendeckenden Vitamin-C-Mangel leiden. Auf Basis dieses Glaubens werden seither Pillen verkauft, die laut der Werbung dafür so gut für den Körper wie ein ganzer Obstkorb sind. Dass das synthetisch produzierte Vitamin C nur Ascorbinsäure ist und nicht dieselbe Wirkung auf den Körper hat wie jenes aus frischem Obst, sagt niemand dazu. Denn damit würden die Menschen ja wieder mehr Obst essen und die durchwegs teureren Nahrungsergänzungsmittel nicht mehr kaufen.

Neuerdings ist es Vitamin D, das wir angeblich alle zusätzlich einnehmen sollten, weil wir zu wenig an die Sonne kommen. Dieser Mythos spricht viele Menschen an, die täglich viele Stunden im Büro verbringen und sich am Ende schlapp fühlen. Also besorgen wir uns Vitamin D rezeptfrei in der Apotheke. Dass ein Absinken des Vitamin-D-Spiegels in der dunklen Jahreszeit ganz normal ist und durch Laborbefund ausgewiesene Fälle von Vitamin-D-Mangel unter dem gesunden Grenzwert nicht die Regel sind, wird bei diesem Hype ausgeblendet. Die meisten Menschen schlucken Vitamin D auf Verdacht ohne Laborbefund. Womöglich gehen sie dann noch weniger an die Sonne und an die frische Luft.

Viele Scharlatane negieren die Individualität und Komplexität des menschlichen Körpers und der medizinischen Zusammenhänge. Meist weil sie diese Komplexität selbst nicht verstehen und nicht in Erklärungsnotstand kommen wollen. Oder weil leichtgläubige Patienten die Botschaft, dass ein Mittel sie von ihrem Leiden befreien wird, so gerne hören.

Als kritischer Konsument alternativmedizinischer Leistungen sollten Sie stets bedenken: Alles hat auch einen ökonomischen Aspekt. Das Geschäft mit dem einen Mittel für alle hat diesen ökonomischen Aspekt in ganz besonderem Ausmaß. Wenn anfänglich wohlmeinende Alternativmediziner mit dem Weiterverkauf eines Produktes Erfolg haben, können sie allzu leicht auf die schiefe Bahn der ökonomischen Motive geraten. Nämlich dann, wenn sie viel von dem Produkt billig einkaufen, damit die Gewinnspanne beim Weiterverkauf etwas höher ist. Vielleicht sind sie sogar so nett, den Preisvorteil an ihre Kunden weiterzugeben. Dennoch: Ihren Lagerbestand wollen sie natürlich so schnell wie möglich absetzen, denn schließlich haben sie ja beim Einkauf vorinvestiert. Daher empfehlen sie allen ihren Patienten nach Möglichkeit dieses Mittel. Dabei achten sie dann tendenziell nicht so genau auf die individuellen Umstände.

In ökonomischer Hinsicht risikoloser ist das Geschäftsmodell, in dem ein Alternativmediziner nicht vorher investieren und ein Lager halten muss, sondern einfach per Kommission am Vertrieb von Produkten in seiner Praxis beteiligt ist. Davon haben mir schon mehrere Patienten berichtet und so war es auch im Fall von Herrn Kurböck.

Zuweilen liegen in den Wartezimmern der Alternativmediziner Broschüren auf, die ein bestimmtes Produkt anpreisen. Sie als Patient können das Mittel, das der Alternativmediziner natürlich wärmstens empfiehlt, auch wenn er es nicht verschreiben darf, direkt per Bestellschein beziehen.

Alles ganz legal, denn Sie bestellen es ja selbst. Wenn etwas schiefgeht, weil Sie das Produkt nicht vertragen, sind nur Sie selbst in rechtlicher Hinsicht verantwortlich. Abgesehen davon könnten Sie nur in den seltensten Fällen wirklich den Nachweis erbringen, dass es das bestellte Mittel war, das Ihre Beschwerden verursacht hat. Daher Finger weg von Bestellscheinen.

Wenn ein bestimmtes Produkt Sie interessiert, lassen Sie sich am besten in Ihrer Apotheke beraten. Meistens bekommen Sie dort gleichwertige Produkte wesentlich günstiger.

Manche Alternativmediziner haben sogar ihre eigene Produktlinie, womöglich mit ihrem Bild oder ihrer Unterschrift auf den Etiketten, weil sie ja für die Qualität der Produkte quasi persönlich bürgen. Hier besteht dann umso mehr die Gefahr, dass Vertriebsüberlegungen die Empfehlungen für Patienten beeinflussen. Es steht nicht mehr im Vordergrund, was dem einzelnen Patienten guttut. Es steht im Vordergrund, was aus dem Lager muss.

Manchen werden diese Produkte vielleicht wirklich helfen, etwa durch Autosuggestion und den Placebo-Effekt, bei anderen werden sie gar nichts bewirken und einer letzten Gruppe werden sie schaden. Da Sie nicht wissen können, zu welcher dieser Gruppen Sie gehören, lautet, noch einmal, unser Rat: Lassen Sie die Finger von Standardprodukten von Alternativmedizinern und hüten Sie sich auch vor den Alternativmedizinern, die ein Mittel für alle anpreisen.

Typische Scharlatan-Aussage 2:

»Das Mittel ist ganz natürlich und hat keine Nebenwirkungen.«

Karl Andam ist ratlos. Seine Leberwerte sind außer Kontrolle. Schon seit Monaten. Zum Glück ist es kein Krebs. Auch keine Infektion der Leber. Das hat er mehrfach austesten lassen. An sich fühlt er sich wunderbar, hat keine Schmerzen und strotzt mit seinen 55 Jahren vor Vitalität. Nur diese Leberwerte bereiten ihm Kopfzerbrechen.

Aufgefallen sind sie ihm nur zufällig im Rahmen einer allgemeinen Vorsorgeuntersuchung vor einem halben Jahr. Alle Schul- und Alternativmediziner sagen ihm seither dasselbe. Er muss diese Leberwerte unbedingt in den normalen Bereich bringen, sonst steuert er langfristig womöglich auf eine Leberzirrhose zu. Noch mindestens ein Jahr lang wird er bestimmt gar nichts spüren. Aber danach kann es sehr schnell sehr schlimm werden. Leberzirrhose ist eine wirklich schwere Krankheit und häufig tödlich. So viel ist klar. Aber woher die hohen Leberwerte kommen, ist ihm nicht klar. Denn Andam lebt seit vielen Jahren wie ein Gesundheitsapostel. Er isst viel Gemüse, wenig Fleisch, raucht nicht, trinkt höchstens einmal im Monat ein Glas Wein und achtet auf ausreichende Bewegung. Sein beruflicher Stress hält sich in Grenzen. Schon vor dreißig Jahren hat er die Liebe seines Lebens gefunden. Mit den Kindern passt auch alles. Sogar seine Eltern erfreuen sich im hohen Alter noch bester Gesundheit. Bei seiner ganzen Familie sind die Leberwerte im grünen Bereich.

Mittlerweile geht Andam einmal pro Monat ins Labor und lässt sich testen. Er legt einen ganzen Stapel an Befunden vor mich hin.

Ich sehe mir alles durch. Zunächst die Befunde der Kollegen, die Andam schon konsultiert hat. Die Sache ist tatsächlich mysteriös. Die Kollegen haben mehrere mögliche und fast unmögliche Ursachen abgecheckt. Manche Dinge wären mir gar nicht eingefallen. Alles negativ. Aber irgendeine Ursache muss es geben.

Zum Schluss schaue ich mir die Laborbefunde an. Die drei Leberwerte sind auf den entsprechenden Seiten in den letzten sechs Monaten mit gelbem Leuchtstift markiert. Alle übrigen Werte passen tatsächlich zu einem Gesundheitsapostel. Alle Vitaminwerte sind an der oberen Grenze des gesunden Bereichs.

Dass Andam Nahrungsergänzungsmittel nimmt, steht schon in den anderen Befunden. Aber seine Werte sind so perfekt, dass es mich stutzig macht. Daher frage ich genauer nach.

Diese Sache habe er mit den Kollegen schon durchgekaut, meint er. Vitamin C, D, K2 und B12 nimmt er mittlerweile seit mehr als einem Jahr täglich. Aber nie mehr als die empfohlene Menge. Und seine Vitaminwerte können sich ja auch sehen lassen. Die waren früher nicht so toll, eher im unteren Bereich. Besonders Vitamin B12 war niedrig.

Ich schaue mir den ältesten Laborbefund von vor einem Jahr an. Da ist Vitamin B12 tatsächlich weit unten, aber noch im Rahmen des gesunden Bereichs. Ob er damals an Müdigkeit gelitten hat, frage ich ihn.

Er schüttelt den Kopf.

Auch sonstige Symptome einer Vitaminmangelerscheinung frage ich ab.

Aber Herr Andam hat sich damals wie heute wohl in seiner Haut gefühlt. Abgesehen von der drohenden Leberzirrhose natürlich.

Warum er dann eigentlich auf die Idee gekommen sei, Vitaminpräparate zu schlucken, frage ich nach.

Er schaut mich erstaunt an. Vitamine seien doch wichtig. Man werde ja schließlich nicht jünger. Zu den Vitaminen habe ihm ein Ernährungsexperte geraten, den er im beruflichen Umfeld kennengelernt habe. Der Mann habe eine eigene Produktlinie kreiert.

Ob seine Frau und seine Kinder auch diese Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen, frage ich weiter.

Seine Kinder nicht. Aber seine Frau hat vor drei Monaten ihm zuliebe damit angefangen. Vor allem um zu testen, ob in den Präparaten irgendwelche Stoffe sind, die auch bei ihr die Leberwerte ausschlagen lassen. Aber ihre Werte sind nach wie vor in Ordnung. Also sind auch die Präparate dieser Produktlinie in Ordnung.

Ich nicke. Die Präparate an sich mögen in Ordnung sein. Aber es stellt sich doch die Frage, ob sein Körper diese hohe tägliche Dosis an Vitaminen wirklich braucht.

»Schaden kann es jedenfalls nicht«, meint er achselzuckend.

Da irrt er. Ich erkläre ihm, warum. Selbst die gesündesten Stoffe können für den Körper schädlich sein. Die alte Weisheit des Paracelsus ist immer zu beachten: Die Dosis macht das Gift. Immer. Auch bei Vitaminen.

Aber seine Vitaminwerte seien doch innerhalb des Grenzwerts, wendet er ein, und er nehme nicht mehr als die vorgeschriebene Menge am Tag.

Das sei die schulmedizinische Sicht, erkläre ich ihm. Aber aus Sicht etwa des Ayurveda geht es nicht um allgemeine Grenzwerte, sondern um das individuelle Gleichgewicht.

Weil er mir nicht glauben will, muss ich etwas weiter ausholen. In seinem Fall tippe ich auf Vitamin B12 als Problem. Denn sein Vitamin-B12-Wert war ursprünglich niedrig und dennoch hat ihm nichts gefehlt. Also war sein Körper wahrscheinlich mit einem niedrigen Vitamin-B12-Wert im Gleichgewicht. Die Bandbreite dessen, was als gesund erachtet werden kann, ist bei Vitamin B12 sehr groß. Vitamin B12 im unteren Bereich stellt also keinen Mangel dar. Nur Menschen, die sich ausschließlich vegan ernähren, sollten wegen eines Mangels an Vitamin B12 und auch Folsäure auf der Hut sein. Menschen, die sich für mitteleuropäische Verhältnisse normal ernähren wie Herr Andam, also ab und zu Fleisch oder Eier essen und Milch trinken, sollten generell nicht annehmen, sie hätten irgendeinen Mangel. Der Körper sucht sich aus normaler Mischkost alle notwendigen Vitamine und Spurenelemente von selbst zusammen.

Echte Mangelerscheinungen sind deshalb eher selten. Die Zufuhr von bestimmten Stoffen in höheren Dosierungen, die der Körper nicht verwertet, können hingegen auf Dauer zur Belastung werden. Denn es ist nicht so, dass der Körper immer einfach alles ausscheidet, was er nicht braucht. Bei manchen Stoffen legt er auch ein Depot an, und das Depot von Vitamin B12 liegt in der Leber.

Andam sieht mich skeptisch an. Er habe sich ja nun schon wirklich intensiv mit dem Thema befasst. Das höre er zum ersten Mal, dass Vitamine solche Nebenwirkungen haben können.

Ich gebe zu, das ist ein sehr ungewöhnlicher Fall. Da es aber laut seinen verschiedenen Befunden keine andere Erklärung für seine Leberwerte gibt, lässt er sich von mir überreden, zwei Monate auf die Vitaminpräparate zu verzichten und dann wieder ins Labor zu gehen.

Bereits einen Monat später erhalte ich einen Anruf. Andam hat es nicht erwarten können. Die Leberwerte sind tatsächlich besser geworden. Sie sind noch nicht ganz in Ordnung, aber ich habe ihm ja prophezeit, dass es eine Weile dauern kann, bis die Leber sich von der Überlastung erholt.

Einen weiteren Monat später kommt er in meiner Praxis vorbei. Einen großen Korb Obst und Gemüse aus seinem eigenen Garten überreicht er mir als Dankeschön. »Das Erschreckendste an der Geschichte«, meint er, »ist für mich, dass ich ohne die zufällige Vorsorgeuntersuchung gar nichts gemerkt hätte. Ich wäre einfach eines Tages mit Leberzirrhose aufgewacht. Kein schöner Tod. Und das nur wegen zu vieler Vitamine.«

Die Alternativmedizin neigt dazu, die Nebenwirkungen ihrer Mittel herunterzuspielen. Falls überhaupt über die Nebenwirkungen eines angepriesenen Produkts informiert wird, heißt es oft: Dieses Mittel hat keine bekannten Nebenwirkungen. Weil das Mittel ganz natürlich ist, glauben wir das auch gerne.

Der allgemeine Bio-Trend wirkt sich auch auf unsere Einstellung zu Medikamenten aus. Je natürlicher, desto besser. Bei Medikamenten, die von der Pharmaindustrie hergestellt werden, glaubt kaum jemand, sie hätten keine Nebenwirkungen. Sobald allerdings ein Mittel als natürlich angepriesen wird, mit rein pflanzlichen Wirkstoffen, glauben viele Menschen, dass sie dieses Produkt bedenkenlos kaufen und zu sich nehmen können. Denn »natürlich« kann doch nur bedeuten, dass es der menschliche Körper gut verträgt. Natürliche Produkte hätten also automatisch keinerlei Nebenwirkungen.

Diesen Glauben machen sich Scharlatane in der Alternativmedizin zunutze. Die Menschen wollen natürliche Wirkstoffe ohne Nebenwirkungen, also preisen die Scharlatane natürliche Wirkstoffe ohne Nebenwirkungen an und verkaufen oder empfehlen sie, um ihr eigenes Bio-Image zu stärken.

Doch auch etwas, das natürlich wächst, kann logischerweise für Menschen schädlich sein, sogar sehr. Die meisten erwachsenen Menschen wissen zum Beispiel, dass sie beim Pilzesammeln aufpassen müssen. Manche giftigen Pilze sehen den essbaren zum Verwechseln ähnlich.

Bei Pflanzen ist das Wissen um deren Gefährlichkeit zwar ebenfalls vorhanden, aber dieses Wissen ist nicht so präsent. Denn wir pflücken Herbstzeitlosen selten, um sie zu essen. Nur die Bärlauchsammler müssen aufpassen, dass sie keine Maiglöckchenblätter erwischen. Die berüchtigte Tollkirsche hingegen haben die wenigsten Menschen je in freier Natur gesehen.

Umso deutlicher sei hier gesagt: Auch die Einnahme von pflanzlichen oder sonstigen natürlichen Wirkstoffen wie zum Beispiel Vitaminen kann Ihnen schaden. »Natürlich« ist nicht gleichbedeutend mit »gut verträglich«.

Nun werden Sie vielleicht denken: Okay, so weit logisch, aber die Alternativmedizin empfiehlt doch bestimmt nur pflanzliche Wirkstoffe, die gut verträglich sind. Lassen Sie mich an dieser Stelle tief seufzen und Ihnen folgende Begebenheit schildern:

Ein Freund und Kollege von mir ist praktischer Arzt. In der Nähe seiner Praxis liegt ein Altersheim, das er mit betreut. Eines Tages hat das Altersheim eine neue leitende Krankenschwester bekommen. Die engagierte Frau hat ihren Job ernst genommen. Sie hatte bereits einige Kurse in Naturheilkunde besucht und sah sich die Abläufe im Heim genau an, denn sie wollte Ansätze für natürliche Gesundheitsvorsorge finden.

Als Erstes fiel ihr auf, dass Frühstück, Mittag- und Abendessen zu viel Fleisch beinhalten. Das führte sie zu der Ansicht, sämtliche Bewohner des Heims seien wegen der allzu fleischhaltigen Kost tendenziell übersäuert. Eine Umstellung der Ernährung auf mehr Gemüse war jedoch gegenüber den alten Heimbewohnern nicht leicht durchzusetzen. Also fand die Schwester eine andere Lösung für das Problem. Menschen mit zu viel Säure müssen ausleiten. Das wusste sie von ihren Naturheilkunde-Seminaren.

Eine der natürlichsten Arten der Ausleitung ist das Trinken von Brennnesseltee. Das war der Kompromiss. Die Heimbewohner sollten nebst etwas mehr Gemüse weiterhin ihr Fleisch essen, aber dafür auch ordentlich Brennnesseltee trinken.

Der für das Heim zuständige Arzt erfuhr nichts über die allgemeine Brennnesseltee-Trinkerei. Sechs Wochen später sah er sich mit einem rätselhaften Faktum konfrontiert. In dem Altersheim gab es neuerdings ungewöhnlich viele Herzinfarkte. Zum Glück kam er schnell dahinter, was die Ursache dafür war und konnte eine größere Katastrophe verhindern. Denn die neue leitende Krankenschwester hatte in ihren Naturheilkursen etwas nicht gelernt. Länger als zwei Wochen sollte Brennnesseltee zur Ausleitung nicht getrunken werden. Denn er schwemmt ab der vierten Woche auch Elektrolyte aus dem Körper. Kalium und Magnesium gehen in signifikanten Mengen verloren. Für viele ältere Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen kann das schnell tödlich enden.

Auch dieser Fall bestätigt die alte Weisheit des Paracelsus, dass die Dosis das Gift macht. Auch eine harmlos scheinende und seit Jahrhunderten bewährte Pflanze kann Schaden anrichten und gehört in Fachhände. Das gilt nicht nur für die exotischen ayurvedischen Pflanzen und die pflanzlichen Wirkstoffe der Traditionellen Chinesischen Medizin. Es gilt auch für die hierzulande altbewährten Hausmittel, die aus der Traditionellen Europäischen Medizin stammen.

Altbewährte Hausmittel wirken und sind gerade deshalb allesamt mit Vorsicht zu genießen. Sie passen mit Sicherheit nicht immer, nicht auf Dauer und nicht für jeden. Alles, was wirkt, kann auch Nebenwirkungen haben, die je nach Patienten zuweilen auch drastisch ausfallen können, wie der Brennnesseltee-Fall zeigt.

Behauptet ein Alternativmediziner, ein Medikament auf pflanzlicher Basis habe keinerlei Nebenwirkungen, lügt er entweder, oder er dosiert so niedrig, dass das Medikament auch keine Wirkung hat, oder er ist einfach ahnungslos.

Hier einige Beispiele für Nebenwirkungen, die in der Alternativmedizin gerne unterschlagen werden.

Ingwer. Ingwertee hat als scheinbar unbedenkliches Hausmittel zur Stärkung der Abwehrkräfte weite Verbreitung gefunden. Ingwer wirkt unter anderem entzündungshemmend und anregend auf die Magensaft- und Gallebildung. Frischer Ingwer ist, wenn er gelutscht wird, ein gutes Mittel gegen Brechreiz. Bei Menschen, die zu Hitze neigen, kann Ingwer allerdings die Magenschleimhaut entzünden und auf längere Sicht verätzen.

Eine Hitzeneigung hat, wer leicht ins Schwitzen kommt, leicht Sodbrennen bekommt und bei dem der Stuhlgang nach scharfem Essen brennt, weil er Chili und Pfeffer nicht ordentlich verdaut hat. Auch Ingwer ist scharf.

Auch bei einer Neigung zu Gastritis ist von Ingwertee dringend abzuraten.

Pfefferminze. Im Gegensatz dazu wirkt Pfefferminztee kühlend. Er kann helfen, eine Magenentzündung zu heilen. Wenn jemand allerdings zu Kraftlosigkeit neigt, ist Pfefferminztee nicht zu empfehlen, da er dem Körper Wärme entzieht.

Grüner Tee. Noch stärker kühlend wirkt der angeblich so gesunde grüne Tee. Grüner Tee in größeren Mengen kann hilfreich sein bei einer starken Entzündung oder Krebs. Manche Alternativmediziner empfehlen ihn literweise jedermann. Doch größere Mengen davon verträgt nur jemand, der viel Hitze im Körper hat. Alle anderen werden davon nervös und fahrig. Mit der Zeit bekommen sie Schlafstörungen, die sich in weiterer Folge auf den allgemeinen Gesundheitszustand negativ auswirken.

Bei der Wirkung von grünem Tee sind allerdings Unterschiede je nach Weltregion zu beobachten. In Japan und China trinken viel mehr Menschen grünen Tee in größeren Mengen, ohne dass die oben beschriebenen Beschwerden massenhaft auftreten. Über die Jahrhunderte haben sich die Menschen im Fernen Osten an den grünen Tee gewöhnt. In Europa ist das noch nicht der Fall.

Kamille. Nicht einmal Kamillentee ist harmlos. Er hilft gegen Magen-Darm-Infektionen, allerdings vertragen viele Menschen Kamille schlecht. Bei rund 10 Prozent aller Europäer führt Kamillentee sogar zu allergischen Reaktionen. Daher Vorsicht bei seinem Einsatz.

Melisse. Melissentee wird oft als Einschlafhilfe empfohlen. Wenn Sie bei Schlafproblemen ab und zu Melissentee trinken, schadet Ihnen das nicht. Aber hüten Sie sich davor, Melisse dauerhaft zum Beispiel zur Besänftigung eines nervösen Darms zu trinken. Denn auch die Melisse ist eine Pflanze, die bei starker Wirkung auch starke Nebenwirkungen entfalten kann. Manche Menschen reagieren allergisch und Schilddrüse-Patienten können zu stark reagieren. Pfarrer Kneipp hätte Ihnen nie nur Melisse gegeben. Er hätte die Melisse je nach Patient immer mit anderen Kräutern kombiniert, um negative Wirkungen zu verringern.

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