Kitabı oku: «Natur-Dialoge»

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Systemische Therapie und Beratung

In den Büchern der Reihe zur systemischen Therapie und Beratung präsentiert der Carl-Auer Verlag grundlegende Texte, die seit seiner Gründung einen zentralen Stellenwert im Verlag einnehmen. Im breiten Spektrum dieser Reihe finden sich Bücher über neuere Entwicklungen der systemischen Arbeit mit Einzelnen, Paaren, Familien und Kindern ebenso wie Klassiker der Familien- und Paartherapie aus dem In- und Ausland, umfassende Lehr- und Handbücher ebenso wie aktuelle Forschungsergebnisse. Mit den roten Bänden steht eine Bibliothek des systemischen Wissens der letzten Jahrzehnte zur Verfügung, die theoretische Reflexion mit praktischer Relevanz verbindet und als Basis für zukünftige nachhaltige Entwicklungen unverzichtbar ist. Nahezu alle bedeutenden Autoren aus dem Feld der systemischen Therapie und Beratung sind hier vertreten, nicht zu vergessen viele Pioniere der familientherapeutischen Bewegung. Neue Akzente werden von jungen und kreativen Autoren gesetzt. Wer systemische Therapie und Beratung in ihrer Vielfalt und ihren transdisziplinären und multiprofessionellen Zusammenhängen verstehen will, kommt um diese Reihe nicht herum.

Tom Levold

Herausgeber der Reihe Systemische Therapie und Beratung

Astrid Habiba Kreszmeier

Natur-Dialoge

Der sympoietische Ansatz in Therapie, Beratung und Pädagogik

2021


Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)

Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)

Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)

Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)

Dr. Barbara Heitger (Wien)

Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)

Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)

Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)

Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)

Dr. Roswita Königswieser (Wien)

Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)

Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)

Tom Levold (Köln)

Dr. Kurt Ludewig (Münster)

Dr. Burkhard Peter (München)

Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)

Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)

Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)

Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)

Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)

Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)

Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)

Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)

Jakob R. Schneider (München)

Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)

Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)

Dr. Therese Steiner (Embrach)

Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg)

Karsten Trebesch (Berlin)

Bernhard Trenkle (Rottweil)

Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)

Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)

Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)

Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)

Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)

Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)

Themenreihe »Systemische Therapie und Beratung«

hrsg. von Tom Levold

Reihengestaltung: Uwe Göbel

Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann

Umschlagfoto: © vectortwins – stock.adobe.com

Abbildungen: © Carolina Vidal

Fotos: © nature & healing gmbh

Redaktion: Dr. Eva Dempewolf

Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Erste Auflage, 2021

ISBN 978-3-8497-0391-2 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8340-2 (ePUB)

© 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

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Carl-Auer Verlag GmbH

Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg

Tel. +49 6221 6438-0 • Fax +49 6221 6438-22

info@carl-auer.de

Inhalt

Vorwege

Zehn erste Annäherungen an Natur

1In Zeiten fortschreitender Erddemenz

Wo sind wir gelandet?

Regnet es?

Wo bist du?

Was spricht dich an?

Was will sich erinnern?

Wie antwortest du?

Ist die Welt noch von Belang?

Bist du bei Sinnen?

Unentwegt mittendrin

2Praxis des Streunens

Zwischen häuslichem Schutz und wildem Raum

Ohne Ziel, jedoch nicht ohne Halt

Gesunde Verstörungen

Wechselseitige Begegnungen

Zirkularität erfahren

Chancen auf Rückkoppelung

Eigenlebendig, miteinander und spontan

Unglückliche Verwechslungen

Wege zur Mit-Sprache

Sympoietische Annäherungen

3Weiter weben

Grüne Grenzen

Moderne Trennungen

Unzulässige Verbindungen

Kulturelle Situationen

Zeichen der Zeit

Fachliche Netze

Rückblicke

Öko-Gewebe heute

4Der sympoietische Ansatz

Welten bilden sich wechselseitig

Leben heißt Mit-Werden

Reziproke Wahrnehmung gehört zur irdischen Grundausstattung

Lebendig zusammen mit einer lebendigen Welt

Menschen sind erdverbundene Wesen

Kooperative und fürsorgliche Gemeinschaften

In Sprache lebend, mit Symbolen Welten schaffend

Über Erinnerung mit größeren Gedächtnisräumen verbunden

Archaische Archive sind Erinnerungsräume der Zuversicht

Sympoietische Kommunikationskultur

Erdverbindung, Erinnerungspraxis und Resonanzkultur – die drei Lernfelder

Handeln formt die Welt – sechs Leitlinien

Partizipativ

Forschend

Wechselseitig

Topologisch

Leiblich

Phänomenal

Sympoietische Praxis nimmt viele Wege

Sympoietische Grundlagen im Überblick

5Zeit für Geschichten

Ernesto: What a life!

Frische Luft

Oh, mein Papa

My comfort is killing me softly

I landed already

What a life

Renata: Wild beatmet

Salto Mortale

Wellenritt

Waldschule

Zwischenschlichtungen

Gebirgsgänge

Bannbrüche

Neuland

Antonia: Entnebelungen

Einladungen ans Feuer

Flussaufwärts

Marc: Bis in die Fingerspitzen

Magic Mushrooms

Durstgeschichten

Fuck – what now?

Ein elementarer Krimi

Ganz in den Körper kommen

6Unterwegs

Nahe der Erde

In frischer Luft

Archaische Schlichtheit

Mimesis und Selbstvertrautheit

Feuer und Dialog

Dialog im sympoietischen Raum – Poly-Kultur

Unsere Nische – ein sicherer Raum

Horizonte und Landschaften

Unterwegs Zeichen lesen

In Erinnerung

In Sprache handeln

Beständiges Werden

Wohin reichen unsere Erinnerungshorizonte?

Gedächtnisräume – The Big Five

Die Entdeckung mythischer Resonanzen

Das mythische Archiv

Mytho-mimetische Praxis

Zwischen den Dingen

In den Gefügen des täglichen Lebens

Kommunikative, besondere und verzehrbare Dinge

Schöne Aktanten

Atmosphärische Kompetenz

Zufälle und Fügungen

Materielle Semiotik

Einander anvertraut

7Kollegiale Gespräche

Sozialpädagogik: »Der Platz hält mich aus, und die Bäume laufen nicht davon«

Psychotherapie: »Ich höre das Herz der Erde pochen«

Organisationsberatung: »Ganz logisch: topologisch, mythologisch, phänomenologisch«

Bildungsmanagement: »Zeitwende im Zeitraffer«

Visuelle Kommunikation und Gestaltung: »Wider Palimpseste aus Neon«

Im Nachgang

Ökologien der Aufmerksamkeit

Mein Dank gilt

Literatur

Über die Autorin

Vorwege

»Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde.«

Jean Paul

Zehn erste Annäherungen an Natur

Dieses Zitat von Jean Paul stand auf einem Lesezeichen, das mich und einige Bücher längere Zeit begleitete. Wohin es irgendwann verschwunden ist, das weiß ich nicht, aber während der Arbeit an diesem Text war es nah und hat mich dazu ermutigt, mehr zu beschreiben denn zu erklären, mehr zu umkreisen denn zu begraden, aber auch immer wieder zu betonen, was mein Standpunkt ist und mit welchen Fäden er verknüpft sein kann.

Einen gebührlichen Abstand zu den Lesenden zu wahren, war mir dennoch wichtig. Nicht zuletzt deshalb, weil es selbst bei guten Freund:innen ratsam ist, abzuklären, ob der Gebrauch und die Verständnisräume von zentralen Wörtern sinnvolle Überschneidungen schaffen und befruchtende Dialoge ermöglichen.

Ein solch zentrales Wort findet sich hier sogar im Titel, und ich gestehe, es ist ein kompliziertes Wort: die Natur. Selbst wenn es auf den folgenden Seiten selten vorkommt, so klingt es doch durch den gesamten Ansatz. Daher will ich vorweg ein wenig zusammentragen, was mit dem Begriff Natur alles gemeint sein kann.

Natur ist für viele alles, was nicht menschengemacht ist und sein eigenes Leben, seine eigene Rhythmik hat.

Andere sagen möglicherweise: »Ja, aber Moment, auch der Mensch ist Natur, folglich ist alles, was er tut und macht, auch natürlich.«

Andere gehen noch weiter und finden, dass diese Natur-Mensch-Einheit einem größeren geistigen Plan folgt, an dessen Spitze der Mensch eingesetzt ist.

»Weit gefehlt!«, denken die nächsten. Die Natur sei so etwas wie die natürliche Feindin des Menschen, gegen die er sich durch ihre Beherrschung zur Wehr setzen muss.

Für wieder andere hat sich das menschliche Gebaren von der Natur abgelöst und sie zum messbaren Ding und zur marktbaren Ware gemacht. Aus dieser Perspektive stehen die Menschen jetzt vor dem Problem, dieses komplexe Ding Natur so bei Laune zu halten, dass es weiter fortfährt mit seinem schönen atmosphärischen Gleichgewicht, auf das auch die Menschen angewiesen sind. Hier schließen sich alle Bestrebungen nach einer ökologischen Ökonomie oder einer ökonomischen Ökologie an.

Dann gibt es jedoch solche, für die ist Natur einfach heilig, vielleicht von vielen Gött:innen oder von einem Gott bewohnt. Sie finden, diese Heiligkeit muss geehrt, allenfalls geschützt oder gefeiert werden.

Unglaublich, aber wahr ist, dass es auch (noch) solche gibt, die das Wort Natur gar nicht kennen! Es gibt tatsächlich Völker, in deren Sprache Natur nicht vorkommt. Sie kennen Berge, Bäume, Flüsse, Pflanzen per Namen; sie wissen, wo sie sind, was sie tun, wer ihre Nachbarn sind und allenfalls sogar, wie man mit ihnen in Kontakt kommen kann oder umgeht. Aber Natur als Ganzes kennen sie nicht, wozu auch all das in einen Begriff packen? Sie wollen sich das alles ja nicht vom Leibe halten oder es gar vergessen, was bei Überbegriffen oder Großwörtern, wie ich sie nenne, oft geschieht.

Daneben gibt es auch jene Stimmen, für die Natur zu einem Unwort geworden ist. Politisch zutiefst unkorrekt, weil es in sich die Geschichte der naturalistischen, kolonialistischen Unterdrückung enthält und festhält, wie sie meinen.

Ich kenne auch solche, für die ist Natur einfach eine unter mehreren relevanten Um-Welten menschlicher Gesellschaften. Es ist jener Teil, der zu den Naturwissenschaften zählt und sich vom Geist der Geisteswissenschaften unterscheidet. Uff.

Und viele wissen von all dem nichts oder zumindest nicht so und finden Natur einfach schön. Sie freuen sich, wenn sie ins Grüne schauen oder sich draußen aufhalten können, darüber, wenn sie einem Schmetterling oder einer Blume begegnen, wilde Brombeeren vom Strauch essen oder Mangos – je nachdem, wo sie sich aufhalten.

Mhm.

Wir sehen: Natur ist ein komplexes Wort.

Ich würde mich wohl gerne zu den Zuletztgenannten zählen, aber so unschuldig kann ich mich nach vielen Jahren psychologischer Arbeit in und mit der Natur nicht präsentieren und schon gar nicht, wenn ich trotz aller Bedenken dieses Wort in den Titel nehme und in Umlauf bringe.

Bekanntlich können wir niemandem vorschreiben, wie er oder sie etwas versteht – glücklicherweise, möchte ich hinzufügen.

Was ich jedoch hoffe: dass mit dem, was auf den kommenden Seiten geschrieben ist, auch der Begriff Natur sich dreht und wendet, dass er sich verschiedentlich erhitzt und mit Sinn und Geschichten befüllt, dass er sich verwurzelt, verflüssigt, belüftet und dass er im Leben und in den Praxisfeldern aller, die ihn für wichtig halten, einen guten Platz einnehmen kann.

Astrid Habiba Kreszmeier

Altstätten, im Frühjahr 2021


1In Zeiten fortschreitender Erddemenz 1

»Es könnte immerhin sein, dass es für erdgebundene Wesen, die handeln als seien sie im Weltall beheimatet, auf immer unmöglich ist, die Dinge, die sie solcherweise tun, auch zu verstehen.«

Hannah Arendt, Vita Activa, S. 10

Wo sind wir gelandet?
Regnet es?

Nach vielen sonnigen Tagen regnet es.

Das mag ein etwas seltsamer Beginn für eine Art Fachbuch sein, dennoch ist er genau richtig. Weil es eben von großer Bedeutung ist, dass es regnet. Früher kamen mir eher abfällige Gedanken, wenn andere übers Wetter redeten. Sie sollten doch mit dem Small Talk aufhören und über etwas Wichtigeres sprechen. Über das, was sie wirklich beschäftigt, was ihnen wirklich wichtig ist. Und bestimmt habe ich mich auch über mich geärgert, wenn mir nichts Besseres eingefallen ist, als zu sagen: Regnet es bei euch auch? Sich über das, was uns umgibt, also unter anderem und ganz wesentlich das Wetter, auszutauschen, war nahezu ein intellektuelles Armutszeichen.

Das sehe ich heute nicht mehr so. Im Gegenteil, ich halte es für außerordentlich wichtig, dass wir wieder mehr wahrnehmen, ernst nehmen und mitteilen, was für Witterungen wir gerade erleben. Welche ganz sinnlich wahrnehmbaren Atmosphären, welche elementaren Qualitäten mit uns sind. Es scheint mir für unsere körperliche, psychische und soziale Gesundheit – oder anders, für unser gedeihliches Zusammenleben hier auf Erden – wesentlich, dass wir nicht nur über unsere smarte Wetter-App, sondern auch hautnah bemerken, dass es draußen heiß, nass, trocken, windig, nebelig, sonnig ist. Wetter ist wesentlich, nicht nur, aber auch für Menschen.

Wo bist du?

Nach vielen sonnigen Tagen regnet es. Ich sitze im Dachzimmer eines Hauses in den Südhängen des ostschweizerischen Rheintales. Der bräunlich-graue Wolkenhimmel und ziehende Nebel lassen mich zwar die Ebene sehen, die der Rhein dereinst mäandernd mitgestaltet hat, jedoch die prächtigen Bergketten auf der anderen Seite bleiben gerade verhüllt. Das macht gar nichts. Weil ich weiß, dass es sie gibt. So oft haben sie sich mir gezeigt (und ich mich ihnen), dass ihre Gegenwart in meinem räumlichen Empfinden lebendig ist. Sie halten den Raum und mich in ihm, so scheint es mir, so fühle ich es. Und ich bin ihnen so dankbar. Dankbar bin ich auch diesen Hügeln und Hängen, den Nasen und Kuppen, ganz besonders den sieben Birken, dem Holunder und der großen, alten Linde am Hang vor unserem Fenster. Ich will es jetzt zu Beginn nicht übertreiben mit meinen Liebesbekundungen an diese Landschaft, mit der ich lebe, das würde kein Ende nehmen. Ich würde dann ja auch von den menschlichen Nachbarn erzählen müssen, den Bauern und Bäuerinnen, den Handwerkern und Kassiererinnen, den Physiotherapeuten und Versicherungsmaklern. Aber auch damit wäre es nicht getan, ich müsste nämlich auch den Straßen, die hier im Hang angelegt sind, danken, und unserem Auto und dem Fahrrad und dem schicken Airbook und meinem schier unverwüstlichen Telefon und den vielen Dingen, die mit mir leben. Keine Sorge, soweit wird es nicht kommen, und dennoch ist mir wichtig hier einzubringen, dass ich mich als Schreibende an einem Ort befinde. An einem ganz wirklichen Ort, in einer geografischen, biologischen und freilich auch kulturellen Situation. Dieser Ort mitsamt seinen wilden Welten und menschengemachten Dingen spricht mit, schreibt mit. Nichts geschieht ohne den Ort, an dem wir gerade sind.

Alle folgenden Überlegungen und Geschichten möchten unter anderem daran erinnern, dass wir Menschen Teil einer Welt sind, die lebt und pulsiert. Dass es einen Unterschied macht, ob wir und unsere menschlichen Mit-Lebenden nicht nur wahrnehmen, dass es uns gibt, sondern auch wo es uns gibt. Vor allem auch wie wir mit diesem Wo in Beziehung sind und mit ihm kommunizieren. Der Regen trommelt kräftig auf die Dachfenster, schön.

Was spricht dich an?

Ich sitze im Dachzimmer eines Hauses in den Südhängen des ostschweizerischen Rheintales. Dort unten in der Ebene, wo heute Rietflächen, Wiesen und fruchtbares Ackerland, kleine städtische Siedlungen und Dörfer einander abwechseln und die der Rhein in begradigter Linie durchzieht, dort war vor langer Zeit ein Gletscher, dann ein großer See, dann ein mäandernder Fluss.

Funde in den Halbhöhlen an den Hängen deuten auf prähistorische Besiedelung hin und sollen gar bis zu 10.000 Jahre alt sein. Als geologische oder archäologische Information sagt mir das noch nicht viel. Allerdings geschieht es, dass mich aus der langen Zeitgeschichte des Raumes etwas anhaucht und zum Eintauchen einlädt. Es sind dann nicht Gefühle im eigentlichen Sinn, sondern eher Ahnungen, organismische Wahrnehmungen, ja körperliche Empfindungen, die mich an dieses Feuer in der Halbhöhle rufen. Gemeinsam mit den anderen sitze ich dann dort, den Älteren und Jüngeren, eingebettet in diese ungeheure Vielfalt der Wildnis rund um uns, ja vielleicht mit einem Blick auf den mäandernden Fluss, der uns so viel Nahrung beschert. Unsere Körper wissen sich zu bewegen, kräftig und sanft in diesen Felsen, Moosen, Wäldern, mit den Tieren und Pflanzen und unter uns. Hand in Hand bei der Jagd, am Feuer, bei den Gängen durchs Land, beim Sammeln und Graben. Hier werden Kinder geboren, hier sterben andere, manche jung, manche alt. Wir erzählen die Geschichten des Tages und wohl auch schon die Geschichten der Ahnen. Wir singen und tanzen.

Solche Bilder kann mir diese Landschaft zurufen. Andere Landschaften erzählen andere Geschichten. Alle laden ein, zu erinnern.

Was will sich erinnern?

Jetzt regnet es nicht mehr. Das Zirpen der Grillen, Vogelstimmen, blökende Schafe und der rauschende Grundton des Windes in den Bäumen des angrenzenden Waldes füllen mein Dachzimmer. Wie alle Töne füllen sie auch mich auf ihre eigentümliche Weise. Es klingt friedlich miteinander. Das ist es oft auch, aber gewiss haben diese Hügel und Hänge nicht nur Frieden erlebt. In unmittelbarer Nähe ziehen Kantonsgrenzen, aber auch Staatsgrenzen durch das Gebiet. Hier wurde gerungen, gekämpft und gehandelt. Die Geschichte dieses Grenzraumes kann sich jederzeit auffalten, über irgendein zufälliges Zeichen. Gerade höre ich einen Schuss. Jagd? Schießübungen? Noch einen. Vielleicht wegen der Wildschweine, die hier durch die Wälder ziehen.

Dort unten der Alpenrhein, dessen Mäandern vor gut 100 Jahren reguliert wurde. Er ist nicht nur Fluss, sondern auch fließende, politische Grenze zwischen der Schweiz und Österreich. Wie schnell jene offene, mehr verbindende als trennende Zone zu einer bedrohlichen, von Militär aktiv bewachten Mauer werden kann, haben die Corona-Maßnahmen im Frühjahr 2020 gezeigt. Bewegungen, die über Jahrzehnte selbstverständliche Gewohnheit waren, Freundschaften, soziales Leben, Familien, Liebesbeziehungen und alles, was nicht gerade notwendiger oder als solches angesehener Wirtschaftsverkehr war, wurden von einem Tag auf den anderen getrennt, unterbunden und verboten. An dieser Grenze war »Krieg«, der unsichtbare Feind allgegenwärtig und mit ihm die Erinnerungen und Geschichten der letzten Kriege. Ob in ihnen die Chancen der Befriedung genutzt werden können, oder ob der Schreck, die Angst und die Panik sich noch etwas tiefer eingraben werden?

Wie antwortest du?

All diese Ausflüge rund um meinen aktuellen Schreibort unternehme ich nicht aus erzählfreudiger Laune heraus, sondern weil alles zu systemisch-ökologischen Perspektiven gehört: genau genommen ja zum Leben an sich, zumindest zu einem situiert-leiblichen, sinnlich-wirklichen Leben. Das Wetter, die Geografie, die Landschaft, ihre Steine, Pflanzen und Tiere, die Luft und ihr Lied. Und natürlich die Menschen, ihre Geschichten und Kulturen und ihre Räume der Erinnerung.

Das alles gehört dazu.

Dieses Nachdenken und Erzählen lädt dazu ein, unseren irdischen Lebenskontext samt seinen biologischen und kulturellen Historien in unsere professionellen Begegnungen, Gespräche, Hypothesen, Reflexionen und Interaktionen aufzunehmen. Es geht darum, menschliche Angelegenheiten in ihrer systemischen Verortung als Erd-Mitbewohner:innen mitzudenken, mitzufühlen und in unsere Kommunikation einfließen zu lassen. Es geht darum, der fortschreitenden »Erddemenz«, die leider schon vor ein paar Jahrtausenden langsam ihren Anfang genommen hat und seit gut 200 Jahren exponentiell gestiegen ist, auch im Bereich von Bildung und Beratung ein paar Körper-Denkübungen oder auch Kopf-Herz-Hand-Wege entgegenzuhalten.

Bekanntlich wird nichts von einem objektiven Niemand im relativen Nirgendwo geschrieben, auch wenn viele ganz geschickt sind darin, so zu tun als ob, oder vermutlich tatsächlich an solch objektive Standpunkte und ihre Wahrhaftigkeit glauben. Ich schreibe also nicht nur in einem spezifischen Orts-Raum, sondern auch in einer spezifischen kulturellen Zeit, und ich bin als in Sprache lebendes weibliches menschliches Wesen mit all dem im wechselseitigen Austausch und in bedingender Verwobenheit.

Der kulturelle Moment, in dem dieser Text entstanden sein wird, ist geprägt von der oben kurz erwähnten Covid-19-Pandemie, deren Wellen, Nach- oder Nebenwellen hier im mitteleuropäischen Raum und in allen anderen Teilen der Welt gerade Wirklichkeiten gestalten. Corona »erschien« in einer Zeit, in der Klimaerwärmung, System-Change, from Ego to Eco, Kreislaufwirtschaftsmodelle aber auch konservative Nationalismen, Fremdenfeindlichkeit und potenziell totalitäre Populismen den gesellschaftlichen Diskurs prägten. Diese Gegenwärtigkeiten werden da und dort in den Fluss der Gedanken hineinschwappen. Auch wenn natur-dialogische Blickwinkel weder von der Pandemie noch von ihren Auswirkungen sonderlich überrascht sind, so gewinnen sie inmitten dessen doch an Dringlichkeit.

Ist die Welt noch von Belang?
Bist du bei Sinnen?

Bislang war ich der Meinung, dass es primär wichtig sei, die verschüttete Beziehung zu den uns umgebenden Naturräumen und den Dingen im Allgemeinen zu thematisieren. Nach den letzten Monaten der digitalen Aufrüstung in Bildung und Psychotherapie scheint jedoch neben der Erddemenz eine weitere Krankheit um sich zu greifen: nämlich eine gehörige Ent-Körperung unseres sozialen menschlichen Daseins. Wir gewöhnen uns gerade daran, dass wirklich körperliche Begegnungen nicht nur potenziell gefährlich, sondern auch mehrheitlich unnötig sind. Zumindest in den wohlhabenden Ländern, die körperliche Notwendigkeiten an billige ausländische Arbeitskräfte delegieren und darüber hinaus über so viel Raum verfügen, dass Distanzgeschäfte funktionieren.

So werden gerade Beratungs- und Therapie-Apps im großen Stil entwickelt. Viele Kollegen halten Online-Beratung für mindestens so wirkungsvoll wie Präsenz-Beratung, und selbst körperorientierte Verfahren wie die Aufstellungsarbeit scheinen mittels Splitscreen und Face-Tracing so gut zu funktionieren, dass nicht einmal Klienten und Stellvertreter im selben Raum sein müssen.2

Es bahnt sich an: In Zukunft wird es mehr und mehr digitale Beratungen geben. Der selbstbestimmte Kunde oder Klient wird frei wählen, was für ihn gut ist. Das ist auch angemessen. Er (oder sie) wird sich vermutlich für eine Therapie-App entscheiden, die er sich zunächst gratis downloaden kann. Ab einer gewissen Bedarfskomplexität kann er ja jederzeit auf Standard Pro, Premium light oder gar Goldmaster aufstocken. Von seiner individualisierten, automatisierten Therapie-App wird er in klug berechneter Taktung Nachrichten erhalten. Sie werden ihn glücklicher machen, auf andere Ideen bringen, und sie werden Möglichkeiten erweitern! Mit jeder Interaktion wird der Computer mehr lernen, und da er ohnedies »mitschaut«, wo sich der Klient den ganzen Tag virtuell und analog bewegt, können die Nachrichten immer gezielter, gewitzter und klüger werden. Und ich bin überzeugt, dass mit dieser Technik auch viel Schlimmes verhindert werden kann. Kein Witz.

Nun, andere werden sich für eine analoge Beratung entscheiden, weil ihnen eine wirklich gute Freundin das im wirklich guten Moment empfiehlt. Nehmen wir an, diesmal sei es eine Klientin: Sie wird sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf den Weg machen, vermutlich im Verkehr steckenbleiben. Sie wird schon vor dem eigentlichen Ereignis einiges riechen, schmecken und fühlen; es wird, je nachdem, von wo nach wo sie unterwegs ist, mehr oder weniger anstrengend sein. Ich erspare uns jegliche Details. Sie wird aber irgendwann den vereinbarten Treffpunkt erreichen, vermutlich ein Haus. Die Atmosphäre der Tür, die Gerüche im Gang, der Ton der Glocke, der Empfang und dann die Begegnung mit diesem Menschen, der ihre Therapeutin, ihr Berater ist. Ein Blick, ein kurzes Lächeln, eine kleine Unsicherheit, vielleicht sogar Scham oder aber Freude, spontane Geneigtheit, gewisse ritualisierte Handlungen, Händewaschen, ein Glas Wasser.

Selbst wenn alles schon bekannt ist: Dieser Moment der Begegnung wird immer etwas Aufregendes sein, weil er eine in Echtzeit stattfindende Erfahrung ist. Wir treten miteinander in einen gemeinsamen Handlungsraum, und bei allem Bemühen, eine solche Begegnung abzusichern, bleibt sie, was Leben derweilen noch ist: ein unvorhersehbares, unberechenbares Aufeinanderbezogensein, das jederzeit spontan Stimmungen, Gefühle, Ideen und Bewegungen hervorbringen kann. Dieser Unverfügbarkeit des lebendigen Raumes ist nicht gänzlich beizukommen. Wir bleiben ewige Schüler:innen in Sachen Vertrauen und Kompetenz, wenn es ums Lebendige geht. Jede leiblich-situierte Begegnung ist bei genauer Betrachtung ein Lernraum für den Umgang mit lebendigen Dingen.

Unentwegt mittendrin

So unfassbar es klingt: Der Umgang mit lebendigen Dingen, ja überhaupt die Erinnerung daran, dass Leben mit Lebendigkeit zu tun hat, macht konsequent allerlei Risikoberechnungen und Produktivitätssteigerungsmodellen Platz, deren Ergebnisse nur dann treffend sind, wenn spontane Erscheinungen durch Absicherung unwahrscheinlich gemacht werden.

Eine langjährige Freundin ist Großmutter geworden. Während der Schwangerschaft war sie irritiert darüber, dass ihre Tochter von einem digitalen Schwangerschaftsprogramm regelrecht unter Kontrolle gehalten wurde. Ihre »Mama-Werden«-App wurde zur Autorität und Orientierung Nummer eins. Auch wenn wir die »großmütterliche Übertreibung« abziehen und auch die mögliche Kränkung, als Mutter weniger Stimme zu haben als ein programmierter Ratgeber, so teile ich dennoch ihre Besorgnis: »Meine Tochter verliert ihr natürliches Gefühl zu sich selbst, das Vertrauen in ihre Wahrnehmungen und den Dialog mit dem Kind, den Menschen und der Welt rundum.«

Es ist ein Weltverlust, ein Verlust des vertieften, sinnlichen, leiblichen und direkten Handelns in einer mehrdimensionalen wirklichen Welt, den wir vorantreiben, der uns vorantreibt. Das wirkt unmittelbar in alle beruflichen Felder hinein.

Umso überraschender ist, dass die menschlichen Beziehungen zur Welt in Psychotherapie und Beratung kaum Aufmerksamkeit erhalten, während sie in der Soziologie, der politischen Philosophie und alternativen Bewegungen intensiv diskutiert werden. Selbst in systemischen Schulen, die für eine kontextbewusste Schau von Kommunikationsnetzwerken stehen, ist die Frage nach den Beziehungen mit der äußeren Welt – sei sie selbst-lebendig oder von Menschen gemacht – aktuell kaum im Bewusstsein. Die ökologische Verwobenheit hat mitunter dem rein mensch-orientierten oder ganz abstrakten Systemdenken Platz gemacht. Fast könnte man meinen, dem systemischen Netzwerk seien einige Welten-Fäden entglitten, die in seinem Entstehen noch durchaus prominent mitgedacht wurden.3

Hier mache ich mich daran, einige dieser ökologischen Fäden wieder aufzugreifen, ihre Textur in meinen weiblichen Händen zu fühlen, sie mit anderen Fäden aus älterer und jüngerer Zeit zu verknüpfen und neu ins Spiel zu bringen. Wie schön, dass ich dabei nicht alleine war und bin. Durch die kollegialen Gespräche, die Begegnungen mit Klienten und Klientinnen und die Gegenwart meiner menschlichen und anders-als-menschlichen Freunde und Freundinnen ist herzhaftes, lebendiges Miteinander entstanden. All das webt in wiederkehrenden Erzählsträngen mit.

So geht es um Beiträge zum Weltlichen, zur Erinnerung an das sagenhaft Selbstverständliche, nämlich daran, dass sich das Leben ganz leiblich auf der Erde abspielt. Auch wenn darin viel vom Lebendigen, ja mitunter vom Beseelten oder gar Wunderbaren die Rede sein wird: All diese Gedanken sind tief »gottlos«, ganz und gar an Immanenz orientiert. Das Erdlingsdasein ist ausreichend unberechenbar und einfallsreich. So voller Wunder und Kraft, dass es eine Freude ist und es sich lohnt, mit offenen Augen durch Land und Leben zu ziehen.


1 Mit dem Begriff der Erddemenz will ich jene »Welt- und Erd-Entfremdung« ansprechen, die seit der Entwicklung der Schriftkulturen und ihrer dokumentierten Geistesgeschichte die Mehrzahl der menschlichen Kulturen prägt. Mit diesem Phänomen setzen sich viele Menschen in Theorie und Praxis auseinander. Meine Gedanken stützen sich unter anderem auf die theoretischen Analysen von Hannah Arendt sowie auf die Auseinandersetzungen des französischen Soziologen Bruno Latour und auf die Gedankenwelt der Ökofeministin Donna Haraway.

2 Eine schweizerische Fachzeitschrift für Beratungspersonen, das BSO Journal, widmet ihre Ausgabe 2/2020 der boomenden Frage der Online-Beratungen und ist sich sicher: Die neue Zeit ist digital. Matthias Varga von Kibéd erklärt darin im Gespräch mit Sandra Küng »Wie systemische Strukturaufstellung online geht« und stellt fest: »Systemische Strukturaufstellungen lassen sich sogar dann online durchführen, wenn der Klient und die Repräsentanten alle an verschiedenen Orten sind.« Split-Screen und Facetracking sind hier seine technischen Helfer.

3 Hier beziehe ich mich vor allem auf drei bekannte Namen: Gregory Bateson, der als wesentlicher Wegbereiter des systemischen Denkens gilt, hat in seinen gesellschaftskritischen und erkenntnistheoretischen Überlegungen, die Natur, also die nicht-menschliche Welt, noch an Bord. Zwar ist auch er, wie viele Männer seiner und schon geraumer Zeit, auf der Suche nach dem »einenden Muster«, das die Verschränkung von Materie und Geist zu erklären vermag, und tendiert letztlich dazu, dem Geist den Vorrang zu geben, aber immerhin ist er in fürsorglicher Hinwendung zur Frage: Welches Muster wirkt zwischen dem Einzelnen? In Geist und Natur schreibt er auf Seite 22: »In Wahrheit ist die richtige Weise anzufangen, über das Muster, das verbindet, nachzudenken, es primär (was immer das bedeuten mag) als einen Tanz ineinandergreifender Teile aufzufassen, und erst sekundär als festgelegt durch verschiedenartige physikalische Grenzen …«

Ilya Prigogine, der als Physiker, Chemiker und Philosoph rund um seine Thesen der Selbstorganisation und dissipativer Strukturen die Systemtheorie stark inspirierte, hatte gemeinsam mit der Philosophin Isabelle Stengers unter dem Titel Im Dialog mit der Natur eine wissenschaftskritische und philosophiekritische Auseinandersetzung der »alten« Trennung von Natur und Kultur angeregt. Isabelle Stengers ist als Wissenschaftsphilosophin bis zum heutigen Tag in ihrem Werk daran, eine kritische Auseinandersetzung von Wissenschaft, Politik, Ökologie und Kosmologie zu wagen (vgl. Stengers 2008).

Humberto Maturana, der gemeinsam mit Franzisco Varela die Idee der Autopoiese als Muss in den systemischen Diskurs einbrachte, lehrte bis zu seinem Tod im Frühjahr 2021 noch gemeinsam mit Ximena Dávila im Institut Matriztica in Chile ihren Ansatz der »Cultural Biology«, »Biologia Cultural«. Seine unermüdliche Forschung rund um das, wie Leben und menschliches Leben beschrieben und gestaltet werden kann, wird im Laufe dieser Arbeit immer wieder einfließen.

2Praxis des Streunens

»Lebende Systeme sind wunderbar spontan.«

Humberto Maturana

»Nichts ist mit allem verbunden. Alles ist mit etwas verbunden.«

Donna Haraway, Unruhig bleiben, S. 48


Seit dreißig Jahren arbeite ich mit Menschen in beratender und psychotherapeutischer Praxis. Gemeinsam mit meinem Partner und Kollegen und Kolleginnen erfinden wir Ausbildungen, zetteln wir Netzwerke an, halten da und dort Vorträge und schreiben. Es grenzt an viele Wunder, dass das, was wir am Rande einer scheinbar völlig anders tickenden Lebensumwelt tun, nicht nur funktioniert, sondern uns ernährt und erfüllt und in all den Jahren nie langweilig geworden ist. Seit zwanzig Jahren ist der Rosenhof unser Seminarhaus und Praxisraum in einem ländlichen Gebiet, am Rande eines appenzellischen Dorfes. Der Westhang hinter dem Haus lässt zwar die Sonne früher untergehen, aber er schützt uns vor kalten Winden. So gedeihen hier allerlei prächtige Blumen, Sträucher, Kräuter und Bäume, ehe sich ein wildes Wald-Tobel hinunter zu einem kleinen, aber frei fließenden Fluss namens Sitter neigt. Scherzhaft sagen wir manchmal, unser Esalen4 liegt eben nicht an der Klippe zum Pazifik, sondern an einer Klippe zum Fluss.

Die Menschen, die uns aufsuchen, sind so vielfältig wie der Garten. Jünger, älter, männlich, weiblich, arm und reich und aus allerlei beruflichen und sozialen Umfeldern. Sie kommen aus den Nachbardörfern und aus den Städten, von nah und fern. Sie kommen mit Krankheiten, Anliegen, mit Interesse oder einfach aus Freude.

Und auch wenn sich unsere Arbeitsweisen verschiedentlich beschreiben lassen, so sind sie doch alle von einer markanten Qualität geprägt: von der Praxis des Streunens. Ja, es ist fast ein bisschen simpel und doch offensichtlich: Das Streunen wurde zum Herzstück unseres Wirkens. Es gibt kaum eine andere Art von Weltenbezug, dem wir so viel an Geschenken und Einsichten, Möglichkeiten und Dialogen verdanken. Man darf annehmen, dass es sich mittlerweile herumgesprochen hat: Bei uns kann man das Streunen lernen.

Zwischen häuslichem Schutz und wildem Raum 5


Streunen ist eine sehr eigenwillige Weise, in der Welt zu sein. Für gewöhnlich wird das Streunen Tieren zugesprochen. Katzen sind hierzulande vermutlich die bekanntesten »Streunerwesen«. Sie bewegen sich – sofern sie nicht absolute Wohnungs- oder Hauskatzen sind – sozusagen nach Lust und Laune nach draußen, sie streifen durch das Gebiet, ohne ersichtliches Ziel; halten inne, setzen sich, laufen weiter. Sie erkunden den Raum, nahezu belanglos, ohne von ihm etwas zu wollen, nur um sich in ihm zu bewegen. Eine Katze am Streungang ist nicht auf der Jagd, zumindest so lange nicht, bis ihr etwas ganz interessant Erscheinendes über den Weg läuft, das sie daran erinnert, dass sie auch eine Jägerin ist. Und selbst dann ist nicht sicher, ob unsere Katze das genüssliche Streunen zugunsten des erregenden Jagens aufgibt.

Ich verstehe nichts von Katzen, bin ihnen weder besonders zunoch abgeneigt, aber in Sachen Streunen können wir von ihnen lernen. Ihre Mischung aus häuslicher Anhänglichkeit und wildnisorientiertem Bewegungsverhalten ermöglicht, dass wir sie relativ häufig und gefahrenfrei wahrnehmen, ja sogar beobachten können. Ich vermute, dass auch Wildschweine, Feuersalamander, Rehe und Dachse, ja vielleicht sogar alle Vierbeiner streunen, und wahrscheinlich streunen auch Vögel. Milane zum Beispiel sind sehr elegante Luftstreuner. Der Unterschied liegt wohl nur darin, dass all diese »Wildtiere« entweder sagenhaft schnell verschwinden oder uns gar als Beute oder Feind ausmachen, wenn wir ihnen im Nahbereich begegnen. Dann ist es mit ihrem Streunen vorbei – und damit auch mit unserem Zuschauen.

Hier noch eine wichtige Unterscheidung, ehe wir weiterziehen: Eine Katze, die ihre Streunschlaufen zieht, ist nicht mit einer ständig streunenden Katze zu verwechseln. Eine ständig streunende Katze hat – weshalb auch immer – kein »Haus«, in das sie durch ein Katzenklapptürchen gelangt, wann immer es ihr beliebt. Die ständig streunende Katze beginnt einen Verwilderungsprozess, der durch die viele Jahrtausende währende Koexistenz von menschlicher und kätzlicher Spezies gar nicht so einfach ist und meist doch dadurch unterbrochen wird, dass die betroffene Katze sich eine neue Wohnung samt deren Bewohner:in sucht. Wer kennt nicht jemanden, der von einer zugelaufenen Katze regelrecht erobert wurde? Das funktioniert freilich nur bei einem ausgewogenen Verhältnis von Häusern und Katzen. Andernfalls kann es schon zu hauslosen Katzenhorden kommen, die mit Vorliebe Restaurant-Viertel überfallen. Übrigens oft zeitgleich mit den Touristenhorden, aber das ist ein anderes Thema.

Nun aber zurück zu jenem Streunen, das sich im speziellen Zusammenspiel aus häuslichem Schutzort und offenem Wildraum entwickeln kann. Es ist auch für uns Menschen möglich, zumindest für jene, die einen häuslichen Schutzort und einen offenen Wildraum einigermaßen in Reichweite haben. Leider ist das jedoch nicht selbstverständlich, und so ist auch die Kunst des Streunens – so wie viele Erbschaften aus frühen Zeiten der Menschgeschichte – vom Aussterben bedroht.

Streunen ist jene Bewegung im Raum, die keinem Ziel folgt und vor nichts flüchten muss. Die nichts wollen muss und ganz bestimmt nichts vermessen, erkennen, vergleichen. Sie muss nichts nehmen und nichts geben, auch wenn wir, solange wir atmen, gar nicht anders können als fortwährend zu nehmen und zu geben. Wir können beim Streunen den Raum und seine Dinge ganz einfach in ihrem Zusammenwirken belassen und müssen nichts (können aber, wenn es sich einstellt) aus ihm herauszoomen, herausextrahieren oder gar isolieren. Wir können das Zusammenleben sinnlich wahrnehmen, uns in und mit diesem Gewebe erkunden und ein wenig vom ständigen Werden überrascht werden. Das ist herrlich!

Ohne Ziel, jedoch nicht ohne Halt

Das Streunen erlaubt also jenen Modus, in der unsere Aufmerksamkeit, die ja immer auch eine leibliche Aufmerksamkeit ist, nicht von Werbesignalen raffiniert eingefangen, von Rechenmaschinen gelenkt oder von Marktinteressen bespielt wird. In ihm darf unsere Aufmerksamkeit einfach da sein, inmitten einer Umgebung, die auch einfach da sein darf. Wir bewegen uns in einer Aufmerksamkeitsallmende, einem Raum, in dem alle das Recht auf ihre Aufmerksamkeit haben.6

Wir müssen hier nichts voneinander wollen, nur atmend den Sinnen folgen, so wie wir eben biologisch ausgestattet sind. Nur atmend den Spuren folgen, die uns unsere Geschichten zuspielen, so wie wir Menschen das eben tun. Nur atmend uns im Raum bewegen und allein dadurch in ihm handeln, gemeinsam mit allen anderen Handelnden im Raum.

Beim Streunen lenken wir unsere Aufmerksamkeit dorthin, wohin wir sie lenken (wollen), und zugleich wird sie dorthin gelenkt, wohin sie gelenkt werden will. Hier sitzt weder ein innerer Chauffeur am Lenkrad, der weiß wohin es gehen muss, noch regelt ein Polizist unsere Bewegung. Außer wir behandeln uns selbst so, als gäbe es Chauffeur und Polizist, was leider kulturell bedingt oft der Fall ist.

Wenn das »reine Streunen« gelingt, dann folgen wir den sinnlichen Impulsen und richten uns nach ihnen aus. Hier greifen der uns umgebende Raum und wir als Individuen fortwährend ineinander, aufeinander bezugnehmend bilden wir uns miteinander aus. So sind wir zwar ohne vorbestimmtes Ziel auf dem Weg, jedoch nicht ohne Halt. Im Gegenteil: In diesem Aufmerksamkeitsdreh, der hier geschieht, fühlen sich Menschen in hohem Maß gesammelt, führend und geführt und zugleich gesehen und gemeint.


»Das ist doch wirklich verrückt«, erzählt Irina nach einer Zeit des Streunens und schüttelt noch immer den Kopf. »Ich war froh, ein bisschen Zeit für mich zu haben, und ich wollte an den Fluss, ganz im Dorthin-gehe-ich-dorthin-will-ich-Modus. Und nach ein paar Schritten bin ich ausgerutscht und sanft auf dem Hinterteil gelandet. Dort blieb ich, weil es einfach der beste Ort war zum Sein und ich ja auch nicht wirklich zum Fluss musste. Irgendwann hat mich ein Rascheln aufgeschreckt, dem bin ich gefolgt. Es war gar nichts Besonderes, einfach ein Folgen, das mich zu einem großen bemoosten Stein geführt hat. So, als würde er sagen: Sei willkommen! Kaum hatte ich mich auf ihm niedergelassen, sah ich erst, dass er so einen schönen Ausblick auf den Fluss bot, der dort unten silbern glitzerte. All das war so unmittelbar und so schön. Ich begann zu weinen, es begann mich zu weinen, der Fluss, der Stein, das Licht, meine Güte, ich wusste nicht mehr, wer wen anschaute, wer zu wem sprach – das war eine höchst lebendige Begegnung. Wenn das Streunen ist, dann habe ich jetzt eine Ahnung, wovon ich in Zukunft mehr machen werde!«

Gesunde Verstörungen

Irinas Erfahrung erzählt beispielhaft, was Streunen alles kann. Es kann uns, sofern wir uns auf einen Weg oder ein Vorhaben ausrichten, davon abbringen. Streunen ist einfach nicht im klassischen Sinn effizient, sondern eher eine Verstörung. Genauer gesagt, es macht die im Leben ständig stattfindenden Verstörungen sichtbar und erlaubt, ihnen zu folgen. Wäre Irina auf dem Weg zu einem Termin gewesen, hätte dieser »Ausrutscher« nicht zu einer innigen Begegnung mit der Welt geführt, hier in Form eines Steines, eines Blicks, eines Flusses und wer oder was sonst noch immer beteiligt war. Vermutlich hätte sie sich geärgert, wäre aufgestanden und hätte den Weg mit erhöhter Vorsicht weiter beschritten. So geschieht es leider meist: Unser geplantes Leben, das uns durch eine mehr oder minder kontrollierte Welt führt, kann sich »Ausrutscher« nicht leisten. Sie sind nicht vorgesehen. Weil sie trotzdem geschehen, müssen wir die Kontrolle erhöhen.


Das macht viel Druck und ist zudem eine einseitige und anstrengende Geschichte, weil alle dafür sorgen müssen, dass ihnen nichts Außerplanmäßiges geschieht bzw. dass sich die lebendige Interaktion, die allenfalls mit dem Raum stattfinden könnte, auf ein unbedingt nötiges Minimum reduziert. Der Raum wird kaltgestellt, seine Eigenlebendigkeit verneint bzw. in dafür vorgesehenen Zeitfenstern kultiviert. Am Feierabend, am Wochenende oder in den Ferien wäre es schön, würde die Welt wieder lebendig sein. Nur leider bleibt sie dann oft stumm, weil sie eben nur zu uns spricht, wenn sie will. Ihr Wollen, also ihre unberechenbare, nicht steuerbare und unkontrollierbare Bereitschaft, sich zu zeigen, ist unmittelbar an unsere Wahrnehmung, unser Handeln geknüpft. Das eine kann ohne das andere nicht sein. Wir Menschen bewegen uns gemeinsam mit allen anderen abgegrenzten Organismen in einer fortwährenden wechselseitigen, ja sogar zirkulären Bedingtheit in und mit dem Raum, der uns umgibt. Humberto Maturana und Ximena Dávila sprechen hier von einer »organism-niche-unity«, einer Organismus-Nische-Einheit:

»Wir sehen also: Wenn ein lebendes Wesen auftaucht, bildet sich eine ökologische Organismus-Nische-Einheit. Was also wann auch immer auf der Erde erscheint, ist kein einzelnes Lebewesen, nicht ein isolierter Organismus. Vielmehr entsteht zeitgleich mit dem Organismus die Umwelt, die ihn möglich macht. Sie erscheinen miteinander in einer dynamischen Organismus-Nischen Einheit. Die ökologische Nische ist nicht statisch. Sie wandelt sich.«7


Wechselseitige Begegnungen

Diese ständig stattfindende Wechselseitigkeit können wir mehr oder weniger bewusst wahrnehmen, reflektieren und im Umlauf halten.

In den »modernen« Denkkulturen und ihrer mittlerweile nahezu globalen Verbreitung sind jedoch der Fokus und die Erfahrung der Wechselseitigkeit einer zunehmend trennenden Einseitigkeit gewichen. Das heißt, wir sind daran gewöhnt, uns von einem belebten Innen heraus in einem objektiven Draußen zu bewegen. Wir sind daran gewöhnt, sowohl dem Innen als auch dem Außen als getrennte Einheiten Aufmerksamkeit zu schenken. Mit systemischen Perspektiven, welche selbst ja noch lange nicht in unsere soziale, politische, institutionelle oder ökonomische Wirklichkeiten Einzug gehalten haben, ist unsere Aufmerksamkeit zwar mehr auf die kommunikativen Dynamiken und Muster zwischen den einzelnen Einheiten gelenkt, aber für ko-kreative eigenlebendige Wechselseitigkeit, die Maturana u. Dávila als unsere biologische Verfasstheit annehmen, gibt es in der psychologischen, bildenden, pädagogischen Sprache und Praxis nach wie vor wenig Platz.

Wir sind nicht geübt darin, auf dieses Dazwischen zu schauen und ihm Ausdruck zu verleihen. Unmessbare, unkontrollierbare, unberechenbare, unsteuerbare Kräfte, die Beziehungen wechselseitiger Lebendigkeit ausmachen, werden in der breiten Öffentlichkeit wenig zur Sprache gebracht. Gut beobachtbar wurde das bei der Auseinandersetzung mit sowie der Information rund um Covid-19. Hier prägten Zahlen, Kurven, Tabellen die tägliche Berichterstattung. Das natürliche Zusammenspiel von Milieu und Viren kam darin marginal zu Wort.

Wer sich in Psychotherapie und Beratung dem Lebendigen zuwenden will, wird sich Erfahrungen, Denkweisen und vor allem Praktiken aus anderen gesellschaftlichen Bereichen zuwenden müssen. Als besonders anschlussfähig, vermutlich nicht zuletzt aufgrund ihrer Transzendenzorientierung, die auch unsere Denkkultur durchdringt, erweisen sich Anleihen aus östlichen Kulturräumen. Unterschiedliche Formen von Achtsamkeitspraxis, der allgemeine Yoga-Boom, das beachtliche Netzwerk der Theorie-U-Bewegung oder der Integralen Schulen erzählen davon. Ihnen allen liegt eine Verwurzelung in oder Verbindung mit buddhistischen oder hinduistischen Traditionen zugrunde.8

Zirkularität erfahren


Das Streunen, von dem ich hier gerade erzähle, ist jedenfalls kein Streunen im Geiste, sondern ein Streunen auf der Erde. Es ist kein Streunen im Licht, sondern ein Streunen an der frischen Luft. Es ist ein ganz und gar materielles, körperliches, konkretes Streunen. Nichts geringeres. Wenn Irina ausrutscht, könnte sie sich auch verletzen oder zumindest ihre Hose schmutzig machen. Und selbst wenn sie so sanft landet, garantiert nichts, dass ihr Streifzug zu irgendwelchen besonders nährenden, stärkenden, ermutigenden Begegnungen führt. Streunen verspricht keinerlei Ergebnisse, das macht es heutzutage schon sehr besonders. Wer kann es sich denn schon leisten, keine Ergebnisse zu erzielen?

Hartmut Rosa, der das Prinzip oder die Fähigkeit der Resonanz ins Zentrum seiner soziologischen Thesen stellt, erläutert ausführlich, dass Ergebnisoffenheit in unserer gegenwärtigen Weltbeziehung, die auf Verfügbarkeit und Reichweitenerweiterung ausgerichtet ist, keinen Platz haben kann. Zugleich betont er mehrfach, dass Ergebnisoffenheit zu jenen zentralen Kriterien gehört, welche eine resonante – also in meinen Worten eine wechselseitig eigenlebendige, eine schöne und gelingende – Weltenerfahrung ausmachen.9 Streunen ist also resonanzkompatibel.

Aber freilich, ich höre es schon, und es stimmt: Wir leben nicht vom Streunen allein. Nicht einmal unsere Katze. Nein, wir müssen auch jagen, sammeln, essen und schlafen. Wir müssen auch träumen, tanzen, singen, lieben und Geschichten austauschen. Wir müssen vielleicht sogar irgendwohin fahren, ganz bestimmt auch putzen und uns selbst und unsere Wäsche waschen. Wir müssen spielen, dann wieder Musik machen und Feste feiern. Wir müssen Rat halten, Entscheidungen treffen, vielleicht Freunden oder Angehörigen beistehen, sie vielleicht sogar begraben und verabschieden. Wir müssen Werkzeuge bauen oder töpfern oder nähen. Manchmal müssen wir auch krank sein oder im Haus etwas erneuern oder am Dorfplatz. Ach ja, wir müssen unbedingt zum Wasser: es trinken und der Welt, den Bäumen, den Tieren, den Blitzen und Winden begegnen, ihnen lauschen und sie schauen, wir müssen ihre Zeichen lesen oder eben auch Bücher, oder das Kunstvolle tun, das uns gegeben ist. All das und viel mehr, was wir wirklich zu tun haben, ist nicht streunen. Aber, und das ist unsere These: Wer immer wieder mal streunt, der lernt viel für all das andere.


Chancen auf Rückkoppelung

Die Magie des Streunens, das haben wir schon gesehen, kann uns von vorgespurten Wegen abbringen. Als eine Art potenzielle Pertubation oder Verstörung lässt sie uns Erfahrungen von Spontaneität im wechselseitigen Zusammenspiel mit unserer ökologischen Nische machen. Unerwartet folgen wir darin Bewegungs- oder Handlungsimpulsen in und mit einem Raum, der auf uns ebenso unerwartet und spontan einwirkt wie wir auf ihn. Um es etwas pathetischer zu formulieren: Wir oder Elemente oder Perspektiven von uns erscheinen dem Raum so wie Elemente oder Perspektiven des Raumes vor uns erscheinen. Sie erscheinen uns als Du, so wie wir als Du erscheinen. Es kann sein, dass diese Dus einander etwas zurufen und gar einander antworten. Es kann sein, dass diese spontan entstehende Bezogenheit diese Dus verwandelt und zum nächsten führt. Es kann aber auch einfach still sein. Es kann sein, dass wir einem plötzlichen Antrieb folgen, schnell zu laufen, Steine zu sammeln oder in den See zu springen. Es kann aber auch sein, dass wir uns niederlassen, alle Viere von uns strecken, oder langsam, ganz langsam von einem Baum zum nächsten gehen und unsere Hände an ihren Stämmen entlanggleiten lassen, und wir spüren die Struktur der Rinde und spüren die Rinde unsere Handflächen spüren. Streunen erlaubt einen Wechsel von Geschwindigkeit, von Bewegung und Ruhe im Raum. Der Aufmerksamkeitsmodus, der mit dem Streunen einhergeht, führt nie und nimmer zu einer in nur eine Richtung weisenden Linie, dazu ist er zu biologisch, zu wirklich, zu lebendig, anders gesprochen: Er ist schlicht und ergreifend zirkulär.

»In der Biologie gibt es keine monotonen Werte«, schreibt Bateson und führt weiter aus:

»Ein monotoner Wert ist ein solcher, der entweder nur zu- oder nur abnimmt … Begehrte Substanzen, Dinge, Muster oder Erfahrungssequenzen, die in gewissem Sinne gut für den Organismus sind – Nahrungsmittel, Lebensbedingungen, Temperatur, Unterhaltung, Sex und so fort –, sind niemals so beschaffen, dass mehr von der Sache stets besser ist als weniger davon. Vielmehr gibt es für alle Objekte und Erfahrungen eine Quantität, die einen optimalen Wert hat. Jenseits dieser Quantität wird die Variable toxisch. Unter diesen Wert zu fallen bedeutet Entbehrung« (Bateson 1987, S. 72).

Inspiriert von Batesons Perspektive wage ich zu behaupten, dass Streunen in einer kulturellen Umwelt, die mit linearem Denken und einem ebensolchen Handeln seit ein paar Jahrtausenden in toxischer Liaison zusammenlebt, nicht nur antitoxisch ist, sondern auch eine enorme Bildungschance für zirkuläres Denken, Empfinden und Handeln. Es enthält die Chance zur Rückkoppelung unserer biologischen und kulturellen Verfasstheiten. Wir können nicht wissen, was dabei herauskommt. Aber ich vermute, dass ein Mehr an zirkulären Erfahrungen mit unserer Nische zumindest Unterschiede im mehrheitlich linearen Selbst- und Weltempfinden generieren würde. Das Wagnis ist es allemal wert.

Jetzt aber wieder zurück zur Katze, unserer Mentorin. Das Streunen der Katze ist ja eben auch nicht monoton, sondern rhythmisch, zyklisch, zirkulär. Vom Haus aus betrachtet, kommt und geht sie, im Territorium selbst wird sie vermutlich als begnadete Streunerin immer wieder neue Wege und Bereiche erkunden. Auf diese Weise lernt die Katze den Raum kennen und der Raum die Katze. Selbst wenn unsere Katze keine große Abenteurerin ist und – angenommen – oft auf denselben Strecken streunt, wird sie doch jedes Mal einem anderen Raum begegnen, weil das Wetter, die Ameisen, die Büsche, die Gräser, die Autos, die Menschen, die anderen Katzen, die Vögel nie und nimmer zwei Mal in der genau selben Konstellation erscheinen. Hier ist alles einmalig gegenwärtig, unwiederholbar, ganz und gar nicht verallgemeinerbar. Man könnte sagen eine einmalige besondere Erfahrung, die eine spezielle Beziehungsqualität zwischen der Katze und ihrer Nische bildet. Streunen ist so gesehen für naturwissenschaftliche Erkenntnisse ziemlich ungeeignet, weil sich aus diesem speziellen Beziehungsgeflecht nichts isoliert untersuchen und schon gar nicht beliebig wiederholen und überprüfen lässt. Es ist daher auch höchst unwahrscheinlich, dass sich in nächster Zukunft Streunen als wirksame Methode per Krankenkasse abrechnen lassen wird, worüber ich – ehrlich gesagt – auch sehr froh bin.


Eigenlebendig, miteinander und spontan

Bleiben aber dennoch die vielen Erfahrungsgeschichten von Streunenden, die wir im Laufe der Jahre immer wieder hören können. So unterschiedlich sie auch sein mögen, es wiederholen sich folgende Wahrnehmungsstränge: Hier ist zum einen die sinnlich, leibliche Erfahrung von Eigenlebendigkeit. Wir atmen und werden geatmet, wir tun und werden getan, wir richten uns aus und werden ausgerichtet. Diese eigentümliche Doppelwahrnehmung von aktiv und passiv, von geben und nehmen, erleben viele Menschen als Erfahrung von Eingebundensein. Sie ist – so meine Annahme – die reflektierte Erfahrung unserer biologischen Verfasstheit, um in Maturanas Bildern zu sprechen: Wir erfahren uns in unserer Existenz als molekulare autopoietische Lebewesen. Fortwährend fließen uns Moleküle zu und andere ab, und unsere gegebene Struktur sorgt dafür, dass wir uns in all dieser Bewegung als Lebewesen am Leben erhalten. Nicht weil eine äußere Kraft, ein Geist, ein Gott uns lenkt, sondern weil das, was wir als Leben erkennen, so funktioniert, so in der Welt ist, in ihr so handelt. Streunend erleben wir uns eigenlebendig, erfahren unsere zirkuläre Verfasstheit als existenziellen Halt, und viele beschreiben diese Erfahrung als entlastend, berührend, nährend und bewegend.


Als eigenlebendige Lebewesen erschaffen wir Menschen uns gemeinsam mit unserer Mitwelt, unserer Nische, in einer zyklischen, selbst erneuernden und reflektierenden Art und Weise. Wir sind nicht, wie bislang noch unsere Maschinen, auf Wartung von außen angewiesen. Die strukturimmanente Kooperation und die Koexistenz mit der Umgebung erhalten uns so frisch und so lange am Leben, wie es eben geht. Wenn in dieser kooperativen Koexistenz etwas maßgeblich gestört wird, dann stellen sich Unfälle oder Krankheiten ein. Wenn es nicht gelingt, ein gutes Zusammenleben wiederherzustellen, löst sich diese Organismus-Nischen-Einheit früher oder später auf. Dasselbe gilt, wenn im Laufe unseres natürlichen Alterns unser Austausch mit dem Raum bis hin zum letzten Atemzug zurückgeht und wir sterben und mit uns unsere Nischen. Gut, derweilen leben wir noch, das freut mich sehr!

Diese eigenlebendige Grundausstattung ist in sich schon eine fantastische Angelegenheit. Dazu gesellen sich andere Großartigkeiten, ohne die das Leben und das Streunen gar nicht funktionieren würden: zum Beispiel die Spontaneität. Spontan, plötzlich, ungeplant, zufällig – das sind Wörter, die in den Berichten der Streunenden praktisch immer vorkommen. Viele berichten so, also wären sie in diversen Situationen von sich selbst überrascht worden, aber eben auch von der Umgebung, die ihnen ebenso spontan, plötzlich, ungeplant und zufällig entgegenkommt. Spontan heißt weder klug noch instinktiv, es garantiert auch keine angenehme Erfahrung. Dennoch trägt das Ausbleiben von spontaner Welt- und Selbsterfahrung ganz bestimmt zu einer traurigen, stereotypen, geschmacklosen oder aggressiven Stimmung bei. Vermutlich ahnen die Menschen, dass das Lebendige bis zu einem Grad unvorhersehbar ist, jederzeit spontan sein kann, ja spontan sein muss oder will. So, wie wir den Verlust des Spontanen betrauern oder uns gar darum betrogen fühlen können, so sehr inspiriert, ja animiert es Menschen, wenn sie der Spontaneität (wieder) begegnen: bei sich, in ihrer Nische und vor allem immer im fließenden Austausch von beidem.

Zur Erinnerung: Wir sprechen hier von einer Erfahrung spontaner Eigenlebendigkeit in Wildräumen, die ihrerseits auch voller Lebewesen mit spontaner Eigenlebendigkeit sind. Im Kapitel »Zwischen den Dingen« (S. 200 ff.) werde ich mich auch besonders der Welt der menschengemachten Dinge und ihren Möglichkeiten resonanter Kooperation zuwenden. Hier schenken wir zuerst dem Streunen in »natürlichen Räumen« Aufmerksamkeit. Zum einen, weil die Eigenlebendigkeit dieser Räume uns darin unterstützt, dieses Phänomen des Lebendigen zu erkennen. Aber noch aus einem weiteren triftigen Grund: Solange wir Luft atmen müssen, solange wir Wasser trinken müssen, solange unsere Nahrung aus tierischen oder irdisch-pflanzlichen Kreisläufen entsteht, solange wir als menschliche Gemeinschaften hier auf Erden leben und sterben, so lange müssen wir diese irdische, vor Eigenleben strotzende Mitwelt als die uns nächste und wesentlichste Nische ansehen. Daher scheint es zuallererst wichtig, das Streunen in Naturräumen wiederzuentdecken, als grundlegende Basis für alles Weitere.

Mit ihr erfahren wir die Spontaneität des Zusammenwirkens, die auf ungeheuer beständige Art an der Bewahrung dessen mitwirkt, was wir organisches Leben nennen. Hans-Peter Hufenus, mein Partner und beherzter Forscher von urgeschichtlichen Vorgängen, beschreibt den Beginn dieses seit ca. 3,8 Milliarden Jahren währenden Zusammenwirkens folgendermaßen:

»Die ersten Lebewesen auf unserem Planeten waren die Blaualgen, die noch nicht eigentliche Pflanzen waren, sondern Bakterien mit der Fähigkeit, mittels Photosynthese Sauerstoff aus dem Wasser freizusetzen. Damit wurde der Weg frei für eine der großen Kooperationen des Lebens auf der Erde, nämlich die zwischen jenen, die Sauerstoff einatmen, und jenen, die ihn abgeben« (Hufenus 2021, S. 21).

Diese und viele andere Formen von Kooperation haben bislang dafür gesorgt, dass dieser Lebensfaden in aller Spontaneität, aber auch der notwendigen wechselseitigen Fürsorge erhalten und weitergesponnen wurde. Hier sind wir, die wir heute leben, schon in ein dicht gewachsenes Lebensgewebe hineinverwickelt.

Unglückliche Verwechslungen


Wenn Irina hier stellvertretend für viele andere sagt: »Ich begann zu weinen, es begann mich zu weinen, der Fluss, der Stein, das Licht, meine Güte, ich wusste nicht mehr, wer wen anschaute, wer zu wem sprach – das war eine höchst lebendige Begegnung!«, dann geht es um eine sinnliche Erfahrung der Hineinverwickelung. Sie konnte für den Moment nicht mehr unterscheiden, wer zu wem sprach, aber ihre Erfahrung erzählt in keinem Wort von einer Erfahrung von Einheit, sondern von einer Begegnung, einer Bewegung mit einem bestimmten Gegenüber an einem bestimmten Ort. Das Ausrutschen, die Erde unter ihrem Hinterteil, das Innehalten, das Rascheln, dem sie folgte, der Stein, der sie lockte; all das sind Interaktionen jener eigenlebendigen Lebensgemeinschaft, die sich dort eingefunden hat. Hier kommen viele eigenständige Stimmen zusammen, nicht nur eine, die durch alles spricht. Hier begegnet sich vieles, das einander spontan gerufen, gesehen, aber sie ist deshalb weder mit allem verbunden noch geht sie in einer ozeanischen Erfahrung von Einheit oder Ganzheit auf. Sie erlebt verbundene, konkrete Vielfalt, die voreinander erscheint und miteinander lebt.

Streunen hat das Potenzial, die Magie des Lebendigen erfahrbar zu machen. Das kann eine sehr – ich verwende hier bewusst diese schöne, wenngleich missverständliche Vokabel – beseelende Erfahrung sein. Es eignet sich allerdings nicht dazu, eine Erfahrung des »Alles ist eins« anzuzetteln. Wenn alles eins wird, dann hört sich das Streunen auf. Dann ist hier nichts mehr, was gehört, gesehen, getan werden will, dann ist die Welt samt ihren Organismus-Nischen-Einheiten von dem »Eins«, dem All, vom großen Ganzen verschluckt. Dann sind wir nicht mehr Lebewesen in einer vielfältigen Welt. Wer soll sie dann noch gestalten?

Wir sind hier an einer delikaten und wichtigen Stelle in der Annäherung an den Natur-Dialog-Ansatz angekommen. Auch hier gilt: Es macht einen Unterschied, welche Unterscheidungen wir machen, welche Zusammenhänge wir beschreiben, welche Schlüsse wir ziehen und welches Handeln damit einhergeht.

Die Notwendigkeit eines Bewusstseinswandels, der die Menschen zu mehr Verbundenheitskompetenz führt, ist heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen und Schichten unbestritten. Die Bemühungen, hier Beiträge zu leisten, sind schon lange aus dem sogenannten esoterischen Sektor in wohlsituierte Netzwerke und in den öffentlichen Diskurs gekommen.

Die Ideen des Getrenntseins zum Beispiel von Menschen und Natur, von Innen und Außen, von Gestern und Heute haben ihr kreatives und gleichermaßen gewalttätiges Potenzial verschiedentlich unter Beweis gestellt. Es ahnen oder wissen heute viele, dass es Zeit wird für andere Herangehensweisen. Dabei scheint es für viele – seien sie in elitären Kreisen, im mittleren Kader, in Basisschichten oder Randkulturen tätig – auf der Hand zu liegen: Die Schlucht, die uns vom Lebendigen trennt, kann durch ein Erkennen einer All-Einheit überbrückt werden. Wir sind eine Menschheit, in einer Welt, in der alles mit allem verbunden ist. Wir suchen nach universellen Lösungen, in denen kohärente und nachhaltige Weltökonomie möglich ist. Andere suchen die Matrix, die uns Menschen zu neuer Vernunft kommen lässt und mit unserem Herzen in Einklang ist. Es scheint, als hätten sich viele Menschen kulturell darauf eingeschwungen, dass das Gegenteil von Getrenntsein ein Einssein ist.

Hier werden Verschiedenheit mit Getrenntheit sowie Verbundenheit mit Einheit gleichgesetzt. Diese Schlüsse erscheinen mir unglücklich. Sie bringen uns um die wundervolle und wichtige Erfahrung, mit einer konkreten, vielfältigen Welt verbunden zu handeln. Es ist eine alte systemische Erkenntnis, die mir hier in den Sinn kommt: Die Aufhebung von Unterschieden macht keine Verbindung – im Gegenteil. Das gilt auch für all jene, die sich nach tieferer Beziehung mit der »Natur« sehnen, für jene, die ihre Bezogenheit zu unserem Planeten ändern wollen, und eben auch für Menschen wie mich, die das Verhältnis von Mensch und Raum als ein wesentliches Element von Gesundheit und Bildung erachten.

In dem hier beschriebenen Ansatz, der Denkimpulse und Handlungsformen zur Rückkopplung an unsere irdische Gebundenheit ermöglichen will, ist nicht die Suche nach der einen Idee, der einen Ordnung, der einen Formel, dem einen Geschichtsstrang von Belang, sondern die konkrete Orientierung am vielfältigen Miteinander. Es setzt aus Überzeugung und Erfahrung im nur scheinbar bescheidenen Raum konkreter Handlungsbezüge an.

»Nichts ist mit allem verbunden; alles ist mit etwas verbunden«, sagt Donna Haraway (2018, S. 48), Biologin und Wissenschaftshistorikerin und unermüdlich querdenkend Lehrende. Die Betonung der All-Verbundenheit holistischer und ökologischer Philosophien sei wenig hilfreich, führt sie in den Anmerkungen (ibid. S. 237) weiter aus:

»Es ist eher so, dass alles mit etwas verbunden ist, das wiederum mit etwas verbunden ist. Es kann sein, dass wir am Ende alle miteinander verbunden sind, aber die Spezifik und das Maß der Nähe von Verbindungen sind von Gewicht – mit wem wir verbunden sind und auf welche Art und Weise. Leben und Tod finden innerhalb dieser Verhältnisse statt.«

Sie spricht mir hier aus dem Herzen. Wie viele junge und ältere Menschen sind mir schon begegnet, die mit einer tiefen Gewissheit der All-Verbundenheit ausgerüstet, dennoch isoliert und verloren auf ihr konkretes Leben blickten? Wie, ach nur wie, dieses große Ganze in einen banalen Alltag packen und dem Anspruch an Selbst-Entwicklung in All-Verbundenheit gerecht werden? Nicht selten haben sich danach Geschichten der Erleichterung im Beforschen der konkreten Lebensumwelt, der menschlichen und auch der anders-als-menschlichen Weggefährten entsponnen. Auf diese Weise wurde dann, Schritt für Schritt, wirkungsvolles Handeln im eigenen Leben möglich.

Wege zur Mit-Sprache


Seit gestern beschäftigt mich das Wort »Streunen«, das uns hier so wiederkehrend begleitet. Was wird etymologisch darüber erzählt, und haben Wörter mit euner, wie zum Beispiel Zigeuner, auch damit zu tun? Rund um letztere Frage bin ich nicht weitergekommen, konnte jedoch herausfinden, dass »streunen« auf das westgermanische Verb striunen zurückgeführt wird, das von »erwerben, gewinnen« erzählt. Dann kennt man aus dem Mittelhochdeutschen ein striunen, das von interessiertem, schnupperndem, neugierigem jedoch ziellosem Herumziehen spricht. Es gibt jedoch auch eine Strüne, die wiederum ein liederliches Frauenzimmer meint. Das ist ein weiterer, interessanter Bedeutungsfächer, der unserer Praxis des Streunens vielfältig zuspielt.

Ja, beim Streunen, jenem Tun, in dem unsere atmende Bewegung nicht zielgerichtet ist, aber dennoch voll Interesse und Neugierde für das, was auftaucht, bei diesem Tun lässt sich viel gewinnen, ja sogar erwerben. Zugleich gibt es bei vielen Menschen, wenn sie vom Streunen hören, ein sattes Zögern. Man hört es in ihnen förmlich fragen: »Ist streunen erlaubt?«, »Geziemt sich ein ziellos neugieriges Herumstreifen?«, »Bringt das etwas?« Oder auch etwas philosophischer: »Wie kann Neugierde ohne Zielgerichtetheit in Bewegung außerhalb des Kloster- oder Zengartens funktionieren?«

Die Einladung zum Streunen wirft allerhand Fragen auf, und manche von uns bringt es sogar in Schwierigkeiten; wer will schon ein liederliches Frauenzimmer sein? Unser Ich muss sich über geltende Ideen von Vernunft und Tüchtigkeit hinwegsetzen, will es sich streunend in Bewegung bringen. Das gelingt nicht immer und einfach grade so. Hier ist mit Rückfällen und Hindernissen zu rechnen, aber wer einmal den Geschmack des Streunens in der Nase hat – und das passiert bei entsprechender Rahmengestaltung doch häufig –, der trägt ihn als süße Erinnerung latent in sich. Welch hervorragender Dünger für ein gutes Leben und Zusammenleben.

Fassen wir kurz zusammen: Für das Streunen verlassen wir unseren häuslichen Bezugsraum und ziehen neugierig, atmend, aufmerksamkeitsoffen durch die Welt. Diese ist erstens idealerweise nicht voller Werbeplakate, überlässt also unsere Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit sich selbst. Da dies heute fast nur mehr in wilden Räumen der Fall ist, findet es am besten dort statt. Zweitens ist es auch hilfreich, das Smartphone im Flugmodus mitzutragen oder es, noch besser, zu Hause zu lassen, was allerdings die wenigsten aus Risikoerwägungen und Verantwortungsbewusstsein noch tun werden – also Flugmodus. Gerade kommt mir ein schrecklicher Gedanke: Was, wenn wir weiterhin corona- oder anders bedingt so wenig fliegen und allenfalls sogar mehr streunen? Dann wird es nicht lange dauern, und wir finden auf unseren Minicomputern, die ja auch schon riechen können, einen Streunmodus. Oh du meine Güte, dann müssen wir uns eine Alternative einfallen lassen!

Hier erleben wir gerade, was geschieht, wenn wir denkstreunend etwas zusammenfassen wollen. Das geht eigentlich nicht, weil streunende Aufmerksamkeit die Welt aufblättert oder auch auffaltet, eben erscheinen lässt. Wenn wir sie zusammenfassend einfalten wollen, müssen wir den Modus ändern. So beginne ich also noch einmal von vorne.


Fassen wir kurz zusammen: Für das Streunen verlassen wir unseren häuslichen Bezugsraum und ziehen neugierig, atmend, aufmerksamkeitsoffen durch die Welt. Dabei werden manche unserer üblichen Denk- und Handlungsmuster verstört. Es kann zu Erfahrungen wechselseitig lebendiger Begegnungen kommen, die sich unvorhersehbar spontan – nicht zu verwechseln mit irrelevant oder beliebig – in offener Aufmerksamkeit entwickeln. Es könnte sein, dass wir in dieser Bewegung begreifen, wie sehr wir als Erlebende mit Elementen oder Lebewesen unserer Mitwelt in einer kooperativen Verschränkung aktiv sind und dass dieses Miteinander auf alle einwirkt. Es kann sein, dass in diesem Modus des nicht zielgerichteten Seins manches in besonderer Weise in unsere Aufmerksamkeit rutscht, vor uns erscheint, so wie wir auch anderem erscheinen. Und es kann sein, dass dieses Auftauchen und Gesehensein, dieses Gegenwärtigsein-lassen und Gegenwärtig-sein, zusammen mit allem anderen, eine Atmosphäre kreiert oder eben da sein lässt, die wir als liebevoll, pulsierend verbunden, als Leben bewahrend und Lebendigkeit bildend beschreiben können. Und mit ein bisschen Glück können wir erahnen, was es heißt, miteinander Welt zu gestalten, und dass solches Zusammenleben nicht nur möglich ist, sondern auch stattfindet, wenn man nur dem Leben etwas Chance dazu gibt.10

Sympoietische Annäherungen

Etwas im Leben eine Chance zu geben, heißt für uns Menschen, dass wir diesem Etwas eine Stimme geben, dass wir es in Wortsprache bringen, dass wir darüber nachdenken, und vor allem auch, dass wir mit anderen darüber sprechen können. Katzen müssen das so nicht, zumindest wissen wir nicht viel darüber, ob und was eine Katze beim Streunen denkt und wie sie allenfalls ihre Erfahrung mit ihrer Mitwelt in Austausch bringt. Sie tut das ganz bestimmt in aller katzischen Handlungskraft. Wir können von Katzen in Sachen Streunen viel lernen. Wie sich im Raum bewegen, die Rhythmik von Stehen und Gehen, die Eigenwilligkeit ihrer Aufmerksamkeit, ihre konzentrierte Zuwendung zu dem, was ihr bedeutsam wird. Wir können versuchen so zu tun, als seien wir eine Katze, und unsere leibliche Empathie wird uns helfen, einen guten Einstieg ins Streunen zu finden. Aber im inneren sprachlichen Dialog und im Austausch mit anderen, da sind wir dann auf unsere typisch menschlichen Ressourcen zurückgeworfen.

Hier landen wir in dem, was wir Sprache nennen, samt Grammatik, Vokabular, Tiefenstrukturen, und in den kulturellen und biografischen Feldern, die durch sie erschaffen werden. Die Art und Weise, wie wir über das Streunen sprechen, greift ins Geschehen ein. »Die Sprache betont gewöhnlich nur eine Seite jeder Wechselwirkung«, meint Bateson (1982, S. 80 ff.). Sie suggeriere, dass ein einzelnes Ding irgendeine Eigenschaft haben kann. Das ist schlicht und ergreifend ungenau, weil nichts für sich alleine steht. Alles existiert nur in ständiger Beziehung und Wechselwirkung. Alles wird von eigenen Relationen und seinem Verhalten in Beziehung zu anderen Dingen und zum Sprecher »gemacht«. Für solch bewegte Sachverhalte eignet sich unsere Sprache nur wenig.

Wir, hier gemeint die indogermanischen Sprachgruppen, versprachlichen uns – zumindest seit ein paar tausend Jahren – ungenau. Unsere Sprache schafft Abgrenzungen, wo auch Beziehung waltet; sie hält fest, wo auch Bewegung ist, und schafft Hierarchien, wo auch Kreise und Wellen sein könnten. Wir suchen nach kausalen Schlüssen, wo etwas am Entstehen ist, und betonen das Individuum, wo es um Interaktion geht. Kurz: Unserer aktuellen Sprache fehlt es an Wortschatz und Struktur (glücklicherweise nicht an Poesie!), wenn es um lebendige Zusammenhänge geht. So gehen viele Facetten, viele Handlungen und ebenso viele Beteiligte des Geschehens im wahrsten Sinne des Wortes verloren und mit ihnen auch Stimmungen, Dissonanzen, Ideen, Möglichkeiten, Positionen. Am Ende verschwindet dieser fruchtbare Austausch mit anderen, der uns helfen könnte zu begreifen, was wir gerade erleben, was in unserer Nische geschieht und wozu es uns führt.

Für indogermanische Sprachen, die auf ihre Weise auf Abgrenzung und lineare Schlussfolgerungen spezialisiert sind, ist es schwierig, ein differenziertes Verhältnis zu kooperativen komplexen Vorgängen zu entwickeln.11 Es fällt uns schwer, in der Welt Kooperation zu sehen, Kooperation zu denken oder gar in diese Richtung zu forschen. Es fällt uns schwer, Fragen zu stellen, die uns dem beidseitig Ineinandergreifenden, Vielgestaltigen, Gleichzeitigen näherbringen.

Unsere Geschichte(n), Mythen und Wissenschaften sind entsprechend gefüllt mit Kämpfen, Kriegen, Helden und Märtyrern, vom Überlebenskampf in feindlicher Umgebung und Selektion der »Besten«. Wer den Blick auf kooperative Prozesse lenkt, wird belächelt, ignoriert oder gar behindert.

Als – um ein Beispiel zu nennen – Lynn Margulis (vgl. Margulis 2018), eine US-amerikanische Biologin (1939 – 2011), die sogenannte Endosymbiontentheorie aufgriff und vertieft beforschen wollte, wehte ihr lange kalter Wind entgegen. Die Idee, dass schon in frühen Stunden der Evolution symbiotische Prozesse zur Entwicklung von maßgeblichem Leben geführt haben könnten, schien den gängigen Auffassungen von Wirklichkeit absurd. Dass Symbiose und symbiotische Prozesse Leben bilden, widersprach der Idee einer linearen, auf Selektion und Adaption ausgerichteten Evolutionsschau. Auch wenn heute ihre Theorien weitestgehend bestätigt sind, bleiben sie und ihr Ansatz der Symbiogenese, der die Evolution kooperativ denkt, weitgehend unbekannt oder aber mit dem Geschmack von esoterischem Halbwissen belegt. Dass sie zu einer wesentlichen Vertreterin der mit James Lovelock entwickelten Gaia-Hypothese wurde, hat die Sache nicht einfacher gemacht. Da hat es auch nicht genützt, darauf zu verweisen, dass die Gaia-Hypothese keine alte Göttin ehrt, sondern die Erde als ein autopoietisches, lebendiges System beschreibt, in dem wir Menschen keine Passagiere sind, sondern aktive Mitwirkende. So ist das eben. Das kann man Darwin nicht vorwerfen. Er ist einfach der prominentere Kerl und wird es wohl auch noch einige Zeit bleiben.

Die Beschreibungen von Maturana und Varela rund um die biologischen und neurobiologischen Grundlagen waren revolutionär, aber ihr Fokus und ihre Wortwahl waren in den 1980er-Jahren auf die Autonomie und die operationale Geschlossenheit des Lebewesens bezogen. Ihnen war klar, dass eine autopoietische Einheit, ein sich selbst erhaltendes Lebewesen, nur in Kooperation mit »seinem« physischen Raum existiert, aber mit ihrer Begriffswahl lenkten sie die Aufmerksamkeit auf das abgegrenzte Lebewesen und nicht auf die Interaktionen mit der Umwelt.

Angenommen, Lynn Margulis hätte mit Humberto Maturana und Francisco Varela geforscht: Hätten sie vielleicht ihre Erkenntnisse unter dem Titel Sympoiese12 in die Welt hinausgetragen? Und wären sie dann auch so prominent geworden?

Wie auch immer: Auf der Suche nach der Sprache und den Narrativen, die uns helfen zu erzählen, was uns nicht nur beim Streunen passiert, sondern ganz generell beim Leben in und mit der Welt, kommen mir »Sympoiese« oder auch »sympoietisch« sehr entgegen. Sie lenken unseren Fokus auf das Beziehungsgeschehen, auf das Miteinander, auf das Mit-Machen, auf das Mit-Werden. Das können wir gut brauchen.


4 Das Esalen-Institut in Big Sur, Kalifornien ist ein seit den 1960er-Jahren aktives Bildungszentrum, das einen humanistisch-interdisziplinären Schwerpunkt und im Laufe der Jahre viele klingende Namen und Netzwerke beherbergt hat, ein gesellschaftskritischer Think Tank mit starken Einflüssen aus dem asiatischen Kulturraum. Michael Murphy, Henry Miller, Carl Rogers, Joan Baez und Fritz Perls haben hier gewirkt. Auch Gregory Bateson war an der Gründung mit beteiligt und hat seine letzten Lebensjahre dort verbracht. Siehe auch: www.esalen.org [29.06.2021].

5 Es müsste hier freilich Wildnisraum heißen. Ich spreche hier abwechselnd von wildem Raum oder Wildraum, weil eigentliche Wildnisräume, also Räume, die in einem ausgewogenen Maß menschlicher Beeinflussung ausgesetzt sind und eigenlebendig existieren, weder in stadtnahen noch in landwirtschaftlichen Gebieten vorhanden sind. Mit Wildräume meine ich also »Naturräume«, die zumindest weitestgehend werbefrei sind.

6 Matthew Crawford stellt in seiner Ethik der Aufmerksamkeit das Konzept der Aufmerksamkeitsallmende vor und will in ihr die eigene Aufmerksamkeit als allgemeines Gut sehen. »Es gibt nichts, was uns mehr gehört als unsere Aufmerksamkeit. Im Normalfall suchen wir uns aus, worauf wir Aufmerksamkeit richten wollen, und das bestimmt in einem sehr realen Sinn, was in unseren Augen wirklich ist – was tatsächlich in unserem Bewusstsein existiert. Daher ist die Inanspruchnahme unserer Aufmerksamkeit eine besonders persönliche Sache.« (Crawford 2016, S. 28)

7 Übersetzung der Autorin; Zitat aus The Origin of Life and the origin of Living, Beitrag von Humberto Maturana und Ximena Dávila in der 33bienal, Sao Paulo 2018 (Lehrunterlage der Weiterbildung »Fundaments of Cultural Biology«, Matriztica Institute).

8 Jene West-Ost-Verbindung, die seit den 1960er-Jahren und der 68er-Bewegung sowohl politisch also auch kulturell sehr präsent ist, könnte auch in einem wesentlich größeren Bogen gesehen sein. Jan Assmann nimmt in seinem Buch Achsenzeit den Diskurs von Karl Jaspers’ Idee der »Achsenzeit« auf und zeigt darin, dass dieses Modell, das von einer zeitgleichen Erscheinung großer prophetischer Männer und ihrer transzendenten Einheitslehren nur aufgrund der Ausblendung des bereits existierenden Kulturen des Südens möglich war bzw. ist. Er sieht hier die bis heute wirksame Tendenz, die Verbindung von West und Ost anstelle einer gesamthaften Schau in den Blick zu nehmen.

9 Hartmut Rosas Ausführungen zu Resonanz (2018) und Unverfügbarkeit (2020) helfen hier beim Weiterdenken: »Resonanz bedarf einer erreichbaren, nicht einer (grenzenlos) verfügbaren Welt. Die Verwechslung von Erreichbarkeit und Verfügbarkeit liegt an der Wurzel des Weltverstummens in der Moderne« (Rosa 2020, S. 67).

10 Vgl. Maturana u. Verden-Zöller (2005). Das kommt dem sehr nahe, was Maturana in seinen Überlegungen zur Biologie der Liebe zu erkennen meint: »Love is a manner of relational behaviour through which the other arises as a legitimate other (as an other that does not need to justify his or her existence in relation to us) in a relation of coexistence with oneself« (Maturana in einem unveröffentlichten Skript zu der Weiterbildung Fundaments of Cultural Biology).

11 Mit dem Schicksal indogermanischer Völker, das gemeinsam mit seiner Sprache als eine Geschichte von Kriegen und Gewalt erzählt wird, beschäftigen wir uns genauer im Kapitel »Wohin reichen unsere Erinnerungen« (S. 165 ff.).

12 In ihrem Buch Unruhig bleiben widmet Donna Haraway ein Kapitel der Sympoiesis. Dort stellt sie auf Seite 88 fest: »Solange Autopoiesis nicht selbstgenügsames selber machen/sich-selber-machen meint, sondern von der Gewichtung verschiedener Aspekte systemischer Komplexität handelt, besteht zwischen Autopoiesis und Sympoiesis ein produktives Reibungsverhältnis, oder auch: ein Verhältnis der generativen Umarmung, nicht eines der Opposition« (Haraway 2018, S. 88).

3Weiter weben

»Sobald ein feines Weberschiffchen Himmel, Industrie, Texte, Seelen und moralisches Gesetz miteinander verwebt, wird es unheimlich, unvorstellbar und unstatthaft.«

Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen, S. 10

Grüne Grenzen

Nun aber zurück in die Praxis – genauer in die psychotherapeutische Praxis. Zu einem Ort also, in dem sich dazu ausgebildete Menschen darum bemühen, anderen Menschen zu besserer Lebensqualität zu verhelfen. Was und wie hier genau vonstattengeht, -gehen soll und -gehen darf, das prägen die psychotherapeutischen Schulen, die sich in theoretischen und methodischen Zugängen unterscheiden und überschneiden, vor allem jedoch die kulturellen sowie sozial- oder gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. Diese ermöglichen und wachen mithilfe ihrer rechtlichen Strukturen, ihrer finanzsteuernden Institutionen und den fachlichen Diskursprozessen darüber, dass – salopp gesprochen – überall, wo Psychotherapie draufsteht, auch Psychotherapie drinnen ist (oder auch psychologische Beratung, Lebens- und Sozialberatung und anderes). Selbst wenn die Psychotherapie ein relativ junges berufliches Gewerbe ist, so ist sie, wie jedes andere moderne Berufsbild auch, ständig Anpassungen und Veränderungen ausgesetzt. Qualität und Sicherheit gegenüber den Klient:innen, gegenüber den institutionellen Partnern, gegenüber dem kollegialen Netzwerk sowie gegenüber dem relevanten öffentlichen Raum fordern und fördern Qualitätsstandardisierungen, Dokumentationsrichtlinien und Schutzkonzepte.13 Wer in diesem Feld eine professionelle und offizielle Anerkennung anstrebt oder repräsentiert, wird die Reinheitsgebote seiner Gilde und ihrer Umgebung mitgestalten und umsetzen. Er oder sie oder die Praxisgemeinschaft muss reflektierend anerkennen, was Psychotherapie (oder auch jede andere Profession) ist, was sie für wen und mit wem tut und was nicht. Wie und wie lange sie es tut, und letztlich auch, wo sie es tut. Das Ausverhandeln der professional-territorialen Grenzen schafft ein komplexes Zusammenspiel von Systemen und Strukturen. Es ist ein hochpolitisches Geschehen, das zwischen Ärzt:innen, Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen, Lebens- und Sozialberater:innen, Sozialarbeiter:innen, Seelsorger:innen, Priester:innen, Physiotherapeut:innen, Naturheilpraktiker:innen, zwischen Komplementärtherapien, Apotheken, Pharmabetrieben, Berufsverbänden, medizinischem Fachpersonal, Rettung und Notfallstellen, Rechtsbestimmungen, Schaman:innen, Gurus und Zen-Meister:innen, Krankenkassen und Hausmittelkundigen, Medien, Verlagen, Banken, Hauseigentümer:innen, Ombudsstellen, arbeitsmarktlichen Bestimmungen, freimarktlichen Dynamiken, freilich den Hilfesuchenden selbst und ganz vielen, die ich hier nicht aufgezählt habe, im Gange ist. Welch ein vielarmiges Geschehen, das ständig darum bemüht ist, saubere Grenzen und einen ebensolchen Grenzverkehr sicherzustellen! Dennoch – so scheint es – sind Schmuggler und Schlepper ständig am Werk. Von besonderer Bedeutung für uns scheint mir noch etwas: nämlich die vielen Kilometer der sogenannten grünen und blauen Grenzräume.

Dort bei diesen Wäldern, Auen, Bergen, Steppen, Wüsten, Flüssen oder Meeren findet fortwährend Austausch statt. Vögel, Füchse, Schnecken, Samen, Mikroben, Bären, Wölfe, Pilze, Pflanzen, Viren, radioaktive Strahlung, Wüstensand – alles überschreitet in unserer Biosphäre unermüdlich nationale Grenzen und gestaltet fortwährend in Bewegung topografische Rand- und Übergangsräume. Fruchtbar und furchtbar zugleich, je nach Betrachtung und Interesse. Naturgemäß sind auch Menschen und ihre Schicksale an diesen grünen Grenzen unterwegs. Dunkle und helle Momente des Menschlichen erzählen sich hier, damals wie heute: Menschenschmuggel, Flüchtlings- und Rettungsschifffahrt und Grenzhilfen der besonderen Art.14

Moderne Trennungen

Landesgrenzen werden bekanntlich an Grenzposten entlang von Luft-, Land- und Wasserstraßen gehütet. Sie sind genau genommen nicht mehr als wenige Punkte entlang ausgewählter Linien. Es handelt sich um Repräsentanten eines wesentlich umfassenderen Raumes, der ein Land ausmacht. Wir sind es gewöhnt, diese Verkehrspunkte, -knoten und -linien zu einer gesamten Fläche zusammenzudenken. Das hat vereinfachende Wirkung, ist jedoch – um in Batesons Jargon zu bleiben – ungenau. Diversität und Größe des irdischen, natürlichen Raumes kippen aus unserer Aufmerksamkeit, gehen im stereotypen Netz nationaler Grenzpunkte verloren. Sie rücken erst dann wieder ins Bewusstsein, wenn soziale, politische, ökonomische oder biologische Umstände die repräsentierenden Grenzübergänge in Frage stellen. Dann wird an andere Stellen ausgewichen und versucht, in das Gebiet »einzufallen«.

Dazu fällt mir eine berührende Geschichte ein: Viele Jahre lang sind wir von unseren Seminarreisen in Griechenland mit den Autofähren von Patras, Peloponnes, nach Venedig, Italien, gefahren. Es war noch zu einer Zeit, in der wir mit Kajaks, also mit einem Anhänger voller schlanker Boote unterwegs waren. Der Fährhafen von Patras war jedes Jahr von einem höheren, jedoch noch improvisierten Zaun eingefasst, an dem sich Flüchtlinge und Asylsuchende drängten, nach irgendwelchen Schlupflöchern Ausschau haltend, durch die sie sich im dichten Gemenge von LKWs und Autos einen Weg ins Innere dieser Schiffe bahnen konnten. Welch trauriges, ja unglaubliches und unwürdiges »Schauspiel« für alle Anwesenden. Wir also fuhren mit unserem Auto und seinem Anhänger, mit unseren Pässen und Tickets auf das Schiff, schaukelten sicher durch das Mittelmeer und fuhren – wie schon so oft – von Venedig hoch, über Südtirol, den Brennerpass und von dort Richtung Westen in die Schweiz. Als wir in Vorarlberg an einer Tankstelle Halt machten (ca. fünfeinhalb Stunden später), fiel mir sozusagen mein Herz in die Hose, als ich es deutlich aus einem der Boote klopfen hörte! Wir konnten und wollten gar nicht glauben, was jedoch immer wirklicher wurde: Wir hatten in einem unserer Kajaks einen blinden Passagier! Als schließlich dieser Jemand seine kleine Hand aus der Sitzluke streckte, war es für uns alle unübersehbar: Da war ein Mensch. Seit wann, wissen wir nicht, sicherlich jedoch seit Venedig, in einer Kajakluke untergebracht, mit uns über die Alpen gefahren! Wer schon mal in einem Kajak gesessen ist, kennt die Kleinheit des Raumes, und es ist klar, dass ihm, wer auch immer er war, von anderen geholfen wurde. Und jetzt stehen wir mit ihm in Vorarlberg. Was ist jetzt die gute Hilfe? Wir sprachen ihn an, berieten miteinander und entschieden, die Polizei zu kontaktieren. Was hätten wir tun sollen? Wenn es für ihn eine Chance gab, dann über den formellen Asylweg. Berührt bin ich heute noch, auf welch schöne und sichernde, kompetente Weise jene Polizistin und ihr Kollege diesen hageren Menschen aufgenommen haben, den wir in ihrer Anwesenheit wenige Minuten später aus dem Boot befreit haben. »Ihr kommt aus Patras, okay, alles klar, da ist viel los«, kommentierten sie mitfühlend. Wie seine Geschichte weiterging, das kann ich nicht sagen. Wir hoffen, die waghalsigen Abenteuer illegaler Grenzüberschreitung haben ihn an einen lebenswerten Ort geführt. Der Hafen von Patras wurde übrigens am Stadtrand neu gebaut und mit neuen soliden Mauern versehen. Das änderte an der Situation der Migrationsbewegung jedoch wenig.

Wer dieses Hin und Her auf allen (Un-)Wegen eindämmen will, muss auf Erden gewaltige Mauern, eiserne Vorhänge und Zäune bauen, muss zu Wasser und zu Land patrouillieren und überdies in der Luft kontrollieren und organisieren. Diese Projekte sind allesamt sehr aufwändig und fehleranfällig, werden als bedrohlich bis unwürdig erlebt und führen uns Tag für Tag vor Augen, dass saubere Trennungen von Ländern oder politischen Gebilden illusorisch sind. Diese Trennungsideen mögen noch viel menschliches Leid und weite Auslöschungen von kultureller und biologischer Diversität mit sich bringen, aber auch der beständige lebendige Austausch wird gesehen und ungesehen fortdauern und »Mauern fallen lassen«.

Ebenso wie Grenzübergänge nicht das ganze Land sind, umfassen die kulturellen Vereinbarungen, die heute unser Verständnis von psycho-sozialer Beratung prägen, noch lange nicht das ganze soziale Geschehen, das uns bewegt. Es sind lediglich Netzwerkpunkte, die wir zu einem vereinfachenden und vermeintlichen Ganzen zusammenfassen. Hier wie dort geraten dabei die grünen Grenzräume für gewöhnlich aus dem Blick, und auch hier wirken Trennungsideen bzw. Handlungsabkommen.

Unsere moderne Welt fordert zwei wesentliche Unterscheidungen: Sie besteht darauf, dass wir als Menschen von einer nichtmenschlichen Dingwelt getrennt sind. Sie gründet demnach in der Vorstellung, dass das Menschliche eine eigene Welt, ja oft sogar eine extraterrestrisch verstandene Welt bildet. Zusätzlich verweist sie darauf, dass das einzelne menschliche Individuum autonom und selbstbestimmt von den anderen Menschen verstanden werden muss. Diese Fokussierungen auf das unabhängige, frei kreative Menschliche, gepaart mit dem Glauben an das abgegrenzte, autonome Individuum an sich, bilden die Basis unserer Moderne und finden ihren Widerhall in allen gesellschaftlichen Bereichen.15

Nicht verwunderlich, dass sich auch die anerkannte Psychotherapie in diesen Sichtweisen entwickelt hat und ihr Knowhow diesen beiden Grundannahmen zur Verfügung stellt. Sie blickt auf das zwischen-menschliche Geschehen, als sei es vom natürlichen Raum losgelöst, und unterstützt das Individuum bei Einsicht und Selbstermächtigung.16

Politisch korrekte Psychotherapie hat sich darauf verständigt, Grenzverschiebungen entlang der gegebenen Straßen zu bewirken, und hält sich selbst und ihre Klienten mithilfe von Diagnose- und Abrechnungsschlüsseln nachweislich auf rechten Wegen. So können tiefenpsychologische Schulen dem Unbewussten Raum geben, müssen in der Reflexion jedoch im vorgegebenen patriarchalen Analyse-Schema bleiben. Humanistische Schulen erlauben zwar emotionale und körperorientierte Expression, jedoch nur mit dem Ziel, das Individuum mit sich selbst zu verbinden. Systemische Schulen denken in familiären und anderen systemischen Bezügen, lassen die »natürliche« oder auch »politische« Umwelt aber oft außen vor.

Unzulässige Verbindungen

Wenn dennoch das ständig-wilde Treiben der vergessenen Ränder, das in unseren Seelenräumen, Erinnerungen, Identitätsfragen und Weltbetrachtungen vielleicht spirituelle, politische, vielleicht ökologische Fragen aufwirbelt und in die gut desinfizierten Praxisräume eindringt, dann bleibt dem Professionellen nur die Empfehlung seiner Klienten in andere Welten. Die gibt es sowohl im klinischen, privat- oder alternativklinischen Bereich als auch im Feld des sogenannten freien Marktes. Allerdings ist auch hier große Vorsicht geboten. Nicht nur die juristische Sachlage, sondern auch die fachlich-kollegiale Grenz- und Tugendwacht sind einigermaßen scharf gestellt.

Auch hierzu fallen mir zwei kleine Geschichten ein. Die eine aus jüngerer, die andere aus fernerer Vergangenheit, und doch sind beide miteinander verwoben.

Die erste Begebenheit: Schon vor und besonders während des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 waren Online-Kongresse vermehrt im Umlauf. Mehrere Institute und Berufsverbände haben zu der Zeit in gemeinsamer Orchestrierung einen Gratis-Online-Kongress, eine Sammlung von 34 Vorträgen namhafter Psychotherapeut:innen inklusive des Dalai Lama (zwar meines Wissens kein Psychotherapeut, aber weise auf alle Fälle), empfohlen. Ein offenes Angebot, ein historisches Zeitdokument, ein breites Stimmenspektrum von prägenden Frauen und Männern. Als kurz nach Ankündigung dieses Online-Services der Vorstand eines großen österreichischen Berufsverbandes – offenbar aufgrund empörter Stimmen von Mitgliedern – sich offiziell dafür entschuldigen musste, dass er nicht explizit darauf hingewiesen hatte, dass manche der dort vorkommenden Redner:innen dem aktuellen, anerkannten Rahmen nicht entsprächen, da wurde mir mulmig zumute.

Womit dürfen wir uns als Professionelle beschäftigen, ohne in Verruf zu geraten? Muss ein Vorstand eines Berufsverbandes dafür sorgen, dass seine Mitglieder keine falsche Kost zu sich nehmen? Muss das Geschichtsfeld gesäubert werden? Wenn ja, wovon, von wem, und wer kann darüber befinden? Was darf man denken oder erfahren, ohne ermahnt zu werden? Was darf gleichzeitig und nebeneinander sein? Und auch: Was darf-kann miteinander gedacht sein, was darfkann miteinander gesehen, in Bezug und in Dialog gebracht werden?

Besonders jene letzten Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Sie haben mich in allerlei schöne, aber auch peinliche Situationen geführt und sind offenkundig auch die Leitfragen dieses Buches. Sie sind ergiebig und können in viele Kontexte hineingestellt werden. Besonders nützlich sind sie, wenn wir sie in Zwischenkontexte stellen oder – wozu sie eben neigen – durch sie Zwischenkontexte entstehen.

Das Denken in unzulässigen oder auch einfach nur ungewohnten oder vergessenen Zusammenhängen ist nicht risikolos, auch nicht moralisch erhaben, aber vielleicht dringend nötig, wenn es ums Lebendige geht. Trotz jahrelanger Selbsterfahrung und einigermaßen solider Selbstbildung weiß ich nicht, wieso mir dieses »Zusammensehen« von normalerweise getrennt betrachteten Sachverhalten immer wieder geschehen ist und anhaltend geschieht. Es muss sich um eine angeborene Anomalie handeln, der ich die Treue halte, auch wenn sie mir einige Zurecht- und Zurückweisungen eingebracht hat. Von einer dieser Zurechtweisungen will ich hier gerne als zweite Geschichte erzählen.

Vor ungefähr dreißig Jahren war ich als blutjunge, in Ausbildung befindliche Psychotherapie-Lernende durch eine Verkettung von Umständen Teilnehmerin eines Aufstellungsseminares unter der Leitung von Bert Hellinger17. Zu jener Zeit war diese Arbeit noch eher ein Geheimtipp, die Gruppen umfassten zwischen zwanzig und dreißig Menschen, gearbeitet wurde in einem Dachzimmer einer Pension irgendwo nördlich von Salzburg. Es war ungeheuer aufregend, inspirierend und irritierend zu erleben, in welcher süßlichen Strenge dieser damals schon ältere Herr den Menschen im Raum konzentrierte Aufmerksamkeit schenkte und welche Bilder und Geschichten sich daraus entspinnen konnten. Es war unglaublich beeindruckend und empörend zugleich, welche Atmosphären sich im Raum entwickelt haben: wo Tränen geflossen sind und wo sie verboten wurden. Wo Segen ausgesprochen und nahezu sichtbar wurde, und dann wieder süffisante Kälte jemanden gemeinsam mit seinen Anliegen in Ungnade fallen ließ. Als zuschauende, mitschauende Lernende blieb mir der Mund offen. Hier war ein Vater-Meister am Werk, der sich widerspruchsfreien Hoheitsraum schaffte und in ihm Verknüpfungen und Deutungen einführte, die wahrlich gewagt waren, oft aber scheinbar Sinn stifteten. Hier wurde jemandes Seitenblick zum absolut gewissen Hinweis auf ein verstorbenes Kind; eine Körperhaltung sprach unmissverständlich von unterbrochenen Beziehungslinien; ein Ton in der Stimme erzählte von einer gekränkten Tante, und manchmal musste jemand nur in gewisser Weise einatmen, um Bert Hellinger die Gewissheit zu geben, dass und was nicht in der Ordnung ist, die Ordnung schafft. Hier war eine priesterlich-geistig-primärtherapeutisch-tiefenpsychologisch-szenisch-körperlich-gestische-mystische Mischung am Werk, die sich die Freiheit nahm, Erfahrungen und Wahrnehmungen mit Konzepten und Hypothesen in neue und oft auch bewegende Zusammenhänge zu stellen. Verständlicherweise gebannt von diesem Geschehen, war ich in diesem Dachzimmer mit seinen kleinen Fenstern in all der Zeit doch auch verbunden mit dem Wetter draußen. Wechselhaft zogen Sonne, Regen, Wolken und Winde durchs Land und haben die Gruppe, die Aufstellungen, die Runden auf ihre Art und Weise beleuchtet oder beschattet. Nebst all den Gesten, Verbeugungen, Blicken und Sätzen war ich fasziniert vom Zuspiel der natürlichen Belichtung und sah phänomenologische Zusammenhänge. So hüllte die Sonne zwei Menschen für einen langen Moment in inniger Umarmung und zog sich zurück, als sie wieder auseinandergingen. So grollte ein Donner im Moment höchster Spannung, als der Verrat an einem Bruder im Raum stand. Es zog dicker Nebel auf, wenn von Geheimnissen die Rede war, die besser verdeckt bleiben sollten, und Blitze leiteten die Bewegungen ein, die in einer Familie Ausgleich bringen sollten. Mich interessierte, ob Bert Hellinger in seiner Begleitung solcherlei Phänomenen auch Beachtung schenkte. Ein immerhin gütiger, dennoch strenger und vor allem wissender Blick wurde mir daraufhin zuteil. »Nein, nein, junge Frau, solcherlei Verbindungen bilden unzulässige Zusammenhänge. Wenn einer so schaut, kann er schnell verrückt werden, das ist gefährlich«, erklärte er.18

Das klang einleuchtend. Wo kämen wir hin, wenn wir phänomenologische Zeichenräume nicht mehr nur auf menschliche Interaktionen beschränkt hielten? Also genauer, wo käme unsere Psychologie, unsere Psychotherapie da hin? Dass ein paar Landwirt:innen und Dachdecker:innen, Jäger:innen, Pilot:innen, Fischer:innen oder Schiliftbetreiber:innen hin und wieder ihre Nase raushalten oder eben ihre Maschinen befragen, die ihre Nase verlängern, weil sie trotz aller Moderne noch immer vom unmittelbaren irdischen Raum abhängig sind, das leuchtet ein. Hier wäre sogar fahrlässig, wenn sie es nicht täten!

Anders in den Feldern des »Geistes und der Psyche«. Hier scheint die Annahme des Vom-Raum-Gelöstseins Sicherheit zu garantieren. Die Idee des »reinen Denkens« ist seit längerem in stabiler Liaison mit der Idee des »objektiven Maßes«. Miteinander sind sie zu prägenden Einflussgrößen geworden sind. Das erscheint mir wiederum ziemlich gefährlich.

So oder so ist das Leben irgendwie gefährlich. Meine Mensch-Natur-Raum-verwebende Wahrnehmung hat sich jedenfalls nicht einschüchtern lassen. Dieser Gefahr von Verrück(t)ung bin ich fortwährend ausgesetzt und war und bin damit ja nicht alleine.

Kulturelle Situationen

Uns leitet hier also die Idee des wechselseitigen Miteinander alles Lebendigen, und uns interessieren Wahrnehmungsweisen und Erfahrungen, die dieser Reziprozität nahekommen. Das, was wir denken, tun, fühlen und erleben, ist niemals eine Einbahnstraße. Dieses Ich, mit dem wir uns in der Welt bewegen, ist kein abgeschlossenes Gehäuse, das mithilfe einer beleuchteten Linse von innen nach außen blickt und mit mehr oder weniger Geschick Eindrücke selektiv nach innen nimmt. Ein kleines bisschen mag das zutreffen, aber eben nur ein ganz kleines. Denn während wir mehr oder weniger bewusst das, was uns begegnet, in uns zu verstauen oder einzubauen versuchen, tun andere dasselbe und bringen allenfalls Teile von uns bei sich unter! Und, was die Komplexität noch um ein Vielfaches erhöht: Weil wir ja nur einen Bruchteil der eigentlichen Fülle unserer Sammlung wahrnehmen und verwalten können, sind wir mit einer von unsichtbaren Händen vollzogenen fortwährenden Umschichtung beschäftigt bzw. mit deren Folgen!

Erschwerend kommt ein mitunter latentes Misstrauen gegenüber allem Unbekannten hinzu. Wären wir vertrauensvoll ausgerichtet, so könnten wir davon ausgehen, dass jene unsichtbaren »Hände« im Sinne eines intuitiven Gesamtwissens19 wirken.

Dann könnten wir es uns in uns selbst bequem machen und unseren Impulsen folgen, darauf vertrauend, dass das Unbewusste wohlmeinend mitarbeitet und sich die Dinge fügen. So viel Gelassenheit ist leider für wenige Menschen möglich. Das Maß an getakteter Lebensführung zwingt viele, sich selbst zu optimieren. Glücklich sind darunter diejenigen, die sich dabei in einer soliden, geräumigen und selbstgestalteten Schachtel wähnen, die je nach Bedarf auf verschiedenen Messegeländen zur Ausstellung gebracht werden kann. Schließlich ist und bleibt der Mensch ein soziales Wesen! Weniger glücklich jene, die als Kurator:innen ihrer selbst20 nicht so erfolgreich sind und deren Selbstempfinden immer begrenzter wird. Hier ist eine Tendenz wahrnehmbar, die das Lebensgefühl des Einzelnen, aber auch das von Gemeinschaften isolationistisch verengt. Es herrscht tiefe Verunsicherung rund um Zugehörigkeit und Zugehörigkeitsrechte. Sei es im persönlichen biografischen Erleben, in familiären und sozialen Verbänden oder in nationalen Verfassungen und internationalen Abkommen – überall ist diese Verunsicherung anzutreffen:

Bin ich, sind wir zugehörig? Darf ich, dürfen wir hier sein? Darf ich, dürfen wir mitsprechen? Bin ich, sind wir eine Belastung? Habe ich, haben wir ein Recht auf Teilhabe? Solche Fragen stellen sich ganz normale Kinder, Mütter, Väter in ganz normalen Familien, auch hier in Mitteleuropa. Solche Fragen stellen sich in vielen Ländern der Erde viele Töchter, nur weil sie Töchter und keine Söhne sind.

Solche Fragen stellen sich in Mitteleuropa rumänische Pflegerinnen, portugiesische Strassenarbeiter oder brasilianische Sexarbeiter:innen – um hier ein paar klischeehafte und doch ziemlich reale Lebenslagen anzusprechen. Solche Fragen stellen sich arbeitslos gewordene oder frühpensionierte Facharbeiter, deren Fach es nicht mehr gibt. Diese Fragen stellen sich all diese und noch viele mehr in noch prekäreren Situationen.

Grundgefühle der Isolation und Ohnmacht, seien sie situativ berechtigt oder nicht, bei gleichzeitigem Anspruch auf autonome Selbstbestimmung, sei sie situativ möglich oder nicht, sind schwierig zu verwalten.

Das kann sich in vielen Diagnosebildern und Symptomen ausdrücken: Rückzug und Depression, Wahn und Zwang, Angst und Panik. Die Idee und das Erleben von Isolation ist ein zentraler Verstärker all dieser Dynamiken. Es ist ein schlimmes Nervengift, das das Zusammenleben mit uns selbst, mit anderen Menschen und der Welt verzerrt oder gar zerstört.21

Hat nicht jede soziale Heilkunst zu ihrer Zeit und unter ihren prägenden Annahmen anti-isolationistische Zugänge entwickelt?

Haben indigene Weltenempfindungen nicht Sprache und Methoden entwickelt, um ihre Verbindung zur Ahnenwelt und zu Naturräumen, Kräften, Geistern oder Gött:innen zu halten? Wurde nicht mit dem Erscheinen eines Gottes, der die Geschicke lenkt, die Verbindung mit dieser großen Kraft zur Orientierung des Heils? Ging es rechte Zeit später nicht um die Verbindung zur Vernunft und um Anschluss an Messgeräte, die Ordnung in die Dinge bringen sollten?

Haben nicht alle Strömungen nach der Erfindung von Psychologie und Psychotherapie verschiedene Wege beschritten, relevante Bereiche aus ihrer Singularität zu befreien und in einem sinnvollen Zusammenspiel zu sehen? Zum Beispiel die Bewegungen zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten. Oder den Gefühlen und dem Denken oder zwischen Körper und Bewusstsein, zwischen willkürlichen und unwillkürlichen Lebenserfahrungen. Andere arbeiten an der Verbindung des Ichs mit transpersonalen Kräften, wieder andere bemühen sich um die Verständigung zwischen verschiedenen Ich-Anteilen oder zwischen abgekapselten, selbstständig gewordenen Erinnerungen, ja überhaupt zwischen verschiedenen Selbst-Erzählungen oder Zuschreibungen und natürlich auch zwischen Mitgliedern einer Familie, ja sogar zwischen Verstorbenen und Lebenden.

Man könnte sagen, jede Schule ist in gewisser Weise Spezialistin in der Auflösung von als hinderlich betrachteten Isolationen und fördert die Verbindung von relevant gewordenen Unterscheidungen. Wie auch immer das geschieht, die Erweiterung von Potenziallandschaften durch gezielte Grenzöffnungen ist immer mit im Spiel und erzählt immer auch von der jeweiligen Kultur und den Prämissen der Zeit.

Der sympoietische Ansatz ist so gesehen spezialisiert auf die Anzettelung der Wiederverbindung von menschlichem Bewusstsein und Handlungsvermögen mit der irdischen Welt, dem Raum, den Natur-Kultur-Welten sowie den atmosphärischen Zwischenräumen, die zwischen all dem liegen.

Auch er ist aus der Stunde des kulturellen Moments geboren und geht Hand in Hand mit dem, was heute vielen nötig erscheint.

Zeichen der Zeit

Ich erlaube mir eine kleine, spontane Schau in die aktuellen Berichterstattungen.

22.09.2020, Schweizer Rundfunk (SRF)

Klimaaktivisten räumen Bundesplatz nur teilweise

Spontan und überraschend hat eine Gruppe von Klima-AktivistInnen den Bundesplatz in Bern besetzt und vom Parlament eine ernsthafte Bezugnahme auf Klimafragen gefordert. Das kollidiert nicht nur mit den Bestimmungen rund um Kundgebungen während der Parlamentssitzungen, sondern auch mit dem dienstäglichen Markttreiben.

In den Kommentaren empfehlen viele Menschen, diesen jungen Leuten erst einmal Demokratie beizubringen.

22.09.2020, Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)

Chinesischer Botschafter warnt vor erhobenem Zeigefinger

Der Botschafter beklagt Doppelmoral in Deutschland und vergleicht das umstrittene Hongkonger Sicherheitsgesetz mit dem deutschen Strafgesetzbuch. Jedes Land solle sich um seine eigenen Probleme kümmern, so Wu Ken.

Auf der geopolitischen Bühne sind Fragen rund um Führung und Organisation von nationalen und internationalen Tribünen an der Tagesordnung. Mehr oder weniger gelenkte, mehr oder weniger direkte Demokratieformen, Autokratien, Militärdiktaturen, Monarchien – alles findet sich im Spiel der Kräfte. Im vorpolitischen Raum wird Widerstand, Revolution oder auch Soziokratie geübt, Demokratie diskutiert und nach Formen der politischen Teilhabe gesucht.

22.09.2020, Der Standard, Österreichische Tageszeitung

Klimaschädliche Reisen: Verletzt der Staat die Schutzpflicht gegenüber Bürgern? Diese heikle Frage beschäftigt derzeit das Höchstgericht. Der Mindestflugticketpreis lässt auf sich warten.

Während sich also das österreichische Höchstgericht mit dieser Schutzpflichtfrage auseinandersetzen muss, die ja unmittelbar mit ökonomischen Fragen verbunden ist, baut die Lufthansa-Gruppe mehr als 22.000 Arbeitsstellen ab und mottet 150 große Flugzeuge ein.

21.09.2020, Berliner Zeitung

Wildschweinjagd im Wohngebiet: Jäger wehren sich gegen Kritik

In Teltow hatte die Jagd vergangene Woche für große Aufregung gesorgt.

In diesem Beitrag erläutern die beiden Jäger den Hergang eines Abschusses von Wildschweinen, der durch einen Schnappschuss der erlegten Tiere, welche sie offenbar kurz am Bürgersteig zwischenlagern mussten, empört durch die sozialen Medien ging. Im Kern geht es um die Frage, die alles Zusammenleben immer wieder stellt: Wer darf wo sein, wie und wie lange, und was oder wer wird oder hat dadurch mehr oder weniger?

Soweit zur spontanen Auswahl aktueller Berichterstattungen, in der die dominanten Themen vom Herbst 2020 bewusst ausgelassen sind: Corona-Maßnahmen, Trump, Flüchtlingskrise und Finanzmärkte, Belarus und internationales Säbelrasseln. Nach diesem Gemisch von unterdurchschnittlich brisanten Nachrichten können wir uns die Fragen stellen: Was sind die Zeichen der Zeit? Wovon erzählen uns diese Berichte? Womit sind heutzutage viele Menschen, Länder und ihre Kommunikationskanäle beschäftigt? Was fragen sich Menschen heute, sofern ihnen das Fragen überhaupt gestattet ist?

Es lassen sich zwei große Felder ausmachen:

Seit einiger Zeit beschäftigt viele Menschen, ob wir in der großen und wachsenden Menschenzahl, die wir sind, mit den global geltenden ökonomischen Paradigmen, die auf Extraktion nicht-menschlicher und Ausbeutung menschlicher Ressourcen angewiesen sind, für unsere irdische Nische und somit auch für unsere Spezies verträglich sind. Viele Menschen gelangen zum Schluss, dass das nicht der Fall ist, sondern dass wir unsere ökologische Zugehörigkeit aufs Spiel setzen, sofern wir nicht andere soziale und ökonomische Lebensmodelle entwickeln.

Ebenso sind viele Menschen dringlich besorgt um das, was wir gemeinhin unter demokratischen Strukturen und Werten verstehen. Diese Sorge richtet sich sowohl nach innen in die jeweiligen Nationen, aber auch auf das internationale Zusammenspiel. Fake News, gesteuerte Information, künstliche Intelligenz, Manipulation, Verschwörungstheorien u.v.m. nähren ein Klima des zwischenmenschlichen Misstrauens, das offene und nötige Dialoge erschwert.

Viele Menschen fragen sich also, auf welche Weise konstruktive Mitgestaltung ihrer Lebenswelt heute stattfinden kann.

Wenn diese Annahmen manche der entzündeten Nerven unserer Zeit treffen, dann hat Arbeit an Gesundheit mehr mit Lernen zu tun als mit Behandlung im klassischen Sinn. Es ruft nach Wegen der Verlebendigung, der Verständigung und Verantwortung.

Eine Rückverbindung zur lebendigen Welt, eine Entdeckung vertrauensvoller Dialoge mit sich und anderen, und freudvollen Mut, dort zu handeln, wo man sich aufhält. Das hat nichts mit Erlösung zu tun, auch nicht mit finaler Heilung, aber mit Beiträgen dazu, in erschütterten Welten und inmitten gewaltvoller Widersprüche nach Formen zu suchen, die gutes oder auch nur besseres Leben ermöglichen.22

Fachliche Netze
Rückblicke

Genau genommen gehören all diese Gedanken ja schon zum älteren Eisen. Sie werden seit einigen Jahrzehnten aus verschiedenen Strömungen der Ökologie-Bewegung thematisiert und fanden auch ihren Widerhall im psychologischen Feld.

Zwar war ich bereits in den 1990er-Jahren mit Menschen mit sozial-pädagogischen oder therapeutischen Zielsetzungen auf Meeren, in Wäldern, an Flüssen und Bergen unterwegs, dennoch sollte ich die Stimmen und Bücher der Ökopsychologie oder auch der Tiefenökologie erst vor Kurzem auf interessante Weise entdecken. Es war eine kleine Internetrecherche zu den Stichworten »Natur« und »Systemische Therapie«, die mich direkt zu einem Beitrag von Eva Madelung führte. Ich staunte nicht schlecht, jene bemerkenswerte ältere Kollegin, deren Vorträge und Arbeitsweisen ich auch aus dem Aufstellungskontext kannte und schätzte, in einem Beitrag von 1996 (!) über Systemisches Denken und Ökopsychologie zu finden.23 Sie leitet den Beitrag über ein Gedicht ein. Es heißt Bäume:

bäume

die winden sich

überregnet von unsichtbar

verpechte poren

verstopfte haut

frühzeitiges blattgelb

oder nadelrot

käferkahl

büschelweis dürr

flechtenerstickt

bäume

die biegen sich

splittern

in einem sturm

der wütet

von uns her

(EVA MADELUNG)

Der wütet von uns her … und sie erzählt von persönlicher Betroffenheit über die Veränderung in einem Stück Wald, dem sie nahe wohnt. Von dort aus macht sie eine kleine Reise durch die Psychotherapie-Geschichte, unterscheidet zwischen individuell-biografischen Sichtweisen analytischer und humanistischer Schulen und den systemisch-ökologischen Sichten. Sie zitiert Bateson und Systemische Kurztherapien bis hin zur System-Aufstellung und schließt diesen Abschnitt mit:

»Systemische Methoden sind nicht nur therapeutisch wirksam. Sie vermitteln darüber hinaus einen Erfahrungshintergrund, der in die Praxis des Alltags hineinwirkt. Allerdings bleibt auch in ihnen die oben angesprochene Wechselwirkung mit der außermenschlichen Natur weitgehend unbeachtet.«

Dann wendet sie sich dem Konzept der Ökopsychologie und dem gleichnamigen Buch (Roszak 1994) von Theodore Roszak zu. Sie thematisiert dessen Idee eines ökologischen Unbewussten und der ökologischen Interdependenz, die es in diesem Ansatz heilvoll zu reaktivieren gilt, und weist abschließend auf Workshops zu Systemischem Denken und Naturerfahrung hin. All das vor einem Vierteljahrhundert in Bayern! Und ich wusste nichts davon, schade! Immerhin habe ich den Beitrag im langlebigen Archiv des Internets gefunden und damit auch eine Brücke zur Ökopsychologie.

Während in englischen und selbst in spanischen und portugiesischen Sprachräumen Eco-Psychology durchaus zu einer Marke wurde und von dort auch bis zum heutigen Tag wertvolle Öko-Inspirationen zu uns fließen, konnte sich der Begriff im deutschsprachigen Umfeld kaum etablieren. Eher bekannt ist hier Tiefenökologie (deep ecology), die sich als spirituelle Öko-Philosophie allerdings auch nicht nur einen guten Namen gemacht hat. Mittlerweile habe ich mich mit dem ökopsychologischen Ansatz etwas genauer befasst. Auch wenn er im Grundgedanken der erweiterten Schau auf Menschen und Welt unseren sympoietischen Zugängen ähnlich ist, so sind die Atmosphäre, der Blick, die Erklärungen, die Richtungen und die Methoden doch gänzlich verschieden.

Roszaks Perspektiven stützen sich auf tiefenpsychologische Überzeugungen, wollen das Ich, das im Zentrum und einem kranken Planeten gegenübersteht, über die Erweckung des universell in allen angelegten »ökologischen Unbewussten« zu dessen Heilung befähigen. Sie sind von einem erlösenden Gottesbild oder zumindest von spirituellen Erlösungskonzepten getragen. Die Schuld und die Verschuldung (hier nun an der Umwelt) sind wesentliche Triebkräfte des Zugangs. Das sind bis zum heutigen Tag Grundthemen bei vielen Menschen, die sich für Umweltfragen einsetzen. In dieser Frage unterscheidet sich der ökopsychologische Zugang maßgeblich von dem Ansatz, den ich hier zu beschreiben suche. Schuld und Erlösungsbilder gehören nicht zu unseren Grundannahmen, wir orientieren uns eher an Versöhnung und dem Versuch, bessere (Beziehungs)Verhältnisse zu schaffen.

Doch es gibt auch gemeinsame Denkrichtungen, so zum Beispiel die Wertschätzung für Jäger-und-Sammler- sowie frühagrarische Kulturen, die explizite Kritik an patriarchalen Herrschaftsstrukturen und die Anerkennung von ökofeministischen Stimmen. All das spielt unserem Ansatz zu, auch wenn Roszaks Sprache, das ist wohl auch der Zeit und seinen Denkschulen geschuldet, oft selbst in einen der inhaltlichen Absicht widersprechenden imperial-paternalen Duktus verfällt. (Vor dem ist ja wohl niemand ganz gefeit, auch ich nicht.)

So bin ich Theodore Roszak für sein Werk und Engagement für das, was man Gegenkultur nannte, dankbar. Ebenso all jenen, die bis heute in diesem Bereich für Bildung und Gesundheit aktiv sind und Zugänge zu einer lebendigen Erde ins Zentrum ihres Wirkens stellen.24

Wenige Jahre nach dem Erscheinen von The Voice of the Earth, wie Roszaks Werk im Originaltitel heißt, brachte David Abram, ein damals junger Anthropologe und Philosoph, ein Buch auf den Markt, das die Ökologie-Bewegungen um eine Schlüsselerkenntnis und eine Reflexionstiefe erweitern sollte. Er verband in seinem The Spell of the Sensuous die Reziprozität im menschlichen Wahrnehmungsgeschehen mit der mehr-als-menschlichen Welt, der Landschaft. Seine Gedankenreise beginnt bei persönlichen außergewöhnlichen Geschichten, die ihm während seiner Asienzeit als Taschentrickkünstler geschahen, anschließend nimmt er uns mit auf einen philosophischen Parcours, der den Unterschied zwischen oral-indigenem Weltenempfinden und schriftkulturell geprägtem Denken deutlich machen will. Darin bringt er uns die Phänomenologie Husserls und vor allem auch Merleau-Pontys Entdeckung der Wechselseitigkeit alles Sinnlichen nahe. Schließlich führt er durch die Prozesse der Entortung, die unsere Sprache besonders mit der Verschriftlichung erfahren hat, und letztlich zurück in den Raum von Erinnerung und Poesie, der wieder anschließt an indigenes Weltenempfinden.

Erst 2012, 14 Jahre nach dem ersten Erscheinen, wurde Abrams Buch unter dem Titel Im Bann der sinnlichen Natur ins Deutsche übersetzt und gehört bis heute zur wesentlichen Inspiration für viele Menschen, die unter dem Geist der Wechselseitigkeit in und mit der Natur arbeiten oder das Feld der Öko-Philosophie bestellen. Abram hat eine Sprachtüre zur reziproken Begegnung von Mensch und Naturraum aufgetan, die uns auch hier noch mancherorts begleiten wird.

Öko-Gewebe heute

Mittlerweile scheinen die »Stimmen der Erde« oder andere ökologische Überlegungen vermehrt in das professionelle Feld von Psychotherapie und Beratung einzufließen. Dazu gehören das Erscheinen von zwei rund tausendseitigen Kompendien, die sich mit der Natur-Beziehung von und in Psychotherapien beschäftigen25, ebenso wie die öffentliche Aufmerksamkeit, die seit einiger Zeit dem »Waldbaden«, diversen Achtsamkeitstrainings in der Natur, der Green Meditation und anderen Naturtherapien zukommt. Seit der ersten Auflage der Systemischen Naturtherapie (Kreszmeier 2012) hat sich das damals noch kaum vorhandene kollegiale Feld um ein Vielfaches erweitert. Diversität ist, wie in allen lebendigen Systemen, auch hier ein gutes Zeichen.

Wer weiß, wohin das noch führt? Ja, wer weiß, wohin Psychotherapeut:innen von ihren Klient:innen geführt werden?

Von allen edlen Überlegungen abgesehen, sind es vor allem die Anliegen und Fragen der Menschen, die in die Praxen und Kliniken getragen werden. Welche guten Fragen können den zahlreichen und mehr werdenden Menschen gestellt werden, die aus ihrem persönlichen Empfinden heraus nicht mehr primär an Geschehnissen in ihrer Kindheit kranken, sondern an einer Form des massiven Leidens mit der Welt, das sich sowohl auf die Ausbeutung von menschlichen als auch von nicht-menschlichen Ressourcen bezieht? Was brauchen Menschen, die in keine Flugzeuge mehr steigen, zu Hause Tomaten pflanzen, sich vegan ernähren und oft keine Ahnung haben, wie und wo den Fuß auf die Erde zu setzen, ohne nicht in das Gefühl von Verschuldung zu geraten? Was be-sprechen wir mit jenen, die den traditionellen Familienbegriff bestenfalls verklären, ihn aber bestimmt nicht mehr ausfüllen wollen und schon lange mit kooperativen Lebensformen experimentieren? Und wie arbeiten wir mit den vielen, die mit Anfang Zwanzig schon die ersten Burn-out-Krisen durchmachen, weil ihre Wachheit und Wahrnehmung und ihr Engagement zu einem erhitzten Mix werden?

Werden sie mit einer Beratung, die sie entlang von reglementierten Straßen führt, gesehen und ihr Fragen beantwortet sein? Wird hier die moderne, von bürokratischen und fachlichen Regelungen zunehmend gelenkte Psychotherapie anschlussfähig bleiben?

Es ist zu vermuten, dass jenes Netz ökologisch orientierter Ansätze, das von vielen Himmelsrichtungen unseres Globus inspirierte Hybridformen ausbildet, gemeinsam mit den gegenwärtigen Notlagen der menschlichen sowie der anders-als-menschlichen Welt weiterwachsen wird. Hier auch nur einen annähernd vollständigen Überblick der Akteur:innen und Aktanten geben zu wollen, wäre vermessen. Dennoch kann es das Verständnis für die Vielfalt schärfen, wenn wir entlang von unterscheidenden Merkmalen zumindest einen Teil der aktuellen Bewegungen wahrnehmen. Mir kommen dabei verschiedene Perspektiven entgegen:

Die transzendenten und immanenten, die psychologischen und die politischen, die progressiven und die zirkulären Perspektiven. Diese klassisch dualen Muster erlauben denn auch verschiedenste Mischungen. Zunächst aber noch einmal jede für sich betrachtet:

Transzendente Perspektiven

Die Erde und das Leben werden in diesen Perspektiven als globales oder kosmisches Ganzes gesehen. Sie sind einer himmlischen Außenperspektive oder einer transzendenten Urkraft verbunden, einer Essenz oder Quelle oder auch verschiedenen Gottesbildern. Die Anbindung an diese Quelle erfolgt meist über Distanznahme, Stille, Kontemplation und Konzentration und will das Bewusstsein für das Ganze erweitern, neue Erkenntnisse emergieren. Die meisten ökologischen Bewegungen, die sich der reflektierenden Anschauung und Achtsamkeitswegen verbunden fühlen, folgen dieser Perspektive: buddhistische und hinduistische Wege, christliche Mystik gehören hier erwähnt.

Immanente Perspektiven

Diese Ansätze gehen von konkreten Orten und Situationen aus, sie handeln der Erde nahe und schauen zur Erde hin. Hier richtet sich die Aufmerksamkeit auf die vielen Geschöpfe, auf die konkret hier miteinander Lebenden, und so bildet sich auch das Begreifen und Erkennen aus. Das Anerkennen von Vielheit und Pluralität steht gemeinsam mit wahrnehmendem Miteinander-Handeln im Zentrum. Sie folgen einer Ontologie immanenter, sinnlicher Erfahrung und der Annahme, dass wir Menschen Erdverbundene inmitten von Erdverbundenen sind. Viele indigene Traditionen bzw. deren Intellektuelle, einige Anthropolog:innen, Soziolog:innen, Philosoph:innen beschreiben und bemühen sich um diese Weltenschau.26

Psychologische Perspektiven

Hier geht es meist um den Blick auf den einzelnen Menschen, der in der Beziehung zur himmlischen oder irdischen Welt gestärkt und neu aufgerichtet werden will. In diesen Perspektiven können wir Wege heroischer und post-heroischer Individuation unterscheiden: also solche, die von einer besonderen Berufung und Aufgabe Einzelner (Held:innen) ausgehen und ihn oder sie auf ihrem Weg begleiten. Und andere, welche die individuellen Lebenswege im egalitären Verbund sehen und deren Kollaboration und Kooperation betonen.

Visionssuche, Archetypische und Integrative Natur-Psychologie, Systemische Naturtherapie, Waldbaden gehören in dieses Feld. Mehrheitlich noch heroisch orientiert, aber tendenziell in postheroischer Transition.

Politische Perspektiven

Hier geht es um das Empowerment zur Mitgestaltung von irdischen oder himmlischen Lebensbedingungen. Um die Nutzung von vorhandenen Strukturen und Institutionen oder die Erschaffung von Neuem. Es geht häufig um Information, Schulung und Aktion, Bildung von Netzwerken, Gemeinschaften, Bewegungen.

Ökodorf-Aktive, Fridays for Future, Integrale Politik, die Neuen Grünen könnten hier genannt sein.

Progressive Perspektiven

Hier wird von einer Bewusstseinsentfaltung in einer an Komplexität, Weisheit und Möglichkeiten ansteigenden Ökologie ausgegangen, die sich linear oder zyklisch in Spiralbewegung entwickelt. Der Mensch wird darin meist als besonderer Treiber gesehen, dem die Aufgabe zukommt, den Prozess nach bestem Wissen und Gewissen zu gestalten. Die Stakeholder-Kapitalismus-Perspektiven im WEF, Transhumanistische Strömungen, Künstliche Intelligenz und Emigrationspläne auf Mars und Mond gehören zu den aktuell wesentlichen Ausprägungen dieser Richtung.

Zirkuläre Perspektiven

Hier wird der Idee des unendlichen Wachstums und Fortschritts eine Absage erteilt und auf die zyklischen, zirkulären Formen natürlicher Prozesse verwiesen. Aus dieser Perspektive treiben die Menschen – sofern sie sich weiterhin progressiv verhalten – auf einen Abgrund zu, weil sie atmosphärisches Gleichgewicht durch massive Extraktion von Ressourcen verstören und so ihre Lebensgrundlagen zerstören. Das könnte man die zirkulär-pessimistische Position nennen. Daneben gibt es auch solche, die daran glauben, dass es möglich ist, zu zirkulären, also humusbildenden und die Atmosphäre nährenden Lebensformen zurückzukehren. Ich nenne sie die zirkulär-zuversichtlichen. Agrar-ökologische Strömungen, Regionalisierungen, Gemeinwohlökonomische Konzepte gehören in dieses Feld.

Die Verortung des sympoietischen Ansatzes erschließt sich aus den folgenden Merkmalen: irdisch, post-heroisch psychologisch, zirkulär-zuversichtlich.


13 Ich kenne eine Reihe von Kolleg:innen in der Schweiz und in Österreich, die seit Jahrzehnten in Praxis und Lehre tätig sind und in den letzten acht Jahren von einem juristisch-bürokratischen Marathon zum nächsten hecheln: von Zertifizierungsverfahren über Datenschutzverordnungen zu Covid-19-Schutzkonzepten und wer weiß, was noch kommen mag. Wie gut, sind sie mittlerweile mit ihren Jurist:innen befreundet!

14 Hierzu passt auch die Geschichte eines Polizeikommandanten, der hier an der Rheintaler Grenze vielen Juden durch einen »falschen« Stempel zur Einreise in die Schweiz verholfen hat. Die Lebensgeschichte von Paul Grüninger wurde in mehreren Filmprojekten dokumentiert, eine davon trägt den Titel: Grenzenlose Flussfreiheit – Tiefgang am Alten Rhein, 2012, eine Produktion des ORF. Hier verweben sich Name, Handlung und Landschaft.

15 In diesen Gedanken bin ich von Bruno Latours Essay Wir sind nie modern gewesen (2019b) gestützt.

16 In ihrem Beitrag »Stereotype und Perturbationen«, erschienen in den Systemischen Notizen 2/2018, denken die Kollegen Martin Luger und Stefan Graf auf inspirierende Weise über das »Projekt der Moderne« und die mögliche Aufgabe eine systemisch-ökologischen Psychotherapie nach: »Psychotherapie kann insofern als Teilprojekt der Moderne gesehen werden, weil darin Friktionen und Problemstellungen von gesellschaftlichen Zusammenhängen entkoppelt und auf Individuen ›projiziert‹ werden können« (Luger u. Graf 2018, S. 14 ff.).

17 Als ehemaliger Priester, dann Psychoanalytiker, hat Bert Hellinger über seine Form der Familienaufstellung, besonders das Prinzip Zugehörigkeit und das Denken in transgenerationalen Verstrickungen ins Feld gebracht. Sein autoritärer, mystifizierender Zugang hat ihn aus dem Raum systemischer Psychotherapie distanziert. Eine unaufgeregte Darstellung rund um Hellingers Wirken findet sich in Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Bert_Hellinger [29.06.2021].

18 Gunthard Weber, der unter dem Titel Zweierlei Glück (2001) dieses Seminar ausführlich dokumentierte, hat damals Bert Hellinger zu einem veritablen Durchbruch verholfen und dem systemischen kollegialen Netz zu einem ebensolchen Konflikt.

19 Die Idee der Existenz eines intuitiven Gesamtwissens oder auch eines weisen Unbewussten, das kooperativ mitwirkt, spielt auch im hypnosystemischen Ansatz eine wichtige Rolle. Vergleiche Das Orchester der Sinne nutzen für erfolgreiche »Lösungssinfonien« – Hypnosystemische multisensorische Strategien für kraftvolle ganzheitliche Lösungen von Gunther Schmidt in Bohne et al. 2019.

20 Dieses Bild des Kurators des eigenen Selbst habe ich bei Andreas Reckwitz’ Analyse der Spätmoderne entdeckt.

21 Anfang Januar 2021, zur Zeit des Entstehens dieses Buches, wurde die Welt Zeuge unglaublicher Bilder: Gehörnte, pelzbehangene Menschen stürmten das Kapitol in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington D. C. Aufgeblähte Ermächtigung, genährt von Enttäuschung, Wut und Wahnkonstruktionen, die ihresgleichen suchen. Zugleich eskalierte in vielen Lockdown-Wohnungen häusliche Gewalt, Kindesmissbrauch und Suchtmittelmissbrauch.

22 Bei Konrad Peter Grossmann (2000, S. 162) habe ich dazu folgende schöne Formulierung gefunden: »… dass sich jenseits von Unheilbarkeit dennoch leben und lieben lässt«.

23 Verfügbar unter https://www.zist.de/de/veroeffentlichung/systemisches-denken-und-oekopsychologie [08.09.2020]. Eva Madelung ist Lehrtherapeutin in systemischer Aufstellungsarbeit, Autorin und Stifterin, bekannt auch durch die gemeinsam mit Barbara Inneken entwickelte Technik des Neuro-Imaginativen Gestaltens.

24 Besonders beachtenswert ist hier Joana Macy, die noch bis hohe Alter für ihre Arbeit der Wiederverbindung (The work that reconnects) aktiv ist und ihre buddhistische Schulung mit systemischer Theorie zu einem tiefenökologischen Umwelt-Engagement vereint. Als langjährig aktiven und auch publizierenden Netzwerker in Deutschland will ich hier gerne Geseko von Lüpke anführen. Er hat über die Visionssuche, das Lernen bei indigenen Traditionen und tiefenökologischen Pionieren ein tiefes Verständnis für diesen Zugang entwickelt und setzt sich als Journalist und Seminarleiter für einen ökologischen Bewusstseinswandel ein.

25 Es handelt sich um die beiden Titel Pfeifer 2019 und Petzold et. al. 2019. Wer sich für einen Einblick in diese Monumentalwerke interessiert, dem seien die Rezensionen von Dr. Bettina Grote empfohlen: Die Neuen Naturtherapien (Grote 2020) und Natur in Künstlerischer Therapie und Psychotherapie. Theoretische, methodische und praktische Grundlagen (Grote 2019).

26 In diesem Feld bin ich mit dem südamerikanischen Raum tiefer vertraut, so kann ich hier auf Ailton Krenak (2019) und Davi Kopenava (2010) verweisen. Aus dem Feld der Wissenschaft sind hier Donna Haraway, Bruno Latour, Eduardo Viveiros de Castro zu nennen. Aus meiner Perspektive hat auch das Werk von Hannah Arendt wertvolle Übersetzungsarbeit geleistet.

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